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Der Gebrauch von Sodium Amytal?

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Englisch: https://themichaeljacksonallegations.com/2016/12/26/the-use-of-sodium-amytal/

Mary A. Fischer schrieb 1994 in ihrem Artikel für die Oktoberausgabe des GQ Magazins, dass Jordan angeblich das umstrittene Mittel Sodium Amytal verabreicht wurde, als er am 16. Juli 1993 in der Praxis seines Vaters sediert wurde (Details siehe Wie kamen die Unterstellungen der Chandlers zum Vorschein). Studien haben gezeigt, dass Sodium Amytal die menschliche Psyche beeinflussbar machen kann. Fischer schrieb, dass Jordan durch die Verabreichung von Sodium Amytal falsche Erinnerungen implantiert worden sein könnten.

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Laut Anthony Pellicano senkte der Junge allerdings etwa zwei Wochen später, am 4. August 1993 (dem Tag, an dem die Chandlers ihre Forderung über 20 Millionen Dollar an Michael Jackson richteten (Details siehe Die finanziellen Forderungen der Chandlers), „den Kopf, sagt Pellicano und schaute dann mit einem überraschten Ausdruck zu Jackson auf, als wollte er sagen ,Das habe ich nicht gesagt.’“ [1]

2005 verwendet Jordans Onkel Ray Chandler diese Verteidigung gegen die Sodium Amytal Geschichte in einem Artikel, den er für seine jetzt vom Netz genommene Webseite (atgbook.net) geschrieben hat:

Ironischerweise ist die Person, die Fischers Medikamentenmärchen am besten widerlegt, niemand anderes als Anthony Pellicano. Im Dezember 1993 beschrieb Pellicano Jordies Verhalten bei dem Treffen im Westwood Marquis am 4. August wie folgt:

Der Vater fing an, das Schreiben des Psychiaters vorzulesen, welches die strafrechtlichen Gesetze anführte, die für Kindesmissbrauch gelten. „Jordie schaute nach unten,“ [sagte Pellicano] „hob seinen Kopf und blickte zu Michael, als wollte er sagen ,Das habe ich nicht gesagt.‘“

Laut Pellicano war Jordie nur zwei Wochen nach der angeblichen Gehirnwäsche überhaupt keiner Gehirnwäsche unterzogen! Er verhielt sich beschämt und schuldig wegen der Anschuldigungen, die sein Vater gemacht hatte.“[2]

Mit dieser Verteidigung gegen die Sodium Amytal Story bestätigt Chandler „ironischerweise“ die Glaubwürdigkeit von Pellicanos Schilderung. Wenn Chandler Pellicanos Schilderung als Verteidigung gegen die Sodium Amytal Behauptung vorbringt, bedeutet das logischerweise, dass er sie als korrekt bestätigt. Pellicanos Schilderung unterstützt die Theorie, dass Jordans Erinnerung nicht verändert war.

Jacksons Anwalt Thomas Mesereau sagte, er hatte für den Fall, dass Jordan im Prozess 2005 gegen Jackson ausgesagt hätte, Zeugen, die aussagen würden, dass Jordan ihnen unter vier Augen anvertraut hat, dass Jackson ihn niemals belästigt hat. Wenn das stimmt, bekräftigt das die Theorie, dass Jordans Erinnerung nicht verändert war.

Ray Chandler gibt sowohl in seinem Buch, als auch seinem Artikel zu, dass Jordan am 16. Juli für einen kleinen zahnmedizinischen Eingriff (Ziehen eines Milchzahnes) sediert wurde, aber er bestreitet, dass Sodium Amytal verwendet wurde. 2005 versucht Ray Chandler in seinem Artikel spekulativ, den Ursprung der Sodium Amytal Geschichte dem Jackson-Lager zuzuschreiben, aber Fischer führte ihre Quellen für die Story an – keiner davon gehörte dem Jackson-Lager an.

Eine ihrer Quellen war ein Bericht von „einem Journalisten bei KCBS-TV“. Von Ray Chandlers Artikel aus dem Jahr 2005 wissen wir, dass dieser Journalist Harvey Levin war (der mittlerweile als Gründer der Promi-Klatsch-Webseite TMZ bekannt ist). Fischer schrieb 1994:

Ein Journalist bei KCBS-TV in L.A. berichtete am 3. Mai diesen Jahres [1994], dass Chandler seinem Sohn das Mittel verabreicht hat, aber der Zahnarzt behauptete, er hätte das nur getan, um seinem Sohn einen Zahn zu ziehen und während er unter dem Einfluss des Mittels stand, machte der Junge die Vorwürfe. [1]

Wegen der Formulierung (der Zahnarzt behauptete und der Betonung darauf, dass es nur verabreicht wurde, um seinem Sohn einen Zahn zu ziehen), scheint die Quelle für Levins Information Evan Chandler selbst oder jemand von seiner Seite gewesen zu sein, aber Ray Chandler bestreitet das in seinem Artikel. Mary Fischer fragte Mark Torbiner, Evans Anästhesist, der Jordan angeblich sediert hat, und er antwortete etwas unklar: Wenn ich es verabreicht habe, war es aus zahnmedizinischen Gründen. [1] Ray Chandler bekommt 2005 von Torbiner auch kein klares Dementi. In den Fußnoten zu seinem Artikel schreibt er:

Fischer behauptete, dass sie mit Torbiner gesprochen hat und dass er ihr gesagt hat „Wenn ich es [das Mittel] verabreicht habe, war es aus zahnmedizinischen Zwecken.“ Dr. Torbiner reagierte nicht auf Anfragen, was er, wenn überhaupt, Fischer gesagt hat. Sein Anwalt gab an, dass Torbiner an die ärztliche Schweigepflicht gebunden ist und ohne schriftliche Einverständniserklärung seines Patienten den Fall nicht erörtern könne. [2]

Wir kennen Levins Quelle für diese Behauptung nicht, aber wir wissen, dass Fischers Quelle, Mark Torbiner, ein Mitglied des Chandler-Lagers war und nicht des Jackson-Lagers. Obwohl er nicht direkt angab, Jordan Sodium Amytal verabreicht zu haben, machte er diesbezüglich eine unklare Aussage.

Im Frühjahr 1994, als diese Story erstmals durch Harvey Levin erschien, gab es einen Kindesmissbrauchsprozess mit großer öffentlicher Anteilnahme in den amerikanischen Medien, bei dem Sodium Amytal eine Rolle spielte. In diesem Fall beschuldigte die 23 jährige Holly Ramona ihren Vater, sie als Kind vergewaltigt zu haben. Der Vater klagte allerdings seinerseits Hollys Therapeuten dafür, ihr mit Hypnose und der Verabreichung von Sodium Amytal falsche Erinnerungen eingepflanzt zu haben. In dem Prozess haben Beweise gezeigt, dass das Mittel unzuverlässig ist. [3]

Zu dieser Zeit arbeitete die Staatsanwaltschaft im Jackson-Fall immer noch daran, die Chandlers dazu zu bringen, in einem Strafprozess gegen den Entertainer auszusagen. Der Staatsanwalt aus Los Angeles, Gil Garcetti, sagte unmittelbar nach dem Chandler-Vergleich im Jänner 1994:

Das Ermittlungsverfahren gegen den Sänger Michael Jackson läuft weiter und wird nicht von der Bekanntgabe der Beilegung des Zivilverfahrens beeinträchtigt.“ … „Die Staatsanwaltschaft nimmt Mr. [Larry] Feldman [Anwalt der Chandlers] beim Wort, dass es dem mutmaßliche Opfer ermöglicht wird, auszusagen und dass es keine Vereinbarung in der zivilrechtlichen Angelegenheit gibt, die sich auf die Kooperation in der strafrechtlichen Ermittlung auswirkt. [4]

Die Behauptung, dass Jordan Sodium Amytal verabreicht wurde, wäre für die Chandlers ein guter Weg, seine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen und zu behaupten, seine Erinnerungen seien unzuverlässig, womit sie sich die strafrechtliche Verfolgung vom Hals schaffen könnten. Es muss berücksichtigt werden, dass die Chandlers bereits ihr Geld aus dem Vergleich erhalten hatten und nie in einem Strafgericht aussagen wollten [Details dazu sind in dem Artikel Das Chandler Settlement / Der Chandler Vergleich zu finden].

Ob Sodium Amytal verabreicht wurde oder nicht, ist für diesen Fall überhaupt nicht ausschlaggebend. Die Version der Chandlers, wie es zu den Vorwürfen Jordans kam [siehe Wie kamen die Unterstellungen der Chandlers zum Vorschein], ist für sich selbst genommen schon sehr problematisch, auch ohne Sodium Amytal ins Spiel zu bringen.

Quellen:

[1] Mary A. Fischer: Was Michael Jackson Framed? (GQ, October 1994)
Wurde Michael Jackson etwas angehängt?

[2] Raymond Chandler’s article on his now defunct website (Allthatglittersbook.com, Atgbook.com, Atgbook.net, January-February, 2005)
http://web.archive.org/web/20050208010747/atgbook.net/GQFinal.html

[3] Dennis Dutton: A Family Torn Asunder (July 20, 1997)
http://www.napanet.net/~moiraj/santafe.html

[4] Jackson Settles Abuse Suit but Insists He Is Innocent : Courts: Singer will reportedly pay $15 million to $24 million to teen-ager. Criminal investigation will proceed. (Los Angeles Times, January 26, 1994)
http://articles.latimes.com/1994-01-26/news/mn-15478_1_michael-jackson

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Wurde Michael Jackson etwas angehängt?

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Die unerzählte Geschichte, die einen Superstar zu Fall brachte
Mary A. Fisher
GQ, Oktober 1994

Online-Quelle: http://www.buttonmonkey.com/misc/maryfischer.html

Printausgabe: http://www.amazon.de/Was-Michael-Jackson-Framed-Superstar/dp/0786754133/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1449347767&sr=8-1&keywords=was+michael+jackson+framed

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Vor O.J. Simpson war es Michael Jackson – ein weiterer sehr beliebter schwarzer Star – der anscheinend durch Skandalbehauptungen über sein Privatleben zu Fall gebracht wurde. Jene Anschuldigungen, dass Jackson einen 13-jährigen Jungen belästigt haben soll, zettelten eine Multimillionen Dollar Klage, zwei Grand Jury Untersuchungen und einen schamlosen Medienzirkus an. Im Gegenzug verklagte Jackson einige seiner Ankläger wegen Erpressung. Schließlich wurde das Verfahren gegen Zahlung eines Betrages, der auf 20 Millionen Dollar geschätzt wurde, außergerichtlich beigelegt; es wurde weder durch die Polizei noch durch die Grand Jurys Anklage erhoben. Diesen August [1994] machte Jackson wieder Schlagzeilen, als Lisa Marie Presley, Elvis‘ Tochter, bekannt gab, dass sie und der Sänger geheiratet hatten.

Nachdem sich der Staub gelegt hat, den einer der schlimmsten Medienexzesse aufgewirbelt hatte, ist eines klar: Die amerikanische Öffentlichkeit hat nie eine Verteidigung für Michael Jackson gehört. Bis jetzt.

Es ist natürlich unmöglich, einen Negativbeweis zu erbringen – das heißt, zu beweisen, dass etwas nicht passiert ist. Aber es ist möglich, sich die Leute genauer anzusehen, die die Anschuldigungen gegen Jackson vorbrachten, und ihren Charakter sowie ihre Motive genauer unter die Lupe zu nehmen. Was bei einer solchen auf Gerichtsdokumenten, Geschäftsunterlagen und sehr vielen Interviews basierenden Untersuchung herauskommt, sind überzeugende Argumente dafür, dass Jackson niemanden belästigt hat und dass er selbst das Opfer eines ausgeklügelten Plans gewesen sein kann, um Geld von ihm zu erpressen.

Darüber hinaus ist die aus diesem bis dato unerforschten Gebiet aufkommende Geschichte völlig anders als das, was von der Klatschpresse und sogar von Mainstream Journalisten verbreitet wurde. Es ist eine Geschichte über Gier, Ehrgeiz, Irrtümer von Seiten der Polizei und der Staatsanwälte, über faule und sensationshungrige Medien und die Anwendung eines starken, hypnotischen Arzneimittels. Es mag auch eine Geschichte darüber sein, wie ein Fall einfach erfunden wurde.

Weder Michael Jackson noch seine gegenwärtigen Verteidigungsanwälte wollten für diesen Artikel Auskunft geben. Hätten sie sich dazu entschlossen, sich gegen die zivilrechtlichen Vorwürfe zu wehren und vor ein Strafgericht zu gehen, hätte das Folgende das Kernstück von Jacksons Verteidigung sein können – sowie die Basis für spätere Erpressungsklagen gegen seine eigenen Ankläger, was den Sänger gänzlich hätte entlasten können.

Jacksons Ärger begann, als sein Van im Mai 1992 auf dem Wilshire Boulevard in Los Angeles eine Panne hatte. Inmitten der vielbefahrenen Straße gestrandet, wurde Jackson von der Ehefrau von Mel Green entdeckt, einem Angestellter bei Rent-a-Wreck, einer unkonventionellen Autovermietung, eine Meile entfernt. Green kam ihm zu Hilfe. Als Dave Schwartz, der Besitzer der Autovermietung, hörte, dass Green Jackson mitbrachte, rief er seine Frau June an und sagte ihr, sie solle mit ihrer 6-jährigen Tochter und ihrem Sohn aus erster Ehe vorbeikommen. Der Junge, damals 12 Jahre alt, war ein großer Jackson Fan. Bei seiner Ankunft erzählte June Chandler Schwartz Jackson, dass ihr Sohn ihm eine Zeichnung zugeschickt hatte, nachdem das Haar des Sängers während der Dreharbeiten zu einem Pepsi-Werbespot Feuer gefangen hatte. Dann gab sie Jackson ihre private Telefonnummer.

„Es war fast so, als ob sie ihm [den Jungen] aufzwingen wollte”, erinnert sich Green. „Ich glaube, Jackson dachte, er schulde dem Jungen irgendetwas, und so fing alles an.”

Bestimmte Fakten über das Verhältnis sind unstrittig. Jackson begann, den Jungen anzurufen, und es entwickelte sich eine Freundschaft. Nachdem Jackson drei Monate später von einer Werbetour zurückkehrte, wurden June Chandler Schwartz und ihre Kinder häufige Gäste auf Neverland, Jacksons Ranch im Bezirk Santa Barbara. Während des folgenden Jahres überhäufte Jackson den Jungen und seine Familie mit Aufmerksamkeit und Geschenken, einschließlich Videospielen, Uhren, Einkaufsbummel bei Toys “R“ Us nach Geschäftsschluss und Reisen rund um die Welt – von Las Vegas und Disney Word bis nach Monaco und Paris.

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Jordie Chandler im Alter von 13 Jahren

Bis März 1993 waren Jackson und der Junge häufig zusammen und die Übernachtungen begannen. June Chandler Schwartz war Jackson auch nahe gekommen „und mochte ihn ganz enorm”, sagt ein Freund. „Er war der netteste Mann, den sie je kennen gelernt hatte.”

Über Jacksons persönliche Macken – von seinen Schönheitsoperationen bis hin zu seiner Vorliebe für die Gesellschaft von Kindern – wurde schon viel berichtet. Und obwohl es für einen 35-jährigen Mann vielleicht ungewöhnlich ist, bei einem 13-jährigen Kind zu übernachten, fanden es weder die Mutter des Jungen noch andere Jackson nahe stehende Personen merkwürdig. Jacksons Verhalten ist besser zu verstehen, wenn man es in Zusammenhang mit seiner eigenen Kindheit betrachtet.

„Im Gegensatz zu dem, was man vielleicht glaubt, war Michaels Leben kein Zuckerschlecken”, sagt einer seiner Anwälte. Jacksons Kindheit endete im Wesentlichen – und sein ungewöhnliches Leben begann – als er 5 Jahre alt war und in Gary/Indiana lebte. Michael verbrachte seine Jugend in Aufnahmestudios und auf Bühnen, wo er vor Millionen von Fremden auftrat, und er schlief in einer endlosen Reihe von Hotelzimmern. Mit Ausnahme seiner acht Brüder und Schwestern war Jackson nur von Erwachsenen umgeben, die ihn unerbittlich antrieben, besonders sein Vater, Joe Jackson – ein strenger, liebloser Mann, der Berichten zufolge seine Kinder schlug.

Peach Tree Hotel

Sommer 1981. Präsidentensuite, Peach Tree Hotel, Atlanta, Ga. Michael nimmt sich einen Moment Zeit, um nach einem Benefizkonzert für vermisste und getötete Kinder aus Atlanta nachzudenken.

Jacksons frühe Erfahrungen schlugen sich in einer Art verzögerten Entwicklung nieder, meinen viele, und er wurde zu einem Kind im Körper eines Mannes. „Er hatte keine Kindheit”, sagt Bert Fields, ein früherer Anwalt Jacksons. „Die hat er jetzt. Seine Kumpel sind 12-jährige Kinder. Sie machen Kissen- und Essensschlachten.” Jacksons Interesse an Kindern führte auch zu humanitären Bestrebungen. Im Verlauf der Jahre hat er Millionen zu Gunsten von Kindern gegeben, seine eigene „Heal the World”-Stiftung eingeschlossen.

Aber es gibt auch einen anderen Kontext – einen, der mit unserer Zeit zu tun hat – wie die meisten Jacksons Verhalten bewerten würden. „Bei der derzeitigen Verwirrung und Hysterie über Kindesmissbrauch”, sagt Dr. Phillip Resnick, ein renommierter Psychiater aus Cleveland, „kann jeder physische oder umhegende Kontakt zu Kindern verdächtig gesehen werden und der Erwachsene kann sehr leicht sexuellen Fehlverhaltens beschuldigt werden”.

Evan Chandler

Evan Chandler

Hohe Erwartungen

Jacksons Verbindung mit dem Jungen wurde von den Erwachsenen im Leben des Jungen zunächst sehr begrüßt – von seiner Mutter, seinem Stiefvater und sogar seinem leiblichen Vater, Evan Chandler (der sich ebenfalls weigerte, sich für diesen Artikel interviewen zu lassen). 1944 in der Bronx als Evan Robert Charmatz geboren, trat er nur ungern in die Fußstapfen seines Vaters und seiner Brüder und wurde Zahnarzt. „Er hasste es, Zahnarzt zu sein”, sagt ein Freund der Familie. „Er wollte immer gern Schriftsteller sein.” Nachdem er 1973 nach West Palm Beach gezogen war, um dort als Zahnarzt zu praktizieren, änderte er seinen Nachnamen, weil er fand, dass Charmatz „zu jüdisch klang”, sagt ein früherer Kollege. In der Hoffnung, Drehbuchautor zu werden, zog er in den späten Siebziger Jahren mit seiner Frau June Wong, einer attraktiven Eurasierin, die kurze Zeit als Model arbeitete, nach Los Angeles.

Chandlers zahnärztliche Karriere hatte seine prekären Momente. Im Dezember 1978, als er im Crenshaw Family Dental Center arbeitete, einer Klinik in einem ärmeren Viertel von Los Angeles, sanierte er sechzehn Zähne eines Patienten während einer einzigen Sitzung. Eine Untersuchung durch einen zahnärztlichen Untersuchungsausschuss kam zu dem Schluss, dass seine Arbeit „große Unwissenheit und/oder Unfähigkeit”” offenbarte. Der Ausschuss entzog ihm seine Lizenz; allerdings wurde diese Entscheidung rückgängig gemacht und er wurde stattdessen für neunzig Tage suspendiert und erhielt eine Bewährungsfrist von zweieinhalbe Jahren. Völlig am Boden zerstört verließ Chandler die Stadt und zog nach New York. Er schrieb ein Drehbuch, konnte es aber nicht verkaufen.

Monate später kehrte Chandler zusammen mit seiner Frau nach L.A. zurück und übernahm eine Reihe zahnärztlicher Jobs. 1980, als ihr Sohn geboren wurde, geriet die Ehe des Paares in Schwierigkeiten. „Einer der Gründe, warum June Evan verlassen hat, waren seine Launen”, sagt ein Freund der Familie. 1985 wurden sie geschieden. Das Gericht übertrug der Mutter das alleinige Sorgerecht und ordnete Chandler monatliche Unterhaltszahlungen in Höhe von 500 Dollar an, aber eine Durchsicht der Akten zeigt, dass Chandler seiner Ex-Frau im Jahre 1993 – als der Jackson-Skandal bekannt wurde – 68.000 Dollar schuldete – einen Rückstand, auf den sie letztlich verzichtete.

Ein Jahr bevor Jackson in das Leben seines Sohnes trat, hatte Chandler zum zweiten Mal ein ernstes berufliches Problem. Eine seiner Patientinnen, ein Model, verklagte ihn wegen zahnärztlicher Fahrlässigkeit, nachdem er einige ihrer Zähne saniert hatte. Chandler behauptete, dass die Frau eine Einverständniserklärung unterschrieben hatte, mit der sie die Risiken zur Kenntnis nahm. Aber als ihr Anwalt Edwin Zinman die Originalakte sehen wollte, erklärte Chandler, sie sei ihm aus dem Kofferraum seines Jaguars gestohlen worden. Er legte Kopien vor. Zinman, der nun argwöhnisch wurde, konnte die Echtheit dieser Akten nicht bestätigen. „Was für ein außergewöhnlicher Zufall, dass sie gestohlen wurden”, sagt Zinman heute. „Das ist wie ‚Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen‘”. Der Fall wurde gegen eine nicht genante Summe außergerichtlich beigelegt.

Trotz solcher Rückschläge hatte Chandler inzwischen eine erfolgreiche Praxis in Beverly Hills. Und er hatte 1992 seinen Durchbruch in Hollywood, als der bei Mel Brooks’ „Robin Hood: Männer in Strumpfhosen” Co-Autor war. Bis Michael Jackson in das Leben seines Sohnes trat, hatte Chandler nicht viel Interesse an dem Jungen gezeigt. „Er versprach, ihm einen Computer zu kaufen, damit sie zusammen Drehbücher schreiben könnten, aber er tat es nie”, sagt Michael Freeman, ein früherer Anwalt von June Chandler Schwartz. Chandlers Zahnpraxis hielt ihn auf Trapp und er hatte eine neue Familie gegründet mit zwei kleinen Kindern von seiner zweiten Frau, einer Wirtschaftsanwältin.

Zunächst hieß Chandler die Verbindung seines Sohnes zu Michael Jackson willkommen und bestärkte ihn darin, gab bei Freunden und Kollegen damit an. Als Jackson und der Junge im Mai 1993 bei ihm waren, drängte Chandler den Entertainer, mehr Zeit mit seinem Sohn in seinem Haus zu verbringen. Quellen zufolge schlug Chandler sogar einen Anbau an sein Haus vor, damit der Sänger dort leben konnte. Nach erfolglosen Gesprächen mit dem Bauamt machte Chandler einen anderen Vorschlag: Jackson sollte ihm eben ein neues Haus bauen.

Im gleichen Monat flogen der Junge, seine Mutter und Jackson nach Monaco zu den World Music Awards. „Evan fing an, eifersüchtig zu werden und fühlte sich ausgeschlossen”, sagt Freeman. Nach ihrer Rückkehr waren Jackson und der Junge wieder bei Chandler, was ihn sehr freute – ein fünftägiger Besuch, während dem sie in einem Zimmer mit dem Halbbruder des Jugendlichen schliefen. Obwohl Chandler einräumte, dass Jackson und der Junge immer bekleidet waren, wenn er sie zusammen im Bett sah, behauptete er, dass der Verdacht sexuellen Fehlverhaltens zu jener Zeit aufkam. Zu keiner Zeit behauptete Chandler, Zeuge irgendwelcher sexueller Fehlverhalten von Jacksons Seite geworden zu sein.

Das heimliche Telefongespräch

Chandler wurde zunehmend launisch und sprach Drohungen aus, die Jackson, Dave Schwartz und June Chandler Schwartz befremdeten. Anfang Juli 1993 schnitt Dave Schwartz, der gut mit Chandler auskam, heimlich ein längeres Telefongespräch mit Chandler mit. Während dieser Unterhaltung sprach Chandler von seiner Sorge um seinen Sohn und seiner Wut auf Jackson und seine Ex-Frau, die er als „kalt und herzlos” beschrieb. Als Chandler versuchte, „ihre Aufmerksamkeit zu bekommen”, um seinen Verdacht gegen Jackson zu besprechen, so erzählt er auf dem Band, sagte sie zu ihm „Fick dich selbst!”

„Ich verstand mich gut mit Michael”, sagte Chandler zu Schwartz. „Wir waren Freunde. Ich mochte und respektierte ihn so wie er ist. Es gab keinen Grund, mich nicht mehr anzurufen. Eines Tages unterhielt ich mich mit Michael und sagte ihm ganz genau, was ich von dieser Beziehung erwartete. Was ICH wollte.”

Chandler gab Schwartz gegenüber zu, dass er „gecoacht wurde”, was er sagen sollte und was nicht. Chandler erwähnte während dieser Unterhaltung nie etwas von Geld. Als Schwartz ihn fragte, was Jackson getan hat, um ihn so wütend zu machen, behaupte Chandler nur, dass „er die Familie auseinander gebracht hat. [Der Junge] ist durch die Macht und das Geld dieses Kerls verführt worden. Beide Männer beschimpften sich wiederholt als schlechte Väter für den Jungen.

An anderer Stelle auf dem Band deutete Chandler an, dass er vorbereitet war, etwas gegen Jackson zu unternehmen. „Es ist alles bereit”, erzählte Chandler Schwartz. „Es sind noch andere Leute in gewissen Positionen involviert, die nur auf meinen Anruf warten. Ich habe sie dafür bezahlt. Alles läuft nach einem bestimmten Plan ab, der nicht nur von mir stammt. Wenn ich diesen Anruf tätige, wird dieser Kerl [vermutlich sein Anwalt Barry K. Rothman] jeden in Sichtweite auf jede nur erdenkliche hinterhältige, böse und grausame Weise zerstören. Und ich habe ihm die volle Befugnis dazu gegeben.”

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Dave Schwartz

Chandler sagte dann vorher, was tatsächlich sechs Wochen später geschah: „Wenn ich damit fertig bin, bin ich der große Gewinner. Ich kann gar nicht verlieren. Ich hab das von allen Seiten geprüft. Ich werde alles bekommen, was ich will, und sie werden für immer zerstört sein. June wird [das Sorgerecht für den Sohn] verlieren… Und Michaels Karriere wird vorbei sein.”

„Hilft das [dem Jungen]?”, fragte Schwartz.

„Das ist mir egal”, antwortete Chandler. “Das hier ist größer, als wir alle zusammen. Die ganze Sache wird auf alle niederbrechen und jeden in Sichtweite zerstören. Es wird ein Massaker geben, wenn ich nicht bekomme, was ich will.”

Anstatt zur Polizei zu gehen, die wohl angemessenste Reaktion auf den Verdacht der sexuellen Belästigung, hatte sich Chandler an einen Anwalt gewandt. Und nicht irgendeinen Anwalt. Er wandte sich an Barry Rothman.

Die Geheimnisse eines Anwaltes

„Dieser Anwalt ist der gemeinste Hurensohn, den ich finden konnte”, sagte Chandler in dem aufgezeichneten Telefonat mit Schwartz. „Alles was er will, ist mit dieser Sache an die Öffentlichkeit zu gehen; so schnell und groß wie möglich, und dabei so viele Leute zu demütigen, wie er nur kann. Er ist bösartig, er ist gemein, er ist sehr schlau, und er ist scharf auf Publicity.” (Durch seinen Anwalt Wylie Aitken lehnte Rothman es ab, für diesen Artikel interviewt zu werden. Aitken stimmte zu, allgemeine Fragen über den Jackson-Fall zu beantworten, die nichts mit Chandler oder dem Jungen zu tun hatten.)

Wenn man Rothman kennt, sagt eine frühere Mitarbeiterin, die während des Jackson-Falles mit ihm zusammenarbeitete und Tagebuch darüber führte, was Rothman und Chandler im Büro gesagt und getan haben, muss man glauben, dass Barry „sich den ganzen Plan ausgedacht hat. Punkt. Charakterlich ist ihm so etwas [Michael Jackson zu beschuldigen] durchaus zuzutrauen.” Informationen von Rothmans früheren Mandanten, Kollegen und Angestellten zeigen auf, dass Manipulationen und Betrug zu seinem Verhaltensmustern gehören.

Rothman hat eine Anwaltspraxis in Century City. Früher handelte er Musik- und Konzertverträge für Little Richard, die Rolling Stones, The Who, ELO und Ozzy Osbourne aus. Gold- und Platinschallplatten aus jener Zeit hängen immer noch in seinem Büro. Mit seinem gräulich-weißen Bart und seinem stets gebräuntem Teint – den er in einer Sonnenbank bei sich zu Hause aufrechterhält – erinnert Rothman einen früheren Klienten an „einen Kobold“. Für eine frühere Angestellte ist Rothman ein „Dämon“ mit „einem schrecklichen Temperament“. Am meisten hing er an seinem 1977er Rolls Royce Corniche, dessen Nummernschild „BKR 1″ lautete. [Die Abkürzung BKR steht unter anderem für „BanKRuptcy“ – „Konkurs/Bankrott“ (http://www.abbreviations.com/BKR); Anm.d.Übers.]

Im Laufe der Jahre hat Rothman sich so viele Feinde gemacht, dass seine Ex-Frau ihrem Anwalt gegenüber einmal äußerte, sie sei überrascht, dass ihn noch niemand „erledigt hat”. Er steht in dem Ruf, knallhart zu sein. „Er scheint ein professioneller Schnorrer zu sein… Er bezahlt fast niemanden”, folgerte der Ermittler Ed Marcus (in einem Bericht, der als Teil eines Verfahrens gegen Rothman beim Kreisgerichts in Los Angeles eingereicht wurde), nach Durchsicht des Bonitätsprofils des Anwaltes, das mehr als dreißig Gläubiger auflistete, die hinter ihm her waren. Außerdem waren mehr als zwanzig Zivilverfahren anhängig und viele Beschwerden waren an die Labor Commission gerichtet worden, sowie Disziplinarverfahren wegen drei Vorfällen, die von einem kalifornisches Gericht gegen ihn vorgebracht wurden. 1992 wurde er für ein Jahr suspendiert, allerdings wurde diese Suspendierung aufgehoben und stattdessen in eine Bewährungsstrafe für diesen Zeitraum umgewandelt.

1987 war Rothman mit 16.800 Dollar Alimentations- und Unterhaltszahlungen im Rückstand. Durch ihren Anwalt drohte seine Ex-Frau mit Pfändung, aber er stimmte zu, seine Schulden zu begleichen. Als Rothman ein Jahr später immer noch keine Zahlung geleistet hatte, versuchte Wards Anwalt, sein teures Haus in Sherman Oaks zu beleihen. Zu ihrer Überraschung erklärte Rothman, dass ihm das Haus nicht mehr gehörte; drei Jahre zuvor hatte er das Anwesen an Tinoa Operations Inc. übertragen, eine panamesische Scheinfirma. Laut Wards Anwalt behauptete Rothman, dass er 200.000 Dollar von Tinoas Geld in seinem Haus hatte, als er eines Nachts ausgeraubt wurde. Die einzige Möglichkeit der Wiedergutmachung war, Tinoa sein Haus zu überschreiben, erzählte er. Ward und ihr Anwalt vermuteten, dass das ganze Szenario eine Finte war, aber sie konnten es nie beweisen. Erst nachdem die Polizei seinen Rolls Royce beschlagnahmte, begann er, seine Schulden zu bezahlen.

Akten vom Kreisgericht Los Angeles scheinen den Verdacht von Ward und ihrem Anwalt zu bestätigen. Sie belegen, dass Rothman 1989 ein ausgeklügeltes Netz aus ausländischen Bankkonten und Scheinfirmen geschaffen hatte, offensichtlich um Teile seines Besitzes zu verheimlichen – insbesondere sein Haus und einen Großteil der 531.000 Dollar aus seinem Verkauf. Die Gesellschaften, zu denen auch Tinoa gehörte, können bis zu Rothman zurückverfolgt werden. Er kaufte eine panamesische Scheinfirma (eine zwar existierende, aber nicht arbeitende Firma) und arrangierte es so, dass sein Name zwar nicht als Geschäftsführer erschien, er aber trotzdem absolute Vollmacht hatte, Geld hin und her zu schieben.

Rothmans Angestellten ging es nicht viel besser als seiner Exfrau. Frühere Angestellte sagen, dass sie manchmal um ihren Gehaltsscheck betteln mussten. Und manchmal waren diese Schecks nicht gedeckt. Er konnte keine Sekretärinnen halten. „Er demütigte und erniedrigte sie”, sagt eine von ihnen. Zeitarbeitskräfte traf es am Schlimmsten. „Er ließ sie zwei Wochen arbeiten”, fügt die Anwaltssekretärin hinzu, „dann vergraulte er sie, indem er sie anschrie und behauptete, sie seien dumm. Dann erzählte er der Agentur, dass er mit der Arbeit unzufrieden sei und nicht zahlen würde.” Manche Agenturen lernten daraus und verlangten Vorauszahlungen von Rothman, bevor sie mit ihm Geschäfte machten.

Die Disziplinarstrafe von 1992 resultierte aus einem Interessenkonflikt. Ein Jahr davor wurde Rothman von einer Mandantin, Muriel Metcawl, die er in einem Sorgerechtsfall und wegen Unterhaltszahlungen vertrat, entlassen. Später beschuldigte Metcalf ihn wegen überzogener Rechnungsforderungen. Vier Monate, nachdem Metcalf ihn gefeuert hatte, begann er, die Firma ihres ehemaligen Lebensgefährten Bob Brutzman zu vertreten, ohne sie darüber in Kenntnis zu setzen.

Dieser Fall ist noch aus einem anderen Grund aufschlussreich: Er zeigt, dass Rothman schon vor dem Jackson-Skandal einige Erfahrung im Umgang mit Kindesmissbrauchs Behauptungen hatte. Metcalf hatte, während Rothman sie noch vertrat, Brutzman beschuldigt, ihr gemeinsames Kind sexuell belästigt zu haben (was Brutzman bestritt). Rothmans Kenntnis über Metscalfs Vorwürfe hielt ihn nicht davon ab, für Brutzmans Firma zu arbeiten – ein Schritt, für den er eine Disziplinarstrafe erhielt.

1992 lief Rothman vor zahlreichen Gläubigern davon. Folb Management, eine Immobiliengesellschaft, war einer von ihnen. Rothman schuldete der Firma 53.000 Dollar an Mieten plus Zinsen für ein Büro am Sunset Boulevard. Folb klagte. Rothman klagte dagegen, indem er behauptete, dass der Sicherheitsdienst des Gebäudes so schlecht war, dass Einbrecher eines Nachts Gerätschaften im Wert von mehr als 6.900 Dollar stehlen konnten. Im Laufe der Verhandlung erklärte Folbs Anwalt dem Gericht: „Mr. Rothman ist nicht die Sorte von Mensch, die man beim Wort nehmen kann.”

Im November 1992 meldete Rothmans Anwaltsfirma Konkurs an und listete dreizehn Gläubiger auf – einschließlich Folb Management – mit einer Gesamtschuld von 880.000 Dollar, ohne bestätigten Vermögenswerten. Nach Durchsicht der Papiere stellte ein Ex-Klient, den Rothman auf 400.000 Dollar Anwaltskosten verklagte, fest, dass Rothman Vermögen im Wert von 133.000 Dollar nicht aufgelistet hatte. Dieser frühere Mandant drohte Rothman, ihn wegen „Betrugs an seinen Gläubigern” anzuzeigen – eine Straftat – wenn er die Klage gegen ihn nicht fallen lassen würde. In die Ecke getrieben, hatte Rothman die Klage innerhalb von Stunden zurückgezogen.

Sechs Monate bevor er Konkurs anmeldete, hatte Rothman seinen Rolls Royce an Majo, eine fiktive Firma, die er kontrollierte, überschrieben. Drei Jahre davor hatte er eine andere Firma – Longridge Estates, eine Tochterfirma von Tinoa Operations, als Besitzer des Autos angegeben – die gleiche Firma, der die Besitzurkunde für sein Haus gehörte. Auf Unternehmensverträgen, die Rothman aufgesetzt hatte, waren die Adressen von Longridge und Tinoa identisch – 1554 Cahuenga Boulevard – eine Adresse, die sich als die eines China Restaurants in Hollywood entpuppte.

Und mit diesem Mann begann Evan Chandler im Juni 1993 einen „gewissen Plan” auszuarbeiten, von dem er in dem Telefongespräch mit Dave Schwartz sprach. Während einer Abschlussfeier in jenem Monat konfrontierte er seine Ex-Frau June mit seinem Verdacht. „Sie fand die ganze Sache albern”, sagt ihr früherer Anwalt, Michael Freeman. Sie erzählte Chandler, dass sie vorhatte, ihren Sohn im Herbst aus der Schule zu nehmen, damit sie Jackson auf seiner „Dangerous”-Tournee begleiten konnten. Chandler wurde wütend und, so sagen mehrere Zeugen, drohte, mit den Beweisen, die er angeblich gegen Jackson hatte, an die Öffentlichkeit zu gehen. „Welcher Elternteil, der noch bei Sinnen ist, würde wollen, dass sein Kind so ins Scheinwerferlicht gezerrt wird”, frage Freeman. „Wenn so etwas wirklich geschieht, will man sein Kind doch schützen.”

Pellicano Fields

Privatdetektiv Anthony Pellicano und Anwalt Bert Fields

Jackson bat seinen damaligen Anwalt Bert Fields, zu intervenieren. Als einer der bekanntesten Anwälte in der Unterhaltungsindustrie hatte Fields Jackson seit 1990 vertreten, und hatte für ihn den größten Musikdeal der Geschichte mit Sony ausgehandelt – mit denkbaren 700 Millionen Dollar Einnahmen. Fields brachte den Privatdetektiv Anthony Pellicano mit an Bord, um die Karre aus dem Dreck zu ziehen. Pellicano erledigt die Dinge auf sizilianische Weise, indem er unglaublich loyal ist zu Leuten, die er mag, und rücksichtslos gegenüber seinen Feinden.

Am 9. Juli 1993 spielten Dave Schwartz und June Chandler Schwartz Pellicano das mitgeschnittene Gespräch vor. „Ich hörte 10 Minuten von dem Band und wusste, dass es hier um Erpressung ging”, sagt Pellicano. Am gleichen Tag fuhr er zu Jacksons Wohnung in Century City, wo Chandlers Sohn und dessen Halbschwester zu Besuch waren. In Jacksons Abwesenheit hatte Pellicano „Augenkontakt” zu dem Jungen und fragte ihn „sehr gezielte Fragen”. „Hat Michael dich jemals berührt? Hast du ihn jemals nackt im Bett gesehen?” Die Antwort auf all diese Fragen war nein. Der Junge verneinte wiederholt, dass etwas Schlimmes geschehen war. Am 11. Juli, nachdem Jackson sich geweigert hatte, sich mit Chandler zu treffen, gingen der Vater und Rothman zum nächsten Teil des Plans über – sie brauchten das Sorgerecht für den Jungen. Chandler bat seine Frau darum, dass der Junge ihn „eine Woche lang besuchen“ durfte. Wie Bert Fields später unter Eid erklärte, erlaubte June Chandler Schwartz dem Jungen auf Grund von Rothmans Zusicherung an Fields, dass ihr Sohn nach der angegebenen Zeit zurückkehren würde, zu gehen – ahnungslos, dass Rothmans Wort wertlos war und dass Chandler ihren Sohn nicht zurückbringen würde.

Rothmans Anwalt Wylie Aitken behauptet, dass „es zu der Zeit, als [Rothman] sein Wort gegeben hat, seine Absicht gewesen sei, den Jungen zurückzubringen”. Aber als „er hörte, dass der Junge außer Landes gebracht werden sollte, [damit er mit Jackson auf Tour gehen könnte], hatte Mr. Rothman wohl keine andere Wahl”. Aber die Chronologie zeigt deutlich, dass Chandler bereits im Juni – während der Abschlussfeier – gehört hatte, dass die Mutter vorhatte, ihren Sohn mit auf Tour zu nehmen. Der Mitschnitt des Telefongespräches von Anfang Juli – bevor Chandler das Sorgerecht für seinen Sohn übernahm – scheint auch zu belegen, dass Chandler und Rothman nicht vorhatten, die Besuchsvereinbarung einzuhalten. „Sie [der Junge und seine Mutter] wissen es noch nicht”, erklärte Chandler Schwartz, „aber sie gehen nirgendwo hin.”

Am 12. Juli, einen Tag nachdem Chandler die Kontrolle über seinen Sohn übernommen hatte, ließ er seine Ex-Frau ein von Rothman vorbereitetes Dokument unterschreiben, das sie daran hinderte, den Jugendlichen aus dem Los Angeles County zu bringen. Dies bedeutete, dass es dem Jungen unmöglich sein würde, Jackson auf Tour zu begleiten. Die Mutter erzählte vor Gericht, dass sie dieses Dokument unter Zwang unterschrieben hatte. Chandler, so hieß es in ihrer eidesstattlichen Erklärung, hatte ihr damit gedroht, dass „ich den Jungen nicht wiederbekommen würde”. Ein erbitterter Sorgerechtsstreit begann, der die Vorwürfe wegen Jacksons angeblichem Fehlverhalten noch schlimmer machte. (Heute, im August [1994], lebt der Junge immer noch bei Chandler). Innerhalb der ersten paar Wochen, nachdem Chandler die Kontrolle über seinen Sohn hatte – der Junge war nun getrennt von seinen Freunden, seiner Mutter und seinem Stiefvater – nahmen die Anschuldigungen des Jungen Form an.

Zur gleichen Zeit rief Rothman Dr. Mathis Abrams, einen Psychiater aus Beverly Hills, an, weil er die Meinung eines Experten hören wollte, der helfen sollte, die Anschuldigungen gegen Jackson aufzubauen. Am Telefon präsentierte Rothman Abrams eine hypothetische Situation. Als Antwort darauf, und ohne Chandler oder seinen Sohn jemals getroffen zu haben, schickte Abrams Rothman am 15. Juli einen zweiseitigen Brief, in dem er darlegte, dass „begründeter Verdacht bestehen würde, dass sexueller Missbrauch stattgefunden haben könnte”. Er erklärte außerdem, dass er die Angelegenheit laut Gesetz dem Los Angeles County Department of Children’s Services (DCS) [Jugendamt] melden müsse, wenn dies ein tatsächlicher und kein hypothetischer Fall wäre.

Laut einem Tagebucheintrag vom 27. Juli einer früheren Mitarbeiterin Rothmans ist es offensichtlich, dass Rothman Chandler zu diesem Plan hinführte. „Rothman schrieb einen Brief an Chandler mit der Anweisung, wie Kindesmissbrauch ohne Haftbarkeit der Eltern zu melden ist”, lautet der Tagebucheintrag.

Zu diesem Zeitpunkt gab es immer noch keine Forderungen oder formelle Anklagen, nur versteckte Vorwürfe, die mit einem heftigen Sorgerechtsstreit verflochen waren. Am 4. August 1993 wurde es allerdings sehr deutlich. Chandler und sein Sohn trafen sich mit Jackson und Pellicano in einer Suite im Westwood Marquis Hotel. Beim Zusammentreffen, sagt Pellicano, umarmte Chandler den Sänger herzlich (eine Geste, wie manche sagen, die den Verdacht des Zahnarztes widerlegt, sein Sohn sei belästigt worden), griff dann in seine Tasche, zog Abrams Brief heraus und begann, Passagen daraus vorzulesen. Als Chandler zu dem Teil über den Kindesmissbrauch kam, senkte der Junge laut Pellicano seinen Kopf und sah dann Jackson mit einem überraschten Gesichtsausdruck an, als wollte er sagen: „Das habe ich nicht gesagt.“ Als das Treffen abgebrochen wurde, zeigte Chandler laut Pellicano mit dem Finger auf Jackson und warnte: „Ich werde dich ruinieren.“

Während eines Treffens mit Pellicano, das später am Abend in Rothmans Büro stattfand, stellten Chandler und Rothman ihre Forderung – 20 Millionen Dollar.

Am 13. August fand ein weiteres Treffen in Rothmans Büro statt. Pellicano kam mit einem Gegenangebot – einem Drehbuchvertrag über 350.000 Dollar. Pellicano sagt, er machte dieses Angebot, um den Sorgerechtsstreit beizulegen und Chandler die Möglichkeit zu geben, mehr Zeit mit seinem Sohn zu verbringen, wenn sie gemeinsam an einem Drehbuch arbeiten. Chandler lehnte das Angebot ab. Rothman machte eine Gegenforderung – entweder ein Vertrag über drei Drehbücher oder gar nichts – was abgelehnt wurde. In dem Tagebuch, das Rothmans ehemalige Mitarbeiterin geführt hatte, zeigt ein Eintrag vom 24. August Chandlers Enttäuschung: „Fast hätte ich ein 20 Millionen-Dollar-Geschäft gehabt”, hörte man ihn zu Rothman sagen.

Ein Tag beim Zahnarzt

Bevor Chandler die Kontrolle über seinen Sohn hatte, war der einzige, der Anschuldigungen gegen Jackson erhob, Chandler selbst – der Junge hatte dem Sänger niemals irgendein Fehlverhalten vorgeworfen. Das änderte sich eines Tages in Chandlers Zahnarztpraxis in Beverly Hills.

In Gegenwart von Chandler und Mark Torbiner, einem Dental-Anästhesisten, wurde dem Jungen das umstrittene Mittel Sodium Amytal verabreicht, das manche fälschlicherweise für ein Wahrheits-Serum halten. Und es war nach dieser Sitzung, dass der Junge Jackson zum ersten Mal beschuldigte. Ein Reporter von KCBS-TV in L.A. berichtete am 3. Mai diesen Jahres [1994], dass Chandler dieses Mittel bei seinem Sohn angewendet hatte, aber der Zahnarzt behauptete, dies sei nur geschehen, um ihm einen Zahn zu ziehen, und dass der Junge die Anschuldigungen unter Einfluss des Mittels vorbrachte. Als Torbiner für diesen Artikel über die Verabreichung des Mittels an den Jungen befragt wurde, antwortete er: „Wenn ich es verwendet habe, dann nur für zahnärztliche Zwecke”.

Unter Berücksichtigung dessen, was über Sodium Amytal bekannt ist und eines als Meilenstein geltenden Falles, in den dieses Mittel involviert ist, müssen die Anschuldigungen des Jungen – wie einige medizinische Experten sagen – als unzuverlässig, wenn nicht höchst fragwürdig betrachtet werden.

„Das ist ein psychiatrisches Medikament, auf das man nicht vertrauen kann, wenn man Fakten will“, sagt Dr. Resnick, Psychiater aus Cleveland. „Patienten sind unter dem Einfluss dieses Mittels sehr beeinflussbar. Sie sagen unter Sodium Anytal Dinge, die offenkundig falsch sind.” Sodium Amytal ist ein Barbiturat, ein invasives Mittel, das die Patienten in eine Art Hypnose versetzt, wenn es intravenös injiziert wird. Es wurde ursprünglich zur Behandlung von Gedächtnisschwund bei Soldaten im 2. Weltkrieg eingesetzt, die durch das Entsetzen des Krieges traumatisiert waren – manche bis in katatonische Zustände. Wissenschaftliche Studien von 1952 entlarvten das Mittel als Wahrheitsserum und zeigten seine Risiken auf: Falsche Erinnerungen können unter Einfluss dieses Mittels leicht eingepflanzt werden. „Es ist sehr gut möglich, einen Gedanken allein durch die Fragestellung einzupflanzen”, sagt Resnick. Aber die Wirkung ist offenbar sogar noch heimtückischer: „Der Gedanke kann zur Erinnerung werden, und Studien haben gezeigt, dass sie auf einen Stapel Bibeln schwören werden, dass es passiert ist, selbst wenn man den Patienten die Wahrheit sagt,” äußert sich Resnick.

Kürzlich ging es in einem berühmten Prozess in Napa County, Kalifornien, um die Zuverlässigkeit des Mittels. Nach mehreren Therapiesitzungen, von denen mindestens eine unter dem Einfluss von Sodium Amytal stattfand, beschuldigte die 20-jährige Holly Ramona ihren Vater, sie als Kind sexuell belästigt zu haben. Gary Ramona bestritt diese Anschuldigungen vehement und verklagte sowohl die Therapeutin seiner Tochter, als auch den Psychiater, der das Mittel verabreicht hatte. Im vergangenen Mai stellten sich die Geschworenen auf die Seite Gary Ramonas, indem sie glaubten, dass Therapeut und Psychiater falsche Erinnerungen verstärkt haben. Der Fall Gary Ramona war die erste erfolgreiche gerichtliche Anfechtung des so genannten „Phänomens der unterdrückten Erinnerungen”, das während des letzten Jahrzehnts Tausende von falschen Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs hervorgebracht hatte.

Chandlers Geschichte, das Mittel nur zur Betäubung seines Sohnes während einer Zahnbehandlung benutzt zu haben, erscheint vor dem Hintergrund des eigentlichen Gebrauchs dieses Mittels sehr zweifelhaft. „Es ist ein ausgesprochen psychiatrisches Mittel”, sagt Dr. Kennth Gottlieb, ein Psychiater aus San Francisco, der Sodium Amytal an Patienten mit Gedächtnisschwund verabreicht hat. Dr. John Yagiela, Koordinator des Fachbereichs Anästhesie und Schmerzbehandlung im UCLA, fügt hinzu: „Es ist ungewöhnlich, es zu verwenden, um einen Zahn zu ziehen. Es macht keinen Sinn, da es bessere und sicherere Alternativen gibt. Ich würde es nicht nehmen.”

Wegen der möglichen Nebenwirkungen verabreichen viele Ärzte Sodium Amytal nur im Krankenhaus. „Ich würde nie ein Mittel verwenden, welches das Unterbewusstsein eines Patienten beeinflusst, solange andere Medikamente verfügbar sind”, sagt Gottlieb. „Und ich würde es – für den Fall einer allergischen Reaktion – nicht ohne Bereithaltung von Reanimationstechnik verwenden, und nur in Anwesenheit eines Anästhesisten”.

Chandler scheint sich nicht an diese Richtlinien gehalten zu haben. Er führte diesen Eingriff in seiner Praxis durch und verließ sich auf das Fachwissen des Dental-Anästhesisten Mark Torbiner. (Es war Torbiner, der Rothman 1991 mit Chandler in Verbindung brachte, als Rothman einen Zahnarzt brauchte.)

Torbiners Geschäftsmethode scheint sehr erfolgreich zu sein. „Er prahlt damit herum, dass er im Monat nur 100 Dollar Fixkosten hat und 40.000 Dollar Einkommen pro Monat“, sagte Nylla Jones, eine ehemalige Patientin von ihm. Torbiner hat keine eigene Praxis, sondern fährt stattdessen zu verschiedenen Zahnarztpraxen in der ganzen Stadt, wo er Betäubungen verabreicht.

Wir haben gehört, dass die U.S. Drug Enforcement Administration [DEA] einen weiteren Aspekt von Torbiners Geschäftspraktiken untersucht: Er macht Hausbesuche, um Medikamente zu verabreichen – hauptsächlich Morphium und Demerol – nicht nur nach Zahnoperationen, sondern auch – so scheint es – an Leute, deren Schmerzen nichts mit zahnärztlichen Eingriffen zu tun haben. Er kommt zu seinen – zum Teil berühmten – Patienten nach Hause mit einer Art Anglertasche, die mit Medikamenten und Spritzen gefüllt ist. Einst stand „SLPYDOC“ auf dem Nummernschild seines Jaguars. [was sehr frei interpretiert soviel bedeuten könnte wie „der Arzt, der den Schlaf bringt“; Anm.d.Übers.] Laut Jones stellt Torbiner 350 Dollar für einen einfachen 10- bis 12-minütigen Besuch in Rechnung. Jones beschreibt es als gängige Praxis, dass der Patient einen Blankoscheck ausstellt, bevor die Betäubung einsetzt, wenn unklar ist, wie lange Torbiner bleiben muss. Torbiner setzt dann nur noch die angemessene Summe ein.

Torbiner war nicht immer erfolgreich. 1989 wurde er beim Lügen erwischt und musste von seinem Posten im UCLA, wo er als Dozent an der zahnärztlichen Hochschule arbeitete, zurücktreten. Torbiner hatte um einen halben freien Tag gebeten, um an religiösen Feierlichkeiten teilnehmen zu können, aber man fand heraus, dass er stattdessen in einer Zahnarztpraxis gearbeitet hatte.

Eine Überprüfung von Torbiners Berechtigungsnachweis mithilfe des zahnärztlichen Prüfungsausschusses zeigt, dass er per Gesetz darauf beschränkt ist, Medikamente nur im Zusammenhang mit Zahnbehandlungen zu verabreichen. Aber es gibt deutliche Hinweise darauf, dass er sich nicht an diese Beschränkungen gehalten hat. Tatsächlich verabreichte Torbiner Barry Rothman im Zuge von Haartransplantationen mindestens acht Mal eine Vollnarkose. Obwohl in solchen Fällen normalerweise nur eine örtliche Betäubung angewandt wird, „hatte Barry solche Angst vor den Schmerzen”, sagt Dr. James De Yarman, der Arzt, der die Transplantationen durchführte, „dass [er] völlig ausgeschaltet werden wollte”. De Yarman sagt, dass er „erstaunt” war, als er erfuhr, dass Torbiner Zahnarzt ist, weil er ihn für einen Allgemeinmediziner gehalten hatte.

In einem anderen Fall kam Torbiner zu Nylla Jones nach Hause, wie sie selbst sagt, und spritzte ihr Demerol gegen die Schmerzen nach einer Blinddarmoperation.

Am 16. August, drei Tage nachdem Chandler und Rothman den 350.000 Dollar Drehbuch-Deal zurückgewiesen hatten, spitzte sich die Situation zu. Michael Freeman erklärte Rothman im Auftrag von June Chandler Schwartz, dass er am Morgen des nächsten Tages eine Verfügung einreichen würde, die Chandler dazu zwingen würde, den Jungen zurückzubringen. Chandler reagierte schnell und brachte seinen Sohn zu Mathis Abrams, dem Psychiater, der Rothman mit seiner Einschätzung des hypothetischen Kindesmissbrauchs versorgt hatte. Während einer dreistündigen Sitzung behauptete der Junge, Jackson hätte ein sexuelles Verhältnis zu ihm. Er sprach von Masturbation, Küssen, Streicheln von Brustwarzen und oralem Sex. Es war allerdings nicht die Rede von Penetration, was durch eine ärztliche Untersuchung hätte belegt werden können.

Der nächste Schritt war unvermeidlich. Abrams, der gesetzlich dazu verpflichtet ist, derartige Anschuldigungen den Behörden zu melden, rief einen Sozialarbeiter des Jugendamtes an, der seinerseits die Polizei benachrichtigte. Die umfangreiche Untersuchung von Michael Jackson nahm ihren Lauf.

Fünf Tage, nachdem Abrams die Behörden informiert hatte, bekamen die Medien Wind von der Untersuchung. Am Sonntagmorgen, dem 22. August, schlief der freischaffende Reporter Don Ray in Burbank noch, als sein Telefon klingelte. Der Anrufer, einer seiner Informanten, berichtete, dass Durchsuchungsbefehle für Jacksons Ranch und seine Wohnung ausgestellt worden waren. Ray verkaufte die Geschichte an KNBC-TV in Los Angeles, die die Nachricht um 4 Uhr nachmittags des folgenden Tages brachten.

Danach sah Ray „die Geschichte wie einen Güterzug abgehen”, sagt er. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden war Jackson die Titelstory in dreiundsiebzig Fernsehnachrichten allein im Gebiet Los Angeles und er war auf der Titelseite jeder britischen Zeitung. Die Geschichte von Michael Jackson und dem 13-jährigen Jungen wurde ein Rausch aus Hype und unbegründeten Gerüchten, welche die Trennung zwischen Klatschpresse und seriösem Journalismus praktisch verschwinden ließ.

Das Ausmaß der Anschuldigungen gegen Jackson wurde erst am 25. August bekannt. Jemand vom Jugendamt reichte illegaler Weise eine Kopie des Missbrauchsberichtes an Diane Dimond von Hard Copy weiter. Innerhalb weniger Stunden hatte auch das Los Angeles- Büro eines englischen Nachrichtendienstes den Bericht und verkaufte Kopien an jeden Reporter, der bereit war, 750 Dollar dafür zu bezahlen. Am nächsten Tag wusste die ganze Welt über die bildhaften Details des durchgesickerten Berichtes bescheid. “Als sie nebeneinander im Bett lagen, schob Jackson seine Hand in die Shorts [des Kindes]”, hatte der Sozialarbeiter geschrieben. Von da an zeigte die Berichterstattung, dass alles über Jackson Freiwild sein würde.

„Der Wettbewerb unter den Nachrichtenorganisationen wurde so heftig,” sagt KNBC-Reporter Conan Nolan, dass „die Meldungen nicht überprüft wurden. Das war sehr unglücklich”. Der National Enquirer setzte zwanzig Reporter auf die Geschichte an. Ein Team klopfte in dem Versuch, Evan Chandler und seinen Sohn ausfindig zu machen, in Brentwood an 500 Türen. Nachdem sie Besitzurkunden eingesehen hatten, gelang es ihnen schließlich, Chandler in seinem schwarzen Mercedes zu stellen. „Er war kein glücklicher Mann. Aber ich war es”, sagt Andy O‘Brien, ein Paparazzo.

Als nächstes kamen die Ankläger

Jacksons frühere Angestellte. Zuerst versuchten Stella und Philippe Lemarque, Jacksons Ex-Haushälter, ihre Geschichte mit Hilfe des Brokers Paul Barrese, einem früheren Pornostar, an die Boulevardzeitungen zu verkaufen. Sie wollten eine halbe Million Dollar, verkauften ihr Interview dann aber für 15.000 Dollar an den englischen Globe. Es folgen die Quindoys, ein philippinisches Ehepaar, das auf Neverland gearbeitet hatte. Für 100.000 Dollar sagten sie „die Hand war auf der Hose des Kindes”, erzählte Barresi einem Produzent von Frontline, einer PBS-Sendung. „Sobald ihre Bezahlung auf 500.000 Dollar stieg, wanderte die Hand in die Hose. Also, ich bitte Sie…“ Also schloss das Büro des Bezirksstaatsanwaltes, dass beide Paare als Zeugen unbrauchbar waren.

Als nächsten kamen die Bodyguards. Diane Dimond von Hard Copy behauptete im vergangenen November gegenüber Frontline, dass ihre Sendung hohe ethische Grundsätze angelegt habe. Sie seien „diesbezüglich völlig unberührt. Wir haben für diese Geschichte überhaupt kein Geld bezahlt”. Aber zwei Wochen später zeigte ein Vertrag mit Hard Copy, dass die Sendung eine Summe von 100.000 Dollar für fünf frühere Sicherheitsbedienstete von Jackson ausgehandelt hatte, die eine 10 Millionen Dollar Klage wegen unrechtmäßiger Kündigung anstrengen wollten.

Am 1. Dezember traten zwei der Bodyguards, mit dem Handel unter Dach und Fach, in der Sendung auf. Sie wurden gefeuert, erzählte Dimond den Zuschauern, weil „sie zu viel über Michael Jackson und sein merkwürdiges Verhältnis zu kleinen Jungen wussten”. Tatsächlich zeigte ihre Aussage unter Eid drei Monate später, dass sie niemals gesehen hatten, dass Jackson etwas Unangemessenes mit Chandlers Sohn oder irgendeinem anderen Kind getan hatte:

“Sie wissen also nichts über Mr. Jackson und [den Jungen], nicht wahr?“, frage einer von Jacksons Anwälten den früheren Sicherheitsbediensteten Morris Williams unter Eid.

„Alles was ich weiß, stammt von beschworenen Aussagen anderer Leute.“

„Aber abgesehen von dem, was andere vielleicht gesagt haben, haben Sie kein Wissen aus erster Hand über Mr. Jackson und [den Jungen], stimmt das?“

„Das stimmt.“

„Haben Sie mit einem Kind gesprochen, das ihnen erzählt hat, dass Mr. Jackson etwas Unangemessenes mit dem Kind gemacht hat?“

„Nein.“

Auf die Frage von Jacksons Anwalt, wo er seinen Eindruck her hatte, antwortete Williams: „Aus dem, was ich in den Medien gehört habe und dem, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.“

„Okay, darum geht es. Sie haben nichts mit eigenen Augen gesehen, oder?“

„Das stimmt. Nichts.“

(Die Klage der Sicherheitsbediensteten, die im März 1994 eingereicht wurde, befand sich zur Drucklegung dieses Artikels noch in Schwebe.)

[ANMERKUNG: Die Klage wurde im Juli 1995 abgewiesen.]

Als nächstes kam das Dienstmädchen. Am 15. Dezember präsentierte Hard Copy „Das schmerzhafte Geheimnis des Dienstmädchens“. Blanca Francia erzählte Dimond und anderen Reportern, sie hätte einen nackten Jackson gesehen, der mit kleinen Jungen geduscht und im Whirlpool gebadet hat. Sie erzählte Dimond auch, dass sie ihren eigenen Sohn in kompromittierenden Stellungen mit Jackson gesehen habe – eine Anschuldigung, welche die Grand Jurys offensichtlich nicht für glaubwürdig hielten.

Eine Kopie von Francias vereidigter Aussage offenbart, dass Hard Copy ihr 20.000 Dollar gezahlt hat und wenn Dimond die Behauptungen dieser Frau hinterfragt hätte, hätte sie festgestellt, dass sie falsch waren. Während einer Befragung durch einen Anwalt Jacksons gab sie zu, dass sie Jackson tatsächlich niemals mit irgendwem hat duschen sehen, und dass sie ihn niemals nackt mit Jungen im Whirlpool gesehen hat. Sie hatten immer ihre Badehosen an, gab sie zu.

Die Berichterstattung, sagt Jacksons Pressesprecher Michael Levine, „folgte der Weltsicht eines Proktologen. Hard Copy war abscheulich. Die bösartige und abscheuliche Behandlung dieses Mannes durch die Medien geschah aus selbstsüchtigen Beweggründen. [Selbst] wenn man in seinem ganzen Leben keine einzige Michael Jackson-Platte gekauft hat, sollte man darüber sehr besorgt sein. Die Gesellschaft stützt sich auf sehr wenige Grundpfeiler. Einer davon ist die Wahrheit. Wenn man sie aufgibt, geht alles den Bach hinunter.”

Die Ermittlung gegen Jackson, an der bis zum Oktober 1993 zwölf Ermittler aus Santa Barbara und Los Angeles arbeiten sollten, wurde zum Teil durch die Sichtweise eines einzigen Psychiaters, Martin Abrams, ausgelöst, der keine besonderen Erfahrung mit Kindesmissbrauch hatte. Abrams, so notierten die Mitarbeiter des Jugendamtes, „hat das Gefühl, dass das Kind die Wahrheit sagt”. In einer Zeit weit verbreiteter und oft falscher Beschuldigung des sexuellen Missbrauchs verleihen die Polizei und die Staatsanwaltschaft der Aussage von Psychiatern, Therapeuten und Sozialarbeitern großes Gewicht.

Die Polizei beschlagnahmte Jacksons Telefonbücher während der Durchsuchung seiner Wohnsitze im August und befragte danach nahezu dreißig Kinder und ihre Familien. Einige, wie zum Beispiel Brett Barnes und Wade Robson, gaben an, sie hätten mit Jackson das Bett geteilt, erklärten aber wie alle anderen, dass Jackson nichts falsches getan hatte. „Die Beweise sahen gut für uns aus”, sagt einer der Anwälte, die für Jackson gearbeitet haben. „Die Gegenseite hatte nichts außer einer großen Klappe”.

Trotz der dürftigen Beweise für ihre Vermutung, dass Jackson schuldig war, weitete die Polizei ihre Anstrengungen aus. Zwei Ermittler flogen auf die Philippinen, um zu versuchen, die Quindos auf ihre „Hand in der Hose”-Geschichte festzunageln, entschieden aber offensichtlich, dass es ihr an Glaubwürdigkeit mangelte. Die Polizei wandte auch sehr aggressive Untersuchungsmethoden an – zu ihnen gehörten Lügen, die sie den Kindern erzählten – um die Kinder dahin zu bringen, Anschuldigungen gegen Jackson vorzubringen. Laut der Aussage mehrerer Eltern, die sich darüber bei Bert Fields beschwerten, erzählten die Ermittler ihnen unmissverständlich, ihre Kinder seien sexuell belästigt worden, obwohl die Kinder dies ihren Eltern gegenüber verneinten. Die Polizei, so ein Beschwerdebrief von Fields an Willie Williams, Polizeichef von Los Angeles, „machte den Kindern auch mit empörenden Lügen Angst, wie zum Beispiel ,Wir haben Nacktfotos von dir’. Natürlich gab es keine solchen Fotos.“ Einer der Ermittler, Federico Sicard, erzählte dem Anwalt Michael Freeman, dass er die Kinder belog, indem er ihnen erzählte, er selbst sei als Kind auch sexuell belästigt worden, sagt Freeman. Sicard selbst wollte dazu für ein Interview nicht Stellung nehmen.

June Chandler Schwartz wies die ganze Zeit über die Anschuldigungen zurück, die Chandler gegen Jackson vorbrachte – bis zu einem Treffen mit der Polizei im späten August 1993. Die Polizisten Sicard und Rosibel Ferrufino gaben eine Erklärung ab, die ihre Meinung änderte. „[Die Polizisten] gaben zu, dass sie nur einen Jungen hatten”, sagt Freeman, der bei diesem Gespräch anwesend war. „Aber sie sagten ‚Wir sind sicher, dass Michael Jackson diesen Jungen belästigt hat, weil er perfekt in das klassische Profil eines Pädophilen passt‘”.

“So etwas wie ein klassisches Profil gibt es gar nicht. Sie machten einen völlig dummen und unlogischen Fehler”, sagt Dr. Ralph Underwager, ein Psychiater aus Minneapolis, der seit 1953 Pädophile und Inzestopfer behandelt. Jackson wurde „aufgrund von Missverständnissen wie diesem angeprangert, denen es in einer Ära der Hysterie erlaubt wurde, zur Schau gestellt zu werden.” Tatsächlich, so besagt eine Studie des US Department of Health and Human Service, erwiesen sich viele Anschuldigungen von Kindesmissbrauch – allein 48 Prozent der im Jahre 1990 eingereichten – als unbegründet.

„Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand wie Jackson zur Zielscheibe wurde,” sagt Philip Resnick. “Er ist reich, er ist merkwürdig, ist viel mit Kindern zusammen und es umgibt ihn eine Zerbrechlichkeit. Eine Atmosphäre, in der schon die Anschuldigung besagt, dass es auch geschehen ist.”

Die Saat der außergerichtlichen Einigung war bereits gesät, als sich die polizeilichen Untersuchungen in beiden Bezirken durch den gesamten Herbst 1993 hinzogen. Und hinter den Kulissen hatte ein Kampf unter den Anwälten Jacksons darüber begonnen, wer die Kontrolle über den Fall hat, was letztlich den Verlauf der Verteidigung verändern würde.

Inzwischen hatten sich June Chandler Schwartz und Dave Schwartz mit Evan Chandler gegen Jackson zusammengetan. Die Mutter des Jungen, so besagen mehrere Quellen, hatte Angst davor, was Chandler und Rothman tun könnten, wenn sie nicht mitspielte. Sie war besorgt darüber, dass sie versuchen könnten, ihr mit der Begründung der Kindesvernachlässigung wegen der Übernachtungen bei Jackson das Sorgerecht wegzunehmen. Ihr Anwalt Michael Freeman legte angewidert sein Mandat nieder und erklärte später, dass „die ganze Sache so eine Schweinerei war. Ich fühlte mich unbehaglich mit Evan. Er ist kein aufrichtiger Mensch und ich hatte das Gefühl, dass er nicht ehrlich war.”

Während der ganzen Monate wurden auf beiden Seiten Anwälte behalten, degradiert und abgelöst wegen der Fehden über die beste Strategie. Rothman legte im späten August sein Mandat für Chandler zurück, als Jacksons Camp gegen beide Klagen wegen Erpressung einreichte. Beide heuerten daraufhin teure Strafverteidiger an. (Rothman nahm sich Robert Shapiro, den jetzigen Hauptanwalt O.J. Simpsons.) Laut dem Tagebuch der früheren Angestellten Rothmans wurde Chandler am 26. August, bevor die Erpressungsklagen eingereicht wurden, gehört, wie er sagte „Das ist mein Arsch, den ich hinhalten muss und der Gefahr läuft, ins Gefängnis zu müssen”. Die Untersuchung der Erpressungsklagen war nur oberflächlich, sagt eine Quelle, weil „die Polizei das nicht so ernst nahm. Aber es hätte viel mehr getan werden können.” Die Polizei hätte zum Beispiel die Wohnungen und Büros von Rothman und Chandler durchsuchen können, wie sie es bei Jackson getan haben. Und wenn sich beide Männer geweigert hätten auszusagen, hätte man eine Grand Jury einberufen können.

Mitte September übernahm Larry Feldman, Anwalt für Zivilrecht und Vorsitzender der Trial Lawyers Association von Los Angeles, die rechtliche Vertretung von Chandlers Sohn. Er reichte eine 30 Millionen Dollar Zivilklage gegen Jackson ein, was sich als der Anfang vom Ende erwies.

Als diese Nachricht bekannt wurde, begannen die Wölfe sich zusammenzurotten. Nach Aussage eines Mitgliedes von Jacksons Verteidigungsteam „bekam Feldman darauf hin Duzende Briefe von Leuten, die behaupteten, von Jackson belästigt worden zu sein. Sie sind all dem nachgegangen, in der Hoffnung noch jemanden zu finden, aber sie fanden gar nichts.”

Anthony Pellicano and Howard Weitzman

Anthony Pellicano und Anwalt Howard Weitzman

Aufgrund der Möglichkeit einer strafrechtlichen Anklage gegen Jackson brachte Bert Fields nun Howard Weitzman ins Spiel, einen bekannten Strafverteidiger mit einer Reihe hochkarätiger Mandanten, zu denen John DeLoran gehörte, dessen Prozess er gewann und Kim Basinger, deren Streit über ihren “Boxing Helena”-Vertrag er verlor. (Für einen kurzen Zeitraum im Juni war Weitzman auch O.J. Simpsons Anwalt.) Es gab Leute, die von Anfang an Probleme zwischen diesen beiden Anwälten vorhersahen. Es gab keinen Raum für zwei starke Anwälte, die es gewohnt waren, ihre eigene Show zu haben.

Von dem Tag an, als Weitzman zum Jackson-Team gestoßen war, „redete er von außergerichtlicher Einigung”, sagt Bonnie Ezkenazi, die auch zum Verteidiger-Team gehörte. Da Fields und Pellicano immer noch die Kontrolle über Jacksons Verteidigung hatten, nahmen sie eine sehr aggressive Strategie an. Sie glaubten unerschütterlich an Jacksons Unschuld und wollten die Klage vor Gericht austragen. Pellicano begann, Beweismittel zusammenzutragen, die im Prozess, der für den 21. März 1994 angesetzt worden war, vorgelegt werden sollten. „Sie hatten einen sehr schwachen Fall”, sagt Fields. “Wir wollten kämpfen. Michael wollte vor Gericht kämpfen. Wir hatten das Gefühl, gewinnen zu können.”

Uneinigkeit machte sich am 12. November im Jackson Camp breit, nachdem Jacksons Pressesprecher auf einer Pressekonferenz ankündigte, dass der Sänger seine Welttournee beenden wolle, um sich wegen seiner Schmerzmittelabhängigkeit in Therapie zu begeben. Fields erklärte Reportern später, dass Jackson „kaum in der Lage war, intellektuell angemessen zu funktionieren.” Andere in Jacksons Team fanden es falsch, den Sänger als inkompetent darzustellen. „Es war wichtig“, sagt Fields, „die Wahrheit zu sagen. [Larry] Feldman und die Presse vertraten die Meinung, dass Jackson untertauchen wollte, und dass das alles nur Betrug war. Aber das war es nicht”.

Am 23. November erreichten die Spannungen den Höhepunkt. Aufgrund von Informationen, die er angeblich von Weitzman hatte, erzählte Fields einem Gerichtssaal voller Reporter, dass eine strafrechtliche Anlage gegen Jackson scheinbar bevorstand. Fields hatte einen Grund für diese Ankündigung: Er versuchte, die Zivilklage des Jungen hinauszuzögern, indem er erklärte, dass der bevorstehende Strafprozess zuerst verhandelt werden sollte. Außerhalb des Gerichtsgebäudes fragten Reporter, warum Fields diese Ankündigung gemacht hatte, was Weitzman im Wesentlichen beantwortete, indem er meinte Fields hätte sich „versprochen”. Dieser Kommentar machte Fields sehr wütend, „weil es nicht stimmte”, sagt er. „Ich war sehr aufgebracht und wütend auf Howard”. In der darauf folgenden Woche schrieb er Jackson einen Brief, in dem er sein Mandat niederlegte.

„Da waren sehr viele Leute, die alle etwas anderes wollten, und es war, als müsse man durch Melasse waten, um zu Entscheidungen zu kommen” sagt Fields. „Es war ein Albtraum, und ich wollte da einfach nur raus.” Pellicano, der für sein aggressives Benehmen angegriffen worden war, trat zur gleichen Zeit zurück.

Nachdem Fields und Pellicano gegangen waren, brachte Weitzman Johnnie Cochran Jr. ins Spiel, einen bekannten Zivilrechtler, der nun bei der Verteidigung von O.J. Simpson hilft. Und John Branca, den Fields 1990 als Rechtsberater ersetzt hatte, kam zurück an Bord. Ende 1993, als die Staatsanwaltschaften von Santa Barbara und von Los Angeles dabei waren, Grand Jurys einzuberufen, um festzustellen, ob strafrechtliche Klage gegen Jackson erhoben werden sollte, änderte die Verteidigung ihre Strategie und es wurde ernsthaft von außergerichtlicher Einigung gesprochen, obwohl auch sein neues Team an Jacksons Unschuld glaubte.

Eine Schlüsselfrage

Warum sollte Jacksons Seite trotz der Beteuerung seiner Unschuld und der fragwürdigen Beweise gegen ihn mit einer außergerichtlichen Einigung einverstanden sein? Seine Anwälte entschieden scheinbar, dass es viele Gründe gab, die dagegen sprachen, diesen Fall vor ein Zivilgericht zu bringen. Einer der Gründe war, dass Jacksons emotionale Zerbrechlichkeit durch die barbarische Berichterstattung der Medien über den Zeitraum des Prozesses, der sich über sechs Monate hätte hinziehen könnte, auf eine harte Probe gestellt worden wäre. Auch waren inzwischen politische und rassistische Fragen zum Thema in diesem Fall geworden – besonders in Los Angeles, das sich immer noch nicht von dem Rodney King-Martyrium erholt hatte – und die Verteidigung fürchtete, dass man nicht darauf zählen konnte, dass vom Gericht Gerechtigkeit zu erwarten ist. Außerdem musste man die Zusammensetzung der Geschworenen in Betracht ziehen. Einer der Anwälte sagt: „Sie denken, dass Hispanoamerikaner [Jackson] wegen seines Geldes ablehnen könnten, Schwarze könnten ihn ablehnen, weil er versuchte weiß zu sein, und Weiße hätten Probleme im Umgang mit der sexuellen Belästigung.” Nach Resnicks Meinung „ist die Hysterie so groß und das Stigma [der Kindesbelästigung] so stark, dass es keine Verteidigung dagegen gab.”

Jacksons Anwälte waren auch besorgt darüber, was in einem nachfolgenden Strafprozess geschehen könnte; besonders in Santa Barbara, einer hauptsächlich weißen, konservativen Gemeinde, deren Einwohner der oberen Mittelklasse angehören. Wie die Verteidigung es auch betrachtete, ein Zivilprozess schien ein Glücksspiel zu werden. Die Anwälte dachten, sie könnten einen Strafprozess durch stillschweigendes Verständnis verhindern, indem sie den Bedingungen einer außergerichtlichen Einigung nachkamen Sie gingen davon aus, dass Chandler damit einverstanden sein würde, seinen Sohn für eine Zeugenaussage unerreichbar zu machen.

Andere, die mit dem Fall vertraut waren, meinen, die Entscheidung, den Fall außergerichtlich beizulegen, hatte auch mit etwas anderem zu tun – mit der Reputation der Anwälte. „Können Sie sich vorstellen, was mit einem Anwalt geschieht, der den Michael Jackson-Fall verliert?”, sagt Anthony Pellicano. „Es gibt keine Möglichkeit, dass alle drei Anwälte als Gewinner daraus hervorgehen, außer sie einigen sich außergerichtlich. Der Einzige, der dabei verliert, ist Michael Jackson.” Aber Jackson, sagt Branca, “änderte seine Meinung, [vor Gericht zugehen], nachdem er in die USA zurückkehrte. Er wusste bisher nicht wie massiv und feindselig die Berichterstattung in den Medien war. Er wollte das alles einfach hinter sich bringen.”

Auf der anderen Seite kamen inzwischen unter den Mitgliedern der Familie des Jungen Spannungen auf. Während eines Treffens Ende 1993 in Feldmans Büro verlor Chandler nach Zeugenaussagen „völlig die Kontrolle und schlug Dave [Schwartz] zusammen”. Schwartz, der zu dieser Zeit von June getrennt lebte, war bei Entscheidungen, die seinen Stiefsohn betrafen, außen vor, und er war verbittert darüber, dass Chandler den Sohn zu sich genommen und nicht wieder zurückgebracht hatte.

„Dave wurde sauer und sagte zu Evan, dass es sich sowieso nur um Erpressung handelte. Da stand Evan auf, ging zu Dave hinüber und fing an, ihn zu schlagen,” berichtet eine zweite Quelle.

Für jeden, der im Januar 1994 in Los Angeles lebte, gab es nur zwei Gesprächsthemen: das Erdbeben und Michael Jacksons außergerichtliche Einigung. Am 25. Januar stimmte Jackson zu, dem Jungen eine nicht genannte Summe zu zahlen. Am Tag zuvor hatten Jacksons Anwälte die Erpressungsklage gegen Chandler und Rothman zurückgezogen.

Die tatsächliche Summe der Einigung wurde nie bekannt gegeben, aber es wurde über einen Betrag von 20 Millionen Dollar spekuliert. Eine Quelle behauptet, dass Chandler und June Chandler Schwartz je 2 Millionen bekommen haben, während Feldman bis zu 25% an Anwaltsgebühren erhalten hat. Der Rest des Geldes wurde für den Jungen hinterlegt und wird ihm vom Gericht unter Aufsicht gestellter Treuhänder ausgezahlt werden.

„In diesem Fall ging es immer nur um Geld”, sagt Pellicano, „und Evan Chandler hat schließlich bekommen, was er wollte.” Da Chandler immer noch das Sorgerecht für seinen Sohn hat, ist es logisch, dass er immer noch Zugriff auf das Geld seines Sohnes hat.

Ende Mai 1994 gab Chandler die Zahnmedizin endgültig auf. Er schloss seine Praxis in Beverly Hills und gab als Grund die ständige Belästigung durch Jackson-Unterstützer an. Die außergerichtliche Einigung verbietet es Chandler, über diese Angelegenheit zu schreiben, aber sein Bruder, Ray Charmatz, versucht Berichten zufolge, einen Vertrag für ein Buch zu bekommen.

Es könnte zu einem dieser niemals endenden Rechtsstreits werden, denn in diesem August reichten Barry Rothman und Dave Schwartz (zwei Hauptdarsteller, die bei der außergerichtlichen Einigung leer ausgingen) Zivilklage gegen Jackson ein. Schwartz behauptet, der Sänger hätte seine Familie zerstört. Rothmanns Klage beruht auf angeblicher Verleumdung und übler Nachrede durch Jackson sowie sein ursprüngliches Verteidigungsteam – Fields, Pellicano und Weitzman – wegen der Erpressungsvorwürfe. „Die Anschuldigung wegen [Erpressung] ist völlig unwahr”, sagt Rothmans Anwalt Aitken. “Mr. Rothman wurde öffentlich der Lächerlichkeit preis gegeben, wurde Opfer einer Untersuchung durch die Polizei und musste Einkommenseinbußen hinnehmen”. (Eine von Rothmans Einbußen ist wahrscheinlich das hohe Honorar, das er bekommen hätte, wenn er während der Einigungsphase weiter für Chandler gearbeitet hätte.)

Was Michael Jackson betrifft, „lebt er sein Leben weiter”, sagt sein Pressesprecher Michael Levine. Jetzt verheiratet, hat Jackson kürzlich drei neue Songs für ein Greatest Hits Album aufgenommen und nahm ein neues Musikvideo mit dem Titel „History” auf.

Und was wurde aus den massiven Ermittlungen gegen Jackson? Nachdem Millionen von Dollars durch die Staatsanwaltschaft und die Polizeibehörde ausgegeben worden waren, und nachdem zwei Grand Jurys nahezu 200 Zeugen befragt hatten, einschließlich 30 Kinder, die Jackson kannten, konnte nicht ein einziger Zeuge die Beschuldigungen bekräftigen. (Im Juni 1994 flogen drei Staatsanwälte und zwei Ermittler der Polizei – immer noch in der Hoffnung, einen Belastungszeugen zu finden – nach Australien, um Wade Robson, den Jungen, der zugegeben hatte, mit Jackson in einem Bett geschlafen zu haben, nochmals zu befragen. Nochmals erklärte der Junge, dass nichts dabei passiert war.)

Die einzigen Anschuldigungen gegen Jackson blieben die eines einzigen Jugendlichen, und auch das nur, nachdem ihm ein hypnotisches Mittel verabreicht worden war, das ihn empfänglich werden ließ für Macht der Suggestion.

„Ich hielt diesen Fall für verdächtig”, sagt Dr. Underwager, der Psychiater aus Minneapolis, „weil der einzige Hinweis von nur einem Jungen kam. Das wäre höchst unwahrscheinlich gewesen. Wirkliche Pädophile haben durchschnittlich 240 Opfer im Laufe ihres Lebens. Es handelt sich hier um eine fortschreitende Störung. Sie sind nie befriedigt.”

Bei der äußerst dünnen Beweislage gegen Jackson scheint es unwahrscheinlich, dass er für schuldig befunden worden wäre, wenn der Fall vor Gericht gegangen wäre. Aber vor der Meinung des Volkes gibt es keine Einschränkungen. Den Leuten ist es freigestellt zu spekulieren, wie immer sie wollen, und Jacksons Exzentrizität macht ihn verwundbar, so dass die Öffentlichkeit das Schlimmste über ihn annimmt.

Ist es also möglich, dass Jackson kein Verbrechen begangen hat – dass er genau das ist, was er immer vorgab zu sein: ein Beschützer der Kinder und nicht ihr Belästiger? Anwalt Michael Freeman ist dieser Meinung. „Ich glaube, dass Jackson nichts Schlimmes getan hat, und dass diese Leute [Chandler und Rothman] eine Chance gewittert haben. Ich glaube, es ging nur um Geld.”

Für viele Beobachter zeigt die Michael Jackson Story die Gefährlichkeit von Anschuldigungen auf, gegen die es oft keine Verteidigung gibt – besonders dann, wenn die Beschuldigungen den sexuellen Missbrauch von Kindern beinhalten. Für andere ist nun noch etwas anderes klar: Dass die Polizei und die Staatsanwaltschaft Millionen von Dollar ausgegeben haben, um einen Fall zu konstruieren, dessen Grundlage es nie gegeben hat.

Übersetzung: Been Told, Jacksonvillage.org

Überarbeitung: Doris

Michael Jacksons Interview mit J. Pidgeon von 1980

Im Januar 1980 interviewte John Pidgeon Michael Jackson für eine Musik Dokumentation im Auftrag von Capital Radio in seinem Haus in der Hayvenhurst Avenue, Los Angeles. Eine Besonderheit bei diesem Interview war, dass Pidgeon die Fragen nicht direkt an Michael stellte, sondern dass Michaels kleine Schwester Janet, damals 14 Jahre alt, dabei saß und die von Pidgeon gestellten Fragen neu formulierte und noch einmal an Michael direkt richtete. Im Audio hört man deshalb immer zuerst, wie Pidgeon die Frage an Janet formuliert, und dann Janet, die sie an Michael richtet. Übersetzt habe ich immer die von Janet formulierten Fragen.

https://www.youtube.com/watch?v=N08cg2Ci20

Michael, wie hast du in das Bild von Motown gepasst?

Michael: Wir machten eine Show im Regal Theater in Chicago, es war eine Art Talent Show und wir gewannen, und Gladys Knight und Bobby Taylor waren da, und sie erzählten Motown von uns. Und Motown wollte eine Audition von uns sehen, also gingen wir zu Berry Gordy nach Detroit – und all die Motown Stars waren dort, die Supremes, die Temptations, die Marvelettes, die Miracles, und wir spielten vor und sie liebten es. Nach dem Konzert das wir für sie gaben, kam Diana Ross zu uns, und sie küsste uns, und sie sagte, sie möchte eine besondere Rolle in unserer Karriere übernehmen. So fing alles an, und wir brachten unsere erste Singel heraus, ‘I Want You Back’, es war eine Goldene, wie auch ‘ABC’, ‘The Love You Save’ und so weiter. So fing es an…

Diana Ross

– Diana Ross mit Michael und den Jackson 5 –

Hat Berry Gordy sich besonders um euch gekümmert?

Michael: Berry hatte die “Ober-Aufsicht” über die J5, er war der Hauptmanager, er war der Kopf der ganzen Karriere bei Motown. Berry Gordy managte nur 2 Gruppen in der ganzen Motown Geschichte, das waren die Supremes und die Jackson 5. Also er war die wichtigste Kraft, die hinter uns stand, so wie auch mein Vater und meine Mutter.

1970 wart ihr immer noch die Hauptattraktion bei Motown, während andere Gruppen die Company verlassen hatten und dort einige Veränderungen stattfanden.

Michael: Ja, das stimmt. Es war so aufregend, Teil dieser Company zu sein, wir lebten bei Berry Gordy, die Hälfte von uns wohnte bei ihm, 1,5 Jahre lang, die andere Hälfte wohnte bei Diana Ross. Berry und Diana wohnten nur einen Block voneinander entfernt. Es war sehr aufregend für uns, wir genossen es sehr. Wir denken nicht an die stressigen Jahre bei Motown, es lief einfach so gut. Wir genossen es einfach, wir machten die große Tour, und hatten alles, was wir wollten.

Weil ihr noch so jung wart, hattet ihr viel mit zu reden, über eure Musik und die Art der Lieder die ihr machen wolltet?

Michael: Nein. Wir machten hauptsächlich, was sie uns gaben, was sie uns sagten. Wir hatten ein wenig mitzureden, so in der Art von: „Das Lied sollte so oder so sein… oder blabla.“ Aber es war hauptsächlich das, was Barry von uns wollte, und es war immer gut.

Ich würde sagen, Motown war damals die beste Schule für mich, und ist es bis heute, es war wirklich das Beste. Die besten Leute waren dort, und sind immer noch dort, es ist unbeschreiblich.

Wenn es eine Art Schule für dich war, was hast du dort darüber, wie man Platten macht, gelernt?

Michael: Ich lernte viel über das Produzieren, ich lernte wie man eine Aufnahme schneidet und produziert. Ich lernte so viele Dinge. Ich lernte etwas über das Schreiben, einfach über all diese Dinge. Wenn ich mit Stevie Wonder in seinen Sessions zusammen war, dann saß ich einfach dabei und lernte, es war einfach unbeschreiblich. Wenn ein Produzent zu mir sagte, was ich machen sollte, und wie ich es machen sollte, durch all das habe ich so viel gelernt, es war wundervoll, es ist die beste Schule.

little michael in recording studio

War Motown damals wie eine große Familie?

Michael: Ja, das ist wahr, alle arbeiteten zusammen, wir machten Sessions, und Berry Gordy kam einfach rein und er veränderte Dinge und niemand war sauer. Er sagte: “Mach es so, versuch es auf diese Art“, „Ich möchte, dass du es so singst, Michael”, “Ich will, dass du an dieser Zeile nochmal arbeitest.” Es ist wie in den Disney Studios, wenn Walt Disney reinkäme und von einem Studio ins andere geht und jeden motiviert, so wie eine Biene bestäubt, indem man von einem zum anderen geht, und die Leute motiviert, um sie bei der Sache zu halten. Berry war wunderbar darin, ein Lied zu nehmen es in die richtige Richtung zu lenken, ihm das richtige “Flavour” zu geben, um daraus einen Hit zu machen – er wusste einfach, was man dafür braucht, das ist etwas, was nicht jeder kann.

Aber wenn so viele Leute dir immer sagen wollten, wie du deine Lieder zu singen und zu machen hast, war es nicht irgend wann frustrierend für dich, und wolltest du es nicht auf deine Weise machen?

Michael: Ja, oft war das so. Ich hatte einige Dispute mit mehreren Produzenten von Motown, gerade um diese Frage. Und es wurde zu einem Haupt-Thema, Berry Gordy kam dazu und es ist etwas ausgeufert, aber wir kamen schließlich klar. Es war so, dass Produzenten mir sagen wollten, wie ich einzelne Worte zu betonen hätte. Ich sagte, wenn ich die Wörter so präzise ausspreche, nimmt es das Feeling von dem Song weg, es gab ein paar solcher Sachen. Aber wir regelten das, ich hatte Recht und bekam es. (lacht) Aber es war auch eine Erfahrung, um daraus etwas zu lernen, ich wusste ja, was er wollte, aber es hätte soviel (von dem Song) genommen, wirklich.

Michael & Berry Gordy

– Michael und Berry Gordy –

Als ihr Jungs anfingt, war es Jackie, der Älteste der am meisten gefragt wurde. Und als du immer mehr dazulerntest, wolltest du nicht mehr mitzureden haben?

Michael: Es gab da wirklich keinen Kopf von der Gruppe – die Leute sagen immer, ich sei der “Chef”, weil ich immer vorne stand, und sang und tanzte – aber es gab wirklich keinen “Anführer”. Wir sahen immer zu Jackie hoch, denn er war der älteste Bruder, wir respektierten ihn, aber es gab wirklich keinen Chef, wir ließen das Publikum entscheiden, was sie mochten, denn wir machten es ja für sie.

Wer suchte die Sachen aus, die ihr – als Band – machen wolltet?

Michael: Wir setzten uns zusammen, wir endeten nie mit einem Streit, wir setzten uns einfach zusammen. Meistens hatten wir die gleichen Ideen, es war nie wirklich ein Problem so in der Art von: “Ich will es so, und wir können es nicht so machen.” Wir hatten meistens die gleichen Vorstellungen. Wenn es andere Vorschläge gab, die besser waren, dann sagte man, ja, das ist eine gute Idee. Es kam nie zu Abstimmungen. Wir alle hatten unsere eigenen Ideen.

Wessen Idee war es, dass du sowohl eine Solo Kariere starten solltest, als auch die Karriere mit deinen Brüdern machen solltest?

Michael: Das war die Idee von Berry Gordy, in unseren ersten Jahren bei Motown. Er dachte, ich solle etwas anderes versuchen, andere Dinge tun, ich sollte nicht nur einem Sound verpflichtet sein. Und als ich ‘Got To Be There’ aufnahm – mein erstes Solo Album – da war es eine andere Art von Musik, und ich liebte das. Es hatte ein Soul-Flavour aber auch ein Pop-Feeling, wie immer du es nennen magst, es war Musik und es war wunderschön und es war meine erste Solo Hit Aufnahme. Und danach kam ‘Ben’, ein Film Soundtrack über eine Ratte, und egal wo wir auftraten, die Leute wollten es immer hören, wir konnten nicht von der Bühne, weil die Leute nach ‘Ben’ riefen. Und ‘I Wanna Be There You Are’, ein großer Hit, Diana Ross’ Bruder schrieb das für mich. Oder ‘Rock’n Robin’, auch ein Hit. Als wir Motown verließen und zu CBS gingen, hatten wir einen Vertrag über eine bestimmte Anzahl von Alben, ein paar Alben von den Jacksons und ein paar Alben von mir, als Solo Künstler. Und so kam es zu ‘Off The Wall’.

Als ihr Motown verlassen habt, war es schwierig für euch, sich darauf einzustellen, nicht mehr bei Motown zu sein?

Michael: Ja, das ist eine gute Frage. Motown ist eine viel kleinere Firma, du kennst dort jedes Gesicht, du kennst sogar die Sekretärinnen beim Namen. Und wenn es ein Problem gab, konntest du einfach Berry Gordy rufen und er kam, und man sprach darüber. Und bei CBS, da gibt es Millionen von Angestellten, weltweit, und es war schwer, sich darauf einzustellen, so eine große Familie. Wenn man dort jemand brauchte, musste man lange Wege gehen. Du kanntest die Leute geschäftlich, aber nicht wie einen persönlichen Freund. Und Berry war zwar auch unser Manager, aber auch wie ein Vater, so ein Verhältnis hatten wir mit ihm.

Aber ich bekam auch mit der Zeit das Gefühl, mit CBS umzugehen, jeden zu kennen, es war so groß…OMG. (lacht)

Haben sich im Studio mit dem Wechsel von Motown zu CBS auch Dinge geändert?

Michael: Ich würde sagen, das war eine sehr spannende Situation, diese Zeit in meinem Leben, dieser Wechsel von Motown zu CBS. Es war eine ganz andere Welt, ich wusste nicht, was passieren würde, es passierte soviel, es war so spannend. Ich wusste nicht, was noch alles kam, und ich danke Gott, dass alles gut wurde. Wir gingen zu CBS und ich kannte dort niemand, alles was ich wusste war, was wir laut dem Vertrag zu machen hatten. Wir gingen ins Studio und gaben einfach unser Bestes, und sie dachten, Gamble & Huff sollten uns produzieren und wir machten ein paar gute Songs mit ihnen, wie ‘Show You The Way To Go’, das ein Hit wurde, oder auch (ähm)…’Enjoy Yourself’ (lacht…) soviele Lieder… Und wir waren ja schon solange in Studios und jetzt sagten sie uns, wir sollten unser eigenes Ding machen, es ist Zeit zum Schreiben, an der Zeit es selbst zu machen. Wir entschieden also, unsere Lieder selbst zu schreiben und zu produzieren, und das taten wir schließlich. Und wir mussten durch einiges durch, es gab so viele Leute, die nicht an deine Arbeit glauben, aber wir sagten, wir wissen, dass wir es können, und wir machten das Destiny Album, es bekam Doppelt Platin. Das hatte noch mehr Auswirkungen auf uns. Und ‘Shake Your Body’, das ein großer Hit wurde, wie auch ‘Blame It on The Boogie’. Wir waren wirklich glücklich und wir fanden es großartig, genau wie CBS.

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– Destiny Photoshoot –

Jeder war über das Destiny Album erfreut, aber abgesehen davon, dass es sich so gut verkaufte, wart ihr Jungs auch zufrieden damit, wie ihr es produziert hattet, oder dachtet ihr, ihr hättet es noch besser gekonnt?

Michael: Gut, ich dachte das bestimmt, und ich bin sicher, dass meine Brüder auch so dachten. Ich bin nie zufrieden mit etwas. Ich glaube sehr an Perfektion und ich bin einfach… ich bin nie zufrieden. Immer wenn ich eine Aufnahme gemacht habe und nach Hause komme, denke ich: „Oh nein, ich kann es nicht so lassen“, und ich gebe mich wieder daran, und wieder und wieder. Und wenn es dann Nr. 1 in den Charts ist, denke ich immer noch daran, was ich hätte (besser) machen können. Ich bin mit vielen Sachen noch lange nicht zufrieden. Es ist gut, zu versuchen alles auf diese Art zu perfektionieren, und ich will so bleiben, denn wenn du mit allem zufrieden bist, dann bleibst du auf dem Level und die Welt zieht an dir vorbei.

Hatte es mit The Wiz zu tun, dass du mit Quincy (Jones) zusammengekommen bist?

Michael: Ja, ich traf Quincy schon vorher, im Haus von Sammy Davies… und Sammy sagte ihm: “Dieser Typ ist wirklich…”, ich habe nicht so richtig aufgepasst, (was er sagte) und Quincy sagt “Tatsächlich?” und Sammy sagte: “Warte bis du ihn siehst und blablabla…” Also ich dort traf Quincy, ich wußte, er machte Soundtracks für TV Shows, Filme und für Sachen wie 12 Angry Men usw.. Aber das richtige Zusammentreffen mit Quincy, die wirkliche Verbindung, war das Wiz-Projekt, wir lernten uns wirklich kennen, es lief so gut mit uns. Ich rief ihn eines Tages an, und sagte: “Quincy, ich mache ein Album, ein Solo Album, ich habe die Songs geschrieben die ich aufnehmen möchte, aber ich will einen wirklich guten Produzenten, der mit mir zusammen arbeitet. Ich will es auch selbst produzieren, aber ich möchte jemanden, der das mit mir zusammen macht.” Ich sagte: “Kannst du jemand empfehlen?” Und ich hatte wirklich nie daran gedacht… als er sagte “Smelly” – er nannte mich Smelly – er sagte: “Smelly, warum lässt du mich das nicht machen?”

Und ich sagte: „Aahh… das ist eine großartige Idee!“ (lacht) und er sagte: „Ok, fangen wir an, nächste Woche setzen wir uns zusammen.“ Und wir begannen Pläne zu machen. So begann Off The Wall.

Rod Temperton als Songwriter zu nehmen, war das Quincys Idee?

Michael: Ich war auf Tour. Off The Wall zu machen dauerte so lange, weil wir nach England gingen, wir kamen zurück und ich ging ins Studio und arbeitete ein bisschen daran, dann war ich wieder auf Tour. An den Wochenenden flog ich hin, um wieder ein bisschen daran zu arbeiten. Und während ich unten im Süden, in Louisiana war, rief Quincy mich an und sagte mir: “Michael, ich habe hier diesen Jungen, Rod Temperton, ich weiß nicht, ob du schon von ihm gehört hast, aber du kennst bestimmt seine Arbeit, du hast bestimmt schon was von Heatwave gehört.” Natürlich hatte ich schon was von Heatwave gehört, ‘Boogie Nights’, ‘Always And Forever’, etc. Er sagte: „Er schreibt was für dich, warte, bis du es gehört hast.“ Ich sagte: „Ok, ich kann es kaum erwarten.“ Also schickte er mir ein paar Aufnahmen und ich flippte aus darüber, über seine Stimme. Rod hasst seine Stimme, er denkt sie ist furchtbar, und er sang diese Lieder, ‘Rock With You’, ich sagte, oh Gott, die sind großartig, und ich nahm sie auf. So kam es dazu – und es sind großartige Lieder. Erst letzte Woche habe ich ihn getroffen, er arbeitet gerade an Sachen für George Benson.

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– Michael und Quincy Jones –

Wie war bei den Aufnahmen, die ihr machtet, die Arbeit zwischen dir und Quincy verteilt?

Michael: Die Lieder, die ich geschrieben hatte, machte ich selbst. Ich schrieb die Musik und den Text und machte das alles. Aber Quincy und ich produzierten es zusammen. Und bei den anderen Songs war ich manchmal dabei und manchmal war ich nicht dabei. Ich sagte ihm, wie es sein sollte, wir arbeiteten zusammen. Und das ist, was ich an der Arbeit mit Quincy liebe, er ist kein egoistischer Mensch und er ist grenzenlos musikalisch, egal was du willst, er kann es: Jazz, Folk, Pop, Klassik, Soul, Gospel, alles… Renaissance Musik, Zirkus Musik. Er hat die Erfahrung von seinen Film-Soundtracks, er weiss wie man Dramatik erschafft… und mein Album enthält einiges von diesen Dingen, und es war einfach ein wunderbares Arbeiten mit ihm. Der Paul McCartney Song… Paul McCartney war nicht anwesend, aber er wusste, wir waren im Studio und er schrieb das extra für mich – ‘Girlfriend’.

So auch der Song von Stevie Wonder, den er für mich schrieb, ‘I Cant Help It’. Ich war einfach so glücklich, mit so wunderbaren Leuten zusammen zuarbeiten, ich liebe diese Professionalität, Leute die auf ihrem Arbeitsgebiet unbeschreiblich sind. Und genau so will ich weiter machen, zusammen mit diesen Leuten wachsen und Erfahrungen sammeln, all das. Ich denke, das ist großartig.

Wenn du im Studio bist, musst du dich für die Vokals besonders vorbereiten?

Michael: Nein, ich mache die Vokals ziemlich schnell, manchmal muss ich mich erst in das Lied einfühlen, die richtige Stimmung haben. ‘Ben’ zum Beispiel sang ich in einer Aufnahme, ich stieg gleich richtig ein. Und ich fragte: „Soll ich noch eine machen?“ Und der Typ sagte: „Nein, nein! Das war fantastisch!“ Und ich sagte: „Wirklich?“ Und so kam es zu dieser Aufnahme. Aber ich machte zwei Versionen von ‘Ben’. Die, die man im Film hört, war eine andere Version. Ich vergesse auch nie die Apfelkiste, auf der ich stand, weil ich nicht ans Mikrofon kam und mein Name war darauf geschrieben. Sie ist jetzt im Haus von Diana Ross, sie hat auch all meine Kritzeleien aufgehoben, alles was ich schrieb und zeichnete.

Was magst du mehr, im Studio zu sein, oder auf der Bühne?

Michael: Das ist eine schwierige Frage, denn ich bin verrückt nach beidem. Das Studio eröffnet dir die Möglichkeit, auf der Bühne zu sein …aber ich denke, die Bühne ist doch mein Favorit, ich geniesse es einfach, zu unterhalten, es ist das Beste, wirklich das Beste.

Ist es ein Problem, im Studio etwas ruhiger zu sein?

(Janet: ja, ich glaube schon!)

Michael: Ja, das ist mein Problem, ich tanze herum… es ist schwer, still zu halten und sich nicht vor dem Mikro herum zubewegen, das ist ein großes Problem für mich, auch jetzt hier.

Arbeitest du hart an deinem Tanzen?

Michael: Nein, ich sollte, aber ich mache es nicht. Was ihr von mir seht, ist eine spontane Reaktion, auf der Bühne, es ist nichts geplantes, es ist nichts, über das ich mir viele Gedanken gemacht habe, es passiert einfach, durch fühlen.

Hast du eine Erklärung dafür, wie es kommt, dass die Menschen das fühlen, was du fühlst wenn du singst?

Michael: Dafür gibt es keine wirkliche Erklärung, das hat nichts mit persönlichen Erfahrungen zu tun, wenn ich es tue… es entsteht durch die Handlung …durch meinen Gesang. Es ist nur… ich sage es so einfach, wie ich kann, es kommt von Gott, wirklich.

Ich habe es schon einmal gesagt, als ich klein war, habe ich nicht gewusst, was ich tat, ich habe einfach gesungen und es kam einfach heraus, und klang ziemlich gut. Ich mache das einfach und dann geschieht es. Ich kann es nicht erklären. Manche Leute nennen es Talent oder wie auch immer. Es gibt keine Erfahrung, die es beeinflusst, es kommt einfach aus dem Gefühl heraus und von Gott, hauptsächlich von Gott.

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– Michael on stage –

Vergleichst du dich als Sänger mit Smokey Robinson?

Michael: Das wäre schön, denn Smokey hat eine große Zuhörerschaft. Das ist wirklich schwer für mich, das zu sagen, denn ich akzeptiere immer, was das Publikum daraus macht, denn ich mache es für sie. Ich glaube wirklich, dass ich aus einem bestimmten Grund hier bin, und dass es mein Job ist, zu performen, für die Menschen und wenn sie das mögen, bin ich geehrt, sie heben mich auf ein Podest, und ich fühle mich gut, aber ich selbst kann nicht sagen, ich bin so gut wie Smokey.

Hat Smokey oder jemand anders dich beeinflusst?

Michael: Ja. Wenn ich von 100% ausgehe, dann würde ich sagen, 50% war es Motown, mit Motown aufzuwachsen. Und viele Prozentpunkte gehen an James Brown, Jackie Wilson und an all diese großen Entertainer, und an die Zeit, die wir in den Theatern spielten, wir spielten da so lange, das ist die beste Erfahrung der Welt, einfach dort zu sitzen und zu lernen. Jetzt mag ich jede Art von Musik, alle möglichen Leute, ich liebe die Beatles, ich liebe Folk, Earth Wind and Fire, Stevie Wonder, mein wirklicher Favorit, ich mag alle Arten von Musik. Ich hasse es, in Kategorien ein zuteilen: Das ist Pop, Jazz… Ich mag das nicht, es ist Musik, es ist ein Wunder für die Ohren und das ist, was zählt. Wenn du jemand mit Musik berühren kannst, das macht mich glücklich, das genieße ich.

Viele Leute in der Musikindustrie “verbrennen” innerhalb von zehn Jahren. Wie siehst du die Weiterentwicklung deiner Karriere?

Michael: Ich glaube daran, dass es mein Schicksal ist, auf meinem Weg zu bleiben und ihm zu folgen. Ich fühle mich auch zum Filmen hingezogen, zum Regie führen, zu Musicals, Drama, all das, das ist mein Schicksal, Filme zu choreografieren, die Musik zu schreiben. Musicals, Drama, großes Drama mit Musik…

Viele Leute sind überexponiert, man ist von ihnen gesättigt. Ich bete, dass das nie mit mir passiert, ich möchte nicht überall sein, im TV, Ich werde leicht verlegen im Fernsehen. Ich genieße die Bühne, mehr als alles andere, auf der Bühne sein, aber nicht im Fernsehen. (lacht)

Wie empfindest du es, wenn die Leute dein Album als “Disko” bezeichnen?

Michael: Wie ich schon zuvor sagte, ich hasse dieses Etikettieren, es ist einfach Musik. Ich sehe aber auch nicht schlechtes an “Disko”. Jeden Freitag und Samstag Abend ist Kalifornien voll, jeder Club, jede Disko ist überfüllt, die Leute arbeiten die ganze Woche, sie wollen feiern, sie wollen tanzen. Und tanzen muss man zu einem Rhythmus, zu einem Beat, du kannst nicht zu “danananana” tanzen. Nenn’ es Disko oder sonst wie, es ist Musik. Und wenn es jemand meint, es etikettieren zu müssen, ok…

Würdest du “Never Can’t Say Goodbye” Disko nennen? Würdest du „Ben“ Disko nennen? Würdest du “She’s Out Of My Life” Disko nennen? “Off The Wall”? „Rock With You“? Ich weiß nicht, für mich ist es einfach Musik. Es ist wunderschön für das Ohr, und das zählt. Das ist, wie wenn du einen Vogel hörst: “Das ist eine Blaumeise” und “das ist eine Krähe”. Es hört sich einfach schön an, und das ist was zählt. Es ist schön, wenn man zuhört und sie ansieht, wie sie am Himmel dahinziehen, es ist einfach schön. Das ist etwas lästiges an den Menschen, sie kategorisieren immer alle zuviel, sie teilen immer zu schnell ein, es sollte alles als ein Ganzes betrachtet werden.

Deshalb sprechen wir soviel von dem Pfau. Der Pfau ist der einzige Vogel, der alle Farben in sich vereint hat. Und das ist das Hauptziel von Musik, einfach alle Rassen zu einer Einheit zu integrieren, und das machen wir. Bei unseren Konzerten sehe ich dann all die verschiedenen Menschen und sie strecken die Hände hoch und halten Kerzen und lachen und tanzen. Das vollendet für mich alles, das ist die größte Ehre für mich, mehr als Geld. So viele Menschen zusammen zubringen und das zu erreichen, das macht mich glücklich. Die Kinder, die Erwachsenen, die Großeltern zu sehen, wie sie tanzen. Alle Farben, das ist das großartige, das treibt mich an.

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Übersetzung: M.v.d.L.

Ralph Chacon, Kassim Abdool und Adrian McManus

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English: https://themichaeljacksonallegations.com/2016/12/26/the-prosecutions-witnesses-ralph-chacon-kassim-abdool-and-adrian-mcmanus/

Die sogenannten “Neverland 5” waren eine Gruppe von fünf ehemaligen Angestellten Jacksons (Kassim Abdool, Ralph Chacon, Adrian McManus, Sandy Domz und Melanie Bangall), die Jackson in den 90er Jahren wegen angeblicher ungerechtfertigter Kündigungen verklagten. Drei dieser fünf Leute – Abdool, Chacon und McManus – sagten in Jacksons Prozess 2005 für die Staatsanwaltschaft aus, um deren Fall der „früheren bösen Handlungen“ zu unterstützen. Sie behaupteten, dass sie Jackson während ihrer Arbeit in Neverland (1990/1991 bis 1994) dabei beobachtetet hatten, wie er sich Kindern gegenüber unangemessen verhalten hätte. Der ehemalige Sicherheitsbedienstete Chacon behauptete, dass er einmal Zeuge davon wurde, wie Jackson Jordan Chandler sexuell belästigt habe [1]. Der ehemalige Sicherheitsbedienstete Abdool, der mit Chacon in der selben Schicht gearbeitet hatte und sich selbst als Chacons Freund beschrieb, erhob diese Behauptung nicht, unterstützte allerdings Chacons Unterstellungen, in dem er behauptete, er hätte auch ein paar der Unangebrachtheiten beobachtet, von denen Chacon behauptet hatte, sie bezeugt zu haben [2]. Das ehemalige Dienstmädchen McManus behauptete, sie hätte beobachtet, dass sich Jackson gegenüber Jordan Chandler, Brett Barnes und Macaulay Culkin unangebracht verhalten habe [3]. Keiner dieser Leute hatte zu dem Zeitpunkt, als die vermeintlichen Belästigungen und Unangebrachtheiten angeblich stattfanden, Anzeige erstattet oder auch nur erwähnt, was sie vorgeblich gesehen haben. Diese Geschichten tauchten erstmals im Frühjahr 1994 auf – mehr als ein halbes Jahr nachdem der Chandler Skandal publik wurde.

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Adrian McManus

Tatsächlich sagte Adrian McManus im Zivilverfahren Chandlers am 7. Dezember 1993 unter Eid aus, dass sie niemals irgendein unangebrachtes Verhalten oder irgendeine Form sexuellen Verhaltens von Jackson gegenüber Jordan Chandler oder irgendeinem anderen Kind beobachtet hat. Sie sagte sogar, sie vertraue Jackson so sehr, dass sie kein Problem damit hätte, ihren Sohn mit Jackson alleine zu lassen. Als Jacksons Anwalt Thomas Mesereau sie 2005 mit ihrer eidesstattlichen Erklärung von 1993 konfrontierte, behauptete McManus einfach, sie hätte 1993 in dieser Aussage unter Eid nicht die Wahrheit gesagt. [3]

Chacon und Abdool erhoben erstmals Vorwürfe gegen Jackson, als sie von der Staatsanwaltschaft vor die beiden Grand Jurys geladen wurden, die im Frühjahr 1994 einberufen wurden, um die Unterstellungen gegen Jackson zu prüfen. Abdool erschien vor der Grand Jury in Los Angeles und Chancon erschien vor der Grand Jury in Santa Barbara. Zu diesem Zeitpunkt behaupteten sie passender Weise auch das erste Mal, dass sie sich gegenseitig anvertraut hatten, was sie angeblich beobachtet hatten, obwohl sie in derselben Schicht gearbeitet hatten und Freunde gewesen sein sollen. Davor hatten sie niemals irgendjemandem gegenüber erwähnt, irgendein Fehlverhalten Jacksons beobachtet zu haben. Tatsächlich unterschrieb Abdool am 13. Jänner 1994 eine Stellungnahme für Jacksons Vertreter, wo er aussagte, Jackson niemals dabei gesehen zu haben, irgendein Kind in einer sexuell unangebrachten Art berührt zu haben oder in irgendeiner Weise, die als sexuell ausgelegt werden könnte. [2]

Chacon und Abdool änderten ihre Geschichten und brachten erstmals Behauptungen über Unangebrachtheiten und Kindesmissbrauch zur Sprache, als Chacon vom Bezirksstaatsanwalt Thomas Sneddon und dem Kriminalbeamten Russ Birchim für den Chandler Fall befragt wurde. Zu dieser Zeit bat Chacon Birchim um Geld, um seiner Frau bei einem Umzug zu helfen. Birchim übergab das Geld und den Waffenschein, den Chacon ebenfalls verlangte. [3] Jacksons Anwalt Thomas Mesereau befragte Chacon dazu in Jacksons Prozess 2005. Zuerst sagte Chacon, er könne sich nicht daran erinnern, aber als Mesereau ihm eine Niederschrift seiner eidesstattlichen Aussage zeigte, räumte er seine frühere Aussage langsam ein und erklärte, dass es „wahrscheinlich“ passierte. Als er nach dem Kreuzverhör von Sneddon weiter befragt wurde, erinnerte sich Chacon plötzlich klar und deutlich an alles. Sneddon unterbrach ihn allerdings schnell und sagte „das ist nicht wichtig“.

F. Sie haben angegeben, dass Sie Wachtmeister oder jetzt Kommandeur Birchim um Geld gebeten hätten für Ihre Frau –

A. Jawohl.

F. – erinnern Sie sich? Können Sie sich erinnern, warum?

A. Jawohl.

F. Warum?

A. Nun, die Schwägerin meiner Frau starb gerade und –

F. Es ist schon gut. Ich ziehe die Frage zurück. Das ist okay. Es ist nicht wichtig. [1]

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Ralph Chacon

Im Prozess teilte Chacon mit, dass er gegen Ende seiner Beschäftigung bei Jackson Konflikte mit den persönlichen Bodyguards des Stars (Office of Special Services (OSS)) hatte, weil sie laut ihm seine Arbeit gestört hatten. Chacon gab zu, dass er und Abdool verärgert und frustriert waren, weil sie herausgefunden hatten, dass einem neuen Sicherheitspersonal Jacksons mehr bezahlt wurde als ihnen. [1]

Im Zuge seiner Aussage wurde auch aufgedeckt, dass Chacon 1994 in finanziellen Schwierigkeiten steckte, da er wegen einer verlorenen Klage Geld bezahlen musste. Obwohl Dokumente gezeigt wurden, um das zu beweisen, behauptete Chacon, sich nicht an diese Gerichtsentscheidung erinnern zu können. [1] Jacksons Anwalt Thomas Mesereau deckte des Weiteren auf, dass Chacon Geld in Form von Kindesunterhalt schuldete und seine Miete nicht bezahlt hatte. Er prahlte allerdings vor seiner Vermieterin Linda Allen, dass er mit einer Klage gegen Jackson Millionen gewinnen würde und sogar in einem Mercedes 450 herumfahren könnte. Chacon bestritt diese Aussagen. [1]

Kurz danach wandten sich Abdool und Chacon (McManus kam später dazu) an den Zivilrechtsanwalt Michael Ring, der am 2. Dezember 1994 in ihrem Namen eine Zivilklage gegen Jackson und weitere Angestellte des Stars einbrachte und 16 Millionen Dollar Schadenersatz forderte (letztendlich klagten alle fünf Leute der „Neverland 5“ Gruppe). Sie behaupteten, dass sie während ihres Beschäftigungsverhältnisses schikaniert und eingeschüchtert wurden, was zu seelischer Belastung und verschiedenen medizinischen Problemen führte und sie „emotional schwer beschädigt“ und arbeitsunfähig machte. Sie behaupteten auch, dass sie von Jackson zu Unrecht gekündigt wurden. Jackson reichte eine Gegenklage ein und schließlich wurden Chacon und McManus für schuldig befunden, Jacksons Eigentum gestohlen zu haben. [1] [2] [3]

In dem Zivilprozess wurde über die „Neverland 5“ und deren Anwalt eine Strafe von 66.000 Dollar verhängt, weil sie während ihrer eidesstattlichen Erklärung und im Zeugenstand gelogen und Ermittlungsverstöße begangen hatten (z.B. das Verbergen von Beweisen vor Jacksons Anwälten). Richter Zel Canter, der Vorsitzende des Zivilprozesses, verließ den Richterstuhl, nachdem er erklärte, er sei angewidert. [4] Die Jury wies die Klage wegen ungerechtfertigter Kündigung gegen Jackson zurück und verurteilte die Neverland 5 dazu, ihm Schadenersatz zu zahlen. Das Gericht entschied auch, dass die Kläger für die Anwaltshonorare und Kosten im Wert von 1,4 Millionen Dollar aufkommen müssen. Bis zum Zeitpunkt ihrer Aussagen 2005 hatte keiner von ihnen Jackson Schadenersatz gezahlt. Laut seiner Zeugenaussage meldete Chacon nach dem Urteil im Zivilprozess Insolvenz an. [1] [2] [3]

Chacon leugnete im Zeugenstand während dem Prozess 2005, dass er irgendetwas über den Geldbetrag wusste, den sein Anwalt im Zivilprozess von Jackson forderte. Dokumente aus der damaligen eidesstattlichen Erklärung Chacons zeigen allerdings, dass er nicht nur von den 16 Millionen Dollar wusste, die von dem Entertainer gefordert wurden, sondern dass er sogar einmal gesagt hat, 16 Millionen Dollar seien nicht genug. Später im erneuten Kreuzverhör gab Chacon zu, dass er wusste, wie viel Geld bei der Klage verlangt wurde. In einer eidesstattlichen Aussage sagte er auch, dass Jackson für den Rest seines Lebens bezahlen sollte. [1]

Vor ihrer Klage in den 90er Jahren kontaktierten die Neverland 5 unter der Leitung ihres Anwaltes Michael Ring den Boulevardbroker Gary Morgan von der Splash News and Picture Agency, um verleumderische Geschichten über Jackson und Kinder und Jackson und seine damalige Frau Lisa Marie Presley zu verkaufen. Morgan arrangierte Interviews mit Magazinen wie The Star und Fernsehprogrammen wie Inside Edition. [1] [2] [3] Laut McManus’ Zeugenaussage von 2005 erhielten sie 32.000 Dollar oder mehr für ihre Geschichten und fast alles davon ging an Ring, um ihren Zivilprozess zu finanzieren, von dem sie sich Millionen Dollar erhofften. [3] Chacon gab zu, dass sie auch mit einem bestimmten Journalisten – Victor Gutierrez – sprachen, bevor sie sich an The Star wandten. [1] Abdool sprach ebenfalls über diesen Kontakt; er gab an, sich einmal mit Gutierrez getroffen zu haben und eine zwei- bis dreistündige Unterhaltung mit ihm gehabt zu haben. [2] McManus sagte aus, dass Gutierrez „dabei war, zu versuchen, uns mit unserer Klage zu helfen“. [3] Warum diese Verbindung bedeutsam ist, wird in dem Artikel über Victor Gutierrez und seine Rolle in den Unterstellungen gegen Michael Jackson erläutert.

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Kassim Abdool (Link zum Bild)

Abdool behauptete im Zeugenstand, dass er, Chacon und McManus ihre Geschichten nicht diskutiert und abgestimmt hatten, bevor sie diese an Boulevardblätter verkauften. Dem wurde allerdings in Chacons Zeugenaussage widersprochen, wo dieser zugab, dass sie in Rings Büro Entwürfe für ihre Geschichten machten, die sie an die Boulevardblätter verkaufen würden. [2] [3]

Neben dem verdienten Geld gab es einen weiteren Zweck für diese Interviews und die Behauptungen der Neverland 5, Jackson in unangemessenen Situationen mit Kindern gesehen zu haben: ihn unter Druck zu setzen und zu versuchen, ihn dazu zu bringen, den Fall außergerichtlich zu begleichen. Obwohl Chacon 2005 in Jacksons Prozess behauptet hat, dass er nichts über solche Taktiken wusste, gab er zu, dass es ihn nicht überraschen würde, wenn das der Fall gewesen wäre.

FRAGE VON MR. MESEREAU: Wussten Sie zu der Zeit, als Sie, Mr. Abdool, Ms. McManus und ihr Anwalt sich an ein Boulevardblatt wandten, um eine Geschichte über Mr. Jackson zu verkaufen, ob ihr Anwalt versuchte, Geld von Mr. Jackson auszuhandeln oder nicht?

A. Nein, Sir.

F. Wissen Sie, ob ihr Anwalt versucht hatte, Mr. Jackson unter Druck zu setzen, in dem er mit schlechter Publicity drohte?

A. Nein, Sir.

F. Haben Sie jemals gehört, dass irgendetwas dergleichen vor sich ging?

A. Nein, Sir.

F. Okay. Wenn das passiert wäre, wären Sie schockiert gewesen, richtig?

A. Wahrscheinlich nicht, Sir.

F. Wahrscheinlich nicht?

A. Ich schätze nicht, nein. [1]

Eine der Beschwerden, die Chacon 1995 in der Klage gegen Jackson vorbrachte, war, dass Jackson ihm seelisches Leid zufügte, weil er „ihn die ganze Zeit anstarrte“. [1] Deshalb behauptete er, Anspruch auf Schadenersatz gehabt zu haben. Als sich seine Behauptung als falsch herausstellte, fragte ihn Jacksons Anwalt Tom Mesereau, warum er das gesagt hatte, wenn es nicht stimmte. Chacons Antwort war: „Ich schätze, einfach nur so“. [1]

Während dem Zivilprozess in den 1990er Jahren sagte eine weitere Angestellte Jacksons, Francina Orosco, aus, dass McManus sie bat zu behaupten, dass sie beobachtet hätte, wie ein männlicher Angestellte Jacksons McManus sexuell belästigt habe. Orosco sagte auch aus, dass sie McManus während ihres Beschäftigungsverhältnisses zu Hause besucht hatte, wo McManus ihr einen Raum voller Armbanduhren, Postern, Uhren, Sonnenbrillen, T-Shirts, Wäschekörben voller Kleidung Michael Jacksons und anderen Gegenständen zeigte, die sie von Neverland gestohlen hatte. Es wurde auch herausgefunden, dass McManus eine Zeichnung von Jackson gestohlen hatte, die er von Elvis Presley gemacht hatte und für 1000 Dollar an Gary Morgan von Splash verkauft hatte. [3]

Es wurde auch bekannt, dass McManus und ihr Mann in einem früheren Verfahren angewiesen wurden, jeweils 17.000 Dollar zu zahlen. In diesem Verfahren wurde ermittelt, dass sie Geld gestohlen hatten, welches minderjährigen Verwandten von McManus zustand. Sie betrogen Shane und Megan McManus, einen Neffen und eine Nichte von Adrian McManus, vorsätzlich und boshaft um ihr Geld. Sie wurden von Rosalie Hill, dem Vormund der Kinder, verklagt. Richter Richard A. St. John stellte fest, dass das Geld in dem Trust für die Unterstützung dieser beiden Kinder bereitgehalten wurde und dass McManus und ihr Mann diese Gelder vergeudeten. [3] [4]

Quellen:

[1] Ralph Chacons Zeugenaussage in Michael Jacksons Prozess 2005 (7. April 2005)

[2] Kassim Abdools Zeugenaussage in Michael Jacksons Prozess 2005 (25. April 2005)

[3] Adrian McManus’ Zeugenaussage in Michael Jacksons Prozess 2005 (7-8. April 2005)

[4] Ergänzender Schriftzsatz zur Unterstützung des Einspruchs zu dem Antrag des Bezirksstaatsanwalts für die Zulassung angeblicher früherer Vergehen (25. März 2005)
http://www.sbscpublicaccess.org/docs/ctdocs/032505suppopp1108.pdf

Michael in den Palms Studios, Las Vegas, 2007-2009

Bevor die Palms Studios 2005 eröffneten, kamen nur wenige Musiker nach Las Vegas um dort zu arbeiten. Es gab bereits einige andere in der Musik-Industrie etablierte Städte, “Sin City” bot lediglich eine Ausweichmöglichkeit, einen Ort, an dem man Party machen konnte.

Dann griff sich George Maloof, der Besitzer des Palms, die Musik-Industrie Veteranin Zoe Thrall, die einst die New Yorker Studios The Power Station und The Hit Factory managte, um das Studio zu leiten und sicher zu stellen, dass es erfolgreich würde.

Sechs Jahre später liest sich die Kundenliste des Studios wie die Billboard 100 Charts. Man braucht nur eine Minute, um vom Palms Casino ins Studio zu kommen. Trotzdem wussten Touristen und Einheimische nie, dass sie nur durch ein paar Wände von dem verschwiegenen Palms-Studio entfernt waren, wo Britney Spears, Alicia Keys, Dave Matthews, Maroon 5 und ein ständiger Strom von Stars Tag und Nacht neue Musik schrieb.

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Studio X (in dem Michael aufnahm), The Studio at The Palms, Las Vegas

Das Studio ist so versteckt, dass über die Jahre sogar Michael Jackson einige Sessions im hektischen Palms aufnahm, ein paar Wochen am Stück, klammheimlich. Michaels kreatives Verhältnis zu dem Studio in Las Vegas geht zurück bis 2007, als er den R&B Sänger Ne-Yo traf um Musik aufzunehmen, die bisher immer noch unveröffentlicht ist.

Michael entwickelte Stücke am Keyboard und sang. Am Ende jeden Tages wurde seine Musik auf ein tragbaren Hard Drive Band gespielt und in einen Safe geschlossen, zu seinem Schutz wurde sie von den Studio Computern gelöscht.

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Fuzzy, Michael, Will.I.Am und Big Boy

Am 11 Januar 2008 kamen die Radio Moderatoren Big Boy und Fuzzy nach Las Vegas um Musik von einem Künstler anzuhören. Sie wussten nicht, dass sie Michael Jackson treffen würden. Der King Of Pop war im Studio, mit seinem Sohn Blanket, Will.I.Am und Peter Lopez. Michael lies sie eine Probe von der Thriller 25th Anniversary Edition anhören.

Michael kam herein, bekleidet mit schwarzen Jeans und einem Seidenhemd und schwarzer Leder Jacke – keine Maske oder verrückte Verkleidungen. Seine Kids waren mit dabei.

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Michael & Big Boy, im Studio X

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Michael & Fuzzy im Studio X

Eines der erfolgreichsten Werbe Highlights des Super Bowl XLII war die Premiere des “Thrillicious” PepsiCo Inc. Soble Live Water-Spot“, in dem Naomi Campell und animierte Eidechsen mitspielen, die eine Reihe von wild choreografierten Dancemoves zu Michael Jacksons Thriller tanzen.

Während seines dritten Besuchs traf Michael sich mit den Künstlern, die den „Thrillicious Soble Live Water-Spot“ bearbeiteten. Es war in diesem Studio, wo Michael ein paar Thriller Schritte tanzte um den Animateuren zu zeigen, wie sich die Hälse der Eidechsen noch präziser bewegen sollten, um noch näher an das berühmte Video heranzukommen.

“Hold My Hand” mit Akon wurde zuerst im Sommer 2008 im Palms Studio aufgenommen. Der Präsident des Palms, George Maloof, bestätigte gegenüber Vegas de Luxe, dass es wirklich Michael ist und dass das Duett mit Akon aufgenommen wurde, während Michael heimlich im Palms war.

“Ich bestätige auch, dass Michael Musik-Tracks aufnahm, während er fast 4 Monate im Palms Studio war, weil ich ihn zu der Zeit im Wing Lee im The Wynn traf (Chinesisches Restaurant im Hotel The Wynn in Las Vegas), zusammen mit Kenny Ortega und dem britischen Musikmogul Simon Fuller”.

Ortega, Michael, Robin Leach

Ortega, Michael, Robin Leach (von Vegas De Luxe)

MJ und Simon Fuller

Kenny Ortega, MJ und Simon Fuller

Zoe teilte Vegas De Luxe auch mit: “Als ich von New York nach Las Vegas umzog, dachte ich, ich würde Michael nie mehr treffen. Er war wirklich in einer produktiven Periode in dieser Zeit im Palms, ich werde diese Zeit für immer zu schätzen wissen. Wir sind auch stolz darauf, ein Teil von Hold My Hand zu sein, mit Michael und Akon. Wenn er hier war, wussten alle im Studio, dass wir Teil von etwas waren, das mehr als “cool” war.“

Michael benutzte das Studio auch während zwei Wochen im Herbst 2008 und Anfang 2009.

Als Studio Direktorin des Palms Studios sagte Zoe Thrall in einem Interview für eine Episode von “Our Metropolis”, dass Michael Jackson im Studio war und an den Komponenten für die Aufnahmen seiner großen Comeback Bemühungen arbeitete, die so tragisch mit seinem Tod im Juni endeten:

“Wir hatten das Vergnügen, dass Michael unser Studio beehrte, mehrere Wochen lang, zu verschiedenen Zeiten. Er war im Februar 2009 hier und etwa 6 Monate zuvor. Er nahm neue Musik auf… Ich glaube da ist einiges, denn er nahm auch in seinem Haus, hier in Las Vegas auf.“

Der Aufenthalt im Palms

Michael wollte mit seinen Kindern Prince, Paris und Blanket in dem Hotel wohnen, natürlich wollte er für seine Familie völliger Privatsphäre. Die schönste und sicherste Unterkunft, die Maloof bieten konnte war die Hugh Hefner Suite im Fantasy Tower. Die Villa war wunderschön, großzügig und sicher. Vor der Tür wurde rund um die Uhr Security platziert, und niemandem wurde gesagt, wer in der Suite wohnte. Niemand hätte geahnt, dass Michael Jackson und seine Kinder dort sein würden. Aber es gab ein kleines Problem – man könnte es mit “Künstlerische-Geschmackunterschiede” umschreiben.

Als Michael Maloof einlud, auf einen Kaffee vorbeizukommen, sah die Suite ganz anders aus. “Er hatte alle Akt-Bilder an den Wänden abgedeckt, mit Papier und Klebeband”, erinnert sich Maloof. “Es war wegen der Kinder, er wollte nicht, dass die diese Bilder ansehen.”

Hugh Hefner sky villa

Zimmer in der Hugh Hefner Sky Villa

Maloof half dann Michael auch dabei, in eine zwei stöckige Villa genau unter der Hefner Suite umzuziehen. Es waren nur Michael und die Kinder da. “Es konnte uns niemand dabei helfen, weil sonst niemand wußte, dass er im Hotel war. Er hatte Probleme mit dem Security Guard, und er wurde am zweiten Tag an dem er da war, gefeuert. Es waren also nur wir, die all seine Sachen die Treppen hinunter trugen – er wollte nicht den Aufzug benutzen, und riskieren, dass ihn jemand sieht,” sagt Maloof.

Michael blieb ein paar Tage in dieser Suite, bevor er wieder umzog, da diese Suite lange im Voraus von einer Gruppe reserviert worden war, die noch 300 andere Zimmer reserviert hatte. Ohne sich zu beschweren zog Michael ein weiteres Mal um, in eine andere Sky Villa Suite, wiederum einen Stock unter dieser.

“Das war hart, der zweite Umzug war schwerer als der erste, denn sie hatten noch mehr Sachen dabei – aber er verstand unsere Situation.”

Anmerkung: Zu diesen „noch mehr Sachen“ gibt es eine Geschichte im Buch „Remember The Time“, von Bill Withfield und Javon Beard, die genau über diese Zeit im Palms, nach dem Umzug aus der Hefner Sky Villa schreiben:

Der ebay-Account, den Mr. Jackson eingerichtet hatte, lief auf meinen Namen, und immer wenn er etwas bestellte, lieferte man es an meine Adresse. Ich rief ihn an, um ihm Bescheid zu sagen, dass seine Sendung da sei. Er war total aufgeregt und bat mich, sie ihm gleich rüber zu fahren.

Ich fuhr ihm die Kartons rüber zum Palms und besorgte mir einen Gepäckwagen, um sie ihm aufs Zimmer zu bringen. Ich schaffte sie rein und Mr. Jackson meinte: „Super, super!“ Wir holten ein Messer und begannen die Kartons zu öffnen. Wir machten den ersten auf und es war nichts weiter drin als ein paar Beine, wie die einer lebensgroßen Schaufensterpuppe. Sie waren in etwa porzellanfarben und steckten in roten Schuhen. Merkwürdig. Dann öffneten wir den zweiten Karton. In dem war ein Oberkörper, dem Flügel aus dem Rücken wuchsen. Ich holte das Ding heraus und dache mir: Was? Das sieht ja aus wie Tinker Bell. Aber das ist wohl nicht möglich, Tinker Bell ist winzig, und das Teil hier ist riesengroß. Dann machten wir die dritte Box auf. Tatsächlich, Mann. Tinker Bell. Wir setzten das Teil zusammen, und dann stand ich da und guckte zu einer über zwei Meter großen Tinker Bell hoch. Er war total weg. Er wollte die Figur an einer ganz bestimmten Stelle im Raum haben. „Das ist super!“, meinte er immer wieder. „Das ist so was von super!“

Michael Jackson war länger Gast im Palms als Maloof gedacht hätte, er blieb etwa 4 Monate.

“Es war sehr geheimnisvoll. Keiner wusste, dass er da war. Erst jetzt, wo die CD rauskommt (Michael) reden wir darüber. Aber wir wollen, dass die Leute wissen, dass er viel hier im Palms gearbeitet hat. Sich jetzt an all das zu erinnern, ist seltsam. Michael war so respektvoll, und die Kinder auch,” sagt Maloof.

Einen Monat später, an Weihnachten, bekam Maloof einen Anruf von dem Star. Nachdem er Maloof Frohe Weihnachten gewünscht hatte, hielt Michael den Hörer hoch und seine Kinder sangen für Maloof “Merry Chrismas”.

…………………………………

Übersetzung: M.v.d.L.

Source: the original link to mjjunderground.com seems to be broken – but here’s another link where you can find an english and spanish version – but  you have to scroll down quite a bit: http://tributomj.com/blog01/tag/lizards/  (Michael worked in secret at Palms studio)

(http://boards.mjjunderground.com/topic/2…medium=twitter#)

Eher wie eine Filmszene, Teil 1

by

Link zum Original: More Like a Movie Scene, part 1

Post vom 16/04/2015

Willa: Vor wenigen Wochen hatte ich mit Raven Woods eine wunderbare Diskussion (Ich bin der eine, der auf der Tanzfläche im Kreis tanzen wird) über Michael Jacksons Konzertdarbietung von Billie Jean. Diese Woche bin ich hoch erfreut, dass mir Nina Fonoroff Gesellschaft leistet, um mit mir über den Kurzfilm Billie Jean und Michael Jacksons Nutzung von Film Noir [franz. für „schwarzer Film“] zu sprechen. Nina ist Dozentin der Filmkunst, eine unabhängige Filmemacherin und eine Künstlerin, die Inspiration von Michael Jackson bezogen hat – zum Beispiel in einer Serie von Collagen, die sie von ihm geschaffen hat. Und im Zuge der Zusammenstellung des Materials für ihre Collage hat sie mehr als 35 000 Aufnahmen von ihm gesammelt. Wow! Dankeschön, dass Du da bist, Nina.

Nina: Danke, Willa! Ich freue mich, die “Anatomie” von Billie Jean zu erkunden!

Willa: Oh, ich auch! Ich wollte mich jetzt seit fast vier Jahren eingehend mit Billie Jean auseinandersetzen, aber ich fühlte mich davon irgendwie eingeschüchtert. Deshalb schätze ich Deine Vorreiterrolle wirklich.

Wir planen heute also, gezielt über Billie Jean zu sprechen und allgemein über Michael Jacksons Einsatz von Film Noir in einer Reihe seiner Filme und es scheint, wir sollten damit beginnen zu definieren, was genau „Film Noir“ bedeutet. Doch um ehrlich zu sein, bin ich mir darüber nicht ganz im Klaren. Was macht ein Werk zu Film Noir? Sind es die Charaktere (ein hartgesottener Detektiv, eine Verführerin, ein krimineller Drahtzieher wie Mr. Big in Moonwalker) oder die Szenerie (rau, urban, 1940er oder 50er Jahre) oder die Art und Weise, in der es gefilmt ist (wunderschön gerahmte schwarz-weiß Szenen mit vielen Schatten). Oder ist es etwas anderes – eine Stimmung oder ein Gefühl?

Nina: Großartige Fragen, Willa. Filmwissenschaftler konnten nie definieren, ob „Film Noir“ als Stil, Bewegung oder Genre zu bezeichnen ist. Billie Jean nutzt viele Elemente, die wir in typischen Noir Filmen finden, es gibt allerdings auch einige abweichende Merkmale, die es von ihnen trennt.

In Noir Filmen gibt es oft (allerdings nicht immer) eine femme fatale, die einen Mann in einen kriminellen Lebensstil führt oder in irgendeine Situation, die moralisch kompromittiert ist. Es gibt also den kriminellen Unheilstifter und häufig einen Detektiv, den wir für gewöhnlich mit Trenchcoat und Fedora bekleidet sehen. Dieser Detektiv ist oft der Protagonist des Filmes oder eine Hauptfigur – wir identifizieren uns mit ihm und erfahren typischerweise alles durch seine Perspektive. (In manchen Filmen, wie Double Indemnity [dt. Titel: Frau ohne Gewissen] (1944), wird uns die Geschichte in Form einer Rückblende aus Sicht des Mannes erzählt, der das Verbrechen beging und im Sterben liegt.) Einige klassische „Noir“ Filme basieren auf Kriminalromanen, die von Persönlichkeiten wie Raymond Chandler, Dashiell Hammet und James M. Cain geschrieben wurden. Im Slang dieser Epoche wird der Detektiv manchmal als „Schnüffler“ oder „Polyp“ bezeichnet – mit anderen Worten als Privatdetektiv, im Unterschied zu einem Kriminalbeamten, der bei der regulären Polizei beschäftigt ist.


1

Double Indemnity (Billy Wilder, 1944)

Willa: Und wir sehen diese Rolle in Billie Jean – den Privatdetektiv oder Reporter, der den von Michael Jackson dargestellten Charakter verfolgt. Wir sehen eine Variation dieses Charakters auch in You Rock My World und vor allem in Smooth Criminal, richtig? Michael, die Hauptperson in Smooth Criminal, ist kein Privatdetektiv, aber er ist eine modernisierte Version von Rod Riley, Fred Astaires Rolle in „Girl Hunt Ballet“ aus The Band Wagon, und Rod Riley ist [ein Privatdetektiv]. Und Michael ist zweifellos genau richtig angezogen, besonders der Fedora, der tief nach unten über seine Augen gezogen ist.

Nina: Ja, das ist exakt die Art und Michael war sich der Stilrichtung sehr bewusst. Gamaschen, ein eleganter Anzug, ein Fedora. Dann haben wir dunkle, verlassene Strassen in einer unheimlich aussehenden Stadt; und Teile der Geschichte werden oft durch eine Stimme aus dem Off erzählt. Meist hören wir die Stimme des Detektivs; dieser Effekt ermöglicht uns, eine starke Bindung durch Identifikation mit ihm, seinen Beobachtungen, seinen Erfahrungen und – am wichtigsten – den Erkenntnissen aufzubauen, die er über den Fall, an dem er arbeitet, erlangt. Wir wissen, dass wir auf ihn zählen können, dass er schließlich den Fall knacken und „auspacken“ wird.

Willa: Oh, das ist interessant, Nina. Und wir sehen die von Dir erwähnten „dunklen, verlassenen Strassen“ in einer Reihe von Michael Jacksons Videos: Billie Jean, Beat I, Thriller, Bad, The Way You Make Me Feel, Dirty Diana, Smooth Criminal, Jam, Give In to Me, Who Is It, Stranger in Moscow und You Rock My World, sowie im Panther Dance Teil von Black or White.

Wir sehen sie natürlich auch in „Girl Hunt Ballet“, zusammen mit dem Einsatz der Off-Stimme, wie Du es erwähnt hast. Hier ist ein Videoclip und er beginnt [ab 4:00] mit Fred Astaires Rolle, die jene „dunklen, verlassenen Strassen“ entlang geht und über die Off-Stimme zu uns spricht, wie Du es gerade beschrieben hast. Als er sagt, „Die Stadt schlief. Die Läden waren geschlossen. Die Ratten und die Ganoven und die Killer waren in ihren Löchern.“

Es macht wirklich Spaß, sich diesen Clip anzusehen und nach all den Details zu suchen, die sich Michael Jackson davon geliehen hat oder den Elementen, die er modifiziert hat, als er Smooth Criminal erschuf. Zum Beispiel sind einige Kostüme volle Übereinstimmungen, wie sein weißer Anzug und der Fedora mit dem blauen Hemd und den Socken, oder die Frau in dem roten Kleid mit den schwarzen Handschuhen, die über ihre Ellbogen reichen.

Nina: Fred Astaires Performance stellt hier den klassischen Film Noir Held (oder Antiheld) dar, besonders in dem Ton, den er annimmt, um seine Geschichte zu erzählen. Da ist eine erhöhte Dramaturgie, wenn er seine Misere erzählt – die Geschichte einer romantisch/sexuellen Tat wandte sich zum Bösen. Die Art, in der er seinen inneren Monolog wiedergibt, erinnert an eine urbane männliche Rolle, deren Lieblichkeit und Kultiviertheit nicht zu der „Dame“ passen, die ihn unversehens einnimmt oder „ihm unrecht tat“.

Wir können diesen Charakter ebenfalls in Michael Jacksons Einleitung zu „Dangerous“ hören, in der manche Zeilen direkt von Rod Rileys Charakter aus „Girl Hunt Ballet“ stammen. Hier ist Michael Jacksons Performance von „Dangerous“ bei den MTV Awards 1995:

The way she came into the place
I knew then and there
There was something different about this girl.
The way she moved. Her hair, her face.
Her lines, divinity in motion.

As she stalked the room
I could feel the aura
Of her presence
Every head turned
Feeling passion and lust

The girl was persuasive
The girl I could not trust
The girl was bad
The girl was dangerous

She came at me in sections
With the eyes of desire
I fell trapped into her
Web of sin
A touch, a kiss
A whisper of love
I was at the point
Of no return

Die Art, in der sie den Ort betrat
Ich wusste auf der Stelle
Da war etwas Andersartiges an dem Mädchen
Die Art, wie sie sich bewegte. Ihre Haare, ihr Gesicht.
Ihre Kurven, Göttlichkeit in Bewegung

Als sie den Raum durchschritt
Konnte ich die Aura ihrer Präsenz fühlen
Jeder Kopf wandte sich
Leidenschaft und Begierde verspürend

Das Mädchen war überzeugend
Dem Mädchen konnte ich nicht trauen
Das Mädchen war böse
Das Mädchen war gefährlich

Sie kam schrittweise auf mich zu
Mit den Augen des Begehrens
Ich fühlte mich gefangen in ihrem
Netz der Sünde
Eine Berührung, ein Kuss
ein Liebesflüstern
Ich war am Punkt
Ohne Wiederkehr

Willa: Ich liebe diese Performance von „Dangerous“! Und Du hast recht, Teile dieser Lyrics sind unmittelbare Zitate aus „Girl Hunt Ballet“, wie Du sagst – speziell die Zeilen „She came at me in sections … She was bad / She was dangerous“ (Sie kam schrittweise auf mich zu … Sie war böse / Sie war gefährlich). Und das allumfassende Gefühl dieser Zeilen erinnert stark an Film Noir. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Charakter aus einem dieser 1940er Kriminalromane – oder der auf ihnen basierenden Filme – genau diese Worte sagt.

Also welche anderen Elemente kennzeichnen einen Film als noir?

Nina: Sie haben oft komplizierte Handlungswendungen mit (manchmal mehreren) Rückblenden oder anderen Szenen, welche die dunkle Vergangenheit der Rolle offenbaren. Und weil das Genre in Hollywood in den 1940er und 1950er Jahren heranreifte, als schwarz-weißes Filmmaterial häufiger verwendet wurde, assoziieren wir diese Filme oft mit einem kontrastreichen schwarz-weiß Look, der sich atmosphärisch bedrohlich anfühlt: mit dunklen Schatten und deren Assoziationen mit Geheimnisvollem, Gefahr, Paranoia und Verzweiflung. Die Lichteffekte werden oft mit einem wunderschönen italienischen Wort bezeichnet, chiaroscuro, was hohe Kontraste zwischen Dunkelheit und Helligkeit bedeutet. Der Begriff stammt aus der Malerei und wurde dann für Fotografie und Film verwendet.

Willa: Und Michael Jackson filmte seine Videos gelegentlich in kontrastreichem schwarz-weiß, wie Stranger in Moscow oder Teile von Billie Jean, Bad, Black or White und Ghosts. Oder er verwendete Farbfilm, aber mit einer sehr gedämpften Farbpalette und starken Kontrasten zwischen hellen und dunklen Bereichen, womit es schwarz-weiß Filmen ähnelt. Ich denke an Momente wie den Tanz in You Rock My World, der fast wie eine Serie von sepiafarbenen Fotografien erscheint.

Nina: Das stimmt, vor allem für You Rock My World; das eine Umgebung darstellt, die sehr an Film Noir erinnert; allerdings in Farbe – es ist jedoch, wie Du sagst, eine limitierte Farbpalette.

Noir Filme tendieren ebenfalls dazu, eine Reihe emotionaler Reaktionen im Publikum hervorzurufen, indem sie uns auf eine Spannungsreise führen, manchmal durchtränkt mit Angst um die Figur oder den Ausgang der Story. Die Geschichte entfaltet sich, sodass die Lösung des Puzzles oder Geheimnisses – normalerweise ein Gewaltverbrechen – dem Publikum bis zum Ende des Films aus der Sicht des Detektivs offenbart wird (obwohl manchmal ein anderer Charakter „erzählt“, wie ich es im Fall von Double Indemnity gezeigt habe). Durch eine düstere und oft zynische Darstellung von Recht und Unrecht übermitteln diese Filme eine Reihe gesellschaftlicher Werte: wir sind, wenn auch unbewusst, dazu bestimmt, darüber nachzudenken, was es bedeuten könnte, vertrauenswürdig oder heuchlerisch zu sein, oder ein „Außenseiter“ zu sein, der hineinblickt – wie es der Detektiv und der Verbrecher, den er verfolgt, oft sind.

2

Double Indemnity (Billy Wilder, 1944)

In ihrem obsessiven Auffassungsvermögen, der Gefährdung, Risikobereitschaft, und ihrem scheinbar kaltblütigem Zugang zu zwischenmenschlichen Beziehungen stellen diese Menschen (die Detektive und oft auch die Frauen, mit denen sie Umgang haben) soziale Abweichung dar – sie führen ihr Leben als Einzelgänger in einer Art und Weise, die sich vom Mainstream der Gesellschaft unterscheidet. Sie sind entweder ausgestoßen oder haben keinen Zugang zu den einfachen Freuden von Häuslichkeit, Ehe, Familienleben, Heim und Herd gefunden. Also sind sowohl der Kriminelle, als auch der Detektiv, der ihn verfolgt, Figuren, die abseits der gewöhnlichen Menschen stehen, die im Drumherum der bürgerlichen Existenz und normaler sozialer Werte sicher verborgen sind. Sie sind außergewöhnliche und oft zutiefst ambivalente Charaktere.

Tim Dirks, der für die AMC Filmsite (http://www.filmsite.org/) schreibt, sagt folgendes:

Helden (oder Antihelden), korrupte Charaktere, Schurken und Penner, widersprüchliche, abgebrühte Detektive oder Schnüffler, Polizisten, Gangster, Regierungsagenten, ein Einzelgänger, Soziopathen oder Mörder, Gauner, Kriegsveteranen, Politiker, kleinkriminelle Mörder oder bloß Otto Normalverbraucher. Diese Protagonisten waren oft moralisch zwiespältige, niedere, abstoßende Personen aus der dunklen und düsteren Unterwelt voller Gewaltverbrechen und Korruption. Bezeichnenderweise waren sie zynische, stumpfe, (sexuell und anderweitig) obsessive, grüblerische, bedrohliche, unheimliche, bittere, desillusionierte, verängstigte und unsichere Einzelgänger (gewöhnlich Männer), die ums Überleben kämpfen – und letztendlich verlieren. Die Amnesie des Protagonisten war wie der Untergang eines unschuldigen Durchschnittsbürgers, der einer Versuchung zum Opfer fiel oder fälschlich bezichtigt wurde, eine gängige Erzähltechnik…. Die Protagonisten in noir Filmen werden üblicherweise von ihrer Vergangenheit angetrieben oder von der menschlichen Schwäche, frühere Fehler zu wiederholen.

Willa: Das ist wirklich interessant, Nina. Es erscheint mir, dass Michael Jackson Noir Elemente heranzog, wenn er seine Charaktere erschuf, aber mit wesentlichen Unterschieden. Seine Charaktere sind oft Außenseiter, die „ganz anders als gewöhnliche Menschen wirken“, wie Du sagst – Charaktere, die „keinen Zugang zu den einfachen Freuden von Häuslichkeit gefunden haben“. Das sehen wir wiederholt in seinen Filmen. Aber sie sind keine „zynischen, stumpfen, (sexuell und anderweitig) obsessiven, grüblerischen, bedrohlichen, unheimlichen, bitteren, desillusionierten, verängstigten und unsicheren Einzelgänger“ – wie Dirks es formuliert. Ganz und gar nicht. Seine Charaktere sind in der Tat oft aus gegenteiligem Grund alleine – weil sie unschuldig sind in einer korrupten Welt. Im Besonderen denke ich an Billie Jean, Stranger in Moscow und Ghosts, aber es gibt ebenso andere Beispiele.

Nina: Willa, interessanterweise kann ein Film Noir (oder ein Film, der Elemente von Film Noir aufweist) manchmal einen Mann darstellen, der zu Unrecht beschuldigt wird. Wie Dirk feststellt, kann er „ein unschuldiger Durchschnittsbürger sein, der einer Versuchung zum Opfer fiel oder fälschlich bezichtigt wurde“. Natürlich hallt das völlig in der Geschichte von Billie Jean nach.

3

Gilda (Charles Vidor, 1946)

Willa: Das tut es wirklich. Also Nina, diese thematische Herangehensweise an Film Noir hilft, einige Verwirrung aufzuklären, die ich gefühlt habe. Zum Beispiel ist Stranger in Moscow wunderschön in Schwarz-Weiß gedreht und es stellt eine urbane Szenerie dar, und wenn ich es ansehe, wirken einige Einzelbilder wie Film Noir auf mich. Aber der Gesamteindruck des Films als Ganzes unterscheidet sich sehr von Film Noir und ich würde es nicht als solchen bezeichnen.

Auf der anderen Seite wurden Billie Jean und Smooth Criminal in erster Linie in Farbe, allerdings gedeckter Farbe, gefilmt, und wenn ich sie sorgfältig ansehe – wie ich es zur Vorbereitung für diesen Artikel getan habe – sehen viele Aufnahmen für mich nicht wie Film Noir aus. Es sind tatsächlich weniger als in Stranger in Moscow. Aber der Gesamteindruck dieser beiden erinnert sehr an Film Noir, denke ich. Vielleicht hat manches davon mit dem „Begriff der gesellschaftlichen Werte“ zu tun, über die Du gerade gesprochen hast. In allen drei Filmen – Billie Jean, Smooth Criminal und Stranger in Moscow – ist Michael Jacksons Charakter ein „Außenseiter“ und da ist ein Gefühl, dass die Welt ein ziemlich bedrohlicher Platz für ihn ist. Also ist das vielleicht diese undefinierbare Sache, die mich bei Stranger in Moscow irgendwie an Film Noir erinnert.

Nina: Obwohl es in Stranger in Moscow einige Aufnahmen gibt, von denen ich denke, dass sie eindeutig nach Film Noir aussehen, würde ich sagen, dass dem Film in seiner Gesamtheit die notwendigen Elemente von Gefahr, Kriminalität, Gewalt und Verfolgung fehlen. In einem Noir Film erwarten wir Charaktere anzutreffen, deren Handlungen aus den Grenzen gesetzeskonformen Verhaltens fallen, oder zumindest aus den Grenzen „annehmbarer“ sozialer Normen. Die meisten (obwohl nicht alle) Noir Filme weisen auch Nachtaufnahmen der Stadt auf – und ein Großteil der Handlung findet in der Nacht statt. Ich würde daher sagen, You Rock My World oder Who Is It oder (erstaunlicherweise!) sogar Dirty Diana haben mit Noir Filmen mehr gemeinsam als Stranger in Moscow.

Willa: Wirklich? Dirty Diana?! Wow. Aber ich verstehe, was Du über Stranger in Moscow sagst. Es ist etwas Bedrohliches daran, aber das kommt primär von den Lyrics („We’re talking danger, baby“ – „Unsere Unterhaltung ist gefährlich, Baby“) und von unserem eigenen Wissen über die Hintergrundgeschichte des Films – was ihn die Polizei von Santa Barbara zu dieser Zeit durchmachen ließ. Aber die Stimmung des Films selbst ist nicht wirklich bedrohlich. Es ist mehr ein Gefühl von Schmerz und Leid, denke ich.

Nina: Ja, Schmerz und Leid, sowie Einsamkeit und belastende Entfremdung, das sind die Gefühle, die in diesem Film am stärksten durchdringen, Willa.

Im Allgemeinen tritt die Lösung der zentralen Frage (oder des Geheimnisses) in einem Noir Film ein, wenn der Detektiv den Kriminellen fasst und ihn/sie der Polizei übergibt. Aber diese Filme vermitteln auch etwas, das wir als ideologischere „Botschaft“ betrachten könnten: kurzum, ein moralisches Lehrstück. (Hier könnten wir an die Redewendung „Verbrechen zahlt sich nicht aus“ denken) Diese Art der Botschaftsübermittlung kam teilweise wegen dem Produktionskodex in Hollywood zustande, der in den 1940er und 1950er Jahren galt, und vorschrieb, dass Filme einer Figur nicht erlauben dürfen, mit kriminellem Verhalten davonzukommen. Sie mussten bestraft werden, entweder mit dem Tod oder durch den starken Arm des Gesetzes. Einer Figur, die ein Verbrechen begangen hat, darf laut dem Produktionskodex niemals erlaubt werden, damit davonzukommen.

Willa: Oh, das wusste ich nicht. Das ist interessant, Nina. Ich habe bemerkt, dass viele dieser Filme damit enden, dass die Bösen bekommen, was sie verdienen, aber ich dachte, das würde einfach die Stimmung des Landes zur damaligen Zeit reflektieren. Ich habe nicht realisiert, dass es eine rechtliche Anordnung war.

Nina: Es ist interessant, wie viel des Hollywood Kinos von Unternehmen reguliert wurde, welche bei verschiedenen Projekten die Einhaltung der „Gesellschaftsnormen“ vorgeschrieben haben, erst durch den Kodex und später durch das Bewertungssystem, das es ersetzt hat.

Viele Noir Filme vermitteln also eine Story über die Art und Weise, in der Figuren mit sowohl innerlichen als auch äußerlichen Kräften ringen, um ihre moralische Integrität in einer grundsätzlich korrupten Welt aufrechtzuerhalten. Das ist insbesondere der Fall bei dem Detektiv, einer komplexen Figur, die oft selbst schmutzigen Versuchungen nachgibt. Um sogar noch weiter zu gehen, haben manche Analysten die Stilrichtung / das Genre, als es sich in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg entwickelte, als Kritik an der Gesellschaft im Nachkriegsamerika gesehen: die „dunkle Schattenseite“ der Kultur, die gerade noch unter der glitzernden Oberfläche von Optimismus und Wohlstand liegt. Viele dieser Themen sprechen die Ideen über das „Unbewusste“ an, die von Sigmund Freud ausgearbeitet wurden: insbesondere die „Rückkehr des Verdrängten“. Wenn eine Person heute eine unangenehme Erinnerung verdrängt, wird diese Erinnerung morgen zwangsläufig in einer Vielzahl krankhafter psychologischer Symptome wieder auftauchen. Die Vergangenheit kommt zurück, um die Figur zu jagen.

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Double Indemnity (Billy Wilder, 1944)

Willa: Oh, das ist interessant. Ich frage mich, ob das ein Grund dafür ist, warum diese Filme damals so populär waren und warum sie heute immer noch als Klassiker betrachtet werden – weil sie eine Art psychologische Wahrheit vermitteln.

Also Nina, das ist viel komplizierter, als ich es mir vorgestellt habe. Ich beginne jetzt zu verstehen, warum es so schwer sein kann, bestimmte Filme, oder selbst bestimmte Filmelemente, als noir zu klassifizieren. Wir können uns ansehen, wie der Film aufgebaut wurde – die Charaktere, Handlung, Aufbau, Filmkunst – was alles war, woran ich gedacht habe, als wir unsere Unterhaltung begonnen haben. Aber jetzt beginne ich zu erkennen, dass da noch ein ganz anderes Noir Element ist, das mehr darauf fokussiert, wie es im Publikum nachhallt und wie es interpretiert wird.

Ich frage mich, ob das der Grund dafür ist, dass Stranger in Moscow für mich irgendwie dem Noir Label entspricht und irgendwie nicht. Abgesehen von dem schwarz-weiß Format erfüllt es nicht die Kriterien dafür, wie Film Noir typischerweise aufgebaut ist. Aber es lenkt uns als Publikum definitiv dahin, darüber nachzudenken, „wie schwer es für Einzelne ist, moralische Integrität in einer grundsätzlich korrupten Welt aufrechtzuerhalten“, wie Du sagtest. Genauer gesagt fordert es uns auf zu überlegen, „wie es sich anfühlt“ allein und verloren zu sein in einer korrupten Welt.

Nina: Das könnte ein weiteres Beispiel sein, Willa. Es ist allerdings schwierig zu erkennen, wie diese umfangreicheren Bedeutungen in Kurzfilmen wie in den von Michael Jackson kreierten verwirklicht werden. Wir könnten diese Muster viel leichter in Spielfilmen erkennen, die einem traditionelleren Erzählschema folgen. Michaels Kurzfilme sind manchmal Miniaturgeschichten: sie haben Figuren, Action und manchmal Dialoge, gesprochen und/oder gesungen. Dennoch macht es ihre Kürze sowie die Art, in der sie strukturiert sind, um Gesang und Tanz einzuschließen, unmöglich, voll entwickelte Charaktere und einen komplexen Handlungsausbau eines Spielfilms wiederzugeben.

Willa: Nun, es stimmt, dass seine Kurzfilme nicht die komplexen Handlungen oder voll entwickelte Charaktere aufweisen, die man in Spielfilmen sieht. Es fehlt schlicht die Zeit in fünf oder sechs oder selbst 11 Minuten, um all die Handlungswendungen zum Ausdruck zu bringen, die man in einem zweistündigen Film sehen könnte. Aber mir kommt vor, dass Michael Jackson auf eine innovative Art, die schwer zu beschreiben ist, einige ziemlich komplexe Gedanken in seinen Kurzfilmen untersucht.

Nina: Da hast Du recht, Willa: seine Filme untersuchen komplexe Gedanken sowie komplexe Gefühle. Sie können uns mit Gefühlen zurücklassen, die nicht leicht zu zerstreuen sind, weil sie unsere Empfindungen auf eine Art einnehmen, die sich sehr von dem üblichen Spielfilmlängen-Film Noir unterscheidet, wo wir mit einem zufriedenstellenden Gefühl des Geschichten-“Abschlusses“ entlassen werden – der Detektiv hat den Fall gelöst, also haben wir das stellvertretend auch. Im Gegensatz zu Michaels Kurzfilmen, die diese Art des Abschlusses oft nicht liefern. Billie Jean liefert es zum Beispiel nicht, genauso wie die anderen von uns erwähnten Filme.

Willa: Ich verstehe was Du sagst, Nina. Obwohl Michael Jacksons Figur in Billie Jean dem Privatdetektiv, der ihn verfolgt, entkommen ist – überraschenderweise in einem Trenchcoat! – und er hat sogar den Spieß umgedreht, da derjenige, der versucht, ihn auf Film „festzuhalten“, buchstäblich von der Polizei „festgehalten“ wurde. Das letzte, was wir von dem Detektiv sehen, ist, dass die Polizei ihn verhaftet und Michael Jacksons Figur entkommt. Also wurde das Problem gelöst und in diesem Sinne hat es einen Grad an Abschluss.

Nina: Ja, das ist ein hervorragender Aspekt, Willa. Es gibt einen Rollentausch zwischen dem Detektiv und Michaels Figur, wovon ich glaube, dass es Auswirkungen hat, die über den Film selbst hinausgehen – worüber ich in Kürze mehr sagen werde.

Willa: Klingt faszinierend! Also vorher hast Du Dirty Diana und Who Is It erwähnt. Ich glaube nicht, dass ich Dirty Diana jemals als Film Noir betrachtet hätte! Oder auch Who Is It, obwohl es eher dazu tendiert. Das ist interessant. Ich werde darüber nachdenken müssen … Da ist am Ende von Black or White, im Panther Dance, ebenfalls etwas, das sehr an Film Noir erinnert. Zum einen der Schauplatz – diese rauen Straßen – aber mehr noch, das Gefühl der sozialen Entfremdung und ein „Außenseiter“ zu sein, wie Du es vorher erwähnt hast.

Nina: Nun, getreu postmoderner Sitte haben Michael Jackson und seine Mitarbeiter eine Bastelei mit Stilmitteln vorgenommen und daraus ein Medley aus Szenen und Geschichten gemacht, die bestehenden Stilrichtungen in gewisser Weise ähneln; aber sie wirken nicht auf dieselbe Art und Weise wie im Spielfilmkino. Dennoch können wir erkunden, wie der Detektiv, der Held/Protagonist (aber welcher?), die femme fatale und die beunruhigende urbane Atmosphäre in Billie Jean wirken.

Willa: Ja, das liebe ich auch! Also wo möchtest Du beginnen? Am Beginn des Films und chronologisch durcharbeiten?

Nina: Ja. Der Film beginnt mit einer Serie schwarz-weißer Einstellungen in Nahaufnahme. Die Wahl von schwarz-weiß Film könnte hier auch eine selbstbewusste Geste gewesen sein, eine Art Hommage an Noir Ästhetik. Wir sehen eine Ziegelmauer, eine behandschuhte Hand gegen die Wand, das Hosenbein eines Mannes und gehende Füße, eine Mülltonne, die mit Zeitungen und Schutt überquillt, eine laufende Katze, einen Mann, der einen Zug an einer Zigarette macht, eine weitere Aufnahme seiner Schuhspitze, welche die Zigarette austritt, und – ein Motiv, das in mehreren von Michaels Kurzfilmen wiederkehrt – eine sich drehende Münze.

Hier ist zu beachten, dass dies alles Nahaufnahmen sind; wir bekommen nicht sofort ein vollständiges Bild, sondern nur kurze, fast abstrakte Einblicke auf Dinge, die manche folgende Motive erahnen lassen. Sie bauen eine Atmosphäre auf und liefern den Reiz von Geheimnis und Spannung – insbesondere in Verbindung mit diesem unverwechselbaren Bass, der den Song eröffnet!

Willa: Ja, das tun sie wirklich. Wir als Publikum bekommen eine Reihe von Bildern, die wir zu etwas Sinnvollem zusammenzufügen versuchen. Es ist, als ob wir versuchen, die Story zusammenzufügen, genauso wie es der Detektiv macht. Also sind wir auch gewissermaßen mit der Rolle des Detektivs verbunden, obwohl wir mit Michael Jacksons Rolle sympathisieren. Wie er blicken wir in einer ziemlich voyeuristischen Art und Weise und eventuell eindringend in Michael Jacksons Leben, was unangenehm für ihn ist.

Und die Tatsache, dass Billie Jean in schwarz-weiß beginnt und farbig wird, erinnert mich an Ghosts, einen weiteren Film über Leute, die in seine Privatsphäre und sein Leben eindringen. In Ghosts sind die einleitenden Szenen alle schwarz-weiß und als wir den Raum des Maestros betreten – den Raum, wo er seine Magie ausführt – wechselt es in gedeckte Farben. Etwas Ähnliches passiert auch in Bad. Der gesamte Film ist in schwarz-weiß gedreht, außer die Szenen in der U-Bahn-Station, die sich in seiner Phantasie abspielen. Also scheint für Michael Jackson schwarz-weiß die Realität zu repräsentieren und Farbe repräsentiert die Welt der Magie oder seine Phantasie. Gewissermaßen wie The Wizard of Oz (Der Zauberer von Oz), wo die Szenen in Kansas alle schwarzweiß sind, im Vergleich zu den Vollfarbszenen im Land von Oz – beziehungsweise dem Land von Dorothys Phantasie.

Und natürlich trifft das ebenfalls auf Billie Jean zu: in den Farbszenen von Billie Jean findet viel Magie statt…

Nina: Das ist interessant, Willa – da scheint ein Muster vorzuliegen. Und doch fungieren die schwarz-weiß Szenen in jedem Film unterschiedlich, finde ich. In Ghosts zum Beispiel scheint das Bild der Fackeln tragenden Bürger und ihrem Bürgermeister, die einen Raben auf einem maroden Schild antreffen, während sie zu dem „Geisterhaus“ hinuntergehen, das von einem (möglicherweise gefährlichen) Verrückten bewohnt wird, eher von Gothic/Horror B-Filmen aus den 1950er Jahren abgekupfert zu sein.

Willa: Oh, ich verstehe. Also eher wie The Revenge of Frankenstein (Frankensteins Rache), als ein noir Film mit Bogart und Becall.

Nina: In Billie Jean, vermute ich, scheint die Wahl von schwarz-weißem Filmmaterial (eine Wahl, die möglicherweise vom Regisseur Steve Barron oder einem anderen Mitglied der Crew getroffen wurde) eher willkürlich. Eine weitere Sache, die hier bemerkenswert ist: das Gesamtbild ist von einer weißen Linie umrahmt, ein „Bild innerhalb eines Rahmens“. Warum haben sie sich dazu entschieden, das zu tun? Ich kann nicht riskieren, das zu sagen. Vielleicht sollten wir Steve Barron fragen…

Willa: Ich bin auch fasziniert von diesem „Bild innerhalb eines Rahmens“ – es erinnert mich an Fotografien. Sie sind alle als Rechtecke dargeboten, proportioniert wie Fotografien und eingefasst von einer dünnen weißen Linie gegen einen schwarzen Hintergrund, wie Du sagst. Sie erscheinen fast wie Aufnahmen, die Du in einer Polizeiakte über einen Tatort sehen würdest, oder in der Akte eines Detektivs über den Tatverdächtigen, den er ausforscht. Das findet auf ironische Weise seinen Nachhall in den späteren Szenen, wo der Detektiv immer wieder versucht, von Michael Jacksons Rolle ein Foto zu machen und keinen Erfolg hat.

Nina: Ja, es ruft die Vorstellung einer Reihe von Standfotos hervor. Und diese weiße Kontur wird bald zurückkehren, um auf eine, wie es scheint, gezieltere Weise verwendet zu werden – das Bild in Diptychen* und Triptychen* zu trennen – später, wenn wir Michael tanzen und „Billie Jean“ singen sehen. [* … Diptychen und Triptychen sind zwei- bzw. dreiteilige Relieftafeln oder Gemälde, die in der Regel mit Scharnieren zum Aufklappen verbunden sind, Anm.d.Übers.]

Auf jeden Fall sehen wir die anfänglichen schwarz-weißen Bilder und zeitgleich hören wir das Intro zu „Billie Jean“ mit seiner unverkennbaren, eindringlichen Basslinie und dem Schlagzeug. Dann setzt der Synthesizer in einer zusätzlichen Tonebene ein und spielt diese vier synkopierten Noten, die wir so deutlich erkennen. Sobald Michaels Füße den Film betreten, wechselt der Film in Farbe. Wir sehen ein sich abhebendes Paar zweifarbiger Brogues Schuhe. Die vertraute Basslinie setzt ein und als wir Michaels Füße jedes Quadrat des Bürgersteigs erleuchten sehen, ist jeder seiner Schritte genau auf den Rhythmus der Musik abgestimmt. Eine Großaufnahme seiner Hand: er wirft die Münze in die Höhe und fängt sie, eine perfekte Geste der Lässigkeit, die zu seinem Charakter passt.

Willa: Du hast recht, Nina! Das ist mit vorher nicht aufgefallen, aber Du hast recht – als er den Film betritt, wechselt der Film in Farbe. Das scheint wesentlich … als würde Magie stattfinden, sobald er erscheint. Und das tut es. Die anschaulichen Bürgersteigsquadrate, die unter seinen Füßen leuchten, sind ein frühes Anzeichen für die Magie, die er hat. Vielleicht erinnert es mich deshalb an Ghosts

Nina: Ja, das stimmt, Willa! Ein bisschen von der mise-en-scène als Ganzes. (Mise-en-scène ist ein französischer Ausdruck, der „in Szene setzend“ bedeutet; es bezieht sich auf alles, was wir vor der Kamera sehen, einschließlich der Ausstattung, der Figuren und deren Bewegungen, Kostüme, Make-up, Beleuchtung usw.) Michael erscheint als schick gekleideter junger Mann, der uns als mysteriöser, etwas zwielichtiger Kerl imponiert, ein Faulenzer. Er ist eine Art Held (oder Antiheld) aus der Vergangenheit – trotz seiner (fast) zeitgemäßen Kleidung. Er mag ein liebenswerter Wüstling sein, aber traurig: er scheint beschäftigt, gedankenverloren, vielleicht tragisch. Seine offensichtlichen magischen Kräfte scheinen ihm keine Freude zu bereiten. Er schlendert ohne große Eile die Straße hinunter. Dieser Charakter scheint eine bekannte Figur für uns zu sein. Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass Michael diese Art zynischen, lebensüberdrüssigen „Lebemann“ spielt. Hier ist er in dem Diana Ross TV Spezial von 1971, als er seine beste Imitation von Frank Sinatra mit dem Song „It Was a Very Good Year“ macht, den Sinatra zum Hit machte:

Willa: Wow, das ist wirklich interessant, oder? Er sieht exakt wie ein Film Noir Detektiv aus … und verhält sich wie einer, er liebt und verlässt Frauen ohne emotional an eine von ihnen gebunden zu sein. Er spricht sogar wie einer, sagt zu Diana Ross’ Rolle „Wir haben einen Zug nach nirgendwo genommen.“ Natürlich ist es Teil der Komik, das ein 12-jähriger so spricht …

Nina: Und hier ist das Coverbild für Frank Sinatras Album In the Wee Small Hours of the Morning.

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Dieser Mann ist ein „Typ“, der einen gewissen Platz in unserer kollektiven Vorstellung inne hat – manchmal hat er ein Sakko lässig über seine Schulter geworfen und steht lungernd unter einer Straßenlaterne – möglicherweise führt er nichts Gutes im Schilde. Er befindet sich zwischen zwei Engagements: er kommt von irgendwo und ist auf dem Weg woanders hin … aber wir wissen nichts Genaues.

Willa: Ja, und in Billie Jean entspricht der Detektiv genau diesem Typ – wie auch Michael Jacksons Charakter bis zu einem gewissen Grad dem Typ entspricht, obwohl sein Charakter komplexer ist, schwieriger festzunageln.

Nina: Ja, Was macht er in dieser schäbigen Umgebung auf der „anderen Seite der Fährte“? Wo war er bis vor kurzem? Seine Anwesenheit dort ist ein Mysterium.

Willa: Das ist es.

Nina: Dann zeigt uns die Kamera Michaels Blickwinkel, als sie sich auf den Obdachlosen zu bewegt, der hinter einer Mülltonne versteckt war. Zur selben Zeit hören wir die erste Strophe:

She was more like a beauty queen from a movie scene
I said, “I don’t mind but what do you mean I am the one
Who would dance on the floor in the round?”
She said, “I am the one
Who would dance on the floor in the round”

Sie war eher wie eine Schönheitskönigin aus einer Filmszene
Ich sagte „Meinetwegen, aber was meinst Du damit, dass ich der eine bin
Der auf der Tanzfläche im Kreis tanzen würde?
Sie sagte „Ich bin die eine
Die auf der Tanzfläche im Kreis tanzen würde

Aber an dieser Stelle sehen wir unseren Protagonisten nicht synchron mit dem Song singen. Stattdessen ist er still: er sieht fragend zu dem Obdachlosen und erneut sehen wir eine Nahaufnahme der sich drehenden Münze, die im Becher des Mannes landet und ihn aufleuchten lässt. Michael scheint den Armen in eine schick gekleidete Karikatur mit einem weißen Anzug, weißen Schuhen und einem roten Kummerbund verwandelt zu haben. Die Bilder des Films veranlassen uns dazu, eher durch visuelle Assoziation, als durch den Aufbau eines konkreten Problems oder Verbrechens, das gelöst werden soll, Zusammenhänge herzustellen – zwischen Charakteren, zwischen Ereignissen.

Willa: Das stimmt. Die Bilder, die wir sehen, geben nicht die Worte des Songs wieder, wie Videos das oft tun. Da gibt es keine „Schönheitskönigin“ und keine Disco mit einer „kreisrunden“ Tanzfläche. Statt die Lyrics durchzuspielen, passiert etwas viel impressionistischeres.

Übrigens zaubert alleine das Anhören Deiner Beschreibung der Eröffnungsszenen von Billie Jean Noir Bilder in meinem Kopf. Ich könnte mir diese Art der Szenen sehr leicht zum Beispiel in The Maltese Falcon (Die Spur des Falken) oder in Gilda vorstellen, auf den Michael Jackson in This is It verweist.

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Die Spur des Falken (John Huston, 1941)

Nina: Ja, da gibt es so viele interessante Verbindungspunkte! Wenn Billie Jean ein Spielfilm wäre, dann wäre die „Billie Jean“ Nummer nur eine Szene innerhalb des ganzen Films. Aber da es ein Kurzfilm ist (und im Kontext eines „Musikvideos“ verstanden wird), beeinflusst eine andere Reihe von Erwartungen, was wir wahrnehmen. Zunächst haben nur ein paar einfache Bilder und die ersten Noten des Songs eine stimmungsvolle Welt geschaffen, in der wir für die nächsten paar Minuten leben, was die Frage aufwirft, wie diese isolierten Elemente Sinn ergeben und zu einer sich entfaltenden Geschichte werden.

Es ist eine sehr geschickt konstruierte Einleitung, in der sich die Editierungen des Films oft mit den Beats der Musik decken: beachte, wie seine ersten drei Schritte mit dem Rhythmus des Songs übereinstimmen.

Willa: Ja, ich liebe das!

Nina: Und obwohl wir nicht wissen können, was „vor sich geht“, ist es nicht erforderlich, das zu wissen. Wir begegnen ihm als „Musikvideo“, was bedeutet, dass die Performance des Künstlers vorrangig sein wird – das ist es, wofür wir wirklich da sind! Darüber hinaus schafft der Film vorrangig eine Atmosphäre, in der wir schwelgen können und die einen Traum beschreiben könnte, der unserem Unterbewusstsein entspringt.

Willa: Das ist interessant, Nina. Und diese Art, eine Geschichte durch visuelle Hinweise und nebeneinandergestellte Bilder anzudeuten, statt durch eine direkte Erzählung, fühlt sich psychologisch akkurat an, falls das Sinn macht. Was ich meine, ist, dass es die Art zu sein scheint, in welcher der Verstand arbeitet, also scheint Billie Jean psychologische Wahrheit auszudrücken – „ein Traum, der unserem Unterbewusstsein entspringt“, wie Du sagtest – statt eine konventionelle Geschichte mit einer direkteren Handlung und Erzählung.

Nina: Ja, ich denke schon. Wir finden in unseren Träumen einige Elemente, die dem Fluss der Bilder in einem Film sehr ähnlich sind – besonders wenn sie etwas unzusammenhängend auftauchen oder nicht der Reihe nach. Zunächst dürfte unser Versand in dieser assoziativeren Art arbeiten, bis wir uns auf einen Prozess der „Revision“ einlassen (wie Freud es formulieren würde), wo wir beginnen, uns an unsere Träume als komplette Geschichten zu erinnern, mit Beginn, Mittelteil und Ende.

Willa: Ich stimme Dir zu. Es fühlt sich beinahe so an, als würden wir im Geist und in den Gedanken des Charakters wie in einem realen geografischen Ort umherwandern. Und aus den gesammelten Bildern, die uns gezeigt wurden – möglicherweise Erinnerungsfetzen – bauen wir eine Erzählung auf.

Nina: Ja. Außerdem hat uns der Film bislang eine Handvoll Karikaturen gezeigt, die umso mehr wie Cartoons wirken, da sie in Großaufnahme erscheinen. Tatsächlich könnte der gesamte Film leicht in das Medium des Comicbuchs oder Bildromans übertragen werden.

Willa: Das kann ich verstehen! Ich habe darüber noch nie nachgedacht, aber Du hast recht. Und offensichtlich fühlte Michael Jackson eine Verbindung zwischen diesen beiden Formen: Comicbuch und Filmen. Es ist durch Cascios Buch und andere Quellen belegt, dass er die Marvel Comics kaufen und verfilmen wollte, bevor irgendjemand sonst die Idee dazu hatte. Und wie ein Comicbuch- oder Bildromanillustrator war Michael Jackson sehr geschickt darin, das Gefühl der Intrige oder andere starke Emotionen mit wenigen kunstvoll gefertigten Bildern hervorzurufen.

Nina: Das ist interessant, Willa. Er hatte ein echtes Gespür dafür, sehr prägnant zu sein. Wie Du und Raven in dem Post vor wenigen Wochen festgestellt habt: (es bedarf) nur weniger einfacher Elemente – Kleidungsstücke, Bilder, Gesten – und eine ganze Flut an Assoziationen wird in uns geweckt. Diese beinhalten möglicherweise sogar Assoziationen, von denen uns gar nicht bewusst ist, dass wir sie hatten, aber sie sind trotzdem irgendwie in unserem kollektiven kulturellen Gedächtnis hängen geblieben. Selbst wenn manche Menschen noch nie einen Film gesehen haben, den sie als „Film Noir“ identifizieren konnten, sind wir alle so vielen Postern, Fotografien, Werbungen, Cartoons und Comics ausgesetzt – ein ganzes Lager voll mit visueller Information, die diese Assoziationen auslöst. Michael Jackson, ein begeisteter Filmliebhaber, kann diese reichhaltige Quelle wie ein großartiger Archivar anzapfen. Wie Du sagst, war er sehr geschickt dabei, einige wenige dieser Motive auszuwählen – und indem er sie in einen neuen Kontext brachte, schuf er Bedeutungen, die sich von ihrer ursprünglichen Verwendung deutlich unterschieden.

Die Bilder einer Katze, die eine andere Katze jagt, sind bedeutsam, weil sie einen Vergleich einbringen: ebenso wie eine Katze eine andere verfolgt, verfolgt der Detektiv Michael in einem „Katz-und-Maus-“ (oder-Katz-und Katz-) Spiel. Tatsächlich sehen wir die beiden Tiere nie in derselben Aufnahme, aber durch die Magie der Filmbearbeitung (bezeichnet als Parallelmontage – „cross-cutting“) nehmen wir an, dass es ein Verfolger/Verfolgter-Aufbau ist – ebenso wie der Detektiv Michael auf eine eher langwierige Weise verfolgt. Und in der Tat erscheinen Michael und der Detektiv in dem Film nur zweimal in derselben Aufnahme. Aber beinahe von Anfang an erkennen wir ihre Beziehung.

Willa: Oh, interessant! Und dieses Konzept wird durch mehrere subtile Szenen im Verlauf des Videos verstärkt. Bei Minute 1:10 zückt Michaels Figur ein getigertes Tuch – genauso wie jenes in „Girl Hunt Ballet“, das sich als wichtiger Anhaltspunkt für Fred Astaires Rolle herausstellt, um den Krimi zu lösen. In Billie Jean zückt er ein gleichartiges getigertes Tuch, stellt seinen Schuh auf eine Mülltonne, poliert seinen Schuh mit dem Tuch und ein Tigerjunges erscheint. Also gibt es hier eine symbolische Verbindung zwischen dem getigerten Tuch und einem echten (ist er echt?) Tiger.

Wenige Sekunden später, bei 1:22 blicken wir zurück auf diese Szene und beinahe sofort, bei 1:25, sehen wir die „verfolgte“ Katze, die sich hinter der Mülltonne in das Tigerjunge verwandelt. Bei 2:50 hebt der Fotograf das getigerte Tuch auf – genauso wie es Fred Astaire in „Girl Hunt Ballet“ tat – und lächelt, da er denkt, er sei kurz davor, seine Beute zu fangen. Aber er irrt sich. Er ist derjenige, der gefangen wird. Als ihn die Polizei abführt, fällt ihm das getigerte Tuch herunter, das sich in das Tigerjunge verwandelt und flüchtet. Bodenplatten leuchten auf, als der Tiger davon läuft, genauso wie die Bodenplatten unter Michael Jacksons Figur zu Beginn aufgeleuchtet haben. Also wie Du es gesagt hast, Nina, gibt es das Video hindurch eine implizite Verbindung zwischen der Katze, Michael Jacksons Rolle, dem getigerten Tuch und dem Tigerjungen, das am Ende entkommt, obwohl sie nie ausdrücklich angegeben oder gezeigt wird. Wir fühlen diese Verbindung nur wegen dieser Assoziationen.

Nina: Ich dachte eigentlich, dass Michaels Rolle (als eine unsichtbare Präsenz) die Bodenplatten am Ende zum Leuchten brachte – es kam mir nicht in den Sinn, dass es das Tigerjunge war. Darauf muss ich beim nächsten Mal achten!

Willa: Oder vielleicht ist es seine Rolle in der Form des Tigerjungen – ein unsichtbares Tigerjunges.

Nina: Jedenfalls stimmt es, dass viele der Beziehungen, Motive und Themen des Films innerhalb der ersten Minute eingeführt wurden, oder sogar innerhalb der ersten dreißig Sekunden! Im Laufe der zweiten Strophe sehen wir schließlich eine Aufnahme aus der Ferne, welche die ganze Straßenecke offenbart; mit dem herumjagenden Detektiv, der eine Zeitung mit der Schlagzeile „Billie Jean Scandal“ aufhebt und sich anschließend um die Ecke des Ladens „Ronald’s Drugs“, wie uns das Schild verrät, auf der „West Side“ versteckt. Ein weiteres gebräuchliches Motiv in Film Noir ist eine Zeitungsschlagzeile, die über irgendein tragisches oder schockierendes Ereignis berichtet, das die weitere Entwicklung der Filmhandlung ankündigt. (Dieser bildlicher Ausdruck besteht heute in Kriminalserien wie Law and Order fort: „Aus den Schlagzeilen gerissen!“)

Der Name „Billie Jean“, den wir in der Schlagzeile sehen, wird verstärkt durch das, was wir in der zweiten Strophe des Liedes hören:

She told me her name was Billie Jean, and she caused a scene
Then every head turned with eyes that dreamed
Of being the one
Who will dance on the floor in the round

Sie sagte mir ihr Name sei Billie Jean und sie löste eine Szene aus
Dann drehte sich jeder Kopf mit Augen, die davon träumten
Der eine zu sein
Der auf der Tanzfläche im Kreis tanzen wird

Das ist also der Punkt, an dem wir auf eine Betrachtungsweise filmischer Werke stoßen, die tatsächlich eine Abweichung von der Art ist, wie wir traditionellere Erzählungen betrachten. Es scheint, als ringen wir mit einem Rätsel: der Bilderfluss scheint uns eine Geschichte zu „erzählen“, während und die Erzählung des Songs in Ichform – wie sie von Michael zum Ausdruck gebracht wird – eine andere Geschichte erzählt.

Dies ist ein wichtiges Element, das Spielfilme von kurzen „Musikvideos“ unterscheidet – Filmemacher, Autoren und Kameraleute können mit diesen Ton-Bild-Verhältnissen Schindluder treiben ohne der Verpflichtung, den Song mittels Bildern „darzustellen“ oder umgekehrt. Sie können abstraktere und inhaltsorientiertere Verbindungen erzeugen, statt durch die Konvention des geradlinigen Erzählaufbaus eingeschränkt zu sein. So sehe ich Billie Jean, und ebenso andere Kurzfilme von Michael. Sie bringen einige der ikonischen Kennzeichen mehrerer Filmgenres (Horror, Noir, Gangster, romantischer Kostümfilm, zeitgenössisch urbanes Schauspiel) und der mise-en-scene, die wir oft mit diesen Genres in Verbindung bringen, hervor. Aber sie arbeiten in unseren Köpfen und Eingeweiden nicht auf dieselbe Weise. Kreative, plastische Filmbearbeitung (wie wir sie in Billie Jean sehen) ist etwas, das ein Editor unter anderem wegen rhythmischer und inhaltsorientierter Möglichkeiten wählen könnte.

Als Michael mit seiner über die Schulter geworfenen Jacke die Strasse entlang schlendert, bekommen wir scheinbar willkürliche Einblendungen der Katze, des Gesichts des Detektivs und Michaels Schuh; wir sehen eine Landschaft, die Michaels innere Seele oder Erinnerung repräsentiert – oder vielleicht unsere eigene. Aber wir sehen immer noch keine sichtbare Inszenierung oder „Dramatisierung“ dessen, wovon Michael singt.

Willa: Das ist ein interessanter Punkt, Nina. Das Lied und das Video erzählen wirklich unterschiedliche Geschichten, oder? Oder vielleicht dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven – das Lied konzentriert sich mehr auf Billie Jeans heimtückische Handlungen, während sich das Video mehr auf ihn konzentriert, wie er eine heimtückische Welt steuert. Aber das Lied und das Video „passen“ so gut zusammen, es fühlt sich richtig an, diese Bilder kombiniert mit diesen Worten zu sehen.

Nina: Das Bild und der Ton sind durch den übereinstimmenden Rhythmus verbunden, den sie beide schaffen: Michaels Schritte, welche die Bodenplatten zum Leuchten bringen, sind zeitlich so festgelegt, dass sie exakt mit dem Takt der Musik übereinstimmen. Als er seinen Fuß hebt und seinen Schuh mit einem Tuch putzt, sehen wir weitere Anzeichen seiner scheinbar magischen Fähigkeit, Dinge zum Leuchten zu bringen und sie zu verwandeln. Dann kommt die Überleitung des Liedes:

People always told me be careful what you do
Don’t go around breaking young girls’ hearts
And mother always told me be careful who you love
Be careful what you do, ’cause a lie becomes the truth …

Leute sagten mir immer, vorsichtig damit zu sein, was Du machst
Gehe nicht herum und brich jungen Mädchen das Herz
Und Mutter sagte mir immer, sei vorsichtig damit, wen Du liebst
Sei vorsichtig damit, was Du machst, weil eine Lüge zur Wahrheit wird …

Was in dem Video und der Situation, die Michael in dem Lied beschreibt, zu „passieren“ scheint, zieht uns in unterschiedliche Richtungen. Es ist, als würden zwei Geschichten gleichzeitig ablaufen. Wir haben keine Frauen gesehen, und schon gar keine Schönheitsköniginnen.

Willa: Das stimmt. Die einzigen Frauen, die wir sehen, sind die beiden Frauen auf den wechselnden Bildern der Plakatwand. Und sie könnten Billie Jean und My Baby sein, die beiden in den Lyrics in Konflikt stehenden Frauen, aber da ist wirklich nichts, um das nahezulegen, außer unserem eigenen Wunsch, den Bildern einen Sinn zuzuschreiben. Obwohl es interessant ist, dass die Plakatwand die Szene dominiert, genauso wie diese Frauen seine Gedanken dominieren. Tatsächlich starrt er bei 2:14 die Plakatwand and und fasst sich mit den Händen an den Kopf, als könnte er seine Gedanken nicht im Zaum halten.

Nina: Du hast so Recht, Willa – wir haben das starke Bedürfnis, die gesehenen Bilder und die gehörten Worte zu verstehen und miteinander zu verbinden. Wenn wir ein Lied hören, entstehen mentale Bilder von Leuten, Orten und Ereignissen, die von den Lyrics beschrieben werden. Wenn wir uns Billie Jean als Film ansehen, werden uns völlig andere Bilder von Leuten, Orten und Ereignissen präsentiert, als sie in unserer Vorstellung entstanden sind. Das könnte uns einen großen Konflikt vor Augen führen! Aber größtenteils sind wir uns keiner besonderen Disharmonien bewusst – wir lernen einfach, all die auf uns einströmenden Informationen zu priorisieren und „unseren Zweifel zu unterdrücken“! Wir können sogar einen gewissen Grad an Verwirrung tolerieren.

Willa: Ja, allerdings habe ich, bis Du darauf hingewiesen hast, nie realisiert, wie sehr sich die Bilder in dem Video von den Lyrics unterscheiden. Das ist wirklich interessant. Doch obwohl die im Lied erzählte Geschichte nicht dieselbe ist wie die im Video dargestellte, scheinen sie doch zusammenzuhängen. Beide drehen sich um die falsche Anschuldigung sexuellen Fehlverhaltens – eine Frau namens Billie Jean beschuldigt ihn, der Vater ihres Sohnes zu sein. Im Lied wird uns diese Geschichte durch die Lyrics erzählt und im Video erfahren wir davon durch die zuvor von Dir erwähnte Zeitungsschlagzeile „Billie Jean Skandal“. Das Lied konzentriert sich in erster Linie auf seine Beziehung mit Billie Jean und der Frau, die er liebt (My Baby), ihre verschlungene Geschichte und die Konflikte zwischen ihnen, während das Video einen anderen Zugang bietet. Es zeigt einen Detektiv, der Informationen zu sammeln scheint, die Billie Jeans Behauptungen unterstützen. Die erzählten Geschichten scheinen also unterschiedlich aber verbunden.

Nina: Ja, die Beteiligten im Film haben sich von denen im Lied drastisch geändert. Michael Jackson und Steve Barron wollten möglicherweise den Konflikt, der zwischen nur zwei Leuten als eine Art „er sagte / sie sagte“ Situation begonnen hat, „triangulieren“. Der Detektiv wird als drittes Element eingeführt.

Dann lehnt sich Michael an einen Laternenmast (den er zum Leuchten bringt) und ist sich der Anwesenheit des Detektivs genau hinter ihm immer noch nicht bewusst. Jetzt sehen wir eine Polaroidkamera im Fenster von Ronald’s Drugs, die ein Foto ausspuckt, auf dem Michael – zur Verstörung des Detektivs – nicht erscheint. Wir hören den Refrain:

Billie Jean is not my lover
She’s just a girl who claims that I am the one
But the kid is not my son
She says I am the one
But the kid is not my son

Billie Jean ist nicht meine Geliebte
Sie ist nur ein Mädchen, das behauptet, ich sei der eine
Aber das Kind ist nicht mein Sohn
Sie sagt ich bin der eine
Aber das Kind ist nicht mein Sohn

Die Darstellung wird ausgeblendet, als ein neuer Abschnitt einsetzt: Michael singt und tanzt.

Willa: Wow, das ist alles so faszinierend, Nina! Und wir werden diesen neuen Abschnitt in einem zweiten Artikel aufgreifen, wenn wir unseren kinematografischen Blick auf Billie Jean fortsetzen. Vielen Dank für Deinen Besuch, Nina – und dafür, dass Du diese wundervollen Standbilder mit uns geteilt hast!

Nina: Gern geschehen, Willa – und vielen Dank!

Travis Payne spricht über Michael Jackson

Übersetzung von Auszügen aus verschiedenen Interviews mit Travis Payne. Er spricht über Michael, Michaels Kinder und This Is It und Michaels Botschaft.

(Raffles van Exel interviewt Travis Payne. Interview in 5 Teilen – alle Teile bei YT zu finden)

Ich sah ihm in die Augen und hörte zu wie er darüber sprach, wie begeistert er war, nicht nur darüber, auf die Bühne zurückzukehren, sondern mit einem Ziel dahin zurückzukehren: um die Menschen an all seine Botschaften von Liebe und Frieden zu erinnern, die durch seine Musik und sein Herz seit Jahrzehnten zum Ausdruck kamen. Und jetzt, da wir die Auswirkungen der globalen Erwärmung erlebten, und sahen, wie Tiere aussterben, und sahen, wie der Regenwald minimiert wurde, gab ihm das ein ganz neues Zielbewusstsein. Und dann natürlich die Kinder, seine Kinder, die eine große Rolle bei seinen Überlegungen spielten, This Is It zuzustimmen. Das ist, was mir dazu gesagt wurde: es ist wegen den Botschaften und den Kindern…

Michael Jackson_ Travis Payne

Michael & Travis Payne

Bei den Proben konnte ich sehen, dass sie eine andere Art Daddy zu sehen bekamen. Du konntest erkennen, wie sie lernten, wie sie alles aufsaugten. Prince zum Beispiel interessierte sich sehr für Kameras (…) Blanket war derjenige, der meistens bei den Proben dabeisass, er sass in einer Ecke und beobachtete seinen Dad und Michael sprach mit ihm, er sagte „Wir überlegen uns Dinge, wir haben Ideen, Brainstorming. Das ist genau wie das, was auch du machst. Du hast eine Idee, und dann versuchst du sie zu verwirklichen.“ Er war wie ein Mentor für ihn, wie ein Lehrer, er führte ihn durch diese ganze neue Erfahrung. Blanket war derjenige, der jeden Tag dabei sass, er sass auch in unseren Meetings, weißt du, langweilige Erwachsenenthemen, er sass einfach dabei und saugte alles auf, er genoss es und Michael liebte es, dass er ihn auf diese Art etwas lehren konnte.

Und dann war da natürlich Paris, sie schmiss den Haushalt, plante alles, sie wußte, wann Mittagspause war, sie wußte, was es zum Essen gibt, sie hatte den Durchblick, sie war einfach die große Schwester. Sie war die weibliche Energie im Haus, natürlich zusammen mit der Lehrerin und der Köchin, aber sie nahm diese Rolle an, und so konnte man erkennen, was jeder von ihnen zur Einheit ihrer Familie beitrug, und es war sehr schön, wundervoll, das zu sehen.

June 3 2009 MJ and Prince_ Paris

Ich denke, er war für seine Kinder der perfekte Vater. Wie viele Kinder kennst du, die so einen berühmten Vater haben, der, egal wo er hingeht, so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber dennoch diese Balance finden konnte, ihnen diese Normalität zu bieten. Weißt du, sie hatten ihren Unterricht, ich sah, wie sie ihre Hausaufgaben machten und wie sie bestimmte Dinge zu erledigen hatten. Sie kamen, und wollten Filme ansehen, und er sagte zu ihnen „nachdem ihr ein Buch gelesen habt.“ (…)

Und zu sehen, wie er diese moralischen Werte und Disziplin an sie vermitteln konnte, war wunderbar. Wenn wir in seinem Haus probten, assen wir oft zusammen zu Mittag. Ihre Liebenswürdigkeit und ihr Verhalten… sie beteten und dankten Gott für ihren Vater und baten Gott alle Kinder der Welt zu schützen, die nicht soviel hatten, wie sie… sie waren sich dieser Dinge sehr bewusst. Ich werde nie vergessen, wie Paris einmal das Gebet vor dem Essen sprach, sie leitete das Gebet, und es war wundervoll, das aus dem Stegreif aus ihrem Mund zu hören. Man spürte, dass es etwas war, was sie oft tat, und etwas, mit dem sie sich auskannte, weil sie nicht diese Art reiche, verwöhnte Kinder sind, die in einem Schloss lebten, sie waren Kinder, die Bescheid wussten und verstanden, was überall auf der Welt vor sich geht. Er war wunderbar.

This is It – u.a. Travis Payne mit Michael

Um Michael zu beschreiben würde ich definitiv mit ‘ganz und gar einzigartig’ beginnen. Ich habe nie jemanden gekannt, der so war wie er. Legt man all diese Dinge zu Seite – die ganzen Auszeichnungen, seine künstlerischen Leistungen – dann war er einfach nur ein wirklich großartiger Kerl. Es gibt nicht so viele einzigartige Menschen die, egal wie viele Jahre vergehen, immer gleich bleiben, sich immer treu bleiben, loyal; ich würde sagen, er war sehr loyal, er war sehr unterstützend, er sagte immer, er wolle sich selbst mit den besten Leuten auf ihrem jeweiligen Gebiet umgeben, die er finden könne, und sie dazu inspirieren, noch besser zu werden, und genau das hat er immer getan. Allein mit ihm zusammen zu sein, war so besonders, ich habe nie etwas Vergleichbares erlebt.

Ich glaube, dass große Künstler wie Mozart, Beethoven oder DaVinci zu ihren Lebzeiten nicht verstanden wurden. Die Zivilisation musste zu ihren Ideen erst noch aufschliessen. Und ich glaube, dass das definitiv auch bei Michael der Fall ist.

Ich fragte Michael einmal: „Ärgern dich diese sensationsgierigen Geschichten, Gerüchte und Lügen, regst du dich je darüber auf?“ Und er sagt: „Nein..nein. Denn das ist negative Energie, und dafür ist kein Platz, wir müssen einfach für sie beten.“ Ich denke, niemand wußte wirklich, welchen Effekt manche Dinge auf ihn haben würden. Wir hatten zum Beispiel ein Gespräch über die 9/11 Terrorattacken, als er in New York war. Und ich hörte ihn darüber berichten, wie tief bestürzt er darüber war, wie er die Gänge entlang rannte, Elizabeth Taylor war auch dort, und er versuchte alle in die Vans zu bekommen… Und wie sehr ihn Dinge, die am anderen Ende der Welt passierten berührten, Menschen, die er nicht kannte, wenn Menschen, junge Menschen betroffen waren, und es war so, dass er sich nie beklagte, er machte es nie zum Thema und ich sagte zu ihm: „Ich glaube, die Menschen verwechseln deine Freundlichkeit manchmal mit Schwäche.“ Und er sagte: „Ja, du hast Recht.“ Und ich sagte ihm auch, dass ich denke, er stelle die Bedürfnisse anderer immer vor seine eigenen – aber das war seine Wesensart, so ging er mit Dingen um.

Einmal waren wir in dem Haus, in Carolwood, und ich spielte Musik, und er sagte: „Oh, mach es leiser, stell es leiser…“ Ich fragte, was? Warum? Und er sagte: „Die Fans draussen werden es hören. Ich möchte, dass sie überrascht werden.“ Ich sagte: „Aber das ist Beat It!“ „Ja, aber ich will nicht, dass sie es zu oft hören.“ „Ok,“ sagte ich, und „warum schickst du dann nicht deine Security raus, und schickst sie bisschen weiter weg?“ Und er: „Nein, nein… das wäre unhöflich.“ „Aber du wohnst hier, warum können wir nicht diese Musik laufen lassen?“ „Weil sie überrascht sein sollen.“ Ich sagte „Okay“ und wir stellten die Musik ziemlich leise, und als wir fertig waren, ging er raus ans Tor und unterhielt sich mit den Fans, er stand einfach da, und sprach mit ihnen, und sie fragten: „was macht ihr da drin?“ Und er sagte zu ihnen : „Oh, das ist eine Überraschung.“

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Auszüge aus einem Interview auf Reelurbannews

(English Text at the end of this post)

Die Zusammenarbeit mit Michael war immer beeindruckend, aber am Anfang, als ich gerade begann, ich glaube, das Erste, was ich zu ihm sagte war: „Entschuldige bitte, wenn ich dich so anstarre, aber das ist einfach… so überwältigend.“ Und er sagte: „Es ist ok, ich verstehe das, es ist ok.“ Und so liebenswürdig war er immer. Aber diese erste Zeit war unbeschreiblich, diese Art Vertrauen von Michael zu bekommen und an seiner Kunst teilzuhaben, auf diesem hohen Level, das war ein Traum für jeden kreativen Menschen, der sich für mich verwirklicht hat.

Michael war ein Genie. Ich denke, wir benutzen diese Wort zu oft, und manchmal ist es nicht angebracht, aber er war ganz zweifellos ein Genie. Er hatte so viele Talente und Begabungen und sie beschränkten sich nicht nur auf die Unterhaltungskunst. Er kannte sich sehr gut in Geschichte aus, nicht nur in der amerikanischen Geschichte, sondern in der Geschichte der Welt. Er war sehr an Ökologie interessiert, an Wirtschaft. Er interessierte sich sehr für die verschiedenen Teile der Welt, zum Beispiel nutze er die Kenntnisse, die er über die Lebensumstände der Menschen in bestimmten Teilen der Welt hatte, wie z.B. in Thailand oder Nordafrika, oder Brasilien, in verarmten Gegenden, und ging dann in diese Länder (auf seinen Tourneen), weil er wußte, dass er mit seiner Show in diesen Teilen der Welt für Arbeit und Einkommen in diesen (armen) Regionen sorgen würde, was den Menschen und Kindern dort helfen würde. Deshalb berücksichtige er solche Dinge und ging an Orte, von denen er hoffte, etwas verändern zu können. Aus diesem Grund ging er an ein paar wirklich exotische Orte, aber es war alles Teil dessen, was er für seine Bestimmung hielt, er wollte kanalisieren… Er sprach oft von sich selbst, als eine Art Kanal, und eines seiner Talente war, sich mit seiner höheren Kraftquelle verbinden zu können, und dieser zu ermöglichen, Ideen durch ihn zu senden. Und von dieser Quelle, sagte er, kamen all seine Ideen, seine Musik und seine Kunst. Er schrieb sich diese Verdienste nie selbst zu. Das meine ich, wenn ich ihn als gütig/liebenswürdig beschreibe. Er stellte so oft die Bedürfnisse anderer vor seine eigenen, und manchmal sagte ich zu ihm, er sollte das nicht tun, aber er war immer um das Wohl anderer besorgt, denn er wollte, dass alle glücklich sind, denn wenn sie glücklich waren, war er es auch.

This Is It – Michaels Botschaft

Er fand Musik und Inspiration an vielen Orten. Er liebte Bäume. Er liebte es, wenn sie im Wind schaukeln, wie die Blätter tanzen, wenn sie herabfallen, oder wie Vögel fliegen oder Fische schwimmen, von all diesen Bewegungen lies er sich inspirieren. Und für mich war es, als hätte er über die Jahre seine eigene Sprache entwickelt. In all den Jahren hat er nur wenige Menschen mit ihm zusammen an seinen Choreografien arbeiten lassen, und ich hatte das Glück, über eine lange Zeit einer davon zu sein. Er war einfach sehr freundlich, die Idee musste nicht von ihm selbst stammen, er wollte einfach nur die besten Ideen, verstehst du? Und er erkannte immer sehr schnell die Verdienste der Personen an, die es erdacht hatten, er war nicht egoistisch, und das ist selten, besonders wenn man über einen Megastar spricht. Es war einfach immer wundervoll, mit ihm zusammen zu sein, zu wissen, dass nicht nur ich selbst gerade meinen Traum lebe, sondern dass wir alle zusammen auch ihm dabei halfen. Und das war großartig, es hatte eine gegenseitige Wirkung und das war wunderbar.

Ich bin so froh, dass wir die Show fertiggestellt haben, und er liebte sie und sagte: “Wir haben es geschafft“ Wir sagten, das wir uns lieben und als letztes sagte er zu mir: „Ich liebe dich mehr. Ich sehe dich morgen um 13.00 Uhr.“ Das war das letze Mal, dass wir uns sahen.

June 24_2009 Michael

Michael, 24. Juni 2009

Es war nicht einfach nur ein Spektakel um des Spektakels Willen, sondern es war eine Plattform für ihn, um seine Botschaften von Frieden, Hoffnung und Liebe zu den Menschen und zu der Umwelt, dem Planeten, unserer Gemeinschaft zu überbringen. Es war für ihn etwas viel Größeres, als nur auf die Bühne zurückzukehren um ein paar Alben zu verkaufen, ein paar Songs zu singen und ein bisschen zu tanzen. Es war seine Chance; er fühlte die Verantwortung, alles zu tun, was er konnte um in der momentanen Situation, in der sich dieser Planet befindet, zu helfen. Und das war der ganze Grund, die Show zu machen. Er hatte schon zuvor Angebote, aber er wollte nicht, und es war nicht der richtige Zeitpunkt, aber jetzt war er Vater von 3 Kindern, die alt genug waren um zu verstehen, woran er so viele Jahre gearbeitet hatte, was Inhalt seines Lebens war. Er war immer noch jung genug um es zu tun, und er sagte das ständig: „Ich bin noch jung genug, das zu tun, und meine Kinder sind alt genug, es zu verstehen, und die Welt braucht es.“ Und dann gingen wir an die Arbeit. Und er war sehr aufrichtig mit seinen Überlegungen und wußte, dass wir jetzt die Auswirkungen der globalen Erderwärmung zu spüren bekommen; er sprach davon, die Welt zu heilen, über all diese Dinge sprach er schon Jahre zuvor. Und jetzt, wo wir tatsächlich das Wetter, die Tsunamis und Wirbelstürme, wie Katrina, und all diese Katastrophen erleben, weißt du, dass war alles was er brauchte um zu wissen, dass es für ihn an der Zeit ist, wieder seinen Part zu übernehmen. Und das haben wir getan.

Trotz allem, was er durchmachte, war er immer noch optimistisch, positiv, dankbar und bescheiden. Und neu inspiriert und begeistert, und er genoss die Arbeit an seiner neuen Musik und die Show zu erschaffen, die neuen Teile für Thriller und Smooth Criminal zu filmen. Er war wieder am Arbeiten und er war bereit dazu, immer mehr und mehr zu geben, und das tat er bis zur letzten Nacht.

Michael Jackson TII Smooth Criminal

Michael – Smooth Criminal TII

Seine Botschaften reichen jetzt weiter, ich denke, mehr Menschen achten jetzt darauf. Er hat jedermanns Aufmerksamkeit erhalten und jetzt ist es an uns, alles zu tun, damit sie es verstehen.

Michael war immer von so viel Sensationsgier umgeben und die Menschen wurden von seiner Kunst abgelenkt. Und seine Kunst hatte soviel mitzuteilen, sie war sehr informativ und enthüllend, es steckte sehr viel Wissen darin. Er sagte es uns, verstehst du? Und dann, als Earth Song herauskam, sagte er es uns, er stellte uns Fragen, in dem Song wurden uns Fragen gestellt: Was ist mit dem heiligen Land? Was ist mit dem Krieg, der dort stattfindet? Was ist mit den Kindern, die dort leiden? Was ist mit den Ozeanen, mit den Vögeln? Was ist mit all diesen Dingen? Und ich hoffe, dass die Menschen jetzt verstehen, dass das nicht einfach nur Songs waren, es waren Verkündungen, er war wie ein Prophet. So fühle ich es. Durch seine Reisen und seine Erfahrungen, wußte es sehr viel und er tat alles, um es jedem mitzuteilen. Ich hoffe, dass die Menschen jetzt realisieren, dass es nicht nur einfach Ozeane sind, oder Launen (der Natur) sondern sorgfältig gestaltete Meisterstücke, die uns inspirieren und erleuchten und etwas lehren sollen. Und ich denke, er tat das und mit der Veröffentlichung des Films (This Is It) werden die Leute Michael auf eine Art zu sehen bekommen, wie sie es bisher nicht kannten, in seinem Schaffensprozess. Ich denke, die Menschen werden mehr Verständnis für seine Kunst bekommen, sie sehen nicht nur ein Hochglanz-Plattencover, oder die Pyrotechnik auf der Bühne, sie können sehen, wie das zustande kam und warum es so ist. Ich denke, das ist wie ein Friedensappell und ich bin froh, dass wir das mit der Welt teilen konnten und dass die Menschen den Michael sehen können, den sie lieben.

Übersetzung: M.v.d.L.

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Earth Song – This is It – Michael’s speech:

>>  VIDEO EARTH SONG THIS IS IT

“I respect the secrets and magic of nature. That’s why it makes me so angry when I see these things that are happening, that every second, I hear, the size of a football field is torn down in the Amazon. I mean, that kind of stuff really bothers me. That’s why I write these kinds of songs, you know. It gives some sense of awareness and awakening and hope to people.

I love the Planet, I love the trees. I have this thing for trees – the colors and changing of leaves. I love it. I respect those kind of things.

I really feel that nature is trying so hard to compensate for man’s mismanagement of the planet. Because the planet is sick, like a fever. If we don’t fix it now, it’s at the point of no return. This is our last chance to fix this problem that we have, or it’s like a runaway train. And the times has come, This Is It.

People are always saying, ‘They’ll take care of it. The government’ll–Don’t worry, they’ll–‘ ‘They’ who? It starts with us. It’s us. Or else it’ll never be done…“ – Michael Jackson

MJ 2009 TII 5-1

Ich respektiere die Geheimnisse und Magie der Natur. Deshalb macht es mich wütend, wenn ich diese Dinge sehe, wenn ich höre, dass jede Sekunde ein Stück des Amazonas in der Größe eines Fußballfeldes abgeholzt wird. Also solche Sachen beschäftigen mich wirklich sehr. Aus dem Grund schreibe ich diese Songs, verstehst du? Sie erhöhen das Bewusstsein, rütteln auf und geben den Menschen Hoffnung.

Ich liebe den Planeten, ich liebe Bäume. Ich bin fasziniert von Bäumen, den Farben und dem Wechseln der Blätter. Ich liebe es. Ich respektiere solche Dinge.

Ich spüre, dass die Natur so sehr versucht, das Missmanagement der Menschen zu kompensieren. Denn der Planet ist krank, es ist wie ein Fieber. Wenn wir es jetzt nicht in den Griff bekommen, dann gibt es kein Zurück mehr. Das ist unsere letzte Chance um dieses Problem in den Griff zu bekommen, sonst ist es wie ein aus der Kontrolle geratener Zug. Und der Zeitpunkt ist gekommen, This Is It.

Die Leute sagen immer: „Sie werden sich darum kümmern. Die Regierung, macht euch keine Sorgen, SIE werden…“ „ ‘SIE’? Wer ist ‘SIE’? Es fängt mit UNS an! WIR sind es, oder es wird nie getan werden….“ – Michael Jackson

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Interview-excerpts:

Well, of course, working with Michael was always amazing, but, you know, in the beginning, when I first started, I think the first thing I said to him was, ‘Excuse me if I stare at you’, you know, this was just a lot….overwhelming, and he said, ‘It’s okay, I understand, it’s okay’, and he was always so gracious that way. But those days were just amazing, you know, to have the sort of trusting confidence of Michael and to be able to contribute to his art on just a high level was just a dream come true for any creative person, and especially me.

[…] Absolutely, Michael Jackson was a genius. I think that we throw that word around so many times and sometimes it’s not warranted, but he, absolutely, was a genius. […] He had so many talents and so many gifts and it was not just confining entertainment, you know, he knew a lot about history, not just American history, but world history. He was very into ecology, he was very into the economy, you know, he was very into parts of the world, for instance, he would take the knowledge that he had about people that were dealing with it in certain parts of the world, you know, Thailand or North Africa or, you know, some places like Brazil, impoverished places and he would go to those places [on tours], because he knew if he brought his show to those places, it would generate income in that region, which would help the people and the children. So he took that in consideration, […] he went to places where he thought he could make a difference. And, so that’s why we wound up in some really exotic places, but it was all part of what he felt his purpose was, you know, to really try to be a vessel. He would often times call himself a vessel and that one of his talents was to be able to tune into his higher power and to allow his higher power to send ideas through him, and that’s where he would say his music and his dancing and all of his artistry came from. He’d never take credit for it. And, so, that’s what I mean by gracious and, often times, by putting others’ needs before his own and, sometimes, I’d ask him not to, but he was always concerned about others’ doing, cause he wants everybody to be happy, you know, because if we were happy, he was happy.

[…] He found music and inspiration in many many places. You know, he loved trees, he loved how they sway, how the leaves were dancing as they fell, or how birds fly or how fish swim, all of those type of moves he could be inspired by. And so I feel like he created his owm language over the years. He allowed, you know, a few people to work with him on his choreography over the years, I was so fortunate to be one of them for so long, but he was just very welcoming, and all the idea didn’t have to come from him, he wanted the best idea, you know? And he was very quick to give credit to the person that thought of it, he was just not selfish in that way, you know, and that’s rare, especially when you’re talking about a megastar. And that was just always so wonderful to be around, you know, to know that not only am I living my dream, but that all of us around him were helping him. And it was great, it was reciprocal and it was so wonderful.,

I’m so happy that we finished the show and he loved it and he said ‘We did it’ and we told each other we loved each other and last thing he said to me was ‘I love you more. See you at 1 o’clock tomorrow’. And that would be the last time we saw each other.

(…)It wasn’t just an extravaganza for the sake of being big, we were setting a major platform for him to deliver his messages of peace and hope and love for each other and the environment, the planet, our communities and it was much bigger than him returning to the stage to sell some albums, sing some songs and do some dances. It was his opportunity; it felt like his responsibility to do everything he could to help the situation going on that we have here on the planet. And that was his entire reason for wanting to do the show. He had offers before, but he didn’t really want to, and didn’t feel the timing was right, but now that he was a father and, you know, had three kids that are now old enough to appreciate what it was he worked for so many years and what his life had been, and he was still young enough to do it, and he would say it all the time, you know, ‘I’m still young enough to do it, my kids are old enough to appreciate it and world needs it’. And so we got to work. And he was very very honest about his reasonings and he knew that we are now seeing the effects of global warming; he was talking about healing the world, you know, he was talking about all those sort of issues decades ago. And now that we’re actually seeing the weather, the tsunamis and hurricanes and Katrina, all these national disasters and, you know, that really was the only thing he needed to know that it’s time for him to return to do his part. And that’s what we did.

[…] Despite everything that he went through, he was still so optimistic and so positive and grateful and humbled, and newly inspired and so excited and he was enjoying working on his new music and enjoying creating the show and filming the new segments for ‘Thriller 3D’ , and we did more for ‘Smooth Criminal’. He was back at work and he was ready to, you know, continue to give and give and give, and he did up until the last night.

So, really, his messages are reaching further, I think, and more people are paying attention now, you know? He got everybody’s attention and it’s now up to us, I think, to do what we can to let them know. […] [Heal The World] was a beautiful song. You know, there was always so much sensationalism surrounding Michael and people would get away from his art, and his art was very informational and informative and revealing and had a lot of knowledge in it. And he was telling us, you know? And then, when Earth Song came, he was telling us, he was asking the questions, it was literally in the song asking questions: what about the holy land, what about the war that is happening over there, what about these kids suffering here, what about the oceans, what about the birds, what about all these things, and I hope now that people get that those weren’t just songs, they were testimonies, he was like a prophet, I feel, you know? Through his travels and his experiences, he knew a lot and he was doing everything he could to share it with everybody, and I hope that now people will really realize that…that these weren’t just oceans and whims, I mean, they were carefully crafted masterpieces that were meant to inspire and enlighten and educate us. And I think he did that, and with the release of the film, and people getting to see Michael in a way that they’ve never seen him before in his process, I think people can have more appreciation for his art; they don’t just see now the record cover and the glossiness in it and the shiny outfit and the pyrotechnics on stage, they could see how all of that came about and why it was there. And I think that made much more [of a] plea for peace, you know, and I’m glad that we were able to share that with the world and I’m glad that people got to see the Michael that they love.

Ich bin der eine, der auf der Tanzfläche im Kreis tanzen wird

by


I am the One who will Dance on the Floor in the Round
Post vom 19/03/2015

Link: Dancing With The Elephant

Willa: Vor einigen Wochen hatte ich Raven Woods zu einer faszinierenden Unterhaltung über „Scared of the Moon“ zu Gast, aber wir begannen mit einer kurzen Diskussion über Michael Jacksons Konzerte und wie diese strukturiert sind. Im Besonderen sprachen wir darüber, wie seine Performances von der Dangerous Tour an dazu neigten einem Bogen zu folgen, der mit seiner eher militärischen, autoritären Rolle begann, aber dann mit einer sehr viel sanfteren, mehr sorgenden Rolle endete. Dieser Bogen wurde mit einer Reihe von Standarddarbietungen durchsetzt, die auf eine fast ritualisierte Art und Weise dargeboten wurden: „Beat It“, „Thriller“, „The Way You Make Me Feel“, „Smooth Criminal“ und ganz besonders „Billie Jean“.

Heute habe ich Raven wieder zu Gast, um mit ihr über „Billie Jean“ als einem der unverkennbaren Stücke in Michael Jacksons Konzerten zu sprechen. Ich danke dir sehr, dass wir diese Unterhaltung führen können, Raven!

Raven: Mein Dank an dich für diese wiederholte Einladung! Diese Diskussion kommt eigentlich gerade zur rechten Zeit, wenn man bedenkt, während ich dies schreibe, dass Motown 25 kürzlich noch einmal auf PBS zum ersten Mal seit dreißig Jahren vollständig ausgestrahlt wurde. Wie wir alle wissen stellt dieses Special einen historischen Augenblick dahingehend dar, dass er die erste öffentliche Performance von „Billie Jean“ und die erste Darbietung dessen war, was später eine klassische, feste Größe innerhalb Michael Jacksons Live Performances werden sollte.

Willa: War das nicht unglaublich? Die komplette Ausstrahlung von Motown 25 anzusehen war als würde man Zeuge der Geburt eines Kulturphänomens sein, eines, das während seiner späteren Konzerte und in der Kultur schlechthin für Dekaden nachhallte.

Raven: Dieser Auftritt war wirklich unglaublich. Ich habe mir das Motown Special letzten Sonntag angesehen. Erst einmal muss ich sagen, dass ich sehr interessiert daran war, dass Programm komplett anzusehen, denn ich glaube nicht, dass ich es damals, 1983, in Gänze gesehen habe. Ich war damals so jung und wie die meisten Teens und jungen Erwachsenen nicht geneigt vor einem Fernseher zu sitzen – besonders dann nicht, wenn ich ein Date hatte! Meine Großmutter sah es, aber ich kann mich nur daran erinnern während der Originalausstrahlung kleine Stückchen gesehen zu haben, weil ich an dem Abend zu beschäftigt damit war, aus dem Haus und wieder zurück zu kommen. Ich war also sehr interessiert es wieder anzusehen und neben Michaels einige von den anderen Auftritten mitzubekommen. Marvin Gaye war einfach erstaunlich und hätte wahrscheinlich allen anderen die Show gestohlen – wenn Michael nicht gewesen wäre natürlich!

Willa: Ich war ebenfalls wirklich fasziniert von Marvin Gayes Performance und davon wie tiefempfunden sie war. Er wollte wahrhaftig jedermanns Augen für „What’s Going On“ öffnen. Eine andere Sache, die mich fasziniert hat, ist, dass Marvin Gayes und Michael Jacksons Auftritte sich auf gewisse Weise den ruhigsten Eindruck vermittelten, ironischerweise jedoch die auch die eindrucksvollsten waren. Es ist irgendwie schwer zu beschreiben, aber sie hatten eine stille Intensität, die 30 Jahre später immer noch greifbar ist.

Raven: Ich muss sagen, dass ich nicht geglaubt habe, dass es möglich war, sich wieder von Neuem in Michael Jackson zu verlieben, aber das passierte mir, als ich diese Performance ansah! Ich denke, dass ich über die Jahre ein bisschen gleichgültig gegenüber der Original Motown „Billie Jean“ Performance geworden bin. Sicher, es war das erste Mal und ein ikonischer Augenblick der Fernsehgeschichte, aber über die Jahre hatte ich so viele „Billie Jean“ Performances gesehen, von denen ich dachte, sie wären besser. Nachdem ich gesehen hatte, wie sich das Stück während der Bad-, Dangerous- und HIStory-Tour entwickelte, schien es seltsam zu sein, wieder zurück zu Motown 25 zu gehen und bemerken, dass sein Moonwalk eigentlich ziemlich kurz war, und du kannst sichtlich erkennen, wie er die Balance während des Toestand verliert. Michael selbst war später sehr wütend darüber, und dachte, dass seine gesamte Performance ruiniert war!

Willa: Ja, ich erinnere mich, darüber gelesen zu haben. Eigentlich dachte ich, habe er gesagt, er würde sich fühlen, als müsste er heulen, weil er zurückfiel und nicht so lange auf seinen Zehen stehen konnte, wie er wollte. Rückblickend ist es schwer vorstellbar, dass er mit dieser Performance unzufrieden gewesen sein könnte!

Raven: Das ist wahr. Er fühlte sich erst besser damit, nachdem Fred Astaire angerufen und ihm Komplimente gemacht hatte. Aber als ich die gesamte Show angesehen und mich in diesen Moment zurückversetzt hatte, realisierte ich erneut, warum diese Performance so magisch und besonders war. Niemand hatte jemals vorher gesehen, dass diese Bewegungen auf einer Bühne ausgeführt wurden, also gab es keinen Maßstab, an dem man messen konnte, wie fehlerlos oder wie reibungslos er sie ausführte. Von dem Moment an, in dem Michael die Bühne betrat, konnte man die greifbare Elektrizität spüren. Er war jung, strahlend und brannte – bereit sich der Welt zu beweisen.

Willa: Weißt du, Lubov Fadeeva, eine professionelle Tänzerin und Choreografin, spricht in ihrem wunderbaren Artikel „Michael Jackson: The Dancer of the Dream“ darüber. Sie sagt Folgendes:

Es ist offensichtlich für mich, dass seine Performance bei Motown 25 im Jahr 1983 sich auf viele Arten von seinen späteren Konzertversionen von „Billie Jean“ unterscheidet. Es ist noch nicht perfekt, und der Moonwalk wird noch nicht so reibungslos ausgeführt wie in späteren Versionen. Vielleicht war der Boden nicht glatt genug. Trotzdem geht die emotionale Aufladung des Tanzes so durch Mark und Bein, dass es niemals mit irgendetwas vergleichbar war.

Am Ende der Motown 25 Performance, als Michael aufhört und ins Publikum sieht … Ich weiß nicht, wie ich den Ausdruck in seinen Augen beschreiben soll, aber ich kann ihn voll und ganz verstehen. Es ist die Art Augenblick, wenn ein paar Minuten alles verändern können. … Ich sehe mir jedes Mal diesen Auftritt an und denke, dass Michael hier eine Prüfung ablegt. Er hatte nicht mal ein Spotlight. Einfach nur ein Performer auf der Bühne. Aber irgendwie wirkt es spektakulärer als teure Shows mit Spezialeffekten.

BJ_motown-25

Ich denke, Fadeeva hat dies perfekt erfasst. Seine Performance bei Motown 25 war vielleicht technisch nicht so sicher wie manche seiner späteren Performances, bei denen jahrelange Erfahrung mit dem Moonwalk ihn beispielsweise reibungslos die gesamte Länge der Bühne entlanggleiten ließen. Aber trotzdem ging dieser „Billie Jean“-Auftritt einfach „durch Mark und Bein“, wie Fadeeva sagt.

Raven: Fadeeva hat es perfekt auf den Punkt gebracht! Das ist genau das, was ich zu sagen versucht habe. Und obwohl sich das Stück über die Jahre ziemlich entwickelt hat, wich Michael niemals wirklich drastisch von seiner Original-Performance des Stücks ab. Alle symbolischen Elemente, die man mit dem Stück und der Performance identifiziert, waren bereits vorhanden.

Willa: Das ist wahr.

Raven: Was mir aufgefallen ist, dass wir jedes Mal, wenn wir einen Michael Jackson Song diskutieren oder analysieren, mindestens drei verschiedene, separate Elemente betrachten müssen – die Aufnahme, den Short Film (das Video) und die Live Performance.

Willa: Ja, und von manchen gibt es auch noch eine längere Filmversion. Ich denke an die 16-minütige Version von Bad und an die 40-minütige Version von Smooth Criminal aus Moonwalker. Und dann gibt es auch noch den 38 Minuten langen Film Michael Jackson’s Ghosts.

Und es gibt noch ein weiteres Element, das es ebenfalls zu beleuchten gilt, und das sind die Lyrics wie auch Gedichte. Er veröffentlichte im Grunde „Heal the World“ und „Will You Be There?“ als Gedichte in Dancing the Dream, aber viele seiner anderen Songs können ebenfalls auf diese Art betrachtet werden. Wenn ich seine Lyrics gelesen habe, dann dachte ich oft, dass sie in das Raster von Gedichten passen. Du hast also Recht, Raven – bei vielen seiner Songs gibt es verschiedene Formen hörbarer und visueller Darstellungen, die in dynamischer Wechselwirkung miteinander stehen, um Bedeutungen zu erzeugen.

Raven: Obwohl dies bis zu einem gewissen Grad für viele Künstler zutreffen mag, besonders für jene des Videozeitalters an, finde ich, dass es wahrscheinlich im Fall Michael Jackson noch mehr zutrifft als bei irgendjemandem sonst, denn ich kenne keinen anderen Künstler, der all diese Aspekte einer Darstellung – die akustischen und die visuellen – so nahtlos erfolgreich miteinander verschmolzen hat, wie er es getan hat. Dementsprechend ist es bis heute nahezu unmöglich einen Track von Michael Jackson zu diskutieren, ohne ihn mit der mit ihm verknüpften Bildersymbolik in Zusammenhang zu bringen. Es ist zum Beispiel fast unmöglich über den Song „Thriller“ zu sprechen ohne die Diskussion mit dem ikonischen Video zu diesem Track zu vermischen, oder irgendeinen Aspekt von „Black or White“ als Track zu diskutieren ohne auch die wichtigen thematischen Elemente der „Panther Dance“-Sequenz des Videos ins Spiel zu bringen.

Willa: Oh, das sehe ich genauso. Ich kann keinen seiner Songs, zu dem es ein Video gibt, ohne diese Bildsprache in meinem Kopf anhören. Und ich denke, sie sind so sehr miteinander verbunden, weil er sie sich auf diese Weise vorgestellt hat. Seine Videos waren nicht einfach etwas, was er auf die Schnelle zusammenpanschte, um seine Songs zu vermarkten – sie waren von Anfang an ein Teil seiner Vision. In Moonwalk sagt er:

Die drei Videos, die zu Thriller gemacht wurden – „Billie Jean“, „Beat It“ und „Thriller“ – waren alle Teil meines Originalkonzeptes für das Album. Ich war entschlossen, diese Musik so sichtbar wie möglich zu machen.

Er dachte also offensichtlich bereits über die Videos für diese Songs nach, als er an dem Album arbeitete, und ich denke, er hat das Ziel „seine Musik so sichtbar wie möglich zu machen“ erreicht. Jene Tracks anzuhören ist eine überraschend visuelle Erfahrung, wie du gesagt hast, Raven.

Raven: Ja. Es scheint so, dass Michael, mehr als jeder andere musikalische Künstler seiner Zeit, über mindestens drei Ebenen jedes Songs, den er aufnahm, nachdachte. Durch die Kunst der Bildsprache war es ihm möglich den Songs zusätzliche Ebenen der Themen und Symboliken, welche die Audiotracks allein niemals hätten vermitteln können, hinzuzufügen. Und auf noch einer weiteren Ebene erlaubten ihm seine Live Performances die Stücke noch weiter zu entwickeln. Entgegen der allgemeinen Vorstellung waren seine live dargebotenen Stücke niemals einfache Nachstellungen seiner ikonischen Video-Performances. In manchen Fällen wichen sie natürlich nicht so sehr ab (die Choreografie von „Beat It“ lehnte sich zum Beispiel durchweg eng an die Videoversion an), aber was wir noch mehr zu sehen bekamen waren Neubearbeitungen und (Re-) Stilisierungen dieser Nummern.

Willa: Ja, und manchmal scheinen sich die Bühnendarstellungen völlig von den Videos zu unterscheiden. Ich denke besonders an „The Way You Make Me Feel“, das sich in seinen Konzerten immer so leicht und optimistisch anhört … aber niemand würde jemals das Video auf diese Art beschreiben. Es ist sehr viel dunkler und härter als die Bühnenversion. Obwohl er also oft das Video durch seine Kleidung heraufbeschwor – ein loses blaues Hemd über einem engen weißen T-Shirt mit einem weißen Bindegürtel – die Stimmung und der Bedeutungsgehalt ist ein völlig anderer, denke ich.

Raven: Absolut. Und ich denke, das geht wieder zurück auf den Gedanken, dass er die Konzepte seiner Songs immer wieder neu visualisierte. Er wusste, dass das, was auf der kleinen Leinwand funktioniert, sich nicht unbedingt auf die Performance-Bühne übertragen ließ und umgekehrt. Ich habe die Art, wie er „The Way You Make Me Feel“ mit dem verlangsamten Do-Wop-Intro überarbeitet hat, immer gemocht. Ich erinnere mich, dass, als This Is It herauskam, einige Kritiken Michaels „neue“ Überarbeitung von „The Way You Make Me Feel“ erwähnten. Offensichtlich waren sie nicht sehr vertraut mit Michaels Live Performances. Ich dachte: “Er macht ‘The Way You Make Me Feel’ seit vielen Jahren auf diese Art!“

Wenn Michael erst einmal etwas gefunden hatte, das für ihn funktionierte, dann neigte er dazu, viele Jahre lang daran festzuhalten – sein Motto für Live Performances schien zu heißen: „Repariere nicht, was nicht kaputt ist!“ Aber wie wir wissen sind die besten von Michaels Standardstücken normalerweise keine reinen Darbietungen, wenn wir an Entertainer auf die Art denken, dass sie einfach auf die Bühne gehen und einen Song singen oder aufführen. Michaels Nummern wurden buchstäblich zu einer Darbietung in Form eines Theaterstücks, mit ebenso großer Betonung auf der erzählerischen Komponente der Nummern (wie auch des Einsatzes von Symbolsprache) wie auf dem Gesang und dem Tanz.

Willa: Oh ja, da stimme ich dir voll und ganz zu!

Raven: Es ist so viel über den Song „Billie Jean“ und auch über das Video hierzu geschrieben worden. Aber mit Ausnahme des exzellenten Buches „Thinking Twice about Billie Jean“ von Veronica Bassil glaube ich, gibt es in Wirklichkeit nur wenig, in dem seine Live Performance von „Billie Jean“ interpretiert oder seine symbolischen Andeutungen analysiert werden.

Willa: Weißt du, was mich am meisten an Veronicas Buch fasziniert hat, ist, dass sie aufzeigt, wie sehr in den Lyrics die Missbrauchsanschuldigungen von 1993 vorweggenommen werden. Schließlich ist „Billie Jean“ ein Song über falsche Anschuldigungen über einen sexuellen Fehltritt und darüber, wie sehr er ständig unter Beobachtung steht. Im Video wird dies durch den ihn beschattenden Fotograf dargestellt, der ihm zu Billie Jeans Apartment folgt und versucht, ihn in einer kompromittierenden Lage abzulichten.

Aber das Gefühl des ständig Beobachtetwerdens wird bereits in den Eröffnungszeilen der Lyrics erwähnt, in denen ihn „alle Augen“ beobachten und dass er „im Kreis“ tanzt. Diese Gruppierung ist heute nicht mehr allzu bekannt, aber auf der Höhe der Disco-Ära in den späten 1970ern war es ziemlich üblich, dass das Publikum sich um eine beleuchtete, erhöhte Bühne versammelte, so dass die Zuschauer von allen Seiten und aus jedem Winkel zusahen. Es waren damals sogar „im Kreis“ angeordnete Dinner-Theater üblich, in denen das Schauspiel auf einer erhöhten Plattform stattfand, während die Zuschauer an Tischen rund um die Bühne saßen. Dies bedeutet, dass die Darsteller sich nicht hinter die Kulissen zurückziehen konnten, dass es keine Seite gab, die vor dem Publikum verborgen blieb und keine Möglichkeit, aus dem Scheinwerferlicht vor dem Blick der Zuschauer herauszutreten. Darsteller waren voll und ganz den Blicken ausgesetzt.

Raven: Ja, und weißt du, das muss ein unheimliches Gefühl sein. Ich glaube, dass Michael sich mit fortschreitender Zeit und Entwicklung der Performance wahrscheinlich der Symbolik des Songs immer bewusster wurde (und wahrscheinlich als er mehr und mehr das Gefühl hatte die Kontrolle über gewisse Aspekte seines Lebens zu verlieren). Das runde Scheinwerferlicht, in das er hineintritt, wird mit der Zeit zu einem immer bedeutenderen Teil der Performance.

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Willa: Ja, so ist es.

Raven: Dies schien für ihn die Vorstellung eine einzelne Person „im Kreis“ zu sein zu verstärken. Und während er beim Motown 25 Auftritt von Anfang an sehr selbstsicher herüberkommt, wirkt er zur Zeit des Auftritts in München 1997 und der im Madison Square Garden ein wenig verloren und fast verunsichert – zumindest bis er die magischen Symbole Jacke, Handschuh und Hut anzieht.

Willa: Das ist eine interessante Deutung, Raven. In seinen späteren Konzert Performances begann er „Billie Jean“ normalerweise auf einer verdunkelten Bühne, während ein geradeaus nach unten gerichteter, blendender Scheinwerfer einen Lichtkreis formte, wie du sagst. Und ich denke, du hast recht – dieses Licht wurde zu oder definierte seine Bühne „im Kreis“ (kreisförmige Bühne). Und dann trat er in das Scheinwerferlicht, wie du sagst, und es ist so hart und grell, fast so, als würde man in den Suchscheinwerfer eines Gefängnisses treten. Er trat also buchstäblich „in den runden“ brutalen, blendenden Scheinwerfer – genau wie er es im übertragenen Sinn während seines gesamten Lebens, von der Kindheit an getan hatte.

Raven: Zufälligerweise beginnen wir dieses Gespräch genau, während ich für nächste Woche in meiner Klasse einen Abschnitt über Symbolismus eingeplant habe, und ich erwäge die Möglichkeit, Clips von Michaels „Billie Jean“ Performance einzusetzen, um das Konzept zu diskutieren.

Willa: Oh, interessant!

Raven: Ich zögere nur noch etwas, weil sie sich in einigen Wochen auch mit „Black or White“ und „Earth Song“ beschäftigen werden, und ich will nicht, dass sie danach die Nase von MJ voll haben, lol! Aber wie so oft scheinen diese Diskussionen genau zum richtigen Zeitpunkt aufzukommen, wenn sich meine Gedanken sowieso schon in diese Richtung konzentrieren. Bei dem Prozess hierfür eine Entscheidung zu treffen, habe ich mir in den vergangenen Tagen viele Liveaufführungen von „Billie Jean“ angesehen. Ungeachtet dessen, ob ich mich letztlich dafür entscheide, sie für meine Lehrstunde in Symbolismus zu nutzen, hatte ich dadurch eine gute Gelegenheit zu beurteilen wie sich das Stück über die Jahre entwickelt hat, ebenso wie es eine Gelegenheit für einen erneuten Blick darauf war, wie Michael den Symbolismus in diesem Stück einsetzte, um einen klaren Erzählbogen zu entwerfen.

Willa: Wow, ich wünschte, ich könnte auch in deiner Klasse sitzen …

Raven: Danke! Ich vermute, das ist einer der Vorteile meines Jobs. Ich kann dadurch so viel von dem, was ich liebe, geben.

Aber um auf „Billie Jean“ zurückzukommen spielte nahezu alles an dieser Performance, von der Wahl der Kleidung und der Farben, der Platzierung des Scheinwerfers bis hin zu den Requisiten – dem Handschuh, der Jacke und, vielleicht am wichtigsten, dem Fedora – eine symbolische Rolle. Es war wirklich der Beginn vieler typischer Looks Michaels Jacksons als Markenzeichen, einschließlich dem einzelnen Handschuh und dem Fedora. Und obwohl er die weißen Socken und die schwarzen Loafer zusammen mit den Hochwasserhosen bereits vorher in „Don’t Stop Till You Get Enough“ getragen hatte, war es hier, dass der Look zur permanenten und ikonischen festen Einrichtung der „Marke“ Michael Jackson wurde.

Willa: So war es wirklich. Er setzte die Hochwasserhosen, die weißen Socken und schwarzen Loafer oft nach Motown 25 ein, in der Tat wurden sie buchstäblich zu seinem Markenzeichen. Ich denke an dieses Logo für MJJ Productions:

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Raven: Ja. Und speziell in diesem Logo zeigt er den Zehenstand, der zu einem Zeichen mit Symbolcharakter für ihn wurde. Meines Wissens nach war „Billie Jean“ allerdings die einzige Performance, in der er diese spezielle Pose einsetzte.

Willa: Ich glaube, du hast Recht … Das ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen, aber ich glaube, du hast Recht – ich denke, es war ausschließlich ein Billie Jean Move. Das ist interessant.

Raven: Viele Leute realisieren gar nicht, dass Michael ganz gewisse Dance Moves nur für ganz bestimmte Nummern reserviert hatte. Sowohl der Moonwalk, als auch der Zehenstand waren einzig und allein mit „Billie Jean“ verbunden. (Es gibt auch kurze Aufnahmen von beidem im Jam Video, aber sogar dort, sind sie eindeutig nicht Teil der Choreographie dieses speziellen Stücks. Vielmehr schienen sie dem Zweck kultureller Anspielungen zu dienen – MJ Dance Moves mit Kultstatus, die jedermann sofort erkennen würde.) Und obwohl Michael Variationen des Moonwalk in anderen Nummern brachte, war das berühmte Rückwärtsgleiten ausschließlich für „Billie Jean“ reserviert.

Willa: Das stimmt, und ebenso war die schwarze Glitzerjacke allein für „Billie Jean“ reserviert. Genauso wie ein weißer Anzug mit dunkler Armbinde für „Smooth Criminal“ stand oder eine rote Lederjacke mit grauen Schulterstücken „Beat It“ bedeutete oder eine rote Lederjacke mit einem tiefen schwarzen V von den Schultern bis zur Hüfte „Thriller“ vorbehalten war, so bedeutete eine schwarze Glitzerjacke „Billie Jean“. Mit einem schwarzen Fedora und einem weißen, paillettenbesetzten Handschuh war das Kostüm vollständig.

Raven: „Billie Jean“ war auch eine der wenigen, in seinen Konzerten dargebotenen Nummern, bei denen er immer sicherstellte, dass er das komplette Kostüm trug. Während der Dangerous Tour zum Beispielwarf er sich normalerweise das Jackett für „Smooth Criminal“ einfach über den goldfarbenen Leotard. Auf diese Art erzeugte er viele Mischformen seiner Markenlooks. Es gab natürlich einen sehr pragmatischen Grund dafür. Es sparte Zeit! Es wäre für ihn nicht möglich gewesen für jede Nummer einen vollständigen Kostümwechsel vorzunehmen, also gab es die Idee, zusammenpassende Teile übereinander zu ziehen und damit schrittweise Teile hinzuzunehmen oder wegzulassen, je weiter die Show voranschritt. Deshalb war zum Beispiel der Übergang zu „Smooth Criminal“ leicht, indem man einfach das ikonische weiße Jackett mit der Armbinde und dem weißen Fedora überzog. Diese Teile hatten genug Symbolkraft, um die Nummer zu tragen – es spielte keine Rolle, dass er nicht den vollständigen Anzug trug. Aber bei „Billie Jean“ nahm er sich immer die Zeit für einen vollständigen, kompletten Kostümwechsel.

Willa: Es ist auch interessant, dass er während der späteren Auftritte den Kostüm- und damit den Rollenwechsel selbst als bedeutenden Teil der Show inszenierte, wie du vorhin bereits erwähnt hast. Hier ist ein Clip seiner „Billie Jean“-Performance aus dem Konzert zu seinem 30-jährigen Jubiläum im Madison Square Garden:

Achte mal darauf, wie er mit dem Publikum spielt, während er langsam die schwarze Glitzerjacke herauszieht, dann den Fedora aufsetzt und dann …. dramatische Pause … den Handschuh. Und das Gebrüll des Publikums wird bei jedem erscheinenden Teil lauter, so dass es, wenn er voll kostümiert ist, sich von seinen Plätzen erhoben hat und wild klatscht. Es ist so, als ob der Vorgang, der dazu führt zu der Rolle zu werden, selbst Teil der Performance ist.

Raven: Es ist erstaunlich, nicht wahr? Alles, was nötig ist, ist, dass sie diese symbolträchtigen Teile zu sehen bekommen, und schon beginnen sie wild zu werden, denn sie wissen, was nun kommt! Also, wie du sagtest, ist das In-die-Rolle-schlüpfen für das Publikum bereits Teil des Rituals. Ein guter Ort, um zu beginnen, ist möglicherweise sich den Ursprung der „Billie Jean“-Rolle zu betrachten. Es war von Anfang an deutlich, dass Michael hier nicht so sehr performte, sondern vielmehr eine Rolle spielte. Er hat speziell für diese Nummer eine unverwechselbare Rolle erschaffen. Die Rolle war eine interessante Mischung aus dem coolen „Mack Daddy“ einerseits und einem schrulligen, komischen Kauz, einem Außenseiter andererseits. Die Transformation, oder Verwandlung, wurde üblicherweise dadurch herbeigeführt, dass er sich einen Fedora auf den Kopf platschte. In diesem Augenblick verschwand der Kauz und wurde durch die Rolle des übermütigen und selbstsicheren „Mack Daddy“ ersetzt.

Es war offensichtlich, dass die Wurzeln dieser Rolle von Michaels Bewunderung von Charlie Chaplin und Buster Keaton stammten. Wenn wir Michaels Improvisationssegment von „Billie Jean“ mit Charlie Chaplins Rolle in Little Tramp vergleichen, können wir erkennen, dass es da offensichtliche Parallelen gibt:

Willa: Ja, und während einiges davon auf das Kostüm zurückzuführen ist, ist sehr vieles davon eher abstrakter Natur – eine gewisse Unbeschwertheit gemixt mit Pathos, der bei beiden wirklich deutlich sichtbar ist.

Raven: Und in diesem Clip mit Buster Keaton können wir zweifellos einige der Ursprünge von Michaels Improvisationen mit seinem Fedora als einer Art Männlichkeitssymbol erkennen (achte mal darauf, wie sich Keaton in seiner Rolle vom Trottel in eine weltmännische Erscheinung verändert, sobald er einen „coolen“ Hut auf dem Kopf hat):

Und natürlich wurde es bereits gründlich vermerkt, dass Michaels berühmter Smooth Criminal Lean eine Menge Buster Keatons Move in College, den Michael ohne Zweifel gesehen hat, zu verdanken hat:

Viele Jahre später vermischte Johnny Depp, der, wie Michael, Keaton und Chaplin verehrt und Elemente von ihnen in seine eigenen Darstellungen einbrachte, die Charakteristika beider, um die Rolle von Sam in Benny & Joon von 1993 zu erschaffen.

Depps „Hut-Trick“, hier zu sehen, wird jedem bekannt vorkommen, der Michael Jacksons Live Performances von „Billie Jean“ gesehen hat. Geh zum Beispiel zurück zu der oben geposteten „Billie Jean“ Performance von Bukarest und sieh dir an, wie ähnlich Michael zum Beginn bei etwa 5:54 mit seinem Hut „spielt“, als wäre er etwas Lebendiges, das ihn verspotten und reizen würde, oder als könne er ihn verzaubern!

In späteren Jahren spielte Michael diese Parallele noch wesentlich deutlicher aus. In Zeiten der HIStory Tour beispielsweise führte er ein neues Element für die Performance ein, bestehend aus seiner Rolle als „kleiner Außenseiter“, der mit einem Koffer auf die Bühne kommt und ziemlich verloren und verunsichert aussieht, so als ob er nicht wüsste, wo er ist oder was er tun soll. Noch einmal, dies ist ein Ausdruck, der offensichtlich tief im Pathos der chaplinesken und keatonesken Rollen, die er so bewundert hat, verwurzelt ist. Hier verbreitet die Performance eine Atmosphäre von Vaudeville, und Michael ruft dieses Echo eindeutig und absichtlich hervor.

Willa: Ich stimme dir vollkommen zu. Sogar der Koffer selbst erscheint abgetragen und antiquiert, als wäre er aus einer weit zurückliegenden Zeit. Er ist ziemlich markant – hellbraun mit zwei ihn umwickelnden, braunen Lederriemen – und er nutzt denselben Stil des Koffers jahrelang bis hin zu den Madison Square Garden Performances. Das ist interessant, denn in Say Say Say spielen Michael Jackson und Paul McCartney ein Paar als Vaudeville-Darsteller und sie tragen jeder einen Koffer in genau demselben Stil: Hellbraun mit zwei braunen Lederriemen. Hier ist ein Clip, und du kannst jene Koffer bei etwa 4:20 beginnend sehen:

Michael verband also diesen speziellen Koffer eindeutig mit Vaudeville, und ich denke, das ist Teil dessen, was seinen späteren „Billie Jean“-Performances eine „Vaudeville Atmosphäre“ verliehen hat, wie du es ausgedrückt hast, Raven.

Darüber hinaus war da noch seine Körpersprache und die Art, wie er ängstlich über die Bühne schlurfte, wie du es ausgedrückt hast. Dann seine einfache Kleidung, mit der er andeutet, er sei eine vom Glück verlassene Person. Die Art, mit der er ganz langsam seine Requisiten aus einem Koffer zieht – dies alles ist eine Rückschau auf Vaudeville.

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Raven: Oh ja, absolut. Ich habe auch gerade daran gedacht, dass seine „Billie Jean“-Rolle ein eindeutiges Pantomime-Element enthält. Wir wissen, dass Michael ein Bewunderer der Kunst der Pantomime war und regelmäßig pantomimische Elemente in seine Tanznummern integrierte. „The Box“ (der Karton) ist solch ein Beispiel. Es ist der Move, den er bei etwa 1:00 in diesem Video von ihm beim Proben im Studio zeigt:

Ich denke, dass es kein Zufall ist, dass eine Performance und eine Rolle, die so sehr dem Vaudeville und Stummfilm-Komödianten wie Chaplin und Keaton verbunden ist, auch Elemente der Pantomime beinhalten würde. Chaplin und Keaton waren selbst beide stark durch die Kunst der Pantomime beeinflusst. Hier ist eine Passage über Pantomimen aus Wikipedia:

Die Einschränkungen der frühen Filmtechnik bedeuteten, dass Geschichten mit Hilfe minimaler Dialoge, die weitgehend auf Zwischentitel beschränkt waren, erzählt werden mussten. Dies forderte oft eine hochstilisierte Form des körperbetonten Schauspiels, das in weiten Teilen dem Spiel der Bühne entnommen war. Folglich spielte die Pantomime eine wichtige Rolle in Filmen vor dem Aufkommen der Tonfilme. Der mimetische Stil der Filmschauspielerei wurde im großen Stil im Deutschen expressionistischen Film eingesetzt.

Stummfilmkomödianten wie Charlie Chaplin, Harold Lloyd und Buster Keaton erlernten die Kunst der Pantomime durch das Theater, aber durch den Einsatz im Film, hatten sie noch Jahrzehnte nach ihrem Tod grundlegenden Einfluss auf die in den Theatern tätigen Pantomimen. Natürlich ist Chaplin wohl der bestdokumentierte Pantomime der Geschichte.

Willa: Oh, das ist wirklich interessant, Raven! Ich habe Pantomime bisher niemals mit Stummfilmen in Verbindung gebracht, aber jetzt, da du es erwähnst, ergibt es vollkommenen Sinn. Und ich erkenne, wie sich diese Elemente auch in Michael Jacksons Konzertauftritten widerspiegeln.

Rembert Browne schrieb zum Beispiel eine wunderbare Analyse über Michael Jacksons Performances von „The Way You Make Me Feel“ und „Man in the Mirror“ bei den Grammys 1988. Hier ist ein Video dieses Auftritts:

Rembert Browne weist darauf hin, dass Michael Jackson in dem Augenblick, als er die Bühne betritt eine Rolle vollkommen zum Leben erweckt – eine Rolle, die Browne „Tough Guy Mike“ (den harten Kerl Mike) nennt:



„Tough Guy Mike“ ist ein unglaubliches Wesen, weniger weil er seiner wirklichen Persönlichkeit so entgegengesetzt war, sondern eher deshalb, weil er seine Gliedmaßen eben wie Tough Guy Mike bewegte. Jeder Schritt wurde zu einem verschärften Tritt, alles wurde zu einem Hinweis, und das Rollen seines Nackens wurde zur kecksten Sache, die je mit der Kamera festgehalten wurde.

Browne sagt, er erschaffe diese Rolle durch seine Körpersprache und auch durch pantomimen-ähnliche Gestik. Browne weist darauf hin, dass wir bei etwa 1:10 „Tough Guy Mike pantomimisch dargestellt eine imaginäre Zigarette rauchen und imaginären Rauch ausstoßen“ sehen“. Dann „tritt er die imaginäre Zigarette mit seinem Fuß aus“. Mithilfe dieser subtilen Gesten liefert Michael Jackson uns wichtige Hinweise darüber, wer er in dieser Rolle ist – genau wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton oder Marcel Marceau es durch ihre stillen Gesten lange vor ihm machten.

Raven: „Tough Guy Mike“ ist eine ausgezeichnete Interpretation dieser Rolle! Der einzige Unterschied ist, denke ich, dass wir die Verwandlung nicht wirklich auf dieselbe Art „sehen“, wie es bei „Billie Jean“ der Fall ist, oder wenigstens in der späteren Verkörperung davon. Bei „Billie Jean“ leiten im Grunde die Symbole die Verwandlung ein.

Willa: Oh, ich verstehe. Wie du bereits erwähnt hast, verwandelt er sich mit dem Aufsetzen des Fedora auf magische Art in seine „Billie Jean“-Rolle. Sein Hut löst also diese Verwandlung zu dem, den er auf der Bühne darstellt, in ihm aus.

Raven: Wie wir bereits erörtert haben, stellten Hüte wichtige Requisiten für die Stummfilmdarsteller, wie auch Pantomimen und ebenso viele Vaudeville-Darsteller, dar. Der weiße Handschuh ist ebenfalls etwas, was seine Wurzeln in der Kunst der Pantomime hat (obwohl es meines Wissens nach nicht unbedingt ein einzelner Handschuh ist). Ich denke jedenfalls, dass Michael wahrscheinlich viele seiner Ideen, besonders jene mit Bezug zu Farbschemen, von Künstlern der Pantomime entnahm. Weiß und Schwarz waren traditionell Farben, die oft von Pantomimen eingesetzt wurden.

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Im Original-Video von „Billie Jean“ trug Michael einen dunklen Anzug über einem kühnen pinkfarbenen Hemd mit roter Fliege. Das war ein signifikant anderer Look als der, den man gemeinhin mit der Live „Billie Jean“-Performance in Verbindung bringt, und noch einmal, es ist einer der wenigen Momente, an die ich mich erinnern kann (vielleicht sogar der einzige Moment), in dem sich die Kleidung und die Rolle der Bühnen-Performance komplett von der Videoversion unterscheidet. Ich denke, er drehte die gesamte Performance in solch eine andere Richtung als die der Motown 25, weil er gewusst hat, dass dies von diesem Punkt an die Art und Weise war, auf die Song live dargeboten werden musste. Das Video für „Billie Jean“ schien das einzige von wenigen gewesen zu sein, für das seine Choreografie wirklich aufgrund dieser Gegebenheiten ausgearbeitet wurde.

Als Motown 25 stattfand, hatte er noch nicht vollkommen die Vorstellung über den Einsatz des schwarz-weißen Farbkontrastes, und das kam wahrscheinlich weitgehend durch die Tatsache zustande, dass er die Nummer erst kurz vorher entwickelt hatte und mit dem arbeiten musste, was ihm zu der Zeit zur Verfügung stand. Gemäß den meisten Berichten kam die berühmte Paillettenjacke, die er in jener Nacht trug, aus Katherines Kleiderschrank. Wie das alte Sprichwort sagt „können Bettler nicht wählerisch sein“, also trug er schließlich eine leicht violette Paillettenjacke. Allerdings erkennen wir, dass er bereits beschlossen hatte, wie er alle drei symbolischen Objekte für die Nummer einsetzen würde – den Hut, den Handschuh und die Paillettenjacke. Es sollte über die Jahre nur noch eine Sache des perfektionierten Einsatzes werden.

Die beiden vorherrschenden Farben, Schwarz und Weiß, sind jeweils eng mit der Kunst der Pantomime verbunden. Michael ahmte außerdem den uralten Pantomimentrick, die Farbe Weiß so einzusetzen, dass der Blick des Publikums auf den von ihm gewünschten Körperteil gelenkt wurde, nach. Er hatte beispielsweise gelernt, dass ein weißer Handschuh oder weißes Klebeband an seinen Fingern die Augen des Publikums auf seine Handgesten lenken würde, und wie wir wissen, waren Handgesten etwas sehr Wichtiges für Michael. Ich glaube wirklich, dass hier der Ursprung für seinen einzelnen, weißen Handschuh liegt. Ich habe nie so richtig der oft geäußerten Theorie geglaubt, nach der dadurch Vitiligo-Flecken auf seinen Händen verdeckt werden sollten. (Ich glaube, natürlich, dass er Vitiligo hatte – ich denke nur nicht, dass sie der Grund für den Handschuh waren.) Ich glaube, er dachte über all diese Dinge vom künstlerischen Standpunkt aus, was er mit jedem dieser Dinge auf einer großen Bühne erreichen konnte.

Willa: Das ist interessant, ich neige dazu zu denken, dass es beides war – dass es ihm dabei half, mit Vitiligo klarzukommen und dass es zugleich eine wichtige künstlerische Entscheidung war.

Und das über die weißen Handschuhe als wichtigem Teil des Vaudeville und auch der Pantomime ist interessant. Es erinnert mich daran, dass weiße Handschuhe auch ein wichtiges Merkmal des Black Minstrelsy waren. Hier ist ein Clip mit Fred Astaire, der in dem Film Swing Time in Blackface (mit geschwärztem Gesicht) tanzt, und seine großen weißen Handschuhe sind schwer zu übersehen:

Im Grunde ist die letzte Sache, die wir sehen, Astaire, wie er die Bühne verlässt, seine Hand mit dem Handschuh auf eine schlaffe Art winkt, was nur noch mehr Aufmerksamkeit auf den übergroßen weißen Handschuh, den er trägt, lenkt.

Raven: Das ist interessant. Und wir wissen, dass Michael mit Swing Time vertraut war. Er hat alles, was Astaire jemals gemacht hat, studiert! Ich habe außerdem vor kurzem eine Dokumentation über Oscar Wilde gesehen, und es wurde erwähnt, dass Wilde während seiner Amerikatournee 1882 auf die Idee kam, weiße Handschuhe zu tragen. Wilde war, wie Michael, ebenso ein Showman wie Schriftsteller (und sein größtes Talent bestand in der Fähigkeit sich selbst zu vermarkten!) und es wurde gesagt, dass er es mochte, wie es aussah, wenn er seinen weißen Handschuh aus dem Kutschenfenster stecken konnte, um der Menge zuzuwinken! Ich kann nicht anders, als dabei an Michael zu denken, als sie das erwähnten.

Aber ein Handschuh ist auch etwas, was Verbrecher am Tatort tragen, um verräterischen Fingerabdrücken vorzubeugen. Es wäre interessant zu wissen, ob Michael in gewisser Weise auf diese Vorstellung anspielt, denn der Song handelt von einem Mann, der beschuldigt wird. Ich weiß nicht – das ist vielleicht weit hergeholt, aber es ist etwas Interessantes zum Nachdenken.

Etwas anderes, was mir bei seinen Live Performances von „Billie Jean“ aufgefallen ist, ist, dass als er in das Spotlight springt und seinen Hut auf den Kopf platscht, eine Verwandlung stattfindet. Bei späteren Verkörperungen der Performance springt er sogar fast in das Spotlight in einer Art symbolischen „Eintauchens“. Da ist ein Zögern und sogar ein wenig Ängstlichkeit (noch im Modus seiner schüchternen, linkischen und irgendwie verloren wirkenden Rolle) und dann, sofort, wenn er hineinspringt, erklingt der Bass und die Metamorphose ist vollzogen. Er beginnt mit einer Reihe von Hüftstößen, wodurch er den Wechsel zu maskuliner, lebensstrotzender Energie andeutet. (Mein etwas unanständiger Lieblingswitz hierzu ist, dass er in dieser Szene das herauslässt, was ihn ursprünglich in diese missliche Lage mit „Billie Jean“ gebracht hat!) Gleich aus welchem Grund, die Bewegungen und Gesten waren eindeutig Absicht. Wenn es jemals irgendwelche Zweifel über die Absichtlichkeit dieser Bewegungen als sexuelle Gesten gegeben haben sollte, dann hat Michael diese mit seiner äußerst spielerischen und unzüchtigen Übertreibung dieser Bewegungen in seiner Probe für die This Is It-Performance von „Billie Jean“ für alle Zeiten begraben:

Willa: Oh, das sehe ich genauso! Die Performance dieser Probe ist wesentlich unverhohlener sexuell und „unzüchtig“, wie du sagst, als alles, was er jemals in einem Konzert gezeigt hat – besonders fast am Schluss. Aber er kannte sein Publikum ganz genau – diese jungen Tänzer, die ihm beim Proben zusahen, liebten es einfach! Und ich liebe es, sie zu beobachten, wie sie ihm zuschauen. Eigentlich ist dies einer meiner Lieblingsszenen aus This Is It – er scheint eine großartige Zeit zu haben und sich wirklich mit diesen jungen Tänzern – durch den Tanz – verbunden zu fühlen.

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Aber diese Szene deckt auch wichtige Elemente der Rolle, die er darstellt, auf – Elemente, die sonst eher subtil angedeutet werden, aber dieser Rolle trotzdem mehr Komplexität verleihen. Zum Beispiel beginnt er seine Motown 25 Performance und viele seiner späteren Billie Jean Auftritte, indem er einen imaginären Kamm hervorzieht und sein Haar zu beiden Seiten zurückkämmt. Dies ist eine ausgesprochen pantomimenartige Geste, wie du vorhin schon erwähnt hast.

Raven: Ich liebe diese Geste! Sie fügt dieser Szene für mich auch eine Art Geist der 50er Jahre hinzu … James Dean, Elvis Presley, Marlon Brando aus „Der Wilde“!

Willa: Ich liebe es auch! Für mich vermittelt es auch dieses Fiftys-Feeling und es erinnert mich an „Tough Guy Mike“, der zu Beginn der Grammy Performance 1988 seine imaginäre Zigarette raucht und diese dann mit seinem Fuß austritt. In beiden Fällen geben uns diese kleinen Gesten wichtige Einblicke in die Rolle, die er spielt. Er mag in seiner „Billie Jean“-Rolle jung und verletzlich sein, und er hat immer noch den Rat seiner Mutter im Kopf –„Be careful who you love …“ / „Pass auf, wen du liebst“ – aber diese kleine Geste des Zurückkämmens der Haare sagt uns, dass er sich selbst auch als so etwas wie einen Aufreißer sieht.

Raven: Aber selbst, als er in diesen Teil der Performance übergeht, behält er oft immer noch Elemente seiner „Little Tramp“-Rolle bei. Etwas, was ich oft bemerkt habe – und eine der liebenswertesten Merkmale dieser Performances – ist, dass es so scheint, als würde er nicht zu sehr versuchen sie „zu“ perfekt oder „zu“ ausgefeilt zu machen. Wir sehen beispielsweise, wie er insbesondere mit einem störrischen Jackenzipfel kämpft, der nicht genauso fällt, wie er sollte. Man kann oft erkennen, wie er seinen Hut während der Performance ausrichtet, um ihn am Herunterfallen zu hindern oder ihn in dem von ihm gewünschten Winkel zu halten. Wenn wir bedenken, welch ein Perfektionist er bei seinen Performances war, können wir nur vermuten, dass all diese kleinen Makel und „unrunden Stellen“ der Performances selbst Teil des Ganzen, oder zumindest Teil der Rolle, waren.

Es scheint, als wollte er weniger Schliff oder Perfektion in diesen Performances, als eine Aura der kindlichen Verspieltheit und Ungelenkheit beizubehalten. Es war gerade genug liebenswerte Schrulligkeit, genug Pathos, um die Machismo-Erscheinung der Performance an der kurzen Leine zu halten. Und es war wunderbar geistreich, denn so stand der Machismo-Aspekt der Rolle nicht so ganz im Mittelpunkt, so dass wir nicht ganz sicher waren, wie ernst wir diese verwandelte Rolle nehmen sollten.

Willa: Oh, das ist eine interessante Art der Betrachtung, Raven – und es hat einen sehr chaplinesken Touch, wie du sagst. Es fügt diesem jungen Mann einen Hauch von Pathos hinzu, der so sehr versucht weltmännisch und lässig-gewandt zu erscheinen und dem dies nicht so ganz glückt – aber ironischerweise ist er gerade deswegen umso liebenswerter.

Raven: Es ist fast so, als würde man ein kleines Kind beobachten, das sich plötzlich im Körper eines Erwachsenen wiederfindet oder wie Frosty, der Schneemann, wenn dieser seinen „Zauberhut“ aufsetzt und dadurch plötzlich animiert wird. Er scheint nicht ganz sicher zu sein, was er mit sich oder mit seinen neuen Kräften und Fähigkeiten anfangen soll. Wir können beobachten, wie er auf dieselbe Art in diese Rolle hineinwächst wie ein tollpatschiger und schlaksiger Jugendlicher in seinen neuen Körper „hineinwachsen“ muss.

Willa: Genau! Genauso empfinde ich es auch, obwohl ich das bisher nie so richtig artikulieren konnte, und das ist einer der Gründe, warum die Darstellung so faszinierend und anziehend ist, denke ich.

Nun Raven, ich danke dir sehr, dass du wieder einmal bei mir warst! Ich habe es voll und ganz genossen, aber es gibt noch so viel mehr über seine Billie-Jean-Performances zu sagen. Vielleicht kannst du dich mir irgendwann noch einmal anschließen und wir können diese Diskussion fortsetzen?

Raven: Das würde ich sehr gern! Nochmals Danke für eine weitere großartige Diskussion.

Willa: Oh, es ist immer ein Vergnügen mit dir zu reden.

Ich wollte außerdem darüber informieren, dass der australische Journalist und Blogger Damien Shields ein neues Buch herausgebracht hat: Xscape Origins: the Songs and Stories Michael Jackson Left Behind (Xscape Ursprünge: die Songs und Geschichten, die Michael Jackson hinterlassen hat). Charles Thomson hat heute Morgen eine Rezension in der The Huffington Post gepostet, und es ist interessant, während Charles sehr offen in Bezug auf seine Abneigung posthumer Tracks im Allgemeinen war und im Besonderen ziemlich vernichtende Kommentare dazu abgegeben hat, ist seine Review über Xscape Origins überraschend positiv.

Gemäß Charles fühlte sich Shields von dem Gefühl motiviert, dass sich die Vermarktung für Xscape zu sehr auf die „angepassten“ Tracks und die Produzenten, die an ihnen gearbeitet haben, fokussiert hat, und dass „Jacksons eigene Vision und der jeweilige Entstehungsprozess fast vollkommen übersehen wurde“. Also hat er sich drangemacht, mehr zu erfahren. Charles schreibt:

Entschlossen das wahrgenommene Falsche richtigzustellen, flog Shields nach Amerika, um eine Vielzahl von Jacksons ursprünglichen Mitarbeitern zu interviewen, einschließlich Songwritern, Studio-Ingenieuren und Produzenten. In seinem Buch präsentiert er eine umfangreiche Hintergrundgeschichte für jeden Track. Das Ergebnis ist ein enthüllender und aufregender Einblick in die Arbeitsgewohnheiten des zurückgezogensten Stars des Pop.

Den Verlust und das Vermächtnis auf die Waagschale legen

by

English: http://michaeljacksonchosenvoices.com/taking-a-measure-of-the-loss-and-a-measure-of-the-legacy/

„Die Leute fragen mich, wie ich Musik mache. Ich sage ihnen, dass ich einfach hinein trete. Es ist wie in einen Fluss zu steigen und sich mit der Strömung zu verbinden. Jeder Moment in dem Fluss hat sein Lied. Also verweile ich in dem Moment und höre zu. Was ich höre ist nie das Selbe. Ein Spaziergang im Wald ruft ein leichtes, knisterndes Lied hervor: Blätter rascheln im Wind, Vögel zwitschern und Eichhörnchen zanken, Zweige knirschen unter den Füßen und mein Herz hält alles zusammen. Wenn Du Dich mit der Strömung verbindest, ist die Musik innen und außen und beides ist das Selbe. So lange ich dem Moment zuhören kann, werde ich immer Musik haben.“ ~ Michael Jackson, Dancing the Dream, 1992

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Du musst jemanden kennen lernen, sein Herz und seine Seele kennen, bevor Du überhaupt versuchen kannst, seinen Charakter zu beurteilen.

„Vorurteil ist Ignoranz“ ~ Michael Jackson

Die Unschuld des Geistes, die Welt unbelastet von Farbe, Rasse, Religion, Grenzen oder Rändern zu sehen, befreite Michael Jacksons Vorstellungskraft. Diese Vorstellungskraft kannte keine Grenzen. Die onmipräsente Magie, das Wunder und Mysterium des Lebens beeinflussten die Themen der Musikstücke. Sie finden sich in jeder Facette von Michaels Kreativität, seinem gesamten Werk, seinen humanitären Leistungen. Diese allgegenwärtigen Motive erhielten ihre Lebenskraft aus den Werten, die Michael auf der Weltbühne auslebte. Er teilte sie mit Millionen. In einer 45 Jahre umspannenden Karriere erzeugte großartige und anhaltende Energie in enormer Intensität die roten Fäden der Themen. Um dem Verständnis näher zu kommen, wer Michael Jackson ist, wird eine Tatsache klar … in einer Welt, die mit Lügen gefüllt ist, ist Michael die Wahrheit. Sein Charakter, seine Persönlichkeit und Rolle, ob vor Tausenden oder privat, bleibt immer gleich und ist tief in seinen Werten und dem Glauben an die Macht der Menschen verwurzelt. All das hat seine Basis in einem Glauben an Gott.

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„In den Medien haben viele suggeriert, dass Michael Jacksons legendäre humanitäre Arbeit unternommen wurde, um den berühmtesten Menschen der Welt noch bekannter zu machen oder wegen steuerlicher Abschreibzwecke. Solche Andeutungen sind sowohl lächerlich als auch irrelevant. Obwohl Michael seine Brieftasche und sein Heim für sozial benachteiligte und kranke Kinder aus aller Welt öffnete, ist die bedeutungsvollste und für Millionen Fans als Inspiration verbleibende Zuwendung seine Zeit und seine Aufmerksamkeit … ein viel wertvolleres Gut als Geld. Seine aufrichtige Freude in der Anwesenheit von Kindern kann beim Betrachten seiner Besuche erfahren werden – wenn er den kahlen Kopf eines jungen Krebsopfers behutsam streichelt – beim Beobachten seines schüchternen Lächelns, wenn er auf ein Kind zugeht – die Art, wie sich sein Gesicht wie von innen heraus erhellt, wenn Kinder anwesend sind, all das erbringt den Nachweis seiner offenherzigen Aufrichtigkeit. Solche Reaktionen können nicht vorgetäuscht oder versteckt werden. Am Gipfel seiner Karriere hat Michael mehr für die Menschen und die Welt getan als jeder andere Superstar, seine enormen Zuwendungen würden viele Regierungen in großen Industrieländern beschämen.“ ~ Journalist Frederic Taddei, 2008

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„Michael Jacksons Welttourneen während der 80er und 90er Jahre waren eher globale Liebeskundgebungen als Konzerte. Er nahm all seine Liebe und seine eigenen tiefen Gefühle und kanalisierte sie in dutzenden humanitären Bestrebungen. Und er hat mit Energie, Vision und Courage seinen Teil dazu beigetragen, die Welt zu heilen.

Im Namen von VH1 möchten wir Dir diese Auszeichnung für die Leistung, die Du im Laufe der Jahre für so viele Wohltätigkeiten erbracht hast, überreichen. Des Weiteren verkündet VH1 stolz die Erschaffung einer besonderen internationalen VH1 Ehrenauszeichnung für den King of Pop, die in den folgenden Jahren an Künstler verliehen wird, deren weltweite gemeinnützige Arbeit Deinen eigenen Fußstapfen folgt. Glückwunsch!“ ~ Morgan Freeman, VH1 Auszeichnung, 1995

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„Ich bin ein großer Fan. [Michael deutet auf Morgan Freeman] Er ist phänomenal. Das meine ich ernst. Danke für Deine Worte, Morgan. Danke, VH1. Danke für diese Auszeichnung. Und Danke an all meine Freunde und Fans für eure Liebe und Unterstützung. Ihr habt mir so viel gegeben, was mir erlaubt, einen Teil dieser Liebe an jene weiterzugeben, deren Probleme in dieser Welt unsere Hilfe brauchen und verdienen. Ein perfektes Beispiel dafür ist die jüngste Bekanntgabe der Vereinten Nationen, die besagt, dass ein bis drei Millionen Leben gerettet werden könnten, wenn Kindern der Dritten Welt drei Mal jährlich eine Vitamin A Tablette gegeben würde. Die Kosten pro Kind sind gerade einmal 6 Cent, das ist alles. Wir müssen uns daher im Heilen der Welt zusammenschließen, damit wir uns diesen wunderschönen Planeten in Freude und Liebe teilen können. Ich liebe euch sehr.“ ~ Michael Jackson, VH1 Auszeichnung, 1995

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[Die Inschrift des Awards lautet:

MICHAEL JACKSON

Die Kraft der Musik ist die Kraft der Seele

VH1 ehrt den Musiker, der darüber hinausgeht, seine Seele einzusetzen

und Zeit, Energie und Ressourcen aufwendet, um anderen zu helfen

22. Juni 1995

(Quelle: http://mjjtime.blogspot.co.at/2010/06/today-in-mjj-history_22.html), Anm.d.Übers.]

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„Mit dem vorzeitigen Ableben einer unvergleichlichen Legende werden sich die BET Awards 2009 der Ehrung Michael Jacksons und seiner Beiträge nicht nur für die Musikindustrie, sondern für die gesamte Welt widmen. Ihn zu verlieren ist ein schwer zu akzeptierender Verlust und BET wird dazu beitragen, dass seine Legende weiter lebt. Die BET Awards 2009 werden dem Leben, dem Vermächtnis und der Legende der Musikikone Michael Jackson gewidmet. Jacksons Einfluss auf unser Leben war erheblich. Ob durch seine humanitären Bestrebungen, seine Fähigkeit, das Konzept des Musikvideos neu zu gestalten oder sein einnehmendes Starvermögen, der King of Pop unterscheidet sich von jedem anderen Künstler, er definierte die ganze Struktur davon, was Popmusik heute ist. Michael Jacksons Einfluss ist unverkennbar, da die Spuren seines Stils bei etlichen der aktuellen Topkünstler vorzufinden sind. Aber sein wesentlicher Einfluss auf diesen Sender wird ebenfalls immer in die Geschichtstafeln des schwarzen Unterhaltungsfernsehens eingebrannt sein. Michaels Einfluss wird jeden Tag auf so viele Arten bei BET Network gespürt, und so war es in der gesamten 29 jährigen Geschichte unseres Senders. Wir sahen ihn heranwachsen und wir sehen in ihm wirklich ein Mitglied der Familie. Er wird stärker vermisst werden als wir es ausdrücken können … aber seine Legende und sein Andenken lebt in den Künstlern, Musikern, Produzenten, Tänzern, Fans und jedem, der ihn als Inspiration betrachtet, weiter. Wer könnte vergessen, dass einer der denkwürdigsten Meilensteine in der BET Geschichte Michael Jacksons Überraschungsauftritt während dem Tribut für James Brown bei den BET Awards 2003 war? Sein Spontanauftritt mit dem Godfather of Soul ließ jeden atemlos zurück. Jackson hat mehr für die Musik und die Popkultur gemacht als jeder andere Künstler. Sein Einfluss überschreitet Generationen, Rassen, Geschlechter und sogar Kontinente. Diese unglaubliche globale Reichweite passt sich an Jahrzehnte musikalischer Integrität und Genialität an, weshalb Jackson der allererste Künstler war, der 1995 in den BET walk of fame aufgenommen wurde. Um all seine monumentalen Beiträge zu berücksichtigen, werden die BET Awards 2009 dem einzigartigen King of Pop gewidmet und wir werden den Abend damit verbringen, Michael Jacksons Vermächtnis Anerkennung zu zollen.“ ~ BET Awards 2009, der Musikikone Michael Jackson gewidmet, geschrieben von der Vorstandsvorsitzenden und Präsidentin von BET Network, Debra Lee

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„Dieses Gefühl für die Welt in mir“ ~ Michael Jackson, Dancing the Dream, 1992

„Kinder zeigen mir in ihrem verspielten Gelächter das Göttliche in jedermann. Diese schlichte Güte scheint direkt aus ihren Herzen. Mit ihnen zu sein verbindet uns mit der tiefgründigen Weisheit des Lebens. Diese Kinder sind eine Erinnerung an die Kostbarkeit allen Lebens, insbesondere jungen Lebens, das von Hass, Vorurteil und Gier unberührt ist. Jetzt, da die Welt so verworren ist und ihre Probleme so kompliziert sind, brauchen wir unsere Kinder mehr denn je. Ihre angeborene Weisheit weist den Weg zu Lösungen, die in unseren eigenen Herzen liegen und darauf warten, erkannt zu werden. Kinder sind die führenden Idealisten und Optimisten der Welt. Aus diesem Grund organisiert HEAL THE WORLD nächstes Jahr den WORLD’S CHILDREN’S CONGRESS, der ausschließlich aus Delegierten im Alter zwischen 8 und 16 Jahren zusammensetzt ist. Die Welt braucht ihren gutartigen Blickwinkel auf die Probleme der Welt dringend. Wir müssen unseren verwundeten Planeten von dem Chaos, der Verzweiflung und der sinnlosen Zerstörung heilen, die wir heute sehen. Die Mission von HEAL THE WORLD, meine Mission, ist Heilung – schlicht und einfach. Um die Welt zu heilen, müssen wir damit beginnen, unsere Kinder zu heilen. Heute überbringen wir den Kindern im vom Krieg erschütterten Sarajevo Geschenke. 1992 wurde Sarajevo ein Symbol für so vieles, das tragisch aber vermeidbar ist in unserer Welt. Vorurteil und ethnischer Hass, die Zerstörung der Umwelt, die Zerrüttung der Familien und jahrhundertealter Gemeinschaften. Wir freuen uns, in dieser besonderen Jahreszeit zu verkünden, dass wir unsere Bemühungen heimwärts auf die Notlage unserer amerikanischen Kinder wenden. Zu diesem Zweck planen wir Convoy USA. Dies wird das Bestreben sein, allen Amerikanern zu helfen, gemeinsam auf ein einziges Ziel hinzuarbeiten … Die Kinder unserer sozialen Brennpunkte zu heilen. Dieses Thanksgiving ist mit dem Start der Single „Heal the World“ ganz besonders für mich. Ich schrieb dieses Lied für jeden auf unserer Welt, um zu helfen, weltweite Harmonie zu bewirken. Alle Einnahmen dieses Liedes werden der Stiftung zugute kommen. Danke, dass sie alle gekommen sind. Ein besonderer Dank geht an AmeriCares für ihre Unterstützung dieses Projektes. Unsere Gebete und unser Dank geht an alle, die „Heal The World“ mit ihrer Zeit und ihren Spenden unterstützen. Jetzt werden sich mir die Kinder des afrikanischen Kinderchors und der internationale Schulchor der Vereinten Nationen anschließen und Botschaften der Hoffnung und des Friedens an die Kinder Sarajewos senden. Danke und ich liebe euch alle. Vielen Dank. “ ~ Michael Jackson, Heal the World Pressekonferenz, November 1992

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In einem Hangar auf dem John F, Kennedy International Airport in New York wird Michael Zeuge, wie 43 Tonnen medizinisches Versorgungsmaterial, Decken, Winterkleidung und Schuhe in ein DC-8-Transportflugzeug verladen werden. Die Fracht ist für Kinder in Sarajevo in Bosnien-Herzegowina bestimmt, einer Kriegszone im ehemaligen Jugoslawien. Die Heal the World Foundation schließt sich mit AmeriCares zusammen, um die Hilfen im Wert von 2,1 Millionen US-Dollar in die kroatische Hauptstadt Zagreb und dann weiter nach Sarajevo zu fliegen. Die Verteilung unter den Flüchtlingen geschieht unter der Aufsicht des UN-Oberkommandos. ~ Adrian Grant, Michael Jackson, eine Bilddokumentation

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„Wow! Danke! Danke! Vielen Dank! Lieber Dr. Burda, lieber Dr. Turnhofer, meine Damen und Herren … ich habe wunderschöne Erinnerungen an meine Besuche in Deutschland … in Berlin, einer Stadt voller Energie. Es ist etwas ganz besonderes für mich. Berlin, I love you. Berlin, ich liebe Dich! [er sagt es auch auf Deutsch] Der 11. September hat unsere Welt verändert. Es ist noch nicht lange her, dass die Berliner Mauer gefallen ist. Aber in letzter Zeit wurden neue Mauern gebaut. 1989 hat das Volk in Deutschland gesagt: „Wir sind ein Volk. We are one nation“ [Auch das sagt er auf deutsch]. Wir sind Deutsche, wir sind Armenier, Franzosen, Italiener, Russen, Amerikaner, Asiaten, Afrikaner und viele andere Nationalitäten. Wir sind Christen, Juden, Muslime, Hindus und so unterschiedlich, so komplex, und doch so einfach. Wir brauchen keinen Krieg zu führen. Und den deutschen Kindern möchte ich sagen: Wir brauchen euch. Die Welt braucht euch! Strebt nach euren Träumen, was auch immer eure Vorbilder sind, ihr könnt alles werden, was ihr sein wollt. Werdet Astronauten, werdet renommierte Wissenschaftler, erstklassige Ärzte … und werdet natürlich Künstler und vielleicht bekommt ihr einen Bambi, so wie ich. Ich möchte, dass ihr wisst, dass ich Deutschland liebe und dass ihr einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen habt. Ich liebe euch sehr. Wirklich! Würdigt immer das Geschenk des Lebens. Seid glücklich und habt Spaß. Ich liebe euch. Ich danke euch vielmals.“ ~ Michael Jackson, Bambi Auszeichnung „Pop Star des Millenniums“, 2002 Berlin

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Berlin 1989

Sie hassten die Mauer, aber was konnten sie tun? Sie war zu stark, um sie zu durchbrechen. Sie fürchteten die Mauer, aber war das nicht verständlich? Viele, die sie zu überwinden versuchten, wurden getötet. Sie misstrauten der Mauer, aber wer hätte das nicht getan? Ihre Feinde weigerten sich, auch nur einen Stein herauszubrechen, ganz gleich, wie lange sich die Friedengespräche noch hinzogen. Die Mauer lachte grimmig. „Ich lehre euch eine gute Lektion“, brüstete sie sich, „Wenn ihr für die Ewigkeit bauen wollt, dann haltet euch nicht mit Steinen auf. Hass, Furcht und Misstrauen sind so viel stärker.“ Sie wussten, die Mauer hatte recht, und fast gaben sie schon auf. Nur eins hielt sie davon ab. Sie erinnerten sich daran, wer auf der anderen Seite war. Großmutter, Cousin, Schwester, Frau. Geliebte Gesichter, die danach verlangten, gesehen zu werden. „Was ist los?“ fragte die Mauer und erzitterte. Ohne zu wissen, was sie taten, blickten sie durch die Mauer und versuchten ihre Lieben zu finden. Still tat die Liebe von einem zum anderen ihr unsichtbares Werk. „Schluss damit!“ kreischte die Mauer. „Ich falle auseinander.“ Doch es war zu spät. Eine Million Herzen hatten einander gefunden. Die Mauer war gefallen, ehe sie einstürzte. ~ Michael Jackson, Dancing the Dream, 1992

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Michaels perfektionistisches Leitmotiv kam aus seinem Innersten und war in allen Aspekten seines Lebens sichtbar. Seine Betrachtungsweise war gut durchdacht und wurde an diesen Grundsätzen gemessen: Überdenken, Nähren, Erläutern. Dieser Philosophie, sich nicht zu beeilen, sich die Zeit zu nehmen, um die Vision voranzutreiben, lagen all die Gaben zugrunde, die Michael mit der Welt teilte … Vision … das Ganze zu sehen, das Gesamtbild … unermüdlich an diesem Ziel zu arbeiten … Glauben, Vertrauen … die Frage zu stellen „Gott, wohin möchtest Du, dass ich als nächstes gehe?“

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„Selbst der letzte Atemzug ist eine Geste der Dankbarkeit an den Schöpfer. Er lächelt, da er am Leben ist und wartet geduldig auf ein Alter, wo Ignoranz und Leid wie ein Trugbild dahingehen.“ ~ Michael Jackson, Dancing the Dream, 1992

Ich werde diesen kurzen Einblick auf den Verlust und Michael Jacksons Vermächtnis in dem Wissen beenden, dass es noch so viel mehr zu sagen und zu teilen gibt. Michaels Herz und Seele wirklich kennenzulernen, wer er war und seine Hingabe an seine Kunst und die Welt, ist eine gewaltige Aufgabe und ein wundervoller Liebesdienst. Den Einfluss, den er auf die Popkultur hatte, wird der Fokus für einen anderen Tag sein.

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„Lügen laufen den Sprint, die Wahrheit läuft den Marathon. Letztendlich triumphiert immer die Wahrheit.“ ~ Michael Jackson

Michaels Wahrheit war, dass seine 45-jährige Karriere niemals stockte … sein Erfolg ist noch heute einzigartig. Michaels Musik wird jeden einzelnen Tag auf der ganzen Welt gehört. Zum vierten Mal in Folge wurde er 2013 von der Weltöffentlichkeit zur berühmtesten Person gewählt. Die Michael Jackson Immortal Tour ist weiterhin das angesagteste Ticket dieser Welt. Thriller Live zog seit 2006 gewaltige Menschenmassen in London an. Bad 25 verkauft weiterhin Millionen. Thriller ist immer noch das meistverkaufte Album aller Zeiten. Aber da ist noch so viel mehr … ein anderes Mal!

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Wenn ich inspiriert werden möchte, unterhalten … wenn ich der Realität entfliehen oder fantasieren möchte … wenn ich zum Denken herausgefordert werden möchte und ein besserer Mensch werden möchte … all diese Wege führen zu Michael. Ich entschied mich, diesen Blog zu schreiben, weil ich den brennenden Wunsch habe, diese Freude, diese Schönheit und diese Inspiration mit euch zu teilen. Danke, dass Du Dir für mich Zeit genommen hast! Wann immer Du dazu bereit bist, den wahren Michael Jackson kennen zu lernen, freue ich mich, ihn Dir vorzustellen!

Jude

HIStory / SEINE Geschichte

MYstory / MEINE Geschichte

OURstory / UNSERE Geschichte

Victor Gutierrez und seine Rolle in den Unterstellungen gegen Michael Jackson

by

English: https://themichaeljacksonallegations.com/2016/12/26/victor-gutierrez-and-his-role-in-the-allegations-against-michael-jackson/

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Victor Gutierrez vor einem Poster von Michael Jacksons This Is It

Es gab zahlreiche Journalisten, die über Michael Jacksons Fälle berichteten, und unter ihnen waren jene, die sie oft auf moralisch fragwürdige Art und Weise formten (Details dazu siehe: https://themichaeljacksonallegations.com/2016/12/26/the-medias-role-in-the-allegations-against-michael-jackson/). Allerdings gibt es einen Journalisten, der die Berichterstattung der Medien wie kein anderer beeinflusste und der möglicherweise sogar der Urheber der Unterstellungen gegen Jackson war. Sein Name ist Victor Gutierrez.

Der Name Gutierrez klingt vielleicht nicht geläufig, aber viele der bekannteren, über Jacksons Fall berichtenden Journalisten nutzten Gutierrez offensichtlich ohne Prüfung der von ihm gelieferten „Informationen“ als ihre Quelle. Diane Dimond bezeichnete ihn als eine ihrer besten Quellen und sagte über ihn Ich hatte nie Zweifel an dieser Person, niemals“ [1]. Er wurde auch als Berater in „Dokumentationen“ über die Jackson Fälle herangezogen, die voller falscher, gegen den Entertainer voreingenommenen Behauptungen waren.

Gutierrez fungierte nicht nur als Quelle für andere Journalisten, sondern er hatte auch mit vielen Leuten Kontakt, die später als Zeugen der Anklage in Jacksons Prozess 2005 erschienen. Laut Journalistin Maureen Orth berief sich die Staatsanwaltschaft auf Gutierrez’ Buch Michael Jackson Was My Lover (darauf wird weiter unten eingegangen) und hielt es für akkurate Information: „Den für diesen Artikel interviewten, der Anklage nahestehenden Quellen war das Buch ausnahmslos bekannt und sie hielten es für eine wichtige, akkurate Darstellung von Jacksons Beziehung mit Jordie Chandler“ [2], schrieb Orth in ihrem im April 2003 veröffentlichten Artikel für Vanity Fair, in dem auch sie Gutierrez und seinen anzüglichen Geschichten Glauben zu schenken scheint.

Die breite Öffentlichkeit hörte Gutierrez’ Namen das erste Mal am 9. Jänner 1995 in Verbindung mit dem Michael Jackson Fall, als Diane Dimond in dem beliebten Morgenmagazin des Radiosenders KABC-AM verkündete, dass die Polizei die Ermittlungen gegen Jackson wegen eines angeblichen 27 minütigen Videos wieder aufgenommen hat, welches von einer der Überwachungskameras des Stars aufgenommen worden sein soll und angeblich Belästigungen darstellt. Dimond zeichnete trotz der Tatsache, dass sie das Video nicht selbst gesehen hat, ein sehr anschauliches Bild davon, was auf dem Band zu sehen sei und schrieb die Story einer ihrer besten Quellen zu.

Obwohl Gutierrez in diesem speziellen Magazin nicht genannt wurde, wurde er später an diesem Tag in Dimonds Fernsehshow Hard Copy, wo er persönlich auftrat, als ihre Quelle enthüllt. Dimond sendete die Story in Hard Copy, obwohl sie nach ihrem Auftritt bei KABC-AM umgehend einen Brief von Jacksons Anwalt Howard Weitzman erhielt, der erklärte, dass ihre Behauptung nicht wahr ist.

Die ganze Story stellte sich als reines Lügenmärchen heraus. Das angebliche Band existierte nicht und wurde somit auch nie aufgezeichnet. Tatsächlich war Gutierrez der einzige, der behauptete, es gesehen zu haben. Gutierrez behauptete, auf dem Video sei Jermaine Jacksons Sohn und Michael Jacksons Neffe Jeremy Jackson belästigt worden. Jeremys Mutter Margaret Maldonado äußerte sich zu dieser Geschichte 1995 in ihrem Buch Jackson Family Values:

Ich erhielt einen Anruf von einer Autorin namens Ruth Robinson. Ich kannte Ruth eine ganze Zeitlang und respektierte ihre Integrität. Deshalb war das, was sie mir zu sagen hatte, noch viel schwerer für mich anzuhören. „Ich wollte Dich warnen, Margaret“, sagte sie. „Es ist eine Geschichte im Umlauf, dass Michael einen Deiner Söhne belästigt haben soll und dass Du das Band hast.“ Wenn das irgendjemand sonst gesagt hätte, hätte ich aufgelegt. Angesichts der langen Verbindung, die ich zu Ruth hatte, ging ich allerdings aus Höflichkeit darauf ein. Ich sagte ihr, dass das natürlich nicht wahr ist und dass ich die Geschichte im Keim erstickt haben wollte. Sie war in Kontakt mit jemandem, der beim National Enquirer arbeitete und sie alarmierte, dass für diese Zeitung eine Geschichte geschrieben wurde. Ruth brachte mich mit der Frau in Verbindung und ich bestritt die Geschichte vehement. Ferner sagte ich ihr, dass ich, falls sie diese Geschichte veröffentlichen würden, den National Enquirer besitzen würde, bevor die von mir eingereichten Klagen abgeschlossen sind.

Der National Enquirer brachte die Geschichte nie, da sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren wollten. Hard Copy entschied sich allerdings für eine Ausstrahlung. Hard Copy Berichterstatterin Diane Dimond berichtete, dass die Behörden den Kindesmissbrauchsfall gegen Michael erneut aufrollten. Sie äußerte die Behauptungen ebenfalls in einer Talkshow auf dem L.A. Radiosender KABC-AM, die von Roger Barkley und Ken Minyard moderiert wurde. Dimonds Behauptungen basierten auf den Worten eines freiberuflichen Autors namens Victor Gutierrez. Die Geschichte war eine unerhörte Lüge. Nicht ein Teil davon stimmte. Ich habe diesen Mann nie getroffen. Es gab kein Band. Michael hat mich nie für mein Schweigen bezahlt. Er hat Jeremy niemals belästigt. Punkt.“ [3]

Jackson klagte sowohl Dimond als auch Gutierrez und während Dimond (mit Hilfe des Bezirksstaatsanwaltes aus Santa Barbara, Thomas Sneddon) schadlos davonkam, wurde verfügt, dass Gutierrez Jackson $2,7 Millionen Schadenersatz zahlen musste. Er zahlte niemals und verließ das Land; später meldete er Konkurs an.

Als nächstes veröffentlichte Gutierrez 1996 ein Buch mit dem Titel Michael Jackson Was My Lover. Das Buch enthält anschauliche Darstellungen von angeblichen Sexualakten zwischen Jackson und Jordan Chandler, seinem Ankläger von 1993. Es enthält ebenfalls anschauliche Darstellungen von angeblichen Sexualakten zwischen Jackson und anderen Jungs – Jungs, die immer klipp und klar aussagten, dass sie der Sänger niemals belästigt oder in irgendeiner sexuell unangebrachten Art und Weise berührt hatte. Wegen seines pädophilen Inhaltes weigerten sich große Verlage in den Vereinigten Staaten, das Buch zu veröffentlichen. Der kleine Verlag/Vertreiber, der es veröffentlichte, ging bankrott.

Gutierrez behauptete, dass sein Buch auf Jordans Tagebuch basierte; die Chandlers sagen allerdings, dass Jordan nie Tagebuch geschrieben hat. Ein Tagebuch, in dem Jordan seinen Missbrauch dokumentiert hätte, wäre ein sehr wichtiger Beweis in jeder Ermittlung gegen Jackson gewesen, aber solch ein Beweis wurde nie vorgelegt. Und wieder war Gutierrez die einzige Person, die behauptete, das Tagebuch gesehen zu haben, dennoch wurde seinem Buch laut Maureen Orth sogar von den Staatsanwälten blind geglaubt.

Es ist ziemlich klar, dass der anschauliche sexuelle Inhalt in Gutierrez’ Buch nicht auf Jordans Tagebuch, sondern Gutierrez’ eigenen perversen Fantasien basiert. Ziemlich verstörend ist, dass Gutierrez den angeblichen Missbrauch nicht ablehnt, sondern als eine Liebesgeschichte im beiderseitigen Einverständnis und als wundervolle „Beziehung“ feiert; das sollte nicht überraschen, da er im Vorwort des Buches unter anderem der NAMBLA (North American Man-Boy Love Association) dankt, einer berüchtigten Pädophilenorganisation [4]. Gutierrez, der ungenannte „Experten“ zitiert, befürwortet Pädophilie in seinem Buch als etwas, das für Kinder nicht schädlich ist, sondern von der Gesellschaft missverstanden wird und er nutzt die Chandler Unterstellungen als Unterstützung für sein Argument. Er schreibt zum Beispiel:

Das Klischee der Pädophilen als alte Männer, die Kinder in Säcken kidnappen ist genauso falsch wie zu denken, dass alle homosexuellen Männer andere männliche Fußgänger auf der Straße überfallen. Psychiater berichten, dass es genauso pädophile Vergewaltiger und Mörder gibt, wie es auch Homosexuelle und Heterosexuelle gibt, die solche Verbrechen begehen. Die selben Experten weisen darauf hin, dass sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen manchmal liebevoll sind und keinen negativen Effekt auf das Leben der Jugendlichen haben. Gibt es ein besseres Beispiel als Jordie? Er wurde von den Rechtsverfahren, die mit seinem Fall in Verbindung stehen, stärker in Mitleidenschaft gezogen, als durch seine Beziehung mit Jackson.“ [4]

Als Michael Jackson 2003 beschuldigt wurde, Gavin Arvizo belästigt zu haben, wurde Gutierrez sehr aktiv in den Medien – vielleicht, weil er eine weitere Gelegenheit sah, seine Agenda voranzutreiben. Er wirkte bei der Entstehung verleumderischer „Dokumentationen“ über Jackson mit. Offenbar war den Leuten, die ihn als Experten zu den Anschuldigungen gegen Jackson einsetzten, seine Geschichte nicht bekannt: die Tatsache, dass ihn das Gericht zu einer Zahlung von $2,7 Millionen an Jackson verurteilte, weil er Lügen über ihn erzählt hat, das pädophile Thema seines Buches oder seine offensichtliche Verbindung zur NAMBLA.

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Screenshot der Mitwirkenden bei NBC Datelines Inside The Jackson Case –
Victor Gutierrez ist als beratender Produzent gelistet
(obwohl sein Name falsch geschrieben wurde)

In einem Artikel des britischen GQ Magazins vom September 2006 über Gutierrez wird behauptet, dass er sogar beauftragt war, an Martin Bashirs Dokumentation über Jackson zu arbeiten [5].

Genauso aufschlussreich wie sein Buch war ein Interview mit Gutierrez, das in der deutschen Tageszeitung im April 2005 während Jacksons Prozess erschienen ist. Laut einem Artikel des deutschen Spiegel verteidigte die Tageszeitung Pädophilie aktiv in einer Serie von Artikeln in den späten 70er und frühen 80er Jahren.

Während dieser Zeit bot keine andere Zeitung Pädophilen soviel Forum wie die alternative, linke Tageszeitung, was zeigt, wie sozial akzeptiert diese Verletzung von Tabus in der linken Gemeinschaft geworden ist. In mehreren Serien, einschließlich einer unter dem Titel „Ich liebe Jungs“ und langatmigen Interviews wurde Männern die Möglichkeit geboten zu beschreiben, wie schön und befreiend Sex mit vorpubertären Jungs war. „Es gab eine Menge Verunsicherung darüber, wie weit die Leute gehen können,“ sagt Gitti Hentschel, Mitbegründerin und von 1979 bis 1985 Herausgeberin der Tageszeitung. Jene wie Hentschel, die sich offen gegen die Förderung Pädophiler stellten, wurden als „prüde“ beschrieben – als die freie Meinungsäußerung ablehnend. “In der Tageszeitung gibt es so etwas wie Zensur nicht.“ war die Antwort.“ [6]

Der Zeitungsjournalist traf sich mit Gutierrez in einem Hotel in Hollywood. Der Artikel wurde bezugnehmend auf die angebliche „Beziehung“ zwischen Michael Jackson und Jordan Chandler mit „Es war Liebe!“ betitelt. Er beginnt mit dieser Lüge, das Gutierrez’ Buch auf Jordans Tagebuch basiert und dann werden Details über Gutierrez’ Leben präsentiert: Er wuchs in Chile auf und wurde Journalist, 1984 reiste er in die USA, wo er als Fotograf bei den Olympischen Spielen in Los Angeles arbeitete. Anschließend kehrte er nicht in sein Land zurück, sondern fand einen Job bei einer spanischen Zeitung. Dann:

1986 soll er von einem Kongress der North American Man Boy Love Association berichten. Die so genannte NAMBLA entstand Ende der Siebzigerjahre. Zunächst wurde die „Unterstützergruppe für Beziehungen zwischen den Generationen” prominent von Gore Vidal und Allen Ginsberg gefördert, dann schnell von der übrigen Schwulenbewegung isoliert. Auf dem Kongress hört Gutierrez zum ersten Mal: “Michael ist einer von uns.” Ein Pädophiler. “Jackson wurde dort als Idol gehandelt, als Hoffnung auf gesellschaftliche Akzeptanz.” *

Gutierrez kündigt seinen Job bei der Zeitung, spricht mit Angestellten Jacksons, interviewt die ersten Jungen. Bald geht ihm das Geld für die Recherche aus. Er verkauft sein Auto, spart am Essen. Er lernt: Es gibt verschiedene Arten von Pädophile; sie ist so alt wie die Menschheit; nicht alle ihre Spielarten sind schreckliche Verbrechen. Víctor Gutierrez sagt: “In den fünf Monaten ihrer Beziehung waren Michael Jackson und Jordie Chandler glücklich. Es war Liebe.” [7]

[* Anmerkung: um das klar zu machen: Jackson war niemals Mitglied der NAMBLA und hatte niemals irgendeine Verbindung mit ihnen. Was die Mitglieder hier ausdrückten ist reines Wunschdenken.]

Auf die Frage, warum nicht mehr Jungs Jackson beschuldigten, gibt Gutierrez erneut aufschlussreiche Einsicht in seine „Philosophie“:

Alle haben Angst,“ sagt Gutierrez. Nicht mehr vor Michael und dessen Macht, sondern vor der öffentlichen Meinung. “Es geht um Homosexualität”, meint Gutiérrez, “niemand möchte der schwule Jackson-Junge sein.” Seine These: Hätte Madonna eine Affäre oder Liebesbeziehung mit einem Minderjährigen, es wäre ein weit geringerer Skandal. Auf dem Schulhof wäre der Junge ein Held. Als Geliebter Jacksons eine Tunte.

In hundert Jahren sind solche Beziehungen vielleicht gesellschaftlich anerkannt“, sagt Gutierrez. Die Geschichte erinnert ihn an Oscar Wilde und dessen jungen Liebhaber Bosi. Als Gutiérrez, selbst heterosexuell*, 1995 nach einem Verlag für sein Buch sucht, bekommt er zu hören, er glamourisiere Pädophilie.“ [7]

[* Anmerkung: Im Laufe der Jahre machte Gutierrez in verschiedenen Interviews widersprüchliche Aussagen zu seiner eigenen Sexualität.]

Während Gutierrez in diesem Artikel nicht gegen die Behauptung protestiert, dass er „Pädophile glamourisiere“ und der Journalist Gutierrez’ Darstellung von Pädophilie als eine Art einvernehmliche Liebesbeziehung nie infrage stellt, ist Gutierrez in englischsprachigen Publikationen zurückhaltender.

In der Septemberausgabe des britischen GQ Magazins des Jahres 2006 wird die Story über Gutierrez’ Besuch des NAMBLA Kongresses in einem Artikel wieder aufgewärmt, der auf Gutierrez’ Version der Ereignisse basiert und somit für ihn und gegen Jackson eingenommen ist, aber die Organisation wird nicht namentlich genannt:

Gutierrez begann seine Nachforschung 1986, als er als verdeckter Ermittler für das LAPD arbeitete. Während er einen geheimen Kongress besuchte, der von einer suspekten Organisation in L.A. abgehalten wurde, hörte Gutierrez viele Hinweise auf Michael Jackson. So weit die Welt zu dieser Zeit wusste, war „Wacko Jacko“ nur ein Exzentriker. Die Tatsache, dass er die Gesellschaft junger Burschen mochte, schien damals nicht verdächtiger zu sein, als sein Abhängen mit dem Schimpansen Bubbles.“ [5]

Während die Tageszeitung berichtet, dass er als Reporter dort war, wird im GQ Magazin behauptet, dass er als verdeckter Ermittler für das LAPD dorthin ging. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das LAPD ungeschulte Außenstehende anstelle ihrer eigenen trainierten Polizisten für verdeckte Operationen einsetzen würde. Faktisch ist es sehr unwahrscheinlich, dass Gutierrez als Außenstehender (geschweige denn als Reporter) bei einem NAMBLA Kongress anwesend war, weil diese Organistaion sehr vorsichtig damit umgeht, wen sie hineinlassen und sie den genauen Austragungsort ihrer jährlichen Konferenzen geheim halten. [8] [9] Nur Mitglieder und Leute, denen die NAMBLA vertraut, erhalten eine Einladung. Das Hauptthema des GQ Artikels ist ein von Gutierrez geplanter, auf seinem Buch basierender Film, den er mit Hilfe von Randy Barbato und Fenton Bailey, den Gründern der World of Wonder Produktionsgesellschaft, realisieren wollte. Basierend auf den Aussagen der beiden Produzenten in dem Artikel würde der Film, ebenso wie das Buch, der Agenda dienen, mutmaßlichen Kindesmissbrauch als einvernehmliche Liebesbeziehung darzustellen.

Trotz der brisanten Ereignisse, die es beschreibt, ist das Skript tatsächlich ein Beispiel amouröser Schicklichkeit. „Wir wollten das berauschende Gefühl der ersten Liebe einfangen, die es für Jordie war,“ sagt Bailey.

[…]

Im Mittelpunkt des Films steht gleichzeitig das umstrittenste Element: die Darstellung Jordies als willigen, sogar begierigen Beteiligten in der Beziehung mit einem Mann, den er verehrte, seit er vier Jahre alt war. „Die Allgemeinheit konnte jemanden wie Jordie nur als Opfer betrachten.“ sagt Bailey. „Die Tatsache, dass er die Beziehung mit Michael Jackson aus freien Stücken begonnen haben könnte, ist für viele Menschen ein gewaltiges Problem.“ [5]

Zu Beginn des Artikels wird Barbato wie folgt zitiert:

In Amerika haben wir ernste Probleme mit dem „eek“ Faktor. [„eek“ soll an das Quietschen einer Maus erinnern und ist ein Ausdruck, der u.a. allgemeine Verstörung vermittelt; Anm.d.Übers.] Die Europäer haben diese Art der Zimperlichkeit nicht. Amerika kann sich nur mit der von negativen Assoziationen befreiten Version der Geschichte auseinandersetzen, aber unsere Story basiert auf der Version der Klatschpresse.“ [5]

Barbato räumt auch ein, dass sich ihr Film „außerhalb jeglicher annehmbarer Normen befindet“:

Der Produzent bleibt allerdings verständlicherweise vorsichtig bezüglich des endgültigen Erfolges seines Unterfangens. „Independent-Filme wurden Mainstream in den Staaten,“ sagt Barbato. „Sie wurden ein Genre. Aber dieses Projekt ist im wahrsten Sinne des Wortes unabhängig (independent). Es befindet sich außerhalb jeglicher annehmbarer Normen.“ [5]

Der GQ Artikel von 2006 berichtet, dass Gutierrez, nachdem er 1986 den Kongress der „suspekten Organisation“ besuchte, anfing, Freundschaften mit einigen Angestellten Jacksons einzugehen:

In den nächsten fünf Jahren spürte Gutierrez so viele aktuelle und frühere Angestellte Jacksons auf, wie er nur konnte. Es half, dass er selbst Latino war – für ihn war es relativ einfach, Freundschaften einzugehen mit Jacksons Dienstmädchen aus El Salvador, Blanca Francia, die 1991 ihren Arbeitsplatz bei Jackson verließ, und der persönlichen Assistentin des Stars aus Costa Rica, Orietta Murdock, die ihn 1992 wegen unfairer Entlassung verklagte.“ [5]

Und wieder lesen wir, dass Gutierrez nach diesem NAMBLA Kongress, wo Pädophile den Wunsch äußerten, dass Jackson einer von ihnen werden würde, ein berühmter Reklameheld als eine „Hoffnung auf gesellschaftliche Akzeptanz“ [7] der Pädophilie, eine Mission beginnt und Freundschaften mit einigen Angestellten Jacksons schließt – die selben Angestellten, die später Unterstellungen gegen den Star vorbrachten.

Darüber hinaus sind Fakten über die mögliche Verbindung zwischen Gutierrez und der Chandler Familie, Jacksons ersten Anklägern, zu beachten. Laut dem GQ Artikel von 2006 wurde Gutierrez’ Interesse an den Chandlers geweckt, als er Jordan, seine Mutter und seine Schwester während dieser Zeit mehrere Male in Jacksons Gesellschaft sah, darunter während den World Music Awards in Monaco.

Gutierrez, ein Ausgestoßener in der Welt der Berühmtheiten-aussaugenden freiberuflichen Unterhaltungsjournalisten, wurde gezwungen, sein Schreiben aufzugeben und hielt sich eine Zeit lang mit dem Verkauf von Satellitenschüsseln über Wasser. 1993 wurde sein Interesse dann erneut geweckt, als er von einem Jungen namens Jordie Chandler hörte, mit dem Jackson bei großen Medienevents wie den World Music Awards in Monaco erschien.“ [5]

In anderen Artikeln haben wir gezeigt, dass die Vorwürfe der Chandlers nicht von Jordan Chandler selbst stammten. Es war sein Vater Evan Chandler, der zuerst die vorgefasste Idee hatte, dass die Freundschaft zwischen seinem Sohn und Jackson sexuell war; es war Evan Chandler, der den Jungen bedrängte und bedrohte, um seiner Idee zu bestätigen [Details siehe Evan Chandlers Verdächtigungen und Wie kamen die Unterstellungen der Chandlers zum Vorschein?]

Bemerkenswerterweise sprach Evan Chandler – wie Gutierrez – über den angeblichen Kindesmissbrauch, als wäre es eine einvernehmliche Romanze gewesen. In Ray Chandlers Buch All That Glitters verspürten sie sogar das Bedürfnis, in einer Fußnote zu erklären, warum die angebliche „Beziehung“ zwischen Jordan und Jackson als Liebesgeschichte beschrieben wird:

Evan und Moniques Überzeugung zu dieser Zeit, dass Jordie und Michael „verliebt“ waren, ist bezeichnend für das Problem, sexuelle Belästigung älterer Kinder zu verstehen. Es kam ihnen nicht in den Sinn, dass ein Dreizehnjähriger kein bereitwilliger Beteiligter war.“ [10, Seite 45]

In einem heimlich aufgezeichneten Telefongespräch zwischen Evan Chandler und David Schwartz vom 8.Juli 1993 (siehe http://michaeljacksonallegations.com/taped-phone-conversations-between-evan-chandler-and-david-schwartz-on-july-8-1993/; also bevor Jordan Evan angeblich die vermeintliche Belästigung „gestand“ – die Umstände dieses angeblichen Geständnisses werden hier beschrieben: Wie kamen die Unterstellungen der Chandlers zum Vorschein?), behauptet Evan, dass ihn andere Leute von der Schädlichkeit der Freundschaft zwischen Jackson und Jordan überzeugten. Er nennt diese Leute „Experten“, obwohl er nicht klar macht, wer diese angeblichen Experten sind und auf welchem Gebiet sie über Fachwissen verfügen. [11] Ob einer dieser angeblichen “Experten” Victor Gutierrez war oder nicht, können wir nicht sagen, es gibt allerdings weitere Fakten, die bezüglich der möglichen Verbindung zwischen Victor Gutierrez und Evan Chandler zu berücksichtigen sind:

In seinem Buch präsentiert Victor Gutierrez gerichtlichen Schriftwechsel, Briefe, die den Chandlers gehören und private Fotos von Jordan, seinem Zimmer und dem Haus der Chandlers. Gutierrez freundete sich mit dem Dienstmädchen der Chandlers, Norma Salinas, an, also könnten diese Dokumente von ihr zur Verfügung gestellt worden sein. Gutierrez Buch enthält jedoch Geschichten mit variierenden Details, die ident sind mit dem Inhalt in Ray Chandlers Buch All That Glitters, einem Buch, das fast zehn Jahre nach Gutierrez‘ Publikation veröffentlicht wurde.

Ein weiterer Umstand, der auf eine mögliche Zusammenarbeit zwischen den Chandlers und Gutierrez schließen lässt, ist eine Zeichnung von Jacksons Genitalien, die Jordan angeblich im Oktober 1993 angefertigt hat. Auf dieser befindet sich ein handgeschriebener Text, in dem zweimal der Name „Orietta“ erwähnt wird. [Details zu dieser Zeichnung siehe: http://michaeljacksonallegations.com/did-jordan-chandlers-description-of-michael-jacksons-penis-match-the-photographs-taken-of-the-stars-genitalia-by-the-police/]. Jackson beschäftigte eine persönliche Assistentin namens Orietta Murdock, die er 1992 entließ. Orietta Murdock arbeitete also 1993, als der Star Zeit mit der Familie Chandler verbrachte, nicht mehr für Jackson. Warum würde Jordan oder irgendein anderer der Chandlers bei dem Versuch, Jacksons Genitalien zu beschreiben, eine „Orietta“ erwähnen? Das Bindeglied zwischen Murdock und den Chandlers ist Gutierrez. In dem GQ Artikel von 2006 wird Orietta Murdock unter den Angestellten Jacksons genannt, mit denen sich Gutierrez angefreundet hat.

Falls es 1993 im Zuge der Unterstellungen tatsächlich eine Zusammenarbeit zwischen den Chandlers und Gutierrez gab, musste sich diese Verbindung später gewendet haben, weil Ray Chandler Gutierrez 2004 einen „Widerling“ nannte und sein Buch nicht guthieß, als er sein eigenes Buch in den Medien bewarb [12].

In dem GQ Artikel von 2006 wird behauptet, dass Gutierrez dem LAPD „nach der ersten Phase seiner Recherche“ [5] eine Kopie seines Buches schickte, aber diese handelten nicht weil ich ein Niemand war, nur ein lateinamerikanischer Reporter in LA“ [5] (diese Formulierung ist besonders interessant, da nur wenige Absätze zuvor behauptet wird, dass Gutierrez 1986 „als verdeckter Ermittler für das LAPD auf dem NAMBLA Kongress war.) In Michael Jacksons FBI Akten, die 2009 ein paar Monate nach dem Tod des Sängers veröffentlicht wurden, gibt es keine Information über ein an das LAPD gesandtes Buch. Es gibt allerdings ein Dokument, das sich auf einen Autor bezieht, der das LAPD am 27. Dezember 1993 anrief und behauptete, dass er ein Buch über Michael Jackson bezüglich der Anschuldigungen des sexuellen Kindesmissbrauchs schrieb “ [13] Der Anrufer, dessen Name in dem FBI Dokument unkenntlich gemacht wurde, behauptete, dass „er Informationen hatte, dass das Federal Bureau of Investigation (FBI) 1985 oder 1986 Anschuldigungen gegen Jackson prüfte, die besagen, dass er Berichten zufolge zwei mexikanische Buben belästigt hat“ [13]. Weiters behauptete er, die Ermittlungen wurden „vertuscht“ [13], weil „Jackson eine Auszeichnung im Weißen Haus vom Präsidenten erhalten werde“ [13]. Jackson erhielt die Auszeichnung im Weißen Haus in Wahrheit bereits 1984.

Gutierrez

Michael Jackson mit Ronald und Nancy Reagan, 14. Mai 1984

Der Grund, warum das LAPD nicht handelte, war nicht, weil der Anrufer „ein Niemand“ war, sondern weil die Behauptung absolut falsch war. Aus dem Dokument ist ersichtlich, dass sie die FBI-Verzeichnisse sowohl automatisch als auch manuell überprüften und keinen Hinweis auf solch eine Ermittlung fanden. Man muss bedenken, dass zu dieser Zeit die Ermittlungen im Chandler-Fall liefen und dass das FBI bestrebt war, Beweise gegen den Sänger zu finden. Es ergibt keinen Sinn, dass das FBI irgendeine belastende Information gegen Jackson ignoriert hätte. Das FBI ignorierte die Information, weil sie jeder Grundlage entbehrte.

Am 28. August 1993 berichtete die Los Angeles Times, dass Victor Gutierrez unter den ersten Leuten war, die von der Polizei bezüglich des Falls gegen Jackson befragt wurden. (die Anschuldigungen wurden am 17. August 1993 formell eingebracht): „Einer der Befragten war Victor Gutierrez, ein freiberuflicher Journalist aus Südkalifornien, der seit Jahren an einem Buch über Jackson arbeitet. Gutierrez sprach am Donnerstag zwei Stunden lang mit den Beamten des LAPD und wurde am Freitag erneut befragt. Er gab nicht bekannt, was sich während dieser Sitzungen ereignete, aber er sagte der Times, dass er für sein Buch einige derselben Jungs interviewt hatte, die vom LAPD befragt werden.” [14]

Viele der Zeugen, die 2005 im Jackson-Prozess für die Staatsanwaltschaft aussagten und auf denen der Fall „der früheren bösen Handlungen“ der Anklage größtenteils aufgebaut war, waren Leute, die mit Victor Gutierrez Kontakt hatten, bevor sie ihre Geschichten verkauften. Der ehemalige Sicherheitsbedienstete Ralph Chacon sagte aus, dass er und andere ehemalige Angestellte Jacksons (die von den Medien oft als „Neverland 5“ bezeichnet wurden), mit Gutierrez sprachen, bevor sie ihre Geschichte an das Magazin The Star verkauften [15]. Der ehemalige Sicherheitsbedienstete Kassim Abdool sagte aus, dass er sich einmal mit Gutierrez traf und dass sie eine zwei- bis dreistündige Unterhaltung geführt haben [16]. Das ehemalige Dienstmädchen Adrian McManus sagte aus, dass Gutierrez „dabei war, zu versuchen, uns mit unserer Klage zu helfen“ [17]. Eine weitere Zeugin der Anklage war das ehemalige Dienstmädchen Blanca Francia, die in dem GQ Artikel von 2006 unter den Angestellten Jacksons genannt wird, mit denen sich Gutierrez kurz nach seinem Besuch des NAMBLA Kongresses 1986 angefreundet hatte [5]. In Gutierrez’ Buch ist ein Foto der beiden zu sehen [4].

Andere Leute, mit denen sich Gutierrez angefreundet hatte, wie Orietta Murdock oder das salvadorianische Dienstmädchen der Chandlers, Norma Salinas, sagten zwar nicht vor Gericht aus, machten aber ihre Runden in den Medien und verkauften anzügliche Lügen über Jackson an die Klatschpresse.

Michael Jackson war das international bekannteste Opfer von Gutierrez’ Lügen und Manipulationen, aber er war nicht das einzige. Ende 2003 veröffentlichte Gutierrez einen Artikel in seinem Heimatland Chile, in dem er einen Politiker einer rechtsextremen Partei mit einem Pädophilenring in Verbindung brachte. Gutierrez’ Artikel lieferte eine detaillierte Beschreibung davon, was in dem Haus des Geschäftsmannes Claudio Spiniak, der wenige Tage zuvor wegen der Betreibung eines Pädophilenringes verhaftet wurde, angeblich vor sich ging. Gutierrez behauptete, dass ein Senator der Alliance for Chile (eine Koalition rechtsextremer Parteien) an diesen pädiphilen Orgien teilnahm. Er nannte den Namen des Politikers nicht in seinem Artikel, aber behauptete, dass der Name des Senators an die Behörden weitergeleitet wurde. Später behauptete ein minderjähriger Junge, ein Strassenkind, in einem von Gutierrez geführten Interview für eine Fernsehsendung, einen bekannten rechtsextremen Politiker bei Spiniaks Orgie gesehen zu haben. [18] Der Junge nahm seine Behauptung später zurück und es wurde enthüllt, dass Gutierrez ihm 10.000 bis 20.000 chilenische Pesos zahlte. Gutierrez’ Anwalt räumte die Zahlung im Februar 2004 ein, behauptete allerdings, es wäre nur eine „humanitäre Geste“ gewesen und nichts, was im Austausch für das Interview und falsche Anschuldigungen gegeben wurde. Die Behörden konnten keine Verbindung zwischen dem Pädophilenring und irgendeinem Politiker der von Gutierrez beschuldigten Partei finden, aber die Gerüchte reichten aus, um das öffentliche Image der rechtsextremen Koalition und gewisser Politiker zu beflecken. [19], [20], [21]

Gutierrez wurde 2008 zu 61 Tagen Haft und der Zahlung von 30 Millionen chilenischer Pesos (etwa $60.000) an die ehemalige Miss Universe, Cecilia Bolocco (Exfrau des ehemaligen Präsidenten Argentiniens, Carlos Menem) wegen verleumderischer Behauptungen, die er über ihr Privatleben machte, verurteilt. Bei diesem Präzedenzfall handelte es sich um den höchsten Schadenersatz, der in Chile jemals für solch ein Vergehen zuerkannt wurde [22].

Victor Gutierrez, der von Journalisten und der Staatsanwaltschaft als verlässliche Quelle für Informationen über Michael Jackson anerkannt wurde, dessen Geschichten viele Medienberichte und „Dokumentationen“ über den Star inspirierten und auf den der Ursprung der Unterstellungen gegen Jackson zurückverfolgt werden kann, ist ein Mann, der vor Gericht als Lügner verurteilt wurde – nicht einmal, sondern zumindest zweimal und nicht in einem, sondern in mindestens zwei verschiedenen Ländern.

Victor Gutierrez, der verstörende Ansichten über Pädophilie äußerte; der einen bildhaften, fiktionalen Sex-Roman schrieb, der mit pädophilen Fantasien über eine angeblich einvernehmliche „Beziehung“ zwischen einem Mann und einem Kind vollgestopft ist; der die Dreistigkeit besessen hat, im Vorwort seines Buches der NAMBLA zu danken; und der laut eigenen Angaben 1986 einen Kongress der NAMBLA besuchte, war unmittelbar darin involviert, die falschen Unterstellungen gegen Jackson zu entwerfen und zu gestalten.

Quellen:

[1] Interview mit Diane Dimond in der Ken and Barkley Company morning show (KABC-AM Radio, 9. Jänner 1995)

[2] Maureen Orth – Losing His Grip (Vanity Fair, April 2003)
http://www.vanityfair.com/fame/features/2003/04/orth200304 (Seite 4)

[3] Margaret Maldonado – Jackson Family Values: Memories of Madness (Newstar Pr, November 1995)

[4] Victor Gutierrez – Michael Jackson Was My Lover (Alamo Square Dist Inc, 1996)

[5] Robert Sandall – Michael Jackson Was My Lover (Brtish GQ Magazine, September 2006)

[6] Jan Fleischhauer und Wiebke Hollersen – The Sexual Revolution and Children, How the Left Took Things Too Far (Der Spiegel, July 2, 2010)
http://www.spiegel.de/international/zeitgeist/the-sexual-revolution-and-children-how-the-left-took-things-too-far-a-702679-3.html

[7] “Es war Liebe!” (Die Tageszeitung, April 5, 2005)
http://www.taz.de/1/archiv/?id=archivseite&dig=2005/04/05/a0170

[8] FBI Agent Robert Hamer’s undercover operation as described in Order Amending Opinion and Amended Opinion – USA v. David Cary Mayer
Seite 8.: „Er ersuchte um eine Einladung zu der NAMBLA Konferenz 2002, was abgelehnt wurde, weil er noch nicht lange genug Mitglied war.“

USA vs Mayer

[9] Onell R. Soto – Little-known group promotes ‘benevolent’ sex (February 17, 2005)
Zitat: “
Polhemus sagte, dass die jährlichen Treffen geheime Angelegenheiten waren. Den Teilnehmern wurde gesagt, in die Veranstaltungsstadt zu kommen und der Veranstaltungsort wurde bis zur letzten Minute geheim gehalten. „Sie wollen keine Presse und sie wollen nicht, dass die Bullen auftauchen“, sagte er.
http://legacy.signonsandiego.com/news/metro/20050217-2208-manboy-daily.html

[10] Raymond Chandler – All That Glitters: The Crime and the Cover-Up (Windsong Press Ltd, September 2004)

[11] Aufgezeichnetes Telefongespräch zwischen Evan Chandler und David Schwartz (8. Juli 1993)
schwartz_chandler

[12] Jacko: Accuser’s Uncle to Publish Exposé (FoxNews, September 8, 2004)
http://www.foxnews.com/story/0,2933,131615,00.html

[13] Michael Jacksons FBI Akten, 2009 veröffentlicht
https://vault.fbi.gov/Michael%20Jackson/Michael%20Jackson%2062%20File%20Part%202%20of%203/view (Seite 52)

[14] Charles P. Wallace and Jim Newton – Jackson Back on Stage; Inquiry Continues (Los Angeles Times, August 28, 1993)
http://articles.latimes.com/1993-08-28/news/mn-28760_1_michael-jackson

[15] Ralph Chacons Zeugenaussage im Michael Jackson Prozess 2005 (7. April 2005)

[16] Kassim Abdools Zeugenaussage im Michael Jackson Prozess 2005 (25. April 2005)

[17] Adrian McManus’ Zeugenaussage im Michael Jackson Prozess 2005 (8. April 2005)

[18] La prensa y el caso Spiniak (El Periodista, August 27, 2004)
http://www.elperiodista.cl/newtenberg/1682/printer-63826.html

[19] Abogado confirma que Víctor Gutiérrez entregó dinero a L.Z. (Emol.com, February 11, 2004)
http://www.emol.com/noticias/nacional/2004/02/11/138241/abogado-confirma-que-victor-gutierrez-entrego-dinero-a-lz.html

[20] UDI: se confirma tesis del montaje (LaNacioncl, February 12, 2004)
http://rie.cl/lanacioncl/?a=15112

[21] Víctor Gutiérrez reconoce que pasó su billetito a menor del caso Spiniak (La Cuarta, February 12, 2004)
http://www.lacuarta.cl/diario/2004/02/12/12.04.4a.CRO.GUTIERREZ.html

[22] Millonaria sentencia a favor de Cecilia Bolocco remece a la farándula local (El Mercurio, October 30, 2008)
http://www.emol.com/mundografico/?F_ID=657315