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Michaels Interview mit Ebony/Jet, Mai 1992

 

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Dieses Interview führte Michael mit Ebony/Jet Editor Robert E. Johnson während seines Besuchs von mehreren afrikanischen Staaten (Gabun, Republik Elfenbeinküste,Tansania) im Februar 1992. Während dieser Reise wurde Michael in einer besonderen Zeremonie auch zum ‘King of Sanwi’ (Königreich in der Republik Elfenbeinküste) gekrönt.



Ebony/Jet: Was hast du empfunden, als du auf den afrikanischen Kontinent zurückgekehrt bist?

Michael: Für mich ist es “die Wiege der Zivilisation“. Es ist der erste Ort, an dem eine kulturelle Gesellschaft entstand. Dieser Ort hat sehr viel Liebe gesehen. Und ich glaube, es besteht eine Verbindung, denn hier liegt die Quelle des Rhythmus. All das. Es ist Heimat.

Ebony/Jet: 1974 hast du Afrika schon einmal besucht. Kannst du die beiden Besuche vergleichen?

Michael: Dieses Mal habe ich alles bewusster wahrgenommen: die Menschen und ihre Lebensumstände und ihre Regierung. Aber noch deutlicher habe ich die Rhythmen, die Musik und die Menschen wahrgenommen. Das habe ich mehr als alles andere gespürt. Die Rhythmen sind unglaublich. Du siehst es besonders an der Art, auf die sich schon die Kinder bewegen. Sogar die Kleinsten beginnen zu tanzen, wenn sie die Trommeln hören. Die Rhythmen und wie sie ihre Seelen berühren und wie sie sich dazu bewegen. Es ist das, was auch die Schwarzen in Amerika in sich tragen.

King of Sanii

Ebony/Jet: Wie fühlt es sich an, ein echter König zu sein?

Michael: Ich denke nicht so oft daran, ich will nicht, dass es mir zu Kopf steigt. Aber es ist eine große Ehre…

https://www.youtube.com/watch?v=CNJk84s2bew

Ebony/Jet: Um auf das Thema Rhythmus und Musik zurück zukommen: Wie hast du die Gospel-Songs auf deinem letzten Album zusammengestellt?

Michael: Ich schrieb „Will You Be There“ in meinem Zuhause auf Neverland, in Kalifornien. Ich habe nicht lange darüber nachgedacht. Deshalb ist es auch so schwer, mir die Lorbeeren für die Songs, die ich schreibe, anzurechnen, denn ich spüre immer, dass es von einer höheren Quelle kommt. Ich schätze mich glücklich, das Instrument zu sein, durch das diese Musik fliesst. Ich bin nur die Quelle, durch die es strömt. Ich kann mir nicht den Verdienst daran gutschreiben, denn es ist Gottes Werk. Er nutzt mich als seinen Botschafter.

Ebony/Jet: Kannst du uns etwas über das Konzept des Dangerous Albums sagen?

Michael: Ich wollte ein Album machen, das so sein sollte, wie Tschaikowskys Nussknacker-Suite. Ein Album, das die Menschen in 1000 Jahren immer noch anhören werden. Etwas, das ewig leben würde. Ich würde es lieben, wenn Kinder, Teenager, Eltern aller Ethnien der ganzen Welt in hunderten von Jahren immer noch die Lieder dieses Albums anhören und versuchen würden, es zu analysieren.

Ebony/Jet: Uns ist aufgefallen, dass du auf dieser Reise besondere Anstrengungen unternommen hast, um Kinder zu besuchen.

Michael: Ich liebe Kinder, wie man sieht. Und Babys.

Ebony/Jet: …und Tiere.

Children Africa 1992

Michael besucht Abidjan, 1992

Michael: Es gibt da ein bestimmtes Gespür, das Kinder und Tiere gleichermassen besitzen, und das mir eine kreative Energie verleiht. Eine bestimmte Kraft, die später im Leben, auf Grund der vielfältigen Konditionierung, die von allen Seiten ausgeübt wird, irgendwie verloren geht. Ein großer Dichter sagte einmal: „Wenn ich Kinder sehe, erkenne ich, dass Gott die Menschen noch nicht aufgegeben hat.“ Ein indischer Dichter, mit dem Namen Tagore, sagte das. Die Unschuld der Kinder repräsentiert für mich die Quelle unerschöpflicher Kreativität. Das ist das Potential eines jeden Menschen. Aber wenn du erwachsen bist, bist du konditioniert; du passt dich an die Gegebenheiten deiner Umgebung an, und du verlierst es. Liebe. Kinder sind liebevoll. Sie lästern nicht, sie lamentieren nicht, sie sind einfach offenherzig. Sie nehmen dich so wie du bist. Sie urteilen nicht. Sie teilen die Welt nicht in schwarz und weiß ein. Sie sind sehr Kind-gleich. Und das ist das Problem mit den Erwachsenen, denn sie verlieren diese Kind-gleichen Eigenschaften. Und genau das ist die Inspirationsebene, die so wichtig ist zum Erschaffen von Songs, aber auch für einen Bildhauer, einen Dichter oder einen Schriftsteller. Es ist diese Ebene der Unschuld, die gleiche Bewusstseinsebene, von der aus du kreierst. Und Kinder haben das. Bei Kindern, Tieren oder der Natur fühle ich das besonders intensiv. Und selbstverständlich auch, wenn ich auf der Bühne stehe. Ich kann ohne diese Art Ping-Pong Austausch mit dem Publikum nicht performen. Weißt du, dieses Spiel mit Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion. Ich spiele mit ihnen. Sie nähren mich und ich handele aufgrund ihrer Energie.

Ebony/Jet: Wohin führt all das?

Michael: Ich glaube wirklich daran, dass Gott Menschen dazu auserwählt, bestimmte Dinge zu tun. So wie Michelangelo oder Leonardo daVinci, Mozart, Muhamad Ali oder Martin Luther King auserwählt waren. Und ihre Mission ist es, genau diese Dinge zu tun. Und ich glaube, ich habe bisher nicht einmal an der Oberfläche dessen gekratzt, was der wirkliche Zweck meines Daseins hier ist. Ich bin meiner Kunst verpflichtet. Ich glaube, das höchste Ziel jeder Kunst ist die Vereinigung des Materiellen mit dem Spirituellen, des Menschlichen mit dem Göttlichen. Und ich glaube, dass das der wahre Grund für die Existenz jeder Kunst ist und für alles, was ich erschaffe. Und ich fühle mich glücklich, das Instrument zu sein, durch das die Musik fliesst.

Tief in mir spüre ich, dass diese Welt in der wir leben, ein großes, riesiges, monumentales Sinfonieorchester ist. Ich glaube, jede Schöpfung ist in ihrer ursprünglichsten Form Klang und es ist nicht nur ein willkürlicher Klang, sondern Musik. Kennst du den Ausdruck ‘Sphärenmusik’? Das eine sehr wörtliche Formulierung. In den Evangelien lesen wir: “Und Gott der Herr erschuf den Menschen aus dem Staub der Erde und blies in seine Nüstern den Atem des Lebens und der Mensch wurde eine lebendige Seele.” Dieser Atem des Lebens ist für mich die Musik des Lebens und sie durchdringt jede Faser der Schöpfung. In einem der Stücke des Dangerous-Albums* sage ich:

“Lebenslieder ganzer Zeitalter pulsieren in meinem Blut, sie tanzen den Rhythmus von Ebbe und Flut.”

Das ist eine sehr wörtliche Aussage, denn die gleichen geheimnisvollen Intervalle und biologischen Rhythmen, die die Bausteine meiner DNA bestimmen, lenken auch die Bewegungen der Sterne. Die gleiche Musik bestimmt den Rhythmus der Jahreszeiten, den Puls unseres Herzschlags, die Wanderung der Zugvögel, Ebbe und Flut der Ozeane, die Zyklen von Wachstum, Entstehung und Zerfall. Es ist Musik, es ist Rhythmus. Und mein Ziel im Leben ist, der Welt zurückzugeben, was mir glücklicherweise zuteil wurde: die Ekstase göttlicher Vereinigung durch meine Musik und meinen Tanz. Das ist meine Bestimmung, das ist der Grund, weshalb ich hier bin.

* Zitat aus Dancing The Dream

Will You Be There

Will You Be There?

Ebony/Jet: Was ist mit Politik?

Michael: Ich beschäftige mich niemals mit Politik. Aber ich denke, Musik besänftigt die wilde Bestie. Wenn man Zellen unter ein Mikroskop legt und Musik einschaltet, sieht man, wie sie sich bewegen und anfangen zu tanzen. Es berührt die Seele… Ich höre Musik in allen Dingen.

Weißt du, soviel habe ich seit acht Jahren nicht mehr gesagt. Du weißt, ich gebe keine Interviews. Es ist nur, weil ich dich kenne und weil ich dir vertraue. Du bist der einzige Mensch, dem ich genug vertraue, um ihm Interviews zu geben.


Übersetzung: M.v.d.Linden

Ebony 1992 Cover

Interview mit John Bähler

Ein Interview mit John Bähler – Übersetzung aus dem Buch:

Let’s Make HIStory: An insight into the HIStory album von Brice Najar

John Bähler begann, wie sein Bruder Thomas, mit Michael und den Jackson 5 zusammenzuarbeiten, als sie bei Motown unterzeichneten. Als Musik- und Stimmarrangeur war er noch über viele Jahre sowohl beruflich als auch freundschaftlich mit Michael verbunden, nachdem er Motown verlassen hatte. John Bähler ist einer der Macher von Heal The World, wo er auf großartige Art den Chor leitete, der die Stimme des King Of Pop unterstützt und zugleich die Ohren der Zuhörer erfreut. Nach seinem jüngeren Bruder ist es jetzt an John, meine Fragen zu beantworten und seine Erinnerungen mit uns zu teilen.

Wie dein Bruder Tom, hast auch du während der Motown-Ära mit Michael als Stimm- und Musikarrangeur zusammen gearbeitet. War dir zu der Zeit schon bewusst, dass er ein großer Star werden würde? Hast du ihn unter den anderen Künstlern bei Motown als etwas Besonderes erkannt?

Absolut! Als ich anfangs mit Michael arbeitete, sagte jeder, er sei 11Jahre alt, aber er war 13, sah aber aus wie 11. Ich arbeitete mit der Gruppe, mit allen fünf Jungs. Michael stach nicht nur in der Gruppe hervor, sondern in der Musik generell. Ich will sagen, dass er sehr aussergewöhnlich und besonders war. Dieser Mensch hatte mehr Liebe in sich, als irgend jemand anderes. Ich habe über ihn gehört und auch selbst oft gesagt, dass ein Bild von Michael Jackson erscheinen sollte, wenn man im Lexikon das Wort „Liebe“ nachschlägt. Er war der liebenswürdigste, netteste, großzügigste süßeste, charismatischste Kerl, und er liebte es, den Leuten Streiche zu spielen. Mir fehlen wirklich die Worte, wenn ich von Michael Jackson spreche, denn ich liebe ihn so sehr und unsere Verbindung bestand über eine sehr lange Zeit, eigentlich bis etwa 1,5 Jahre bevor er starb.

Es war also wirklich ganz offensichtlich. Als wir mit ihm Ben aufnahmen, ich glaube, das war seine erste Single als Solo Künstler, wussten wir schon, dass es keine Grenzen gab. Nichts konnte diesen Kerl stoppen! Sogar als er mit 50 Jahren starb, war die Quelle seiner Kreativität noch lange nicht versiegt. Er hatte noch so viel mehr zu geben. Natürlich kam er in das Alter, in dem das Performen nicht mehr ganz so leicht war, als Jahre zuvor, aber seine Seele war noch immer jugendlich.

Etwa 18 Monate bevor er starb, rief er mich an. Genauer gesagt war es sein musikalischer Direktor, der anrief und sagte: „Michael würde gerne mit dir sprechen.“ Ich sagte: „Großartig! Ruf mich jederzeit an, ich bin immer da, ich stehe immer zur Verfügung.“ Normalerweise kamen solche Anrufe immer kurz bevor einem großen Projekt, deshalb dachte ich, dass er anrufen würde, damit ich ihm bei der Tour helfen würde, die er nicht machen konnte. Aber dann rief er nicht an, und ich sah die Leute, mit denen er sich umgab, und machte mir Gedanken, denn meiner Meinung nach, (und das ist wirklich meine ganz persönliche Meinung, und ich möchte nicht, dass die Öffentlichkeit mich deshalb steinigt) hatte er sich mit „Jasagern“ umringt. Mein Bruder und ich waren Michael gegenüber nie Jasager. Michael war für uns wie ein jüngerer Bruder, und Michael wählte nie nach „Farbe“ aus, sondern er suchte immer nach Talenten. Als ich also einige dieser Jasager um ihn herum sah, war ich beunruhigt, aber ich konnte nichts tun…

Erinnerst du dich noch daran, als du ihn zum ersten Mal getroffen hast? Welche Erinnerungen hast du an diese Sessions bei Motown?

Oh ja, ich habe einige Geschichten! Ich traf ihn zum ersten Mal etwa 1970 oder ’71, als sie bei Motown unterzeichneten. Ich produzierte und arbeitete schon mit ein paar anderen Künstlern bei Motown, und sie riefen mich, um mit den Jungs zu arbeiten. Michael war sehr jung. Eine Sache, an die ich mich erinnere ist, dass sie als Jungs immer viel herumblödelten, während sie arbeiteten, weil sie Brüder waren. Damals hatte ich lange Haare und zu der Zeit war sie auch noch braun. Ich war also still und lies sie gewähren. Was ich aber nicht wusste und was Michael mir Jahre später erzählte war, dass ich immer meine Haare zurückstrich, wenn ich nervös war. Und Michael sagte dann jedes Mal: „Hey Jungs, John streicht seine Haare zurück, wir sollten uns besser wieder beruhigen!“ Das war ihr Zeichen.

J5 Motown

Du hast zu vielen Songs von MJ und den J5 bei Motown beigetragen, man könnte Stunden darüber sprechen. Kannst du uns etwas mehr über den kreativen Prozess einer der anspruchsvolleren Kompositionen berichten?

Ich weiß nicht mehr genau, welche Aufnahme es war, an der wir arbeiteten, aber ich hatte ein besonders kompliziertes Gesangs-Arrangement für sie geschrieben und sie sagten nur: „Das können wir nicht singen, das können wir nicht…“ Und ich sagte nur: „Doch, das könnt ihr.“ Also übte ich mit ihnen all die einzelnen Teile ein, aber es war immer noch schwierig für sie, deshalb sang ich sie mit ihnen zusammen. Als wir dann bereit für die Aufnahme waren, stand ich neben dem Mikrophon um die Background Teile mit zu singen, und Michael machte sich bereit für den Lead Gesang. Der Produzent kam aus dem Studio und sagte: „Du kannst bei der Aufnahme nicht mitsingen!“ Was aber ganz eindeutig eine Sache von „schwarz und weiß“ war. Ich sagte: „Ok, kein Problem.“ Der Produzent ging also wieder in sein Studio-Abteil zurück. Der Toningenieur (er war ebenfalls schwarz und sehr cool, leider weiß ich seinen Namen nicht mehr) kam heraus und winkte mir zu und stellte das Mikrophon so ein, dass die Jungs in Richtung des Aufnahmestudios blickten und ich mit dem Rücken dazu gegenüber von ihnen stand. Das Mikrophon war so eingestellt, dass es von beiden Seiten offen war. Ich konnte also mit ihnen mitsingen, ohne dass es jemand bemerkte. Mein Dank geht an diesen netten Ingenieur, er war klasse! Ich sang also auf dieser Aufnahme mit und keiner wußte es – bis jetzt, jetzt weiß es jeder. Ich sang jeden Teil mit ihnen, es war wunderbar. Es war nur der eine Song, ich glaube, es müsste Looking Through the Window gewesen sein. Die meiste Zeit war es nicht nötig, mit ihnen zu singen. Aber das hatte ich über ihre Köpfe hinweg geschrieben – damit meine ich nicht ihr Talent, sondern dass das Konzept ungewöhnlich war. Ich denke, ich sang noch bei mehreren Sachen mit. Ich sang bei einigen Aufnahmen von Michael, aber was die Gruppe betrifft, ist das eine der Geschichten, an die ich mich erinnere. Jetzt weiß es die ganze Welt! (lacht)

jackson5 lookin' through the window

Du sagst, es war ganz eindeutig eine Sache von „schwarz und weiß“. Warst du der einzige Weiße, der bei Motown arbeitete?

Ja, mein Bruder und ich waren tatsächlich die einzigen weißen Typen im ganzen Gebäude. Wir beide sind mit Gospelmusik aufgewachsen, wir waren quasi auch farbenblind. Ich meine damit, dass Black Music das war, womit wir aufwuchsen, und wir teilten es nicht in „weiß“, „schwarz“, „lila“ ein – egal was es war, es war einfach großartige Musik. Das war auch ein Grund, weshalb wir zu Motown kamen, weil Berry Gordy mit bekommen hatte, dass jemand bei Motown etwas gehört hatte, das ich geschrieben hatte und sie es für sehr „soulful“ hielten und mich dann zu sich riefen.

Zu der Zeit hatte Michael noch nicht seine Erwachsenenstimme. Wie bist du als Stimm-Arrangeur damit umgegangen, jemanden aufzunehmen, dem während der Aufnahme die Stimme brach?

So weit ich es wahrnahm hat seine Stimme sich nie verändert. Er konnte diesen Stimmbruch abfangen, wie man es nie zuvor gehört hatte, und seine Sprechstimme war sowieso sehr hoch. Er sprach ganz hier oben! (imitiert MJ) Er hatte viele hohe Noten in seinem Repertoire, und die Songs, die er als Kind sang, wie ABC und solche Sachen, hat er dann zwar in einer anderen Tonlage gesungen, aber die Qualität war immer gleich hoch und auch die Energie war immer gleichbleibend! Es war also nie ein Problem. Das heisst, jeder Song an dem ich mit ihm gearbeitet habe, über all diese Jahre, all diese Songs wurden für ihn geschrieben, weshalb ich wirklich nie darüber nachdachte. Daran sieht man, wie gut es lief. Ganz ehrlich – ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, es gab nie ein Gespräch darüber. Wie du weißt, war Michael so unglaublich talentiert und zu 100% professionell. Er war einfach nur umwerfend!

Hast du, abgesehen von Michael, auch Erinnerungen an seine Brüder?

Michael sagte mir einmal, als er noch sehr klein war, dass Jackie der beste Sänger und Tänzer der ganzen Familie sei. Aber er war so schüchtern, extrem schüchtern, sogar noch schüchterner als Michael. Später habe ich Jackie davon erzählt und er sagte zu mir: „Ich fühle mich einfach im Vordergrund nicht wohl. Ich bleibe lieber im Hintergrund. Michael war der jüngste, und wir waren alle größer als er. Deshalb schoben wir ihn immer nach vorne.“ Und so begann es.

Damals, in den 1970ern, fuhr Jackie immer zu meinem Haus (er fuhr einen Rolls Royce Convertible), um zu sehen, was ich so machte. Und dann hielt er an und wir unterhielten uns. Auch mit Jermaine hatte ich ein gutes Verhältnis. Ich mag dieses Kind. Also, er ist natürlich kein kein Kind mehr, aber für mich ist er trotzdem eins. Tito und Marlon waren so klein, dass ich sie nicht so gut kennenlernte, wie Jermaine und Jackie. Eines Tages ging ich mit meiner Frau zu einer Grammy Award Verleihung, und auf dem Weg dahin sah ich Jermaine auf der anderen Strassenseite, wollte ihm aber nicht über die Strasse zurufen. Aber dann drehte er sich um und sah mich und rief: „John!!“ Er kam über die Strasse und umarmte mich. Es war etwas peinlich und gleichzeitig aufregend, dass er sich nach all den Jahren noch an mich erinnerte. Sie sind eine ganz besondere Familie und es passiert dir im Lauf deiner Karriere nicht so oft, dass du mit solchen Leuten arbeiten kannst – und dann ist es auch nicht wirklich Arbeit.

Obwohl die J5 Motown verliessen, bist du mit Michael in Kontakt geblieben, und er buchte dich über Jahre hinweg regelmässig für Gesangs-Arrangements. Denkst du, dass ihr ein besonderes Verhältnis hattet, das über die rein professionelle Zusammenarbeit hinausging?

Wir haben jahrelang mit Michael und den Jungs und dann mit Michael alleine zusammengearbeitet, bis sie Motown verliessen um bei EPIC zu unterzeichnen. Dann begann ich mit Michael zu arbeiten. Ich kann euch garnicht sagen, wie oft Michael 16 Takte von Songs schrieb und mich dann anrief, um in sein Haus auf der Neverland Ranch zu kommen, wo ich dann diese 16 Takte aufnahm und er mich bat, etwas zu schreiben. Ich schrieb etwas und sang die Teile und irgendwann später hörte ich einen Song und dachte: „Das klingt irgendwie vertraut! Ach ja, genau, dazu habe ich den Refrain geschrieben.“ Er hat viele dieser Demos gemacht, deren Rhythmen einfach erstaunlich waren, und ich kam dann zu ihm und wir nahmen alles auf, was er von einem Song schon hatte, manchmal war es nur ein Stückchen. Es waren bestimmt 20 oder 25 davon. Wenn die Familie etwas davon veröffentlicht, würde ich es sehr gerne hören wollen.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich ganz alleine mit ihm dort war. Ich erinnere mich deshalb an diesen Tag, weil er seinen Hut, den er immer trug, abgenommen hatte und ich ihn mir auf den Kopf gesetzt hatte, und er passte perfekt! Ich sagte: „Michael, ich brauche auch so einen!“ Er antwortete: „Du hast keinen?“ „Nein!” Und er: „Dann werde ich dir einen besorgen!“ Aber natürlich hat er es nie getan, und wenn ich jetzt daran denke, wünschte ich, ich hätte einfach gesagt: „Ich hätte gerne diesen!“ Er hätte einfach „ok“ gesagt. Aber ich war nicht einer von diesen aufdringlichen Typen. Ich glaube, ich besitze nicht einmal ein Foto von uns beiden…

Wie auch immer… Michael und ich singen also Teile des Background-Gesangs und aus irgendeinem Grund hatte ich zwei Ohrhörer in den Ohren. Über all die Jahre, die ich schon Background-Sänger war, trug ich immer nur einen Ohrhörer, damit ich mich selbst live mithören konnte. Heute tragen die meisten Sänger zwei, denn sie wollen sich zusammen mit allem hören, was der Toningenieur einspielt. Ich möchte das aber nicht hören und benutze deshalb nie zwei Ohrhörer. Jedenfalls trug ich an dem Tag aber dennoch zwei, und nach den ersten beiden Takten des Stücks hörten wir einen fürchterlich schiefen Gesang. Wir beide sahen uns an und dachten: “Was zum Teufel ist das?!“ Wir hielten das Band an und ich nahm die Ohrhörer raus und Michael sah mich an und sagte: „Das bist du! Hahaha…!“ Ich hatte diese Ohrhörer an, und konnte mich nicht singen hören und hatte deshalb völlig schief gesungen. Ich hoffe, dass sie das nicht aufgenommen haben, es war wirklich das übelste, das mir in meiner Laufbahn passiert ist. Als ich dann wieder nur mit einem Ohrhörer sang, war alles wieder gut. Aber Michael lag vor Lachen am Boden, denn er nannte mich immer Mr. Perfect, und als das passierte fand er es einfach nur zu gut!

Ich vermisse ihn. Ich spreche ständig mit ihm. Ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt zuhört, er antwortet ja nie. Aber vielleicht eines Tages, wer weiß? Bei mir hier im Flur habe ich einen Brief, den Michael meiner Frau Janet geschrieben hatte, nachdem wir auf Neverland waren. Als er starb habe ich daraus für uns eine Art Gedenken an ihn gemacht. Ich habe den Brief zusammen mit dem Umschlag eingerahmt, alles von Michael handgeschrieben, und jeden Tag, wenn ich daran vorbei komme sage ich „Hi!“ zu ihm.

Heal The worlsd LLardo

Michael hatte immer große Ideen für mich, aber weil ich ihn nicht ständig anrief und bedrängte, vergass er es oft. Er hatte so viel um die Ohren. Den Hut, den er mir nie gab und da war noch eine kleine Heal The World Statue mit Figuren von Kindern, die mit Michael zusammen eine Weltkugel hielten. Er hatte sie in seinem Bahnhof stehen, und als Janet und ich sie sahen, sagte ich: „So eine hätte ich gerne! Wo kann man sie bekommen?“ Michael sagte: „Ich werde dir eine besorgen!“ Natürlich kam er nie dazu, und ich rief ihn auch nie an und fragte: „Wo bleibt sie?“. Ich glaube, das ist auch einer der Gründe dafür, dass er mich und meinen Bruder respektierte. Wir gehörten für ihn nie zum Showbusiness. Ich meine, wir sahen ihm wirklich dabei zu, wie er von dem Michael Jackson, den wir kannten, zu dieser Michael Jackson-Persona heranwuchs. Je nachdem, wer in den Raum kam, wenn es ein Fremder war, zog er seine Sonnenbrille, den Hut und all das an, schwarze Hosen und Hemden trug er sowieso. Wenn er mit uns alleine war, nahm er all das ab und war einfach nur der Michael, den wir schon immer kannten. Nicht so viele Menschen haben ihn so erlebt und das ist sehr Schade. Ich denke, sie würden anders über ihn denken, hätten sie ihn so erlebt. Er war die Verkörperung von Liebe. Er liebte Kinder, denn er hatte keine Kindheit. Als er 13 oder 14 Jahre alt war, rief er bei mir zuhause an und meine Frau rief mich und sagte: „Schatz, da ist Michael am Telefon!“ Ich nahm den Hörer und sagte: „Hi, Michael!“ Und er antwortete: „Hi!“ (imitiert Michael)

Was machst du?“

Oh, ich bin auf Tour.“

Ok, wo bist du?“

Cincinnati.“

Einsilbige Antworten. Ich denke, er rief einfach nur an, um meine Stimme zu hören, und ich musste ihn in ein Gespräch drängen, weil er so schüchtern war. Aber zumindest war er mutig genug, den Hörer zu nehmen und mich anzurufen. Er tat das ständig, nur um eine Stimme von zuhause zu hören. Ich sah mich immer als einen Ersatzvater, aber ich denke, ich war eher ein älterer Ersatzbruder, wie auch mein Bruder, und ich glaube, er respektierte mich und meinen Bruder auch wie Brüder. Er sagte sogar ganz oft: „Welcher bist du? Hast du We Are The World gemacht oder Heal The World?“ Und ich antwortete: „Ich habe Heal The World gemacht. Mein Bruder ist der mit We Are The World. „Oh, ja.. Ok“! Ich glaube, er dachte wir sind nur eine Person.

Ich habe gelesen, dass du gesagt hast, es war David Paich, der das Projekt Feed The World, aus dem später Heal The World wurde, vorschlug, und dass ihr beide später an den ersten Arrangements für diese Aufnahme gearbeitet habt. Kannst du uns einen kleinen Einblick in den kreativen Prozess geben?

Auf den ersten Demos dazu waren nur meine Frau, ich und Jon Joyce. Dann ging ich damit zu David und er spielte mir den Track vor und erzählte mir, worauf es ankam. Ich schrieb dann das Background-Arrangement für 4 Stimmen und wir sangen für das Demo jeden Teil 3 – 4 mal ein, damit er so voluminös wie möglich wurde, denn Michael wollte einen Chor, aber er wollte nicht so viel Geld für einen 16 – 20 stimmigen Chor ausgeben. Und Michael mochte es! Danach machten wir 2 oder 3 weitere Demos, bevor wir schliesslich die eigentliche Aufnahme machten. Als wir das machten, konnte Michael wegen einer Erkältung nicht dabei sein, also spielten wir es ihm übers Telefon vor und er weinte! Er war so ein emotionaler Mensch. Er sagte: „John, dass ist genau das, was ich wollte. Es ist unglaublich, ich glaub’ es einfach nicht…“

Was sehr interessant ist, und ich erst vor ein paar Monaten, also 20 Jahre danach, herausfand, ist, dass Michael damals auch meinen Bruder anrief und sagte: Ich hätte gerne, dass du mir ein Chorarrangement für Heal The World machst.“ Und mein Bruder arbeitete daran, ohne dass ich davon wusste, aber er schwört, dass Michael beide Arrangements benutzt hat. Also ich bin sicher, dass alles, was ich geschrieben habe auch auf der letztlichen Aufnahme ist, ich kann es hören, besonders wenn man genau hinhört, bemerkt man das, worauf ich besonders stolz bin, den Bass-Teil. (singt es) Es war eine bewegende Melodie die das, was Michael singt unterlegt. Daran erkenne ich z.B. dass es mein Arrangement ist, denn darauf war ich sehr stolz, und Michael auch. Es sticht nicht hervor, aber wenn du es herausnimmst, fühlst du, dass es da ist. Du hörst immer wieder etwas neues, wenn du seinen Songs zuhörst. Ob er 14 oder 35 war, er wußte immer, was man noch hinzufügen musste und das machte ihn meiner Ansicht nach zu einem Genie.

Kannst du uns noch mehr über die Zusammenarbeit mit den Mitgliedern von Toto erzählen?

Als ich nach Kalifornien zog, waren Steve und Jeff Pocaro meine Nachbarn. Ich kaufte 1967 ein Haus genau neben den Pocaros. Ich kannte sie gut, ihr Vater war ein hervorragender Percussionist. Jeff übte immer Schlagzeug. Das Haus war ziemlich lang und in der Mitte gab es einen Übungsraum und der war genau gegenüber des Fensters von dem Zimmer, in dem ich an meinen Arrangements schrieb. Während ich also schreibe, spielt Jeff gegenüber mit Kopfhören Schlagzeug. Ich rief dann immer zu ihm rüber: „Kannst du mal aufhören?“ Aber er hörte mich natürlich nicht, wegen der Kopfhörer. (lacht) Also, ich kannte diese Jungs wirklich schon, seitdem sie noch ziemlich jung waren.

David (Paich) traf ich, weil er eine Band gründen wollte. Sie hiess nicht Toto, aber es war eine Band von Jeff und er war damals etwa 15 Jahre alt, also konnte David nicht viel älter gewesen sein. Ich kannte Davids Vater, Marty Paich, sehr gut. In der Nähe von unserem Haus gab es einen kleinen Stadtpark, und Joe Pocaro erzählte mir, dass die Jungs dort Samstags auf einer Tanzveranstaltung spielen würden, falls ich es gerne sehen wollte. Ich ging also hin, und es haute mich um, wirklich – und sie spielten nicht einmal etwas besonderes, nur Standard-Nummern. Ich ging dann am nächsten Tag zu ihnen rüber und ihre Mutter, Eileen, öffnete die Tür. Ich sagte: „Ma’am, ihre Jungs sind absolut unglaublich!“ Ich glaube, es waren Jeff und Steve (Pocaro) und David (Paich) und noch ein anderer Junge. Ich glaube, sie waren zu viert oder fünft. Ich fuhr fort: „Ich habe morgen eine Session. Könnte ich Jeff dafür haben? Sie sage: „Nein.“ Ich sagte: „Aber er ist großartig! Viel besser, als die meisten Leute, mit denen ich arbeite!“ Sie entgegnete: „Er ist erst 15 Jahre alt und wenn ich ihm erlaube, mit ihnen eine Session aufzunehmen, wird er nicht mit der Highschool weiter machen. In unserem Haus gibt es eine Regel: Keine Sessions bevor du nicht deinen Highschool-Abschluss gemacht hast.“

Ich habe schon einiges mit ihnen gemacht, bevor sie Toto waren, und auch noch danach, nachdem Jeff starb. Das war das schlimmste, was passieren konnte…

Könnte man Heal The World als eine Fortsetzung der Arbeit sehen, die du 1990, im Jahr davor, mit Totos Compilation Past To Present gemacht hast? Um es präziser zu machen: du hast auf dieser Platte bei 3 Liedern den Chor geleitet.

Es könnten die gleichen Leute gewesen sein, oder auch nicht. Wir hatten so eine große Gruppe an hervorragenden Sängern. Es könnte z.B. sein, dass ich für Michaels Sachen mehr schwarze Sänger eingesetzt hatte und für Totos vielleicht nicht so viele. Ich habe mich wirklich immer nach dem Sound gerichtet, den wir erreichen wollten und dann die Leute engagiert, mit denen ich glaubte, diesen Sound erreichen zu können. Die Zusammensetzung des Chors war also nicht immer gleich. Es gab eine Zentrale Gruppe von etwa 5 – 8 Leuten, die wir meistens einsetzten, und dann nahmen wir andere dazu, um 16 oder 20 Stimmen zu bekommen, je nachdem…

Als David Paich mit diesem Projekt begann, hatte er da schon Michael als Sänger im Kopf, oder hatte er noch an keinen speziellen Sänger gedacht?

Michael hat es ja geschrieben, aber ich weiß, dass ganz zu Anfang des Songs David beteiligt war. Das war, als es noch Feed The World hieß. Als wir das erste Demo machten, gab es noch keinen Text, nur die Melodie der Strophen. Ich fragte Michael: „Was möchtest du versuchen zu sagen?“ Er sagte: „Ich weiß es nicht. Es wird einfach zu mir kommen.“ Er sass immer in dem großen Baum hinter seinem Haus und die Dinge kamen zu ihm. Er bat David, für ihn das Arrangement und das Demo zu machen. Der Song war aber noch nicht vollständig bis dahin. Aber Michael arbeitete oft so. Die Aufgabe war, die Samen von Michaels Idee zu nehmen und dabei zu helfen, sie erblühen zu lassen. Denn Michael schrieb keine Musik. (Noten) Er schrieb seine Texte und er brauchte immer einen Musikalischen-Leiter, und meistens waren es Keyboarder. Obwohl David nie sein Musikalischer-Leiter war, war er doch sehr fähig, und Michael wußte das. Ich wünschte, ich wüsste, wie diese beiden in Verbindung gekommen waren. Ich habe nie daran gedacht, David zu fragen. Er rief mich an, er gab mir das Band von einem Demo und dann nahmen wir in seinem Haus ein weiteres Demo auf.

Human Nature ist wohl wie ein Symbol für die Zusammenarbeit von Michael und Toto. Aber ich denke, das trifft auch bei Heal The World für David Paich, Jeff und Steven Pocaro, die alle darauf spielen, zu. Würdest du dieser Aussage zustimmen, da du auch an dieser Komposition beteiligt warst?

Absolut. Michael hatte ein Gespür für Talente. Und wenn er ein Talent erkannte, hat er es auch genutzt. Nachdem er Motown verlassen hatte und eigenständig arbeitete, nahm er sein erstes Album mit Quincy Jones auf. Dabei war Michael mehr mit meinem Bruder (Thomas) involviert, als mit Quincy. Als er Quincy verlies, hatte ich wieder mehr mit ihm zu tun.

Jeden Tag schrieb Michael 4, 6, 8 oder 12 Liedanfänge! Manchmal war es auch ein Refrain, und nicht der Anfang, und er wusste noch garnicht, wie die Strophen sein würden. Er entwickelte einen Rhythmus, und darauf ein Stück von einem Song aufzubauen: Das war seine Arbeitsweise, und so wurde aus Feed The World Heal The World und die endgültige Version. Mehrere talentierte Leute arbeiteten daran und Michael war der Kapitän des Schiffes. Er war der Kapitän und wir warfen nur Gedanken in den Raum und warteten ab, was davon hängen bleiben würde. Und alles, was ihm gefiel, wurde weiter verfolgt. Was mir sehr an der Zusammenarbeit mit Michael gefiel war, dass er dich immer ermutigte, du selbst zu sein. Er hat dir nicht gesagt, was du tun sollst – er wollte hören, was du denkst und was du in musikalischer Hinsicht gedacht hast. Das liebte ich an ihm! Er hatte auch eine besondere Art, dir zu sagen: “Nein, das ist es nicht“, ohne dass du dich schlecht fühlen musstest. Du hattest so viele Freiheiten bei ihm. Wenn er dir sagte: „Nein, das ist nicht das, was ich hören wollte“, hast du einfach gesagt: „Ok, dann versuchen wir es mit einer anderen Idee.“

Ich erinnere mich nur an eine Sache während all dieser Jahre, die wir zusammen arbeiteten, die mir auch leid tut, aber leider passierte. Einmal habe ich Michael enttäuscht. An den Song, oder den Teil des Songs, kann ich mich nicht erinnern, aber ich schrieb die Harmonien. Wir beide sangen sie zusammen und er sagte: „Da fehlt eine Note.“ Ich sah das Notenblatt an und dachte: „Wie kann da eine Note fehlen, es sind wirklich alle Noten da.“ Ich konnte den Fehler nie finden, und er war ganz frustriert. Er war nicht sauer, er war einfach nur frustriert, weil er nicht das hörte, was er hören wollte. Das war das einzige Mal, wo ich leider nicht hören konnte, was er von mir hören wollte…

Heal The World cover

Heal The World transportiert die Botschaft von Brüderlichkeit, und natürlich verstärkt Michaels talentierte Darbietung diese Komposition, aber dennoch denke ich, dass dieses Werk mehr als alle anderen in seiner Karriere, das Ergebnis einer Teamarbeit ist, die zu diesem großartigen Erfolg führte. Sind alle Beteiligten im Studio in das Thema des Songs eingetaucht, um dieses Ergebnis zu erreichen?

Es wurde nicht ausgesprochen, aber du konntest es zumindest bei dem Chor spüren, dass sie genau verstanden hatten, was Michael sagen wollte. Die Botschaft kam bei jedem von uns an. Von meinem Standpunkt aus kann ich sagen, dass es beim Schreiben unterschiedliche Elemente gibt, das menschliche und das sprachliche Element. Wenn ich etwas inspirierendes schreibe, spüre ich das, ich fühle mich dann wie ein Gefäß. Es kommt von irgend woher zu mir, durch mich hindurch und auf das Papier. Wenn ich schreibe wie ein Handwerksgeselle (journeyman), ist es uninspiriert und das hört man. Ich sage das, weil Heal The World von Anfang an, noch bevor ich alle Lyrics gehört hatte, nicht in meiner Hand lag. Es ist voll und ganz durch Inspiration geschrieben, und ich glaube, deshalb bedeutete der kleine Teil, den ich beisteuerte, Michael so viel: er konnte das fühlen.

Wenn du mit Michael darüber gesprochen hast, hattest du das Gefühl, dass er HTW besonders mochte, musikalisch gesehen, aber auch weil er seine Charity Organisation danach benannte?

Das war Michaels Lieblingslied und deshalb spielten sie es auch als letzten Song bei seinem Memorial. Er liebte vieles von dem, was er geschaffen hatte, aber bei Heal The World sagt die Botschaft meiner Meinung nach mehr über Michael aus, als bei jedem anderen Song, den er geschrieben hat. Das ist, wie er die Welt sah und es begann als Feed The World, weil er dachte, das sei eine Sache, bei der etwas verändern könne. Je mehr er darüber nachdachte, und sich in die Lyrics und Strophen vertiefte, desto deutlicher wurde ihm, dass es um etwas viel größeres als Feed The World geht, dass es darum geht, die Welt zu heilen (Heal The World)! Und das sagt alles über ihn als Mensch aus. Es drückt aus, wer er war und wie er sein Leben lebte. Die Leute können es nicht glauben… ER WAR LIEBE! Es ist schwer zu glauben, denn es glaubt dir keiner, dass ein Mensch so liebevoll und freundlich sein kann. Hatte er Fehler? Yeah, hatte er. Er lies zu oft seine Nase machen. Ich meine, es war auch etwas Verrücktes an ihm, aber in der Tiefe seiner Seele – so wie ich ihn kannte, und ich denke, auch mein Bruder würde das sagen – war er die Verkörperung von Liebe. Ich sah Michael nie wütend. Niemals! Ich sah ihn weinen, Ich hörte ihn weinen. Wir weinten zusammen wenn wir betroffen waren, aber er war nie wütend auf mich.

Heal The World – das ist absolut die Botschaft, die aus der Tiefe von Michaels Herzen kommt. Ich denke, deshalb sind auch so viele Menschen davon berührt

An diesem Song haben sowohl David Paich als auch Marty Paich (als Dirigent des Orchesters) wahrscheinlich zum letzten mal gemeinsam während ihrer Karriere mitgewirkt, und ich könnte natürlich David selbst fragen, aber ich dachte es ist sinnvoll deine Meinung zu dieser besonderen Konstellation zu hören.

Die letzte Session, an der ich 1994 arbeitete, bevor ich nach Branson zog, war für einen Country Sänger, dessen Name mir nicht mehr einfällt – aber egal – Marty Paich arrangierte die Saiteninstrumente und er war auch bei der Session anwesend. Das war nur wenige Monate, bevor er starb. Ich traf ihn, umarmte ihn und es war wunderbar. Aber ich war nicht persönlich dabei, als Marty und David gemeinsam (an HTW) arbeiteten. Ich denke, Marty war auch dort mit den Saiteninstrumenten beschäftigt, bin mir aber nicht sicher. Es wäre eine gute Idee, David danach zu fragen.

Das Ende des Songs ist wunderschön, besonders, weil dein Chor von Jeff Pocaros Schlagzeug unterstützt wird, dessen Snare-Drum-Sound sehr einzigartig ist. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich es anhöre, auch wenn ich es sicher schon hunderte Male angehört habe. Wie hast du den Chor arrangiert, um MJ möglichst gut zu unterstützen, ohne ihn zu übertönen aber dennoch so, dass dieser Teil einer der Teile ist, die diesen Song ausmachen?

Zuerst war da Jeff Pocaros Schlagzeug, und alles, was vorhanden war, beeinflusste das, was ich schrieb. Das Chorarrangement wurde von allem beeinflusst, was bereits vorhanden war. Und Michaels Lead Gesang war noch nicht einmal aufgenommen. Ich glaube, als wir schliesslich den großen Chor aufnahmen, hatte er eine grobe Version der Vocals aufgenommen. Manchmal begann er die Sachen vom Ende her und arbeitete sozusagen von hinten nach vorne. Je nachdem, welche Idee ihm zuerst kam. Anfangs gab es keine Lyrics und wir wussten nicht, was er damit sagen würde, und er schrieb viele seiner Songs auf diese Weise. Nicht, dass es vor ihm oder nach ihm keiner so macht. Jeder Songschreiber hat seine eigene Art, sich jedem seiner Songs zu nähern. Burt Bacharach würde vielleicht eine seiner verrückten Melodien schreiben und sich dann von David Paich die absolut passenden Lyrics dazu schreiben lassen. Es kam mir wirklich immer so vor, als ob sich Burt nur an sein Klavier setzte und den Song einfach so spielte. Es fiel ihm einfach so zu. Michael, der ja kein ausgebildeter Musiker war, dafür aber ein unbeschreibliches musikalisches Gehör hatte, konnte Musik zwar nicht lesen, aber er hörte sie und er süpürte instinktiv, wie ein Song sich anfühlte. Das war wichtiger, als alles andere. Was immer ihm zuerst in den Kopf kam, konnte die Saat für einen neuen Song sein. Er sagte immer, er würde auf seinem großen Baum sitzen – und ich weiß genau, welchen Baum er meint – und ich weiß, dass er das tat.

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Denkst du, dass du zu Michael eine besondere emotionale Verbindung aufbauen konntest, weil du ihn schon als Junge gekannt hast? Hast du ihn ihm immer mehr den Teenager gesehen, als den ikonischen Superstar? Hat Michael das gespürt, und sich mit dir wohler gefühlt, als mit anderen Leuten?

Vor vielen Jahren besuchte ich zusammen mit meiner Frau die Ranch. Michael sagte: „Lass uns in den Proberaum gehen.“ Es war eher ein Tanzstudio (inklusive vieler Instrumente und anderem Equipment), in dem wir probten. Zu meiner Frau sagte er: „Würdest du für mich auf Prince aufpassen?“ Prince war 18 Monate alt, und Michael lies ihn bei meiner Frau, und das war sehr cool, denn es war sonst niemand im Haus. Die Ranch war so groß, dass wir ein Golf-Kart nehmen mussten, um mit Brad Buxer, seinem damaligen Musikalischen-Leiter, zum Proberaum zu kommen. Wir arbeiteten – und es dauerte Stunden. Als wir schliesslich fertig waren, suchte er draussen nach Buxer, damit er mich zurück bringen würde, aber er war nicht da. Michael sagte: „Ok, dann bringe ich dich zurück.“ Und ich sagte: „Nein, nein, das ist ok, ich warte auf ihn.“ Aber er sagte: „Komm schon!“ Er hatte ein schwarzes Golf Kart, mit schwarzem Dach und Fenstern aus Plastik in den Türen, und einem höllischen Soundsystem, mit riesigen Verstärkern! Unglaublich, dieses Golf Kart! Er kämpfte zu der Zeit mit ein paar rechtlichen Problemen und auf dem Weg zurück zum Haus fragte ich ihn nach seinen Anwälten und solchen Sachen. Ich gab ihm immer Ratschläge – ob er sie annahm oder nicht. Als wir am Haus ankamen, bekam ich meine Tür nicht auf und Michael sprang heraus, rannte um das Auto und öffnete sie für mich. Als ich ausstieg sah ich ihn an und sagte: „Was ist an dem Bild hier falsch? Michael Jackson hält mir die Tür auf und ist mein Fahrer!“ Es war lustig.

Er war ein lustiger Kerl. Wenn er mit meinem Bruder und mir zusammen war, war er einfach nur Michael. Auch wenn ich ihn vermisse, spüre ich, dass er immer noch hier ist, weil ich von Zeit zu Zeit seine Anwesenheit spüre, denn er ist ein kleiner Schlingel, der uns die ganze Zeit Streiche spielte. Zumindest versuchte er es, aber mein Bruder und ich waren auch nicht schlecht darin, und oft lag er vor Lachen am Boden.

Er nahm Rockin’ Robin auf und wir sangen darauf. Eines Tages waren mein Bruder und ich nur so zum Spass zu Besuch auf der Ranch. Michael hatte in seinem Wohnzimmer eine unglaublich Limoges-Porzellan-Sammlung. Er besuchte diese Firma und verliebte sich in diese Sachen und sagte: „Ich nehme ein Stück von jedem.“ Sein Piano und das ganze Wohnzimmer stand voll damit – es war fantastisch! Als wir zusammen in dieses Zimmer gingen, sahen mein Bruder und ich uns an, nahmen Michael in unsere Mitte und sangen ihm harmonisch von beiden Seiten „Tweedele-lee-dee-dee“ in die Ohren. Michael lies sich vor Lachen auf die Knie fallen und sagte „Ich glaub’s nicht, ihr Verrückten!“ Wir überraschten ihn immer mit solchen Sachen. Er hatte einen großartigen Humor, und wie ich schon sagte, spielte er gerne Streiche und es war sehr schwer, auch ihn hereinzulegen – aber mein Bruder und ich schaffen es, weil unser Humor wirklich verrückt ist!

Ich habe kleine Tonbänder in einer Plastiktüte und ich habe meinen Kindern gesagt: „Werft die nicht weg, wenn ich sterbe, denn ich habe jedes Treffen, das ich mit Michael und anderen Produzenten hatte, darauf aufgezeichnet!“ Ich hatte einen dieser kleinen Rekorder, das war noch vor der digitalen Zeit. Eines Tages hatte ich ihn in meiner Tasche und nahm ihn heraus und fragte Michael: „Stört es dich, wenn ich das aufnehme?“ Michael antwortete: „Nein, garnicht.“ Ich schaltete den Rekorder ein und er sagte: „Warte, was ist das denn?“ Er hatte noch nie einen so winzigen Rekorder gesehen. Er sah ihn sich an und sagte: „Hast du den schon einmal in deine Tasche gesteckt, und eingeschaltet, ohne es jemand zu sagen?“ Ich sagte: „Nein, weißt du, ich würde so etwas nicht tun.“ Er sagte: „Ich würde das tun! Sofort!“ So war Michael! (lacht)

Meiner Meinung nach war er wie zwei verschiedene Personen, so wie es bei den meisten Performern ist. Der Michael, den du auf der Bühne gesehen hast, war die eine Seite von ihm, und die andere Seite war Michael, der Mensch. Das ist die Seite von ihm, die mein Bruder und ich immer sahen, die Seite, die ausser seiner Familie nicht so viele Leute zu sehen bekommen. Seine Kinder sagen ja, dass er eingroßartiger Vater war. Es gibt nichts besseres, was man über seinen Vater sagen kann als das, was Paris an seiner Trauerfeier sagte. Mein Bruder und ich kannten diese Seite von ihm. Wir hatten ein besonderes und einzigartiges Verhältnis zu ihm, weil wir keine „Jasager“ sind, und er uns deshalb respektierte. Er akzeptierte unsere Meinung, und wir seine. Wir respektierten ihn als Musiker, als Sänger, als Songschreiber und der Umstand, dass er ein Superstar war, hat unser Verhältnis nie beeinflusst.

Möchtest du uns zum Schluss noch sagen, was du heute machst?

Also, ich bin 74 Jahre alt, ich sollte mich schon zur Ruhe gesetzt haben. Aber es geht nicht, ich fühle mich immer noch jung! Ab und zu mache ich ein paar Background-Gesänge – es macht einfach Spass, das zu tun, was ich 25 Jahre lang getan habe. Ich bin immer noch sehr aktiv und bin mit der Tour meiner Frau und ihrer Schwestern, den The Lennon Sisters, beschäftigt. 2016, zu ihrem 60 -Jährigen Jubiläum, werden wir wohl das sechzigste Mal auf Tour gehen. Sie haben es immer noch drauf, und du würdest nie darauf kommen, wie alt sie sind. Und wir haben drei Enkeltöchter, die auch auftreten. Für eines ihrer Alben habe ich 2 Songs geschrieben.

…………………….

Danke an Tom Bähler und Brice Najar!

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Andersartigkeit und Macht: Michael Jackson und seine Medienkritiker – Einleitung

by

Beim Folgenden handelt es sich um eine autorisierte Übersetzung des Buchs „Otherness and Power: Michael Jackson and his Media Critics“ von Susan Woodward. Nach Erscheinen ihres Buches war Susan Woodward beim „Dancing with the Elephant“ Blog zu Gast, um über ihre Erkenntnisse zu sprechen. Diese Unterhaltung kann hier nachgelesen werden.

Link zum Buch: https://www.amazon.com/Otherness-Power-Michael-Jackson-Critics/dp/0578138026/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1488488740&sr=8-1&keywords=otherness+and+power

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Copyright © 2014 by Susan Woodward

Alle Rechte vorbehalten: Dieses Buch oder Teile davon dürfen ohne ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Verlages nicht vervielfältigt oder in irgendeiner Form verwendet werden, ausgenommen kurze Zitate in einer Buchrezension oder einem wissenschaftlichem Fachblatt.

Über die Autorin

Susan Woodward ist psychoanalytisch ausgebildete klinische Sozialarbeiterin, die in New York City lebt. Sie kann unter mj.othernessandpower@gmail.com kontaktiert werden.

Kapitel 1: Einleitung

Michael Jacksons Erwachsenenkarriere umfasste etwa dreißig Jahre, in denen er viele Millionen leidenschaftliche Fans um sich versammelt hat. Seine Fans sahen ihn als einen unglaublich talentierten Sänger, Songwriter, Tänzer und Produzent, dessen Persönlichkeit eine Liebenswürdigkeit zu haben schien, die in anderen Popmusikern nicht zu erkennen ist, und eine sprunghafte Natur, die ihn für viele faszinierender machte als andere Künstler seiner Ära.

Leute, die mit Jackson gearbeitet haben, beschrieben ihn als schüchtern, höflich und oft wahrhaft kindlich. Er war nicht dafür bekannt, sich wichtig zu machen, Wutanfälle zu haben, Mitarbeiter zu beschimpfen oder die Paparazzi anzugreifen, die ihn unerbittlich drangsaliert haben. Leute, die ihn gekannt haben, bemerkten seine Empathie für andere und seine außerordentliche Gutherzigkeit.

Die Medien, besonders in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, zeichneten häufig ein völlig anderes Bild von Jackson. Obwohl er seit Beginn seines Erwachsenenruhms als exzentrisch betrachtet wurde, fingen der ernsthafte Spott und die boshaften Bemerkungen 1984 während der Planung einer Konzerttour mit seinen Brüdern an und diese nahmen im Laufe der Zeit nur zu. Als Details zu der Tour, genannt Victory Tour, aufgetaucht sind, wurde Jackson verdächtigt, die Bewunderung seiner Fans zugunsten seines kommerziellen Erfolges auszubeuten. Doch nachdem die Tour lange hinter ihm lag, wurde Jackson weiterhin für vermeintliche Exzentritäten und seine sich verändernde Erscheinung verspottet, manchmal in hasserfüllter Ausdrucksweise, und sein bemerkenswertes Talent wurde oft herablassend behandelt. Als er zwei Mal des sexuellen Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde, schienen sich die meisten Journalisten seiner Schuld sicher und erwägten nicht die Möglichkeit, dass Jackson unschuldig sein könnte. Weite Teile der Öffentlichkeit nahmen an, dass ihnen von den Reportern eine korrekte Darstellung vermittelt wurde und übernahmen die negative Darstellung Jacksons durch die Medien als allgemein akzeptierte Weisheit.

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Michael verkündet bei einer Pressekonferenz, dass er seine gesamten Einnahmen aus der Victory Tour für karitative Zwecke spenden wird

Wie kamen zwei so extrem entgegengesetzte Meinungen über ein und dieselbe Person zustande? Wie konnten Jacksons Fans und viele in den Medien, die letztendlich auf die gleichen Informationen reagieren, zu solch unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen, wobei jede Seite absolut überzeugt davon ist, dass sie Recht hat?

Typischerweise werden von Jacksons Fans zwei Gründe für die negativen Medienreaktionen auf Jackson angeführt: Rassismus und tiefgehendes Unbehagen mit seiner „Andersartigkeit“, womit seine angeblichen Exzentrizitäten und seine unklaren Identitätsmerkmale gemeint sind. Obwohl mir diese Gründe offensichtlich wahr erschienen, hatte ich das anhaltende Gefühl, dass hier noch irgendetwas anderes vor sich ging. Nachdem ich feindselige Schriften über Jackson analysiert habe, erkannte ich einen weiteren Faktor, auf den Journalisten mit Misstrauen oder sogar Angst reagierten: eine Wahrnehmung von außerordentlicher Macht.

Jackson wird oft nachgesagt, dass er so berühmt war wie die Beatles oder Elvis Presley. Die Beatles und Elvis wurden von der älteren Generation aufgrund ihres Einflusses auf die jungen Leute kritisiert und sogar bis zu einem gewissen Grad gefürchtet. Die negative Reaktion auf Jackson war nicht generationsbedingt; seine Kritiker waren sowohl fortschrittliche, junge (meist weiße) Leute, als auch ältere Personen. Jacksons Kritiker reagierten auf eine völlig andere Eigenschaft als die von Elvis oder den Beatles: die einer königlichen oder elitären Person oder sogar die eines übernatürlichen Wesens. Und diese außerordentliche Macht entstammt Jacksons Andersartigkeit.

Die Wahrnehmung Jacksons als „andersartig“ rührt von seiner unklaren und unlesbaren Identität her, sowie manchen seiner Verhaltensweisen. Die unklaren, unlesbaren Merkmale waren seine Rasse (er war Afroamerikaner, obwohl er wegen sehr komplexer Gründe weiß zu werden schien), Geschlecht (er war eindeutig männlich, aber ein Mann, der sich mit weiblichen Attributen wie hoher Singstimme, sanfter Sprechstimme und Interesse an Mode und Make-Up sehr wohl fühlte), Sexualität (es gab viele Spekulationen, dass er schwul war oder dass er ein Pädophiler war oder dass er einfach asexuell war), und Alter (als Kind schien er sehr erwachsen, aber als Erwachsener war er auffallend kindlich). Seine Andersartigkeit kam auch von seinem manchmal unkonventionellen Verhalten und Lifestyle (Neverland, öffentliche Auftritte mit seinem Schimpansen, getrennter Wohnsitz mit seiner zweiten Ehefrau sind Beispiele) und sogar vom Level seines Talents als Sänger und Tänzer.

Jacksons Andersartigkeit wurde wohl am eloquentesten von Susan Fast in ihrem Artikel „The Difference That Exceeded Understanding: Remembering Michael Jackson“ beschrieben: „Diese Gegensätze waren undurchschaubar, nicht fassbar, und sie erzeugten gewaltige Angst. Bitte sei schwarz, Michael, oder weiß, oder schwul oder hetero, Vater oder Mutter, Kindsvater, nicht selbst ein Kind, damit wir zumindest wissen, worauf wir unsere tolerante (In)toleranz richten können. Und versuche nicht, alle Normen gleichzeitig durcheinanderzubringen.“(1)

Ich habe für dieses Buch drei Schriften ausgewählt, in denen die Wahrnehmung von Jacksons Macht und das Unbehagen damit klar zum Ausdruck kommen. Im Gegensatz zu den Arbeiten, die ich für eine eingehende Untersuchung gewählt habe, kam viel Medienkritik in Form von Boulevardgeschichten oder herablassenden Rezensionen von Alben oder Auftritten. (Ein gutes Beispiel ist Jon Pareles „Michael Jackson Is Angry, Understand?“, New York Times, 18. Juni 1995.) Demgegenüber sind die von mir ausgewählten Arbeiten ausführliche, eingehende Beiträge, die Jacksons Leben und Karriere umfassend kritisieren, statt sich auf ein Werk oder einen Auftritt zu fokussieren. Ich glaube allerdings, dass die Boulevardgeschichten und herablassenden Rezensionen ebenfalls Reaktionen auf Jacksons ungewöhnliche Macht sind, obwohl sie es für gewöhnlich nicht explizit aussprechen, wie es die Autoren machen, deren Arbeiten ich hier analysiere.

Alle in diesem Buch analysierten Autoren empfinden Jackson als „andersartig“, wenn auch auf etwas unterschiedliche Art und sie nehmen ihn auf unterschiedliche Art als mächtig wahr. In jedem Fall rührte die Macht, welche sie Jackson zuschrieben, allerdings nicht nur von seinem Ruhm und Reichtum her, sondern auch von seiner Andersartigkeit.

Das erste von mir betrachtete Werk ist Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream, ein Buch von Musikkritiker Dave Marsh, welches 1985, am Höhepunkt von Jacksons Ruhm, veröffentlicht wurde. Außerdem untersuche ich einen Artikel von der Journalistin Maureen Orth, der 2003 im Vanity Fair Magazin offensichtlich als Reaktion auf die Ausstrahlung der Dokumentation Living with Michael Jackson veröffentlicht wurde. Das letzte Werk ist The Resistible Demise of Michael Jackson, das von Mark Fisher herausgegeben und 2009, wenige Monate nachdem Jackson starb, veröffentlicht wurde. Dieses Buch ist eine Essaysammlung von 23 hauptsächlich britischen Musikschriftstellern, Bloggern und Akademikern.

Das Unbehagen und die Wut dieser Autoren über Jacksons Andersartigkeit sind nicht verschleiert, aber dasselbe kann nicht über rassistische Gefühle gesagt werden. Obwohl ich glaube, dass Rassismus bis zu einem gewissen Grad in diesen drei Schriften vorhanden sein könnte, wird er bis auf wenige Ausnahmen nicht deutlich gemacht, weshalb es schwierig ist, ihn direkt zu thematisieren. Natürlich gehörte es zu Jacksons Andersartigkeit, dass er Afroamerikaner war, also waren rassistische Gefühle oft Teil der Unbehaglichkeit, die manche wegen seiner Andersartigkeit empfanden.

Es ist nicht das Hauptziel dieses Buches, eine Punkt-für-Punkt Erwiderung auf all die haltlosen Vermutungen und falschen Fakten zu schaffen, die in diesen Werken enthalten sind, aber bis zu einem gewissen Grad ist das nicht vermeidbar. Sofern es nicht anders angegeben ist, werde ich das Wissen über Jackson nutzen, das den Autoren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihrer Schriften zugänglich war.

Die schädlichste Annahme der Medien über Jackson war, dass er ein Kinderschänder war. Basierend auf dem, was ich über die Umstände und Einzelheiten der Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs und über Jacksons Charakter gelesen habe, glaube ich trotz der jüngsten Anschuldigungen von Wade Robson nicht, dass Jackson Kinder belästigt oder ein sexuelles Interesse an Kindern hatte. Ich werde das Kindesmissbrauchsthema nicht im Detail ansprechen, da dies sonst ein völlig anderes Buch werden würde. Das Kindesmissbrauchsthema wurde an anderer Stelle wirklich gründlich und kompetent untersucht, insbesondere in „Wurde Michael Jackson etwas angehängt?“ von Mary A. Fischer, GQ, Oktober 1994, Michael Jackson Conspiracy von Aphrodite Jones (2007), und My Friend Michael: An Ordinary Friendship with an Extraordinary Man von Frank Cascio (2011). Die Feindseligkeit der Medien gegenüber Jackson begann ohnehin Jahre vor den ersten Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs und spätere Anfeindungen der Medien waren nicht zwingend ausschließlich eine Reaktion auf diese Unterstellungen, wie wir sehen werden.

Für jemanden, der viel über Michael Jackson gelesen hat und sehr positive Gefühle für ihn hat, war es schwer, im Zuge der Recherchen so viele Schriften zu lesen, die ihm gegenüber so brutal kritisch sind. Ich verstehe, dass viele, die dieses Buch lesen, dieselben Schwierigkeiten mit dem Inhalt der Schriften haben, die ich analysiere, und sich fragen, welchen Nutzen es haben könnte, abträgliche oder falsche Geschichten zu wiederholen. Mein Ziel ist jedoch, mehr über Jacksons kulturelle Bedeutung zu verstehen, in dem ich mehr über seine Kritiker verstehe, sowie zu untersuchen, wie wir jene behandeln, die als fremd oder „andersartig“ betrachtet werden. Und aus der Negativität dieser Kritiker kommt eine überraschend positive Sicht auf Jacksons Macht als Künstler zum Vorschein.

__________

(1) Susan Fast, “The Difference That Exceeded Understanding: Remembering Michael Jackson (1959-2009),” Popular Music and Society, Vol. 33, No. 2, May 2010.

Brett Ratner Interview mit Michael, Feb. 2004

Erklärung von Brett Ratner zum Entstehen dieses Interviews:

Vor einigen Jahren waren Michael und ich auf Reisen in Florida und eines frühen Morgens kam Michael in mein Zimmer mit SEINER Videokamera, begann zu filmen und befragte mich zu meinem Leben und warum ich davon geträumt habe, einmal Regisseur zu werden. Er war immer interessiert an Leuten und neugierig auf ihre Hoffnungen und Träume. Nach etwa einer Stunde fragte ich ihn, ob ich ihn interviewen über sein Leben und seine Träume interviewen könnte. Er sagte ja und gab mir seine Kamera. Ich nahm mir dann einen Stift und ein paar Blatt Papier und schrieb einige Fragen an ihn auf, von denen ich dachte, dass sie interessant wären. Als ich ihm die Fragen vorlas, bemerkte ich mitten drin, dass die Kamera nicht angeschaltet war. Also schaltete ich sie an. Ich habe hunderte von Stunden Filmmaterial von uns, wie wir zusammen abhängen, reisen, tanzen und unsere Gedanken über das Leben teilen. Dieses Video war ein sehr persönliches Gespräch zwischen zwei Freunden, das ich zugänglich machen wollte, damit die Leute seine Menschlichkeit und seine wunderbare Seele sehen. Das Interview wurde vor einigen Jahren transkribiert und im „Interview Magazine“ mit Michaels Erlaubnis veröffentlicht. Bitte, schaut einfach nach. Er war glücklich, es zu teilen und es gefiel ihm, dass es ein Gespräch zwischen zwei Freunden war und kein Journalist, der versuchte, neugierig seine Nase in sein [Michaels] Privatleben zu stecken.“

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Brett Ratner & Michael Jackson

(Anmerkung: Leider konnte ich die schriftliche Version des Interviews im Interview Magazine nicht finden, weiß also auch nicht, ob es wirklich je dort veröffentlicht wurde.)

BRETT RATNER: Hast Du einen Mentor oder jemanden, der Dich inspiriert?

MICHAEL JACKSON: Ja, das habe ich: Berry Gordy, Diana Ross, Thomas Edison, Walt Disney, James Brown, Jackie Wilson.

BR: Und was hast Du von ihnen gelernt?

MJ: Ich habe eine Menge von ihnen gelernt — wie man ein Visionär ist, wie man kreativ ist, wie man ausdauernd ist, wie man zielstrebig ist, wie man einen eisernen Willen bekommt und niemals aufgibt, egal, was kommt. Weisst Du?

BR: Was war Dein erster Job in der Musikindustrie, und wie bekamst Du ihn?

MJ: Mein erster Job, wahrscheinlich … Mann, ich erinnere mich nicht so weit zurück. Ich war etwa 6 Jahre alt. Vielleicht war es “Mr. Lucky’s”. Ich glaube, es war ein Klub — ja, “Mr. Lucky’s”. Wir sind dort aufgetreten.

BR: Und wie bekamst Du den Job?

MJ: Ich weiss nicht; mein Vater würde das wissen. Ich war zu klein.

BR: Was war Deine erste große Chance und das erste große Ding, das Dir jemals passiert ist?

MJ: Die wirklich große Chance war, als Motown uns unter Vertrag nahm. Wir spielten in Detroit vor, und Berry Gordy lud alle unsere Lieblingsstars, die wir als Kinder sahen, in eine kleine Stadt in Indiana ein: Diana Ross, Smokey Robinson & The Miracles, The Tempations und Stevie Wonder — jeder war da. Es es fand neben einem Indoor-Pool in einer riesigen Villa statt, Marmor überall. Wir traten auf, und sie flippten einfach aus. Sie liebten es. Und [Gordy] sagte, “Jungs, ihr seid engagiert.”

BR: Wirklich?

MJ: Ja.

BR: Und Du erinnert Dich an diesen Tag?

MJ: Oh, ich erinnere mich an ihn.

BR: Welche Elemente Deines Jobs bringen Dich dazu, jeden Tag zur Arbeit zu gehen?

MJ: Ich will jeden Tag arbeiten — Einfach die Idee, Welten zu schaffen …! Es ist wie eine Leinwand zu nehmen, eine leere Leinwand, weisst Du, eine leere Tafel. Man gibt dir Farbe, und wir kolorieren und malen einfach und erschaffen Welten. Ich liebe einfach diese Idee. Und auch, wenn Leute es sehen und ehrfürchtig inspiriert sind, wenn sie es sehen.

BR: Welche Deiner Eigenschaften halfen Dir, Dich dorthin zu bringen, wo Du heute bist?

MJ: Glaube und Entschlossenheit. Und Übung.

BR: Genau. Übung macht den Meister. Was hättest Du in Deiner Karriere anders gemacht, wenn Du damals gewusst hättest, was Du jetzt weisst?

MJ: Was hätte ich anders gemacht…? Mal sehen … mehr üben.

BR: Mehr üben?

MJ: Ich habe viel geübt.

BR: Du hast verdammt viel geübt! [Michael lacht] Aber Du würdest mehr üben? [Michael nickt]

Was ist die größte Lektion, die Du gelernt hast?

MJ: Nicht jedem zu vertrauen. Nicht jedem in der [Entertainment-]Industrie zu vertrauen. Es gibt eine Menge gieriger Betrüger. Und Plattenfirmen stehlen. Sie betrügen. Du musst sie überwachen. Und es ist Zeit für Künstler, gegen sie aufzubegehren, weil sie Künstler völlig ausnutzen. Total. Sie vergessen, dass es die Künstler sind, die die Firma erschaffen, nicht die Firma, die die Künstler erschaffen. Ohne das Talent würde die Firma nichts als nur Hardware sein. Und man braucht ein wirklich gutes Talent, das die Öffentlichkeit sehen will.

BR: Was sind einige Deiner Lieblingsalben?

MJ: Meine Lieblingsalben wären Tschaikowskis “Nussknacker Suite”, Claude Debussys größte Hits, welche sind, Du weisst, “Claire de Lune” und “Arabesque” und “The Afternoon Of A Faun”. Ich liebe Marvin Gayes “What’s Going On”, James Browns “Live At The Apollo”, “The Sound Of Music” [Soundtrack]. Ich liebe Rodgers and Hammerstein. Ich liebe die großen Film-/Musical-Schreiber sehr, und ich liebe Holland-Dozier-Holland von Motown — sie waren Genies. So viele großartige Schreiber. So viele Große.

BR: Irgendwelche andere großartige Alben, etwa zeitgenössische Alben?

MJ: Großartige Alben … Es ist schwer, weil Alben heutzutage einen oder zwei großartige Songs haben und die restlichen sind Mist.

BR: Oder ältere — sowas wie Marvin Gaye oder Sly.

MJ: Sly & the Family Stone — Ich mag alles, was sie tun. Stevie Wonder ist ein Genie.

BR: Welches Album?

MJ: Alle. “Talking Book”. Ich liebte es, als er “Living For The City” gemacht hat. Ich vergesse den Namen [des Albums]. Fantastisch. Ich glaube, es war “Innervisions” — fantastisch. Diese Musik zu hören, lässt mich zu mir sagen: ‘Ich kann das tun, und ich glaube, ich kann das auf einer internationalen Ebene tun.’

BR: Wirklich?

MJ: Wirklich, und dann, als die Bee Gees in den 70ern herauskamen, das hat es mir gegeben. Ich habe geweint. Ich habe geheult, während ich ihre Musik gehört habe. Ich kannte jede Note, jedes Instrument.

BR: [singt] “This broken heart …”

MJ: [singt] “How can you mend …”

BR: [sings] “This broken heart …”

MJ: [singt] “How can you stop the rain from falling down?” Ich liebe das. [singt mit Ratner] “How can you stop the sun from shining? What makes the world go ’round.” Ich liebe dieses Zeugs. Und als sie Saturday Night Fever gemacht haben, das hat’s mir gegeben. Ich sagte, “Ich muss das tun. Ich weiß, ich kann das tun.” Und wir kamen mit Thriller heraus. Und ich habe einfach Songs geschrieben. Ich schrieb “Billie Jean”. Ich schrieb “Beat It”, “Startin’ Somethin'”. Habe einfach geschrieben und geschrieben. Es war klasse.

BR: Hast Du irgendwelche Poster in Deinem Zimmer aufgehängt, als Du ein Kind warst?

MJ: Ja. Brooke Shields, überall. Meine Schwestern wurden eifersüchtig und rissen sie von der Wand ab.

BR: Was sind die großen Shows, die Du gesehen hast, Konzerte?

MJ: James Brown. Jackie Wilson. Die wirklichen Entertainer, die Wahren, lassen einen Gänsehaut bekommen.

BR: Es war James Brown? Wo hast Du ihn gesehen?

MJ: Wir mussten immer nach ihm auf der Bühne sein, weil er auftrat und danach waren wir dran in der Amateur-Stunde. Also war ich in den Seitenflügeln [des Theaters] und habe jeden Schritt, jede Bewegung studiert —

BR: — am Fernseher?

MJ: Nein, im Apollo [Theater].

BR: Amateur-Stunde im Apollo. Und Du hast ihn auftreten sehen?

MJ: Ja, und Jackie Wilson. Alle von ihnen – The Delphonics, The Temptations.

BR: Aber erinnerst Du Dich an eine Show? Du hast The Temptations auch gesehen?

MJ: Ja.

BR: Aber gab es eine Show, wo Du sagtest: “Oh, mein Gott”?

MJ: James Brown, Jackie Wilson.

BR: Im Apollo?

MJ: Ja, sie brachten mich zum Weinen. Ich habe sowas noch nie gesehen. Diese Art der Emotion, diese Art des Fiebers, Gefühls — es war, als wären sie auf einer höheren, spirituellen Ebene. Sie waren wie in Trance, und sie hatten das Publikum in den Händen. Ich liebte es einfach, wie sie es derartig kontrollieren konnten, diese Art von Macht. Als sie sangen, hatten sie Tränen, die auf ihren Gesichtern herunterkullerten. Sie steckten da derartig drin.

BR: Was sind einige Deiner Lieblingssongs?

MJ: Lieblingssongs für alle Zeit? Ich liebe Burt Bacharach sehr. Alles von Motown. The Beatles, z.B. “Eleanor Rigby”, “Yesterday”. Alles von The Surpremes. All diese Sachen sind großartig. Ich glaube, die 60er hatten einige der besten Melodien aller Zeiten mit Peter, Paul and Mary, und, Du weißt, alle anderen dieser Leute. The Mamas and the Papas waren wundervoll. Und The Drifters liegen ein bisschen weiter zurück, aber ich liebe diesen Song “On Broadway” — er ist genial. Die einfachen sind die besten, glaube ich. Ich liebe “Alfie” — so wunderschön. Es gibt so viele. Genauso Filme, es gibt so viele großartige Filme.

BR: Nenne ein paar Dinge, die hilfreich sein könnten für jemanden, der ins Musikgeschäft einsteigen will.

MJ: Glaub an dich selbst. Studiere die Großen und werde größer. Und sei ein Wissenschaftler. Analysiere, analysiere.

BR: Du hast vorher etwas anderes gesagt: Gib nicht auf.

MJ: Egal, was kommt. Egal, ob die ganze Welt gegen dich ist oder dich ärgert oder sagt, du wirst es nicht schaffen. Glaube an dich selbst. Egal, was kommt. Einige der großartigsten Menschen, die der Welt ihren Stempel aufgedrückt haben, wurden so behandelt — Du weißt schon, “Du wirst es nicht schaffen, du wirst es nirgendwohin bringen.” Sie lachten über die Wright-Brüder. Sie lachten über Thomas Edison. Sie lachten über Walt Disney. Sie machten Witze über Henry Ford. Sie sagten, er wäre unwissend. Disney flog von der Schule. Sie liessen vor Gericht seine Intelligenz testen. Das ist, wie weit sie gingen. Diese Menschen haben unsere Kultur geformt und verändert, unsere Gewohnheiten, die Art, wie wir leben, die Art, wie wir Dinge tun.

Und ich glaube, durch die Menschen pflanzt Gott solche Samen auf die Erde. Du bist einer, ich bin einer. Wir bringen etwas Glück, Wirklichkeitsflucht, etwas Freude, etwas Magie auf diese Welt. Weil ohne Entertainment, was wäre die Welt dann? Weißt Du? Was wäre sie wirklich ohne das? Und am liebsten von allem mag ich den Film. Die Macht und Magie der Filme. Sie ist die größte, sie ist die ausdrucksstärkste aller Kunstformen. Ich denke, sie berührt die Seele. Musik und Filme sind die ausdrucksstärksten. Es ist beinahe wie eine Religion: Du wirst so hineingezogen, so darin gefangen genommen. Du gehst in ein Kino als eine andere Person als Du herauskommst. Es beeinflusst einen derartig. Das ist machtvoll. Ich glaube, das ist stark. Ich liebe das.

BR: Wenn du ein Publikum fühlen lässt.

MJ: Ja. Ja.

BR: Sie identifizieren sich damit.

MJ: Ja, sie leben es. Sie sind ein Teil davon. Sie vergessen, dass sie im Kinosessel sitzen.

BR: Die Erfahrung, einen Kinofilm zu sehen, beeinflusst ihr Leben.

MJ: Ihr ganzes Leben. Es könnte ihr Leben verändern.

BR: Ja, ich erinnere mich daran, Star Wars gesehen zu haben, in einem Kino, als ich 7 Jahre alt war. Es ist eine andere Erfahrung für Paris und Prince, es auf DVD heute zu sehen, 27 Jahre später. Ich sah es, als es gerade herauskam, mit all dem Schock und Ehrfurcht der damaligen Zeit. Niemand hatte jemals ähnliches vorher gesehen. Es gab Warteschlangen, die sich [mehrere] Straßenblöcke weit hingezogen haben, und ich konnte zuerst gar nicht hinein in der ersten Zeit. Ich musste am nächsten Tag wiederkommen, um es wieder zu versuchen. Die Erinnerung daran, so verzweifelt gewesen zu sein mit 7 Jahren, um diesen Film zu sehen, macht es zu einer sogar noch unvergesslicheren Erfahrung. Wenn du sowas zu ersten Mal sieht, dann beeinflusst es dein Leben andauernd. Es ist wie einen Song oder einen Künstler zum ersten Mal auftreten zu sehen. James Brown zu sehen und dieser Moment der Tränen, die aus deinen Augen kommen, ist anders als es 20 Jahre später im Radio zu hören.

MJ: Ich kann Dir nicht sagen, wie unglaublich das war. Ich liebe die großen Entertainer einfach, die großen Performer, die großen Showmenschen, die großen Geschichtenerzähler. Allein vom Zuschauen wird man hypnotisiert/verzaubert. Du bist darin gefangen. Ich liebe es. Nur ein Spotlight, Baby.

BR: Frank Sinatra.

MJ: Ja, diese Jungs sind cool. Und Sammy Davis. Ich liebe es einfach, die ganze Sache. Es ist magisch, es ist wirkliche Magie. “

(Übersetzung: CTE)

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Patrick Treacy: Begegnungen mit Michael Jackson, Irland 2006 (Teil II)

Teil I

Teil II

Zu der Zeit, als die langen Sommertage kürzer wurden, war es mir und Michael zur Gewohnheit geworden, uns zwanglos zu unterhalten, manchmal für mehr als eine Stunde, bevor ich mit der Behandlung begann. Er rief mich fast täglich an, und ich freute mich auf unsere Gespräche. Mit der Vertiefung unserer Freundschaft, eröffneten mir diese Gespräche Einblicke in seine Gedankenwelt. Ab und zu erwähnte er noch das HIV Konzert in Afrika, aber meist war er mit den Gedanken bei seinem neuen Album, an dem er mit dem amerikanischen Sänger Will.I.Am arbeitete. Er sagte, er sei so glücklich wie seit langem nicht mehr, und er geniesse das Leben im ländlichen Irland und die Ausritte in die Berge mit seiner Familie. „Ich muss dir mein Haus zeigen, es wird dir gefallen,“ sagte er.

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Michael und Will.I.Am, Grouse Lodge, Westmeath, Irland, 2006

Wo wohnst du, Michael?“ fragte ich.

Jetzt in der Nähe eines Aufnahmestudios in Westmeath.“

Es wurde mir jetzt erst bewusst, dass ich ihn während all unseren Telefongesprächen und Besuchen in der Klinik nie gefragt hatte, wo er wohnte, und er hatte es auch nie erwähnt. Grace hatte mir gesagt, dass in der Vergangenheit Leute, denen er vertraut hatte, ihn immer wieder betrogen hatten. Er hatte wohl mit der Zeit gelernt, nicht zu viele Informationen preiszugeben, besonders, wenn es um seine persönlichen Angelegenheiten ging.

Ich wohne in der Nähe des geografischen Zentrums Irlands, wo die Könige gekrönt wurden.“ erzählte er. Ich war nicht ganz sicher, welchen Ort er meinte, erinnerte mich aber daran, dass er über Wanderungen mit seinen Kindern in den Wicklow Hills und entlang des Whitecastle Creeks (Bach) in Cork gesprochen hatte. Mir war aufgefallen, dass er mir auf dem Formular zur Anamnese keine genaue Adresse angegeben hatte, aber ich hatte das akzeptiert, da ich dachte er wollte sicher nicht die Details seines Aufenthaltsortes preisgeben, die dazu genutzt werden könnten, sein Privatleben zu stören. Ich nahm an, dass er neben der Grouse Lodge wohnte, dem Anwesen von Paddy Dunning, lies es mir aber nicht anmerken. Ich fragte: „Nimmst du neue Sachen auf?“ und er antwortete: „Ich probiere ein paar neue Songs aus.“

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Grouse Lodge – Umgebung

Als Michael mich erneut zu seinem Haus einlud, sagte ich, es sei mir ein Ehre das Aufnahmestudio zu sehen und scherzte, dass ich ja auf einer seiner Background Aufnahmen mit Will.I.Am und ihm ein wenig Gitarre spielen könnte. Eine Zeit lang alberten wir herum und dann fragte er, ob ich einen guten Zahnarzt kennen würde, da Blanket ein Problem habe. Michael hatte bereits einen Zahnarzt in Dublin aufgesucht und war damit zufrieden, aber er suchte jemanden, der auf die Behandlung von Kindern spezialisiert war, und natürlich auch jemanden, der diskret sein würde. Ich empfahl ihm einen Zahnarzt, der seine Praxis neben meiner Klinik hatte, und sagte ihm, seine Arbeit sei sehr gut und er könne sich auch auf seine Diskretion verlassen.

Am nächsten Abend riefen wir seinen Dermatologen, Dr. Klein, in Kalifornien an. Michael sprach eine Weile mit ihm, und wendete sich dann an mich. „Patrick, ich möchte, dass du mit Carrie Fischer sprichst“, sagte er. „Sie ist eine sehr gute Freundin von mir und gerade bei Arnie in der Praxis.“ Die Ungezwungenheit überraschte mich, und über Carrie Fisher wußte ich nur, dass sie in George Lucas’ Film Star Wars mitgespielt hatte. Aber ich musste mir keine Gedanken machen, da sie eine nette und angenehme Frau war und damit vertraut schien, mit Fremden umzugehen.

Hi Patrick. Wie ich höre, kümmerst du dich sehr gut um Michael in Irland“, sagte sie.

Oh ja, es gefällt ihm hier.“

Das hat er mir gesagt – und er hat mir auch von dir erzählt.“

Ich hoffe, nur Gutes.“

Die Schauspielerin lachte und unterhielt sich noch eine Weile mit mir, bis ich den Hörer an Michael zurück gab.

Sie ist eine gute Freundin von mir. Ich freue mich, dass ihr miteinander gesprochen habt“, flüsterte er. Solche Dinge schienen ihm zu gefallen. Während der gesamten Zeit, die wir zusammen verbrachten, hatte Michael die Angewohnheit, den Telefonhörer an mich weiter zu reichen und seine Freunde und Bekannten mit mir zu teilen.

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Michael mit seinen Kids und Carrie Fisher, Weihnachten 2008, L.A.

Nun kam Dr. Klein ans Telefon und Michael sprach ein paar Worte mit ihm, bevor er ihn an mich weiter gab.

Hallo, Dr. Treacy? Hier spricht Arnie Klein.“ Michael sass links von mir und hörte mit geneigtem Kopf unserem Gespräch zu und schien sich für jedes Wort zu interessieren. Als wir uns darüber geeinigt hatten, was zu tun wäre, begannen Dr. Klein und ich zu fachsimpeln – zwei Kollegen aus der gleichen Branche, die darüber sprachen, was sie auf ihrem Gebiet erreicht hatten.

Hast du meinen Artikel im Journal of Dermatological Surgery gelesen?“ fragte er. „Er hiess Minimal Invasive Esthetics: My Life’s Journey.“ Zum Glück hatte ich den kompletten Artikel gelesen; im selben Magazin war auch ein Artikel von mir, über Bio-Alcamid Gesichts-Implantae für von Gesichts Lipoatrophie betroffene HIV Patienten. Wir sprachen eine zeitlang über HIV und ich vergaß Michael, der geduldig auf das Ende des Gesprächs wartete. Ich erklärte ihm die Vorteile von Bio-Alcamid, und er fragte: „Hast du in Irland viele HIV Patienten?“ „Ich antwortete: „Ich hatte viele, aber es werden weniger, weil jetzt auch die Krankenhäuser ästhetische Behandlungen durchführen.“ Michael stand auf und lief hin und her, anscheinend von dem Gespräch gelangweilt, das wohl länger dauerte, als er gedacht hatte. Ich wußte, dass er wegen dem kommenden Event in London beunruhigt war und brachte das Telefongespräch zu einem Ende.

Er fragte: „Was ist HIV Lipotrophie? Mir gefällt, was du mit diesem neuen Produkt für die HIV Patienten tust. Ist es eine Art Filler? Könnte man es auch in Afrika einsetzen?“

Ich erklärte ihm dass Lipotrophie eine Art Fettschwund im Gesicht ist, wahrscheinlich eine Nebenwirkung der Medikamente, die eingesetzt werden, um HIV Patienten am Leben zu erhalten. Weil afrikanische Patienten, besonders in der Sub-Sahara Region, diese Medikamente von ihrer Regierung vorenthalten bekommen, besteht dort kein großer Bedarf an Fillern. „Und was ist mit HIV Patienten in Uganda? Fragt er, und nahm sein Mobiltelefon aus seiner Jackentasche.

Ich habe in der Tat schon Dr. Alex Coutinho in Kampala angerufen, und mit ihm über eine Versuchsreihe mit dortigen Patienten gesprochen. Aber es gibt Probleme mit der italienischen Herstellerfirma des Produkts, und er war nicht sehr glücklich mit ihren Antworten,“ sagte ich.

Michaels Telefon klingelte und er nahm das Gespräch an. Mit leuchtenden Augen reichte er das Telefon an mich weiter. „Sprich mit ihm!“ sagte er. „Mach nur, es ist mein Freund. Er wird uns mit dem Konzert in Afrika helfen.“ Ich seufzte und nahm das Telefon. Es war nicht wirklich der richtige Zeitpunkt mit jemanden zu sprechen, von dem ich annahm, dass es ein Konzertveranstalter sei. Im Hintergrund hörte ich eine markante Stimme, und ich nahm an, dass die Person sicherlich Afrikaner sei.

Sie werden also Michael und mir dabei helfen, das Konzert in Afrika zu organisieren?“ fragte ich.

Ja, wie geht es ihnen? Wir können alles hier in Südafrika möglich machen,“ sagte der Mann am Telefon. „Also ich glaube, das Konzert wird in Rwanda stattfinden“, antwortete ich und sah scharf zu Michael hinüber. Diese Person schien nicht einmal zu wissen, wo das Konzert stattfinden sollte!

Ich fragte: „Von wo sprechen sie?“ „Von Kapstadt“ „Oh, ich habe einmal in Kapstadt gelebt“, sagte ich freundlich und war bemüht, meine Verärgerung zu vergessen.

Michael begann zu lachen. Mit dem Gefühl, dass ich gerade veralbert wurde, fragte ich den Mann am Telefon, wer er sei. „Ich bin Madiba“, lachte er. „Wer ist Madiba?“ fragte ich abwesend und versuchte mich zu konzentrieren. Michael nahm das Telefon wieder an sich, gerade in dem Moment, als mir klar wurde, dass die markante Stimme am Ende der Leitung Nelson Mandela war. Ich konnte nicht glauben, dass der Mensch, den ich einst auf meine bescheidene Art in seinem Kampf um Freiheit unterstützt hatte, gerade mit mir gesprochen hatte und ich so kurz angebunden war. Michael fuhr fort, mit ihm zu sprechen und trotz all der Gesten, die mit meinen Händen machte, wollte er mir nicht noch einmal das Telefon geben. Vielleicht war das nur Michaels Art zu sagen, dass er etwas verärgert war, weil ich so viel Zeit mit Dr. Klein am Telefon vertrödelt hatte, jedenfalls beendete er das Gespräch und steckte das Telefon wieder in die Tasche.

Ich wollte ihm noch mein Beileid zum Verlust seines Sohnes, der vor kurzem an AIDS gestorben war, ausdrücken“, sagte ich.

Keine Sorge,“ antwortete er, als er meine Enttäuschung bemerkte, „er würde sich wahrscheinlich sowieso nicht daran erinnern. Es wissen nicht viele Leute, aber er ist im Anfangsstadium von Alzheimer. Wir müssen mit seinem Sohn zusammenarbeiten, um das Konzert zu organisieren. Aber ich verspreche dir, dass wir ihn persönlich treffen werden, wenn wir in Afrika sind.“

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Michael Jackson & Nelson Mandela

Vor ein paar Jahren ging zum Thema HIV die Geschichte herum, dass du nicht den Blarney Stone küssen wolltest, aus Angst, dir AIDS oder etwas anderes einzufangen.“ Er sagte: „Das meiste davon ist Quatsch. Aber es waren andere Zeiten, als die Leute noch dachten, man könnte durch küssen AIDS bekommen, und es dafür noch kein Medikament gab.“

Ich weiß – ich wurde einmal mit einer HIV infizierten Injektionsnadel gestochen“, antwortete ich und zog mein Hosenbein nach oben, um ihm meine Narbe an der Stelle zu zeigen, an der ich versehentlich injiziert wurde. Er sah sich schweigend die Narbe an und wußte nicht, was er sagen sollte. „Es ist alles ok“, sagte ich. „Ich lief in den Operationssaal und lies mir ein Stück aus dem Bein schneiden. Ich wurde nie positiv getestet – es ist fast 20 Jahre her.“

Dann bedeuten die afrikanische Kinder mit HIV für dich das selbe, wie die Fotografien in deinem Buch für mich“, sagte Michael. Das war ein sehr philosophisches Statement, und wir umarmten uns fest. Eine zeitlang sprach keiner von uns. Es gab keinen Grund dazu. Ich hatte meinen Gegner geschlagen, indem ich einen emotionalen Preis zahlte, während Michael immer noch seinen Alptraum durchlebte. Dennoch waren unsere Schicksale durch diese Ereignisse verbunden: Ohne meine Verletzung durch die infizierte Nadel, hätte Afrika mich nicht so angezogen, und ohne meinen HIV Artikel über Afrika, wäre Michael Jackson wohl nie mein Patient geworden.

Ich war in meinem Büro, als Carmel mich rief: „Du musst nach oben in den Glas-Raum! Er nimmt all unsere Cremetuben und steckt sie in seine Taschen.“ Der Glas-Raum war ein Bereich der Klinik, der fast vollständig aus Glas gebaut war, mit von hinten beleuchteten Regalen, in denen wir unsere teuren Kosmetik Artikel ausstellten. Der Raum war groß genug, um ein Beratungsgespräch abzuhalten, war mit Tisch und Stühlen, sowie mit Hautanalyse Geräten ausgestattet. Ich ging nach oben und sah Michael mit dem Rücken zu mir, wie er sich streckte, um an die oberen Regale zu gelangen und von dort noch mehr teure Flaschen zu nehmen und in seine Taschen zu stecken. Als diese voll waren, sammelte er eine Auswahl an medizinischen Hautcremes auf einem Stuhl und steckte sie dann in eine Plastiktüte, die er in einer der Schubladen gefunden hatte.

Dir ist schon klar, dass ich dir das berechnen muss, oder?“ fragte ich ihn. Er drehte sich zu mir um, sah mich verlegen an, und stellte einige der Flaschen und Tiegel vorsichtig zurück in die Regale, und tat so, als hätte er diese poliert. Seine fliessenden Bewegungen waren beeindruckend, vor allem, da er schon in den 40ern war. Als er sich entschieden hatte, von welchen Produkten er sich trennen konnte, und diese zurück in die Regale gestellt hatte, drehte er sich zu mir um und zeigte die Dinge, die er noch in den Händen hielt, und sagte: „Die hier werde ich mitnehmen.“

Ich war von seiner Impulsivität überrascht, aber ich nehme an, dass er dachte, er könne sich alles nehmen, was er brauchte, wenn er eine Klinik besuchte, weil er Michael Jackson war.

Es wird nichts für die irischen Ladies übrigbleiben“, erwiderte ich ernst.

Natürlich hatte ich Reportagen in irischen Zeitungen gelesen, in denen man Michael einen „Kind-Mann“(child-man) nannte, aber das war weit von der Wahrheit entfernt. In Wirklichkeit war es so, dass er, wenn er entspannt war, kindgleich (childlike) wurde. Und zwischen den beiden Phrasen besteht ein riesiger Unterschied. Der Mann, den ich kennenlernte, war ein intelligenter, redegewandter, künstlerischer und unglaublich fokussierter Mensch, der gleichzeitig auch sehr sanft und freundlich war.

Als er mich am nächsten Tag anrief und mich zu der Grouse Lodge einlud, war ich nicht wirklich überrascht. „Wenn ich dir einen Fahrer schicke, könntest du heute Abend zu mir nach hause kommen?“ fragte er. „Ich würde dir gerne mein Zuhause zeigen.“

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Grouse Lodge

Der Fahrer hiess Ray O’Hara. Er hatte als DJ mit Phantom Radio gearbeitet, deshalb hatte ich seine Stimme schon einmal gehört. Ray war der primäre Fahrer Michaels in Irland, es gab aber auch andere. Wir unterhielten uns während der Fahrt und er erzählte mir, dass er für Paddy Dunning, dem Besitzer des Grouse Lodge Recording Studios, als Chauffeur arbeitete. Über die Jahre hatte er alle möglichen Bands vom Flughafen abgeholt und sie sicher zur Lodge gebracht. Wir kurvten eine Weile durch die irische Landschaft, und als Ray sicher war, dass uns keiner folgte, machten wir uns auf den Weg nach Rosemount im Bezirk Westmeath. Anscheinend sind ein paar Nächte zuvor ein paar Leute auf dem Grundstück herumgeschlichen, die man aufgriff und hinaus befördert hat.

Gerade jetzt ist Will.I.Am dort. Ich habe ihn vom Flughafen her gebracht,“ sagte Ray. „Sie arbeiten zusammen an einem Album.“ Ray erzählte mir auch, dass Billy Bush von Access Hollywood vor kurzem Michael im Aufnahmestudio interviewte und anschliessend jedem, den er traf, erzählte, wo er wohnte. Seitdem waren viele Reporter ins Dorf gekommen und fragten die Bewohner danach, ob sie etwas gesehen hätten. „Die Dorfbewohner sagen nichts!“ Sie sind klasse,“ sagte er.

Wir erreichten den Eingang des Anwesens. Die Sonne wurde langsam von der Landschaft verschluckt, und über die nahen Hügel legten sich schnell der Schatten. Ich sah ein paar kurvige Wege, umrundet von einer niedrigen Steinmauer, und der Fahrer deutete auf die Sicherheitsleute, die das Grundstück bewachten. Wir kamen an dem Studio vorbei, indem Michael sein Album aufnahm und fuhren weiter zum Coolatore House.

Die Abgeschiedenheit des Anwesens hatte schon zuvor Dichter und Musiker angezogen, wie z.B. den Nobelpreisträger Seamus Heaney. Die beiden Weltklasse Studios wurden von R.E.M. über Snow Patrol bis hin zu Shirley Bassey von jedem gern genutzt.

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Der Eingang zur Grouse Lodge

In dem gedämpft beleuchteten Vorbau wartete Grace, um mich zu begrüßen. Es war eine ziemlich kalte Novembernacht, und wir redeten kurz über das Wetter, bevor sie mir meinen grünen Mantel abnahm, um ihn aufzuhängen. Es war der Mantel, den meine Mutter mir geschenkt hatte, bevor sie gestorben war, und er war mir kostbar. Kurz danach kam Michael und trug meine Arzttasche hinein. Wir unterhielten uns eine Weile in einem der Zimmer im Erdgeschoss, das mit altmodischen Möbeln und einer hohen, neu gestrichenen Decke ausgestattet war. Kurz darauf stand er unerwartet auf und sagte, dass er wohl besser die Kinder ins Bett bringen sollte. Er sagte, ich solle mit ihm in eines der Schlafzimmer kommen, in dem Prince Michael schon im Bett lag. In dem gedämpften Licht beugte Michael sich über ihn und gab ihm einen gute Nacht Kuss.

I love you Daddy,“ sagte das Kind.

I love you too,“ erwiderte Michael.

Diesen Augenblick in dem schwachbeleuchteten Zimmer in mitten des irischen Hinterlandes mitzuerleben, war aussergewöhnlich.Hatte die ganze Welt diesen Menschen verkannt? Und lag ich falsch damit, ihn nicht in das Krankenhaus mitzunehmen, damit er die Murray Kinder besuchen konnte? Michaels ganze Persönlichkeit, seine Wärme und sein Mitgefühl waren ganz klar in der Verbindung zwischen ihm und seinen Kindern zu sehen.

Michael und ich gingen dann die Treppe hinunter in einen der anderen Wohnräume, in dem Paris und Blanket, zugedeckt mit einer Jacke, auch schon eingeschlafen waren. Michael nahm eines der Kinder in seine Arme um es nach oben zu tragen und bat mich, das andere zu nehmen. Ich trug das schlafende 4-Jährige Kind in meinen Armen zum Bett. Da ich es nicht wußte und nur die langen Haare sah, dachte ich, ich trage ein Mädchen. Auf halbem Weg drehte ich mich zu Michael um und sagte: „Sie ist ein süßes Kind.“

Lass ihn das bloss nicht hören“, entgegnete Michael lachend. „Er ist mein jüngster Sohn!“ Das war also Blanket, das Kind, das Michael für seine Fans über den Balkon des Adlon Hotels in Berlin gehalten hatte. Ich erinnerte mich immer noch an die Tabloid-Bilder des 9 Monate alten Kindes in einem blauen Strampler und einem Tuch über dem Kopf, die begannen, meine positiven Eindrücke von Michael anzufressen. Was war die Wahrheit? Der liebevolle Vater oder das unberechenbare Individuum, wie es die britische Klatschpresse zeigte? Mein Innerstes schrie, es sei ersteres und einen Augenblick lang dachte ich daran ihn zu fragen, was in dieser Nacht wirklich passiert war. Aber es schien nie der richtige Zeitpunkt zu sein, ihm solche Fragen zu stellen.

Ich fragte: „Warum hast du ihn Blanket genannt?“

Das ist ein Spitzname – sein wirklicher Name ist Prince Michael Joseph Jackson II. Blanket ist sein Kosename und bedeutet ‘Segen’.“

Wir legten die Kinder in ihre Betten. Paris kuschelte sich an ihn und er küsste sie zart auf die Stirn. Ich hatte immer gedacht, Michael Jacksons Element wäre die Bühne, aber das hier war sein Element! Die Liebe und Normalität, die diese Szene ausstrahlte, berührte mich. Er war ganz augenscheinlich ein hingebungsvoller Vater, von seinen Kindern heiss geliebt und sehr weit entfernt von dem Bild, das die Medien von ihm zeichneten. Mehr als einmal hatten diese angedeutet, dass er seinen Kindern Schaden zufüge, indem er ihre Gesichter hinter Schleiern verstecke und sie zuhause unterrichten lasse.

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Grouse Lodge – Interieur

Als er sicher war, dass die Kinder schliefen, brachte er mich nach oben in ein anderes Zimmer. Eine zeitlang sprachen wir über die Fortschritte, die die Murray Kinder machten und wie er mit seinen Kindern den Tag verbracht hatte. Dann kamen wir auf einen geplanten Eingriff zu sprechen.

Wie stark werden die Schmerzen sein?“ fragte er.

Es ist schon etwas schmerzhaft““ antwortete ich. „Aber wenn du gerne ein Narkose möchtest, kann ich es selbst tun und ich bestelle einen Anästhesisten von einem Krankenhaus in der Nähe auf Abruf.“ Ich hatte kein Problem damit, es selbst zu handhaben, da ich durch meine Arbeit mit dem Royal Flying Doctor Service in Australien und in Unfallstationen und Notaufnahmen sehr viel Erfahrung mit IV-Narkose gesammelt hatte. Bevor er etwas darauf entgegnete, dachte er einige Zeit darüber nach.

Dann sagte er: „Ich werde es ohne Narkose machen. Ohne die Anwesenheit eines Anästhesisten möchte ich keine Narkose bekommen.“

Auch wenn diese Aussage zu der Zeit keine große Bedeutung hatte, hörte ich sie in den Jahren nach seinem Tod oft deutlich in meinem Kopf. Während des Prozesses gegen die Person, die beschuldigt wurde, seinen Tod verursacht zu haben – Dr. Conrad Murray – riefen die Anwälte der Verteidigung Dr. Paul White als ihren Star Zeugen auf. Er lieferte eine Expertise, in der er den berühmten Sänger beschuldigte, seinen Tod selbst verursacht zu haben. Er sagte aus, Michael Jackson hätte sich selbst Propofol injiziert, nach dem die Wirkung der von Murray verabreichten Dosis nachgelassen habe. Das widerspricht jedoch völlig dem, was ich in jener Nacht in Irland hörte. Mein Patient erklärte mir gegenüber, dass er sich keiner Narkose unterziehen würde, wenn sie nicht durch einen Anästhesisten verabreicht würde. Ich sah in Michaels Haus niemals Medikamente und er wollte nie etwas von mir verschrieben haben, das stärker als Diätpillen war. Wie ein Kardiologe dazu kam, ihm in seinem Haus, in der Nähe seiner Kinder, selbst Propofol Infusionen zu verabreichen, kann ich mir absolut nicht erklären.

Michael fragte mich, ob ich es eilig hätte, zurück nach Dublin zu fahren. Aber ich war nicht in Eile. Ich wollte ausserdem noch mit ihm über seine offenen Rechnungen sprechen. Er antwortete: „Es tut mir wirklich Leid, Patrick, ich fürchte, du musst noch warten, bis ich aus London zurück bin. Mein Geld ist momentan noch fest angelegt, aber meine Leute arbeiten daran.“ Da mir nichts anderes übrig blieb, stimmte ich zu, zu warten. Es muss sehr schwer für ihn gewesen sein, nicht über flüssiges Geld zu verfügen, nachdem er doch sein ganzes Leben lang so viele Millionen verdient hatte. Manche Prominente hatten die Einstellung, dass ich doch dafür dankbar sein könne, sie behandeln zu dürfen – aber da ich nicht über sie sprechen durfte, hatte ich keinerlei Nutzen davon. Michael hatte diese Einstellung jedoch nicht – ihm war diese ganze Situation fremd und ungewohnt.

Er sagte: „Ich muss meine Finanzen wieder unter Kontrolle bringen. Ich möchte nicht als einer dieser verarmten, schwarzen Künstler sterben, während andere an mir profitieren.“ „Nunja, diese Gefahr besteht ja zum Glück nicht, weil du gesund wie ein Fisch im Wasser bist.“ entgegnete ich. „Gesund wie ein Fisch im Wasser“, wiederholte er und lachte dann über diesen Ausdruck. „Das gefällt mir.“

Michael öffnete eine Flasche Wein und wir tranken ein paar Gläser. „Vermisst du Neverland?“ fragte ich ihn.

Nein, Neverland ist Vergangenheit. Die Medien wundern sich wahrscheinlich darüber, dass ich überleben kann, ohne täglich mit meinem Riesenrad fahren zu können. Sie sind dumm!“

Er fuhr fort zu erklären, dass Neverland seinTraum gewesen sei, dass er es lange Zeit geliebt habe, aber es in etwas Schmutziges verwandelt worden sei. Sein Zuhause war immer viel mehr, als nur ein Freizeitpark. Es diente dazu, tausende von Kindern zu unterhalten: nicht nur kranke, sondern auch welche, die aus unterprivilegierten Schichten stammten und dort eine Pause von ihrem Alltag finden konnten.

Ich erbaute ein Zuhause, in dem Kinder sich sicher fühlen konnten, eine Art Zufluchtsort,“ sagte Michael.

Er liess sich in den Sessel fallen und seufzte. Ich kam nicht umhin zu denken, dass viel von der negativen Presse nicht stattgefunden hätte, hätte er keine Vitiligo gehabt. Er sah seltsam aus, ergo musste er auch seltsam sein – auf diese Art schien es zu laufen, und als diese Vorstellung einmal im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert war, fütterten die Medien weiter den Wahnsinn, den sie selbst erschaffen hatten.

Es gibt viele verrückte Leute in Amerika,“ sagte Michael. „Ich verschleiere meine Kinder, damit sie ihre Zeit unbehelligt verbringen können, wenn sie mit ihrer Nanny unterwegs sind. Indem ich ihre Bilder aus den Zeitungen fernhalte, sinkt die Wahrscheinlichkeit dass sie zum Ziel der Medien werden.“

Kannst du dir vorstellen, hier eine neue Heimat zu finden?“ fragte ich ihn.

Patrick, ich liebe Irland, es wäre ein wunderbarer Ort, um meine Kinder groß zuziehen. Wir machen hier vieles gemeinsam. Ich arbeite noch daran. Ich muss mein Leben und meine Finanzen sortieren und dann kann ich hier ein Zuhause gründen. Sicherlich wäre es mir nicht möglich, das ganze Jahr über hier zu leben, aber bestimmt einen großen Teil davon.“

Wir unterhielten uns ein bisschen über die World Music Awards. Ich sagte ihm, dass Andrea Bocelli dort sein würde. Ein paar Jahre zuvor hatte ich Bocelli und Pavarotti innerhalb einer Woche gesehen. Ich erzählte ihm auch, dass ich Pavarotti Backstage getroffen hatte, und dass diese ganze Woche für mich aussergewöhnlich gewesen war, weil ich auch noch ein U2 Konzert in München besucht hatte. „Bono tut auch viel für Afrika. Wenn du dich hier niederlässt, könntet ihr beiden euch zusammentun,“ sagte ich scherzhaft.

Ich glaube nicht, dass Bono mich mag,“ entgegnete er.

Ich fragte ihn nie nach, warum er das dachte.

Er fragte mich: „Woher kommst du? Hast du schon immer in Dublin gewohnt?“

Nein, eigentlich stamme ich aus Fermanagh in Nord Irland.“

Oh ja, stimmt, du hattest das schon zuvor erwähnt. Wie viele seid ihr in eurer Familie?“

Ich habe 3 Brüder und 3 Schwestern.“

Fast wie bei mir. Aus welchem Teil von Fermanagh kommst du genau? Ich habe gehört, es gibt dort ein paar sehr schöne Grundstücke.“

Aufgewachsen bin ich in Garrison, einem kleinen Ort am Rande von Lough Melvin. Du magst doch Charlie Chaplin. Er hat einmal in diesem See geangelt.“

Ich liebe Charlie Chaplin! Das ist klasse! Wir müssen unbedingt dahin fahren, und dem See einen Besuch abstatten.“

Es wird dir da gefallen, es ist wunderschön dort.“

Ich erzählte ihm, dass ich gerade ein Video von Lough Melvin auf You Tube hochgeladen hatte, und erklärte ihm, dass wir dort einen Laden, eine Tankstelle und eine Werkstatt besessen hatten, und ich im Sommer immer im See schwimmen war.

Er sagte: „Das klingt nach einer wunderbaren Kindheit. Hattest du ein gutes Verhältnis zu deinem Vater?“

Oh ja“, entgegnete ich. Ich erzählte ihm dann, dass mein Vater schon vor ein paar Jahren verstorben war, aber das er ein guter Mensch gewesen sei, den jeder mochte.

Ich hoffe, dass meine Kinder das über mich auch eines Tages sagen werden, Patrick.“

Ich habe euch zusammen erlebt und bin sicher, dass sie das sagen werden, Michael.“

Danke, mein Freund.“

Er hatte mich an meinen Vater erinnert und ich begann, über die guten Zeiten zu erzählen, die wir zusammen verbracht hatten, und dass er immer für alle von uns da war. Ich erzählte ihm eine Geschichte von meinem Vater aus der Zeit, in der ich noch am St. Michaels College in Enniskillen war. Ich hatte in diesem Jahr am Irish Aer Lingus Biochemist of the Year Wettbewerb teilgenommen und hatte eine Studie über die Auswirkungen verschiedener Tonschwingungen auf das Wachstum von Mungbohnen erstellt. Für dieses Projekt brauchte ich besondere hölzerne Lautsprecherboxen mit einer speziellen Aukustik-Dämmung, um sicherzustellen, dass die Pflanzen von anderen Schallwellen isoliert sein und nur von denen beeinflusst würden, die ich mit einem Schwingungsoszillator erzeugte. Die Materialien dazu war sehr teuer und ich ging eines Abends zu Bett und war deprimiert darüber, dass ich nicht das Geld hatte, um sie mir zu kaufen, erklärte ich Michael.

Und was geschah dann?“ fragte er.

Nunja, am nächsten Morgen wachte ich auf und stellte fest, dass mein Vater mir in der Nacht diese Lautsprecherboxen gebaut hatte. Er hatte das große Holzdisplay, das aussen an der Werkstatt war, abmontiert und die ganze Nacht durch gearbeitet, um dieses Vorhaben fertigzustellen.“

Ich erklärte ihm, dass dieses Werbedisplay etwa 4,5 x 3 m groß gewesen war, und es einmal sehr viel Geld gekostet hatte. Michael war von der Geschichte ganz begeistert und klatsche in die Hände und wollte wissen, was denn aus dem Projekt geworden war. Er war fasziniert, als ich ihm sagte, dass die Pflanzen fast 4 Mal so groß gewachsen waren, wie normalerweise und dass ich den Wettbewerb gewonnen hatte.

Das ist unglaublich!“ sagte er. „Was denkst du, sind die Gründe dafür? Haben sie auf einen bestimmten Sound reagiert, der ihnen gefallen hat?“

Als ich ihm von den unterschiedlichen Wellenlängen erzählte, die ich eingesetzt hatte, hörte er gespannt zu und nickte enthusiastisch. Ich konnte mir schon fast vorstellen, dass er diese zukünftig für einen Song zur Rettung der Erde einsetzen würde. Ich wußte, er hätte gerne gehört, dass die Pflanzen auf ein bestimmtes Geräusch reagierte hätten, und aus dem Grund besser gewachsen waren. Aber in Wirklichkeit war es nicht ganz so romantisch. Die Pflanzen waren wohl nicht besser gewachsen, weil sie einen bestimmten Sound mochten, vielmehr reagierten sie auf das Ethylengas, das aus der Erde strömte, wenn die Schallwellen sie in Schwingungen versetzte. Das war die plausibelste Erklärung, die ich zur Zeit des Experiments dazu abgeben konnte. Michael schien von meiner trockenen, wissenschaftlichen Begründung enttäuscht zu sein, und ich bekam den Eindruck, dass er dachte, ich würde Blödsinn reden. Zu dem Zeitpunkt glaubte ich jedoch, ihn schon gut genug zu kennen, um das Gespräch etwas humorvoller zu gestalten. Deshalb sagte ich: „Michael, hätte ich dich damals schon gekannt, dann hätte ich den Pflanzen sicher den Earth Song vorgespielt.“ Er sah mich kurz nachdenklich an und lachte dann los. „Nein,“ sagte er, „diese Pflanzen hätten eher Beat It zuhören sollen, und zwar ziemlich laut! Mitsamt Eddie van Halen an seinem Marshall Verstärker, das hätte sie zum Wachsen gebracht!“

Wir lachten eine Zeit darüber und tranken ein paar Schlucke Wein.

Du musst doch heute keine Patienten mehr behandeln, oder?“

Nein.“

Michael schwieg einen Moment.

Das war wirklich klasse, was dein Vater getan hat,“ sagte er dann. „Ich glaube nicht, dass Joe das für mich getan hätte. Hat dein Vater dich jemals geschlagen?“

Oh mein Gott, nein! Er hat niemals gegen uns die Hand erhoben, er hätte das nie..“

Joe tat es, ständig,“ unterbrach mich Michael. „Er wollte einmal Profiboxer werden. Wenn er dich geschlagen hat, dann hast du es richtig bekommen.“

Der Gedanke daran, dass der Mann einmal vorhatte, Boxer zu werden, machte die Vorstellung, dass er seine Kinder geschlagen hatte noch schlimmer. Mir war klar, dass es damals andere Zeiten waren, in denen körperliche Züchtigung noch akzeptiert wurde, aber laut Michael hatte Joe wohl auch zu der Zeit schon die Grenzen der Akzeptanz überschritten.

Ich versuche es zu verstehen“, sagte Michael. „Manchmal denke ich, dass er wohl glaubte, das sei das Beste, was er mit so vielen Kindern und in einer schlechten Gegend tun konnte.“

Michael machte ein Pause und versuchte, seine Worte vorsichtig auszuwählen.

Er wollte Musiker werden, musste aber seine Kinder durchfüttern. Vielleicht war es gescheiterter Ehrgeiz, vielleicht sah er unser Talent, und trieb uns unermüdlich an, immerzu…. Ich hatte Angst vor ihm. Manchmal denke ich, wir waren einfach nur sein „Meal ticket“. Vater zu sein, kann anstrengend sein, aber ich hoffe, meine Kinder werden schönere Erinnerungen an mich haben.“

Das werden sie ganz sicher,“ entgegnete ich.

Meine Mutter war ganz anders,“ sagte Michael. „Sie ist eine ganz besondere Frau: freundlich, sanft und viel zu vertrauensvoll. Sie ist die Matriarchin der Familie und ich habe meine Stimme von ihr.“

Wenn Michael von seiner Familie sprach, wurde er defensiv. Er sagte: „Ich mag meine Familie nicht besonders. Trotzdem wünschte ich mir eines Tages ein besseres Verhältnis zu meinem Vater zu haben.“

Mir war bekannt, dass seine Schwester La Toya, zu der Zeit, als er der beschuldigt wurde, Kinder zu belästigen, ein Presse Statement abgab, in dem sie sagte, sie könne seinen Umgang mit Jungen nicht länger billigen. Er war noch immer enttäuscht von ihr. Er sprach etwas von seinen Brüdern, hörte aber schnell damit auf.

Als ich später darüber nachdachte, verstand ich Michael etwas besser. Seine Mutter Katherine hatte Polio als sie noch recht jung war, und hinkte seit dem. Er hatte die Auswirkungen dieser Krankheit seit seiner frühsten Kindheit miterlebt. Er wurde von einem gewalttätigen Vater erzogen und dachte, Jesus sei der Erlöser. Sein Schicksal war es, berühmt, aber dennoch ohne Geld und von anderen abhängig zu sein. Seine Menschlichkeit hatte ihn Millionen für andere spenden lassen, während er selbst momentan nicht einmal ein paar Hautcremes bezahlen konnte. Es war keine Überraschung, dass er versuchte, alles besser zu machen und die Welt heilen wollte.

Als wir beide noch etwas mehr getrunken hatten, begann er über den Prozess (von 2005) zu sprechen und wies deutlich darauf hin, dass er hereingelegt wurde.

Ich würde niemals ein Kind verletzen – jeder, der mich kennt, weiß das. Sie sagten mir, ich solle einen Teil meines Musikkatalogs abgeben, oder sie würden diesen Fall gegen mich vor Gericht bringen.“

Ich fragte: „Wer sagte das? Dein Plattenverlag?“

Jetzt, im Nachhinein, weiß ich, dass dieses Gespräch für die Öffentlichkeit von Bedeutung war, aber er hat diese Frage nie wirklich beantwortet. Er sagte, er bekam einen Anruf und bekam das unheimliche Gefühl, dass er sich sehr vor jemanden zu fürchten hatte.

Sie beobachten dich, sie beobachten uns alle,“ sagte er.

Ein kalter Schauer überkam mich und ich fiel automatisch in die Rolle des Arztes, der am Bett seines Patienten sitzt, und ihn aufmuntert, sich alles von der Seele zu reden. In Amerika glaubte man also immer noch weitverbreitet daran, dass er schuldig war, trotz des Freispruchs, weshalb er sich von seinem eigenen Volk im Stich gelassen fühlte – sogar von denjenigen, für die er sich immer eingesetzt hatte. Er sprach auch über Martin Bashir und dann verstummte er. Ich sah ihm in die Augen und sah, wie sie sich mit Tränen füllten. Er wischte sie mit dem Handrücken fort, und sagte für lange Zeit nichts mehr.

Es wird Zeit für mich wieder nach Dublin aufzubrechen,“ sagte ich.

Ich hoffe, du musst heute Nach keine Patienten mehr besuchen. Danke für das Gespräch,“ sagte er und schüttelte meine Hand.

Kein Problem, „ entgegnete ich. „Sieh mal in den Spiegel – die Filler sind schon verschwunden.“ Er holte einen Spiegel und sah sich sein Gesicht an. „Wunderbar! Genau so hatte ich es mir vorgestellt,“ sagte er. Wir standen auf und ich wollte meinen grünen Mantel holen, aber er hing nicht mehr im Flur. Wäre es irgendein anderer Mantel gewesen, hätte ich Michael einfach gebeten, ihn beim nächsten Besuch in der Klinik mitzubringen. Michael und ich suchten die unteren Zimmer ab, konnten ihn aber nirgends finden. Wir baten sogar Ray, im Auto nachzusehen, für den Fall, dass ich ihn garnicht mit hineingebracht hätte, obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass ich es hatte. Schliesslich fanden wir ihn hinter dem Sofa des Zimmers, in dem Blanket geschlafen hatte. Michael versuchte vergeblich nicht zu lachen, als er ihn mir überreichte und sagte mit einem fürchterlichem irischen Akzent: „Er ist wohl ein kleiner Dieb, ganz wie sein Vater!“

Ein paar Tage danach flog Michael nach London um bei den World Music Awards aufzutreten. Es war sein erster Auftritt in England seit fast zehn Jahren, und er wurde mit dem Diamond Award für den Verkauf von mehr als 100 Millionen Alben ausgezeichnet. Ein paar Jahre zuvor war er schon mit dem Millenium Award ausgezeichnet worden, für den Verkauf einer drei viertel Milliarde Alben im Laufe seiner Karriere. Obwohl der Applaus bei seinem Erscheinen auf der Bühne unbeschreiblich war, lief es später nicht mehr so gut, als das Publikum merkte, dass er wohl nicht mit Chris Brown zusammen Thriller singen würde. Die Zuschauer waren nicht davon beeindruckt, dass er nur eine Version von We Are The World zusammen mit einem Kinderchor performte, wobei der Chor den größten Teil des Liedes sang. Michael sang nur den Refrain bevor er sich an sein Publikum wandte und ihm „I Love You“ zurief.*

Die Britischen Medien waren gnadenlos mit ihren Kritiken. Der Daily Mirror schrieb: „Als er aufhörte zu singen, verstand keiner warum. Aber als er dann herumrannte, verloren viele Leute die Geduld. An dem Punkt begann das Ausbuhen, das lauter und lauter wurde, bis er die Bühne verlies.“ Die letzte Zeile des Berichts fasste dann zusammen: „Das sollte das große Comeback des King Of Pop sein, aber es endete im Chaos.“

Als Michael nach Irland zurückkehrte, tat er mir leid. Nach ein paar Tagen gestand er mir, dass er sich nicht mehr zutraue die Queen zu treffen, nachdem was nach de World Music Award passiert war. „Ich habe das wohl vermasselt,“ sagte er. „Ich werde die Zeitungen erst garnicht lesen. Ich weiß, dass sie mich hassen.“

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World Music Award, London 2006

World Music Awards, London 2006 – was wirklich geschah

Es gab Zeiten, da spürte ich, dass Michael einsam war und einen Freund zum reden brauchte. Sicher hatte er Grace, aber es gab noch andere Dinge, die sein Leben schwer machten. Er fürchtete, seine Fans würden ihn im Stich lassen und er würde isoliert werden, weg von seinem Zuhause, seinen Freunden und seiner Arbeit. Er wollte ein neues Album aufnehmen, aber seine Zuversicht war angeschlagen, und ich konnte ihm dabei auch keine Hilfe sein. (…)

Gegen Ende November machte ich eine weitere Reise mit Kostas Giotas, dem Direktor von Direct Hair Implant, nach Abu Dhabi, um dort 20 Patienten zu behandeln, die an dieser Methode interessiert waren. Wir flogen über Manchester, wo ich noch für ein paar Ärzte einen Vortrag über Bio-Alcamid Implantate bei HIV Patienten hielt. Während des Vortrags rief Michael an, um zu fragen, wie es mir geht, und er fragte die erstaunte Dame, die während meiner Rede mein Telefon festhielt, ob er mich sprechen könne. Er wünschte mir alles Gute und fragte, ob ich ihm als Souvenir eine Menü Karte des Emirates Palace in Abu Dhabi mitbringen könnte.

Und wenn du aus Abu Dhabi zurück bist, möchte ich mit dir noch über ein paar weitere kosmetische Behandlungen sprechen. Ich hasse es, älter zu werden und ich werde wohl für immer in Irland bleiben müssen, damit du mich jung bleiben lässt,“ sagte er lachend.

Als ich aus den Emiraten zurück war, rief Michael wieder an um zu fragen, ob ich mit Blanket zum Zahnarzt gehen könnte. Er sagte, er sei den ganzen Tag im Studio und könne seinen Sohn deshalb nicht begleiten, würde ihn aber mit einem Fahrer nach Dublin schicken. Michaels Kinder waren liebenswerte, anständige Kinder – eine Anerkennung die ihm gebührt. Blanket war der stillste, aber er erinnerte mich sehr an Michael. Auch wenn er nicht viel sprach, erstaunte es mich immer wie wachsam er war, er nahm alles auf, was um ihn herum vorging. Sein Vater sagte, zuhause sei er nicht so still, aber er brauche eine Weile um mit neuen Menschen warm zu werden. Mich hatte er schon mehrmals getroffen, deshalb war ich für ihn kein Fremder mehr.

Als Blanket gebracht wurde, holte ich ihn vom Auto ab, nahm ihn an der Hand um ihn zum Zahnarzt zu begleiten. Wie immer sah er tadellos aus. Er erweckte immer den Eindruck, als sei er frisch gebadet. Seine glänzendes schwarzes Haar, das zu einem Zopf gebunden war, umrahmte sein blasses Gesicht und die dunklen, intelligenten Augen. Die Ailesbury Klinik lag nur ein paar Schritte von der Zahnklinik entfernt, deshalb brachte ich ihn mit meiner Arztkleidung hinüber. Er sah sehr klein aus, in dem großen Behandlungsstuhl und er lies mein Gesicht nicht aus den Augen.

Als die Behandlung beendet war, nahm ich ihn mit in meine Klinik und setzte ihn auf das Sofa im Wartezimmer, wo er völlig fasziniert die blinkenden Lichter des Weihnachtsbaums ansah. Ich sagte ihm, dass er kurz fernsehen könne, während ich mich umziehen würde, um zum Mittagessen zu gehen. Es dauerte nur ein paar Minuten, und als ich zurück zum Wartezimmer ging, sagte man mir, dass sein Fahrer da sei. Blanket stand jetzt bei dem Kamin, genau neben einem Schneemann aus Holz, der viel größer war, als er. Seinen Arm hatte er um den Hals des Schneemanns gelegt. Ich stand in der Tür und sagte ihm, dass der Fahrer jetzt da sei. Er blieb wo er war. Ich streckte meine Hand aus und signalisierte ihm, dass er kommen solle, aber er bewegte sich nicht. Er kniff die entschlossen die Lippen zusammen, hielt den Schneemann noch fester, und hielt den Atem an.

Warum nimmst du deinen Freund nicht einfach mit?“ fragte ich ihn. Man konnte sehen, wie er erleichtert ausatmete und mir dann ein wunderbares Lächeln schenkte, das sein ganzes Gesicht aufleuchten lies und mich an seinen Vater erinnerte. Er ging in meine Richtung, wurde aber von dem Gewicht des Schneemanns, den er neben sich her schleppte, behindert. Ich wollte ihm tragen helfen, aber er zog ihn von mir weg – niemand ausser ihm sollte ihn anfassen! Blanket kämpfte sich mit dem Schneemann aus der Tür, wo der Fahrer ebenfalls versuchte, ihm zu helfen, aber auch das wollte er nicht. Es war lustig zu sehen, wie der kleine Kerl fest entschlossen seinen neuen Freund zum Auto schleppte, ein Bild, das ich nie vergessen werde.

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Blanket, Dezember 2006- zurück in  in Las Vegas

Ich sprach Michael noch einmal auf seine Rechnung an und er sagte, er würde einen Fahrer nach Dublin schicken. Der Fahrer kam und hatte, wie erwartet, Dollarbündel dabei. Als Weihnachten näher kam, schien er wieder sehr glücklich zu sein. Er hatte seine Familie um sich und sich überlegte, welche Geschenke er für sie kaufen wollte.

In der ersten Dezemberhälfte zog ein atlantisches Tief über Irland, und brachte viel Regen mit sich. Gegen Ende des Monats war es frostig kalt, und Michael rief mich an um zu sagen, dass er zurück in die Staaten gehen würde, um dem kalten Irischen Winter zu entkommen. Ich schätzte, es war schon lange her, dass er während des Winters in einer kalten Klimazone gelebt hatte, obwohl er in Gary, Indiana, aufgewachsen war. Am Weihnachtstag starb die Soul Ikone James Brown, und ich schickte Michael eine Nachricht, um mein Mitgefühl auszudrücken. Ich erhielt nie eine Antwort und nahm an, dass Michael sein Irisches Telefon nicht mehr benutzte. Später kontaktierte er mich jedoch, und teilte mir mit, dass er in Las Vegas wohne und so bald wie möglich nach Irland zurückkehren wolle. Die Jahre vergingen und viele andere Dinge passierten in Michaels Leben. Er kam nie zurück nach Irland.

Übersetzung: M.v.d.Linden

Dr. Patrick Treacy ist Facharzt für kosmetische Medizin und Gründer der Ailesbury Clinic in Dublin. Sein biografisches Buch, in dem ein Kapitel seiner Freundschaft mit Michael Jackson gewidmet ist, schrieb er 2015.

https://www.amazon.com/Behind-Mask-Patrick-Treacy/dp/191074204X/ref=tmm_pap_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr=

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2011 hielt Dr. Patrick Treacy anlässlich des Festakts zur Wiederenthüllung von Michael’s Namen am Auditorium der Gardener School, Los Angeles, eine Rede. Hier ein paar Auszüge daraus:

Elie Wiesel, ein Holocaust Überlebender, sagte 1999 in einer Rede vor dem Weissen Haus: „Dankbarkeit ist, was die Menschlichkeit eines Menschen auszeichnet.“

Und Dankbarkeit ist das, was wir heute einem schwarzen Jungen aus Amerika zeigen sollten. Sein Name ist Michael Jackson, und ich habe die Ehre, ihn einen Freund nennen zu dürfen. Oft stand er ganz alleine auf, um sich für die Kinder der Welt, oder für Opfer von Krankheit und Ungerechtigkeit einzusetzen.

Michael war sehr betrübt über das Elend, das er überall auf der Welt sah, aber noch mehr betrübte ihn die Gleichgültigkeit, die diesem Elend entgegen gebracht wurde.

Ich danke dir, dass du dich für Afrika eingesetzt hast“

Ohne Starallüren, ohne Glanz und Gloria, galt seine Sorge allein dem Leben anderer Menschen, die auf einem anderen Kontinent lebten und auf dem keiner von uns beiden geboren war.

(…)

In seiner Rede sagte Elie Wiesel auch ein paar Worte zur Gleichgültigkeit. Er sagte: “Gleichgültigkeit gegenüber den Leidenden der Welt ist, was die Menschen unmenschlich macht.”

Für eine gleichgültige Person ist der oder die Nachbar(in) unwichtig. Ihre Leben sind bedeutungslos, weil Gleichgültigkeit einen anderen zu etwas Abstraktem reduziert. Gleichgültigkeit schafft immer einen Vorteil für den Aggressor – nie für sein Opfer, dessen Schmerzen noch vermehrt werden, wenn er oder sie sich vergessen fühlt.

Michael Jackson fühlte diesen Schmerz, nicht nur den der hungrigen Kinder, sondern auch seinen eigenen, als die Menschen Amerikas gegenüber der Ungerechtigkeit, der er ausgesetzt war, gleichgültig blieben. Er wurde zu einem Gefangenen in seinem eigenen Land und floh deshalb in den Mittleren Osten und schliesslich nach Irland, meine Heimat.

Welche Ironie, dass der Mensch, der sich so sehr um die Menschheit sorgte, von dieser zurückgewiesen wurde. Es schmerzte ihn sehr, und einmal sprach er mit mir darüber, meistens jedoch wollte er nicht darüber reden und ich sprach ihn deshalb nie auf diese schmerzhaften Erinnerungen an.

Michael Jackson war niemals gleichgültig. Er brachte Licht, wo Dunkelheit war, Hoffnung, wo Verzweiflung war, er wandte sich nie von Grausamkeiten ab, wenn er Mitgefühl zeigen konnte. Wir haben gerade erst ein neues Jahrhundert begonnen, ein neues Jahrtausend. Die ersten 10 Jahre waren einige der brutalsten Zeiten denen der Planet je gegenüberstand. Das Jahrhundert begann mit den Terror Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon. Diese Aktionen brachten dieses große Land in Konflikte mit dem Irak und Afghanistan. Es gab Kriege in mehr als 20 Ländern, was einen dunklen Schatten auf die Menschlichkeit wirft: So viel Gewalt, soviel Schmerz…

Wenn es heute eines gibt, um das Andenken an Michael Jackson zu bewahren, ist das, nicht gleichgültig gegenüber dem Leid zu bleiben, das wir überall in der Welt sehen.

(…)

Lasst uns Gott dafür danken, dass er uns einen Engel wie Michael schickte, der für eine Weile unter uns lebte, und lass uns nicht dem Unrecht, das wir um uns herum sehen, gleichgültig gegenüber stehen. Wenn Michael etwas von uns erwarten würde, das ihn glücklich machen würde, wenn er heute auf uns herunter schaut, dann wäre es, dass wir uns nicht von den Opfern von Unterdrückung und Gewalt abwenden und wenn wir jemals im Unklaren darüber sind, wie wir zu handeln haben… überlegt einfach:

“Was würde Michael tun?”

https://www.youtube.com/watch?v=yA4NcqoyD00

Rolling Stone Interview mit Paris Jackson – Leben nach Neverland

Original: Rolling Stone

Übersetzung des Rolling Stone Interviews mit Paris Jackson – Leben nach Neverland (von Brian Hiat)

In ihrem ersten ausführlichen Interview spricht Michael Jacksons Tochter über die Leiden ihres Vaters und wie sie nach Abhängigkeit und seelischer Qual ihren Frieden findet.

Paris Michael Katherine Jackson starrt auf einen berühmten Körper. „Das ist Marilyn Monroe,“ flüstert sie, und blickt auf eine Wand voller grauenhafter Autopsiefotos. „Und das ist JFK. Diese Fotos findet man nicht einmal online.“

An einem Donnerstag Nachmittag, Ende November, schlendert Paris durch das Museum of Death, ein vollgestopftes Labyrinth von nach Formaldehyd riechendem Horror auf dem Hollywood Boulevard. Es ist nicht unüblich, dass die mit Enthauptungsfotos, Snuff Filmen und Devotionalien von Serienkillern konfrontierten Besucher in Ohnmacht fallen, oder sich übergeben müssen. Aber Paris, noch nicht so weit entfernt von der Emo- und Gothic Phase ihrer frühen Teenagerzeit, scheint all das auf irgendeine Art beruhigend zu finden. Es ist ihr neunter Besuch. „Es ist beeindruckend,“ sagt sie während ihres Rundgangs, „sie haben einen echten Elektrischen Stuhl und einen echten Kopf!“

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Paris Jackson fotografiert in Los Angeles am 12.12.2016 von David LaChapelle

Letzten April wurde Paris 18 Jahre alt. Durch ihr Leben, dass sich zwischen behütet und qualvoll exponiert sein abspielte, kann sie in einem Augenblick viel älter, und im nächsten viel jünger erscheinen. Mit ihrem Mix aus Hippie-Punk Modegeschmack (heute trägt sie ein Batik-Shirt, Leggings und Converse High-Tops) und ihrem grenzenlosen Musikgeschmack (ihre Sneaker sind dekoriert mit Lyrics von Mötley Crüe und Arctic Monkeys; sie ist besessen von Alice Cooper – den sie “bae” (Schatz) nennt – und dem Songwriter Butch Walker; liebt Nirvana aber auch Justin Bieber), ist sie ein echtes Kind des 21. Jahrhunderts. Aber noch viel mehr ist sie das Kind ihres Vaters. „Als Mensch ist sie im Grunde genau wie mein Vater,“ sagt ihr älterer Bruder, Prince Michael Jackson. „Der einzige Unterschied ist ihr Alter und ihr Geschlecht.“ Paris ist Michael sehr ähnlich, fügt er hinzu, „in all ihren Stärken und fast all ihren Schwächen. Sie ist sehr leidenschaftlich. Sie ist sehr emotional, bis zu dem Punkt, an dem ihre Emotionen ihr Urteilsvermögen trüben.“

Mit verblüffender Geschwindigkeit hat sich Paris mehr als 50 Tattoos zugelegt, die ersten schon heimlich, als sie noch nicht Volljährig war. Neun davon sind Michael Jackson gewidmet, der starb, als sie 11 Jahre alt war und sie, Prince und ihren jüngsten Bruder Blanket damit aus ihrer – wie sie es wahrnahmen – abgeschiedenen, beinahe idyllischen kleinen Welt heraus riss.

Man sagt immer „Die Zeit heilt alle Wunden“, sagt sie. „Aber das stimmt nicht. Du gewöhnst dich nur daran. Ich lebe mit dem Bewusstsein ‘Ok, ich habe das Einzige verloren, das je wichtig für mich war’. Alles, was mir in der Zukunft Schlechtes widerfährt kann niemals schlimmer sein, als das, was schon passiert ist. Auf diese Art kann ich damit umgehen.“ Michael besucht sie noch immer in ihren Träumen, sie sagt: „Ich fühle ihn ständig, er ist immer bei mir.“

Michael, der sich selbst als Peter Pan sah, liebte es, seine einzige Tochter Tinker Bell zu nennen. Neben ihr Schlüsselbein hat sie sich FAITH, TRUST AND PIXIE DUST tätowieren lassen. Auf ihrem Unterarm hat sie das Bild vom Dangerous Album, auf der Hand das BAD – Logo, und die Worte QUEEN OF MY HEART – in der Handschrift ihres Vaters – einem Brief, entnommen, den er ihr einst schrieb – stehen seitlich auf dem linken Handgelenk. „Er hat mir immer nur Freude geschenkt,“ sagt sie. „Warum sollte ich mich also nicht ständig an diese Freude erinnern?“

Sie hat auch Tattoos zu Ehren von John Lennon, David Bowie und den zeitweisen Rivalen ihres Vaters, Prince. Dazu Van Halen und, innen auf ihrer Unterlippe, das Wort MÖTLEY (ihr Freund trägt an gleicher Stelle CRÜE). Am rechten Handgelenk trägt sie ein geflochtenes Bändchen mit Jade, das Michael in Afrika kaufte. Er trug es, als er starb und Paris’ Nanny hat es für sie wiedergefunden. „Es riecht immer noch nach ihm,“ sagt Paris.

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Michaels Armband

Ohne mit der Wimper zu zucken heftet sie ihre blau-grünen Augen auf die Attraktionen des Museums, bis sie zur Abteilung mit den Tierpräparaten kommt. „Diesen Raum mag ich nicht so sehr“, sagt sie und rümpft die Nase. „Bei Tieren ist meine Grenze erreicht. Das kann ich einfach nicht. Es bricht mir das Herz.“ Vor kurzem nahm sie Koa, einen hyperaktiven Pit-Bull-Mischling Welpen auf, der jetzt ein unruhiges Zusammenleben mit dem eher gemütlichen Labrador Kenya führt, den ihr Dad vor 10 Jahren mit nach Hause brachte.

Paris beschreibt sich selbst als „desensibilisiert“ gegenüber selbst drastischster Darstellungen der menschlichen Sterblichkeit. Im Juni 2013, ertrinkend in Depressionen und Drogenabhängigkeit, versuchte sie sich im Alter von 15 Jahren das Leben zu nehmen, indem sie sich die Pulsadern aufschnitt und 20 Motrin Pillen schluckte. „Es war purer Selbsthass,“ sagt sie, „ein geringes Selbstwertgefühl, der Gedanke, nichts wirklich richtig zu machen, und es nicht Wert zu sein, weiter zu leben.“ Sie hatte sich selbst Verletzungen zugefügt, sich geritzt und es gelang ihr, es vor ihrer Familie zu verbergen. Einige ihrer Tattoos verdecken jetzt die Narben und auch das, was, wie sie sagt, Spuren ihres Drogengebrauchs sind. Sie hatte schon zuvor Selbstmordversuche durchgeführt, „viele Male“, sagt sie mit einem unpassenden Lachen. „Es war nur dieses eine Mal, dass es bekannt wurde.“ In dem Krankenhaus gab es eine „3 Versuche Regel“, erinnert sie sich, und nach diesem letzten Versuch bestand man darauf, dass sie sich einer Stationären Therapie unterziehe.

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Paris als Cheerleader für ihre Sherman Oaks High School, 2013

Bis zum Tod ihres Vaters zuhause unterrichtet, stimmte Paris zu, die 7. Klasse einer Privatschule zu besuchen. Sie passte nicht hinein – überhaupt nicht – und begann ihre Zeit mit den einzigen Kindern zu verbringen, die sie überhaupt akzeptierten. „Viele ältere Leute, die viele verrückte Dinge taten“, sagt sie. „Ich habe einige Sachen gemacht, die 13-, 14-, 15-Jährige nicht tun sollten. Ich versuchte zu schnell erwachsen zu werden, und ich war kein wirklich netter Mensch.“ Sie hat auch Erfahrungen mit Cyber-Mobbing gemacht, und leidet noch immer unter grausamen Online-Kommentaren. „Die Sache mit der Redefreiheit ist klasse“, sagt sie. „aber ich denke nicht, dass unsere Gründerväter die Social Media vorausgeahnt haben, als sie diese Gesetze und Dinge ins Leben riefen.“

Es gibt ein weiteres traumatisches Erlebnis, das sie nie öffentlich erwähnt hat. Sie sagt, als sie 14 Jahre alt war habe ein „völlig Fremder“ sie sexuell belästigt.

Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. Aber es war keine sehr gute Erfahrung, es war sehr schwer für mich und zu dieser Zeit habe ich es niemanden erzählt.“

Nach ihrem letzten Selbstmordversuch absolvierte sie das zweite Highschool Jahr und die Hälfte des darauffolgenden Jahres in einer therapeutischen Schule in Utah. „Für mich war es das Beste,“ sagt sie, “ich bin ein völlig anderer Mensch.“ Vorher, sagt sie mit einem kleinen Lächeln, „war ich verrückt. Ich war wirklich verrückt. Ich machte so viel durch, Teenager-Ängste und solche Dinge. Und ich versuchte, mit meiner Depression und meinen Ängsten ohne Hilfe klar zu kommen.“ Sie sagt, ihr Vater litt ebenfalls unter Depressionen, und ihr wurden die gleichen Antidepressiva verschrieben, die er zuvor nahm. Jetzt braucht sie jedoch keine Psychopharmaka mehr.

Nachdem sie nüchterner und glücklicher war, als je zuvor, mit Menthol-Zigaretten als einzigem verbliebenen Laster, zog Paris kurz nach ihrem 18. Geburtstag aus dem Haus ihrer Großmutter Katherine aus und in das alte Familien Anwesen der Jacksons. Sie verbringt fast jede Minute eines jeden Tages mit ihrem Freund Michael Snoddy, einem 26-Jährigen Schlagzeuger, Mitglied der Percussion Band Street Drum Corps, und in Virginia geboren, dessen gefärbter Irokesenschnitt, Tattoos und ständig herunterhängende Hosen nicht den Boyband-Look und das welpenhaft Süße verbergen können. „Ich habe nie zuvor jemanden kennengelernt, der mich so fühlen lies, wie Musik mich fühlen lässt“, sagt Paris.

Als sie sich kennenlernten, hatte er ein unüberlegtes, mittlerweile überdecktes Tattoo der Südstaatenflagge, das bei den Jacksons verständlicher Weise Bedenken auslöste. „Aber als ich ihn besser kennenlernte“, sagt Prince, „war er ein wirklich netter Kerl.“

2015, Nach dem Abschluss der Highschool – den sie ein Jahr vorgezogen hatte – stattete Paris einem College einen kurzen Besuch ab, aber es war nicht das Richtige für sie. Sie ist Erbin eines riesigen Vermögens – der Michael Jackson Family Trust ist mehr als 1 Milliarde wert, mit in verschiedenen Schritten gestaffelten Auszahlungen an die Kinder. Aber sie möchte ihr eigenes Geld verdienen und jetzt, da sie dem Gesetz nach erwachsen ist, ein anderes Erbe antreten: die Berühmtheit. Und welche Wahl hat sie, als charismatische, wunderschöne Tochter eines der berühmtesten Männer der Welt? Momentan ist sie Modell, Schauspielerin – alles noch in Arbeit. Wenn ihr danach ist, kann sie eine majestätische Haltung einnehmen, die fast einschüchternd wirkt, wobei sie dennoch locker genug bleibt, um sich auch mit ihrem mit einem gigantischem Ziegenbart ausgestatteten Tätowierer anzufreunden. Sie hat tadellose Manieren – man kann sich vorstellen, dass sie wohlerzogen wurde. Vor kurzem bezaubere sie so den Produzenten Lee Daniels, der jetzt mit ihrem Manager über eine Rolle in seiner Show „Star“ auf Fox verhandelt. Sie spielt verschiedene Instrumente, schreibt und singt Songs (ein paar davon hat sie mir auf einer Akustik-Gitarre vorgespielt, und sie sind vielversprechend, wenn sie auch eher an Laura Marling, als an Michael Jackson erinnern), aber sie ist sich nicht sicher, ob sie den Gedanken an einen Plattenvertrag verfolgen soll.

Besonders als Model zu arbeiten, ist für sie wie selbstverständlich und sie findet es heilsam. „Ich hatte sehr lange Zeit Probleme mit dem Selbstwertgefühl“, sagt Paris, die die kosmetischen Eingriffe ihres Vaters sehr gut versteht, nachdem sie selbst erfahren hat, wie Online-Trolls ihr Aussehen auseinandernahmen seitdem sie 12 Jahre alt war.

Viele Leute finden mich hässlich, und viele finden das nicht. Aber wenn ich als Modell arbeite, kommt dieser Moment, in dem ich all die Probleme mit dem Selbstbewusstsein vergesse, und mich nur auf das konzentriere, was der Fotograf mir sagt – und dann fühle ich mich schön. So gesehen ist es eigennützig.“

Hauptsächlich teilt sie jedoch die Heal-The-World-Impulse ihres Vaters („Ich habe wirklich Angst um das Great Barrier Reef,“ sagt sie. „Es stirbt. Der ganze Planet stirbt. Die arme Erde, Mensch.“) und sieht Berühmtheit als ein Mittel, um Aufmerksamkeit auf ihr wichtige Anliegen zu lenken. „Ich bin mit dieser Plattform geboren“, sagt sie. „Soll ich es verschwenden und mich verstecken? Oder soll ich es ausweiten und für wichtigere Zwecke einsetzen?“

Ihr Dad hätte wohl nichts dagegen einzuwenden. „Wenn du größer werden möchtest, als ich, dann kannst du es werden“, sagte er zu ihr. „Aber wenn du es nicht willst, ist es auch ok. Ich möchte nur, dass du glücklich bist.“

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Michael mit Prince und Paris, 2003

Momentan wohnt Paris in dem privaten Studio, in dem ihr Dad das Demo von „Beat It“ aufnahm. Das Haupthaus im Tudor-Stil auf dem jetzt leerstehenden Familienanwesen der Jacksons in Encino, L.A., von Joe Jackson 1971 mit den ersten Einnahmen der J5 gekauft, und von Michael in den Achtzigern neu aufgebaut, wird zurzeit renoviert. Aber das von Michael gebaute Studio in einem Backsteingebäude auf der anderen Hofseite, hat etwa die Größe eines ordentlichen Apartments in Manhattan, komplett mit eigener Küche und Badezimmer. Paris hat es in ein atmosphärisches, kuscheliges Schlafzimmer verwandelt.

Die Spuren ihres Vaters finden sich überall, am deutlichsten in den Kunstwerken, die er beauftragte. Ausserhalb des Studios gibt es ein gerahmtes Bild im Disney-Stil, mit einem Cartoon-Schloss und einem gezeichneten Michael im Vordergrund, umarmt von einem kleinen, blonden Jungen. Die Inschrift lautet: „Von Kindern, Schlössern und Königen“. Im innern nimmt ein Wandgemälde die ganze Wand ein, mit einem weiteren Cartoon-Michael, der ein grünes Buch mit dem Titel „Die Geheimnisse des Lebens“ festhält, und aus einem blumenumrankten Fenster blickt.

Die von Paris ausgewählte Dekoration sieht etwas anders aus. Da gibt es ein Bild von Curt Cobain im Badezimmer, ein Poster von den Smashing Pumpkins an der Wand, einen Laptop mit Against Me!, sowie Never Ending Story Aufklebern, psychedelisch anmutende Wandbehänge, viele falsche Kerzen. Vinyl Schalplatten (Alice Cooper,The Rolling Stones) dienen als Wanddekoration. In der Küche steht ganz beiläufig eine gerahmte Platin-Schallplatte, mit der Aufschrift „für Michael gewidmet von Quincy Jones“. („Die habe ich am Dachboden gefunden,“ sagt Paris schulterzuckend.)

Über der benachbarten Garage befindet sich ein Mini-Museum, das Michael als Überraschungsgeschenk für seine Familie gestaltete. Die Wände und Decken sind mit Fotos ihrer Geschichte bedeckt. Michael hat dort seine Tanzschritte geübt; jetzt steht das Schlagzeug von Paris’ Freund da.

Wir machen uns auf den Weg in ein nahegelegenes Sushi Restaurant, und Paris beginnt vom Leben auf Neverland zu erzählen. Sie verbrachte die ersten 7 Jahre ihres Lebens auf der 2700-acre großen Fantasiewelt ihres Vaters, mit eigenem Vergnügungspark, Zoo und Kino. („Alles, was ich als Kind nie tun konnte“, nannte Michael es.) Während dieser Zeit wusste sie nicht, dass ihr Vater Michael hieß und von seinem Ruhm wußte sie noch viel weniger. „Ich dachte, sein Name sei Dad, Daddy“, sagt sie. „Wir wussten nicht wirklich, wer er war. Aber er war unsere Welt. Und wir waren seine Welt.“ (Letztes Jahr erklärte Paris den Film Captain Fantastic, in dem Viggo Mortensen einen exzentrischen Vater spielt, der versucht, für seine Kinder einen utopischen Zufluchtsort zu erschaffen, zu ihrem „Lieblingsfilm aller Zeiten“.)

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Paris und Michael, Neverland 2001

Wir konnten nicht einfach Karussell fahren, wenn wir Lust hatten“, erinnert sie sich während sie im Dunkeln am Rand einer Strasse in Encino entlangläuft. Sie liebt es, auf der Seitenmarkierung zu laufen, viel zu dicht an den Autos – es macht ihren Freund verrückt, und mir gefällt es auch nicht. „Eigentlich hatten wir ein ziemlich normales Leben. Zum Beispiel hatten wir jeden Tag Schule, und wir mussten gut sein. Und wenn wir gut waren, durften wir jedes zweite Wochenende wählen, ob wir ins Kino wollten, oder die Tiere besuchen oder was auch immer. Aber wenn du dich nicht gut benommen hattest, dann durftest du diese Dinge nicht tun.“

2011 beschrieb Michaels Bruder Jermaine ihn in seinem Memoir als „Beispiel für das, was ein Vater sein sollte. Er verinnerlichte in ihnen die Liebe, die unsere Mutter uns gab und er bot ihnen diese gefühlsbetonte Vaterschaft, die unser Vater, wenn auch unverschuldet, uns nicht bieten konnte. Michael war Vater und Mutter zugleich.“

Michael bot den Kindern die Wahl, eine reguläre Schule zu besuchen. Aber sie lehnten es ab. „Wenn du zuhause bist“, sagt Paris, „wird dein Daddy, den du mehr liebst, als alles andere, ab und zu mitten in der Schulstunde vorbeikommen, und dann heisst es: ‘Oh, cool, keinen Unterricht mehr heute, wir machen jetzt etwas mit Daddy zusammen.’ Wir dachten: ‘Wir brauchen keine Freunde. Wir haben doch dich, Daddy, und den Disney Channel!’“ Sie war, wie sie bemerkt, „ein ganz schön verrücktes Kind.“

Ihr Vater brachte ihr auch das Kochen bei. Größtenteils Soulfood. „Er war ein super Koch“, sagt sie. „Sein gebratenes Hühnchen ist das weltbeste. Er brachte mir auch bei, Süßkartoffel-Pie zu backen.“ Paris bäckt vier solcher Kuchen für Thanksgiving bei ihrer Großmutter – das einen Tag vor dem eigentlichen Feiertag gefeiert wird, wegen dem Zeugen Jehova-Glauben Katherines.

Michael schulte Paris in allen erdenklichen Musikgenres. „Mein Vater arbeitete mit Van Halen, also hörte ich Van Halen“, sagt sie. „Er arbeitete mit Slash, also hörte ich Guns N’ Roses. Er machte mich mit Tchaikovsky und Debussy, Earth, Wind and Fire, den Temptations, Tupac, Run-DMC vertraut.“

Sie sagt, Michael legte Wert auf Toleranz. „Mein Dad erzog mich in einem sehr toleranten Haus“, sagt sie. „Ich war acht Jahre alt und in diese Frau auf dem Cover eines Magazins verliebt. Anstatt mit mir zu schimpfen, wie die meisten homophoben Eltern, machte er Spass mit mir und sagte: ‘Oh, du hast dir eine Freundin gesucht.’“

Das, worauf er bei uns den größten Wert legte“, sagt Paris, „ausser uns zu lieben, war Bildung.“ Und er sagte nicht Dinge wie: ‘Oh yeah, der große Columbus entdeckte dieses Land!’ Er sagte: ‘Nein, verdammt nochmal, er hat die Ureinwohner abgeschlachtet!’“

Hat er es wirklich so ausgedrückt? „Er hatte ein bisschen ein schmutziges Mundwerk. Er fluchte wie ein Seemann.“ Aber er war auch „sehr schüchtern.“

Paris und Prince sind sich durchaus darüber bewusst, dass die Öffentlichkeit ihre Abstammung anzweifelt. (der jüngste Bruder Blanket ist wegen seiner dunkleren Haut weniger Opfer der Spekulationen) Die Mutter von Paris ist Debbie Rowe, eine Krankenschwester, die Michael kennenlernte, als sie als Arzthelferin bei seinem Hautarzt, dem verstorbenen Arnold Klein, arbeitete. Sie führten über 3 Jahre eine eher unkonventionelle anmutende Ehe, während der, wie Rowe einmal aussagte, sie nie ein gemeinsames Heim teilten. Michael sagte, Rowe wollte ihm die Kinder „als ein Geschenk“ an ihn geben. (Rowe sagte, Paris erhielt ihren Namen nach dem Zeugungsort.) Ihr Arbeitgeber Klein war einer von mehreren Männern – darunter auch der Schauspieler Mark Lester, der 1968 die Hauptrolle im Film Oliver! Spielte – die einräumten, sie könnten Paris eigentlicher leiblicher Vater sein.

Zwischen Popcorn-Shrimps und Lachs-Röllchen, stimmt Paris zu, dieses eine Mal über diese Angelegenheit zu sprechen. Sie hätte sich für eine einfache Antwort entscheiden können, hätte sagen können, dass es nichts zur Sache tut, weil Michael Jackson so oder so ihr Vater ist. Das ist, was ihr Bruder – der sich selbst als „objektiver“ als Paris beschreibt – anscheinend vorschlägt. „Jedes Mal wenn mich jemand fragt“, sagt Prince, „frage ich: ‘Was ist der Punkt?’ Was für einen Unterschied macht es? Besonders für jemanden, der mit meinem Leben überhaupt nichts zu tun hat. In wie fern betrifft das dein Leben? Meines verändert es nicht.“

Aber Paris ist sich sicher, dass Michael Jackson ihr biologischer Vater ist. Sie glaubt es mit einer Leidenschaft, die sowohl berührend als in diesem Moment auch absolut überzeugend ist.

Er ist mein Vater“, sagt sie, und blickt mir scharf in die Augen. „Er wird immer mein Vater sein. Nie war er es nicht, und nie wird er es nicht sein. Leute die ihn wirklich gut kannten, sagen, dass sie ihn in mir erkennen, auf eine fast beängstigende Art.“

Ich sehe mich selbst als Schwarz“, sagt sie und fügt später hinzu, dass ihr Dad „mir in die Augen sah und mit dem Finger auf sie deutete und sagte: ‘Du bist Schwarz. Sei stolz auf deine Wurzeln.’ Und ich dachte: ‘Ok, er ist mein Vater, warum sollte er mich anlügen?’ Ich glaube einfach, was er mir gesagt hat. Weil ich nicht wüsste, dass er mich je angelogen hätte.“

Die meisten Leute, die mich nicht kennen, sagen ich sei weiß“, räumt Paris ein. „Ich habe helle Haut, und besonders seit dem ich meine Haare blond gefärbt habe, sehe ich aus, als sei ich in Finnland oder so geboren.“ Sie deutet an, dass es ja nicht gerade unbekannt sei, dass gemischtrassige Kinder so aussehen, wie sie – und führt aus, dass ihr Teint und ihre Augenfarbe so ähnlich seien, wie bei dem Schauspieler Wentworth Miller, der einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter habe.

Anfangs hatte sie keine Beziehung zu Rowe. „Als ich sehr, sehr jung war, hat meine Mutter einfach nicht existiert“, erinnert sich Paris. Schliesslich wurde ihr klar, „dass ein Mann keine Kinder bekommen kann“ – und als sie etwa 10 Jahre alt war, fragte sie Prince: „Wir müssen eine Mutter haben, oder?“ Also fragte sie ihren Dad, „und er sagte: ‘Yeah.’ Und ich: ‘Wie heisst sie?’ Und er sagte nur: ‘Debbie.’ Und ich: ‘OK, dann kenne ich jetzt ihren Namen.’“

Nach dem Tod ihres Vaters begann sie online über ihre Mutter nachzuforschen, und als Paris 13 Jahre alt war, trafen sie sich.

Im Zuge ihrer Behandlung in Utah, entschloss sich Paris, erneut Kontakt mit Rowe aufzunehmen. „Sie brauchte eine Mutterfigur“, sagt Prince, der es ablehnt über sein eigenes Verhältnis – oder besser fehlendes Verhältnis – zu Rowe zu sprechen. (Paris’ Manager lehnte es ab, Rowe für ein Interview zu bestellen, und Rowe reagierte nicht auf unsere Anfrage, nach einem Kommentar.)

Ich hatte viele Mutterfiguren“, entgegnet Paris, und zählt unter anderem ihre Großmutter und die Kindermädchen auf. „Aber zu der Zeit, als meine Mutter in mein Leben trat, war es nicht dieses „Mama“-Ding. Es ist eher ein Verhältnis zwischen Erwachsenen.“ Paris erkennt sich selbst in Rowe, die gerade eine Chemotherapie im Kampf gegen Brustkrebs durchstand: „Wir sind beide sehr stur.“

Paris ist sich nicht ganz sicher, was Michael für Rowe empfand, sagt aber, dass Rowe in ihren Vater „verliebt“ war. Sie ist sich auch sicher, dass Michael Lisa Marie Presley liebte, von der er sich zwei Jahre vor Paris Geburt scheiden lies. „In dem Musikvideo ‘You Are Not Alone’ kann ich erkennen, wie er sie ansah, und er war völlig von ihr eingenommen“, sagt sie mit einem zärtlichen Lachen.

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Paris mit ihrer Mutter Debbie Rowe

Paris Jackson war etwa neun Jahre alt, als ihr bewusst wurde, dass ein großer Teil der Welt ihren Vater nicht so sah, wie sie es tat. „Nachts weinte mein Vater bei mir“, sagt sie, als sie Mitte Dezember an der Theke eines New Yorker Cafés sitzt, und einen kleinen Löffel in ihrer Hand wiegt. Sie fängt auch an zu weinen. „Stell dir vor, dein Vater weint bei dir, weil die Welt ihn dafür hasst, etwas getan zu haben, das er nicht getan hat. Und für mich, war er das einzige, was zählte. Ich sah, wie meine ganze Welt litt, und ich begann die Welt zu hassen, für das, was sie ihm antaten. Ich dachte: ‘Wie können die Menschen nur so gemein sein?’“ Sie unterbricht. „Tut mir leid, ich werde emotional.“

Paris und Prince haben keinen Zweifel daran, dass ihr Vater trotz der mehrfachen Kindesmissbrauchs Beschuldigungen unschuldig war, dass der Mann, den sie kannten, der wirkliche Michael war. Wiederum sind sie sehr überzeugend – könnten sie von Tür zu Tür gehen, und darüber reden, würden sie die ganze Welt umstimmen.

Nur ich und meine Brüder sahen wie er uns abends, bevor wir zu Bett gingen, A Light in The Attic vorlas“, sagt Paris. „Keiner weiß, wie es ist, ihn als Vater zu haben. Und wenn sie es wüssten, würde sich ihre gesamte Wahrnehmung von ihm für immer völlig verändern.“ Ich werfe vorsichtig ein, dass das, was Michael ihr in diesen Nächten sagte, ganz schön hart für eine 9-jährige war. „Er hat uns nicht beschissen“, entgegnet Paris. „Du versuchst, deinen Kindern die best mögliche Kindheit zu schenken. Aber du musst sie auch auf die beschissene Welt vorbereiten.“

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Auszug aus “A Light In The Attic” von Shel Silverstein

Michaels Prozess von 2005 endete mit einem Freispruch, aber er zerstörte seine Reputation und veränderte die Lebensweise seiner Familie. Er entschied sich, Neverland für immer zu verlassen. Die nächsten 4 Jahre reisten sie durch die Welt, verbrachten lange Zeit im ländlichen Irland, im Bahrein, in Las Vegas. Paris machte es nichts aus – es war aufregend, und ihr Zuhause war da, wo ihr Daddy war.

2009 bereitete Michael sich auf ambitionierte Comeback Konzerte in der O2 Arena in London vor. „Er machte es für uns zum großen Ereignis“, erinnert sich Paris. „Er sagte: ‘Yeah, wir werden für ein Jahr in London leben.’ Und wir waren sehr gespannt – wir hatten sogar schon ein Haus dort, in dem wir wohnen würden.“ Aber Paris erinnert sich auch an seine „Erschöpfung“, als die Proben begannen. „Ich sagte zu ihm: ‘mach doch ein Schläfchen’, denn er sah müde aus. Wir waren dann in der Schule, was bedeutet, wir waren im Wohnzimmer im Erdgeschoss, und wir sahen, wie Staub von der Decke fiel und hörten das Stampfen, weil er oben am proben war.“

Paris hat eine bleibende Abneigung gegenüber AEG Live, dem Veranstalter der geplanten This Is It Tour – ihre Familie verlor den Prozess wegen fahrlässiger Tötung gegen sie, weil die Jury die Behauptung AEGs, dass Michael für seinen Tod selbst verantwortlich sei, akzeptierte. „AEG behandelt ihre Performer nicht gut“, wirft Paris ihnen vor. „Sie laugen sie aus und arbeiten sie zu Tode.“ (Ein Vertreter von AEG lehnte einen Kommentar ab.) Sie erzählt, dass sie Justin Bieber auf seiner letzten Tour ansah und Angst um ihn hatte. „Er war müde, so wie er durch die Bewegungen ging. Ich sah auf mein Ticket und sah AEG Live, und dachte zurück daran, dass mein eigener Vater ständig erschöpft war aber nicht schlafen konnte.“

Paris macht Dr. Conrad Murray – der wegen fahrlässiger Tötung ihres Vaters verurteilt wurde – verantwortlich für die Abhängigkeit von dem für den Tod ursächlichen Narkosemittel Propofol. Sie nennt ihn „den Doktor“, und macht dazu satirische Anführungszeichen in der Luft. Aber sie hat schlimmere Verdächtigungen zum Tod ihres Vaters.

Er lies Andeutungen fallen über Leute, die hinter ihm her waren“, sagt sie. „Und einmal sagte er in etwa: ‘Eines Tages werden sie mich umbringen.’“ (Lisa Marie Presley berichtete Oprah über ein ähnliches Gespräch mit Michael, der seine Ängste darüber ausdrückte, dass ungenannte Parteien es auf ihn abgesehen hätten, um seine Hälfte des mehreren Millionen schweren Sony/ATV Musikkatalogs zu bekommen.)

Paris ist davon überzeugt, dass ihr Vater auf irgendeine Art ermordet wurde. „Absolut“, sagt sie. „Denn es ist offensichtlich. Alle Zeichen deuten darauf hin. Es hört sich total nach einer Verschwörungstheorie an und es hört sich nach Mist an, aber alle echten Fans und jeder in der Familie weiß es. Es war geplant. Es war Bullshit.“

Aber wer hätte Michael Jackson gerne tot gesehen? Paris überlegt ein paar Sekunden lang, vielleicht, weil sie eine bestimmte Antwort in Erwägung zog, aber sagt dann nur: „Viele Leute.“

Paris möchte Vergeltung, oder zumindest Gerechtigkeit. „Natürlich“, sagt sie mit glühendem Blick. Natürlich möchte ich das, aber es ist wie ein Schachspiel. Und ich versuche, das Spiel richtig zu spielen. Das ist alles, was ich im Moment dazu sagen kann.“

Michael lies seine Kinder in der Öffentlichkeit Masken tragen. Eine Sache, die Paris zuerst als „blöd“ empfand, später jedoch verstand. Um so beeindruckender war es, als ein tapferes kleines Mädchen am 7.7.2009 auf der im TV übertragenen Trauerfeier für ihren Daddy, spontan ans Mikrophon trat: „Seit ich geboren bin“, sagte sie,“war Daddy der beste Vater, den man sich nur vorstellen konnte, und ich wollte nur sagen, ich liebe ihn so sehr.“

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Paris spricht auf Michaels Memorial, 7. September 2009

Sie war 11 Jahre alt, aber sie wusste was sie tat. „Ich wusste, dass es danach viel dummes Gerede geben würde“, sagt Paris. „Viel Leute würden ihn, und wie er uns erzogen hatte, hinterfragen. Das war das erste Mal, dass ich ihn je in der Öffentlichkeit verteidigte, und es war definitiv nicht dass letzte Mal.“ Für Prince war das, was seine jüngere Schwester in dem Moment zeigte „mehr Stärke, als alle anderen von uns hatten.“

Am Tag nach ihrem Ausflug zum Museum of Death, fahren Paris, Michael Snoddy und Tom Hamilton, ihr 31-Jähriger, nach Modell aussehender Manager, nach Venice Beach.

Wir schlendern an der Strandpromenade entlang und Snoddy erinnert sich an die Zeit, als er anfänglich als Strassenkünstler nach L.A. gekommen war. „Es war nicht schlecht“, sagt er. „Im Schnitt habe ich 100 Bucks am Tag gemacht.“

Paris hat ihre Haarverlängerungen zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trägt eine Sonnenbrille mit kreisrunden Gläsern, ein grünes Shirt über einer Leggings und einen Rucksack im Rasta-Muster. Heute ist ihre Stimmung dunkler. Sie spricht nicht viel, und schmiegt sich eng an Snoddy, der ein Willie Nelson Shirt mit abgeschnittenen Ärmeln trägt.

Wir gehen in Richtung der Kanäle, an denen ultramoderne Häuser stehen, die Paris nicht mag. „Sie sehen zu streng aus“, sagt sie, „sie rufen dir nicht zu: ‘Hey, komm doch zum Essen rein!’“ Sie erfreut sich an einer Gruppe Enten. „Hallo, Freunde!“ ruft sie. „Kommt, wir spielen!“ Unter den Enten befindet sich ein Paar, das aussieht wie ein verliebtes Vogelpaar, das in enger Verbundenheit durch das trübe Wasser schwimmt. Paris seufzt und drückt Snoddys Hand. „Ziele“, sagt sie. „Hashtag ‘Ziele’.“

Ihre Stimmung verbessert sich und wir kehren zum Strand zurück, um den Sonnenuntergang anzusehen. Paris und Snoddy steigen auf eine Betonabsperrung und blicken in Richtung des orange-rosa Spektakels. Es ist ein friedlicher Augenblick, bis eine mittelalte Frau in neonfarbener Jogging-Kleidung und knielangen Socken vorbei läuft. Sie grinst das Paar an und drückt den Knopf ihrer kleinen, an der Hüfte befestigten Stereoanlage, woraufhin ein etwas altmodische klingender Trance-Song ertönt. Paris lacht und dreht sich zu ihrem Freund. Als die Sonne verschwindet, beginnen sie zu tanzen.

Übersetzung: M.v.d.Linden

Patrick Treacy: Begegnung mit Michael Jackson, Irland 2006 (Teil I)

Auszug aus dem Buch: „Behind the Mask: The Extraordinary Story of the Irishman Who Became Michael Jackson’s Doctor“ von Dr. Patrick Treacy

Teil I

Ende Juni 2006 ging in den irischen Medien das Gerücht um, dass man in der Nähe der Ortschaft Kinsale, im Landkreis Cork, Michael Jackson gesehen hätte. An den darauf folgenden Tagen wurden diese Sichtungen glaubwürdiger, besonders nachdem Bert Hughes, ein Reporter von RTÉ, den Besitzer des Hughes &Hughes Buchladens in Dun Laoghaire interviewt hatte, der einen überraschenden Besuch von Michael Jackson und seinen Kindern in seinem Laden bestätigte. Die Spekulation, dass Irland das Land sein könnte, das der Sänger für sich und seine Familie ausgewählt hätte, verbreitete sich, da man gehört hatte, er wolle nicht auf seine Neverland Ranch in Kalifornien zurückkehren. Während der nächsten Tage wurde über weitere Sichtungen Jacksons berichtet – auf einer Bowling Bahn und an einer Pommesbude – aber ich machte mir keine großen Gedanken darum.
Als der Sänger nicht, wie es gemunkelt wurde, bei einem Bob Dylan Konzert in Kilkenny auftauchte, waren die Fans enttäuscht, aber die Spekulationen gingen weiter. Ich war zu der Zeit kein Fan von Michaels Musik, ich mochte eher Bands wie U2, die Stones und Pink Floyd, aber auch ich erkannte, dass er ein Genie war, wenn ich ihn auf der Bühne performen sah. Seine Kreativität überschritt nicht nur Musikgenres sondern auch ethnische Grenzen, und lies uns glauben, dass wir die Welt zu einem besseren Ort machen könnten. So wie viele andere hatte auch ich vor kurzem seinen Missbrauchs-Prozess vor dem kalifornischen Gericht beobachtet und wurde durch die Medien mit den meisten Fakten vertraut.

Jacksons Probleme begannen 2002, als er einem britischen Dokumentarfilm Team unter der Leitung von Martin Bashir erlaubte, ihm über 6 Monate zu folgen. Im Februar 2003 wurde Living With Michael Jackson ausgestrahlt, und es wurde schnell deutlich, dass der Reporter alles daran gesetzt hatte, den Sänger sehr unvorteilhaft darzustellen. Nachdem die Dokumentation gesendet worden war, beschuldigte Gavin Arvizo, ein junger Krebspatient, den Sänger des Missbrauchs, und Jackson wurde verhaftet. Ich denke man kann sagen, dass man in den Medienkreisen allgemein von einer Schuld Jacksons ausging. 1993 wurde er schon einmal beschuldigt, von einem Jungen namens Jordan Chandler, und wie in den Medien berichtet wurde, hatte er diesen ausbezahlt.
Als der Arvizo Prozess voranschritt, wurde es deutlich, dass es keine Beweise gegen den Sänger gab. Seine Ankläger waren keine glaubwürdigen Zeugen, und der Prozess zeigte, dass die Familie schon zuvor versuchte Geld von Stars zu erpressen, unter anderem auch von Jay Leno. Die Eltern Arvizos hatten seine Krankheit für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Rückblickend kann ich sagen, dass eine Sache mich gleich zu Anfang verwunderte: Die Tatsache, dass es keine weiteren Opfer gab. Wird ein Pädophiler nach Jahren öffentlich gemacht, öffnen sich normalerweise die Fluttore und eine Reihe von Opfern trauen sich schliesslich auch hervor zu kommen. Aber so etwas geschah nicht. Viel mehr war es so, dass diejenigen, die als Kinder mit Jackson zusammen gewesen waren, kategorisch jedes unangemessene Verhalten seinerseits bestritten.

Während sich die eine Hälfte der Medien in Irland damit beschäftigte, herauszufinden ob Michael Jackson sich tatsächlich in Irland aufhielt, konzentrierte sich die andere Hälfte auf die boomende Wirtschaft, darunter auch das starke Wachstum des Bereichs der kosmetischen Chirurgie. An einem Morgen im August sprach ich mit Ryan Turbridy von RTÉ in einem Interview über dieses Thema. Als ich zurück nach Ailesbury kam, war ich etwas überrascht, eine gut gekleidete Frau in meinem Wartezimmer vorzufinden, die, ohne einen Termin zu haben, schon einige Zeit dort auf mich gewartet hatte. Sie war dunkelhäutig, attraktiv, sprach mit einem weichen afrikanischen Akzent und hatte Safran farbig getöntes Haar, das ihr in kleinen Locken ins Gesicht fiel. Sie stellte sich nur als Grace vor, und fragte, ob sie für einen sehr angesehenen Klienten einen Termin ausserhalb der Öffnungszeiten vereinbaren könne.

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Grace Rwaramba mit Paris und Prince

Diese Anfrage war nicht ungewöhnlich. Viele Prominente senden einen Vertreter in die Klinik, bevor sie sich entscheiden, selbst zu kommen. Ihre größte Sorge ist, dass die Medien vor der Tür lauern und ihre Ankunft mit der Kamera in der Hand erwarten. Solches Verhalten hatte ich ein paar Jahre zuvor selbst miterlebt. Ich wurde damals angefragt, eine berühmte New Yorker Sängerin mit einer neuartigen Lasertechnik in einer Praxis in der Harley Street in London zu behandeln. Ich hatte in Ailesbury Studien mit dieser neuen Technik durchgeführt, und nur wenige hatten die Fähigkeit, sie mit den best möglichen Ergebnissen anzuwenden. Zu meiner Verärgerung hatte der Eigentümer anscheinend der Presse einen Tipp gegeben, und die Sängerin wurde fotografiert, als sie das Gebäude betrat. Er sagte mir, dass Prominente oft erwarteten, umsonst behandelt zu werden, da sie ihre Unterstützung – und die dazugehörende Publicity – als Privileg für die Klinik ansahen. So etwas fand in Ailesbury niemals statt.

Es war etwas ungewöhnlich, dass Grace, nachdem sie mit mir gesprochen und die Klinik angesehen hatte, immer noch nicht den Namen ihres Klienten nennen wollte, auch wenn sie ihn als einen sehr berühmten Sänger bezeichnete, wenn sie sich auf ihn bezog. Ich war neugierig, sogar fasziniert. Bevor sie ging sagte Grace noch, dass der Sänger über seinen Besuch keine Aufmerksamkeit seitens der Medien wolle und dass mein Ruf, das Patientenverhältnis vertraulich zu behandeln, einer der Hauptgründe dafür sei, dass er sich für die Ailesbury Klinik entschieden hatte. „Der Sänger findet es sehr schwer Menschen zu vertrauen,“ sagte sie. „Die Leute versuchen immer, etwas von ihm zu bekommen. Bitte sprechen sie mit niemand über unser Treffen. Der Sänger kennt ihre Arbeit und er würde gerne ihr Patient werden.“ Sie lächelte zustimmend, als ich sie fragte, ob der Sänger Amerikaner sei, wollte aber keine weiteren Informationen geben.
Über die nächsten Tage rätselte ich darüber, wer der Sänger sein könnte, halb in der Hoffnung, vielleicht Jay-Z oder Puff Daddy in meinem Wartezimmer vor zu finden. Zu dieser Zeit waren die Hyaluron-Dermal Filler die wir einsetzen, in Amerika nicht verfügbar, und ich dachte mir, dass das wahrscheinlich der Grund des Besuchs sein würde, da wir regelmässig Patienten aus Kalifornien und New York behandelten.

An dem vereinbarten Abend kamen meine Krankenschwester Carmel und ich gegen 21:00 Uhr zurück in die Klinik. Sie vermutete, es sei ein schwarzer Sänger und scherzte mit mir darüber, ob sie wohl ein Autogramm bekommen würde, wenn es Jay-Z wäre. Wir verbrachten etwas Zeit damit, aufzuräumen und dann, genau um 22:00 Uhr, klingelte es. Bemüht, professionell zu bleiben, sahen wir auf den schwarz-weiß Bildschirm und konnten darauf Grace und eine größere, männliche Gestalt erkennen. Carmel führte sie schnell durch die Klinik und ich wartete an der Rezeption. Einen Augenblick später öffnete sich die Tür, und die Besucher kamen herein. Grace küsste mich zur Begrüßung und wollte den Mann hinter ihr vorstellen. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, steckte er schon die Hand aus und schüttelte meine: „Hi Dr. Treacy, ich bin Michael Jackson.“
Es geschah so schnell, dass ich völlig unvorbereitet war. Nie hätte ich damit gerechnet, dass er durch meine Tür kommen würde. Einen überraschten Momentlang dachte ich, warum er es überhaupt für Notwendig hielt, sich vorzustellen – es gab sicher nur sehr wenig Menschen auf diesem Planeten, die ihn nicht erkennen würden. Michael war etwas größer, als ich es erwartet hätte: schlank, aber nicht zu dünn. Er trug einen schwarzen Fedora, sein welliges Haar war hinten zusammengebunden und er hatte ein so ansteckendes Lächeln, dass es unmöglich war, nicht mit ihm warm zu werden. Seine Jacke war aus samtigem Wildleder und darunter trug er ein enganliegendes weißes T-shirt. An beiden Handgelenken trug er kleine Bändchen, von der Sorte, die man im Urlaub am Strand in Griechenland bekommt.
Wir standen neben den Glastüren des Empfangsbereich der Klinik und er drehte sich zu mir um: „Grace haben sie ja schon kennengelernt, und sie sagte mir, dass sie sich sehr für Afrika interessieren.“
„Ja, wir trafen uns vor ein paar Tagen,“ sagte ich, und mit einem Lächeln in ihre Richtung: „Ich dachte mir, dass sie aus Afrika stammen. Aus welchem Land sind sie?“
„Ich wurde in Rwanda geboren aber wuchs in Kampala in Uganda auf,“ antwortete sie.
„Kampala… Ich war noch nie dort, traf aber vor kurzem Dr. Alex Coutino und seine Frau,“ sagt ich. „Er beschäftigt sich mit der Forschung von HIV an der Makerere Universität.“
„Ich kenne Makerere – sie ist sehr berühmt,“ antwortete sie. „Ich verlies Uganda nachdem sich die Zustände nach Idi Amin dort verschlimmerten, und wuchs dann in den USA auf.

Ich hatte Alex 2003 beim UNA-USA Global Leadership Awards Dinner in New York kennengelernt, bei dem er für seine Pionierarbeit geehrt wurde. Er arbeitete daran, HIV-infizierten Menschen eine bessere Versorgung von lebensverlängernden Medikamenten zu ermöglichen. Ich erzählte Michael, dass Bono Dr. Coutino den Global Leadership Award überreicht hatte.
„Ich weiß, dass sie in Afrika an Humanitären Projekten gearbeitet haben,“ sagte er.
„Woher wissen sie das“? fragte ich, und dachte, dass er bei seiner Recherche sicher ein paar meiner YT Videos gesehen hatte.
Natürlich fühlte ich mich geschmeichelt, wußte ich doch, dass Jackson mit Lionel Richie die Single „We Are The World“ geschrieben und alle Gewinne daraus für die Bedürftigen in Afrika gespendet hatte. Durch fast 200 Millionen verkaufte Singles wurden Millionen für die Hungerhilfe aufgebracht und der Song wurde zu einem der meist verkauften Singles aller Zeiten.

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Michael Jackson & Lionel Richie mit einem Grammy für We Are The World, 1986

Ich war völlig erstaunt, als Jackson ein altes Health & Living Magazin aus der Innentasche seiner Jacke zog und begann, laut daraus vor zu lesen. Etwas verwundert hörten wir zu. Es war ein Artikel, denn ich ein paar Jahre zuvor geschrieben hatte. Ich hätte nie erwartet einen Auszug davon von Michael Jackson vorgelesen zu bekommen, während er im Wartezimmer meiner Klinik stand.
„Es liegt eine immer gleichbleibende Magie in der Landschaft Afrikas, später jedoch kamen wir an leeren Dörfern und verlassenen Hütten vorbei, die wie ein Testament der vernichtenden Kraft der Seuche sind, deren Spuren wir folgen,“ las er.
Ich drehte mich um zu Carmel. Sie sah mich mit großen Augen an. Jackson fuhr fort:
„Diese verlassenen Dörfer verfolgen mich, und in dem steten Wind, der das blaue Gras der Savanne aufwirbelt, lausche ich in der Erwartung, die Geräusche spielender Kinder oder bellender Hunde zu hören, aber es gibt keine Geräusche.“
Er lies das Magazin sinken. „Wissen sie,“ sagte er zu mir, “als ich diesen Artikel las, musste ich weinen. Er fängt die Zerstörung Afrikas durch HIV ein.“
Einen Moment lang dachte ich, dass er sicher jemand meinen Background hatte überprüfen lassen, aber dann wurde mir klar, dass Grace diesen Artikel wohl von einem Stapel auf dem Tisch im Wartezimmer mitgenommen hatte. Manchmal beschwere ich mich darüber, wenn Patienten einfach die dort ausliegenden Magazine mitnehmen, aber in diesem Fall machte ich eine Ausnahme.
„Ich spiele mit dem Gedanken, in Rwanda ein großes Konzert zu geben, für all die Kinder, die unter HIV leiden,“ sagte Jackson. „Vielleicht sollten wir dort zusammen etwas unternehmen.“ Ich dankte Michael für seine netten Komplimente über meinen Artikel, der schon ein paar Auszeichnungen bekommen hatte, weil er das Thema HIV einem großen Publikum näher gebracht hatte. Einen Moment lang war ich mit nicht sicher, ob er mein Patient werden wollte oder ob er wollte, dass wir zusammen ein Benefiz-Konzert in Afrika planen. Mit der Erkenntnis, dass es sich wohl eher um ersteres handelte, führte Carmel Michael und Grace in das Wartezimmer um ein paar Formulare zu seiner bisherigen Krankheitsgeschichte auszufüllen. Dann kam Grace zu mir zurück und sagte: „Heute werden wir nur besprechen, welche Behandlungen Michael möchte, damit sie sich etwas besser kennenlernen.“ Michael kam zu uns. Er sagte: „Grace meint, ich könnte in einem Stadion in Kigali, mit Platz für 50.000 Zuschauer ein Konzert geben, oder alternativ auf einem verlassenen Flugfeld.“ Ich antwortete ihm, dass ich ihm sehr gerne helfen würde, ein HIV Benefiz- Konzert in Afrika zu planen, aber ich sei mir nicht sicher ob Rwanda der ideale Ort dazu sei. Ich schlug dann vor, dass es vielleicht besser sei, das Konzert in Cape Town, Südafrika, zu veranstalten. Als ich das sagte, achtete ich darauf, Grace nicht zu verletzen, indem ich ihr Heimatland als Veranstaltungsort in Frage stellte, und wußte auch nicht, wie weit das Projekt tatsächlich schon geplant war. Bevor sie antworten konnte, sprach Michael: „Nein, wir machen es in Rwanda und fliegen dann mit meinen Privatflugzeug runter nach Südafrika und besuchen Nelson Mandela.“
Die Idee, zusammen mit Michael Jackson etwas gegen HIV in Afrika zu planen, war eine sehr attraktive Vorstellung für mich. Mit seiner Hilfe könnten sich viele meiner Träume und Vorstellungen verwirklichen. Ich hatte das Gefühl, die Probleme dieses Kontinents schon seit Jahren zu vernachlässigen, auch wenn ich in den Medien immer auf all diese Dinge aufmerksam machte. Die Einladung mit einem der berühmtesten Menschen der Welt ein Konzert zu organisieren, und die Vorstellung, Nelson Mandela zu treffen, gab mir das Gefühl, dass alles was ich bisher in meinem Leben getan hatte schliesslich zueinander fand. Ich versuchte, meinen Enthusiasmus zu dämpfen. Schliesslich kannte ich ihn gerade erst seit 40 Minuten, und es war mir klar, dass er auch seine Pläne ändern könnte – aber ich hoffte, er würde es nicht tun.

Ich persönlich wußte nicht sehr viel über den Sänger, ausser dass er Millionen für wohltätige Zwecke gespendet hatte – etwas, das ich sehr bewunderte. Er hatte das schon in sehr jungen Jahren getan, während er noch Mitglied der Jackson 5 war und seinen Anteil der Konzerteinnahmen spendete. Er tat es immer ohne viel Trara oder öffentliche Aufmerksamkeit, wie andere in seiner Position es vielleicht getan hätten. Er hatte mit Luciano Pavarotti Benefiz Konzerte organisiert und die Einnahmen an Projekte wie dem Nelson Mandela Children’s Fond gespendet. Er hat sich dafür eingesetzt, Projekte zu verwirklichen und hat entschieden dieses nicht mehr von den USA aus zu tun. Hätte man ihn dort für schuldig befunden und ins Gefängnis geschickt, hätte das all seine Wohltätigkeiten gestoppt und Wohltätigkeitsorganisationen auf der ganzen Welt, besonders die, die HIV Opfern in Afrika helfen, hätten diese Auswirkung ganz direkt zu spüren bekommen.

In der Klinik war es an der Zeit zum geschäftlichen zu kommen – der ärztlichen Beratung – deshalb ging sich Grace mit Carmel ein paar Kosmetika ansehen, und Michael kam mit mir in mein Sprechzimmer. Etwas sehr faszinierendes ging von ihm aus. Er nahm seine dunkle Sonnenbrille ab, legte seinen Hut auf meinen Tisch und setzte sich mir gegenüber hin. Es war ein unwirklicher Augenblick – ich wußte, dass es sicher nicht der selbe Hut war, den er sonst bei einem Konzert auf dem Kopf hatte und am Ende ins Publikum warf, aber es fühlte sich so an.

Ich kam um den Tisch herum um das Gesicht des Sängers näher zu betrachten. Seine Lippen schienen mit einem hellen rot gefärbt zu sein, sicherlich ein Semi-Permanent Make Up. Es musste erst vor kurzem gemacht worden sein, da dieses Art Tattoos innerhalb weniger Wochen zu einem mehr natürlichen Ton verblassen. Seine Augenbrauen und Wimpern waren rabenschwarz; angesichts seines Alters nahm ich an, dass sie gefärbt waren. Ein besonderes Merkmal war seine Hautfarbe, ein künstlich aussehendes Pfirsich-weiß, stark überdeckt mit beiger Foundation und Rouge und gesprenkelt mit Bartstoppeln. Über seine Nase trug er einen hautfarbenen Pflasterstreifen von dem ich annahm, dass er Schäden von vorhergegangenen Operationen in diesem Bereich verdecken sollte.
Das ganze hatte den Effekt einer Fusion mit David Bowies Ziggy Stardust und Michael Jackson in einer Art Kabuki Make Up. Auch wenn ich dafür bekannt bin, in meinen Ansichten zu einem ästhetischen Aussehen immer ehrlich zu sein, fand ich es in dem Fall sinnvoller, zu diesem Zeitpunkt keinen Kommentar zu Michael Jacksons Aussehen zu geben. Er unterbrach meine Gedanken in dem er sich in seinem Stuhl nach vorne beugte, sich räusperte und verlegen sagte: „Ich habe schon viel von ihnen gehört, und würde gerne ihr Patient werden.“ Seine Falsetto-Stimme unterstützte dabei den theatralischen Effekt noch zusätzlich. Es war einer dieser Augenblicke in denen du mit einem Patienten alleine bist und hören kannst, wie ihre Emotionen sich in ihrem Atmen ausdrücken. Ich hatte das Gefühl, er wollte über etwas sprechen, war aber zu schüchtern, es zu sagen.
In den nächsten 30 Minuten sprachen wir über seine bisherigen Erkrankungen. Er war nervös und zurückhaltend, als er über bestimmte Aspekte sprach, aber nachdem ich seine Ängste milderte, war er offener und entspannter. Er sprach über verschiedene kosmetische Prozeduren, denen er sich eventuell unterziehen wollte und wir sprachen über jede davon. Nach meiner medizinischen Beratung beschlossen wir, mit einer kosmetischen Behandlung seines Gesichts zu beginnen.
„Ich werde die Queen treffen, und möchte möglichst gut aussehen,“ sagte er.
„Fantastisch! Wann werden sie sie treffen?“, fragte ich.
„In ein paar Monaten, in London.“
Michael erzählte mir, dass die Queen und Prince Philip an der Premiere des Films Casino Royale am Leicester Square teilnehmen würden, und dass er zu der Premiere eingeladen war, wo er ihr vorgestellt werden würde. Es schien ihn etwas nervös zu machen. Aber bis dahin waren es ja noch ein paar Monate, und ich dachte, dass er ausser seinem perfekten Aussehen noch andere Bedenken hatte.

Er lenkte seine Aufmerksamkeit auf ein Bild an meiner Wand, das er eingehend betrachtete. Es war ein Foto einer jungen Ärztin, Sneha Ann Philip, die nach den World Trade Center Anschlägen vermisst wurde. Ich hatte das Bild von einem Besuch in New York mitgebracht und es als Collage mit der amerikanischen Flagge und einer Metall Struktur eingerahmt. Ich hatte es ausgewählt, weil sie im St Vincent’s Krankenhaus in Manhattan gearbeitet hatte, wo die meisten der Opfer hin gebracht wurden. Während meines Aufenthalts in New York schrieb ich 2 Artikel über die medizinischen Aspekte der Terrorattacke, auch darüber, wie das Krankenhaus mit den Notfällen umging. Ich hatte auch viele der Angestellten interviewt, und man zeigte mir ihr Zimmer, in das sie nie zurückgekehrt war. Der Besuch in ihrem Zimmer und dieses Poster verbanden mich auf direkte Art auf menschlicher Ebene mit diesen schrecklichen Ereignissen. Vieles war mir in den Jahren danach passiert, aber was jetzt geschah, war bemerkenswert. Ich dachte wieder an New York zurück und beobachtete, wie Michael aufstand, das Bild von der Wand nahm und es eingehend betrachtete. Sein Gesichtsausdruck hatte sich völlig verändert, und seine Augen wurden traurig als er das Bild der Vermissten vor dem Hintergrund der Gebäudereste ansah. Es bestand kein Zweifel daran, dass er eine sehr empathische Person war.

„Es ist entsetzlich traurig,“ sagt er mit schwermütiger Stimme. „Waren sie in New York und haben geholfen?“ Ich sagte ihm, das ich nach de Tragödie dort war, weil ich dachte, auf meine Weise irgendwie helfen zu können. Er nahm einen hörbaren Atemzug, als ich ihm erzählte, dass ich ihr Zimmer im St. Vincent Hospital besucht hatte, wo mir ihre Kollegen bestätigten, dass sie nie zurück gekommen war, und ich davon ausging, dass sie eines der Opfer war.
„Es war so furchtbar – all die Menschen,“ antwortete er. Er schüttelte leicht den Kopf und erinnerte sich an den Horror von 9/11 und dann erzählte er:
„Ich war in New York. Ich dachte, die Terroristen würden die ganze Stadt in die Luft sprengen.“
„Es muss eine beängstigende Erfahrung gewesen sein“, erwiderte ich und nahm ihm das Bild ab, das ihn etwas zu verstören schien.
„Ja,“ sagte er, „das war es, aber wir alle sind Gottes Kinder und wir müssen für eine Zukunft beten, in der wir uns alle wieder gegenseitig lieben können.“
Ich fragte: „Sie haben ein Konzert für 9/11 gegeben, oder?“
„Ja, ich habe in Washington D.C. ein Konzert gegeben, aber das bringt auch niemand mehr zurück, oder?“ entgegnete er mit einer Stimme, die nur noch ein Flüstern war.

United We Stand Concert - Show

United We Stand, Washington D.C., 2001

„Bei diesem Konzert gab es auch eine Verbindung zu Afrika“, sagte ich, in dem Versuch, die Stimmung wieder etwas aufzuheitern und weil ich mich an Grace erinnerte, die draussen auf uns wartete.
„Gab es die?“ fragte er, als ob er einen wichtigen Teil des Konzerts verpasst hätte.
„Der Song What More Can You Give wurde doch ursprünglich für Nelson Mandela geschrieben, oder?“ „Stimmt“, antwortete er mit einem Lächeln und deutete mit dem Finger auf mich, „Sie kennen ihre Musik.“
„Nein, ich kenne Mandela, ich habe einst für seine Entlassung demonstriert,“ entgegnete ich lachend.
„Ah, sehr gut. Nelson ist ein guter Freund von mir,“ antwortete er, als ob er einen Namen eines Nachbars erwähnen würde.
Ich dachte, nach dieser neuen Verbindung und nachdem er sich weiter geöffnet hatte würde er mich jetzt sicher fragen, was ich von seiner Musik hielt. Stattdessen aber wurde er sehr nachdenklich.

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Vor dem Fenster meines Büros sah ich einen Anwohner einparken und etwas aus seinem Kofferraum holen. Ich schloss die Jalousien um sicherzustellen, dass niemand hinein sehen könnte und ging zu Michael. Die Tür zur Bibliothek stand etwas offen und ich fand dort ihn Anthony Viviers 630-Seiten starken Atlas of Clinical Dermatology lesend vor. Er saß ganz still und fuhr mit den Fingern die Zeilen entlang. Auf der Seite, die er aufgeschlagen hatte waren größtenteils schwarze, Afrikanische Erwachsene und Kinder abgebildet, manche mit Lepra, aber alle befanden sich in unterschiedlichen Stadien der Hyperpigmentierung. Eine der Abbildungen, von einem Kind, das einen großen weißen Fleck auf dem Bauch und weitere auf den Beinen hatte, schien seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er sah es lange Zeit an, bevor er laut aus dem Buch zu lesen begann:
„Vitiligo ist meistens symmetrisch, aber kann manchmal auch segmental auftreten. Die Flecken sind vollständig de-pigmentiert und scheinen weiß zu sein, aber im Anfangsstadium nicht immer.“ Er hielt inne und drehte sich zu mir: „Keiner weiß, wie verheerend sich dieses Kind fühlt. Diese Bilder zeigen nur einen kleinen Teil der Geschichte. Sie können niemals die Emotionen zeigen, die das Kind hier drinnen fühlt,“ sagte er und presste seine Faust fest an seine Brust. Er schob eines seiner Hosenbeine nach oben und sagte: „Sehen sie, ich habe auch Vitiligo!“

Ich war sehr erschrocken, als ich das Ausmaß seiner Erkrankung sah. Eine Zeitlang sprach keiner von uns, weil wir uns nicht wagten, unsere Gedanken in Worte zu fassen. Konnte es sein, dass die Welt Michael Jackson Unrecht tat, in dem sie ihn beschuldigte, seine Rasse zu verleugnen und er in Wirklichkeit eine Krankheit hatte, die seine Haut weiß aussehen lies?
Ich fragte: „Wie schlimm ist es?“ Er schien einen Augenblick lang über die Antwort nachzudenken und lehnte sich dann im Stuhl zurück. Er hielt schüchtern die Hände an sein Gesicht und hob dann sein T-Shirt um mir die porzellanweißen Flecke auf seinem Körper zu zeigen, und sagte: “Es ist ziemlich schlimm.“

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Michael Jacksons Vitiligo – hier deutlich zu erkennen

Dann zog Michael seine Hose aus und ich konnte sehen, dass seine Beine so schlimm betroffen waren, dass sie aussahen wie die Beine eines weißen mit großen, braunen Flecken, manche mit einem Durchmesser von etwa 6 – 8 Zentimetern. Die Krankheit überzog seinen ganzen Körper, so dass ich davon ausging, dass er schon seit vielen Jahren daran litt. Im Durchschnitt bricht Vitiligo im Alter von Mitte 20 aus, kann aber in jedem Alter auftreten. Es neigt dazu, sich mit der Zeit zu verschlimmern, und immer größere Areale der Haut verlieren die Pigmente. Bei manchem Menschen mit Vitiligo sind auch die Haare vom Pigmentverlust betroffen. Er erzählte mir, dass er die vergangenen 20 Jahre bei einem kalifornischen Arzt namens Arnold Klein war, der seine Akne und die durch Vitiligo verursachte Depigmentierung behandelte.

Ich sah ihn an und dachte an all die Zeitungsberichte, in denen er beschuldigt wurde, seine Hautfarbe zu verleugnen. Er tat mir sehr leid. Jemand der unter einer Krankheit wie Vitiligo leidet, hat mit genügend psychologischen Problemen zu kämpfen, denn ihr Leben ist von so vielen kleinen Dingen beeinträchtigt, die wir uns nicht einmal vorstellen können. Das völlige Fehlen von Melanin bedeutet, dass man auch anfälliger für Hautkrebs ist und sich ständig vor der Sonne schützen muss, auch im Winter. Seit Jahren trug Michael Hüte, Handschuhe und Schals und benutzte einen Schirm, egal, ob es regnete oder die Sonne schien. Ausser dem erhöhten Krebsrisiko, hielt ihn die entstellte Haut auch davon ab T-Shirts zu tragen, oder ohne komplette Bekleidung in einen Pool zu springen. Ich hatte Aufnahmen von ihm gesehen, in denen er vollständig bekleidet in seinen Pool sprang, aber niemals mit Badekleidung. Er lebte mit dieser Erkrankung seit dem er ein junger Mann war. Eine zeitlang unterhielten wir uns über die Krankheit. Er erzählte mir, dass er früher versuchte, die Erkrankung zu verstecken, weil er dachte, seine Fans würden nicht mehr seiner Musik zuhören, wenn er nicht perfekt aussah. Anfangs versuchte er die Flecken mit dunklem Make-up abzudecken, aber mit der Zeit breitete sich die Krankheit aus und es wurde einfacher, die kleinen verbliebenen dunklen Flecke im Gesicht und auf den Händen auszubleichen.

Ich fing an zu glauben, dass die Welt Michael grausam behandelt hatte. Als er in meiner Bibliothek über die emotionalen Auswirkungen von Vitiligo bei dem afrikanischen Kind auf dem Foto sprach, verstand er die psychologischen Aspekte dieser Krankheit auf einer wesentlich tieferen Ebene als ich mir vorgestellt hatte. Ich versuchte mir vorzustellen wie es sein musste, von den Medien beschuldigt zu werden, seine Abstammung zu verleugnen, während man ganz alleine solch eine Bürde zu tragen hatte, die Haut mit Cremes behandeln musste um eine Krankheit in Schach zu halten und nicht, um seine Rassen zu ändern. Als er schliesslich den Mut fand, der Welt von seine Erkrankung zu erzählen, wurde es als unwahr hingestellt, als Entschuldigung dafür, die Hautfarbe zu ändern.
Er fragte mich, ob er Anthony du Viviers Buch behalten dürfe, aber ich sagte, es sein das einzige Exemplar davon, das ich hatte. Er sagte dann, dass er gerne über medizinische Themen lese, und ich bot ihm ein kleineres Buch an, in dem es auch viele Informationen zu Vitiligo gab, aber er lehnte es ab.

„Hier ist meine private Mobil-Nummer, damit sie mit mir in Kontakt bleiben können. geben sie sie niemand anderem,“ sagte er. „Oh, und ausserdem brauche ich einen Anästhesist wenn wir die Behandlung im Gesicht durchführen. Die Region im Bereich meiner Nase ist sehr empfindlich. Können sie das arrangieren?“
Ich hielt das für eine eher unübliche Anfrage, aber er hatte erklärt, dass er nach einem verpfuschten Eingriff an seiner Nase eine Hypersensibilität im Gesicht entwickelt hatte. Ein paar meiner Patienten bevorzugten eine Vollnarkose wenn sie invasive Eingriffe hatten, und wir hatten immer einen Anästhesist auf Abruf. So entschied ich, seiner Anfrage nachzukommen. „Das sollte kein Problem sein,“ sagte ich.
Nachdem er gegangen war, dachte ich darüber nach, dass er ein sehr sensibler Mensch war. Wir teilten einige Interessen und es wäre schön, ihn besser kennenzulernen und dabei zu helfen, ein Konzert für die HIV Hilfe in Afrika zu organisieren. Gerne hätte ich jemanden von meinem Treffen mit dem Star erzählt, aber das konnte ich natürlich nicht. Fast hätte ich dem Drang, meinen Bruder Sean anzurufen nachgegeben, aber die Vernunft hatte sich dann doch durchgesetzt. Es hatten schon einige Prominente aus Irland und Übersee meine Klinik besucht, aber jetzt hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, diese Neuigkeit gerne mit jemanden zu teilen. Aber stattdessen durchstöberte ich das Internet, um so viel wie möglich über meinen renommierten neuen Patienten herauszufinden.

Zu meiner Überraschung erhielt ich wenige Tag später einen Anruf von Michael. Er fragte, ob er mich sehen könne da er noch über ein paar Dinge sprechen wollte. Es war schon dunkel, als er in einem kleinen schwarzen VW Transporter eintraf. Sein amerikanischer Fahrer Frank wartete am Parkplatz auf ihn. Wir sprachen über seine Vitiligo, während er die Titel der Bücher in den Regalen durchging. Dann fragte er, ob ich etwas über die Behandlung von Verbrennungen von Kindern hätte. Es überraschte mich etwas, und ich fragte, warum er über dieses Thema lesen wollte.
Er nahm eine Doppelseite der Irish Times und faltete sie auf dem blauen Granit meines Tresens aus. Ich war überrascht, dass er diese Zeitung las und dachte, dass ich wohl noch einiges über ihn zu lernen hätte. Den Artikel, den er mir zeigte, berichtete über zwei Kinder, die in Myoross, Limerik, im Westen Irlands, im Fond eines Autos in Brand gesetzt worden waren. Ihre Mutter, die einen Freund besucht hatte, war von zwei Jugendlichen gefragt worden, ob sie sie mit nehmen könnten. Sie hatte das abgelehnt und sie sind dann, nach einigen Beleidigungen, gegangen. Kurz darauf kamen sie jedoch zusammen mit einem Freund und einer Plastikflache mit Benzin zurück. Sie steckten einen Lappen in den Flaschenhals, zündeten ihn an und warfen die Flasche ins Auto. Die beiden Kinder im Auto waren schnell inmitten eines Infernos. Gavin, 5 Jahre alt und Millie, 7 Jahre alt, krümmten sich vor Qual vor den Augen ihrer entsetzten Mutter. Sheila Murray gelang es dann ihre Tochter, Millie, aus dem Auto zu ziehen, während Nachbarn, darunter auch einer der Täter, der Schmiere gestanden hatte aber nicht realisiert hatte, dass Kinder in dem Auto sassen, Gavin retteten. Beide Kinder mussten unter Narkose gesetzt werden, bevor man sie ins Kinderkrankenhaus Mid-Western-Regional Hospital to Our Lady’s in Crumlin brachte.

„Oh Patrick, ich denke immerzu an diese armen Kinder“, sagte Michael. „Sie müssen unglaubliche Schmerzen haben. Sie geben ihnen Morphium, oder?“ „Ja, wahrscheinlich haben sie eine Morphium Infusion. Ich habe sogar schon in diesem Krankenhaus in der Unfallstation und der Orthopädie gearbeitet. Es wird sich bestimmt sehr gut um sie gekümmert.“
Während des Gesprächs wurde Michael immer aufgeregter. Es war eine entsetzliche Geschichte, und ich konnte mir vorstellen, dass er sie nicht aus dem Kopf bekam, aber irgendetwas war anders – es war so, als könnte er ihre Schmerzen tatsächlich spüren.
„Kennen sie das Krankenhaus? Können sie mich bitte zu einem Besuch mit dorthin nehmen, damit ich sehen kann, dass es ihnen gut geht?“ fragte er.
Ich zögerte, weil ich dachte, es sei unklug wenn er, so kurz nachdem er des Kindesmissbrauchs beschuldigt worden war, diese Kinder besuchen würde, noch dazu, weil eines der Kinder den gleichen Vornamen trug, wie sein Ankläger. Ich sagte: „Ich glaube das ist keine gute Idee, Michael.“ „Patrick, ich weiß welche Schmerzen sie durchmachen. Es ist entsetzlich – einfach entsetzlich. Vielleicht kann ich ihnen irgendwie helfen,“ antwortete er.
„Ich bin sicher, dass die Ärzte alles tun, damit sie möglichst wenig leiden müssen,“ sagte ich und wusste nicht, wie ich meine wirklichen Bedenken anbringen sollte: dass die Medien einen großen Tag mit seinem Besuch haben würden.
„Warum denkst du, dass ich nicht dorthin gehen sollte?“ fragte er ruhig. Mir war klar, dass er abschätzen wollte, wie ich den Ausgang seines Prozesses empfand, und ich dachte sorgfältig über meine Antwort nach. „Warum denken sie, dass ich nicht dorthin gehen sollte?“ fragte er noch einmal.
„Weil die Medien denken werden, dass es nicht angemessen ist, wenn sie ein Kinderkrankenhaus besuchen,“ sagte ich. Er war sehr still und ich spürte, dass meine Antwort ihn enttäuscht hatte. Ich hätte das nicht sagen sollen, aber ich konnte es nicht mehr zurücknehmen.

Zu dem Zeitpunkt war mir nicht bekannt, dass er, wenn er auf einer Tour war, viele Kinderkrankenhäuser besucht hatte, besonders Verbrennungsstationen für Kinder überall auf der Welt. Oft verbrachte er Zeit mit diesen Kindern nach seinen Konzerten, wenn die meisten Künstler entweder ausgelaugt waren, und schlafen wollten, oder noch voller Energie und in Partylaune waren. Michael hatte auf seinen Tourneen jeder Klinik in jeder Stadt, die er besuchte, einen wichtiges, teures Ausrüstungsteil gespendet. Ich hätte ihm eine andere Antwort geben müssen, ich hätte sagen sollen, dass die Medien herausfinden würden wo er sich aufhielt und ihn und seine Kinder verfolgen würden. Meine Antwort musste für ihn so klingen, als würde ich den Ausgang des Prozess nicht glauben.
„Denkst du, ich würde Kinder anrühren?“ fragte er mit Tränen in den Augen.
„Nein, ich glaube, du bist so etwas wie Jesus unserer Zeit“, antwortete ich ihm ehrlich.
Das strahlende Licht in seinenAugen war jetzt erloschen, und seine Schultern schienen in sich zusammenzufallen, als er sich in seinem Stuhl nach vorn beugte. Seine ganze Person schien sich aufzulösen, und die energetische Persönlichkeit verschwand vor meinen Augen. Dann nahm er seine schwarze Perücke ab und zeigte mir seinen Skalp. Sein natürliches Haar war kurzgeschnitten, an manchen Stellen dünn, mit kahlen Stellen und einer langen Narbe am Scheitel seines Kopfs.
„Deshalb möchte ich dort hingehen; deshalb wollte ich heute mit dir sprechen,“ sagte er. „Ich habe auch Verbrennungen und ich weiß, wie es sich anfühlt.“

Mir fehlten die Worte, also besann ich mich auf das, was mir am meisten liegt – Medizin. Ich stand auf und fragte, ob ich seinen Skalp untersuchen dürfe. Ich legte meine Hand auf seine Schulter, und konnte die entstandene Spannung spüren. Mein Mund war trocken und ich wußte, dass ich zögerte. Ich wußte einfach nicht, was ich sagen sollte.
Er erzählt mir, dass 1984, während des Drehs eines Pepsi Werbespots, ein fehlgeleiteter Feuerwerkskörper auf seinen Kopf gefallen war und seine Haare in Brand gesetzt hatte. Es war offensichtlich, dass er Verbrennungen 2. und 3. Grades davon getragen hatte. Erst später erfuhr ich, dass er auch die 1,5 Millionen $ Schmerzensgeld der Versicherung an eine Verbrennungsstation für Kinder in Los Angeles gespendet hatte. Das Brotman Medical Center in Culver City, das später die Verbrennungsstation zu Ehren Michaels umbenannte, kaufte mit dem Geld modernste Ausstattung zu Behandlung von Verbrennungsopfern.

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Michael im Brotman Medical Center, 1984

Als ich die Untersuchung seines Kopfes abgeschlossen hatte, sprachen wir über eine Behandlung des Bereichs mit Haarimplantaten. Michael erzählte mir, dass er Ballonimplantate hatte, um die Haut zu dehnen, damit die Narben herausgeschnitten werden konnten, und das Haar sich so regenerieren könnte. Diese Behandlung zog sich über Jahre, und er gestand, dass er die Hoffnung aufgegeben hatte, diesen Bereich zu regenerieren und deshalb dazu übergegangen war, eine Perücke zu tragen.
Das Ereignis war jedoch noch um so dramatischer weil Michael, wie ich später herausfand, während dieser Zeit von Schmerzmitteln abhängig geworden war. Das war nachvollziehbar, weil auch viele ganz normale Menschen Schmerzmittel nehmen, wenn ihnen etwas furchtbares zugestossen ist, und dann Schwierigkeiten haben, sich selbst wieder davon zu entwöhnen. Mein Gefühl war, dass es in Michaels Fall durch das Einmischen der Medien noch schwieriger war. Als er sich selbst in eine Reha-Klinik einwies, hatte ein verdeckter Reporter mehr als 40.000$ gezahlt, um die Chance zu bekommen, vielleicht mit Michael Jackson in einer Gruppentherapie zu sitzen.
Angesichts des vorhandenen Narbengewebes, das durch die misslungenen Versuche, eine Verbesserung herbeizuführen entstanden war, entschied ich ziemlich schnell, das Michael kein geeigneter Kandidat für Haarimplantate war. Ich dachte daran, wie ein einzigerVorfall das Leben eines Menschen für immer verändern konnte. Er tat mir leid.

Ich sagte zu ihm: „Michael, ich werde morgen persönlich die Klinik besuchen um für sie herauszufinden, wie es diesen Kindern geht, aber ich denke immer noch, dass es nicht so gut wäre, wenn sie selbst dort hin gehen würden.“
„Gibt es etwas, das ich für sie tun könnte, damit es für sie angenehmer wird?“
„Lass mich mir erst einen Überblick über die Situation verschaffen,“ antwortete ich, und dachte daran, vielleicht mit den Eltern sprechen zu können, um herauszufinden, ob die Kinder alt genug waren, um Michaels Musik und auch ein Besuch zu schätzen.
Michael setzte seine Perücke wieder auf, richtete sie in einem kleinen Spiegel und fasste sich wieder. Ich fühlte mich immer noch unbeholfen. Aus irgendeinem Grund dachte ich, dass ich ihn im Stich gelassen hätte. Bevor er ging versicherte ich ihm noch einmal, dass ich am nächsten Morgen die Klinik aufsuchen und ihn über die Situation der Murray Kinder berichten würde.
Am nächsten Morgen holte ich, wie versprochen, Informationen über die Kinder ein. Viele der Ärzte, die ich auf den Korridoren traf, waren damals in den Achtzigern zusammen mit mir Assistenzärzte gewesen, es war wie eine Zeitreise in die Vergangenheit, nur, dass wir alle älter geworden waren. Gavin, der Junge, hatte fürchterliche Verletzungen davongetragen. Seine ältere Schwester Millie hatte 30% ihres Körpers verbrannt, darunter ihr Gesicht, der rechte Arm, das rechte Bein und der untere Rückenbereich.
Ich entschied, dass es nicht sehr klug wäre, wenn Michael das Krankenhaus besuchen würde. Die Möglichkeit, dass sein Besuch unentdeckt bleiben würde, bestand nicht, und es war so gut wie sicher, dass auch die ausländische Presse davon erfahren würde. Sie würden keine Ruhe geben, bis sie herausgefunden hätten, wo er wohnte. Für die Murray Kinder wurde gut gesorgt, sie waren ruhiggestellt und man versuchte, es ihnen so angenehm wie menschenmöglich zu machen. Ich dachte auch, dass sie zu ihrer Genesung ihre Ruhe haben und nicht möglicherweise Objekte eines Medienzirkus werden sollten. Nun musste ich diese Neuigkeiten nur noch Michael mitteilen.
Ich rief ihn an und erzählte ihm, wie es den Kindern ging. Er war entsetzt über das Ausmaß ihrer Verletzungen und wollte sie immer noch besuchen, aber er hatte auch über das, was ich gesagt hatte, nachgedacht, und zugegeben, dass es stimmte – das Medien Interesse wäre zu viel. Ich war erleichtert und sagte ihm, dass ich seine Entscheidung richtig fand.
„Für Eltern gibt es nichts schlimmeres, als wenn deinen Kindern etwas zustößt,“ sagte Michael. „Ich wünschte wirklich, dass ich sie besuchen könnte.“ Dann sprach er darüber, wie sehr er die viele Zeit, die er jetzt mit seinen Kindern verbringen konnte, genoss: „Ich fühle mich wirklich gesegnet, dass ich diese Zeit in Irland mit meinen Kindern verbringen kann. Weißt du, heute unternahmen wir einen Ausritt mit den Pferden. Ich liebe diese Abgeschiedenheit der irischen Landschaft.“ Er erzählte, wegen all der frischen Luft würden sie schlafen wie die Murmeltiere, sobald ihr Kopf das Kissen berührte.

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Prince, Paris und Blanket, Irland 2006

Ich fragte: „Vermissen sie nicht das sonnige Wetter Kaliforniens?“
„Nein, nicht wirklich. Ich mag den Nebel und den Regen, besonders, nachdem ich im Bahrein gelebt habe. Wir sind von dort abgereist und werden nicht zurückgehen. Ich würde mich gerne in Irland niederlassen.“
„Wo genau würden sie gerne wohnen?
„Wicklow gefällt mir und im Moment sehen wir uns auch andere Anwesen an.“
„Vielleicht sollten sie sich Fermanagh ansehen, wo ich aufgewachsen bin,“ sagte ich. „Es ist voller Schlösser und Seen.“
„Schlösser und Magie – das würde den Kindern gefallen.“
Michael erwähnte, seine Kindern sollten ein ungestörtes Privatleben haben. Er erzählte, dass Prince William und Prince Harry nach dem Tod ihrer Mutter auch aufwachsen durften, ohne Übergriffe der Medien. Er fragte sich, ob man in Irland für seine Kinder durch eine ähnliche Vereinbarung auch diese Art Freiheit erreichen könnte. Sie wurden Eltern, und er wußte, dass es an der Zeit wäre, sie in eine normale Schule zu schicken, damit sie ausserhalb ihrer Familie soziale Kontakte knüpfen und eigene Freundschaften aufbauen könnten. Sie schienen es sehr zu geniessen, mit den irischen Kindern an dem Ort irgendwo mitten in Irland, an dem sie wohnten, zu spielen.

Nach einer Weile kamen wir auf den World Music Award zu sprechen, an dem Michael im November teilnehmen sollte. Er wußte, dass die britischen Tabloids schon proklamierten, dass er bei dieser Veranstaltung ein triumphales Comeback liefern würde.
„Wann war ihr letztes Konzert in London?“ fragte ich.
„Das letzte Mal, dass ich in London gesungen habe, war anlässlich des Brit-Awards 1996,“ antwortete er. „Das ist keine angenehme Erinnerung, weil so ein britischer Typ auf die Bühne gesprungen ist.“
Zehn Jahre waren seit dem vergangen und ich hatte vergessen, dass seine „Earth Song“ Performance durch Jarvis Cocker, Sänger der Gruppe Pulp, gestört worden war, der damit dagegen protestieren wollte, dass Michael auf der Bühne als eine Christus ähnliche Figur herüberkam.

>> Fortsetzung folgt in Teil II <<

Dr. Patrick Treacy ist Facharzt für kosmetische Medizin und Gründer der Ailesbury Clinic in Dublin. Sein biografisches Buch, in dem ein Kapitel seiner Freundschaft mit Michael Jackson gewidmet ist, schrieb er 2015.

Quelle: Behind the Mask: The Extraordinary Story of the Irishman Who Became Michael Jackson’s Doctor

ERTAPPT! Wade Robson wurde dabei erwischt, Beweise vertuscht und ein Enthüllungsbuch geplant zu haben

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Original: http://dailymichael.com/lawsuits/robson-v-estate/338-busted-wade-robson-got-caught-hiding-evidence-and-shopping-a-tell-all-book

Am 27. Dezember 2016 hat das MJ Estate einen Antrag gestellt, um Wade Robson zu zwingen, wesentliche Dokumente vorzulegen. Dieser Antrag ermöglichte uns einen ersten detaillierten Blick auf die Beweiserhebungsphase und eines ist gewiss – immer wieder lügt Wade Robson offensichtlich und krampfhaft, um Beweise vor dem MJ Estate zu verbergen. Von Beweismittelmanipulation bis zur Planung eines Enthüllungsbuchs – hier sind die unglaublichen Informationen, die wir aus dem Verpflichtungsantrag haben (das Dokument befindet sich hier):

Jetzt ist bestätigt, dass Joy Robson und Wades Geschwister Ende September wie geplant unter Eid vernommen worden sind. Wade Robson wurde im Dezember 2016 unter Eid vernommen. Am 28. März 2016 übermittelten die MJ Firmen Wade Robson ihre erste Aufforderung, relevante Dokumente herauszugeben. Sie verlangten von Wade Robson alle Dokumente und den gesamten Schriftverkehr zwischen ihm und jeglichen Personen in Bezug auf seine Missbrauchsvorwürfe. Es scheint allerdings, dass Wade nicht mehr darauf erpicht ist, seine Wahrheit weiterzugeben:

1. Wade Robson legte zunächst ein einziges Email vor, als er aufgefordert wurde, jegliche Korrespondenz vorzulegen, die mit seinen Missbrauchsvorwürfen in Verbindung steht

Am 3. Juni 2016 legte Wade Robson ein einziges Email vor und unter Eid gab er an, dass es die einzige Korrespondenz sei, die er hatte. Die einzige genannte Email ist ein Email vom 7. September 2012, die Wade Robson an 30 Personen geschickt hatte. Richter Beckloff erwähnte dieses Mail in seiner Zurückweisung der Nachlassklage. Laut Richter Beckloffs Entscheidung enthielt dieses Mail Sätze wie „sehr persönliche Informationen“, „extrem heikle Rechtsangelegenheit“ und „die Wahrheit seiner (Robsons) Vergangenheit“. Dieses Mail war einer der Gründe, warum Richter Beckloff die Nachlassklage abgelehnt hat. (Link) Das neue Beweisverfahren zeigt, dass es viele andere Mails und Dokumente gibt, die Wade nicht vorgelegt hat.

2. Wade Robson hat unter Eid fortwährend betreffend der Existenz von Dokumenten gelogen, wie auch bezüglich seiner Suche und Vorlage dieser Dokumente

Am 23. Juni 2016 besprachen sind die Anwälte des MJ Estate mit Wade Robsons früheren Anwälten und drückten ihren Zweifel an einer redigierten Geltendmachung von Wade aus. Wir vermuten, dass das Estate nicht glaubt, dass es nur eine einzige Korrespondenz zwischen Robson und anderen Leuten über seine Anschuldigungen gab.

Ende Juli 2016 heuerte Wade Robson neue Anwälte an und plötzlich änderte er seinen Ton: sie legten in Erwiderung auf die erste Aufforderung, relevante Dokumente herauszugeben 100 Seiten vor. Er gab keine Erklärung an, warum er zuvor unter Eid behauptet (*hust* gelogen *hust*) hat, dass es nur ein Schriftstück gab. Damals hat das Estate anerkannt, dass Wade Robson alle verlangten Dokumente zur Verfügung gestellt hat.

Darüber hinaus sind während der eidesstattlichen Aussage der Familie Robson weitere Beweise zum Vorschein gekommen, da Wades Mutter und Geschwister weitere Dokumente und Emails über den angeblichen Missbrauch vorgelegt haben, die von Wade verschickt oder erhalten wurden – weitere Emails, die Wade während der Erhebungsphase nicht vorgelegt hat. Als er mit der neuen Erkenntnissen konfrontiert und aufgefordert wurde, seine Vernichtung relevanter Beweise zu erklären, gab Robsons Anwalt zu, dass Wade nicht alle in seinem Besitz befindlichen Dokumente vorgelegt hat und nicht einmal nach den verlangten Dokumenten gesucht hat.

Ende Oktober 2016 gab Wade dem MJ Estate ca. 4000 Seiten. Während deren Prüfung realisierte das Estate erneut, dass Wade Robson immer noch nicht alle relevanten Dokumente übergeben hat und weiterhin falsche Angaben machte.

Nachdem das Estate Wade mit einem Gerichtsbeschluss und einer kriminaltechnischen Untersuchung seiner Konten und Laufwerke gedroht hat, machte Wade Robson auf magische Weise weitere Dokumente ausfindig und behauptete erneut, dass seine Dokumentendarlegung jetzt abgeschlossen ist. Es gibt allerdings immer noch Lücken. Wade Robson hat nicht nur einige Dokumente nicht vorgelegt, die von anderen Leuten zur Verfügung gestellt wurden, und fälschlicherweise viele überarbeitet, die er vorgelegt hat (mehr dazu in den Punkten 4 & 5), er gab bei seiner eidesstattlichen Aussage im Dezember 2016 auch an, dass er nicht gezielt nach den Emails gesucht hat, die das MJ Estate verlangt hat.

3. Wade Robson plante ein Buch über den angeblichen Missbrauch, BEVOR er seine Klage eingereicht hat

Ja, ihr habt richtig gelesen. Wade plante ein Buch, BEVOR er seine erste Klage eingereicht hat. Er heuerte sogar den Literaturagenten Alan Nevis an, um ihm zu helfen. Seine Familienfreundin / Geschäftsberaterin Helen Yu war ebenfalls an dem Versuch beteiligt, dieses Buch zu veröffentlichen. (Helen Yu ist eine Entertainment-Anwältin, die Wade vertreten hat und ist nicht zu verwechseln mit Susan Yu.)

Von einem Dokument, das Wade etwa im Oktober 2016 vorgelegt hat, erfuhr das Estate, dass Wade Robson Ende 2012 – Anfang 2013 ein Buch über den angeblichen Missbrauch geschrieben hat und tatkräftig Verlegern angeboten hat, BEVOR er seine Klage eingereicht hat. Am 20. Oktober 2016 forderte das Estate Wade auf, ihnen die Entwürfe und Überarbeitungen seines Buches zu übergeben und fragten auch, warum er es nicht schon vorher vorgelegt hat, weil das Buch offensichtlich von seinen Missbrauchsvorwürfen handelt. Wir können jetzt auf die (abgewiesene) Nachlassklage und die laufende Klage gegen die Firmen zurückblicken und sagen, dass Robson drei lange Jahre die Tatsache verschwiegen hat, dass er solch ein Buch geschrieben hat, da es zuvor niemals erwähnt und vorgelegt worden ist.

Wade antwortete darauf, dass er das Buch nicht vorgelegt hat, weil er es nicht finden konnte. Nur 4 Tage später änderte er seine Geschichte – Wades Anwälte sagten, dass er einen Entwurf seines Buches besaß, aber es war mit „für meine Anwälte“ gekennzeichnet. Die Anwälte behaupteten jetzt also, dass Wade den Entwurf des Buches besaß, welches er aber vorenthalten hat, weil es vertraulich war (Mandant-Anwalt Vertraulichkeit). So schnell und einfach ändern sie ihre Geschichten.

Wade Robsons Anwälte sagten, dass Wade auf sein Recht verzichtet und den Entwurf des Buches dem MJ Estate zur Verfügung stellt. Das MJ Estate verlangte die Herausgabe aller Entwürfe des Buches mit intakten Metadaten. Wade Robsons Anwälte sagten, dass sie ein „kürzlich erstelltes“ PDF des Buchentwurfs erhalten haben und dass ein besonderes Programm notwendig sei, um das „ursprüngliche Verlagsformat“ zu öffnen. Das Estate verlangte erneut von Wades Anwälten, ihnen das Originaldokument zu senden und erwiderten, dass sie „das Programm eruieren können, um es zu öffnen“.

Im Oktober 2016 legte Wade Robson einen einzigen Entwurf seines Buches vor und verweigerte, andere Entwürfe / Überarbeitungen des Buchs, wie auch die ursprünglichen elektronischen Dokumente mit intakten Metadaten zur Verfügung zu stellen. Er lieferte keine Erklärung, warum er sich weigert, das Originaldokument mit den Metadaten vorzulegen. Wade gibt weiters an, dass seine Korrespondenzen mit den Verlegern über das Buch vertraulich sind.

Warum sind die originalen elektronischen Dokumente mit den Metadaten und allen Entwürfen / Überarbeitungen des Buchs für das MJ Estate so wichtig? Sie wollen wissen, wann das Dokument erstellt worden ist, wann es bearbeitet wurde und ob Wade den Entwurf des Buchs im Laufe der Klage abgeändert hat.

4. Wade Robson hat seinen Schriftverkehr mit seinen Familienangehörigen nicht vorgelegt. Ein zensiertes Email von Joy Robson könnte Zweifel aufkommen lassen an einer Behauptung, die Wade später in seiner Klage aufgeführt hat

Das Estate konnte herausfinden, dass Wade viele seiner Email-Korrespondenzen mit seinen Familienangehörigen nicht zur Verfügung gestellt hat. Das ließ das Estate zwei naheliegende Fragen stellen – Was hält Wade noch zurück? Und wenn Wade diese Emails nicht mehr hat, was hat er noch gelöscht?

In dem Antrag weist das Estate darauf hin, dass manche Emails fehlen. Eine davon war ein Email-Verkehr vom Oktober 2012 mit dem Betreff „Fragen an Mama – 2.0“. In dem Antrag gibt das Estate an, dass Wade seiner Mutter Fragen zu seinen Besuchen in den U.S. als Kind, seinen Interaktionen mit Michael und Missbrauchsvorwürfen gestellt hat. Wade übermittelte keine dieser Emails an das MJ Estate.

Ein weiteres Email ist mit 15. Februar 2016 datiert und trägt den Betreff „Aussage Sicherheitsdienst“. Das Estate gibt an, dass Wade Robson seine Mutter in diesem Email fragt, was sie von einer angeblichen Behauptung einer ehemaligen Sicherheitsbediensteten auf Neverland über unangemessenes Verhalten der Beklagten (die MJ Firmen) hält. Joy Robson antwortet „Wow. Nichts davon ist wahr…“ und der Rest der Antwort ist in der von Joy Robson vorgelegten Version unkenntlich gemacht. Obwohl Wade Robson das Email vorlegt, das er seiner Mutter geschickt hat, stellt er dem Estate nicht die Antwort seiner Mutter zur Verfügung und jetzt behauptet Joy praktischer Weise, dass sie zu diesem Email auch keinen Zugang mehr hat. Warum wohl?

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Wir würden hier gerne kurz abschweifen und erörtern, was das bedeuten könnte. Die Neverland Sicherheitsbedienstete, die sich angeblich zu Wade und Michael geäußert hat, ist höchstwahrscheinlich Charli Michaels. Sie ist die einzige Sicherheitsbedienstete, die Aussagen über die Robsons, einschließlich Joy Robson, gemacht hat. Wade nutzte ihre Behauptungen in seiner letzten abgeänderten Klage, die im September 2016 eingereicht wurde, um die Firmen durch Norma Staikos zu beschuldigen. Hier ist der relevante Teil von Robsons Klage:

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Wenn unsere Vermutung stimmt und hier geht es tatsächlich um die Behauptungen von Charli Michaels, dann würde das bedeuten, dass Wade Robson keine Skrupel hat, Geschichten und Behauptungen in seinen Gerichtsdokumenten zu verwenden, von denen er weiß, dass sie falsch sind. Lasst uns das betonen: Im Februar 2016 antwortet Wades Mutter Robson bezüglich Charli Michaels Geschichte: „Wow. Nichts davon ist wahr.“ Wade hat dennoch kein Problem damit, es im September 2016 in seiner Klage zu verwenden. Das könnte der Positivbeweis sein, dass er in Gerichtsdokumenten bewusst und vorsätzlich lügt, um zu bekommen, was er möchte – Geld. Schließlich geht es hier um die „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“, und nicht um Geld, oder? Das würde erklären, warum Wade die Antwort seiner Mutter überhaupt nicht vorgelegt hat und warum Joy nur eine geschwärzte Version ihrer Email zur Verfügung gestellt hat und jetzt behauptet, dass sie keinen Zugriff mehr auf dieses Email hat.

Wenn wir schon über „Gerechtigkeit“ und „Wahrheit“ sprechen: Was für eine Art „Gerechtigkeit“ und „Wahrheit“ ist das, wenn sie auf Lügen beruht? Angeblich sind diese Firmen „die komplexeste Organisation für Zuhälterei und Förderung des Kindesmissbrauchs aller Zeiten“ und sie müssen der „Gerechtigkeit“ zugeführt werden, aber um sie anzuklagen nutzt Robson Informationen, von denen er weiß, dass sie nicht wahr sind. Dabei arbeitet er mit seiner Mutter an diesen Geschichten zusammen – derselben Mutter, die den Kontakt mit Michael und seinen Firmen Anfang 1990 initiiert hat, als Robson in die Vereinigten Staaten gekommen ist; derselben Mutter, die Michaels Firmen täglich angerufen hat, um auf die Green Cards zu drängen; derselben Mutter, die ihn in Michaels Zimmer schlafen ließ, nicht nur vor, sondern auch nach den Beschuldigungen der Chandlers. Dennoch ist Norma Staikos die „Zuhälterin“ und Michaels Firmen sind die „Organisationen für Zuhälterei und Förderung des Kindesmissbrauchs“. Wie kommt es, dass Wade nicht seine Mutter der „Gerechtigkeit“ zuführen möchte, sondern lieber Firmen basierend auf Geschichten, von denen er weiß, dass sie falsch sind? Die Frage ist rhetorisch. Die Antwort auf diese Frage ist ziemlich offensichtlich.

5. Wade Robson hat einigen Schriftwechsel unnötigerweise überarbeitet und fälschlich als vertraulich bezeichnet

Wade Robson hat 70 Emails zwischen ihm selbst und seiner Familie völlig überarbeitet. 50 dieser Emails wurden an seine Mutter Joy gesendet, die keine Anwältin ist. Robson machte Anwaltsgeheimnis und Work Product Doctrine geltend, um seine Überarbeitungen zu erklären. Netter Versuch, Wade!

Wade überarbeitete auch jedes einzige Email, das in Kopie an Helen Yu geschickt wurde, obwohl an diesen Unterhaltungen andere Leute beteiligt waren, die keine Anwälte sind.

Diese Überarbeitungen machen nicht viel Sinn. Wades Familienmitglieder sind keine Anwälte. Gleichermaßen argumentiert das Estate, dass manche Korrespondenz mit Helen Yu vertraulich sein mag, aber ihre Präsenz alleine macht nicht jeden Schriftwechsel vertraulich. Das würde auf den Inhalt ankommen. Wir verstehen das so, dass Wades Anwälte behaupten, dass die Schriftwechsel zwischen Wade und seiner Familie „an einen Anwalt gerichtete Zeugenaussagen“ sind. Das MJ Estate kauft ihnen dieses Argument nicht ab. Wir auch nicht.

Darüber hinaus gibt das Estate basierend auf einem Beispiel eines überarbeiteten Schriftwechsels zwischen Robson und seiner Mutter an, dass Wades eigenständige Erinnerung an seine Kindheit begrenzt ist und er sich bezüglich seiner Interaktionen mit Michael erheblich auf seine Mutter verlässt. Das Estate argumentiert, dass Wades Korrespondenz mit seiner Familie dem Estate schon aus diesem Grund nicht vorenthalten werden sollte und dass eine Verweigerung, sie ihnen vorzulegen, das MJ Estate in ihrer Vorbereitung der Verteidigung unfair beeinträchtigen würde.

6. Wade hat Emailanhänge nicht vorgelegt

Darüber hinaus stellt sich heraus, dass Robson fast alle Emails ohne die dazugehörigen Anhänge vorgelegt hat. Das MJ Estate erwähnt Emails, die Robson kurz nach Michaels Tod geschickt hat. Das Estate beschreibt dieses Email als „einen von Robsons vielen Versuchen, Geld aus seiner Verbindung mit Michael nach seinem Tod zu machen“, aber Robson stellte den in diesem Email enthaltenen Anhang nicht zur Verfügung.

Robsons Anwälte räumten ein, dass dies ein häufiger Fehler war, da Robson seine Emails in PDFs umgewandelt hat und diese Methode die Anhänge nicht berücksichtigt. Robson willigte ein, Anhänge zu zwei Emails vorzulegen. Allerdings legte er die Anhänge nicht mit den dazugehörigen Emails vor. Das erschwert die Feststellung, welcher Anhang zu welchem Email gehört. Darüber hinaus hat Robson auch keine Anhänge zu irgendwelchen anderen Emails vorgelegt.

Absurderweise hat Robson versucht, die Beweislast hin zum MJ Estate zu verschieben, indem er ihnen sagte, sie sollen ermitteln, bei welchen seiner Emails die Anhänge fehlen.

Lieber Wade, Du weißt schon, dass die kleine Büroklammerabbildung bedeutet, dass das Email einen Anhang hat, oder? Die Dämlichkeit von Robsons Argumenten ist erstaunlich.

7. All das beleuchtet anschaulich, warum Wade Robsons Anwälte ihn so rasch wie möglich unter Eid aussagen lassen wollten

Möglicherweise könnt ihr euch erinnern, dass Robsons Anwälte Wade am 24. August 2016 unter Eid aussagen lassen wollten und versucht haben, das Estate zu einer jetzt oder nie Aussage unter Eid drängen wollten. Das Estate hat seinen Antrag, Wades eidesstattliche Aussage zu verschieben, da sie auf den Bericht seiner geistigen Begutachtung warten wollten, erfolgreich vorgebracht und gewonnen. (Link)

Wenn Robsons Anwälte gewonnen und das Estate im August 2016 zu Robsons Befragung unter Eid gedrängt hätten, würde dem Estate weder der Bericht der geistigen Begutachtung vorliegen, noch hätten sie von den fehlenden Emails zwischen Wade und seiner Familie oder dem von Wade geschriebenen Buch erfahren.

Damals schien es eine Taktik von Wade Robsons Anwälten gewesen zu sein, das MJ Estate zu drängen, Wade unter Eid zu befragen, bevor sie den Bericht der geistigen Begutachtung zurückbekommen. Jetzt haben wir erfahren, dass es um mehr ging, als nur um einen einzigen Bericht. Sie wollten das Estate zu einer eidesstattlichen Befragung Wades drängen, bevor sie IRGENDEINE Ausforschung machen konnten.

Es soll hier klargestellt werden, dass Beweismittelvernichtung und Sabotage der Beweiserhebung gegen das Gesetz sind. Infolgedessen verlangt das Estate vom Gericht, Wades Einhaltung seiner Beweiserhebungsverpflichtungen zu erzwingen, sie wollen, dass Wade unbearbeitete Versionen jener Emails vorlegt, die er unzulässiger Weise zensiert hat und sie wollen, dass er alle Anhänge zu den Emails zur Verfügung stellt. Das MJ Estate erbittet vom Richter darüber hinaus die Anordnung, dass Wades Konten und Laufwerke einer kriminaltechnischen Überprüfung unterzogen werden. Das Estate argumentiert, dass es ihnen nicht möglich ist, herauszufinden, was Wade noch immer nicht vorgelegt hat. Das Estate hat bereits einen Experten – Michael Kunkel von Setec Security Technologies – angestellt, um die kriminaltechnischen Untersuchungen von Wades Konten/Festplatten durchzuführen, damit das Estate die Informationen bekommt, auf die sie ein Anrecht haben, um sich gegen Robsons Anschuldigungen zu verteidigen. Zuletzt verlangt das Estate, dass Robson $17.100 zahlen soll. Die Anhörung zu dem Verpflichtungsantrag ist für 2. Februar 2017 geplant.

Wenn man die obigen Informationen zusammenfassend betrachtet, bleiben drei Möglichkeiten

  • Wade hat die Dokumente nicht gründlich gesucht
  • Wade hält Dokumente vorsätzlich zurück
  • Wade hat relevante Beweise vernichtet

Wir tippen auf die Möglichkeiten 2 und 3. Wade hält die Dokumente vorsätzlich zurück und vernichtet sie höchstwahrscheinlich wie eine aufgeschreckte Katze, da ihn das Estate mehrfach beim Lügen erwischt hat. Wade hat wiederholt ein paar Dokumente vorgelegt und unter Eid behauptet, dass das alles sei, was er besitzt. Jedes Mal, wenn das Estate allerdings widersprechende Beweise eruiert hat, konnte Wade dem Estate plötzlich weitere Dokumente übergeben. Das ist mehrmals passiert und scheint noch immer der Fall zu sein.

Unsere Meinung dazu

Wir möchten diesen Post mit unserer persönlichen Meinung zu diesen jüngsten Entwicklungen beenden. Alle obigen Informationen bestätigen, dass es hier einzig um Geld geht, wie wir das von Anfang an vermutet haben. Es ist offensichtlich, dass Wade die ganze Zeit eine außergerichtliche Einigung angestrebt hat und nie beabsichtigt hat, dass dieser Fall in die Beweiserhebungsphase kommt. Jetzt versuchen sie verzweifelt, Informationen vor dem MJ Estate zu verbergen und lügen dabei sehr offensichtlich.

Wenn wir uns die Chronologie und all die Informationen ansehen, die wir bis jetzt haben, bekommen wir noch eine weitere Bestätigung, dass Wade „viele Versuche unternommen hat, um nach seinem Tod Geld aus seiner Verbindung mit Michael zu machen“. Wir wissen zumindest, dass Robson 2010 und 2011 mit Cirque wegen Michael-Projekten in Kontakt stand. 2011 traf sich Wade sogar mit John Branca, um über Cirque-Projekte zu sprechen. (Interessante Nebenbemerkung: Trotz seinem Treffen mit Branca behauptete Wade, dass er nichts über das MJ Estate wusste). Im Juli 2011 gab Wade ein Interview und sagte, dass er bei Cirques MJ Show Regie führen wird. Wir wissen, dass das nicht passiert ist. Es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass seine Versuche, Geld aus seiner Verbindung mit Michael zu machen, nicht erfolgreich waren.

Wir haben jetzt auch erfahren, dass Wade Ende 2012 / Anfang 2013 ein Buch geschrieben hat und ohne Erfolg einen Verleger gesucht hat, bevor er seine Klage eingereicht hat. Dieser Versuch, Geld zu machen, scheiterte also ebenfalls. Offensichtlich hat uns das zu seiner Klage geführt, die wir „wenn alles andere scheitert, verklage die Michael Jackson Bank“-Klage nennen können.

Dass Wade ein Buch geschrieben und einen Verleger dafür gesucht hat, BEVOR er diese Klage eingereicht hat, zeigt eindeutig, dass es hier einzig um Geld geht und um nichts anderes. Manche Verteidiger Robsons mögen „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ anführen, aber „Wahrheit“ kann auch ohne Preisschild vermittelt werden und „Gerechtigkeit“ wird nicht durch ein Buch bewirkt. Wenn man sich zuerst um einen Buchdeal kümmert und erst anschließend eine Klage einreicht, bleibt kein Zweifel, dass es nur um Geld geht.

Es darf nicht vergessen werden, dass Wade diese Klage ursprünglich unter Verschluss eingereicht hat. Die „Wahrheit“ zu erzählen war nicht gerade sein Anliegen von Anfang an. Vielleicht hat er gehofft, dass sich das MJ Estate schnell außergerichtlich einigt, damit diese Anschuldigungen verschwinden. Aber das ist nicht passiert. Dann hat sich die Taktik geändert. Safechuck wurde vielleicht angeheuert und seine Klage wurde mit einem Exklusivbericht von Diane Dimond, einer bekannten MJ Haterin, angekündigt. Radar Online wurde ein Sprachrohr für Wade, ihre Artikel sind voller Falschinformationen und dramatischer Titel, die „anale Vergewaltigung“ und so weiter beinhalten. Das Timing vieler dieser Ereignisse ist ebenfalls ziemlich verdächtig, da sie immer mit bedeutenden Zeitpunkten für das Estate zusammenfallen: kurz vor einer neuen Veröffentlichung, um den Jahrestag von Michaels Tod und so weiter. Dann kamen die neuen Anwälte, die große Fans von Presseaussendungen für jeden einzelnen von ihnen eingereichten Antrag sind. Sie lieben es, Runden in den Medien zu drehen. All das legt nahe, dass sie versucht haben, das MJ Estate zu einer außergerichtlichen Einigung zu drängen.

Genau deshalb haben wir das Gefühl, dass sich Wade niemals gedacht hätte, dass dieser Fall in die Beweiserhebungsphase kommt und er dem MJ Estate Dokumente vorlegen muss. In der Stunde der Wahrheit versuchte er, seine Spuren zu verwischen, aber er wurde auf frischer Tat ertappt. Zu sehen, wie sich all das entwickelt, wird ziemlich interessant werden.

Präsidiale Politik: Michael Jackson und “sanfte Macht”

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Original Post:  
Presidential Politics: Michael Jackson and „Soft Power“ vom 20/10/2016


Willa:
Also Lisha, ich habe gerade ein faszinierendes Buch mit dem Titel „Darstellung des Frederick Douglass: Eine illustrierte Biografie des meistfotografierten Amerikaners des 19. Jahrhundert“ von John Stauffer, Zoe Trodd und Celeste-Marie Bernier gelesen. Douglass war ein freigelassener Sklave und ein unermüdlicher Abolitionist (Anhänger der Sklavenbefreiung), und er trieb seine politischen Zielsetzungen auf verschiedenste Art und Weise voran.

Eine Art bestand in seiner fortwährenden Beziehung mit Amerikas Präsidenten, angefangen mit Abraham Lincoln, auf den die nächsten sieben Präsidenten folgten. Er traf sie bis zu seinem Tod im Jahr 1895 alle, von Lincoln bis Harrison.

Eine weitere Art bestand im Einsatz von Fotografie und dem öffentlichen Bild von ihm, um die Sichtweise weißer Menschen auf schwarze zu hinterfragen. Dies war besonders bedeutsam nach dem Bürgerkrieg, da so viele weiße Amerikaner seit Generationen daran gewöhnt waren, Sklaven als etwas Niedrigeres als menschliche Wesen anzusehen. Douglass glaubte, dass Fotografie die Macht besaß, Weiße dazu zu bringen, Menschlichkeit in anderen zu erkennen und auf neue Art zu sehen und zu fühlen.

Douglass war zum Beispiel ein Unterstützer von Hiram Revels, dem ersten schwarzen Senator Amerikas. Während er ein Porträt von Revels betrachtete, sagte Douglass: „Welche Vorurteile diejenigen, die dies betrachten, auch immer haben, sie werden sich veranlasst sehen zuzugeben, dass der Senator von Mississippi ein Mensch ist.“

Ich würde gern irgendwann einmal über Frederick Douglass reden und darüber, wie er sein öffentliches Bild einsetzte, um soziale Veränderung herbeizuführen. Es gibt einige faszinierende Verbindungen zu Michael Jackson, denke ich.

Lisha: Das klingt faszinierend, Willa! Ich vermute, eine gute Diskussion über Frederick Douglass würde viel zur Erklärung der Bedeutung von Michael Jacksons Werk beitragen.

Willa: So sehe ich das auch, besonders die Art und Weise, auf die er seine Bekanntheit und seine sich weiterentwickelnde öffentliche Rolle genutzt hat.

Aber fürs Erste dachte ich, Douglass könnte ein nützlicher Ansatzpunkt sein, um eine Unterhaltung über Michael Jackson, Fotografie, seine öffentliche Rolle und die amerikanische Präsidentschaft zu beginnen.

Lisha: Gut, ja. Weil nämlich Michael Jackson, genau wie Frederick Douglass, die subversive Macht von Bildsprache und Symbolik verstand, und das ist besonders interessant und bedeutsam, wenn wir seine Wirkung im Zusammenspiel mit den U.S. Präsidenten betrachten.

Willa: Absolut. Douglass nahm zum Beispiel an Lincolns Amtseinführung teil – eigentlich war er einer der ersten, wenn nicht sogar der erste Schwarze, der als Gast eines amerikanischen Präsidenten fotografiert wurde. Hier ist ein historisches Foto von Lincolns zweiter Inauguration, bei dem Lincoln auf dem Podium steht und Douglass mit einem roten Kreis markiert ist.

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Douglass war jederzeit sehr sorgsam dabei, in der Öffentlichkeit auf eine sehr düstere und würdevolle Art aufzutreten, und das ist in diesem Bild spürbar, denke ich – auch aus dieser Distanz und in diesem Menschengewühl.

Lisha: Whoa! Das Foto ist erstaunlich. Ich hatte keine Ahnung, dass es überhaupt existiert. Jetzt stell mal dieses Foto von 1865 dem Foto von Michael Jackson 1984, auf dem er gerade mit dem Präsidenten und Mrs. Reagan hinaus auf den Rasen des Weißen Hauses tritt, gegenüber:

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Willa: Das ist bestechend, Lisha! Es ist so unglaublich, diese zwei Bilder wie hier gegenüberzustellen und darüber nachzudenken, dass Michael Jackson dort steht, wo Frederick Douglass 120 Jahre vor ihm gestanden hat. So viele Dinge haben sich in diesen 120 Jahren verändert, die seit dem Zusammentreffen von Frederick Douglass mit Abraham Lincoln gegen Ende des Bürgerkriegs am Weißen Haus und von Michael Jackson als einem der erfolgreichsten und einflussreichsten Männer Amerikas mit Ronald Reagan befinden.

Diese beiden Abbildungen bilden solch interessante Buchstützen für diese lange Zeitspanne und beide dokumentieren jeweils einen machtvollen, kulturellen Augenblick, denke ich. Und Michael Jackson zieht es auf perfekte Art und Weise mit angemessener Würde durch – ebenso wie Douglass. Im Grunde legt er ein fast königliches Auftreten an den Tag.

Lisha: Ja, da kann ich nur zustimmen. Und dieses Foto ist einfach vollgestopft mit Informationen: Der auffällige, militärische Prunk, der Glanz des Show Business und der weiße Handschuh als Markenzeichen – ein stolzer, junger, sagenhaft wohlhabender afroamerikanischer Mann stellt das Oberhaupt der freien Welt in den Schatten! Michael Jackson hatte, als dieses Foto aufgenommen wurde, gerade die Musikindustrie ins Wanken gebracht, und er rüttelte an vielen alten, erniedrigenden Klischees gleichzeitig.

Willa: Ja, sehr gute Feststellung, Lisha. Und ich bin auch ganz begeistert von Michael Jacksons aufrechter Haltung, während Reagan sich ihm in fast ehrerbietiger Art und Weise zuwendet. Alles zusammengenommen ergibt dies ein Bild, das eine unerwartete, visuelle Botschaft vermittelt. Wenn man nicht wüsste, wer diese beiden Personen sind, dann würde man wahrscheinlich denken, Michael Jackson sei das regierende, politische Oberhaupt und Reagan ein Berater!

Lisha: Genau. Es ist ohne Zweifel eine kühne Darstellung von Macht. Präsident Reagan scherzte sogar gegenüber der ungewöhnlich großen Menschenmenge darüber, wie sehr ihm die Schau gestohlen wurde, indem er sagte: „Wir haben nicht mehr so viele Menschen auf einmal gesehen, seit wir China verlassen haben! Man stelle sich nur vor, Sie wären alle gekommen, um mich zu sehen.“

Willa: Das ist lustig! Aber Witze enthalten oft viel Wahres …

Lisha: Michael Jackson zog eindeutig die Aufmerksamkeit auf sich, was für einen Präsidenten und die First Lady ein ungewöhnliches Gefühl gewesen sein muss. Ein Reporter sagte: „Kein Staatsoberhaupt hat jemals so viel Aufmerksamkeit, ein so großes Sicherheitsaufgebot und so viel Aufregung angezogen“ wie Michael Jackson an jenem Tag in Washington, D.C.

Willa: Was wirklich interessant ist, wenn du mal darüber nachdenkst. Schließlich werden wir zunehmend zu einer Celebrity-Kultur und in diesem Zusammenhang ist Aufmerksamkeit gleichbedeutend mit Macht. Ein Ergebnis ist, dass Macht sich aus dem politischen Umfeld, wie sie traditionell verstanden wird, zum kulturellen, medialen, unterhaltenden Umfeld verschiebt. Gleichzeitig wird die Politik mehr und mehr von Prominenz durchdrungen. Reagan stellte selbst eine wichtige Persönlichkeit in diesem Übergang dar, indem er seine Berühmtheit für politische Macht als einem neuen Zweck einsetzte. Er war als ehemaliger Schauspieler sehr geübt darin, die Kamera für politische Zwecke einzusetzen.

Lisha: Ja, viele Kulturkritiker haben kommentiert, wie Ronald Reagan als Fernsehschauspieler eine Kehrtwende zum Staat hin machte und die gefühlsbedingte Ebene von Macht in unserer Gesellschaft ansprach.

Willa: So war es wirklich. Aber trotz Reagans Stellung und Charisma stellte Michael Jackson ihn immer noch in den Schatten, was bezeichnend scheint.

Lisha: Sehr bezeichnend, in der Tat. Ein Berater von Reagan, John G. Roberts, heute Oberster Richter der Vereinigten Staaten von Amerika sprach seine Besorgnis über „das unterwürfige Verhalten einiger Angestellter des Weißen Hauses gegenüber einigen Begleitern von Mr. Jackson“ aus. Roberts zerriss sogar einen Vorschlag des Präsidenten für einen Brief an Michael Jackson in der Luft, indem er warnte: „Das Büro für die Korrespondenz des Präsidenten gehört noch nicht zu Mr. Jacksons PR-Firma.“ Es muss gefährlich eng für das Weiße Haus geworden sein, wenn deswegen ein Memo herausgegeben wurde!

Willa: Wow, Lisha! Ich kann mich erinnern, vor einigen Jahren über diese Memos gelesen zu haben, aber ich hatte es völlig vergessen. Und du hast Recht – solch ein Memo zur Verteidigung des amerikanischen Präsidenten zu schreiben, sagt eine Menge aus für den zukünftigen Obersten Richter Roberts.

Präsidenten haben offenkundig eine beträchtliche Menge an Macht. Aber Michael Jackson hatte verstanden, dass Künstler, Entertainer und berühmte Menschen die Fähigkeit besitzen, die Meinung und das Verhalten der Menschen zu verändern – er erwähnte dies bei zahlreichen Gelegenheiten – und Politiker haben grundsätzlich eher das Bedürfnis der öffentlichen Meinung zu folgen. In diesem Sinn sind populäre Künstler manchmal dazu fähig, die Führenden zu führen. Michael Jacksons „sanfte Macht“ war zu dieser Zeit enorm und in diesem Sinn übertraf sie sogar die von Reagan.

Aber ich möchte noch einmal auf etwas zurückkommen, was du vorhin schon erwähnt hast, Lisha, nämlich den „auffälligen, militärischen Prunk“, der dieses Treffen zwischen Michael Jackson und Reagan umgibt. Ich glaube wirklich, du bist da einer Sache auf der Spur, und ich erkenne es in Michael Jacksons Treffen mit George H.W. Bush im Weißen Haus von 1990 ebenso. Hier ist ein AP Foto von diesem Besuch:

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Da haben wir wieder die sehr aufrechte Haltung, den irgendwie untergebenen Politiker an seiner Seite, und sieh dir nur diese Jacke an! Das Gefühl für militärischen Prunk, den du angesprochen hast, Lisha, ist so vorherrschend in diesen Bildern mit Reagan und Bush. Diese Fotos scheinen eher den Besuch eines Angehörigen der britischen Königsfamilie als eines Musikers zu dokumentieren.

Lisha: Ich muss zugeben, dieses Foto hier ist mein Dauerfavorit der majestätischen Momente von Michael Jackson. Ich erinnere mich daran, diese Jacke im britischen Militärstil damals 2011 in der Getty Images Gallery in London gesehen zu haben. Die Jacke ist in Hinsicht des Designs, der Qualität der Verarbeitung und der exquisiten Details wahrlich spektakulär. Die Abbildungen werden ihr wirklich nicht gerecht.

Michael Bush berichtete, dass, nachdem er die Arbeiten zu dieser Jacke beendet hatte, Michael die Jacke sah und auf die linke Seite zeigte und sagte, er hätte genau dort gern etwas hinzugefügt. Um genauer zu sein, sagte er, er würde dort gern etwas haben, „was da nicht hingehört“. Also brachte Bush eine glitzernde Kristallbrosche auf Brusthöhe an, genau da, wo man auf einer Militärjacke wie dieser normalerweise ein Abzeichen oder eine Medaille erwarten würde:

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Willa: Das ist wirklich interessant, Lisha. Diese Geschichte hatte ich bisher noch nicht gehört.

Lisha: Ich war fasziniert davon, weil mir der Gedanke an ein Symbol für genau das, worüber wir hier gesprochen haben, kam – die sanfte politische Macht der Kunst, die nebenbei gesagt, Regierungen seit Jahrhunderten gefürchtet haben. Durch visuelle Vermischung der Symbole von staatlicher Macht mit dem Glamour des Show Business – einschließlich einer glitzernden, femininen Kristallbrosche genau da, wo man ein Abzeichen oder ein anderes Symbol maskuliner Autorität erwarten würde – vermittelt Michael Jackson eine subtile, aber machtvolle Botschaft über die Macht und die Souveränität des Künstlers, um die Massen zu beeinflussen.

Willa: Was für eine interessante Art der Interpretation! Und was für ein großartiges Beispiel von Michael Jacksons Art militärischen Prunk an die Oberfläche zu bringen – in diesem Fall zeugten die Ehrenmedaillen auf der linken Brust grundsätzlich von der beruflichen Entwicklung eines Soldaten – doch dann eine subtile Abwandlung vorzunehmen, die die grundlegend ändert.

Lisha: Ja, das ist wirklich klug. Militärischer Prunk war historisch gesehen ein wichtiger Bestandteil von Macht, und die Briten sind besonders versiert darin. Als die Briten zum Beispiel Indien besetzt hatten, waren sie erheblich in der Unterzahl, aber eine Art, wie sie die Kontrolle behielten, war durch aufwendige militärische Darbietungen und Krönungszeremonien, die eine starke Wahrnehmung von Macht erzeugten. Hier ist ein Foto von King George V und Queen Mary bei der Delhi Durbar Zeremonie 1911:

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Willa: Wow! Das ist ein faszinierendes Konzept, Lisha, und ein erstaunliches Bild, das dies illustriert! Man kann wirklich voll und ganz die äußere Aufmachung der Macht erkennen. Und für mich macht es auch sehr deutlich, wie viele Elemente des Theaters beim Erzeugen dieser Macht und des Prunks im Spiel sind. Es gibt die Bühne und ein Bühnenbild, die aufwendigen Kostüme, die choreografierten Prozessionen, die vorbereiteten Texte …

Lisha: Ja, genau. Es sind alle Elemente guten Theaters enthalten.

Willa: So ist es wirklich. Da ist auch die Atmosphäre von Theater bei Michael Jacksons Besuchen im Weißen Haus mit Reagan und Bush, und ich frage mich, ob er diese Treffen auf diese Art sah – als Theater, als einen Auftritt.

Lisha: Dies wirkt wie ganz eindrucksvolles Theater auf mich! Und es ist kein Zufall. Michael Jackson studierte militärischen Prunk und Theatralik mit Hilfe von Filmen wie Leni Riefenstahls Triumph des Willens, der Adolf Hitlers Einsatz von Prunk dokumentiert – eine Sache, auf die er im HIStory Teaser eingeht.

Willa: Das stimmt. Ich sprach vor ein paar Jahren mit unserer Freundin Eleanor Bowman darüber in einer Serie von Posts.

Lisha: Ja, das war solch eine fantastische Serie. Und es gibt noch andere Hinweise, wie die Militäruniform, die in den HIStory Liner Notes abgebildet ist. Diese Uniform wurde für Michael Jackson von einem der ältesten und besten Uniformschneider in London angefertigt:

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Der Frack von Gieves and Hawkes wurde als „eines der herausragendsten Beispiele von Handstickereien von Hand & Lock“ der Welt beschrieben. Es ist doch wirklich faszinierend, dass eine der feinsten existierenden britischen Militäruniformen nicht den britischen Streitkräften oder der königlichen Familie gehört. Sie gehört Michael Jackson.

Willa: Das birgt ziemliche Ironie, nicht wahr?

Lisha: Ja. Und es deutet sehr sicher an, dass Michael Jackson äußerst sorgfältig darüber nachgedacht hat, wie durch Kunst, Symbolik, Kostüme und Theatralik Macht ausgeübt werden kann.

Willa: So ist es. Wir wissen, dass er das britische Königshaus und ihre „Kunst, Symbolik, Kostüme und Theatralik“, wie du es ausdrückst, studiert hat. Michael Bush erwähnt dies wiederholte Male in seinem Buch The King of Style: Dressing Michael Jackson. Und Michael Jackson schien diese Art von Prunk mit politischer Macht zu verbinden. Bush schreibt zum Beispiel am Anfang des Buches:

Michael war vernarrt in britische Wappenkunde und Militärgeschichte. Eins von Michaels liebsten Zitaten kam aus unerwarteter Quelle: „Es sind diese Weihnachtskugeln mithilfe derer Menschen geführt werden.“ Napoleon hatte diese Worte gesagt, um die Bedeutung der Medaillen, mit denen er seine Soldaten auszeichnete, hervorzuheben. Als wir durch Europa tourten, machte Michael den Besuch von Schlössern und alten Städten zu seiner Aufgabe, wo er von Museumsporträts der Könige und Königinnen in den Bann gezogen wurde. Er starrte sie an den Wänden des Buckingham Palace, des London Tower oder im Houses of Parliament an, sog das alles in sich auf – den Glanz, den Glamour, die Orden und Auszeichnungen, die überlebensgroße Art und Weise, auf die diese Hoheiten und Befehlshaber porträtiert worden waren. Michael war von all dem fasziniert. (8)

Lisha: Das ist ein großartiges Zitat! Im Grunde zeigt das fertige Tompkins & Bush-Design für Michael Jackson dies sehr gut. Ich finde wirklich, sie haben dies in diesem Entwurf treffend erfasst, der sein Lebenswerk auf wunderbare Art versinnbildlicht:

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Willa: Ja, so denke ich auch – besonders die Jacke, von der Michael Bush sagt, es sei Michaels Lieblingsentwurf gewesen. Es ist wirklich eine wundervolle Neuinterpretation, die einen sehr „maskulinen“ militärischen Schnitt mit „femininen“ Perlen und Broschen vereint, wie du es vorhin erwähnt hast. Ich muss sagen, dass es sehr bewegend war, Michael Bushs Bericht darüber zu lesen, wie er Michael Jackson vor seiner Beisetzung in diese Jacke gekleidet hat.

Lisha: Ich habe auch so gedacht. Und ich kann mir wirklich kein vollkommeneres Kleidungsstück für Michael Jackson vorstellen.

Weißt du, ich hasse es solch ernste Gedanken mit so etwas hier zu unterbrechen, aber da wir über Kleidung Abzeichen als Ausdruck von Macht sprechen, muss ich an die Zeit denken, in der John Lennon bei einem Presseinterview das Abzeichen einer Busaufsicht, vielleicht als Mode-Statement oder als eine Art des Hinterfragens der ganzen Idee, was ein Abzeichen wirklich bedeutet, trug. Als er dazu befragt wurde (hier bei 1:38), sagte er ganz nüchtern, dass er das Abzeichen eines Busfahrers trage und dass das bedeute, er sei „für einen Bus verantwortlich“! Ich denke, das war solch eine künstlerische Art darauf hinzuweisen, wie die Leute Wege dafür finden, ihre Macht und Autorität auszudrücken.

Auf ähnliche Weise war auch Elvis Presley von Kleidung, Abzeichen und Darstellung von Autorität fasziniert.

Willa: Ja, das habe ich auch gehört. Im Grunde kam es aufgrund einer Anfrage nach einem Abzeichen dazu, dass er um ein Treffen mit Richard Nixon im Dezember 1970 bat. Hier ist ein Bild von den beiden, wie sie sich im Oval Office des Weißen Hauses die Hände schütteln:

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Lisha: Oh, das ist ein solch faszinierendes Bild! Sieh nur, wie ähnlich sein Gürtel denen ist, die Michael Jackson trug! Ich bin so froh, dass du an dieses Foto gedacht hast, Willa. Kannst du dir vorstellen, dass dieses Foto der am meisten angefragte Gegenstand aus dem Nationalarchiv ist, das sogar auch die Verfassung der Vereinigten Staaten enthält?

Willa: Wirklich? Das wusste ich nicht. Weißt du, dieses Foto wurde lange Zeit nicht gezeigt, weil Elvis nicht wollte, dass es veröffentlicht wird. Gemäß einem Artikel im Smithsonian Magazine bahnte Elvis das Treffen an, weil er ein Abzeichen vom Ministerium für Rauschmittel und gefährliche Medikamente haben wollte. (Sie behaupteten, er dachte, er würde damit leichter durch den Zoll kommen, wenn er Dinge bei sich hatte, die er nicht dabei haben sollte, wie Waffen und Drogen.)

Hier wird also ein völlig anderes Verständnis von Macht angedeutet, als es bei Michael Jacksons symbolträchtigen Treffen mit Reagan und Bush der Fall ist. Elvis bat Nixon um ein Treffen, weil er den Präsidenten als Machtfigur sah, die ihm etwas geben konnte, was er haben wollte. Es ist eine eher traditionelle Art, wie man Macht betrachtet, als würde man sich dem Thron nähern und eine spezielle Gabe vom König erhalten.

Lisha: Ja, das ist richtig, und ich verstehe es so, dass Nixon Elvis dazu autorisierte, das gewünschte BNDD Abzeichen zu tragen. Als aber Michael Jackson Präsident Reagan traf, war die Machtdynamik genau anders herum, wie du schon angedeutet hast. Anstatt, dass Michael Jackson um ein Treffen mit dem Präsidenten bat, war es die Reagan-Verwaltung, die Michael Jackson kontaktierte, da die Verkehrsministerin Elizabeth Dole um Erlaubnis bat, den Song Beat It in einer öffentlichen Bekanntgabe benutzen zu dürfen. Gemäß Randy Taraborrelli war Michael Jackson ursprünglich nicht interessiert, änderte dann aber seine Meinung, nachdem das Weiße Haus zugestimmt hatte, zu seinen Ehren eine Preisverleihungszeremonie durchzuführen.

Willa: Ja, und wenn das stimmt, dann zeigt dies deutlich, dass er ganz bewusst den zeremoniellen Aspekt dieses Moments einplante, genauso wie wenn die britischen Mitglieder des Könighauses während der kolonialen Periode in Indien ihren königlichen Prunk zur Schau tragen, wie du vorhin gesagt hast, Lisha.

Genauso bedeutsam ist, dass Elvis seine Bilder mit dem Präsidenten nicht veröffentlicht haben wollte, während Michael Jackson dies tat. Für ihn scheint die Erschaffung und Verbreitung dieser Bilder der eigentliche Hauptgrund gewesen zu sein. Er scheint sich über seine Wirkung vor der Kamera und der Bilder in der Öffentlichkeit sehr bewusst gewesen zu sein. Er wusste, dass es diese Bilder und nicht irgendwelche Sonderabzeichen waren, die einen Eindruck von Macht vermitteln würden.

Lisha: Du hast Recht. Die Inszenierung der Zeremonie im Weißen Haus war die Ausgleichszahlung für Michael Jackson, aber das war nicht der Fall bei Elvis. Eigentlich hätten wir nicht einmal das Foto von Elvis und Nixon, wenn es nicht die Fotografen des Weißen Hauses geben würde, die den täglichen Terminplan des Präsidenten fein säuberlich dokumentieren würden. Da es unmöglich ist zu wissen, welche Ereignisse eines Tages von historischer Bedeutung sein werden, halten die Fotografen so ziemlich alles fest. Präsident Obama erzählte dem National Geographic, daran müsse man sich gewöhnen – an die Tatsache, dass der Präsident den ganzen Tag, jeden Tag ständig fotografiert wird. Er spricht in dieser Dokumentation bei etwa 4:30 über den Fotografen des Weißen Hauses, Pete Souza:

Willa: Danke, dass du den Link geteilt hast, Lisha. Ich hatte das bisher nicht gesehen, und ich war wirklich von Präsident Obamas Worten getroffen, als er sagte:

Es ist in der Tat eine sehr schwierige Sache für jeden in diesem Amt unter dieser Art ständiger Beobachtung zu stehen.

Ich stelle mir vor, dass das wahr ist, und dass „ständige Beobachtung“ etwas ist, mit dem Michael Jackson sein gesamtes Erwachsenenleben zurechtkommen musste. Aber es machte ihn auch sehr erfahren im Umgang mit der Kamera, so dass er bei einem Moment wie bei diesen Treffen mit Reagan oder Bush wusste, was zu tun ist, um ein spektakuläres Bild zu erzeugen, das genau die Geschichte erzählte, die er erzählen wollte.

Lisha: Genau das habe ich auch gedacht – die ständige Beobachtung, unter der der Präsident steht ähnelt sehr dem, was Michael Jackson jedes Mal, wenn er in die Öffentlichkeit ging, widerfuhr. Aber ich denke, Michael Jackson lernte mit der Zeit, dies als eine Art Gesamtkunstwerk oder als einen Aspekt eines eher umfassenden Teil seiner Kunst einzusetzen.

Willa: Das sehe ich auch so. Ich glaube fest daran, dass er seine Berühmtheit als ein neues Kunstgenre einsetzte. Und ebenso glaube ich daran, dass er bei seinen Besuchen im Weißen Haus dieses absichtlich als Bühne für eine Art von „Prunk“ bereitete, wie du es vorhin ausgedrückt hast, Lisha.

Wenn man also die sehr unterschiedlichen Arten betrachtet, auf die Elvis‘ Treffen mit Nixon (bei dem Macht ganz individuell durch ein Special Agent Abzeichen übertragen wird) und Michael Jacksons Treffen mit Reagan und Bush (bei dem Macht im Allgemeinen durch Bilder mit Symbolcharakter übertragen wird) vermittelt wird, ist es interessant, sich ein weiteres Treffen eines Musikers mit einem Präsidenten anzusehen …

Zwei Jahre nachdem sich Nixon mit Elvis getroffen hatte, traf er auf James Brown, und die Fotos sind denen mit Elvis sehr ähnlich. Sie stehen sogar an derselben Stelle und schütteln sich die Hände. Hier ist ein Bild:

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Noch einmal, die Machtdynamik ist wirklich interessant. Offensichtlich suchten Nixons Leute James Brown aus, genau wie Reagans Leute später Michael Jackson kontaktierten und baten ihn um seine Unterstützung. James Brown hatte große Achtung vor Nixon und unterstützte ihn schließlich während seiner Kampagne zur Wiederwahl. Hier ist ein Videoclip davon:

James Brown wurde für diese Unterstützung heftig kritisiert, wie man sich denken kann. Aber je mehr er kritisiert wurde, umso entschiedener unterstützte er Nixon.

Lisha: Wie Elvis auch bewunderte James Brown Nixon aufrichtig und schätzte dessen Haltung zu Themen, die ihm wichtig waren. Wie es also viele Künstler machen, stellte er seinen Status als Berühmtheit und seinen kulturellen Einfluss zur Verfügung, um Nixons politische Kampagne zu unterstützen. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass Michael Jackson genau so etwas jemals getan hat.

Willa: Nein, das hat er nie getan. Er betrachtete Kunst als etwas sehr viel machtvolleres als Politik – er sagte dies bei mehr als einer Gelegenheit – und er entschied sich dafür, seine Ideen, seine Vorstellungen und Emotionen durch seine Kunst auszudrücken.

Lisha: Ja, es scheint voller Absicht passiert zu sein. Und es erinnert mich an das, was James Brown in diesem Interview darüber sagt, “eher ein Landsmann zu sein als ein Parteiischer”. Ich mag wirklich, wie er es ausdrückt.

Willa: Ich auch.

Lisha: Ich bin außerdem wirklich davon ergriffen, wie sehr seine Philosophie Michael Jackson beschreibt. Nachdem er von zwei aufeinanderfolgenden republikanischen Regierungen ausgezeichnet wurde, spielte Michael Jackson erneut eine signifikante Rolle in der nächsten demokratischen Regierung, als er für Präsident Bill Clinton bei dessen Amtseinführung auftrat.

Willa: Das ist richtig, und er hielt ebenso auch Verbindung zu Jimmy Carter, nachdem dieser sein Amt verlassen hatte. Jimmy Carter besuchte sogar Neverland. Wir werden mehr darüber in unserem nächsten Post reden, wenn wir weiter Michael Jackson und die amerikanischen Präsidenten betrachten.

Lisha: Fortsetzung folgt!

Das Subjekt ändern: Ich, Du, Mich, Uns

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Original: https://dancingwiththeelephant.wordpress.com/2015/07/23/changing-the-subject-i-you-me-us/

Willa: Ich denke, eine der faszinierendsten Merkmale an Michael Jacksons Songtexten ist die Art, wie er häufig die Perspektive wechselt, indem er eine Geschichte von einem Standpunkt aus betrachtet, dann aus einem anderen und dann aus einem weiteren. Das ist etwas, das Joie und ich einige Male andiskutiert haben – zum Beispiel in Posts über „Morphine“, „Whatever Happens“, „Money“, „Threatened“, „Dirty Diana“, „Best of Joy“, „Monster“ und dem Video zu Who Is It – aber wir haben nie einen Post gemacht, der sich gezielt auf seine Verwendung mehrerer Stimmen fokussiert hat. Deshalb war ich sehr begeistert, als Marie Plasse vor ein paar Wochen diesen Kommentar geschrieben hat:

Ich denke, dass eine der im Allgemeinen verkanntesten oder nicht beachtetsten Besonderheiten von Michaels Kunst die Art ist, wie er unterschiedliche Charaktere in seinen Songtexten einnehmen konnte und wie … er Aspekte seiner eigenen psychischen Unstimmigkeiten und Kämpfe ausgedrückt und erforscht hat. (Vielleicht war es ein vorsätzliches Missverständnis dieses Aspekts von Michaels Kunst, das zumindest teilweise die Kontroverse bezüglich des Songtextes von „They Don’t Care About Us“ ausgelöst hat.)

Diesen Herbst habe ich ein Semester lang einen Hochschulkurs über Michael Jackson unterrichtet („Den King of Pop als kulturellen Text lesen“) und eines der Dinge, die die Klasse am erstaunlichsten (aber zunächst am schwierigsten) gefunden hat, war das eingehende Lesen seiner Songtexte und den wechselnden Perspektiven zu folgen. Die Komplexität und die schnellen Verlagerungen sind wirklich faszinierend.

Marie ist Englischprofessorin am Merrimack College und ich bin hoch erfreut, mit ihr über diesen Aspekt von Michael Jacksons Ästhetik zu sprechen, der mich schon so lange fasziniert hat. Vielen Dank für Deinen Besuch, Marie!

Marie: Vielen Dank für die Einladung, Willa. Ich verfolge Dancing with the Elephant schon seit langem und ich habe von Deinen Posts und den Kommentaren der Leser so viel gelernt. Ich habe nicht immer die Zeit, mich in dem Ausmaß an den Kommentaren zu beteiligen, wie ich das gerne möchte; deshalb bin ich wirklich froh über diese Gelegenheit, mit Dir zu sprechen.

Willa: Oh, das bin ich auch! Und ich bin so froh, dass ich endlich die Chance habe, eingehend über Michael Jacksons Verwendung mehrerer Perspektiven zu sprechen. Das ist ein wiederkehrendes Merkmal seiner Kunst und ein sehr wichtiger Teil seiner Ästhetik, denke ich – und für mich persönlich ist es etwas, das mich seit langem zu seinem Werk hinzieht. Deshalb bin ich gespannt, mehr darüber herauszufinden, wie er es einsetzt und wie es funktioniert.

Marie: Ich gebe Dir Recht, Willa. Michaels Werk als Lyriker ist genauso komplex wie bewegend und es wird so oft als ein Hauptmerkmal seiner Ästhetik übersehen. Wie Joe Vogel in Man in the Music aufgezeigt hat, liegt das vielleicht daran, dass Michaels Werk als Songschreiber „ganz anders ist als das eines traditionellen Singer-Songwriters wie Bruce Springsteen oder Bob Dylan“, wo die Songtexte viel mehr „im Vordergrund“ stehen. Joe deutet an, dass Michaels Songtexte dazu tendieren, übersehen zu werden, weil sie nur eines von „mehreren zu berücksichtigenden Medien“ sind – neben der Musik, den Kurzfilmen und dem Tanz, die in seinem Werk so markant sind.

Aber wenn man die Songtexte und besonders ihre vielfältigen Sichtweisen sorgfältig betrachtet, offenbart sich, dass Michael mit großer Komplexität und tiefer Einsicht schreibt. Ich habe alle oben von Dir erwähnten Posts erneut gelesen, in denen Du und Joie über diese Eigenschaft der Verlagerung der Perspektiven und Positionen in Michaels Songschreiben gesprochen habt. Ich denke, ihr habt diesbezüglich bereits viele Punkte angesprochen und viele faszinierende Ideen über die möglichen Bedeutungen dieser Songs erschlossen. Statt also meine eigenen Interpretationen bestimmter Lyrics anzubieten, oder zumindest bevor ich irgendetwas davon mache, dachte ich, ich würde gerne versuchen, etwas weiter in diesen Gedanken der multiplen Perspektiven und Stimmen einzutauchen und zu sehen, wo uns das in einer allgemeineren Richtung hinführt.

Willa: OK, das klingt wirklich interessant.

Marie: Über Michaels Einsatz multipler Stimmen und die Perspektivenverschiebung in seinen Songs zu reflektieren, lässt mich an sein leidenschaftliches Interesse am Geschichtenerzählen denken, worüber er auf der allerersten Seite von Moonwalk spricht. Er hebt hervor, wie das Geschichtenerzählen ein Publikum bewegen kann und „sie emotional überall hin bringt“ und inwiefern es die Macht hat, „ihre Seelen zu bewegen und sie zu verändern“. Er fährt fort und sinniert darüber, „wie sich bedeutende Schriftsteller mit dem Wissen fühlen müssen, dass sie diese Macht haben“ und er gibt zu, dass er „immer wollte, das tun zu können“. Er sagt, er fühlt, dass er „es tun könnte“ und dass er seine Fertigkeiten auf dem Gebiet des Geschichtenerzählens weiterentwickeln möchte.

Kurz bevor dieser reflektierende Abschnitt über das Geschichtenerzählen zu Ende ist und Michael in dem Kapitel zu den Anfängen seiner eigenen Lebensgeschichte wechselt, erwähnt er, dass Songschreiben die gleichen Fähigkeiten jener bedeutender Schriftsteller nutzt, die er bewundert, aber in einem viel kürzeren Format, in dem „die Story eine Skizze ist. Sie ist quecksilbrig“. Natürlich wissen wir alle, dass Michael zu der Zeit, als er Moonwalk geschrieben hat, bereits ein meisterhafter Geschichtenerzähler war und seine Fähigkeiten in dieser Kunst wurden im Laufe der Zeit nur noch besser! Er „bewegt [unsere] Seelen und verändert sie“ sehr stark in seinen Songs, Kurzfilmen und Auftritten und nutzt dabei oft ein Multimediakonzept, das viel komplexer ist als das traditionelle Geschichtenerzählen am Lagerfeuer, das er so zu bewundern scheint, da er das erste Kapitel von Moonwalk damit beginnt.

Willa: Das stimmt. Und ich denke, Du hast einen sehr wichtigen Punkt aufgeworfen, als Du angesprochen hast, dass er Songschreiben als Geschichtenerzählen konzipiert. Ich habe gerade Damien Shields Buch Xscape Origins gelesen und Cory Rooney sprach mit Damien darüber, wie wichtig das Geschichtenerzählen bei der Erschaffung von „Chicago“ war:

Als er an den Lyrics für den Titel gearbeitet hat, bezog Rooney Inspiration aus einer Unterhaltung, die er kürzlich mit einer von Jacksons Kooperationspartnerinnen hatte – der erfolgreichen Songschreiberin Carole Bayer Sager – die ihn aufgefordert hat, einen Song zu schreiben, der eine Geschichte erzählt. „[Michael] liebt es, eine Geschichte zu erzählen“, sagte Bayer Sager zu Rooney, der diesen Rat in die Tat umsetzte und sich daran machte, eine Geschichte für Jackson zu schreiben.

Rooney gab diesen Rat dann an Rodney Jerkins weiter, einem der Verfasser von „Xscape“:

Rodney rief mich an und sagte „Cory, wir sind immer noch verunsichert. Wir wissen nicht, worüber wir schreiben sollen. Wir wissen nicht, was wir tun sollen.“ … Also sagte ich ihm „Nun, ich habe einen kleinen Tipp von Carole Bayer Sager bekommen. Sie hat mir gesagt, dass Michael ein Geschichtenerzähler ist. Sie hat gesagt, dass Michael es liebt, Geschichten in seiner Musik zu erzählen. Wenn Du Dir „Billie Jean“ anhörst – es ist eine Geschichte. Wenn Du Dir „Thriller“ anhörst – es ist eine Geschichte. Wenn Du Dir „Beat It“ anhörst – es ist eine Geschichte. Er liebt es, eine Geschichte zu erzählen.“

Carole Bayer Sager und Cory Rooney bestätigen also beide exakt, was Du sagst, Marie – dass Michael Jackson „es liebt, eine Geschichte zu erzählen“.

Marie: Das ist ein großartiger Zusammenhang, Willa. Danke, dass Du uns an diese Passagen in Damiens Buch erinnert hast (das ich übrigens grandios finde. Danke, Damien für Deine großartige Arbeit!). Sie unterstreichen wirklich, dass sich Michael selbst als Geschichtenerzähler sah. Und um diese Macht zu haben, ein Publikum zu bewegen und zu verwandeln, auf die er sich in Moonwalk bezieht, muss ein guter Geschichtenerzähler definitiv ein Meister darin sein, die Perspektive(n) zu gestalten, aus denen die Geschichte erzählt wird, und die Fähigkeit haben, die Erfahrungen der Geschichte aus diesen unterschiedlichen Perspektiven zu durchleben und zum Ausdruck zu bringen (und die Charaktere, zu denen sie gehören).

Michaels Songschreiben zeigt gewiss die Meisterhaftigkeit dieser essenziellen Aspekte guten Geschichtenerzählens. Wie ihr bereits in so vielen verschiedenen Posts hervorgehoben habt, kann er seine Themen von vielen unterschiedlichen Perspektiven betrachten und diese Perspektiven auf interessante und bedeutungsvolle Art verschieben. Das trifft auf sein gesamtes Werk zu und – vielleicht am bemerkenswertesten – sogar auf einzelne Songs. Er sieht und lässt uns aus den verschiedensten unterschiedlichen Blickwinkeln sehen und er nimmt viele unterschiedliche Positionen ein, in denen er auch uns platziert.

Willa: Ja, das macht er wirklich. Und oft sind diese Positionen und Perspektiven jene, die zuvor kaum von der Mainstream-Kultur beachtet worden sind. Was ich meine, ist, dass er uns regelmäßig in die Köpfe der Außenseiter mitnimmt – wie den Abhängigen in „Morphine“ oder das Groupie in „Dirty Diana“ oder den als „Freak“ und „Spinner“ abgestempelten Nachbar in Ghosts – und uns die Welt aus deren Perspektive zeigt.

Marie: Absolut, Willa. Die multiplen Positionen und Perspektiven dienen eindeutig Michaels größerer Mission, auf die Erfahrungen jener aufmerksam zu machen, die von der Mainstream-Gesellschaft „entfremdet“ oder vergessen wurden und die darunter leiden. Durch die häufigen Verschiebungen der Perspektive zu den Randgruppen hin drängt er uns aus unserer eigenen, möglicherweise relativ komfortablen Position heraus und lässt uns durch die Augen der „Fremden“ sehen.

Und während wir leicht darin übereinstimmen können, dass diese Merkmale von Michaels Kunst eindeutig jene eines meisterhaften Geschichtenerzählers sind, würde ich es auch wagen, sie noch mit einer anderen literarischen Tradition in Verbindung zu bringen. Da ich Theaterstücke als Teil meiner Arbeit als Literaturprofessorin studiere und unterrichte, lassen mich die multiplen und wechselnden Perspektiven, über die wir sprechen, auch an – wie ich es nennen würde – Michaels bemerkenswerte theatralische Vorstellungskraft denken. Die Art, in der er seine Thematik durch eine Erzählkunst in Angriff nimmt, die sich Situationen aus unterschiedlichen Sichtweisen vorstellt und viele unterschiedliche Stimmen zulässt, erinnert mich an die besonderen Qualitäten dramaturgischer Texte, wo es keine einzelne Erzählstimme gibt, sondern mehrere Stimmen unterschiedlicher Charaktere, die direkt zu dem Leser oder Zuschauer im Theater sprechen.

Willa: Oh, das ist wirklich interessant, Marie! Es stimmt, dass sich seine Lieder für mich oft „theatralisch“ anfühlen und ich denke, das liegt teilweise daran, dass er seine Lieder sichtbar zu behandeln pflegt, wenn das Sinn macht. In Moonwalk sagt er zum Beispiel:

Die drei Videos, die aus Thriller erschienen sind – „Billie Jean“, „Beat It“ und „Thriller“ – waren alle Teil meines ursprünglichen Konzepts für das Album. Ich war entschlossen, diese Musik so visuell wie möglich zu präsentieren.

Aber ich denke, Du hast Recht – sie fühlen sich auch theatralisch an, weil sie sich oft wie Ausschnitte aus Dialogen eines Theaterstücks anhören, mit eingestreuten Textzeilen, die von unterschiedlichen Charakteren gesprochen werden. Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber ich denke, Du bist da wirklich an etwas dran.

Marie: Was Du über seine visuelle Herangehensweise sagst, ergibt für mich sehr viel Sinn, Willa. Ich denke, dass diese visuelle Herangehensweise an die Songs in den Kurzfilmen immer das ist, was einem als erstes in den Sinn kommt, weil die Filme so untrennbar mit den Songs verbunden sind. Und wie wir wissen, eignen sich die Songs selbst so gut für die umfassend verwirklichte theatralische Aufbereitung, die ihnen Michael in den Kurzfilmen gibt, wo die unterschiedlichen Perspektiven und Charaktere der Songtexte in den verkörperten Darbietungen der Akteure und den gezielten filmischen Entscheidungen, welche die Art strukturieren, in der die Filme aufgenommen wurden, buchstäblich lebendig werden.

Wie wir auch wissen, war Michael akribisch darin, die ästhetischen und technischen Entscheidungen zu gestalten, die seine Kurzfilme und Liveauftritte geleitet haben, da er eher als Regisseur gearbeitet hat, statt nur als Star. Ich erinnere mich, viele Äußerungen von ihm gesehen zu haben, wie wichtig ihm Kamerawinkel waren – der eigentliche Mechanismus, der im Film Perspektive und Standpunkt erzeugt. Ich kann mich nicht genau daran erinnern, wo ich das gelesen habe, aber mir kommt vor, mich an ein Zitat zu erinnern, in dem er zum Beispiel über die berühmte Motown 25 Performance von „Billie Jean“ spricht, wo er erklärt, dass er genau konzipiert hat, aus welchem Kamerawinkel sein Solosong gezeigt werden soll.

Willa: Ja, ich kann mich auch daran erinnern, das gelesen zu haben. Und man kann ihn sogar sehen, wie er den Kamerawinkel in diesem Video von der Einführung der Jacksons in die Rock and Roll Hall of Fame lenkt. Bei etwa 14:45 unterbricht er seine vorbereitete Ansprache und sagt „Ich mag diesen Winkel nicht. Ich mag diesen.“ und gibt der Kamera direkt vor ihm ein Zeichen. Hier ist der Clip:

Marie: Das ist auch ein großartiges Beispiel, Willa! Er war wirklich entschlossen, die Perspektiven zu steuern, aus denen die Fernsehzuschauer nicht nur seine Auftritte sahen, sondern auch seine öffentlichen Auftritte bei Preisverleihungen.

Willa: Ja, das war er! Normalerweise würden wir so etwas nicht als „Auftritt“ betrachten, aber er tat es und er inszenierte und dirigierte es sogar, während er daran teilnahm.

Marie: Genau! Das ist eine großartige Art, es auszudrücken, Willa. Und es gibt auch die liebenswerte Geschichte darüber, wie er seinem Sohn Prince Verfilmung beigebracht hat, indem sie Filme ohne Ton angesehen haben, damit sie jede Aufnahme optisch analysieren konnten.

Willa: Ja, mich hat diese Geschichte auch sehr berührt.

Marie: Die von Dir gemachte visuelle Verbindung, Willa, nimmt als eine der vielen Dinge Gestalt an, die wir über Michael und sein Werk wissen. Es deutet darauf hin, dass er tiefgehend über das Thema der Perspektive und die Bedeutung zahlreicher und wechselnder Perspektiven nachdachte, ob diese alleine durch Songtexte vermittelt wurden, durch die komplexen Visualisierungen seiner Songs, die er in den Kurzfilmen kreiert hat, oder sogar in öffentlichen Auftritten wie dem bei der Rock and Roll Hall of Fame. Aber es scheint, dass dabei die Songtexte selbst nicht in vollem Umfang erörtert wurden, wie sie das verdienen.

Willa: Nein, wurden sie nicht.

Marie: Ihre Komplexität, besonders ihre zahlreichen Perspektiven, bringen wirklich viel Bedeutung mit sich und ich denke, dass sie in ähnlicher Art funktionieren wie dramaturgische Texte. Um die Geschichte zu verstehen, die ein Stück erzählt, müssen wir die Perspektive jedes Charakters beachten und der Stimme jedes Charakters sorgfältig zuhören. Im Gegensatz zu einer konventionellen erzählerischen Romanliteratur ist ein dramaturgischer Text nicht von einem einzelnen Erzähler dominiert, der unsere Perspektive kontrolliert und Ereignisse für uns interpretiert. Das Drama übermittelt seine Botschaft und Gesamtwirkung durch die Interaktion vieler unterschiedlicher Perspektiven und Stimmen, die sich im Laufe der Zeit entfalten. Und da es auf diese Art erstellt wurde, gibt es eine gewisse Weite in einem Drama, die viel Platz für individuelle Interpretation lässt.

Willa: Und möglicherweise Missinterpretationen, wie Du sie zuvor bezüglich des Aufruhrs rings um die Lyrics zu „They Don’t Care about Us“ erwähnt hast. Teil der Verwirrung war, dass viele Kritiker nicht zu erkennen schienen, dass sich Michael Jackson in den ersten drei Zeilen die Position einer jüdischen Person zu eigen machte und die einer schwarzen Person in der vierten Zeile, als er „Jew me, sue me / Everybody do me / Kick me, kike me / Don’t you black or white me“ sang. Sowohl Juden als auch Schwarze haben diese Art der Beleidigungen erfahren, mit denen er sich in diesen Zeilen befasst und durch diese Zeilen zeigt er Solidarität mit Juden – was das genaue Gegenteil zu der Intoleranz ist, die ihm vorgeworfen wurde. Wie Michael Jackson selbst in Erwiderung auf den Skandal sagte:

Der Gedanke, dass diese Lyrics als anstößig erachtet werden könnten, schmerzt mich außerordentlich und er ist irreführend. Der Song handelt in Wirklichkeit von dem Schmerz durch Vorurteil und Hass und er ist ein Weg, um auf soziale und politische Probleme aufmerksam zu machen. Ich bin die Stimme der Angeklagten und der Angegriffenen. Ich bin jedermanns Stimme. Ich bin der Skinhead, ich bin der Jude, ich bin der schwarze Mann, ich bin der weiße Mann. Ich bin nicht derjenige, der angegriffen hat. Es geht um die Ungerechtigkeiten gegenüber jungen Menschen und wie sie das System fälschlicherweise beschuldigen kann. Ich bin wütend und entsetzt, dass ich so missinterpretiert werden konnte.

Wie Du gesagt hast, Marie, nimmt er zu unterschiedlichen Momenten unterschiedliche Rollen in diesem Song ein – genau wie die Rollen in einem Drama. Wie er sagt, „Ich bin der Skinhead, ich bin der Jude, ich bin der schwarze Mann, ich bin der weiße Mann.“ Das sind unterschiedliche Charaktere in diesem „Drama“.

Wenn wir diesen Song also wie ein Drama behandeln, wie ich denke, dass Du es vorschlägst, Marie, und wenn wir erwägen, dass die Zeilen „Jew me, sue me“ und „Kick me, kike me“ von einer Rolle gesprochen wurden – einer jüdischen Person, die gegen die Vorurteile gegen sie protestiert – macht der Skandal keinen Sinn. Plötzlich wird sehr klar, dass Michael Jackson Antisemitismus verurteilt, nicht betreibt – genau wie er gesagt hat.

Marie: Das ist ein großartiges Beispiel, Willa, und eine wirklich großartige Möglichkeit, die Gefahr der Fehlinterpretation zu erklären, die sich bietet, wenn mehrere Stimmen und Perspektiven ohne übergreifender Erzählstimme, die erklärt, was vor sich geht, veröffentlicht werden. Diese Lyrics erfordern von uns, dass wir durch all die unterschiedlichen uns gegebenen Perspektiven navigieren und unsere eigenen Entscheidungen darüber treffen, wie wir den Inhalt verstehen, wie bei dramaturgischen Texten. Und diese Navigation kann in etwas so verdichteten wie einem Song ziemlich schwierig sein, wie Michael klar gemacht hat, „die Story ist ein Sketch. Sie ist quecksilbrig.“ Die über „They Don’t Care About Us“ entbrannte Kontroverse veranschaulicht deutlich das große Risiko der Fehlinterpretation, die mit dem „mehrstimmigen“ Modus einhergeht, in dem er die Story in diesem Song umreißt.

Aber natürlich bekräftigte diese Kontroverse auch den enttäuschenden und fehlgeleiteten Mangel an Verständnis unter der breiten Masse an Kritikern von Michaels lyrischem Können, neben ihren anderen Problemen. Sie haben die eindeutig vorhandene Komplexität einfach nicht erwartet und waren dafür nicht empfänglich. Armond Whites brillante Erörterung des HIStory Albums in Kapitel 10 und 11 seines Buches Keep Moving: The Michael Jackson Chronicles bespricht einige der größeren Probleme in dieser Kontroverse sehr gut und verbindet die Missdeutung des Songtexts durch die Kritiker mit der – wie er es sieht – ständigen „Verleugnung der Komplexität in schwarzer Kunst“ durch weiße Journalisten. Ich denke, dass Whites Argumente, wie die Lyrics zu „They Don’t Care About Us“ funktionieren und was diese entsetzliche Kontroverse vorangetrieben hat, auf den Punkt sind.

Willa: Ich stimme zu, obwohl es hier auch einige Intrigen gegeben haben könnte, wie D.B. Anderson in „Sony Hack Re-ignites Questions about Michael Jackson’s Banned Song“ erörtert.

 Marie: Ja, hier gibt es möglicherweise ein wirres Netz, Willa, aber soweit ich weiß, war der Kritiker Bernard Weinraub bis 1997 nicht mit Amy Pascal, der Sony-Managerin, verheiratet, und sein vernichtender New York Times Review von „They Don’t Care About Us“ erschien 1995. Dennoch erscheint es so, dass bereits damals Spannungen zwischen Michael und Sony existiert haben. Es ist also schwer herauszufinden, was genau diesen Review ausgelöst hat.

Aber wenn man es einzig in Bezug auf unsere Lyrics-Erörterung betrachtet, scheint klar, dass Weinraub die sogenannten Verunglimpfungen nicht im Zusammenhang gelesen hat und Michaels Absicht übersehen hat, aus der Position jener zu sprechen, die angegriffen werden. Ich denke allerdings auch, dass diese Lyrics teilweise deshalb ein Blitzableiter für die von Weinraub und anderen vorgebrachten Vorwürfe waren, weil der Liedtext ziemlich wortkarg ist, da er dem abgehackten Rhythmus folgen muss, der die Strophen des Songs antreibt, was bedeutet, dass einige wesentliche und verbindende Gedanken weggelassen wurden, um diesen Rhythmus zu erzielen.

Willa: Oh, das ist ein interessanter Punkt, Marie.

Marie: Die Lyrics in den Strophen dieses Songs sind wirklich minimalistisch – sie versuchen eine komplexe Reihe an Beobachtungen und Gefühlen auf eine wirklich komprimierte Art zu vermitteln. Teilweise macht das Medium diese Komprimierung erforderlich: Songs sind kurz, also kann man keine langen Reden halten.

Aber die Form der Verse und die Art, in der sie ihre Worte auf sehr gekürzte und abgehackte Weise ausspeien, ist auch Teil der beabsichtigten Botschaft und Wirkung. Die Vorurteile, der Hass, die Unterdrückung und der Missbrauch, gegen die Michael in dem Song wettert, treffen und schlagen buchstäblich und metaphorisch, und das ist es, was der dröhnende Rhythmus dieser Worte übermittelt, zusammen mit Michaels eigener Empörung und Frustration über diese Umstände. Die erste Strophe gibt den Ton an und bietet das Gesamtbild einer verrückt gewordenen Welt:

Skinhead
Dead Head
Everybody – Alle
Gone bad – Verdorben
Situation
Aggravation
– Verschlimmerung
Everybody – Alle
Allegation
– Anschuldigung
In the suite
– In der Suite
On the news
– In den News
Everybody – Alle
Dog food – Hundefutter (bezeichnet im Slang Heroin)
Bang bang
Shot dead – Erschossen
Everybody’s
– Alle
Gone mad – Übergeschnappt

Die zweite Strophe ist etwas schwieriger zu verstehen, da der Sprecher in der ersten Person die wechselnden Positionen übernimmt, über die wir gesprochen haben:

Beat me – Schlagt mich
Hate me – Hasst mich
You can never break me – Ihr könnt mich niemals kleinkriegen
Will me – Zwingt mich
Thrill me – Erfüllt mich mit Schauer
You can never kill me – Ihr könnt mich niemals umbringen
Jew me – Nennt mich einen Juden
Sue me – Verklagt mich
Everybody – Alle
Do me – Schikaniert mich
Kick me – Tretet mich
Kike me – [„kike“ ist ein nordamerikanisches Schimpfwort für einen Juden]
Don’t you black or white me – Macht aus mir keinen Schwarzen oder Weißen

Offensichtlich spielt Michael hier in den Zeilen „Beat me / Hate me / You can never / Break me“, „Sue me“, „Don’t you / Black or white me“ auf seine eigenen kürzlichen Wirrungen an. Und „Thrill me“, das zunächst in dieser Reihe negativer Verben („beat“, „hate“, „kill“, „kick“, usw.) deplatziert scheint, verknüpft den Vortragenden hier in einer offensichtlichen Anspielung auf „Thriller“ sehr direkt mit Michael Jackson.

Willa: Ja, das denke ich auch.

Marie: Doch obwohl wir „thrill me“ möglicherweise zuerst mit „Thriller“ assoziieren oder mit etwas gemeinhin positivem, wie im umgangssprachlichen Gebrauch „I’m thrilled to be talking with you here, Willa“ (Ich bin hocherfreut, hier mit Dir zu sprechen, Willa), kann sich das Wort „thrilled“ auch auf Aufregung in negativer oder beängstigender Art beziehen, wie die Angst, die wir bei einem Horrorfilm empfinden. Und im Kontext mit dem vorausgehenden „will me“, könnte „thrill me“ leicht auf den Terror anspielen, den Michael verspürt hat, als die Macht (force) (oder der „Wille“ – „will“) seiner Ankläger, des Strafverfolgungssystems und der Medien auf ihn niederbrach. Michael steckt in dieses eine Wort also sehr viel Bedeutung: es ist eine offensichtliche, sogar trotzige Anspielung auf seinen eigenen phänomenalen Erfolg mit „Thriller“ und sein Ansehen als ergreifender Performer, aber es fügt sich auch in die negativeren Taten ein, die in diesen Lyrics aufgestapelt sind. Alles in allem kann Michael jedoch ziemlich einfach interpretiert werden, dass er etwas sagt wie „Macht weiter, macht euer miesestes, aber ihr könnt mich niemals besiegen“. Das ist eindeutig.

Aber beginnend mit „Jew me“ in Zeile 9 verschiebt sich die Perspektive dramatisch, als Michael anfängt, mit der Stimme einer jüdischen Person zu sprechen, die Ziel antisemitischer Beleidigungen ist und diese Person im selben „macht weiter, macht euer miesestes“ Modus reden lässt, den er in den anfänglichen Lyrics genutzt hat. Hier scheint die jüdische Person zu sagen „Macht weiter, nennt mich bei diesen schrecklichen Namen, aber ihr werdet mich niemals besiegen“, was der Ausdrucksweise sehr ähnlich ist, die in den Lyrics ein paar Zeilen zuvor genutzt wurde.

Willa: Dem stimme ich zu.

Marie: Aber der vorliegende Ausdruck hier ist wortkarg und baut darauf, dass der Zuhörer die Parallele bemerkt. Und die Lyrics bleiben nicht lange bei der Perspektive der jüdischen Person. Michael mischt sehr schnell Ausdrücke unter, welche die Perspektive mit „Sue me“ (verklagt mich) anscheinend zurück zu seiner eigenen persönlichen Situation verschieben. Dann wechselt er mit „Kike me“ zurück zu der Perspektive der jüdischen Person, die Ziel antisemitischer Beleidigungen wurde und gleich darauf folgt die Rückkehr zu etwas, das wieder mehr mit ihm selbst im Zusammenhang steht, „Don’t you / Black or white me“.

Wenn ein Zuhörer den wechselnden Perspektiven nicht sorgfältig folgt oder wenn ihm nicht einmal bewusst ist, dass diese Technik benutzt wurde, was bei so vielen Kritikern der Fall zu sein scheint, dann wäre es ziemlich einfach zu dem Schluss zu kommen, dass es hier nur eine erzählerische Perspektive gibt und dass die Stimme des Erzählers immer Michael Jackson ist, der über seine eigene persönliche Situation spricht und seinen eigenen Standpunkt zum Ausdruck bringt. Als Englischprofessorin frustriert mich die Tatsache einfach, dass die Kritiker einen der elementarsten Fehler begehen, den man nur machen kann, wenn man Literatur deutet, und zwar den Vortragenden des Stücks mit dem Autor zu verwechseln.

Willa: Ja, es scheint fast wie eine vorsätzliche Missdeutung von dem, was er gesagt hat.

Marie: Exakt. Diese Kritiker sind nicht einfach nur schlechte Studierende der Literatur! Es gab viele Gründe für die „Missdeutung“ dieser Zeilen durch die Medien. Als dieser Song 1995 veröffentlicht wurde, war die gängige Praxis, Michael anzugreifen und zu verhöhnen, gut etabliert. Diese wurde von komplexen sozialen und politischen Kräften angetrieben, welche letztendlich von vielen guten Experten, Journalisten und Bloggern sorgfältig untersucht worden sind.

Aber wenn wir die tatsächlichen Worte dieser Lyrics genau betrachten, können wir sehen, dass Michael durch diese schnellen Perspektivenwechsel mit der gleichen Beweglichkeit in verschiedene Rollen hinein- und herausschlüpft, wie er in seinen Auftritten in die choreographierten Tänze hinein- und heraustritt. Er spricht für sich selbst und über seine eigene konkrete Situation und dann nimmt er die Position eines anderen ein und spricht auch über dessen Probleme. Das Ziel all dieser Verlagerungen ist es, die Trennung zwischen ihm selbst und anderen zu beseitigen, Solidarität und Verständnis gegenüber jenen auszudrücken, die auf unterschiedliche Art und Weise unterdrückt werden und somit das „us (uns)“ wirklich gewissenhaft zu definieren, welches das Thema des Songs ist und der Fokus des Refrains.

Willa: Ja, das ist eine wunderschöne Art es zu erklären, Marie. Und diese Begabung, „die Trennung zwischen ihm selbst und anderen zu beseitigen“, wie Du es nennst, und „Solidarität auszudrücken … gegenüber jenen, die auf unterschiedliche Art unterdrückt werden“, wird in den Videos für den Song sehr deutlich, besonders dem ursprünglichen Video – jenes, das als „Prison Version“ bekannt wurde.

In diesem Screenshot zum Beispiel sehen wir ihn in Handschellen, seine Hand ist wie eine Pistole positioniert und sein Finger deutet zu seinem Kopf, als würde er gleich erschossen werden – und auf dem Fernseher hinter ihm sehen wir einen Kriegsgefangenen in Handschellen, der gleich erschossen wird. Tatsächlich wird dieser Häftling erschossen, während wir zusehen, was schockierend und erschreckend ist. Und während das passiert, singt Michael „Bang, bang / Shot dead / Everybody gone bad“. Durch die Lyrics und diese dualen Bilder stellt er also eine direkte und tief sitzende Verbindung zwischen ihm selbst und diesem anonymen Häftling her.

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Durch das Nebeneinanderstellen zahlreicher Bilder wie dieser verbindet er rassenbezogene Ungerechtigkeit in den Vereinigten Staaten mit Krieg in Südostasien, Hunger in Afrika, politischer Unterdrückung in China und städtischer Armut in Brasilien. Mit anderen Worten protestiert er nicht einfach nur gegen die Ungerechtigkeiten, mit denen er durch ein rassenbezogen voreingenommenes Justizwesen hier in den Vereinigten Staaten konfrontiert ist. Er verbindet diese Ungerechtigkeit auch mit weltweiter politischer, wirtschaftlicher und militärischer Unterdrückung.

Marie: Guter Punkt, Willa, und ein weiteres grandioses Beispiel. Ich denke, was Du feststellst, wenn Du sagst, dass der Film deutlich macht, dass die gebotene Perspektive über Michaels persönliche hinausgeht, reflektiert exakt die Art, wie eine bestimmte „Produktion“ eines Theaterskripts funktioniert, um die geschriebenen Worte durch faktische Dramatisierung der Situation und Verkörperung der unterschiedlichen Perspektiven, aus denen die Charaktere sprechen, zu erläutern. Die speziellen kreativen Entscheidungen, die eine Produktion verlangt, dienen üblicherweise dazu, jene „offenen“ oder unklaren Elemente, die ein geschriebenes Skript bietet, zu präzisieren und zu erläutern.

Während die Lyrics zu „They Don’t Care About Us“ alleine also Raum für die zuvor von Dir erwähnte Art der Fehlinterpretation lässt, macht es die „Prision Version“ klar, dass das „Ich“, welches in der zweiten Strophe des Liedes spricht, verallgemeinert werden kann, um all jene zu umfassen, die von Hass und Gewalt unterdrückt wurden, wie in dem oben dargestellten Screenshot. In dem Film bekommen wir eine klarere und optisch reichhaltige Version dessen, was uns der Song in wortkargeren Ausdrücken vermittelt, nämlich dass sich Michael bewusst mit diesen vielen unterschiedlichen unterdrückten Personen als Teil eines „uns“ identifiziert, statt mit einem distanzierteren „sie“. Für mich ist das symbolisch für die oft missverstandene Anmut und Macht des HIStory Albums als ganzes. Michaels persönliche Wut und Frustration erweitert sich über das persönliche hinaus, um viel mehr als das zu umschließen.

Willa: Dem stimme ich zu, und das ist einer der Gründe, warum er so ein einflussreicher Künstler ist, denke ich.

Marie: Ja, absolut. Aber in den Lyrics zu einzelnen Songs wie „They Don’t Care About Us“ entfaltet sich all das sehr schnell (wie Michael sagte, Songs sind „quecksilbrig“) und ohne deutliche Kennzeichnung um klarzustellen, wer spricht, wie man das in einem tatsächlichen Theaterstücktext vorfindet, wo den Textpassagen die Namen der sprechenden Charaktere vorangestellt sind. Die Komplexität dessen, was Michael hier macht, ist leicht zu verpassen, wenn man nicht aufpasst, oder wenn man mit einer vorgefassten Agenda reagiert, wie das meiner Meinung nach bei vielen Kritikern der Fall ist.

Willa: Exakt.

Marie: Aber um ein Stückchen von „They Don’t Care About Us“ wegzukommen und diesen von mir vorgeschlagenen Gesichtspunkt des Theaterstücks zu vertiefen, könnte man einwerfen, dass die multiplen Perspektiven und Stimmen, welche Michael in seinen Songs erschafft, oft dazu genutzt werden, um Erkundungen zu arrangieren, die als mächtige Konflikte (zwischen Individuen oder Vorstellungen) strukturiert sind. Der Konflikt ist ein Schlüsselelement des Geschichtenerzählens in Dramen (und ebenso in vielen anderen Literaturformen), und es ist eine der grundlegenden Methoden, um unser Interesse an diesen Texten zu bewahren. Wir beteiligen uns an der Auseinandersetzung, wir möchten die Bedingungen sehen, möglicherweise identifizieren wir uns mit einem bestimmten Charakter und wir möchten sehen, was zum Schluss passiert.

Willa: Oh, absolut – entweder Konflikte in persönlichen Beziehungen, wie wir sie in „Billie Jean“, „In the Closet“ oder „Whatever Happens“ sehen, oder zwischen Personengruppen, wie in „Beat It“ oder „Bad“. Oder eine Einzelperson, die gegen Autorität kämpft, wie in „Ghosts“ oder „This Time Around“. Oder innere Konflikte, wie in „Will You Be There“ oder „Stranger in Moscow“. Oder große kulturelle Konflikte wie in „Earth Song“, „Black or White“, „HIStory“, „Be Not Always“ oder sogar „Little Susie“. Das ist ein wirklich wichtiger Punkt, Marie. Viele seiner Songs sind von starken Konflikten angetrieben, wie Du sagst – jedoch oft auf komplexe Art, wo die Hauptfigur bis zu einem gewissen Grad mit dem Kontrahent sympathisiert, es ist also selten eine „wir“ gegen „sie“ Situation.

Marie: Das ist eine wirklich gute Studie über die unterschiedlichen Konflikte, die Michael in seinen Songs bearbeitet, Willa, und ich liebe es, wie Du diese Titel so schnell miteinander in Verbindung setzen kannst! Es macht so viel Spaß, mit Dir über dieses Thema zu sprechen! Und ja, ich gebe Dir Recht – obwohl viele Lieder mit überschaubar abgesteckten Konflikten beginnen, verkomplizieren sich diese fundamentalen Gegensätze gegen Ende hin und wir können sogar in jenen Songs, die sehr polarisiert bleiben, zweifelsohne sehen, wie er beide Seiten sehr deutlich an die Oberfläche bringt und durch die Positionswechsel gekonnt umreißen kann, was in dem Konflikt auf dem Spiel steht.

Willa: Ja, es ist wirklich bemerkenswert.

Marie: Zum Beispiel in „Scream“, wo klar ist, dass er im ersten Teil der ersten Strophe seinen Widerstand gegen die Beleidigungen zum Ausdruck bringt, die er nach den Unterstellungen von 1993 durch die Presse und die Kultur als Ganzes erlitten hat („Tired of injustice, tired of the schemes … as jacked as it sounds, the whole system sucks – der Ungerechtigkeit überdrüssig, der Intrigen überdrüssig … so aufgepumpt es klingt, das ganze System ist beschissen“), fährt er im zweiten Teil der ersten Strophe mit einer detaillierteren Beschwörung des Konflikts fort und verwendet das „ihr“ Pronomen im Gegensatz zu „mich“, „mein“ und „ich“:

You tell me I’m wrong – Ihr sagt mir, ich bin im Unrecht
Then you better prove you’re right – Dann beweist ihr besser, dass ihr recht habt
You’re sellin‘ out souls but – Ihr verkauft Seelen aus, aber
I care about mine – Meine ist mir wichtig
I’ve got to get stronger – Ich muss stärker werden
And I won’t give up the fight – Und ich werde den Kampf nicht aufgeben

Hier lässt mich das schnelle Pendeln der Pronomen an die Augen der Zuseher bei einem Tennismatch denken, die sich zwischen den gegnerischen Spieler hin und her bewegen. Das Vor und Zurück zwischen den Perspektiven „ich“ und „ihr“ liest sich zunächst wie ein verbaler Streit („You tell me I’m wrong / Then you better prove you’re right“), aber die selbe entgegengesetzte Pronomenstruktur wird verwendet, um den Konflikt in den nächsten paar Zeilen sehr schnell zu verstärken „You’re sellin’ out souls but / I care about mine.” Die offenkundige Auseinandersetzung darüber, wer Recht hat und wer nicht, nimmt jetzt mit dem an die böse klingende Tat „sellin‘ out souls“ beigefügten „ihr“ (was sowohl metaphorisch betrachtet werden kann als eine Art, schrecklichen Verrat im wirtschaftlichen/religiösen Sinne zu beschreiben, als auch wörtlicher im Zusammenhang mit der Gier, die an den Anstrengungen beteiligt war, Michael zu zerstören) und dem „ich“, das erklärt, wie wichtig ihm seine Seele ist und das schwört, stärker zu werden, um „the fight“ durchzuhalten, einen viel größeren Anteil ein. In wenigen Zeilen wurde dieser wirklich elementare Konflikt für uns vorgezeichnet.

Willa: So ist es wirklich. Und es wurde umso heftiger wegen der sehr realen Konflikte, mit denen er konfrontiert war; Konflikte, die uns die „ihr“ Position auf unterschiedliche Art ausfüllen lassen – mit Bezug auf die Medien, die Polizei, das Justizsystem im Allgemeinen, die Musikindustrie, das Versicherungswesen, die konkreten Ankläger, die breite Öffentlichkeit und so weiter. Die Mehrdeutigkeit dieses nicht näher bezeichneten „ihr“ lässt uns diese Lücke mit einer Vielzahl an Charakteren ausfüllen, die an „selling out souls“ beteiligt waren.

Marie: Das ist eine tolle Erkenntnis, Willa. Ich denke, Du hast Recht damit, dass das „nicht näher bezeichnete ihr“ als Platzhalter dient, der mit etlichen verschiedenen Charakteren gefüllt werden kann. Und auf typische Michael-Art werden die Dinge im Refrain sogar noch komplizierter und die „ihr“ Bezüge verschieben sich wirklich schnell, während die Zeilen voranschreiten:

With such confusions – Bei solch einem Durcheinander
Don’t it make you wanna scream? – Bringt es Dich nicht dazu, schreien zu wollen?
(Make you wanna scream) – (Bringt Dich dazu, schreien zu wollen)
Your bash abusin’ – Euer Versuch zu missbrauchen

Victimize within the scheme – Betrügen innerhalb des Systems
You try to cope with every lie they scrutinize – Du versuchst mit jeder Lüge zurechtzukommen, die sie genau untersuchen
Somebody please have mercy – Irgendjemand erbarme sich bitte
‘Cause I just can’t take it – Weil ich es einfach nicht ertragen kann

Hier, wie auch in anderen Songs, ist das „ihr“ mehrdeutig und dehnbar.

Willa: Ja, und es gefällt mir, wie Du das ausdrückst, Marie. Es ist ein „dehnbares“ ihr, das so weit gedehnt werden kann, bis alle eingeschlossen sind, die seine Worte hören.

Marie: Ja, es spricht uns direkt an und drängt uns dazu, uns zu beteiligen und uns mit dem Sprecher in seiner empörten Frage zu identifizieren („don’t it make you wanna scream?“), aber es klingt auch so, als spräche er sich selbst an, als würde er plötzlich von außen zusehen und sich selbst fragen, wie ihn die Situation fühlen lässt, nur um sich der Richtigkeit seiner Gefühle zu vergewissern, oder um sich selbst vielleicht kurzzeitig davon zu befreien, die belagerte Position des „ich“ in diesem Szenario einzunehmen. Und der Call and Response der Background-Sänger, der „make you wanna scream“ wiederholt, legt noch eine andere Perspektive nahe, von einem Chor, der diesen Gedanken widerhallt, wie um zu bestätigen, dass einen das dazu bringt, schreien zu wollen.

In den nächsten beiden Zeilen scheint sich die Perspektive, welche durch das Pronomen „your“ dargestellt wird, dramatisch hin zu jenen Tätern zu verschieben, die all die Dinge begehen, die „you“ und den Sprecher selbst dazu bringen, schreien zu wollen: „Your bash abusin‘ / Victimize within the scheme“. In der nächsten Zeile sind wir dann wieder zurück in der Perspektive des vorherigen „you“, das auf all das reagiert: „You try to cope with every lie they scrutinize“.

Und schließlich enden die beiden letzten Zeilen des Refrains direkt in der Ichform, flehen „Somebody please have mercy / ‘Cause I just can’t take it“ und der Rest des Refrains erweitert diese Bitte in eine aggressivere Forderung „Stop pressurin‘ me“, wobei sich das Pronomen „me“ acht Mal wiederholt, einmal pro Zeile, wodurch schmerzhaft deutlich ist, wer all diesen Druck erlebt! Für mich ist der Effekt von alldem – die wechselnden Perspektiven, welche durch die schnellen Pronomenwechsel wiedergegeben werden – dass ich mich fühle, als würde mein Kopf herumgedreht werden! Wenn ich versuche, den Perspektiven zu folgen, erzeugt das bei mir eine Form der „Verwirrung“, die der Vortragende beschreibt und dadurch bin ich in der Lage, mir ansatzweise vorzustellen, wie es sich angefühlt haben muss, in dem Missbrauchswirbelsturm gewesen zu sein, den Michael durchlebt hat.

Willa: Das ist eine tolle Beschreibung, Marie! Und vielleicht bewirkt diese „Verwirrung“ auch, dass die Abgrenzung zwischen den Helden und den Bösewichten erschwert wird. Weil es so viele Perspektivenwechsel gibt, wird das „you“ angeklagt, „bash abusin‘ / Victimize within the scheme“, aber es wird auch gefragt „Don’t it make you wanna scream?“, wie Du sagst. Also werden die Bösewichte vielleicht auch vom System unter Druck gesetzt? Vielleicht bringt es auch sie dazu, schreien zu wollen? Und vielleicht müssen wir unsere eigene Mitschuld am System betrachten und auch unsere eigenen Gepflogenheiten ändern?

Marie: Mir gefällt diese Auffassung sehr, Willa! Das passt zu dem Gedanken der ersten Strophe, wo Michael sagt „The whole system sucks“. Es würde also Sinn machen, dass die Bösewichte auf eine Art und Weise darin gefangen sind, die für sie ebenfalls zerstörerisch ist, ob sie das nun zugeben oder nicht. Dein Aspekt bezüglich unserer eigenen Mitschuld am System ist auch interessant. Wir wissen von Songs wie „Tabloid Junkie“, dass Michael auch uns nicht aus unserer Verantwortung entlässt, da er uns an die Rolle erinnert, die wir in dem System spielen, besonders durch den Konsum der Boulevardblätter: „And you don’t have to read it / And you don’t have to eat it / To buy it ist o feed it … And you don’t go and buy it / And they won’t glorify it / To read it sanctifies it“.

Willa: Genau. Das ist ein toller Zusammenhang, Marie.

Marie: Es ist auch sehr interessant, dass sich das lyrische Ich in „Scream“, da es als Duett mit Janet aufgenommen wurde, buchstäblich verschiebt, während jeder der beiden seinen zugewiesenen Teil singt. Dass sich Janet die Lead Vocals mit Michael teilt, ist eine solide Unterstützung für ihren Bruder (sogar bevor sie mit ihm in dem Kurzfilm aufgetreten ist). Wenn sie als „Ich“ singt, singt sie aus seiner Perspektive in all der „Verwirrung“ und beteiligt sich auch an seinem Widerstand dagegen.

Willa: Oh, das ist interessant und ein wirklich wichtiger Punkt, Marie. Daran habe ich noch nicht gedacht, aber Du hast Recht. Und wieder werden die in den Lyrics ausgedrückten Gedanken von dem Video verstärkt, wo Janet und Michael Jackson wiederholt beinahe als Spiegelbilder des jeweils anderen dargestellt werden, identisch gekleidet und die Gefühle und Gesichtsausdrücke des anderen reflektierend. Hier sind ein paar Screenshots:

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Also im Gegensatz zu einem Theaterstück, wo typischerweise ein Akteur einen Charakter spielt, während der andere einen entgegengesetzten Charakter spielt – zum Beispiel übernimmt einer die Rolle des Opfers und der andere spielt den Täter – ist es in Scream, als würden sie sich abwechseln und denselben Charakter spielen. Das ist wirklich interessant, Marie.

Marie: Genau, Willa. Und während sie sich abwechseln und denselben Charakter spielen, denke ich, dass wir besonders in Janets Bereitschaft und Begabung, die Rolle des Opfers in „Scream“ zu übernehmen, eine verständlichere Version dessen sehen, was Michael in so vielen Songs macht, wo er selbst all die Charaktere übernimmt, wie in „They Don’t Care About Us“. In Janets Fall ist klar, dass sie mit ihrem Bruder mitfühlt und zutiefst verstehen kann, was er durchmacht. Sie teilt seine Wut und Frustration und kann diesen Gefühlen nicht nur eine Stimme verleihen, weil sie seine Schwester ist und ihn liebt, sondern weil sie als berühmte Künstlerin ebenfalls im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht und weiß wie es ist, Gegenstand der Übergriffe durch „das System“ zu sein. (Und man darf nicht vergessen, dass „Scream“ lange vor dem berüchtigten „Garderobendefekt“ beim Superbowl 2004 aufgenommen worden ist, der sich für Janet zu solch einem Albtraum hochgeschaukelt hat).

Wenn ich an Janets Rolle in „Scream“ denke, erinnert mich das auch an den großartigen Moment bei den MTV Video Music Awards 1995, als der Scream Kurzfilm den Preis für das beste Dance Video gewonnen hat. Als sie hinaufgeht, um den Preis mit Michael entgegenzunehmen, trägt Janet ein abgeschnittenes T-Shirt mit der Aufschrift „Pervert 2 (auch ein Perverser)“ am Rücken!

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Willa: Daran habe ich auch gerade gedacht! Als Du gerade so gut beschrieben hast, wie sie in „Scream“ einen Teil seiner Last auf sich nimmt, indem sie an seine Position tritt und aus seiner Perspektive spricht – „seiner Wut und Frustration eine Stimme verleiht“, wie Du es genannt hast – kam mir plötzlich der Gedanke an sie in dem „Pervert 2“ T-Shirt. Das war wirklich ein beeindruckender Akt der Solidarität.

Marie: Ich liebe es, wie Janet diese wirklich freche Fortsetzung ihrer Identifikation mit Michael in dem Song und dem Film zeigt, indem sie sich entschließt, dieses Shirt bei solch einem viel beachteten Event zu tragen, als würde sie sagen „Na gut, wenn mein Bruder ein Perverser ist, dann bin ich es auch!“ Hier ist ein Link zu der Preisverleihung. Janet erscheint in dem Shirt bei etwa 1:30.

In diesem Zusammenhang ist es allerdings wichtig festzuhalten, dass ihm seine Fähigkeit, in seinen Songlyrics unterschiedliche Standpunkte und Perspektiven einzubeziehen, erlaubt, so viele komplexe und wichtige Botschaften in den Leerräumen der „quecksilbrigen Skizze“, die das Songmedium bedingt, zu vermitteln. Wie Janet es mit Michael in „Scream“ gemacht hat, kann auch Michael starke Verbindungen zu den „anderen“ aufbauen, die er durch das Verschieben der Standpunkte in vielen unterschiedlichen Songs anführt. Es ist nicht immer dasselbe Level an Empathie, das Janet in „Scream“ an den Tag legt, aber es lässt darauf schließen, wie wichtig es ihm ist, viele unterschiedliche Perspektiven und Stimmen darzustellen. Und es ist signifikant, dass er sich dazu entscheidet, sie nicht nur in der dritten Person darzustellen („er machte dies“ oder „sie fühlte jenes“), sondern zu sprechen, „als ob“ er selbst einer dieser anderen Personen wäre, wie er es in „They Don’t Care About Us“ macht.

Willa: Ich stimme zu, und indem er das tut, macht er uns als Zuhörer ebenfalls mit diesen Standpunkten vertraut – nicht nur in „Scream“ und „They Don’t Care about Us“, sondern auch in vielen anderen Songs.

Marie: Für mich beweist das einen bemerkenswerten Sinn für Aufgeschlossenheit, Großzügigkeit, Gemeinschaft und ein aufrichtiges Interesse an Menschen und Situationen jenseits seiner selbst – all jene Eigenschaften, die wir in Michael erkennen und an ihm bewundern.

Willa: Ja, absolut, und eine lebenslange Empathie, die ihn dazu gebracht hat, auf emotionaler Ebene Kontakt aufzunehmen und zu versuchen, eine Situation aus vielen verschiedenen Perspektiven zu betrachten, selbst wenn diese Perspektiven seiner eigenen entgegengesetzt sind.

Marie: Und genauso wie Shakespeare und seine Zeitgenossen, die so meisterhaft innerhalb der Grenzen der konventionellen aus 14 Verszeilen bestehenden gereimten Sonettform gearbeitet haben, ist es bemerkenswert für mich, was er macht, weil er in solch einer komprimierten Form arbeitet mit so vielen Einschränkungen – Songlyrics dürfen nicht zu lange sein, sie müssen mit den musikalischen Rhythmen und Tonlagen des Songs harmonieren, sie müssen für den Sänger aussprechbar sein, in den meisten Fällen müssen sie sich reimen, usw.

Und obwohl es verrückt klingen mag, möchte ich den Shakespeare Vergleich hier sehr bewusst ziehen. Ich habe mich auf Shakespeare spezialisiert, also habe ich ihn immer im Hinterkopf und ich kann nicht anders, als diesen Vergleich herzustellen. Aber noch wichtiger – ich denke, dass Michaels Lyrics zum Teil deshalb unterschätzt und missverstanden werden (wie bei „They Don’t Care About Us“), weil es den Leuten im Allgemeinen, und besonders gewissen Kritikern oft widerstrebt, Popsong-Lyrics als komplexe Formen der Sprache zu betrachten, die aus poetischen Impulsen entspringen, welche sich nicht sehr von Shakespeares oder jenen von irgendeinem anderen verehrten Poeten unterscheiden.

Willa: Ich gebe Dir völlig Recht – obwohl es sehr viel bedeutet, wenn das von Dir, einer Shakespeare-Gelehrten kommt!

Marie: Wie schon gesagt, wenn wir zu dem zuvor von mir erwähnten Kommentar von Joe Vogel zurückkehren, gibt es in Michaels Schaffen so viele andere „Kanäle“ des Ausdrucks, die beachtet werden müssen – die Musik, der Tanz, die Filme, die Livekonzerte – kurzum, das volle Spektakel, welches das außerordentlich anziehende Pop-Phänomen umfasst, das wir als „Michael Jackson“ kennen – dass die Komplexität der Lyrics oft unterschätzt wird. (Und dabei behandeln wir noch gar nicht die zusätzlichen Effekte all der Kontroversen und Boulevard-Verzerrungen, die dazu beigetragen haben, wie Michael seit Mitte der 1980er betrachtet wird.) Aber ich denke auch, dass hier ein gewisses elitäres Denken ins Spiel kommt, welches mit der Kluft zwischen der sogenannten „Hochkultur“ und der „niederen Kultur“ oder „Popkultur“ verbunden ist, die immer noch in den Köpfen einiger Leute besteht.

Willa: Absolut, und es ist wirklich seltsam, wie diese Linie gezogen wird. Natürlich ist Popmusik für manche Kritiker keine Hochkultur. Aber selbst bei jenen, die Popmusik ein bisschen Platz einräumen, fühlt sich die Unterscheidung oft willkürlich an. Zum Beispiel wird U2 aus irgendeinem Grund üblicherweise als hochwertig betrachtet und die Beach Boys nicht, obwohl die Beach Boys musikalisch viel experimenteller waren, komplexe Arrangements und Harmonien eingebaut haben und Wegbereiter für neue Aufnahmeverfahren waren, die den Kurs der Musikgeschichte verändert haben.

Das ist nur ein Beispiel, aber mein Punkt ist, dass die Trennung zwischen „hochgradiger“ und „seichter“ Kunst oft nicht viel Sinn macht und sie scheint eher auf irgendeinem akademischen „cool“ Faktor zu beruhen, als auf künstlerischen Werten.

Marie: Das Beispiel der Beach Boys ist ein großartiges, Willa. Ich habe kürzlich Love and Mercy gesehen, den neuen Film über Brian Wilson, und ich habe dabei so viel darüber gelernt, wie komplex und innovativ Wilsons Musik war. Einige aktuelle wissenschaftliche Arbeiten haben diese Teilung zwischen „hochgradiger/minderer Kultur“ kritisiert und es gibt viele Musik- und Kulturkritiker, die es sich nicht nehmen lassen, die Arbeit populärer Künstler ernst zu nehmen. (Ernsthafte Betrachtungen von Hip-Hop gibt es zum Beispiel seit langem, was sich nicht nur in der Musikpresse zeigt, sondern auch in akademischen Kreisen, wo es Fachzeitschriften, Bücher, Kurse und sogar Haupt- und Nebenfächer auf Hochschulniveau zu Hip-Hop Studien gibt).

Aber wie wir wissen, Willa, wurde Michael als ein Künstler, dessen weltweite Popularität beispiellos war (und immer noch ist) fälschlicherweise oft lediglich als ein „Entertainer“ in eine Schublade gesteckt, der sich hauptsächlich auf massenkompatiblen kommerziellen Erfolg konzentriert hat, welcher sich in Platten- und Ticketverkäufen gezeigt hat, statt als ernstzunehmender Künstler betrachtet zu werden, dessen scharfe Intelligenz, klarer gesellschaftlicher Einblick und differenziertes emotionales Verständnis in der Sprache seiner Lyrics zum Ausdruck gebracht wurde, genauso wie in allen anderen Medien, die er genutzt hat.

Willa: Absolut. Du hast exakt meine Gefühle ausgedrückt, Marie, allerdings viel eleganter als ich es gekonnt hätte. Und es ist mir weiterhin ein Rätsel, wie Kritiker sein Werk so lange Zeit unterschätzen konnten.

Marie: Es ist auf jeden Fall schwer zu verstehen. Aber an diesem Post zu arbeiten hat mich noch deutlicher erkennen lassen, dass es wirklich einen Haufen verschiedener Hürden gegeben hat, welche diese Art der sorgfältigen Betrachtung und Wertschätzung von Michaels Lyrics verhindert haben, die wir hier zu bewerkstelligen versuchen. Und ich denke, wir haben nur begonnen, an der Oberfläche dessen zu kratzen, was es darüber zu sagen gibt, wie Michaels Lyrics die Verlagerung der Subjektpositionen nutzt, Willa!

Willa: Dem stimme ich zu und vielen Dank Marie, dass Du Dich daran beteiligt hast, ein besseres Verständnis für all das zu bekommen. Du hast mir viel zum Nachdenken gegeben und ich schätze Deine Einblicke in die „quecksilbrige“ Beschaffenheit seines Songwritings – seiner Fähigkeit, nicht nur eine Geschichte zu erzählen, sondern in seinen Songs ein Miniaturdrama zu umreißen. Davon bin ich wirklich fasziniert und darüber möchte ich noch weiter nachdenken. Danke, dass Du Deine Gedanken mit uns geteilt hast!

Marie: Es war mir ein Vergnügen, Willa. Danke noch einmal, dass Du dieses Thema aufgebracht und mich eingeladen hast, mit Dir darüber nachzudenken!