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Die entlarvten Lügengeschichten in Wade Robsons Klageschrift

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Hierbei handelt es sich um eine zusammenfassende Übersetzung der Postings Wade Robson is requestet to admit that he is a liar, Wade Robsons fake story of home alone at Neverland & The missing bed in Wade Robsons stories vom Vindicating Michael Blog.

Nachdem das Folgende eine sehr ausführliche Analyse von Wade Robsons Lügen ist, möchten wir an dieser Stelle ein PDF der Übersetzung in Form eines E-Books anbieten. Hier geht’s zum Download Wade Robsons Klageschrift 6 Zoll (z.B. für Standard-Ebook-Reader) oder Wade Robsons Klageschrift 10 Zoll (z.B. für Standard-Tablets).

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Manchmal reicht es, einige Gerichtsdokumente noch einmal zu lesen und damit aufzuhören, die Verhaltenskomplexitäten des „armen Jungen“ Wade Robson zu betrachten, um die Einfachheit des Falles in all seiner brutalen Nacktheit zu sehen.

Diese wohltuende Abwechslung ereignete sich, als ich auf der Suche nach dem $1,62 Milliardenbetrag war, den der „arme Junge“ jetzt verlangt. Im Zuge dessen habe ich nicht nur seine aktuellen Gerichtsdokumente gelesen, sondern auch die Aussagen der ganzen Robson Familie im Prozess 2005.

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was das für ein Schlüsselerlebnis war. Tatsächlich lesen sich die aktuellen Gerichtsdokumente am besten, wenn man sie mit jenen Aussagen von damals in Verbindung setzt. Das öffnet einem die Augen nicht nur bezüglich der krassen Falschheit von Robsons aktueller Story, sondern auch bezüglich seines unglaublichen Egos, Zynismus, seiner Undankbarkeit, Eifersucht, Abgebrühtheit und natürlich seiner Geldgier.

Die drei Dokumente aus dem Jahr 2005 sind die Aussagen des 22-jährigen Wade Robson, seiner Mutter Joy Robson und seiner 25-jährigen Schwerster Chantal Robson.

Chantal und Joy RobsonChantal und Joy Robson 2005

Die zwei aktuellen Dokumente von Robson sind seine am 19. Februar 2014 eingereichte zweite, abgeänderte Klageschrift und gewisse am 25. Juli 2014 eingereichte „besondere Beweisfragen und Geständnisanträge“.

Ziel ist es, Robsons Lügen (welche viele sind) zu lokalisieren und die tatsächlichen Ereignisse wieder herzustellen, wie sie wirklich passiert sind und nicht, wie sie von diesem Typen zusammengereimt wurden.

All das ist reine Restaurationsarbeit, wie in der Kunst, also lasst es so sein, wie es sein soll – sorgfältig, methodisch und originalgetreu bis ins kleinste Detail. In Verleumdungsfällen wie Robsons, besonders wenn die verleumdete Person nicht mehr für sich selbst sprechen kann, darf kein Detail als „unwichtig“ betrachtet werden. Jedes Bruchstück ist von Bedeutung, da es die Bruchstücke des ursprünglichen Gemäldes sind, die uns dabei helfen, das ganze Bild bis zu seinem wahrhaftigen Selbst wiederherzustellen.

Jene, die darauf erpicht sind, Michael Jacksons Charakter zu diffamieren, haben hart daran gearbeitet, ihre falsche Story so konsistent wie nur irgend möglich zu machen. Lügen können allerdings grundsätzlich nicht makellos sein, da sie das gekünstelte Produkt eines bösen Verstandes sind, also wird ein aufgedecktes falsches Detail hier und dort und auch in den wesentlichen Teilen der Story zu einem offensichtlichen Schwindel hindeuten.

Mein Ziel ist es gar nicht so sehr, Robson und seine Lügen zu diskreditieren, sondern die unschuldige Wahrheit über Michael Jackson wiederherzustellen und den Skeptikern zu beweisen, dass die Wahrheit eine absolute Sache ist und sogar in vollkommen unmöglichen Situationen erreicht werden kann.

Wie die erste Klageschrift, führt auch die geänderte keine „sexuellen Handlungen“ näher aus (da sie stark editiert ist), sie zählt jedoch wahrscheinlich sämtliche Paragraphen des kalifornischen Strafgesetzbuches auf, die es zu den unterschiedlichen Formen der Belästigung gibt, was impliziert, dass die Klage das volle Spektrum davon abdeckt. Der Pluspunkt dieses Dokumentes ist allerdings, dass es Robsons Story wiedergibt.

Die „besonderen Beweisfragen“ führen einen an ein breites Themenspektrum heran, zu dem der Kläger von dem „Unternehmen“ (MJJ Production) Informationen möchte. Die 143 Punkte erstrecken sich von der Identifizierung „aller Geschäftseinheiten, in denen der Verstorbene im Zeitraum von etwa 1990 bis 1997 Eigentümerinteresse hatte“ bis zu „allen Personen, denen das Unternehmen Entgelt bezahlte, um Klagen wegen fahrlässiger Zufügung seelischen Leides durch den Verstorbenen aus der Welt zu schaffen“. Kurzum: die Beweisfragen des Klägers wollen alles.

Ein neugieriger Kopf wird an dem Dokument „Geständnisanträge“ das meiste Interesse haben, in dem die 93 Punkte die Angeklagten dazu auffordern, verschiedene Dinge zuzugeben – einschließlich der angeblichen „sexuellen Handlungen“, von denen MJJ Productions und das Estate offenbar vermeintlich gewusst haben sollen.

Die meisten Geständnisanträge sind irrsinnig, selbst die unschuldigsten. Hier ist ein Beispiel eines Geständnisantrages, dass „der Verstorbene Robson gesagt hat, dass er ein Filmregisseur wird“. Na und?

Wade Robson Klageschrift Punkt 17Eingeständnisantrag NR. 17: Geben Sie zu, dass der VERSTORBENE Wade Robson im Zeitraum von etwa 1990 bis 1997 gesagt hat, dass Wade Robson ein Filmregisseur werden würde.

Natürlich scheinen die „Geständnisanträge“ der fesselndste Teil der Sammlung zu sein, aber nachdem ich sie mit den Aussagen der drei Robsons im Prozess 2005 verglichen habe, hinterließ das Dokument den größten Eindruck nicht wegen der Enzyklopädie der dort aufgezählten angeblichen Sexualverbrechen, sondern weil all das Gute, das Michael für diese Familie getan hat, als etwas Böses und Niederträchtiges dargestellt wird.

Das trifft einen am meisten, wenn man einen Vergleich zieht zwischen der schönen Geschichten, die alle Robsons über ihre Freundschaft mit Michael im Prozess 2005 erzählt haben, und den nüchternen Äußerungen von Robsons vorliegender Klageschrift, wo all das Gute, das Michael für sie getan hat, auf den Kopf gestellt und in der abscheulichsten Art und Weise dargestellt wird.

Zum Beispiel verlangt die Auflistung das Geständnis, dass die „erwidernde Partei für Wade Robson arrangierte, in einem oder mehreren Musikvideos des Verstorbenen zu tanzen“, Visa für die Familie beantragte, als sie sich in den USA niederließen, Robsons Mutter mit ihrer Anstellung half und dafür gesorgt hat, dass Zahlungen an sie erfolgen, obwohl ihr temporäres Visa dies nicht vorsah, ein Album für Wade bei Michael Jacksons Plattenfirma veröffentlichte und viele weitere bösartige Handlungen beging.

Die Aufzählung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit lesen sich am besten vor dem Hintergrund der Aussagen der Familie, da man nur so erkennt, dass es das brennende Verlangen dieser Familie war, all diese bösartigen Dinge zu bekommen, über die sich Robson jetzt beklagt.

Die Ungeheuerlichkeit seiner jetzigen Lügen und seine Undankbarkeit sind monumental und jenseits jeder denkbaren Beschreibung. Zumindest habe ich nicht die passenden Worte, um es zu formulieren.

Deshalb mache ich einfach meine eigene erste Aufzählung der Geständnisaufforderungen (13 Punkte) und richte sie an Robson, seine Familie und auch an jene, die immer noch zwischen den Stühlen sitzen und „nicht wissen, was sie darüber denken sollen“, arme Dinger.

Um es für alle einfacher zu machen, werde ich versuchen, der Struktur des Dokuments zu folgen, das von Robsons Anwälten bei Gericht eingereicht wurde. Der einzige Unterschied ist, dass meine Punkte detaillierter sein werden als die einzeiligen Anträge von WR, was die Öffentlichkeit wegen dem völligen Mangel an Details nur verwirrt.

Einige Aufforderungen werden nur zu Informationszwecken sein, weil sie notwendig sind, um den Schauplatz des Verbrechens (natürlich Robsons Verbrechen) zu beschreiben.

Geständnisaufforderung Nr. 1

Gebt zu, dass Robson in seiner Klageschrift den Zeitpunkt von Michael Jacksons Einladung, ein Wochenende auf Neverland zu verbringen, mit Februar 1990 benennt. In ihren Aussagen von 2005 variiert der von der Familie genannte Zeitpunkt ihres ersten Besuchs auf Neverland allerdings – Joy Robson (Mutter) spricht vom Jänner 1990; Wade und Chantal Robson sprechen vom Jahr 1989.

Nun gebt zu, dass die Abweichungen bezüglich des Anfangs der Story, wie auch einiger anderer Punkte, klar zeigen, dass die drei Familienmitglieder nicht versucht haben, ihre Aussagen abzusprechen und dass ihre Aussagen spontan waren und nicht von Michael Jackson oder jemand anderem gecoacht wurden.

Geständnisaufforderung Nr. 2

Wade Robson und Michael JacksonRobson mit 5 Jahren

Gebt zu, dass Robson und seine Mutter Michael Jackson 1987 in Australien nach einem Tanzwettbewerb kennengelernt haben, bei dem MJ zu treffen der erste Preis war. Im Grunde war es nur ein Meet-and-Greet Event.

Michael freute sich, Wade Robson in seinem „Bad“ Outfit zu sehen und bot ihm an, am nächsten Tag in seiner Show aufzutreten. Das zweite Mal trafen sie ihn am Tag nach der Abendvorstellung, als Wade und seine Mutter zu seinem Hotelzimmer gingen und ein paar Stunden darüber sprachen, was Wade machen wollte.

Nachdem Michael Australien verließ, hatten sie zwei Jahre lang keinen Kontakt miteinander. Wade Robson tanzte weiterhin mit seiner Truppe, der Johnny Young Talent Company in Australien, Brisbaine.

Gebt also zu, dass Michael Jackson nicht versuchte, in irgendeiner Art und Weise mit der Robson Familie in Verbindung zu bleiben.

In seiner Aussage 2005 beschrieb Wade Robson es wie folgt:

„Ich traf ihn zum ersten Mal, als ich fünf Jahre alt war. Ich denke, es war ‘87. Und Michael tourte, er machte die „Bad“ Tour. Und ich imitierte ihn zu diesem Zeitpunkt als Tänzer. Und er hielt diese – es war in Verbindung mit Target oder so was, hielt diese Art Tanzwettbewerbe ab, überall, wo er hinreiste. Also nahm ich an einem der Tanzwettbewerbe teil und gewann ihn, kam ins Finale und gewann dieses und dann war der Preis, Michael zu treffen. Also traf ich ihn nach einem seiner Konzerte in Brisbane, Australien. Und es war genauso wie eine Art Meet-and-Greet Raum. Und wir trafen uns und ich war in meinem ganzen, wissen Sie, „Bad“ Outfit und alles. Er lachte irgendwie und flippte aus wegen meinem Outfit und fragte, ob ich tanze. Ich sagte „Ja“. Und er bat mich, mit ihm in der Show am nächsten Abend aufzutreten. Also nach – am Ende des Konzerts kam ich auf die Bühne und performte mit ihm in der Show. Die nächsten – die nächsten – ich denke innerhalb der nächsten paar Tage machten meine Mutter und ich uns auf, um ihn in seinem Hotelzimmer zu besuchen und wir blieben für ein paar Stunden. Das war in Brisbane, Australien. Redeten nur darüber, was ich machen wollte. Und dann war es das fürs erste. Und für die nächsten zwei Jahre hatten wir überhaupt keinen Kontakt. Und ich führte meine Tanzkarriere in Australien fort. Und dann reiste mein Ensemble, das Tanzensemble, nach Amerika, um eine Aufführung in Disneyland zu machen. Also gingen wir alle.”

Geständnisaufforderung Nr. 3

Gebt zu, dass die Aufführung der Johnny Young Talent School in Disneyland, wo Wade Robson tanzte, nur für einen Tag angesetzt war – es war der 26. Jänner, an dem dort der Australia Day gefeiert wurde.

Die Tanzschule wurde von Disneyland eingeladen und Michael hatte nichts damit zu tun. Tatsächlich wusste er nicht einmal, dass die ganze Robson Familie in den USA angekommen war. Die Familie bestand aus Wade, seiner Schwester, seiner Mutter, seinem Vater und zwei Großeltern.

Hier ist Wade Robsons Auftritt vom 26. Jänner 1990 (ein interessanter Anblick):

Geständnisaufforderung Nr. 4

Gebt zu, dass die Klageschrift den Eindruck erweckt, dass die Familie Michael Jacksons Telefonnummer hatte oder die von seiner Sekretärin Norma Staikos und dass sie ihn gleich nach dem Auftritt kontaktierten und ihn „am folgenden Tag“ trafen, weil der 26. Jänner in der Klageschrift nicht als Datum des Auftrittes erwähnt wird.

In Wirklichkeit schaffte es die Familie erst am siebenten Tag nach dem Auftritt (am Donnerstag, 1. Februar), Norma Staikos Telefonnummer zu bekommen. Sie riefen sie in der Hoffnung an, dass Michael sich an den Jungen erinnern würde, den er zwei Jahre zuvor in Australien getroffen hatte. Zu ihrer großen Freude erinnerte er sich und Norma Staikos arrangierte einen Besuch in Michael Jacksons Aufnahmestudio am Tag nach dem Telefonat, dem 2. Februar 1990.

Vergleicht das mit dem Text der Klageschrift:

„Als der Kläger 7 Jahre alt war, reiste der Kläger mit seiner Familie nach Kalifornien, weil das Tanzensemble des Klägers, Johnny Young Talent School, eingeladen war, in Disneyland aufzutreten.

Die Mutter des Klägers, der Vater, die Schwester (nicht der Bruder) und die Großeltern mütterlicherseits begleiteten den Kläger, da die Reise auch ein Familienurlaub werden sollte. Nach dem Auftritt kontaktierte die Mutter des Klägers Norma Staikos (die persönliche Assistentin des Verstorbenen bei MJJ Productions) und für den Kläger wurde für den nächsten Tag, 2. Februar 1990, ein Treffen arrangiert, um den Verstorbenen in einem Aufnahmestudio in Van Nuys, Kalifornien, zu treffen. Nach diesem Treffen lud der Verstorbene die ganze Familie ein, das Wochenende auf seiner Ranch in Santa Barbara, „Neverland“, zu verbringen, was sie taten.“

Gebt zu, dass Robsons Klageschrift die obigen entscheidenden Details weglässt, um den Eindruck zu erwecken, dass die Familie im Zeitraum zwischen 26. Jänner und 1. Februar nicht nach Michael suchte, sondern dass sie eine Art zuvor verabredetes Treffen mit ihm hatte. Des weiteren entsteht der Eindruck, dass sie die Einladung in sein Aufnahmestudio und dann nach Neverland ganz nüchtern angenommen haben (während in Wirklichkeit ihre kühnsten Träume wahr wurden).

Geständnisaufforderung Nr. 5

Gebt zu, dass Joy Robson 2005 in ihrer Aussage auch bestätigt, dass es keinen zuvor verabredeten Besuch gab und dass sie nach Wades Auftritt „herum telefonierten“ und versuchten, Michaels Nummer zu bekommen, bevor sie schließlich an Norma Staikos gerieten. Es war also der sehnlichste Wunsch der Familie, Michael zu sehen, und nicht anders herum.

F. Erinnern Sie sich an das erste Mal, als sie Neverland besucht haben?

A. Ja. Das war im Jänner 1990.

F. Und wie kam es zu diesem Besuch auf Neverland?

A. Als wir dort waren, telefonierten wir herum und versuchten, Michael wieder zu finden. Er hatte uns gesagt, wir sollten ihn kontaktieren, wenn wir in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Also telefonierten wir herum und wurden schließlich mit seiner persönlichen Assistentin verbunden, die zu dieser Zeit Norma Staikos war, und sie rief Michael an. Er erinnerte sich an uns sagte, er würde uns gerne wieder sehen. Also trafen wir uns mit ihm in einem Aufnahmestudio, in dem er damals gearbeitet hatte.

F. Und es gab keine Vereinbarungen, als sie Mr. Jackson das erste Mal trafen?

A. Nein.

Geständnisaufforderung Nr. 6

Gebt zu, dass Wade Robson in seiner Aussage 2005 sogar noch mehr Details zu deren Beharrlichkeit liefert, Kontakt mit Michael herzustellen. Es stellte sich heraus, dass sie raffinierter Weise die gesamte Videosammlung von Wades Tanzmaterial der letzten zwei Jahre bei sich hatten, um es Michael zu zeigen und ihn für sein Talent zu interessieren. Und als Michael all seine Videos gesehen hatte, war er wirklich begeistert davon.

Wade Robson sagte dazu:

A. Wie ich sagte, hatten wir keinen Kontakt mit Michael oder ähnliches. Irgendwie geriet meine Mutter in Kontakt mit Michaels damaliger Sekretärin, Norma Staikos.

A. Sie redete mit Michael über – wir wollten sehen, ob wir wieder mit ihm in Kontakt treten und ihn wieder treffen können. Sie redete mit Michael. Michael erinnerte sich an mich, als ich ihn als Fünfjähriger getroffen habe, wollte mich wieder treffen. Also war ich mit meiner Mutter, Schwester, meinem Vater und den Großeltern dort. Wir alle trafen ihn im Record One Aufnahmestudio. Und das war – das war ‘89.

A. Wir trafen uns mit ihm. Er war mitten in, wissen Sie, arbeitete an Musik und diesen Dingen. Er machte gerade Fotoaufnahmen im Studio. Wir machten einige Fotos mit ihm. Meine Familie und ich gingen in seinen – wie einen Green Room, und spielten ihm einige Videos vor, von all dem Tanzen, das ich in den letzten zwei Jahren gemacht habe. Und, wissen Sie, er war einfach wirklich begeistert, schaute sich alles an, was ich gemacht habe. Und am Schluss lud er meine Familie und mich am Wochenende auf die Ranch ein.

Geständnisaufforderung Nr. 7

Gebt zu, dass Robson in seiner Aussage klar macht, dass Michael sie für ein Wochenende nach Neverland einlud, nachdem er die Sammlung der Videos gesehen hat, in denen Wade tanzt und er wirklich von seinem Talent inspiriert war.

Robson hatte in der Tat ein außergewöhnliches Talent dazu, wie Michael Jackson zu tanzen. Hier ist ein weiteres Video von seinem Auftritt bei Star Search in Australien 1990:

Gebt zu, dass ihr von dem, was ihr gesehen habt, sehr begeistert seid (wie ich auch). Es überrascht uns also überhaupt nicht, dass Michael auch begeistert und inspiriert war von Wades Talent. Michael hat sicher sein Potenzial erkannt und da wir seinen ständigen Wunsch kennen, anderen zu helfen, können wir sicher sein, dass er daran dachte, auch Wade Robson zu helfen und ihm einen Karrierestart zu verschaffen.

Sein Glaube in Wade Robsons Talent wird sehr gut durch eine Nachricht verdeutlicht, die er einst an Robson schrieb, um ihn zu ermutigen: „Du bist jetzt meine größte Inspiration.“

Joy Robson sagte ebenfalls aus, dass Michaels Interesse an Robson darin begründet lag, dass er Wades Potential sah und dass es für Michael war, als würde er sein früheres Ich im Spiegel sehen:

F. VON MR. MESEREAU: Warum haben Sie Wade erlaubt, so viel Zeit mit Michael Jackson zu verbringen?

A. Sie verstanden sich gut. Sie – sie waren sehr ähnliche Menschen. Ich erinnere mich daran, dass mir Michael schon früh gesagt hat, dass es sei, als würde er in den Spiegel schauen, er sah sich selbst. Sein Interesse war darin begründet, dass er Wades Potential sah. Und Wade liebte alles, was Michael tat und wollte so viel lernen, wie er nur konnte.

Geständnisaufforderung Nr. 8

Wade Robson Star Search 1990Wade Robson bei Star Search 1990

Gebt zu, dass Wade Robson, selbst als er noch in Australien lebte, keine Mühe scheute, wie Michael Jackson auszusehen. Sogar seine Haare sahen aus wie Michaels und sein „australisches“ Abbild erinnert einen total an einen Nachbau von MJ, nur in klein.

Tatsächlich gab MJ Wade Robson den Spitznamen „Kleiner“, als er ihn 1987 als Fünfjährigen zum ersten Mal sah, und der Name hielt sich.

„Der in Australien geborene Wade, der bei der bekannten Talentshow Star Search als Tänzer „Downunder“ nationale Anerkennung gewann, stieg schnell zur Spitze junger Darsteller auf, nachdem er einen Michael Jackson Tanzwettbewerb in Brisbane gewonnen hatte. Der Gewinn ermöglichte ihm, mit seinem Idol auf der Bühne im Brisbane Entertainment Centre zu tanzen und der kleine Wade – von Michael als „Kleiner“ bezeichnet – stahl ihm die Show und gewann das Herz des Superstars.“ (http://onwiththeshow.com.au/the-inside-story-on-life-in-michael-jacksons-shadow-1995/)

Joy, Chantal and Wade Robson in LA

Joy, Chantal und Wade Robson präsentieren Wades erstes Album QUO

Lasst uns als Randbemerkung ebenfalls zugeben, dass Wade Robson, sobald er in den Vereinigten Staaten ankam, sein Image dramatisch verändert hatte.

Er färbte seine Haare und rasierte seinen Kopf, womit er klar machte, dass er auf der Suche nach einem neuen Image war und eine Karriere einschlagen wollte, die weit davon entfernt war, einfach nur MJ und seinen Tanz zu imitieren.

Lasst uns ebenfalls einräumen, dass Michael ihn bestimmt in diesem Streben nach Unabhängigkeit für seine Identität unterstützt hat, da Robson sonst seinen alten à la Michael Jackson Style beibehalten hätte.

Geständnisaufforderung Nr. 9

Gebt zu, dass Wade Robsons derzeitige Klageschrift mit keinem Wort erwähnt, wie es dazu kam, dass sich Wade und Chantal Robson in ihrer ersten Nacht auf Neverland in Michaels Zimmer wiederfanden und dass sie nicht ausführt, wie die Kinder selbst ihre Eltern anflehten, um dort bleiben zu können.

Die Klageschrift verschweigt, dass sie alle zusammen mit MJ im Zimmer der Eltern waren und Wades Kostüme besprachen; es wurde spät, aber die Kinder wollten, dass der Spaß weiterging und sie flehten ihre Eltern an, bei MJ bleiben zu dürfen und diese stimmten zu, nachdem sie zuerst um sein Einverständnis baten. Er sagte: „Oh, absolut. Wenn sie bleiben wollen, ist das prima.“

Joy Robson beschreibt es wie folgt:

A. Nun, den ersten – den ersten Abend, den sie aus waren, machten sie das Übliche auf Neverland, spielen. Und später am Abend kamen sie alle zurück in die Suite, in der sich mein Mann und ich aufhielten, und meine Eltern waren ebenfalls bei uns. Wir redeten alle gemeinsam in der Suite. Und Wade imitierte Michael eine Zeit lang und hatte viele Kostüme von Michael, die wir gemacht haben. Und Michael schaute sie sich an und wir redeten halt alle darüber. Und dann wurde es spät und meine Kinder, sowohl Chantal als auch Wade, meine Tochter sagte „Können wir bei Michael bleiben?“ Und mein Mann und ich schauten zu Michael und sagten „Naja, wenn das für Dich ok ist.“ Und er sagte „Oh, absolut. Wenn sie bleiben wollen, ist das prima.“

F. Und haben Sie ihrem Sohn und ihrer Tochter erlaubt, in seinem Zimmer zu bleiben?

A. Ja.

Wade Robson erklärte in seiner Aussage sogar, warum sie bei Michael bleiben wollten – sie haben einen neuen Freund gefunden und wollten ihm nicht von der Seite weichen. „Das ist bei jedem Kind so“, sagte Robson.

A. Ich erinnere mich, dass Chantal das auch wollte.

F. Was hat Sie dazu bewogen, ihn zu fragen, ob sie in seinem Zimmer bleiben können?

A. Nun, das ist bei allen Kindern gleich. Wenn Du – wissen Sie, wenn Du einen besten Freund hast oder einen neuen Freund gefunden hast, möchtest Du immer im gleichen Raum mit ihm sein.

Geständnisaufforderung Nr. 10

Nun gebt zu, dass die Aussagen der Robsons im Prozess 2005 ab diesem Punkt dramatisch von allem abweichen, was Wade Robson jetzt behauptet.

Wades Aussage von 2005 gibt an, dass er in der ersten Nacht (Samstag, 3. Februar) in MJs Bett im Erdgeschoss geschlafen hat und dass seine Schwester Chantal bei ihnen war, genau wie in der nächsten Nacht. Um präziser zu sein, war sie laut ihm die „ganze Zeit“ mit ihnen im selben Bett.

Im Zuge der Erläuterung machte Wade auch klar, dass er nicht „mit“ Michael Jackson geschlafen hat – er schlief nur in seinem Bett.

F. In Ordnung. Nun, Sie waren sieben Jahre alt, als Sie das erste Mal mit Mr. Jackson geschlafen haben, stimmt das?

A. Ich habe im selben Bett mit ihm geschlafen. Aber ja, ich war sieben.

F. Haben Sie meine Frage anders verstanden als das?

A. So klang es.

F. In Ordnung. Aber Sie haben im selben Bett mit ihm geschlafen, als Sie sieben Jahre alt waren, stimmt das?

A. Ja.

F. War jemand anderes mit ihnen in diesem Bett?

A. Meine Schwester, Chantal Robson.

F. Sie war zehn Jahre alt, stimmt das?

A. Ja.

F. Stimmt es, dass in diesem Raum nirgendwo ein anderer Erwachsener war, als sie mit Mr. Jackson ins Bett gekrochen sind?

A. Richtig.

F. Und Sie haben während dieser Woche tatsächlich weiterhin mit Mr. Jackson geschlafen, als sie sieben Jahre alt waren, stimmt das?

A. Ja.

F. War ihre Schwester während dieser Woche auch die ganze Zeit da?

A. Ja.

F. War sie auch mit ihnen in diesem Bett?

A. Ja.

Heute sagt er, dass Chantal in der ersten Nacht bei ihnen war, in der nächsten Nacht „äußerte“ sie jedoch angeblich „Bedenken darüber“, schlug vor, dass sie beide im Obergeschoss schlafen und als Wade ablehnte, ging sie alleine nach oben und so fingen die „sexuellen Aktivitäten“ angeblich an.

Die zweite, abgeänderte Klageschrift (Punkt 10-11) beschreibt es mit einer unverfrorenen Lüge wie folgt:

„In der ersten Nacht des Wochenendes am oder um den 3. Februar 1990 schliefen der Kläger und seine Schwester im Schlafzimmer des Verstorbenen im selben Bett mit dem Verstorbenen im Erdgeschoss.

In der nächsten Nacht äußerte die Schwester des Klägers, die 3 Jahre älter als der Kläger war, Bedenken darüber, mit dem Verstorbenen im selben Bett zu schlafen und schlug vor, dass sie beide im Obergeschoss schlafen. Der Kläger lehnte ab und schlief erneut mit dem Verstorbenen im Erdgeschoss. Die sexuellen Aktivitäten begannen in oder um diese Nacht, dem 4. Februar 1990. <Text redigiert>

Das war der Beginn des sexuellen Missbrauchs des Klägers durch den Verstorbenen, der im Verlauf der nächsten 7 Jahre regelmäßig die im Paragraph 22 beschriebenen sexuellen Handlungen enthielt.“

Was für eine schreckliche, schreckliche Geschichte. Der Missbrauch begann also in der zweiten Nacht und das Mädchen konnte es nicht sehen, weil sie im Obergeschoss des Schlafzimmers war und so begann also der Albtraum für den armen Wade Robson?

Ja, es wäre wirklich fürchterlich schrecklich gewesen, wenn nur nicht Chantal Robson eine völlig andere Geschichte erzählt hätte.

Diese Lüge ist der erste Akt seiner fiktionalen Story und nur eine Ouvertüre zu vielen, vielen weiteren. Wenn Du denkst, dass der Rest seiner Erzählung auch nur ansatzweise besser wird, stehst Du vor einer großen Enttäuschung – je weiter Du voranschreitest, desto lächerlicher wird es.

Wade Robson Klageschrift*LÜGE* In der nächsten Nacht äußerte die Schwester des Klägers, die 3 Jahre älter als der Kläger war, Bedenken darüber, mit dem Verstorbenen im selben Bett zu schlafen und schlug vor, dass sie beide im Obergeschoss schlafen. Der Kläger lehnte ab und schlief erneut mit dem Verstorbenen im Erdgeschoss. Die sexuellen Aktivitäten begannen in oder um diese Nacht, dem 4. Februar 1990. *LÜGE*

Geständnisaufforderung Nr. 11

Das Problem ist, dass die fast 26 jährige Chantal 2005 in ihrer Aussage das Gegenteil von dem sagte, was Wade heute behauptet.

Sie sagte, dass sie in der ersten Nacht nicht in Michaels Privatsphäre eindringen wollte und schließlich in der Erwartung nach oben ging, dass ihr jüngerer Bruder folgen würde (entweder lehnte er ab, oder er war bereits eingeschlafen, als sie nach oben ging).

Ihre Erklärung für ihr Verhalten ist verständlich – es war ihr erster Besuch auf Neverland und im Gegensatz zu den anderen hatte sie Michael erst zum zweiten Mal in ihrem Leben gesehen, also gewann ihre natürliche Zurückhaltung die Oberhand und sie beschloss, MJ zu verlassen, um nicht in seine Privatsphäre einzudringen.

In der zweiten Nacht hatte sie allerdings schon eine viel engere Freundschaft mit Michael und ihre vorherigen Überlegungen machten ihr nicht mehr sehr zu schaffen. Die Kinder waren offensichtlich so müde, dass beide – Wade und Chantal – in Michaels Bett einschliefen ohne darüber nachzudenken, ob es angebracht war oder nicht. Sie sagt, dass hinter ihrem Schlafen im Erdgeschoss kein „Plan“ stand – sie schliefen einfach ein und das war es.

Die Zusammenfassung der Geschichte ist also, dass Chantal nicht in der ersten, aber in der ZWEITEN Nacht in Michaels Bett schlief. Das erste Mal kommt auch nicht in Betracht, da sie zuerst im Bett war, aber später ihre Meinung geändert hat und nach oben ging.

Lasst mich euch noch einmal daran erinnern, dass Wade Robson behauptet, dass der angebliche Missbrauch in der zweiten Nacht begann, die er in MJs Zimmer war.

Uns muss ebenfalls bewusst sein, dass Chantal nicht wusste, dass er zehn Jahre später irgendetwas in dieser Art behaupten würde und deshalb beschrieb sie es in ihrer Aussage 2005 wie es wirklich war. Folgendes hat sie gesagt und dabei ist zu beachten, wie nachdrücklich ihre Worte sind:

F. Sie verbrachten also die allererste Nacht auf Neverland in Mr. Jacksons Schlafzimmer?

A. In seinem Schlafzimmer, ja.

F. Und in dieser ersten Nacht schliefen Sie im Erdgeschoss des Schlafzimmers, richtig?

A. Nein.

F. Sie schliefen im Obergeschoss?

A. Ja.

F. Haben Sie – oder ich werde das anders ausdrücken. Wurden Sie am 2. Mai 2005 von Scott Ross, einem Ermittler für Michael Jackson, befragt?

A. Ja. Ich bin nicht sicher, ob es dieses Datum war, aber ja.

F. Das war erst vor ein paar Tagen?

A. Ja.

F. Und haben Sie Mr. Ross gesagt, dass Sie sich daran erinnern, die erste Nacht im Erdgeschoss geschlafen zu haben und Wade ging nach oben und schlief mit Mr. Jackson?

A. Nein. Es war genau anders herum.

F. Okay.

A. Michael und Wade schliefen – Michael und Wade schliefen im Erdgeschoss und ich schlief im Obergeschoss in der ersten Nacht.

F. In Ordnung. Also schliefen Mr. Jackson und Wade gemeinsam in einem anderen Bereich als Sie?

A. Ja.

F. Warum war das so?

A. Weil ich nach oben ging.

F. Warum gingen Sie nach oben?

A. Weil ich etwas älter war und das Gefühl hatte, als würde ich in Michaels Schlafzimmer eindringen, deshalb ging ich nach oben.

F. Weil Sie Mr. Jackson etwas Privatsphäre geben wollten?

A. Ja.

F. Und er war zu dieser Zeit allein mit Ihrem Bruder?

A. Ja.

F. Und Ihr Bruder war sieben Jahre alt?

A. Ja.

F. Und in dieser Nacht schlief Ihr Bruder im selben Bett mit Michael Jackson?

A. Ja. Ich sagte ihm, er solle mit mir nach oben kommen.

F. Sie sagten ihm, er solle mit Ihnen nach oben kommen?

A. Ja.

F. Lag das daran, weil Sie das Gefühl hatten, er sollte nicht mit einem erwachsenen Mann in einem Bett schlafen?

A. Ganz und gar nicht.

F. Also warum haben Sie ihm gesagt, dass er das tun soll?

A. Weil ich nicht wollte, dass Michael das Gefühl hatte, dass zwei Leute in seinen Raum eindringen.

F. Etwas ließ Sie in dieser Nacht unbehaglich fühlen, oder?

A. Nein, ganz und gar nicht.

F. Haben Sie Mr. Ross nicht vor ein paar Tagen gesagt, dass Sie sich in der zweiten Nacht wohler gefühlt haben?

A. Ja, wohler mit meiner Freundschaft mit Michael.

F. Und in der nächsten Nacht haben Sie im selben Bett mit Michael Jackson geschlafen?

A. Das habe ich.

F. Wessen Idee war es, dass Sie in Mr. Jacksons Bett geschlafen haben?

A. Es war eigentlich unsere Idee.

F. Wie bitte?

A. Mein Bruder und ich. Es war eigentlich kein Plan. Wir schliefen einfach ein.

Geständnisaufforderung Nr. 12

Gebt zu, dass Wades eigene Schwester, die drei Jahre älter ist als Wade und damals zehn war, von einer völlig anderen Zeitabfolge sprach, was seine aktuelle Theorie davon, „wie der Missbrauch begann“ grundsätzlich widerlegt.

Er behauptet, dass es in der zweiten Nacht begann. Und sie sagt, dass ihr zehnjähriges Ich in genau dieser Nacht mit dem siebenjährigen Wade in einem Bett schlief.

Selbst wenn wir uns vorstellen, dass der Schlaf des Mädchens sehr tief war und sie deshalb nichts gehört oder gesehen hat, ist es nicht vorstellbar, dass irgendein Missbraucher bewusst einen Tag wählen würde, an dem er einen direkten Zeugen seiner unrechtmäßigen Aktivitäten haben würde.

Das besonders schöne und ironische an dieser Situation ist, dass Chantals Aussage gegenüber Wades jetziger Story Vorrang hat, da sie vor zehn Jahren ausgesagt hat, als ihr nicht bewusst war, dass ihre unschuldige Stellungnahme Wade Robsons späterer Behauptung widersprechen würde. Man kann darüber nur staunen, wie ein unschuldiges Wort, das zehn Jahre zuvor ausgesprochen wurde, heute nachhallt und ein großes Unrecht korrigiert.

Chantal hatte keinen Grund, darüber zu lügen, wo sie in jenen Nächten schlief. So oder so stellte sich heraus, dass sie eine Nacht mit Wade zusammen war und die andere Nacht nicht und es ist nur die Reihenfolge jener Nächte, die unterschiedlich war.

Gebt des weiteren zu, dass es zum Zeitpunkt ihrer Aussage im Prozess 2005 keinen Unterschied gemacht hat, in welcher der Nächte sie im Erdgeschoss geschlafen hat und die einzige Tatsache, die für die Jury von Bedeutung war, war, dass Wade zumindest bei einer dieser Gelegenheiten mit Michael alleine war. Ob es nun die erste oder die zweite Nacht war, spielte damals keine Rolle.

Allerdings spielt es heute eine sehr große Rolle.

Gebt zu, dass Chantal sogar einen negativen Eindruck bei der Jury hätte hinterlassen können, als sie 2005 auf ihrer Geschichte beharrte, da sie hätten denken können, dass die Familienmitglieder nicht ganz konsistent waren in ihren Aussagen und sie gewann nichts, als sie ihre Geschichte erzählte. Sie bestand allerdings wiederholt darauf, dass es so war, wie sie es beschrieben hat und da sie die ältere und zuverlässigere der beiden war, können wir absolut glauben, was sie gesagt hat.

Gebt auch zu, dass diese sehr kleinen Unterschiede in ihren Aussagen erneut klar machen, dass die Mitglieder der Robson Familie ihre Aussagen 2005 nicht abgesprochen haben, was bedeutet, dass sie niemand vor ihren Aussagen gecoacht hat – weder Michael, noch sonst jemand. Wenn sie jemand gecoacht hätte, wären ihre Aussagen völlig deckungsgleich gewesen.

Geständnisaufforderung Nr. 13

 Wade Robson

Gebt zu, dass Chantals Beharren, in der zweiten Nacht in Michaels Bett geschlafen zu haben, bedeutet, dass der „Missbrauch“ nicht am 4. Februar 1990 begonnen hat und dass uns Wade Robson jetzt schrecklich belügt.

Tatsächlich ist diese Diskrepanz in seiner Story ein unmittelbarer Beweis für seine Lügen.

Wenn Du in Deiner Kindheit missbraucht wurdest, geraten solche Dinge einfach nicht in Vergessenheit. Sie prägen sich in ihrer Gesamtheit in Deiner Erinnerung ein – in der Zeit, dem Ort und Verhältnis zu allen anderen Ereignissen dieses Zeitraums bis ins kleinste Detail. Du erinnerst Dich an die Reihenfolge und wie eines zum nächsten führte. Du erinnerst Dich an die seltsamsten Details, den Gesichtsausdruck, Deine Gedanken und sogar die Gerüche.

Es ist schlicht unmöglich zu vergessen, in „welcher Nacht es passierte“ (wenn es überhaupt passierte). Nur jene, die solche Erfahrungen nie durchgemacht haben, können glauben, dass es egal ist, ob es die erste oder zweite Nacht Deines Aufenthaltes war.

Nein, der Zeitpunkt ist sehr wichtig; wenn Dir so etwas jemals passiert ist, wirst Du es nie wieder vergessen. Nie wieder.

Umfangreiche Diskussion in der Nacht

Schon der nächste Absatz der Klageschrift wird Dich wieder wundern. In dem Versuch, seine Story glaubwürdig erscheinen zu lassen, fügte Robson seiner Beschreibung ein Detail hinzu, das sie allerdings nur noch lächerlicher macht – besonders jetzt, da wir wissen, dass seine eigene Schwester neben ihm im selben Bett lag.

Unser Darling Robson behauptet, dass sein siebenjähriges Ich und MJ in der zweiten Nacht diskutierten und die Diskussion fand nicht irgendwann am Nachmittag statt, wie man sich das vielleicht vorstellen könnte, sondern gerade während der Nacht und in genau diesem Bett.

Wenn wir nicht gewusst hätten, dass Chantal genau im selben Bett mit Wade war, wäre dieses Detail sicher unbemerkt an uns vorbeigegangen, aber da wir nun wissen, dass sie ihre Unterhaltung leicht hätte mitanhören können, macht diese kleine Ergänzung die ganze Situation lachhaft.

Wie konnte der angebliche Feind sicher sein, dass das Mädchen schlief und nicht nur mit geschlossenen Augen da lag? Und wie konnte er eigentlich sehen, ob ihre Augen geschlossen waren, wenn es tiefste Nacht war? Und was war der Sinn dahinter, die Angelegenheit während der Nacht zu diskutieren und nicht irgendwann am Morgen, wenn es zumindest eine Garantie dafür gab, dass das Mädchen nicht zuhört?

Nein, nichts davon passt zusammen. Dieser faule Typ konnte nicht einmal die Aussage seiner eigenen Schwester im Prozess 2005 lesen, um all diese unglaublichen Fehler zu vermeiden…

Die Punkte 11-12 der Klageschrift beschreiben seine Story wie folgt:

„Die sexuellen Aktivitäten fingen in oder um die Nacht des 4. Februar 1990 an. <> In dieser ersten Nacht fing der Verstorbene an, dem Kläger zu sagen: „Wir können niemals irgendjemandem sagen, was wir machen. Die Leute sind ignorant und sie würden niemals verstehen, dass wir uns lieben und dass wir es so zeigen. Wenn das jemals jemand herausfindet, wären unsere Leben und Karrieren vorbei.“ Der Kläger schwor dem Verstorbenen, dass er es niemals einer Seele erzählen würde.”

Was für eine wahrlich ausgedehnte und umfangreiche Diskussion, besonders, da sie angeblich genau unter Chantals Ohren stattfand! Offensichtlich war Robson bei seiner Klageschrift so auf die Notwendigkeit fokussiert, zu erklären, warum er seinen Eltern am nächsten Morgen nichts erzählt hat, dass er sich dazu entschieden hat, seine Lüge mit einer weiteren Rüsche zu dekorieren – „ihm wurde gesagt, es nicht zu tun – deshalb“.

Nun, das hätte er nicht tun sollen. Das Ergebnis ist, dass wir jetzt die Wahrheit kennen – es gab nicht nur keine Belästigung in der zweiten Nacht (wenn überhaupt), sondern es gab auch keine Diskussion mit MJ darüber. All das war schlicht unmöglich, da Chantal ein direkter Zeuge davon gewesen wäre, aber sie hat nie etwas gehört oder gesehen – ganz einfach, weil es nie passiert ist, deshalb.

Schnitzer wie diese passieren oft, wenn Lügner versuchen, ihre Story überzeugend zu machen. Sie strecken ihre Zunge raus und denken „Was kann ich hier noch hinzufügen, um es glaubhafter erscheinen zu lassen?“, erfinden dies und jenes und übertreiben es, was zu einem völlig gegenteiligen Ergebnis führt. Jedes neue Detail diskreditiert seine Story nur weiter und kann sogar den ganzen Betrug freilegen.

Also lasst uns nicht zu herablassend auf kleine Details blicken. Der Teufel steckt im Detail und nicht darin, was sie Dir vor die Nase halten und Dich sehen lassen wollen. Schau Dir an, was sie Dich nicht sehen lassen wollen und das wird Dir dabei helfen, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Lasst uns auch feststellen, dass echte Kinderschänder ihre Verbrechen niemals auf solch riskante Weise begehen. Darum ist es so schwer, sie zu erwischen. Sie sind extrem vorsichtig und treffen jede Vorsichtsmaßnahme, um niemals irgendwelche direkten Zeugen zu haben für das, was sie tun. Michaels Verleumder möchten euch glauben machen, dass der angebliche Missbraucher jeder Logik trotzte und sich nicht um direkte Zeugen seines angeblichen Verbrechens kümmerte, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ein Vater und Großvater bei dem Besuch dabei war, wäre ich mir nicht zu sicher, wenn ich Du wäre…

Und im Übrigen, wenn Du annimmst, dass MJ in Aktivitäten wie diesen furchtlos war, warum dann dieses ganze Aufsehen über das Ertönen eines bestimmten Alarms, wenn sich jemand seinem Zimmer nähert? Eine gute Story sollte in all seinen Details konsistent sein, also wenn jemand im Flur ein Problem war, war die Anwesenheit eines zehnjährigen Mädchens im selben Bett dann nicht auch ein kleines Problem?

Es würde uns auch nicht schaden, uns an Macaulays Vater Kit Culkin zu erinnern, der Michael als einen „absoluten Angsthasen“ beschrieb und einen „Kerl, der von seinem eigenen Schatten völlig verängstigt ist“. Das Lexikon definiert „Angsthase“ als „jemanden, der vor fast allem Angst hat“ und dieses kleine Detail von Michaels Charakter hilft Robsons Story auch nicht gerade weiter, auch wenn MJs Verleumder versuchen, uns einen selbstsicheren Feind zu schildern, dem es nichts ausmacht, ein Kind zu missbrauchen, selbst wenn sich ein direkter Zeuge genau im selben Bett befindet.

Wade Robson Klageschrift Schweigen*LÜGE* In dieser ersten Nacht fing der Verstorbene an, dem Kläger zu sagen: „Wir können niemals irgendjemandem sagen, was wir machen. Die Leute sind ignorant und sie würden niemals verstehen, dass wir uns lieben und dass wir es so zeigen. Wenn das jemals jemand herausfindet, wären unsere Leben und Karrieren vorbei.“ Der Kläger schwor dem Verstorbenen, dass er es niemals einer Seele erzählen würde. *LÜGE*

Ein weiteres tragisches aber falsches Detail: Robson – alleine zu Haus auf Neverland

Je weiter Du voranschreitest, desto absurder wird Robsons Erzählung. Nur einen Schritt weiter kannst Du die nächsten Lügen ernten. Einen ganzen Haufen davon findet man gleich im nächsten Absatz des Schriftstücks, das eine bemerkenswerte Episode in Robsons Leben beschreibt und in seiner Falschheit auch völlig bemerkenswert ist.

Punkt 13 der Klageschrift behauptet allen Ernstes, dass die Familie den armen Jungen nach dem ersten Wochenende auf Neverland zurückließ und er musste dem angeblichen Feind ausgeliefert ganz alleine dort bleiben!

Schaut euch den blanken Horror dieser Beschreibung an:

„Die Familie des Klägers verließ die Ranch am Montag, um ihren Road Trip fortzusetzen, ließ allerdings den Kläger zurück, um bei dem Verstorbenen zu bleiben. Der Kläger schlief jede Nacht im Bett des Verstorbenen und jede Nacht fand sexueller Missbrauch statt. Die Familie des Klägers kehrte am kommenden Wochenende zur Ranch zurück, um bei dem Kläger zu sein. Der Kläger schlief wieder im Bett mit dem Verstorbenen, während die Familie wo anders im Haus schlief. Der sexuelle Missbrauch setzte sich in jeder dieser Nächte fort.“

Was für eine tragische (und originelle) Story. Der Junge wurde angeblich nur zwei Tage nach ihrer Bekanntschaft mit MJ von seiner ganzen Familie alleine gelassen und sie kamen erst nach einer Woche zurück! Und schaut euch an, was ihm dort passiert ist!

Einen kleinen Jungen bei einem beinahe Unbekannten zurückzulassen ist in der Tat so ein befremdliches Vorkommnis, dass man sich gar nicht entscheiden kann, wer hier der schlimmere Kriminelle ist – die Eltern und Großeltern, die das Kind angeblich bei einem fast Unbekannten zurücklassen oder der Mann, der für sein angeblich unangebrachtes Verhalten beschuldigt wird.

Wenn wir Robsons Story glauben, stellt diese Episode seine ganze Familie in der Tat als eine Bande von Zuhältern dar, die bereit ist, ihren Sprössling an jemanden zu prostituieren, den sie kaum kennen. Das ist der Eindruck, den diese Story erzeugt – aber natürlich nur, wenn Du es glaubst und es nicht als die Erfindung eines perversen Verstandes erkennst.

Um zu überprüfen, ob hinter dieser seltsamen Episode irgendeine Wahrheit steckt, müssen wir ein hartes Stück Arbeit leisten – die Prozessaussagen aller Robsons durcharbeiten, die korrekte Chronologie für ihre Aktivitäten bestimmen und herausfinden, wer wann wo war. All das dient nur dazu, ein kleines Detail zu überprüfen, aber die Arbeit hat sich gelohnt.

Lasst uns anschauen, woran sich Wades Schwester Chantal diesbezüglich erinnert.

Was Chantal Robson gesagt hat

In ihrer Aussage im Prozess 2005 erwähnte Chantal mit keinem Wort, die Woche zwischen den beiden Wochenenden auf Neverland gewesen zu sein und sie sprach auch nicht davon, dass Wade oder irgendjemand sonst von ihnen dort während ihres ersten Besuchs in den Vereinigten Staaten alleine gelassen wurde.

Sie sagte aus, dass der Besuch in zwei Wochenenden aufgeteilt war und dass sie beide Male dort war und jedes Mal in Michaels Zimmer schlief. Sie stellte klar, dass sie insgesamt vier Mal dort geschlafen hat und das deckt sich absolut mit unserem Verständnis ihrer Chronologie – sie besuchten Neverland für ein Wochenende, dann verließen sie Neverland und kamen für ein weiteres Wochenende zurück. Im Laufe der nächsten Woche reisten sie nach Australien ab.

Chantal sagte folgendes:

F. Wie oft denken Sie, waren Sie in Michael Jacksons Raum?

A. Ich bin dort wohl viele Male ein- und ausgegangen. Geschlafen habe ich dort vier Mal.

F. War Ihr Bruder Wade immer dort, wenn Sie in Michael Jacksons Zimmer geschlafen haben?

A. Ja.

Chantal erinnerte sich auch an ihren Ausflug nach Los Angeles, den sie mit Michael gemeinsam unternommen haben. Dieser fand nach dem zweiten Wochenende statt:

F. Wissen Sie, ob ihre Familie mit ihm gereist ist?

A. Ja.

F. Was wissen Sie darüber?

A. Ich weiß, dass mein Bruder und meine Mutter in Vegas waren. Ich ziehe das zurück. Ich war mit ihm in Los Angeles. Bei meiner ersten Reise. Ich fuhr nach Los Angeles, nur ich und meine Mutter. Entschuldigung, ich und mein Bruder.

Und das ist praktisch alles, was wir von Chantal zu diesem Thema erfahren.

Die Aussage ihrer Mutter Joy war viel länger und sie hatte viel mehr zu sagen über ihren ersten Besuch in den Vereinigten Staaten (und Neverland).

Was Joy Robson gesagt hat

Von Anfang an hat Joy Robson klargestellt, dass sie nur für ein Wochenende auf Neverland eingeladen wurden und dass sie dieses Wochenende dort verbracht haben. Eine Woche später kamen sie zurück und verbrachten ein weiteres Wochenende dort.

Tom Sneddon war hartnäckig in seinen Fragen und versicherte sich, dass zwischen den beiden Wochenenden eine Woche lag. Sie stellte noch einmal klar, dass sie nicht für eine ganze Woche dort waren und einmal erwähnte sie sogar, dass „sie alle“ die Ranch „verlassen“ haben, bevor sie woanders hingefahren sind.

Hier sind ein paar Auszüge aus ihrer Aussage:

F. Und dann wurden sie auf die Ranch eingeladen, für ein Wochenende, wenn ich das richtig verstanden habe?

A. Korrekt.

F. Sie waren also nicht die ganze Woche dort?

A. Nein.

F. Nur für das Wochenende?

A. Ja.

F. Sind sie für ein zweites Wochenende zurückgekehrt?

A. Ja.

F. Und lag da ein Wochenende oder mehr als eine Woche dazwischen?

A. Es war eine Woche dazwischen.

F. Es war also das folgende Wochenende, an dem sie zurückgekehrt sind?

A. Ja.

F. Und als sie bei dieser Gelegenheit zurückgekehrt sind, wer von ihrer Familie war anwesend?

A. Mein Mann, meine Tochter, mein Sohn und meine Eltern.

F. Nun, waren ihr Mann und ihre Eltern bei dem ersten Besuch bei Ihnen?

A. Ja.

F. Erinnern Sie sich, unter Eid ausgesagt zu haben, dass Ihre Eltern und Ihr Mann in San Francisco unterwegs waren, als Sie die Ranch das erste Mal besucht haben?

A. Nein, das waren sie nicht – wir waren am Wochenende alle dort. Sie verließen – wir alle reisten ab, um nach San – nein, sie fuhren in der zweiten Woche nach San Francisco. Wir fuhren mit Michael zurück nach Los Angeles.

Die Chronologie ist völlig klar. Ein Wochenende auf Neverland, eine Woche wurde wo anders verbracht, ein weiteres Wochenende auf Neverland. Dann fuhren Joy und ihre Kinder mit Michael nach Los Angeles, während ihre Eltern und ihr Mann nach San Francisco fuhren. Später in dieser Woche trafen sie sich wieder und flogen zurück nach Australien.

Es gibt absolut keine Erwähnung des armen Jungen, der von ihnen verlassen auf Neverland zurückblieb. Joy Robsons Aussage schließt das einfach aus – sie sagt ganz klar, dass sie nicht die ganze Woche dort verbracht haben und dass es eine Pause zwischen den beiden Besuchen gab. Ein weiteres Detail der Geschichte bestätigt auch, dass ihr Sohn mit der Familie zusammen war, als sie zum zweiten Mal nach Neverland kamen:

F. Und als sie bei dieser Gelegenheit zurückgekehrt sind, wer von ihrer Familie war anwesend?

A. Mein Mann, meine Tochter, mein Sohn und meine Eltern.

All das steht in direktem Widerspruch zu dem, was Wade Robson uns jetzt sagt – er wurde dort nicht zurück gelassen und folge dessen gab es auch keinen Missbrauch. Es geschah nicht nur nicht in der „zweiten Nacht“, sondern es geschah auch nicht in der folgenden Woche. Robson war schlicht nicht dort und hier gibt es nichts weiter zu erörtern.

Ist das also eine weitere seiner offensichtlichen Lügen? SCHON WIEDER??? Nun, ich fürchte, so ist es. Es klingt unglaublich, aber Robson lügt tatsächlich in jeder seiner Angaben.

Jene, die sich immer noch an Strohhalme klammern, um Robsons Situation zu retten, sind eingeladen, über das Folgende zu reflektieren. Wenn der kleine Junge wirklich im Haupthaus Neverlands zurückgelassen worden wäre, wäre dieser Umstand schwer zu verbergen gewesen. Manche Hausmädchen hätten das sicher bemerkt und würden sich erinnern. Allerdings hat das kein Hausmädchen erwähnt, auch nicht Blanca Francia, die 1990 Michael Jacksons persönliches Hausmädchen war und sein Zimmer täglich gereinigt hat. Sie ist ebenfalls eine von der erpresserischen Sorte und hätte es garantiert bemerkt, wenn es dort irgendetwas zu bemerken gegeben hätte, doch nicht einmal sie sagte ein einziges Wort.

Robsons Unterstützer werden natürlich toben, dass wir seiner Mutter kein einziges Wort glauben sollen. Sie werden sie eine Zuhälterin, eine Goldgräberin und dergleichen nennen. Aber laut Robsons Story wurde er nicht nur von seiner Mutter auf Neverland zurückgelassen, sondern auch von seinem Vater, Großvater und auch der Großmutter!

Deuten seine Unterstützer also an, dass alle aus seiner Familie Zuhälter sind? Und ist Robson bereit, die Ehre aller für diese $1,62 Milliarden, die er jetzt verlangt, zu opfern?

Ich stimme allerdings zu, dass wir einen Punkt erreicht haben, an dem das Wort der Mutter gegen das des Sohnes steht. Einer von ihnen ist definitiv ein Lügner und zur Wahl steht, dass entweder Joy Robson damals gelogen hat oder Wade Robson jetzt lügt und ihr werdet zustimmen, dass beide Optionen nicht sehr schön sind.

Um zu entscheiden, wer der Lügner ist, erinnern wir uns an ein paar weitere Details.

Zu allererst sagte Joy Robson 1993 vor der Grand Jury unter Eid aus, wo sie von niemand geringerem als Tom Sneddon verhört wurde (natürlich in Abwesenheit des Verteidigungsanwaltes, da diese dort nicht zugelassen wurden). Wade Robson wurde ebenfalls unter Eid verhört. Also wurden die 2005 von ihnen berichteten Tatsachen auch von ihren früheren Aussagen untermauert und keiner der beiden erwähnte jemals, dass Robson bei ihrem ersten Besuch in Neverland „zurückgelassen“ wurde.

Die andere Überlegung ist, wenn Joy wirklich Leichen im Keller gehabt hätte und Angst hatte, dass ihre Kinder ihr Geheimnis offenbaren würden, hätten sich die drei zusammengesetzt und ihre Aussagen für den Prozess 2005 auf Joys Version abgeglichen. Das hätte die Kinder zu ihren Komplizen gemacht (aber natürlich nur, wenn wir Robsons aktueller Lüge Glauben schenken).

Das interessante an ihren Aussagen ist allerdings, dass sie weit davon entfernt waren, einheitlich zu sein und das legt nahe, dass sie wahr, ungekünstelt und nicht gecoacht waren. Zum Beispiel werdet ihr überrascht sein, von Wade Robsons Aussage 2005 zu lernen, dass er sagte, während seines ersten Besuchs auf Neverland eine Woche dort verbracht zu haben, nur sagte er, dass er nicht alleine war sondern mit seiner Familie.

Er konnte sich nicht an ein zweites Wochenende auf Neverland erinnern und behauptete sogar, dass sie unmittelbar nach der „Woche“ „alle nach Australien zurückflogen“. Da war keine Erinnerung an eine Reise nach Los Angeles oder den Sightseeing-Trip seiner Großeltern.

Kurz um, die 2005 von ihm gelieferte Chronologie war völlig albern, aber in diesem Fall zeigt sie, dass Wade Robson nicht gecoacht war.

Die Erinnerungen eines Siebenjährigen

Wade Robson in Michaels KleidungWade Robson trägt 1990 das Shirt, das Michael Jackson in dem TV Spezial Motown 25 getragen hat und den Hut, den ihm der Sänger gegeben hat. Foto: Ian Waldie

Die Art, wie sich der 22-jährige Wade Robson an die 15 Jahre zurückliegenden Ereignisse erinnerte, wird euch sicher zum Lächeln bringen.

Seine Erinnerung an seinen ersten Besuch in den Vereinigten Staaten mit sieben Jahren war bei bestimmten Dingen so vage und undeutlich, dass man sich nur wundern kann, wie gut er sich jetzt an alles erinnern kann. Zehn weitere Jahre sind vergangen und plötzlich kann er sich an jedes Detail erinnern? Was für ein interessantes Phänomen.

Seine damalige Erinnerung war voller spannender Eindrücke, wies allerdings nur wenige korrekte Details bezüglich Zeit und Ort auf:

A. … wir fuhren, meine ganze Familie fuhr zu der Ranch. Und, wissen Sie, wir blieben, ich weiß nicht, für etwa eine Woche oder so.

F. Und in welchem Jahr etwa war ihr erster Besuch auf Neverland, Mr. Robson?

A. Das war 1989.

F. Okay. Und mit wem gingen Sie beim ersten Mal nach Neverland?

A. Wir gingen mit meiner Mutter, meiner Schwester, meinem Vater und meinem Opa und Oma.

F. Und wie lange blieben sie während diesem Besuch?

A. Ich denke, es war etwa eine Woche.

F. Und nachdem sie eine Woche auf Neverland verbracht haben, was machten sie?

A. Wir gingen nach Australien zurück.

F. Erinnern Sie sich an ihren zweiten Besuch auf Neverland?

A. Nein.

Was für eine großartige Chronologie. Er dachte also, dass sein Aufenthalt auf Neverland eine Woche dauerte. Und seine ganze Familie war bei ihm:

„wir blieben, ich weiß nicht, für etwa eine Woche oder so.“

Und dann gingen sie nach Australien zurück. Da war kein zweites Wochenende auf Neverland, kein Trip nach Los Angeles, keine Reise nach San Francisco von seinem Vater und Großeltern – es war nur eine „Woche“ mit Michael, die mit der ganzen Familie verbracht wurde und das war’s.

Ist das eine Lüge? Nein, das ist es nicht – es ist nur die Erinnerung eines Kindes. Versuch Dich an etwas zu erinnern, als Du sieben Jahre alt warst und Du wirst feststellen, dass Du Dich nur an jene Fragmente erinnern kannst, die den größten Eindruck hinterlassen haben, sowohl positiv wie negativ. Sie tauchen als Flashback hier und da auf, ohne Verbindung dazwischen und ohne klare Abfolge und Chronologie der Ereignisse.

Die älteren Familienmitglieder können Dir natürlich mehr über Deine eigene Kindheit erzählen und auf Basis ihrer Beschreibungen, Fotos, Videos usw. wirst Du ein mehr oder weniger zusammenhängendes Bild Deiner Kindheit haben, aber Du wirst zustimmen, dass Deine eigenen Erinnerungen nur die strahlendsten und emotionalsten Momente Deiner frühen Vergangenheit bewahrt haben.

Genauso hat Wades Erinnerung nur die strahlendsten Momente dieser Reise festgehalten – und das war die Zeit, die sie mit Michael Jackson verbracht haben.

Michael war alles, was damals für ihn zählte und deshalb schrumpfte ihre beinahe einen Monat lange Reise in die Vereinigten Staaten in seiner Erinnerung auf nur eine Woche. Es ist klar, dass er sich an nichts erinnerte außer der Zeit, die er mit Michael verbrachte, während all die anderen Ereignisse der Reise völlig aus dem Gedächtnis verschwunden sind.

Wenn man ihn damals gefragt hätte, wo sie sich in LA aufgehalten haben, bevor oder nachdem sie sich mit Michael getroffen haben, hätte er es nicht sagen können – er konnte sich nur an die Zeit erinnern, die er mit Michael verbracht hatte. Seine Eindrücke verkürzten sich auf eine durchgehende Woche, „nach der sie alle nach Australien abreisten“ und das ist alles.

Robsons Aussage über seine späteren Jahre wurde detaillierter und präziser, da er älter wurde, aber seine Erinnerung an die Zeit, als er 7 Jahre alt war, war bruchstückhaft wie Deine oder meine an dieses Alter. Wenn uns etwas wirklich Großartiges oder Schreckliches zustößt, erinnern wir uns daran, während die alltäglichen Ereignisse, die nicht mit Emotionen unterlegt sind, verschwinden. Prüfe Dich selbst und Du wirst erkennen, dass die einzigen Vorfälle, an die Du Dich erinnern kannst, jene sind, die durch starke Emotionen im Gedächtnis geblieben sind – Freude, Angst, Glück, Sorge, Kummer, Schock, Erstaunen usw. Der Rest davon ist fast leer – es sei denn, der Eindruck des Ereignisses war wirklich stark.

Robsons Erinnerung war also typisch für sein Alter und obwohl seine Chronologie eigentlich völlig falsch war, sagte er die Wahrheit, als er 2005 darüber aussagte.

Robson erinnerte sich auch klar und deutlich daran, dass seine Schwester Chantal immer bei ihm war, als er bei Michael war. Für ihn war es wieder eine „Woche“ und technisch gesprochen war sein Eindruck korrekt – sie waren tatsächlich zwei Wochenenden (vier Tage) bei Michael und ein paar weitere Tage verbrachten sie mit ihm in Los Angeles am Ende ihrer Reise. Und alles zusammengenommen war der Zeitraum in der Tat ungefähr eine „Woche“. Die einzige Unstimmigkeit war, dass es kein durchgehender Kontakt mit MJ war, sondern die gesamte Zeit, die er mit ihm verbracht hatte – zusammengesetzt aus getrennten Gelegenheiten.

Hier ist ein Beispiel für Robsons Erinnerung an den Spaß, den sie dort gemeinsam mit seiner Schwester Chantal hatten – Fahrgeschäfte, Golfwagen, Tiere, Videos und sogar ein Jacuzzi. Er erinnerte sich klar und deutlich daran, dass sie bei drei oder vier Gelegenheiten mit ihm in Michaels Bett geschlafen haben (was sich mit Chantals Worten deckt) und dass sie „während dieser Woche“ ständig bei ihm waren:

F. Okay, an welche Aktivitäten können Sie sich erinnern, als Sie Neverland zum ersten Mal besuchten und etwa eine Woche dort verbrachten?

A. Nun, zu diesem Zeitpunkt hatte er nur wenige Fahrgeschäfte. Wir sahen uns Filme im Kino an. Wissen Sie, wir spielten Videospiele. Wir fuhren in Golfwagen herum, sahen uns die Tiere an. Diese Dinge.

A. Einmal gingen meine Schwester und ich, meine Schwester und ich und Michael in den Jacuzzi auf der Neverland Ranch.

F. Und wissen Sie ungefähr, wann das war?

A. Nein. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Ich glaube, dass es beim ersten Besuch war, als ich ’89 dort war.

F. Erinnern Sie sich, was Mr. Jackson in dem Jacuzzi an hatte?

A. Soweit ich mich erinnere, trug er Shorts.

F. Nun, Sie sagten, ihre Schwester war manchmal in Mr. Jacksons Zimmer, richtig?

A. Ja.

F. Und erinnern Sie sich, wie oft das der Fall war?

A. Ich erinnere mich nur während diesem ersten Ausflug, den wir dorthin machten, daran. Also es waren – es waren, wissen Sie, drei oder vier Nächte oder so ungefähr.

F. Ok. Aber Sie schliefen im selben Bett mit ihm, als sie sieben Jahre alt waren; ist das korrekt?

A. Ja.

F. Und war jemand anderer mit Ihnen in diesem Bett?

A. Meine Schwester, Chantal Robson.

F. Sie war zehn Jahre alt, ist das richtig?

A. Ja.

F. Ist es richtig, dass dort kein anderer Erwachsener irgendwo in diesem Raum war, als Sie mit Mr. Jackson ins Bett gekrochen sind?

A. Richtig.

F. Und Sie haben während dieser Woche in der Tat weiterhin mit Mr. Jackson geschlafen, als Sie sieben Jahre alt waren, ist das richtig?

A. Ja.

F. War Ihre Schwester während dieser Woche ebenfalls die ganze Zeit dort?

A. Ja.

F. War sie ebenfalls in diesem Bett bei Ihnen?

A. Ja.

Ich weiß nicht, wie Robson seine damalige Version, in der „Chantal die ganze Woche bei ihm war“ und „immer in einem Bett mit ihm schlief“ mit seiner jetzigen tragischen Story in Einklang bringen wird, in der „er dort eine Woche lang ganz alleine zurückgelassen wurde“. Hier passt etwas definitiv nicht zusammen, aber lasst das Robsons Problem sein und nicht unseres.

Nähern wir uns dieser Angelegenheit stattdessen von einer anderen Seite und schauen, ob Robson jemals erwähnt hat, alleine auf Neverland gewesen zu, ohne seiner Mutter. Gibt es in seiner Aussage irgendeinen Hinweis darauf, dass er dort jemals alleine war?

Nein, es gibt absolut keinen Hinweis darauf. Er erinnert sich an eine Gelegenheit, wo ihn seine Mutter nicht nach Neverland begleitet hat. Es war nur einmal und fand 1993, drei Jahre nach ihrem ersten Besuch in den Vereinigten Staaten, statt. Inzwischen hatte er Jordan Chandler bereits kennen gelernt und er war alleine auf Neverland, weil dort auch andere Kinder waren, einschließlich Jordan Chandler, Macaulay Culkin und Brandy Jackson.

Sehen wir uns weitere Auszüge aus Robsons damaliger Aussage an:

A. … meistens besuchten meine Mutter und ich die Ranch gemeinsam. Ich denke, einmal war ich alleine dort, ohne meine Mutter. Es waren andere Leute dort.

F. Gab es Gelegenheiten, wo Sie Mr. Jackson zur Neverland Ranch kommen ließ?

A. Mich kommen ließ?

F. Ja. Sie anrufen und fragen, ob Sie kommen und dort sein möchten; Sie auf die Neverland Ranch einladen?

A. Uns einladen, ja.

F. Okay. Ohne ihre Mutter?

A. Meinen Sie, dass er fragte, ob ich ohne meiner Mutter kommen würde?

F. Oder nur Sie wurden eingeladen und Sie sind alleine gekommen.

A. Ich erinnere mich an ein einziges Mal, dort gewesen zu sein – Entschuldigung. Das einzige Mal, an das ich mich erinnere, dort gewesen zu sein, war dieser – dieser Ausflug, von dem wir gesprochen haben – ich alleine mit Jordie Chandler und Macaulay.

F. Nun, erinnern Sie sich, wie oft Ihre Mutter mit Ihnen Neverland besucht hat?

A. Es war jedes Mal, außer dieses eine Mal, von dem ich gesprochen habe, als ich mit Jordie Chandler und Macaulay dort war.

Trotz all dieser beharrlichen Fragen erinnerte sich Robson an nur eine Gelegenheit, bei der er ohne seine Mutter auf Neverland war. Es war drei Jahre nach seinem ersten Besuch dort und er war dort nicht alleine, sondern mit Jordan Chandler und Macaulay Culkin.

Und das war alles.

Für vernünftige Menschen wäre das genug, um das Thema Wade Robson ein für alle Mal abzuschließen, also überlasse ich euch die Entscheidung, ob ihr wirklich noch mehr Beweise für seine Lügen braucht. Ich selbst bin allerdings sehr daran interessiert, warum sich Robson dazu entschieden hat, eine schreckliche Story zu erfinden, in der er im zarten Alter von sieben Jahren von seiner Familie verlassen wurde. War ihm nicht klar, dass sie von den Worten seiner Mutter einfach widerlegt werden konnte? Also warum versuchte er es überhaupt?

Warum diese Lüge?

Der erste Grund, den ich hier sehe, ist, dass Robson gehofft hat, dass niemand die Zeugenaussagen seiner Mutter und Schwester im Prozess 2005 wirklich überprüfen würde und dass er nicht damit gerechnet hat, dass diese Widersprüche aufgedeckt werden.

Der zweite Grund ist, dass es nicht seine Absicht ist, irgendjemandem irgendetwas zu beweisen. Seine Absicht ist zu schockieren und zu rennen und so viele schockierende Aussagen zu tätigen, wie das überhaupt nur möglich ist und diese über die Medien ohne jeglichen Beweis zu verbreiten. Sein Fall ist einzig für die Öffentlichkeit gedacht und ist eine Art Verhandlungsprozess mit dem MJ Estate – „solange ihr mir keine eineinhalb Milliarden gebt, werde ich damit weitermachen, Michael durch den Dreck zu ziehen. Haltlos oder nicht haltlos, aber der Schock meiner Anschuldigungen ist immer noch da.“

Der dritte Grund ist, dass Robsons Story ein reines Skelett ist und etwas Fleisch benötigt, das daran wächst. Es reicht nicht, zu behaupten, dass er einfach „belästigt“ wurde – es soll eine Story sein mit all den zugehörigen Details und Schrecken. Also je mehr bildhafte Details hinzugefügt werden, desto mehr wird die Öffentlichkeit darüber sprechen. Deshalb entstand die tränenreiche Story über einen einsamen Jungen, der von seiner Familie verlassen und erst eine Woche später wieder abgeholt wurde. Lasst die Leute das Schicksal des armen Jungen diskutieren, seine skrupellose Familie und deren mögliche Motive. Das wird ihnen etwas zum Besprechen geben und sie daran hindern, darüber nachzudenken, dass selbst die wichtigsten Eckpfeiler der Story völlig verrückt sind.

Und schließlich ist der Hauptgrund, warum er diese Geschichte erfand, weil er seine vorliegende Klageschrift mit seiner Aussage im Prozess 2005 vereinbar machen musste. Die Niederschrift der Aussage enthielt praktischerweise das Wort „Woche“, was aus der vagen und unsicheren Erinnerung eines Kindes resultierte und somit eine Gelegenheit bot, die Robson nicht zu verspielen beabsichtigte. Er nutzte das aus und bildete daraus eine Horrorgeschichte, in der er von seinen naiven Eltern verlassen und eine Woche lang von seinem Idol missbraucht wurde.

Wir haben bereits gesehen, dass es in den Aussagen der drei Robsons absolut nichts gibt, was dieses verrückte Szenario bestätigt. Er war nicht eine Woche lang dort, wie seine Mutter bereits mehrmals unter Eid gesagt hatte (obwohl ihm seine Kindheitserinnerungen diesen Eindruck vermittelt haben), seine Familie und seine Schwester waren die ganze Zeit bei ihm (wie er es selbst gesagt hatte) und er war nicht 1990 das erste Mal alleine auf Neverland, sondern drei Jahre später, als er mit anderen Kindern dort war (wie Robson selbst erklärt hat).

Der Trip nach LA im Februar 1990

Der einzige verbleibende Punkt ist ein Ausflug von Joy, Wade und Chantal gemeinsam mit Michael nach Los Angeles und ein dortiger Aufenthalt für wenige Tage, bevor sie schließlich nach Australien abgereist sind.

Obwohl wir dieses Thema noch nicht besprochen haben, können wir zumindest eine Zwischenbilanz machen – alles, was Wade Robson bis zu diesem Punkt in seiner Klageschrift angegeben hat, ist eine LÜGE.

ALLES!

Und das lustigste daran ist, dass sich Robson jetzt an jedes kleine Detail dieser Horrorgeschichte erinnert, während er sich zehn Jahre zuvor an absolut nichts erinnert hat.

Ich frage mich, wie Du dieses merkwürdige Phänomen erklären würdest?

Wade Robson Klageschrift 2*LÜGE* Die Familie des Klägers verließ die Ranch am Montag, um ihren Road Trip fortzusetzen, ließ allerdings den Kläger zurück, um bei dem Verstorbenen zu bleiben. Der Kläger schlief jede Nacht im Bett des Verstorbenen und jede Nacht fand sexueller Missbrauch statt. Die Familie des Klägers kehrte am kommenden Wochenende zur Ranch zurück, um bei dem Kläger zu sein. Der Kläger schlief wieder im Bett mit dem Verstorbenen, während die Familie wo anders im Haus schlief. Der sexuelle Missbrauch setzte sich in jeder dieser Nächte fort. *LÜGE*

Bis jetzt haben wir erst Punkt 13 seiner am 19. Februar 2014 eingereichten „zweiten, abgeänderten Klageschrift“ erreicht. An diesem Punkt fahren wir fort. Er lautet wie folgt:

Am folgenden Montag traf sich der Kläger gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester mit dem Verstorbenen in seinem Apartment am Wilshire Boulevard im Stadtteil Westwood, Los Angeles, das gegenüber eines Holiday Inns gelegen ist, während der Vater und die Großeltern des Klägers ihre Autoreise für ein paar weitere Tage fortsetzten. Der Kläger schlief mit dem Verstorbenen in seinem Bett im Westwood Apartment; die Mutter und die Schwester des Klägers hielten sich auf der anderen Straßenseite im Holiday Inn Hotel auf. Der sexuelle Missbrauch ereignete sich auch in jeder dieser Nächte. Im Verlauf dieser Woche kehrte die gesamte Familie nach Australien zurück.“

Dieser Absatz ist von enormer Bedeutung – er wird dabei helfen, viele andere Details bezüglich Michael Jackson zu erfahren und das Bild als Ganzes zu begreifen. Deshalb wird dieser Abschnitt nicht nur jene Tage abdecken, die die Robsons in Los Angeles verbracht haben, sondern er wird sich auch über ihren Besuch im Mai 1990 erstrecken, wo Wade Robson und seine Mutter nach Los Angeles zurück gekehrt sind, um an Michaels Werbespot für LA Gear teilzunehmen und laut deren Aussage für ganze 6 Wochen in den Vereinigten Staaten blieben.

Aber lasst uns zuerst klären, was in dem obigen Absatz mit „am folgenden Montag“ gemeint ist.

Die zeitliche Abfolge entsprechend dem US-amerikanischen Kalender

Der „folgende Montag“ war der 12. Februar 1990, welcher der Beginn der letzten Woche der Familie in den Vereinigten Staaten war.

Laut Robsons Dokumenten endete ihr Besuch in den Vereinigten Staaten irgendwann „im Verlauf dieser Woche“ nach „ein paar weiteren Tagen“, die sie außerhalb Neverlands verbrachten. Nach dem zweiten Wochenende auf Neverland teilte sich die Familie auf und Wades Vater und Großeltern fuhren nach San Francisco, während Wade mit seiner Mutter Joy und Schwester Chantal zurück nach Los Angeles fuhren, dieses Mal mit Michael Jackson. Nach diesen paar Tagen traf sich die Familie wieder und „im Verlauf dieser Woche“ reisten sie nach Australien ab.

Mein Kalender von 1990 zeigt die paar Tage, die die Familie mit Michael in LA verbracht hat, als Montag, 12. Februar bis Mittwoch, 14. Februar. Donnerstag, 15. Februar war höchstwahrscheinlich der Tag, an dem sich die Familie wieder in Los Angeles traf (sie sollten sich treffen und ihre Koffer packen, oder?) und Freitag, 16. Februar ist wahrscheinlich das Datum für ihre Abreise nach Australien.

Für den Fall, dass sie das Land einen Tag später verlassen haben, kann ihre Zeit in LA gemeinsam mit Michael um einen Tag verlängert werden, aber das ist das absolute Maximum. Diese Variante scheint allerdings unwahrscheinlich zu sein, da es in der Klageschrift „im Verlauf dieser Woche“ heißt und nicht am Ende der Woche, also soweit wir wissen, könnte die Abreise bereits am Donnerstag, 15. Februar gewesen sein.

Da der Zeitraum, den sie in LA verbracht haben, sowohl verkürzt als auch verlängert werden kann, habe ich die goldene Mitte von drei Tagen gewählt, die sie mit Michael gemeinsam verbracht haben.

Alles in allem blieben die Robsons etwa dreieinhalb Wochen in den Vereinigten Staaten (die Ankunft fand wahrscheinlich einen Tag vor dem Auftritt in Disneyland am 26. Jänner 1990 statt).

Von den maximal 24 Tagen verbrachten sie laut dieser Schätzung sieben Tage mit Jackson, was genau die „Woche“ ist, an die sich Wade erinnern konnte.

Vier der sieben Tage wurden bereits untersucht. Wir haben festgestellt, dass an diesen Tagen nicht einmal theoretisch ein Missbrauch stattgefunden haben kann.

So kommen wir nun zu den letzten in etwa drei Tagen ihres Aufenthalts in den Vereinigten Staaten und das Folgende wird ein Versuch werden, die Wahrheit hinter den weiteren Lügen wiederherzustellen, die uns Robson über diesen Zeitabschnitt erzählt.

Der Toys“R“Us Shop

2005 stellte Tom Sneddon ähnliche Fragen und irgendwann schnitt er mit Joy Robson das Thema eines Toys“R“Us Shops an. Wir sind an diesem Thema auch sehr interessiert.

Tom Sneddon sagt, dass der Einkauf in der Nacht stattfand. Das war für MJ üblich, da es seine einzige Chance war, eine Menschenschar zu vermeiden. Das macht den Ausflug zu dem Spielzeuggeschäft nur möglich, wenn die Robson Familie während der Nacht mit Michael zusammen war, ungeachtet davon, wo das war.

Diese nächtlichen Gelegenheiten können nun an den Fingern einer einzigen Hand gezählt werden. Darunter befinden sich 1) zwei Nächte während des ersten Wochenendes auf Neverland, 2) zwei Nächte während des zweiten Wochenendes auf Neverland und 3) zwei oder drei Nächte, die mit MJ mit Joy Robson und ihren Kindern in Los Angeles verbracht hatte.

Im Prozess 2005 erinnerte sich Joy Robson an diesen Ausflug zu Toys“R“Us. Sie begleitete ihre Kinder nicht dorthin und konnte sich nicht wirklich daran erinnern, wann dieser Ausflug stattfand, aber sie war sich sicher, dass es nicht während des ersten Wochenendes war, wahrscheinlich nicht während des zweiten Wochenendes und alles, woran sie sich gerade noch erinnern konnte, war, dass die Kinder mit MJ wahrscheinlich nach Geschäftsschluss dorthin fuhren:

F. VON MR. SNEDDON: Fuhren Sie während dem ersten Wochenendausflug nach Neverland zu Toys“R“Us?

A. Nein.

F. War das das zweite Wochenende?

A. Ich bin nie zu Toys“R“Us gefahren.

F. Sind Ihre Kinder zu Toys“R“Us gefahren?

A. Ja.

F. An welchem dieser Wochenenden sind sie gefahren?

A. Ich erinnere mich nicht.

F. Aber Sie erinnern sich an einen Ausflug?

A. Ja.

F. Und sie fuhren mit Mr. Jackson?

A. Ja.

F. Und das war Stunden nachdem das Geschäft geschlossen hatte?

A. Ich erinnere mich nicht.

F. Und ihnen war erlaubt, alles zu kaufen – oder erlaubt, alles zu bekommen, was sie wollten und Mr. Jackson zahlte dafür, richtig?

A. Ich denke schon.

Lasst uns versuchen, die Toys“R“Us Episode dahingehend einzukreisen, wann und wo sie tatsächlich stattgefunden haben könnte.

Joy Robson sagt, dass der Ausflug nicht während des ersten Wochenendes stattfand und das stimmt. Das erste Wochenende war ein geschäftiges. Am Samstag, 3. Februar 1990 nahm Michael einen Award aus Japan via Satellit entgegen und verbrachte deshalb nur einen Teil des Tages mit den Robsons. Aufgrund der großen Zeitverschiebung (Japan liegt 17 Stunden vor den Vereinigten Staaten) wäre die Zeremonie in den Vereinigten Staaten zu Mitternacht des vorigen Tages gewesen, wenn sie am Sonntagabend Ortszeit abgehalten worden wäre, und wenn die Zeremonie in Japan am Sonntagmorgen stattfand, wäre sie in den Vereinigten Staaten am späten Samstagnachmittag gewesen.

Die letztere Variante passt besser zu den Aussagen der Robsons. Joy sagte, dass sie als erstes auf Neverland eintrafen und sogar noch Zeit hatten, sich im Haus umzusehen, bevor Michael eintraf. Er kam irgendwann am Nachmittag, also hatten sie am 3. Februar eigentlich nur sehr wenig Zeit für einander, bevor es Abend wurde (und die Kinder fragten, ob sie die Nacht in Michaels Zimmer verbringen können).

Sonntag, 4. Februar war eine weitere voll ausgefüllte Nacht. ABC sendete ein Tribut zu Sammy Davis‘ 60sten Jahr im Showbusiness und Michael und die Robson Familie sahen sich die Zeremonie mit Sicherheit im Fernsehen an. Es war ein äußerst propagiertes Event – die Einnahmen der Show, 250.000 $, kamen dem United Negro College Fund zugute und Michael sang dort das Lied „You were there“ als Hommage an Sammy Davis, der an Kehlkopfkrebs litt. Zu diesem Zeitpunkt konnte er kein Wort mehr sprechen und er starb wenige Monate nach Ausstrahlung der Show. Die Show wurde im November des Vorjahres aufgezeichnet, ausgestrahlt wurde sie aber am 4. Februar 1990 und nachdem es solch ein emotionales und bedeutsames Event war (das später den Emmy für herausragende Musik gewann), schaute es Michael sicherlich live im Fernsehen – höchstwahrscheinlich gemeinsam mit der Robson Familie.

Also fand der Ausflug zu Toys“R“Us gewiss nicht während ihres ersten Wochenendes auf Neverland statt.

Hier ist Michaels Hommage an Sammy Davis Jr.:

Könnte der Ausflug zu Toys“R“Us während ihrem zweiten Wochenende auf Neverland stattgefunden haben?

Es sieht so aus, als wäre das auch nicht der Fall gewesen.

Um das festzustellen, könnte eine Karte eine große Hilfe sein und Google Maps zeigt uns, dass sich die nächstgelegendsten Toys“R“Us Filialen zu Neverland in Santa Maria und Santa Barbara befinden (die Orte, an denen später die beiden Grad Jurys im Chandler Fall sitzen werden), und beide Orte sind ziemlich weit entfernt von der Ranch – einer liegt mehr als 40 Kilometer nördlich und der andere mehr als 60 Kilometer südlich. Beide Entfernungen sind wirklich zu weit, besonders in Anbetracht dessen, dass es ein nächtlicher Ausflug war, wie Tom Sneddon behauptet hat.

Landkarte Neverland RanchSanta Maria liegt mehr als 40 Kilometer nördlich von Neverland und Santa Barbara mehr als 60 Kilometer südlich davon

Aber wenn beide Wochenenden ausgeschieden sind, wann könnte dieser Ausflug stattgefunden haben?

Hier rufen wir uns zurück ins Gedächtnis, dass Michael und die drei Robsons nach dem zweiten Wochenende auf Neverland nach Los Angeles fuhren. Die Karte zeigt, dass Los Angeles ein ganzes Netz an Toys“R“Us Filialen hat und mehrere davon sind nicht weit entfernt vom Wilshire Boulevard in Westwood, wo es heißt, dass Michael dort seine Eigentumswohnung hatte. Möglicherweise war der Besuch dieses Shops der einzige Grund, warum Michael überhaupt mit der Familie nach LA fuhr.

Los Angeles Toys R Us ShopsToys“R“Us Filialen sind im westlichen Teil von Los Angeles weit verbreitet und nicht weit entfernt vom Wilshire Boulevard in Westwood, wo es heißt, dass Michael dort seine Eigentumswohnung hatte. Ein nächtlicher Besuch dort nach Geschäftsschluss ist eine denkbare Option

Nicht, dass der Besuch eines Spielzeuggeschäftes für uns von solch großer Bedeutung ist. Michael kaufte gerne Spielzeug und besuchte Toys“R“Us Filialen bei jeder sich bietenden Gelegenheit und wenn ein paar Kinder dabei sind, war er wahrscheinlich nicht mehr zu stoppen.

Das korrekte Timing für diesen Besuch ermöglicht uns allerdings, ihn einer dieser Nächte zuzuordnen, die Wade, Chantal und Michael gemeinsam in Los Angeles verbracht haben und festzustellen, dass sie nicht in einem Schlafzimmer, sondern in einem hell erleuchteten Spielzeuggeschäft verbracht wurde.

War das eine passende Nacht für den „Missbrauch“? Wohl kaum. Die Fahrt zu dem Geschäft und retour dauerte wohl mindestens eine Stunde, ganz zu schweigen von der Zeit, die dort mit dem Aussuchen und Ausprobieren verschiedener Spielsachen verbracht wurde, genauso wie das natürliche Verlangen von Kindern, mit ihren Spielsachen zu spielen, als sie zurückkehrten.

Und die Tatsache, die das alles krönt, ist, dass Chantal in der Nacht von dem Besuch des Spielzeuggeschäfts wieder bei ihrem Bruder war, und das die ganze Nacht lang!

Von den drei möglichen Nächten für den „Missbrauch“ ist eine bereits ausgeschlossen. Was ist mit den beiden verbleibenden?

Das Holiday Inn

Punkt 13 in Robsons Klageschrift beschreibt ihren Aufenthalt in LA auf sehr seltsame Weise. Auf der einen Seite wird angegeben, dass sich Joy, Wade und Chantal aufmachten, um „mit MJ in seinem Apartment in Westwood zu verweilen“ und auf der anderen Seite „hielten sich seine Mutter und Schwester im Holiday Inn auf der anderen Straßenseite auf“. Wie war es denn nun? Waren die beiden in MJs Apartment oder im Holiday Inn?

Wie sollen wir das verstehen?

„Am folgenden Montag machten sich der Kläger, seine Mutter und Schwester auf, um mit dem Verstorbenen in seinem Apartment am Wilshire Blvd. im Stadtteil Westwood, Los Angeles zu verweilen, das gegenüber des Holiday Inn Hotels gelegen ist. <> Die Mutter und die Schwester des Klägers hielten sich im Holiday Inn auf der anderen Straßenseite auf.“

2005 versuchte Tom Sneddon ebenfalls, ihre Erinnerungen darüber zu entwirren, wer sich bei ihrem ersten Besuch in Michaels Wohnung wo aufhielt und was der Unterschied war zu ihrem zweiten Besuch in den Vereinigten Staaten im Mai 1990, als sie an einem Werbespot gearbeitet hatten und sich 6 Wochen im Holiday Inn aufgehalten haben.

Sneddon nannte ihre Reise nach LA im Februar 1990 einen „Jänner-Besuch“, aber abgesehen davon ist sein Timing okay. Lest diesen Teil seiner Vernehmung von Joy Robson und ihr werdet vermutlich erkennen, dass es einen enorm wichtigen Fakt enthält.

Sie erinnert sich, dass sie während ihres Winterbesuchs in LA bei MJ mit ihrer Tochter Chantal ein paar Tage in MJs Wohnung verbrachte und dort auf dem Boden schlief.

F. Als Sie im Mai zurückgekommen sind, war das deshalb, weil Ihr Sohn bei einem L.A. Gear Werbespot mitmachte?

A. Ja.

F. Nun, als Sie damals wegen dem L.A. Gear Werbespot dort waren, stiegen Sie im Holiday Inn ab?

A. Ja. In Westwood.

F. Und Sie waren dort für etwa sechs Wochen?

A. Ja.

F. Und Mr. Jackson hatte eine Eigentumswohnung auf der anderen Straßenseite?

A. Ja.

F. Und bei einigen Gelegenheiten waren Sie mit ihnen in der Eigentumswohnung und Sie und Ihre Tochter, oder Sie, schliefen auf dem Boden; erinnern Sie sich daran?

A. Ich denke, dass meine Tochter und ich am Boden geschlafen haben – das war bei dem ersten Ausflug. Es war nicht während dieser Zeit.

F. Der erste Ausflug im Jänner?

A. Ja.

F. Gab es einen Zeitpunkt, zu dem Sie Mr. Jackson im Jänner in seiner Eigentumswohnung besucht haben?

A. Ja.

F. Nun, diese Besuche im Holiday – diese Besuche bei Mr. Jackson, als Sie im Holiday Inn waren, viele dieser Anrufe von Mr. Jackson waren sehr spät in der Nacht, ist das nicht richtig?

A. Ja, er hat gearbeitet.

MR. SNEDDON: Streichen Sie das wegen ausweichender Beantwortung, Euer Ehren.

DAS GERICHT: Ich streiche das letzte – nach „Ja“.

Nun wissen wir, dass die Familie im Februar 1990 nur wenig bis gar keine Zeit im Holiday Inn verbracht hat, obwohl für die drei Reservierungen gemacht wurden.

Joy schlief möglicherweise einmal dort, als die Kinder Spielsachen kaufen gegangen sind, aber die beiden verbleibenden Nächte waren sie und ihre Tochter sicherlich mit Wade und Michael zusammen, da sie in Michaels Eigentumswohnung am Boden geschlafen haben.

Das nagelt eine weitere Lüge Robsons fest – seine Mutter und seine Schwester waren nicht im Holiday Inn, wie er in seiner Klageschrift behauptet hat.

Zumindest schliefen sie nicht dort. Stattdessen schliefen sie mit Wade zusammen in Michaels Apartment.

Und das bedeutet, dass Wade in allen drei Nächten, die sie in Los Angeles verbracht haben, niemals mit Michael alleine war – in der Shoppingnacht wurde er von seiner Schwester Chantal begleitet und in den verbleibenden beiden Nächten waren seine Mutter und seine Schwester bei ihnen in derselben Eigentumswohnung und haben dort auf dem Boden geschlafen.

Das fehlende Bett in Wade Robsons Kriminalgeschichte

Warum auf dem Boden schlafen?

Jedes Mal, wenn wir hören, dass jemand in Michaels Apartment auf dem Boden geschlafen hat, fragen wir uns, warum es der Boden war und nicht das Bett. Warum sollte eine erwachsene Frau wie Joy mit ihrer zehnjährigen Tochter Chantal auf dem Boden schlafen, statt in einem Bett, und dann auch noch in zwei aufeinanderfolgenden Nächten?

Euer Unterbewusstsein suggeriert euch, dass es dort vielleicht nur ein Bett gab, das von Michael und Wade belegt war (?) Nun, gebt zu, dass es das ist, was euch in den Sinn kam – besonders, da Wade unverhohlen behauptet, dass er in Michaels Bett in seinem Westwood Apartment am Wilshire Boulevard geschlafen hat:

„Der Kläger schlief mit dem Verstorbenen in seinem Bett im Westwood Apartment; die Mutter und die Schwester des Klägers hielten sich auf der anderen Straßenseite im Holiday Inn Hotel auf.“

Die Story über „den Aufenthalt seiner Mutter und Schwester im Holiday Inn“ wurde gerade als Lüge enttarnt, aber wie wahr ist Wades Story über das Schlafen in MJs Bett und gibt es einen Weg, sie nachzuprüfen?

Und hier kommt der Moment, um uns an die Aussage von Michaels Dienstmädchen Blanca Francia zu erinnern. Ein Detail daraus wurde plötzlich enorm bedeutsam für uns.

Im Prozess 2005 bezeugte Blanca Francia, dass es in Michaels Eigentumswohnung am Wilshire Boulevard keine Betten gab – sie waren schlicht nie dort, in keinem der Räume:

A. Wie – eine Art Apartment, Suite. Nannte es „The Hideout – Das Versteck“.

F. Wo war das; wissen Sie das?

A. Ich weiß, dass es am Wilshire ist.

F. Okay. War dort ein Bett in dieser Residenz?

A. Nein.

F. Niemals?

A. Niemals.

F. Die ganze Zeit, in der Sie dort sauber gemacht haben?

A. Ja.

Wieder und wieder fragten sie der ungläubige Staatsanwalt und der Verteidiger wegen einem Bett in der Wilshire Eigentumswohnung und wieder und wieder wiederholte sie dasselbe – in dem Hideout-Apartment in der Eigentumswohnung am Wilshire Boulevard gab es kein einziges Bett:

F. Okay. Lassen Sie mich eine Frage über das Hideout stellen. Sie haben erwähnt, dass es in dem Hideout kein Bett gab. Wo schlief Mr. Jackson?

A. Er schläft in einem Schlafsack.

F. In Ordnung. Die ganze Zeit, die er in dem Hideout verbrachte?

A. Ja. Dort gab es kein Bett.

F. Pardon?

A. Dort gab es kein Bett.

F. Okay. Nun, Sie haben ausgesagt, dass es in dem Apartment, das Mr. Jackson besitzt und das Sie „The Hideout“ nannten, keine Möbeln gab, richtig?

A. Mhm.

F. Gab es dort überhaupt ein Bett?

A. Nein.

F. Okay. Nun, wo hat er – ich habe Sie gefragt, wo er geschlafen hat und Sie sagten in einem Schlafsack. Beschreiben Sie uns den Schlafsack. Was für eine Art Schlafsack war das?

A. Ein gewöhnlicher Schlafsack, in dem man schläft.

F. Schlafsack für eine Person? Für zwei Personen? Wie groß?

A. Ein normaler.

F. Nur ein normaler Schlafsack?

A. Ja.

F. War dieser Schlafsack immer offen oder war er eingerollt?

A. Er war offen.

F. Immer?

A. Nun, wenn ich ihn gemacht habe, habe ich versucht, ihn wie ein Bett zu machen, wissen Sie.

F. Gab es dort irgendwelche Decken auf dem Schlafsack oder unter dem Schlafsack?

A. Ja, dort waren Decken.

F. Welche? Auf dem Schlafsack oder –

A. Auf dem Schlafsack, ja.

F. Lag der Schlafsack einfach auf dem Boden?

A. Ja.

F. Gab es dort einen Teppich am Boden?

A. Ja.

Überraschung – Überraschung, aber Blanca Francia macht absolut klar, dass es in Michael Jacksons Eigentumswohnung am Wilshire Boulevard überhaupt keine Betten gibt. Die Einrichtung in Michaels Hideout war extrem spärlich – ein Tisch, ein Sessel, ein Fernseher und Schlafsäcke am Boden. Sie sagte sogar, es gäbe dort keine Möbel.

Warum? Höchstwahrscheinlich nutzte Michael die Wohnung, um dort zu tanzen und zog es vor, die gesamte Fläche mit möglichst wenigen Möbeln zu verstellen.

SchlafsackEin Standardschlafsack für eine Person

Also wo schliefen sie dann alle?

Michael und alle anderen schliefen in Schlafsäcken am Boden.

Die Schlafsäcke hatten eine Standardgröße – nur für eine Person. Also höchstwahrscheinlich hatte jeder seinen eigenen Schlafsack, der geöffnet am Teppich lag und das ganze Schlafarrangement war offenbar auch ein sehr offenes.

DoppelschlafsackEin nicht standardmäßiger Doppelschlafsack für zwei Personen. In Michael Jacksons Eigentumswohnung gab es nur normale Ein-Personen-Schlafsäcke

Michaels Verleumder werden natürlich sagen, dass es nicht von Bedeutung ist, ob es dort ein Bett gab oder nicht – Missbrauch kann auch ohne Bett stattfinden und dem stimmen wir zu.

Wade Robson macht uns gegenüber ein klares Statement, dass er „in einem Bett mit Michael geschlafen hat“ und dort geschah sein „Missbrauch“ „wieder“ in jeder dieser Nächte.

Und nun finden wir heraus, dass dieses Statement völlig fiktional ist und kein Standbein hat.

Erstens gab es dort schlicht und einfach kein Bett und zweitens war es uns absolut unmöglich, den Moment auszumachen, an dem der angebliche Missbrauch begann, geschweige denn, wann er „wieder“ stattfand!

Ist es einem echten Missbrauchsopfer möglich, zu vergessen, ob es dort ein Bett gab oder nicht?

Definitiv nicht.

Ich habe bereits mehrfach geschrieben, dass sich die schrecklichen Dinge, die Dir in Deiner Kindheit passiert sind, in ihrer vollen Gesamtheit in Deinem Gedächtnis einprägen, einschließlich der Tageszeit, dem Ort, der Umstände, der Details und sogar der Gerüche.

Wenn Du so etwas wirklich in Deiner Vergangenheit erlebt hast, kommt es als Flashback zurück, wenn Du Dich an exakt demselben Ort befindest mit all den Details, die dazu gehören. Es ist Dir nicht möglich, ein einziges Detail der Szene zu verändern und Du siehst Dich selbst noch einmal als kleines Selbst, das in den Aufzug einsteigt – und dort war er, jemand in einem dunklen Mantel, dem Du nicht einmal bis über die Taille schauen konntest…

Erinnerungen

Und selbst wenn seit diesem Vorfall dreißig Jahre vergangen sind, wirst Du Dich trotzdem daran erinnern, dass es im Aufzug passiert ist und nicht in einem Zimmer oder dem Stiegenhaus desselben Gebäudes.

Die Abweichung ist einfach unmöglich, weil Dich Dein Flashback dazu bringt, es in exakt denselben Umständen zu sehen und wieder zu erleben und exakt so wie es war, ohne einer einzigen Veränderung.

Wenn Wade Robson jetzt also von irgendeinem Missbrauch spricht, der auf einem „Bett“ stattgefunden hat und wir finden heraus, dass dort in Wirklichkeit garkeines war, bedeutet das, dass er etwas Fiktionales beschreibt, weil wenn es dort kein Bett gab, gab es auch keinen Missbrauch.

Immer noch skeptisch? Dann erinnere Dich an einen Unfall, den Du hattest, als Du mit einem Fahrrad eine Berglandschaft hinuntergefahren bist und in voller Fahrt in einen Baum gekracht bist. Wird es Dir möglich sein, irgendetwas in diesem Bild zu verändern, wenn Dir jemand sagt, dass Du eigentlich auf einer großen Straße warst und in eine Säule gekracht bist? Obwohl der Unfall an sich absolut derselbe ist, wird Deine Erinnerung niemals zustimmen, dass sich der Unfall, der auf einer Landstraße passiert ist, stattdessen auf einer Straße in der Stadt ereignet hat. Solch ein Austausch ist einfach ausgeschlossen und das ist alles, was dazu zu sagen ist.

Dasselbe gilt für Robson. Wenn das Verbrechen angeblich im Bett stattgefunden hat und Du findest heraus, dass es dort gar kein Bett gab, ist das ein unwiderlegbarer Beweis, dass es kein Verbrechen gab.

Zusammenfassung:

Erinnert ihr euch an Robsons albtraumhaften Bericht, dass „in der zweiten Nacht“ dies und jenes begann und der Verstorbene dem Kläger sagte, er müsse es geheim halten und dass „die sexuellen Handlungen während der gesamten darauffolgenden Woche jede Nacht stattfanden“ usw.? Schrecklich, oder?

Und was ist wirklich passiert? Das Folgende haben wir herausgefunden:

Kalender Jänner Februar 1990Kalender von Jänner-Februar 1990 in den USA

  • Ihre Ankunft in den USA könnte am Tag vor dem 26. Jänner gewesen sein, der in Disneyland gefeierte Australia Day. An diesem Tag tanzte Wade mit der Johnny Talent Time School und imitierte Michael Jacksons „Smooth Criminal“. Der Auftritt fand nur an einem Tag statt.
  • Die Familie versuchte dann über eine Woche lang, Michael zu kontaktieren, da sie weder seine, noch die Telefonnummer seiner Sekretärin hatten.
  • Als das Treffen letztendlich arrangiert wurde, trafen sie ihn in seinem Aufnahmestudio und sie wurden eingeladen, ein Wochenende auf Neverland zu verbringen. Das war laut Robsons aktueller Klageschrift von 3. bis 4. Februar.
  • In der ersten Nacht während ihrem ersten Wochenende auf Neverland gab es keinen Missbrauch, da Robson selbst nichts über diesen Tag gesagt hat.
  • Der Missbrauch fand nicht „in der zweiten Nacht“ auf Neverland statt und es gab auch keine nächtliche „Diskussion“ darüber, da auch seine Schwester Chantal diese Nacht in Michaels Bett verbracht hat.
  • Dann kam eine Unterbrechung von einer Woche, in der sich die gesamte Familie nicht auf Neverland aufhielt. Die Unterbrechung wurde von Wades Mutter sowohl während ihrer Aussage 2005, als auch in ihrer Aussage unter Eid vor der Grand Jury 1993 bestätigt (höchstwahrscheinlich sagte Wade 1993 während seiner eigenen Aussage unter Eid vor den beiden Staatsanwälten von Los Angeles und seinem eigenen Anwalt dasselbe.). Also gab es keine Episode unter dem Titel „ihn eine Woche zurücklassen“ und demzufolge gab es keine sexuellen Handlungen, die in diesem Zeitraum angeblich stattgefunden haben sollen.
  • Am zweiten Februarwochenende (10. bis 11. Februar 1990) kam die Familie nach Neverland zurück und verbrachte zwei weitere Tage dort. Auch am zweiten Wochenende fand kein Missbrauch statt, weil Chantal wieder im selben Bett mit Wade geschlafen hat. Beide haben das bestätigt, somit ist das zweite Wochenende hinsichtlich sexueller Aktivitäten ebenfalls ausgeschlossen.
  • Am darauffolgenden Montag (12. Februar) fuhren Wade, seine Mutter Joy und seine Schwester Chantal für etwa drei Tage gemeinsam mit Michael nach Los Angeles zurück, während Wades Vater und die Großeltern nach San Francisco gereist sind.
  • An einem dieser Tage unternahmen Wade, Chantal und Michael eine nächtliche Shoppingtour zu Toys“R“Us, womit diese Nacht für einen möglichen Missbrauch ausgeschlossen werden kann.
  • Es passierte auch nicht in Michaels Eigentumswohnung, da es dort das in seiner Klageschrift beschriebene Bett einfach nicht gab.
  • Im Verlauf dieser Woche traf sich die Familie wieder und reiste nach Australien ab.
  • Alles in allem blieben die Robsons etwa dreieinhalb Wochen in den Vereinigten Staaten.
  • Von den maximal 24 Tagen verbrachten sie laut dieser Schätzung sieben Tage mit Jackson (im Kalender grün markiert), was genau die „Woche“ ist, an die sich Wade erinnern konnte.

Weiters haben wir herausgefunden, dass Wade Robson seine falsche Story mit einer Menge verlogener Details ausgeschmückt hat, um seine Story „realistischer“ und „glaubhafter“ zu machen.

Also lasst uns schließlich feststellen, dass Wade Robsons „zweite, abgeänderte Klageschrift“ von Anfang an Lügen erzählt. Sie beginnt mit einer großen Lüge und fährt im Verlauf seiner Behauptung damit fort.

Kurzum, wir haben aufgedeckt, dass Wade Robson ein LÜGNER ist. Und hiermit wird er aufgefordert, Manns genug zu sein, um dies zuzugeben.

Wer hat dir erlaubt dich einzumischen?

by

Who Gave You the Right to Take Intrusion?

Quelle: Dancing with the Elephant
Post vom 10/03/2016


Lisha:
In einem früheren Post sprachen wir über die Entwicklung von Michael Jackson‘s Ghosts, der als unvollendeter bereichsübergreifender Kurzfilm als Werbung für Addams Family Values begann bis hin zu einem 38-minütigen Meisterwerk, welches seltsamerweise nie angemessen veröffentlicht wurde. Beide Filme zeigen den Bürgermeister einer Kleinstadt, der eine wütende Meute bei ihrem Versuch, den ortsansässigen Sonderling aus seinem Zuhause und aus der Stadt zu zwingen, anführt. Leider kommt die Geschichte der Wahrheit ziemlich nahe, wenn man in Betracht zieht, was tatsächlich in Michael Jacksons Leben passierte.

Willa: So ist es wirklich. Es ist fast so, als hätte er vorhersagen können, was passieren würde.

Lisha: Das ist schon unheimlich. Nach Jahren der Schikane durch die Gesetzeshüter und der Diffamierung durch die Medien durchsuchte „eine wütende Meute“ aus dem Department des Sheriffs Michael Jacksons Zuhause und versuchte ihn aufgrund fadenscheiniger „Beweise“ anzuklagen, was offen gesagt an der Gutgläubigkeit zerrte. Als die Fakten vor Gericht dargelegt wurden, war Michael Jackson vollkommen entlastet – ein Hinweis darauf, dass der Fall von vorn herein niemals vor Gericht hätte gebracht werden dürfen.

Aber sogar nach seinem Freispruch wurde Michael Jackson darüber informiert, dass er immer noch wegen böswilliger Strafverfolgung in Gefahr sei. Trotz seines Reichtums, seines Ruhms und seiner bewiesenen Unschuld verließ Michael Jackson sein Zuhause und floh aus dem Land.

Willa, ich weiß, wir sind alle aufgewühlt über das, was in diesem Fall passierte, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich wirklich tief beunruhigt. Es ist einfach nicht okay für mich, dass irgendeine Autorität der Regierung einen unschuldigen Mann und seine Familie aus seinem Zuhause und aus der Stadt zwingen kann. Und es stört mich außerordentlich, dass dies auch noch im Gleichschritt mit der Infotainment-Branche erreicht wurde. Journalisten sollten Autoritäten hinterfragen und Machtmissbrauch aufdecken und sich nicht der Haltung der Meute anschließen!

Willa: Genau. Darum werden die News-Medien manchmal auch die Vierte Gewalt genannt. Wir haben eine Regierung bestehend aus drei Zweigen oder „Gewalten“ – die Präsidentschaft, den Kongress und den Obersten Gerichtshof – die eine gegenseitige Kontrolle gewährleisten sollen, und dann gibt es noch die News-Medien als einen weiteren Zugang zur gegenseitigen Kontrolle. Daher kommt der Begriff der „Vierten Gewalt“. Aber was passiert, wenn die Medien bei der Bereitstellung ihrer kritischen Betrachtung scheitern und stattdessen nur den Machtmissbrauch in Schwung bringen? Es ist wirklich beängstigend darüber nachzudenken.

Lisha: Es ist erschreckend. Es ist wesentlich in einer Demokratie, dass die Medien ihre Recherchen an allen Stellen der Regierung durchführen. Wenn sie dies nicht tun, haben wir allen Grund alarmiert zu sein. Aber um ehrlich zu sein, bin ich nicht sicher, ob die Medien oder die Staatsanwaltschaft ihre Aktionen im Fall Michael Jackson voll und ganz verstanden haben.

Willa: Oder die Auswirkungen ihrer Aktionen.

Lisha: Ja, und ich denke nicht, dass die allgemeine Öffentlichkeit aufgehört hat darüber nachzudenken, welch heikle Situation dies ist.

Willa: Das sehe ich auch so.

Lisha: Ich würde also gern tiefer gehen und versuchen, Michael Jacksons Vertreibung von Neverland in eine gewisse Art historischen Kontexts setzen, in einen Versuch Licht darein zu bringen, wie so etwas „im Land der freien Bürger“ passieren konnte. Ich würde gern im Besonderen über die Rassenpolitik in den Vereinigten Staaten reden und über die Geschichte der Vertreibung, die in den afroamerikanischen Gemeinschaften im ganzen Land passiert ist.

Kürzlich bin ich auf einen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2007 mit dem Titel Banished (Vertrieben), gedreht und erzählt von Marco Williams, gestoßen. Er hat mich wirklich zum Nachdenken über die schmerzliche Historie von Vertreibungen in den Vereinigten Staaten gebracht, und darüber wie diese Historie in Michael Jacksons Auszug aus Neverland widerhallt. Hier ist ein Link, für diejenigen, die den Film gern ansehen würden:

Banished

(Für jene, die den YouTube Link nicht öffnen können, sind hier zwei andere Quellen: eine Beschreibung des Films und ein Artikel in der Washington Post darüber.)

Willa: Wir sollten vielleicht davor warnen, dass die Dokumentation etwa 90 Minuten lang ist, aber wenn ihr die Zeit habt, es anzusehen, es lohnt sich wirklich. Ich konnte einfach nicht aufhören darüber nachzudenken, Lisha, seit du es mir mitgeteilt hast.

Lisha: Ich auch nicht, Willa. Es ist schwer, den Gedanken daran wieder loszuwerden.

Willa: So ist es wirklich, und es zeigt, dass es in den Vereinigten Staaten ein wiederkehrendes Muster gibt, seit der Bürgerkrieg die Sklaverei als legale Einrichtung beendet hat, nämlich dass missgünstige Weiße erfolgreiche Gemeinschaften Schwarzer zerstören und deren Eigentum beschlagnahmen. Es beginnt im Allgemeinen mit falschen Anschuldigungen gegen einen schwarzen Mann – dass er eine weiße Frau vergewaltigt oder in irgendeiner Form einen sexuellen Angriff getätigt habe. Dann rotten sich Weiße zu einem Mob zusammen und er wird entweder gelyncht oder ihm wird mit Lynchjustiz gedroht. Die Gewalt breitet sich aus, weiteren schwarzen Einwohnern wird geraten ihre Häuser zu verlassen, wenn ihnen daran gelegen ist ihr Leben zu retten, und so gut wie alles, was sie besitzen, ist für sie verloren. Das Muster ist jedes Mal bemerkenswert ähnlich, und es gibt überraschende Ähnlichkeiten zum Fall Michal Jackson.

Lisha: Daher so schockierend. Besonders wenn man in Betracht zieht, dass so gut wie jeder Fall von Vertreibung mit einer nicht bewiesenen Beschuldigung sexueller Gewalt beginnt.

Willa: Genau, aber diese Beschuldigung dient nur als Rechtfertigung für das wirkliche Motiv, nämlich die Zerstörung oder Konfiszierung des Eigentums Schwarzer.

Was wir immer wieder sehen, sind schwarze Hauseigentümer, schwarze Geschäftsinhaber und ganze schwarze Gemeinschaften, die dazu gezwungen werden, sofort die Flucht zu ergreifen und so gut wie all ihr Hab und Gut zurückzulassen. Dies finde ich besonders beunruhigend seit ich einmal in einer Studie gelesen habe, dass eine in die Vereinigten Staaten eingewanderte Familie grundsätzlich erst nach fünf Generationen genügend Vermögen erwirtschaftet hat, um gut und gern als Familie der Mittelklasse anerkannt zu werden, was bedeutet, dass sie für einen tragischen Vorfall wie einen Hausbrand oder den Tod des Hauptverdieners genug abgesichert ist und nicht die gesamte Familie zurück in die Armut befördert wird. Wenn eine Gemeinschaft also ihr Vermögen und all ihre materiellen Güter verliert, ist sie nicht nur jetzt verarmt, sondern für Generationen.

Lisha: Ich sehe es auch so, dass die Konsequenzen für die vertriebenen Familien und für die gesamte Gemeinschaft weitreichend sind. Es ist schwer für mich, die Tatsache, dass das Gesetz diese Vorgänge tatsächlich unterstützt, gefühlsmäßig zu erfassen. Nachdem die Opfer terrorisiert und gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen, wurde ihnen ihr Eigentum oft durch das Gesetz zur Ersitzung auf legalem Weg weggenommen.

Während die besonderen Rechtsverhältnisse in Michael Jacksons Vertreibung von Neverland andere sein mögen, sind die Gesamtumrisse doch identisch: Jemand aus der dominanten Kultur darf – ungeachtet der rechtmäßigen Eigentümerschaft – entscheiden, wer bestimmten Raum beanspruchen darf und wer nicht – und die Handlungen, die dazu geführt haben, die Kontrolle über diesen Ort zu erlangen, werden seltsamerweise niemals hinterfragt oder vollständig untersucht. Am Ende ist der Besitz und Reichtum Schwarzer verloren und jemand aus der vorherrschenden Kultur bemächtigt sich eines Grundstücks, das einmal rechtmäßig von jemand anderem erworben wurde.

Willa: Ja, in vielen Fällen führen falsche Anschuldigungen zu sexuellem Fehlverhalten schließlich zu einer legalen Übertragung von Eigentum, wie du sagst, Lisha. Und die Personen, die Gewalt gegenüber den schwarzen Grundstückseignern geübt haben, werden fast nie für ihre Taten verantwortlich gemacht.

Lisha: Genau richtig. Und reden nicht nur über den Verlust von Grundstücken, sondern auch über den Verlust ihres Lebens. Viele, viele afroamerikanische Männer haben auf diese Weise ihr Leben verloren. Das ist ein schrecklicher Teil unserer Geschichte, von dem ich nicht glaube, dass er ehrenvoll gelöst wurde. Eigentlich glaube ich, dass diese Geschichte noch andauert, aber auf eher subtile Art und Weise. Jermaine Jackson nannte die Verhaftung seines Bruders in einem CNN Interview von 2003 „nichts anderes als modernes Lynchen“ und ich bin geneigt ihm Recht zu geben. Während ich sicherlich nicht die verübten abscheulichen Morde mit einem Fall vergleichen möchte, der in einem fairen Prozess und 14 Nicht-schuldig-Urteilen endete, stimme ich Jermaine Jackson zu, dass diese gewalttätige Geschichte sich immer noch in weniger offensichtlichen Formen abspielt.

Thomas Mesereau gab Charles Thomson, Jamon Bull und Q vom MJ Cast ein Interview am 13. Juni 2015, dem zehnten Jahrestag des Freispruchs Michael Jacksons vor Gericht. Wie Mesereau schon früher dargelegt hat, legte er Michael Jackson eindringlich nahe, sein Zuhause zu verlassen und nie wieder zurückzukehren, indem er ihn warnte, dass er dort niemals mehr sicher sein würde (bei 1:13:17 im Interview):

Bull: Äußerte Michael Ihnen gegenüber nach dem Urteilsspruch klar und deutlich, dass er die Vereinigten Staaten so bald verlassen und in den Mittleren Osten aufbrechen würde?

Mesereau: In keiner Weise … Als ich am Anfang den Fall übernahm und den Staatsanwalt und die Sheriffs traf und zum Asservatenschrank ging, um die Beweismittel zu sichten, die sie konfisziert hatten, hatte ich das deutliche Gefühl, dass sie sich gerade ganz obenauf fühlten. Sie waren dabei, sich für den meistbeachteten Prozess aller Zeiten vorzubereiten. Sie hatten das Gefühl, dass sie gar nicht verlieren konnten. Sie fühlten sich wie Filmstars und fühlten keinen Schmerz. …

Und ich erinnere mich, einige von diesen Polizeibeamten, diese Sheriffs, beobachtet zu haben, wie sie eine zweite Durchsuchung (von Neverland) durchführten. Und einige von ihnen haben irgendwie seine Kunstwerke angefasst. Es war sozusagen eine Art dämonischer Ausdruck auf ihren Gesichtern, etwa wie „Wir haben den großen Michael Jackson unter unserer Kontrolle. Er mag vielleicht mit all seinem Reichtum und Ruhm der große Michael Jackson sein, aber wir kontrollieren ihn“. Und ich hatte ein deutliches Gefühl, dass die Grausamkeit und der Missbrauch, dem er bei einer eventuellen Verurteilung und Inhaftierung ausgesetzt sein könnte, gewaltig gewesen wäre. Ich meine, für mich handelte es sich hier um einen Fall von Todesstrafe. …

Ich sagte zu Michael Jackson, er solle Neverland verlassen und nicht zurückkehren. Und er schien ein wenig schockiert über das, was ich sagte, zu sein. … Ich sagte, er könne dort niemals wieder in Frieden leben. Sie haben es ruiniert. Ich wusste nicht, wo er hingehen würde. Ich wusste nicht, dass er in den Mittleren Osten ging, bis er uns in unserem Büro schließlich aus dem Mittleren Osten anrief. Aber ich drängte ihn inständig dazu, zu gehen und nicht zurückzukehren. Ich sagte, du weißt schon, dass viele Dinge im Leben ihre Zeit und ihren Ort haben. Die Zeit von Neverland ist vorbei. Du wirst hier nicht mehr sicher sein. Du weißt, du kannst so eine Sache nicht noch einmal durchstehen.

Also verließ Michael Jackson Neverland, denn er fürchtete das, was Staatsanwälte ihm und seiner Familie antun könnten.

Willa: Wow Lisha, dieses Interview hatte ich bisher noch nicht gehört. Danke für’s Teilen. Mesereaus Beschreibung der Polizei auf Neverland ist einfach schaurig, besonders die Stelle wie sie „seine Kunstwerke anfassen“ und erpicht darauf zu sein scheinen „den großen Michael Jackson unter unserer Kontrolle“ zu haben. Es ist entsetzlich darüber nachzudenken, was die Polizei getan haben könnte oder was ihm im Gefängnis hätte widerfahren können. Wie Mesereau bereits sagte „Ich hatte ein deutliches Gefühl, dass die Grausamkeit und der Missbrauch, dem er bei einer eventuellen Verurteilung und Inhaftierung ausgesetzt sein könnte, gewaltig gewesen wäre.“ Wenn man es so betrachtet, denke ich, es war richtig, Michael Jacksons Fall wie einen Fall mit Todesstrafe zu behandeln.

Lisha: Das denke ich auch. Es war keine triviale Angelegenheit. Es ist eindeutig für mich, dass das, was Michael Jackson passierte, ein Akt der Gewalt war und dass er gezwungen wurde sein Zuhause aus Angst zu verlassen. Obwohl die Gewalt eine andere Form annehmen kann, als wir es in den historischen Fällen beim Lynchen, den Erschießungen und Vertreibungen gesehen haben, wurde Michael Jackson nichtsdestotrotz Gewalt und Angst angetan. Das Endresultat ist, dass er gezwungen war, aus seinem Zuhause zu fliehen und dass er fast auch seine Freiheit und seine Familie verloren hätte. Außerdem erlitt er auch noch enorme finanzielle Verluste. 2008 berichtete AP, dass „Michael Jackson die Neverland Ranch aufgegeben und es einer von ihm teilweise kontrollierten Firma notariell übertragen hat.“

Wie wir also wissen hat Michael Jackson tatsächlich die Kontrolle über Neverland verloren, und es steht nun zum Verkauf. Ich habe Spekulationen gehört, dass seine Nachlassverwaltung (Estate) – je nach finalem Verkaufspreis – wohl ganz und gar nicht von dem Verkauf profitiert. Ich persönlich möchte keine dieser Theorien unterstützen, dass Michael Jacksons komplizierte Schuldenlage der Grund für diesen Verlust war, ohne zuerst die unzähligen Millionen in Betracht zu ziehen, die die Strafverfolgung und die Medien ihn gekostet haben.

Willa: Genau. Wenn man den Verlust von Neverland auf seine anwachsenden Schulden schiebt, übersieht man die Tatsache, dass die falschen Anschuldigungen gegen ihn seiner Karriere und seinen Einkünften auf massivste Art und Weise Schaden zufügten und ihn zwangen Schulden zu machen. In dem Artikel, den du gerade zitiert hast, steht: „Jackson kämpfte darum, seine Schulden zu bezahlen, seit sein finanzielles Reich nach seiner Verhaftung 2003 zusammenzustürzen begann.“ Eigentlich begann das Problem viel früher mit den Anschuldigungen 1993.

Wie also in den drei Fällen in der Banished Dokumentation untersucht, führten Rassenneid und falsche Behauptungen über sexuelles Fehlverhalten gegen einen erfolgreichen Schwarzen zum Verlust seines Eigentums. Es ist tragisch, besonders wenn du daran denkst, wie sehr er Neverland geliebt hat und wie hart er dafür gearbeitet hat, es zu dem besonderen Ort zu machen, an dem er vor neugierigen Blicken sicher sein konnte.

Lisha: Es ist tragisch. Und es gibt einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen den falschen Anschuldigungen, den offiziellen Reaktionen darauf und den anhaltenden Verlusten aus Einkommen und Eigentum. Ein Großteil der Verluste kann ziemlich genau in harter Währung ausgerechnet werden wie die gecancelten Werbeverträge und Filmangebote. Aber Michael Jacksons Zuhause und seine Lebensgrundlage waren so viel mehr als nur ein Ort zum Leben oder eine Art sein Geld zu verdienen.

Intrusion 1

Willa: Ja, Neverland war sehr viel mehr als ein Zuhause, und seine Kunst war so viel mehr als eine Einkommensquelle. Das war sein Leben. Es ist wirklich herzzerreißend.

Lisha: Das ist es.

Willa: Aber es ist ebenso herzzerreißend, wenn irgendjemand anderer sein Zuhause verliert. Und wenn wir dies durch die historische Linse betrachten, wird sehr deutlich, dass dies Teil eines größeren Musters ist.

Lisha: Das sehe ich auch so. Es ist ein größeres Muster von Gewaltversuchen, um die Wurzeln von Intoleranz zu verschleiern.

Willa: Absolut. Ich habe kürzlich eine weitere Dokumentation mit dem Titel The Night Tulsa Burned (Die Nacht, in der Tulsa brannte) gefunden, und sie konzentriert sich auf einen speziellen Fall der Vertreibung: den Rassenaufstand von Tulsa, Oklahoma im Jahr 1921, aus dem nicht weniger als 300 Tote und 8000 Obdachlose hervorgingen. Gemäß einem Artikel im Feuilleton der New York Times 2011 handelt es sich um das „Ereignis von Rassengewalt mit dem wohl größten tödlichen Ausgang in der Geschichte der Vereinigten Staaten“. Hier ist ein Link zu der Dokumentation, die etwa 45 Minuten lang ist:

The Night Tulsa Burned

Lisha: Ich bin so froh, dass du dies geteilt hast, Willa, denn für mich macht der Aufstand von Tulsa so eindeutig klar, warum wir sogar 2016 immer noch für Rassengerechtigkeit und „Black Lives Matter“ kämpfen.

Der Historiker Jelani Cobb stellte kürzlich in einem Artikel des New Yorker fest, dass, obwohl der Rassenaufstand von Tulsa einer der schlimmsten Vorfälle von inländischem Terrorismus in der US Geschichte darstellt, kaum auf diese Art darauf Bezug genommen wird:

Die Webseite des F.B.I. zum Sprengstoffattentat in Oklahoma City 1995 listet dieses als „den schlimmsten nationalen Terrorismusakt in der Geschichte der Nation“. Diese Bezeichnung übersieht die Unruhen von Tulsa im Jahr 1921, in denen ein weißer Mob, aufgebracht durch die fadenscheinige Anschuldigung, ein schwarzer Teenager habe versucht eine junge Weiße zu belästigen, für sie einsprang und dem anschließend ein Freibrief dafür ausgestellt wurde, den schwarzen wohlhabenden Stadtteil Greenwood angegriffen zu haben, woraus mehr als 300 schwarze Todesopfer hervorgingen. Aus gewisser Sicht stellte das Murrah Attentat den schlimmsten Akt nationalen Terrorismus‘ unserer Geschichte dar, aber, wie die Nachkommen der Überlebenden aus Greenwood wissen, war es wahrscheinlich nicht einmal der schlimmste Vorfall in der Geschichte Oklahomas.

Cobb macht eine sehr bedeutende Feststellung: Der Verlust des Lebens von Schwarzen wird oft abgeschwächt oder vergessen, sobald die vorherrschende weiße Kultur Geschichte Revue passieren lässt. Ein Hauptgrund liegt im Grunde darin, dass im Fall Tulsa die Polizei und die Medien selbst an den Gewalttaten beteiligt waren. Eine lokale Zeitung gab falsche, aufrührerische Informationen heraus, um den Aufstand anzustacheln, und die Polizei stand dabei und sah zu, als etwa 300 schwarze Einwohner Tulsas ermordet wurden. Kaum zu glauben, aber die Nationalgarde nahm über 6000 schwarze Bürger in Haft, während ihre Häuser und Geschäfte zerstört wurden. Und niemand wurde jemals für den Terror, der sich an jenem Tag ereignete, verhaftet oder verurteilt.

Willa: Ja. Es klingt unglaublich, aber genau so hat es sich ereignet. Eigentlich ist es so, dass es je mehr du über die Einzelheiten des Aufstandes erfährst, umso unfassbarer wird. Offenbar hatte ein schwarzer Teenager, Dick Rowland, der an einem Schuhputzstand im Stadtzentrum von Tulsa arbeitete, einen Aufzug betreten, damit er eine der wenigen Toiletten, die in dieser rassengetrennten Stadt für Schwarze zur Verfügung standen, aufsuchen konnte. Es scheint, als wäre er beim Betreten des Aufzuges gestolpert und gegen die junge weiße Fahrstuhlführerin Sarah Page gefallen. Er wurde angeklagt, Sarah Page angegriffen zu haben und verhaftet, aber sie weigerte sich Anklage zu erheben und viele weiße Geschäftsleute verteidigten ihn und sagten aus, dass dies nicht seiner Natur entspräche.

Es verbreiteten sich allerdings Gerüchte zu diesem Vorfall und an jenem Nachmittag veröffentlichte The Tulsa Tribune einen aufrührerischen Artikel, in dem Rowland entweder der Vergewaltigung oder der versuchten Vergewaltigung bezichtigt wurde. Am Abend desselben Tages versammelte sich ein Mob von etwa 2000 Leuten am Gerichtsgebäude und Gewalt brach aus. Die Polizei setzte dem Mob Widerstand entgegen und schützte Rowland so davor, gelyncht zu werden, aber sie verhafteten nicht jene weißen Männer, die den Mob anführten. Stattdessen verhafteten sie Tausende schwarzer Männer, wie du sagtest Lisha, und brachten sie in Untersuchungsgefängnisse, so dass ihre Häuser und Geschäfte schutzlos waren.

Weiße Männer mit Fackeln streiften daraufhin durch Tulsas Stadtteil Greenwood, setzten Häuser und Geschäfte der Schwarzen in Brand. In der Dokumentation beschreibt es George Monroe, ein Überlebender des Aufstandes, auf diese Art:

Ich werde mich Zeit meines Lebens daran erinnern, wie vier Männer mit Fackeln in unser Haus kamen. Meine Mutter sah sie kommen und versteckte uns vier Kinder unter dem Bett. Und von dort unter dem Bett konnten wir sehen, wie sie zu den Gardinen gingen und sie ansteckten, um unser Haus abzubrennen.

Ich finde, dieses Bild des weißen Mobs, der mit flammenden Fackeln in der Hand durch Greenwood streifte, erinnert auf unheimliche Weise an die Eröffnungsszene aus Ghosts.

Intrusion 2

Lisha: Genau! So geht es mir auch. Monroes Kindheitserinnerung ist einfach grausam. Wie in der Geschichte von Ghosts betrat der Mob Greenwood nicht mit der Absicht, einen Verbrecher zu suchen (sie wussten ja, dass sich Rowland bereits in Gewahrsam befand). Die Meute durchstreifte Greenwood, um Leute herauszuholen, von denen sie glaubten, dass sie anders wären als sie, trotz der Tatsache, dass sie sich auf ihrem eigenen Grundstück befanden und den gleichen Anspruch auf Recht und Schutz hatten wie jeder andere.

Willa: Das ist eine sehr wichtige Feststellung, Lisha – Rowland befand sich im Gefängnis, als der Mob in Greenwood einfiel. Das unterstreicht wirklich noch einmal die Tatsache, dass die falschen Anschuldigungen gegenüber Rowland nur ein Vorwand waren. Darum ging es bei dem Aufstand gar nicht. Die wahre Motivation war rassenbezogener Neid.

Vor dem Aufstand war der Bezirk Greenwood eine der wohlhabendsten schwarzen Gemeinden der Vereinigten Staaten – ein so reicher Stadtteil, dass der Agent T. Washington ihn als „Negro Wall Street“ bezeichnete. Während der wirtschaftlichen Entwicklung der späten 1910er und frühen 1920er Jahre – einer Zeit, die als die „Roaring Twenties“ (die brüllenden Zwanziger) bekannt wurde, weil sie in finanzieller Hinsicht solch eine Boomzeit darstellte – wurden viele Geschäftsleute, auch die schwarzen Geschäftsleute, sehr wohlhabend. Und der Historiker Scott Ellsworth stellt in der Dokumentation fest: „Für einige weiße Leute ist ein Schwarzer mit Vermögen, damals wie heute, jemand, der Neid hervorruft.“ Als das Vermögen Schwarzer also größer wurde, brachen quer durch die gesamte Nation Rassenaufstände aus. Ellsworth sagt weiter:

Die wichtige Sache, an die man im Zusammenhang mit Rassenaufständen während dieser Zeit erinnern sollte, ist die, dass sie durch Weiße, die in schwarze Gemeinden einbrachen, charakterisiert wurde … sie griffen Geschäfte Schwarzer , griffen die Häuser Schwarzer an.

Also stellten die Beschuldigungen sexuellen Fehlverhaltens lediglich einen Vorwand dar, eine Art Rechtfertigung weißer Aggression gegen schwarze Eigentümer, während die wahre Motivation Rassenneid und offensichtlicher Landraub war.

Lisha: Ja, das ist das Muster. Als Schwarze erfolgreich wurden, folgten wirtschaftlicher Neid, unbewiesene Beschuldigungen und Gewalt Weißer gegenüber Schwarzen. Die falschen Anschuldigungen der Vergewaltigung machen umso wütender, wenn wir uns das wahre Problem der sexuellen Gewalt Weißer gegenüber Schwarzen ansehen, die sich quer durch die gesamte US-Geschichte zieht.

Willa: Ja, das ist ein schmerzvolles Erbe mit tiefen Wurzeln in unserer Geschichte. Die Vergewaltigung schwarzer Frauen durch weiße Sklavenhalter war Jahrhunderte vor dem Bürgerkrieg allgemeine Praxis. Tatsächlich hatte Thomas Jefferson, ein US Präsident und der Verfasser der Declaration of Independence (Verfassung der Unabhängigkeit) Kinder mit einer seiner Sklavinnen – einer Frau, die selbst die (schwarze) Tochter seines (weißen) Schwiegervaters, also die Halbschwester seiner Frau, war. Es scheint stillschweigend akzeptiert worden zu sein, dass sich weiße Männer Zugriff zu den Körpern schwarzer Frauen verschafften.

Allerdings waren im umgekehrten Fall die Körper weißer Frauen schwarzen Männern nicht erlaubt, auch nicht durch Heirat. Rassenmischung war in vielen Staaten illegal, bis der Oberste Gerichtshof 1967 diese Gesetze schließlich strich. Das geringste Anzeichen einer sexuellen Beziehung zwischen einem schwarzen Mann und einer weißen Frau, auch wenn es einvernehmlich war, blieb ein leicht entzündliches Problem, und viele schwarze Berühmtheiten wurden deswegen zur Zielscheibe, als würden (weiße) Autoritäten ein Exempel statuieren. Wir sehen dies bei Jack Johnson, Chuck Berry, Malcolm X und vielen anderen.

Michael Jackson sprach darüber 2005 in seinem Interview mit Jesse Jackson:

Die Jack Johnson Story … mit dem Titel ‚Unforgivable Blackness‘ (Unverzeihliches Schwarzsein). Es ist eine erstaunliche Geschichte ab 1910 über diesen Mann, der Schwergewichtsweltmeister war und in eine Gesellschaft gedrängt wurde, die seine Position und seinen Lebensstil nicht akzeptieren wollte. Und was sie ihm alles zugemutet haben. Und wie sie Gesetze geändert haben, um ihn einsperren zu können, um ihn wegzusperren hinter Gitter, nur um ihn irgendwie aus dem Weg zu schaffen.

Jack Johnsons nicht akzeptierte „Position und Lebensstil“, den Michael Jackson erwähnt, beinhaltet seinen Titel als Schwergewichtsweltmeister, die Darstellung seines aufwendigen Lebensstils und seine zahlreichen Beziehungen mit weißen Frauen, einschließlich dreier Ehen. Wegen seines Erfolgs und seiner Weigerung Erwartungen in Bezug auf seine Rasse zu erfüllen, wurde er zur Zielscheibe weißer Autoritäten und aufgrund des Mann Acts ins Gefängnis gebracht. Darauf bezog sich Michael Jackson, als er sagt, dass „sie Gesetze änderten, um den Mann einsperren zu können“.

Lisha: Ja, offenbar beabsichtigte man mit dem Mann Act ursprünglich, Frauen davor zu bewahren, in staatenübergreifende Prostitution gelockt zu werden. Das Gesetz musste erheblich gebeugt werden, um Jack Johnson verurteilen zu können. Rechtlich gesehen ist es schwer zu glauben, dass es dazu benutzt wurde, um ihn einzusperren zu können.

Willa: … und dasselbe Gesetz wurde später genutzt, um Chuck Berry einsperren zu können. Es gab ebenso einen Versuch, es gegen Michael Jackson einzusetzen, wie Charles Thomson in einem Post (Deutsche Übersetzung hier) über die seinerzeit veröffentlichten FBI Dateien zum Fall Michael Jackson mit Joie und mir erörtert hat. Charles sagte, die Dateien enthüllen, dass „Tom Sneddon, der Staatsanwalt, der Jackson verfolgt hat, das FBI dazu zu bringen versuchte, Jackson aufgrund des Mann Act anzuklagen“.

Lisha: Ich weiß nicht, ob die Verbindung zwischen dem Erfolg Schwarzer und staatlicher Anklage noch eindeutiger sein könnte, wirklich.

Willa: Ja. Michael Jackson sah seinen Fall eindeutig als Teil einer langen Historie weißer Autoritäten, deren Zielscheibe erfolgreiche, schwarze Persönlichkeiten waren. Als Jesse Jackson ihn zum Beispiel fragt: „Wie gehst du damit um?“, antwortet er:

Ich gehe damit um, indem ich mir andere Personen als Beispiel nehme, die in der Vergangenheit solche Art von Dingen durchmachen mussten. Mandelas Geschichte hat mir viel Kraft gegeben – was er durchgemacht hat. Die Jack Johnson Geschichte … Und Muhammad Alis Geschichte … All diese Geschichten, auf die ich zurückgreifen und die ich lesen kann, geben mir Kraft.

Intrusion 3

Lisha: Es leuchtet ein, dass schwarze Berühmtheiten in Bezug auf diese Art des Angriffs besonders verletzlich sind, speziell wegen ihres Reichtums und ihres Erfolgs. Dies trifft besonders auf diejenigen zu, die sich nicht in die Schablone der „Modellminderheit“ pressen lassen wollen, wie Jack Johnson, Muhammad Ali und Michael Jackson. Ali hat öffentlich verkündet, dass er sich der Geschichte Jack Johnsons stark verbunden fühlt. Es überrascht nicht, dass sich auch Michael Jackson mit der Geschichte beider identifizierte.

Intrusion 4

Hier ist etwas, das mir schon eine ganze Weile auf die Nerven geht, so dass ich wirklich mal mit dir darüber sprechen möchte – es ist Bill Mahers Reaktion auf das Jesse Jackson Interview, das du gerade erwähnt hast. Vorher habe ich Bill Maher als einen unserer klügsten Comedians betrachtet. Aber hast du diesen Clip von ihm gesehen, wie er Michael Jackson herabsetzt, während er versucht Reverend Jackson in seinem Interview mit ihm bloßzustellen? Es verstört mich, dass dieser Kommentar so viel Gelächter hervorruft:

Bill Maher talking about Michael Jackson with Rev. Jesse Jackson

Willa: Ich stimme dir zu, das Gelächter des Publikums ist sehr störend, und genauso ist es Bill Mahers Umgang damit. Ich meine, sie lachen, weil er ihnen die Stichworte dafür gibt. Aber es ist interessant, das, was Maher sagt, mal zu betrachten. Er beginnt, indem er Jesse Jackson erzählt:

Er (Michael Jackson) verglich sich diese Woche mit Jack Johnson, Muhammad Ali und Nelson Mandela. Nun, als ein Anführer der Bürgerrechtsbewegung, der wirklich, wirklich an der Festungsmauer gestanden hat – ich meine, Sie waren da bei Martin Luther King, als er erschossen wurde, Sie marschierten, ich meine, Sie haben den Feuerwehrschlauch abbekommen – dies muss Sie verärgern …

Es muss Sie wütend machen, wenn Leute diesen Vergleich anstellen, wenn es sich nun wirklich nicht um eine Sache der Rasse handelt.

Bill Maher scheint also zu denken, dass Rassismus etwas war, was 1965 in Alabama passierte, nicht etwas, was es 2003 immer noch in Kalifornien gibt. Die Reaktion der Polizei auf Martin Luther King ist für Maher eindeutig Rassismus, aber er erkennt nicht, dass der Umgang der Polizei mit dem Fall Michael Jackson genauso in das Muster von Rassismus passt.

Aber ich denke, Jesse Jacksons Antwort auf Maher war brillant:

Heute Abend lieben wir alle Nelson Mandela. 27 Jahre lang sahen wir ihn als Terrorist. Wir lieben ihn seit 1990 (als er aus der Haft entlassen wurde). Heute lieben wir alle Dr. King. Er wurde als einer der meist gehassten Männer Amerikas mit einer Zielscheibe auf seinem Rücken getötet. Jetzt lieben wir alle Jack Johnson. Er wurde aufgrund seiner Rasse aus dem Ring ausgeschlossen. Und das ist der Punkt, ob du Jack Johnson bist oder Paul Robeson oder Martin King oder Mandela, anscheinend sind Schwarze, wenn sie sehr hoch aufsteigen, in der Schusslinie. Michael sieht sich selbst in dieser Linie, und das ist seine Grundaussage.

Lisha: Ich gebe dir Recht, Willa, Reverend Jackson trifft den Nagel auf den Kopf. Seine Reaktion ist nichts anderes als brillant.

Willa: So ist es. Erst mal setzt er Michael Jacksons Aussage in einen historischen Kontext, der zeigt, dass es tatsächlich ein Muster gibt, erfolgreiche schwarze kulturelle und politische Führer anzugreifen. So wie Jesse Jackson sagt: „ … anscheinend sind Schwarze, wenn sie sehr hoch aufsteigen, in der Schusslinie“.

Aber noch wichtiger ist meiner Meinung nach Jesse Jacksons Feststellung, dass Nelson Mandela keine beliebte Persönlichkeit war, als er sich im Gefängnis befand, dass Martin Luther King nicht beliebt war, als er Märsche anführte und Lyndon Johnson unter Druck setzte, und dass Jack Johnson nicht beliebt war, als er die herrschenden Weißen innerhalb und außerhalb des Boxrings herausforderte. Sie wurden damals scharf kritisiert und sogar ausgelacht, und so war es bei Michael Jackson.

Intrusion 5

Michael Jackson mit Coretta King und Red Fox

Lisha: Gut gesagt. Ich bin froh, dass Rev. Jacksons, Whoopi Goldbergs und Dr. Wests Reaktion sich so von Bill Mahers und Alec Baldwins unterscheiden. Jackson, Goldberg und West zögern anzunehmen, dass die Anschuldigungen der Polizei und die Berichte der Medien richtig seien, und sie scheinen nicht viel Vergnügen daran zu haben, Witze über sie zu machen. Obwohl West noch nicht überzeugt davon ist, wie schwerwiegend Michael Jacksons Situation ist, drückt er doch seine Sorge darüber aus, dass er einen fairen Prozess erhält. Er nimmt nicht automatisch an, dass dies passieren wird. Demgegenüber nehmen Maher und Baldwin die Strafverfolgung und Geschichten der Medien für bare Münze, und sie scheinen sich ziemlich über die Vorstellung, dass Michael Jackson verhaftet werden könnte, zu amüsieren. Dies scheint die Unterhaltung über Rassengrenzen tatsächlich zu spalten.

Sowohl Maher als auch Baldwin lassen erkennen, dass sie glauben, Michael Jackson sei irgendeiner Sache schuldig – kein Beweis erforderlich – und dass die Anklagepunkte gegen ihn in keinem Zusammenhang mit Rassenverfolgung stehen würde. Noch einmal, es ärgert mich, dass sie es beide so lustig finden, besonders nachdem Rev. Jackson gerade erklärt hat, dass Michael Jackson seine Würde und ein ordentliches Gerichtsverfahren abgesprochen wurde.

Maher: Aber das alles, weil er schwarz ist? Wirklich? Wenn dies Countrysänger Alan Jackson wäre, der mit kleinen Jungen schläft …?

Baldwin: .. Du bist bei dir zu Hause und du bist unvorstellbar reich. Und jemand kommt zu dir nach Hause und du gibst ihm Alkohol und siehst Pornos im Internet an und so weiter. Dann rennt dieser Typ zur Tür raus und verklagt dich dafür, dass du versucht hast, ihm etwas anzutun. Du bekommst das, was du verdienst, weil du ein Idiot bist, dass du dich selbst in diese Situation gebracht hast. Er ist ein Trottel, dass er sich in diese Situation gebracht hat.

Ihre Feststellungen setzen folgende unbewiesene Fakten voraus: 1.) Schlafen mit Jungen, 2.) ihnen Alkohol zu geben, und 3.) Pornos im Internet anzusehen. Wenn du dir jedoch die Beweise anschaust, ist es eindeutig, dass dies ganz und gar nicht die Fakten sind. Es ist sehr aufschlussreich, dass diese Mutmaßungen von zwei weißen Diskussionsteilnehmern kommen, während jeder andere ein „nicht so schnelles“ Verhalten bei der Annahme der Medien-/Anklage-Version der Ereignisse an den Tag legt. Wenn wir uns die Geschichte des Rassismus‘ in diesem Land betrachten, ist es nicht schwer herauszufinden, warum farbige Menschen nicht automatisch davon ausgehen, dass Staatsanwälte und die Medien die Wahrheit erzählen würden.

Willa: Das ist wahr. Ich glaube auch, dass Jesse Jackson eine sehr wichtige Aussage damit gemacht hat, als er sagte, dass wie wir Nelson Mandela heute sehen, und wie wir Martin Luther King und Jack Johnson heute sehen, sich völlig von dem unterscheidet, wie sie damals gesehen wurden. Geschichte ist nicht unveränderlich – sie wird ständig neu geschrieben.

Darum ist es so wichtig, dass Michael Jacksons Unterstützer diese Probleme ansprechen und dies immer weiter tun, bis die Anschuldigungen gegen ihn in ihrem korrekten Kontext gesehen werden. Die Geschichte von Michael Jacksons Leben wird immer noch geschrieben, wie Toni Bowers es so gut in einem kürzlich veröffentlichten Artikel (Deutsche Übersetzung hier) im Los Angeles Review of Books angesprochen hat, und nun ist es an jenen von uns, die sich darum kümmern, diese Geschichte schreiben zu helfen.

Lisha: Das sehe ich genauso. Michael Jacksons Fans spielen eine wichtige Rolle bei der Hinterfragung der Medien und der Reaktion der Regierung auf ihn. Es ist so wichtig weiter darüber zu reden!

Michaels Interview mit Piers Morgan von 1999

English: http://mjjjusticeproject.wordpress.com/2012/06/07/michael-jackson-1999-interview-with-piers-morgan/

Über die Arbeit an Invincible:

MJ: Ja, ich stecke mitten in dem Album. Ich habe es etwa halb fertig und es ist eine Parade wunderschöner Songs und ich lege alles, was ich habe dort hinein. Ich lege mein Herz und meine Seele hinein, weil ich nicht sicher bin, ob ich wirklich noch einmal eins mache. Das könnte mein letztes Album sein. Ich werde – als nächstes werde ich Soundtrack Alben machen. Soundtracks für Filme, aber keine richtigen Pop-Alben mehr.

Was hofft Michael mit dem neuen Album zu erreichen?

MJ: Ich möchte die Welt berühren. Ich möchte das Herz, die Gefühle der ganzen Welt berühren, alle Menschen, vom Kind bis zu älteren Leuten, vom Farmer in Irland bis zu der Frau, die in Harlem die Toiletten putzt, ich möchte jede Bevölkerungsgruppe durch die Liebe und die Freude und die Schlichtheit der Musik erreichen.

Michael-Jackson-Fulham Football clubMichael zu Besuch beim Fulham-Football-Club 

Über seinen überraschenden Besuch des Fulham-Football-Clubs:

MJ: Weißt du, ich habe keine Ahnung von Sport und Mr. Mohamad Al Fayed hat mir soviel erklärt. Ich hatte so viel Spass in Fulham, dass ich jetzt Fan bin, ich bin schon süchtig danach, und vielleicht sieht man mich jetzt öfters bei Spielen. Ich fand es großartig! Es hat mich überrascht. Ich musste einige Fragen stellen, weil ich die Spielregeln nicht kannte, aber als ich mich etwas auskannte, hat es wirklich Spass gemacht. Jeder schrie und jubelte (Yaaaa!) Ich bekam schon so etwas wie Lampenfieber, aber es war toll. Es war verrückt, als ich dieses Schreien hörte, weil ich aufstehen und tanzen wollte. Ich bin es gewöhnt, die Leute schreien zu hören, wenn ich performe. (lacht)

Über seine Freundschaft zu Prinzessin Diana, und wie er sich fühlte, als sie starb:

MJ: An dem Tag, als die Nachricht kam, hatte ich ein Konzert, und der Arzt weckte mich auf und teilte mir die Nachricht mit und ich brach buchstäblich zusammen. Sie mussten mir Riechsalz geben und alles. Ich sagte mein Konzert ab weil… ich weinte wochenlang um sie und Dodi, denn ich dachte, sie sind ein himmlisches Paar. Ich fand sie passen wundervoll zusammen, also warum sollten sie nicht zusammen sein können? Es war schön, einfach schön. Und ihr Herz – was sie überall auf der Welt getan hat, weißt du, sie war eine Wohltäterin wie Mutter Theresa, und ich hielt sie für einen wunderbaren Menschen. Sie hat gezeigt, dass sie sich wirklich um Menschen und Kinder kümmerte. So wie ich es tue. Sie hat mich oft angerufen und private Gespräche mit mir geführt, denn die Presse ging so hart mit ihr um, genau, wie sie mit mir umgehen – sie brauchte einen Seelenverwandten, um zu Reden. Sie fühlte sich genauso gejagt wie ich, verstehst du? Sie brauchte jemand zum Reden und sie rief mich oft an, um darüber zu sprechen. Ich fühlte mich nie trauriger, ich habe nicht mehr so getrauert, seit Kennedy ermordet wurde. Es brach mir das Herz und ich weinte so viel.

Lady-Diana-michael-jackson-Prince Charles

Worüber er mit Diana gesprochen hat:

MJ: Allgemein gesagt, über die gleichen Gefühle zu bestimmten Problemen… die Leute nebenan wissen nicht wie das ist, aber ich hatte das, seit meiner Kindheit. Und sie wurde plötzlich da hineingeworfen, deshalb fühlte sie etwas anders, als ich, denn ich hatte es mein Leben lang. Ich sagte: „Wachse darüber hinaus, wachse darüber hinaus“. Ich bin mit den schlimmsten Schmerzen auf die Bühne gegangen. Ich bin mit Zahnschmerzen auf die Bühne, und bin mental darüber hinaus gewachsen. Ich sagte ihr, einfach darüber zu stehen und stark zu sein, willensstark, und dann, weißt du, dann kann dich niemand verletzen. Nur du kannst dich verletzen, und sei kühn, sei mutig.

Was „Vater sein“ für seine Karriere bedeutet und welche Ambitionen er für seine Kinder hat:

MJ: Ich denke sehr viel über die Kinder nach und was ich mir für sie wünschen würde, aber sie müssen ihren eigenen Weg gehen. Ich würde es aber lieben, sie mit Kunst vertraut zu machen. Also mit Regie-führen und Filmen.

Michael erzählte uns, seine Kinder lieben besonders die Musik seiner Schwester Janet. Wir fragten, welchen Song sie besonders mögen und er fing spontan an zu singen.

MJ: The Knowledge, Rhythm Nation – alle Lieder mit einem guten Groove. (er beatboxt)

Wir fragten Michael nach seiner Reaktion auf die Jugoslawien-Krise.

MJ: Ich musste den Fernseher ausschalten. Ich weine jeden Tag, aber es ist nicht genug, den Kopf abzuwenden und so zu tun, als gäbe es das alles nicht. Ich würde dort hin fliegen, wenn ich könnte. Ich würde gerne dort hin fliegen, es sehen und helfen und etwas tun. Ich spende Einnahmen für diese Flüchtlinge, für diese Familien.

Ich schrieb ein Lied, „What More Can I Give“, für das ich alle Stars zusammentrommeln möchte und wenn ich es hier in England tun könnte, wäre das klasse. Vielleicht sollte ich es hier in England tun.

Das solltest du.

MJ: Es heisst „What More Can I Give“. Ich schrieb es und möchte die Einnahmen an die Familien in Jugoslawien spenden. Vielleicht sollte ich es hier tun, anstatt in Amerika, mit alle euren englischen Stars, und die Amerikaner können auch hierher kommen. Etwas was mir bei „We Are The World“ nicht gefiel, war die Idee von „USA für Afrika“, es war, als würde man den Rest der Welt diskriminieren. Ich fragte auch die Bee Gees und andere Bands und sie sagten „sie sind nicht hier geboren“. Ich sagte, das ist mir egal. Ich möchte nur der Welt zeigen, dass man sich kümmert.

Ich bin nicht politisch, und ich spreche nicht über Politik und Religion, aber ich halte es für völlig ignorant und falsch, Menschen zu verletzen, unschuldige Kinder zu verletzen wegen irgendwelchen politischen Auseinandersetzungen. Ich halte es für Genozid; es ist falsch. Ethische Reinigung? Das ist ignorant, es ist dumm.

Queen Elizabeth Hospital for Children

Michael bringt Minnie und Mikey zum Queen Elizabeth Childrens Hospital

Wir fragten, ob er England liebe und ob es irgendwelche Pläne gebe, hierher zu ziehen.

MJ: Ich würde gerne in London leben und ich liebe es sehr, nur ist die Presse hier sehr hart zu mir, obwohl ich nur versuche Gutes zu tun. Ich besuche Krankenhäuser und bringe den Kindern Geschenke, und wenn ich abgereist bin schreiben sie: „Wako Jako verlies das Krankenhaus und hat die Kinder völlig ignoriert.“ Und das verletzt mich sehr, denn das letzte mal lies ich extra Minnie und Mickey Mouse aus Disney-Land Paris einfliegen, und nahm sie als Überraschung mit zu den Kindern, und ich brachte ihnen Taschen voller Geschenke und alles. Ich nahm mir Zeit für die Kinder und sie machen sich über mich lustig.

Als nächstes sprach Michael sehr emotional über seine Gefühle zu seiner Arbeit mit Kindern.

MJ: Es berührt mich sehr. Wenn es nicht für die Kinder wäre… (beginnt zu weinen) Wenn es nicht für die Kinder wäre, würde ich das Handtuch werfen. Ich würde mich umbringen, das Leben wäre mir gleichgültig. Sie sind meine Inspiration, sie… sie inspirieren mich. Alles was ich tue, jeden Song, den ich schreibe, jeder Tanz, alles was ich tue. Man versucht, das gegen mich zu verwenden, es ist einfach unfair und ich bin sehr aufgebracht deswegen.

Wir wollten wissen, ob der Druck durch Kritiken in letzter Zeit besser geworden sei, ob die Kritiker überhaupt je aufhören.

MJ: Sie sollten aufhören, denn ich bin nur ein Mensch, der aufrichtig und gut sein will und Menschen glücklich machen möchte, ich möchte ihnen Eskapismus bringen mit dem Talent, das Gott mir gegeben hat. Dafür schlägt mein Herz. Das ist alles, was ich tun möchte, das ist alles. Ich will damit sagen: “Lasst mich in Ruhe, lasst mich das tun, was ich tun möchte“, und das bedeutet zu Teilen, zu Geben und den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und dazu beizutragen, dass sie sich glücklich fühlen.

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Wir fragten Michael, wie er es empfindet, wenn Leute sagen, er würde Kinder verletzen.

MJ: Ich würde mir eher die Pulsadern aufschneiden, bevor ich das tun würde. Ich könnte das nie. Niemals.

Wir baten Michael, ein wenig über seine Freundschaft zu Elizabeth Taylor zu sprechen.

MJ: Ich sah sie erst bevor ich abgereist bin, denn sie ist die Patentante von Prince und ich treffe sie sehr oft. Jeden Mittwoch (oder Donnerstag) gehe ich mit Elizabeth ins Kino. Ich könnte zu Privatvorstellungen in die Warner Bros. Studios gehen, aber sie möchte nicht dahin, sie möchte, dass ich mehr ausgehe, weil ich so zurückgezogen lebe, deshalb forciert sie das. Sie ist die einzige Person, die mich dazu bringt, in die Öffentlichkeit zu gehen. Also laufen wir einfach rein und wenn der Film dann zu Ende ist, gibt es da eine Menschenmenge, die uns applaudiert.

 

Michael Jackson und „choreographische Versionierung“

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Original: https://dancingwiththeelephant.wordpress.com/2016/02/11/michael-jackson-and-choreographic-versioning/

Post vom 22/02/2016

Lisha: Diese Woche sind Willa und ich hocherfreut, dass uns die Tanzgelehrte Elizabeth June Bergman Gesellschaft leistet. In den letzten fünf Jahren hat Elizabeths Faszination an Michael Jackson ein paar Forschungsarbeiten auf dem Gebiet „MJ Tanzstudien“ hervorgebracht. Derzeit treibt sie ihre Arbeit über Jackson als Doktorandin im Tanzstudienprogramm der Temple Universität voran. Elizabeth hat auch einen MFA (Master of Fine Arts) in Tanzperformance der Universität Iowa (2009). Sie unterrichtete viele Tänze und somatische Formen einschließlich Yoga, Ballett, modernem Tanz und Improvisation, sowie Tanzgeschichte und Theoriekurse.

Letzten Herbst traf ich Elizabeth bei der Mid-Atlantic Popular and American Culture Association Konferenz, wo sie eine faszinierende Präsentation mit dem Titel „Allusions, Citations, and Cultural Literacy: Michael Jackson’s Choreographic Versioning“ (Anspielungen, Zitate und kulturelle Bildung: Michael Jacksons choreographische Versionierung) gab. Wir hatten so eine wundervolle Unterhaltung über MJ und „choreographische Versionierung“, dass ich es nicht erwarten kann, heute eingehender mit ihr zu sprechen! Willkommen, Elizabeth.

Willa: Ja, vielen Dank, dass Du bei uns mitmachst, Elizabeth. Ich freue mich sehr, mehr über Deine Arbeit zu hören.

Elizabeth: Vielen Dank, dass ihr mich eingeladen habt. Ich verfolge Dancing with the Elephant seit langem und bin so geehrt, an der Unterhaltung teilzunehmen. Ich halte seit 2012 kurze Vorträge über Michael Jacksons Tanz bei wissenschaftlichen Konferenzen und genieße jetzt die Betreuung und Organisationsstruktur, die ein Doktorandenprogramm zu meinem expandierenden Projekt über Jackson als Tänzer und Tanzschaffender beiträgt.

Lisha: Das ist so wundervoll zu hören. Ich habe mir Deine beeindruckende Liste der wissenschaftlichen Forschung über Michael Jackson angesehen und ich muss sagen, ich denke; Du machst eine wirklich wichtige Arbeit. Von all der dringenden Forschung, die über Michael Jackson gemacht werden muss, ist das meiner Meinung nach vielleicht ganz oben auf der Liste.

Willa: Ich stimme zu. Es gibt immer mehr Forschung über Michael Jacksons Musik, seine Kurzfilme und selbst seine Persona, aber die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinem Tanz scheint dahinter zurückzubleiben. Ich denke, dass Deine Analysen wirklich wichtig sind.

Lisha: Möchtest Du für den Anfang vielleicht kurz erklären, was Du mit dem Ausdruck „choreographische Versionierung“ meinst?

Elizabeth: Ja, „choreographische Versionierung“ ist der Ausdruck, den ich in letzter Zeit verwendet habe, um Jacksons Zitierungen von und Hommagen an Entertainer wie James Brown, Fred Astaire, Bob Fosse, Jerome Robbins usw. auszuarbeiten, über die ich im Frühjahr aufgefordert wurde zu schreiben, nachdem ich einige Kommentare zu diesem YouTube „Mash Up“ Video von Bob Fosse gelesen habe, der als Die Schlange in The Little Prince auftritt, unterlegt mit MJs Billie Jean:

Lisha: Das ist so eine herrliche Performance! Ich habe oft gelesen, dass Michael Jackson ein ziemlicher Fan von diesem Film war. Obwohl ich da definitiv einige sehr Jackson-artige Bewegungen sehe, weiß ich nicht genau, was der Grund dafür ist.

Willa: Ich stimme zu. Es gibt einige Posen, die wie exakte „Zitate“ scheinen, wie diese bei 2:54:

Bob Fosse Michael Jackson Billie Jean

Wir alle haben Michael Jackson eine ähnliche Pose in „Billie Jean“ einnehmen gesehen. Hier ist ein Video, das einige dieser ikonischen Posen nebeneinander stellt:

Da ist ebenfalls sein Kostüm. Fosses schwarzer Hut (obwohl es eine Melone ist und kein Fedora) und seine weißen Gamaschen, die mit glitzernden Strasssteinen bedeckt sind und zu schwarzen Hosen und Schuhen kombiniert sind – das alles scheint Michael Jacksons „Billie Jean“ Garderobe sehr ähnlich zu sein.

Aber über die bestimmten Posen oder das Kostüm hinaus ist es vor allem die Art, wie sich Bob Fosse bewegt und die Art, wie er seinen Körper bewegt – zum Beispiel die Art, wie er seine Arme völlig streckt oder seine Knie beugt oder seine Füße schiebt. Es gibt beginnend bei 4:20 sogar ein bisschen Moonwalk in dem Video, das Du geteilt hast, Elizabeth. Aber ich weiß nicht, wie ich die Ähnlichkeit genau erklären kann.

Elizabeth: Willa, Deine Beobachtungen sind unglaublich scharfsinnig! Es ist schwierig, genau zu artikulieren, welche besonderen Eigenschaften und Bewegungen Fosses Jackson beeinflusst haben, da Jacksons Style so hybridisierend war, aber ich sehe eine elegante Kantigkeit, ausgestreckte Arme und rhythmisch isolierte Akzente von Hals, Schultern, Kopf und Becken, die von Dir erwähnte Serie rückwärts schiebender Schritte, bestimmte Posen, in denen die Arme in die Seite gestemmt werden und natürlich der kesse schiefe Hut und die behandschuhten Jazz-Hände in Fosses Schlangen-Choreographie als Teil dessen, was Jackson bewusst geliehen haben könnte.

Willa: Die „Jazz-Hände“! Ja, ich weiß genau, was Du meinst.

Elizabeth: Natürlich war Fosse auch von Astaire inspiriert, also könnten einige dieser gerade von mir erwähnten Merkmale leicht auf Astaire und seine Einflüsse zurück reflektiert werden. Das Video machte dennoch seine Aussage: Jackson wurde offensichtlich von Fosses Style und Bewegungsvokabular beeinflusst. Das waren keine Neuigkeiten: Jackson äußerte sich über sein Interesse an Fosses Arbeit. Hier ist ein Screenshot, den ich im Internet aus der Bad 25 Dokumentation (bei etwa 1:23:43) von einer von Jackson verfassten Notiz gefunden habe:

Michael Jackson Bad 25 Doku Notiz Bob Fosse

Willa: Wow, das ist wundervoll! Ich kann mich nicht erinnern, diese Notiz jemals zuvor gesehen zu haben, aber sie zeigt, dass Michael Jackson sehr gewissenhaft darin war, „die Größten zu studieren“ und bestimmte Traditionen und Choreographien auszuwählen, um gewisse Stimmungen oder Gefühle zu erzeugen. Zum Beispiel sagte er in diesem MTV Interview, dass er sich dachte, der Zombie-Tanz in Thriller sollte mit „einem jazzigen Schritt“ beginnen, um die richtige Stimmung zu erzeugen. Und die von Dir geteilte Notiz, Elizabeth, zeigt, dass er genau wusste, wo er nach Inspiration für die Smooth Criminal Choreographie suchen musste.

Ich habe oft gelesen, dass er ein „geborener“ oder „intuitiver“ Tänzer war, was zu einem gewissen Grad stimmt, denke ich – sogar Michael Jackson selbst deutete an, dass Tanzen etwas angeborenes erfordert, etwas, mit dem Du geboren wirst. Aber das ignoriert die Tatsache, dass er ebenfalls ein Tanzgelehrter war und sehr bewusst Inspiration von einigen der Besten schöpfte: James Brown, Fred Astaire, Jackie Wilson, Bob Fosse und sogar Marcel Marceau.

Elizabeth: Jackson war unglaublich begnadet als Tänzer und Musiker, besonders hinsichtlich rhythmischer Schärfe. Aber wie Du klar gemacht hast, war er ein scharfsinniger Student! Da ich selbst einen tänzerischen Background habe, finde ich den Ausdruck „angeboren“ in Bezug auf Tanz etwas problematisch, besonders wenn man das historische Gepäck berücksichtigt, das schwarzen Tänzern in den Vereinigten Staaten aufgedrängt wird. Jede Art von Tanz ist angelernt, entweder in einem sozialen oder familiären Umfeld, durch eine Schüler-Lehrer- oder eine beratende Beziehung.

Ich denke, mein Zögern, Jacksons Tanz diesen Rahmen zu geben, stammt von meinem Verständnis, dass zu sagen, etwas ist „angeboren“, die Anstrengung und Intelligenz potenziell verleugnet, die das Erlernen und Perfektionieren erfordert. Es stimmt, dass Jackson keine als typisch „offiziell“ betrachtete Tanzstunde besucht hat und er hat darüber gesprochen, dass Tanzen etwas Angeborenes erfordert, aber der Grund, warum mich diese Begriffe stören, liegt in der Wichtigkeit, seine unglaublichen Anstrengungen und die leidenschaftliche Intelligenz hervorzuheben, die er einbrachte, um Tanztechniken zu lernen – sowohl durch Nachahmen der Bewegungen von James Brown, die er als Kind im Fernsehen gesehen hatte, als auch während der Zeit, die er etwa mit Bruno „Pop n Taco” Falcon oder jedem der anderen Tänzer/Choreographen im Studio verbrachte, mit denen er im Laufe der Jahre zusammengearbeitet hatte.

Aber ich schweife ab! Wir reden über Jacksons „choreographische Versionierung“, was ich gleich ausführlicher erläutern werde. Es war nicht nur das YouTube Video von Jackson/Fosse, das mich darüber nachdenken ließ, sondern es war vor allem der Titel eines anderen YouTube Videos, welches die gleichen Aufnahmen aus The Little Prince darstellt, der mir unter die Haut ging – „Michael Jackson’s Famed Style and Moves are Fosse Knock-offs“ (Michael Jacksons berühmter Stil und seine Bewegungen sind billige Fosse Kopien).

Lisha: Ich muss sagen, dieser Titel ärgert mich auch.

Elizabeth: Gell?! Der YouTube User, der das Video gepostet und betitelt hat, hat nicht unbedingt ein nuanciertes Verständnis der Geschichte rassenbezogener Politik in amerikanischer Entertainment- und Popkultur. Ich verstehe Bob Fosse als Teil der Tradition des amerikanischen populären und theatralischen Tanzes – des Borgens, sich an etwas anlehnen, und dem Verwenden von Bewegungen aus Volkstänzen, genauso wie von anderen Künstlern. In seiner Performance und choreographischen Karriere improvisierte Fosse mit den Vorgaben seiner Vorgänger im populären Entertainment, genauso wie er sich an Gesellschaftstänze verschiedener Epochen angelehnt hat.

Lisha: Da ist so wahr. Du weißt, dass Willa und ich vor noch nicht allzu langer Zeit darüber in einem Post über Fred Astaire und Michael Jackson gesprochen haben. Weil sich Künstler ständig gegenseitig mit den Arbeiten anderer beeinflussen, muss man sich irgendwann fragen, wer sich wem bemächtigt?

Elizabeth: Genau. Ich habe die Art wirklich geschätzt, wie Du und Willa die beunruhigende Geschichte rassenbezogener Stereotype im Hollywood-Musical in diesem Blog in Angriff genommen habt und Astaires Beteiligung an dem, was heute als sehr anstößig betrachtet wird. Kulturelles Leihen ist keine Einbahnstraße, aber wer Anerkennung bekommt und wer daraus Kapital schlägt, basiert leider oft auf rassenbezogener Politik.

Willa: Das ist ein wirklich wichtiger Punkt, Elizabeth. Joe Vogel schrieb über dieses Phänomen hinsichtlich Musik in einem Artikel (Die missverstandene Macht von Michael Jacksons Musik) im Atlantic vor ein paar Jahren:

Die kulturellen Gatekeeper verfehlten nicht nur, die ursprüngliche Gesetzmäßigkeit dieser neuen musikalischen Stile und Formen zu erkennen, sie tendierten auch dazu, die Verdienste der afroamerikanischen Männer und Frauen als Wegbereiter entweder zu übersehen oder herabzusetzen. Für weiße Kritiker war der King of Jazz nicht Louis Armstrong, nein es war Paul Whiteman; der King of Swing war nicht Duke Ellington, es war Benny Goodman; der King of Rock war nicht Chuck Berry oder Little Richard, es war Elvis Presley.

Elizabeth: Großartiger Verweis, Willa. Ich respektiere Joe Vogels Arbeit über Jackson so sehr und was er über amerikanische Musik sagt, trifft definitiv auf amerikanischen Gesellschafts- und Modetanz zu, obwohl die „ursprünglichen Urheber“ dieser Tänze normalerweise Bevölkerungsgruppen waren und keine bestimmten Personen: der Charleston, der Lindy Hop, der Twist, Hip Hop usw. sind alles Beispiele für gesellschaftliche Tanzformen, die von weißen Künstlern genutzt wurden. Dieses Thema war Gegenstand verschiedener wissenschaftlicher Studien über populären Tanz in Amerika – tatsächlich habe ich gerade erst ein kürzlich erschienenes Buch von der Tanzwissenschaftlerin Anthea Kraut zu Ende gelesen, das sich explizit mit den Fragen des Eigentums im Tanz beschäftigt. Das Kapitel „Das Stehlen von Schritten und charakteristischen Bewegungen“ aus Choreographing Copyright: Race, Gender, and Intellectual Property Rights in American Dance (Choreographierendes Copyright: Rasse, Geschlecht und das Recht des geistigen Eigentums im amerikanischen Tanz) betrachtet Methoden des „Borgens“, formelle Neuerung und das Erhalten von Anerkennungen im Jazz Tap und anderen Tanzformen, die in schwarzen Bevölkerungsgruppen verschmolzen sind.

Willa: Oh, das ist interessant. Es ist also ein Borgen von einer Gemeinschaft von Tänzern und nicht von einer identifizierbaren Person, die angeführt und vielleicht abgegolten werden könnte?

Elizabeth: Absolut – und macht es das nicht komplizierter? Das berühmte Tänzerehepaar Irene und Vernon Castle ist ein Paradebeispiel dafür, wie kulturelle Aneignung von gemeinschaftlich verfassten „Folk“ Quellen erfolgt: sie nahmen Ragtime und andere Gesellschaftstänze, die in schwarzen Gemeinschaften entstanden, veränderten sie, damit sie einem weißen Publikum gefallen und machten daraus eine komplette Perform- und Ausbildungskarriere. (Zufälligerweise wurden sie 1939 von Fred Astaire und Ginger Rogers in dem Film The Story of Irene and Vernon Castle gespielt.) Ich wurde inspiriert von Brenda Dixon-Gottschilds Werk über – wie sie es nennt – das „Unsichtbarmachen“ von afrikanistischer Ästhetik und Beteiligungen in amerikanischer Performance, was auf nicht genannte Einflüsse verweist – sowohl gemeinschaftlich, als auch individuell.

Aus diesen Gründen ist es wichtig, daran zu denken, dass rassenbezogene Dynamiken eine wesentliche Rolle dabei spielen, wer Anerkennung und Berühmtheit erlangt. Fosses Style ist wiedererkennbar und markant und ich bestreite sein immenses Talent als Choreograph und seine Beiträge zum Jazz und amerikanischen Musiktheater nicht; ich beschuldige ihn auch nicht der kulturellen Aneignung. Er hielt anderen ihre Verdienste zugute, wo dies nötig war: Fosses erstes Performing-Duett hieß „The Riff Brothers” – zu Ehren des unglaublich talentierten afroamerikanischen Jazz-Stepp-Teams The Nicholas Brothers. Ich wäre nicht überrascht, wenn einige der Dancing with the Elephant Leser Fayard und Harold Nicholas neben den Jackson Geschwistern in The Jackson’s Variety Show auftreten sahen:

Aber gemeinhin sind Fosse und Astaire die weit bekannteren Namen – teilweise wegen ihrem privilegierten Status als weiße Künstler. Deshalb warf der Titel des YouTube Videos, dass Jackson vorwirft, Fosse „zu bestehlen“, bei mir einige Fragen über ästhetische und kulturelle Werte auf, und über die Geschichte des Rassismus und der kulturellen Aneignung in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie im Allgemeinen.

Lisha: Es ist wirklich besorgniserregend, wenn wir beobachten können, wie das immer wieder rassenbezogene Grenzen zu überschreiten scheint. Es ist schlichtweg eine Einbahnstraße, wenn es darum geht, enorm einflussreiche, bahnbrechende afroamerikanische Künstler zu würdigen. Wir haben so viel darüber gehört, dass Michael Jackson von Fred Astaire borgte, aber wenig bis garnichts darüber, wieviel Fred Astaire schwarzen Tänzern vor ihm schuldete.

Elizabeth: Absolut. Angesichts dieser Geschichte empfinde ich es als wichtig, Jacksons Tanz in schwarzer, diasporischer Ästhetik und semantischen Theorien zu verwurzeln.

Lisha: Ich stimme zu.

Willa: Ich auch und ich denke, das ist etwas, das Michael Jackson selbst versucht hatte. Wenn er seine Mentoren würdigte, nannte er fast immer sowohl Schwarze als auch Weiße aus vergangenen Tagen und implizierte, dass es eine lange Tradition des Borgens zwischen ihnen gab. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass einer der Mentoren Fred Astaires ein schwarzer Tänzer war, John W. Sublett, dessen Künstlername John W. Bubbles war. Ich habe gehört, dass Michael Jacksons Schimpanse Bubbles seinen Namen zu Ehren Subletts bekam, der solch einen großen (allerdings kaum anerkannten) Einfluss auf Fred Astaire hatte.

Elizabeth: Ich habe einiges über Astaire gelesen und habe mich das selbe zu Beginn dieser Woche gefragt!

Lisha: Wow, das wusste ich nicht! Was für ein interessanter Gedanke.

Willa: Das ist eine faszinierende Möglichkeit, nicht wahr? Und es ist schwer zu glauben, dass es reiner Zufall war, wenn man Michael Jacksons Wissen über Tanz und Fred Astaire im speziellen bedenkt.

Hier ist ein großartiges Video, das nebeneinanderstellende Vergleiche von Michael Jackson mit vielen unterschiedlichen Tanzmentoren enthält, einschließlich John W. Sublett, Bill Bailey, Eleanor Powell und im besonderen James Brown und Fred Astaire:

Lisha: Das ist ein großartiger Vergleich, Willa. Ich liebe besonders das Schattentanzsegment. Es ist großartig, diese Clips nebeneinander zu sehen.

Willa: Das ist es wirklich.

Lisha: Elizabeth, als wir zuvor miteinander gesprochen haben, hast Du erwähnt, dass Du ursprünglich den Ausdruck „choreographische Kuration“ verwendet hast statt dem Konzept der „Versionierung“. Was ist der grundlegende Unterschied und wo kommt der Begriff „Versionierung“ her?

Elizabeth: Ein vorausgegangenes Gespräch mit der Tanzgelehrten Sherril Dodds hat mich dazu veranlasst, von „Kuration“ Abstand zu nehmen, was Museen und proeuropäische „hohe Kunst“ bedeutet, und genauer zu betrachten, wie verschiedene Formen afroamerikanisch kulturellen Ausdrucks theorisiert wurden. Viele Autoren stellten die historische Reflexivität, zitierende Anlehnung und intertextuelle Eigenschaft schwarzer kreativer Praktiken fest und haben sich für diese Praktiken verschiedene Begriffe ausgedacht, aber ich habe mir den speziellen Ausdruck „Versionierung“ von dem Tanzgelehrten Thomas F. DeFrantz ausgeborgt, der Versionierung als „die Generationsüberarbeitung ästhetischer Ideale“ oder „einen Weg, eine alte Geschichte neu zu erzählen“ definiert.

Willa: Das klingt nach einer großartigen Weise, über das „Borgen“ zu denken, das unter Tänzern stattfindet.

Elizabeth: Absolut! „Versionierung“ ist für mich der richtige Ausdruck dafür, was Jackson mit der Zitierung bestimmter Künstler und seiner Einarbeitung verschiedener gesellschaftlicher oder einheimischer Tanzstile macht. DeFrantz selbst borgt sich diesen Ausdruck von der Arbeit des Kulturtheoretikers Dick Hebdiges über karibische Musik, Cut ’n’ Mix. Hebdige behauptet, dass die Basis aller afroamerikanischer und karibischer Musik dieses Prinzip des Borgens in seinem Innersten hat und er spricht die bedenkliche, eurozentrische Tendenz direkt an, die Praktiken der Wiederholung und Revision zu verunglimpfen, die in diesen Formen gefunden wird.

Natürlich weisen viele amerikanische Gattungen, die sich aus der Verbindung von schwarzen und weißen kulturellen Ausprägungen entwickelt haben – Tanz im Musiktheater in meinem Beispiel – Anlehnung, Pastiche oder Versionierung als Teil ihrer Traditionen auf. Es ist meine Absicht, dass der Ausdruck „choreographische Versionierung“ Jacksons Hommagen und Zitierungen als Teil einer schwarzen diasporischen Tradition der Expression in Verbindung gebracht werden und die kulturellen Vorurteile enthüllt werden, die Vorwürfe des Plagiats oder der fehlenden Originalität gegenüber Jacksons Verwendung der Werke anderer Künstler zum Ausdruck gebracht haben. Meine kurze Erwiderung auf den Poster des YouTube-Videos, das mir Sorgen gemacht hat, ist, dass „bestehlen (ripping off; von rip-off (Diebstahl, Plagiat))“ nicht dasselbe ist wie „sich an etwas anlehnen (riffing on)“.

Willa: Das ist eine großartige Weise, das auszudrücken, Elizabeth!

Lisha: Das ist es! Kann ich diesen Satz von Dir klauen?

Elizabeth: Ha! Natürlich!

Willa: Und es erinnert mich an die Kontroverse über Michael Jacksons „Stehlen“ des Moonwalks; und jenen, die es vor ihm gemacht haben, nicht ausreichend Anerkennung zukommen haben zu lassen, die nach dem Erscheinen von Steve Knoppers Biographie aufkam. D.B. Anderson spricht dies in ihrem Review über Knoppers Buch an. Diese Kontroverse scheint nicht zu verstehen, wie künstlerische Traditionen funktionieren und wie Künstler aller Art – Maler, Bildhauer, Bühnenautoren, Poeten, Musiker und Tänzer – immer auf früheren Werken aufgebaut haben. Und das passiert nicht einfach nur in der afroamerikanischen Gemeinschaft, sondern in der gesamten Kunstgeschichte. Shakespeare wäre nicht Shakespeare, wenn er nicht so sehr von seinen Vorgängern geborgt hätte.

Elizabeth: Ich stimme zu, der Gedanke an einen Künstler als eine Art völlig innovatives, originelles Genie ist ein absoluter Mythos. Niemand kreiert in einem Vakuum; jede Kunst ist ein Dialog von Ideen und Variationen aus bestehenden Formen. Jackson war ein Meister darin. Ich muss allerdings sagen, dass ich gerade einen Vorschlag für eine Kongresspräsentation eingereicht habe, der, wenn er akzeptiert wird, mich dazu zwingen wird, mich durch die Komplexität durchzuarbeiten, dass Jackson Astaire, Brown usw. so viel öffentliche Anerkennung zuteilwerden ließ und der relativen Anonymität der Tänzer und Choreographen, mit denen er gearbeitet hat (besonders außerhalb der Musikvideo- und kommerziellen Tanzindustrie). Das kann zum Teil mit Branchengepflogenheiten erklärt werden – Choreographen waren in der Vergangenheit auf der Liste der Anerkennungen nicht weit oben. Du musst Dir nur die IMDB [Internet Movie Database] für Anerkennungen im choreographischen Bereich ansehen, um das zu realisieren.

Bezüglich der Knopper-Kontroverse: wenn das Aufmerksam-machen auf die etwas willkürliche und vage Anerkennung, die Jackson den Tänzern gegeben hat, die ihm den Moonwalk gelehrt haben, beabsichtigte, Jackson als „nicht originell“ zu diskreditieren, würde ich sagen, dass es in Anbetracht unserer Diskussion über die Natur des Borgens im amerikanischen Gesellschafts- und Modetanz und der Tatsache, dass Jackson für den Tanzschritt immer andere Quellen angab (wenn auch vage), eine armselige Strategie war.

Willa: Ja, das tat er, obwohl er „vage“ war, wie Du sagst, und Megan Pugh bietet in ihrem neuen Buch American Dancing from the Cakewalk to the Moonwalk eine interessante Interpretation an, warum das so ist. Pugh stellt fest, dass Michael Jackson von den Soul Train Tänzern Casper Candidate, Jeffrey Daniel und Damita Jo Freeman (die so eine beeindruckende Tänzerin war, dass Pugh spekuliert, sie hätte die Inspiration für „Dancing Machine” gewesen sein können) unterrichtet wurde, wie man „rückwärts gleitet“, aber das verriet er der Presse nicht:

[W]enn Interviewer Michael Jackson befragten, wie er gelernt hat zu moonwalken, gab er ihnen eine andere Herkunftsgeschichte. Er sagte, er habe es sich von „diesen schwarzen Kindern in den Ghettos“ angeeignet, die „den phänomenalsten Rhythmus von allen auf der Welt haben. … Nur durch Harlem fahren in den späten 70ern und frühen 80ern, … Ich habe diese Kids dieses uh rückwärts gleiten machen gesehen, wie eine Art Tanzillusion.“ Er nahm „einen mentalen Film davon“ auf, fuhr nach Hause und begann zu üben.

Jackson verheimlichte nicht einfach seine Quellen. Er betonte, dass er keinen Unterricht brauchte: er konnte sich alles selbst aneignen. Er stellte sich selbst auch als Kanal der schwarzen Kultur dar, im Besonderen der New Yorker. Es war ein Gebot für Authentizität, ein Bestreben, die Straßenkultur des berühmtesten schwarzen Stadtviertels Amerikas anzuzapfen.

Während er also bestätigte, dass er den Moonwalk nicht erfand, wie Du klar gemacht hast, Elizabeth, führte er seine konkreten Lehrer nicht an, und Pugh scheint zu denken, es ginge darum, sich selbst „zu jener Zeit, als Hip Hop, der aus den Straßen New Yorks kam, seine eigene Arbeit zu überschatten drohte“ etwas Street-Credibility zu verschaffen.

Elizabeth: Ich lasse Megan Pughs Meinung diesbezüglich nicht komplett unberücksichtigt, weil ich denke, dass der kommerzielle Kontext, in dem Jackson gewirkt hat, als Einfluss auf seine Arbeit betrachtet werden muss. Ich argumentierte in einem unveröffentlichten Tagungsbericht, dass Bad aus der „gereizten“ Gesellschaft der Straßenkultur der späten 80er Jahre Kapital schlug, aber ich habe im selben Bericht erkannt, dass Jackson und sein kreatives Team bestrebt waren, auf die größeren sozialen Probleme aufmerksam zu machen, die Verbrechen in den Innenstädten und Bandengewalt hervorrufen, der West Side Story sehr ähnlich. Von Empathie und einem Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit angeregt, aber vielleicht von dem Mechanismus des Kapitalismus vorkompliziert?

Wir sehen die gleiche Debatte in dem Diskurs rund um Beyonces Formation Video. Ich denke, wir sollten wachsam bleiben gegenüber Gruppen, die von politischen und sozialen Botschaften im Kern der Arbeit dieser Aktivisten-Künstler ablenken wollen, selbst wenn es wichtig ist, den wirtschaftlichen Zusammenhang zu betrachten, in dem diese radikalen Äußerungen getätigt werden. Jede Analyse von Jacksons Werk muss sich mit viel Komplexität und manchmal scheinbaren Widersprüchlichkeiten auseinandersetzen, aber ich bin persönlich engagiert, die weit verbreitete Geschichte über sein Leben in eine bedeutende Diskussion über sein unglaubliches Schaffen zu verändern, wie auch ihr das macht. Gott sei Dank gibt es diesen Blog und die Denker, die ihre Stimmen in diesem Bestreben beisteuern.

In einer ähnlichen Stimmung habe ich woanders geltend gemacht, dass Jacksons Versionierung von Astaires und Browns Tanzschritten und theatralischem Stil eine strategische Positionierung seiner selbst inmitten der Entertainmentgrößen war. Die relativ unbekannten Tänzer, die ihm den Moonwalk beigebracht haben, hatten nicht das kulturelle Kapital, das Jacksons berühmte Idole hatten (obwohl Jeffrey Daniel ein bekannter Soul Train Tänzer war und ein Teil der Discogruppe Shalamar, die von Soul Trains Don Cornelius zusammengestellt wurde; und natürlich trat Daniel später in einigen Kurzfilmen Jacksons auf und co-choreographierte Bad mit Gregg Burge). Es war allerdings, wie ich bereits erwähnte, nicht die Vorgehensweise der amerikanischen Entertainmentindustrie, die Arbeit der Choreographen und Tänzer in den Vordergrund zu stellen.

Es gibt so viele Nuancen und Komplexitäten in Jacksons Werk und kreativem Prozess; das Thema der „Anerkennung zollen“ ist nur eines davon, und es ist eines, das auch dem generellen Desinteresse der Medien an den Künstlern hinter den Kulissen zugeschrieben werden könnte, anstatt Jacksons Handlungen. Wie viele Fans wissen werden, gibt es bemerkenswerte Interventionen in der „Tradition“ der Entertainmentindustrie, die choreographische und getanzte Arbeit nur wenig anzuerkennen: zum Beispiel rückt die grandiose Dokumentation The Man Behind the Throne von der schwedischen Filmemacherin Kristi Grunditz aus dem Jahr 2013 über Vincent Paterson, einem langjährigen choreographischen Mitarbeiter Jacksons, Patersons Arbeit mit Jackson und Madonna in den Mittelpunkt.

Willa: Das ist wirklich ein wichtiger Punkt, Elizabeth. Im Allgemeinen erhielten die Choreographen nicht die Anerkennung, die sie verdienen, auch bekamen sie nicht das Geld, das sie verdienen – genau wie die Tänzer. Aber Michael Jackson versuchte offensichtlich, die Dinge ein wenig gerechter zu machen. In ihrem Buch sagt Megan Pugh, dass sie eine private Unterhaltung mit Paterson hatte, in der er sagte, „dass Jackson seine Tänzer in „Smooth Criminal“ unter einen SAG-Vertrag (Screen Actors Guild – Gewerkschaft für Schauspieler) nahm, um ihnen die gleiche Entlohnung zu garantieren, die auch Schauspielern bezahlt wurde.“

Er inkludierte am Ende vieler seiner Kurzfilme auch Anerkennungen – etwas, was Künstler in ihren Videos nur selten machten – und er stellte sicher, dass sowohl Choreographen, als auch Regisseure, Produzenten und Drehbuchautoren angeführt wurden. Zum Beispiel enthält der Abspann von Thriller dieses Bild:

Michael Jackson Thriller Credits

Er gibt auch Michael Peters eine Topbezahlung. Der Abspann von You Rock My World enthält dies:

Michael Jackson You Rock My World Credits

Die Talauegas sind nicht gerade bekannte Namen – sie haben sicherlich nicht die Starpower von Fred Astaire oder nicht einmal die von Hermes Pan – aber Michael Jackson ist gewissenhaft darin, ihnen ihren Anteil zu geben. Und der Abspann von Moonwalker beginnt mit Smooth Criminal und enthält folgendes:

Michael Jackson Moonwalker Credits

Also während Michael Jackson Jeffrey Daniel nicht namentlich erwähnt haben mag, als er gefragt wurde, wie er den Moonwalk gelernt hat, ging er weiter als die meisten Künstler, indem er Daniel für seine Arbeit Anerkennung gab.

Elizabeth: Danke, dass Du die Screenshots von diesen Abspannen eingebracht hast, Willa! Du hast Recht, es ist so wichtig zu beachten, dass Jacksons sehr öffentliche Anerkennungen in diesen Beispielen eine einfache Schilderung verkompliziert, in der Jackson keine Anerkennung zollte, wo im Falle des Moonwalks Anerkennung nötig war. All die Choreographen, mit denen Jackson gearbeitet hat, sprechen in unvorstellbar hohen Tönen von ihm als Künstler und Mensch, was auf das Maß an Respekt hindeutet, den er ihnen in Arbeitssituationen entgegenbrachte. Er versuchte, ihnen die gleiche Absicherung zu geben, die Schauspielern gewährt wurde.

Der spezielle Fall des Moonwalks mag ein Beispiel für eine versäumte Gelegenheit gewesen sein, den bestimmten Tänzern, die ihm den Tanzschritt beigebracht haben, Anerkennung zu zollen, aber ich persönlich habe kein Problem damit, zu akzeptieren, dass Michael Jackson ein komplexer und widersprüchlicher Mensch war. Ich finde nicht, dass das Anerkennen der Auslassungen, die er in der Repräsentierung seines kreativen Prozesses in den Medien machte, zwangsläufig sein Vermächtnis als ein kreatives Genie reduziert oder mindert. Das ist, als würde man sagen, Martin Luther King Jrs. unglaublich machtvolle Botschaften über soziale Gerechtigkeit seien von seiner persönlichen Geschichte der Untreue beeinträchtigt. Wir haben irgendwie den Wunsch, dass unsere Helden frei von Komplexität sind, was uns für Enttäuschung und Ernüchterung anfällig macht. Für mich macht der Umstand, dass Jackson ein komplexer, sich verändernder und unvollkommener Mensch war wie jeder von uns, sein kreatives Werk – und seine künstlerische Botschaft von Liebe und Mitgefühl – so viel inspirierender.

Lisha: Und wie Du so überzeugend argumentiert hast, ist es viel komplizierter als man denken mag, einem Journalisten schnell und genau zu erklären, wo eine Tanzbewegung herstammt! Es gibt nicht immer eine einfache Antwort.

Elizabeth, ich weiß, dass Du Dich Michael Jacksons Werk auch durch die theoretische Linse der „kinästhetischen Empathie“ genähert hast, und ich denke, dieses Konzept kann wirklich hilfreich sein, um Michael Jacksons Werk zu verstehen. Möchtest Du „kinästhetische Empathie“ etwas näher erklären?

Elizabeth: Ich werde es sehr gerne versuchen! Grundsätzlich steckt hinter kinästhetischer Empathie die Idee, dass Du durch das Betrachten eines anderen Körpers aufgrund Deines eigenen verkörperten Wissens etwas von dieser Körpererfahrung nachempfindest. Sehr vereinfacht dargestellt bedeutet das, dass ich nachempfinden kann, wie sich jemand fühlt, weil ich meine eigene verkörperte Erfahrung mit den Positionen, Bewegungen oder der Energetik habe, mit denen jemand anderes mit seinem Körper eine spezielle Emotion ausdrückt.

Willa: Wow, das ist faszinierend, Elizabeth! Ein sehr wichtiges Buch für mich, eines, das wirklich verändert hat, wie ich die Welt sehe, ist The Body in Pain: the Making and Unmaking of the World von Elaine Scarry. Das ist ein faszinierendes Werk und nur schwer in wenigen Worten zu beschreiben; ich bin sicher, dass ich ihm nicht gerecht werde, aber Teil ihrer Argumentation ist, dass die Körperlichkeit unser wichtigster Prüfstein dafür ist, was real ist und was nicht – sie ist so wichtig für unser Verständnis, was real ist, dass sie dazu genutzt wird, Dingen Realität zu verleihen, die unwirklich scheinen, wie Ideologien. Zum Beispiel werden die Folgen eines Krieges durch die Narben von verwundeten Soldaten und den Leichen jener, die getötet wurden, real.

Dennoch ist diese Körperlichkeit, die so wesentlich ist für unser Konzept der Realität, in vielfacher Weise nicht zu beschreiben, besonders das Erfahren von Schmerz. Das ist einer der Gründe, warum der Körper dazu genutzt werden kann, etwas von ihm getrenntes zu belegen – sogar etwas, das ihm gegenüber feindlich ist, wie Krieg. Wir können direkt neben jemandem sitzen, der rasende Kopfschmerzen hat, und dies nicht bemerken; und selbst wenn er versucht, es uns zu beschreiben, ist es schwer, in Worten auszudrücken, wie sich der Schmerz genau anfühlt. Ärzte kämpfen schon lange damit. Mehr noch, extremer Schmerz macht Sprache unmöglich und beschränkt den Leidenden auf undeutliches Schreien und Stöhnen. In diesem Sinne behauptet Scarry, dass wir in unserer eigenen Körperlichkeit eingesperrt sind – eine innere Erfahrung unseres eigenen Körpers – die wir nicht ausdrücken können.

Es ist also wirklich interessant, darüber nachzudenken, wie einige Aspekte der inneren Erfahrung des Körpers ohne Worte mitgeteilt werden könnten – dass ich, wenn ich zum Beispiel mit ausgestreckten Armen im Regen stehe, einige der selben körperlichen Empfindungen erfahren kann, die Michael Jackson während des Drehs von Stranger in Moscow gespürt hat, und möglicherweise anfangen kann zu verstehen, „wie es sich anfühlt“ – zumindest im körperlichen Sinn.

Elizabeth: Ich liebe es, dass Du diesen wunderschönen Moment in Stranger in Moscow erwähnst, weil es definitiv eines der Videos ist, an die ich im Zusammenhang mit dem Konzept gedacht habe (ungeachtet der Tatsache, dass es nicht sehr „tänzerisch“ ist). Ich möchte Scarrys Buch über das Versagen der Sprache, subjektiven Schmerz auszudrücken, lesen, da ich großen Zweifel habe, dass es möglich ist, sich völlig körperlich einzufühlen, obwohl mich die Vorstellung des „Zusammengehörigkeitsgefühls“ als Teil der Bekämpfung von Rassismus, Sexismus, Bigotterie usw. fasziniert und hoffnungsvoll macht. Denn natürlich ist meine verkörperte Erfahrung eine andere als Deine verkörperte Erfahrung!

Deswegen ist das Konzept der kinästhetischen Empathie ein umstrittenes Thema in Tanzstudien. Die Idee wurde das erste Mal in den 1930ern von Tanzkritiker John Martin mit den unterschiedlichen Begriffen „kinästhetisches Mitgefühl“, „Metakinese“ und „innere Nachahmung“ dargelegt. Martins Konzept davon, wie dieses ästhetische Körper-zu-Körper-Verständnis funktioniert, legt keine Rechenschaft ab über kulturelle, rassenbezogene oder geschlechterspezifische Unterschiede, unterschiedliche körperliche Verfassung oder jegliche Verschiedenheiten. Die Tanzgelehrte Susan Leigh Foster veröffentlichte 2011 ein Buch über das Thema, das diese essentiellen Untermauerungen der Theorie der kinästhetischen Empathie aufwühlte. Wie ich vorher erwähnt habe, ist jede Art der körperlichen Angewohnheit angelernt, entweder gesellschaftlich geprägt oder in einem formelleren pädagogischen Kontext gelehrt, somit folgt sie diesen unterschiedlichen Kulturen, und Bevölkerungsgruppen werden unterschiedliche „Archive“ von verkörpertem Wissen haben, die faktisch unterschiedliche Dinge bedeuten.

Willa: Das macht sehr viel Sinn, Elizabeth. Unterschiedliche Angewohnheiten führen zum Aufbau unterschiedlicher Muskeln und unterschiedlichem Muskelgedächtnis, was einen großen Einfluss darauf hat, wie wir Bewegung erfahren. Das ist ein etwas verrücktes Beispiel, aber ich lebte eine Zeit lang in Südostasien, wo es nicht unüblich ist, dass sich der Oberteil der „Toilette“ unten am Boden befindet. Islamische Frauen, selbst ältere islamische Frauen, hatten offensichtlich überhaupt kein Problem mit den tiefen Kniebeugen und der benötigten Balance, um diese Toiletten zu benutzen – schließlich nutzten sie diese ihr ganzes Leben lang. Aber viele ausgewanderte Amerikanerinnen und Europäerinnen hatten große Probleme damit. Ich persönlich hätte gerne eine Griffstange zum Festhalten gehabt!

Von dem her stelle ich mir vor, dass ein 50-jähriger Michael Jackson, der einen Tanzschritt ausführt, den er sein Leben lang gemacht hat – wie diesen James Brown Shuffle, den er mit 10 Jahren während seinem Vorsingen bei Motown so perfekt aufgeführt hat und den er zeitlebens bei Konzerten vorführte – ein ganz anderes Erleben hätte, als ein 50-jähriger, der dies zum ersten Mal versucht.

Elizabeth: Ganz richtig! (Und zwei großartige Beispiele, Willa.) Folglich erweitert sich unser verkörpertes Erfahren, wie wir die Bewegungen eines anderen wahrnehmen und uns damit identifizieren. Es gab eine interinstitutionelle Gruppe aus Großbritannien, die die Theorie der kinästhetischen Empathie erforschte und darüber in einem multimodalen Projekt berichtete, das „Watching Dance“ heißt. Sie fanden heraus, dass die Reaktionen des Publikums tatsächlich von der Erfahrung und der Kenntnis der unterschiedlichen Tanzformen eingefärbt sind, die von ihrer Studie inkludiert sind.

Ich bin eine sehr kompetente Tänzerin in den Tanzformen, die ich jahrelang gelernt habe, aber ich bin ziemlich gescheitert in meinen kurzen Bestrebungen, den Moonwalk oder eine Popping und Locking Technik zu beherrschen. Ich kann mir nicht in der gleichen Art vorstellen, wie es sich in meinem Körper anfühlen würde, wenn ich jemand anderen sehe, der eine der Techniken ausführt, die auf schlagenden Isolierungen basiert – wie Popping und Locking – wie ich das bei einer Balletttänzerin während eines raumfüllenden Sprungs durch die Luft kann. Einen Tanz zu betrachten, in dem ich persönlich nicht bewandert bin, erzeugt definitiv eine verkörperte Reaktion, aber ich „fühle“ oder identifiziere mich mit den Tänzern nicht in der gleichen Art und Weise. Schließlich ist die Idee der kinästhetische Empathie eine, die durch kulturelle und gesellschaftliche Aufschrift limitiert ist – was jemand gelernt hat – aber trotzdem denke ich immer noch, dass kinästhetische Empathie in Bezug auf Jacksons Werk, das Selbstlosigkeit als einen Weg postuliert, soziale Kluft und Vorurteil zu überbrücken, erwägenswert ist.

Ich beginne gerade meine Recherche darüber, wie sich gewisse Beispiele aus Jacksons Werk indirekt an dieser Vorstellung beteiligen und wie wahrnehmende, fühlende Körper die Folge seines Rufs nach Nächstenliebe und sozialer Gerechtigkeit sind. Wie könnte kinästhetische Empathie mit der größeren Idee der Empathie zusammenhängen und wie könnte das moralisches Handeln anregen?

Willa: Das sind wirklich faszinierende und wichtige Fragen.

Elizabeth: Ich denke schon! Jacksons Botschaft der sozialen Gerechtigkeit fordert oft empathische und selbstlose Reaktionen auf andere in Not ein. Welche Kunst könnte also Leute dazu zwingen, sich über das Leiden oder die Schmerzen anderer Gedanken zu machen, und wie prägen unsere eigenen körperlichen und somatischen Erfahrungen unsere Fähigkeit, auf andere zu reagieren und uns mit anderen zu identifizieren? Ich denke, dass Jacksons bloße Formulierung dieser Frage kraftvoll ist. Wie Du vorher zitiert hast, Willa: „wie fühlt es sich an?“ Natürlich stellen Jacksons Songtexte diese Frage auf vielfältige Weise, doch als Tanzgelehrte, die von der Macht der Performance überzeugt ist, interessiert mich eine performative, körperliche Inszenierung dieser Frage am meisten.

Lisha: Was ihr beide sagt, ist für mich als Musikerin völlig faszinierend. Streng nach meiner eigenen Erfahrung urteilend würde ich das auch in den Klang übertragen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass manche Musiker empathischer sind als andere. Sie stimmen sich irgendwie auf das ein, was sie um sich herum hören und harmonieren mit anderen Musikern in einer Art, die es so wirken lässt, dass sich in dem Raum nur ein Instrument befindet. Es ist ein unglaubliches Gefühl, mit Akteuren zu arbeiten, die das können, und das ist etwas, das ich deutlich in Michael Jackson erkenne.

Ein perfektes Beispiel ist „State of Shock“ mit Mick Jagger. Michael Jackson vermischt in dieser Aufnahme seine Stimme so vollständig mit Jaggers, dass es fast so ist, als wäre es eine Stimme. Ein weiteres Beispiel, von dem ich weiß, dass es viele verstehen werden, ist „I Just Can’t Stop Loving You“. Phasenweise ist es schwer zu erkennen, wo Siedah Garretts Stimme aufhört und Michael Jacksons anfängt. Das ist ziemlich beeindruckend.

Willa: Das ist es wirklich und es ist interessant, diese Fähigkeit als Teil von Empathie zu betrachten.

Elizabeth: Ich liebe es, dass Du musikalische Empathie zur Sprache gebracht hast, Lisha, weil Musikalität natürlich im Körper und dem Muskelgedächtnis verwurzelt ist.

Lisha: Das ist auch mein Gefühl.

Elizabeth: Musikalität ist wie die Fähigkeit, sich „gut“ zu bewegen, eine „Gabe“, die manche leichter erreichen als andere, genau wie etwas durch stetige Anstrengung und Arbeit erlernt und verfeinert wird. Tanz und Musik drücken das Weltbild und die Wertvorstellungen der Kultur, in der sie erschaffen wurden und praktiziert werden, wie Sprache aus. Als ich mich durch dieses Projekt gearbeitet habe, habe ich realisiert, dass ich die Wissenschaft über Musik und Empathie oder über Klang und Empathie untersuchen muss; besonders, da sie mit interkultureller Kommunikation oder Fehlkommunikation zusammenhängen.

Lisha: Ich bin auch daran interessiert, mehr darüber zu wissen. Im Besonderen bin ich an der Frage interessiert, die Du zuvor aufgeworfen hast: „Wie prägen unsere eigenen körperlichen und somatischen Erfahrungen unsere Fähigkeit, auf andere zu reagieren und uns mit anderen zu identifizieren?“ Du musst uns über Deine Forschungsarbeit am Laufenden halten und wieder kommen, um Deine Erkenntnisse mit uns zu teilen.

Elizabeth: Das werde ich bestimmt. Diese Unterhaltung war so inspirierend! Sie hat auch manche meiner Gedanken rund um das Thema der „Anerkennung zollen“ Jacksons verlagert. Ihr seid beide so bewandert in allem, was mit Michael Jackson zu tun hat und ich kann euch beiden gar nicht genug für dieses reichhaltige und nachdenklich stimmende Gespräch danken. Ich werde eure unschätzbaren Beteiligungen an der Entwicklung meiner Gedanken zu diesen Themen bestimmt auf all den Plattformen anführen, auf denen sie veröffentlicht werden.

Lisha: Ich danke Dir, Elizabeth!

Willa: Ja, vielen Dank, dass Du uns besucht hast, Elizabeth. Ich liebe Deine Art, die künstlerische Tradition als „anlehnen an (riffing on)“ und nicht als „bestehlen von (ripping off)“ vorangegangenen Künstlern zu betrachten! Und ich bin so fasziniert von der Idee der kinästhetischen Empathie.

Ich möchte auch alle wissen lassen, dass Los Angeles Review of Books heute Morgen einen neuen Artikel von Toni Bowers veröffentlicht hat. Er beginnt mit einem Review von Steve Knoppers neuer Biographie, entwickelt sich allerdings zu so viel mehr und er knüpft an einige der Dinge an, über die wir heute gesprochen haben. Zum Beispiel weist Toni darauf hin, dass „sich diese sagenhaften Tanzschritte schließlich nicht selbst perfektioniert haben. Jackson tat das, mühevoll.“ Hier ist der Link zu der Übersetzung von Tonis Artikel: Review über MJ: The Genius of Michael Jackson.

Der Verlust von Sony/ATV: Was bedeutet das für Michaels Vermächtnis? Und für uns?

by

Original: http://www.allforloveblog.com/index.php/2016/03/24/the-loss-of-sonyatv-what-does-it-mean-for-michaels-legacy-and-for-us/

„Ich verlasse Sony als Free Agent… der die Hälfte von Sony besitzt!“ Michael Jackson, 2002.

Sony kills Music Michael Jackson

Viele fragen sich, ob Michael 2002 mit diesen mutigen, herausfordernden Worten in der Tat sein eigenes Todesurteil unterschrieben hat. Der Sony/ATV Katalog, eine milliardenschwerere Anlage, wurde sowohl sein größter Vermögenswert, als auch seine größte Bürde. Es war unbestreitbar der größte Coup seiner unternehmerischen Laufbahn und die Krönung seines Geschäftssinns. Der Katalog wurde gleichzeitig die Quelle seiner größten Qual, da der Rest seines Lebens ein obsessiver Kampf wurde, dieses Vermögen um jeden Preis zu bewahren – vielleicht sogar mit seinem eigenen Leben.

Michaels berühmte Anti Sony Rede von 2002:

„Sie wollen meinen Katalog und sie werden mich dafür umbringen.“ – Michael Jackson.

Michael Jackson Go back to hell Mottola

Die Nachricht, die letzte Woche vom Estate kam, schlug wie ein Donnerschlag ein und erschütterte selbst den Glauben und das Wohlwollen vieler Estate-Befürworter bis ins Mark. Hier ist das offizielle Statement, das am 14. März 2016 vom Michael Jackson Estate veröffentlicht wurde:

Statement des Michael Jackson Estates an die Fans:

Wie ihr euch erinnert, wurde letzten Oktober die „buy-sell“ Klausel des Partnerschaftsvertrags, die besagt, dass ein Vertragspartner den Anteil des anderen zum höchst möglichen Preis kaufen kann, durch Sony ausgelöst. Wie jetzt bekannt gegeben wurde, haben Sony und das Estate eine Absichtserklärung unterzeichnet, die besagt, dass Sony den Anteil des Estates am Sony/ATV kaufen wird. Eine Kopie der offiziellen Presseerklärung wird mitgesendet. In den vergangenen Monaten haben wir verschiedene Optionen, die das Estate, anstatt Sony in die Käufer-Position gesetzt hätten, durchdacht und es gab gewichtiges Interesse von möglichen Partnern, mit uns zusammen daran zu arbeiten. Schließlich jedoch war Sonys Angebot im besten Interesse von Michaels Kindern und wir trafen die schwere Entscheidung, dieses Angebot anzunehmen. Die Vereinbarungen werden zudem die finanzielle Zukunft von Michaels Erben sichern. Die Summe, die Sony zahlt, 750 Mio.$, ist ein substanzieller Beitrag im Interesse des Estates für die Company, wenn man die Verschuldung der Company, die Kaufoption und andere Regulierungen, die die Partnerschaftsvereinbarung verlangt, berücksichtigt. Es ist ebenfalls ein großer Beleg für Michaels Geschäftssinn, dass seine ursprüngliche Investition über die letzten 30 Jahre so deutlich an Wert gewonnen hat.

Für unsere Entscheidung gibt es verschiedene Gründe. Einen Teil des Gewinns werden wir nutzen, um die Kredite und Bürgschaften zurückzuzahlen, die Michael mit seinem Anteil an Sony/ATV abgesichert hatte, was bedeutet, dass das Estate, nachdem es vor 7 Jahren mit 500 Mio.$ Schulden startete, jetzt komplett schuldenfrei sein wird, mit erheblichen finanziellen und anderen Vermögenswerten. Das Guthaben der Einnahmen aus diesem Verkauf, nach Abzug von Steuern, Gebühren und anderen Ausgaben, wird vom Estate einbehalten und schließlich an einen Trust, der Michaels Begünstigten zugutekommt, geleitet. Und zu dem erlaubt diese Transaktion dem Estate, Kapitalanlagen zu diversifizieren, die sich bisher in musikalischem und intellektuellem Eigentum konzentrierten.

Wir möchten betonen, dass der Verkauf keine Auswirkungen auf das 100% Eigentum der Publishing-Rechte aller von Michael geschriebenen Songs hat, die Teil von Mijac Music bleiben, sowie auch die Songs einiger von Michaels Lieblings-Songschreibern, die er außerhalb des Sony/ATV kaufte. Darunter befinden sich „After Midnight”, „Love Train”, „I Got A Woman”, „When A Man Loves A Woman”, „People Get Ready”, „Great Balls of Fire”, „Runaround Sue”, sowie der ganze Sly and the Family Stone Katalog und weitere Songs. Das Estate wird auch weiterhin im Besitz der alleinigen Rechte an allen Solo-Master-Recordings und Kurzfilmen bleiben. Es besteht keine Absicht, diese sich ganz im Besitz des Estates befindlichen Werte zu verkaufen.

Ist der Verkauf von Michaels Anteil des Sony/ATV auch für uns alle bittersüß – besonders für diejenigen, die 1995 am Aufbau von Michaels Company beteiligt waren – ist der Fakt, dass wir überhaupt in dieser Position sind, ein weiterer Beleg für Michaels Voraussicht und Genialität, in Musikrechte zu investieren. Wie wir in der offiziellen Pressemitteilung schreiben, war Michaels Katalog, der 1985 für 41,5 Mio. $ gekauft wurde, 1995 ein Eckpfeiler bei der Gründung des Sony/ATV, und wird, wie der Wert dieser Transaktion zeigt, immer noch als eine der cleversten Investitionen der Musikgeschichte betrachtet. Uns ist bewusst, dass einige Fans hofften, dass das Estate Käufer des Anteils von Sony am Sony/ATV sein würde, und nicht anders herum. Das war auch unser Ziel, als wir diesen Weg letztes Jahr einschlugen. Aber letztlich machte das Angebot Sonys mehr Sinn, wie oben begründet. Wir sind darin engagiert, Michaels Legacy zu schützen und zu vergrößern, und den Wert seines Estates zu Gunsten seiner Kinder zu maximieren. Dieser Verkauf erlaubt es uns, Besitztümer, die Michael sehr am Herzen lagen, (seine eigenen Songs und die, die er außerhalb des Sony/ATV kaufte) zu schützen, seine Schulden zu tilgen und seine Legacy für zukünftige Generationen weiterzuentwickeln.

In den vergangenen fast sieben Jahren haben wir einige sagenhafte Triumphe seitens des Estates miterlebt, aber es gab auch mehrere beunruhigende Tiefpunkte: als wir gesehen haben, dass viele von Michaels wertvollsten Vermögenswerten sukzessive verscherbelt wurden. Sicher hat das Estate seit Michaels Tod Millionen an Gewinn generiert und Branca und McClain machten einen meist lobenswerten – wenn auch zeitweise umstrittenen – Job, um die Marke Michael Jackson als zeitgemäßes wirtschaftliches Gut am Leben zu erhalten und florieren zu lassen. Und sie mussten einen bewundernswerten Job leisten, um dieses Schiff trotz der Menge an fortlaufenden Klagen instand zu halten. Das ist der gute Teil. Aber dann gab es auch die Tiefpunkte – der Verlust von Neverland (ein Besitz, den Michael erhalten hatte, obwohl er nicht plante, dort jemals wieder zu leben), das schrittweise Verhökern vieler seiner persönlichen Sachen (während sich Fans seit Jahren dafür aussprachen, für diese Gegenstände ein dauerhaftes Museum zu bekommen) und eine IRS-Forderung von über 750 Mio. $, die für viele ein beunruhigendes und suspektes Fragezeichen bleibt, besonders für ein Estate, das leicht so viel wert ist und das angeblich seit mehr als vier Jahren schuldenfrei ist.

[hierzu ein Kommentar von Suzy auf allforlove:

Raven, ich habe von vielen Fans gehört, dass das Estate 2012 behauptet hat, dass alle Schulden abbezahlt sind, aber das stimmt einfach nicht.

Der von Dir zitierte Forbes-Artikel von 2012 behauptete niemals, dass ALLE Schulden abbezahlt sind. Tatsächlich gibt er folgendes ausdrücklich an:

“Es sind noch einige Geschäftsschulden Jacksons offen – und zwar ein Kredit, den FORBES auf 280 Millionen $ schätzt und der mit dem Sony/ATV Katalog verbunden ist.”

Das ist also die Antwort darauf, wessen Schulden das waren. Es waren MJs und niemand sagte, dass ALLE Schulden 2012 beglichen wurden; nur alle persönlichen Schulden, aber dieser Artikel stellte ebenfalls fest, dass die Geschäftsschulden von Sony/ATV immer noch vorhanden sind. – Anm.d.Übers.]

Wie entstand solch eine Diskrepanz und warum entspricht der Betrag, für den der Katalog an Sony verkauft wurde – 750.000.000 – fast exakt dem Betrag, der angeblich dem IRS geschuldet wird? (Zugegeben, es muss erst bei Gericht entschieden werden, ob das Estate tatsächlich diesen Betrag bezahlen muss).

JACKSONS ANTEIL AN SONY/ATV „STEHT NICHT ZUM VERKAUF“ – JOHN BRANCA, 2010

60 Minutes Inverview von 2013, in dem Branca erklärt „Wir sind keine Verkäufer!“

Im Laufe der letzten Woche habe ich alle Argumente beider Seiten gelesen – die des pro- und die des contra-Estate Lagers. Ich bin ehrlich gesagt noch immer nicht sicher, was genau ich mit alldem machen soll, da ich gewiss nicht in irgendeiner Position bin, um zu wissen, wie es ist, mit multimilliardenschweren Vermögenswerten zu jonglieren oder all die trickreichen Komplexitäten zu entwirren, die beim Führen eines Musikunternehmens oder eines Multimilliarden-Dollar-Estates entstehen. Ich weiß allerdings, was ich in meinem Herzen und in meinem Bauch fühle und ich habe es nicht geschafft, eines der beiden mit dieser Entscheidung ins Reine zu bringen. Ich werde es bei der Aussage belassen, dass es sich wie ein sehr trauriger Tag anfühlt und ich kann nur wenig Trost in all den Medienbestrebungen finden, die das irgendwie als einen positiven oder großen Coup für das Michael Jackson Estate darstellen. Nichtsdestotrotz möchte ich allerdings für einen Moment durch all die tosenden anti- und pro-Estate Gesinnungen waten, um zu der tatsächlichen Wahrheit in dieser Angelegenheit zu gelangen – was dieser Verkauf tatsächlich für Michael Jacksons künstlerisches Vermächtnis, die Zukunft seines Estates und den Vorteil seiner Erben bedeutet (und nicht bedeutet).

Wenn man sich all die Schlagzeilen ansieht, die letzte Woche geschrieben wurden, klingt es, als hätte das Michael Jackson Estate gerade 750 Millionen Dollar zu seinem bereits geschätzten 700 Millionen Wert dazugewonnen. Die meisten Artikel konzentrieren sich auf das offensichtliche – dass ein 47 Millionen Investment im Jahr 1985 jetzt mehr als das sechzehnfache des ursprünglichen Investments abgeworfen hat. Am Papier sieht das sicherlich beeindruckend aus – und das ist es.

Dieser „Gewinn“ ist allerdings auf den Verkauf einer Anlage zurückzuführen, die Milliarden wert war. Ich bin kein Mathegenie, aber selbst meine Idioten-Mathematikkenntnisse tun sich schwer damit, genau zu begreifen, wie der Verlust einer Multimilliarden Dollar Anlage (eine, die die Verlagsrechte von über 2 Millionen Songs, einschließlich vieler der aktuellen meistverkauften Künstler, enthielt, auf irgendeine Art und Weise als Gewinn interpretiert werden kann. Obwohl 750 Millionen $ sicherlich eine atemberaubende Summe ist, welche die meisten von uns sogar in unseren wildesten Fantasien nur schwer verstehen können, ist es ein Tropfen auf den heißen Stein verglichen mit einem geldmachenden Monster wie dem Sony/ATV Katalog, der idealerweise Gewinn generieren würde, solange sich die fast 600 Musiker auf dieser Liste verkaufen. Und das würde in Anbetracht dessen, dass diese Liste sowohl viele der legendärsten Performer, als auch viele der aktuell angesagtesten Künstler enthält, noch lange, lange Zeit so sein. Ernsthaft, hat sich schon einmal jemand darum bemüht, sich tatsächlich anzusehen und zu begreifen, von wie vielen Musikern Michael Jackson Anteile der Verlagsrechte besaß? Die Liste, die ich oben verlinkt habe, ist viel zu lang, um sie hier her zu kopieren, aber selbst ein flüchtiger Blick darauf ist genug, um jeden Musikliebhaber ins Schwärmen zu bringen! Wenn man den meisten Medienberichten folgt, würde man zu dem Schluss kommen, dass die größten Namen der Industrie, die Michael „besaß“, die Beatles, Eminem, Taylor Swift und wenige andere waren, die symbolisch in den Medienartikeln über den Sony/ATV Katalog genannt wurden. Das ist eine grobe Unterschätzung. Michaels Musikverlagsimperium bedeutete, dass er nicht nur einen Anteil an den Veröffentlichungen der Beatles hatte (der wohl kommerziellste Act aller Zeiten), sondern auch an deren Erzrivalen, den Rolling Stones (den wohl reichsten weißen Musikern der Welt!) und vom „King“ Elvis Presley! Das bedeutet, dass Michael Jackson – der einzige schwarze Entertainer Amerikas, dessen Name laufend in Verbindung mit diesen weißen Legenden als ernstzunehmender Kandidat für den „Top Künstler“ genannt wird – einen Teil von ihnen allen „besessen“ hat, sowie völlige Kontrolle über seine eigenen Songs und Veröffentlichungen hat. Die Liste setzt sich fort mit Country-Legenden wie Willie Nelson und Patsy Cline (beständige Verkäufer), über die Jazz-Legenden Duke Ellington und Miles Davis, von James Brown bis Little Richard (an den Michael seine eigenen, gestohlenen Songrechte zurückgab) und schließlich bis zu den aktuell meistverkaufenden Acts wie Coldplay, Pharrell Williams, Taylor Swift und Lady Gaga. Das bedeutet, dass Michael Jackson im Grunde genommen jedes Mal, wenn ein Lied von diesen Künstlern gekauft oder gespielt wurde oder eine Lizenz vergeben wurde, verdiente; und nach seinem Tod war das Geld, das für seinen Estate und seine Begünstigten erwirtschaftet wurde.

Darum ist es noch absurder zu denken, dass ein Ausverkauf für 750 Millionen Cash – ganz gleich wie beeindruckend diese Summe klingt – mit dem Bruttowert des Sony/ATV Katalogs gleichzusetzen ist!

Als eine arbeitende Amerikanerin kann ich allerdings auch dafür bürgen, dass es letzten Endes irrelevant ist, wie groß Dein Bruttoeinkommen auch sein mag. Entscheidend ist letztlich der Nettolohn, den Du einstecken kannst. Das von solch einer enormen Anlage generierte Geld kann nur unter der Voraussetzung von Wert sein, dass das Geld evident ist – mit anderen Worten, wenn es Gewinn bringt. Es ist kein Geheimnis, dass Michael den Sony/ATV Katalog in den meisten seiner Geschäfte während der letzten vierzehn Jahre als ständige Leverage nutzte. Aber angeblich wurden all diese Schulden vor Jahren getilgt. Zumindest war das der Eindruck, der erweckt wurde. Bedenkt diesen Forbes-Artikel aus dem Jahr 2012, der uns damals versicherte, dass die letzten persönlichen Schulden Michaels beglichen wurden und dass sein Estate finanziell bereinigt war. [siehe hierzu das Kommentar von Suzi weiter oben – Anm.d.Übers.]

Gestern bestätigte ein Vertreter des Estates des Sängers gegenüber FORBES, dass das Estate am Montag die letzten Dollar eines Kredits abbezahlt hatte, der mit Mijac Music in Verbindung stand – dem Katalog, der viele Songs beheimatet, die der King of Pop komponiert hat, einschließlich Hits wie „Beat It“ und „Billie Jean“.

Die Begleichung bedeutet, dass das Estate die letzten ausstehenden persönlichen Verbindlichkeiten Jacksons eliminiert hat (FORBES berichtete letzten Monat, dass Jacksons persönliche Schulden mit Ende des Jahres beglichen sein würden). Das ist keine kleine Leistung, bedenkt man die angehäuften Verpflichtungen – rund eine halbe Milliarde Dollar – die von dem Sänger zurückgelassen wurden, als er 2009 verstarb.

Jacksons Estate konnte diese Schulden dank der andauernden Popularität des King of Pop und seines Werkes früher als erwartet zurückzahlen, welche die Einnahmen alleine im letzten Jahr auf 145 Millionen $ steigen ließ – Auszug aus „Michael Jackson’s Personal Debts Paid Off, Just in Time For Bad 25“ von Zack O’Malley Greenburg.

Also… haben sie uns damals nur Rauch ins Gesicht geblasen oder war das Estate wirklich schuldenfrei? Wenn das Estate 2012 schuldenfrei war, warum wird der Verkauf des Katalogs damit begründet, dass es um Schuldentilgung geht? Gewiss können keine nach 2012 gemachten Schulden Michael Jackson zur Last gelegt werden. Wenn sich das Estate also seit 2012 verschuldete, nachdem es angeblich bereits schuldenfrei war, wessen Schulden sind das dann?

Was die Tendenz der Medien betrifft, diesen 750 Millionen $ Deal als cleveren Coup und finanziellen Glücksfall für das Estate darzustellen: bedenkt, was Tim Ingam in seinem Artikel „Sony’s Historic Buyout of Sony/ATV: Five Things You Need to Know“ sagt:

3) DAS MICHAEL JACKSON ESTATE MACHTE EIN GROSSARTIGES GESCHÄFT…

Als sie den Verkauf des Sony/ATV Anteils verkündeten, wiesen John Branca und John McClain, Co-Exekutoren von Jacksons Estate, darauf hin, was für ein cleverer Deal das für alle Beteiligten ist.

In einer gemeinsamen Erklärung sagten sie: „[Michaels] ATV Katalog, der 1985 für 41,5 Millionen netto Anschaffungskosten erworben wurde, war der Grundstein des Joint Ventures und wie der Wert dieser Transaktion belegt, eine der klügsten Investitionen der Musikgeschichte.“ Einfache Mathematik zeigt, dass sie einen sehr robusten Standpunkt haben.

Für 41,5 Millionen $ kaufen. Für 750 Millionen $ verkaufen.

Das ist eine 18-fache Rendite.

Shamone.

*****

4) … ABER NICHT SO GROSS WIE SONY

Also warum zahlte Sony solch einen scheinbar überhöhten Betrag für den ATV Katalog?

Weil er seit 1985 erheblich an Wert zulegte – das liegt auf der Hand.

Doch was im Statement von Branca und McClain ebenfalls ausgelassen wurde, ist der Fakt, dass der Wert dieses Katalogs noch immer steigt – und zwar schnell – dank der sich verändernden Konditionen des Musikmarktes… besonders das Streaming.

Sehen Sie sich nur die Jahreseinnahmen von Sonys Geschäftsbereich der Musikveröffentlichungen alleine in den vergangenen drei Jahren an.

Sonys jährliche Einnahmen

Ja, das Publishing wird von den Einnahmen der Musikaufnahmen in den Schatten gestellt… aber von den beiden Sparten wächst das Publishing gegenwärtig schneller.

Bedenkt, dass Michael zu seinen Lebzeiten ganz leicht einen Großteil seiner eigenen finanziellen Schulden selbst hätte verringern können, wenn er einfach seinen Anteil an Sony/ATV verkauft hätte und gleichzeitig hätte sich der Stress gemildert, der mit seinem Besitz einherging. Dass er sich zu Lebzeiten dazu entschieden hat, es nicht zu tun, lag sicherlich nicht am Mangel an interessierten Käufern! Dies stammt aus einem USA Today Artikel von Gary Strauss aus dem Jahr 2004, in dem Charles Koppelman zitiert wird. Und vergesst nicht, dass alle hier angeführten Zahlen den Wert des Katalogs von vor über zwölf Jahren widerspiegeln!

 Jackson lieh sich 2001 knapp 200 Millionen $ von der Bank of America und setzte seinen Anteil an Sony/ATV als Sicherheit ein. Branchenkenner schätzen den Wert des Katalogs basierend auf den Verkäufen konkurrierender Kataloge der letzten Jahre auf 600 Millionen $ bis 1 Milliarde $. Koppelman, ein erfahrener Manager in der Musikindustrie, sagt, 1 Milliarde $ spiegelt den Wert von Sony/ATV eher wider.

„Käufer würden Schlange stehen, wenn er jemals zum Verkauf stünde“, sagt Koppelman. „Und ich wäre in der ersten Reihe.“

Veröffentlichungsrechte für Lieder sind wegen ihrer zunehmenden Verwendung (z.B. in Filmen, Werbespots, Videospielen und TV Shows) lukrativ. Wie bei Häusern in guter Lage steigt der Wert von Musikkatalogen mit erstklassigen Beständen weiter.

An dieser Stelle sollte angemerkt werden, dass Koppelman 1984 einer der Bieter für den Katalog war. Er kannte den Wert damals sehr gut und sicherlich war er sich seines Wertes zwanzig Jahre später im Jahr 2004 noch bewusster.

Michaels Verwendung des Katalogs als Sicherheit für seinen Kredit im Jahr 2001, entfachte vielleicht die Mediengerüchte von damals, dass Michael plante, seinen Katalog zu verkaufen. Doch in einer gut dokumentierten Pressemitteilung machte er seine Absichten klar und deutlich:

„Ich möchte ein dummes Gerücht aus der Welt schaffen: Der Beatles Katalog steht nicht zum Verkauf; stand nicht zum Verkauf und wird niemals zum Verkauf stehen“ sagte Jackson in einer heute (9. Mai) veröffentlichten Stellungnahme.

Michael Jackson 1995 Sony ATV Fusion

Der historische Tag der Unterzeichnung. Michael fusioniert seinen ATV Katalog mit Sony, um einer der reichsten Künstler im Business zu werden – und vielleicht der mächtigste.

Und seinem Wort treu bleibend kämpfte Michael in der letzten Dekade seines Lebens einen heldenhaften Kampf, um seinen Anteil an Sony/ATV zu behalten. Es war eine Anlage, für deren Erhalt er so leidenschaftlich kämpfte wie Scarlett O’ Hara in Vom Winde verweht kämpfte, um Tara zu behalten, und vielleicht wenig überraschend aus sehr ähnlichen Gründen – es war nicht nur der Nettowert, der für ihn zählte. Für Michael stellte dieser 50 Prozent Anteil an Sonys Verlagswesen alles dar, wofür er gekämpft und geblutet hatte, ein greifbares Symbol seiner Leistungen in einer Industrie, in der immer alle Chancen gegen ihn als schwarzer Künstler standen, der sich buchstäblich aus dem Nichts hochgearbeitet hatte. Für ihn repräsentierte er sowohl, wer er war, als auch alles, wofür er kämpfte, um es zu erreichen. Und genau aus diesem Grund ist der Ausverkauf seines Anteils an Sony/ATV für Fans solch eine bittere Pille.

 Die Story ist wohl bekannt, verdient jedoch eine Wiederholung. Michael kaufte den ATV Katalog ursprünglich 1985 für damals 47,5 Millionen $, nachdem er von Sir Paul McCartney beraten wurde, dass das Investieren der Millionen, die er von seinem sich gewaltig verkaufenden Thriller Album einnahm, in das Musikverlagswesen der klügste Schritt für den seit kurzem enorm reichen, jungen Entertainer sein würde. Mit siebenundzwanzig Jahren – einem Alter, in dem die meisten neureichen, jungen Popstars ihr Geld für Autos, Häuser, Drogen und Frauen verschleuderten (vorausgesetzt, sie erleben ihren achtundzwanzigsten Geburtstag noch) – investierte Michael in das Musikverlagswesen. John Branca war damals beim Aushandeln des Deals behilflich – wenn auch zögernd (Berichten zufolge teilte er Michael damals mit, dass es um zu viel Geld ginge und dass der Konkurrenzkampf, mit dem er konfrontiert werden würde, zu hart sein würde). Michael war allerdings unerbittlich darin, genau das zu wollen. Es war Branca, der Berichten zufolge McCartneys Anwalt aufsuchte, um sicherzustellen, dass der Ex-Beatle selbst keine Pläne hatte, den Katalog zu kaufen. MJ Fans behaupten oft, dass Paul „zu geizig“ war, um den Katalog zu kaufen, doch anscheinend gab es noch einen selbstloseren Grund: 1990 gab McCartney in einer Pressekonferenz an, dass er den Katalog 1981 hätte kaufen können, aber ablehnte, weil er dachte, es würde ihn „zu schmuddelig“ erscheinen lassen, sowohl seinen, als auch John Lennons Anteil der Songs zu besitzen.

Michael Jackson und Paul McCartney

Michael hat diese Songs nicht von seinem Freund McCartney “gestohlen”. Wie er Jahre später sagen würde: “Ich machte einfach gute Geschäfte.”

Jedenfalls hat Michael Jackson – im Gegensatz zu der verbreiteten Medienmeinung – den Katalog nicht von den Beatles „gestohlen“. Sowohl McCartney, als auch Yoko Ono wurde die Gelegenheit gegeben, den Katalog zu kaufen, und beide Parteien lehnten ab. Das bedeutet, dass der ATV Katalog, als Michael den Kauf 1985 tätigte, eindeutig für den Meistbietenden verfügbar war – und dieser Bieter war Michael Jackson. Medienberichte, die abfällig kommentieren, dass Michael Paul McCartney „überboten“ hat, sind offensichtlich falsch. Die Wahrheit war, dass Sir Paul nicht ein einziges Gebot für den Katalog abgegeben hat.

 1995, lange bevor sich seine Beziehungen mit Sony verschlechterten, tätigte Michael eine monumentale Geschäftsentscheidung und stimmte zu, seinen ATV Katalog mit Sonys Verlagswesen im Tausch mit einem 50% Anteil an Sonys Verlagswesen zu fusionieren, wodurch Sony/ATV entstand. Der Deal wurde durch den Zukauf von Famous Music im Jahr 2007 zusätzlich versüßt, der (um eine lange Geschichte stark zu verkürzen) Michael und seinen Erben im Wesentlichen eine Beteiligung an der Musik für Filme von all den Viacom-Holdings, einschließlich Paramount Pictures und DreamWorks garantierte (also ja, es scheint, dass Michael letzten Endes sogar gegenüber Spielberg und Geffen triumphierte, die ihn Jahre zuvor bezüglich DreamWorks reingelegt hatten!). Das war auch die Akquirierung, die ihm die Rechte an Eminems Back-Katalog verschaffte, ebenso wie Beck, Bjork, Boyz To Men, Shakira und sogar Alternative Rock Acts wie Modest Mouse und P.O.D. Berichte über Michaels exakte Einnahmen aus der Sony-Fusion variieren, werden allerdings für gewöhnlich irgendwo zwischen 90 und 100 Millionen Dollar angegeben. Das bedeutet, dass sein ursprüngliches Investment von 47 Millionen $ innerhalb von zehn Jahren bereits einen ungefähren Gewinn von 50 Millionen $ eingebracht hat!

Wie viel verdiente Michael tatsächlich durch diesen Erwerb an der kommerziellen Nutzung dieser Songs? Ein in Taraborellis Buch zitierter Bericht der Los Angeles Times gliederte es folgendermaßen auf: Wenn „Yesterday“ 100.000 an Lizenzgebühren einnimmt, erhalten die Verwalter von Lennon und McCartney fünfzig Prozent, was natürlich in zwei Mal 25.000 aufgeteilt werden würde. Michael würde die verbleibenden 50.000 bekommen.

Obwohl es lediglich ein Mediengerücht war, dass Michael irgendwie diese große schmierige Sache durchzog und Paul McCartney bei dem Katalog „überbot“ – und die Medien wie gewöhnlich ihre Seitenhiebe auf jede erdenkliche Weise als ein Mittel, seine Leistungen zu verfälschen, an ihn austeilten – besteht kein Zweifel daran, dass manche von Michaels Geschäftsentscheidungen bezüglich dieser Songs, wie die Lizenzvergabe von „Revolution“ an Nike, bei Paul manche bitteren Gefühle hervorrief.

Als Michael begann, die Musik der Beatles für Werbung zu lizenzieren, war das ein kontroverser Schritt – aber sicher keine unzeitgemäße Entscheidung.

Michael betrachtete es allerdings von einem sehr gerechtfertigten Standpunkt – Paul hatte seine Chance, seine Songs zu erwerben, entschied sich jedoch dafür, diese Möglichkeit nicht zu nutzen. Des weiteren müssen wir bedenken, dass die Lizensierung von Rocksong-Klassikern – und sogar von aktuellen Hits – in den späten 1980er Jahren ein florierendes Geschäft wurde. Von Eric Clapton über Phil Collins bis Whitney Houston und sogar Neil Young – die Kommerzialisierung von bekannten Rock und Pop Jingles wurde eine feste Größe in der TV Werbung (ein Trend, der bis heute anhält). Trotz eigener Vorbehalte lizensierte Michael seine eigene Musik für Pepsi-Werbung. Das war im Wesentlichen der Konflikt zwischen der Generation der 60er Jahre und jener der 80er Jahre, wo die 60er bereits zu einer verklärten, vermarktungsreifen Ära wurden (besonders, als die Baby-Boomer das Alter der Zielgruppe für viele Werbetreibende erreichten). Michael mag am Höhepunkt der Baby-Boomer-Generation geboren worden sein, aber er war im Grunde ein Produkt der Generation X und als solches in vielerlei Hinsicht ein Kind der 80er. Die sechzehn Jahre Altersunterschied zwischen ihm und McCartney war möglicherweise niemals markanter als in dem Zerwürfnis über diese Nike Werbespots. Michael war der Meinung, dass ein frisch- und relevant-halten der Songs für die derzeitige Jungend durch die Verbindung mit sichtbaren Handelswaren letzten Endes ein für beide Seiten vorteilhaftes Arrangement war und in dieser Hinsicht war Michael im Grunde nicht anders als die meisten seiner Zeitgenossen der 80er, was durch die Ausbreitung von Musikern bewiesen ist, die in dieser Ära zu Marktschreiern wurden.

Michael Jackson Pepsi

Ganz wie seine Videos gehörten Michaels Pepsi-Werbespots zu den unvergesslichsten TV-Werbespots dieser Ära.

In dieser Diskussion meine ich, dass es eigentlich keinen „richtigen“ oder „falschen“ Weg gibt, diese Angelegenheiten zu betrachten – es ist schlicht ein Unterschied der Generationsideologie, wie die größer werdende Kluft, die die politischen 60er von der MTV-Generation der 80er trennt. (Es mag irgendwie ironisch sein, dass Fans dreißig Jahre später gegen eine ähnliche Lizensierung von Michaels Songs von seinem Estate an Firmen wie Jeep für TV- und Radio-Werbung protestieren).

Zu bestimmen, was für diese Songs der beste und profitabelste Nutzen war, war natürlich Teil der inhärenten Risiken und Verantwortlichkeiten, die mit dem Besitz des Katalogs einhergehen. Aber es lohnt sich, daran zu denken, dass Michael nur in Verlagswesen investierte, wenn die betreffenden Songs und Künstler von großer persönlicher Bedeutung für ihn waren. Ein Zitat aus The Pop History Dig:

Jackson setzte seine Suche nach weiteren zum Verkauf stehenden Musikkatalogen fort, aber nur jene mit Songs, die ihm etwas bedeuteten. Ihm wurden Dutzende weitere Kataloge präsentiert, etwa 40 oder so, aber er bot nur auf eine Handvoll von ihnen.

Little Richard

Little Richard. Einer der vielen Künstler, denen Michael die Verlagsrechte zurückgab, die ihnen Jahre zuvor gestohlen wurden.

Wenn Michael sich dazu entschied, für einen Katalog zu bieten, geschah es immer entweder, weil es Songs und Künstler waren, die er persönlich bewunderte, oder aus einem selbstlosen Begehren heraus (wie er es oft in den Fällen von Künstlern wie Little Richard und Sly Stone tat), um den Songschreibern ihre rechtmäßigen Gewinne zurückzugeben, die ihnen skrupellose Plattenfirmen Jahre zuvor gestohlen hatten. Dies war ein weiteres Ziel von Michaels Erwerb von Musikverlagen, das in den Medien oft wenig Resonanz fand, doch Michael war für die Rettung vieler schwarzer Künstler vor bitterer Armut verantwortlich und er gab ihnen ihre rechtmäßigen Gewinne zurück.

Ich denke nicht, dass wir überhaupt abschätzen können, was diese Errungenschaft für Michael als schwarzem Entertainer und Geschäftsunternehmer bedeutete. Es repräsentierte eine symbolische „Rücknahme“ von all dem, was schwarzen Künstlern gestohlen wurde – nicht nur finanziell, sondern auch kulturell und musikalisch. Und selbst wenn er die Kompositionen der Beatles liebte; die Tatsache, dass keiner dieser Künstler den Grad an Berühmtheit erlangt hätte, wenn sie nicht die zu wenig geschätzten schwarzen Künstler für ihren eigenen Erfolg genutzt hätten, konnte niemals aus seinem Bewusstsein schwinden.

Michael Jackson Victory Tour

Es ging um mehr als nur Geld. Der Besitz des Katalogs repräsentierte ein symbolisches “Zurückgeben” von alldem, was schwarze Künstler verloren hatten.

Die eigentliche Frage, die hier gestellt werden muss, ist eine sehr einfache, doch leider keine, die auch eine einfache Antwort nach sich zieht: Hatte das Estate in dieser Angelegenheit eine echte Wahl? Im Oktober wurde berichtet, dass Sony die Klausel in dem Vertrag ausgelöst hat, die einer Partei ermöglichte, den Sony/ATV Katalog-Anteil des anderen zu kaufen, und in der offiziellen Stellungnahme des Estates erwähnten sie diese Handlung als eine, die ihre Reaktion in dieser Angelegenheit forderte. Da ich zugegebenermaßen nur wenig über die Feinheiten rechtlicher Dokumente weiß, recherchierte ich, was genau der Ausdruck bedeutet, solch eine Klausel „auszulösen“. Kurz gesagt, und ohne zu sehr in Juristensprache zu verfallen, bedeutet es einfach, dass eine Vereinbarung zwischen zwei oder mehreren Vertragspartnern eingegangen wurde, die von bestimmten einzuhaltenden Bedingungen abhängig ist, üblicherweise innerhalb bestimmter Fristen. Wenn diese Bedingungen nicht eingehalten werden, hat ein Vertragspartner den Rechtsanspruch, ihre Option auszulösen, [den Vertrag] auszulösen, auszusteigen oder gegebenenfalls eine Übernahme einzuleiten. Auf der Lexology Webseite wird eine „Trigger Klausel“ (Auslöseklausel) in diesem Auszug teilweise erklärt:

Viele Verträge beinhalten eine Klausel, die einen Auslöser zur Aktivierung dieses Vertrages vorschreibt. Ein verbreitetes Beispiel ist die Klausel, die besagt, dass eine Übereinkunft über den Verkauf von Grund und Boden, abhängig von einer genehmigten Finanzierung ist. Ein weiteres Beispiel wäre die Klausel in einem Vertrag, die die Inkraftsetzung von durch den Beschluss der Gesellschafter gefassten Bedingungen abhängig macht. Solche Klauseln nennt man aufschiebende oder auflösende Bedingungen.

Werden diese aufschiebenden Bedingungen erfüllt, hat das zur Folge, dass der gesamte Vertrag vollziehbar wird. Diese Vollziehbarkeit funktioniert rückwirkend so, als ob der Vertrag von Anfang an ohne Bedingungen gewesen wäre. Treten die auflösenden Bedingungen nicht in Kraft, hat das die Ungültigkeit des Vertrages zur Folge.

In der Zeit nach der Unterzeichnung der Vereinbarung bis zur Erfüllung der aufschiebenden Bedingungen, ruhen die Rechte (und Pflichten) der Vertragspartner, jedoch besteht zwischen ihnen eine verbindliche Vereinbarung, von welcher keine Partei Abstand nehmen kann, bis die vereinbarten Bedingungen erfüllt sind.

Die auslösenden Bedingungen können sich auf alle Rechte und Pflichten der Vertragspartner beziehen, oder auch nur auf einige davon. Die, die nicht aufgeschoben sind, müssen dennoch erfüllt werden.

Haben die Vertragspartner nicht ausdrücklich eine bestimmte Zeitspanne zur Erfüllung der aufschiebenden Vereinbarungen festgelegt, wird stillschweigend vorausgesetzt, dass es in einem angemessenen Zeitraum in Kraft tritt. Was angemessen bedeutet, ist abhängig von den Umständen des einzelnen Falls. Werden die Bedingungen nicht innerhalb einer angemessenen Zeitspanne erfüllt, wird der Vertrag wirkungslos, gemäß den Grundsätzen, die unten beschrieben werden.

In diesem Fall datiert sich die „Auslöseklausel“ im Vertrag zwischen Sony und Michael Jackson (und somit Michael Jacksons Estate) zurück auf 2006, ein Schritt, den Michael selbst initiierte. Trotz Michaels eigenen trotzigen Worten gegen Sony im Jahr 2002, ist es so, dass er doch wieder mit Sony Geschäfte machte, auch wenn ich persönlich glaube, dass es eher aus Verzweiflung anstatt aus Entgegenkommen, oder deshalb, weil sie, wie man sagt, „das Kriegsbeil begraben hatten“, geschah. Die Vereinbarung, die zu der Klausel führte, die Sony die Option ermöglichte, seinen Anteil des Sony/ATV aufzukaufen, wurde 2006 getroffen, als der Konzern ihn angeblich vor dem Bankrott rettete.

Die Vereinbarung, die in Mr. Jacksons Suite im Burj Al Arab Hotel getroffen wurde, rettete den Sänger vor dem Bankrott. Im Gegenzug bekam Sony größere operative Kontrolle über Sony/ATV und die Option, die Hälfte von Mr. Jacksons Anteil zu kaufen. Auszug aus “Jackson Assets Draw the Gaze of Wall Street” von Andrew Ross Sorkin und Michael J. de la Merced.

Und ein weiteres Zitat aus Pop History Dig:

Im April 2006 lebte Jackson nach seinem Prozess wegen Kindesmissbrauchs vorübergehend im Bahrein. Da er Geld benötigte, nutzte Jackson wieder den Sony/ATV/Beatles Katalog, um ihm mit Krediten auszuhelfen. Es schien, als müsste er einen Teil seiner Anteile des Katalogs verkaufen, um an finanzielle Mittel zu kommen. Stattdessen kam Sony zu Hilfe und schickte zwei Abgesandte nach Bahrein. Die Vertreter von Sony handelten für Jackson einen Deal aus, der dazu führte, dass Jackson durch eine Neufinanzierung einen niedrigeren Zinssatz auf seine 300 Millionen Dollar Schuld erhält. Als Gegenleistung erhielt Sony eine größere Befugnis über den Sony/ATV/Beatles Katalog, sowie zusätzlich die Option, eine weitere Hälfte von Jacksons Anteil zu kaufen. Das bedeutet, dass Jackson nur 25% des Sony/ATV/Beatles Katalogs bleiben, falls Sony diese Option nutzt.

Michael Jackson Sony is phoney

Wir wissen, wie er sich damals fühlte. Aber verlangen verzweifelte Zeiten auch nach verzweifelten Maßnahmen? Und wenn dem so ist, kann es dabei helfen zu erklären, was jetzt passierte?

Während ich bestimmt nicht die von den Medien verbreitete Version von Sony als Ritter in makellos weißer Rüstung, die herbeieilten, um Michael aus einer finanziellen Notlage zu retten, abkaufe, ist es dennoch Fakt, dass Michael diesen Vereinbarungen 2006 zustimmte. Hätte er tatsächlich 2006 die Eröffnung eines Konkursverfahrens gestellt (obwohl meiner Kenntnis nach nie bestätigt wurde, dass dieses je seine Absicht war; Medienberichte sind wie immer mit Vorsicht zu genießen) hätte er seinen Anteil des Kataloges sicher sowieso verloren. Indem er dieser Vereinbarung zustimmte, war es ihm möglich, diesen Vermögenswert zu behalten, jedoch unter viel schlechteren Bedingungen. Es bedeutete nicht nur möglicherweise einen wesentlich geringeren Anteil (25% anstatt 50%) sondern auch, dass Sony die Möglichkeit in Anspruch nehmen konnte, jederzeit während der letzten 10 Jahre seinen Anteil zu kaufen. Dennoch blieb Branca, trotz dem regen  Interesse vieler potentieller Käufer im Jahr 2009, die ihre Augen schon auf den goldenen Preis geheftet hatten, dabei, dass Sony/ATV „nicht zum Verkauf“ steht – ein Gedanke, den er während der letzten 6 Jahre mehrfach ausdrückte.

Dennoch weisen viele Fans  – besonders die aus der Anti-Estate-Fraktion – schnell auf den offenkundigsten Interessenkonflikt Brancas hin, der, obwohl er einer der Testamentsverwalter des Estates ist, auch Senior-Berater bei Sony ist. Dieses spielt sicher eine große Rolle bei Entscheidungen, dass Sony – die Firma, die Michael so sehr hasste, dass er bereit war, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um eine Kampagne gegen sie zu starten – ihn dennoch in irgendeiner Weise immer am Haken hat.

Man kann sich wohl nur vorstellen, wie sehr es ihn verärgert haben muss, 2006 diesen Vereinbarungen zuzustimmen. Aber wenn die einzige andere Option bedeutete, den Katalog zu verlieren, macht es aus geschäftlicher Sicht perfekten Sinn. Auch wenn es aus einer verzweifelten Lage heraus geschah, war es doch eine Entscheidung, die es ermöglichte, seinen Anteil des Katalogs zu behalten, und sicher zu stellen, dass er und seine Kinder auch weiterhin davon profitieren würden. Wie immer hat er sicherlich weit voraus geschaut, und sich vorgestellt, dass er irgendwann in der Zukunft wieder „im Sattel sitzen“ und in einer Position sein würde, bessere Vereinbarungen auszuhandeln. Das Zustimmen zu dieser Klausel, auch wenn ihm die Risiken bewusst waren, diente dem augenblicklichen Zweck und verschaffte ihm wertvolle Zeit. Immer optimistisch, bin ich sicher, dass er es als zeitlich begrenzte Maßnahme ansah, die ihm über eine momentane Notlage hinweg helfen würde, da Michael sich immer sicher war, dass ihn sein nächstes großes Projekt wieder finanziell besser dastehen lassen würde. Aber gleichzeitig lieferte ihm dieses auch weitere Gründe, Sonys Motiven zu misstrauen und steuerte einen großen Teil dazu bei, dass er seinen Seelenfrieden verlor, was seine verbleibenden Jahre prägte.

Sony ATV LogoMichaels größter Vermögenswert… und größter Fluch.
Er brachte ihm enormen Wohlstand und Gewinn, während er systematisch seinen Seelenfrieden zerstörte.

Michael Jackson Black or White

Der Sony/ATV Katalog wurde, kurz gesagt, zu seinem größten Segen und größten Fluch, ein metaphorisches Kreuz, das er bis zu seinem Todestag am Rücken trug. Und viele halten daran fest, dass er sein Leben dafür gab – ein Glaube, der sicher nicht durch die letzten Ereignisse verringert wurde. Sicher ist, dass Michael Jacksons Estate in der derzeitigen Form als Resultat dieser Aktion viel des guten Willens und Vertrauens der Fangemeinde verloren hat, und es wird ein langer und schwerer Weg für sie werden, dieses zurück zu gewinnen – falls sie es je können. Für Fans, die wissen, wie leidenschaftlich Michael in seinem Streit mit Sony war, und die mit ihm den Kampf um diesen Wert um jeden Preis durchlebten, gibt es keine Versöhnung. Ich verstehe das, weil ich genau diese Emotionen durchlebe, seit diese Nachricht bekannt wurde. In der Tat ist es aufreibend, an all das zu denken, was Michael durchmachte, dass die schieren körperlichen, emotionalen und mentalen Qualen, die er sich auflastete, um diesen Katalog zu behalten, vergebens waren, und es am Ende sowieso alles Sony zufiel.

David gegen Goliath

Es war wirklich David gegen Goliath…

Vielleicht war es unvermeidbar, dass Goliath am Ende über David siegen würde. Tief im Innern wusste Michael immer, wem er gegenüber stand. Und auch wenn viele von uns gerne glauben wollen, sie könnten voraussagen, wie seine genauen Pläne für die Zukunft ausgesehen hätten, ist es in Wahrheit so, dass keiner von uns in der Lage ist, diese Vorhersage zu treffen. Michael wusste seit 2006, dass Sony jederzeit diese Klausel, ihn aufzukaufen, auslösen könnte – oder andersherum. Hätte er 2016 angesichts dieser Wahl weiterhin an dem Katalog festgehalten, auch wenn es bedeutet hätte, viel von seinen eigenen Geldmitteln einzusetzen, oder sogar neue Schulden zu machen – oder hätte er sich entschieden, den Gewinn, der 700.000.000$ über seiner ursprünglichen Investition von 1985 lag, einzukassieren?

David gegen Goliath 2

… und für eine kurze Zeit gewann David.

Die Antwort scheint logisch, bis wir die möglichen Langzeit-Gewinne des Katalogs im Gegensatz zu einer einmaligen Zahlung überdenken, die, egal wie hoch sie auch auf dem Papier erscheinen mag, im Musikgeschäft schnell zerronnen sein kann, es braucht dazu nur eine schlechte Investition oder einen hohen Kredit, um sie zunichte zu machen. Die Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, wie Michael sich in dieser Situation verhalten hätte, oder wie seine zukünftigen, den Katalog betreffenden Handlungen ausgesehen hätten, aber wenn wir Beständigkeit als ein Indiz ansehen, dann wissen wir, dass er immer vorausschauend das größere Resultat im Auge hatte. Auch wenn es Lebensumstände gab, die ihn dazu zwangen, kurzfristigere Lösungen einzugehen, wissen wir, dass es nur wegen dieser Umstände geschah, und nicht, weil es das war, was er wollte, oder weil es letztlich aus seinem eigenen Interesse heraus geschah. Wäre es nach Michael gegangen, hätte er wahrscheinlich wortwörtlich Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um zu vermeiden, seinen Anteil des Sony/ATV Katalogs abzugeben. Ich glaube, ich spreche für viele seiner Fans, wenn ich sage, es schmerzt am meisten, dass dieser Umstand wieder die Tatsache bewusst macht, dass Michael nicht mehr hier ist, um diese Entscheidungen selbst zu treffen, und es anderen überlassen ist, von denen wir nur hoffen können, dass sie im besten Interesse seiner Wünsche und seiner Kinder handeln – und das wird immer eine zerbrechliche Hoffnung mit nur wenigen Garantien sein.

Ironischerweise legte auch Joe Jackson in einem untypischen, zustimmenden Statement ein gutes Wort für das Estate ein:

Im Namen meiner Frau und mir möchte ich gerne persönlich den Verwaltern des Estates meines Sohnes für diesen tollen Job danken. Den Musikkatalog am oberen Ende des Marktwertes von über 750 Millionen Dollar zu verkaufen, hat die finanzielle Zukunft von Michaels Kindern, Prince, Paris und Blanket,  mehrfach abgesichert. Es ist der Traum eines jeden Vaters, seine Kinder finanziell abzusichern. Das war der Grund dafür, dass ich in meinen jungen Jahren zwei Arbeitsplätze hatte und mich gleichzeitig durch die Entertainment Welt kämpfte. Auch wenn mein Sohn Michael Jackson heute nicht mehr bei uns ist, weiß ich doch, dass er vom  Himmel als stolzer Vater auf seine Kinder herabsieht, in dem Wissen, ihr Leben finanziell abgesichert zu haben.

Das ist allerdings ein völlig anderer Ton, als der, den er noch in seinem Interview mit Piers Morgan 2013 anschlug!

Sehen wir aber wieder auf die langfristige Entwicklung, ist die Zukunft der Kinder gerade sehr viel wackeliger geworden. Ein positiver Aspekt ist, dass Prince und Paris bald das Erwachsenenalter erreichen, und in der Lage sein werden, Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Eine endlose Einnahmequelle wurde durch eine definitive Summe ersetzt, die sich schließlich auflösen kann – es sei denn, die Kinder haben etwas vom Geschäftssinn ihres Vaters mitbekommen, und lasst uns in ihrem Interesse hoffen, dass es so ist.

Allem voran denke ich, dass das, was die meisten von uns empfinden, ein Gefühl der Hilflosigkeit ist. Das ist, was ich empfinde – dieses Gefühl, dass wir, egal wie sehr wir uns eine andere Wendung der Dinge wünschen, einen vergeblichen Kampf gegen etwas viel mächtiges führen, gegen ein Großunternehmen und seine Billionen Dollar.

Der Stolz, mit dem Michael als „David“ im Grunde ein Stück von „Goliath“ genommen und besessen hatte, war ein Stolz, den wir alle, die ihn lieben und bewundern, nachempfinden konnten. Die Übernahme des Sony/ATV Katalogs war mehr, als nur das großartigste Geschäft in Michaels Karriere, es war, wie ich schon sagte (aber es ist eine Wiederholung wert), die symbolische Versinnbildlichung dessen, was passieren kann, wenn ein Underdog tatsächlich den Amerikanischen Traum wahr macht. Man kann auf viele andere solcher symbolischen Eckpfeiler in Michaels Karriere verweisen, von der Zahl der verkauften Alben, bis hin zu den gewonnenen Auszeichnungen. Aber solche Meilensteine haben viele Künstler erreicht. Was Michael durch die Übernahme dieses Katalogs erreichte, war etwas viel größeres – es beförderte ihn von einem phänomenalen, erfolgreichen Musik-Entertainer zu einer mächtigen Business-Ikone.

Von diesem Zeitpunkt an konnten die Medien ihn heruntermachen und schikanieren, aber sie konnten nicht ignorieren, was er erreicht hatte, wenn sie auch diesen Fakt so oft wie möglich herunterspielten. Tatsache war, er „besaß“ einen großen Prozentsatz der Musikindustrie – sie wussten es alle, und sie fürchteten es. Wie ein Fan auf Twitter schrieb, als Antwort auf die Frage, warum es für Michaels Fans soviel bedeutet, diesen Besitz zu haben: „Weil wir all den übereifrigen Fans anderer Künstler sagen können, dass Michael ihren Hintern besitzt.“

Eine Sache, die ich anbieten kann, auch wenn es im Moment kein großer Trost ist, ist, dass der Verlust von Michaels Anteil am Sony/ATV nichts an der Tatsache ändert, dass er ihn besaß, und dass es eine Leistung seines Lebens und seiner großartigen Karriere ist, die für immer in Stein gemeißelt bleiben wird. Wir müssen uns nur die Menge von Artikeln ansehen, die herauskamen, nachdem die Nachricht bekannt wurde, um zu einem unbestreitbaren Fakt zu kommen – einem, den kein Medien Outlet leugnen konnte – und das ist der Fakt, dass es – egal wie man persönlich zu Michael Jacksons Kaufaktion des Katalogs von 1985 steht – ein verdammt gutes Geschäft war.

Michael Jackson They Don't Care About Us

Was er erreichte, bleibt für die Nachwelt erhalten. Niemand kann es leugnen!

Wie sein Vermächtnis letztlich durch diesen Verkauf beeinflusst wird, bleibt abzuwarten. Wie ich schon sagte, “HIStory“ wird sich dadurch nicht ändern – die Welt weiß, was er tat und was er erreichte. Das ist der gute Teil. Dann müssen wir auch bedenken, dass auch wenn Michael noch leben würde, der Erhalt dieses Wertes und der Profit daraus niemals garantiert wären. Michael wusste  um die Vereinbarungen von 2006, die er unterschrieb und die es Sony ermöglichte, jederzeit seinen Anteil zu kaufen. (auch wenn er es wahrscheinlich mit  der Überzeugung unterzeichnete, dass diese Option nie ausgelöst würde, oder er in der  Position sein würde, um Sonys Anteil zu kaufen, falls es passieren würde.)

Dann gibt es da auch noch den Copyright Act of 1976 ,der es den Beatles und vielen anderen Klassikern des Katalogs ermöglicht, die vollen Vermarktungsrechte zurück zubekommen.

Bisher gab es wohl noch keinen massenhaften Abzug von Künstlern vom Katalog, aber die Auswirkungen dieses Copyright-Gesetz werden in den Profiten des Katalogs zu spüren sein, es sein denn, es gibt einen nie endenden Strom von neuen Talenten, die bei Sony unterschreiben und die genauso profitabel sind, wie die klassischen Musiker es waren (lasst uns jedoch nicht vergessen, dass dieses auch Rechte zum Musikstreamen einbezieht, was als die kommende Welle gesehen wird).

Ich weiß, das ist trotzdem keine Versicherung, um den bitteren Geschmack des Gefühls, dass Sony das letzte Wort und den letzten Lacher hatte, zu versüßen. Dazu kann ich nichts anderes anbieten, als zu sagen, dass ich die Frustration, die Wut, die Empörung und Hilflosigkeit teile, die viele Fans jetzt empfinden. Ich glaube nicht, dass sich das allzu schnell abschwächen wird. Michael war nicht nur irgendein  superreicher Prominenter. Er war ein Prominenter, der hart gearbeitet hat, und durch seine eigene Zielstrebigkeit und Entschlossenheit ein Geschäftsimperium aufgebaut hat. Es war ein Imperium, das auch wenn es am Ende mit Schulden belastet war, weiter bestand, hauptsächlich weil Michael dafür kämpfte, viele dieser Vermögenswerte zu behalten, auch wenn es der einfachere Weg gewesen wäre, irgendeinen davon in Geld umzuwandeln. Man könnte argumentieren, dass das 2006 mit Sony unterzeichnete Abkommen – so zu sagen ein Geschäft mit dem Teufel – ein letzter Versuch war, an diesem Wert festzuhalten, egal mit welchen Mitteln. Genau deshalb ist es nun so frustrierend, Zeuge von dem zu werden, das viele Fans nur als schrittweisen Abbau dieses Imperiums wahrnehmen. Gehen wir nur nach den rechtlichen Vorschriften dieser Vereinbarung, die Michael 2006 unterzeichnete, dann kann man dem Estate Sonys Entscheidung, die Klausel auszulösen, nicht ankreiden. Aber es bleiben dennoch 3 verwirrende Fragen, die von den Fans zu Recht gestellt werden, nämlich:

Wie wirkt sich Brancas Interessenkonflikt als Aufsichtsrat von Sony darauf aus? Ist dieses Geld einfach dazu bestimmt, die IRS Steuerschulden des Estates zu tilgen? Und hätte das Estate es sich nicht leisten können, ihr Recht geltend zu machen, und Sonys Teil aufzukaufen, wenn man es nur wirklich gewollt hätte?

Für die letzte Frage müssen wir bedenken, ob es das wert gewesen wäre, da die Millionen, die man dazu gebraucht hätte, direkt aus den Taschen von Michaels Erben gekommen wären. Michael könnte dem zugestimmt haben, aber wir können es nicht wissen, und tragischer Weise ist er nicht hier, um diese Entscheidungen zu treffen. Ob dieses Geld direkt dazu verwendet werden wird, Brancas Steuerschulden zu begleichen, anstatt Michaels Kindern zuzukommen, wird sich erst mit der Zeit herausstellen. Zu dieser Sache stellt sich jedoch durchaus die beunruhigende Frage, wie ein 700 Millionen schweres Estate, das angeblich vor 4 Jahren schuldenfrei war, zu so einer IRS Forderung kommt.

Es ist leicht, sich in Zeiten wie diesen frustriert und hilflos zu fühlen, denn wir sind alle stolz auf Michaels Leistungen, und solche Verluste treffen uns persönlich – ich denke, das ist etwas, was nicht viele andere Fangruppen mit uns gemeinsam haben. Wenn ein kleines Stück von Michael verlorengeht – oder wie in diesem Fall, ein sehr großes Stück, fühlt es sich an, als hätten wir damit auch ein winziges Stück von uns verloren. Ich verstehe das. Auch ich fühle es so.

Aber wenn man sich alle Zusammenhänge ansieht, müssen Fans auch verstehen, dass wir angesichts der Macht und Interessen von Großkonzernen (und auch ihrer Gier) nur wenig tun können, um solche Vorgehen zu beeinflussen. Deshalb (mit einem tiefen Seufzer an der Stelle) habe ich mich damit angefreundet, mich der Sache philosophisch zu nähern. Entweder können wir viel Energie dazu verschwenden, uns über Dinge, die wir nicht ändern können, aufzuregen und zu ärgern, oder wir können unsere Energie auf die positiven Dinge lenken, die wir beeinflussen können. Wie ich immer betone, sind es zwei Arten, auf die wir Michaels Legacy am besten unterstützen können: Weiterhin seine Musik zu feiern (die für die Ewigkeit ist) und seine Arbeit für unseren Planeten fortzuführen. Dieses sind, unter allen sonstigen Dingen, die beiden, die uns mit Gewissheit bleiben werden und vielleicht alles, was wirklich wichtig ist.

Michaels Vermögenswerte sind wie jeder materieller Besitz eines jeden Königreichs dazu bestimmt, früher oder später den Weg des Ozymandias (Anmerkung Übersetzer: Vergänglichkeit der irdischen Dinge) zu gehen. So wie Graceland und Strawberry Fields eines Tages zu Staub zerfallen werden, so wird es auch Neverland. Was überdauern wird, ist seine Kunst; die Magie, die er uns schenkte, und die Musik, über die wir auch noch in hundert Jahren sprechen werden. Keine noch so große unternehmerische Habgier kann uns das jemals nehmen. Ich weiß, dass diese Worte jetzt nur ein dürftiger Trost sind, und sie nehmen nicht das bittere Gefühl der Ereignisse weg. Sie beabsichtigen auch nicht, die verstörenden Fragen darüber zu mildern, ob Michael tatsächlich für seine Vermögenswerte gestorben ist. Auch wenn ein Teil von mir immer an das grundsätzlich Gute im Menschen glauben möchte, muss ich realistisch bleiben. Wir sprechen trotz allem von der Musikindustrie, und im Gegensatz zu der von den Medien gerne verbreiteten Meinung, glaube ich nicht eine Minute daran, dass Michaels Ängste, für seinen Katalog ermordet zu werden, nur Paranoia waren. Diese Ängste entstanden durch die Realität, die er erlebte und die er nur zu gut kannte.

Was ich damit wohl wirklich sagen will ist, dass wir als Fans nur bestimmte Dinge kontrollieren können, und es sinnlos ist, wenn wir um solche Dinge, die nicht unter unserer Kontrolle sind, weinen und wertvolle Energie daran verschwenden. Viele Fans sagen jetzt, dass der Verlust von Michaels Sony/ATV Teil an Sony unabwendbar war. Wir werden nie gegen die Interessen von Sony kämpfen können; sogar Michael konnte es nicht, nicht ganz, obwohl er es beherzt und couragiert versuchte. Zudem gibt es dazu zwei unterschiedliche Gedankengänge, die in der letzten Woche ausführlich diskutiert wurden. Einmal, dass der Katalog als ein Sinnbild für alles, wofür Michael gekämpft hat, um jeden Preis behalten werden sollte, und der andere, der sagt, es ist besser, dass dieses Ding, das ihm so viele Qualen brachte, endlich verschwunden ist. Es ist schwer zu sagen, was ich wirklich denken soll, da in beiden Argumentationen ein Stück Wahrheit liegt. Und es ist unmöglich vorauszusagen, wie Michaels eigene Entscheidung ausgesehen hätte. Manche sagen ohne zu zögern, Michael hätte niemals verkauft, obwohl er öfters den Katalog als Sicherheit hinterlegte und sich des damit verbundenen Risikos wohl bewusst war. Immer wieder wurde er aus diesen Notlagen gerettet, doch oft nur um den Preis noch größerer Schulden und am Ende auch noch ohne die Garantie, dass ihm der Katalog nicht jederzeit weggenommen werden könnte.

Hätte Michael 2006 nicht dieses Abkommen mit Sony unterzeichnet, hätte Sony jetzt nicht diese Klausel auslösen können, um seinen Anteil zu kaufen, aber hätte er nicht unterzeichnet, hätte er schon 2006 seinen Anteil verlieren können. Am Ende war es eine Situation, in der er nicht gewinnen konnte, es erscheint, dass er damit einfach nur Zeit gewonnen hat. Das erleichtert jedoch keinesfalls die Fragen, die wir dennoch stellen müssen: Warum das Estate behauptet, Geld zu brauchen um aus den roten Zahlen zu kommen, obwohl sie doch angaben, das Estate sei schon vor 5 Jahren schuldenfrei gewesen. Und es beantwortet auch nicht die verstörende Frage, warum die ausgehandelte

Summe fast auf den Dollar genau mit dem Betrag übereinstimmt, der Berichten zu Folge dem IRS geschuldet wird. Natürlich könnte man argumentieren, dass nichts von Michaels Vermögenswerten und Geld noch einen Wert hätte, vor allem nicht für seine Erben, wenn es von der Steuerbehörde beschlagnahmt würde. Aber das führt nur zu noch mehr beunruhigenden Fragen bezüglich des Managements des Estates, und ich denke, wir sind es Michael schuldig, diese nicht völlig auszublenden. Nichtsdestotrotz weiß ich auch, dass es nicht möglich ist, mit einem von Verbitterung beschwerten Herzen über Ereignisse, die wir nicht kontrollieren können, und mit einem Tunnelblick, weiter voran zu gehen. Wie ich schon sagte, das einzige, das wir garantiert sicher haben, ist Michaels Kunst, und diese wird für zukünftige Generationen weiter bestehen, noch lange, nachdem der Rest vergessen ist. Und das ist es, worauf wir alle unsere Bemühungen und all unsere Energie fokussieren müssen.

Auch wenn mein Herz angesichts dieser Entscheidung schwer ist, gibt es dennoch so viel zu feiern.

In Brüssel haben sich nach den jüngsten Terrorattacken die Menschen versammelt und „Heal The World“ gesungen:

Dieser helle Fleck in einer ansonsten unruhigen Woche erinnerte mich an Michaels unbesiegbaren Geist und auch an die wunderbare Unverwüstlichkeit eines musikalischen Erbes, das immer weiter Hoffnung in eine verstörende Welt bringt. In einer Woche, in der ich zusätzlich zu einer persönlichen Tragödie (Ich verlor einen Freund durch einen Autounfall) von den erdrückenden Entwicklungen des MJ Estates erfuhr und dann noch von den tragischen Ereignissen in Brüssel, war dieses ein Anblick und ein Klang, der  einmal mehr mein unerschütterliches Vertrauen daran zu glauben, dass auch das vorbeigehen wird, gefestigt hat.

Michael Jackson Dangerous Tour

Seine Siege waren auch unsere Siege.

Dennoch schreibe ich all das mit einem bitter-süßen Gefühl. Michael hinterließ seinen Fußabdruck in dieser Welt. Er hat geleistet, was er geleistet hat. Er hat erreicht, was er erreicht hat. Ich denke, viele befürchten, dass diese neuste Entwicklung auf irgendeine Weise seine Errungenschaften und die Macht, die er einst in der Musikindustrie besaß, auf zu nicht mehr als eine Fußnote  schrumpfen lassen könnte. Das wird nicht passieren. Noch ist es wahrscheinlich, dass es sich sofort auf den Reichtum des Estates auswirkt, wie man es in Zack O’Malley Greenburgs neusten Artikel in Forbes lesen kann:

Es ist dieser Geschäftssinn, der Jackson dabei half, in seinem Leben über 1 Billion Dollar zu verdienen, und auch mehr als 1 Billion nach seinem Tod, und das noch vor dem Verkauf des Sony/ATV Katalogs. Seine Ausbeute in diesem Jahr ist jetzt schon das höchste Einkommen eines Entertainers, das von Forbes je gemessen wurde. Wenn sich der Staub gelegt hat, könnten Jacksons gesamte Einnahmen, vor und nach dem Tod, bald die 3 Billionen Dollar-Marke überschreiten.

Während ich all dem, was Greenburg über Michaels Geschäftssinn sagt zustimme, bin ich dennoch nicht von den Lobpreisungen überzeugt, die diesen Verkauf als Gewinn für beide Seiten bejubeln. Ganz sicher können diese Versicherungen nicht den bitteren Stachel lindern, zu wissen, dass der Anteil dieses Multi-Billionen-Dollar Wertes, der einst Michael gehörte, jetzt zurück an den Konzern geht, den er lange Zeit als „den Feind“ ansah.

Unabwendbar, vielleicht. Gerechtfertigt? Das ist der Punkt, wo alles wesentlich schwärzer aussieht.

Übersetzung: M.v.d.L & Doris

Eher wie eine Filmszene, Teil 2

by

More Like a Movie Scene, Part 2
Quelle: https://dancingwiththeelephant.wordpress.com/2015/05/

Post vom 28/05/2015

Willa: Vor ein paar Wochen gesellte sich die Professorin und Filmemacherin Nina Fonoroff zu mir, um mit mir über Billie Jean und Michael Jacksons Einsatz des Film Noir zu sprechen. Hier ist ein Link zu dem Post. Aber wir entdeckten schnell, dass es so viel zu bereden gab, dass wir nur einen Teil dessen geschafft haben! Also hat Nina liebenswürdigerweise zugestimmt, die Diskussion über diesen faszinierenden Kurzfilm mit mir fortzusetzen. Es ist wunderbar, wieder mit dir zu sprechen, Nina!

Nina: Danke, Willa! Ich bin froh, zurück zu sein.

Willa: Beim letzten Mal haben wir also beim Refrain aufgehört und du stelltest fest: „Das Bild verblasst, als wir in ein neues Kapitel eintreten: Michael wird singen und tanzen.“ Lass uns also mit diesem neuen Kapitel bei 1:50 Minuten im Video beginnen.

Interessanterweise beginnt dieser Abschnitt mit einer weiteren „Fotografie“. Dieses Mal handelt es sich um ein vertikales Rechteck – eine Ganzkörperaufnahme, eine der wenigen in Billie Jean. Es hat eine dünne, weiße Umrandung (wie ein Foto) vor einem schwarzen Hintergrund, genau wie das vorangegangene. Auf diese Art kündigt es also auf visuelle Art „ein neues Kapitel“ an, wie du es nennst, genau wie die horizontalen Fotos das erste Kapitel am Beginn des Videos ankündigten.

BJ 1

Nina: Ja, es ist aus vielfältigen Gründen ein entscheidender Moment. Zunächst einmal ist dies das erste Mal, dass wir ihn synchron singen sehen (wenn auch nur als „Playback“ oder als vorher aufgenommene Audioquelle).

Willa: Und das ist eine interessante Feststellung, Nina. Viele Musikvideos werden so präsentiert, als wären sie eine vertrauliche Live Performance, mit der Konzentration darauf, uns als Publikum einen Künstler oder eine Künstlerin beim Singen seines oder ihres Songs zusehen zu lassen. Aber derartige Szenen sind in Billie Jean sehr selten. Selten sehen wir ihn singen.

Nina: Dazu kommt, dass wir ihn gleichzeitig „sprechen“ sehen und hören – synchron. Das ähnelt mehr unserer Erfahrung des gewöhnlichen Sprechens eines Darstellers in einem Spielfilm, aber mit einigen wichtigen Unterschieden: er singt, und durch den Song erzählt er uns die „Hintergrundgeschichte“ des sich fortsetzenden Dramas:

Vierzig Tage und vierzig Nächte lang war das Gesetz auf ihrer Seite
Aber wer kann ihr widerstehen, wenn sie Forderungen stellt,
ihre Pläne und Vorhaben
Weil wir auf dem Tanzboden im Kreis getanzt haben

Nebenbei gesagt habe ich mich immer gefragt, was es mit dieser scheinbar biblischen Anspielung auf „vierzig Tage und vierzig Nächte“ auf sich hat.

Willa: Das habe ich auch! Es erinnert mich an die Geschichte von Noah, als es „vierzig Tage und vierzig Nächte“ regnete.

Nina: Vielleicht stellte er sich vor, dass sein Protagonist auf gewisse Weise überflutet wurde, aber das werden wir nie erfahren. Das wird eins der vielen Dinge sein, die bis zum Ende aller Tage Spielraum für Interpretationen lässt!

Wie du es beschreibst, Willa, gibt es jedenfalls einige interessante visuelle Effekte während dieser Darstellung, die als Nachbearbeitung vorgenommen wurden. Die Sequenz beginnt mit einem Standbild von Michael in einer Pose innerhalb eines vertikal positionierten Rechtecks. Dann sehen wir verschiedene Aufnahmen als Vollbild von ihm in Bewegung, ebenso wie auch in zwei und drei Bilder aufgeteilt, vertikal und manchmal horizontal positioniert: Diptychons und Triptychons, bei denen die Leinwand in verschiedene rechteckige Abschnitte aufgeteilt und dann wieder zusammengesetzt wird. Michael wird in verschiedenen Stadien seines Tanzes gezeigt, während er seine Arme bewegt, seinen Kragen hochschlägt, sich dreht, auf seinen Zehen steht – nur um dann wieder aufgebrochen zu werden.

Diese Wiedergabe seiner Performance lässt es aussehen, als würden wir ihn aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig sehen – obwohl es zeitweise auch die Verdopplung desselben Standbildes (oder sich bewegenden Bildes) in jedem Rechteck gibt.

Hier ist ein „Diptychon“:

BJ 2-still-diptych

Dieses Layout enthüllt etwas, was ich vorher nie bemerkt hatte: Michael beginnt in seinem rosafarbenen Hemd zu tanzen und zieht später seine Jacke über. Zu Beginn trägt er die Jacke über dem Arm, aber zu einem späteren Zeitpunkt schlüpft er mit einer nahtlosen Bewegung hinein: Es wird zu einem festem Bestandteil des Tanzes. (Wie konnte ich das vorher nur nicht gesehen haben, bei all den vielen Malen, die ich diesen Film angesehen habe?) Es zeigt uns, wie geschickt er beim Einbeziehen seiner Kleidungsstücke in den allgemeinen Ablauf der Choreografie war. Und dann, in den darauf folgenden Bühnen-Performances von Billie Jean – von Motown 25 an – setzte er sogar noch mehr auf den dramatischen Einsatz von Kleidungstücken und Accessoires, wie Raven und du in einem Post vor einigen Wochen aufgezeigt habt.

Willa: Ja, wir haben ihn sozusagen beim Anziehen erwischt in diesem nach 2 Minuten erscheinenden Diptychon, das du gerade erwähntest. Normalerweise besteht ein Diptychon oder ein Triptychon aus Gemälden oder Fotografien, so stehen die Bilder still. Aber hier bewegen sich die Bilder – oder besser gesagt, sie wechseln sich ab. Das Linke wird eingefroren, während sich das Rechte bewegt, dann erstarrt das Rechte, während sich das Linke bewegt. Und in einem dieser kleinen Ausschnitte sehen wir, wie er als Teil der Choreografie, wie du sagst, sein Jackett überzieht.

Nina: Wow, das weckt in mir den Wunsch, Michael die Performance im Ganzen durchlaufen zu sehen, ohne Bearbeitung oder Zerstückelung.

Wir wissen, dass viele Leute, einschließlich Michael Jackson selbst, das Gefühl hatten, dass sein Tanz sehr viel dem Jahrzehnte zuvor von Fred Astaire entwickelten Stil zu verdanken hatte. Aber Fred Astaire mochte es überhaupt nicht, wenn sein Tanz in seinen Filmen der 1930er, 40er und 50er Jahre durch Schnitt oder verschiedene Kameraeinstellungen unterbrochen wurde. Meistens wurden er und Ginger Rogers (oder eine andere Tanzpartnerin) in einer weiten Einstellung eingerahmt, auf einer Spur, in der ihre Bewegungen von rechts nach links und vom Vordergrund in den Hintergrund ohne Unterbrechung verfolgt werden konnten.

Willa: Ja, das habe ich auch gelesen – dass er akribisch genaue Vorstellungen darüber hatte, wie seine Tanzszenen gefilmt werden sollten. Er verlangte, dass jede in einer einzigen langen Einstellung von nur einer einzigen Kamera von Anfang bis Ende festgehalten wurde, was bedeutet, dass er und seine Partnerin den gesamten Tanz hindurch perfekt sein mussten.

Nina: Es war äußerst wichtig für Astaire, dass sein Tanz in „Echtzeit“ gezeigt wurde – in lebensechtem zeitlichen Umfang – so, dass seine unübertrefflichen Fähigkeiten als Tänzer ohne den Verdacht der Manipulation oder des „Betrugs“ zur Geltung kamen!

Aber wir wissen, dass sich die Standards und der Geschmack seit den 1930er Jahren geändert haben. In den frühen 1980ern schwelgten Musikvideos, Fernsehwerbung und sogar viele experimentelle Filme in der Ästhetik der Bildmontage – mit sehr schnellen Schnitten, kurzen Zwischenschaltungen und räumlicher Fragmentierung verschiedenster Art. Michaels Kurzfilme folgten also den filmischen Trends jener Zeit, ungeachtet der Vortrefflichkeit seines Tanzes oder der Art und Weise, auf die er oder irgendjemand sonst meinte, es darstellen zu müssen. Es ist wahrscheinlich, dass seine Tanzsequenzen in all diesen Filmen in verschiedenen Takes aufgenommen wurden, deren Teile später zusammengefügt wurden. Jedoch denke ich nicht, dass es uns unbedingt beunruhigen sollte, wenn wir Michaels sich drehende Füße beispielsweise in der Koda von Black or White sehen, bevor er auf die Knie fällt – und es sieht aus, als wäre eine „Extra“-Drehung hinzugefügt worden!

Dennoch haben wir manchmal das Verlangen nach dem Gefühl des „Echten“ – der Live Performance. Ich weiß, dass es bei mir so ist. Ich denke, das ist der Grund dafür, warum es uns fasziniert, das Filmmaterial seiner Konzerte oder vom Motown 25 TV Special zu sehen. Obwohl in dieser Umgebung viele Kameras eingesetzt wurden, können wir doch ziemlich sicher sein, dass sich Michael wirklich so viele Male drehte, oder dass er wirklich einen Moonwalk hinlegte, live, vor einem kreischenden Publikum. Es gibt eine wahrgenommene – und deshalb magische – Authentizität – in den Live Performances, welche in den Filmen nur leicht erscheint. Dies ist vielleicht ein Grund dafür, warum Michael sich dafür entschieden hat, den Moonwalk für die Ausstrahlung von Motown 25 aufzusparen, wo er den größten Eindruck machte und am glaubhaftesten war.

Willa: Das ist eine interessante Beobachtung, Nina. Ich habe darüber noch nicht nachgedacht, aber es ergibt großen Sinn. Und es stimmt, es gibt wenig “Moonwalking“ in den Videos – das war etwas, was er für die Live Performances aufbewahrte.

Nina: Das stimmt, wenn ich es genau überlege – eine Ausnahme bildet Captain EO, wo er kurz zu „We are Here to Change the World“ den Moonwalk ausführt! Eine weitere Überlegung ist, dass der Moonwalk, obwohl er weitgehend als „unverkennbarer“ (oder typischer) MJ-Move bekannt ist, genau genommen eigentlich zu dem jungen Schwerenöter in Billie Jean „gehörte“. Er spielte diese spezielle Rolle in keinem anderen Song oder Video. Jedenfalls ist es faszinierend, die Entwicklung seiner Ideen anhand einer seiner Performances zu beobachten. Es ist so, wie wenn man seine frühen Demos einiger seiner Songs hört, obwohl dieser Film für Billie Jean niemals eine Art halbfertige Arbeit war: Es war ein vollkommen ausgearbeitetes, fertiggestelltes Stück Arbeit, die erste Verkörperung einer visuellen Darstellung dieses Songs.

Letztes Mal, Willa, stellten wir fest, dass die Bilder des Films mehr Vorkommnisse der Geschichte abdecken oder mehr (und andere) Informationen bereitstellen, als man den Lyrics entnehmen kann. Oft sagt man, dass „ein Bild mehr sagt als tausend Worte“. Ich möchte damit nicht sagen, dass Bilder Worten überlegen sind – nur, dass sie zahlreicher sind … fruchtbarer, könnte man sagen, angefüllt mit viel mehr „Andeutungen“. Erst recht, wenn wir es mit bewegten Bildern zu tun haben – die, in einem fünfminütigen Film um die 7500 einzelne, schnell ablaufende Standbilder beinhalten können. Diese Reichhaltigkeit allein bietet für die Stars und die Regisseure von Musikvideos, wie Michael Jackson und Steve Barron, eine Möglichkeit von einer wortwörtlichen Abbildung der Lyrics abzuweichen.

Bei Musikvideos in der Ganzheit kann man die Lyrics als großen künstlerischen Freibrief betrachten, und Billie Jean ist keine Ausnahme. In den meisten Fällen sind wir dazu aufgerufen, uns unseren Reim auf visuelle Informationen zu machen, die nicht dem entsprechen, was Michael singt (erzählt) oder die sogar im Widerspruch dazu stehen. Dennoch gibt einige wenige Momente in dem Film, in denen ein Bild das verbale Konzept zu belegen scheint.

Willa: Ja, die gibt es – und es sind Momente, in denen die Bilder mit den Lyrics übereinstimmen, allerdings mit einem interessanten Twist. Eine meiner Lieblingsstellen ist, wenn die Lyrics uns sagen, dass My Baby sich ein Foto von Billie Jeans kleinem Jungen ansieht und weint, weil „seine Augen wie meine sind“. Im Video finden wir selbst wieder, wie wir eine Nahaufnahme von Michael Jacksons Augen betrachten (und was sind das für großartige Augen!) und uns vielleicht ein Baby mit ähnlichen Merkmalen vorstellen ….

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Nina: Das ist interessant, Willa: Dies ist einer der wenigen Momente in diesem Film, die einer Veranschaulichung sehr nahe kommen. Michaels Augen werden in einer Art horizontalem Streifen präsentiert, der aus dem Gesamtbild herausgeschnitten wurde und die Leinwand teilt. Wir werden aufgefordert, uns die Augen des Babys vorzustellen und gleichzeitig Michaels Augen zu betrachten. Und als Michael „Sie ist nur ein Mädchen, das behauptet, ich wäre der eine“ singt, sehen wir zuerst seinen Mund und dann seinen Daumen (der auf ihn selbst zeigt), ebenfalls als horizontaler Streifen herausgestellt, bevor er wieder (aufgelöst) in das Gesamtbild zurückgeblendet wird.

Willa: Das ist wahr. In unserem letzten Post sprachen wir also darüber, in welcher Weise die Lyrics und die Bilder auf gewisse Art unterschiedliche Geschichten erzählen – oder eine unterschiedliche Perspektive auf dieselbe Geschichte geben. Aber in diesen bruchstückhaften Bildern gibt es kurze Momente, in denen die Lyrics und die Bilder zusammenzufinden scheinen.

Nina: Wir waren verwirrt über die Tatsache, nicht wahr, warum diese Wahl, die Bilder auf diese Art und Weise zu fragmentieren, getroffen wurde – und wessen Entscheidung das war?

Willa: Ich denke, wir haben daran ein wenig getüftelt, ja. Obwohl für mich diese zerstückelten Bilder von ihm auf eine Weise Sinn ergeben. Es gibt einen Detektiv, der versucht, Michael Jackson in seiner Rolle auf Film „zu bannen“, aber nie so richtig Erfolg damit hat. Er bekommt ihn niemals so ganz zu fassen – nur Bruchstücke, wie die, die wir zu sehen bekommen.

Und Steve Barron kann ihn auch niemals so ganz einfangen. In der Tanzsequenz, über die du gesprochen hast, Nina, versucht Steve Barron seinen Tanz auf Film zu bannen, was ungefähr so ist, als wollte er einen Flaschengeist einfangen. Es geht einfach nicht – nicht vollständig. Du kannst einige wunderschöne flüchtige Bilder erwischen, aber es ist nie die vollständige Erfahrung. Und diese wunderschönen Fragmente seines Tanzes drücken dies aus.

Nina: Das ist eine großartige Feststellung, Willa. Es ist wie eine sich entfaltende Abfolge von Standbildern und sogar eine Art Zusammenstellung für ein Album. Die Standbilder sind ein Versuch, Michaels Bewegungen zu erfassen – ihn buchstäblich „aufzuhalten“. Deine Vorstellung zu dem Wunsch, das Genie mit der Kamera einzufangen bringt den Trenchcoat tragenden „Schnüffler“ in Einklang mit dem Regisseur selbst!

Daraus ergeben sich weitere Schlussfolgerungen, denke ich – und zwar über die Aktivitäten der Paparazzi und die verschiedenen Arten, auf die das Image eines Stars durch diese unterstützenden Techniken konstruiert werden kann – zum Guten wie zum weniger Guten.

Willa: Ja, ich stimme komplett zu. Im Grunde liegt die eine Art darin, die Person mit dem Trenchcoat eher als Reporter oder Zeitungsfotograf als als Detektiv zu deuten. Eigentlich tendiere ich eher dazu, ihn so zu sehen – als einen altmodischen Paparazzo. Und jene foto-ähnlichen Bilder, die wir in Billie Jean sehen, verstärken diesen Eindruck, denke ich.

Nina: Eigentlich mag ich deine Vorstellung viel mehr als die Erklärung, die Steve Barron gegeben hat. Barron erzählt es so, dass Michael Jackson darauf vorbereitet war, sofort mit dem Tanzen anzufangen, ohne zu proben. Sie entschieden, sofort mit den Aufnahmen zu beginnen. Weder Barron noch die Crew wussten genau, was Michael während des Tanzens vorhatte, also sollte es eine Überraschung für sie werden.

Barron schreibt:

Ablauf des Playback. Der großartige Sound von Billie Jean erfüllt zum ersten Mal das Studio.

Dieser hypnotische Beat. Diese atemlosen Stimmen.

Ich lege die 16 mm Arriflex Kamera auf meine Schulter, drücke mein Auge auf das Augenteil. Durch die Linse sehe ich, wie Michael auf dem Bürgersteig des Set steht, ein Bein leicht im Rhythmus zum Takt des Stücks bewegt, so bleibt, statisch, während er auf den Schluss der ersten Strophe wartet, um bei der Bridge in den Refrain einzusteigen.

Jetzt ist es soweit. Und er fängt an.

Und wie macht er es?

Mit einer unglaublich anders gearteten Energie, die plötzlich durch seine Adern fließt. Er fordert meine Kamera. Er starrt direkt in den Lauf der Linse. Er singt und tanzt. Ist das Tanz? Dies gleicht keinem Tanz, den ich jemals gesehen habe. Es ist nicht von dieser Welt. Das ist außergewöhnlich. Die Welt wird das sehen und anhalten. Die Welt wird dies ansehen und ihren Atem anhalten. Ich weiß das, denn genau jetzt bekomme ich keine Luft. Und das Adrenalin, das durch meine Adern läuft, lässt meine Kamera, an der ich klebe, heiß laufen. Und es lässt buchstäblich die Linse, durch die ich schaue, beschlagen. Aber durch den Dunst kann ich immer noch Michael erkennen, wie er sich auf seine Fußspitzen erhebt, wie er sich dreht und mit den Reflexen einer Katze biegt. Mit der Kunstfertigkeit einer Ginger Rogers und eines Gene Kelly sowie eines jeden, der sich jemals bewegt hat. Und jetzt improvisiert er sogar. Er baut seine Beklommenheit in seine Bewegungen ein. Er hat dies mit Sicherheit nicht vor einem Spiegel geübt. Er spielt mit der Art, auf die der arme Elektriker in der Ecke des Studios versucht mitzuhalten. Er spielt damit, wie die Pflastersteine aufleuchten, lässt es mit der Geschwindigkeit und Erfindung seines Tanzes verschmelzen. Er ist umwerfend. Er ist brillant. Er ist Michael Jackson.

Schnitt. Schnitt. Wow. Wow.

Das ist eine beeindruckende Geschichte.

Willa: Das finde ich auch! „Schnitt. Schnitt. Wow. Wow.“

Nina: Ich muss sagen, dass ich als Filmschaffende vor Neid platze! Ich habe oft mit 16 mm Film gedreht, und ich habe Arriflex Kameras benutzt (wenn es auch Modelle der niedrigeren Preisskala waren, als die, die hier benutzt werden). Und auch wenn ich einige aufregende Motive gefilmt habe und diese „wow wow“ Momente hatte, beschlug meine Linse noch nie auf die Art, wie es die von Barron tat!

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Barrons Begründung für das Aufbrechen der Bilder – soweit er sich daran erinnern kann – war „die Dinge aufzupeppen“. Seiner eigenen Schilderung nach hat er sich nicht viele Gedanken darum gemacht, wie sich das mit der Story verbinden würde. Vor ein paar Wochen wurde auf dem MJJC Blog eine Frage-und-Antwort-Session gepostet, die sie mit Barron, dessen Memoiren Egg n Chips & Billie Jean vergangenen November veröffentlicht wurde, geführt hatten. Die Leute bekamen die Gelegenheit, ihre Fragen zu schreiben, und eine Person fragte Barron, ob er eine lustige Erinnerung an die Zeit, die er mit Michael verbrachte, habe.

Barron antwortete:

Yeah – ich meine, offensichtlich ist es lange Zeit her, aber ich nehme mal einen Moment nach der Produktion, an den ich mich irgendwie als amüsant erinnere. Er kam in den Schneideraum, als wir das Video in London schnitten, nachdem wir es in L.A. aufgenommen hatten. … Und wir hatten gerade den Mittelteil des Tanzabschnitts bearbeitet, die Stelle, an der die drei aufgesplitteten Aufnahmen von Michael zu sehen sind. … Als er es ansah, sagte Michael „Ich würde das auf der rechten Seite nehmen“, und er sprach darüber, als könnte er unter den gesplitteten Aufnahmen eine auswählen. … Es war also ziemlich lustig, dass es, weißt du, einfach eine Missinterpretation des Prozesses war und was in diesem Schneideraum so vor sich ging. … Ich sagte schnell zu ihm: „Nun, so werden wir es machen. Genau so wird es aussehen. Und du wirst drei von deiner Sorte gleichzeitig auf der Leinwand haben.“ Das war also ein lustiger Moment.

Aber wie ich schon sagte, ich mag deine Interpretation, Willa! Ich denke, wir stimmen darin überein, dass Leser und Betrachter sich selbst ihre eigenen Bedeutungen dahingehend konstruieren können, wie sie Kunstwerken begegnen wollen. Es gibt nicht eine einzige, definitive Antwort, nicht einmal die, die der Künstler anbietet. Ich sehe es so, dass ein Kunstwerk eine lebendige, atmende Einheit ist. Wenn es kraftvoll genug ist und wenn es physisch überlebt und einem zukünftigen Publikum weitergereicht und präsentiert werden kann, dann kann es ganz sicher die Linsen jener Leute auf eine Art beschlagen lassen, die der Künstler niemals vorausgesehen hat.

Willa: Ich mag wirklich die Art, wie du das ausdrückst, Nina. Und ich stimme dir darin zu, dass Michael Jackson wahrscheinlich die Linsen der Zuschauer mehrerer zukünftiger Generationen beschlagen lässt!

Nina: Ich bin auch fasziniert von Barrons Bericht darüber, wie Michael „seine Beklommenheit in seine Bewegungen einbezieht“. Es ist faszinierend.

Willa: Das ist es wirklich. Und natürlich, diese nervöse Unruhe passt auch zu den Emotionen der Rolle, die er spielt, so dass es auf beiden Ebenen funktioniert. Aber wenn ich mir diese Sequenz mit Barrons Worten im Hinterkopf ansehe, kann ich erkennen, was er meint.

Nina: Die Art, auf die er sich in diesem Stück bewegt und auch die Sache mit der schwarzen Jacke markiert wahrscheinlich den Beginn von Michaels Reise als Tänzer und Choreograf, der danach strebt durch jeden von ihm dargebotenen Song eine bestimmte Rolle zu verkörpern. Mit „Billie Jean“ verfeinerte er diese Rolle weiter, wie Raven und du in den vorangegangenen Posts aufgezeigt habt, zuerst durch seine Motown 25 Performance und mit all den nachfolgenden Bühnendarbietungen, die mithilfe von Requisiten und Gesten – und natürlich dem Moonwalk – immer detailverliebter wurden.

Es ist Schauspielerei, es ist Pantomime, es ist ein schnelle Skizze, eine Zeichnung, eine Verkörperung, eine Charakterisierung: all diese Dinge auf einmal. Für mich ist es immer erstaunlich zu beobachten, wie Michael mit seinem Körper zeichnet, während er tanzt.

Willa: Ja, absolut.

Nina: Seine Posen können wie Hieroglyphen sein, die für sich genommen ein eigenes Wörterbuch darstellen. Er kann kühn sein, zögerlich, durch Widersprüche zerrissen (wie in Billie Jean), Selbstvertrauen oder Zögern (oder beides gleichzeitig) ausstrahlen, wie der Inhalt des Songs es vorgibt oder wie seine Stimmung ihn gerade trifft.

Es ist daher wohl kein Zufall, dass Barron wegen der Gelegenheit „Techniken aus den frühen Tagen des Kinos“ anzuwenden so aufgeregt war, wie er in Egg n Chips & Billie Jean sagt. Es stellt sich heraus, dass Michael wie ein Stummfilmstar und Pantomime war: „eher wie eine Schönheitskönigin aus einer Filmszene“, gewissermaßen. Rudolph Valentino, der in den 1920er Jahren weithin als großartiger Filmschauspieler (und als Leinwandidol und Sexsymbol) gefeiert wurde, könnte Michael nicht das Wasser reichen!

Willa: Sehe ich genauso!

Nina: Barron erwähnt, dass der Hintergrund auf eine Glasoberfläche gemalt war. Hier sind einige Standbilder der Produktion, die uns zeigen, wie flach das Studio tatsächlich war, und wie die Illusion dieser Stadt außerhalb, in den Tiefen des Raumes, durch diese Malerei auf Glas erzeugt wurde, die (wie ich vermute) von der Rückseite beleuchtet wurde. Sieh dir das Gerüst auf der linken Seite an und wie nah es an der bemalten Kulisse steht. Und in dem Farbbild kannst du die Kante erkennen, an der der Boden auf die bemalte Glaswand trifft.

 

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Dann kommen wir zu dem Teil der Strophe, in dem Michael singt:

Also nimm meinen starken Rat an

Denk einfach noch mal drüber nach

(Denk noch mal nach, denk noch mal nach)

So take my strong advice
Just remember to always think twice
(Do think twice, do think twice)

An dieser Stelle ist ein Schnitt von der gesamten Reihe an Aufnahmen des auf dem Gehweg tanzenden Michael in Augenhöhe. Uns wird ein eher entfernter Blick in derselben Kulisse geboten, aber jetzt ist die Kamera leicht über ihm positioniert, und er wird von einer riesigen Plakatwand in den Schatten gestellt, immer noch mit dem „langen Band des Gehwegs“ hinter sich. Er steht am Fuß der Plakatwand und sieht hinauf; wir sehen eine Nahaufnahme zweier junger Frauen. Das Bild auf der Wand verändert sich zweimal, mit nur einer leichten Veränderung in der Position der Frau, also haben wir drei verschiedene Bilder – wie Schnappschüsse – scheinbar auf die Plakatwand projiziert wie eine Art lebendes Bild (Tableau Vivant). Heutzutage wären dies Selfies gewesen.

BJ Plakatwand

Willa: Das ist lustig, Nina, aber du hast Recht – sie sind wie Selfies zweier Frauen in einem Club. Und während ihre Identität in dem Film zweideutig ist, sagte Michael Jackson 1999 in einem MTV Interview, dass eine der Frauen Billie Jean sei:

Steve Barron – er hatte einfach all diese so ganz anderen, und wie ich dachte, wundervollen Ideen – aber ich ließ ihn einfach machen. Der einzige Teil, den ich in diesem Stück schrieb, war, dass ich sagte: „Ich möchte nur einen Abschnitt.“ Ich sagte: „Gib mir einen Abschnitt, wo ich ein wenig tanzen kann,“ denn er hatte gesagt, dass im gesamten Stück nicht getanzt werden sollte. Er sagte: „Kein Tanz.“ Ich sagte: „Gib mir nur einen kleinen Moment.“ Dieser gesamte Abschnitt also, in dem du diese lange Straße und die Plakatwand mit den beiden Mädchen, von denen eine Billie Jean ist, siehst, während ich tanze – das ist der einzige Teil, den ich beigetragen habe.

Ich muss sagen, ich bezweifle wirklich, dass diese Tanzsequenz alles war, was er zu Billie Jean beigesteuert hat. Ich stelle das wirklich in Frage.

Nina: Es ist interessant Michaels Erinnerung daran zu betrachten, obwohl ich nicht denke, dass es Steve Barrons Idee war, Michael nicht zu erlauben zu tanzen. Es war – wenn ich mich richtig erinnere gelesen zu haben – eine Entscheidung, die von den Oberen bei CBS Records, die die Produktion finanzierten, getroffen wurde. (Wie kann man sich so irren?)

Also nimm meinen starken Rat an
Denk einfach noch mal drüber nach
(Denk noch mal nach, denk noch mal nach)

Wir denken möglicherweise bei dieser Plakatwand nicht an eine gewöhnliche Plakatwand, sondern „eher an eine Filmleinwand“. Zum einen ist sie zu tief, zu groß und zu nah, um eine Plakatwand wie diejenigen zu sein, die wir an einem Highway sehen können. Wir übersehen diese Plakatwände beim Vorbeifahren weitestgehend; aber dies ist eine Projektionsfläche, die weder wir noch Michael einfach übersehen können. Sie ist zu auffällig.

Willa: Und auch für ihn unübersehbar, wie du sagst. Außerdem verändern sich die Bilder, was ebenfalls eher „wie einer Filmszene gleicht“ als einer Plakatwand. Da geht also eine interessante Sache mit dieser Plakatwand vor sich. Es ist fast so, als würde es seine Gedanken, mit dem fast obsessiven Fokus auf zwei Frauen – Billie Jean und My Baby, die die beiden Frauen auf der Plakatwand darzustellen scheinen – wiedergeben.

Nina: Ohne zu sehr in Freuds Theorien über die Traumdeutung (und die Rolle der Träume darüber, unterdrückte Dinge in das Bewusstsein zu holen) einzutauchen, sollen wir uns die Leinwand doch möglicherweise als Archiv oder als Slideshow von Michaels Erinnerungen vorstellen – von denen einige Szenen dargestellt werden, an die er sich wahrscheinlich niemals wieder erinnern wollte. Anhand dieses Vorgangs kann Billie Jean – eine Frau, die Michael, wie wir annehmen, wahrscheinlich niemals wiedersehen wollte – sich in seine Psyche einschleichen und wieder in sein Leben zurückkehren, um ihn so besser mit „ihren Vorhaben und Plänen“ quälen zu können.

Willa: Hmm … das ist interessant. Obwohl ich nicht weiß, ob er sie nie wiedersehen will. Er möchte definitiv nicht in ihrer Falle sitzen, aber er scheint in meinen Augen zwiegespalten zu sein, hin- und hergerissen, auch nach allem, was er durchgemacht hat …

Nina: Das mag schon wahr sein, Willa. Vielleicht ist seine „Angst und Abscheu“ mit einer Art übriggebliebener Sehnsucht vermischt. Es ist eine Getriebenheit, der er nicht entkommen kann: ein weiterer Zustand, den Freud mit „Wiederholungszwang“ beschreiben würde. Gegen besseres Urteil kann Michael die Erinnerungen, die ihn verfolgen, nicht gehen lassen und fühlt den Zwang zum Schauplatz seines Traumas zurückzukehren. Auf dieser Leinwand sieht er ein Aufblitzen und Bruchstücke halberinnerter Ereignisse, Bilder, die sowohl erschreckend, als auch unwiderstehlich sind. Vielleicht – um es erneut in freudianischen Begriffen auszudrücken – sind die Inhalte seines Unbewussten zurückgekehrt, um ihre hässlichen Köpfe aufzubäumen.

Als er sich vor der Plakatwand dreht, hält er für einen kurzen Moment seine Hände über die Ohren, als würde er etwas hören, was er lieber nicht hören würde.

Willa: Das stimmt.

Nina: Gemäß einer anderen Anmerkung hatte Michael seine eigenen „Ideen“ für diesen Film: eine spezielle Idee für ein dramatisches und choreografisches Abenteuer, das niemals verwirklicht wurde. In Egg n Chips & Billie Jean beginnt Barron diesen Teil seines in der ersten Form wiedergegebenen Berichts mit einem Zitat von Michael:

„Ich hatte eine weitere Idee, Steve.“ Nun spricht er – ich denke, ich setze mich ein wenig aufrecht hin. „Wenn ein weiterer Laden an der Straße eine Art Geschäft eines Schneiders wäre, der Kleidung anfertigt und die Leute vermisst. Dann sind da einige Schaufensterfiguren im Fenster, und wenn ich daran vorbeigehe, springen die Figuren aus dem Fenster und tanzen mit mir.“

Das ist brillant. Das ist genial. Eine Gruppe von Schaufensterfiguren, die synchron die Straße entlangtanzen, angeführt von Michael Jackson. Ich liebe diese Vorstellung. Diese Idee macht die gesamte Idee noch spezieller, nimmt sie mit auf ein anderes Level.

„‘Das ist eine großartige Idee, Michael,‘ komme ich direkt zur Sache. In zwei Tagen finden die Aufnahmen statt, also muss ich die Crew über Michaels verdammt großartige, neue Idee informieren. Ein choreografierter Gruppentanz. Synchron. Das wird sehr cool sein. Ganz in der Art der West Side Story. Sehr cool. Begeisterung.“

Aber als Barron die Idee gegenüber seinen Vorgesetzten vorbrachte, schätzten diese, dass es das gesamte Budget über 5000 Dollar erhöhen würde. Seine Bosse bei CBS hatten festgelegt, dass nicht mehr als 50.000 Dollar, und keinen Penny mehr, ausgegeben werden dürfe. (Barron fühlte sich schrecklich. Er war so begeistert von diesem Konzept gewesen, und er wollte auch Michael nicht enttäuschen.) In dem Fall rief Michael ihn nur einige Stunden vor dem Beginn der Aufnahmen an und teilte ihm mit, dass er die Schaufensterfiguren doch nicht einsetzen wolle.

Willa: Und ich denke, er hatte Recht. Eine große Tanznummer funktioniert in Beat It oder Thriller, aber ich denke nicht, dass es in die eher intime Stimmung von Billie Jean passt.

Diese Geschichte deutet außerdem an, dass Michael Jackson in Billie Jean betreffende Entwicklungskonzepte und Entscheidungsfindung (das Treffen von Entscheidungen) involviert war – schließlich waren die tanzenden Schaufensterfiguren seine Idee und er verwarf sie auch wieder.

Nina: Hier ist das, was wir in diesem Blick auf die Straße statt der tanzenden Schaufensterfiguren und des Schneiderateliers zu sehen bekommen:

 

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Interessanterweise verriet Michael einst einem Interviewer, dass er eine Sammlung von Schaufensterfiguren zu Hause in Hayvenhurst habe. Er sagte, so könnte er sich selbst „begleiten“. Sie konnten also „Gesellschaft“ für ihn darstellen, wenn er allein war, aber sie konnten ihm auch in seinen Musik- und Tanznummern als „Begleitfiguren“ dienen – als Mitreisende.

Willa: Das ist interessant. Ich frage mich immer, ob er diesen Figuren Rollen zugewiesen hat, mit denen er interagieren konnte, wenn er seine Songs und Filme kreierte. Ich habe mich zum Beispiel immer gefragt, ob eine dieser Figuren Billie Jean darstellt. …

Nina: In einem Kommentar zu unserem letzten Post hat Raven den Einsatz von Schwarz-Weiß-Bildern und Farbbildern in ein und demselben Film überdacht. Sie erwähnte, dass auch in The Wizard of Oz (Der Zauberer von Oz) Schwarz-Weiß-Bilder eingesetzt werden, um Dorothys Alltagsleben auf der Farm in Kansas darzustellen. Als Dorothy dann aber erst mal in Oz ankommt, wechselt der Film auf Farbe um.

Filmemacher spielen oft mit einer Kombination aus schwarz-weißen und farbigen Sequenzen herum. Manchmal wird es auf eine schematische Weise gemacht, indem die Schwarz-Weiß-Sequenzen die Alltagsrealität einer Rolle darstellen, während die farbigen Bilder für Traumsequenzen oder Halluzinationen reserviert sind, oder umgekehrt. In experimentelleren Filmwerken, die weniger auf Erzählungen basieren (wie die Filme, die ich gemacht habe), wird die Wahl wahrscheinlich weniger durch ein erzählerisches Konzept von Raum, Zeit und Schauplatz bestimmt.

Jetzt, da wir von The Wizard of Oz reden (nach all diesen Jahrzehnten immer noch ein kraftvoller und nachhallender Film), fällt mir ein, dass ich jedes Mal ganz stark erinnert werde, wenn ich den Short Film Billie Jean ansehe: aus gänzlich unterschiedlichen Gründen, weitgehend „irrationalen“. Die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Filmen haben fast gar nichts mit der Geschichte der beiden Filme zu tun. Es ist ein rein visueller Zusammenhang. Die gefühlte Verbindung zwischen den beiden Filmen ergibt sich für mich ganz einfach aus der Art, wie einige der Bilder aussehen und welches Gefühl sie vermitteln.

Da gibt es eine unvergessliche Kameraeinstellung in The Wizard of Oz von 1939, als die vier Figuren (Dorothy, Vogelscheuche, Blechmann und Löwe) sich, mit einem Feld voller Mohnblumen vor sich, der noch in der Entfernung befindlichen Szenerie von Emerald City nähern.

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Dagegen haben wir in The Wiz (das, wie wir wissen, Michael Jackson und Diana Ross zeigt) eine weitere Darstellung der Yellow Brick Road als eine Vorstellung der in der Entfernung liegenden Stadt – die in etwa so wie Manhattan aussieht:

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Wenn wir die Stadtansicht in Billie Jean betrachten, dann fällt es mir als eine Art Anti-Oz oder wie ein umgekehrtes Oz auf. Wir erhalten denselben Eindruck eines tiefen Raumes, mit der Figur im direkten Vordergrund und der Stadt in einiger Entfernung hinter ihr. Obwohl wir die Perspektive nicht so deutlich erkennen können, können wir in diesem Bild trotzdem dieselbe Art der Ansicht, mit einer Stadt im Hintergrund, erkennen.

Auch das Farbschema steht in Billie Jean in scharfem Kontrast zu den „Yellow Brick Road“-Szenen aus den anderen Filmen: Hier ist es mauvefarben statt grün oder gelblich. Und anstatt einer gelben Straße aus Pflasterstein oder einem Feld von Mohnblumen, von wo unser Auge unerbittlich in eine Zukunft geführt wird, die hoffentlich heller sein wird, sehen wir ein graues Band eines düsteren Gehwegs, der sich hinter Michael erstreckt, während er tanzt: der lange Gehweg, der aus der Stadt herausführt“, wie Barron es beschreibt. In der Mitte des Weges ist nichts als eine große, dunkle, unheilvolle Leere.

 

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Willa: Das ist faszinierend, Nina! Sie sind visuell gesehen wirklich sehr ähnlich, nicht? – aber auf umgekehrte Art, wie du sagst. Du kannst das „Band des düsteren Gehwegs“ erkennen, das sich in der Entfernung hinter ihm wie ein unheilvoller Gegensatz zu der gelben Straße aus Pflasterstein, der Yellow Brick Road, in The Wizard of Oz erstreckt. Und er entfernt sich gerade von der Stadt hinter ihm anstatt auf sie zuzugehen.

Nina: Ja, Willa. Die Zusammensetzung dieses Bildes wurde natürlich niemals entworfen, um irgendwie so auszusehen wie das, was wir aus den früheren Filmen kennen, und ich bin ziemlich sicher, dass die makellose, strahlende Sauberkeit von Emerald City niemals als Teil der Empfindungen in Billie Jean und dessen geplanten Szenario geworden wären. Die Stadt hinter Michael in Billie Jean scheint nur als grobe Skizze gemeint zu sein, nicht als detaillierte Darstellung. Aber die „Beschaffenheit des Geländes“ hier, impliziert, wie in seinen anderen Filmen, ein Gefühl für Zeit, dass sich durch Raum ausdrückt, durch tiefe Perspektive, mit einer Stadt im Hintergrund. In keinem anderen Film von Michael, an den ich mich erinnere, wird das Räumliche auf solch eine große Ausdehnung der Landschaft oder der Stadtlandschaft dargestellt.

In Billie Jean ist es so, dass das Städtische als Ort, im Gegensatz zu diesen anderen Filmen, ein Schauplatz ist, der die fast zwanghafte Angst wegen der Vorkommnisse in der Vergangenheit der Hauptperson enthüllt, statt seiner Hoffnungen für die Zukunft – oder eigentlich auch seine Fähigkeit die Gegenwart zu genießen. Und er verhält sich in diesem Raum auf ambivalente Art. Die Art, auf die er ständig um sich blickt, während er die Straße hinunterschlendert, scheint zu zeigen, dass diese Gegend nicht sein Zuhause ist, und dass er sich hier nicht unbedingt wohl oder sicher fühlt. Er ist trotz seiner scheinbaren Lässigkeit und unbekümmerten Posen eine Art Fremder.

Willa: Ja, obwohl er auch selbstsicher wirkt – und das ist im Grunde eine Gemeinsamkeit vieler seiner Videos: einerseits gehört er zu der Situation, in der er sich befindet, und andererseits auch wieder nicht. Man erkennt das in Beat It und Bad und The Way You Make Me Feel und In the Closet und Stranger in Moscow und Ghosts und vielen anderen Kurzfilmen. Ich nenne gerade nur die, die mir spontan eingefallen sind – ich bin sicher, es gibt sehr viel mehr. Und in jedem dieser Fälle bewegt er sich selbstsicher, als würde er die Gegend durch und durch kennen, und doch ist etwas Anderes an ihm, das ihn unterscheidet, als würde er da nicht wirklich hingehören oder als wäre er nicht wirklich Teil dieser Welt. Ich spüre das definitiv in Billie Jean – und diese bedrohliche Stadtansicht im Hintergrund verstärkt diesen Eindruck noch.

Nina: Ich denke, das ist wahr, Willa – überall wo er hingeht, gehört er sowohl dazu als auch wieder nicht. Hier ist er (um sein Gedicht „Planet Earth“ in Dancing the Dream zu zitieren) „eine unberechenbare Besonderheit im Ozean des Weltraums“.

In Billie Jean und anderen Kurzfilmen verschwindet er am Ende einfach oder macht sich auf andere Weise in die Isolation von anderen, mit denen er für eine begrenzte Zeit befreundet war oder mit denen er getanzt hat, davon. Die größere Gemeinschaft, in die er hineingestolpert ist, kann (oder will) ihn auf lange Sicht nicht in ihren eigenen Staatskörper einbeziehen. Er erscheint „nicht anpassungsfähig“. Und doch zieht sich seine nicht reduzierbare Distanzierung von einem Film zum nächsten.

Da gibt es die Filme, in denen er sich einer radikalen Transformation seiner physischen Person unterzieht – mir fallen dabei spontan Thriller und Ghosts ein, aber es gibt da neben anderen auch noch Remember the Time, die Koda von Black or White und Speed Demon. In anderen Kurzfilmen wie Beat It, Bad und The Way You Make Me Feel verändert sich seine soziale Rolle innerhalb einer Gruppe von Gleichgesinnten zum Nutzen der ganzen Gruppe dramatisch. Ungeachtet der Einzelheiten, er erweist sich als Initiator einer Gruppenaktivität – oder eines Rituals – durch das er andere inspirieren oder anführen kann. Aber am Ende kann er selbst nicht die Früchte seiner eigenen Arbeit, die Vorteile dessen, was er erzeugt hat, genießen: Er muss gehen. Und dies ist tragischerweise in gewissem Sinn die wahre Lebensgeschichte der letzten Tage und Wochen von Michael Jackson, als er 2009 im Staples Center für This Is It geprobt hat.

Willa: Ja, so ist es, und es ist in gewissem Sinn auch die Geschichte von Peter Pan. Kein Wunder, dass er sich so stark mit ihm identifiziert hat …

Nina: Ja. Und die in der Entfernung liegende Stadt ist eine gemalte Kulisse, deren Umrisse du erahnen kannst, wobei die Details aber undeutlich sind. Wir fragen uns, was da draußen ist. Ist Michael aus diesem anderen Teil der Stadt gekommen – möglicherweise dem „Armeleuteviertel“ – in die andere Umgebung mit seinem Herrenausstatter, dem Fotogeschäft und „Ronald’s Drugs“? Wir bemerken hier sogar eine Botschaft über städtische Aufwertung, da es sogar 1982 eine Angelegenheit des öffentlichen Interesses wurde. Warum nicht?

Willa: Es scheint zwischen ihm und diesem Ort, an dem er sich hier wiederfindet einen finanziellen oder ökonomischen Unterschied zu geben. Er hat Geld in der Tasche (das er mit dem Bettler teilt) und er trägt elegante Kleidung, aber Billie Jean lebt in einer kleinen Etagenwohnung, an einem Ort, an dem Saufbrüder auf der Straße schlafen, wo Nachbarn auf engem Raum leben und eine Frau mit Lockenwicklern beobachtet, wie er die Stufen zu Billie Jeans Apartment hochsteigt.

Nina: Aber es hört sich an wie eine Beschreibung dessen, wie ich in Manhattan gelebt habe … 1982! In genau dem Jahr zog ich in ein untervermietetes Zimmer. Es war eine Etagenwohnung in einem abgewohnten Mietshaus, dessen Mieter (der mir zu der Zeit nicht bekannt war) ein reicher Erbe war. Es war auf der zur damaligen Zeit von vielen, obwohl aufstrebend, als „Slum“-Gegend angesehenen Lower East Side. Auf der Straße lebende Obdachlose waren allgegenwärtig, und es war nicht ungewöhnlich, junge gut gekleidete Leute zu sehen, die samstagsabends spät aus den Clubs kamen und ihnen Geld zusteckten. Trust-Fund Babies (Anm. d. Übers.: Junge Erben, für deren Lebensunterhalt von Geburt an gesorgt ist), die sich unters gemeine Volk mischten, Künstler der Mittelklasse und der Arbeiterklasse, Clubgänger, sich abmühende dominikanische und puerto-ricanische Familien, Obdachlose aller Art – dies alles konnte man nur um ein einziges Apartment-Gebäude herum finden. So war New York City in den frühen 80ern, wie ich es erlebt habe. Wenn man es also auf diese Art betrachtet, dann ist die ganze Kulisse aus Billie Jean – durch seine Ausstattung und durch das Styling seiner Hauptfigur – wenn auch bis zu einem expressionistischen Punkt hochstilisiert, irgendwie lebensnah für mich!

Willa: Und natürlich lebte Michael nur wenige Jahre zuvor während der Dreharbeiten zu The Wiz in New York City. Vielleicht hat er also einfach an seine Vorstellung an diese Zeit angeknüpft …

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Nina: Aber um noch einmal auf die missliche Lage unseres einsamen Helden-Darstellers zurückzukommen: Er kann nicht erwartungsvoll auf einen Ort voller Hoffnung zusteuern – wie es die Figuren in The Wizard of Oz und The Wiz tun. Ganz im Gegensatz zu denen, die glücklich auf der Yellow Brick Road einer imaginären utopischen Zukunft entgegentanzen, scheint die mauvefarbene Stadt – die man Michael nie betreten oder verlassen gesehen hat – deutlich ein düsterer Ort zu sein. Zeitungen und anderer verstreuter Abfall werden vom Wind herumgewirbelt und erinnern an die Straße, auf der Michael die Coda des Films Black or White darstellt. Zwischen Michael und der entfernt liegenden Wohngegend der mauvefarbenen Stadt – dem „langen Fußweg, der aus der Stadt herausführt“, wie Barron es nannte – sehen wir nur eine dunkle, trostlose Leere, unzweifelhaft giftiger als das Feld voller Mohnblumen, das (zeitweise) die vier Helden aus The Wizard of Oz lahmlegte.

Ich habe lange in der Inszenierung verweilt, denn sie ist in Billie Jean, ebenso wie in Michael Jacksons anderen Filmen, auf unzählige Arten so intensiv beschreibend und atmosphärisch: fast wie ein Traum. Die Details dieser Szenen bilden nicht nur eine Kulisse für die Rolle, die Michael Jackson spielen wird – nein, sie beziehen sich auch auf so viele Geschichten, Historien und Bilder außerhalb der unmittelbaren Geschichte in diesem Film. Willa, du und Eleanor Bowen, ihr habt dies so eindringlich in eurer faszinierenden, dreiteiligen Serie über den HIStory Teaser herausgearbeitet. Und sogar in einem Film wie Billie Jean, der sich scheinbar weniger auf offensichtlich politische und historische Referenzen bezieht (oder zumindest weniger bewusst), können wir trotzdem so viele assoziative Verbindungen finden, die nicht rein persönlich sind, sondern die ebenso als allgemeine, kulturelle Maßstäbe gelten. Dies ergibt sich, wenn wir die Filme ansehen, ob sie nun von Michael Jackson und seinen Mitarbeitern beabsichtigt waren oder nicht.

Auch ist es so, dass ich die meisten erzählerischen Filme (die konventionellen jedenfalls) als einen gewaltigen Mechanismus empfinde, der unsere Wahrnehmungen für Zeit und Raum reguliert. Und alle drei Filme – The Wizard of Oz, The Wiz und Billie Jean – sind keine Ausnahmen. Auf ganz bestimmte Art befassen sich alle drei mit der Verräumlichung von Zeit.

In The Wizard of Oz zum Beispiel suchen die Charaktere nach einem „Zuhause“. Eifrig laufen sie ihrer imaginären Zukunft entgegen, der durch die leuchtende, makellose Stadt eine feste Form verliehen wird. Der Einsatz von filmischer Schärfentiefe und deren Abbildung der Perspektive von tiefem Raum in diesen Einstellungen – möglich durch bestimmte Arten von Linsen – impliziert auch, dass diese Figuren gerade so lange, wie sie auf Kurs der Yellow Brick Road bleiben, Zugang haben zu einer Zukunft.

Willa: Oh interessant, Nina. Emerald City ist also weit entfernt, aber sichtbar in The Wizard of Oz – und in The Wiz ebenso – genauso wie ihre vielversprechende Zukunft zwar entfernt, aber sichtbar oder vorstellbar ist?

Nina: Ja, Willa, das ist eine gute Feststellung. Beide liegen entfernt in Raum und Zeit. In The Wizard of Oz ist die entfernte, leuchtende Stadt selbst nur aufgrund dessen wichtig, wer da residiert: der Zauberer, von dem sie erwarten, dass er sie in ihr jeweiliges Zuhause zurückbringt. Er wird Dorothy dahin bringen, wohin sie rechtmäßig gehört; er wird die fehlenden Organe der Vogelscheuche und des Blechmannes wieder herstellen; und er wird den Löwen mit einem Charakterzug ausstatten, der von seiner Gattung als „angemessen“ betrachtet wird und den das arme Tier aber offensichtlich sein ganzes Leben lang vermisst hat.

Auf all diese Arten sehnen sich diese Figuren nach einem Zeichen der Heimkehr als Rückkehr zur Normalität, zu einer imaginären Stabilität, zur „ordnungsgemäßen“ Abfolge der Dinge, denen sie in der Zeit ihres Exils folgen. Während sie sich räumlich gesehen auf ihre Zukunft zubewegen (zum Ende der Yellow Brick Road oder dem Goldschatz am Ende des Regenbogens), hoffen sie zu ihrer jeweiligen Vergangenheit zurückkehren zu können, wo etwas, was sie verloren haben, für sie wiederhergestellt wird. Zumindest Dorothy hat ein Zuhause, in das sie zurückkehren kann – das haben wir gesehen. Und so entwickelt sich die Geschichte als eine Suche nach dem Kansas in ihrer Erinnerung.

Aber anstatt der Darstellung eines Vorwärtsdrängens in der Bedeutung von „nach Hause“ zurückkehren, geht es bei der Story von Billie Jean um Weglaufen – einer schmerzhaften, jedoch notwendigen Flucht vor dem nicht zu bewältigenden Optimismus. Dieser Rückzug wird die Hauptfigur zwangsläufig gegen seine Mitmenschen aufbringen, ihn mit ihnen „aus dem Takt bringen“.

Willa: Dorothy, die Vogelscheuche und die anderen bewegen sich also nicht so sehr der Zukunft wie der Vergangenheit entgegen – oder einer Zukunft, die die Vergangenheit zurückholt. Aber die Figur des Michael Jackson versucht der Vergangenheit zu entfliehen – besonders der Verstrickung mit Billie Jean. Also noch einmal, Billie Jean beschwört Gedanken an The Wizard of Oz herauf, kehrt sie dann aber um. Interessant!

Nina: Ja. Im Grunde scheint der Themenstrang von Michaels Songs, wenn man diese im Zusammenhang mit seinen öffentlichen Statements sieht, mit den unumkehrbar abträglichen Auswirkungen von Zeit belastet zu sein. Es gibt keine Möglichkeit, zeitlich zurückzugehen, um diese Wunden zu heilen, und es wird auch keine Möglichkeit geben, an einen Ort namens „Zuhause“ zurückzukehren, der für Michael Jackson die Erlösung von seiner verlorenen Kindheit bedeuten würde.

Willa: Aber obwohl ihm bewusst ist, dass es nicht möglich ist an einen „Ort, den man ‚Zuhause‘ nennt“, zurückzugehen, wie du sagst, ist das Verlangen zurückzugehen ganz sicher da. Diese Sehnsucht zieht sich durch sein gesamtes Werk.

Nina: In der Tat, es ist eins seiner großen Themen – im Grunde wahrscheinlich das bedeutendste Thema seines Gesamtwerks. Der Film für Billie Jean „bildet also den Rahmen“ für einen jungen Mann, der der mauvefarbenen Stadt, die er vor kurzem verlassen hat (Sodom und Gomorrah?), entschlossen den Rücken kehrt, und ihr eben nicht zugewandt ist. Für ihn ist sie ein Ort, der ihn für immer heimsuchen wird, eingetrübt durch schlechte Erinnerungen und Vorstellungen. Michael scheint ein permanentes Exil vorbestimmt zu sein: Obwohl er eindeutig nicht mittellos ist, ist er faktisch so „obdachlos“ wie der obdachlose Mann, dem er begegnet und hilft und den er seine magische Großzügigkeit in Form einer sich drehenden Münze spüren lässt.

Willa: Oh, das ist eine interessante Verbindung, Nina.

Nina: Ein paar Jahre zuvor hatte Michael Jackson (und deshalb in der ersten Person „erzählt“) einen Song mit dem Titel „Bless His Soul“ („Preise seine Seele“), den er gemeinsam mit seinen Brüdern für das 1978 erschienene Destiny Album schrieb, gesungen:

Manchmal weine ich, weil ich verwirrt bin
Spricht dies für die Tatsache, dass ich ausgenutzt werde?
Da ist überhaupt kein Leben für mich
Weil ich mich selbst auf Abruf zur Verfügung stelle

(Sometimes I cry ´cause I’m confused
Is this a fact of being used?
There is no life for me at all
Cause I give myself at beck and call)

Unser Held scheint auf eindringliche Weise durch seine magischen Fähigkeiten die Kraft zu haben, anderen zu helfen, aber nicht sich selbst, und dies ist auch eine gleichnishafte Geschichte, die traurigerweise viele Elemente aus Michaels eigener Lebensgeschichte berührt. Er scheint unwiderruflich etwas verloren oder geopfert zu haben, das er niemals wieder zurückerlangen kann. Und so gibt es nichts für ihn, dem er glücklich entgegenlaufen kann, keine offenkundige Erlösung für das, was ihn in all seiner mysteriösen Entfremdung und seinem Anderssein plagt. Unfähig, auf jemanden zu bauen, der ihn „retten“ kann (sogar Lisa Marie versuchte dies und schaffte es doch nicht), muss er sein eigener Zauberer sein, ebenso wie sein eigener Löwe, seine Vogelscheuche, sein Blechmann und Dorothy.

Und so manifestiert sich die grundlegende Tragödie dieses Songs, so wie es hier dargestellt wird, nicht nur in seiner Musik und seinen Lyrics, sondern auch -ganz besonders- in der Inszenierung seiner filmischen Bearbeitung. Ein Gefühl von Angst durchdringt das Ganze, zerreisst sogar zeitweise die irgendwie cartoonartige Machart des Films. Und ich finde es interessant, dass viele Kritiker, die (wahrscheinlich auf unfaire Art) dem Gedanken der „Paranoia“, die sie in Michaels späterer Musik aufkommen sahen, nachhingen – besonders vom HIStory Album an – bemerkten, dass die Themen des Gejagdwerdens, Verfolgtwerdens, Gequältwerdens, Ausgenutztwerdens und Belagertwerdens bereits 1982 mit Billie Jean begannen.

Willa: Ja, das haben sie – und ohne viel Einfühlungsvermögen oder Verständnis dafür, woher diese Gefühle des „Gejagdwerdens, Verfolgtwerdens, Gequältwerdens, Ausgenutztwerdens und Belagertwerdens“ kamen. Es war keine Paranoia – es war sein Leben.

Nina: Trotz der Freude, die wir durch Michael, der uns mit seinen erstaunlichen Performances, seiner Schönheit und seinen großzügigen Taten „beschenkt“ hat (ganz zu schweigen von seinem hübschen rosafarbenen Hemd und der süßen roten Fliege) selbst erfahren, hält das Unbehagen, das wir ihm (dem Film) gegenüber verspüren, an. Es ist in die visuelle und gefühlsmäßige Struktur des Films eingraviert: seine Farben, seine verwinkelte, räumliche Struktur und sogar der Geruch der Straßen – den wir intuitiv durch all unsere Sinneswahrnehmungen erkennen.

Nebenbei gesagt lohnt es sich Salman Rushdies Buch über The Wizard of Oz (BFI Film Classics), in dem er Themen wie Kindheit, Exil und – für jeden von uns – die Unmöglichkeit, jemals zu unserem „trauten Heim“ zurückkehren zu können, zu lesen.

Willa: Das werde ich. Und, Nina, ich bin sprachlos. Ich habe niemals zuvor diese Gedanken zu Billie Jean gehabt. Ich habe es die vergangenen 30 Jahre unzählige Male angesehen, aber du hast mir die Augen dafür geöffnet, diesen Film auf eine völlig neue Art zu sehen und zu erleben. Ich danke dir so sehr, dass du hier warst!

Nina: Und ich danke dir, Willa, dass du mir die Möglichkeit dazu geboten hast!

Übersetzung: Ilke

Interview mit Michael zur Gründung der Heal The World Foundation

Ein schriftliches Interview mit Michael, über die Ziele, Aufgaben und die Struktur der Heal The World Stiftung, die er am 30.9.1992 in Bucharest, Rumänien offiziell ins Leben rief.

 

Heal The World Logo

Für was steht die Heal The World Stiftung?

Michael: Die HTW Stiftung ist eine internationale Stiftung, die ich gegründet habe um meinen Aktivitäten und Bemühungen, die (Lebens)Bedingungen auf unserer Welt zu verbessern, einen Rahmen zu geben, um sie zu bündeln und zu leiten.

Was sind die Ziele der HTW Stiftung?

Michael: Die Welt zu heilen, sie zu einem besseren, lebenswerteren Ort zu machen, und um einen harmonischen Planeten zu erschaffen. Unser Ziel ist es dabei zu helfen, die Lebensbedingen auf viele Arten zu verbessern. Dazu zählen die pädiatrische Medizin; die Verbesserung von Bildungsmöglichkeiten; Hunger, insbesondere bei den Kindern dieser Welt, zu vermindern; Drogen- und Alkoholmissbrauch zu beseitigen; Gewalt gegen Kinder zu beenden; sowie den Menschen zu vermitteln, dass wir alle Eins sind, Gottes Kinder, die einander lieben und in Harmonie miteinander leben.

Wie ist die Stiftung organisiert? Wer kontrolliert sie?

Michael: Es handelt sich um eine gemeinnützige Gesellschaft, kontrolliert durch ein Aufsichtsratsgremium.

Was war der Auslöser für die Gründung der Heal The World Stiftung?

Michael: In jeder Minute sterben mindestens 28 Kinder. Allein im Jahr 1992 werden 14 Millionen Kinder sterben, viele davon an vermeidbaren Krankheiten, oder als Opfer von Gewalt. Im letzten Jahr gab es allein in den USA 2,6 Millionen Fälle von Kindesmissbrauch… das ist ein Zuwachs von 117% im letzten Jahrzehnt. In jeder Sekunde werden Wälder in der Größe eines Fussballfelds abgeholzt. Mir wurde klar, dass ich nicht alleine tätig werden kann und dass die beste Möglichkeit, gegen diese abscheulichen Dinge vorzugehen darin besteht, eine internationale Stiftung zu gründen, die Menschen zusammenbringt und als Einheit handeln lässt. Durch HTW und die Unterstützung vieler engagierter Menschen aus allen Nationen, können wir die Welt gemeinsam heilen!

Warum noch eine weitere Wohltätigkeitsorganisation?

Michael: Ich wollte eine Organisation gründen, um die Anliegen der Kinder der Welt zum Ausdruck zu bringen und um Lösungen für unsere Probleme vorzuschlagen. Unsere Kinder sind unser höchstes Gut.

Wird HTW mit anderen Organisationen zusammenarbeiten?

Michael: Ja. HTW soll eine schlanke Struktur beibehalten und keine große, teure Verwaltung bekommen, Um die Effektivität zu maximieren, wird HTW bei besonderen Projekten mit anderen Organisationen zusammenarbeiten, die schon Erfahrung mit bestimmten Dingen haben, um dann diese bestehende Erfahrung und Infrastruktur zu nutzen.

Wer wird die Stiftung strukturieren?

Michael: Das Aufsichtsratsgremium.

Wie werden die Kinder ausgewählt?

Michael: Zum Beispiel in Zusammenarbeit mit einer Organisation, mit schon etablierter Zuverlässigkeit, Erfahrung und Infrastruktur, wie es selbstverständlich auch war, als die Youth Clubs UK Heal The World dabei unterstützten, die Kinder für den vor kurzem durchgeführten Europäischen Kinderkongress auszuwählen.

michael jackson Childrens Congress 92

  • Europäischer Kinderkongress in London, August 1992 

Existiert ein globales Kinder-Netzwerk?

Michael: Das ist mein Traum, und ich engagiere mich sehr dafür, dass es Wirklichkeit wird – die ganze Welt eine einzige Nation.

Wie ist das Verhältnis zwischen den Kindern und denjenigen, die die Hilfsmittel verteilen?

Michael: Aus rechtlichen Gründen können die Kinder nur eine beratende Funktion ausüben und das Aufsichtsratsgremium entscheidet, wie die Mittel verteilt werden.

Wird es auch einen Afrikanischen- oder Asiatischen Kinderkongress geben?

Michael: Ja.

Warum sollten Kinder auch eine Stimme haben?

Michael:Seit Menschengedenken haben Erwachsene alle Entscheidungen über wichtige Angelegenheiten getroffen – die Leitung von Familien, Menschen, Regierungen, der Welt. Die Welt hat sehr gelitten. Mutter Erde wurde brutal und rücksichtslos verwüstet. Unsere Welt leidet an Rassismus, Hunger, Armut, Krieg, Krankheiten, Drogenmissbrauch, Gewalt gegen Kinder, um nur einiges zu nennen. Es ist Zeit für eine Veränderung – es ist Zeit, unser wichtigstes, wertvollstes und kreativstes Gut einzubeziehen… UNSERE KINDER.

Michael Jackson Romania

Sagen Sie etwas über den Children’s Day (Kindertag).

Michael: Wir haben Muttertag, Vatertag etc., aber es gibt keine Würdigung für unsere wertvollsten und liebsten Seelen – unsere Kinder. Ich tue alles dafür, die Führer der Welt darin zu bestärken, einen Weltkindertag einzuführen.

Warum misshandeln Erwachsene Kinder und wie kann man diese Grausamkeit stoppen?

Michael: Viele der Probleme entstehen durch eine problematische Erziehung der Eltern, Ignoranz und unzureichender Bildung. Eines der Kinder, acht Jahre alt, schlug vor, von Kindern gestaltete Bücher und Videos zu produzieren, die dabei helfen, Erwachsene auszubilden.

Haben Sie den Rat anderer Organisationen eingeholt?

Michael: Heal The World wird regelmässig beraten und wir sind unter anderem schon im Dialog mit Romanian Angel Appeal, Romanian Orphanage Trust und Youth Clubs UK.

Ist das ein weiteres Live Aid?

Michael: Nein, Live Aid hatte ein bestimmtes Ziel. HTW hat eine Mission – die Welt zu heilen – darin sind viele Probleme enthalten. Ich hoffe, ich lebe lange genug um zu erleben wie einige, oder besser noch alle diese Probleme, gelöst werden.

Wenn man sich das Ausmaß der Probleme, zum Beispiel das Welthungerproblem und die Kriege, ansieht, kann HTW dann wirklich etwas dazu beitragen, die Welt zu heilen?

Michael: Vielleicht bin ich nicht in der Lage, während meiner Lebenszeit alle Probleme zu lösen, aber man muss doch irgendwo anfangen. Ich glaube ganz fest daran, dass wir, mit Unterstützung sozial engagierter Menschen aus aller Welt, unsere Mission, die Welt zu heilen, erfüllen können und werden. Wir müssen daran Glauben und uns alle gemeinsam ganz der Sache widmen.

In welchem Mass sind Sie daran beteiligt?

Michael: Ich kümmere mich sehr um die Stiftung und ihre Anliegen. Ich sehe das als meine wichtigste Mission auf dieser Erde und werde mich dafür einsetzen, so lange ich lebe.

Wann wird Heal The World offiziell eingeführt werden?

Michael: Am 30 September 1992 in Bucharest, Rumänien.

Wird es eine weitere Organisation sein, die allgemeine Projekte bezuschusst?

Michael: Nein, wir werden nicht allgemeine Projekte unterstützen. Wir beabsichtigen, spezifische Programme und Projekte zu finanzieren, die klar definiert sind und ein bestimmtes Ziel haben.

Wo wird der Sitz der Stiftung sein?

Michael: Zuerst in Los Angeles und London, aber es wird bei Bedarf auch Büros in anderen Ländern geben.

Welche Rechtsform hat HTW?

Michael: Die Heal The World Foundation USA ist eine gemeinnützige Wohltätigkeitsorganisation, mit Sitz in den USA. Die Heal The World Foundation UK ist eine Wohltätigkeitsorganisation mit beschränkter Haftung nach britischem Recht.

In wie vielen Ländern wird HTW vertreten sein?

Michael: Unser Ziel ist, irgendwann in jedem Land vertreten zu sein.

Wer sind die Schirmherren oder Treuhänder?

Michael: Ausser mir sind im Aufsichtsrat noch Dr. D. Chopra, Barbara Davis, Bertram Fields, Guni und Mohan Murjani, Andrew Philips und Richard Sherman vertreten. Wir planen, den Aufsichtsrat in der Zukunft noch zu erweitern.

Wer berät den Aufsichtsrat?

Michael: Wir planen hauptsächlich mit zwei unterschiedlichen Arten von Beratern zu arbeiten. Das sind zum einen die Kinder (zwischen 8 und 16 Jahren), die uns dabei helfen werden die Probleme der Welt zu identifizieren und Lösungen auszuarbeiten. Zweitens wird HTW den Rat von Experten auf speziellen Gebieten suchen, wie z.B. Medizin, Umwelt, Erziehung usw., um besondere Anfragen zu bewerten und Projekte zu entwickeln.

Werden die unterschiedlichen HTW Organisationen in verschiedenen Länder die gleichen Aufsichtsrats Gremien haben?

Michael: Generell werden die verschiedenen Länder ihre eigenen Gremien haben, manche der Mitglieder werden jedoch überall vertreten sein, um die weltweiten Aktivitäten besser koordinieren zu können.

Wird HTW Mitarbeiter haben?

Michael: Ja, aber nur wenige.

Ist die HTW Stiftung eine Organisation, die mit Freiwilligen oder mit bezahlten Kräften arbeitet?

Michael: Es wird eine Kombination aus beidem sein und wir haben bereits viele Anfragen von freiwilligen Helfern bekommen.

Wann werden sie beginnen, die Gelder zu verteilen?

Michael: Bevor der offiziellen Gründung hat HTW bereits damit begonnen, Geld zu verteilen. Wir haben eine medizinische Hilfsorganisation aus 12 hochqualifizierten Ärzten und Chirurgen organisiert und einen Spielplatz für ein Kinderheim in Rumänien gespendet. Die Kinder dort litten sehr an den fehlenden Möglichkeiten, nach draussen zu gehen und zu spielen.

Michael Jackson Playground Romania 1992 HTW

Wie wird über die Aktivitäten von HTW Bericht geführt?

Michael: HTW wird regelmäßige Berichte über fertiggestellte und laufende Projekte abgeben.

Warum findet die Gründung in Bucharest statt?

Michael: Hinsichtlich der positiven politischen Veränderungen im kommunistischen Ost-Europa, des Lüften des „Eisernen Vorhangs“ und der enormen Nöte der Menschen in Rumänien, insbesondere der Kinder in Waisenhäusern, dachten wir, dass es förderlich sei, die Stiftung in Rumänien zu gründen, um mehr Aufmerksamkeit für die dortigen Probleme zu bekommen.

Was ist der HTW Kinderkongress?

Michael: Der HTW Kinderkongress besteht aus einer Gruppe von Kindern im Alter von 8 bis 16 Jahren, aus allen Teilen der Welt. Sie fungieren als Berater der Stiftung und sie sollen helfen, von ihrem Standpunkt aus die Probleme der Welt und deren Lösungen zu finden. Wir hoffen auch, dass der Kongress dabei hilft, ein Programm zu entwickeln, das die Kinder der Welt mobilisiert, um gemeinsam an Lösungen der herausgearbeiteten Probleme zu arbeiten.

Was war Ziel des europäischen Kinderkongress in London?

Michael: Da ich mich auf Welt-Tournee in Europa befand, war es eine gute Möglichkeit, die Kinder zu versammeln um bei der Planung der Stiftung zu helfen. Die Ergebnisse waren von unschätzbarem Wert und dienen zudem als Grundlage des für im Frühjahr 1993 auf meiner Neverland-Ranch in Kalifornien geplanten Weltkongress.

Childrens Congress Neverland 1995

  • Kinderkongress Neverland (1995) 

Was genau haben sie erreicht?

Michael: Am allerwichtigsten für diese Arbeit ist, dass ich den Kindern zuhöre – sie nicht bevormunde, sondern ihnen zuhöre. Sie haben soviel zu sagen, und wir bekamen unbezahlbares Material, bezüglich ihrer Sicht auf die Probleme der Welt und deren Lösungen, welche die Stiftung ernsthaft überdenken und beim Weltkongress im Frühjahr weiter ausarbeiten wird.

Was denken Sie, das Kinder können, aber Erwachsene nicht?

Michael: Kinder haben weniger Vorurteile und eine frische Sichtweise, ihre Perspektive ist für HTW sehr wertvoll.

Wird sie wirklich von Kindern geführt werden?

Michael: Der Kinderkongress in London wurde von HTW organisiert und von Kindern durchgeführt. HTW wird von einem Aufsichtsrat geführt, der von Kindern beraten wird. Es funktioniert nur dann richtig, wenn Kinder aktiv beteiligt sind.

Wie werden die Projekte ausgewählt?

Michael: Durch den Kongress werden Kinder uns entsprechend beraten. Ausserdem werden unsere anderen Berater-Komitees, die sich aus Experten aus aller Welt zusammensetzen, auch ihre Empfehlungen an den Aufsichtsrat abgeben, der dann die Entscheidungen trifft.

Wie werden sie umgesetzt?

Michael: Wie schon zuvor gesagt, durch Organisationen mit entsprechenden Erfahrungen und funktionierender Infrastruktur.

Wird HTW Geld sammeln?

Michael: Ja.

Können Sie ihr Programm zum Sammeln von Spenden beschreiben?

Michael: HTW wird Spenden von Institutionen und Firmen und Privatpersonen sammeln. Ein weltweiter Spendenaufruf ist sowohl für mein Konzert in Bucharest als auch für die Übertragung meines Auftritts beim Super Bowl im nächsten Januar geplant. Zudem hoffen wir auch auf Einnahmen durch den Gebrauch des HTW Logos, durch Merchandising und Sponsoren und durch Spendenaktionen, die überall auf der Welt von lokalen Gremien organisiert werden.

Wie können sie helfen?

Michael: Einmal, in dem sie spenden und ihre Dienste freiwillig anbieten, aber was noch wichtiger ist, indem man einander liebt, so wie Gott dich liebt – den Hass zu vergessen und stattdessen an diejenigen zu denken, die leiden – für sie zu beten und ihnen so gut zu helfen, wie man kann.

Was tun Sie, um sich zu engagieren?

Michael: HTW ist meine Herzenssache. Es ist meine wichtigste Mission. Ich habe der Stiftung schon umfangreiche Schenkungen gemacht und so lange ich lebe, werde ich mich dafür einsetzen, die Welt zu heilen.

Werden Sie etwas an dem Song Heal The World verdienen?

Michael: Ich schrieb dieses Lied für die Welt und habe alle Rechte daran der Stiftung übertragen. Alle Gewinne aus dem Song Heal the World gehen an die Stiftung – ich werde nichts daran verdienen.

Wird das Geld, das in einem bestimmten Land gesammelt wird auch in diesem Land eingesetzt, oder wird es für andere Projekte verwendet?

Michael: Das Geld geht dahin, wo es am dringendsten gebraucht wird, an die bestmöglichen Projekte. HTW trifft keine Entscheidungen auf Grund von Rasse, Religion oder Nationalität. Wo immer auf der Welt Kinder in Not oder Gefahr sind, wird HTW alles tun, um zu helfen.

HealTheWorldChile93

Wie viel Prozent der eingenommenen Spenden kommen wirklich der Sache zugute?

Michael: HTW folgt dem Prinzip, die Organisation so schlank wie möglich zu halten. Deshalb wird der größte Anteil der Spenden auch für die entsprechenden Projekte zur Verfügung stehen. Dennoch werden wir sicherstellen, genug Mittel einzusetzen, dass ein hochmotiviertes und best möglichstes Management-Team für die Stiftung arbeiten wird.

Wie können Firmen mit HTW in Verbindung kommen?

Michael: Durch Spenden, Lizenzen und Sponsoring.

Ist das ein weiteres Werbe-Event der Musik Industrie?

Michael: HTW ist kein einmaliges Charity-Event, sondern ein ernsthaftes, auf lange Dauer angelegtes Unterfangen, und ich glaube, dass es noch lange weiter bestehen wird, wenn ich nicht mehr hier sein werde. Ausserdem wird HTW in jedem Land der Welt vertreten sein.

Wie viele Platten und Videos werden verkauft werden?

Michael: Da alle Erlöse daraus an die HTW Stiftung gehen, hoffe ich, dass wir eine große Menge verkaufen und vorherige Rekorde brechen.

Welche Pläne haben Sie noch für den Song Heal The World?

Michael: Da jedes Land seine eigene Hymne hat, haben wir keine universelle Welt-Hymne.

Wie viel Geld werden Sie daran verdienen?

Michael: Keins. Ich habe für dieses weltweite Projekt viel gespendet, und werde auch für den Rest meines Lebens dafür spenden.

Wie kommt jemand aus dieser zynischen Musikindustrie auf so eine idealistischen Idee?

Michael: Ich bin zwar Entertainer, aber gleichzeitig auch ein sehr mitfühlender und sozialer Mensch. Ich habe mein ganzes Leben lang viel Zeit und Geld für Menschen in Not gegeben, und Heal The World ist das Ergebnis davon. Jetzt hoffe ich, dass weltweit jeder mitfühlende Mensch HTW dabei unterstützen wird, seine Mission zu erfüllen.

Ist das ein Plan, um Steuern zu sparen?

Michael: Nein, ich spende Geld.

Woher kommt dieser große Einsatz für Kinder?

Michael: Ich glaube, um die Welt zu heilen und globale Harmonie zu erschaffen, brauchen wir den Rat und die unvoreingenommenen Stimmen der Kinder. HTW wird dafür sorgen, dass dieses stattfinden wird.

Was empfinden Sie gegenüber Tieren, besonders denen, die gefährdet sind?

Michael: Ich empfinde für Tiere sehr ähnlich, wie auch für Kinder. Als erwachsene Menschen sind wir für dafür verantwortlich, dass sowohl Kinder als auch Tiere keine Not leiden müssen, nicht missbraucht oder Gefahren ausgesetzt werden. Ich hoffe, meine Verantwortung beiden Gruppen gegenüber zu erfüllen. Ich bin sehr darum bemüht.

Möchten Sie eigene Kinder haben?

Michael: Ich liebe Kinder, und ich hoffe es sehr.

Wie sehen Sie unsere Zukunft, die Zukunft unserer Welt?

Michael: Ich bin ein Optimist. Ich glaube, wir können viel tun, um die Zukunft zu gestalten, unsere Ziele zu erreichen und die Welt zu verbessern – eine Welt ohne Kriege, hoffentlich ohne schlimme Krankheiten, und, wenn möglich, ohne Grausamkeiten zwischen den Menschen. Ich hoffe, ich werde das Erreichen vieler dieser Ziele erleben. Falls nicht, möchte ich aber soviel dazu beitragen, wie ich kann.

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Heal The World – by Nate Giorgio

Wie unterscheidet sich Heal The World von Greenpeace, Oxfam, UNICEF und anderen?

Michael: HTW ist die Stimme derer, die keine Stimme haben – die Kinder dieser Welt. Wir legen sehr viel Wert auf die Ratschläge unseres Beratungskomitees, das nur aus Kindern zwischen 8 und 16 Jahren zusammengesetzt ist. Da die Stiftung an vielen Projekten, die zu Heilung der Welt beitragen, interessiert ist, sind unsere Ziele weitergesteckt, als die der angegebenen Organisationen, und ausserdem möchte HTW eine schlanke Organisation mit dem best möglichen Management haben, um den Einsatz der Mittel in die jeweiligen Projekte zu maximieren.

Was ist der HTW-Preis?

Michael: Das wir ein jährlich verliehener Preis sein, der an denjenigen verliehen wird, der am meisten zur Heilung der Welt beigetragen hat.

…………………….

Quelle:

Übersetzung: M.v.d.L.

Die Chronologie der Unterstellungen von 1993

by

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Original: http://michaeljacksonallegations.com/the-timeline-of-the-1993-allegations-against-michael-jackson/

Am 13. August 1993 leitete das Polizeikommissariat Los Angeles Ermittlungen gegen Michael Jackson ein – basierend auf den Unterstellungen, er habe einen 13-jährigen Jungen (Jordan Chandler) sexuell belästigt.

In dem folgenden Beitrag wird der Chandler-Fall eingehend behandelt. Die Ereignisse wurden chronologisch geordnet, um sie nachvollziehbar zu machen und in einen Kontext zu stellen. In der folgenden Chronologie befinden sich Links zu ausführlichen Artikeln. Diese Artikel erläutern die in der Chronologie aufgezählten Ereignisse eingehend und sind wesentlich, um die Unterstellungen der Chandlers gegen Michael Jackson zu verstehen – somit wird dringend empfohlen, diese zu lesen. Teilweise werden Artikel mehrfach verlinkt, wenn diese für die Erläuterung verschiedener Ereignisse relevant sind. Die Quellenangaben werden jeweils am Ende der Artikel aufgezählt.

Die Chronologie der Ereignisse

 

Mai 1992 – Michael Jackson lernt seinen späteren Ankläger Jordan Chandler und seine Familie in einer Autovermietung kennen, die dem Stiefvater des Jungen, David Schwartz, gehört, nachdem der Sänger eine Autopanne am Wilshire Boulvard, Los Angeles, hatte. Schwartz schlägt Michael Jackson einen Deal vor: er verleiht ihm gratis ein Auto, wenn dieser verspricht, Jordan anzurufen (er war ein großer Fan des Stars). Michael Jackson willigt ein und ruft Jordan einige Tage später an. Er freundet sich mit der Familie des Jungen an. Für Details zu dieser Begegnung und eine Vorstellung der Chandler-Familie siehe: http://michaeljacksonallegations.com/michael-jacksons-first-accuser-meet-the-chandler-family/

Mai 1992 – Jänner 1993 – Michael Jackson hält telefonischen Kontakt mit Jordan und der Mutter des Jungen (June Chandler). Entsprechend der Erinnerungen der Chandlers ruft er sie in dieser Zeitspanne etwa 8 bis 10 Mal an – also etwa einmal im Monat. Laut June Chandler war sie während all dieser Anrufe anwesend.

Februar 1993 – Jordan Chandler, seine Mutter und seine jüngere Schwester besuchen Neverland zum ersten Mal.

März 1993 – June und Jordan Chandler besuchen die Ranch erneut. Laut June Chandler hat ihr Sohn Jordan sie mehrfach gefragt, ob er in Michael Jacksons Schlafzimmer übernachten kann, weil all die anderen Kinder dies auch taten. Sie beschreibt Jordan in Bezug auf seinen Wunsch als sehr penetrant, erlaubte es jedoch nicht. Jordan spielte allerdings bis 02:00 früh in Michael Jacksons Raum, bevor er in sein Gästezimmer zurückkehrte [Bemerkung: Michael Jacksons Schlafzimmer in Neverland war zweigeschossig und ein Treffpunkt mit einem Familienzimmer im Untergeschoß und einem Schlafzimmer im Obergeschoß. Siehe: http://michaeljacksonallegations.com/what-about-jacksons-sharing-his-bedroom-with-unrelated-children/

28. März bis 1. April 1993 – Michael Jackson lädt June, Jordan und dessen Schwester nach Las Vegas ein, wo sie im Mirage Hotel abstiegen. Ab diesem Zeitpunkt besucht die Familie Neverland und seine Eigentumswohnung in Century City regelmäßig und begleitet ihn auf Reisen außerhalb der USA. Die Chandlers geben an, dass Jordan während dieses Ausflugs begann, das Schlafzimmer mit Michael Jackson zu teilen, allerdings war damals keine Rede von Belästigungen.

2. bis 7. April 1993 – Die Chandlers verbringen 5 Tage in Neverland.

April bis Mai 1993 – Laut June Chandlers Aussage von 2005 übernachtet Michael Jackson in diesem Zeitraum einige Male in ihrem Haus und schlief in Jordans Zimmer.

9. Mai 1993 – Michael Jackson, June, Jordan und Jordans Schwester reisen nach Monaco, wo Michael Jackson am 12. Mai 1993 bei den World Music Awards ausgezeichnet wird. Die Familie begleitet Michael Jackson zu der Zeremonie.

13. Mai 1993 – Michael Jackson und die Chandlers fliegen nach Paris, wo sie drei Tage in Eurodisney verbringen.

16. Mai 1993 – Michael Jackson und die Chandlers fliegen zurück nach Los Angeles.

20. Mai 1993 – Michael Jackson lernt den biologischen Vater von Jordan (Evan Chandler) in Junes Haus kennen.

21. Mai 1993 – Michael Jackson lädt Evan Chandler in seine Eigentumswohnung in Century City, Los Angeles, ein.

22. bis 23 Mai 1993 – Evan Chandler lädt Michael Jackson dazu ein, das Wochenende in seinem Haus mit seiner Familie zu verbringen.

25. Mai 1993 – Der National Enquirer veröffentlicht eine Story über die Chandlers und Michael Jackson mit dem Titel „Michael Jacksons geheime Familie“. Die Story wurde von jemandem auf Chandlers Seite verkauft. Ray Chandler behauptet in seinem Buch „All That Glitters“, dass die Schwester von Junes bester Freundin die Story an die Boulevardpresse verkauft hat.

28. bis 30. Mai 1993 – Michael Jackson verbringt das Memorial Day Wochenende [Anm.: Memorial Day ist ein US-amerikanischer Feiertag] mit Jordan und Evans Familie in Evan Chandlers Haus. In Ray Chandlers Buch wird behauptet, dass Evan Chandler zu dieser Zeit begann, den „Verdacht“ zu haben, Michael Jackson würde Jordan sexuell belästigen. Für Details, wie dieser „Verdacht“ entstand und auch für Details zu vielen der oben erwähnten Ereignisse, siehe Evan Chandlers “Verdächtigungen”.

9. Juni 1993 – Laut Ray Chandlers Buch äußert Evan Chandler June gegenüber die Sorge, Jordan könnte schwul sein. June hätte darauf gesagt, es würde ihr nichts ausmachen, wenn das der Fall wäre. Dies hätte Evan auf seltsame Weise interpretiert: „Er dachte, June hat zugegeben, dass ihr Sohn möglicherweise schwul ist und Sex mit Michael hat und dass das keine große Sache ist“ [All That Glitters, Seite 55]

13. Juni 1993 – Laut Ray Chandlers Buch hat Evan seine angeblichen Sorgen über seinen Sohn und Jackson dem Rechtsanwalt Barry Rothman, einem seiner Patienten, offenbart. Weiters schreibt Ray, dass Rothman Evan im Austausch seiner zahnärztlichen Behandlung anbietet, ihm zu helfen, „die Beziehung zu beenden“ – entweder mit einer einstweiligen Verfügung gegen Jackson oder einer Sorgerechtsklage gegen June. Es muss beachtet werden, dass Rothman 1992 eine Klientin in einem Sorgerechtsstreit vertrat, die ihren ehemaligen Lebensgefährten beschuldigte, deren Kind belästigt zu haben, was der Mann leugnete. Als Rothman von der Frau entlassen wurde, fuhr dieser fort, das Unternehmen des Mannes zu vertreten, ohne seine frühere Klientin zu benachrichtigen. Dafür wurde Rothman von der Rechtsanwaltskammer gemaßregelt.

In einem aufgezeichneten Telefonat zwischen Evan und David Schwartz am 8. Juli 1993 machte dieser andere Angaben, warum und wie er Rothman engagierte: „Dieser Anwalt, den ich gefunden habe – ich meine, ich habe mir mehrere angehört und den übelsten Hurensohn gewählt, den ich finden konnte. Alles, was er will, ist, die Geschichte so schnell und groß er kann, an die Öffentlichkeit zu bringen und so viele Menschen wie möglich zu erniedrigen“, sagt Evan auf dem Band.

20. Juni 1993 – Jordan Chandler weigert sich, trotz Evans Forderung, seinen Vater am Vatertag anzurufen. Siehe Evan Chandlers “Verdächtigungen”.

7. Juli 1993 – Weil sich sein Sohn mehrfach weigerte, seine Anrufe zu erwidern, hinterlässt Evan Chandler eine bedrohliche Nachricht auf June Chandlers Anrufbeantworter. Siehe Evan Chandlers “Verdächtigungen”.

8. Juli 1993 – Jordans Stiefvater zeichnet drei Telefongespräche mit Evan Chandler auf, in denen Chandler droht, Jackson mit Hilfe eines von ihm sorgfältig vorbereiteten Komplotts „zu zerstören“. Weiters erzählt Evan von Leuten, die nur auf seinen Anruf warten, um alles in Bewegung zu setzen, wenn der Star sich weigert, mit ihm zu reden und ihm zu geben, was er will. Siehe http://michaeljacksonallegations.com/taped-phone-conversations-between-evan-chandler-and-david-schwartz-on-july-8-1993/

9. Juli 1993 – Dave Schwartz und June Chandler spielen Jacksons Privatdetektiv Anthony Pellicano die aufgezeichneten Telefonate mit Evan Chandler vor. Pellicano trifft sich am gleichen Tag mit Jordan in Jacksons Eigentumswohnung in Century City, L.A. Jackson ist bei diesem Treffen nicht anwesend. Pellicano stellt dem Jungen sehr gezielte Fragen darüber, ob er von dem Entertainer jemals belästigt oder unangemessen berührt wurde. Der Junge antwortet auf jede einzelne Frage, dass Jackson niemals etwas Unangebrachtes mit ihm gemacht hat. Laut Pellicano hat Jordan gesagt, dass sein Vater nur auf Geld aus sei.

11. Juli 1993 – Jordan wird für eine Woche zu seinem Vater geschickt, um diesen zu besuchen, aber nach dieser Woche weigert sich Evan Chandler, den Jungen wieder an die Mutter zu übergeben.

12. Juli 1993 – Evan Chandler und seine Ex-Frau June unterzeichnen ein Dokument, das von seinem Anwalt Barry Rothman erstellt wurde. Es verbietet June, ihren Sohn aus L.A. herauszubringen und Jordan mit Michael Jackson treffen zu lassen. Weiters akzeptiert June, Evan das Geld zu erlassen, das er ihr als nicht bezahlten Kindesunterhalt schuldete. Später sagt June, sie hätte das Dokument unter Zwang unterschrieben, da Evan ihr gedroht hätte, sie würde Jordan nie wieder sehen, wenn sie nicht unterschreiben würde.

14. Juli 1993 – Evan Chandler und sein Anwalt Barry Rothman kontaktieren Dr. Mathis Abrams, einen Psychiater aus Beverly Hills, und präsentieren ihm eine hypothetische Situation der Kindesbelästigung. Ohne das Kind oder den Beschuldigten zu kennen, sondern nur basierend auf Evans Erläuterung, schickt Abrams Rothman einen zweiseitigen Brief, in dem er erklärt, das „begründeter Verdacht besteht, dass sich sexueller Missbrauch ereignet hat“. Evan verwendet diesen Brief später als „Verhandlungsinstrument“ mit seiner Ex-Frau June und Michael Jackson. Siehe Evan Chandlers “Verdächtigungen”.

16. Juli 1993 – Laut Ray Chandlers Darstellung der Ereignisse „gesteht“ Jordan seinem Vater die angeblichen sexuellen Belästigungen – gerade einen Tag, bevor Evan seinen Sohn an June zurückgeben sollte. Siehe Wie kamen die Unterstellungen der Chandlers zum Vorschein?.

Laut mancher Quellen wurde dem Jungen das umstrittene Arzneimittel Sodium Amytal verabreicht, welches das menschliche Gedächtnis suggerierbar macht. Es gibt dafür keinen Beweis und wir bezweifeln die Behauptung aus Gründen, die im Artikel Der Gebrauch von Sodium Amytal erklärt werden.

20. Juli 1993 – June Chandler und David Schwartz treffen Evans Anwalt Barry Rothman in seinem Büro. Während dieses Treffens wird ihnen der Brief von Dr. Mathis Abrams gezeigt und sie werden aufgefordert, ein Dokument zu unterschreiben, welches das Sorgerecht für Jordan von June auf Evan Chandler überträgt.

27. Juli 1993 – Laut einem Buch, das von einer Rechtsanwaltssekretätin Barry Rothmans, geschrieben wurde (Geraldine Hughes – Redemption: The Truth Behind the Michael Jackson Child Molestation Allegations), schrieb Rothman einen Brief an Evan Chandler, in dem er ihn berät, wie man über Kindesmissbrauch berichtet, ohne Haftung für die Eltern.

4. August 1993 – Zwischen Michael Jackson, seinem Privatdetektiv Anthony Pellicano, Evan Chandler und Jordan Chandler fand in einer Suite des Westwood Marquis Hotels ein Treffen statt. Später an diesem Tag trafen sich Evan Chandler, Barry Rothman und Pellicano in Rothmans Büro, wo sie eine Forderung über 20 Millionen Dollar stellten, damit diese sich nicht an die Behörden wenden und keine öffentlichen Unterstellungen gegen den Entertainer wegen sexuellem Missbrauch machen. Siehe Die finanziellen Forderungen der Chandlers.

16. August 1993 – June Chandlers Anwalt Michael Freeman ruft Barry Rothman an und informiert ihn darüber, dass sie am nächsten Tag vor Gericht erscheinen, um einen Ex Parte Auftrag zu erwirken, damit Jordan unverzüglich zu seiner Mutter zurückgebracht wird. Das Gericht wies dann an, dass Evan Chandler den Jungen der Mutter zurückgibt und dass das Dokument, das June am 12. Juli unterschrieben hat, aufgehoben wird. In dem Antrag, den Evan Chandler gegen diese Verfügung einbringt, erwähnt er keinen Verdacht gegen Michael Jackson wegen sexuellem Missbrauch.

17. August 1993 – Das ist die Frist, die das Gericht Evan gesetzt hat, um Jordan an June zurückzubringen. Zu diesem Zeitpunkt war Jordan seit mehr als einem Monat bei seinem Vater – Evan hätte den Jungen am 16. Juli an die Mutter übergeben sollen (Details dazu, was in diesem Monat passiert ist, sind im Artikel Die finanziellen Forderungen der Chandlers zu finden). Als Reaktion auf die Verfügung des Gerichts und weil er frustriert war über Jacksons Weigerung, ihn auszuzahlen, brachte Evan den Jungen zu Dr. Mathis Abrams, wo Jordan zum ersten Mal seine detaillierten Unterstellungen gegen Jackson vorbrachte. Das löste die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den Entertainer aus. Aus den Unterstellungen resultierte, dass Evan Jordan trotz der gerichtlichen Verfügung vom Vortag nicht an seine Ex-Frau zurückbringen musste. Mittlerweile befindet sich Michael Jackson außerhalb der USA auf Tour.

19. August 1993 – June Chandlers Anwalt Michael Freeman trifft sich mit Barry Rothman in Rothmans Büro. June hat einen Sinneswandel und ergreift Partei für Evan. „Die Mutter gab an, wenn Jordie das gesagt hat, muss es wahr sein“, berichtet das Jugendamt (Department of Children’s Services) am 19. August 1993, obwohl sie zuvor laut Ray Chandlers Buch sagte, sie habe das Gefühl, Evan Chandler hätte ihrem Sohn einer Gehirnwäsche unterzogen.

Entgegen späteren Berichten, Jackson wäre vorsätzlich auf Tour gegangen, um einem Haftbefehl in den USA zu entkommen, hat Jackson vielmehr an diesem Tag ersucht, den zweiten Abschnitt seiner Dangerous Tour abzusagen oder zu verschieben, da ihm wahrscheinlich die Ernsthaftigkeit der Unterstellungen gegen ihn sehr bewusst war.

21., 22. & 30. August 1993 – In Jacksons Abwesenheit werden in seinen Niederlassungen – Neverland, der Eigentumswohnung in Century City und einem Hotelzimmer des Mirage Hotels in Las Vegas, wo er mit den Chandlers verweilte, Durchsuchungsbefehle ausgeführt. Am 27. August 1993 schrieb die Los Angeles Times: „Videoaufnahmen, die von Michael Jacksons Eigenheimen beschlagnahmt wurden, belasten den Entertainer nicht und die mangelnden objektiven Beweise über die angebliche sexuelle Belästigung ließ die Ermittler „Informationen zerhacken“, um Aussagen anderer potentieller Opfer zu bekommen, sagte eine hochrangige Polizeiquelle am Donnerstag. „Es gibt keinen medizinischen Beweis, keinen aufgezeichneten Beweis.“, berichtet die Quelle. „Der Durchsuchungsbefehl erzielte kein Ergebnis, das eine Strafanzeige stützen würde.

23. August 1993 – In den Medien tauchen erste Berichte über die Unterstellungen auf.

24. August 1993 – Evan Chandler, June Chandler, David Schwartz und Michael Freeman treffen sich drei Stunden lang mit Barry Rothman in dessen Büro. Rothmans Rechtsanwaltssekretärin Geraldine Hughes gibt in ihrem Buch „Redemption“ an, dass sie hörte, wie Evan Chandler sagte: „Ich hatte fast einen zwanzig Millionen Dollar Deal“.

25. August 1993 – Irgendjemand spielt der Boulevard-Fernsehsendung Hard Copy illegaler Weise eine Kopie des Missbrauchsberichtes zu.

25., 26. & 30. August 1993 – Jackson muss zwei Konzerte in Bangkok wegen Dehydrierung und ein Konzert in Singapur nach einem Zusammenbruch im Backstagebereich absagen.

26. bis 27. August 1993 – Evan und Jordan Chandler verstecken sich Tag und Nacht in Rothmans Büro vor den Medien. Rothmans Sekretärin Geraldine Hughes gibt in ihrem Buch an, dass sie hörte, wie Evan Chandler sagte: „Es ist mein Hintern, der auf dem Spiel steht und der in Gefahr ist, ins Gefängnis zu kommen.“

Ende August 1993 – Barry Rothman legt sein Mandat für die Chandlers zurück, nachdem Jackson Klagen wegen Erpressung gegen ihn und Evan Chandler eingereicht hat. Geraldine Hughes schreibt in ihrem Buch: „Dr. Chandler und Mr. Rothman steckten weiterhin ihre Köpfe zusammen, da sie ihre nächsten Schritte sehr sorgfältig planten. Dr. Chandler rief unser Büro (an schwachen Tagen) immer noch mindestens vier bis fünf Mal täglich an, um mit Mr. Rothman zu sprechen und er beriet Dr. Chandler weiterhin betreffend aller seiner Schritte.“

30. August 1993 – Teile der aufgezeichneten Telefonate zwischen Evan Chandler und David Schwartz (http://michaeljacksonallegations.com/taped-phone-conversations-between-evan-chandler-and-david-schwartz-on-july-8-1993/) wurden von Pellicano an die Medien weitergeleitet. Zwei Tage später wurde auch ein heimlich aufgezeichnetes Telefonat zwischen Barry Rothman und Pellicano von letzterem veröffentlicht.

30. August 1993 – Die Chandlers stellen die Anwältin Gloria Allred ein.

2. September 1993 – Allred gibt eine Pressekonferenz und erklärt, dass der Ankläger bereit ist, vor Gericht auszusagen. Als Reaktion darauf feuern die Chandlers Allred wenige Tage später und ersetzen sie durch den Zivilrechtsanwalt Larry Feldman, der ihnen von Barry Rothman empfohlen wurde. Laut Ray Chandlers Buch war der Grund dafür, dass die Chandler Familie ihren Fall auf einen „höchst profitablen Vergleich“ zusteuern wollte, statt auf eine Grand Jury Anklage und einen Strafprozess.

8. September 1993 – Evan Chandler, June Chandler, David Schwartz und ihre Anwälte besprechen die Perspektiven eines „höchst profitablen Vergleichs“ in Larry Feldmans Büro. Evan und David Schwartz haben eine Meinungsverschiedenheit wegen dem Geld aus dem Vergleich, das sie noch nicht einmal erhalten haben. Laut Ray Chandlers Buch verlangte Schwartz vier Millionen Dollar, doch die Chandlers wollten ihn nicht an Jordans Klage beteiligen. (Zuvor wollte sich Schwartz von Michael Jackson vier Millionen Dollar leihen, was der Star ablehnte.) Während dieser Meinungsverschiedenheit schlug Evan Chandler Schwartz. Laut Mary A. Fischers Artikel „Was Michael Jackson Framed?“ (GQ, Oktober 1994, deutsche Übersetzung: Wurde Michael Jackson etwas angehängt?) sagte Schwartz während dieser Auseinandersetzung „,es geht hier sowieso nur um Erpressung‘, daraufhin stand Evan auf, ging auf ihn zu und begann, Dave zu schlagen.“ Ray Chandlers Buch räumt ein, dass „[Evan] in der Hitze der verbalen Auseinandersetzung von seinem Sessel aufsprang und Dave ins Gesicht schlug. Mehrere Anwälte gingen dazwischen und trennten die beiden Männer.“

September 1993 – Evan Chandler reicht eine Klage gegen June Chandler und David Schwartz wegen Eingriff in die Privatsphäre, Verletzung von Absatz 632 des Strafgesetzbuches, vorsätzlicher Zufügung seelischen Leides und Verschwörung ein. In der Klage beanstandet Chandler David Schwartz‘s Aufzeichnung ihrer Telefonate, die Weitergabe an Dritte (Anthony Pellicano) und dass einige der Aufzeichnungen ihren Weg in die Medien gefunden haben. In einer Gegenklage prozessiert David Schwartz gegen Evan Chandler ebenfalls wegen Eingriff in die Privatsphäre, Verletzung von Absatz 632 des Strafgesetzbuches und vorsätzliche Zufügung seelischen Leides.

14. September 1993 – Larry Feldman reicht im Namen der Chandlers eine 30 Millionen Dollar Zivilklage gegen Michael Jackson ein und beschuldigt ihn der sexuellen Tätlichkeit, Körperverletzung, vorsätzlichen Zufügung seelischen Leides, Verführung, Fahrlässigkeit, des vorsätzlichen Fehlverhaltens und Betruges.

21. September 1993 – Der National Enquirer bringt eine Story über Michael Jackson, der dabei gesehen worden sein soll, einen Jungen in einer Limousine auf dem Weg nach Disneyland auf beunruhigende Art und Weise geküsst und mit ihm gekuschelt zu haben. Die Zeitung gibt einen ungenannten „Beobachter“ als Quelle an. Die gleiche Story findet sich mit teilweise exakt den Selben Formulierungen in Ray Chandlers Buch aus dem Jahr 2004. Ray enthüllt in seinem Buch, dass die vermeintliche Zeugin dieser Szene June Chandler war. Von Junes Aussage von 2005 wissen wir, dass der Junge Brett Barnes gewesen sein soll (der immer angegeben hat, dass Jackson niemals etwas Unangemessenes mit ihm gemacht hat). Vor Gericht beschrieb June diese Szene überhaupt nicht als beunruhigend – sowohl der Enquirer, als auch Ray Chandlers Buch scheinen die Story völlig aufgeblasen zu haben [Details dazu siehe Evan Chandlers “Verdächtigungen”] Das deutet darauf hin, dass die Chandlers während der Ermittlungen Storys an die Klatschpresse weitergegeben haben.

6. Oktober 1993 – Jordan wird zu einem Psychiater, Dr. Richard Gardner, gebracht, der ein Gespräch mit ihm führt. Das Gespräch sickerte im Februar 2003 an die Öffentlichkeit und ist der detaillierteste Bericht, den wir zu Jordans Unterstellungen haben.

Details dazu sind in dem Artikel http://michaeljacksonallegations.com/the-chandler-allegations/ zu finden.

21. Oktober 1993 – Jackson, der sich zu diesem Zeitpunkt immer noch auf Tour befindet, sagt eine Show in Chile ab, dann sagt er wegen schwerwiegender Gesundheitsprobleme einige weitere Termine seiner Dangerous World Tour ab.

28. Oktober 1993 – Jacksons Anwalt Bert Fields schreibt einen Brief an das LAPD, wo er sich über deren Taktiken beschwert, Kinder zu manipulieren, damit diese belastende Dinge über Jackson sagen. Die Polizei befragte 40-60 Kinder (laut mancher Quellen sogar 100 Kinder), die jemals Zeit mit Jackson oder auf seiner Neverland Ranch verbrachten. Keines der Kinder bekräftigte die Story des Anklägers. Alle Kinder sagten, dass Jackson niemals etwas Unangemessenes oder Verdächtiges mit ihnen getan hat.

Details dazu sind dem Artikel Die Jagd der Staatsanwaltschaft auf weitere Opfer zu entnehmen.

4. November 1993 – Die Polizei befragt Jason Francia zum ersten Mal. Nachdem sie Dutzende Kinder befragt hatten, von denen keines Jordan Chandlers Unterstellungen bekräftigt hatte, wandten sie sich an den 13-jährigen Sohn einer ehemaligen Hausangestellten Jacksons, Jason Francia, der von den Ermittlern aggressiv dazu gedrängt wird, Anschuldigungen gegen den Star zu machen. Schließlich erfand er eine Story über Jackson, der ihn angeblich während dem Kitzeln unanständig berührt haben soll. Jason Francia wird im März 1994 erneut befragt.

Details zu Jason Francias Unterstellungen sind im Artikel http://michaeljacksonallegations.com/jason-francia/ zu finden.

8. November 1993 – Ein vierter Hausdurchsuchungsbefehl wird vollzogen – dieses Mal in Hayvenhurst (Encino, Kalifornien), dem Heim der Jackson Familie. Es wird nichts Belastendes gefunden.

11. November 1993 – Jacksons letzter Auftritt bei seiner laufenden Welttournee in Mexico. Die verbleibenden Termine der Tour werden abgesagt, da Jackson eine Abhängigkeit von Schmerzmitteln entwickelt hat. Diese lässt er in Europa (möglicherweise London) mit Hilfe von Elizabeth Taylor und Elton John behandeln.

15. November 1993 – Jacksons Anwalt Bert Fields hält eine Pressekonferenz ab, wo er bestätigt, dass sich Jackson einer Behandlung wegen Schmerzmittelabhängigkeit unterzieht. Er sagte, Jackson war „kaum fähig, auf geistiger Ebene zu funktionieren“. Er würde seinen Aufenthaltsort nicht preisgeben. Fields fügte hinzu, dass Jackson „nicht die Absicht hat, eine Rückkehr in die Vereinigten Staaten zu vermeiden“. Die Medien zweifeln an der Abhängigkeit und vermuten, dass Jackson vor dem Gesetz davonläuft und sich versteckt, obwohl er nicht unter Anklage steht und zu diesem Zeitpunkt kein Haftbefehl gegen ihn vorliegt (was in diesem Fall auch zukünftig nie erfolgen wird).

16. November 1993 – Der Anwalt der Chandlers, Larry Feldman, reicht einen sogenannten Antrag auf Prozessvorrang (Motion for Trial Preference) ein, was ein besonderer Antrag ist, um den Zivilprozess innerhalb der ersten 120 Tage nach Antragsgewährung beginnen zu lassen. Dieser Antrag ist normalerweise bei Kindern unter 14 Jahren üblich. In anderen Worten: Die Klägerseite arbeitete hart daran, den Zivilprozess vor dem Strafverfahren stattfinden zu lassen.

22. November 1993Dr. Beachamp Colclough, der Arzt, der Jackson wegen seiner Schmerzmittelabhängigkeit behandelt, veröffentlicht eine Stellungnahme, in der er die Behandlung bestätigt und Mediengerüchte über Jacksons „Verstecken“ widerlegt, genauso wie Gerüchte über Schönheitschirurgie und Selbstmordgefahr: „es liegt keine andere medizinische, chirurgische oder psychologische Erkrankung vor“, sagte er.

22. November 1993 – Fünf ehemalige Bodyguards der Jackson Familie (Leroy Thomas, Morris Williams, Donald Starks, Fred Hammond und Aaron White), von den Medien manchmal als „The Hayvenhurst 5“ benannt, reichen eine Zivilklage gegen Michael Jackson ein und behaupten, sie seien gefeuert worden, weil sie über Michael Jacksons Beziehungen mit jungen Burschen „zu viel wussten“. Die Bodyguards, die in ihrer Klage 10 Millionen Dollar verlangten, arbeiteten nicht für Michael Jackson, sondern für seine Familie in Hayvenhurst. Sie traten mit ihrer Story in der Boulevardfernsehsendung Hard Copy auf. Später offenbarten Dokumente Verhandlungen über 100.000 Dollar zwischen der Show und den Bodyguards. Die Bodyguards berichteten niemals den Behörden, dass sie irgendein unangebrachtes Verhalten Jacksons gegenüber Kindern gesehen haben. Tatsächlich gaben sie in eidesstattlichen Aussagen gegenüber der Polizei zu, dass sie niemals etwas Unangebrachtes gesehen haben. Die Klage der Bodyguards wurde im Juli 1995 vom Gericht abgewiesen.

Weitere Details über die Rolle der Medien in den Unterstellungen gegen Michael Jackson sind hier http://michaeljacksonallegations.com/the-medias-role-in-the-allegations-against-michael-jackson/ zu finden.

Weitere Details über ehemalige Angestellte, die Anschuldigungen gegen Michael Jackson vorbrachten, sind in den folgenden Artikeln zu finden:

Ralph Chacon, Kassim Abdool und Adrian McManus

http://michaeljacksonallegations.com/phillip-and-stella-lemarque/

http://michaeljacksonallegations.com/bob-jones-and-stacy-brown/

23. November 1993 – Es entstehen Reibereien in Jacksons Anwälteteam, als Bert Fields Reportern sagt, dass eine strafrechtliche Anklage gegen Jackson unmittelbar bevorzustehen scheint. Die Information stellte sich als falsch heraus. Jacksons anderer Anwalt Howard Weitzman teilte den Reportern mit, dass Fields sich nur „versprochen“ hat. Fields Eifer, in dem er verkündet hatte, dass eine Anklage unmittelbar bevorzustehen scheint, hat mit der Tatsache zu tun, dass Jacksons Team darum kämpfte, die Zivilklage hinter den Strafprozess zu drängen.

Am selben Tag lehnte Richter David M. Rothman einen Antrag von Jacksons Anwälten ab, mit dem sie versuchten, den Zivilprozess zu verschieben, um dem Strafprozess vor dem Zivilprozess stattfinden zu lassen. Der Gerichtstermin für den Zivilprozess wurde auf den 21. März 1994 festgesetzt.

Auf die Bedeutung dessen wird in diesem Artikel eingegangen: Das Chandler-Settlement / Der Chandler-Vergleich

26. November 1993 – Die Polizei führt in den Büros von Jacksons Dermatologen Dr. Arnold Klein und seinem plastischen Chirurgen Dr. Steve Hoefflin Razzien durch und konfisziert medizinische Unterlagen des Stars.

3. Dezember 1993 – In einem Brief, der von Jackson unterschrieben wurde, wird Bert Fields als Hauptanwalt für den Zivilprozess enthoben.

10. Dezember 1993 – Michael Jackson kehrt in die Vereinigten Staaten zurück.

13. Dezember 1993 – Bert Fields tritt offiziell zurück und zieht sich komplett aus dem Fall zurück. Nach Fields Rücktritt wird Jackson durch Howard Weitzman und Johnnie Cochran vertreten – letzterer ist dem Verteidigungsteam des Stars frisch beigetreten. Privatdetektiv Anthony Pellicano verlässt das Team ebenfalls und gibt nach seinem Rücktritt öffentlich bekannt, dass er von Jacksons Unschuld überzeugt ist und dass sein Abgang kein Indiz auf Anderweitiges ist.

15. Dezember 1993 – Blanca Francia, die zwischen 1986 und 1992 als Hausmädchen für Jackson gearbeitet hatte, tritt in der Boulevardfernsehshow Hard Copy auf und behauptet, sie habe während ihrer Beschäftigung Anstößigkeiten von Jackson gegenüber jungen Burschen mitbekommen. Vor den Unterstellungen der Chandlers hat sie diese angeblichen Anstößigkeiten niemals anderen gegenüber erwähnt oder diese den Behörden berichtet. Im Jackson-Prozess 2005 gab sie zu, für das Interview 20.000 Dollar von Hard Copy erhalten zu haben, was ihrem damaligen Jahreseinkommen entsprochen hat. Am selben Tag, an dem ihr Interview mit Hard Copy ausgestrahlt wurde, wurde sie für den Chandler Zivilprozess als Zeugin abgesetzt. Tags zuvor, am 14. Dezember, sprach Francia auch mit der Los Angeles Times. In dem Artikel wird ihr bevorstehendes Interview mit Hard Copy erwähnt, also wurde es vor dem 14. Dezember aufgezeichnet. Sie bestand darauf, eine Reporterin des National Enquirers bei ihren Polizeiverhören dabei zu haben, da sie behauptete, sie bräuchte Hilfe bei der Übersetzung. Wir werden Blanca Francias Unterstellungen und ihre Zeugenaussage aus dem Jahr 2005 später in einem separaten Artikel besprechen.

20. Dezember 1993 – Michael Jackson wird einer Leibesvisitation unterzogen. Seine Genitalien und sein Körper werden von den Behörden fotografiert und auf Video aufgenommen, um sie mit der Beschreibung zu vergleichen, die der Ankläger von Jacksons Intimbereich gemacht hat. Basierend auf der Leibesvisitation wurde kein Haftbefehl erlassen.

Details dazu siehe http://michaeljacksonallegations.com/did-jordan-chandlers-description-of-michael-jacksons-penis-match-the-photographs-taken-of-the-stars-genitalia-by-the-police/

22. Dezember 1993 – Jackson veröffentlicht eine Videobotschaft, in der er über die Leibesvisitation spricht und seine Unschuld beteuert:

Mir geht es gut und ich bin stark. Wie ihr vielleicht schon wisst, bin ich nach dem Ende meiner Tour außer Landes geblieben, um eine Abhängigkeit von Schmerzmitteln behandeln zu lassen. Dieses Medikament wurde mir ursprünglich verschrieben, um den unerträglichen Schmerz zu lindern, unter dem ich nach der letzten wiederherstellenden Operation an meiner Kopfhaut gelitten habe.

In letzter Zeit wurden viele abscheuliche Äußerungen bezüglich der Anschuldigungen des ungebührlichen Verhaltens meinerseits gemacht. Diese Äußerungen über mich sind völlig falsch. Ich hoffe auf ein schnelles Ende dieser entsetzlichen – entsetzlichen Erfahrung, der ich ausgesetzt bin. Ich werde in dieser Stellungnahme nicht auf all die falschen Anschuldigungen eingehen, die gegen mich erhoben wurden, da mich meine Anwälte unterwiesen haben, dass dies nicht das geeignete Forum dafür ist. Ich möchte sagen, dass ich besonders aufgebracht bin wegen dem Umgang mit dieser Angelegenheit durch die unglaublich grausamen Massenmedien. Die Medien haben diese Anschuldigungen bei jeder Gelegenheit präpariert und manipuliert, um zu ihren eigenen Schlussfolgerungen zu gelangen. Ich bitte euch, abzuwarten und die Wahrheit anzuhören, bevor ihr mich abstempelt und verurteilt. Behandelt mich nicht wie einen Kriminellen, da ich unschuldig bin.

Anfang dieser Woche wurde ich gezwungen, mich einer entmenschlichenden und demütigenden Untersuchung durch das Santa Barbara County Sheriff’s Department und das Los Angeles Police Department zu fügen. Sie präsentierten mir einen Durchsuchungsbefehl, der ihnen erlaubte, meinen Körper anzusehen und zu fotografieren – einschließlich meinem Penis, meinem Gesäß, meinem Unterleib, Oberschenkel und jedem anderen Bereich, den sie wollten. Angeblich suchten sie nach Verfärbungen, Fleckenbildungen, Flecken oder anderen Beweisen für eine Pigmentstörung namens Vitiligo, über die ich zuvor gesprochen habe. Der Durchsuchungsbefehl schrieb mir außerdem vor, bei jeder Untersuchung meines Körpers durch deren Arzt zu kooperieren, um den Zustand meiner Haut festzustellen, einschließlich der Frage, ob ich Vitiligo oder irgendeine andere Hautkrankheit habe. Der Durchsuchungsbefehl erklärte des Weiteren, dass ich kein Recht dazu hatte, die Untersuchung oder die Fotos zu verweigern und wenn ich nicht mit ihnen kooperierte, würden sie diese Weigerung in jedem Prozess als ein Indiz meiner Schuld einbringen. Es war das demütigendste Martyrium meines Lebens – eines, das niemand jemals erleiden sollte. Und selbst nachdem ich die Demütigung dieser Untersuchung durchgemacht habe, waren die Beteiligten immer noch nicht zufrieden und wollten noch mehr Fotos machen. Es war ein Alptraum – ein entsetzlicher Alptraum – aber wenn es das ist, was ich ertragen muss, um meine Unschuld – meine komplette Unschuld – zu beweisen, dann soll es so sein.

Mein ganzes Leben lang habe ich lediglich versucht, Abertausenden von Kindern zu helfen, glückliche Leben zu leben. Mir kommen die Tränen, wenn ich ein Kind sehe, das leidet. Ich habe nicht getan, was mir vorgeworfen wird, aber wenn ich mir irgendetwas habe zuschulden kommen lassen, dann ist es, dass ich alles geben habe, was mir möglich ist, um Kindern auf der ganzen Welt zu helfen. Es geht darum, Kinder jeden Alters und jeder Rasse zu lieben, es geht um den Gewinn reiner Freude, wenn ich Kinder mit ihren unschuldigen und lächelnden Gesichtern sehe, es geht darum, durch sie die Kindheit zu genießen, die ich selbst versäumt habe. Wenn ich mir irgendetwas habe zuschulden kommen lassen, ist es, dass ich daran glaube, was Gott über Kinder gesagt hat: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“ In keiner Weise denke ich, dass ich Gott bin, aber ich versuche in meinem Herzen gottgleich zu sein.

Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen und ich weiß, dass sich diese schrecklichen Anschuldigungen als falsch herausstellen werden. Außerdem danke ich meinen Freunden und Fans sehr für all eure Unterstützung. Gemeinsam werden wir das durchstehen. Ich liebe euch sehr und möge Gott euch alle segnen. Ich liebe euch. Lebt wohl.

28. Dezember 1993 – Marcel Avram, Eigentümer der Münchner Mama Concerts Gesellschaft, reicht eine Klage gegen Michael Jackson ein und verlangt 20 Millionen Dollar, nachdem Jacksons Tour abgesagt wurde.

28. Dezember 1993 – Jordan Chandler gibt eine Erklärung über seine Anschuldigungen ab. Diese Erklärung wurde zusammen mit Dr. Richard Gardners Befragung Jordans vom 6. Oktober im Februar 2003 durch eine unbekannte Quelle öffentlich gemacht; offensichtlich um die Öffentlichkeit im Zuge von Martin Bashirs Dokumentation Living with Michael Jackson weiter gegen ihn aufzubringen.

Wir besprechen Jordans detaillierte Unterstellungen in dem Artikel http://michaeljacksonallegations.com/the-chandler-allegations/

30. Dezember 1993 – Larry Feldman, der Anwalt der Chandlers, reicht einen Antrag ein, um Jackson dazu zu zwingen, einen Fragenkatalog für den Zivilprozess zu beantworten. Die über einhundert Fragen ersuchen um Auskunft über jede Person unter 18 Jahren, die Jackson seit dem 1. Jänner 1983 eingeladen hat.

30. Dezember 1993 – Richter David M. Rothman lehnt Jacksons Antrag für eine Nachrichtensperre ab. Laut Ray Chandlers Buch waren die Chandlers besorgt wegen der Aussicht auf eine Nachrichtensperre und dass ihnen nicht möglich sein würde, mit den Medien zu sprechen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen, wenn eine Nachrichtensperre erlassen würde.

Ca. 4.-5. Jänner 1994 – Larry Feldman reicht einen Antrag ein, in dem er Jackson eine Multiple-Choice (Mehrfachauswahl) – Anfrage stellt: Jackson könne Kopien der Polizeifotos zur Verfügung stellen, die am 20. Dezember von seinem Körper während der Leibesvisitation gemacht wurden; sich einer zweiten Leibesvisitation fügen oder das Gericht könne die Fotos als Beweis von dem Zivilprozess ausschließen.

10. Jänner 1994 – Larry Feldman ersucht das Gericht um Zugriff auf Jacksons Finanzbücher. „Er ist ein hundertfacher Millionär, dessen Vermögenswerte in immateriellem Vermögen gebunden sind. Der Kläger wird die verbleibenden drei Monate bis zum Prozess brauchen, um diese Vermögenswerte ausfindig machen zu können und mit einer Schätzung ihres Wertes aufzuwarten.”, schrieb er in seinem Antrag. Als Teil seines Antrages reichte Feldman auch Jordans Erklärung vom 28. Dezember ein. Laut Jacksons Anwalt Howard Weitzman war das ein PR-Zug von Feldman, weil verglichen mit den Anschuldigungen, die bereits im August genau beschrieben wurden, nichts Neues hinzugefügt wurde. Somit diente es lediglich als Gegenschlag auf Jacksons Videobotschaft vom 22. Dezember, wo der Star seine Unschuld beteuerte.

11. Jänner 1994 – Blanca Francias zweite Aussage unter Eid.

14. Jänner 1994 – Richter David M. Rothman verschiebt Jacksons eidesstattliche Aussage, die für 18. Jänner vorgesehen war, und zwei Anhörungen mit den Themen, ob Jackson verpflichtet wäre, die schriftlichen Fragen zu beantworten, die von Feldman eingereicht wurden und ob Feldman auf die Fotos von Jacksons Leibesvisitation anspruchsberechtigt war. Die neuen Termine für die Anhörungen wurden auf den 25. Jänner festgesetzt und Jacksons wurde angewiesen, seine eidesstattliche Aussage zwischen dem 25. Jänner und dem 1. Februar abzugeben.

24. Jänner 1994 – Das Büro der Staatsanwaltschaft verkündet, dass sie keine Klage gegen Evan Chandler wegen Erpressung einreichen, da Jacksons Anwälte die Beschwerde im Zuge der Vorbereitungen für den Vergleich zurückgezogen haben, der am nächsten Tag unterzeichnet werden soll. Es war Bestandteil des Vergleiches, dass Jackson zustimmen musste, die Erpressungsvorwürfe zurückzuziehen. Die Behörden haben den Ermittlungen bezüglich der Erpressungsvorwürfe von Jackson niemals die gleiche Aufmerksamkeit und Mühe geschenkt wie den Kindesmissbrauchsvorwürfen gegen Jackson. Sie haben niemals irgendwelche Zeugen vorgeladen, keine Durchsuchungsbefehle wurden erteilt und so gut wie nichts wurde wegen der Erpressungsvorwürfe unternommen. [Details dazu sind dem Artikel Die finanziellen Forderungen der Chandlers zu entnehmen]

25. Jänner 1994 – Im Zivilprozess zwischen Jackson und den Chandlers wurde ein außergerichtlicher Vergleich getroffen. Der Vergleich sickerte 2003 illegaler Weise an Diane Dimond von Court TV durch und von diesem Dokument wissen wir, dass 15.331.250 Dollar in einen Trust für Jordan Chandler einbezahlt wurden. Die strafrechtlichen Ermittlungen liefen allerdings weiter. Beide Seiten gaben an, dass der Vergleich in keinster Weise ein Schuldeingeständnis Michael Jacksons ist – dies ist auch im Vergleich selbst so niedergeschrieben. Der Bezirksstaatsanwalt aus Los Angeles, Gil Garcetti, weist darauf hin, dass der Vergleich die strafrechtlichen Ermittlungen nicht beeinflusst. Der Vergleich hinderte Jordan auch nicht daran, in irgendeinem Strafprozess auszusagen.

Details dazu sind in unserem Artikel Das Chandler-Settlement / Der Chandler-Vergleich zu finden.

Jänner 1994 – Tage nach dem Vergleich begann Jordans Onkel Ray Chandler, sich um einen Verleger für ein Buch über die Anschuldigungen umzusehen. Die Verlage wiesen ihn ab, weil sie rechtliche Schwierigkeiten fürchteten, da im Vergleich festgelegt wurde, dass keiner der Parteien erlaubt ist, mit den Medien über die Anschuldigungen zu sprechen. Herausgeberin Judith Regan: „Ich fragte ihn, wie er geplant habe, das zu tun, da die Chandlers gerade eine Verschwiegenheitsvereinbarung unterschrieben und 20 Millionen Dollar bekommen hatten. Und er sagte, Jordans Vater hätte ihm alle Informationen gegeben, die er für das Buch brauchte und er glaube, er könne die Verschwiegenheitsvereinbarung umgehen, weil er [Jordans Onkel] der Autor wäre. Damals hatte ich den Eindruck, die Chandlers sind unverschämte Opportunisten und ich empfand das gesamte Angebot des Onkels widerlich. Sie gehen eine Verschwiegenheitsvereinbarung ein und noch bevor die Tinte getrocknet ist, gehen sie auf die Suche nach einem Deal, der gegen diese Vereinbarung verstößt?

Letzten Endes veröffentlichte Ray Chandler sein Buch 2004 am Höhepunkt der durch die Arvizo-Unterstellungen hervorgerufene Medienraserei.

Details über Ray Chandlers Verhalten in den Medien und seine Weigerung, 2005 in Jacksons Prozess auszusagen, sind in dem Artikel http://michaeljacksonallegations.com/ray-chandlers-subpoena-in-2004/ zu finden.

ca. 31. Jänner 1994 – Etwa eine Woche nach Bekanntgabe des Vergleichs verkündete der Bezirksstaatsanwalt aus Los Angeles, Gil Garcetti, dass er ein Gesetz unterstützen würde, das Opfer sexueller Gewalt zu einer Aussage in einem Strafprozess zwingt, selbst wenn sie ihre angeblichen Peiniger für Geld verklagen. Das kalifornische Gesetz, welches den Chandlers erlaubte, die Zivilklage vor den Strafprozess zu schieben, wurde letzten Endes geändert. Thomas Sneddon, Bezirksstaatsanwalt aus Santa Barbara, sagte 2003 in einem Interview, dass dies eine unmittelbare Folge auf die Ereignisse im Chandler Fall war.

17. März 1994 – Michael Jacksons Mutter Katherine Jackson wird vorgeladen, um in Los Angeles vor einer Grand Jury auszusagen, was keine übliche Vorgehensweise ist. Michael Jacksons Anwalt Howard Weitzman sagt: „In all den Jahren meiner Berufserfahrung habe ich nie zuvor gesehen, dass die Mutter einer zu untersuchenden Person vor eine Grand Jury geladen wurde. Das ist einfach geschmacklos. Es grenzt an Belästigung.“ Die Staatsanwälte wollten von Katherine wissen, ob Michael Jackson das Aussehen seiner Genitalien verändert hatte, damit sie nicht mit Jordan Chandlers Beschreibung übereinstimmen würden. [Details zu der Beschreibung siehe http://michaeljacksonallegations.com/did-jordan-chandlers-description-of-michael-jacksons-penis-match-the-photographs-taken-of-the-stars-genitalia-by-the-police/]

24. März 1994 – Jason Francias zweite Befragung durch die Polizei.

Februar – April 1994 – Anhörungen im Zuge der Ermittlungen gegen Jackson durch die Grand Juries in Santa Barbara und Los Angeles. Beide Grand Juries lösen sich auf, ohne Jackson anzuklagen. Trotzdem weigern sich die Ermittler, den Fall zu schließen und versuchen weiterhin, Jordan Chandler zu einer Aussage zu überreden.

11. April 1994 – Michael Jackson fordert die Rückgabe der Fotos, die im Zuge der Leibesvisitation gemacht wurden. Der Antrag wurde abgelehnt.

Mai 1994 – Evan Chandler schließt seine Zahnarztpraxis in Beverly Hills.

6. Juli 1994 – Jordan Chandler informiert die Ermittler, dass er nicht gewillt ist, auszusagen.

8. August 1994 – David Schwartz verklagt Evan Chandler.

16. August 1994 – David Schwartz verklagt Michael Jackson und behauptet, er und seine Tochter seien „traumatisiert“ von den Anschuldigungen. June Chandler und Schwartz lassen sich 1994 scheiden.

21. September 1994 – Der Bezirksstaatsanwalt aus Santa Barbara, Thomas Sneddon, und der Bezirksstaatsanwalt aus Los Angeles, Gil Garcetti, geben eine offizielle Stellungnahme bezüglich dem Stand der Ermittlungen gegen Michael Jackson ab. Sie informieren die Öffentlichkeit, dass Jordan Chandler nicht aussagen möchte und dass sie deshalb keine Klagen einreichen können. Gil Garcetti gibt zu, dass die 18-monatigen Ermittlungen zu keinerlei belastendem Material geführt haben. Des Weiteren erklärt er: „Für Michael Jackson gilt, wie für jeden anderen Bürger in diesem Raum, der für kein Verbrechen verurteilt wurde, die Unschuldsvermutung. Wir beschuldigen Michael Jackson keines Verbrechens.“ Tom Sneddon behauptet allerdings, dass es zwei weitere angebliche Opfer gibt, die ebenfalls nicht aussagen wollen. Später stellt sich jedoch heraus, dass einer dieser beiden anderen angeblichen Opfer Jason Francia ist, der von der Staatsanwaltschaft dazu gedrängt wurde, Anschuldigungen gegen den Sänger zu erheben. Er sagte 2005 schlussendlich im Jackson-Prozess aus und wurde für unglaubwürdig befunden (Details zu ihm, seinen Unterstellungen und wie diese zu Tage traten, befinden sich hier http://michaeljacksonallegations.com/jason-francia/) Basierend auf den Informationen, die Sneddon über das andere angebliche Opfer enthüllt hat, scheint es sich dabei um Brett Barnes zu handeln, der immer mit Nachdruck erklärt hat, dass Jackson niemals irgendetwas unangemessenes mit ihm gemacht hat und ihn niemals belästigt hat. Sneddon nutzte diese Taktik, Leute als „Opfer“ zu bezeichnen, die selbst bestritten, Opfer zu sein, auch 2005 in Jacksons Prozess.

Sneddon gab auch bekannt, dass die Ermittlungen trotz des Unvermögens der Staatsanwaltschaft, Jackson irgendein Verbrechen zur Last zu legen, weiter laufen.

4. Juli 1995 – Die ersten Medienberichte über Jordan Chandlers rechtliche Emanzipierung von seinen beiden biologischen Elternteilen erscheinen.

12. November 1995 – Jordan Chandlers Emanzipation von seinen Eltern wird rechtskräftig. Künftig lebt er bei Evans zweiter Frau (die zu diesem Zeitpunkt bereits von Evan geschieden war) und seinen zwei jüngeren Geschwistern aus dieser zweiten Ehe Evans. [Etwas mehr über die Familienverhältnisse der Chandlers in diesem Artikel: http://michaeljacksonallegations.com/michael-jacksons-first-accuser-meet-the-chandler-family/]

7. Mai 1996 – Evan Chandler reicht gegen Michael Jackson, seine erste Frau Lisa Marie Presley, ABC Capitol Cities Broadcasting und andere eine Zivilklage ein, da angeblich die Verschwiegenheitsvereinbarung aus dem Vergleich von 1994 verletzt wurde, als Jackson in einem Interview mit dem ABC Fernsehsender seine Unschuld beteuerte. Diesmal verlangte Evan Chandler mehr als 60 Millionen Dollar von Jackson und einen Plattenvertrag, um ein Album über die angebliche sexuelle Belästigung seines Sohnes herausbringen zu können. Diese Klage wurde 2000 vom Gericht zurückgewiesen.

Details dazu siehe http://michaeljacksonallegations.com/evan-chandlers-1996-lawsuit-against-michael-jackson/.

15. Oktober 1996 – Urteil in einer Klage, die Michael Jackson gegen die Journalisten Victor Gutierrez und Diane Dimond eingebracht hatte. Im Jänner 1995 behauptete Gutierrez, dass ein angebliches 27 minütiges Videoband, welches von einer der Überwachungskameras Jacksons aufgezeichnet worden sein soll, den Star zeigt, wie er einen seiner Neffen, Jeremy, sexuell belästigt habe. Solch ein Band existierte nie und der Junge und seine Mutter dementierten die Story vehement. Dimond wiederholte Gutierrez‘ Unterstellungen in einer Radiosendung und im Fernsehen, obwohl sie außer Gutierrez‘ Worten keinen Hinweis auf dessen Existenz hatte, stattdessen lag allerdings eine Stellungnahme von Jacksons Anwalt vor, dass es kein solches Band gab. Das Gericht verurteilte Gutierrez dazu, Jackson 2,7 Millionen Dollar Schadenersatz zu zahlen. Er zahlte nie, verließ jedoch stattdessen das Land und meldete Konkurs an. Dimond entkam unversehrt, weil ihr keine böswillige Absicht nachgewiesen werden konnte.

Victor Gutierrez war weit mehr in die Unterstellungen gegen Michael Jackson involviert. Er scheint ein Auslöser gewesen zu sein, der Kontakt zu vielen der Hauptakteure hatte, genauso wie ihn Journalisten als „Quelle“ nutzten. Für Details über ihn und seine beunruhigende Agenda siehe Victor Gutierrez und seine Rolle in den Unterstellungen gegen Michael Jackson.

15. Februar 2001 – The New York Daily News zitiert Tom Sneddon, der sagte, dass der Kindesmissbrauchsfall gegen Michael Jackson nie geschlossen wurde und jeder Zeit wieder geöffnet werden kann (Sneddon machte in den 90er Jahren einige ähnliche Bemerkungen gegenüber anderen Medien). Sneddon wird weiter zitiert, dass die Verjährungsfrist für eine Aussage Jordan Chandlers nicht abgelaufen ist, weil Jackson so lange außerhalb des Landes lebte.

3. & 6. Februar 2003 – Martin Bashirs Dokumentation Living with Michael Jackson wird im Vereinigten Königreich (3. Februar) und in den USA (6. Februar) ausgestrahlt. Am 6. Februar leitet jemand Jordan Chandlers Aussage von 1993 (siehe 28. Dezember 1993) an die Medien weiter, um die Öffentlichkeit weiter gegen Jackson aufzubringen.

3. März 2003 – Ray Chandler gibt dem National Enquirer ein Interview, wo er die „Treffsicherheit“ der Zeitung in deren Berichterstattung des 1993er Falls lobt. Neben der Tatsache, dass er ihnen im September 1993 selbst eine Story verkauft hatte, gibt es Indizien dafür, dass einige andere Storys des Enquirers ebenfalls auf die Chandlers zurückzuführen sind (siehe 21. September 1993 und 25. Mai 1993).

16. Juni 2004 – Die Vergleichsvereinbarung (Das Chandler-Settlement / Der Chandler-Vergleich) zwischen den Chandlers und Michael Jackson sickert illegaler Weise zu Diane Dimond durch. Es ist nicht bekannt, wer den vertraulichen Vergleich an Dimond weitergeleitet hat, allerdings wird Dimond in Ray Chandlers Buch All That Glitters als Evan Chandlers „engste Verbündete“ bezeichnet.

12. September 2004 – Am Höhepunkt des Medienrausches über die Arvizo-Anschuldigungen und den bevorstehenden Prozess veröffentlicht Ray Chandler das Buch, für das er seit dem 1994er Vergleich einen Verlag sucht (Raymond Chandler – All That Glitters: The Crime and the Cover-Up) selbst.

19. September 2004 – Jacksons Verteidigung versucht, Ray Chandler vorzuladen, der seine Runden in den Medien machte, um sein Buch zu bewerben. In Interviews behauptet Chandler, er hätte Dokumente, die Jacksons Schuld „beweisen“. Jacksons Verteidigungsteam fordert ihn heraus, seine Dokumente dem Gericht vorzulegen – unter Eid, um ins Kreuzverhör genommen zu werden. Ray Chandler wehrt sich erfolgreich gegen die Vorladung, indem er das Shield Law [Anm.: Reporter können während der Recherche und Veröffentlichung von Nachrichten eine Aussage vor Gericht verweigern] anführt, das ihn als Journalist schützt.

Details dazu sind in dem Artikel http://michaeljacksonallegations.com/ray-chandlers-subpoena-in-2004/ zu finden.

28. September 2004 – Staatsanwälte des Arvizo Prozesses kontaktieren den 24 jährigen Jordan Chandler in New York und ersuchen ihn, im bevorstehenden Prozess gegen Jackson auszusagen. Laut Jacksons FBI-Akten, die nach seinem Tod veröffentlicht wurden, weigerte sich Jordan und teilte den Staatsanwälten mit, dass „er gegen jeglichen Versuch“ ihn zu einer Aussage gegen Jackson zu bringen „rechtliche Schritte einleiten würde“. Später enthüllte Jacksons Anwalt Thomas Mesereau, dass er Zeugen für den Prozess hatte, die gesagt haben, Jordan hätte ihnen gegenüber zugegeben, dass Jackson ihn nicht belästigt hatte. Wäre Jordan vor Gericht erschienen, um auszusagen, hätte er diese Zeugen präsentiert.

11. April 2005 – June Chandler erscheint in Jacksons Prozess als Zeugin der Staatsanwaltschaft vor Gericht. Sie gibt zu, seit 11 Jahren nicht mehr mit Jordan gesprochen zu haben. Sie bezeugt, dass ihr Sohn und Michael Jackson 1993 Zeit miteinander verbracht haben, aber sie behauptet nicht, dass sie Zeuge einer Belästigung wurde. Sie ist das einzige Mitglied der Chandler Familie, das jemals vor Gericht ausgesagt hat und sich einem Kreuzverhör unterzogen hat.

13. Juni 2005 – Michael Jackson wird in seinem Prozess in allen Anklagepunkten freigesprochen.

5. August 2005 – Jordan Chandler erzielt eine vorläufige einstweilige Verfügung gegen seinen Vater, als er angibt, dass Evan „ihn von hinten mit einem zwölfeinhalb Pfund [ca. 5,5kg] schweren Gewicht auf den Kopf schlug und ihm dann Mazis oder Pfefferspray in seine Augen sprühte und versuchte, ihn zu erwürgen.“ als sie in einem gemeinsamen Haushalt lebten. Der Richter stellte auch fest, dass das Gewicht schwere Körperverletzung oder Tod verursachen könnte.

Details zu den Verhältnissen in der Familie Chandler sind in dem Artikel http://michaeljacksonallegations.com/michael-jacksons-first-accuser-meet-the-chandler-family/ zu finden.

25. Juni 2009 – Michael Jackson stirbt.

26. Juni 2009 – Eine falsche Story über Jordan Chandler, der seine Anschuldigungen zurücknimmt, kursiert im Internet. Details dazu siehe http://michaeljacksonallegations.com/is-it-true-that-jordan-chandler-publicly-confessed-after-michael-jacksons-death-that-jackson-did-not-molest-him/

5. November 2009 – Nur vier Monate nach Michael Jacksons Tod begeht Evan Chandler, der alleine und in Streit mit seiner Familie lebt, Selbstmord, indem er sich in seinem Haus in New Jersey in den Kopf schießt. Er hinterließ keinen Abschiedsbrief. Keines seiner Kinder, keine Ex-Frau und kein einziger Freund besuchte sein Begräbnis.

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Jordan Chandler mit seiner Freundin, seiner Mutter und anderen (Bildquelle: https://turningthetableonthechandlerallegations.wordpress.com/2014/04/20/chandler-timeline/)

Review über MJ: The Genius of Michael Jackson

Dies ist eine Review von Toni Bowers über das Buch MJ: The Genius of Michael Jackson (von Steve Knopper). Aber Tonis Artikel ist gleichzeitig viel mehr: Ein Text, der sich auch mit anderen, derartigen Biografien auseinandersetzt und ein starkes, aussagekräftiges Plädoyer für Michael und gegen das Genre der “definitiven” Biografie.

Link zum Original: https://lareviewofbooks.org/review/time-for-something-different

Toni Bowers über

MJ: The Genius of Michael Jackson

Zeit für etwas anderes

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”Who dares judge the inexpressible expense another pays for his life?” – James Baldwin

”Wer erlaubt sich, die unaussprechlichen Kosten, die ein anderer für sein Leben zahlt, zu beurteilen?

”I bind my soul to my work.”- Michael Jackson

“Ich lege meine Seele in meine Arbeit.“

Brauchen wir eine neue Biografie über Michael Jackson? Was kann eine lohnenswerte Biografie über Jackson, die es wert ist, veröffentlicht und gelesen zu werden, hoffen zu erreichen, nach allem, was bisher schon gesagt wurde? Steve Knopper bietet der langen Reihe der „definitiven“ (wie es auf der Rückseite des Buches behauptet wird) Jackson Biografien einen Neuzugang. Knoppers MJ: The Genius of Michael Jackson folgt Vorgängern bis zurück in die 1980er Jahre und trägt sehr wenig dazu bei, die schon bekannte Geschichte neu zu interpretieren. Wie die ähnlichen Modelle von Randall Sullivan und J. Randy Taraborrelli (1), hangelt sich auch Knopper an Boulevard „Journalismus“ und Klatsch TV entlang, und macht zugleich großen Aufwand um die Recherche. (Fußnoten und Endnoten! Und Index!) Er scheint wenig geneigt zu sein, sowohl sein Material als auch seine eigenen Absichten kritisch zu sehen. MJ berichtet nicht nur über die gleichen Vorkommnisse und Verhältnisse, über die schon Sullivan und Taraborrelli berichteten, es zitiert meistens auch dieselben Quellen und ist in einem ähnlichen Ton geschrieben.

Auf dem Einband gibt sich Knopper als Autor eines Buches über Veränderungen in der Musikindustrie (2) und mehrerer Artikel in der kommerziellen Presse, sowie als „mitwirkender Redakteur des Rolling Stone“ zu erkennen. Jeder, der mit Sullivans Untouchable von 2012 vertraut ist, wird hier wohl kurz innehalten. Ja, Knopper ist der zweite Jackson Biograf in nur 3 Jahren, der aus den Reihen des Rolling Stone kommt, eines Magazins, dessen historische Vernachlässigung schwarzer Musik lange bekannt ist und dessen jahrzehntelange Anfeindung Jacksons insbesondere immer genannt wird.(3) Durch die Überschneidungen und die Tatsache, dass Knoppers Buch nicht viel anders ist als Sullivans (wenn es sich unterscheidet, dann darin, dass es eher weniger bietet, anstatt mehr), ist schwer zu erkennen, was mit der Veröffentlichung dieses Buchs bezweckt wurde.

Eines der Probleme Knoppers ist, dass vorherige Biografen schon über das meiste dessen, was er für berichtenswert hält, geschrieben haben. Sie haben alle einschlägigen mit Jackson in Verbindung stehenden Menschen interviewt, und es ist nicht überraschend, dass nur sehr wenige davon geneigt waren, Knopper noch einmal die gleichen Fragen zu beantworten. Aber eine „definitive“ Biografie braucht diese Stimmen. Für die Art Buch, die Knopper zu schreiben beabsichtigte, spielt es eine Rolle, dass kein einziges Mitglied aus Jacksons redseliger Familie ihm für ein Interview zur Verfügung stand. Auch nicht Jacksons jetzt volljähriger Sohn. Lisa Marie Presley, wie Knopper eingestehen muss, „lehnte es ab, Fragen über Michael Jackson zu beantworten“. Deborah Rowe sprach nicht mit ihm; und Quincy Jones ebenso wenig.(4)

Was macht Knopper also? Er kopiert die Texte von Interviews, die diese Personen anderen gaben. Das meiste Material aus Knoppers Quellen ist schon gedruckt. Er macht auch aus dem Material, das er wiederholt nichts Neues. Er wiederholt ein bekanntes Repertoire von Anekdoten in vertrauter Sprache, benutzt den selben abfälligen Ton und die gleichen rücksichtslosen Denkmuster, wie es schon seit langem für die Kritik an Jackson in den Ergüssen der kommerziellen Presse getan wird. Er sammelt alles zusammen, was irgendwer irgendwo als Zitat gesagt haben will und schmeißt alles in einen Topf, ohne jedes kritische Urteil über die Verlässlichkeit dieser Informationen. Jede Behauptung hat den gleichen Stellenwert. (5) Hast du gedacht, die Aufgabe einer „definitiven“ Biografie sei es, das vom Hörensagen bekannte akkurat darzustellen, und anstatt leichtfertigen Urteilen eine sorgfältige Analyse zu bieten? Nicht in diesem Fall, hier wird es noch nicht einmal versucht.

Weil er so damit beschäftigt ist, die allgemein anerkannte Geschichte nachzuplappern, lässt Knopper nicht erkennen, was wirklich wichtig ist: Den Grips, den Mut, das Talent und die Ausdauer, die ein ausgebeuteter Kinderstar brauchte, um den Weg über die Limitierungen und Demütigungen des Chitlin Circuit hinweg zu weltweiter Anerkennung und Marktbeherrschung zu gehen; die fundierte und dennoch völlig eigenständige künstlerische Vision; die klare Zielsetzung; das endlose, tägliche, stündliche Üben.

Denn trotz allem perfektionierten sich diese unbeschreiblichen Tanzschritte nicht von ganz alleine. Jackson strengte sich dafür an. Er „schrieb und komponierte“ seine Songs (wie er sagte) oder arbeitete mit anderen zusammen daran – ab dem Bad Album an den meisten – er überwachte die Produktion und das Marketing und kreierte die außergewöhnlichen Konzerte und Kurzfilme. Natürlich übernahm er nicht jeden Schritt in diesem Prozess selbst, aber alles war ein Werk seiner eigenen Vorstellung und unermüdlichen Anstrengung. Wurde er danach gefragt, antwortete Jackson wiederholt, dass seine Kreativität einer überrationalen Quelle entspringe, dass sie ein Geschenk Gottes sei und er lediglich ein Kanal. Aber er wäre nicht dieser Kanal gewesen ohne die ständige Fokussierung, Selbstdisziplin und Arbeit. Unglaublich viel Arbeit. „Ich will immer die ganze Nacht durcharbeiten,“ merkte Jackson früh in seiner Karriere an, „arbeiten bis zum Umfallen.“

Diese Arbeit zu ignorieren ist, als ob man Jackson nur als „naturgegebenes“ Genie abwertet, und dabei vergisst, dass er schon einen detaillierten Karriere-Plan entwickelte, bevor er diese Karriere mit 21 Jahren begann. Jacksons Leistungen als die unausweichlichen Resultate einer „Begabung“ zu besetzen und der bewusst ausgeübten Kunst eine Absage zu erteilen, bedeutet, eine sorgfältig geformte, meisterlich und mühevoll errungene Leistung misszuverstehen. Knopper lässt es zu einfach aussehen, zu instinktiv. Und dieser durchschaubare Trick ist eine übliche Strategie von Überlegenheit. Erinnert es nicht daran, dass Afrikaner „naturbegabte“ Athleten sind, und Frauen, aber nicht Männer „instinktive“ Eltern? Gleiches Denkmuster.

Davon ausgehend ist es für Knopper einfach fortzufahren, als sei er seiner „Zielperson“ gegenüber überlegen. Er zweifelt Jackson ständig an und verunglimpft dessen persönliche Entscheidungen, die er, Knopper, rätselhaft findet. Denn er erkennt in der Tat nicht die vollen Auswirkungen des „Genies Michael Jackson“, es kommt Knopper nicht in den Sinn, dass Jackson tatsächlich sein Handeln überdacht haben könnte, oder dass die Gründe für seine Entscheidungen, auch persönlicher Art, zumindest teilweise in der Kunst begründet sein könnten.

Nehmen wir als Beispiel Jacksons plastische Operationen, um die immer großen Rummel gemacht wird. Seit einigen Jahren wird nun schon argumentiert, dass Jackson sein Gesicht als Leinwand zum Inszenieren ideologischer Herausforderungen und als künstlerisches Mittel eingesetzt hat.(6)

Die Belege dafür, dass er viel weniger kosmetische Operationen hatte als die Medien behaupten, sind jetzt an einem Wendepunkt angelangt, und sind, wie ich glaube, sehr triftig, sowie auch die Argumentation, dass Jacksons Experimente mit seinem Gesicht oft nur spielerischer und vorübergehender Art waren und nicht durch Operationen entstanden. Er liebte es, mit Kosmetik zu experimentieren und war fasziniert von den Möglichkeiten, die durch Beleuchtung und Verkleidung erzielt werden konnten – er versteckte sich oft direkt vor unseren Augen.

Auch wenn Jackson um sein Aussehen besorgt war – was auch ausreichend dokumentiert ist – ist das jedoch nicht die ganze Geschichte. Es scheint genauso klar, dass er eine komplexe Reaktion auf die ständige Kontrolle und Beurteilung abgab, eine Reaktion, die nicht nur Neurotizismus beinhaltete, sondern auch Verspieltheit und schräge Provokation im tiefsten und politischsten Sinn. Es ist nicht meine Angelegenheit (oder die eines anderen), darüber zu urteilen, ob Jacksons Verhältnis zur plastischen Chirurgie oder Kosmetik normal oder gut für ihn war – was auch immer diese Worte bedeuten mögen. Fakt ist, dass ein viel komplizierterer, viel menschlicherer, spielerischer Jackson schon immer genau dort, direkt vor unseren Augen stand.

Knopper wirft zu dem anderen Jackson nur zwei kurze Sätze ein, und sie erscheinen auch erst 10 Seiten vor dem Ende des Buchs. Er sagt: „Michael verbrachte viel Zeit seines Lebens damit, Barrieren niederzureißen, zwischen Rasse, Geschlechtern und Musik. Darunter auch psychologische Barrieren.“ Das ist alles. Die kurze Anmerkung kompensiert kaum die lebhafte Wiederholung der Gerüchte um plastische Operationen, oder das, was auf der gleichen Seite steht und von Knopper “der genaueste posthume Katalog von Michaels Gesichtsoperationen“ genannt wird – eine Auflistung nicht auf Basis des Autopsieberichts, sondern dem Allure Magazin entnommen.

Bei der Methode ist es nicht überraschend, dass Jackson hier wieder einmal als Freak rüberkommt – als ein seltsames, häufig schikaniertes, emotional hilfloses Opfer, oder ein durchtriebener Größenwahnsinniger, eitel, unbeholfen und möglicherweise kriminell. An keiner Stelle taucht Jackson als das vielseitige, widersprüchliche Mysterium, das er, so wie jeder Mensch, gewesen sein muss, auf.

Und auch nur selten wird Jackson als ernsthafter, waschechter Künstler dargestellt. Wie schon andere „definitive“ Biografen vor ihm, zeigt auch Knopper enthusiastisches Interesse an Gerüchten der Klatschpresse und bunt ausgeschmückten Erinnerungen, aber versäumt es größtenteils, sorgfältige Überlegungen zu Jacksons künstlerischen Visionen anzustellen. Es ist, als wären Visionen im Leben des Künstlers überhaupt nicht vorhanden, und dafür einfach nicht relevant. Wir erfahren hier nichts neues über Jacksons Musik, Tanz oder Filme, sein Talent für Marketing und spektakuläre Bühnenshows, die Entwicklung des Neverland Valleys oder die öffentliche Person. Wie seine Vorgänger lässt auch Knopper Jacksons Philanthropie aus, versäumt es, sorgfältig über deren Ausdrucksweise, Motivationen und Umfang zu schreiben oder nachzudenken, und darüber, wie sie die Musik prägte und Jackson zu dem Mensch und Künstler machte, der er war. (7)

Songtitel und bahnbrechende Choreografie werden erwähnt, aber die Musik wird fast nie als Musik betrachtet, der Tanz nicht als Tanz. Knopper fügt eine ermüdende Schritt-für-Schritt Beschreibung von Jacksons Motown 25 Performance von „Billie Jean“ bei, als ob die Leser nie eine Gelegenheit haben würden, sie anzusehen, aber eine Analyse schließt sich nicht an. „Remember The Time“ ist unverständlicher Weise zusammengefasst mit der Phrase „weiße T-Shirt Sexyness“, obwohl es in John Singletons Kurzfilm überhaupt kein weißes T-Shirt gibt. (Denkt Knopper vielleicht an „In The Closet“, wovon ein Foto auf dem selten zu sehenden Single-Cover von „Remember The Time“ abgebildet ist? Ich habe keine Ahnung.) „Best Of Joy“ und „(I like) the Way You Love Me“ werden in einem kurzen Atemzug als „schmalzige Balladen“ verkannt, „Black or White“ läuft auf „angehäuften Irrsinn“ hinaus. Auf einer Seite werden zwei bahnbrechende Werke, „Beat It“ und „Bad“ geschwind als „gefühlsduselig“ abgeurteilt, und „Smooth Criminal“ wird spöttisch beschrieben als stattfindend in „einer Cartoonwelt, in der Menschen nicht gehen, sondern moonwalken, und nicht Treppenstufen hinunterlaufen, sondern hinübergleiten.“ „Never Can’t Say Goodbye“, ein großer Jackson 5 Hit, der so einflussreich war, dass er von Dutzenden Künstlern gecovert wurde, wird reduziert auf eine „Obskurität“, vom Estate für die Michael Jackson ONE Show 2011 herangeschleppt. (8)

Zwei- und Dreiwort-Kritiken wie diese sind es, die hier ständig als Musik- und- Filmkritiken durchgehen. Unter den wenigen Werken, die mehr bedacht werden, sind Dangerous und die viel diskutierte Black-Panther-Coda von „Black or White“. In beiden Fällen, sowie gelegentlich an anderen Stellen, behandelt Knopper diese Meisterstücke, in dem er aufschlussreichere Kritiken zitiert. (In dem Fall sind es Susan Fast über „Dangerous“ und Elizabeth Chin über „Black or White“.) Ausnahmsweise starke Kritiken, aber es sind nicht seine eigenen.

Vom Titel könnte man darauf schließen, dass Knoppers MJ etwas Signifikantes tun würde: Das „Genie von Michael Jackson“ zu erklären und zu beleuchten. Aber trotz seines vordergründig kühnen Einsatzes des G-Wortes, erklärt Knopper nie, was es bedeutet – es ist sogar so, dass er das Wort „Genius“ kaum noch einmal benutzt. Als Ergebnis bedeutet das Schlüsselwort im Titel gar nichts, es führt zu keiner Lösung.

Knopper nutzt den Sinn von Vertrautheit der Welt mit Jackson dazu, ihm respektvollen Abstand zu verweigern. Er bezieht sich auf das Genie immer mit dessen Vornamen, beispielsweise in einer Geste falscher Vertrautheit, welche die dem Projekt zugrunde liegende Geringschätzung enthüllt.(9) Natürlich sagt Knopper nie ausdrücklich, dass er Jackson für ein Leichtgewicht oder eine belanglose Figur hält. Aber die Art, auf die er sich der Aufgabe nähert, spricht Bände – der arrogante Ton, die oberflächliche Recherche, die selbstverherrlichende Art der Anmerkungen,(10) die Müdigkeit, mit der die Geschichte gegen Ende erzählt wird. Knopper beendet das Buch, vielleicht passend, mit einem langen, moralisierenden und überwiegend vernichtenden Zitat eines anderen (in dem, ironischer Weise, das Wort „Genius“ endlich noch einmal erscheint.) Für Jackson ist anscheinend eine weitere abgeleitete „Studie“ perfekt angemessen; unnötig, die schwere Arbeit, die es braucht, darüber nachzudenken, wer er war und was er erreichte selbst zu tun.

Wo überlegtes, kritisches Denken hätte stattfinden sollen, setzt Knoppers Feindseligkeit und moralisches Urteilen ein. Oft nimmt die Feindseligkeit unangemessene persönliche Formen an. Jacksons Bemühungen, handlungsunfähig machende Schmerzen abzuschwächen, nennt Knoppers „Launen“. Gerüchte über die Familie Jackson und Jacksons Kinder, bereitet er in einem hochnäsigen Ton neu auf: „Mitglieder der Familie Jackson sind vielleicht die einzigen Menschen auf der Welt, die darauf bestehen, dass Michaels 3 Kinder genau aussehen wie er,“ erklärt Knopper herzlos (und falsch). Um seiner Empörung über die unverschämte Berichterstattung der Boulevardpresse über die Kinder Ausdruck zu geben, wiederholt Knopper deren Geschichten, und lässt sogar ein paar derer, die so lächerlich waren, dass sie sich schon totgelaufen hatten, wieder aufleben. Manchmal geht Knoppers moralistische Missbilligung nach hinten los, manchmal ist sie so kleinkariert, dass es schon lustig ist. Wenn Knopper sich beispielsweise daran gibt, Jacksons kreative Entscheidungen für HIStory im Jahr 1995 zu beurteilen, erklärt er, Jacksons Ambition „Sounds zu kreieren, die das menschliche Ohr nie zuvor gehört hat“, sei kein künstlerisches Anliegen, sondern lediglich eine Folge von Selbstüberschätzung. Wiederholt kritisiert er Jackson dafür, dass er seine Telefonate nicht während der bürgerlichen Arbeitszeiten führte: Ein Anruf an Rupert Wainwright habe zum Beispiel „um 11:45 p.m. an einem Sonntag“ stattgefunden, wie Knopper bemängelt. Der reine Horror!

Solche Dinge finden sich überall. Knopper schüttelt seinen Kopf über einen täglichen FedEx Brief zwischen Jackson und einem Soundingenieur während Aufnahmesessions, und bemerkt missbilligend dass „die Arbeit von vier ganzen Tagen“ hinterher „genau zehn Sekunden des Albums“ ausmachten. Auch Jacksons Einsatz von „neumodischen“ Effekten macht er schlecht. Beträchtlichen Anstoß nimmt er daran, dass „Ingenieure für solche Effekte bei „Childhood“ verschiedene Spieluhren und Aufnahmen von sich öffnenden und schließenden Türen gesampelt hätten.“ Anscheinend wirklich unerhört! Doch es kommt noch besser, denn diese Soundeffekte waren dann tatsächlich in einem anderen Song zu hören, nämlich in „Little Susie“. Wie sich herausstellt, ist Knoppers alberne Beanstandung auf das wackelnde, selbsterrichtete Fundament seines eigenen Sachfehlers gebaut. (11)

Dieser ständige Sog von Herabsetzung und Missbilligung wird umso stärker, je weiter MJ fortschreitet. Knoppers Ton wird immer gereizter. Knopper – der ungerührt Beweisführung oder nuanciertes Denken erschwert – versagt zunehmend, indem er die Vermessenheit moralischer Überlegenheit mit der Tendenz zu einem schnellen und reduzierenden Urteil mit feixenden Aufzählungen und schlüpfrigen Klatschgeschichten vermischt, die, wieder und wieder seine hochnäsige Annäherung an sein Subjekt – und an seine eigenen Leser – enthüllen.

Ein solcher Ton wäre in einer „definitiven“ Biografie nahezu eines jeden anderen großen Künstlers schockierend – man stelle sich vor, solches würde zum Beispiel dem kürzlich verstorbenen David Bowie entgegengebracht, dessen Sensibilität sich in manchen Bereichen mit Jacksons überlappt. Aber in Jacksons Fall ist Geringschätzung die Grundeinstellung, und Knopper hält es bezeichnenderweise nicht anders. Nur selten weist er darauf hin, dass es für eine Sache unterschiedliche Interpretationen geben könnte, oder fordert die Leser auf, scheinbar gegensätzliche Möglichkeiten zu umspannen.

Auf Chancen für vielschichtige Analysen, Gelegenheiten, ein chaotisch detailliertes Bild zu erkennen oder mit Einfühlungsvermögen vorzugehen – darauf wird durchweg verzichtet. Stattdessen müht sich Knopper, wie schon seine Vorgänger, damit ab, den Eindruck sorgfältiger Analysen zu erwecken. Er scheint zu denken, dass durch das Überwältigen der Leser mit überliefertem Wissen, angehäuft auf Seiten und Anhängen, Namen einzustreuen und einen Index anzuhängen, der mehr vertuscht als erklärt (es gibt dort keinen Eintrag für „Jackson, Michael“), biografische Kompetenz ausmacht. Knopper misslingt es im Großen und Ganzen selbständig zu denken oder sich mitdenkende Leser vorzustellen.

Nehmen wir beispielsweise den Prozess von 2005 und die auch nach Jacksons Tod 2009 weiterhin stattfindenden Prozesse und Versuche, an Geld zu kommen. Man könnte erwarten, dass Knopper, nach all den Jahren, die vergangen sind, auf originelle Art, oder zumindest mit verifizierter und überarbeiteter Information auf diese Angelegenheiten eingehen würde. Aber tatsächlich bietet er nichts, was nicht schon bei Sullivan, Taraborelli oder Halperin zu finden ist (12),wobei er aber gleichzeitig nur selten seine Schuld bei diesen vorherigen Autoren anerkennt. (Ihre Bücher werden zitiert, aber nicht sehr oft). Er erwähnt nie, dass die fortlaufenden rechtlichen Streitigkeiten – darunter auch Katherine Jacksons erfolgloser Prozess gegen den Konzertveranstalter AEG, von dem erwartet wird, dass er in Berufung geht – die Wiederaufnahme von Jacksons Wohltätigkeits-Stiftung und deren Arbeit abwürgen. Aber Jacksons humanitäre Einstellung ist, wie seine Kunst und sein weltweites Vermächtnis, für Knopper nicht besonders interessant. Er möchte das Eigentumsrecht an dieser Geschichte, aber keine Erkenntnisse über den Künstler oder die Kunst. Das Fehlen von eigentlicher Interpretation könnte zum Teil einfach an mangelnder Neugierde liegen.

Während des Lesens wollte ich Knopper öfter fragen, „Warum“? Betrachten wir MJs Bericht über den Augenblick, als die TII Crew während der Proben von Jacksons Tod erfuhr. Laut Knopper (und vielen anderen vor ihm) begannen alle zu weinen, brachen zusammen, umarmten sich vor Trauer und Schock. Dann sagt Knopper (in dem er Stacy Walker zitiert), dass Choreograf Travis Payne „zu einem Tisch neben der Bühne ging und begann, zerstreut auf seinem Laptop zu schreiben.“ Was? Knopper scheint „zerstreut“ eingeworfen zu haben, aber selbst dann ist dieses Detail faszinierend. Payne, so wie jeder andere, hatte gerade von Jacksons schockierendem Tod erfahren; die Leute um ihn herum brachen zusammen; Kenny Ortega kollabierte laut Knoppers Bericht in Paynes Armen, und Payne „schleppte ihn zu einem Sitz neben der Bühne“, und war selbst völlig fassungslos. Ist es da nicht seltsam, dass Payne unter diesen Umständen damit begonnen haben sollte „auf seinem Laptop zu schreiben“? Bei der Frage „warum?“ geht es nicht darum, einen Schwindel anzudeuten, es geht darum, das zu überdenken, was man dir erzählt hat. Knopper tut das nie. Auch die auswendiggelernte Art der Erzählung halte ich für ein Ergebnis von Knoppers starkem Instinkt zum Selbstschutz. Knopper liebt es, Kontroversen nachzuerzählen, wenn sie Jackson betreffen, hat aber keine Lust, Beweise zu überprüfen und sachkundige Schlüsse zu ziehen, für die er selbst zur Verantwortung gezogen werden könnte.

Kommt es beispielsweise zu den Beschuldigungen von 2005, die den Prozess auslösten, und bei denen sich mittlerweile herausstellte, dass sie Teil eines Erpressungsversuchs waren, bleibt Knopper unverbindlich:

War Michael Jackson ein Kinderschänder? Alle Beweise deuten auf Nein – obwohl das Schlafen im Bett mit Kindern, und darüber im Fernsehen zu prahlen, ihn nicht für die Celebrity Judgement Hall of Fame qualifizierte. (Anmerkung: Hall of Fame für das Urteilsvermögen Prominenter) Der Mann hatte einen fairen Prozess. Die meisten seriösen Chronisten Michael Jacksons, mit der erwähnenswerten Ausnahme von Diane Dimond, kommen mit einer ähnlichen Schlussfolgerung, wie sie Ian Halperin in Michael Jackson Unmasked abdruckte: „Ich konnte kein einziges Stückchen eines Belegs finden, der beweist, dass Michael Jackson ein Kind belästigt hat. Ganz im Gegenteil. ich fand signifikante Beweise die zeigen, dass es den meisten seiner Ankläger, wenn nicht allen, an jeglicher Glaubwürdigkeit fehlt.“ Mehr Beweise mögen jedoch noch kommen.“ (13)

Anstelle von verantwortlicher Analyse fällt Knopper zurück auf sein Markenzeichen – abfälliger Ton, passiv-aggressive Unterlassung einer Erklärung, einfaches Urteilen. Er überlässt Halperin das eigentliche Reden (während er unverständlicherweise Diane Dimond zu den „seriösen Chronisten“ für den Fall zählt). (14) Dann geht er hastig in Deckung. Vielleicht ist ein schneller Rückzug die sicherste Strategie für jemand, der sich in das Minenfeld an Gerichtsverfahren wagt, zu dem Jacksons Leben geworden ist, aber es ist keine sehr verantwortungsbewusste Vorgehensweise, wenn du deine Zelte als der neue „definitive Biograf“ aufschlägst.

Bei all dem ist es schwer sich vorzustellen, welchem Zweck die mehr als 430 Seiten von MJ dienen sollen – außer natürlich, es einem weiteren weißen männlichen Mitglied der kommerziellen Medien der Musikindustrie zu ermöglichen, sich im Ruhm einer künstlerischen Leistung zu sonnen, von der er sich erlaubt, sie schlecht zu machen ohne zu versuchen, sie zu verstehen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass MJ in der Tat, so wie die anderen „definitiven Biografien“ über Jackson zuvor, das Muster haarsträubender Ausbeutung wiederholt und fortsetzt, die ihr Subjekt beschädigt und schließlich tötet.

Über „definitive“ Biografie als Genre und über ihre Eignung für Michael Jackson im Besonderen, habe ich noch mehr zu sagen. Aber hier sollten wir innehalten und bemerken, dass, auch wenn wir es durch Knopper nicht wissen würden, MJ Seite an Seite mit einer Menge von sehr unterschiedlichen Arten von Arbeiten erscheint. Interpretierende Werke sind seit einiger Zeit in vielen Formaten und Genres erschienen – gedruckte und elektronische Wissenschaft, Studien in Buchumfang, recherchierte Artikel, Memoiren, Blog-Einträge und so weiter – von denen die sorgfältigsten zu einer komplexen Neubewertung von Jacksons Leistungen an die Weltkultur beitragen. Diese alternative Tradition stellt uns einen wesentlich vielseitigeren Michael Jackson zur Verfügung, einen Künstler und Mensch anstatt einer Karikatur. Knopper hätte von diesem Material wissen und lernen müssen. Sonderbarerweise geht er aber die meiste Zeit vor, als würde das Internet nicht existieren, und zitiert nur sehr wenige der anerkanntesten alternativen Stimmen.(15)

Eine parallele Entwicklung gibt es auch bei alternativen biografischen Werken. Dabei werden Wälzer im Knopper-Stil mit Arbeiten gekontert, die nicht die „definitive“ Kompetenz für sich in Anspruch nehmen, sondern im Vergleich dazu als bescheidene (und oft nur wenig vermarktete) Produkte daher kommen.

Unter den vielen gedruckten Werken sollte man sich mit folgenden befassen: Todd Grays einfühlsames einleitendes Essay zu Michael Jackson Before He was King (2009), eine Sammlung von Grays eigenen Fotografien. (Als junger Mann fotografierte Gray die Jackson Brüder und freundete sich mit Michael an.) Nelson Georges Thriller: The Musical Life of Michael Jackson (2010), ein solides Stück Musikkritik und gleichzeitig auch ein literarischer Bericht über Georges eigene Geschichte als langzeitiger Kritiker von Jacksons Musik und Kulturgeschichte. George wählt einen für mich scheinbar exzellenten Ansatz: „Ich wollte nicht (…) über irgendwelche Aspekte aus Michaels Leben sprechen, über die ich nichts weiß“, erklärt er erfrischender Weise, „dieses ist keine Biografie.“ Und dann gibt es noch Bill Whitfield und Javon Beards Remember the Time (2014), ein Bericht aus erster Hand zweier Bodyguards von Jackson, über die Jahre, die sie für ihn arbeiteten. Ich empfehle auch My Friend Michael: An Ordinary Friendship with an Extraordinary Man (2011), ein bezaubernd unprätentiöses Buch von Jacksons langjährigem Freund und Mitarbeiter Frank Cascio.

In diesen Berichten, die alle zusammengenommen Jacksons Teenager- und Erwachsenenzeit beleuchten, haben die Autoren Erfahrungen aus erster Hand von bestimmten Abschnitten erzählt, statt den vollen Umfang abzudecken, und die Ergebnisse werden für Leser, die an Knopper und ähnliche gewöhnt sind, überraschend sein. Jackson ist eindeutig nicht die wechselweise abscheuliche oder bedauernswerte Karikatur, die man sie glauben machen wollte. Obwohl jedes Werk nur einen Teilaspekt von Jackson abdeckt, oder nur einen zeitlich begrenzten Rahmen, sehen wir ihn, wenn man alle zusammen nimmt, weitaus authentischer als in den Schriften des Mainstreams. Diese Autoren geben zu, dass die Bilder, die sie uns anbieten, nur partiell sind; sie geben das, was sie mit Integrität geben können und belassen es dabei. Von den Lesern wird erwartet, sich eigene Gedanken zu machen und Puzzleteile von verschiedenen Stellen zusammenzufügen.

Die Erfahrung, diese von mir beschriebenen alternativen Werke zu lesen, ist so, als würde man jemanden kennenlernen – durch immer mehr kleine Gesten, ungekünstelte Reaktionen und Kommentare, den Klang der Stimme, Schweigen, Gewohnheiten. Es ist eine völlig andere Vorgehensweise, als die endlose Wiederholung von Zeitungsenten und Schwelgerei in unverdienten Beurteilungen der „definitiven“ Biografen. Keines der alternativen Werke ist perfekt, aber jedes von ihnen ist unermesslich besser als Taraborrelli, Sullivan oder Knopper.

Es gibt einen großen Fundus solcher Quellen – Arbeiten die von zurückhaltenden Einschätzungen, vorgegebenem Respekt und einer wirklichen Dokumentation der Beschuldigungen aus vorangehen. Bei den elektronischen Medien zeigt der Twitter Feed von Jacksons langjähriger Make-up-Künstlerin Karen Faye Respekt und Zurückhaltung und sorgt für eine erfrischende Lektüre. Als ein Fan fragte: “Wann begann MJ mit Haarverlängerungen?“ Antwortet Faye mit scharfer Zunge: “Das geht dich und auch sonst niemand etwas an.“ Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, Einzelheiten zu beleuchten und Missverständnisse zu korrigieren, die ihr wichtig erscheinen, und sie ist stets respektvoll gegenüber Jackson und der großen Gemeinschaft der beraubten Fans, die sich täglich für verlässliche Informationen an sie wenden.

Ein weiteres Beispiel sind Thomas Mesereaus Überlegungen zu seinen Erfahrungen als Verteidiger Jacksons von 2004 – 2005. Mesereau hat keine gedruckten Memoiren herausgebracht, spricht aber regelmäßig über seine Erfahrungen, ohne sich zu übernehmen, wie auch andere, die ich hier schon genannt habe. Er behauptet nicht, Jackson vollständig zu verstehen und scheut nicht davor zurück, eine eigene Meinung oder Interpretation abzugeben.

Gedruckte Werke wie das von Gray, George, Whitfield und Beard und Cascio teilen sich mit dem Twitter Feed von Faye und den öffentlichen Kommentaren von Mesereau, dass sie sich auf Methoden verlassen, die so anders sind als die Prozedur der „verbrannten Erde“ und „ich weiß alles“, wie sie für Biografien wie Knoppers so charakteristisch sind. Ihre zwar begrenzten, aber bodenständigen Berichte versuchen nicht das Unmögliche und bieten dadurch viel. Durch Werke wie diese – die nicht vorherbestimmt oder vorverdaut sind, nicht enzyklopädisch, die nicht behaupten, die einzige Wahrheit zu kennen – stellt sich heraus, dass Jackson so viel mehr war, als Knopper sich vorzustellen vermag. Zum einen stellt sich heraus, dass er ein Leben lang ein gläubiger Mensch war. Glaubensvorstellungen formten seine Handlungen, brachten ihn dazu, ein aktiver Verteidiger der Entrechteten zu werden, insbesondere von Kindern und der Umwelt. Er verschrieb sich auch liberal humanistischen Werten und hoffnungsvollen kulturellen Vorstellungen (Selbsthilfe, der angeborene Optimismus, Belohnungen, die mit harter Arbeit und fairem Handeln automatisch einhergehen). Jacksons Vertrauen in seine sich selbst unterstützenden Vorstellungen bekam natürlich herbe Schläge und unterzog sich über 50 Jahre hindurch wichtigen Überarbeitungen, aber er blieb bis zuletzt ein hart Arbeitender, ein Gebender und ein Glaubender. Man muss nicht genau seinen Glauben und seine Werte teilen, um ihn dafür zu respektieren, dass er sein ganzes Leben hindurch daran festhielt und sich entsprechend verhielt. Knopper vermittelt uns keinen Eindruck der charakterfesten Persönlichkeit, die in weniger anmaßenden Berichten offenbart wird.

In den Alternativen, die ich erwähnte, gibt es auch eine große Übereinstimmung in einem wesentlichen Punkt, bei dem Knopper gut daran getan hätte, diesen zu bedenken: Dass Jackson ein Künstler von enormer Originalität, immensem Können und Einfluss war, der es verdient mit der Sorgfalt und dem Respekt behandelt zu werden, den man großen Künstlern gewöhnlich entgegenbringt – das heisst, mit dem Fokus entschieden auf der künstlerischen Leistung, basierend auf dem jeweiligen Leben. Jacksons Erfahrungen können nicht von seiner Kunst getrennt werden, und anders herum. Es ist alles eins. Jacksons Getriebenheit, seine multivalente Nichtkonformität, seine ungewöhnliche, ausgelassene Vorstellungskraft, seine Schwachpunkte, Obsessionen und Sehnsüchte, seine beschwingte Ausgelassenheit, Ambivalenz und Stellen von Unwissenheit, seine Großzügigkeit, sein Idealismus, seine Neugierde, Verschlossenheit, Leidenschaft, Ängste, sein Glaube, Optimismus, Misstrauen, seine Verblüffung und seine Isolation – nichts davon kann ohne sein Werk verstanden werden, und alles ist Teil davon.

Diese Erkenntnis steht dem Ausgangspunkt Knoppers entgegen. Tatsächlich folgt Knopper genau dem Model der Unterteilung, das Tanner Colby 2014 kritisierte:

Wir packen „Billie Jean“ und „Thriller“ in eine Schachtel, und sein persönliches Leben in eine andere Schachtel, und geben unser bestes, nicht zuviel darüber nachzudenken. (…) Aber man muss den Menschen unter den Mythen und Missinformationen, die sich über Jahrzehnte angehäuft haben, ausgraben. (16)

Knopper möchte nichts ausgraben. Das Ergebnis ist die gleiche alte Biografie, die die Kunst vernebelt, das Publikum verletzt und den Künstler entwürdigt.

Knopper hält durchgehend einen überheblichen Ton gegenüber Jackson bei. Nehmen wir beispielsweise Knoppers Reaktion auf eine Szene, als Will Vinton angeblich Jacksons Wohnräume besuchte.

Vinton konnte nicht umhin, die Bilder von Kindern zu bemerken (…) die an der Wand seines Schlafzimmers aufgereiht waren,“ informiert uns Knopper schelmisch.

Weißt du Michael, viele Leute würden das nicht verstehen,“ sagte er (Vinton). Aber Michael blieb ungerührt: „Ich liebe Kinder einfach. Ich glaube, Kinder sind wunderbar und sie machen mich glücklich.“ Vinton hielt sich zurück. Er glaubte der Vorstellung, dass Michael ein exzentrischer Einsiedler sei, der die Idee aufgreife, Kinder seien eine Art unschuldige Rettungsboote, die ihm dabei helfen könnten, durch die Welt zu navigieren. Es war leicht, Michael den Vertrauensbonus zu geben.“

Verschiedene Dinge sind hierbei charakteristisch. Beachtet zum einen, wie Knopper emsig bestrebt ist, sich selbst abzusichern. Vielleicht kommt er sich ein wenig dumm dabei vor, Jacksons Anständigkeit direkt anzugreifen, bei all dem, was jetzt als lange Historie von erfundenen Beschuldigungen, tatkräftigen Untersuchungen und ultimativer Entlastung bekannt ist – und nachdem sowohl Sullivan und Halperin sagten, sie hätten mit den Recherchen für ihre Biografien begonnen, im Glauben an Jacksons Schuld und damit geendet, von seiner Unschuld überzeugt zu sein. (17) Deshalb unterlässt es Knopper, direkt zu sagen, dass Jackson etwas anderes als „unschuldig“ und „exzentrisch“ war, bewerkstelligt dabei aber, mit Gewandtheit und Andeutungen Misstrauen indirekt zu übermitteln. Vinton wird zum Platzhalter gemacht, für jeden Leser, der sich bei all diesen dezenten Anstupsern unbehaglich fühlt. Knopper impliziert, dass sowohl die Leser, als auch Vinton es zu einfach finden, „Michael den Vertrauensbonus zu geben“ – nur Knopper weiß es besser. Unter Berücksichtigung der Menge an Beweisen, die wir mittlerweile haben, ist der logischste Schluss genau der, den Jackson in seiner Anekdote anbietet: Er vertraute Kindern und idealisierte sie und er genoss ihre Gesellschaft, oder brauchte sie sogar. Ist das ungewöhnlich? – Ja. Ist das kriminell? – Nein.

Das ausgedachte Zitieren von Jackson ist bei Knopper auch charakteristisch – ohne darüber nachzudenken lässt er Jackson bauchreden – wie auch die Ähnlichkeit, mit der Knoppers Ton dem der Boulevard-Medien zwischen dem ersten Erpressungsversuch (1993) und dem Prozess von 2005 klingt. Das ist bemerkenswert, denn in dieser Zeitspanne war weitaus weniger öffentlich zugängliches Beweismaterial, darüber, dass Jackson in den gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen unschuldig war, vorhanden. Heute gibt es gute Gründe zu glauben, dass „Ich liebe Kinder einfach“ tatsächlich auch ein wahrheitsgetreues Statement war, und weniger Gründe als je zuvor, dass ein Chronist Andeutungen in andere Richtung macht. Warum plappert Knopper dann den Ton der unseriösen Boulevard-Medien von vor über einem Jahrzehnt nach? Weil er es will. Diese Entscheidung sagt letztlich nichts über Jackson, aber sie sagt ziemlich viel über Knoppers Absichten mit diesem Buch. (18) Vielleicht ist es noch verstörender, dass Knopper sich durchaus dessen bewusst ist, dass die Erkenntnisse, wie sie sich jetzt basierend auf allen Beweisen darstellen, der Wahrheit entsprechen: Dass Jackson, sein ganzes Leben lang unaufhörlich belagert, beurteilt und ausgebeutet, in Kindern tatsächlich ein „unschuldiges Rettungsboot fand, das ihm half sich durch die Welt zu navigieren“. Es ist beunruhigend zu hören, wie Knopper es ganz deutlich sagt, nur um dann wieder Zweifel an Jacksons Anständigkeit zu säen.

An der Stelle muss Knopper einiges tun, um Jackson schlecht aussehen zu lassen, und er muss Vinton (und denkende Leser) bei diesem Vorgehen beleidigen, aber er schafft all das. Am Ende ist es doch nur zum finanziellen Vorteil des „definitiven“ Biografen, die Möglichkeit lebendig zu halten, dass fürchterliche Verbrechen doch noch ans Licht kommen werden. Wenn Knopper damit fertig ist, ist es so, als hätte es nie einen weltweit öffentlich publizierten Prozess gegeben, in dessen Verlauf Jackson voll und ganz entlastet und seine Ankläger als Gauner entlarvt wurden. Ich habe die Gerichtsmitschriften gelesen, du kannst es auch und Knopper hätte es genauso gekonnt.

Aus Gründen, auf die ich gleich noch eingehen werde, glaube ich nicht, dass dieses Buch immer nur schädlich sein konnte, aber es hätte zumindest interessanter sein können. Vielleicht wäre es Knopper mit sich selbst nicht so langweilig geworden, hätte er bemerkt, in welchem Ausmass Jacksons Kunst auch ein Politikum war. Es ist weniger bedeutend, dass Jackson auf Nachrichtenkonferenzen mit seinem Schimpansen erschien, als dass seine Musik sich an Gruppen richtete, die zuvor als Publikum und Bürger getrennt wurden. Jacksons kulturelle Beidhändigkeit war eine Kunstform in sich, und sie war (und bleibt) eine politische Kraft. Er sprach den Dialekt vieler Klassen, Rassen und Geschlechter, verbal, musikalisch und visuell. Er bewegte sich mit übernatürlicher Anmut durch einen noch nie da gewesenen Reichtum an Körpersprache und gestenreichem Vokabular, Stimm-Klangfarbe, Körperhaltung und Kleidungsstil.

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Jacksons Werk, inklusive seiner bewusst rätselhaften Erscheinung, fordert eine duale Denkweise.

Greg Gormans Foto, von Jackson als Hommage an ein Foto von Gloria Swanson, 1924 von Edward Steichen aufgenommen. Sony Music lehnte diese Bild für das Cover von Bad ab.

Diese kulturell multivalente Fertigkeit, inklusive seiner bewusst rätselhaften Erscheinung, ist eine der wichtigsten Arten, auf die Jacksons Werk duale Denkweisen herausfordert. Jacksons Kunst offenbart (und triumphiert darin, sie aufzuzeigen) destabilisierende Überschneidungen unter sich vermeintlich ausschliessenden Möglichkeiten – Vergangenheit und Gegenwart, Jugend und Alter, weiblich und männlich, jung und alt, spirituell und materiell, Wut und Liebe, Kunst und Kommerz, Freude und Schmerz. Sein Werk verkompliziert grundsätzlich die reduzierenden Kategorien, die als Wirklichkeit gelten. Das ist eine Art, auf die Jackson eine historisch besondere postmoderne Sensibilität verkörpert.

Vielleicht hätte Knopper sich (und uns) bei der Stange halten können, wenn er über Jacksons bewusstes Verfechten der Idee, dass es viele verschiedene Arten gibt, zu wissen – nicht zu lernen, sondern zu wissen – nachgedacht hätte.(19) Für Jackson war die Erfahrung an sich eine künstlerische Übung. Kunst war zugleich ein sinnliches Vergnügen, eine Erkenntnistheorie, ein spirituelles Erwachen und eine politische Einmischung. Diese Überzeugungen und Praktiken sind die Wurzel von Jacksons Kreativität und Macht.

Ich bin nicht angetreten, um Jacksons Kunstgeschmack verteidigen. Ich teile nicht seinen Hang zu Schlock (Ramsch) und ich glaube, dass seine Bemühungen als Autodidakt niemals eine formelle Bildung, die ihm verwehrt war, ersetzen konnte. (Allerdings bin ich Lehrerin, und muss das natürlich so sehen.) Worauf ich hinaus will ist, dass seine Neigung zu Kitsch und Sentimentalität oft aus einem größeren Kontext herausgelöst wurden, der viel genauer erklärt hätte, wie seine Vorstellungskraft arbeitete. (20) Und er hatte nachweislich einen wesentlich grösseren Sinn für Humor, als in den Mainstream-Medien anerkannt wird. Traditionell sind es Jacksons Kritiker, die todernst und humorlos sind, und nicht Jackson selbst.

Ich sage auch, Jackson war nicht ausnahmslos hochsinnig (wer ist das schon?) oder ständig in Kontrolle der Effekte, die er hervorrief (eine unmögliche Erwartung an jemand, dessen Werke über Jahrzehnte quer durch alle Kulturen begeistert konsumiert wurden und werden). Was ich aber deutlich machen will ist, dass Jackson ein anspruchsvoller, gut informierter Denker war – „Denker“ ist tatsächlich aber ein zu limitierter Ausdruck, für die vielfältigen Arten des Wissens, die er anwandte – und ein bewusster, sehr ursprünglicher Schöpfer.

Ich kritisiere Knoppers unermüdliche anderweitige Folgerungen und seinen vorgegebenen, verurteilenden Ton, weil ich denke, beides ist in der eigenen beschränkten Vorstellungskraft und den Vorurteilen des Biografen verwurzelt. Er scheint unfähig, Ideen anders betrachten zu können, als diejenigen aus der privilegierten, eng begrenzten Bruderschaft der Biografen, zu denen er sich gesellen möchte.

Meines Erachtens gibt es für die Leichtigkeit, mit der Knopper sich selbst das Recht zugesteht, über Jackson zu urteilen, verschiedene Gründe. Zum einen scheint reich und berühmt zu sein, eine erhöhte Gallensaftproduktion bei den Journalisten des Establishments und deren Lesern aus der Mittelschicht auszulösen, und Jackson, der in sehr einfache Verhältnisse hineingeboren wurde, machte sich dermaßen reich und berühmt, wie man es nur werden kann – zu seinem Leidwesen, auch ist Jackson erst vor kurzem verstorben und fühlt sich für viele von uns noch wie ein Zeitgenosse an – manche Menschen weigern sich, ihre eigenen Zeitgenossen zu respektieren. Und wie ich schon erwähnte, könnte man Jackson einfach in das Klischee eines „lediglich“ populären Künstlers pressen. Die subtil implizierte Verunglimpfung des populären, wie sie sich eindeutig durch das ganze (Buch) MJ hindurchzieht, ist eine faszinierende und enthüllende Ironie, die es Wert ist innezuhalten und darüber nachzudenken.

Natürlich war Jackson ohne Frage ein populärer Entertainer. Er wusste alles darüber, wie Popmusik funktioniert und schenkte der Welt einige der erfolgreichsten und einflussreichsten populären Songs aller Zeiten. Aber das ist kein Grund, seine Leistungen abzuwerten – ganz besonders dann nicht, sollte man glauben, wenn du ein Redakteur des Rolling Stone bist, eines Magazins, das von sich behauptet, über Pop-Kultur zu berichten (und diese gleichzeitig sehr eng definiert). Diese Herabsetzung des Populären, inklusive der Fans, wie sie sich durch ganz MJ hindurchzieht, entlarvt Knopper im Grunde genommen als ästhetischen Traditionalisten, wenn nicht sogar einen Snob. Ich denke, das ist kein geeigneter Blickwinkel, aus dem heraus Michael Jackson lesbar wird.

Vielmehr macht Jackson es nötig, dass traditionelle Denker wie Knopper die Wertigkeit des „Populären“ völlig neu überdenken. In Jacksons Werk kamen zahlreiche kulturelle Formen zusammen, aus allen Teilen der Welt. Er nahm alles auf, was er lernte, ohne Rücksicht auf „hoch“ oder „niedrig“. Was daraus entstand, war eine so umfassende künstlerische Leistung, dass sie ständig alle Kategorien sprengt, die über sie gestülpt werden.

Musikalisch war Jacksons Werk nicht nur von R&B, Soul, Disco, Gospel und dem „Motown Sound“ durchzogen, wie immer angemerkt wird, sondern auch von „klassischer“ (z.B. europäischer) Musik (besonders aus dem 19. Jahrhundert, er nannte immer Debussy, Tchaikovsky, Beethoven und andere), Jazz, Hip-Hop, New Jack Swing, Kinder- und Wiegenliedern, Spoken-word performance (Sprechdarbietung), afrikanischen Musikstilen und mehr. In den Tanz übernahm er viele historische, regionale und ethnische Traditionen auf, darunter Stepptanz, Gesellschaftstanz, Swing, Disco, Funk und Streetdance sowie Pantomime. Jackson war auch ein begabter Bildender Künstler, beeinflusst von der Tradition europäischer und amerikanischer Plastik und Malerei, sowie ein begeisterter Fotograf und Innovator des Films. Sein Wissen über Musical, Theater und Film war enzyklopädisch, es umfasste nicht nur Handlung, Regisseure und Schauspieler, sondern auch kompositorische Entscheidungen, Inszenierung, Beleuchtung, Erzähl-Aufbau und die Funktion von Spezialeffekten.

https://www.youtube.com/watch?v=e50fVUs3U-I

Wenn Jackson tanzte, wurde die Geschichte des Amerikanischen Tanzes des 20. Jahrhunderts vor unseren Augen sichtbar.

Außerdem beherrschte Jackson schon als Teenager die Grundsätze der Musikproduktion. Er entwickelte ein komplexes Verständnis von Tontechnik, Musikrechten und Eigentum, Massenmarketing, Komposition, Choreografie, Bühnentechnik und Touren sowie Videoaufzeichnungen. Er führte Klangexperimente durch, die jetzt noch ihrer Zeit voraus sind. Schon als junger Erwachsener managte er hunderte Angestellte. Er suchte Lehrer verschiedener Glaubensrichtungen auf, und blieb doch sein Leben lang dem Glauben der Zeugen Jehova und des Christlichen Glaubens gegenüber treu. Er las ständig, war wissbegierig und veröffentlichte eigene Gedichte und Prosa. Frank Sinatra nannte ihn „den einzigen männlichen Sänger, der besser ist, als ich“. Fred Astaire sagte: „Ich möchte nicht von dieser Welt gehen, ohne zu wissen, wer mein Nachfahre sein wird. Danke Michael.“ Also ist der Fakt, dass Jackson eine Pop-Figur war eine teilweise, aber dennoch unvollständige Grundlage zur Erklärung dafür, dass die Auseinandersetzung mit einen Künstler, der so viel erreicht hat, in der sensationslüsternen Gerüchteküche stecken geblieben ist.

Ich glaube, dass der Sog dieser vorauseilenden Verunglimpfung, die Werke wie Knoppers antreibt, nicht nur dem Genre des Snobismus zuzuschreiben sind. Auch Rassismus ist Teil davon – nicht nur im Tonfall der „definitiven“ biografischen Erzählung, sondern als tatsächlich existierend. Es ist schwer vorstellbar, dass irgendjemand anderem, außer einem weißen, männlichen Mitglied der korporativen Presse der Vereinigten Staaten, die Mittel gewährt worden wären, ein so unnützes Buch wie dieses zu produzieren und zu vermarkten, oder den weltweit einflussreichsten Künstler einer ganzen Generation in so anmaßender Art zu beschreiben.(21)

Knopper ist gegenüber dem Rassismus, den Jackson während seines Lebens erfuhr, nicht blind. Er zitiert die Beobachtung von Jesse Jackson, dass die für Michael Jackson angesetzte Kaution, „mehr als dreimal so hoch war (…) als für den weißen, unter Mordverdacht stehenden Phil Specter“, und Rick James’ Beobachtung, dass Elvis Presley niemals angeklagt wurde, obwohl viele glaubten, er habe „mit seiner Frau Priscilla geschlafen, als sie 14 oder 15 Jahre alt war.“ Knopper erwähnt diese Vergleiche, aber tut das wie immer nicht mit seiner eigenen Stimme: Jesse Jackson und Rick James müssen dafür einstehen und die jeweiligen Worte sagen. Und selbst dann übertönt Knopper ihre kurz zu hörenden Stimmen mit seinem einheitlichen Tenor und seinem omnipräsenten Thema: Jacksons unabwendbarer, vollständiger und verdienter Ruin. (22)

Jackson war und ist ein Blitzableiter für Rassismus und nicht nur, weil er schwarz war, sondern auch weil er für viele, die über ihren eigenen Stand in der rassischen Hierarchie besorgt waren, „weiß zu werden“ schien (23). Das war der wirkliche und unverzeihliche Crossover-Act.

Fakt ist natürlich, dass Jackson nie „weiß wurde“. Seine Haut verlor nach und nach die Pigmentierung, und „Weiß“, was immer das sein soll, ist kein unpigmentierter Zustand – das ist ein alter rassistischer Begriff. Jackson litt seit seiner Jugend an Vitiligo, einer Krankheit, die dafür bekannt ist, auf Stress zu reagieren, wie auch der systemische Lupus erythematodes, unter dem er ebenfalls litt. Beide Krankheiten lassen die Haut sehr sonnenempfindlich werden. Wie Jackson mit dieser Situation umging, war seine Sache. (24) Es sei jedoch bemerkt, dass Nachdunkeln, Aufhellen und Abdecken normale Reaktionen bei Menschen, die an Vitiligo leiden, sind.

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Vitiligo 

Bedeutend ist nicht, wie Jackson mit Lupus und Vitiligo umging, sondern in welchem Ausmaß seine sich verändernde Haut Unbehagen und Aggression unter „weißen“ Menschen auslöste. Bei dieser Reaktion geht es wieder einmal nicht primär um Jackson. Stattdessen ist sie ein Hinweis auf die Angst, die hervorgerufen wird, wann immer jemand – insbesondere eine weltweit bewunderte Pop-Ikone – die rassischen Fiktionen, inklusive der sich ständig wandelnden Fiktion von „Weißsein“, die die Gesellschaftshierarchien am Leben hält, Lügen straft.

Angesichts all dieser Tatsachen kann man sich wirklich fragen: Warum war Knopper ausreichend interessiert an Jackson, um so ein Buch überhaupt herauszuhauen? Woher mag seine Motivation gekommen sein? Laut der Seite mit den Danksagungen, repräsentiert dieses Buch eine Recherche über drei Jahre (nebenbei bemerkt, genau der Zeitraum, zwischen dem Erscheinen von Sullivans Untouchable und Knoppers MJ). Liest man zwischen den Zeilen, dann scheint es, dass das Vorhaben beträchtliches Klinkenputzen und zwei Literaturagenten erforderte, bevor Scribner schliesslich anbiss. Warum hat Knopper es weiterverfolgt, und warum hat Scribner es publiziert?

Ich würde andeuten, dass die Antwort mit zwei Worten ausgedrückt werden kann: böse Absicht. Dieses Buch würde es nicht geben, wenn nicht Autor und Verleger geglaubt hätten, dass es sich verkaufen würde, egal, ob es etwas Wertvolles vermittelt oder nicht. Für Knopper und Scribner macht es nichts aus, dass MJ versagt – nachdem er einmal seinen Platz als „definitiver“ Biograf Jacksons in Anspruch genommen hat, wird es sich garantiert auszahlen. Jackson verbleibt erstaunlich vermarktbar – Knopper/Scribner können sich einer ansehnlichen Menge Käufer sicher sein. Knopper nutzt auch seine Verbindung zu Unterhaltungsmagazinen aus, die Sorte Medien, die Jackson am meisten beunruhigten.“Warum erzählen sie den Leuten nicht einfach, ich bin ein Alien vom Mars?“ soll Jackson verärgert gefragt haben. „Sag ihnen, ich esse lebendige Hühner und halte um Mitternacht einen Voodoo-Tanz ab. Sie werden alles glauben, was du sagst, weil du ein Reporter bist.“ (25)

Darauf zählt Knopper. Sein Buch MJ ist lediglich der letzte Beweis für die traurige Bestätigung der Aussage des The Guardian kurz nach Jacksons Tod: „Der König ist tot! Lang lebe der Profit!“ (26) Knopper und Scribner folgen einem 50 Jahre zuvor eingeführten Manuskript, als ein atemberaubend begabtes Kind ausgenutzt, überredet und unter Druck gesetzt wurde, Ernährer für eine große Familie zu werden, den Schlaf in der Schule nachholen musste und sich vergeblich unter Möbeln versteckte, um der unermüdlichen Arbeit zu entkommen (fünf Auftritte pro Nacht, sechs, und manchmal sieben Tage die Woche). Er verhandelte mit erwachsener Verantwortlichkeit, während er sich täglich einem Grad an Öffentlichkeit ausgesetzt sah, den er, wie er später bemerkte, beängstigend fand. Das Muster setzte sich über Jahre fort, als eine Armee von Verwandten und „Freunden“, Managern und Leuten von Plattenfirmen, Anwälten, Ärzten, Beratern, Händlern, Angestellten und selbsternannten Beschützern ungeniert von dem absahnten, was Zack O’Malley Greenburg Michael Jackson Inc. genannt hat. Paparazzi ernährten sich gut von den Eingriffen in sein Privatleben, Medienleute bauten ihre Karrieren auf die Unterminierung seines Rechts auf die Unschuldsvermutung.

Mit 50 Jahren wurde er zu einer Vereinbarung über 50 Konzerte überredet – Berater überzeugten ihn davon, dass der anstrengende Terminplan die einzige Möglichkeit sei, dass seine finanzielle Lage sich wieder erholen würde, obwohl sich das Vermögen jetzt ohne eine einzige Live Performance mehr als erholt hat – während deren Proben er durch die Hand eines korrupten, profitsüchtigen Arztes starb, der inzwischen für das Verbrechen bestraft wurde.

Jacksons Leben und Karriere summiert sich auf weitaus mehr als diese trostlose Zusammenfassung von Misshandlungen und Entmenschlichung; dennoch war er unwiderruflich verletzt, sein Werk und Leben durch erbarmungslose, omnipräsente Ausnutzung verkürzt. Dieses Vorgehen wird in Knoppers Buch fortgesetzt, das, obwohl es nicht zum besseren Verständnis von Michael Jacksons Leben und Werk beiträgt, dennoch schon seinen Zweck erfüllt hat: Das Genie einmal mehr für den Profit anderer zu Geld zu machen. Darüber hinaus wird Knopper jetzt, da er die bekannte Geschichte wiederholt hat, als Experte angesehen, weil man annimmt, dass er es ist. Er hat sich selbst eine Art Besitz über Michael Jackson zugesprochen.

Die böse Absicht, die dieses Buch voran trieb, setzt sich über das Buch hinaus fort. Ich glaube, „böse Absicht“ ist ein Kennzeichen des gesamten Genres der „definitiven Biografie“ und nicht nur in diesem Fall. Knoppers MJ ist enttäuschend, aber eine nichtenttäuschende, in der gleichen Art geschriebene Biografie von Jackson, mit den gleichen erklärten Vorsätzen – „Definitiv!“ „Vollständig!“ „Die ganze Geschichte!“ – ist nicht vorstellbar. Das Vorhaben an sich ist eine Lüge. Aus dem Grund sind Taraborrelli, Sullivan und Knopper sich alle so ähnlich, und alle sind sie unzulänglich.

Selbst wenn ein besserer Autor auftauchen würde, einer, der anders als Knopper, Jacksons Kunst schätzt und eher das Verstehen als einen Anteil an einer profitablen Mythologie anstrebt, wäre eine definitive Biografie immer noch unmöglich. Warum? Weil Jackson eine wahrlich unfassbare Person war. Das ist ein Punkt, in dem alle, die ihm nahe waren, übereinstimmen (Familienmitglieder, Frauen, enge Kollegen, lebenslängliche Freunde). Es ist nicht möglich, Jackson auf ein paar Hundert Seiten zu beschreiben – oder ein paar Tausend. Das „definitive“ Vorhaben muss seinem nicht reduzierbaren kakophonischen, widersprüchlichen, exzessiven, unbegreiflichen Subjekt Gewalt antun.

Und es ist nicht nur Jackson, der ein nicht zu akzeptierendes Subjekt für die Ansprüche eines „definitiven“ Biografen ist. Jeder ist exzessiv. Weil er so versiert, so anders und vielfältig und künstlerisch unerschrocken war, macht Jacksons Fall den Umfang und Zynismus von „definitiver Biografie“ nur allzu deutlich; aber der nicht zu reduzierende, nicht zu korrigierende Umfangreichtum, den Jackson präsentiert, ist nicht nur für ihn spezifisch.

Halte ich „definitive Biografie“ per se für unmöglich und nicht wünschenswert? Ja. Das Unterfangen ist ein Problem in sich. Hast du dich einmal dazu aufgemacht, eine „definitive Biografie“ zu schreiben, hast du dich schon den Voraussetzungen verschrieben, die gegen Nachdenken und Empathie stehen, und auch gegen Aufrichtigkeit. MJ macht diese Voraussetzungen sichtbar – stößt uns sogar mit der Nase darauf – und unterminiert in dem Prozess nicht nur seine eigenen Ansprüche, sondern auch die Ansprüche dieser Schreibart, für die es als Beispiel steht. Das könnte sich tatsächlich als größter Wert dieses Buches herausstellen.

Warum ist das wichtig? Weil eine der Voraussetzungen des Projekts „definitive Biografie“ darin besteht, dass sie auf eine unausgesprochene Vereinbarung aller Mitspieler (Autor, Publizist, Leser) bauen kann, die Reduzierung einer herrlich unlesbaren Person zu einem marktfähigen Produkt zu akzeptieren – in eine begrenzte, unzweideutige Sache, frei verfügbar zur Inbesitznahme. Die Voraussetzung ihrerseits hilft dabei, die überzeugenden und politisch interessanten Lügen darüber, was Menschen sind (absolut lesbar, in vollem Umfang zu kennen und zuverlässig zu beurteilen) und wozu sie gebraucht werden (zum Nutzen derer, die urteilen), zu unterstützen. Das sind die gleichen Lügen, die Ungerechtigkeit vorantreiben und aufrechterhalten.

1993 teilte Jackson Oprah Winfrey seine Auffassung darüber mit, wie der Boulevardjournalismus an seine Stories kommt: „Jemand denkt es sich aus und jeder glaubt es,“ sagte er schlicht. „Wenn du eine Lüge oft genug hörst, fängst du an, sie zu glauben.“ Jacksons Erfahrungen bestätigten diese Einsichten bestimmt, aber es geht um noch mehr. Jedes Mal, wenn diese üblichen Lügen über Jackson wiederholt werden, wird noch etwas anderes als diese spezifische Lüge zu monströsem Leben erweckt. Es wird auch eine zugrundeliegende Agenda seitens der Kulturkräfte und Akteure des Mainstreams erweckt (oder wiedererweckt), die Jackson, als er noch lebte, als Bedrohung empfanden. Diese Gruppe ist daran interessiert, Populärkultur, Außenseiterleben und andere Weltanschauungen abzuwerten, und sie haben schon immer versucht, Michael Jackson abzuwerten, eine der kraftvollsten Verkörperungen all dessen. Knoppers Werk reanimiert diese Agenda, in dem es den Lesern erlaubt, sich einen außergewöhnlichen Künstler und komplizierten Mann lediglich als ein Strichmännchen in einer Moralgeschichte vorzustellen. Es spielt keine Rolle, ob der „definitive“ Jackson als „magisch“ und „verrückt“ (Taraborrelli), „seltsam“ und „tragisch“ (Sullivan), oder als etwas Unspezifisches, genannt „Genius“ (Knopper) bezeichnet wird. Es ist alles dasselbe – nicht weil diese Bezeichnungen dasselbe bedeuten, sondern weil sie dasselbe tun: Endgültige Beurteilung, ordentliche Kategorisierung, Ablehnung. Auf diese Art wird ein großer Künstler kolonialisiert, aus den gleichen Gründen wie bei der Kolonisation: Profit und Machterhaltung der ohnehin schon Mächtigen.

Jackson arbeitete zu hart und erreichte zu viel und brachte zu vielen Menschen zu viel Freude – er war einfach zu viel um auf diese Weise reduziert zu werden. Er hat etwas Besseres verdient, wie auch jeder, der wirklich etwas von ihm erfahren möchte. Ich denke, aufmerksame Leser wissen das bereits und misstrauen Projekten wie dem von Knopper. In der Tat gehen mittlerweile viele Leser grundsätzlich zynisch an Schriften über Michael Jackson, in der Annahme, es könnte sich um einen weiteren Versuch von Selbstinszenierung und Ausbeutung handeln. So ein standardmäßiger Zynismus ist verständlich – Werke wie Knoppers bestätigen ihn sicherlich – aber dadurch kann es auch vorkommen, andere Arten von Arbeiten über Jackson zu verpassen, solche Arbeiten, die, wie ich schon anmerkte, den Dialog sicherlich verändern.

Natürlich ist nicht alles, was außerhalb von „definitiven“ Biografien über Jackson gesprochen und geschrieben wird eine wirkliche Alternative. Weit entfernt. Vieles, was als Analyse von Jackson durchgeht, ist genauso selbstsüchtig und ausbeuterisch wie Knoppers Buch, manches sogar noch schlimmer. Einige der lautesten Bewunderer Jacksons, gehen mitunter tatsächlich von Vermutungen aus, die sich nicht sehr von denen unterscheiden, die Hater und Parasiten auf den Plan rufen, lediglich unter Umkehrung der Begriffe. Wenn sie völlig unkritisch über Michaels übermenschliche Kräfte und gottgleiche Fähigkeiten schwärmen, blicken Jacksons Bewunderer in die Rückseite von Knoppers Spiegel, und finden dort, wie Knopper, auch nur eine Reflexion ihrer selbst. Michael-Anbetung ist ist genauso wenig eine Lösung, wie reflexartige Anfeindung und Verunglimpfung.

Verantwortungsvollere und aufschlussreichere Studien über Michael Jackson reduzieren ihn nicht wahlweise zu einem Held oder Verbrecher. Die vielversprechendsten Ansätze versuchen nicht, Jacksons Besonderheiten (im weitesten Sinne dessen, was dieses Wort alles umfasst) zu besitzen, zu verleugnen oder verstandesmäßig zu erklären, und so unterschiedlich sie auch sein mögen, haben sie eines gemeinsam, sie haben sich bewusst gegen die Angewohnheit, einfache Urteile zu fällen, entschieden. Herausgebracht auf unterschiedlichen Plattformen (nicht nur als gedruckte Werke), widerstehen sie dem Impuls, den endgültigen Schlüssel zu Jacksons Geheimnis zu finden und zu vermarkten, in der Erkenntnis, dass genau dieser Impuls das Problem ist. Diejenigen, die es anders angehen, neigen auch dazu, wie ich schon erwähnte, ihren Ziele und Fähigkeiten vergleichsweise bescheiden zu beschreiben: Sie stellen sich selbst nicht als Experten hin, die maßgeblich frühere Experten übertrumpfen, sondern als Stimmen in einer Konversation, die sich ständig weiterentwickelt, sich ständig ausweitet. Sie suchen ein vollständigeres Verständnis des Michael Jackson, der schon solange von „definitiven“ Behandlungen und öffentlichem Journalismus verdunkelt wurde: Eine wunderbare Verschmelzung von Intellekt, Instinkt, Imagination, Schönheit, Anmut, Skandal, Irrtümern und Herz. Ein menschliches Wesen.

Solche Arbeiten gibt es schon, und fast täglich erscheinen mehr. Sie sind im Begriff, das zu tun, was Knopper nicht kann: Sie lehren uns, Michael Jacksons strahlendes Geheimnis zu würdigen – diesen Überfluss in ihm, den man nicht besitzen oder definieren kann – ohne vorzutäuschen, es ganz zu verstehen und ohne es zu bloßer Verrücktheit abzuwerten. Niemand kannte Michael Jackson, und es wird ihn nie jemand kennen. (27) Aber wir werden ihn nicht ehrlicher, produktiver und respektvoller kennenlernen, wenn Knopper und seinesgleichen denken, dass wir es könnten. In diesem Sinn ist Knoppers MJ, obwohl ambitioniert in seiner Art, dennoch nicht ambitioniert genug. Knoppers Jackson, sein Verständnis dessen, was Jackson uns gab und seine Vision dessen, was wir noch immer von Jackson brauchen, ist einfach zu gering. Es ist Zeit für etwas anderes.

Es ist üblich, am Ende einer negativen Review zu erklären, dass wir immer noch ein Werk brauchen, das das bezweckt, was das zur Diskussion stehende hätte bezwecken sollen – in diesem Fall, wäre das eine verlässliche, standardisierende, „definitive“ Biografie über Michael Jackson. Ich hoffe deutlich gemacht zu haben, warum ich das nicht sagen werde. Aber hier, was ich stattdessen sagen möchte: Lasst uns Knoppers MJ zum letzten Buch dieser Art machen, was Michael Jackson angetan wurde. Wir brauchten dieses Buch nicht, und wir brauchen keine weiteren von dieser Sorte, denn die gleiche Herangehensweise kann nur wieder das gleiche Ergebnis bringen.

Was wir jedoch brauchen, sind die bescheidenen, auf Nachweisen beruhenden, gedenkenden Arbeiten und mehr durchdachte Studien, die Jacksons Kunst in den Mittelpunkt stellen. Wir brauchen Studien über Jackson, die das Verständnis seiner Kunst als Teil der Geschichte suchen – sowohl seiner persönlichen Geschichte, aber auch deiner und meiner Geschichte und der gesamten Geschichte des späten 20. Jahrhunderts und des frühen 21. Jahrhunderts. Jackson ist von Bedeutung und wird es auch weiterhin bleiben, denn sein Werk wurde zu einem entscheidenden, prägenden Teil der Geschichte so vieler. Er ist besonders momentan, im Augenblick nationalen Notstands von Bedeutung, wo wir darauf bestehen müssen, dass „Black Lives Matter“ (Schwarze Leben zählen). Jacksons Werk besser zu verstehen – sorgsamer, respektvoller, niemals vollständig – ist ein Weg, uns selbst und andere besser zu verstehen.

Wir brauchen mehr Studien über Jackson, die nicht davor zurückscheuen, andere Blickwinkel als die in den Mainstream-Medien gültigen einzunehmen. Jackson-Studierende, besonders etablierte WissenschaftlerInnen und in der Öffentlichkeit anerkannte Intellektuelle (die in ihrem Fach professioneller sind als freie Journalisten wie Knopper) müssen Vorreiter sein, in der konsequenten Praxis, ihrem Subjekt gegenüber aufrichtig zu sein. Wir müssen ihn mit der gleichen Hochachtung behandeln, die wir normalerweise großen Künstlern entgegenbringen, und nicht mit Arroganz oder der Annahme einer Überlegenheit, oder dem Wunsch, ihn zu besitzen. Wir brauchen Schriftstücke, die nicht zu selbstverliebt sind, um die politische, moralische und wie ich zu behaupten wage, auch die spirituelle Signifikanz dieses Pop-Stars zu feiern. Wir brauchen Arbeiten, die Jacksons glühende Freude anzapfen und uns daran erinnern, warum er vielen immer noch so viel bedeutet. Jackson war ein mutiger, innovativer Künstler, und er verdient mutige, innovative Kritiker.

Deshalb: Caveat emptor. (Anmerkung: Lat. möge der Käufer sich in Acht nehmen) Anstatt Zeit und Geld an MJ: The Genius of Michael Jackson, zu verschwenden, könnte man vielleicht lieber etwas tun, was mehr Spaß macht und lohnenswert ist: Sich Jacksons Musik genau anhören. Du kannst mit den Solo-Alben von Off The Wall bis Invincible beginnen (die Remixe auf Blood on the Dancefloor kannst du überspringen), dann zurückgehen zu der schwungvoll-melancholischen Stimme eines seltsam-alten Kindes in Aufnahmen wie „Ben“, I’ll Be There,” und “Music and Me.” Aber nicht nur die wunderschönen, hör dir auch “Santa Claus is Coming to Town” an, – eine Lehrstunde über die verzweifelte, perfekt klingende Stimme eines kleinen Jungen, dem es nicht erlaubt war, Weihnachten zu feiern – und “ABC” oder “Sugar Daddy”, Lieder, die verkörpern, was am Stardom eines Kindes falsch ist, trotz all dem Glanz. Dann könnte man überlegen, Jacksons eigene Bücher, Moonwalk und Dancing The Dream zu lesen, oder der Rede zuhören, die er an der Oxford Universität hielt, oder seiner Tirade gegen Sony Music, die sich zu einer Verteidigungsrede schwarzer Musik entwickelte, oder seinen Interviews und Aussagen vor Gericht. Seht euch Jacksons landesweit ausgestrahlten Appell für einen fairen Prozess an, während die Boulevardmedien dabei waren, die öffentliche Meinung plattzuwalzen, oder das Rebuttal-Video, das er als Antwort auf Martin Bashirs Angriff filmte. Dann gibt es Nachtisch: Tauche in die Kurzfilme und in so viele Konzertvideos ein, wie du nur finden kannst und habe keine Angst davor, zu tanzen.

Es ist nicht meine Aufgabe, zu urteilen,“ bemerkte Jackson, „und es ist auch nicht deine.“ Lasst uns damit aufhören, über Michael Jackson Vermutungen anzustellen und zu urteilen, und so zu tun, als könnten wir ihn verstehen. Letztlich wird es kein Problem sein, dass wir ihn nie kennen und definieren werden, sondern ein Grund zum Feiern. Wir bekommen viel mehr: Die Chance, immer und immer wieder von ihm überrascht und inspiriert zu werden.

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(Mit Dank an Willa Stillwater für redaktionelle Unterstützung)

[1] Sullivan, Untouchable: The Strange Life and Tragic Death of Michael Jackson (Grove Press, 2012); Taraborrelli, Michael Jackson: The Magic, The Madness, The Whole Story, 1958-2009 (formerly Michael Jackson: The Magic and the Madness) (New York: Hachette, 1991, 2009).

[2] Appetite for Self-Destruction: The Spectacular Crash of the Record Industry in the Digital Age (Soft Skull Press, 2009).

[3] Siehe Joseph Vogel “The Misunderstood Power of Michael Jackson’s Music” The Atlantic Feb. 8, 2012. (http://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2012/02/the-misunderstood-power-of-michael-jacksons-music/252751)

Deutsch: Die missverstandene Macht von Michael Jacksons Musik – Joe Vogel

https://all4michael.com/2012/02/09/die-missverstandene-macht-von-michael-jacksons-musik-joe-vogel/

und D. B. Anderson und Willa Stillwater, “The Selling Out of Rock & Roll – Say What?Dancing with the Elephant, Nov 19, 2015. (http://dancingwiththeelephant.wordpress.com/2015/11/19/the-selling-out-of-rock-roll-say-what)

Deutsch: Der Ausverkauf des Rock ‘n Roll – wie bitte?

https://all4michael.com/2015/12/17/der-ausverkauf-des-rock-n-roll-wie-bitte/

[4] Es scheint, als hätten die Anwälte John Branca und Thomas Mesereau mit Knopper gesprochen, aber seltsamerweise scheinen sie nichts gesagt zu haben, was nicht schon zuvor woanders zitiert wurde. Andere direkte Interviews, die Knoppers selbst führen konnte, sind meist welche mit weniger wichtigen Personen: mit untergeordneten Angestellten von Aufnahmestudios von Jahrzehnten zuvor, einem Angestellten des R-Country Market in Los Olivos, Kalifornien (wo Jackson gelegentlich einkaufte), einer unbedeutenden Korrespondentin von MTV, die meinte, Jacksons Haut kam ihr „sehr seltsam“ vor. Falls Knopper wirklich, wie er sagte, „etwa 450 Quellen“ für MJ befragte, macht er sehr wenig Gebrauch davon.

[5] Ich fand nur einen Moment des Zweifelns, als Knopper zugab “Ich habe keinen Grund ihr nicht zu glauben [seiner Quelle] […] ausser, dass manche Leute dazu neigen, sich selbst mit in die Geschichte von Michael Jackson einzuschreiben.” Diese Einsicht hat keine wahrnehmbare Auswirkung darauf, wie Knopper weiter vorangeht (er scheint es augenblicklich wieder zu vergessen), aber mir klang es über die restlichen 400 Seiten in den Ohren nach.

[6] Siehe z.B. Michael Awkward, Negotiating Difference: Race, Gender, and the Politics of Positionality. Chicago: University of Chicago Press, 1995; Harriet Manning, Michael Jackson and the Blackface Mask. Farnham: Ashgate, 2013; Willa Stillwater, M Poetica: Michael Jackson’s Art of Connection and Defiance. Kindle, 2011, und “Monsters, Witches, and Michael Jackson’s Ghosts.” Popular Musicology Online, 2014.

Deutsch: Monster, Hexen und Michael Jackson’s Ghosts

https://all4michael.com/2015/03/30/monster-hexen-und-michael-jacksons-ghosts/

[7] Seit der humanitären Glanzzeit Jacksons, ist die Spenden-Kultur zunehmend raffinierter, um nicht zu sagen zynischer geworden. Aber Jacksons humanitäre Arbeit war zu seinen Lebzeiten folgenreich und inspirierend und bleibt es in vielen Teilen der Welt bis heute. Ein Beispiel für die andauernde Bedeutung von Jacksons Bemühungen, „die Welt zu heilen“ (Heal the World) ist der kürzlich gegenüber dem Rolling Stone abgegebene Kommentar des äthiopisch-kanadischen Musikers Abel Tesfayes (a.k.a. The Weeknd): „Die Leute vergessen, dass We Are The World für Äthiopien ist“, beobachtet Tesfaye. „Gab es zuhause keine äthiopische Musik, dann gab es Michael. Er war eine Ikone für uns.“ (Josh Eells, “Sex, Drugs and R&B: Inside the Weeknd’s Dark Twisted Fantasy,” Rolling Stone, Issue 1247 [November 5, 2015] p.42.)

[8] Von Clifton Davis’ “Never Can Say Goodbye” gibt es unter anderem Coverversionen von Gloria Gaynor, The Communards, Isaac Hayes, Andy Williams, The Supremes, Smokey Robinson, Herbie Mann, Yazz, Sheena Easton, David Benoit und Vanessa Williams. Es war zu hören in Happy Feet (2006) und Soul Men (2008). Die Coverversion der Communards ist Titelsong der britischen TV Komödie Vicious. Das ist, was Knopper sich unter einer „Obskurität“ vorstellt.

[9] Es gibt viele unterschiedliche Interessen für die nahezu universale Neigung, Michael Jackson bei seinem Vornamen zu nennen, und der Gebrauch davon wirkt auf unterschiedliche Arten. Nicht jeder Gebrauch von „Michael“ ist anmaßend oder ideologisch suspekt, viele jedoch schon – darunter auch Knoppers. Vergleicht dazu Jacksons Bestreben, Respekt zu zeigen, in seiner Reaktion auf “Just Lose It“, wo er Marshall Mathers “Mr. Eminem” nennt.

[10] Knopper hilft sich damit, sich selbst zu zitieren. Mehr als einmal behauptet er, Quellen hätten in einem Interview mit dem Autor eine Aussage gemacht, die aber schon lange im Internet gefunden werden kann, manchmal sogar wortwörtlich.

[11] Lisa Marie Presley hatte, als sie und Jackson heirateten, nicht 3 Kinder. “Blanket” (jetzt Bigi) Jacksons Haare waren niemals blond. Der “monkey room” (Affenzimmer) in den Westlake Studios ist nicht groß genug für ein Doppelbett. Und so weiter.

[12] Ian Halperin, Unmasked: The Final Years of Michael Jackson (Transit Media, 2009).

[13] Knopper erwähnt kurz die Schadensersatzklage gegen das Estate, die jetzt von 2 Männern eingereicht wurde, die unter Eid schworen, dass Jackson sich nichts hatte zu Schulden kommen lassen, und jetzt behaupten, sich an einen Missbrauch erinnern zu können; er zitiert nur die Anwälte der Kläger. Ausser diesem dezenten Falschspiel, gibt Knopper keine weiteren Informationen. Das gleiche passiert durch sein Nichtkommentieren auch an anderer Stelle (darunter auch ein kleiner fieser Schlag gegen „die Fans“, die immer ein sicheres Ziel sind), wo es um die Sammelklage geht, die momentan gegen Sony wegen der nach Jacksons Tod veröffentlichten Aufnahmen eingereicht wurde. (Der Musik-Gigant wurde angeklagt, an frisierten Aufnahmen profitiert zu haben, von denen in betrügerischer Absicht behauptet wurde, es sei Jacksons Stimme.) Auch zu dieser Kontroverse bezieht Knopper keine Stellung.

[14] Wikipedia zitiert Burt Kearns, ein ehemaliger Produzent von Hard Copy, der sagt: “Während des Prozess […], benahm sich Diane mehr wie ein Staatsanwalt, wie ein Reporter […] Sie war ein Clown im Zirkus […] Ihr Verhalten im Fall Jackson beendet mit Sicherheit ihre Hoffnungen, jemals wieder als Journalistin ernstgenommen zu werden.” Court TV feuerte Dimond nach Jacksons Freispruch.

[15] In englischer Sprache gibt es z.B. die sehr unterschiedlichen Arbeiten von D. B. Anderson, Elizabeth Amisu, Michael Eric Dyson, John Nguyet Erni, Nina Fonoroff, Marjorie Garber, Judith Hamera, Margo Jefferson, Aphrodite Jones, Lisha McDuff, Charles Martin, Sylvia Martin, Karin Merx, Christopher Smit (und einige der Artikel, die er in Michael Jackson: Grasping the Spectacle, 2012, editierte), Charles Thomson, Armond White, und Susan Woodward. Das ist eine unvollständige Liste, die nicht die Namen enthält, die an anderer Stelle in dieser Review erwähnt werden. Siehe auch Spike Lees neue Dokumentation Michael Jackson from Motown to Off the Wall.

[16] Tanner Colby, “The Radical Notion of Michael Jackson’s Humanity,” Slate.com, 24 Juni, 2014. Colby plädiert wortgewandt für eine mitfühlendere Annäherung an Jackson, aber versagt darin, die Behauptung der Mainstream-Medien, die Autorität über die Geschichte des Künstlers zu besitzen, zu hinterfragen. Die Sicht des Establishments ist für Colby die reale Sichtweise. „Im besten Fall betrauerten wir den frühreifen, jugendlichen, noch-braunen Jungen, der so ein tragischer, gebrochener Mann werden würde,“ erinnert er sich an die Tage nach Jacksons Tod. „Wir trauerten nicht um den Menschen.“ Diese Beobachtung trifft nur für die professionellen Trauernden der versammelten Presse zu („wir“, „uns“). Millionen, für Colby unsichtbare Personen, „trauerten um den Menschen.“ (ohne ihn dabei zwangsläufig, nach Art der Medien-Erzählungen, als „tragisch“ und „gebrochen“ anzusehen), und trauern auch noch immer um ihn.

[17] Vergleiche Colby: „Als ich damit begann, mich ausgiebig damit zu beschäftigen, hat mich nur überrascht, dass die Beschuldigungen haltlos waren, sondern auch, dass sie so offensichtlich haltlos waren.“ […] [Sie] sind schon lange als falsch bewiesen, aber sie wurden noch nicht von einer zwingenderen Wahrheit ersetzt.“

[18] In verkaufsfördernden Interviews für MJ, verkündete Knopper manchmal Jacksons Unschuld in den höchsten Tönen. Siehe z.B. ein Interview mit John Wenzel von The Denver Post vom 15. Oktober 2015, wo Knopper angibt: „Ich hatte nicht erwartet, so voll und ganz von seiner Unschuld in den Vorwürfen der Kindesbelästigung überzeugt zu werden.” In MJ klingt er ganz anders — wesentlich vorsichtiger, andeutender und feindlicher — und dieser Unterschied ist aufschlussreich.

[19] Siehe z.B. Laura Maguires podcast, “Dance as a Way of Knowing,” bei Philosophy Talk; Mark Harris, Ways of Knowing: New Approaches in the Anthropology of Knowledge and Learning (New York: Berghahn, 2007); Howard Gardner, Frames of Mind: The Theory of Multiple Intelligences (New York: Basic Books, 1983). Jacksons Dancing the Dream (1992) hätte für Knopper als Quelle dienen können, um etwas über Jacksons viele unterschiedliche Arten des Wissens zu erfahren, darunter Musik und Tanz, das Verhältnis zur Natur, Stille und Fasten, und der Sensibilität für das Leben der Vergangenheit, das sich in der Gegenwart fortsetzt. Diese Arten des Wissens ersetzen nicht den Verstand, aber sie existieren nebeneinander und sind gleich bedeutend.

[20] Wir haben überraschend detaillierte Unterlagen darüber, was Jackson sammelte, ansah, las und hörte. Eine Quelle stammt von 2009, als sein mobiler Besitz von Julien’s Auctions in Beverly Hills, Kalifornien, für einen kurzfristigen Verkauf katalogisiert wurde. Die Auktion fand nie statt, aber der (sehr überteuerte) Katalog ist vorhanden. Das wenige, das ich daraus gesehen habe, deutet darauf hin, dass Jackson sowohl anspruchsvolle Arbeiten schätzte (wie sie konventionell definiert werden), als auch fantasievollere.

[21] Vergleiche z.B. Peter Guralnicks Arbeiten über Elvis Presley und Sam Phillips. Der Respekt, der wissenschaftliche Anspruch und die Sorgfalt, die Guralnick seinem Werk entgegenbringt, unterscheidet es völlig von der Sorte “definitiver” Biografien über Jackson. In dem oben zitierten Interview mit der Denver Post, vergleicht Knopper sein Buch mit dem von Guralnick.

[22] Siehe Knoppers wertende (und faktisch falsche) Einschätzung auf S. 364-65; sie versinnbildlicht Knoppers moralistische Annäherung an Jackson.

[23] Siehe z.B. The New Yorkers verräterisch betitelten Artikel “The Pale King: Michael Jackson’s ambiguous legacy,” von Bill Wyman (Dez. 24, 2012). “Jackson wurde zum weltweit größten schwarzen Star”, können wir dort lesen, “in dem er konventionelle Bilder des Schwarzseins ablegte.” — Ein „Ablegen“, das erstaunlicherweise durch die Breite der Nase, der Hautfarbe und die Abwesenheit der hypersexualisierten Persönlichkeit in ihm gezeigt wird. Als er anlässlich Sullivans Biografie schrieb, wiederholte Wyman die schlimmsten Exzesse („ein Gesicht, das keine Nase hatte“ z.B.) Und wie Sullivan, gibt auch er unnötige Beurteilungen von Dingen ab, über die er nichts wissen kann („Jacksons Ehe mit Presley war nur ein PR-Stunt“). Am meisten ist er über Jacksons Gender und rassische Doppeldeutigkeit beunruhigt und erklärt z.B. kategorisch, ohne jede Basis, dass die älteren beiden Kinder „weiß“ seien. Jackson selbst, so schließt Wyman ganz unbefangen, „endete als ein Schatten.“ „ Alles was er wirklich hinterließ, waren eine uneindeutige Legacy und ein befleckter Name“, vererbt an „ein paar reiche, weiße Kinder.“

[24] Reichliche fotografische Beweise und zahlreiche Augenzeugenberichte, darunter auch von Karen Faye, die über 25 Jahre lang als Jacksons Make Up Artistin arbeitete, haben gezeigt, dass Jackson die immer mehr werdenden weißen Flecken mit dunklem Make Up abdeckte; erkennbar schwarz zu bleiben war wichtig für ihn. Erst als es zu viel helle Hautstellen gab, die abgedeckt werden mussten, entschied er sich, helles Make Up zu benutzen, und den Pigmentverlust der verbleibenden dunklen Haut chemisch zu beschleunigen. „Er wollte nicht gefleckt sein,“ sagte Katherine Jackson. Trotz Jacksons Bemühungen, es abzudecken und zu verhüllen, gibt es genügend Fotos, die die fortschreitenden Schäden durch Vitiligo auf seiner Haut zeigen. Die Tatsache, dass sowohl Vitiligo als auch Lupus ein hohes Hautkrebsrisiko bergen, erklärt die Gewohnheit Jacksons, Sonnenbrillen, Hüte, langärmelige Kleidung, Handschuhe, Armbinden und mehrere Lagen Kleidung zu tragen, sowie zum Schutz vor der kalifornischen Sonne in seinem späteren Leben Schirme zu benutzen.

[25] Taraborrelli S. 570.

[26] Casper Llewellyn Smith, The Guardian, August 2, 2009.

[27] Vergleiche George: “The ‘meaning’ of Michael Jackson isn’t owned by anyone” (Thriller, 13). mit dem glatten Titel des 8-seitigen Newsweek “special” vom 13 Juli 2009: “The Meaning of Michael.”

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Toni Bowers ist Professorin für britische Literatur an der Universität von Pennsylvania. Sie lebt in Philadelphia.

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Übersetzung: M.v.d. Linden, Korrekturen: Ilke

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Michael Jackson neu lesen

by

Dr. Willa Stillwater: 
Rereading Michael Jackson

Quelle: https://dancingwiththeelephant.wordpress.com/rereading-michael-jackson/

Dieser Artikel stammt von Willa Stillwater und fasst einige Gedanken zusammen, die sie bereits in ihrem Buch M Poetica: Michael Jacksons Art of Connection and Defiance (M Poetica: Michael Jacksons Kunst der Zusammenhänge und des Widerstands) dargestellt hat.



Während der späten 1980er und frühen 1990er schlug ein aufsehenerregendes kulturelles Phänomen die Nation und die Welt in ihren Bann: Michael Jackson schien „weiß zu werden“. Mitte der 1980er war Jackson wohl der bekannteste Mann der Welt. Und dann, während die ganze Welt zusah, veränderte er stufenweise die physischen Merkmale seiner Rasse direkt vor unseren erstaunten Augen. Es war unvorstellbar, als ob ihm Flügel gewachsen wären. Die Leute konnten es schlichtweg nicht glauben und sie konnten nicht aufhören darüber zu sprechen.

Ich ging gerade in die Abschlussklasse im Süden, und es schien, dass jede Klasse mindestens einmal im Semester zur Michael Jackson Diskussionsgruppe wurde. Es war egal, ob es in der Klasse eigentlich um Kavalierdichter, Transzendentalisten oder britische Frauenroman-Autorinnen gehen sollte – an einem gewissen Punkt gerieten wir in eine Michael Jackson Debatte, die dann die gesamte Klassendiskussion einnahm. Ich sah es wieder und wieder geschehen. Studenten wie Professoren, ebenso wie die Nation insgesamt konnten nicht aufhören, über die sich verändernde Farbe von Jacksons Haut zu reden und darüber, wie es zu interpretieren sei und wie man darauf reagieren sollte und was es kulturell bedeutete. Und wir reden noch immer darüber. 20 Jahre später fordert uns das sich verändernde Gesicht von Michael Jackson noch immer heraus, zwingt uns dazu, uns einigen unserer tiefsten, am meisten verdrängten Gefühlen hinsichtlich Rasse und Identität zu stellen.

Typischerweise gibt es bei einem kulturellen Ereignis dieser Größenordnung eine Vielzahl an Meinungen hinsichtlich der zugrunde liegenden Ursachen. Jedoch scheint es diese bei diesem speziellen Phänomen nicht zu geben. Mit der möglichen Ausnahme von Jacksons Fans stimmt man allgemein darin überein, dass er seine Hautfarbe und andere Rassenmerkmale aus tiefen Unsicherheiten heraus und aufgrund seiner eigenen inneren Dämonen verändert habe. Wenn wir jedoch einen näheren Blick auf seine Kunst und sein Leben werfen, so liefert Jackson selbst eine ganz andere Interpretation: Nämlich die, dass es sich um eine künstlerische Entscheidung handelt.

Zum Beispiel betrachtet Jackson in seinem Video Scream, das im Jahr 1995 veröffentlicht wurde, drei Bilder. Beim ersten Bild handelt es sich um ein Portrait von Andy Warhol, der als Kind unter Autoimmunstörungen litt – Störungen, die die Pigmentierung seiner Haut angriffen – und der später ein exzentrisches öffentliches Gesicht als Teil seiner Kunst entwickelte: Extrem bleiche Haut, pechschwarze Augenbrauen und eine Reihe von schäbigen weißen Perücken. Das dritte ist ein Gemälde von René Magritte, Sohn des Menschen, in dem ein Stillleben, ein Kunstwerk über das Gesicht der Person gesetzt wurde: Wir sehen Kunst, wo wir eigentlich erwarten ein Gesicht zu sehen. Zwischen ihnen ist ein abstraktes Bild von Jackson Pollock, dessen Vorname in diesem Zusammenhang an Bedeutung gewinnt. Es funktioniert wie ein Pfeil, der uns erzählt, in welcher Reihenfolge wir die zwei benachbarten Bilder interpretieren müssen. Jackson bekräftigt diese Idee, indem er sein eigenes Bild hineinschneidet, ehe er zu dem Pollock Gemälde zurückkehrt. Durch die sorgfältige Auswahl und Platzierung dieser Bilder nutzt Jackson die Sprache der Kunst, um zu erklären, dass, wie bei Warhol, seine sich verändernde Erscheinung als Erkrankung begann, die seine Pigmentzellen angriff, dass dann aber eine bewusste künstlerische Entscheidung daraus wurde.



Jacksons Gespräche mit seinem Dermatologen Dr. Arnold Klein unterstützen diese Interpretation. Dr. Klein hat bestätigt, dass Jackson an Vitiligo litt. Jedoch sagte dieser auch in Interviews, dass Jackson über sein Gesicht wiederholt als von „einem Kunstwerk“ sprach.

Da gibt es auch noch andere, subtilere Anzeichen. Das wichtigste davon ist, dass Jackson niemals irgendeine übermäßige Ambivalenz hinsichtlich seiner Rasse zeigte. Stattdessen sehen wir seinen offensichtlichen Stolz darüber, als ein Erbe von James Brown und Teil einer langen Tradition von schwarzen Künstlern betrachtet zu werden, und wir sehen seine Arbeit mit jüngeren Künstlern, so wie Lenny Kravitz, Will.i.am, Akon, Usher, Ne-Yo und vielen anderen, junge Hip Hop Künstler eingeschlossen. Der Produzent Teddy Riley, der mit Jackson an seinen Alben Dangerous, Blood on the Dance Floor und Invincible gearbeitet hat, sagt:

Natürlich fühlte er sich wohl in seiner Haut als Schwarzer. Wir waren in Sessions, in denen wir einfach abgegangen sind und er sagte: „Wir sind schwarz und wir sind die talentiertesten Menschen auf dem Antlitz der Erde.“ Ich weiß, dieser Mann liebte seine Kultur, er liebte seine Rasse, er liebte seine Leute. 



Wir sehen auch seine Unterstützung für Angelegenheiten wie die NAACP, den United Negro College Fond, die Congressional Black Caucus, die National Rainbow Coalition und Hilfsaktionen für Afrika. Und wenn man den Interviews im Laufe der Jahre lauscht, sind die, wo er wahrlich am gelassensten erscheint, seine Interviews mit Ebony, so wie bei seinem letzten Interview im November 2007, wo er ganz bei der Sache ist, lacht und Spaß hat. All das führt zu dem Schluss, dass wir, hätte sich Jacksons Erscheinung nicht geändert, seine rassenbezogene Identifikation vermutlich nie in Frage gestellt hätten. Unbehagen mit seiner Rasse war schlichtweg kein offensichtlicher Teil seiner psychologischen Verfassung.

Da gibt es auch noch andere Anzeichen. Zum Beispiel ist hier sein Rat an Kobe Bryant, der Jackson als seinen Mentor bezeichnete, dass es „okay ist“ dich selbst und dein Metier bis zu einem Extrem zu pushen, um ein Ideal zu verfolgen:

Eines der Dinge, die er mir immer sagte, war: „Hab keine Angst davor anders zu sein. Mit anderen Worten, wenn du dieses Verlangen hast, diesen Antrieb, wird es immer Leute geben, die versuchen dich davon weg- und näher an das Rudel heranzuziehen, damit du ‘normal’ bist.“ Und er sagte: „Es ist okay so ehrgeizig zu sein, es ist okay besessen zu sein von dem, was du willst. Das ist absolut in Ordnung. Hab keine Angst davor, abzuweichen.”



Und da gibt es eine lustige kleine Anekdote, die Stevie Nicks von Bill Clintons Amtseinführung erzählt. Sie und Jackson traten auf Clintons Amtseinführungskonzert auf und Jackson fragte über eine Hilfskraft, ob er sich etwas Make-up ausleihen könnte. Sie schickte es rüber, aber es kam unbenutzt zurück. „Ich habe eine helle Chanel Foundation verwendet… Michael schickte eine Notiz zurück, um sich zu bedanken, aber der Farbton sei nicht hell genug für ihn.“ Die Geschichte lässt mich einfach den Kopf schütteln und lachen. Es ist einfach nicht die Aktion eines unsicheren schwarzen Mannes, der versucht, als weiß durchzugehen und hofft, niemand wird es bemerken. Eher kommt es mir vor wie das Werk eines Tricksters – eines selbstsicheren Künstlers mit einem schlitzohrigen Sinn für Humor, der versucht damit etwas auszusagen.

Aber was sollte die Aussage sein? Wenn wir akzeptieren, dass Jacksons sich veränderndes Gesicht Kunst war, wie er Dr. Klein sagte und in Scream (sowie auch in Ghosts und Black or White) andeutet, was bedeutet sie dann? Wie interpretieren wir sie? Vielleicht ist der beste Weg sich dem zu nähern der, sich den Effekt anzusehen, den sie hatte. Bill Clinton hat wiederholt gesagt, er wollte eine „nationale Unterhaltung über Rasse“ beginnen, aber sogar mit der Macht einer Präsidentschaft hinter sich war er nie in der Lage es geschehen zu lassen.

Michael Jackson tat es und das gleich auf globaler Ebene. In der Tat konnten wir nicht aufhören über Rasse zu sprechen oder aufhören darüber nachzudenken. Jedes Mal wenn sich Kollegen um die Kopiermaschine scharten und ihn dafür verspotteten „weiß zu werden“ oder jedes Mal, wenn ein Elternteil ein Kind korrigierte, nein, er ist keine weiße Frau, sondern ein schwarzer Mann, mussten sie auf einer gewissen Ebene darüber nachdenken, was diese Bezeichnungen bedeuten. Was bedeutet es ein Schwarzer oder Weißer zu sein? Was bedeutet es männlich oder weiblich zu sein? Jedes Mal, wenn Jackson sich selbst als Schwarzen bezeichnete – was er beharrlich tat, selbst als sein Gesicht so weiß wie das einer Geisha war – mussten wir einen Moment innehalten und darüber nachdenken. Was bedeutet das genau, und warum ist es so wichtig für uns? Jedes Mal, wenn wir ihn ansahen, erfuhren wir die seltsame Unstimmigkeit unserer Augen, die mit unseren Gehirnen nicht übereinstimmten, was uns zwang Glaubensinhalte zu hinterfragen, von denen wir überzeugt waren, dass sie wahr seien.

Jackson verstand die auserlesene Macht dieser Unstimmigkeit und er verstand genau, wie man sie erschuf und aufrechterhielt. Er ließ uns die sich verändernde Farbe seiner Haut nie vergessen. Tatsächlich stellte er sicher, dass sie im Vordergrund unserer Wahrnehmungen von ihm blieb. Er hat seinen Look ständig verändert, sodass wir uns nie an seine Erscheinung gewöhnen konnten und er verwendete oft Make-up, das alarmierend weiß war – nicht der Farbton, den er gewählt hätte, wenn er versucht hätte unbemerkt durchzugehen.

Aber er wollte nicht „durchgehen“. Das war nicht seine Absicht. Sein Ziel war das genaue Gegenteil. Wenn farbige Menschen versuchen durchzugehen, hoffen sie, dass niemand ihre Hautfarbe bemerkt. Jackson zwang uns zu bemerken und zwang uns damit umzugehen – zwang uns mit der Schande und der Entrüstung, der Arroganz und Verachtung, den vielen unterirdischen Gefühlen über Rasse, die sein Gesicht an die Oberfläche brachte, umzugehen. Jackson wollte nicht, dass wir uns wohlfühlen mit der sich verändernden Farbe seiner Haut, wollte nicht, dass wir aufhören den Konflikt in uns selbst zu spüren, wenn wir mit der Veränderung konfrontiert werden und wollte nicht, dass wir aufhören über die Implikationen dieses Konflikts nachzudenken und warum wir ihn so stark empfinden. Und das haben wir nicht! Nach zwei Jahrzehnten und selbst nach seinem Tod fühlen wir noch immer diesen Konflikt in uns selbst, wir reden noch immer darüber, und er fordert uns noch immer heraus.

Es ist wichtig, dass Jackson sich entschieden hat Geschlechtermerkmale – ebenso wie die von Rasse – durcheinanderzubringen, denn unsere jeweilige Reaktion erhellt die andere. Während viele Menschen ihn beschuldigten sich seiner Rasse zu schämen, beschuldigte ihn niemand sich seines Geschlechts zu schämen. Seine Veränderung von Merkmalen in Sachen Rasse und Geschlecht waren ähnlich, aber unsere Reaktionen waren unterschiedlich. Lag also der Unterschied in ihm oder in uns? Schämte er sich für seine Rasse oder waren wir so hartnäckig darin, ihn auf diese Weise zu interpretieren – selbst als er uns erzählte, er habe Vitiligo – weil wir noch immer etwas Beschämendes darin sehen, schwarz zu sein, auf eine Art, wie wir nichts Beschämendes darin sehen männlich zu sein? Dies sind die Art verunsichernde Fragen, die zu stellen Michael Jackson, der Künstler, uns zwingt.

Vielleicht war der Effekt auf Kinder sogar noch tiefgreifender. Mein Zwölfjähriger erkennt Jackson sofort in allem von „ABC“-Videoclips über Beat It bis hin zu Men in Black II und scheint sich vollkommen wohlzufühlen mit der Idee, dass ein und dieselbe Person so unterschiedlich aussehen kann, während sie dennoch so einzigartig und offensichtlich sie selbst ist. Michael Jackson macht sowohl als Person, als auch als Konzept einfach Sinn für ihn auf eine Art und Weise, die ich nicht ganz verstehe.

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Das bringt mich dazu, über die ganze Generation an Kindern nachzudenken, die nun mit den vielen Gesichtern von Michael Jackson aufgewachsen ist. Ich frage mich, ob sie „Schwarz sein“ und „Weiß sein“ irgendwie weniger streng als frühere Generationen zuordnen – ob ihre Wahrnehmungen von rassenbezogenen Grenzen irgendwie flüssiger und weniger absolut sind – alles, weil ein Mann die Vision und den Mut hatte, diese Grenzen zu überschreiten.

Und es hat Mut gekostet. Der Druck auf Jackson sich anzupassen muss gigantisch gewesen sein – von seinen Unterstützern ebenso wie von seinen Gegnern, Schwarzen ebenso wie Weißen. Niemandem gefiel, was er tat. Aber er trotzte uns allen und tat, was er tun wollte oder tun musste. Wenn das Ziel eines Künstlers ist, uns zu verunsichern, unsere Wahrnehmungen und Überzeugungen herauszufordern und uns dazu zu zwingen, uns selbst und unsere Kultur auf neue Weise zu sehen, dann war Jacksons provokativstes Kunstwerk wohl sein eigener sich entwickelnder Körper. Während Warhol uns zwang Campbell Suppendosen anzusehen und über unser Verhältnis zur Konsumkultur auf eine neue Art nachzudenken, zwang uns Jackson ihn anzusehen – den kleinen Jungen, den wir seit der Kindheit geliebt hatten, der zu etwas Unerwartetem herangewachsen war – und stellte unsere Annahmen über Identität und Rasse, Geschlecht und Sexualität in Frage.

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“Bin ich die Bestie, die du dir vorstellst?”

 

Aber wie wir bei Visionären von Sokrates bis Galileo, William Tyndale bis Charles Darwin gesehen haben, kannst du dich über solch tief sitzende Überzeugungen nicht ohne Konsequenzen hinwegsetzen. Im Jahr 1993, zu einer Zeit, als Jackson unsere Vorstellungen über Rasse, Geschlecht und Sexualität am massivsten herausforderte – als er uns unbequem anders und fremd erschien und daher extrem anfällig für Fehlinterpretation war – in diesem kritischen Moment passierte das Undenkbare: Ein Mann beschuldigte Jackson, seinen Sohn sexuell missbraucht zu haben.

Die Beweislage gegen Jackson ist bestenfalls problematisch. Das intensive Streben des Vaters nach einer großen Barabfindung beunruhigte somit die Mutter und den Stiefvater des Jungen, der zu der Überzeugung gelangte, der Vater plane einen Erpressungsversuch, sodass der Stiefvater eines ihrer Telefongespräche aufnahm. In dieser Unterhaltung gibt der Vater zu, Leute bezahlt zu haben, um „einen Plan, der nicht nur der meine ist,“ auszuführen und sagt: „Da sind andere Leute in gewissen Positionen beteiligt, die auf meinen Anruf warten. Ich habe sie dafür bezahlt es zu tun.“ Er sagt auch: „Ich wurde trainiert darin was ich sagen und was ich nicht sagen soll“ und prahlt „Wenn ich das durchziehe, werde ich haushoch gewinnen.“

Acht Tage nach diesem Gespräch nahm der Vater, ein Zahnarzt, ihn mit in seine Praxis, wo ein Anästhesist zu ihnen stieß, der seine frühere Position aufgrund ethischer Verstöße verlassen musste und nun seinen Lebensunterhalt damit bestritt, Gelegenheitsjobs auszuführen. Der Vater zog einen Milchzahn seines Sohnes und begann dann den Jungen auf hartnäckige Art und Weise über seine Beziehung mit Jackson zu befragen. Der Vater schrieb später eine Chronologie nach seiner Erinnerung der Ereignisse, und sein Bericht über diesen Tag in der Zahnarztpraxis bringt ein sehr verstörendes Bild zum Vorschein.

Am Anfang beginnt der Vater das Gespräch, indem er seinen Sohn belügt, ihm sagt, dass „ich sein Schlafzimmer verwanzt habe“, was nicht stimmte und „Ich weiß alles“, was ebenso wenig stimmte. Er fabriziert dann eine Geschichte, die eindeutige sexuelle Handlungen enthält, und erzählt dem Jungen, er wisse, dass er und Jackson diese Dinge getan hätten. Der Vater fordert seinen Sohn auf, ihm diese Geschichte sexuellen Fehlverhaltens zu bestätigen, indem er ihm sagt, dass „ich sowieso alles weiß und ich es einfach nur von ihm hören wollte.“ Er droht dann damit Jacksons Karriere zu zerstören, wenn der Junge nicht täte, was er wolle, indem er sagt, dass, wenn er ihm nicht sagen würde, was er erwarte zu hören, „dann werde ich ihn (Jackson) fertigmachen.“

Basierend auf der eigenen Beschreibung des Vaters darüber, was an diesem Tag passiert ist, ist klar, dass er seinen Sohn auf eine sehr manipulative und erzwungene Weise befragt hat. Allerdings sind nicht nur die Worte des Vaters zwingend; die ganze Situation ist zwingend. Wieso beschließt er, den Jungen in seiner Zahnarztpraxis zu befragen, direkt nachdem er ihm einen Zahn gezogen hat? Das ist für mich der verblüffendste Teil der ganzen Geschichte. Meiner Vorstellung nach würde ein Vater ein so sensibles Thema wie dieses besprechen wollen, wenn sein Sohn sich sicher und wohl fühlen würde und ruhig sprechen könnte – nicht wenn er in einer Zahnarztpraxis sitzt und aus einer Wunde blutet, die sein Vater selbst ihm zugefügt hat. Es könnte kaum eine deutlichere Demonstration elterlicher Macht geben oder der Fähigkeit des Vaters seine Drohungen wahr zu machen und Schmerz zuzufügen. In der Tat ist es schwierig, sich eine beängstigendere Situation für ein Kind vorzustellen als die Befragung dieses Vaters von seinem jungen Sohn.

Jedenfalls ist es möglich, dass der Vater einen Grund dafür hatte, seinen Sohn an solch einem ungewöhnlichen Ort und zu solch einem ungewöhnlichen Zeitpunkt zu befragen: Weil er ihn befragen wollte, während er sediert war. In seiner Chronologie gibt der Vater klar an, dass er wartete, bis sein Sohn nicht mehr sediert war, um den Sachverhalt anzuschneiden: „Als Jordie aus der Narkose zurückkam, bat ich ihn mir von Michael und sich zu erzählen.“ Jedoch sagt der Vater einem Reporter in einem KCBS-TV Bericht am 3. Mai 1994, sein Sohn habe die Anschuldigungen gegen Jackson hervorgebracht, während er unter Sedierung stand, obwohl er die Frage des Reporters über die Art von Droge, die er verwendete, um den Jungen zu sedieren, nicht beantwortete. Wenn die Antwort des Vaters KCBS-TV gegenüber wahr ist, ist es sehr beunruhigend, dass der Junge diese Anschuldigungen erstmals machte, während er unter dem Einfluss irgendeiner unbekannten Droge stand, besonders wenn man die Art und Weise bedenkt, auf die der Vater die Befragung durchführte: Mit Lügen und Drohungen und der Unterstellung spezifischer sexueller Handlungen.

Trotz einer derart zweifelhaften Beweislage verfolgte das Büro des Bezirksstaatsanwaltes den Fall gegen Jackson hartnäckig – und die Presse und öffentliche Meinung folgten dem. Es ist eine berechtigte Frage, ob die Polizei (sowie die Presse und die Öffentlichkeit) in erster Linie durch die Beweislage motiviert war oder durch das Falschlesen von Jacksons Persönlichkeit aufgrund seiner Kunst, aufgrund seiner Überschreitung von traditionellen Grenzen von Rasse, Geschlecht und Sexualität. Wie Jackson in Ghosts andeutet, war vielleicht das wahre Verbrechen, für das er angeklagt wurde, ein „Freak“ zu sein, ein „Spinner“, und eine Menge Leute scheinen ihn in diesem Anklagepunkt für schuldig zu befunden zu haben.

„Bin ich unheimlich für dich, Baby“

 

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In vielfältiger Weise ist Ghosts Michael Jacksons wichtigstes Werk. Es gewährt nicht nur interessante Einblicke in Jacksons Analyse des Belästigungsfalles, es bietet auch einen Schlüssel für die Interpretation seiner anderen Werke an. Es artikuliert Jacksons künstlerische Vision und seine Philosophie, dass Kunst unterhalten sollte, jedoch kraftvoll, sogar „unheimlich“ – mit anderen Worten, dass Kunst uns dazu ermutigen sollte, uns selbst, unsere Vorurteile und unsere Annahmen auf eine Art zu hinterfragen, die sich vielleicht „unheimlich“ anfühlt oder bedrohlich oder unbequem, die aber letztlich zu neuen Einsichten führt.

All dies deutet darauf hin, dass der Song Is It Scary aus Ghosts etwas sehr Bedeutendes zu sagen haben muss: Sein Titel bringt Jacksons ästhetische Vision auf den Punkt. Dennoch sind seine Lyrics verblüffend. Hier ist ein Auszug:



Ich werde genau das sein 

Was du sehen willst 

Du bist es, der mich verspottet 

Denn du möchtest 

Dass ich der Fremde in der Nacht bin



Was soll das bedeuten? Dieser Song wurde zu einer Zeit geschrieben, als die öffentliche Meinung sich zu verändern begann und auf eine neue Art verfestigte: Die Leute begannen, Jackson als einen Kindesbelästiger zu sehen, als einen „Fremden in der Nacht“. Er scheint sich auf die öffentliche Wahrnehmung rund um den Skandal zu beziehen, Aber was ist mit den Zeilen „Ich werde genau das sein / Was du sehen willst“? Was bedeutet das?



In den folgenden Versen wiederholt Jackson diese Idee – dass er die Gedanken reflektieren wird, die wir auf ihn projizieren – und er wird deutlicher:

Amüsiere ich dich 

Oder verwirre ich dich einfach nur? 

Bin ich die Bestie, die du dir vorstellst?
Und wenn du 
Exzentrische Seltsamkeiten sehen möchtest 

Werde ich vor deinen Augen grotesk sein 

Lass es alles zustande kommen



Was meint er damit – mit „exzentrischen Seltsamkeiten“ und „Werde ich vor deinen Augen grotesk sein“? Und was meint er mit diesen Zeilen einige Strophen später?

Also sag mir, 

Ist das Realismus für dich, Baby? 

Und bin ich unheimlich für dich?



Was bedeutet das? Was genau sagt er?

Wenn ich dies korrekt deute, denke ich, bedeutet es, dass wir zurückgehen müssen, um alles über Michael Jacksons Leben nach 1993, von dem wir denken, wir würden es kennen neu zu bewerten.

„Ich werde genau das sein, was du sehen willst“

 

Eines der Dinge über Jackson nach 1993, von denen wir denken, dass wir sie wissen ist, dass er umfassende plastische Operationen hatte – dass er im Grunde besessen war von plastischen Operationen. Jedoch stützen sich diese Urteile aus Fotografien, und wenn diese Fotografien für einen Vergleich zusammenmontiert werden, picken die Boulevardmedien ausnahmslos die am meisten voneinander abweichenden heraus, die Ausreißer: mit anderen Worten, diejenigen Fotos, die am anschaulichsten das Ergebnis unterstützen, welches sie zu belegen versuchen. Aber was ist denn, wenn wir das Gegenteil davon machen? Was ist, wenn wir die Ausreißer meiden und die Fotos miteinander vergleichen, die sich mehr ähneln? Unten ist eine Serie von fünf Fotos, die 34 Jahre von Jacksons Leben umspannen, von seinen frühen Teenagerjahren bis zu seinen späten Vierzigern, und mit Ausnahme der Veränderungen an der Nase und dem Kinn, die Jackson in seiner Autobiografie Moonwalk im Jahr 1987 selbst zugegeben hat, sehe ich keinerlei Zeichen plastischer Operationen.

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Ich weiß sehr wenig über plastische Chirurgie, aber wenn ich diese Fotos und noch viele ähnliche betrachte, sehe ich nur die natürliche Entwicklung eines reifenden Gesichtes. Seine Stirn, Augen, Wangen, Lippen und Kinnpartie sehen für mich ziemlich gleich aus. Im Grunde genommen ist das Foto von 1987 für mein Empfinden dem Foto von 2002, 15 Jahre später aufgenommen, ähnlicher als dem Foto von 1984, aufgenommen drei Jahre vorher, als sein Gesicht sich noch entwickelte – eine Ähnlichkeit, die der vorherrschenden Behauptung widerspricht, dass nämlich Jackson die Form seines Gesichtes nach 1993 radikal verändert habe.

Jacksons Mutter bestätigt dies, als sie Oprah Winfrey im November 2010 in einem Interview erzählt, dass Jackson einige Operationen an seiner Nase hatte, nicht aber an seinem gesamten Gesicht, wie weithin behauptet und generell geglaubt wurde. Winfrey fragt sie: „Als er damit fortfuhr, andere Operationen zu haben und die Art seines Aussehens änderte, hattest du da das Gefühl, du könntest darüber etwas zu ihm sagen?“ Mrs. Jackson reagiert darauf, indem sie sagt: „Er hatte andere Operationen an seiner Nase, aber alles weitere hat er nicht getan, mit Ausnahme der Behandlung wegen Vitiligo.“ Offenbar sieht seine Mutter einfach ebenfalls die natürliche Entwicklung seines reifer werdenden Gesichtes, und ich würde sie als ultimative Expertin für dieses Thema betrachten.

Warum also wurde es allgemein so akzeptiert, dass Jackson umfassende plastische Operationen hatte? Ich denke, teilweise deshalb, weil er den üblichen Vorstellungen von Rasse und Identität durch die Änderung seiner Gesichtsfarbe und der Form seiner Nase trotzte, also wurden sowohl die Medien, als auch die Öffentlichkeit besessen von seinem Gesicht. Ganz besonders die Boulevardpresse fotografierte ihn fortwährend und analysierte sein Gesicht auf der Suche nach zusätzlichen Veränderungen. Außerdem hatte er eine sehr winkelige Kinnpartie und markante Wangenknochen, die, abhängig vom Kamerawinkel, der Beleuchtung und seinem Gesichtsausdruck, sehr unterschiedlich aussehen konnten, was der Boulevardpresse viel Material für Spekulationen lieferte.

Allerdings hätte ein gelegentliches seltsames Foto allein nicht die Medienhysterie auslösen können, die rund um Jacksons Gesicht ausgebrochen war. Da ging mehr vor sich als das, und die Erklärung liegt in der Natur der Wahrnehmung selbst und in der Art und Weise, auf die unsere Meinung unsere Wahrnehmung formt: Wir sehen, was wir erwarten zu sehen. Als die Medien und Öffentlichkeit erst einmal überzeugt war, dass Jackson zahlreiche plastische Operationen hatte – dass er tatsächlich besessen war von plastischen Operationen – begannen sie die fotografischen Beweise auf eine Art zu interpretieren, die ihre vorfasste Meinung unterstützte.

Hier ist zum Beispiel eine Serie von sechs Bildern, die Jacksons markante Wangenknochen und seine eckige Kinnpartie betonen:

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Und hier ist eine weitere Serie von sechs Bildern, aufgenommen aus einem Winkel, der sein Gesicht dünner erscheinen lässt, seine Wangen weniger kantig und seine Kinnlinie länger und schmaler:

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Diese sechs Bilder sehen ganz anders aus, als der erste Satz Bilder, jedoch decken sie sich überschneidende Zeiträume ab. Wenn man sie chronologisch ordnet, erscheinen sie durchsetzt wie hier:

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Die offensichtliche Schlussfolgerung, die man aus dieser Zusammenstellung aller 12 Fotos ziehen kann, ist die, dass die erscheinenden Linien und Formen von Jacksons Gesicht abhängig von der Richtung, in die er schaut, seinem Ausdruck, seinem Gewicht und der Art und Richtung der Beleuchtung, variierten.

Allerdings war das nicht die Erklärung, die in den Boulevardmedien präsentiert wurde, und es war nicht das, was die Öffentlichkeit als Wahrheit akzeptierte. Die vorherrschende Erzählung in den Boulevardmedien und eigentlich ebenso in den Mainstream Medien und der öffentlichen Meinung war, dass Michael Jackson mit einem süßen, runden Kinn, runden Chipmunk-Wangen und einer schmalen Kinnlinie geboren wurde, und dann sein Gesicht durch obsessive plastische Operationen verändert hat, die sein Kinn breiter und maskuliner und seine Wangenknochen scharfkantiger und markanter machten. Und weil dies das ist, was unser Gehirn glauben wollte, war es das, was unsere Augen zu sehen begannen. Diese Entwicklung, wie wir sie uns vorstellten, sieht in etwa so aus:

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Faktisch beleuchteten und priorisierten wir die Bilder, die zu der Erzählung passten, an die wir glaubten und sortierten mental diejenigen aus, bei denen es nicht so war. Und jedes Mal, wenn wir ein neues Foto sahen, bewerteten wir es hinsichtlich des vorher existierenden Verlaufs der Erzählung. Wenn es zu der Erzählung passte und irgendwie zusätzliche Veränderungen andeutete, die sein Gesicht maskuliner machten, war es als ein weiterer Beweis für plastische Operationen akzeptiert und wurde zu der Fotoserie „Gesichtsveränderungen“, die wie Pilze überall aus dem Web sprangen, hinzugefügt. Wenn es nicht dazu passte, wurde es größtenteils ignoriert.

Nur zum Spaß könnten wir sogar eine Serie von Fotos zusammenstellen, die genau das Gegenteil „beweist“: nämlich dass Jackson mit einer kantigen Kinnpartie und betonten Wangenknochen geboren wurde, und dass er sie dann irgendwie „abrasiert“ hat, damit er femininer erscheint, so wie hier:

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Diese Erzählung ist genauso plausibel durch genau die gleichen fotografischen Beweise, jedoch wurde dies so nie durch die Medien präsentiert. Stattdessen breitete sich der vorherrschende Verlauf der Erzählung ohne seriöses Hinterfragen oder Analysieren von den Boulevardmedien zu den Mainstream Medien aus, und zu dem Zeitpunkt, an dem seine Todesanzeige geschrieben wurde, war es allgemein als Tatsache akzeptiert.

Basierend auf der Überprüfung des vollständigen fotografischen Materials ist keine dieser Erzählungen wahr. Es scheint so, dass Jackson mit Ausnahme der Änderung der Form seiner Nase sehr wenige plastische Operationen hatte – genauso wie er es während seines ganzen Lebens als Erwachsener gesagt und wie es seine Mutter nach seinem Tod bestätigt hat. Jedoch wurde seine Behauptung, dass er sein Gesicht nicht radikal durch plastische Operationen verändert hat, durch die Presse und die Öffentlichkeit grundsätzlich bestenfalls als wahnhaft und schlimmstenfalls als komplette Lüge betrachtet.

„Ich werde direkt vor deinen Augen grotesk sein“

 

Aber wie wurde die Erzählung, dass Jackson wie besessen sein Gesicht durch plastische Operationen veränderte, so alles beherrschend? Ich denke, zum Teil, weil die Boulevardpresse und in einem gewissen Ausmaß auch die Mainstream-Medien zur Sensationsgier neigten, und diese Geschichte war ganz sicher sensationell: Sie passte zu ihren natürlichen Neigungen. Aber ich denke auch, dass Jackson selbst dabei half, diese Erzählung zu entwickeln, wie er im Grunde in Is It Scary sagte.

Beispielsweise begann 1995 die bizarre Geschichte die Runde zu machen, dass Jacksons Nasenspitze während einer Tanzprobe abgefallen war. Hier ist eine Beschreibung aus dem Rolling Stone Magazine:

Jackson übte Tanzbewegungen, als seine Hand seine stark veränderte Nase streifte. Die Spitze davon – eigentlich eine Prothese – flog durch den Raum, und Jackson begann hysterisch zu schreien. Crewmitglieder liefen ihr hinterher. „Da war ein Loch, Mann, ein kleines Loch, genau da, wo die Nasenspitze sein sollte, eine perfekte, runde Öffnung,“ sagte jemand, der an diesem Tag im gleichen Raum war. 



Die Geschichte fällt mir als äußerst suspekt auf. Ich kann mir die Szene richtig vorstellen: Jackson „schreit hysterisch“, Crewmitglieder suchen panisch nach seiner „Nase“, andere beobachten es voller Entsetzen. Es klingt total verrückt und ist vollkommen im Einklang mit Jacksons slapstickartigen Sinn für Humor. (Er liebte die Three Stooges ebenso wie Charlie Chaplin.) Er führte die Leute außerdem mit Begeisterung und in Vollendung an der Nase herum und war sehr geschickt mit Verkleidungen. Er hätte es geliebt, eine so spektakuläre Posse wie diese durchzuziehen. Er erzählte Rabbi Shmuley Boteach: „Machst du Witze? Das ist mir die liebste Sache der Welt, Leute an der Nase herumzuführen.“ Noch bedeutsamer ist sogar, dass er uns gerade ein Jahr vorher erzählt hatte, dass er „vor unseren Augen grotesk“ sein würde. Er scheint diese Art Vorfall präzise vorauszusagen. Ist es also möglich, dass Jackson diese ziemlich „groteske“ Szene absichtlich erzeugt hat, um es so aussehen zu lassen, als wäre seine Nase abgefallen? Ich für meinen Teil finde das sehr verräterisch.

Jackson liefert uns einen faszinierenden Hinweis darauf, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen, in Ghosts, gedreht im folgenden Jahr. An einer Stelle verwandelt er sich in ein Monster, dem anscheinend das Ende seiner Nase fehlt, doch das stimmt nicht. Sie ist da und die gesamte Zeit sichtbar; wir interpretieren es nur nicht auf diese Weise. Jackson enthüllt, wie diese clevere und doch relativ simple Täuschung funktioniert, indem er den Make-up-Prozess zeigt, während der Abspann läuft. Hier ist ein Screen Shot:

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Wir sehen, dass, während der obere Teil seiner Nase mit Lagen der Prothetik bedeckt ist, die Spitze seiner Nase frei liegt. Eine Kante ist dort zu sehen, wo die Prothese endet, um anzudeuten, dass die Nase des Monsters verrottet ist, aber Jacksons wirkliche Nase ist da und sichtbar. Sie erscheint nur unverhältnismäßig klein mit der sie umgebenden Prothetik, so dass es aussieht, als ob sie fehlt, oder als wäre es nur der Kern dessen, was da sein sollte.

Es ist eine ungewöhnliche Täuschung und eine interessante Entscheidung, das Gesicht dieser Figur zu zeigen, wenn man die allgemeine Wahrnehmung über Jacksons Nase in Betracht zieht. Und es ist sogar noch interessanter, dass Jackson sich entschieden hat, uns hinter die Kulissen mitzunehmen und uns genau zu zeigen, wie es entstanden ist. Nutzte er vielleicht eine ähnliche Technik, um einen „grotesken“ Streich während dieser Tanzprobe im Jahr zuvor durchzuziehen? Gab er uns einen Hinweis darauf, was wirklich geschah, und wie er es gemacht hat?

Jackson liefert uns noch einen weiteren Hinweis im Begleitheft seines HIStory Albums, veröffentlicht 1995, nicht lang vor jener „grotesken“ Tanzprobe. Auf einer seltsam schönen Abbildung erscheint Jackson als Sphinx – interessanterweise eine Sphinx, die ihre Nase erst noch verlieren muss:

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Durch Hinweise wie diese deutet Jackson an, dass er eine weitaus größere Kontrolle über sein „groteskes“ öffentliches Image hatte, als wir je geahnt haben – nämlich, dass im Besonderen der Skandal um die plastischen Operationen eine Täuschung war, die Jackson selbst erzeugt hat.

Die wichtige Frage ist, warum er es getan hat. Wie Jackson uns ziemlich ausdrücklich in Is It Scary erzählt, wurde er absichtlich „vor unseren Augen grotesk“ als Reaktion auf die Wahrnehmung der Öffentlichkeit, dass er ein Kindesbelästiger sei, ein „Fremder in der Nacht“ (stranger in the night). Es war eine künstlerische Antwort, die mehreren, unterschiedlichen Funktionen diente, von denen einige ziemlich komplex waren, aber eine dieser Funktionen war, der Presse und der Öffentlichkeit zu zeigen, wie falsch sie lagen, wie falsch ihre Wahrnehmung war, als sie ihn anklagten, ein Kind belästigt zu haben. Während der Zeit, als Is It Scary geschrieben wurde, durchlebte Jackson einen „Weltuntergang des Verstands“ (armageddon of the brain), wie er es in Stranger in Moscow nennt. Er war durch die Medien und die Öffentlichkeit verurteilt worden, und zunehmend bildete sich das Urteil, dass er ein Kindesbelästiger sei, was einfach unerträglich für ihn war. Es machte eine Lüge aus ihm, seiner Arbeit, aus seinem gesamten Leben. Aber nichts, was er sagte oder tat, änderte irgendetwas daran.

Als die Medien und die Öffentlichkeit erst einmal angefangen hatten zu behaupten, Jackson sei ein Pädophiler, begannen sie sich auf Belege dafür zu konzentrieren, die diese Schlussfolgerung unterstützten und ignorierten weitestgehend die Hinweise, die seine Unschuld untermauerten. Während also die Berichterstatter rund um den Skandal 1993 generell einräumten, dass es hinreichende Beweise dafür gebe, Michael für schuldig zu befinden, wiederholten sie endlos die unwesentlichen Indizien gegen ihn, das meiste davon Hörensagen und Gerüchte und ignorierten weitestgehend die Hinweise, die ihn freigesprochen hätten oder die wenigstens ernsthafte Fragen über den Fall gegen ihn aufgeworfen hätten. Zum Beispiel bestätigte niemand, dass die Anschuldigungen des Jungen zuallererst in einer Zahnarztpraxis geäußert wurden, entweder während er betäubt war oder direkt nach der Betäubung – und auf welche Art auch immer, wer weiß, was sein Vater ihm erzählt haben mag, während er betäubt war und welche Auswirkungen das auf das Erinnerungsvermögen des Jungen gehabt hat. Dies ist eine bisher unbestrittene und entscheidend wichtige Tatsache in diesem Fall, denn es wirft einen bedeutenden Zweifel auf die Aussage des Jungen, und seine Aussage ist der einzige reale Beweis gegen Jackson. Alles andere ist von untergeordneter Bedeutung.



Jedoch war die Medienberichterstattung über den Skandal und die darauf folgende öffentliche Reaktion nicht gerade durch eine sorgfältige Überprüfung der Beweise gekennzeichnet. Stattdessen wurde gegen Jackson verhandelt, und er wurde durch die Boulevardzeitungen, die Entertainment-Nachrichten-Medien und speziell durch die Öffentlichkeit verurteilt, basierend auf roher Emotion nahe der Hysterie, einer starken einseitigen Sensationslust, „Sachverständigen“ mit sehr geringer Kenntnis dieses speziellen Falles, „Informanten“, die willens waren zu übertreiben oder sogar gegen Geld zu lügen und der daraus resultierenden Fehlinformation und Fehlwahrnehmung. Also ließ sich Jackson auf ein Experiment ein, um zu zeigen, wie falsch die öffentliche Wahrnehmung sein kann. Es war in der Tat ein extremer Akt darstellender Kunst, aber wie er Kobe Bryant erzählt hatte: „Es ist okay, so engagiert zu sein. Es ist okay, besessen zu sein bei dem, was du tun willst.“ In diesem Fall heißt das, „es ist okay“ die Definition in ein solches Extrem zu verschieben, um etwas wirklich Entscheidendes zu beweisen.

Jedoch hätte Jackson auch eine ganz andere Täuschung ausgewählt haben können, um zu beweisen, dass er Recht hat. Er musste nicht „vor deinen Augen grotesk“ werden. Er wählte diese spezielle Täuschung aus einem bestimmten Grund.

Auf zahlreiche Arten war Jacksons beständigstes Projekt das Hinterfragen und Ändern unserer Reaktionen auf ihn selbst als kulturelle Ikone, als ein schwarzer amerikanischer Mann und ganz einfach als ein Mitmensch. Während seiner gesamten Karriere kämpfte er mit einer Öffentlichkeit, die ihn manchmal vergötterte und manchmal auslachte, aber beide Arten schienen nicht willens, ihn als Mensch zu sehen.

Er singt in Breaking News über die andauernden Gerüchte, seine Ehe mit Lisa Marie Presley sei vorgetäuscht gewesen: „Warum ist es seltsam, dass ich mich verliebe? / Wer ist dieses Schreckgespenst, an das du denkst?“ In Monster parodiert er die übertriebenen Schilderungen der Medien von ihm („Er ist ein Monster / Er ist ein Tier“), aber dann dreht er die Perspektive um und deutet an, die Medien seien die wirklichen Monster („Warum jagt ihr mich? / Warum verfolgt ihr mich?“) und schließt mit einer Warnung ab, dass diese Medienexzesse uns genauso verletzen wie ihn („Er zieht dich herunter wie ein Monster / Er hat dich unter Kontrolle wie ein Monster“). Das Ringen mit unserer Unfähigkeit, ihn als denkenden, fühlenden Menschen zu sehen, wurde während seiner gesamten Karriere ein Schwerpunkt in Jacksons Kunst. Und während seiner ganzen Karriere sehen wir, wie er auf dieses Problem auf eine sehr interessante Weise reagiert: Durch das Aufgreifen der Emotionen, die die Öffentlichkeit auf ihn projiziert und die anschließende Reflektion zurück auf uns, wodurch sie sich grundsätzlich neu ausrichten und unsere Reaktion verändern.

Jackson erschien zuerst auf der Weltbühne als ein äußerst talentierter junger Schwarzer, aufgewachsen in einem zutiefst rassistischen Land. Und als die Menschenmengen, die danach drängten, ihn zu sehen, ihn mit einer ängstlichen Faszination behandelten wie eine Art exotisches Haustier – „wie ein Tier in einem Käfig“, erzählte er seiner Mutter – da gab er uns ein exotisches Haustier: eine Ratte, eine Boa Constrictor, ein Tigerbaby, einen Schimpansen. Aber dann ermutigte er uns, mit diesen Tieren zu fühlen. In dem Song Ben, seinem ersten die Charts stürmenden Hit als Solokünstler, veröffentlicht im Jahr 1972, nimmt er uns mit in die Gedankenwelt einer Ratte, die selbst ein Opfer blinder Vorurteile ist und singt: „Die meisten Menschen würden dich zurückweisen“ und „Du spürst, dass du nirgendwo erwünscht bist“. Und in Interview für Interview forderte Jackson Reporter dazu auf, mit der Boa Constrictor oder dem Schimpansen zu spielen und sie auf eine weniger furchtsame Art zu betrachten.

Im Jahr 1983 war Jackson zu einem sehr sinnlichen jungen Mann gereift, und während der gesamten Geschichte unserer Nation wurde der sexuelle Schwarze als extrem bedrohlich betrachtet – so bedrohlich, dass schwarze Männer in noch gar nicht lang zurückliegender Vergangenheit dafür gelyncht wurden. Kulturelle Tabus forderten, dass die Rassen streng getrennt wurden, ohne die Grenzen zwischen ihnen zu verwischen, was ein Grund dafür ist, dass gemischtrassische Beziehungen für so lange Zeit so tiefe Feindseligkeit hervorriefen, und es ist wichtig, daran zu erinnern, dass die Gesetze gegen interkulturelle Ehen bis 1967 als nicht verfassungswidrig eingestuft wurden. Einige der aufgewecktesten und zuversichtlichsten jungen schwarzen Männer wurden aus der Furcht heraus gefoltert und getötet, dass weiße Frauen sie als begehrenswert ansehen könnten. (Obwohl das natürlich nicht das war, was gesagt wurde – es wurde gesagt, sie seien gegenüber weißen Frauen nicht respektvoll genug – aber die Botschaft ist auf beide Arten gleich: Schwarze Männer sollten sich nicht mit weißen Frauen verbinden.)

Nun, nur wenige Jahre später sahen eine ganze Menge weißer Frauen Michael Jackson als äußerst begehrenswert an. Er war ein Jugendidol, unser erstes schwarzes Jugendidol. Dies war unerforschtes Territorium und mehr als nur ein bisschen bedrohlich. Jackie Robinson integrierte Baseball, aber Michael Jackson integrierte Sex, und das ist das tiefsitzendste, dunkelste, heiligste Tabu von allen.

Jacksons Reaktion war brillant: Er gab uns Thriller. Mit anderen Worten, wenn das weiße Amerika kulturell so konditioniert war, einen sinnlichen jungen Schwarzen irgendwie als Monster zu sehen – als bedrohlich oder fremdartig oder als irgendetwas Geringeres als vollkommen Menschliches – dann gab er uns eben ein Monster: einen Werwolf, einen Zombie. Also noch mal, Jackson nimmt unsere widerstreitenden Emotionen über sich auf und reflektiert sie auf uns zurück. Aber während Thriller verwandelt er sich hin und her, vor und zurück, von vertraut zu fremd und wieder zurück. Jackson verwandelt sich sieben Mal im Verlauf von Thriller: süßer Junge, Werwolf, süßer Junge, Zombie, süßer Junge, wieder Zombie, süßer Junge, eine neu entstehende unbekannte Kreatur. Jedes Mal, wenn er sich in ein Monster verwandelt, versetzt er uns – als Kultur, besonders aber weiße Teenagermädchen – in die Lage, einige der widerstreitenden Gefühle auszudrücken, die wir über ihn unterdrücken, darüber einen jungen Schwarzen als sexuell begehrenswert und als sexuell tabu anzusehen, als körperlich attraktiv und körperlich bedrohlich, als exotisch und faszinierend und irgendwie doch unheimlich. Und jedes Mal, wenn er sich zurückverwandelt, sind wir beruhigt, dass er immer noch derselbe Michael Jackson mit dem süßen Gesicht ist, den wir geliebt haben, seit er ein Junge war.

Eine Dekade nach Thriller, im Jahr 1993, war Jackson angeklagt, einen Jungen belästigt zu haben. Und als wir die Anschuldigungen der Pädophilie hörten und insgeheim einen Schauer bei seinem Anblick spürten, da ließ er diese Abscheu in seinem Gesicht sichtbar werden. Darum waren wir als Volk so fasziniert von dem Bild seines „zerstörten“ Gesichts und von der Frage, warum es in uns so tief nachhallte. Wie Ben und vorher Thriller kann es präzise eingereiht werden bei den verschütteten Emotionen, die wir bereits über ihn fühlen – es bietet uns die symbolische Landschaft an, die wir brauchen, um jene Emotionen vollständig auszudrücken, und die er dann auf uns zurückwirft, indem er sie sichtbar macht.

Aber das alles ist nur eine Sinnestäuschung. Er hat sich nicht wirklich verändert. Es ist nur unsere Wahrnehmung und unsere Interpretation von ihm und dem, was wir auf ihn projizieren, das sich verändert hat und nicht er selbst. Er ist immer noch derselbe, der er vor den Anschuldigungen war – wie er in Stranger in Moscow singt „Herr, ich bin derselbe“ (Lord, I’m the same) – und er ist immer noch wunderschön, wenn wir den Blick dafür haben. (Es ist interessant, dass diese Täuschung sich zu reproduzieren scheint, je nachdem welche Gefühle jemand ihm gegenüber hat. Jene von uns, die dachten, er wäre unschuldig, neigten dazu, sein Gesicht als auf unbestimmte Art irgendwie anders, aber nicht als entstellt zu sehen. Jene, die dachten, er wäre schuldig, tendierten dazu, sein Gesicht als „zerstört“ zu sehen. Und einige äußerst reizbare Individuen sahen sein Gesicht offenbar als gänzlich fratzenhaft an.) Wie bei Ben und Thriller also bietet er uns die symbolische Umgebung, die wir benötigen, um all unsere konfliktbeladenen Emotionen über ihn vollständig auszudrücken, und zwingt uns dann, jenen Gefühlen gegenüberzutreten und zu beginnen, uns da durchzuarbeiten.

Jackson stellt unsere tiefsten, am meisten unterdrückten Emotionen über ihn in Frage, und er macht das, indem er zu uns direkt in der Sprache des Unterbewusstseins spricht. Wenn das Weiße Amerika in den 1980er Jahren irgendwie einer von Freuds Patienten gewesen wäre und wir ihm erzählt hätten, dass der süße, kleine Junge von nebenan zu einem sehr attraktiven jungen Mann herangewachsen ist, und dass wir von ihm träumen würden, er wäre ein Werwolf in der Nacht, dann hätte Freud sofort gewusst, wie er das deuten soll. Und wenn wir Freud zehn Jahre später erzählt hätten, dass der junge Mann von nebenan angeklagt wäre, einen Jungen belästigt zu haben und wir hätten Träume, dass er wegen der Anklagen so entsetzt sei, dass er seine Nase abgeschnitten habe, hätte Freud ganz sicher ebenso gewusst, wie er das zu interpretieren hat.

Während der Gedanke, dass Jackson symbolisch seine Nase abschneidet, auf der bewussten Ebene nicht viel Sinn ergeben mag, ergibt dies einen perfekten Sinn auf der unterbewussten Ebene – vielleicht ist das er Grund, warum so viele Menschen bereit waren, solch eine unglaubliche Geschichte zu glauben – und wir reagieren auf emotional und psychologisch komplexe Art, selbst wenn wir es nicht bewusst verstehen. Im Grunde funktionieren Geschichten wie die, dass Jackson sich mit einer Ratte anfreundet oder ein Werwolf wird oder seine Nase abschneidet am besten, wenn wir sie nicht verstehen – wenn wir uns ihnen einfach hingeben und sie vollständig erleben und sie nicht analysieren oder ihnen zu widerstehen versuchen oder unsere Reaktionen zu kontrollieren versuchen.

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Ich denke an Jacksons „exzentrische Seltsamkeiten“ (eccentric oddities), wie er sie in Is It Scary nennt. Und wie wir vor ihnen so heftig zurückschrecken, und ich frage mich, was uns das sagt, nicht über ihn, sondern über uns. Genau wie unsere Reaktionen auf seine sich verändernde Hautfarbe unsere untergetauchten Gefühle zum Rassenthema offenbaren, enthüllen vielleicht seine „exzentrischen Seltsamkeiten“, inwieweit wir dazu tendieren, generell auf Andersartigkeit zu reagieren. Und vielleicht hat, wie Jackson uns in Ghosts zeigt, Kunst die Kraft, unsere Wahrnehmung und Reaktionen auf die uns trennenden Unterschiede zu verändern.

„Also lass die Vorstellung beginnen“

 

Je mehr ich Jackson und sein Werk studiert habe, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass er ein Mann mit enormer Courage und tiefem psychologischen Einblick war, heftig dem sozialen Wandel verpflichtet, mit trockenem Humor, auch während seiner schwierigsten Zeiten und ein Künstler bis zum innersten Kern seines Seins. Er sah alles im Hinblick auf die Kunst und die verändernde Kraft von Kunst. Wir haben keinen unmittelbaren Zugang zur Welt – wir können uns die Welt nur durch unsere Sinne und Wahrnehmungen erschließen – und Kunst hat die Fähigkeit, diese Wahrnehmungen zu hinterfragen und zu verändern. Das ist eine enorme Kraft, und Jackson verstand dies besser als irgendein anderer Künstler seiner Zeit.

Beispielsweise hätte Jackson, als sich die Symptome der Vitiligo zunehmend verschärften, für den Rest seines Lebens darauf durch Abdecken der weißen Flecken mit dunklem Make-up reagieren können, wie er es laut Aussagen seiner Maskenbildnerin Karen Faye in den ersten Jahren der Krankheit auch gemacht hat. Oder er hätte alles offenlegen können, nur minimales Makeup tragen und ein Sprecher für die Wahrnehmung und Behandlung von Vitiligo werden können. Stattdessen entwickelte er eine künstlerische Antwort, die unsere grundlegendsten Überzeugungen über Rasse und Identität in Frage stellten und hat dadurch uns und unsere Kultur auf eine Art verändert, deren Ausmaß wir noch gar nicht absehen können.

Auf die gleiche Art und Weise hätte Jackson auf die Auffassung der Öffentlichkeit reagieren können, dass er ein Kinderbelästiger sei, indem er versucht hätte, es zu ignorieren oder irgendwie darüber hinauszuwachsen, obwohl es schwer vorstellbar ist, dass er ein Thema ignorieren sollte, das so sehr im Widerspruch zu seinen zentralen Überzeugungen steht. Oder er hätte sich vollständig vor den Blicken der Öffentlichkeit zurückziehen und ein bequemes Privatleben mit seiner jungen Familie genießen können, etwas, was er niemals zuvor gehabt hat. Stattdessen entwickelte er eine künstlerische Antwort, die die Grundfesten der Wahrnehmung selbst erschütterte und hat einige unserer wesentlichen Annahmen darüber, wie wir die Welt sehen, sie interpretieren und ihren Sinn verstehen, in Frage gestellt.

Das ist das Werk eines wahrhaft einflussreichen Künstlers.

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