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„Die Truman Show“ für Michael Jackson und sein Publikum

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Original: https://vindicatemj.wordpress.com/2011/01/16/the-truman-show-for-michael-jackson-will-they-notice-that-everyone-is-acting-their-part/comment-page-1/

Jemand hat uns gefragt, ob wir Zugriff auf exklusive oder nicht veröffentlichte FBI Akten haben. Ich habe geantwortet, dass wir das nicht haben. Die besondere Eigenschaft dieser Seite ist, dass wir keine exklusiven Quellen nutzen. All unsere Quellen sind für jeden völlig frei zugänglich, um angesehen und analysiert zu werden. Das einzige, was man dafür braucht ist der Drang, wirklich hinzusehen und sie zu erforschen.

Es ist ein absolutes Wunder, all diese Möglichkeiten zugänglich und frei verfügbar zu haben, um zu recherchieren. Eine eigene kleine Untersuchung unter solchen Umständen vorzunehmen, ist ein schierer Nervenkitzel. Wozu liest man erfundene Detektivgeschichten, wenn man die Chance hat, nicht nur darüber zu lesen, sondern sich tatsächlich an einer echten Ermittlung zu beteiligen, in der all die Mysterien um Michael Jackson enträtselt werden?

Zu Beginn griff ich jede neue Informationsquelle über Michael Jackson mit etwas Angst auf – was, wenn ich Fakten finde, die ihn belasten? Obwohl jeder Versuch, diese tiefen Gewässer zu betreten, erforderte, alle Kraft zusammenzunehmen, war der Drang, die Wahrheit zu erfahren, viel größer und die Erkenntnis, dass dies der einzige Weg war, die Wahrheit zu erfahren, siegte schließlich.

Je mehr ich mir ansah, desto überraschter war ich allerdings zu sehen, dass all diese schäbigen Storys bloß Sandburgen oder Spekulationen waren, die von nichts realem bestätigt wurden. Das Hauptziel war, Dich mit ein paar „knalligen“, entsetzlichen Tatsachen zu schockieren, die dazu gedacht waren, Dich zu verwirren und Dich daran zu hindern, überhaupt zu versuchen, weiterzusuchen – wenn man allerdings den anfänglichen Widerwillen überwunden und hingesehen hast, wurde man damit belohnt, eine weitere ihrer Lügen aufzudecken und die unschuldige Wahrheit zu erfahren.

Als sich die Zuversicht weiter aufgebaut hat, kam ein Moment, in dem man realisiert, dass sogar die schlimmste Lüge, die auf den ersten Blick völlig unschlagbar aussah, eines Tages widerlegt werden würde – man musste nur geduldig sein, weiter forschen und sich niemals erlauben, an Michaels Unschuld zu zweifeln. Man ist auf der Suche nach der Wahrheit unterschiedliche Wege gegangen, hat dies und jenes versucht, hat das Ergebnis vieler Stunden Arbeit verworfen, ist zurück gegangen und hat alles neu begonnen und obwohl der Vorgang wirklich ermüdend war, war der Kick, endlich die Wahrheit gefunden zu haben, mit nichts zu vergleichen, was man jemals zuvor erlebt hat.

Mit so vielen Fakten über Michael Jacksons Unschuld zur Hand ist man verblüfft, dass manche Leute immer noch die scheußlichen Geschichten über ihn von Michaels Hassern glauben. All die Fakten, die man untersucht hat, erwiesen sich als nichts als plumpe Lügen – Deine Gegner beharren dennoch auf ihrem Hass gegenüber Michael, sie setzen sich über jegliche menschliche Logik hinweg und ignorieren zahlreiche Fakten über seine Unschuld. Deren Beharren auf all jenen Absurditäten war so groß, so unlogisch und so unerklärlich, dass man sich alleine darüber zu wundern begonnen hat…

Zu diesem Zeitpunkt ist mir der Film „Die Truman Show“ von 1998 eingefallen, in dem eine inszenierte TV Realität 24 Stunden am Tag an Milliarden Menschen auf der ganzen Welt ausgestrahlt wurde. Die spektakuläre Show drehte sich um einen Mann, der nicht wusste, dass er seit seiner Geburt vor dreißig Jahren die Hauptrolle spielte und dass alles um ihn herum künstlich war – seine Freunde, Verwandten und Kollegen waren Schauspieler, die den Anweisungen des genialen Schöpfers der Show folgten. Der Hauptdarsteller dachte, er würde wirklich sein Leben leben, wohingegen die Akteure sein Leben in Wirklichkeit nur benutzten, um Produkte zu bewerben, die sie in der Show konsumieren oder tragen.

Selbst bevor ich mich an diesen Film erinnerte, hatte ich das seltsame Gefühl, dass Michaels Leben in eine Art Show verwandelt wurde, in eine öffentliche Lektion oder zumindest in ein Spiel, das von jemandem arrangiert wurde, dem langweilig war und der die Rolle eines großen Entertainers anstrebte.

Die Quintessenz des Michael Jackson Spiels ist, dass die Organisatoren eine aufregende Mobbingkampagne gegen einen Mann arrangiert haben, die das Publikum erfreuen soll, es soll eine aktive Rolle darin übernehmen, es soll durch das Spiel verwirrt werden, die Lügen schlucken, die wiederholt von der Besetzung erzählt werden und es soll versuchen, das Rätsel der Story zu lösen. Es richtig zu verstehen wurde absichtlich schwer gemacht – der Großteil aller Argumente war auf deren Seite und er hatte nur seine einzelne Stimme, um für sich selbst auszusagen, aber trotz all ihrer Anstrengungen ließ Dich irgendetwas immer noch denken, dass sie Dir nicht die volle Wahrheit sagen.

Der Zweifel war da, weil kleine Teile der Wahrheit im Licht geblieben sind und jeder konnte sie sehen, wenn er das wollte. Das war der größte Trick des Spiels – nur Lügen über den Mann zu erzählen, lag nicht im besten Interesse der Produzenten, da es der Show die ganze Spannung entziehen würde – für jene Zuseher, die es wirklich wissen wollten, wurden also gelegentlich ein paar Hinweise hinterlassen und echte Fakten wurden über dem Gesamtbild verstreut. Das ganze Konzept des Spiels lag in der Frage, ob das Publikum aufmerksam sein und es letztendlich bemerken würde. Die Organisatoren schlossen womöglich Wetten untereinander ab – „Werden sie es bemerken? Ich wette, sie sind zu faul dafür…“

Der gottgleiche Christof überwacht Trumans Leben aus dem Mondstudio

Ja, Michael Jacksons Geschichte erinnert mich definitiv an „Die Truman Show“, wo der große Schöpfer, der die Show von keinem geringeren Ort als dem Mond überwacht, zu den Zusehern sinngemäß sagt „wenn er die Wahrheit erfahren möchte, wird er einen Weg finden“.

Nur war Jim Carreys Charakter in dem Film fiktional und er lebte ein ruhiges, stabiles und gemütliches Leben, bis er schließlich entkommen ist, doch Michael Jackson war ein echter Mensch, der den fürchterlichen Schmerz des grausamen Spiels, das mit ihm gespielt wurde, wirklich fühlen konnte.

Die Michael Jackson Reality-Show war qualvoll, skrupellos und tödlich für den Helden und ein großer, menschenunwürdiger Nervenkitzel für die Zuschauer. Und während dieses Spiels wussten weder der Hauptdarsteller noch die Zuseher, dass sie Teil davon waren, besonders da es niemals irgendjemand für nötig gehalten hat, ihnen die Regeln zu erklären.

Und die Regeln waren höchstwahrscheinlich sehr einfach – man musste nur aufmerksam sein und alles, was einem präsentiert wurde, mit Vorsicht genießen. Die Produzenten der Show erwarteten offenbar sogar solche Interaktionen mit ihrem Publikum, da sie sonst nicht all die Hinweise, Spuren und echten Dokumente frei herumliegen gelassen hätten. Mit solch einem sagenhaften Arrangement der Show ist es höchst unwahrscheinlich, dass sie sich als schlampig herausstellen und so viele echte Fakten sichtbar für das Publikum zurücklassen würden.

Was für eine Schande, dass wir diesen Fakten vorher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben und niemals Einspruch erhoben haben – der Mann könnte noch am Leben sein, wenn wir das getan hätten…

Jetzt, da Michael Jackson die Bühne verlassen hat, geht die Show mit den verbliebenen Akteuren immer noch weiter. Besteht die Chance, dass wir je feststellen werden, dass all das einfach nicht real war – und die Medien und die anderen Hauptakteure nur ihren Job machen?

Truman wurde sogar im Badezimmer von der Öffentlichkeit beobachtet

So, wie der Film beschrieben wird, könnte Michael Jackson ein Prototyp für den Film, dessen ursprüngliche Idee 1991 entstand, gewesen sein.

„Andrew Niccol vollendete im Mai 1991 ein einseitiges Filmkonzept unter dem Namen „The Malcolm Show“. Der Originalentwurf hatte eher die Note eines Science Fiction Thrillers, dessen Story in New York City platziert wurde. Niccol sagte „Ich denke, jeder stellt die Authentizität seines Lebens zu bestimmten Zeitpunkten in Frage. Das ist, wie wenn Kinder fragen, ob sie adoptiert wurden“…

Er ist der Star der Show – aber das weiß er nicht. Jim Carrey hinterließ sowohl bei den Kritikern, als auch beim Publikum einen tiefen Eindruck als ahnungsloser Truman Burbank in diesem Wunderwerk eines Films vom Regisseur Peter Weir über einen Mann, dessen Leben eine pausenlose TV Show ist. Truman erkennt nicht, dass seine idyllische Heimatstadt ein gigantisches Studio ist, das von einem visionären Produzent/Regisseur/Schöpfer (Ed Harris) betrieben wird, dass die Leute, die dort leben und arbeiten, Hollywood Schauspieler sind, dass sogar seine ständig quirlige Frau eine Vertragsschauspielerin ist. Allmählich versteht Truman. Und was er aus seiner Entdeckung macht, wird sie zum Lachen, Weinen und Jubeln bringen, wie es nur wenige Filmstorys jemals getan haben.

Trumans Frau bewirbt Produkte, als die Einschaltquoten steigen

Seine heile Heimatstadt Seahaven ist in Wirklichkeit ein gewaltiges Filmstudio, das mit 5000 versteckten Kameras ausgestattet ist. Seine Freunde, Nachbarn, sogar seine toxisch gutgelaunte Frau (Laura Linney) sind alle Schauspieler, genauso authentisch wie Naugahyde [eine amerikanische Kunstledermarke; Anm.d.Übers.]. Aber Truman muss das erst herausfinden, weil das die einzige Welt ist, die er je gesehen hat. Er ist im Fernsehen aufgewachsen.

In gewisser Hinsicht könnte das auch über den Rest von uns gesagt werden, was exakt der Punkt dieser ermahnenden Fabel ist, bei der Peter Weir hervorragend Regie geführt hat und die von Andrew Niccol geschrieben wurde.“

Über die Handlung der „Truman Show“

Der Film steigt am Tag 10.909 von Trumans Leben ein. Er beginnt im Stil einer Fernsehsendung, mit Vorspann und Interviews mit drei Hauptcharakteren; Christof (der Schöpfer des Programms), Merly (Truman Burbanks Frau) und Marlon (Trumans bestem Freund). Im Verlauf des Films werden Aufnahmen von Truman mit Szenen von Leuten aus der realen Welt gespickt, die den Truman Channel anschauen.

Seine Freunde und Familie fokussieren sich auf ihre Bemühungen, seine wachsende Unruhe und seine Fragen über sein Leben zu kontrollieren. Truman beginnt, Ereignisse zusammenzufügen, die ihm in zunehmendem Maße erkennen lassen, dass es irgendeine Art Komplott gibt, das sein ganzes Leben umfasst, obwohl er nicht in Worten ausdrücken kann, was es genau ist. Er beginnt zu vermuten, dass „alle daran beteiligt sind“.

Er entdeckt, dass seine Frau auf einem Hochzeitsfoto die Finger kreuzt und bemerkt, dass sie ständig mit tollen neuen Gegenständen auftaucht. Nach einem Streit und einem Gerangel verkündet sie schluchzend, dass sie „unter diesen Umständen nicht arbeiten kann, das ist nicht professionell!“ und verläßt ihn (und die Show).

Sein bester Freund Marlon

Sein Freund Marlon, der von dem Produzenten durch ein Headset gecoacht wird, beharrt auf seiner Loyalität und Ehrlichkeit, indem er behauptet, „Du bist wie ein Bruder für mich“ und, ironischerweise, „das letzte, das ich jemals tun würde, ist Dich zu belügen“. Dann bringt er Trumans „Vater“ in einer bewegenden Wiedereinführungsszene zurück.

Ein Fernsehinterview mit Christof, dem Produzent der Show, offenbart, dass Truman bei der Geburt von der Fernsehgesellschaft adoptiert wurde und auf einer konstruierten Bühne aufgezogen wurde, die als die vollständige Stadt erbaut wurde, in der er lebt. Er verrät, dass jeder, dem Truman begegnet – Freunde, Familie, Bekannnte und umstehende Personen – in Wahrheit Schauspieler sind, die von den Produzenten der Truman Show angestellt wurden. Christof bestätigt, dass er Trumans gesamtes Leben inszeniert hat.

Obwohl ihn seine Frau verläßt, hat er immer noch vor, ihn mit einer neuen Liebe zum Vater eines Babys zu machen; „die erste Empfängnis auf Sendung“. Auf diese Weise kann das Programm auf einen zweiten Kanal expandieren. Widerlicherweise würde das einen weiteren Gefangenen in Christofs Welt erschaffen.

Er sagt, dass der Grund, warum Truman die Wahrheit nie herausgefunden hat, einfach ist: „Wir akzeptieren die Welt, die uns präsentiert wird.“

Er erklärt auf arrogante Art, dass Truman die Wahrheit einfach nicht herausfinden will; dass er seine „Gefängniszelle“ bevorzugt und sie niemals verlassen wird. Wie um das zu beweisen, wird wieder zum Programm zurückgeschalten und Truman scheint zur Normalität zurückgefunden zu haben.

Doch während Truman vorgibt zu schlafen, schleicht er sich von seinem Zuhause weg und geht trotz seiner Angst vor dem offenen Meer segeln, um Seahaven zu entkommen. Alle Darsteller werden für eine Notfallsuche zusammengerufen, um Truman zu finden und um die Suche zu erleichtern, befielt Christof, die Sonne drei Stunden früher aufgehen zu lassen, um das Set zu beleuchten. Sie entdecken Truman, der in einem Boot entkommt.

„Du kannst ihn nicht live im Fernsehen umbringen“

Christof erzeugt einen riesigen Sturm, um ihn zur Umkehr zu zwingen. Manche seiner Mitarbeiter protestieren, dass sie Truman nicht live im Fernsehen umbringen können, aber Christof, der überzeugt ist, die volle Kontrolle über Truman zu haben, sagt „er wurde live im Fernsehen geboren.“

Truman überlebt den Sturm allerdings und segelt weiter, bis er gegen eine Wand fährt, die wie der Himmel bemahlt ist, die Grenze des Showsets. Truman folgt der Wand, bis er eine Tür mit der Aufschrift „Ausgang“ entdeckt. Er öffnet die Tür, doch bevor er geht, spricht Christof mit ihm über einen Lautsprecher in einem letzten Versuch, ihn zum Bleiben zu bringen. Er zeigt ein gottähnliches Mitgefühl für Truman und sagt ihm, dass er ihn sein ganzes Leben beobachtet hat, „Es gibt da draußen nicht mehr Wahrheit als in der Welt, die ich für Dich erschaffen habe“, sagt Christof.

Nachdem Christof geendet hat, sagt Truman seine berühmten Worte „Und falls wir uns nicht mehr sehen sollten… guten Tag, guten Abend und gute Nacht!“, verbeugt sich und geht durch die Tür.

Am 29. April 2011 aktualisiert

Zu meiner totalen Verblüffung war meine Vermutung, dass der Film „Die Truman Show“ auf Michael Jacksons Leben basiert, absolut korrekt!

Ich habe ein paar Artikel gefunden, die den Regisseur des Films mit der Aussage zitieren, dass Michael Jackson ein Prototyp für Truman war. Beide wurden von der Unterhaltungsindustrie wie Objekte behandelt – aber das ist nicht die einzige Verbindung…

Ich habe diese Entdeckung gemacht, als ich spanische Posts auf mjhideout.com gelesen habe. Hier ist ein von Google aus dem Spanischen übersetzter Artikel und obwohl die Übersetzung miserabel ist, hoffe ich, dass die Quintessenz immer noch klar ist:

Ein Interview mit dem Hollywood Regisseur Peter Weir offenbarte, dass der Film „Die Truman Show“ von 1998 mit Jim Carrey in der Hauptrolle auf dem Leben des King of Pop basiert.

„Mit „Der Truman Show“ und „Simone“ wollte ich dem Publikum eine Nachricht hinterlassen. Wenn man sich „Die Truman Show“ ansieht – und ich möchte sagen, dass Jim Carrey einen fantastischen Job gemacht hat – Michael Jackson ist Truman. Er ist der Mensch, auf den ich mich bezogen habe und der Truman am nächsten kommt. Er verkörpert den Hohn der Promi-Kultur. Es braucht keine Schattenseiten, das ist eine Beleidigung dieser Person.

Die Verbindung zwischen Michael und Truman ist einfach – beide haben ein Herz und wurden von den Leuten in der Unterhaltungsindustrie wie Objekte behandelt. Und das ist nicht die einzige Verbindung.“

„Lassen Sie es mich erklären. Es gibt eine Szene in „Simone“, in der es mehr Schlagzeilen über die Oscar-Nominierungen gibt als über den Krieg in Nahost und einen Bombenanschlag auf eine Schule. Das wird in der heutigen Gesellschaft als völlig akzeptabel betrachtet. Bewerten wir die meisten Leute in der Welt des Entertainments wirklich höher als das Leben anderer Menschen? Ich finde das absurd und deshalb habe ich entschieden, mich mit diesem Thema zu befassen.“

http://mjhideout.com/forum/showthread.php?t=14802

Die Medien haben gezeigt, wie man hervorragend live im Fernsehen tötet.

Das gleiche Interview wird von popdirt.com erwähnt:

Peter Weir enthüllt in einem Interview, dass der Film „Die Truman Show“ von 1998 auf Michael Jackson basiert.

„Man sieht sich „Die Truman Show“ an – und ich möchte sagen, dass Jim Carrey einen fantastischen Job gemacht hat – Michael Jackson ist Truman. Er ist es, auf den ich mich bezogen habe und der Truman am nächsten kommt.“

Weir sagt auch, dass der Film „Simone“ auf Michael basiert. „Und Michael Jackson, er ist auch der echte Victor in „Simone“. Er hatte ein Talent und alles, was er wollte, war, es zu teilen und den Leuten Freude und Eskapismus durch Unterhaltung zu bringen. Und die Leute drehen es herum, ihnen geht es mehr um die Einzelperson als um das Werk. Es sind die Filme, die Musik – darum geht es… Die Leute verlieren das aus den Augen und bei den Medien geht es nur um Prominente.“ http://popdirt.com/the-truman-show-based-on-michael-jackson/9310/

Truman hat es geschafft, der Show zu entkommen. Michael lebte bis zu seinem letzten Tag darin

Ich habe auch herausgefunden, dass das ursprüngliche Drehbuch in einer Tragödie geendet hat, für den gegenwärtigen Film wurde es allerdings in ein Happy End umgeschrieben.

Wenn man bedenkt, dass der verleumdete, schikanierte und zu Tode geprügelte Michael Jackson mit nur 50 Jahren verstorben ist, stellt sich heraus, dass die ursprüngliche Variante des Drehbuchs viel näher an der Realität war.

Etwas anderes, das ich herausgefunden habe, ist, dass der Produzent der „Truman Show“ Richard Luke Rothschild, oder einer der Familie, ist. Könnte er uns einen Hinweis gegeben haben, welche Spiele die Mächtigen spielen und wie sie sich in einem großen und wahrlich kosmischen Maßstab amysieren?

*****

Und das sagt die Öffentlichkeit über den Film (sie wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Michael Jackson der Prototyp ist):

„Ein Satz, der in dem Film meine Aufmerksamkeit erregt hat, war Meryls Bemerkung, dass Truman eigentlich wieder ein Teenager werden möchte. Ironischerweise scheint Truman diese geistige Reife in seinem Leben trotz seines körperlichen Wachstums nicht erreicht zu haben. Im Grunde ist er ein Mann-Kind. Auf gewisse Weise kann ich seine Sehnsucht, seiner begrenzten Umgebung zu entkommen und wahre Freiheit zu suchen, nachvollziehen. Ich habe diese Sehnsüchte verspürt, als ich ein Teenager war.“

Jeder Aspekt von Trumans Welt ist eine durchorganisierte Fälschung, von den gezielt platzierten Produkten bis zu seiner Familie und seinen Freunden. Doch die wichtigste Person in Trumans Leben ist jemand, dem er nie begegnet ist. Christof, der Schöpfer der Truman Show, kontrolliert die Leute, Ereignisse und sogar das Wetter in Trumans Welt. Christof ist wohl der Charakter, der das stärkste Gefühl der Unheimlichkeit in dem Film hervorruft, hauptsächlich wegen der großen Macht, die er hat.

Christofs Rolle könnte in diesem Film gewissermaßen als die Rolle Gottes betrachtet werden. In diesem Sinne wird Christof für seine Rolle in dieser Welt sowohl geliebt, als auch gefürchtet. Alle befolgen jeden seiner Wünsche und folgen dem Plan, den er für sie gestaltet hat. Er entscheidet sogar, was die Leute zu Truman sagen. Die Darsteller sehen ihn natürlich nicht als einen Gott, aber es ist eine interessante Parallele. Am Ende des Films, dem ersten Mal, dass Truman mit seinem „Schöpfer“ spricht, erinnert die Unterhaltung an eine Begegnung aus der Bibel, wo Gott aus dem Himmel spricht. Man kann sich nur vorstellen, was Truman in solch einer Situation fühlt, da er gerade erst das Ende der Welt erreicht hat und jetzt von einer unsichtbaren mächtigen Stimme von oben angesprochen wird.

Die Figuren außerhalb Trumans Welt haben Auswirkungen auf mehreren Bedeutungsebenen, um ihre Existenz zugleich behaglich und unbehaglich zu machen. Es sind Leute, die Fans der Truman Show sind; sie beobachten Truman und die Darsteller in seinem Leben. Gleichzeitig nehmen wir sie als Darsteller wahr, die Leute spielen, die Darsteller betrachten, die Leute in einer Fernsehshow spielen. Darüber hinaus nehmen wir sie als Charaktere wahr, denen wir zusehen: wir sind Leute, die Darstellern zusehen, die Leute spielen, die anderen Darstellern zusehen, die Leute in Trumans Welt spielen, in der sie die Handlung für ihn aufrechterhalten.

Es ist dieses sich ausweitende Verständnis, das uns unbehaglich fühlen lässt, als es uns in die Matrix der Beobachtung hineinzieht. Als wir unser Bewusstsein darüber, wer wen beobachtet und wer für wen spielt, erweitern, wird uns die Anspielung des Films auf unsere Beziehung zu dem Inhalt und den Leuten, die wir im Fernsehen, Film und am Computer beobachten, bewusst. Gleichzeitig sind die Charaktere, die wir die Truman Show anschauen sehen, höchst liebenswert, weil man sich leicht mit ihnen identifizieren kann, da sie die Jedermanns dieser Welt repräsentieren, eine Gruppe, der wir angehören.

Unsere Empathie für sie ist an die Fähigkeit dieser außerhalb befindlichen Charaktere gekoppelt, für uns die aufrichtige Authenzität in dem Film, der selbst so auf der Veränderlichkeit der Realität fokusiert ist, zu repräsentieren. „Wir akzeptieren die Realität, die uns gegeben wird“ sagt Christof, als er erklärt, warum Truman seine konstruierte Realität nicht früher angezweifelt hat.

1998 war „Reality TV“ noch keine Realität. Fernsehen wurde noch von den guten alten Sitcoms wie Boy Meets World, Dawson’s Creek und Friends beherrscht. Nach 2007 haben wir Survivor, The Bachelor, Big Brother, American Idol, The Apprentice usw. miterlebt. In den echten Emotionen, Geheimnissen, Unsicherheiten und Leben gewöhnlicher Leute zu schnüffeln wurde eine beunruhigende und zugleich akzeptable Realität. Was diese Shows allerdings gemein haben, ist die Bereitwilligkeit der „Nullen“, „Reality TV“ bewusst und wissend zu gestatten, ihr Leben an Millionen auszustrahlen.

Mit welchem Recht nehmen sich die Medien ein Baby und verwandeln sein Leben in eine Farce?

Was bei der Truman Show anders ist, ist, dass der in die Show geborene Star keine Ahnung hat, dass er ein fiktionales Leben lebt, das rund um die Uhr von millionen Fremden beobachtet wird, und der frappierendste Fakt ist, dass die Welt erlaubt hat, den Medien ein Baby zu überlassen. Truman, „das erste legal von einer Fernsehshow adoptierte Kind“, manipuliert und inhaftiert ein unschuldiges Leben für die Unterhaltung anderer. Mit welchem Recht nehmen sich die Medien ein Baby und verwandeln sein Leben in eine Farce?

Die niederträchtige Umkehrung tritt ein, als der Sendervorstand warnt „Um Gottes Willen, Chris! Die ganze Welt sieht zu. Wir können ihn nicht vor einem Livepublikum sterben lassen!“ Worauf Christof antwortet „Er wurde vor einem Livepublikum geboren.“ Diese plötzliche Verwandlung des Schöpfers in den Zerstörer zeigt die verstörend vollständige Kontrolle, die die Medien über Trumans Leben haben. Seine ungewollte und nichts ahnende Geburt in eine Fernsehshow hinein war einfach nur eine Frage des zur ersten Folge passenden Geburtstermins.

„Die Nähe des Films zur heutigen Realität erzeugt die gleiche Beunruhigung, die durch Uncanny Valley [„Unheimliches Tal“ – bezeichnet einen empirisch messbaren, paradox erscheinenden Effekt in der Akzeptanz von dargebotenen künstlichen Figuren auf die Zuschauer, Anm.d.Übers.] hervorgerufen wird. Unsere Gesellschaft hat bereits verdrehte Leute aus Kinderberühmtheiten geschaffen, die im Entertainmentbusiness groß geworden sind (Michael Jackson zum Beispiel), aber niemals in dem Ausmaß, unwissentlich und literarisch für die Medien geboren worden zu sein… aber vielleicht ist das nur eine Frage der Zeit.“

Nein, es ist keine Frage der Zeit. Die größte Realityshow der Welt hat bereits stattgefunden und wurde fast 50 Jahre von Michael Jacksons Leben ausgestrahlt.

Außerdem geht sie immer noch weiter.

*****

Aus dem Kommentarbereich des Originalposts: Michaels Leben – eine Truman Show (untermalt mit Musik aus dem Film “Edward mit den Scherenhänden” – Michael war Tim Burtons erste Wahl für die Besetzung)

 

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Das Rezept des Genies: Michael Jackson und Steve Jobs

ORIGINAL: The Formula of Genius: Michael Jackson and Steve Jobs

“Michael und Steve Jobs waren sich sehr darin ähnlich, wie sie jedes ihrer Produkte – sei es ein Album, ein Video oder eine Single – zu einem Event machten. Der Hype und die Vorfreude hatten viele Formen. Diese Spannung war Teil der Marke, denn man wußte, was auch immer veröffentlicht wird, wird hochmodern, einzigartig und von höchster Qualität sein. (..)

Ich denke, das wichtigste, das ein Unternehmer oder Geschäftsmann von Michael Jackson lernen kann ist, dass es Visionen und Arbeit erfordert, um etwas wirklich Großartiges zu erschaffen. Michael begann jedes neue Projekt mit grenzenloser Leidenschaft, und diese Energie wirkte ansteckend auf seine Mitarbeiter. Aber was diejenigen, die mit ihm zusammenarbeiteten wirklich beeindruckte, ist, dass er seine Ideen auch verwirklichen konnte. Er hatte große Träume und arbeitete unermüdlich daran, diese Träume lebendig werden zu lassen.”

Joseph Vogel, in einem interview mit Business Daily

michael jackson steve jobs

Vor ein paar Jahren, kurz nach Steve Jobs Tod, las ich seine von Walter Isaacson geschriebene Biografie (das Buch verkaufte sich zu der Zeit wie warme Semmeln). Ich war zu dieser Zeit generell von allem fasziniert, was mit Michael Jackson zu tun hatte, und sah die ganze Welt durch den Filter seines Schicksals und seiner Person. Als ich die Biografie Jobs las, konnte ich nicht umhin, Parallelen zwischen diesen beiden herausragenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zu ziehen. Zudem interessierte mich von je her das Wesen eines Genies und ich nutzte diese Gelegenheit, diese beiden Personen zu vergleichen, und sozusagen eine Art „Rezeptur des Genies“ herauszuarbeiten.

Natürlich waren Michael Jackson und Steve Jobs sehr unterschiedliche Charaktere, mit unterschiedlichen Eigenarten und Interessen. Sie waren jedoch beide bemerkenswerte Menschen, die in ihrem Leben Aussergewöhnliches erreichten. Dieser Erfolg fiel ihnen jedoch nicht einfach so in den Schoß. Blickt man auf ihr Leben zurück, erkennt man deutlich, dass sie neben ihren naturgegebenen Talenten, eine Reihe ähnlicher Eigenschaften besassen, die ihnen dabei halfen, diese Ergebnisse zu erreichen. Hier die auffälligsten Komponenten ihres Erfolgs:

1. Arbeite nicht für Geld, sondern um die Welt zu verändern

Obwohl sowohl Michael als aus Steve schon in ihrer Jugend unglaublich reich wurden, sahen sie nie den Sinn ihres Lebens im Reichtum und persönlichem Wohlstand. Steve Jobs hatte ein wettbewerbsfähiges Interesse daran, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, aber sein Ziel war nie der persönliche Profit. Nachdem er Apple in den 80ern verlassen hatte, verkaufte er all seine Anteile, und als er sich später entschloss, zurückzukehren, lehnte er es ab, Geschäftsführer zu werden und arbeitete stattdessen ein paar Jahre lang als Berater für ein symbolisches Jahresgehalt von 1$. Er baute sich keine Paläste, machte keine ausufernden Urlaube in teuren Resorts – für all das hatte er keine Zeit. Er führte keine Zielgruppenuntersuchungen oder Marktforschungen durch, denn auf die finanzielle Berechtigung von Ideen legte er keinen Wert. Er glaubte, wenn man ein gutes Produkt herstellt, werden die Menschen es auch kaufen. Michael spendete seine Gewinne ganzer Welttourneen für wohltätige Zwecke – von Tourneen die körperlich auszehrend für ihn waren. Aber seine Konzerte waren immer fantastisch, denn der Masstab für die Qualität war nicht Geld, sondern die Zufriedenheit des Publikums. Das erklärt auch ihre Bescheidenheit in ihrem Privatleben. Obwohl sie Bequemlichkeiten nutzten, machten sie keinen Kult daraus. Jobs lebte in einem fast unmöblierten Haus und liebte es, barfuß zu gehen. Michael schlief oft auf einer Matratze am Boden oder in einem Schlafsack.

Das scheint das Grundprinzip zu sein, um großartiges zu erschaffen – Brillanz wird nicht aus dem Gedanken heraus geboren, möglichst großen Profit zu machen. Um die Welt zu verändern, musst du eine romantische Idee haben, und du musst wissen das Verlangen danach in anderen Menschen zu inspirieren. Um die Welt zu verändern, musst du über die wunderbare Zukunft der Menschheit nachdenken. Ein Genie des 20. Jahrhunderts muss im Sinn der ganzen Welt denken, und mit ganzem Herzen daran glauben, dass er/sie sie verändern kann. Weder Michael noch Steve haben jemals daran gezweifelt. Es gibt keine Grenzen für das, was du tun kannst, behauptete Jackson. Du musst nur an dich selbst glauben. „Ich möchte nicht einfach nur eine Dose am Fliessband sein,“ sagte er. „Der Schwerpunkt meines Lebens liegt darin, etwas zu verändern, unbekanntes, unerforschtes Gelände zu betreten und dort Spuren zu hinterlassen.“ Jobs lockte Talente mit einer einfachen Frage: „Möchtest du für den Rest deines Lebens Zuckerwasser verkaufen? Oder willst du mit mir kommen, und die Welt verändern?“

2. Charisma und die Fähigkeit, zu inspirieren.

Jedes Produkt eines Talents, auch wenn es von einem Genie erdacht wurde, ist letztlich das Ergebnis einer Teamarbeit. Es reicht also nicht, die Welt verändern zu wollen, man muss wissen, wie man diese Sehnsucht bei anderen inspiriert. Jobs war ein sehr charismatischer Mensch, der die Leuten um sich herum davon überzeugen konnte, dass das Unmögliche möglich ist. Seine Kollegen machten machten Witze darüber, dass er ein „Wirklichkeit verzerrendes Feld“ ausstrahle – Menschen um ihn herum wurden völlig durchdrungen mit seinen Visionen und verloren die Fähigkeit, die Dinge klar zu sehen. Michael inspirierte die Menschen mit seinen Ideen auf ähnliche Art. Hört man seinen Mitarbeitern und Mittänzern von TII zu, oder liest ihre Erinnerungen, erfährt man, dass sie alle enthusiastisch Tag und Nacht daran arbeiteten Neues zu erfinden und zu erschaffen, denn jeder hatte das Gefühl, dass man dabei war, Geschichte zu schreiben.

3. Perfektionismus

Es ist nicht möglich, etwas wirklich cooles zu erzeugen, wenn du nicht ein Perfektionist bist, der Unmengen von Zeit in jedes noch so kleine Detail steckt, und andere mit dieser Detailverliebtheit auf die Palme bringst. Denn wenn du nicht auf die Qualität deines Produktes achtest, wird der Kunde es sofort sehen. Jobs wurde hysterisch, wenn die Computer mit dem falschen Laufwerk zusammengebaut wurden, die einen extra Schalter hatten. Jackson weinte, wenn sein Album nicht so klang, wie er es sich vorgestellt hatte, und lies seine Toningenieure alles neu abmischen. Jobs lies Erscheinungstermine platzen, in dem er endlose Verbesserungsvorschläge für seine Produkte machte. Jackson machte 20 Aufnahmen eines Vocal-Parts, obwohl anschliessend oft die erste Aufnahme im veröffentlichten Stück landete. Solange die Produkte nicht fertiggestellt waren, durfte sie niemand sehen. Das Publikum sollte nichts geringeres als vollendete Perfektion bekommen.

Und diese extrem hohen Standards galten für alle, die sie umgaben. Michael erklärte dem besten Produzenten sehr höflich und nett, dass keiner seiner 20 Songs gut genug war; Steve scheute nicht davor zurück seinen Leuten mitzuteilen, dass sie Mist gebaut hatten; jeder der beiden hatte seine ganz eigene Methode, sie wussten, wie sie das Beste aus den Leuten herauslocken konnten. Über Jackson sagten Kollegen: „Er brachte uns bei, alles so gut wie nur irgend möglich zu tun: Michael war Perfektionist und wir mussten ganz von vorne beginnen und die Musik auf die bestmögliche Art zu produzieren.“ Kollegen von Pixar schrieben über Jobs: „Seine Stärke, Integrität und Lebensfreude machten uns alle zu besseren Menschen.“

4. Weniger ist mehr

Durch all diese Perfektion, Abwägung von Möglichkeiten und unermüdlicher Suche, verstanden beide dennoch den Wert von Einfachheit und Minimalismus. Als Jobs zu Apple zurückkehrte, verwarf er die vielfältige Produktlinie und beliess es bei nur 4 Modellen. Jedes davon musste die einfachste Benutzeroberfläche haben, die möglich war. Er nahm denKunden die Qual der Wahl ab, und auch die Last, unnötige Dinge erlernen zu müssen. „Steve Jobs hat einen leistungsstarken Computer entwickelt, den selbst ein 60-Jähriger ohne Anweisung benutzen kann,“ schrien ein Editor von Forbes. „wenn das keine Magie ist, dann weiß ich es auch nicht.“ „Melodien müssen einfach sein“, sagte Michael Jackson gerne über seine Kunst. Eine großartige Melodie ist die, die selbst ein Kind singen kann. In den geräumigen Hallen der Applestores stehen nur 4 Modelle auf den Tischen, aber die Auswahl zwischen diesen vier macht viel mehr Freude, als unter 44 auszuwählen. Jackson veröffentlichte 7 Alben in 30 Jahren, aber jeder darin enthaltene Song war perfekt. Jedes Produkt der kurzen Liste von Apple ist für den Nutzer ideal. Jedes der 7 Alben Michaels ist kostbar. Und das ist der Grund, warum jede Ankündigung eines neuen Apple Produkts, genau wie jede Ankündigung eines neuen Michael Jackson Albums, immer ein großes Event war.

Jobs Apple Museum Prague

Steve Jobs – Think Different, Apple Museum Prag

5. Neugierde

Auf den ersten Blick scheint es, dass großartige Ideen einfach aus dem Nichts kommen. Aber in Wirklichkeit kommt nichts einfach so von selbst – das menschliche Gehirn funktioniert so, dass es Neuartiges nur aufgrund von Beobachtungen des Lebens, der Kultur und vorherigen Erfahrungen synthetisieren kann. Ein Genie zu sein bedeutet, diese Erfahrungen zum Wohl der Menschen und mit durchgreifendem Effekt anzuwenden. Jobs wurde oft beschuldigt, die Grafische Benutzeroberfläche (GUI) von Xerox gestohlen zu haben. Er hat es nicht gestohlen; er hat sich die vorausgehenden Grundlagen zu Nutze gemacht. Er wurde von der Idee inspiriert, hat sie ausgiebig untersucht, und so verbessert und perfektioniert, wie Xerox es nie gekonnt hätte. Jackson hat auch nicht den Moonwalk erfunden – so wie viele seiner Moves, hat er ihn bei anderen Tänzern gesehen und es zu etwas Eigenem gemacht. Er adaptierte Tanzelemente seiner Idole – James Brown und Fred Astaire – er verwendete sogar Bewegungen von Bruce Lee oder von einem computergesteuerten Dinosaurier aus „Jurassic Park“. Mit anderen Worten, er besass die wertvolle Fähigkeit interessante Dinge in seinem Umfeld auszumachen, sie zu sezieren und sie dann für sein Werk neu einzusetzen.

Jobs sagte einmal in einem Interview: „Wenn die Leute älter werden, stecken sie fest, sie werden unbeweglich. Deine Gedanken bilden eine Art Muster, ein Gedankengerüst… in den meisten Fällen stecken die Leute in diesen Mustern fest, wie in den Rillen von Schallplatten, und sie kommen nie heraus. Ein Mensch, der Rillen schnitzt, die anders verlaufen, als diese bestimmte Art, Dinge zu sehen, ist aussergewöhnlich. Es ist selten, dass dir ein Künstler begegnet der in seinen 30ern oder 40ern noch Verblüffendes erschafft. Natürlich gibt es auch ein paar Menschen, die von Natur aus neugierig sind, die immer wie kleine Kinder das Leben bestaunen, aber sie sind selten.“

In veröffentlichten Gesprächen, die Michael mit einem Freund führte sagte er: „Ich denke, als Kinder haben wir alle den selben Grad an Wissensdurst/Neugierde, davon bin ich überzeugt. Aber manche Menschen verlieren das mit der Zeit. Das ist es, was ich an Kindern so liebe: Sie sind von allem fasziniert. Deshalb kannst du oft beobachten, dass sie Dinge auseinandernehmen, sie brechen sie entzwei, weil sie wissen wollen, wie es funktioniert…“

Durch diese Eigenschaft, die nur wenige Aussenstehende verstanden, war es ihnen möglich, Ideen zu entwickeln, die normalen Menschen nicht in den Sinn kamen. Und vielleicht hatten sie auch aus diesem Grund beide eine Art kindlichen Humor.

6. Das Verstehen ihrer Rolle

Als Jobs zu Isaacson kam, und beantragte, seine Biografie zu schreiben, weil Isaacson auch über Eistein geschrieben hatte, schien das etwas anmaßend zu sein. Aber Steve hatte Recht – nach seinem Tod wurde das Buch zu einem Bestseller, und so haben wir jetzt eine faszinierende Lebensgeschichte eines der Genies des 20. Jahrhunderts. Als Michael überall in Europa Statuen von sich aufstellte, verübelten Kritiker ihm das als Hochmut; das Ergebnis war jedoch, dass sich jeder an diese Statuen erinnert. Auch sein sorgfältig zusammengestelltes Videoarchiv ist heue von großem Wert. Zeitgenossen sind oft nicht in der Lage, wirkliche Brillanz von selbst zu erkennen, also muss man ihnen manchmal erklären, wer das Genie ist. Das Rezept dazu ist einfach: Wenn du in die Geschichte eingehen willst, schreib dir selbst dein Kapitel hinein.

Michael und Steve waren fast gleichaltrig, und es ist bemerkenswert, dass sie in vielen Dingen die gleichen Idole hatten: Disney, Edison, Chaplin, Gandhi und Martin Luther King – alles Leute in denen sie die Pioniere erkannten, die einen Qualitätssprung erreichten.

Und genau darum geht es auch in dem Apple Werbespot „Think Different“, der sowohl auf Michael, als auch zu Steve hervorragend passt.

(Übersetzung: M.v.d.L. – Originalartikel: Morinen, Michael Jackson.ru)

Think Different – gesprochen von Steve Jobs

An alle, die anders denken: Die Rebellen, die Idealisten, die Visionäre, die Querdenker, die, die sich in kein Schema pressen lassen, die, die Dinge anders sehen. Sie beugen sich keinen Regeln, und sie haben keinen Respekt vor dem Status Quo. Wir können sie zitieren, ihnen widersprechen, sie bewundern oder ablehnen. Das einzige, was wir nicht können, ist sie zu ignorieren, weil sie Dinge verändern, weil sie die Menschheit weiterbringen. Und während einige sie für verrückt halten, sehen wir in ihnen Genies. Denn die, die verrückt genug sind zu denken, sie könnten die Welt verändern, sind die, die es tun.

The Epitome of Artistry – „Der Inbegriff von Kunst“ – Zitate von Michael Jackson

Großartige Musik und große Melodien sind unsterblich. Die Mode ändert sich, die Kultur verändert sich, die Gewohnheiten ändern sich – große Musik ist unsterblich. Noch heute hören wir Mozart… und all die Großen. Großartige Musik ist wie eine großartige Skulptur oder ein großartiges Gemälde. Sie ist für die Ewigkeit, weißt Du, für Generationen über Generationen, die sie immer schätzen werden. Ich weiß, dass es so ist.

Ich möchte nicht nur einer in einer Reihe von vielen sein. (“keine Dose am Fliessband sein”) Ich möchte erschaffen. Etwas tun, das vollkommen anders und ungewöhnlich ist.

Das ist es, was mich antreibt. Es ist das Medium, es ist die Kunst. Ich liebe es. Und das ist die Welt, in der ich mich am wohlsten fühle.

Man kann das nicht lehren… Man kann es nicht lehren. Es muss von innen her kommen. Es ist ein Geschenk, eine Gabe.

Ich weiß nicht, ob es es etwas Psychologisches ist oder was auch immer. Ich liebe es einfach, hart an etwas zu arbeiten, es zusammenzufügen, darüber zu schwitzen, und es mit anderen zu teilen und zu sehen, dass sie es lieben. Und ich bete immer, dass es ihnen gefällt. Das gibt mir als Künstler eine große Zufriedenheit.

Ich habe das Tanzen immer geliebt. Als ich klein war, schaute ich mir Sammy Davis an, Fred Astaire, James Brown… Und ich tanzte durch das ganze Haus.

Ich fühle es und sehe es. Ich habe eine Vision. Wenn ich sie vermitteln kann, tue ich es. Ich liebe es, das mit Musik, mit Film, mit Tanz zu tun.

Der Punkt ist, manchmal scheinen Künstler sich der Musik in den Weg zu stellen. Versperre der Musik nicht den Weg, weißt Du… Schreibe die Musik nicht – lass die Musik sich selbst erschaffen.

Würde ich hier sitzen und ein paar Akkorde schreiben oder so und sagen, “Ich schreibe jetzt den besten Song, der jemals geschrieben wurde” – es würde nichts passieren. Etwas dort oben im Himmel muss zu mir sagen, “Sieh, das ist der richtige Augenblick, dies wird Dir aufgetragen und jetzt ist der Moment, in dem Du es haben sollst.”

Es geht um Innovation und Pioniergeist – das Medium an einen neuen Ort zu bringen.

Ich mag es, Klänge zu nehmen und sie unter das Mikroskop zu legen und darüber zu reden, wie man ihren Charakter verändern will.

Es ist schwer zu sagen, wie man Musik kreiert, denn es fällt mir schwer, dafür Dank einzuheimsen. Ich spüre, es ist eher etwas Spirituelles oder Überirdisches.

Wenn ich meine Musik kreiere, fühle ich mich wie ein Instrument der Natur. Ich frage mich, welche Freude die Natur empfinden muss, wenn wir unsere Herzen öffnen und unser von Gott gegebenes Talent zum Ausdruck bringen.

(Übersetzung: M.v.d.L.)

Billie Jean


 

 

 

 

Andersartigkeit und Macht – Amerikanischer Messias

by

Copyright © 2014 by Susan Woodward

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Andersartigkeit und Macht – Einleitung

*****

Michael Jacksons Thriller Album wurde am 1. Dezember 1982 veröffentlicht. Es wurde rasch zum bestverkauften Album aller Zeiten, was es bis heute geblieben ist. Im Mai 1983 performte Jackson „Billie Jean“ beim TV Special zu Motowns 25-jährigem Jubiläum, elektrisierte die Zuseher mit seinem Tanz und spornte das Interesse an Thriller weiter an. Im Dezember 1983 debütierte Jacksons Musikvideo zu „Billie Jean“ auf MTV nach seinem Kampf, um den Sender dazu zu bringen, das erste Video eines schwarzen Künstlers auszustrahlen. Im Mai 1984 wurde Jackson ins Weiße Haus eingeladen, um Präsident Reagan zu treffen und eine Auszeichnung für seine Unterstützung einer Kampagne gegen jugendliche Trunkenheit am Steuer entgegenzunehmen. Aber seine womöglich größte Leistung war, Rassenschranken in einer geteilten Musikszene zu Fall zu bringen und eine rückläufige Musikindustrie durch den enormen Erfolg von Thriller neu zu beleben.

Jackson war natürlich seit seiner Kindheit der Star der Jackson 5, aber als Thriller veröffentlicht wurde, war er nicht mehr daran interessiert, mit seinen Brüdern aufzutreten. Er stimmte allerdings widerwillig zu, sich ihnen für eine letzte Konzertserie, der Victory Tour, anzuschließen, nachdem er von seiner Familie dazu gedrängt wurde. Die Ankündigung der Tour im September 1983 wurde mit enormer Aufregung begrüßt, da Jackson seit der Veröffentlichung von Thriller nicht mehr live aufgetreten war. Doch als Probleme mit der Tourplanung auftraten, änderte sich die Stimmung der Medien und der Öffentlichkeit. Das Publikum war bestürzt über den Ticketpreis von $30, was für damalige Zeiten sehr hoch war, und der Bedingung, dass die Tickets in Viererblöcken gekauft werden mussten, ein Konzept, von dem viele dachten, es schließe unterprivilegierte Fans aus. Jackson und seine Brüder wurden darüber hinaus dafür kritisiert, nicht in Gegenden aufzutreten, in denen viele ihrer afroamerikanischen Fans lebten. Aus diesem Debakel entwickelte sich die erste wirklich vernichtende Kritik an Jackson durch die Medien. Jackson bemühte sich, einen Teil des Schadens wieder gut zu machen, indem er den Fans ermöglichte, einzelne Tickets zu kaufen, Tickets an Fans verschenkte, die sich die $30 nicht leisten konnten, und bekannt gab, dass er seinen gesamten Gewinn spenden wollte. Seine Ankündigung beendete die Kritik der Medien allerdings nicht.

Einer der Journalisten, der Jackson zu jener Zeit kritisiert hatte, war Dave Marsh, ein Musikkritiker, der einen Bestseller über Bruce Springsteen geschrieben hat. Im Dezember 1985 veröffentlichte Marsh Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream, die erste Kritik Jacksons in Buchlänge. Der Aufbau des Buchs ist ungewöhnlich. Trapped besteht aus Kapiteln in Form offener Briefe an Jackson, die sich mit Kapiteln detaillierter, gut recherchierter Biographie abwechseln. Während die Biographie-Kapitel unvoreingenommen formuliert wurden, sind die Kapitel mit den offenen Briefen sehr kritisch. Der Tenor der sich abwechselnden Kapitel ist so auffallend unterschiedlich, dass es wirkt, als würde Trapped aus zwei Büchern bestehen.

Ich werde mich auf die Kapitel mit den offenen Briefen konzentrieren. Marsh sagt, dass er diese offenen Briefe schreibt, weil er annimmt, dass Jackson nicht mit ihm sprechen würde. Er sagt, dass „es keine Möglichkeit gegeben hat, ein Gespräch zu erzwingen“, also verlässt er sich auf Interviews, die Jackson anderen Journalisten gegeben hat, und seinen eigenen Beobachtungen.

Marsh begann als leidenschaftlicher Fan, der Jackson als jemanden betrachtete, der die Macht hatte, den Amerikanern oder sogar der ganzen Welt beispiellose Einheit zu bringen, oder zumindest den Traum dieser Einheit repräsentiert.

Du stiegst höher als jeder andere Popstar je aufgestiegen ist. … In jenen Monaten Deines Aufstiegs wurde der bloße Name Michael Jackson ein Totem. Die Verbindung zwischen Dir und Deinen Fans schien so kraftvoll, dass sie alle Hindernisse überwinden, alle Grenzen überschreiten konnte. Diese Verbindung war die Darstellung eines Traums, ihr Ausdruck im Grunde amerikanisch, doch wahrhaft weltweit, wo alle Gegensätze in Einklang gebracht wurden, sexuelle und ethnische und politische Zwiespältigkeiten wurden durch schieres Wohlwollen ausgelöscht oder vielmehr miteinander verschmolzen. … Der Traum, von dem ich spreche, ist zu utopisch, um realisiert zu werden, weder genau hier und jetzt, noch in einem zukünftigen Leben. … Aber das macht ihn als einen Traum nicht weniger wertvoll, nicht solange die Leute daran festhalten. Ich denke, das ist das einzige, das die Menschheit davon abhalten könnte, sich selbst zu zerstören. … (1)

Marsh konkretisiert, wie Jacksons Ruhm nach der Veröffentlichung von Thriller in der Lage war, dieses Versprechen der Einheit zu ermöglichen.

Für mich stellte sich Dein wahrer Erfolg mit Thriller ein, als Du ein Publikum von nahezu beispielloser Vielfalt vereint hast und Schwarze und Weiße, Reiche und Arme, Junge und Alte, Jungs und Mädchen und alle anderen dazu gezwungen hast, sich für einen Augenblick gegenseitig anzuerkennen. (2)

Marsh, der weiß ist und ein Mann mit liberalen Tendenzen zu sein scheint, setzte seine Hoffnung in Jackson als eine Persönlichkeit, die das furchtbare ethnische Erbe Amerikas letztendlich verbessern könnte.

Aber bevor Michael Jackson ein Sänger oder ein Triumph oder ein Star oder irgendetwas anderes ist, ist er eine schwarze Person in Amerika. Deshalb ließ er einige Ketten klirren, scheuchte einige alte Geister auf, und stachelte einige ehrwürdige Träume an. Die Geister der Sklaverei und des Rassismus sind vierhundert Jahre alt, aber deren Macht ist frisch und stark. Die von ihm angestachelten Träume sind genauso alt – die märchenhafte Hoffnung, dass wir irgendwie lange genug zusammengeführt werden können, um diese Geister beizusetzen. Gib diesen Träumen auch ihre Namen: Emanzipation, Integration, Befreiung. Oder benenne sie mit dem Ausdruck, den das Show Business jetzt verwendet: Crossover. (3)

Trotz Marshs Wahrnehmung von Jacksons großem Potential, soziale Spaltungen zu heilen, änderten sich seine Gefühle als Folge der Machenschaften, welche die Victory Tour umgaben, und der Qualität der Auftritte, die er gesehen hat. Marsh besuchte einige Auftritte der Tour, einschließlich der ersten und letzten Nacht. Er empfand alle Auftritte uninspiriert, mechanisch und sich von Nacht zu Nacht exakt wiederholend, und er hatte das Gefühl, dass Jackson einen Hang dazu hatte, sich eher den Kameras zuzuwenden, statt dem Publikum. Marsh wurde mit einem Gefühl tiefen Verrats zurückgelassen.

Als sich die Verbindung, die uns mit Dir und Deinem Gefühl der Freude so eng verbunden hat, löste – selbst wenn es nur ein Haarriss war – fühlte es sich an, als ob die Gesamtkonstruktion zusammengebrochen wäre und uns mit nach unten gezogen hätte … Du hast Dich vom Mr. Kann-nichts-falsch-machen zu einem Schurken entwickelt. (4)

Der fatale Haarriss wurde für Marsh von seiner Wahrnehmung ausgelöst, dass Jackson seine Fans betrogen hat, indem er seine Macht nur für kommerzielle Zwecke missbraucht hat, seine Fans, die hochpreisige Tickets gekauft und dann uninspirierte Shows gesehen haben, ausgenutzt hat. Dieses Gefühl der Verheißung, gefolgt von Verrat, kristallisiert sich in Marshs Analyse der Bedeutung von Jacksons einzelnem Handschuh heraus: „Mit dieser einen Hand bleibe ich rein, unberührt von der Realität, wie ihr sie kennt; mit der anderen Hand manipuliere ich eure schmutzige Welt.“ (5) Die Ernüchterung in Folge der Victory Tour zerstörte Marshs „märchenhafte Hoffnung, dass wir irgendwie zusammengeführt werden können“ und führte ihn zu der Schlussfolgerung, dass „die Geschichte von Michael Jackson einfach ausgebrannt ist.“ (6)

Marsh sieht ein, dass Jackson dazu gezwungen wurde, an der Victory Tour teilzunehmen, da er zwei Mal sagt, dass er seiner Familie „in die Falle gegangen“ ist, und er weiß, dass Jackson nicht für den Ticketverkauf verantwortlich war, aber das reicht nicht, um sein gewaltiges Gefühl des Verrats zu lindern.

Obwohl Marshs Kritik mit der Victory Tour begonnen hat, fährt er fort, Jackson an vielen Fronten zu attackieren, wobei es meist um Jacksons angebliche Unehrlichkeit seinen Fans gegenüber, seinen Mangel an Selbstbewusstsein und seine Andersartigkeit geht. Marsh sieht Jackson als zu motiviert durch kommerzielle Interessen, er sei sich seiner Macht, ethnische und andere Spaltungen zu heilen, nicht bewusst, er sei sich seiner musikalischen Geschichte nicht bewusst, ihm sei sein Bedienen ethnischer Stereotypen nicht bewusst, er sei nicht intelligent (Jackson ist „ein Kartenspiel, dass nur wenige Karten hoch ist“ (7)), er würde seine eigenen Probleme mit Kontrolle und Sexualität nicht anpacken und sich nicht auf eine gesellschaftlich konventionelle Art benehmen. In Anbetracht der detailgetreuen historischen Genauigkeit der biographischen Kapitel des Buches ist es überraschend, dass viele Vorwürfe Marshs keine solide, sachliche Untermauerung haben und auf Vermutungen basieren.

Marsh führt Beweise an, dass Jackson seine Fans betrügt. Er fühlt sich betrogen, als Jackson in einer TV Werbung für eine Sonderausgabe des People Magazins erscheint, die Jackson gewidmet ist und er dann feststellt, dass sich im Magazin keine Interviews mit Jackson selbst befinden. Er führt eine Pressekonferenz an, die einberufen wurde, um Boulevardgerüchte zu zerstreuen: Jacksons Manager nimmt ohne ihm an der Konferenz teil, was Marsh signalisiert, dass sich Jackson nicht aufrichtig daran beteiligt, mit seinem Publikum zu kommunizieren.

People Magazin 1984 zum Durchblättern

Marsh nimmt Unehrlichkeit auch in Teilen von Jacksons Kunst wahr. Er nennt Eddie Van Halens Gitarrensolo in „Beat It“ ein „einmaliges Gimmick“ (8) Er erklärt, dass Jackson „am Inhalt [seiner] Songs nicht sehr interessiert scheint“ (9), sondern mehr Interesse an Verkaufszahlen und Gewinn hat. Er sieht Unehrlichkeit sogar in Jacksons frühesten Zeiten bei Motown, als er gerade 10 Jahre alt war, und sagt „Du kamst in die Musikindustrie, indem Du einen Haufen Märchen und Lügen ausgelebt hast.“ (10) Bezüglich der Märchen und Lügen führt Marsh unter anderem an, dass Jacksons Darbietung in dem Jackson 5 Song „I Want You Back“, der aufgenommen wurde, als Jackson 11 Jahre alt war, emotional aufrichtig ist und dass Diana Ross die Gruppe entdeckt hat.

Marsh sieht einen weiteren Verrat an dem utopischen Traum, den Jackson zu verkörpern schien, als er seine Fans nicht an seinen Bemühungen beteiligt, dass seine Musik von weißen Radiostationen und seine Videos auf MTV gespielt werden. „… Ich bin stinksauer, weil die Gelegenheit, nur eine einzige kleine Sache zu tun – den Leuten die Lüge zu zeigen, auf der Rassismus basiert – verspielt, weggeworfen, angepisst wurde.“ (11)

Er erläutert seine Gewissheit ausführlich, dass sich Jackson seiner schwarzen musikalischen Wurzeln, besonders Blues, Gospel, Rhythm and Blues, und sogar Country und Bluegrass nicht bewusst ist. Er vergleicht Jackson abfällig mit den weißen Musikern Bruce Springsteen, Bob Dylan, den Rolling Stones, den Beatles und Bill Munroe, und den schwarzen Musikern Chuck Berry und Little Richard, die sich alle der afroamerikanischen Wurzeln ihrer Musik sehr bewusst sind, wie er sagt. Marshs Annahme basiert auf seiner Interpretation von Jacksons Musik, nicht auf irgendwelchen Kenntnissen von Jacksons tatsächlichem Verständnis seiner musikalischen Wurzeln.

Als weiteres Beispiel für Jacksons fehlendes historisches Wissen richtet Marsh seinen Fokus eingehend auf einen Baumstamm, der sich im Backstagebereich des Apollo Theater in Harlem befindet und traditionsgemäß von den Künstlern vor ihrem Auftritt berührt wird, um ihnen Glück zu bringen. Obwohl Jackson im Apollo aufgetreten ist, behauptet Marsh ohne Belege anzuführen, dass Jackson die Geschichte dieses Baumstamms nicht kennt und wie er ein Glückssymbol wurde. Marsh erläutert die Geschichte des Baumstamms und die der schwarzen und weißen amerikanischen Popmusik, wodurch er zeigt, dass er selbst in amerikanischer Musikgeschichte versiert ist.

Marsh sagt, dass Jackson vor kurzem über ein Video von Mahalia Jackson „gestolpert“ ist und dass er in Folge dessen während der Victory Tour zum ersten Mal begonnen hat, Gospelphrasierung zu verwenden. Tatsächlich hat Jackson Gospelphrasierung zumindest schon bei der Triumph Tour 1981 verwendet, drei Jahre vor Beginn der Victory Tour. (12)

Er behauptet auch, dass Jackson die Geschichte des Moonwalks nicht kennt. Er sagt, dass Jackson am Inhalt seiner eigenen Songs nicht sehr interessiert scheint und dass es überraschend sei, wenn Jackson an irgendetwas interessiert wäre, wie Mahalia Jacksons Auftritten, die 30 Jahre zurück liegen. Er behauptet erstaunlicherweise sogar, dass Jackson nicht einmal weiß, dass sein eigener Großvater Country Musik gehört hat. Marsh gibt für diese Vermutungen keine Beweise an.

Dann vergleicht Marsh Jackson mit Künstlern in Minstrel Shows. Er behauptet, dass Stephen Foster, dessen sentimentale Songs weithin von Minstrels verwendet wurden, „für Minstrel ist, was Du für zeitgenössischen Pop bist.“ (13) , weil Jacksons Songs eskapistisch sind und Liebe darbieten, die frei von Sexualität sind. Und er stellt Jackson als einen modernen Minstrel-Künstler dar, weil die vielen weißen Leute, die Thriller gekauft haben, in Jackson die Minstrel-Stereotype eines „faulen, überheblichen, frivolen, sorglosen, verantwortungslosen und kindischen“ schwarzen Mannes gesehen haben, „der es liebt, Weiße zu unterhalten“. (14) Marsh beleidigt Jackson und weiße Fans, wenn er sagt „So gemein es auch klingt, Deine Anziehungskraft ist eng verbunden mit der Erfüllung dieser Stereotypen.“ (15) Dann beleidigt er Jacksons schwarze Fans, als er sagt „Zumindest hast Du ihnen etwas gegeben, zu dem sie tanzen können, also lieben sie Dich immer noch.“ (16)

Jacksons Bezugnahmen auf Magie, Eskapismus und Träume in Interviews entfachen bei Marsh erhebliche Verachtung: „Es steht quasi außer Frage, dass Du essentiell abergläubisch und an einen Glauben an Magie und die Macht des Unbegreiflichen gebunden bist.“ (17) und er nennt Jackson wegen seines Glaubens ein intellektuelles „Faultier“. Er spottet über Jacksons Aussagen, dass Songs eher aus Träumen oder von Gott zu ihm kommen, als von bewusster und vorsätzlicher harter Arbeit. „Michael, Du sprichst davon, dass Deine Songs in Träumen wie durch Magie zu Dir kommen. Das ist ein zentrales Dogma Deiner Kampagne, um die Welt davon zu überzeugen, dass Du eine wahrlich einzigartige Persönlichkeit bist, wirklich überlebensgroß.“ (18)

Auf die eine oder andere Art stellt er wiederholt fest, dass sich Jackson seiner selbst nicht bewusst ist oder über sich selbst verwirrt ist, aber Marsh verwechselt seine eigene Verwirrung mit Jacksons: „Niemand wird große Fortschritte darin machen, Dich zu durchschauen, solange Du Dich selbst nicht besser verstehst. Man kann ein Puzzle nicht lösen, solange es seine eigene Lösung nicht gefunden hat. … Wenn Du weniger verwirrt wärst über Dinge, würde es sich zeigen. Die Leute wären weniger verwirrt wegen Dir – vielleicht nicht wegen ihrer Gefühle Dir gegenüber, aber zumindest weniger durcheinander darüber, wer Du ihrer Meinung nach bist.“ (19) Marshs Unbehagen mit Jacksons Unlesbarkeit ist deutlich, obwohl er wieder seine eigene Unsicherheit für Jacksons hält: „Zu versuchen, Dein Image dingfest zu machen, ist wie zu versuchen, Rauch in Flaschen zu füllen. Eigentlich frage ich mich, ob Du Dein Image zum Stillhalten bringen kannst, wenn Du in einen Spiegel starrst.“ (20)

Marshs Verwirrung über Jackson ist besonders im Bereich der Sexualität und der Anpassung an erwartete Geschlechterrollen offenkundig. Obwohl er sagt, dass er Jackson geglaubt hat, als er bestritt, schwul zu sein, erläutert er seitenlang die Gründe, warum die Leute Jacksons Heterosexualität anzweifeln und er wiederholt alte Gerüchte über seine Sexualität, wobei er andeutet, dass die Gerüchte wahr sein könnten. „Die Leute denken, dass Du schwul bist, weil Du hübsch bist, um es kurz zu sagen. Das kann viele Ressentiments befeuern. … Einer der Beinamen, mit denen hübsche Jungs wie Du attackiert werden, ist, dass sie Schwuchteln sind. … Mit anderen Worten, Michael, die Leute denken, dass Du schwul sein musst, weil Du einem altbewährten Stereotyp entsprichst, wie schwule Männer sind.“ (21)

Aber was Marsh noch mehr Sorgen zu bereiten scheint, ist seine Wahrnehmung, dass Jackson einfach gar kein Interesse an Sex hat oder Angst vor Sex hat. „Was Du also machst, ist im Grunde nicht nur das Verleugnen eines Interesses an Homosexualität, Du leugnest den Bedarf jeglichen sexuellen Ausdrucks. Ich hoffe, Du wirst zugeben, dass wenn das nicht abnormal ist für einen sechsundzwanzigjährigen Menschen, ist es jedenfalls höchst ungewöhnlich.“ (22) Das ist eine offenkundige Kritik. Jackson scheint der einzige berühmte Popmusiker gewesen zu sein, der keinen Sex mit Groupies hatte. Man kann sich leicht vorstellen, wie diese anderen Popstars für ihre sexuelle Freizügigkeit kritisiert werden und Jackson für seine Selbstbeherrschung und seinen respektvollen Umgang mit Frauen gelobt wird; aber Jackson wurde für seine Zurückhaltung kritisiert (und das nicht nur von Marsh), und die sexuellen Exzesse anderer Popstars wurden als zu normal erachtet, um von Musikjournalisten thematisiert zu werden.

Marsh wird von Jacksons Interview mit dem Journalisten Stephen Demorest aus dem Jahr 1979 durcheinandergebracht, sowohl von seinem Inhalt, als auch von der Art der Durchführung, auf der Jackson bestand. Während dieses Interviews ließ Jackson seine Schwester Janet Demorests Fragen wiederholen, bevor er antwortete. Marsh versteht das nicht als den Scherz, der es vermutlich war, sondern als „extrem sonderbar“ (23) und arrogant. Während des Interviews erzählt Jackson Demorest, dass er, wenn er eine Familie hat, lieber adoptieren als „zeugen“ (24) wird. Jackson hinterfragt die Notwendigkeit, typischen Erwartungen zu entsprechen, wie er sein Leben führen sollte: „Wer sagt, dass man in einem gewissen Alter heiraten muss? Wer sagt, dass man mit achtzehn ausziehen muss? Ich bin nicht Auto gefahren, bevor ich zwanzig war und ich mag es immer noch nicht.“ (25) Marshs sarkastische Antwort darauf ist „Das war nur eine weitere Deiner Tiraden, warum Michael Jackson, der außergewöhnlichste Typ der Welt, niemals ersucht werden sollte, irgendetwas zu tun, das nicht seinem absoluten Herzenswunsch entspricht.“ (26)

Demorest fragt Jackson, ob er es für möglich hält, „Eskapismus“ zu sehr zu schätzen. Jackson sagt „Nein, das tue ich nicht. Es gibt einen Grund dafür, warum Gott den Sonnenuntergang rot oder violett oder grün gemacht hat. Es ist schön, sich das anzusehen – es ist eine Minute der Freude. Es gibt einen Grund dafür, warum wir einen Regenbogen nach dem Regen sehen oder einen Wald, aus dem Rehe kommen. Dieses Wunder, das ist Eskapismus – es berührt Dein Herz und es liegt keine Gefahr darin … und man sagt „Gott, das ist wundervoll – ich würdige das.“ (27) Marshs Erwiderung darauf ist „Nun, Michael, wenn alles, was das Herz berührt, sicher ist, was ist dann mit Hitlers Anziehungskraft auf die innersten Gefühle der Deutschen?“ (28)

Marsh kritisiert Jacksons lebenslange Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas und sieht das als Nachweis fehlender Intelligenz. Man möchte meinen, das Verunglimpfen der Religion eines anderen wäre tabu, aber Marsh zögert nicht: „Es ist deren [Zeugen Jehovas] Unlogik, die Dich anzieht, weil sie Dir den Raum bietet für solche absichtlich kindischen Erklärungen wie … „Wissenschaft ist manchmal so dumm.““ (29)

Er verspottet Jacksons Liebe für die Kindheit, indem er sie mit seiner Religion verbindet:

Ich würde sagen, was Dir an der Weltsicht der Zeugen gefällt, ist das gleiche, was Du an Kinderliteratur und Cartoons findest, beides sind Formen des „Eskapismus“, für den Du unbändigen Enthusiasmus äußerst. … Sie [die Kirche] verlangt nichts von Dir als Erwachsener. Sie gibt starre Regeln und Bestimmungen aus, eine vollständige Geschichte davon, wie sich das Universum entfaltet hat und einen Entwurf, was als nächstes passiert, mit Helden und Schurken und einem Happy End für jene, die es wirklich verdienen. In ihrem Halt wirst Du ein ewiges Kind, für nichts verantwortlich, was passiert. (30)

Er beleidigt sogar Jacksons Glauben an Gott: „… Dieser Glaube an Gott als die wirkende Kraft, durch die alle Dinge passieren ist nicht christlich sondern heidnisch oder genauer gesagt barbarisch.“ (31) Marsh deutet an, dass Jacksons Glaubensvorstellungen einen „Barbar“ aus ihm machen und er zitiert James George Frazers The Golden Bough (Der goldene Zweig), als er einen „Barbar“ als jemanden definiert, der keine Unterscheidung machen kann zwischen natürlichen Ereignissen und dem Übernatürlichen.

Marsh vergleicht Jackson mit dem Künstler Red Grooms und beschwert sich, dass Jackson im Gegensatz zu Grooms keinen Sinn für Humor hat. Er führt den Song „Rock with You“ vom Album Off the Wall als trauriges Beispiel für Jacksons Unfähigkeit an, aus sich herauszugehen und Spaß zu haben:

Was auf einer Platte wie „Rock with You“ durch diese glücklichen Lyrics dringt, ist eine unerträgliche Traurigkeit. Sie drückt sich aus in der Art, wie Du „all night“ nicht singst, sondern es dem Chor überlässt, in der flehenden Art, wie Du das Wort „rock“ ausdrückst, als ob Du nicht um Sex bittest, sondern um etwas noch intimeres. (32)

Marsh scheint in den Liner Notes für Off the Wall nicht gelesen zu haben, dass der Chor ausschließlich aus Jacksons Stimme besteht, was seine Theorie widerlegt, dass Jackson zu verklemmt war, um die Worte „all night“ zu singen.

Dave Marshs ursprüngliche Reaktion auf Michael Jackson nach der Veröffentlichung von Thriller war, ihn als eine Figur mit der Macht, ethnische, sexuelle und politische Gegensätze in der amerikanischen Gesellschaft und sogar weltweit zu vereinen, zu idealisieren. Der „Crossover Dream“ vom Untertitel des Buchs scheint sich sowohl auf Marshs, als auch Jacksons Traum zu beziehen. Seine fürchterliche Enttäuschung über Jackson begann mit den kommerziellen Manipulationen rund um die Victory Tour, obwohl Jackson nicht für die Tourplanung verantwortlich war, und wurde von anderen Einschätzungen, dass Jackson mehr an Selbstpromotion interessiert war als daran, ein Katalysator für sozialen Wandel zu sein, vorangetrieben. Anders gesagt hatte Marsh das Gefühl, dass Jackson nicht verstanden hat, dass er die Macht hatte, sozialen Wandel voranzubringen, oder noch schlimmer, dass er sich seiner Macht bewusst war, sich aber entschied, sie nur für kommerziellen Gewinn zu nutzen.

Aber war sich Jackson seiner Situation auf die gleiche Art bewusst wie Marsh? Hat er sich selbst in der einzigartigen Position gesehen, soziale Spaltungen zu vereinen oder zumindest den Traum sozialer Einheit voranzutreiben? Hat er seinen enormen Erfolg zynisch missbraucht, um mehr Ruhm und Reichtum anzusammeln?

Das Video zu „Can You Feel It“ von den Jacksons, welches 1980 entstand und auf einem Konzept von Jackson basiert, zeigt Jackson und seine Brüder dabei, der Welt Frieden, Einheit und Magie zu bringen, was sehr nahe legt, dass sich Jackson zu der Zeit, als Thriller zwei Jahre später veröffentlicht wurde, eine messianische Rolle für sich selbst vorstellt. Und wir wissen von dem Werk, das Jackson nach Thriller geschaffen hat, beginnend mit „We Are the World“, dass ihm das Fördern von Mitgefühl und das Verbessern sozialer Bedingungen zutiefst am Herzen gelegen ist, besonders für Kinder.

Jackson schien allerdings keine solchen messianischen Intentionen gehabt zu haben, als er Thriller erschuf. Das erste Soloalbum seiner Erwachsenenkarriere, Off the Wall (1979), wurde von den Kritikern gut aufgenommen und verkaufte sich ganz gut. Aber er schrieb über seine schreckliche Enttäuschung, als er 1980 als Folge darauf bei den Grammys nur in der Kategorie Best R&B (sprich: schwarz) Vocal Performance ausgezeichnet wurde. „Ich fühlte mich von meinen Kollegen ignoriert und es tat weh… Ich sagte zu mir selbst „wartet bis zum nächsten Mal“ – sie werden das nächste Album nicht ignorieren können… Diese Erfahrung entzündete ein Feuer in meiner Seele. Alles, woran ich denken konnte, war das nächste Album und was ich damit machen würde. Ich wollte, dass es wahrlich großartig wird.“ (33)

Jene Worte wurden zweieinhalb Jahr nach der Veröffentlichung von Trapped veröffentlicht, aber die biographischen Kapitel, welche sich mit den Kapiteln der Kritik in Trapped abwechseln, beschreiben ebenfalls Jacksons Reaktion auf die Grammys von 1980. Marsh zitiert Jackson, der gegenüber Billboard gesagt hat, dass „ich viel geweint habe. Meine Familie dachte, ich würde verrückt werden, weil ich deshalb so viel geweint habe.“ (34) Marsh folgert daraus, dass sich Jackson „von seinen Kollegen brüskiert fühlte.“ (35)

Jacksons Ziel mit Thriller war, Rassismus zu überwinden und Respekt zu gewinnen, indem er ein „wahrlich großartiges“ Album erschafft, das niemand ignorieren konnte, das nicht in die R&B Kategorie abgeschoben werden konnte in einer Musikszene, die damals ethnisch sehr gespalten war. Dieses Ziel war erreicht, als Thriller acht Grammy Awards gewonnen hat, von den Kritikern bejubelt und in beispielloser Auflage sowohl an weiße, als auch an schwarze Fans verkauft wurde. Obwohl Marsh nicht damit alleine war, Jackson als eine verbindende Figur zu sehen, gibt es keine Belege, dass Jackson die Ambition hatte, ein großer Vereiner zu sein oder dass er erkannte, dass er diese Macht hätte haben können. Es scheint, dass die Handlungen, die Marsh als Verrat an einer nahezu messianischen Macht sah, einfach nur Jacksons Karriere zuzuschreiben sind, in der er sich selbst voranbringt, wie alle Künstler das tun müssen, und den Rassismus überwindet, durch den er herablassend behandelt wurde. Für Jackson war kommerzieller Erfolg ein wichtiges Element bei der Überwindung ethnischer Barrieren.

Der Traum von Gleichheit, den Marsh in Jacksons Kunst und Persona vergegenwärtigte, hätte ohne dem Element des kommerziellen Erfolges niemals zu einem utopischen Level anwachsen können. Der Traum war teilweise deshalb utopisch, weil Jackson solch ein großes Publikum erreichen konnte. Wäre er ein unbedeutender Künstler gewesen, wäre er von einigen wenigen sehr geschätzt gewesen, aber er hätte niemals einen Traum von nationaler oder weltweiter Einheit hervorrufen können.

Hatte Jackson tatsächlich die Macht, um ein großer Vereiner zu sein? Hätte Jackson der Katalysator sein können, um eine Gesellschaft zu erschaffen, „in der alle Gegensätze in Einklang gebracht wurden, sexuelle und ethnische und politische Zwiespältigkeiten durch schieres Wohlwollen ausgelöscht oder vielmehr miteinander verschmolzen wurden“? Das scheint nicht wahrscheinlich. Sogar der sehr hochgeachtete Bob Marley hatte nur begrenzte Möglichkeiten, um echten Wandel zu bewirken. Marley versuchte durch seine Musik, gegnerische politische Fraktionen in Jamaika zu vereinen und schwarzen Stolz und historisches Bewusstsein zu steigern. Obwohl er damit Erfolg hatte, jamaikanische Musik auf die Weltkarte zu bringen und Jamaikaner stolzer auf ihre ethnische und kulturelle Herkunft zu machen, hatte er keinen anhaltenden Effekt auf politische Gewalt in Jamaika oder irgendeinen anderen Aspekt der jamaikanischen Gesellschaft. Obwohl sich Marsh über Jacksons Verzicht seiner Macht beschwert hat, half Jackson dennoch dabei, ethnische Barrieren in der Musikindustrie zu reduzieren, auch wenn er scheinbar nicht Bob Marleys große Ambitionen hatte. Reverend Al Sharpton führte sogar Jacksons Akzeptanz durch ein breites weißes Publikum als Hilfe an, um den Weg für den Erfolg von Oprah Winfrey, Tiger Woods und Barack Obama zu ebnen. (36)

Marsh schien Jacksons Macht nicht gefürchtet oder verübelt zu haben, wie es die anderen in diesem Buch untersuchten Autoren taten, er wollte, dass Jackson seine Macht erkannte und für entsprechende Zwecke nutzte. Aber nachdem Marsh von Jacksons Weigerung oder Unvermögen, die Rolle des Vereiners zu übernehmen, enttäuscht wurde, wendete er sich gegen ihn und listete in dem Versuch, ihm jegliche Macht abzusprechen, alles auf, was er an Jackson als andersartig sah. Marsh stellte Jackson als eine kindische, ignorante, verwirrte, wenn auch talentierte Person dar, deren Macht eine Illusion war.

Marsh machte also klar, was er an Michael Jackson nicht mochte. Aber wer hätte Jackson sein müssen, um Dave Marsh zufrieden zu stellen? Wenn wir seine Kritik umkehren, bekommen wir ein Bild davon, wer Jackson Marsh zufolge möglicherweise hätte sein sollen: jemand, der wenig Interesse an kommerziellem Erfolg hatte (der aber trotzdem zufällig kommerziell sehr erfolgreich war, damit er immer noch den utopischen Traum von Einheit inspirieren konnte), dessen Musik zeigte, dass er mit schwarzen Musiktraditionen fest verbunden war, der selbstbewusst war und sich seiner Rolle als Katalysator für sozialen Wandel bewusst war, der offensichtlich sexuell (vor allem heterosexuell) war, der intellektuell und nicht religiös war, der keine Probleme mit Kontrollverlust und Spaß hatte. Künstler sind allerdings selten so konventionell. Als Marsh einige von Jacksons Aussagen und Verhaltensweisen als „bizarr“ beschrieben hat, schien er nicht realisiert zu haben, dass Künstler, besonders außerordentlich begnadete, dazu tendieren, zumindest leicht exzentrisch zu sein und das Bedürfnis verspüren, Konformität zu widerstehen, um kreativ zu bleiben.

Marsh kritisiert Jacksons kindliche Eigenschaften sehr und nimmt diese als Zeichen fehlender Intelligenz oder Erfahrenheit wahr. Er scheint die Verbindung zu ignorieren, die viele Künstler mit der Kindheit aufrechtzuerhalten versuchen, um zu erschaffen. Künstler wie Pablo Picasso, Salvador Dali, Martha Graham, Igor Stravinsky, William Blake und viele weitere hielten starke Bindungen zu ihrer Kindheit aufrecht, um ihre Kreativität zu fördern.

Marsh hat kein Verständnis für Jacksons fehlende Konformität und versteht nicht ganz, dass die Macht von Jacksons Persona und Kunst, auf die Marsh anfangs so stark angesprochen hat, von genau dieser Eigenschaft stammt, die er später so verstörend fand, Jacksons Andersartigkeit. Diese Charakteristika, Jacksons kindliche Persona und seine unklaren ethnischen und sexuellen Eigenschaften, waren es, die Jackson solch einen breiten Anklang verliehen haben, die ihn faszinierend und aufregend machten, und die es Fans wie Marsh ermöglicht hatten, die Macht, die Welt zu verändern, auf ihn zu projizieren. Marsh legt das ungehobelt dar, wenn er schreibt „Ein Schlüssel zu Deinem Ruhm ist, dass Du dem Leitbild des Ausgestoßenen gut genug entsprichst, damit sich andere „Freaks“ mit Dir identifizieren und Dir helfen wollen.“ (37), obwohl er auf diese Idee nicht näher eingeht. Statt den Ursprung von Jacksons Macht zu würdigen, stellt er die Elemente seiner Andersartigkeit in dem Versuch, ihm Glaubwürdigkeit und Handlungskompetenz abzuerkennen, als erhebliche Fehler dar.

Marsh hat nicht verstanden, dass manche Verhaltensweisen, die er beunruhigend fand, scherzhaft gemeint gewesen sein könnten oder einen nicht sofort ersichtlichen Zweck hatten. Zum Beispiel fand Marsh verstörend, dass Jackson darauf bestand, dass seine Schwester Janet bei seinem Interview mit Stephen Demorest anwesend war und alle Fragen für ihn wiederholte, bevor er antwortete. Autor J. Randy Taraborelli versuchte Jackson 1981 unter gleichen Bedingungen zu interviewen. Taraborelli fand die Situation nicht durchführbar, beendete das Interview rasch und entschied, keinen Artikel darüber zu veröffentlichen. Jacksons Vater entschuldigte sich später bei Taraborelli und erklärte, dass sein Sohn zu jener Zeit keine Interviews geben wollte. Taraborelli interpretierte das so, dass Jackson nicht zu den Eheproblemen seiner Eltern befragt werden wollte. Taraborelli sagt, er verspürte „eine widerwillige Hochachtung dafür, wie Michael bekommen hat, was er wollte … keine Story.“ (38)

Warum hat Dave Marsh Jackson anfangs verehrt, nur um sich gegen ihn zu richten, als vermeintliche Unzulänglichkeiten auftauchten? Eine der Linsen, durch die dieses Rätsel betrachtet werden kann, ist die psychologische. Es handelt sich um ein Phänomen, das als Splitting/Abspaltung bekannt ist. Splitting ist ein Abwehrmechanismus des Egos, der bei manchen Persönlichkeitstypen häufiger zu beobachten ist als bei anderen. Dabei wird die Welt in polarisierten Formen der Idealisierung oder Abwertung betrachtet, alles ist entweder gut oder schlecht, schwarz oder weiß, ohne Graustufen dazwischen. Diese duale Sicht schützt gegen das Unbehagen, sich mit den Wirren der Abstufungen zu beschäftigen. Obwohl manche Menschen viel gewillter sind, alles auf diese polarisierte Art wahrzunehmen, spaltet jeder gelegentlich, besonders wenn man sehr wütend ist (sehr typisch in Form von „Du bist völlig böse, ich bin völlig gut“).

Ein Merkmal dieses Phänomens ist, dass sich ein Splitting manchmal völlig umdreht. Etwas oder jemand, der zuvor als völlig schlecht oder gut betrachtet wurde, kann plötzlich als das genaue Gegenteil erscheinen. Das ist die Basis vieler romantischer Komödien: eine Frau findet einen Mann extrem lästig und versucht ihm auszuweichen, bis sie ihn plötzlich in einem anderen Licht sieht und sich verliebt.

Marsh selbst gibt am Anfang seines Buches an, dass er gesplittet hat, ohne diesen Ausdruck zu verwenden, und dass sich sein duales Bild von Jackson gedreht hat: „Als sich die Verbindung, die uns mit Dir und Deinem Gefühl der Freude so eng verbunden hat, löste – selbst wenn es nur ein Haarriss war – fühlte es sich an, als ob die Gesamtkonstruktion zusammengebrochen wäre und uns mit nach unten gezogen hätte … Du hast Dich vom Mr. Kann-nichts-falsch-machen zu einem Schurken entwickelt.“ Sein anfängliches Gefühl für Jackson als messianische Figur war sicherlich eine unrealistische Idealisierung, die zu einer Enttäuschung führen musste. Sobald diese Enttäuschung eintrat, wertete Marsh Jackson ab und betrachtete ihn als unzuverlässig, wirr und bizarr.

Wenn Marsh nicht mit solch einer höchst idealisierten Sicht auf Jackson begonnen hätte, wäre seine Reaktion auf eine Enttäuschung nicht zu dem Extrem einer fast vollständigen Abwertung geworden. Ein ähnlicher Mangel an Abstufungen ist auch in den anderen Arbeiten ersichtlich, die in den folgenden Kapiteln untersucht werden, und das in Trapped offenkundige Splitting nimmt viel blumigere Formen an.

__________

(1) Marsh, Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream (1985), pp. 6, 7.

(2) Ibid., p. 205.

(3) Ibid., p. 257.

(4) Ibid., p. 8. Emphasis in the original.

(5) Ibid., p. 247.

(6) Ibid., p. 257.

(7) Ibid., p. 76.

(8) Ibid., p. 80.

(9) Ibid., p. 80.

(10) Ibid., p. 74.

(11) Ibid., p. 206.

(12) The Jacksons Live (CD), 1981. Marsh later contradicts himself when he states on page 254 that Jackson had been using “gospel ruminations” for years.

(13) Marsh, Trapped, p. 204.

(14) Ibid., p. 204.

(15) Ibid., p. 204

(16) Ibid., p. 207

(17) Ibid., p. 119

(18) Ibid., p. 47

(19) Ibid., p. 180

(20) Ibid., p. 74

(21) Ibid., p. 111

(22) Ibid., p. 112

(23) Ibid., p. 112

(24) Ibid., p. 112

(25) Ibid., p. 113

(26) Ibid., p. 113.

(27) Ibid., p. 121.

(28) Ibid., p. 121.

(29) Ibid., pp. 120-121.

(30) Ibid., p. 122.

(31) Ibid., p. 121.

(32) Ibid., p. 182.

(33) Michael Jackson, Moon Walk (1988), p. 176.

(34) Marsh, Trapped, p. 178.

(35) Ibid., p. 178.

(36) Rev. Al Sharpton, speech at Jackson’s memorial service, July 7, 2009.

(37) Marsh, Trapped, pp. 201-202.

(38) Randy Taraborrelli, Michael Jackson: The Magic, The Madness, The Whole Story (2009), pp. 216-221.

Präsidiale Politik, Teil 3

by

Presidential Politics, Part 3

Quelle: https://dancingwiththeelephant.wordpress.com
Post vom 8. Dezember 2016


Willa:  Lisha, so vieles hat sich verändert seit unserem letzten Post. Diese gefühlt qualvolle Wahl ist endlich zu Ende, und ich bin so fassungslos und demoralisiert. Es fühlt sich an, als wäre unser politischer Prozess tief beschädigt, vielleicht sogar zerbrochen, wie viele Leute sagen, und es scheint, dass es jetzt mehr als jemals zuvor wichtig ist, über alternative Machtformen zu sprechen – in der Bedeutung, dass man andere Wege als Politik finden sollte, um soziale Veränderungen hervorzubringen.

Lisha: Es war eine solch schwere Zeit für mich – angesichts der Tatsache, wie tief gespalten wir als Nation sind. Ich bin mir nicht sicher, ob unsere Institutionen stark genug sind, dem Druck, unter dem sie stehen, standzuhalten, und ich denke, da ist eine Antwort erforderlich. Michael Jackson sagte bereits in This Is It: „Es beginnt bei uns. Wir sind dran, andernfalls wird es niemals getan werden.“

Willa: Ich glaube, du hast Recht, Lisha, und das ist ein großartiges Beispiel. Er spricht hier ausdrücklich über die Eingeschränktheit der Regierung und darüber, wie Politiker eher dazu neigen, der öffentlichen Meinung zu folgen als sie anzuführen. Das wird deutlich in den Sätzen, die den von dir zitierten Sätzen vorangehen:

Die Leute sagen immer: „Oh, sie werden sich schon darum kümmern. Die Regierung wird es tun. Keine Sorge, sie werden …“ Sie wer? Es beginnt bei uns. Wir sind dran, andernfalls wird es niemals getan werden.

Lisha: Michael Jackson machte diese Feststellung damals 2009 in dem Part des Earth Song, bei dem er eindringlich an den Klimawandel erinnerte. Er warnte, dass dieses Problem unsere Beteiligung erfordere, wenn es jemals gelöst werden sollte, und er wusste, dass die Zeit knapp werden würde. Ich kann mir also nicht im Entferntesten vorstellen, was er nun, mehr als sieben Jahre später, fühlen würde, mit dem Wissen, dass ein Leugner des Klimawandels als Oberhaupt der US Environmental Protection Agency (US-Umweltschutzbehörde) nominiert ist.

Willa: Ich habe genau dasselbe gedacht. Es fühlt sich in dieser Zeit großer Umweltgefährdung an, als würden wir einen Riesenschritt in die falsche Richtung machen. Ein winziger Hoffnungsschimmer ist, dass Ivanka Trump ein Treffen zwischen ihrem Vater und Al Gore arrangiert hat, welches Gore anschließend „eine ausführliche und sehr produktive Besprechung“ genannt hat und sagte, es würde „fortgesetzt werden“.

Lisha: Ja, es ist wenigstens ein Hoffnungsschimmer.

Willa: Aber ich weiß nicht, ob wir uns einfach zurücklehnen und darauf hoffen können, dass alles gut ausgeht. Schließlich hat Michael Jackson nie viel Vertrauen in die Politik gesetzt.

Lisha: Stimmt. Als das Ebony Magazin ihn damals 2007 zu seinen politischen Ansichten befragte, sagte er:

Um die Wahrheit zu sagen, ich verfolge diese Dinge nicht. Wir wurden nicht so erzogen … wir bauen nicht auf diese Menschen, damit sie die Probleme in der Welt wieder in Ordnung bringen, das tun wir nicht. Sie können das nicht. So sehe ich das. Es geht um mehr als unsere Belange.

Willa: Das ist ein großartiges Zitat, Lisha. Aber obwohl er skeptisch gegenüber der Politik war, bedeutet das nicht, dass er nicht sozial engagiert war. Er glaubte ganz besonders leidenschaftlich daran, dass der Einfluss der Kunst die Wahrnehmung, Vorstellungen und Gefühle der Menschen verändern könne.

Lisha: Er war bereit die Initiative zu ergreifen und zu tun, von dem er wusste, dass es zu tun war. Und ich denke, er hat einige erstaunliche Beiträge geleistet, von denen wir heute noch profitieren.

Willa: Richtig. In einem Interview von 1980 auf 20/20 beschrieb er, wie das Publikum reagierte, wenn er und seine Brüder auf der Bühne auftraten, und dann stellte er die Verbindung dieser Reaktionen zu bedeutenden, kulturellen Veränderungen her – der Art von tiefgreifenden emotionalen Veränderungen, die Künstler hervorrufen können, aber Politiker eben nicht. Er sagte es so:

Wenn wir uns alle an den Händen halten und jeder bewegt sich mit, und da sind Menschen jeder Hautfarbe, aller Rassen, dann ist das die wundervollste Sache. Das ist etwas, was Politiker nicht erreichen.

Lisha: Wow. Er war noch so jung, als er das sagte. Aber es steht sinnbildlich für so vieles in seinem Lebenswerk und für das, was noch kommen sollte.

Willa: Genauso ist es. Und wir erkennen diesen Fokus auf tiefgreifenden kulturellen Wandel nicht nur bei seinen Konzerten, sondern auch in seinen Song Lyrics, Kurzfilmen, Gedichten und Kurzgeschichten wie auch anderer Kunst.

Allerdings bezeichnete sich einiges seiner Kunst nicht selbst als Kunst und oft empfinden wir es gar nicht als Kunst. Aber diese andere Art der „Kunst“ war auch sehr wichtig dahingehend, soziale Veränderungen zu bewirken.

Lisha: Das ist so wahr.

Willa: Zum Beispiel sein Zusammentreffen mit Ronald Reagan oder dem ersten Präsident Bush im Weißen Haus könnte man als eine Art öffentliches Theater sehen, wie wir schon letztes Mal besprochen haben. Mit Bühnenbild und Kostümen, Fotografie und Kameraaufnahmen und der weltweiten Verbreitung der daraus entstandenen Aufnahmen – alle Elemente einer ausgearbeiteten, weltweit veröffentlichten Theaterproduktion.

Und jene Bilder von Michael Jackson, die zeigen, wie er als hochangesehener Gast wie ein ehrenvoller Würdenträger im Weißen Haus empfangen wurde, hatten sowohl eine politische, als auch eine künstlerische Wirkung – sie waren dabei behilflich, die öffentliche Wahrnehmung über den „angemessenen“ Platz eines schwarzen Mannes in Amerika zu verändern. Diese Bilder eines Schwarzen, der mit Selbstvertrauen durch das Weiße Hause schreitet, kann dabei behilflich gewesen sein, dass Amerikaner sich vorstellen können, dass eines Tages ein schwarzer Mensch im Weißen Haus leben würde, und auf diese Art und Weise könnte dies den Weg für Barack Obama geebnet haben.

Lisha: Das ist solch eine wesentliche Feststellung, Willa. Jene Bilder waren so einflussreich, dass sie dabei halfen, alte, unbewusste Vorstellungen über den großen, weißen Mann, der einzig und allein zur Führung qualifiziert sein sollte, zu lockern.

Ich denke, viele Amerikaner hören das Wort „Rassismus“ und versuchen sofort es zu verleugnen, denken, dass es ausschließlich für jene Art hasserfüllter Vorurteile steht, die durch David Duke und den Ku Klux Klan ausgedrückt werden. Wir wissen aus Erfahrung, dass die meisten Amerikaner nicht so sind, trotzdem möchte ich sagen, dass es bei diesem Wahlzyklus einen schockierenden Grad der Toleranz für diese Gruppen gegeben hat.

Willa: So ist es. Das ist eine der entmutigendsten Erkenntnisse dieser Wahl – dass ein großer Anteil der Amerikaner fähig war Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, religiöse Intoleranz und andere Arten von Vorurteilen im Austausch für Versprechungen im Hinblick auf wirtschaftliches Wachstum zu ignorieren.

Lisha: Es war so schmerzhaft für mich, mich damit auseinanderzusetzen. Und ich habe das Gefühl, dass dazu einfach so viel geleugnet wird. Auch ohne irgendwelche Rassenfeindlichkeit zu hegen ist Rassismus zum Beispiel immer noch Teil unseres Lebens in den Vereinigten Staaten, ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht. Bei dem Ausdruck „Rassismus“ handelt es sich nicht einfach nur um hassende Gruppen oder Hassreden. Er bezieht sich auch auf eine rassenbasierte Kastenordnung, bei der die vorherrschende, weiße Kultur einen eindeutigen Vorteil genießt. Und das ist etwas, was wir dringend ansprechen müssen.

Willa: Absolut. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, Lisha.

Lisha: Aber wie du sagtest setzte Michael Jackson damals -1984 – seine Kunst dafür ein, das System auf den Kopf zu stellen, als er einen funkelnden Militäranzug anzog und den Rasen des Weißen Hauses beherrschte. Er stahl allen Beteiligten die Schau, der Präsident und Mrs. Reagan inbegriffen. Meiner Meinung nach war das solch ein kluger, kühner Schachzug, mit dem er auf clevere Art die Funktion von Macht auf den Kopf stellte.

Willa: Ja, und diese Bilder von ihm mit Präsident und Mrs. Reagan, und später mit Präsident Bush, wurden überregional ausgestrahlt, und ich denke, sie hatten weltweit eine einflussreiche, politische Wirkung.

Du weißt ja, wir begannen unseren letzten Post mit Frederick Douglass, der einer der ersten war, der den großen Einfluss von Bildern bei der Überwindung von Rassismus erkannte. Wir erwähnten auch, dass Douglass Abraham Lincoln besucht hat, deshalb dachte ich, dass es interessant war, dass Dave Chappelle darüber nach unserer aktuellen Wahl in einem bewegenden Monolog in Saturday Night Live sprach.

Bei 9:50 min beschreibt Chappelle, wie er vor einigen Wochen zu einer Party im Weißen Haus ging:

Nun, ich bin nicht sicher, ob es stimmt, aber meines Wissens war der erste Schwarze, der offiziell ins Weiße Haus geladen wurde, Frederick Douglass. Sie hielten ihn vor dem Tor an. Abraham Lincoln musste persönlich hinausgehen und Frederick Douglass ins Weiße Haus begleiten. Und das wiederholte sich, soviel ich weiß, nicht wieder, bis Roosevelt Präsident war. Als Roosevelt Präsident war hatte er einen schwarzen Kerl zu Besuch und geriet dadurch so unter Beschuss der Presse, dass er wörtlich sagte: „Ich werde niemals wieder einen Nigger in diesem Haus haben.“

Lisha: Ich muss sagen, dass Chappelles Worte mich schwer getroffen haben. Wie beschämend – wie absolut erbärmlich – dass eine Gruppe Amerikaner auf diese Weise gesehen und auf solch eine furchtbare Art behandelt wurde.

Willa: Ja, und gerade von Präsident Roosevelt, der gemeinsam mit seiner Frau Eleanor oft als Verfechter der Menschenrechte bezeichnet wird. Michael Jackson band sogar ein Bild von Roosevelt in die Prison Version von They Don’t Care About Us ein.

Er erwähnt Roosevelt außerdem namentlich in den Lyrics und singt diese machtvollen Worte des Lobes:

Sag mir, was ist aus meinen Rechten geworden?
Bin ich unsichtbar, nur weil du mich ignorierst?
Deine Verkündung versprach mir Freiheit,
Nun bin ich es leid das Opfer von Scham zu sein
Sie werfen mich in einen Topf mit denen, die einen schlechten Ruf haben
Ich kann nicht glauben, dass dies das Land ist, aus dem ich komme
Weißt du, ich hasse es wirklich dies zu sagen
Die Regierung will es einfach nicht sehen
Aber wenn Roosevelt noch leben würde
Würde er dies nicht zulassen, nein nein

Michael Jackson wiederholt diese letzten zwei Zeilen in einer späteren Strophe, ersetzt Roosevelt Namen durch den von Martin Luther King, womit er andeutet, dass er beide auf die gleiche Art sieht. Er deutet vor allem an, dass weder Roosevelt noch Martin Luther King Ungerechtigkeit tolerieren würden – sie „würden es nicht zulassen“.

Aber wenn Dave Chappelle Recht hat, dann stimmt das wohl nicht. Vielleicht hat sich Roosevelt letzten Endes dem politischen Druck gebeugt, wie es Präsidenten oft tun, und wie er es seinerseits tat, als er „einen schwarzen Kerl zu Besuch im Weißen Haus hatte“ und vor all der Kritik kapitulierte, die er dafür von der Presse erhielt.

Lisha: O.K. gut, lass uns hier innehalten und mal darüber nachdenken. Ganz klar, es gab eine Grenze, wie weit er gehen würde bei der Verteidigung des rassenbezogenen „Anderen“.

Willa: Das stimmt, oder inwieweit er das Gefühl hatte, bis wohin er gehen konnte. Wenn Politiker sich zu weit von den Menschen, die sie gewählt haben, entfernen, riskieren sie ihre Wählerschaft zu verlieren. Als Lyndon Johnson den Civil Rights Act von 1964 unterzeichnete, sagte er Berichten zufolge zu einem Berater: „Wir haben gerade den Süden für eine Generation lang verloren.“ Und er hatte Recht. Mit ein paar kleinen Ausnahmen wählt der Süden seitdem komplett republikanisch, obwohl einige Staaten wie North Carolina und Virginia wieder umzuschwenken scheinen.

Aber du sagst es sehr richtig, Lisha. Im Allgemeinen können Politiker die Menschen einfach nicht auf die Art bewegen, wie es ein Künstler wie Michael Jackson vermag. Wenn sie ihre Wählerschaft weit mehr fordern als diese es wollen, verlieren sie möglicherweise ihre Macht.

Lisha: Michael Jackson schrieb „They Don’t Care About Us” vor mehr als zwanzig Jahren, aber es ist heute so relevant, wie es schon immer war. Der Song taucht immer wieder auf, wenn er gebraucht wird, zum Beispiel als Protestierende auf die Straßen gingen, um diese einfache Forderung zu verteidigen: „Alle Leben können nicht zählen, ehe nicht das Leben aller Schwarzen zählt.“ (“All lives can’t matter until black lives matter.”)

Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir versuchen an jenen hohen Idealen festzuhalten, zu deren Durchführung wir nie gekommen sind, Dinge wie „Freiheit und Gerechtigkeit für alle“. Michael Jackson machte sie auf künstlerische Weise, die unsere rationalen Vorstellungen umging, sichtbar und traf damit tief vergrabene, unbewusste Vorstellungen und Geisteshaltungen. Es liegt in unserer Hand diese als bedeutungsvolle Orte des Widerstands zu erkennen und weiter voran zu gehen.

Willa: Absolut. Er sprach darüber ausdrücklich in Filmen wie They Don’t Care About Us, Black or White und Can You Feel It, aber ebenso bei zahlreichen Gelegenheiten auf subtile Art und Weise. Wir erkennen einige dieser subtilen Ergründungen in Thriller und Ghosts und auf eher radikale Art in seiner sich ändernden Hautfarbe. Wir sehen es außerdem in unkonventioneller Kunst wie der politischen Theateraufführung seines Besuches im Weißen Haus.

Aber es gab Gelegenheiten, bei denen er ausdrücklich die Macht und Inszenierung der Politik nutzte, um die Aufmerksamkeit auf Anliegen, um die er sich kümmerte, zu lenken.

Lisha: Ein Beispiel, von dem ich inspiriert wurde, ist die Gala zur Inauguration für den damals gewählten Präsidenten Bill Clinton im Jahr 1993. Obwohl Michael Jackson zuvor von zwei republikanischen Regierungen geehrt worden war, stand er auch wieder im Mittelpunkt, als ein Demokrat gewählt worden war. Er nutzte die Gelegenheit Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, das ihn tief beschäftigte und würdigte Ryan White mit „Gone Too Soon“. Es lohnt sich, dies noch einmal anzusehen und wirklich auf sich wirken zu lassen:

Willa: Das ist so ein starker Moment. Und du hast Recht, Lisha. Es ist außerdem ein eindeutiges Beispiel dafür, dass Michael Jackson das politische Theater rund um die amerikanische Präsidentschaft nutzte, um Aufmerksamkeit auf Themen und Personen, die ihm am Herzen lagen – in diesem Fall Aids – zu lenken.

Lisha: Ich muss noch einmal bemerken, wie gerührt sowohl der Präsident als auch Ministerin Clinton bei diesem Auftritt sind. Wie wir alle wissen, gründeten sie später eine Wohltätigkeitsorganisation, die heute lebensrettende Medikamente für über die Hälfte aller AIDS-Betroffenen bereitstellt.

Willa: Ja, und es ist wirklich wichtig, sich daran zu erinnern. Ich glaube nicht, dass Bill Clinton viel politisches Kapital für die AIDS Krankheit aufwendete, bevor sich Michael Jackson für das Thema bei diesem Auftritt zur Inauguration einsetzte. Und dieser künstlerische Akt hat durch die Clinton Foundation einen Langzeiteffekt, wie du sagst, und rettet weltweit tausende Leben.

Wir erkennen einen ähnlichen Fokus, Bewusstsein für besondere, politische Themen zu schaffen, als Michael Jackson sich mit dem früheren Präsident Carter für das Heal LA Project zusammentat, das später auf Atlanta ausgeweitet wurde. Michael Jackson sprach über das LA Project während einer Rede über seine bevorstehende Superbowl Halbzeit Show 1993, und er nennt sowohl Präsident Carter als auch Präsident Clinton als Inspiration:

Und natürlich bezog er diese Themen auch in die Halbzeit Show selbst ein, besonders in das große Finale mit „Heal the World“.

Präsident Carter kam wirklich nach Neverland, als sie an dem Projekt arbeiteten. Hier ist ein Bild, das während seines Besuches aufgenommen wurde:

Lisha: Ich liebe das Bild.

Willa: Ich auch! Und es gibt auch noch einige Fotos von der Ankündigung des Atlanta Projekts. Hier ist eine Video Slideshow von einigen davon:

Lisha: Die sind wunderbar, Willa. Eins ist sicher, Michael Jackson hing wirklich mit den Präsidenten ab, nicht wahr?

Willa: Das tat er wirklich – eine weitere Eigenschaft, die er mit Frederick Douglass teilte.

Lisha: Nun, wir haben immer noch mehr über dieses Thema zu berichten. Fortsetzung folgt …

Michaels Interview mit Ebony/Jet, Mai 1992

 

>> script english

Dieses Interview führte Michael mit Ebony/Jet Editor Robert E. Johnson während seines Besuchs von mehreren afrikanischen Staaten (Gabun, Republik Elfenbeinküste,Tansania) im Februar 1992. Während dieser Reise wurde Michael in einer besonderen Zeremonie auch zum ‘King of Sanwi’ (Königreich in der Republik Elfenbeinküste) gekrönt.



Ebony/Jet: Was hast du empfunden, als du auf den afrikanischen Kontinent zurückgekehrt bist?

Michael: Für mich ist es “die Wiege der Zivilisation“. Es ist der erste Ort, an dem eine kulturelle Gesellschaft entstand. Dieser Ort hat sehr viel Liebe gesehen. Und ich glaube, es besteht eine Verbindung, denn hier liegt die Quelle des Rhythmus. All das. Es ist Heimat.

Ebony/Jet: 1974 hast du Afrika schon einmal besucht. Kannst du die beiden Besuche vergleichen?

Michael: Dieses Mal habe ich alles bewusster wahrgenommen: die Menschen und ihre Lebensumstände und ihre Regierung. Aber noch deutlicher habe ich die Rhythmen, die Musik und die Menschen wahrgenommen. Das habe ich mehr als alles andere gespürt. Die Rhythmen sind unglaublich. Du siehst es besonders an der Art, auf die sich schon die Kinder bewegen. Sogar die Kleinsten beginnen zu tanzen, wenn sie die Trommeln hören. Die Rhythmen und wie sie ihre Seelen berühren und wie sie sich dazu bewegen. Es ist das, was auch die Schwarzen in Amerika in sich tragen.

King of Sanii

Ebony/Jet: Wie fühlt es sich an, ein echter König zu sein?

Michael: Ich denke nicht so oft daran, ich will nicht, dass es mir zu Kopf steigt. Aber es ist eine große Ehre…

https://www.youtube.com/watch?v=CNJk84s2bew

Ebony/Jet: Um auf das Thema Rhythmus und Musik zurück zukommen: Wie hast du die Gospel-Songs auf deinem letzten Album zusammengestellt?

Michael: Ich schrieb „Will You Be There“ in meinem Zuhause auf Neverland, in Kalifornien. Ich habe nicht lange darüber nachgedacht. Deshalb ist es auch so schwer, mir die Lorbeeren für die Songs, die ich schreibe, anzurechnen, denn ich spüre immer, dass es von einer höheren Quelle kommt. Ich schätze mich glücklich, das Instrument zu sein, durch das diese Musik fliesst. Ich bin nur die Quelle, durch die es strömt. Ich kann mir nicht den Verdienst daran gutschreiben, denn es ist Gottes Werk. Er nutzt mich als seinen Botschafter.

Ebony/Jet: Kannst du uns etwas über das Konzept des Dangerous Albums sagen?

Michael: Ich wollte ein Album machen, das so sein sollte, wie Tschaikowskys Nussknacker-Suite. Ein Album, das die Menschen in 1000 Jahren immer noch anhören werden. Etwas, das ewig leben würde. Ich würde es lieben, wenn Kinder, Teenager, Eltern aller Ethnien der ganzen Welt in hunderten von Jahren immer noch die Lieder dieses Albums anhören und versuchen würden, es zu analysieren.

Ebony/Jet: Uns ist aufgefallen, dass du auf dieser Reise besondere Anstrengungen unternommen hast, um Kinder zu besuchen.

Michael: Ich liebe Kinder, wie man sieht. Und Babys.

Ebony/Jet: …und Tiere.

Children Africa 1992

Michael besucht Abidjan, 1992

Michael: Es gibt da ein bestimmtes Gespür, das Kinder und Tiere gleichermassen besitzen, und das mir eine kreative Energie verleiht. Eine bestimmte Kraft, die später im Leben, auf Grund der vielfältigen Konditionierung, die von allen Seiten ausgeübt wird, irgendwie verloren geht. Ein großer Dichter sagte einmal: „Wenn ich Kinder sehe, erkenne ich, dass Gott die Menschen noch nicht aufgegeben hat.“ Ein indischer Dichter, mit dem Namen Tagore, sagte das. Die Unschuld der Kinder repräsentiert für mich die Quelle unerschöpflicher Kreativität. Das ist das Potential eines jeden Menschen. Aber wenn du erwachsen bist, bist du konditioniert; du passt dich an die Gegebenheiten deiner Umgebung an, und du verlierst es. Liebe. Kinder sind liebevoll. Sie lästern nicht, sie lamentieren nicht, sie sind einfach offenherzig. Sie nehmen dich so wie du bist. Sie urteilen nicht. Sie teilen die Welt nicht in schwarz und weiß ein. Sie sind sehr Kind-gleich. Und das ist das Problem mit den Erwachsenen, denn sie verlieren diese Kind-gleichen Eigenschaften. Und genau das ist die Inspirationsebene, die so wichtig ist zum Erschaffen von Songs, aber auch für einen Bildhauer, einen Dichter oder einen Schriftsteller. Es ist diese Ebene der Unschuld, die gleiche Bewusstseinsebene, von der aus du kreierst. Und Kinder haben das. Bei Kindern, Tieren oder der Natur fühle ich das besonders intensiv. Und selbstverständlich auch, wenn ich auf der Bühne stehe. Ich kann ohne diese Art Ping-Pong Austausch mit dem Publikum nicht performen. Weißt du, dieses Spiel mit Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion. Ich spiele mit ihnen. Sie nähren mich und ich handele aufgrund ihrer Energie.

Ebony/Jet: Wohin führt all das?

Michael: Ich glaube wirklich daran, dass Gott Menschen dazu auserwählt, bestimmte Dinge zu tun. So wie Michelangelo oder Leonardo daVinci, Mozart, Muhamad Ali oder Martin Luther King auserwählt waren. Und ihre Mission ist es, genau diese Dinge zu tun. Und ich glaube, ich habe bisher nicht einmal an der Oberfläche dessen gekratzt, was der wirkliche Zweck meines Daseins hier ist. Ich bin meiner Kunst verpflichtet. Ich glaube, das höchste Ziel jeder Kunst ist die Vereinigung des Materiellen mit dem Spirituellen, des Menschlichen mit dem Göttlichen. Und ich glaube, dass das der wahre Grund für die Existenz jeder Kunst ist und für alles, was ich erschaffe. Und ich fühle mich glücklich, das Instrument zu sein, durch das die Musik fliesst.

Tief in mir spüre ich, dass diese Welt in der wir leben, ein großes, riesiges, monumentales Sinfonieorchester ist. Ich glaube, jede Schöpfung ist in ihrer ursprünglichsten Form Klang und es ist nicht nur ein willkürlicher Klang, sondern Musik. Kennst du den Ausdruck ‘Sphärenmusik’? Das eine sehr wörtliche Formulierung. In den Evangelien lesen wir: “Und Gott der Herr erschuf den Menschen aus dem Staub der Erde und blies in seine Nüstern den Atem des Lebens und der Mensch wurde eine lebendige Seele.” Dieser Atem des Lebens ist für mich die Musik des Lebens und sie durchdringt jede Faser der Schöpfung. In einem der Stücke des Dangerous-Albums* sage ich:

“Lebenslieder ganzer Zeitalter pulsieren in meinem Blut, sie tanzen den Rhythmus von Ebbe und Flut.”

Das ist eine sehr wörtliche Aussage, denn die gleichen geheimnisvollen Intervalle und biologischen Rhythmen, die die Bausteine meiner DNA bestimmen, lenken auch die Bewegungen der Sterne. Die gleiche Musik bestimmt den Rhythmus der Jahreszeiten, den Puls unseres Herzschlags, die Wanderung der Zugvögel, Ebbe und Flut der Ozeane, die Zyklen von Wachstum, Entstehung und Zerfall. Es ist Musik, es ist Rhythmus. Und mein Ziel im Leben ist, der Welt zurückzugeben, was mir glücklicherweise zuteil wurde: die Ekstase göttlicher Vereinigung durch meine Musik und meinen Tanz. Das ist meine Bestimmung, das ist der Grund, weshalb ich hier bin.

* Zitat aus Dancing The Dream

Will You Be There

Will You Be There?

Ebony/Jet: Was ist mit Politik?

Michael: Ich beschäftige mich niemals mit Politik. Aber ich denke, Musik besänftigt die wilde Bestie. Wenn man Zellen unter ein Mikroskop legt und Musik einschaltet, sieht man, wie sie sich bewegen und anfangen zu tanzen. Es berührt die Seele… Ich höre Musik in allen Dingen.

Weißt du, soviel habe ich seit acht Jahren nicht mehr gesagt. Du weißt, ich gebe keine Interviews. Es ist nur, weil ich dich kenne und weil ich dir vertraue. Du bist der einzige Mensch, dem ich genug vertraue, um ihm Interviews zu geben.


Übersetzung: M.v.d.Linden

Ebony 1992 Cover

Interview mit John Bähler

Ein Interview mit John Bähler – Übersetzung aus dem Buch:

Let’s Make HIStory: An insight into the HIStory album von Brice Najar

John Bähler begann, wie sein Bruder Thomas, mit Michael und den Jackson 5 zusammenzuarbeiten, als sie bei Motown unterzeichneten. Als Musik- und Stimmarrangeur war er noch über viele Jahre sowohl beruflich als auch freundschaftlich mit Michael verbunden, nachdem er Motown verlassen hatte. John Bähler ist einer der Macher von Heal The World, wo er auf großartige Art den Chor leitete, der die Stimme des King Of Pop unterstützt und zugleich die Ohren der Zuhörer erfreut. Nach seinem jüngeren Bruder ist es jetzt an John, meine Fragen zu beantworten und seine Erinnerungen mit uns zu teilen.

Wie dein Bruder Tom, hast auch du während der Motown-Ära mit Michael als Stimm- und Musikarrangeur zusammen gearbeitet. War dir zu der Zeit schon bewusst, dass er ein großer Star werden würde? Hast du ihn unter den anderen Künstlern bei Motown als etwas Besonderes erkannt?

Absolut! Als ich anfangs mit Michael arbeitete, sagte jeder, er sei 11Jahre alt, aber er war 13, sah aber aus wie 11. Ich arbeitete mit der Gruppe, mit allen fünf Jungs. Michael stach nicht nur in der Gruppe hervor, sondern in der Musik generell. Ich will sagen, dass er sehr aussergewöhnlich und besonders war. Dieser Mensch hatte mehr Liebe in sich, als irgend jemand anderes. Ich habe über ihn gehört und auch selbst oft gesagt, dass ein Bild von Michael Jackson erscheinen sollte, wenn man im Lexikon das Wort „Liebe“ nachschlägt. Er war der liebenswürdigste, netteste, großzügigste süßeste, charismatischste Kerl, und er liebte es, den Leuten Streiche zu spielen. Mir fehlen wirklich die Worte, wenn ich von Michael Jackson spreche, denn ich liebe ihn so sehr und unsere Verbindung bestand über eine sehr lange Zeit, eigentlich bis etwa 1,5 Jahre bevor er starb.

Es war also wirklich ganz offensichtlich. Als wir mit ihm Ben aufnahmen, ich glaube, das war seine erste Single als Solo Künstler, wussten wir schon, dass es keine Grenzen gab. Nichts konnte diesen Kerl stoppen! Sogar als er mit 50 Jahren starb, war die Quelle seiner Kreativität noch lange nicht versiegt. Er hatte noch so viel mehr zu geben. Natürlich kam er in das Alter, in dem das Performen nicht mehr ganz so leicht war, als Jahre zuvor, aber seine Seele war noch immer jugendlich.

Etwa 18 Monate bevor er starb, rief er mich an. Genauer gesagt war es sein musikalischer Direktor, der anrief und sagte: „Michael würde gerne mit dir sprechen.“ Ich sagte: „Großartig! Ruf mich jederzeit an, ich bin immer da, ich stehe immer zur Verfügung.“ Normalerweise kamen solche Anrufe immer kurz bevor einem großen Projekt, deshalb dachte ich, dass er anrufen würde, damit ich ihm bei der Tour helfen würde, die er nicht machen konnte. Aber dann rief er nicht an, und ich sah die Leute, mit denen er sich umgab, und machte mir Gedanken, denn meiner Meinung nach, (und das ist wirklich meine ganz persönliche Meinung, und ich möchte nicht, dass die Öffentlichkeit mich deshalb steinigt) hatte er sich mit „Jasagern“ umringt. Mein Bruder und ich waren Michael gegenüber nie Jasager. Michael war für uns wie ein jüngerer Bruder, und Michael wählte nie nach „Farbe“ aus, sondern er suchte immer nach Talenten. Als ich also einige dieser Jasager um ihn herum sah, war ich beunruhigt, aber ich konnte nichts tun…

Erinnerst du dich noch daran, als du ihn zum ersten Mal getroffen hast? Welche Erinnerungen hast du an diese Sessions bei Motown?

Oh ja, ich habe einige Geschichten! Ich traf ihn zum ersten Mal etwa 1970 oder ’71, als sie bei Motown unterzeichneten. Ich produzierte und arbeitete schon mit ein paar anderen Künstlern bei Motown, und sie riefen mich, um mit den Jungs zu arbeiten. Michael war sehr jung. Eine Sache, an die ich mich erinnere ist, dass sie als Jungs immer viel herumblödelten, während sie arbeiteten, weil sie Brüder waren. Damals hatte ich lange Haare und zu der Zeit war sie auch noch braun. Ich war also still und lies sie gewähren. Was ich aber nicht wusste und was Michael mir Jahre später erzählte war, dass ich immer meine Haare zurückstrich, wenn ich nervös war. Und Michael sagte dann jedes Mal: „Hey Jungs, John streicht seine Haare zurück, wir sollten uns besser wieder beruhigen!“ Das war ihr Zeichen.

J5 Motown

Du hast zu vielen Songs von MJ und den J5 bei Motown beigetragen, man könnte Stunden darüber sprechen. Kannst du uns etwas mehr über den kreativen Prozess einer der anspruchsvolleren Kompositionen berichten?

Ich weiß nicht mehr genau, welche Aufnahme es war, an der wir arbeiteten, aber ich hatte ein besonders kompliziertes Gesangs-Arrangement für sie geschrieben und sie sagten nur: „Das können wir nicht singen, das können wir nicht…“ Und ich sagte nur: „Doch, das könnt ihr.“ Also übte ich mit ihnen all die einzelnen Teile ein, aber es war immer noch schwierig für sie, deshalb sang ich sie mit ihnen zusammen. Als wir dann bereit für die Aufnahme waren, stand ich neben dem Mikrophon um die Background Teile mit zu singen, und Michael machte sich bereit für den Lead Gesang. Der Produzent kam aus dem Studio und sagte: „Du kannst bei der Aufnahme nicht mitsingen!“ Was aber ganz eindeutig eine Sache von „schwarz und weiß“ war. Ich sagte: „Ok, kein Problem.“ Der Produzent ging also wieder in sein Studio-Abteil zurück. Der Toningenieur (er war ebenfalls schwarz und sehr cool, leider weiß ich seinen Namen nicht mehr) kam heraus und winkte mir zu und stellte das Mikrophon so ein, dass die Jungs in Richtung des Aufnahmestudios blickten und ich mit dem Rücken dazu gegenüber von ihnen stand. Das Mikrophon war so eingestellt, dass es von beiden Seiten offen war. Ich konnte also mit ihnen mitsingen, ohne dass es jemand bemerkte. Mein Dank geht an diesen netten Ingenieur, er war klasse! Ich sang also auf dieser Aufnahme mit und keiner wußte es – bis jetzt, jetzt weiß es jeder. Ich sang jeden Teil mit ihnen, es war wunderbar. Es war nur der eine Song, ich glaube, es müsste Looking Through the Window gewesen sein. Die meiste Zeit war es nicht nötig, mit ihnen zu singen. Aber das hatte ich über ihre Köpfe hinweg geschrieben – damit meine ich nicht ihr Talent, sondern dass das Konzept ungewöhnlich war. Ich denke, ich sang noch bei mehreren Sachen mit. Ich sang bei einigen Aufnahmen von Michael, aber was die Gruppe betrifft, ist das eine der Geschichten, an die ich mich erinnere. Jetzt weiß es die ganze Welt! (lacht)

jackson5 lookin' through the window

Du sagst, es war ganz eindeutig eine Sache von „schwarz und weiß“. Warst du der einzige Weiße, der bei Motown arbeitete?

Ja, mein Bruder und ich waren tatsächlich die einzigen weißen Typen im ganzen Gebäude. Wir beide sind mit Gospelmusik aufgewachsen, wir waren quasi auch farbenblind. Ich meine damit, dass Black Music das war, womit wir aufwuchsen, und wir teilten es nicht in „weiß“, „schwarz“, „lila“ ein – egal was es war, es war einfach großartige Musik. Das war auch ein Grund, weshalb wir zu Motown kamen, weil Berry Gordy mit bekommen hatte, dass jemand bei Motown etwas gehört hatte, das ich geschrieben hatte und sie es für sehr „soulful“ hielten und mich dann zu sich riefen.

Zu der Zeit hatte Michael noch nicht seine Erwachsenenstimme. Wie bist du als Stimm-Arrangeur damit umgegangen, jemanden aufzunehmen, dem während der Aufnahme die Stimme brach?

So weit ich es wahrnahm hat seine Stimme sich nie verändert. Er konnte diesen Stimmbruch abfangen, wie man es nie zuvor gehört hatte, und seine Sprechstimme war sowieso sehr hoch. Er sprach ganz hier oben! (imitiert MJ) Er hatte viele hohe Noten in seinem Repertoire, und die Songs, die er als Kind sang, wie ABC und solche Sachen, hat er dann zwar in einer anderen Tonlage gesungen, aber die Qualität war immer gleich hoch und auch die Energie war immer gleichbleibend! Es war also nie ein Problem. Das heisst, jeder Song an dem ich mit ihm gearbeitet habe, über all diese Jahre, all diese Songs wurden für ihn geschrieben, weshalb ich wirklich nie darüber nachdachte. Daran sieht man, wie gut es lief. Ganz ehrlich – ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, es gab nie ein Gespräch darüber. Wie du weißt, war Michael so unglaublich talentiert und zu 100% professionell. Er war einfach nur umwerfend!

Hast du, abgesehen von Michael, auch Erinnerungen an seine Brüder?

Michael sagte mir einmal, als er noch sehr klein war, dass Jackie der beste Sänger und Tänzer der ganzen Familie sei. Aber er war so schüchtern, extrem schüchtern, sogar noch schüchterner als Michael. Später habe ich Jackie davon erzählt und er sagte zu mir: „Ich fühle mich einfach im Vordergrund nicht wohl. Ich bleibe lieber im Hintergrund. Michael war der jüngste, und wir waren alle größer als er. Deshalb schoben wir ihn immer nach vorne.“ Und so begann es.

Damals, in den 1970ern, fuhr Jackie immer zu meinem Haus (er fuhr einen Rolls Royce Convertible), um zu sehen, was ich so machte. Und dann hielt er an und wir unterhielten uns. Auch mit Jermaine hatte ich ein gutes Verhältnis. Ich mag dieses Kind. Also, er ist natürlich kein kein Kind mehr, aber für mich ist er trotzdem eins. Tito und Marlon waren so klein, dass ich sie nicht so gut kennenlernte, wie Jermaine und Jackie. Eines Tages ging ich mit meiner Frau zu einer Grammy Award Verleihung, und auf dem Weg dahin sah ich Jermaine auf der anderen Strassenseite, wollte ihm aber nicht über die Strasse zurufen. Aber dann drehte er sich um und sah mich und rief: „John!!“ Er kam über die Strasse und umarmte mich. Es war etwas peinlich und gleichzeitig aufregend, dass er sich nach all den Jahren noch an mich erinnerte. Sie sind eine ganz besondere Familie und es passiert dir im Lauf deiner Karriere nicht so oft, dass du mit solchen Leuten arbeiten kannst – und dann ist es auch nicht wirklich Arbeit.

Obwohl die J5 Motown verliessen, bist du mit Michael in Kontakt geblieben, und er buchte dich über Jahre hinweg regelmässig für Gesangs-Arrangements. Denkst du, dass ihr ein besonderes Verhältnis hattet, das über die rein professionelle Zusammenarbeit hinausging?

Wir haben jahrelang mit Michael und den Jungs und dann mit Michael alleine zusammengearbeitet, bis sie Motown verliessen um bei EPIC zu unterzeichnen. Dann begann ich mit Michael zu arbeiten. Ich kann euch garnicht sagen, wie oft Michael 16 Takte von Songs schrieb und mich dann anrief, um in sein Haus auf der Neverland Ranch zu kommen, wo ich dann diese 16 Takte aufnahm und er mich bat, etwas zu schreiben. Ich schrieb etwas und sang die Teile und irgendwann später hörte ich einen Song und dachte: „Das klingt irgendwie vertraut! Ach ja, genau, dazu habe ich den Refrain geschrieben.“ Er hat viele dieser Demos gemacht, deren Rhythmen einfach erstaunlich waren, und ich kam dann zu ihm und wir nahmen alles auf, was er von einem Song schon hatte, manchmal war es nur ein Stückchen. Es waren bestimmt 20 oder 25 davon. Wenn die Familie etwas davon veröffentlicht, würde ich es sehr gerne hören wollen.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich ganz alleine mit ihm dort war. Ich erinnere mich deshalb an diesen Tag, weil er seinen Hut, den er immer trug, abgenommen hatte und ich ihn mir auf den Kopf gesetzt hatte, und er passte perfekt! Ich sagte: „Michael, ich brauche auch so einen!“ Er antwortete: „Du hast keinen?“ „Nein!” Und er: „Dann werde ich dir einen besorgen!“ Aber natürlich hat er es nie getan, und wenn ich jetzt daran denke, wünschte ich, ich hätte einfach gesagt: „Ich hätte gerne diesen!“ Er hätte einfach „ok“ gesagt. Aber ich war nicht einer von diesen aufdringlichen Typen. Ich glaube, ich besitze nicht einmal ein Foto von uns beiden…

Wie auch immer… Michael und ich singen also Teile des Background-Gesangs und aus irgendeinem Grund hatte ich zwei Ohrhörer in den Ohren. Über all die Jahre, die ich schon Background-Sänger war, trug ich immer nur einen Ohrhörer, damit ich mich selbst live mithören konnte. Heute tragen die meisten Sänger zwei, denn sie wollen sich zusammen mit allem hören, was der Toningenieur einspielt. Ich möchte das aber nicht hören und benutze deshalb nie zwei Ohrhörer. Jedenfalls trug ich an dem Tag aber dennoch zwei, und nach den ersten beiden Takten des Stücks hörten wir einen fürchterlich schiefen Gesang. Wir beide sahen uns an und dachten: “Was zum Teufel ist das?!“ Wir hielten das Band an und ich nahm die Ohrhörer raus und Michael sah mich an und sagte: „Das bist du! Hahaha…!“ Ich hatte diese Ohrhörer an, und konnte mich nicht singen hören und hatte deshalb völlig schief gesungen. Ich hoffe, dass sie das nicht aufgenommen haben, es war wirklich das übelste, das mir in meiner Laufbahn passiert ist. Als ich dann wieder nur mit einem Ohrhörer sang, war alles wieder gut. Aber Michael lag vor Lachen am Boden, denn er nannte mich immer Mr. Perfect, und als das passierte fand er es einfach nur zu gut!

Ich vermisse ihn. Ich spreche ständig mit ihm. Ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt zuhört, er antwortet ja nie. Aber vielleicht eines Tages, wer weiß? Bei mir hier im Flur habe ich einen Brief, den Michael meiner Frau Janet geschrieben hatte, nachdem wir auf Neverland waren. Als er starb habe ich daraus für uns eine Art Gedenken an ihn gemacht. Ich habe den Brief zusammen mit dem Umschlag eingerahmt, alles von Michael handgeschrieben, und jeden Tag, wenn ich daran vorbei komme sage ich „Hi!“ zu ihm.

Heal The worlsd LLardo

Michael hatte immer große Ideen für mich, aber weil ich ihn nicht ständig anrief und bedrängte, vergass er es oft. Er hatte so viel um die Ohren. Den Hut, den er mir nie gab und da war noch eine kleine Heal The World Statue mit Figuren von Kindern, die mit Michael zusammen eine Weltkugel hielten. Er hatte sie in seinem Bahnhof stehen, und als Janet und ich sie sahen, sagte ich: „So eine hätte ich gerne! Wo kann man sie bekommen?“ Michael sagte: „Ich werde dir eine besorgen!“ Natürlich kam er nie dazu, und ich rief ihn auch nie an und fragte: „Wo bleibt sie?“. Ich glaube, das ist auch einer der Gründe dafür, dass er mich und meinen Bruder respektierte. Wir gehörten für ihn nie zum Showbusiness. Ich meine, wir sahen ihm wirklich dabei zu, wie er von dem Michael Jackson, den wir kannten, zu dieser Michael Jackson-Persona heranwuchs. Je nachdem, wer in den Raum kam, wenn es ein Fremder war, zog er seine Sonnenbrille, den Hut und all das an, schwarze Hosen und Hemden trug er sowieso. Wenn er mit uns alleine war, nahm er all das ab und war einfach nur der Michael, den wir schon immer kannten. Nicht so viele Menschen haben ihn so erlebt und das ist sehr Schade. Ich denke, sie würden anders über ihn denken, hätten sie ihn so erlebt. Er war die Verkörperung von Liebe. Er liebte Kinder, denn er hatte keine Kindheit. Als er 13 oder 14 Jahre alt war, rief er bei mir zuhause an und meine Frau rief mich und sagte: „Schatz, da ist Michael am Telefon!“ Ich nahm den Hörer und sagte: „Hi, Michael!“ Und er antwortete: „Hi!“ (imitiert Michael)

Was machst du?“

Oh, ich bin auf Tour.“

Ok, wo bist du?“

Cincinnati.“

Einsilbige Antworten. Ich denke, er rief einfach nur an, um meine Stimme zu hören, und ich musste ihn in ein Gespräch drängen, weil er so schüchtern war. Aber zumindest war er mutig genug, den Hörer zu nehmen und mich anzurufen. Er tat das ständig, nur um eine Stimme von zuhause zu hören. Ich sah mich immer als einen Ersatzvater, aber ich denke, ich war eher ein älterer Ersatzbruder, wie auch mein Bruder, und ich glaube, er respektierte mich und meinen Bruder auch wie Brüder. Er sagte sogar ganz oft: „Welcher bist du? Hast du We Are The World gemacht oder Heal The World?“ Und ich antwortete: „Ich habe Heal The World gemacht. Mein Bruder ist der mit We Are The World. „Oh, ja.. Ok“! Ich glaube, er dachte wir sind nur eine Person.

Ich habe gelesen, dass du gesagt hast, es war David Paich, der das Projekt Feed The World, aus dem später Heal The World wurde, vorschlug, und dass ihr beide später an den ersten Arrangements für diese Aufnahme gearbeitet habt. Kannst du uns einen kleinen Einblick in den kreativen Prozess geben?

Auf den ersten Demos dazu waren nur meine Frau, ich und Jon Joyce. Dann ging ich damit zu David und er spielte mir den Track vor und erzählte mir, worauf es ankam. Ich schrieb dann das Background-Arrangement für 4 Stimmen und wir sangen für das Demo jeden Teil 3 – 4 mal ein, damit er so voluminös wie möglich wurde, denn Michael wollte einen Chor, aber er wollte nicht so viel Geld für einen 16 – 20 stimmigen Chor ausgeben. Und Michael mochte es! Danach machten wir 2 oder 3 weitere Demos, bevor wir schliesslich die eigentliche Aufnahme machten. Als wir das machten, konnte Michael wegen einer Erkältung nicht dabei sein, also spielten wir es ihm übers Telefon vor und er weinte! Er war so ein emotionaler Mensch. Er sagte: „John, dass ist genau das, was ich wollte. Es ist unglaublich, ich glaub’ es einfach nicht…“

Was sehr interessant ist, und ich erst vor ein paar Monaten, also 20 Jahre danach, herausfand, ist, dass Michael damals auch meinen Bruder anrief und sagte: Ich hätte gerne, dass du mir ein Chorarrangement für Heal The World machst.“ Und mein Bruder arbeitete daran, ohne dass ich davon wusste, aber er schwört, dass Michael beide Arrangements benutzt hat. Also ich bin sicher, dass alles, was ich geschrieben habe auch auf der letztlichen Aufnahme ist, ich kann es hören, besonders wenn man genau hinhört, bemerkt man das, worauf ich besonders stolz bin, den Bass-Teil. (singt es) Es war eine bewegende Melodie die das, was Michael singt unterlegt. Daran erkenne ich z.B. dass es mein Arrangement ist, denn darauf war ich sehr stolz, und Michael auch. Es sticht nicht hervor, aber wenn du es herausnimmst, fühlst du, dass es da ist. Du hörst immer wieder etwas neues, wenn du seinen Songs zuhörst. Ob er 14 oder 35 war, er wußte immer, was man noch hinzufügen musste und das machte ihn meiner Ansicht nach zu einem Genie.

Kannst du uns noch mehr über die Zusammenarbeit mit den Mitgliedern von Toto erzählen?

Als ich nach Kalifornien zog, waren Steve und Jeff Pocaro meine Nachbarn. Ich kaufte 1967 ein Haus genau neben den Pocaros. Ich kannte sie gut, ihr Vater war ein hervorragender Percussionist. Jeff übte immer Schlagzeug. Das Haus war ziemlich lang und in der Mitte gab es einen Übungsraum und der war genau gegenüber des Fensters von dem Zimmer, in dem ich an meinen Arrangements schrieb. Während ich also schreibe, spielt Jeff gegenüber mit Kopfhören Schlagzeug. Ich rief dann immer zu ihm rüber: „Kannst du mal aufhören?“ Aber er hörte mich natürlich nicht, wegen der Kopfhörer. (lacht) Also, ich kannte diese Jungs wirklich schon, seitdem sie noch ziemlich jung waren.

David (Paich) traf ich, weil er eine Band gründen wollte. Sie hiess nicht Toto, aber es war eine Band von Jeff und er war damals etwa 15 Jahre alt, also konnte David nicht viel älter gewesen sein. Ich kannte Davids Vater, Marty Paich, sehr gut. In der Nähe von unserem Haus gab es einen kleinen Stadtpark, und Joe Pocaro erzählte mir, dass die Jungs dort Samstags auf einer Tanzveranstaltung spielen würden, falls ich es gerne sehen wollte. Ich ging also hin, und es haute mich um, wirklich – und sie spielten nicht einmal etwas besonderes, nur Standard-Nummern. Ich ging dann am nächsten Tag zu ihnen rüber und ihre Mutter, Eileen, öffnete die Tür. Ich sagte: „Ma’am, ihre Jungs sind absolut unglaublich!“ Ich glaube, es waren Jeff und Steve (Pocaro) und David (Paich) und noch ein anderer Junge. Ich glaube, sie waren zu viert oder fünft. Ich fuhr fort: „Ich habe morgen eine Session. Könnte ich Jeff dafür haben? Sie sage: „Nein.“ Ich sagte: „Aber er ist großartig! Viel besser, als die meisten Leute, mit denen ich arbeite!“ Sie entgegnete: „Er ist erst 15 Jahre alt und wenn ich ihm erlaube, mit ihnen eine Session aufzunehmen, wird er nicht mit der Highschool weiter machen. In unserem Haus gibt es eine Regel: Keine Sessions bevor du nicht deinen Highschool-Abschluss gemacht hast.“

Ich habe schon einiges mit ihnen gemacht, bevor sie Toto waren, und auch noch danach, nachdem Jeff starb. Das war das schlimmste, was passieren konnte…

Könnte man Heal The World als eine Fortsetzung der Arbeit sehen, die du 1990, im Jahr davor, mit Totos Compilation Past To Present gemacht hast? Um es präziser zu machen: du hast auf dieser Platte bei 3 Liedern den Chor geleitet.

Es könnten die gleichen Leute gewesen sein, oder auch nicht. Wir hatten so eine große Gruppe an hervorragenden Sängern. Es könnte z.B. sein, dass ich für Michaels Sachen mehr schwarze Sänger eingesetzt hatte und für Totos vielleicht nicht so viele. Ich habe mich wirklich immer nach dem Sound gerichtet, den wir erreichen wollten und dann die Leute engagiert, mit denen ich glaubte, diesen Sound erreichen zu können. Die Zusammensetzung des Chors war also nicht immer gleich. Es gab eine Zentrale Gruppe von etwa 5 – 8 Leuten, die wir meistens einsetzten, und dann nahmen wir andere dazu, um 16 oder 20 Stimmen zu bekommen, je nachdem…

Als David Paich mit diesem Projekt begann, hatte er da schon Michael als Sänger im Kopf, oder hatte er noch an keinen speziellen Sänger gedacht?

Michael hat es ja geschrieben, aber ich weiß, dass ganz zu Anfang des Songs David beteiligt war. Das war, als es noch Feed The World hieß. Als wir das erste Demo machten, gab es noch keinen Text, nur die Melodie der Strophen. Ich fragte Michael: „Was möchtest du versuchen zu sagen?“ Er sagte: „Ich weiß es nicht. Es wird einfach zu mir kommen.“ Er sass immer in dem großen Baum hinter seinem Haus und die Dinge kamen zu ihm. Er bat David, für ihn das Arrangement und das Demo zu machen. Der Song war aber noch nicht vollständig bis dahin. Aber Michael arbeitete oft so. Die Aufgabe war, die Samen von Michaels Idee zu nehmen und dabei zu helfen, sie erblühen zu lassen. Denn Michael schrieb keine Musik. (Noten) Er schrieb seine Texte und er brauchte immer einen Musikalischen-Leiter, und meistens waren es Keyboarder. Obwohl David nie sein Musikalischer-Leiter war, war er doch sehr fähig, und Michael wußte das. Ich wünschte, ich wüsste, wie diese beiden in Verbindung gekommen waren. Ich habe nie daran gedacht, David zu fragen. Er rief mich an, er gab mir das Band von einem Demo und dann nahmen wir in seinem Haus ein weiteres Demo auf.

Human Nature ist wohl wie ein Symbol für die Zusammenarbeit von Michael und Toto. Aber ich denke, das trifft auch bei Heal The World für David Paich, Jeff und Steven Pocaro, die alle darauf spielen, zu. Würdest du dieser Aussage zustimmen, da du auch an dieser Komposition beteiligt warst?

Absolut. Michael hatte ein Gespür für Talente. Und wenn er ein Talent erkannte, hat er es auch genutzt. Nachdem er Motown verlassen hatte und eigenständig arbeitete, nahm er sein erstes Album mit Quincy Jones auf. Dabei war Michael mehr mit meinem Bruder (Thomas) involviert, als mit Quincy. Als er Quincy verlies, hatte ich wieder mehr mit ihm zu tun.

Jeden Tag schrieb Michael 4, 6, 8 oder 12 Liedanfänge! Manchmal war es auch ein Refrain, und nicht der Anfang, und er wusste noch garnicht, wie die Strophen sein würden. Er entwickelte einen Rhythmus, und darauf ein Stück von einem Song aufzubauen: Das war seine Arbeitsweise, und so wurde aus Feed The World Heal The World und die endgültige Version. Mehrere talentierte Leute arbeiteten daran und Michael war der Kapitän des Schiffes. Er war der Kapitän und wir warfen nur Gedanken in den Raum und warteten ab, was davon hängen bleiben würde. Und alles, was ihm gefiel, wurde weiter verfolgt. Was mir sehr an der Zusammenarbeit mit Michael gefiel war, dass er dich immer ermutigte, du selbst zu sein. Er hat dir nicht gesagt, was du tun sollst – er wollte hören, was du denkst und was du in musikalischer Hinsicht gedacht hast. Das liebte ich an ihm! Er hatte auch eine besondere Art, dir zu sagen: “Nein, das ist es nicht“, ohne dass du dich schlecht fühlen musstest. Du hattest so viele Freiheiten bei ihm. Wenn er dir sagte: „Nein, das ist nicht das, was ich hören wollte“, hast du einfach gesagt: „Ok, dann versuchen wir es mit einer anderen Idee.“

Ich erinnere mich nur an eine Sache während all dieser Jahre, die wir zusammen arbeiteten, die mir auch leid tut, aber leider passierte. Einmal habe ich Michael enttäuscht. An den Song, oder den Teil des Songs, kann ich mich nicht erinnern, aber ich schrieb die Harmonien. Wir beide sangen sie zusammen und er sagte: „Da fehlt eine Note.“ Ich sah das Notenblatt an und dachte: „Wie kann da eine Note fehlen, es sind wirklich alle Noten da.“ Ich konnte den Fehler nie finden, und er war ganz frustriert. Er war nicht sauer, er war einfach nur frustriert, weil er nicht das hörte, was er hören wollte. Das war das einzige Mal, wo ich leider nicht hören konnte, was er von mir hören wollte…

Heal The World cover

Heal The World transportiert die Botschaft von Brüderlichkeit, und natürlich verstärkt Michaels talentierte Darbietung diese Komposition, aber dennoch denke ich, dass dieses Werk mehr als alle anderen in seiner Karriere, das Ergebnis einer Teamarbeit ist, die zu diesem großartigen Erfolg führte. Sind alle Beteiligten im Studio in das Thema des Songs eingetaucht, um dieses Ergebnis zu erreichen?

Es wurde nicht ausgesprochen, aber du konntest es zumindest bei dem Chor spüren, dass sie genau verstanden hatten, was Michael sagen wollte. Die Botschaft kam bei jedem von uns an. Von meinem Standpunkt aus kann ich sagen, dass es beim Schreiben unterschiedliche Elemente gibt, das menschliche und das sprachliche Element. Wenn ich etwas inspirierendes schreibe, spüre ich das, ich fühle mich dann wie ein Gefäß. Es kommt von irgend woher zu mir, durch mich hindurch und auf das Papier. Wenn ich schreibe wie ein Handwerksgeselle (journeyman), ist es uninspiriert und das hört man. Ich sage das, weil Heal The World von Anfang an, noch bevor ich alle Lyrics gehört hatte, nicht in meiner Hand lag. Es ist voll und ganz durch Inspiration geschrieben, und ich glaube, deshalb bedeutete der kleine Teil, den ich beisteuerte, Michael so viel: er konnte das fühlen.

Wenn du mit Michael darüber gesprochen hast, hattest du das Gefühl, dass er HTW besonders mochte, musikalisch gesehen, aber auch weil er seine Charity Organisation danach benannte?

Das war Michaels Lieblingslied und deshalb spielten sie es auch als letzten Song bei seinem Memorial. Er liebte vieles von dem, was er geschaffen hatte, aber bei Heal The World sagt die Botschaft meiner Meinung nach mehr über Michael aus, als bei jedem anderen Song, den er geschrieben hat. Das ist, wie er die Welt sah und es begann als Feed The World, weil er dachte, das sei eine Sache, bei der etwas verändern könne. Je mehr er darüber nachdachte, und sich in die Lyrics und Strophen vertiefte, desto deutlicher wurde ihm, dass es um etwas viel größeres als Feed The World geht, dass es darum geht, die Welt zu heilen (Heal The World)! Und das sagt alles über ihn als Mensch aus. Es drückt aus, wer er war und wie er sein Leben lebte. Die Leute können es nicht glauben… ER WAR LIEBE! Es ist schwer zu glauben, denn es glaubt dir keiner, dass ein Mensch so liebevoll und freundlich sein kann. Hatte er Fehler? Yeah, hatte er. Er lies zu oft seine Nase machen. Ich meine, es war auch etwas Verrücktes an ihm, aber in der Tiefe seiner Seele – so wie ich ihn kannte, und ich denke, auch mein Bruder würde das sagen – war er die Verkörperung von Liebe. Ich sah Michael nie wütend. Niemals! Ich sah ihn weinen, Ich hörte ihn weinen. Wir weinten zusammen wenn wir betroffen waren, aber er war nie wütend auf mich.

Heal The World – das ist absolut die Botschaft, die aus der Tiefe von Michaels Herzen kommt. Ich denke, deshalb sind auch so viele Menschen davon berührt

An diesem Song haben sowohl David Paich als auch Marty Paich (als Dirigent des Orchesters) wahrscheinlich zum letzten mal gemeinsam während ihrer Karriere mitgewirkt, und ich könnte natürlich David selbst fragen, aber ich dachte es ist sinnvoll deine Meinung zu dieser besonderen Konstellation zu hören.

Die letzte Session, an der ich 1994 arbeitete, bevor ich nach Branson zog, war für einen Country Sänger, dessen Name mir nicht mehr einfällt – aber egal – Marty Paich arrangierte die Saiteninstrumente und er war auch bei der Session anwesend. Das war nur wenige Monate, bevor er starb. Ich traf ihn, umarmte ihn und es war wunderbar. Aber ich war nicht persönlich dabei, als Marty und David gemeinsam (an HTW) arbeiteten. Ich denke, Marty war auch dort mit den Saiteninstrumenten beschäftigt, bin mir aber nicht sicher. Es wäre eine gute Idee, David danach zu fragen.

Das Ende des Songs ist wunderschön, besonders, weil dein Chor von Jeff Pocaros Schlagzeug unterstützt wird, dessen Snare-Drum-Sound sehr einzigartig ist. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich es anhöre, auch wenn ich es sicher schon hunderte Male angehört habe. Wie hast du den Chor arrangiert, um MJ möglichst gut zu unterstützen, ohne ihn zu übertönen aber dennoch so, dass dieser Teil einer der Teile ist, die diesen Song ausmachen?

Zuerst war da Jeff Pocaros Schlagzeug, und alles, was vorhanden war, beeinflusste das, was ich schrieb. Das Chorarrangement wurde von allem beeinflusst, was bereits vorhanden war. Und Michaels Lead Gesang war noch nicht einmal aufgenommen. Ich glaube, als wir schliesslich den großen Chor aufnahmen, hatte er eine grobe Version der Vocals aufgenommen. Manchmal begann er die Sachen vom Ende her und arbeitete sozusagen von hinten nach vorne. Je nachdem, welche Idee ihm zuerst kam. Anfangs gab es keine Lyrics und wir wussten nicht, was er damit sagen würde, und er schrieb viele seiner Songs auf diese Weise. Nicht, dass es vor ihm oder nach ihm keiner so macht. Jeder Songschreiber hat seine eigene Art, sich jedem seiner Songs zu nähern. Burt Bacharach würde vielleicht eine seiner verrückten Melodien schreiben und sich dann von David Paich die absolut passenden Lyrics dazu schreiben lassen. Es kam mir wirklich immer so vor, als ob sich Burt nur an sein Klavier setzte und den Song einfach so spielte. Es fiel ihm einfach so zu. Michael, der ja kein ausgebildeter Musiker war, dafür aber ein unbeschreibliches musikalisches Gehör hatte, konnte Musik zwar nicht lesen, aber er hörte sie und er süpürte instinktiv, wie ein Song sich anfühlte. Das war wichtiger, als alles andere. Was immer ihm zuerst in den Kopf kam, konnte die Saat für einen neuen Song sein. Er sagte immer, er würde auf seinem großen Baum sitzen – und ich weiß genau, welchen Baum er meint – und ich weiß, dass er das tat.

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Denkst du, dass du zu Michael eine besondere emotionale Verbindung aufbauen konntest, weil du ihn schon als Junge gekannt hast? Hast du ihn ihm immer mehr den Teenager gesehen, als den ikonischen Superstar? Hat Michael das gespürt, und sich mit dir wohler gefühlt, als mit anderen Leuten?

Vor vielen Jahren besuchte ich zusammen mit meiner Frau die Ranch. Michael sagte: „Lass uns in den Proberaum gehen.“ Es war eher ein Tanzstudio (inklusive vieler Instrumente und anderem Equipment), in dem wir probten. Zu meiner Frau sagte er: „Würdest du für mich auf Prince aufpassen?“ Prince war 18 Monate alt, und Michael lies ihn bei meiner Frau, und das war sehr cool, denn es war sonst niemand im Haus. Die Ranch war so groß, dass wir ein Golf-Kart nehmen mussten, um mit Brad Buxer, seinem damaligen Musikalischen-Leiter, zum Proberaum zu kommen. Wir arbeiteten – und es dauerte Stunden. Als wir schliesslich fertig waren, suchte er draussen nach Buxer, damit er mich zurück bringen würde, aber er war nicht da. Michael sagte: „Ok, dann bringe ich dich zurück.“ Und ich sagte: „Nein, nein, das ist ok, ich warte auf ihn.“ Aber er sagte: „Komm schon!“ Er hatte ein schwarzes Golf Kart, mit schwarzem Dach und Fenstern aus Plastik in den Türen, und einem höllischen Soundsystem, mit riesigen Verstärkern! Unglaublich, dieses Golf Kart! Er kämpfte zu der Zeit mit ein paar rechtlichen Problemen und auf dem Weg zurück zum Haus fragte ich ihn nach seinen Anwälten und solchen Sachen. Ich gab ihm immer Ratschläge – ob er sie annahm oder nicht. Als wir am Haus ankamen, bekam ich meine Tür nicht auf und Michael sprang heraus, rannte um das Auto und öffnete sie für mich. Als ich ausstieg sah ich ihn an und sagte: „Was ist an dem Bild hier falsch? Michael Jackson hält mir die Tür auf und ist mein Fahrer!“ Es war lustig.

Er war ein lustiger Kerl. Wenn er mit meinem Bruder und mir zusammen war, war er einfach nur Michael. Auch wenn ich ihn vermisse, spüre ich, dass er immer noch hier ist, weil ich von Zeit zu Zeit seine Anwesenheit spüre, denn er ist ein kleiner Schlingel, der uns die ganze Zeit Streiche spielte. Zumindest versuchte er es, aber mein Bruder und ich waren auch nicht schlecht darin, und oft lag er vor Lachen am Boden.

Er nahm Rockin’ Robin auf und wir sangen darauf. Eines Tages waren mein Bruder und ich nur so zum Spass zu Besuch auf der Ranch. Michael hatte in seinem Wohnzimmer eine unglaublich Limoges-Porzellan-Sammlung. Er besuchte diese Firma und verliebte sich in diese Sachen und sagte: „Ich nehme ein Stück von jedem.“ Sein Piano und das ganze Wohnzimmer stand voll damit – es war fantastisch! Als wir zusammen in dieses Zimmer gingen, sahen mein Bruder und ich uns an, nahmen Michael in unsere Mitte und sangen ihm harmonisch von beiden Seiten „Tweedele-lee-dee-dee“ in die Ohren. Michael lies sich vor Lachen auf die Knie fallen und sagte „Ich glaub’s nicht, ihr Verrückten!“ Wir überraschten ihn immer mit solchen Sachen. Er hatte einen großartigen Humor, und wie ich schon sagte, spielte er gerne Streiche und es war sehr schwer, auch ihn hereinzulegen – aber mein Bruder und ich schaffen es, weil unser Humor wirklich verrückt ist!

Ich habe kleine Tonbänder in einer Plastiktüte und ich habe meinen Kindern gesagt: „Werft die nicht weg, wenn ich sterbe, denn ich habe jedes Treffen, das ich mit Michael und anderen Produzenten hatte, darauf aufgezeichnet!“ Ich hatte einen dieser kleinen Rekorder, das war noch vor der digitalen Zeit. Eines Tages hatte ich ihn in meiner Tasche und nahm ihn heraus und fragte Michael: „Stört es dich, wenn ich das aufnehme?“ Michael antwortete: „Nein, garnicht.“ Ich schaltete den Rekorder ein und er sagte: „Warte, was ist das denn?“ Er hatte noch nie einen so winzigen Rekorder gesehen. Er sah ihn sich an und sagte: „Hast du den schon einmal in deine Tasche gesteckt, und eingeschaltet, ohne es jemand zu sagen?“ Ich sagte: „Nein, weißt du, ich würde so etwas nicht tun.“ Er sagte: „Ich würde das tun! Sofort!“ So war Michael! (lacht)

Meiner Meinung nach war er wie zwei verschiedene Personen, so wie es bei den meisten Performern ist. Der Michael, den du auf der Bühne gesehen hast, war die eine Seite von ihm, und die andere Seite war Michael, der Mensch. Das ist die Seite von ihm, die mein Bruder und ich immer sahen, die Seite, die ausser seiner Familie nicht so viele Leute zu sehen bekommen. Seine Kinder sagen ja, dass er eingroßartiger Vater war. Es gibt nichts besseres, was man über seinen Vater sagen kann als das, was Paris an seiner Trauerfeier sagte. Mein Bruder und ich kannten diese Seite von ihm. Wir hatten ein besonderes und einzigartiges Verhältnis zu ihm, weil wir keine „Jasager“ sind, und er uns deshalb respektierte. Er akzeptierte unsere Meinung, und wir seine. Wir respektierten ihn als Musiker, als Sänger, als Songschreiber und der Umstand, dass er ein Superstar war, hat unser Verhältnis nie beeinflusst.

Möchtest du uns zum Schluss noch sagen, was du heute machst?

Also, ich bin 74 Jahre alt, ich sollte mich schon zur Ruhe gesetzt haben. Aber es geht nicht, ich fühle mich immer noch jung! Ab und zu mache ich ein paar Background-Gesänge – es macht einfach Spass, das zu tun, was ich 25 Jahre lang getan habe. Ich bin immer noch sehr aktiv und bin mit der Tour meiner Frau und ihrer Schwestern, den The Lennon Sisters, beschäftigt. 2016, zu ihrem 60 -Jährigen Jubiläum, werden wir wohl das sechzigste Mal auf Tour gehen. Sie haben es immer noch drauf, und du würdest nie darauf kommen, wie alt sie sind. Und wir haben drei Enkeltöchter, die auch auftreten. Für eines ihrer Alben habe ich 2 Songs geschrieben.

…………………….

Danke an Tom Bähler und Brice Najar!

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Andersartigkeit und Macht: Michael Jackson und seine Medienkritiker – Einleitung

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Beim Folgenden handelt es sich um eine autorisierte Übersetzung des Buchs „Otherness and Power: Michael Jackson and his Media Critics“ von Susan Woodward. Nach Erscheinen ihres Buches war Susan Woodward beim „Dancing with the Elephant“ Blog zu Gast, um über ihre Erkenntnisse zu sprechen. Diese Unterhaltung kann hier nachgelesen werden.

Link zum Buch: https://www.amazon.com/Otherness-Power-Michael-Jackson-Critics/dp/0578138026/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1488488740&sr=8-1&keywords=otherness+and+power

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Copyright © 2014 by Susan Woodward

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Über die Autorin

Susan Woodward ist psychoanalytisch ausgebildete klinische Sozialarbeiterin, die in New York City lebt. Sie kann unter mj.othernessandpower@gmail.com kontaktiert werden.

Kapitel 1: Einleitung

Michael Jacksons Erwachsenenkarriere umfasste etwa dreißig Jahre, in denen er viele Millionen leidenschaftliche Fans um sich versammelt hat. Seine Fans sahen ihn als einen unglaublich talentierten Sänger, Songwriter, Tänzer und Produzent, dessen Persönlichkeit eine Liebenswürdigkeit zu haben schien, die in anderen Popmusikern nicht zu erkennen ist, und eine sprunghafte Natur, die ihn für viele faszinierender machte als andere Künstler seiner Ära.

Leute, die mit Jackson gearbeitet haben, beschrieben ihn als schüchtern, höflich und oft wahrhaft kindlich. Er war nicht dafür bekannt, sich wichtig zu machen, Wutanfälle zu haben, Mitarbeiter zu beschimpfen oder die Paparazzi anzugreifen, die ihn unerbittlich drangsaliert haben. Leute, die ihn gekannt haben, bemerkten seine Empathie für andere und seine außerordentliche Gutherzigkeit.

Die Medien, besonders in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, zeichneten häufig ein völlig anderes Bild von Jackson. Obwohl er seit Beginn seines Erwachsenenruhms als exzentrisch betrachtet wurde, fingen der ernsthafte Spott und die boshaften Bemerkungen 1984 während der Planung einer Konzerttour mit seinen Brüdern an und diese nahmen im Laufe der Zeit nur zu. Als Details zu der Tour, genannt Victory Tour, aufgetaucht sind, wurde Jackson verdächtigt, die Bewunderung seiner Fans zugunsten seines kommerziellen Erfolges auszubeuten. Doch nachdem die Tour lange hinter ihm lag, wurde Jackson weiterhin für vermeintliche Exzentritäten und seine sich verändernde Erscheinung verspottet, manchmal in hasserfüllter Ausdrucksweise, und sein bemerkenswertes Talent wurde oft herablassend behandelt. Als er zwei Mal des sexuellen Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde, schienen sich die meisten Journalisten seiner Schuld sicher und erwägten nicht die Möglichkeit, dass Jackson unschuldig sein könnte. Weite Teile der Öffentlichkeit nahmen an, dass ihnen von den Reportern eine korrekte Darstellung vermittelt wurde und übernahmen die negative Darstellung Jacksons durch die Medien als allgemein akzeptierte Weisheit.

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Michael verkündet bei einer Pressekonferenz, dass er seine gesamten Einnahmen aus der Victory Tour für karitative Zwecke spenden wird

Wie kamen zwei so extrem entgegengesetzte Meinungen über ein und dieselbe Person zustande? Wie konnten Jacksons Fans und viele in den Medien, die letztendlich auf die gleichen Informationen reagieren, zu solch unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen, wobei jede Seite absolut überzeugt davon ist, dass sie Recht hat?

Typischerweise werden von Jacksons Fans zwei Gründe für die negativen Medienreaktionen auf Jackson angeführt: Rassismus und tiefgehendes Unbehagen mit seiner „Andersartigkeit“, womit seine angeblichen Exzentrizitäten und seine unklaren Identitätsmerkmale gemeint sind. Obwohl mir diese Gründe offensichtlich wahr erschienen, hatte ich das anhaltende Gefühl, dass hier noch irgendetwas anderes vor sich ging. Nachdem ich feindselige Schriften über Jackson analysiert habe, erkannte ich einen weiteren Faktor, auf den Journalisten mit Misstrauen oder sogar Angst reagierten: eine Wahrnehmung von außerordentlicher Macht.

Jackson wird oft nachgesagt, dass er so berühmt war wie die Beatles oder Elvis Presley. Die Beatles und Elvis wurden von der älteren Generation aufgrund ihres Einflusses auf die jungen Leute kritisiert und sogar bis zu einem gewissen Grad gefürchtet. Die negative Reaktion auf Jackson war nicht generationsbedingt; seine Kritiker waren sowohl fortschrittliche, junge (meist weiße) Leute, als auch ältere Personen. Jacksons Kritiker reagierten auf eine völlig andere Eigenschaft als die von Elvis oder den Beatles: die einer königlichen oder elitären Person oder sogar die eines übernatürlichen Wesens. Und diese außerordentliche Macht entstammt Jacksons Andersartigkeit.

Die Wahrnehmung Jacksons als „andersartig“ rührt von seiner unklaren und unlesbaren Identität her, sowie manchen seiner Verhaltensweisen. Die unklaren, unlesbaren Merkmale waren seine Rasse (er war Afroamerikaner, obwohl er wegen sehr komplexer Gründe weiß zu werden schien), Geschlecht (er war eindeutig männlich, aber ein Mann, der sich mit weiblichen Attributen wie hoher Singstimme, sanfter Sprechstimme und Interesse an Mode und Make-Up sehr wohl fühlte), Sexualität (es gab viele Spekulationen, dass er schwul war oder dass er ein Pädophiler war oder dass er einfach asexuell war), und Alter (als Kind schien er sehr erwachsen, aber als Erwachsener war er auffallend kindlich). Seine Andersartigkeit kam auch von seinem manchmal unkonventionellen Verhalten und Lifestyle (Neverland, öffentliche Auftritte mit seinem Schimpansen, getrennter Wohnsitz mit seiner zweiten Ehefrau sind Beispiele) und sogar vom Level seines Talents als Sänger und Tänzer.

Jacksons Andersartigkeit wurde wohl am eloquentesten von Susan Fast in ihrem Artikel „The Difference That Exceeded Understanding: Remembering Michael Jackson“ beschrieben: „Diese Gegensätze waren undurchschaubar, nicht fassbar, und sie erzeugten gewaltige Angst. Bitte sei schwarz, Michael, oder weiß, oder schwul oder hetero, Vater oder Mutter, Kindsvater, nicht selbst ein Kind, damit wir zumindest wissen, worauf wir unsere tolerante (In)toleranz richten können. Und versuche nicht, alle Normen gleichzeitig durcheinanderzubringen.“(1)

Ich habe für dieses Buch drei Schriften ausgewählt, in denen die Wahrnehmung von Jacksons Macht und das Unbehagen damit klar zum Ausdruck kommen. Im Gegensatz zu den Arbeiten, die ich für eine eingehende Untersuchung gewählt habe, kam viel Medienkritik in Form von Boulevardgeschichten oder herablassenden Rezensionen von Alben oder Auftritten. (Ein gutes Beispiel ist Jon Pareles „Michael Jackson Is Angry, Understand?“, New York Times, 18. Juni 1995.) Demgegenüber sind die von mir ausgewählten Arbeiten ausführliche, eingehende Beiträge, die Jacksons Leben und Karriere umfassend kritisieren, statt sich auf ein Werk oder einen Auftritt zu fokussieren. Ich glaube allerdings, dass die Boulevardgeschichten und herablassenden Rezensionen ebenfalls Reaktionen auf Jacksons ungewöhnliche Macht sind, obwohl sie es für gewöhnlich nicht explizit aussprechen, wie es die Autoren machen, deren Arbeiten ich hier analysiere.

Alle in diesem Buch analysierten Autoren empfinden Jackson als „andersartig“, wenn auch auf etwas unterschiedliche Art und sie nehmen ihn auf unterschiedliche Art als mächtig wahr. In jedem Fall rührte die Macht, welche sie Jackson zuschrieben, allerdings nicht nur von seinem Ruhm und Reichtum her, sondern auch von seiner Andersartigkeit.

Das erste von mir betrachtete Werk ist Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream, ein Buch von Musikkritiker Dave Marsh, welches 1985, am Höhepunkt von Jacksons Ruhm, veröffentlicht wurde. Außerdem untersuche ich einen Artikel von der Journalistin Maureen Orth, der 2003 im Vanity Fair Magazin offensichtlich als Reaktion auf die Ausstrahlung der Dokumentation Living with Michael Jackson veröffentlicht wurde. Das letzte Werk ist The Resistible Demise of Michael Jackson, das von Mark Fisher herausgegeben und 2009, wenige Monate nachdem Jackson starb, veröffentlicht wurde. Dieses Buch ist eine Essaysammlung von 23 hauptsächlich britischen Musikschriftstellern, Bloggern und Akademikern.

Das Unbehagen und die Wut dieser Autoren über Jacksons Andersartigkeit sind nicht verschleiert, aber dasselbe kann nicht über rassistische Gefühle gesagt werden. Obwohl ich glaube, dass Rassismus bis zu einem gewissen Grad in diesen drei Schriften vorhanden sein könnte, wird er bis auf wenige Ausnahmen nicht deutlich gemacht, weshalb es schwierig ist, ihn direkt zu thematisieren. Natürlich gehörte es zu Jacksons Andersartigkeit, dass er Afroamerikaner war, also waren rassistische Gefühle oft Teil der Unbehaglichkeit, die manche wegen seiner Andersartigkeit empfanden.

Es ist nicht das Hauptziel dieses Buches, eine Punkt-für-Punkt Erwiderung auf all die haltlosen Vermutungen und falschen Fakten zu schaffen, die in diesen Werken enthalten sind, aber bis zu einem gewissen Grad ist das nicht vermeidbar. Sofern es nicht anders angegeben ist, werde ich das Wissen über Jackson nutzen, das den Autoren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihrer Schriften zugänglich war.

Die schädlichste Annahme der Medien über Jackson war, dass er ein Kinderschänder war. Basierend auf dem, was ich über die Umstände und Einzelheiten der Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs und über Jacksons Charakter gelesen habe, glaube ich trotz der jüngsten Anschuldigungen von Wade Robson nicht, dass Jackson Kinder belästigt oder ein sexuelles Interesse an Kindern hatte. Ich werde das Kindesmissbrauchsthema nicht im Detail ansprechen, da dies sonst ein völlig anderes Buch werden würde. Das Kindesmissbrauchsthema wurde an anderer Stelle wirklich gründlich und kompetent untersucht, insbesondere in „Wurde Michael Jackson etwas angehängt?“ von Mary A. Fischer, GQ, Oktober 1994, Michael Jackson Conspiracy von Aphrodite Jones (2007), und My Friend Michael: An Ordinary Friendship with an Extraordinary Man von Frank Cascio (2011). Die Feindseligkeit der Medien gegenüber Jackson begann ohnehin Jahre vor den ersten Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs und spätere Anfeindungen der Medien waren nicht zwingend ausschließlich eine Reaktion auf diese Unterstellungen, wie wir sehen werden.

Für jemanden, der viel über Michael Jackson gelesen hat und sehr positive Gefühle für ihn hat, war es schwer, im Zuge der Recherchen so viele Schriften zu lesen, die ihm gegenüber so brutal kritisch sind. Ich verstehe, dass viele, die dieses Buch lesen, dieselben Schwierigkeiten mit dem Inhalt der Schriften haben, die ich analysiere, und sich fragen, welchen Nutzen es haben könnte, abträgliche oder falsche Geschichten zu wiederholen. Mein Ziel ist jedoch, mehr über Jacksons kulturelle Bedeutung zu verstehen, in dem ich mehr über seine Kritiker verstehe, sowie zu untersuchen, wie wir jene behandeln, die als fremd oder „andersartig“ betrachtet werden. Und aus der Negativität dieser Kritiker kommt eine überraschend positive Sicht auf Jacksons Macht als Künstler zum Vorschein.

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(1) Susan Fast, “The Difference That Exceeded Understanding: Remembering Michael Jackson (1959-2009),” Popular Music and Society, Vol. 33, No. 2, May 2010.

Brett Ratner Interview mit Michael, Feb. 2004

Erklärung von Brett Ratner zum Entstehen dieses Interviews:

Vor einigen Jahren waren Michael und ich auf Reisen in Florida und eines frühen Morgens kam Michael in mein Zimmer mit SEINER Videokamera, begann zu filmen und befragte mich zu meinem Leben und warum ich davon geträumt habe, einmal Regisseur zu werden. Er war immer interessiert an Leuten und neugierig auf ihre Hoffnungen und Träume. Nach etwa einer Stunde fragte ich ihn, ob ich ihn interviewen über sein Leben und seine Träume interviewen könnte. Er sagte ja und gab mir seine Kamera. Ich nahm mir dann einen Stift und ein paar Blatt Papier und schrieb einige Fragen an ihn auf, von denen ich dachte, dass sie interessant wären. Als ich ihm die Fragen vorlas, bemerkte ich mitten drin, dass die Kamera nicht angeschaltet war. Also schaltete ich sie an. Ich habe hunderte von Stunden Filmmaterial von uns, wie wir zusammen abhängen, reisen, tanzen und unsere Gedanken über das Leben teilen. Dieses Video war ein sehr persönliches Gespräch zwischen zwei Freunden, das ich zugänglich machen wollte, damit die Leute seine Menschlichkeit und seine wunderbare Seele sehen. Das Interview wurde vor einigen Jahren transkribiert und im „Interview Magazine“ mit Michaels Erlaubnis veröffentlicht. Bitte, schaut einfach nach. Er war glücklich, es zu teilen und es gefiel ihm, dass es ein Gespräch zwischen zwei Freunden war und kein Journalist, der versuchte, neugierig seine Nase in sein [Michaels] Privatleben zu stecken.“

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Brett Ratner & Michael Jackson

(Anmerkung: Leider konnte ich die schriftliche Version des Interviews im Interview Magazine nicht finden, weiß also auch nicht, ob es wirklich je dort veröffentlicht wurde.)

BRETT RATNER: Hast Du einen Mentor oder jemanden, der Dich inspiriert?

MICHAEL JACKSON: Ja, das habe ich: Berry Gordy, Diana Ross, Thomas Edison, Walt Disney, James Brown, Jackie Wilson.

BR: Und was hast Du von ihnen gelernt?

MJ: Ich habe eine Menge von ihnen gelernt — wie man ein Visionär ist, wie man kreativ ist, wie man ausdauernd ist, wie man zielstrebig ist, wie man einen eisernen Willen bekommt und niemals aufgibt, egal, was kommt. Weisst Du?

BR: Was war Dein erster Job in der Musikindustrie, und wie bekamst Du ihn?

MJ: Mein erster Job, wahrscheinlich … Mann, ich erinnere mich nicht so weit zurück. Ich war etwa 6 Jahre alt. Vielleicht war es “Mr. Lucky’s”. Ich glaube, es war ein Klub — ja, “Mr. Lucky’s”. Wir sind dort aufgetreten.

BR: Und wie bekamst Du den Job?

MJ: Ich weiss nicht; mein Vater würde das wissen. Ich war zu klein.

BR: Was war Deine erste große Chance und das erste große Ding, das Dir jemals passiert ist?

MJ: Die wirklich große Chance war, als Motown uns unter Vertrag nahm. Wir spielten in Detroit vor, und Berry Gordy lud alle unsere Lieblingsstars, die wir als Kinder sahen, in eine kleine Stadt in Indiana ein: Diana Ross, Smokey Robinson & The Miracles, The Tempations und Stevie Wonder — jeder war da. Es es fand neben einem Indoor-Pool in einer riesigen Villa statt, Marmor überall. Wir traten auf, und sie flippten einfach aus. Sie liebten es. Und [Gordy] sagte, “Jungs, ihr seid engagiert.”

BR: Wirklich?

MJ: Ja.

BR: Und Du erinnert Dich an diesen Tag?

MJ: Oh, ich erinnere mich an ihn.

BR: Welche Elemente Deines Jobs bringen Dich dazu, jeden Tag zur Arbeit zu gehen?

MJ: Ich will jeden Tag arbeiten — Einfach die Idee, Welten zu schaffen …! Es ist wie eine Leinwand zu nehmen, eine leere Leinwand, weisst Du, eine leere Tafel. Man gibt dir Farbe, und wir kolorieren und malen einfach und erschaffen Welten. Ich liebe einfach diese Idee. Und auch, wenn Leute es sehen und ehrfürchtig inspiriert sind, wenn sie es sehen.

BR: Welche Deiner Eigenschaften halfen Dir, Dich dorthin zu bringen, wo Du heute bist?

MJ: Glaube und Entschlossenheit. Und Übung.

BR: Genau. Übung macht den Meister. Was hättest Du in Deiner Karriere anders gemacht, wenn Du damals gewusst hättest, was Du jetzt weisst?

MJ: Was hätte ich anders gemacht…? Mal sehen … mehr üben.

BR: Mehr üben?

MJ: Ich habe viel geübt.

BR: Du hast verdammt viel geübt! [Michael lacht] Aber Du würdest mehr üben? [Michael nickt]

Was ist die größte Lektion, die Du gelernt hast?

MJ: Nicht jedem zu vertrauen. Nicht jedem in der [Entertainment-]Industrie zu vertrauen. Es gibt eine Menge gieriger Betrüger. Und Plattenfirmen stehlen. Sie betrügen. Du musst sie überwachen. Und es ist Zeit für Künstler, gegen sie aufzubegehren, weil sie Künstler völlig ausnutzen. Total. Sie vergessen, dass es die Künstler sind, die die Firma erschaffen, nicht die Firma, die die Künstler erschaffen. Ohne das Talent würde die Firma nichts als nur Hardware sein. Und man braucht ein wirklich gutes Talent, das die Öffentlichkeit sehen will.

BR: Was sind einige Deiner Lieblingsalben?

MJ: Meine Lieblingsalben wären Tschaikowskis “Nussknacker Suite”, Claude Debussys größte Hits, welche sind, Du weisst, “Claire de Lune” und “Arabesque” und “The Afternoon Of A Faun”. Ich liebe Marvin Gayes “What’s Going On”, James Browns “Live At The Apollo”, “The Sound Of Music” [Soundtrack]. Ich liebe Rodgers and Hammerstein. Ich liebe die großen Film-/Musical-Schreiber sehr, und ich liebe Holland-Dozier-Holland von Motown — sie waren Genies. So viele großartige Schreiber. So viele Große.

BR: Irgendwelche andere großartige Alben, etwa zeitgenössische Alben?

MJ: Großartige Alben … Es ist schwer, weil Alben heutzutage einen oder zwei großartige Songs haben und die restlichen sind Mist.

BR: Oder ältere — sowas wie Marvin Gaye oder Sly.

MJ: Sly & the Family Stone — Ich mag alles, was sie tun. Stevie Wonder ist ein Genie.

BR: Welches Album?

MJ: Alle. “Talking Book”. Ich liebte es, als er “Living For The City” gemacht hat. Ich vergesse den Namen [des Albums]. Fantastisch. Ich glaube, es war “Innervisions” — fantastisch. Diese Musik zu hören, lässt mich zu mir sagen: ‘Ich kann das tun, und ich glaube, ich kann das auf einer internationalen Ebene tun.’

BR: Wirklich?

MJ: Wirklich, und dann, als die Bee Gees in den 70ern herauskamen, das hat es mir gegeben. Ich habe geweint. Ich habe geheult, während ich ihre Musik gehört habe. Ich kannte jede Note, jedes Instrument.

BR: [singt] “This broken heart …”

MJ: [singt] “How can you mend …”

BR: [sings] “This broken heart …”

MJ: [singt] “How can you stop the rain from falling down?” Ich liebe das. [singt mit Ratner] “How can you stop the sun from shining? What makes the world go ’round.” Ich liebe dieses Zeugs. Und als sie Saturday Night Fever gemacht haben, das hat’s mir gegeben. Ich sagte, “Ich muss das tun. Ich weiß, ich kann das tun.” Und wir kamen mit Thriller heraus. Und ich habe einfach Songs geschrieben. Ich schrieb “Billie Jean”. Ich schrieb “Beat It”, “Startin’ Somethin'”. Habe einfach geschrieben und geschrieben. Es war klasse.

BR: Hast Du irgendwelche Poster in Deinem Zimmer aufgehängt, als Du ein Kind warst?

MJ: Ja. Brooke Shields, überall. Meine Schwestern wurden eifersüchtig und rissen sie von der Wand ab.

BR: Was sind die großen Shows, die Du gesehen hast, Konzerte?

MJ: James Brown. Jackie Wilson. Die wirklichen Entertainer, die Wahren, lassen einen Gänsehaut bekommen.

BR: Es war James Brown? Wo hast Du ihn gesehen?

MJ: Wir mussten immer nach ihm auf der Bühne sein, weil er auftrat und danach waren wir dran in der Amateur-Stunde. Also war ich in den Seitenflügeln [des Theaters] und habe jeden Schritt, jede Bewegung studiert —

BR: — am Fernseher?

MJ: Nein, im Apollo [Theater].

BR: Amateur-Stunde im Apollo. Und Du hast ihn auftreten sehen?

MJ: Ja, und Jackie Wilson. Alle von ihnen – The Delphonics, The Temptations.

BR: Aber erinnerst Du Dich an eine Show? Du hast The Temptations auch gesehen?

MJ: Ja.

BR: Aber gab es eine Show, wo Du sagtest: “Oh, mein Gott”?

MJ: James Brown, Jackie Wilson.

BR: Im Apollo?

MJ: Ja, sie brachten mich zum Weinen. Ich habe sowas noch nie gesehen. Diese Art der Emotion, diese Art des Fiebers, Gefühls — es war, als wären sie auf einer höheren, spirituellen Ebene. Sie waren wie in Trance, und sie hatten das Publikum in den Händen. Ich liebte es einfach, wie sie es derartig kontrollieren konnten, diese Art von Macht. Als sie sangen, hatten sie Tränen, die auf ihren Gesichtern herunterkullerten. Sie steckten da derartig drin.

BR: Was sind einige Deiner Lieblingssongs?

MJ: Lieblingssongs für alle Zeit? Ich liebe Burt Bacharach sehr. Alles von Motown. The Beatles, z.B. “Eleanor Rigby”, “Yesterday”. Alles von The Surpremes. All diese Sachen sind großartig. Ich glaube, die 60er hatten einige der besten Melodien aller Zeiten mit Peter, Paul and Mary, und, Du weißt, alle anderen dieser Leute. The Mamas and the Papas waren wundervoll. Und The Drifters liegen ein bisschen weiter zurück, aber ich liebe diesen Song “On Broadway” — er ist genial. Die einfachen sind die besten, glaube ich. Ich liebe “Alfie” — so wunderschön. Es gibt so viele. Genauso Filme, es gibt so viele großartige Filme.

BR: Nenne ein paar Dinge, die hilfreich sein könnten für jemanden, der ins Musikgeschäft einsteigen will.

MJ: Glaub an dich selbst. Studiere die Großen und werde größer. Und sei ein Wissenschaftler. Analysiere, analysiere.

BR: Du hast vorher etwas anderes gesagt: Gib nicht auf.

MJ: Egal, was kommt. Egal, ob die ganze Welt gegen dich ist oder dich ärgert oder sagt, du wirst es nicht schaffen. Glaube an dich selbst. Egal, was kommt. Einige der großartigsten Menschen, die der Welt ihren Stempel aufgedrückt haben, wurden so behandelt — Du weißt schon, “Du wirst es nicht schaffen, du wirst es nirgendwohin bringen.” Sie lachten über die Wright-Brüder. Sie lachten über Thomas Edison. Sie lachten über Walt Disney. Sie machten Witze über Henry Ford. Sie sagten, er wäre unwissend. Disney flog von der Schule. Sie liessen vor Gericht seine Intelligenz testen. Das ist, wie weit sie gingen. Diese Menschen haben unsere Kultur geformt und verändert, unsere Gewohnheiten, die Art, wie wir leben, die Art, wie wir Dinge tun.

Und ich glaube, durch die Menschen pflanzt Gott solche Samen auf die Erde. Du bist einer, ich bin einer. Wir bringen etwas Glück, Wirklichkeitsflucht, etwas Freude, etwas Magie auf diese Welt. Weil ohne Entertainment, was wäre die Welt dann? Weißt Du? Was wäre sie wirklich ohne das? Und am liebsten von allem mag ich den Film. Die Macht und Magie der Filme. Sie ist die größte, sie ist die ausdrucksstärkste aller Kunstformen. Ich denke, sie berührt die Seele. Musik und Filme sind die ausdrucksstärksten. Es ist beinahe wie eine Religion: Du wirst so hineingezogen, so darin gefangen genommen. Du gehst in ein Kino als eine andere Person als Du herauskommst. Es beeinflusst einen derartig. Das ist machtvoll. Ich glaube, das ist stark. Ich liebe das.

BR: Wenn du ein Publikum fühlen lässt.

MJ: Ja. Ja.

BR: Sie identifizieren sich damit.

MJ: Ja, sie leben es. Sie sind ein Teil davon. Sie vergessen, dass sie im Kinosessel sitzen.

BR: Die Erfahrung, einen Kinofilm zu sehen, beeinflusst ihr Leben.

MJ: Ihr ganzes Leben. Es könnte ihr Leben verändern.

BR: Ja, ich erinnere mich daran, Star Wars gesehen zu haben, in einem Kino, als ich 7 Jahre alt war. Es ist eine andere Erfahrung für Paris und Prince, es auf DVD heute zu sehen, 27 Jahre später. Ich sah es, als es gerade herauskam, mit all dem Schock und Ehrfurcht der damaligen Zeit. Niemand hatte jemals ähnliches vorher gesehen. Es gab Warteschlangen, die sich [mehrere] Straßenblöcke weit hingezogen haben, und ich konnte zuerst gar nicht hinein in der ersten Zeit. Ich musste am nächsten Tag wiederkommen, um es wieder zu versuchen. Die Erinnerung daran, so verzweifelt gewesen zu sein mit 7 Jahren, um diesen Film zu sehen, macht es zu einer sogar noch unvergesslicheren Erfahrung. Wenn du sowas zu ersten Mal sieht, dann beeinflusst es dein Leben andauernd. Es ist wie einen Song oder einen Künstler zum ersten Mal auftreten zu sehen. James Brown zu sehen und dieser Moment der Tränen, die aus deinen Augen kommen, ist anders als es 20 Jahre später im Radio zu hören.

MJ: Ich kann Dir nicht sagen, wie unglaublich das war. Ich liebe die großen Entertainer einfach, die großen Performer, die großen Showmenschen, die großen Geschichtenerzähler. Allein vom Zuschauen wird man hypnotisiert/verzaubert. Du bist darin gefangen. Ich liebe es. Nur ein Spotlight, Baby.

BR: Frank Sinatra.

MJ: Ja, diese Jungs sind cool. Und Sammy Davis. Ich liebe es einfach, die ganze Sache. Es ist magisch, es ist wirkliche Magie. “

(Übersetzung: CTE)

>>  Interview Transcript English

Patrick Treacy: Begegnungen mit Michael Jackson, Irland 2006 (Teil II)

Teil I

Teil II

Zu der Zeit, als die langen Sommertage kürzer wurden, war es mir und Michael zur Gewohnheit geworden, uns zwanglos zu unterhalten, manchmal für mehr als eine Stunde, bevor ich mit der Behandlung begann. Er rief mich fast täglich an, und ich freute mich auf unsere Gespräche. Mit der Vertiefung unserer Freundschaft, eröffneten mir diese Gespräche Einblicke in seine Gedankenwelt. Ab und zu erwähnte er noch das HIV Konzert in Afrika, aber meist war er mit den Gedanken bei seinem neuen Album, an dem er mit dem amerikanischen Sänger Will.I.Am arbeitete. Er sagte, er sei so glücklich wie seit langem nicht mehr, und er geniesse das Leben im ländlichen Irland und die Ausritte in die Berge mit seiner Familie. „Ich muss dir mein Haus zeigen, es wird dir gefallen,“ sagte er.

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Michael und Will.I.Am, Grouse Lodge, Westmeath, Irland, 2006

Wo wohnst du, Michael?“ fragte ich.

Jetzt in der Nähe eines Aufnahmestudios in Westmeath.“

Es wurde mir jetzt erst bewusst, dass ich ihn während all unseren Telefongesprächen und Besuchen in der Klinik nie gefragt hatte, wo er wohnte, und er hatte es auch nie erwähnt. Grace hatte mir gesagt, dass in der Vergangenheit Leute, denen er vertraut hatte, ihn immer wieder betrogen hatten. Er hatte wohl mit der Zeit gelernt, nicht zu viele Informationen preiszugeben, besonders, wenn es um seine persönlichen Angelegenheiten ging.

Ich wohne in der Nähe des geografischen Zentrums Irlands, wo die Könige gekrönt wurden.“ erzählte er. Ich war nicht ganz sicher, welchen Ort er meinte, erinnerte mich aber daran, dass er über Wanderungen mit seinen Kindern in den Wicklow Hills und entlang des Whitecastle Creeks (Bach) in Cork gesprochen hatte. Mir war aufgefallen, dass er mir auf dem Formular zur Anamnese keine genaue Adresse angegeben hatte, aber ich hatte das akzeptiert, da ich dachte er wollte sicher nicht die Details seines Aufenthaltsortes preisgeben, die dazu genutzt werden könnten, sein Privatleben zu stören. Ich nahm an, dass er neben der Grouse Lodge wohnte, dem Anwesen von Paddy Dunning, lies es mir aber nicht anmerken. Ich fragte: „Nimmst du neue Sachen auf?“ und er antwortete: „Ich probiere ein paar neue Songs aus.“

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Grouse Lodge – Umgebung

Als Michael mich erneut zu seinem Haus einlud, sagte ich, es sei mir ein Ehre das Aufnahmestudio zu sehen und scherzte, dass ich ja auf einer seiner Background Aufnahmen mit Will.I.Am und ihm ein wenig Gitarre spielen könnte. Eine Zeit lang alberten wir herum und dann fragte er, ob ich einen guten Zahnarzt kennen würde, da Blanket ein Problem habe. Michael hatte bereits einen Zahnarzt in Dublin aufgesucht und war damit zufrieden, aber er suchte jemanden, der auf die Behandlung von Kindern spezialisiert war, und natürlich auch jemanden, der diskret sein würde. Ich empfahl ihm einen Zahnarzt, der seine Praxis neben meiner Klinik hatte, und sagte ihm, seine Arbeit sei sehr gut und er könne sich auch auf seine Diskretion verlassen.

Am nächsten Abend riefen wir seinen Dermatologen, Dr. Klein, in Kalifornien an. Michael sprach eine Weile mit ihm, und wendete sich dann an mich. „Patrick, ich möchte, dass du mit Carrie Fischer sprichst“, sagte er. „Sie ist eine sehr gute Freundin von mir und gerade bei Arnie in der Praxis.“ Die Ungezwungenheit überraschte mich, und über Carrie Fisher wußte ich nur, dass sie in George Lucas’ Film Star Wars mitgespielt hatte. Aber ich musste mir keine Gedanken machen, da sie eine nette und angenehme Frau war und damit vertraut schien, mit Fremden umzugehen.

Hi Patrick. Wie ich höre, kümmerst du dich sehr gut um Michael in Irland“, sagte sie.

Oh ja, es gefällt ihm hier.“

Das hat er mir gesagt – und er hat mir auch von dir erzählt.“

Ich hoffe, nur Gutes.“

Die Schauspielerin lachte und unterhielt sich noch eine Weile mit mir, bis ich den Hörer an Michael zurück gab.

Sie ist eine gute Freundin von mir. Ich freue mich, dass ihr miteinander gesprochen habt“, flüsterte er. Solche Dinge schienen ihm zu gefallen. Während der gesamten Zeit, die wir zusammen verbrachten, hatte Michael die Angewohnheit, den Telefonhörer an mich weiter zu reichen und seine Freunde und Bekannten mit mir zu teilen.

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Michael mit seinen Kids und Carrie Fisher, Weihnachten 2008, L.A.

Nun kam Dr. Klein ans Telefon und Michael sprach ein paar Worte mit ihm, bevor er ihn an mich weiter gab.

Hallo, Dr. Treacy? Hier spricht Arnie Klein.“ Michael sass links von mir und hörte mit geneigtem Kopf unserem Gespräch zu und schien sich für jedes Wort zu interessieren. Als wir uns darüber geeinigt hatten, was zu tun wäre, begannen Dr. Klein und ich zu fachsimpeln – zwei Kollegen aus der gleichen Branche, die darüber sprachen, was sie auf ihrem Gebiet erreicht hatten.

Hast du meinen Artikel im Journal of Dermatological Surgery gelesen?“ fragte er. „Er hiess Minimal Invasive Esthetics: My Life’s Journey.“ Zum Glück hatte ich den kompletten Artikel gelesen; im selben Magazin war auch ein Artikel von mir, über Bio-Alcamid Gesichts-Implantae für von Gesichts Lipoatrophie betroffene HIV Patienten. Wir sprachen eine zeitlang über HIV und ich vergaß Michael, der geduldig auf das Ende des Gesprächs wartete. Ich erklärte ihm die Vorteile von Bio-Alcamid, und er fragte: „Hast du in Irland viele HIV Patienten?“ „Ich antwortete: „Ich hatte viele, aber es werden weniger, weil jetzt auch die Krankenhäuser ästhetische Behandlungen durchführen.“ Michael stand auf und lief hin und her, anscheinend von dem Gespräch gelangweilt, das wohl länger dauerte, als er gedacht hatte. Ich wußte, dass er wegen dem kommenden Event in London beunruhigt war und brachte das Telefongespräch zu einem Ende.

Er fragte: „Was ist HIV Lipotrophie? Mir gefällt, was du mit diesem neuen Produkt für die HIV Patienten tust. Ist es eine Art Filler? Könnte man es auch in Afrika einsetzen?“

Ich erklärte ihm dass Lipotrophie eine Art Fettschwund im Gesicht ist, wahrscheinlich eine Nebenwirkung der Medikamente, die eingesetzt werden, um HIV Patienten am Leben zu erhalten. Weil afrikanische Patienten, besonders in der Sub-Sahara Region, diese Medikamente von ihrer Regierung vorenthalten bekommen, besteht dort kein großer Bedarf an Fillern. „Und was ist mit HIV Patienten in Uganda? Fragt er, und nahm sein Mobiltelefon aus seiner Jackentasche.

Ich habe in der Tat schon Dr. Alex Coutinho in Kampala angerufen, und mit ihm über eine Versuchsreihe mit dortigen Patienten gesprochen. Aber es gibt Probleme mit der italienischen Herstellerfirma des Produkts, und er war nicht sehr glücklich mit ihren Antworten,“ sagte ich.

Michaels Telefon klingelte und er nahm das Gespräch an. Mit leuchtenden Augen reichte er das Telefon an mich weiter. „Sprich mit ihm!“ sagte er. „Mach nur, es ist mein Freund. Er wird uns mit dem Konzert in Afrika helfen.“ Ich seufzte und nahm das Telefon. Es war nicht wirklich der richtige Zeitpunkt mit jemanden zu sprechen, von dem ich annahm, dass es ein Konzertveranstalter sei. Im Hintergrund hörte ich eine markante Stimme, und ich nahm an, dass die Person sicherlich Afrikaner sei.

Sie werden also Michael und mir dabei helfen, das Konzert in Afrika zu organisieren?“ fragte ich.

Ja, wie geht es ihnen? Wir können alles hier in Südafrika möglich machen,“ sagte der Mann am Telefon. „Also ich glaube, das Konzert wird in Rwanda stattfinden“, antwortete ich und sah scharf zu Michael hinüber. Diese Person schien nicht einmal zu wissen, wo das Konzert stattfinden sollte!

Ich fragte: „Von wo sprechen sie?“ „Von Kapstadt“ „Oh, ich habe einmal in Kapstadt gelebt“, sagte ich freundlich und war bemüht, meine Verärgerung zu vergessen.

Michael begann zu lachen. Mit dem Gefühl, dass ich gerade veralbert wurde, fragte ich den Mann am Telefon, wer er sei. „Ich bin Madiba“, lachte er. „Wer ist Madiba?“ fragte ich abwesend und versuchte mich zu konzentrieren. Michael nahm das Telefon wieder an sich, gerade in dem Moment, als mir klar wurde, dass die markante Stimme am Ende der Leitung Nelson Mandela war. Ich konnte nicht glauben, dass der Mensch, den ich einst auf meine bescheidene Art in seinem Kampf um Freiheit unterstützt hatte, gerade mit mir gesprochen hatte und ich so kurz angebunden war. Michael fuhr fort, mit ihm zu sprechen und trotz all der Gesten, die mit meinen Händen machte, wollte er mir nicht noch einmal das Telefon geben. Vielleicht war das nur Michaels Art zu sagen, dass er etwas verärgert war, weil ich so viel Zeit mit Dr. Klein am Telefon vertrödelt hatte, jedenfalls beendete er das Gespräch und steckte das Telefon wieder in die Tasche.

Ich wollte ihm noch mein Beileid zum Verlust seines Sohnes, der vor kurzem an AIDS gestorben war, ausdrücken“, sagte ich.

Keine Sorge,“ antwortete er, als er meine Enttäuschung bemerkte, „er würde sich wahrscheinlich sowieso nicht daran erinnern. Es wissen nicht viele Leute, aber er ist im Anfangsstadium von Alzheimer. Wir müssen mit seinem Sohn zusammenarbeiten, um das Konzert zu organisieren. Aber ich verspreche dir, dass wir ihn persönlich treffen werden, wenn wir in Afrika sind.“

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Michael Jackson & Nelson Mandela

Vor ein paar Jahren ging zum Thema HIV die Geschichte herum, dass du nicht den Blarney Stone küssen wolltest, aus Angst, dir AIDS oder etwas anderes einzufangen.“ Er sagte: „Das meiste davon ist Quatsch. Aber es waren andere Zeiten, als die Leute noch dachten, man könnte durch küssen AIDS bekommen, und es dafür noch kein Medikament gab.“

Ich weiß – ich wurde einmal mit einer HIV infizierten Injektionsnadel gestochen“, antwortete ich und zog mein Hosenbein nach oben, um ihm meine Narbe an der Stelle zu zeigen, an der ich versehentlich injiziert wurde. Er sah sich schweigend die Narbe an und wußte nicht, was er sagen sollte. „Es ist alles ok“, sagte ich. „Ich lief in den Operationssaal und lies mir ein Stück aus dem Bein schneiden. Ich wurde nie positiv getestet – es ist fast 20 Jahre her.“

Dann bedeuten die afrikanische Kinder mit HIV für dich das selbe, wie die Fotografien in deinem Buch für mich“, sagte Michael. Das war ein sehr philosophisches Statement, und wir umarmten uns fest. Eine zeitlang sprach keiner von uns. Es gab keinen Grund dazu. Ich hatte meinen Gegner geschlagen, indem ich einen emotionalen Preis zahlte, während Michael immer noch seinen Alptraum durchlebte. Dennoch waren unsere Schicksale durch diese Ereignisse verbunden: Ohne meine Verletzung durch die infizierte Nadel, hätte Afrika mich nicht so angezogen, und ohne meinen HIV Artikel über Afrika, wäre Michael Jackson wohl nie mein Patient geworden.

Ich war in meinem Büro, als Carmel mich rief: „Du musst nach oben in den Glas-Raum! Er nimmt all unsere Cremetuben und steckt sie in seine Taschen.“ Der Glas-Raum war ein Bereich der Klinik, der fast vollständig aus Glas gebaut war, mit von hinten beleuchteten Regalen, in denen wir unsere teuren Kosmetik Artikel ausstellten. Der Raum war groß genug, um ein Beratungsgespräch abzuhalten, war mit Tisch und Stühlen, sowie mit Hautanalyse Geräten ausgestattet. Ich ging nach oben und sah Michael mit dem Rücken zu mir, wie er sich streckte, um an die oberen Regale zu gelangen und von dort noch mehr teure Flaschen zu nehmen und in seine Taschen zu stecken. Als diese voll waren, sammelte er eine Auswahl an medizinischen Hautcremes auf einem Stuhl und steckte sie dann in eine Plastiktüte, die er in einer der Schubladen gefunden hatte.

Dir ist schon klar, dass ich dir das berechnen muss, oder?“ fragte ich ihn. Er drehte sich zu mir um, sah mich verlegen an, und stellte einige der Flaschen und Tiegel vorsichtig zurück in die Regale, und tat so, als hätte er diese poliert. Seine fliessenden Bewegungen waren beeindruckend, vor allem, da er schon in den 40ern war. Als er sich entschieden hatte, von welchen Produkten er sich trennen konnte, und diese zurück in die Regale gestellt hatte, drehte er sich zu mir um und zeigte die Dinge, die er noch in den Händen hielt, und sagte: „Die hier werde ich mitnehmen.“

Ich war von seiner Impulsivität überrascht, aber ich nehme an, dass er dachte, er könne sich alles nehmen, was er brauchte, wenn er eine Klinik besuchte, weil er Michael Jackson war.

Es wird nichts für die irischen Ladies übrigbleiben“, erwiderte ich ernst.

Natürlich hatte ich Reportagen in irischen Zeitungen gelesen, in denen man Michael einen „Kind-Mann“(child-man) nannte, aber das war weit von der Wahrheit entfernt. In Wirklichkeit war es so, dass er, wenn er entspannt war, kindgleich (childlike) wurde. Und zwischen den beiden Phrasen besteht ein riesiger Unterschied. Der Mann, den ich kennenlernte, war ein intelligenter, redegewandter, künstlerischer und unglaublich fokussierter Mensch, der gleichzeitig auch sehr sanft und freundlich war.

Als er mich am nächsten Tag anrief und mich zu der Grouse Lodge einlud, war ich nicht wirklich überrascht. „Wenn ich dir einen Fahrer schicke, könntest du heute Abend zu mir nach hause kommen?“ fragte er. „Ich würde dir gerne mein Zuhause zeigen.“

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Grouse Lodge

Der Fahrer hiess Ray O’Hara. Er hatte als DJ mit Phantom Radio gearbeitet, deshalb hatte ich seine Stimme schon einmal gehört. Ray war der primäre Fahrer Michaels in Irland, es gab aber auch andere. Wir unterhielten uns während der Fahrt und er erzählte mir, dass er für Paddy Dunning, dem Besitzer des Grouse Lodge Recording Studios, als Chauffeur arbeitete. Über die Jahre hatte er alle möglichen Bands vom Flughafen abgeholt und sie sicher zur Lodge gebracht. Wir kurvten eine Weile durch die irische Landschaft, und als Ray sicher war, dass uns keiner folgte, machten wir uns auf den Weg nach Rosemount im Bezirk Westmeath. Anscheinend sind ein paar Nächte zuvor ein paar Leute auf dem Grundstück herumgeschlichen, die man aufgriff und hinaus befördert hat.

Gerade jetzt ist Will.I.Am dort. Ich habe ihn vom Flughafen her gebracht,“ sagte Ray. „Sie arbeiten zusammen an einem Album.“ Ray erzählte mir auch, dass Billy Bush von Access Hollywood vor kurzem Michael im Aufnahmestudio interviewte und anschliessend jedem, den er traf, erzählte, wo er wohnte. Seitdem waren viele Reporter ins Dorf gekommen und fragten die Bewohner danach, ob sie etwas gesehen hätten. „Die Dorfbewohner sagen nichts!“ Sie sind klasse,“ sagte er.

Wir erreichten den Eingang des Anwesens. Die Sonne wurde langsam von der Landschaft verschluckt, und über die nahen Hügel legten sich schnell der Schatten. Ich sah ein paar kurvige Wege, umrundet von einer niedrigen Steinmauer, und der Fahrer deutete auf die Sicherheitsleute, die das Grundstück bewachten. Wir kamen an dem Studio vorbei, indem Michael sein Album aufnahm und fuhren weiter zum Coolatore House.

Die Abgeschiedenheit des Anwesens hatte schon zuvor Dichter und Musiker angezogen, wie z.B. den Nobelpreisträger Seamus Heaney. Die beiden Weltklasse Studios wurden von R.E.M. über Snow Patrol bis hin zu Shirley Bassey von jedem gern genutzt.

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Der Eingang zur Grouse Lodge

In dem gedämpft beleuchteten Vorbau wartete Grace, um mich zu begrüßen. Es war eine ziemlich kalte Novembernacht, und wir redeten kurz über das Wetter, bevor sie mir meinen grünen Mantel abnahm, um ihn aufzuhängen. Es war der Mantel, den meine Mutter mir geschenkt hatte, bevor sie gestorben war, und er war mir kostbar. Kurz danach kam Michael und trug meine Arzttasche hinein. Wir unterhielten uns eine Weile in einem der Zimmer im Erdgeschoss, das mit altmodischen Möbeln und einer hohen, neu gestrichenen Decke ausgestattet war. Kurz darauf stand er unerwartet auf und sagte, dass er wohl besser die Kinder ins Bett bringen sollte. Er sagte, ich solle mit ihm in eines der Schlafzimmer kommen, in dem Prince Michael schon im Bett lag. In dem gedämpften Licht beugte Michael sich über ihn und gab ihm einen gute Nacht Kuss.

I love you Daddy,“ sagte das Kind.

I love you too,“ erwiderte Michael.

Diesen Augenblick in dem schwachbeleuchteten Zimmer in mitten des irischen Hinterlandes mitzuerleben, war aussergewöhnlich.Hatte die ganze Welt diesen Menschen verkannt? Und lag ich falsch damit, ihn nicht in das Krankenhaus mitzunehmen, damit er die Murray Kinder besuchen konnte? Michaels ganze Persönlichkeit, seine Wärme und sein Mitgefühl waren ganz klar in der Verbindung zwischen ihm und seinen Kindern zu sehen.

Michael und ich gingen dann die Treppe hinunter in einen der anderen Wohnräume, in dem Paris und Blanket, zugedeckt mit einer Jacke, auch schon eingeschlafen waren. Michael nahm eines der Kinder in seine Arme um es nach oben zu tragen und bat mich, das andere zu nehmen. Ich trug das schlafende 4-Jährige Kind in meinen Armen zum Bett. Da ich es nicht wußte und nur die langen Haare sah, dachte ich, ich trage ein Mädchen. Auf halbem Weg drehte ich mich zu Michael um und sagte: „Sie ist ein süßes Kind.“

Lass ihn das bloss nicht hören“, entgegnete Michael lachend. „Er ist mein jüngster Sohn!“ Das war also Blanket, das Kind, das Michael für seine Fans über den Balkon des Adlon Hotels in Berlin gehalten hatte. Ich erinnerte mich immer noch an die Tabloid-Bilder des 9 Monate alten Kindes in einem blauen Strampler und einem Tuch über dem Kopf, die begannen, meine positiven Eindrücke von Michael anzufressen. Was war die Wahrheit? Der liebevolle Vater oder das unberechenbare Individuum, wie es die britische Klatschpresse zeigte? Mein Innerstes schrie, es sei ersteres und einen Augenblick lang dachte ich daran ihn zu fragen, was in dieser Nacht wirklich passiert war. Aber es schien nie der richtige Zeitpunkt zu sein, ihm solche Fragen zu stellen.

Ich fragte: „Warum hast du ihn Blanket genannt?“

Das ist ein Spitzname – sein wirklicher Name ist Prince Michael Joseph Jackson II. Blanket ist sein Kosename und bedeutet ‘Segen’.“

Wir legten die Kinder in ihre Betten. Paris kuschelte sich an ihn und er küsste sie zart auf die Stirn. Ich hatte immer gedacht, Michael Jacksons Element wäre die Bühne, aber das hier war sein Element! Die Liebe und Normalität, die diese Szene ausstrahlte, berührte mich. Er war ganz augenscheinlich ein hingebungsvoller Vater, von seinen Kindern heiss geliebt und sehr weit entfernt von dem Bild, das die Medien von ihm zeichneten. Mehr als einmal hatten diese angedeutet, dass er seinen Kindern Schaden zufüge, indem er ihre Gesichter hinter Schleiern verstecke und sie zuhause unterrichten lasse.

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Grouse Lodge – Interieur

Als er sicher war, dass die Kinder schliefen, brachte er mich nach oben in ein anderes Zimmer. Eine zeitlang sprachen wir über die Fortschritte, die die Murray Kinder machten und wie er mit seinen Kindern den Tag verbracht hatte. Dann kamen wir auf einen geplanten Eingriff zu sprechen.

Wie stark werden die Schmerzen sein?“ fragte er.

Es ist schon etwas schmerzhaft““ antwortete ich. „Aber wenn du gerne ein Narkose möchtest, kann ich es selbst tun und ich bestelle einen Anästhesisten von einem Krankenhaus in der Nähe auf Abruf.“ Ich hatte kein Problem damit, es selbst zu handhaben, da ich durch meine Arbeit mit dem Royal Flying Doctor Service in Australien und in Unfallstationen und Notaufnahmen sehr viel Erfahrung mit IV-Narkose gesammelt hatte. Bevor er etwas darauf entgegnete, dachte er einige Zeit darüber nach.

Dann sagte er: „Ich werde es ohne Narkose machen. Ohne die Anwesenheit eines Anästhesisten möchte ich keine Narkose bekommen.“

Auch wenn diese Aussage zu der Zeit keine große Bedeutung hatte, hörte ich sie in den Jahren nach seinem Tod oft deutlich in meinem Kopf. Während des Prozesses gegen die Person, die beschuldigt wurde, seinen Tod verursacht zu haben – Dr. Conrad Murray – riefen die Anwälte der Verteidigung Dr. Paul White als ihren Star Zeugen auf. Er lieferte eine Expertise, in der er den berühmten Sänger beschuldigte, seinen Tod selbst verursacht zu haben. Er sagte aus, Michael Jackson hätte sich selbst Propofol injiziert, nach dem die Wirkung der von Murray verabreichten Dosis nachgelassen habe. Das widerspricht jedoch völlig dem, was ich in jener Nacht in Irland hörte. Mein Patient erklärte mir gegenüber, dass er sich keiner Narkose unterziehen würde, wenn sie nicht durch einen Anästhesisten verabreicht würde. Ich sah in Michaels Haus niemals Medikamente und er wollte nie etwas von mir verschrieben haben, das stärker als Diätpillen war. Wie ein Kardiologe dazu kam, ihm in seinem Haus, in der Nähe seiner Kinder, selbst Propofol Infusionen zu verabreichen, kann ich mir absolut nicht erklären.

Michael fragte mich, ob ich es eilig hätte, zurück nach Dublin zu fahren. Aber ich war nicht in Eile. Ich wollte ausserdem noch mit ihm über seine offenen Rechnungen sprechen. Er antwortete: „Es tut mir wirklich Leid, Patrick, ich fürchte, du musst noch warten, bis ich aus London zurück bin. Mein Geld ist momentan noch fest angelegt, aber meine Leute arbeiten daran.“ Da mir nichts anderes übrig blieb, stimmte ich zu, zu warten. Es muss sehr schwer für ihn gewesen sein, nicht über flüssiges Geld zu verfügen, nachdem er doch sein ganzes Leben lang so viele Millionen verdient hatte. Manche Prominente hatten die Einstellung, dass ich doch dafür dankbar sein könne, sie behandeln zu dürfen – aber da ich nicht über sie sprechen durfte, hatte ich keinerlei Nutzen davon. Michael hatte diese Einstellung jedoch nicht – ihm war diese ganze Situation fremd und ungewohnt.

Er sagte: „Ich muss meine Finanzen wieder unter Kontrolle bringen. Ich möchte nicht als einer dieser verarmten, schwarzen Künstler sterben, während andere an mir profitieren.“ „Nunja, diese Gefahr besteht ja zum Glück nicht, weil du gesund wie ein Fisch im Wasser bist.“ entgegnete ich. „Gesund wie ein Fisch im Wasser“, wiederholte er und lachte dann über diesen Ausdruck. „Das gefällt mir.“

Michael öffnete eine Flasche Wein und wir tranken ein paar Gläser. „Vermisst du Neverland?“ fragte ich ihn.

Nein, Neverland ist Vergangenheit. Die Medien wundern sich wahrscheinlich darüber, dass ich überleben kann, ohne täglich mit meinem Riesenrad fahren zu können. Sie sind dumm!“

Er fuhr fort zu erklären, dass Neverland seinTraum gewesen sei, dass er es lange Zeit geliebt habe, aber es in etwas Schmutziges verwandelt worden sei. Sein Zuhause war immer viel mehr, als nur ein Freizeitpark. Es diente dazu, tausende von Kindern zu unterhalten: nicht nur kranke, sondern auch welche, die aus unterprivilegierten Schichten stammten und dort eine Pause von ihrem Alltag finden konnten.

Ich erbaute ein Zuhause, in dem Kinder sich sicher fühlen konnten, eine Art Zufluchtsort,“ sagte Michael.

Er liess sich in den Sessel fallen und seufzte. Ich kam nicht umhin zu denken, dass viel von der negativen Presse nicht stattgefunden hätte, hätte er keine Vitiligo gehabt. Er sah seltsam aus, ergo musste er auch seltsam sein – auf diese Art schien es zu laufen, und als diese Vorstellung einmal im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert war, fütterten die Medien weiter den Wahnsinn, den sie selbst erschaffen hatten.

Es gibt viele verrückte Leute in Amerika,“ sagte Michael. „Ich verschleiere meine Kinder, damit sie ihre Zeit unbehelligt verbringen können, wenn sie mit ihrer Nanny unterwegs sind. Indem ich ihre Bilder aus den Zeitungen fernhalte, sinkt die Wahrscheinlichkeit dass sie zum Ziel der Medien werden.“

Kannst du dir vorstellen, hier eine neue Heimat zu finden?“ fragte ich ihn.

Patrick, ich liebe Irland, es wäre ein wunderbarer Ort, um meine Kinder groß zuziehen. Wir machen hier vieles gemeinsam. Ich arbeite noch daran. Ich muss mein Leben und meine Finanzen sortieren und dann kann ich hier ein Zuhause gründen. Sicherlich wäre es mir nicht möglich, das ganze Jahr über hier zu leben, aber bestimmt einen großen Teil davon.“

Wir unterhielten uns ein bisschen über die World Music Awards. Ich sagte ihm, dass Andrea Bocelli dort sein würde. Ein paar Jahre zuvor hatte ich Bocelli und Pavarotti innerhalb einer Woche gesehen. Ich erzählte ihm auch, dass ich Pavarotti Backstage getroffen hatte, und dass diese ganze Woche für mich aussergewöhnlich gewesen war, weil ich auch noch ein U2 Konzert in München besucht hatte. „Bono tut auch viel für Afrika. Wenn du dich hier niederlässt, könntet ihr beiden euch zusammentun,“ sagte ich scherzhaft.

Ich glaube nicht, dass Bono mich mag,“ entgegnete er.

Ich fragte ihn nie nach, warum er das dachte.

Er fragte mich: „Woher kommst du? Hast du schon immer in Dublin gewohnt?“

Nein, eigentlich stamme ich aus Fermanagh in Nord Irland.“

Oh ja, stimmt, du hattest das schon zuvor erwähnt. Wie viele seid ihr in eurer Familie?“

Ich habe 3 Brüder und 3 Schwestern.“

Fast wie bei mir. Aus welchem Teil von Fermanagh kommst du genau? Ich habe gehört, es gibt dort ein paar sehr schöne Grundstücke.“

Aufgewachsen bin ich in Garrison, einem kleinen Ort am Rande von Lough Melvin. Du magst doch Charlie Chaplin. Er hat einmal in diesem See geangelt.“

Ich liebe Charlie Chaplin! Das ist klasse! Wir müssen unbedingt dahin fahren, und dem See einen Besuch abstatten.“

Es wird dir da gefallen, es ist wunderschön dort.“

Ich erzählte ihm, dass ich gerade ein Video von Lough Melvin auf You Tube hochgeladen hatte, und erklärte ihm, dass wir dort einen Laden, eine Tankstelle und eine Werkstatt besessen hatten, und ich im Sommer immer im See schwimmen war.

Er sagte: „Das klingt nach einer wunderbaren Kindheit. Hattest du ein gutes Verhältnis zu deinem Vater?“

Oh ja“, entgegnete ich. Ich erzählte ihm dann, dass mein Vater schon vor ein paar Jahren verstorben war, aber das er ein guter Mensch gewesen sei, den jeder mochte.

Ich hoffe, dass meine Kinder das über mich auch eines Tages sagen werden, Patrick.“

Ich habe euch zusammen erlebt und bin sicher, dass sie das sagen werden, Michael.“

Danke, mein Freund.“

Er hatte mich an meinen Vater erinnert und ich begann, über die guten Zeiten zu erzählen, die wir zusammen verbracht hatten, und dass er immer für alle von uns da war. Ich erzählte ihm eine Geschichte von meinem Vater aus der Zeit, in der ich noch am St. Michaels College in Enniskillen war. Ich hatte in diesem Jahr am Irish Aer Lingus Biochemist of the Year Wettbewerb teilgenommen und hatte eine Studie über die Auswirkungen verschiedener Tonschwingungen auf das Wachstum von Mungbohnen erstellt. Für dieses Projekt brauchte ich besondere hölzerne Lautsprecherboxen mit einer speziellen Aukustik-Dämmung, um sicherzustellen, dass die Pflanzen von anderen Schallwellen isoliert sein und nur von denen beeinflusst würden, die ich mit einem Schwingungsoszillator erzeugte. Die Materialien dazu war sehr teuer und ich ging eines Abends zu Bett und war deprimiert darüber, dass ich nicht das Geld hatte, um sie mir zu kaufen, erklärte ich Michael.

Und was geschah dann?“ fragte er.

Nunja, am nächsten Morgen wachte ich auf und stellte fest, dass mein Vater mir in der Nacht diese Lautsprecherboxen gebaut hatte. Er hatte das große Holzdisplay, das aussen an der Werkstatt war, abmontiert und die ganze Nacht durch gearbeitet, um dieses Vorhaben fertigzustellen.“

Ich erklärte ihm, dass dieses Werbedisplay etwa 4,5 x 3 m groß gewesen war, und es einmal sehr viel Geld gekostet hatte. Michael war von der Geschichte ganz begeistert und klatsche in die Hände und wollte wissen, was denn aus dem Projekt geworden war. Er war fasziniert, als ich ihm sagte, dass die Pflanzen fast 4 Mal so groß gewachsen waren, wie normalerweise und dass ich den Wettbewerb gewonnen hatte.

Das ist unglaublich!“ sagte er. „Was denkst du, sind die Gründe dafür? Haben sie auf einen bestimmten Sound reagiert, der ihnen gefallen hat?“

Als ich ihm von den unterschiedlichen Wellenlängen erzählte, die ich eingesetzt hatte, hörte er gespannt zu und nickte enthusiastisch. Ich konnte mir schon fast vorstellen, dass er diese zukünftig für einen Song zur Rettung der Erde einsetzen würde. Ich wußte, er hätte gerne gehört, dass die Pflanzen auf ein bestimmtes Geräusch reagierte hätten, und aus dem Grund besser gewachsen waren. Aber in Wirklichkeit war es nicht ganz so romantisch. Die Pflanzen waren wohl nicht besser gewachsen, weil sie einen bestimmten Sound mochten, vielmehr reagierten sie auf das Ethylengas, das aus der Erde strömte, wenn die Schallwellen sie in Schwingungen versetzte. Das war die plausibelste Erklärung, die ich zur Zeit des Experiments dazu abgeben konnte. Michael schien von meiner trockenen, wissenschaftlichen Begründung enttäuscht zu sein, und ich bekam den Eindruck, dass er dachte, ich würde Blödsinn reden. Zu dem Zeitpunkt glaubte ich jedoch, ihn schon gut genug zu kennen, um das Gespräch etwas humorvoller zu gestalten. Deshalb sagte ich: „Michael, hätte ich dich damals schon gekannt, dann hätte ich den Pflanzen sicher den Earth Song vorgespielt.“ Er sah mich kurz nachdenklich an und lachte dann los. „Nein,“ sagte er, „diese Pflanzen hätten eher Beat It zuhören sollen, und zwar ziemlich laut! Mitsamt Eddie van Halen an seinem Marshall Verstärker, das hätte sie zum Wachsen gebracht!“

Wir lachten eine Zeit darüber und tranken ein paar Schlucke Wein.

Du musst doch heute keine Patienten mehr behandeln, oder?“

Nein.“

Michael schwieg einen Moment.

Das war wirklich klasse, was dein Vater getan hat,“ sagte er dann. „Ich glaube nicht, dass Joe das für mich getan hätte. Hat dein Vater dich jemals geschlagen?“

Oh mein Gott, nein! Er hat niemals gegen uns die Hand erhoben, er hätte das nie..“

Joe tat es, ständig,“ unterbrach mich Michael. „Er wollte einmal Profiboxer werden. Wenn er dich geschlagen hat, dann hast du es richtig bekommen.“

Der Gedanke daran, dass der Mann einmal vorhatte, Boxer zu werden, machte die Vorstellung, dass er seine Kinder geschlagen hatte noch schlimmer. Mir war klar, dass es damals andere Zeiten waren, in denen körperliche Züchtigung noch akzeptiert wurde, aber laut Michael hatte Joe wohl auch zu der Zeit schon die Grenzen der Akzeptanz überschritten.

Ich versuche es zu verstehen“, sagte Michael. „Manchmal denke ich, dass er wohl glaubte, das sei das Beste, was er mit so vielen Kindern und in einer schlechten Gegend tun konnte.“

Michael machte ein Pause und versuchte, seine Worte vorsichtig auszuwählen.

Er wollte Musiker werden, musste aber seine Kinder durchfüttern. Vielleicht war es gescheiterter Ehrgeiz, vielleicht sah er unser Talent, und trieb uns unermüdlich an, immerzu…. Ich hatte Angst vor ihm. Manchmal denke ich, wir waren einfach nur sein „Meal ticket“. Vater zu sein, kann anstrengend sein, aber ich hoffe, meine Kinder werden schönere Erinnerungen an mich haben.“

Das werden sie ganz sicher,“ entgegnete ich.

Meine Mutter war ganz anders,“ sagte Michael. „Sie ist eine ganz besondere Frau: freundlich, sanft und viel zu vertrauensvoll. Sie ist die Matriarchin der Familie und ich habe meine Stimme von ihr.“

Wenn Michael von seiner Familie sprach, wurde er defensiv. Er sagte: „Ich mag meine Familie nicht besonders. Trotzdem wünschte ich mir eines Tages ein besseres Verhältnis zu meinem Vater zu haben.“

Mir war bekannt, dass seine Schwester La Toya, zu der Zeit, als er der beschuldigt wurde, Kinder zu belästigen, ein Presse Statement abgab, in dem sie sagte, sie könne seinen Umgang mit Jungen nicht länger billigen. Er war noch immer enttäuscht von ihr. Er sprach etwas von seinen Brüdern, hörte aber schnell damit auf.

Als ich später darüber nachdachte, verstand ich Michael etwas besser. Seine Mutter Katherine hatte Polio als sie noch recht jung war, und hinkte seit dem. Er hatte die Auswirkungen dieser Krankheit seit seiner frühsten Kindheit miterlebt. Er wurde von einem gewalttätigen Vater erzogen und dachte, Jesus sei der Erlöser. Sein Schicksal war es, berühmt, aber dennoch ohne Geld und von anderen abhängig zu sein. Seine Menschlichkeit hatte ihn Millionen für andere spenden lassen, während er selbst momentan nicht einmal ein paar Hautcremes bezahlen konnte. Es war keine Überraschung, dass er versuchte, alles besser zu machen und die Welt heilen wollte.

Als wir beide noch etwas mehr getrunken hatten, begann er über den Prozess (von 2005) zu sprechen und wies deutlich darauf hin, dass er hereingelegt wurde.

Ich würde niemals ein Kind verletzen – jeder, der mich kennt, weiß das. Sie sagten mir, ich solle einen Teil meines Musikkatalogs abgeben, oder sie würden diesen Fall gegen mich vor Gericht bringen.“

Ich fragte: „Wer sagte das? Dein Plattenverlag?“

Jetzt, im Nachhinein, weiß ich, dass dieses Gespräch für die Öffentlichkeit von Bedeutung war, aber er hat diese Frage nie wirklich beantwortet. Er sagte, er bekam einen Anruf und bekam das unheimliche Gefühl, dass er sich sehr vor jemanden zu fürchten hatte.

Sie beobachten dich, sie beobachten uns alle,“ sagte er.

Ein kalter Schauer überkam mich und ich fiel automatisch in die Rolle des Arztes, der am Bett seines Patienten sitzt, und ihn aufmuntert, sich alles von der Seele zu reden. In Amerika glaubte man also immer noch weitverbreitet daran, dass er schuldig war, trotz des Freispruchs, weshalb er sich von seinem eigenen Volk im Stich gelassen fühlte – sogar von denjenigen, für die er sich immer eingesetzt hatte. Er sprach auch über Martin Bashir und dann verstummte er. Ich sah ihm in die Augen und sah, wie sie sich mit Tränen füllten. Er wischte sie mit dem Handrücken fort, und sagte für lange Zeit nichts mehr.

Es wird Zeit für mich wieder nach Dublin aufzubrechen,“ sagte ich.

Ich hoffe, du musst heute Nach keine Patienten mehr besuchen. Danke für das Gespräch,“ sagte er und schüttelte meine Hand.

Kein Problem, „ entgegnete ich. „Sieh mal in den Spiegel – die Filler sind schon verschwunden.“ Er holte einen Spiegel und sah sich sein Gesicht an. „Wunderbar! Genau so hatte ich es mir vorgestellt,“ sagte er. Wir standen auf und ich wollte meinen grünen Mantel holen, aber er hing nicht mehr im Flur. Wäre es irgendein anderer Mantel gewesen, hätte ich Michael einfach gebeten, ihn beim nächsten Besuch in der Klinik mitzubringen. Michael und ich suchten die unteren Zimmer ab, konnten ihn aber nirgends finden. Wir baten sogar Ray, im Auto nachzusehen, für den Fall, dass ich ihn garnicht mit hineingebracht hätte, obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass ich es hatte. Schliesslich fanden wir ihn hinter dem Sofa des Zimmers, in dem Blanket geschlafen hatte. Michael versuchte vergeblich nicht zu lachen, als er ihn mir überreichte und sagte mit einem fürchterlichem irischen Akzent: „Er ist wohl ein kleiner Dieb, ganz wie sein Vater!“

Ein paar Tage danach flog Michael nach London um bei den World Music Awards aufzutreten. Es war sein erster Auftritt in England seit fast zehn Jahren, und er wurde mit dem Diamond Award für den Verkauf von mehr als 100 Millionen Alben ausgezeichnet. Ein paar Jahre zuvor war er schon mit dem Millenium Award ausgezeichnet worden, für den Verkauf einer drei viertel Milliarde Alben im Laufe seiner Karriere. Obwohl der Applaus bei seinem Erscheinen auf der Bühne unbeschreiblich war, lief es später nicht mehr so gut, als das Publikum merkte, dass er wohl nicht mit Chris Brown zusammen Thriller singen würde. Die Zuschauer waren nicht davon beeindruckt, dass er nur eine Version von We Are The World zusammen mit einem Kinderchor performte, wobei der Chor den größten Teil des Liedes sang. Michael sang nur den Refrain bevor er sich an sein Publikum wandte und ihm „I Love You“ zurief.*

Die Britischen Medien waren gnadenlos mit ihren Kritiken. Der Daily Mirror schrieb: „Als er aufhörte zu singen, verstand keiner warum. Aber als er dann herumrannte, verloren viele Leute die Geduld. An dem Punkt begann das Ausbuhen, das lauter und lauter wurde, bis er die Bühne verlies.“ Die letzte Zeile des Berichts fasste dann zusammen: „Das sollte das große Comeback des King Of Pop sein, aber es endete im Chaos.“

Als Michael nach Irland zurückkehrte, tat er mir leid. Nach ein paar Tagen gestand er mir, dass er sich nicht mehr zutraue die Queen zu treffen, nachdem was nach de World Music Award passiert war. „Ich habe das wohl vermasselt,“ sagte er. „Ich werde die Zeitungen erst garnicht lesen. Ich weiß, dass sie mich hassen.“

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World Music Award, London 2006

World Music Awards, London 2006 – was wirklich geschah

Es gab Zeiten, da spürte ich, dass Michael einsam war und einen Freund zum reden brauchte. Sicher hatte er Grace, aber es gab noch andere Dinge, die sein Leben schwer machten. Er fürchtete, seine Fans würden ihn im Stich lassen und er würde isoliert werden, weg von seinem Zuhause, seinen Freunden und seiner Arbeit. Er wollte ein neues Album aufnehmen, aber seine Zuversicht war angeschlagen, und ich konnte ihm dabei auch keine Hilfe sein. (…)

Gegen Ende November machte ich eine weitere Reise mit Kostas Giotas, dem Direktor von Direct Hair Implant, nach Abu Dhabi, um dort 20 Patienten zu behandeln, die an dieser Methode interessiert waren. Wir flogen über Manchester, wo ich noch für ein paar Ärzte einen Vortrag über Bio-Alcamid Implantate bei HIV Patienten hielt. Während des Vortrags rief Michael an, um zu fragen, wie es mir geht, und er fragte die erstaunte Dame, die während meiner Rede mein Telefon festhielt, ob er mich sprechen könne. Er wünschte mir alles Gute und fragte, ob ich ihm als Souvenir eine Menü Karte des Emirates Palace in Abu Dhabi mitbringen könnte.

Und wenn du aus Abu Dhabi zurück bist, möchte ich mit dir noch über ein paar weitere kosmetische Behandlungen sprechen. Ich hasse es, älter zu werden und ich werde wohl für immer in Irland bleiben müssen, damit du mich jung bleiben lässt,“ sagte er lachend.

Als ich aus den Emiraten zurück war, rief Michael wieder an um zu fragen, ob ich mit Blanket zum Zahnarzt gehen könnte. Er sagte, er sei den ganzen Tag im Studio und könne seinen Sohn deshalb nicht begleiten, würde ihn aber mit einem Fahrer nach Dublin schicken. Michaels Kinder waren liebenswerte, anständige Kinder – eine Anerkennung die ihm gebührt. Blanket war der stillste, aber er erinnerte mich sehr an Michael. Auch wenn er nicht viel sprach, erstaunte es mich immer wie wachsam er war, er nahm alles auf, was um ihn herum vorging. Sein Vater sagte, zuhause sei er nicht so still, aber er brauche eine Weile um mit neuen Menschen warm zu werden. Mich hatte er schon mehrmals getroffen, deshalb war ich für ihn kein Fremder mehr.

Als Blanket gebracht wurde, holte ich ihn vom Auto ab, nahm ihn an der Hand um ihn zum Zahnarzt zu begleiten. Wie immer sah er tadellos aus. Er erweckte immer den Eindruck, als sei er frisch gebadet. Seine glänzendes schwarzes Haar, das zu einem Zopf gebunden war, umrahmte sein blasses Gesicht und die dunklen, intelligenten Augen. Die Ailesbury Klinik lag nur ein paar Schritte von der Zahnklinik entfernt, deshalb brachte ich ihn mit meiner Arztkleidung hinüber. Er sah sehr klein aus, in dem großen Behandlungsstuhl und er lies mein Gesicht nicht aus den Augen.

Als die Behandlung beendet war, nahm ich ihn mit in meine Klinik und setzte ihn auf das Sofa im Wartezimmer, wo er völlig fasziniert die blinkenden Lichter des Weihnachtsbaums ansah. Ich sagte ihm, dass er kurz fernsehen könne, während ich mich umziehen würde, um zum Mittagessen zu gehen. Es dauerte nur ein paar Minuten, und als ich zurück zum Wartezimmer ging, sagte man mir, dass sein Fahrer da sei. Blanket stand jetzt bei dem Kamin, genau neben einem Schneemann aus Holz, der viel größer war, als er. Seinen Arm hatte er um den Hals des Schneemanns gelegt. Ich stand in der Tür und sagte ihm, dass der Fahrer jetzt da sei. Er blieb wo er war. Ich streckte meine Hand aus und signalisierte ihm, dass er kommen solle, aber er bewegte sich nicht. Er kniff die entschlossen die Lippen zusammen, hielt den Schneemann noch fester, und hielt den Atem an.

Warum nimmst du deinen Freund nicht einfach mit?“ fragte ich ihn. Man konnte sehen, wie er erleichtert ausatmete und mir dann ein wunderbares Lächeln schenkte, das sein ganzes Gesicht aufleuchten lies und mich an seinen Vater erinnerte. Er ging in meine Richtung, wurde aber von dem Gewicht des Schneemanns, den er neben sich her schleppte, behindert. Ich wollte ihm tragen helfen, aber er zog ihn von mir weg – niemand ausser ihm sollte ihn anfassen! Blanket kämpfte sich mit dem Schneemann aus der Tür, wo der Fahrer ebenfalls versuchte, ihm zu helfen, aber auch das wollte er nicht. Es war lustig zu sehen, wie der kleine Kerl fest entschlossen seinen neuen Freund zum Auto schleppte, ein Bild, das ich nie vergessen werde.

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Blanket, Dezember 2006- zurück in  in Las Vegas

Ich sprach Michael noch einmal auf seine Rechnung an und er sagte, er würde einen Fahrer nach Dublin schicken. Der Fahrer kam und hatte, wie erwartet, Dollarbündel dabei. Als Weihnachten näher kam, schien er wieder sehr glücklich zu sein. Er hatte seine Familie um sich und sich überlegte, welche Geschenke er für sie kaufen wollte.

In der ersten Dezemberhälfte zog ein atlantisches Tief über Irland, und brachte viel Regen mit sich. Gegen Ende des Monats war es frostig kalt, und Michael rief mich an um zu sagen, dass er zurück in die Staaten gehen würde, um dem kalten Irischen Winter zu entkommen. Ich schätzte, es war schon lange her, dass er während des Winters in einer kalten Klimazone gelebt hatte, obwohl er in Gary, Indiana, aufgewachsen war. Am Weihnachtstag starb die Soul Ikone James Brown, und ich schickte Michael eine Nachricht, um mein Mitgefühl auszudrücken. Ich erhielt nie eine Antwort und nahm an, dass Michael sein Irisches Telefon nicht mehr benutzte. Später kontaktierte er mich jedoch, und teilte mir mit, dass er in Las Vegas wohne und so bald wie möglich nach Irland zurückkehren wolle. Die Jahre vergingen und viele andere Dinge passierten in Michaels Leben. Er kam nie zurück nach Irland.

Übersetzung: M.v.d.Linden

Dr. Patrick Treacy ist Facharzt für kosmetische Medizin und Gründer der Ailesbury Clinic in Dublin. Sein biografisches Buch, in dem ein Kapitel seiner Freundschaft mit Michael Jackson gewidmet ist, schrieb er 2015.

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2011 hielt Dr. Patrick Treacy anlässlich des Festakts zur Wiederenthüllung von Michael’s Namen am Auditorium der Gardener School, Los Angeles, eine Rede. Hier ein paar Auszüge daraus:

Elie Wiesel, ein Holocaust Überlebender, sagte 1999 in einer Rede vor dem Weissen Haus: „Dankbarkeit ist, was die Menschlichkeit eines Menschen auszeichnet.“

Und Dankbarkeit ist das, was wir heute einem schwarzen Jungen aus Amerika zeigen sollten. Sein Name ist Michael Jackson, und ich habe die Ehre, ihn einen Freund nennen zu dürfen. Oft stand er ganz alleine auf, um sich für die Kinder der Welt, oder für Opfer von Krankheit und Ungerechtigkeit einzusetzen.

Michael war sehr betrübt über das Elend, das er überall auf der Welt sah, aber noch mehr betrübte ihn die Gleichgültigkeit, die diesem Elend entgegen gebracht wurde.

Ich danke dir, dass du dich für Afrika eingesetzt hast“

Ohne Starallüren, ohne Glanz und Gloria, galt seine Sorge allein dem Leben anderer Menschen, die auf einem anderen Kontinent lebten und auf dem keiner von uns beiden geboren war.

(…)

In seiner Rede sagte Elie Wiesel auch ein paar Worte zur Gleichgültigkeit. Er sagte: “Gleichgültigkeit gegenüber den Leidenden der Welt ist, was die Menschen unmenschlich macht.”

Für eine gleichgültige Person ist der oder die Nachbar(in) unwichtig. Ihre Leben sind bedeutungslos, weil Gleichgültigkeit einen anderen zu etwas Abstraktem reduziert. Gleichgültigkeit schafft immer einen Vorteil für den Aggressor – nie für sein Opfer, dessen Schmerzen noch vermehrt werden, wenn er oder sie sich vergessen fühlt.

Michael Jackson fühlte diesen Schmerz, nicht nur den der hungrigen Kinder, sondern auch seinen eigenen, als die Menschen Amerikas gegenüber der Ungerechtigkeit, der er ausgesetzt war, gleichgültig blieben. Er wurde zu einem Gefangenen in seinem eigenen Land und floh deshalb in den Mittleren Osten und schliesslich nach Irland, meine Heimat.

Welche Ironie, dass der Mensch, der sich so sehr um die Menschheit sorgte, von dieser zurückgewiesen wurde. Es schmerzte ihn sehr, und einmal sprach er mit mir darüber, meistens jedoch wollte er nicht darüber reden und ich sprach ihn deshalb nie auf diese schmerzhaften Erinnerungen an.

Michael Jackson war niemals gleichgültig. Er brachte Licht, wo Dunkelheit war, Hoffnung, wo Verzweiflung war, er wandte sich nie von Grausamkeiten ab, wenn er Mitgefühl zeigen konnte. Wir haben gerade erst ein neues Jahrhundert begonnen, ein neues Jahrtausend. Die ersten 10 Jahre waren einige der brutalsten Zeiten denen der Planet je gegenüberstand. Das Jahrhundert begann mit den Terror Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon. Diese Aktionen brachten dieses große Land in Konflikte mit dem Irak und Afghanistan. Es gab Kriege in mehr als 20 Ländern, was einen dunklen Schatten auf die Menschlichkeit wirft: So viel Gewalt, soviel Schmerz…

Wenn es heute eines gibt, um das Andenken an Michael Jackson zu bewahren, ist das, nicht gleichgültig gegenüber dem Leid zu bleiben, das wir überall in der Welt sehen.

(…)

Lasst uns Gott dafür danken, dass er uns einen Engel wie Michael schickte, der für eine Weile unter uns lebte, und lass uns nicht dem Unrecht, das wir um uns herum sehen, gleichgültig gegenüber stehen. Wenn Michael etwas von uns erwarten würde, das ihn glücklich machen würde, wenn er heute auf uns herunter schaut, dann wäre es, dass wir uns nicht von den Opfern von Unterdrückung und Gewalt abwenden und wenn wir jemals im Unklaren darüber sind, wie wir zu handeln haben… überlegt einfach:

“Was würde Michael tun?”

https://www.youtube.com/watch?v=yA4NcqoyD00

Rolling Stone Interview mit Paris Jackson – Leben nach Neverland

Original: Rolling Stone

Übersetzung des Rolling Stone Interviews mit Paris Jackson – Leben nach Neverland (von Brian Hiat)

In ihrem ersten ausführlichen Interview spricht Michael Jacksons Tochter über die Leiden ihres Vaters und wie sie nach Abhängigkeit und seelischer Qual ihren Frieden findet.

Paris Michael Katherine Jackson starrt auf einen berühmten Körper. „Das ist Marilyn Monroe,“ flüstert sie, und blickt auf eine Wand voller grauenhafter Autopsiefotos. „Und das ist JFK. Diese Fotos findet man nicht einmal online.“

An einem Donnerstag Nachmittag, Ende November, schlendert Paris durch das Museum of Death, ein vollgestopftes Labyrinth von nach Formaldehyd riechendem Horror auf dem Hollywood Boulevard. Es ist nicht unüblich, dass die mit Enthauptungsfotos, Snuff Filmen und Devotionalien von Serienkillern konfrontierten Besucher in Ohnmacht fallen, oder sich übergeben müssen. Aber Paris, noch nicht so weit entfernt von der Emo- und Gothic Phase ihrer frühen Teenagerzeit, scheint all das auf irgendeine Art beruhigend zu finden. Es ist ihr neunter Besuch. „Es ist beeindruckend,“ sagt sie während ihres Rundgangs, „sie haben einen echten Elektrischen Stuhl und einen echten Kopf!“

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Paris Jackson fotografiert in Los Angeles am 12.12.2016 von David LaChapelle

Letzten April wurde Paris 18 Jahre alt. Durch ihr Leben, dass sich zwischen behütet und qualvoll exponiert sein abspielte, kann sie in einem Augenblick viel älter, und im nächsten viel jünger erscheinen. Mit ihrem Mix aus Hippie-Punk Modegeschmack (heute trägt sie ein Batik-Shirt, Leggings und Converse High-Tops) und ihrem grenzenlosen Musikgeschmack (ihre Sneaker sind dekoriert mit Lyrics von Mötley Crüe und Arctic Monkeys; sie ist besessen von Alice Cooper – den sie “bae” (Schatz) nennt – und dem Songwriter Butch Walker; liebt Nirvana aber auch Justin Bieber), ist sie ein echtes Kind des 21. Jahrhunderts. Aber noch viel mehr ist sie das Kind ihres Vaters. „Als Mensch ist sie im Grunde genau wie mein Vater,“ sagt ihr älterer Bruder, Prince Michael Jackson. „Der einzige Unterschied ist ihr Alter und ihr Geschlecht.“ Paris ist Michael sehr ähnlich, fügt er hinzu, „in all ihren Stärken und fast all ihren Schwächen. Sie ist sehr leidenschaftlich. Sie ist sehr emotional, bis zu dem Punkt, an dem ihre Emotionen ihr Urteilsvermögen trüben.“

Mit verblüffender Geschwindigkeit hat sich Paris mehr als 50 Tattoos zugelegt, die ersten schon heimlich, als sie noch nicht Volljährig war. Neun davon sind Michael Jackson gewidmet, der starb, als sie 11 Jahre alt war und sie, Prince und ihren jüngsten Bruder Blanket damit aus ihrer – wie sie es wahrnahmen – abgeschiedenen, beinahe idyllischen kleinen Welt heraus riss.

Man sagt immer „Die Zeit heilt alle Wunden“, sagt sie. „Aber das stimmt nicht. Du gewöhnst dich nur daran. Ich lebe mit dem Bewusstsein ‘Ok, ich habe das Einzige verloren, das je wichtig für mich war’. Alles, was mir in der Zukunft Schlechtes widerfährt kann niemals schlimmer sein, als das, was schon passiert ist. Auf diese Art kann ich damit umgehen.“ Michael besucht sie noch immer in ihren Träumen, sie sagt: „Ich fühle ihn ständig, er ist immer bei mir.“

Michael, der sich selbst als Peter Pan sah, liebte es, seine einzige Tochter Tinker Bell zu nennen. Neben ihr Schlüsselbein hat sie sich FAITH, TRUST AND PIXIE DUST tätowieren lassen. Auf ihrem Unterarm hat sie das Bild vom Dangerous Album, auf der Hand das BAD – Logo, und die Worte QUEEN OF MY HEART – in der Handschrift ihres Vaters – einem Brief, entnommen, den er ihr einst schrieb – stehen seitlich auf dem linken Handgelenk. „Er hat mir immer nur Freude geschenkt,“ sagt sie. „Warum sollte ich mich also nicht ständig an diese Freude erinnern?“

Sie hat auch Tattoos zu Ehren von John Lennon, David Bowie und den zeitweisen Rivalen ihres Vaters, Prince. Dazu Van Halen und, innen auf ihrer Unterlippe, das Wort MÖTLEY (ihr Freund trägt an gleicher Stelle CRÜE). Am rechten Handgelenk trägt sie ein geflochtenes Bändchen mit Jade, das Michael in Afrika kaufte. Er trug es, als er starb und Paris’ Nanny hat es für sie wiedergefunden. „Es riecht immer noch nach ihm,“ sagt Paris.

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Michaels Armband

Ohne mit der Wimper zu zucken heftet sie ihre blau-grünen Augen auf die Attraktionen des Museums, bis sie zur Abteilung mit den Tierpräparaten kommt. „Diesen Raum mag ich nicht so sehr“, sagt sie und rümpft die Nase. „Bei Tieren ist meine Grenze erreicht. Das kann ich einfach nicht. Es bricht mir das Herz.“ Vor kurzem nahm sie Koa, einen hyperaktiven Pit-Bull-Mischling Welpen auf, der jetzt ein unruhiges Zusammenleben mit dem eher gemütlichen Labrador Kenya führt, den ihr Dad vor 10 Jahren mit nach Hause brachte.

Paris beschreibt sich selbst als „desensibilisiert“ gegenüber selbst drastischster Darstellungen der menschlichen Sterblichkeit. Im Juni 2013, ertrinkend in Depressionen und Drogenabhängigkeit, versuchte sie sich im Alter von 15 Jahren das Leben zu nehmen, indem sie sich die Pulsadern aufschnitt und 20 Motrin Pillen schluckte. „Es war purer Selbsthass,“ sagt sie, „ein geringes Selbstwertgefühl, der Gedanke, nichts wirklich richtig zu machen, und es nicht Wert zu sein, weiter zu leben.“ Sie hatte sich selbst Verletzungen zugefügt, sich geritzt und es gelang ihr, es vor ihrer Familie zu verbergen. Einige ihrer Tattoos verdecken jetzt die Narben und auch das, was, wie sie sagt, Spuren ihres Drogengebrauchs sind. Sie hatte schon zuvor Selbstmordversuche durchgeführt, „viele Male“, sagt sie mit einem unpassenden Lachen. „Es war nur dieses eine Mal, dass es bekannt wurde.“ In dem Krankenhaus gab es eine „3 Versuche Regel“, erinnert sie sich, und nach diesem letzten Versuch bestand man darauf, dass sie sich einer Stationären Therapie unterziehe.

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Paris als Cheerleader für ihre Sherman Oaks High School, 2013

Bis zum Tod ihres Vaters zuhause unterrichtet, stimmte Paris zu, die 7. Klasse einer Privatschule zu besuchen. Sie passte nicht hinein – überhaupt nicht – und begann ihre Zeit mit den einzigen Kindern zu verbringen, die sie überhaupt akzeptierten. „Viele ältere Leute, die viele verrückte Dinge taten“, sagt sie. „Ich habe einige Sachen gemacht, die 13-, 14-, 15-Jährige nicht tun sollten. Ich versuchte zu schnell erwachsen zu werden, und ich war kein wirklich netter Mensch.“ Sie hat auch Erfahrungen mit Cyber-Mobbing gemacht, und leidet noch immer unter grausamen Online-Kommentaren. „Die Sache mit der Redefreiheit ist klasse“, sagt sie. „aber ich denke nicht, dass unsere Gründerväter die Social Media vorausgeahnt haben, als sie diese Gesetze und Dinge ins Leben riefen.“

Es gibt ein weiteres traumatisches Erlebnis, das sie nie öffentlich erwähnt hat. Sie sagt, als sie 14 Jahre alt war habe ein „völlig Fremder“ sie sexuell belästigt.

Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. Aber es war keine sehr gute Erfahrung, es war sehr schwer für mich und zu dieser Zeit habe ich es niemanden erzählt.“

Nach ihrem letzten Selbstmordversuch absolvierte sie das zweite Highschool Jahr und die Hälfte des darauffolgenden Jahres in einer therapeutischen Schule in Utah. „Für mich war es das Beste,“ sagt sie, “ich bin ein völlig anderer Mensch.“ Vorher, sagt sie mit einem kleinen Lächeln, „war ich verrückt. Ich war wirklich verrückt. Ich machte so viel durch, Teenager-Ängste und solche Dinge. Und ich versuchte, mit meiner Depression und meinen Ängsten ohne Hilfe klar zu kommen.“ Sie sagt, ihr Vater litt ebenfalls unter Depressionen, und ihr wurden die gleichen Antidepressiva verschrieben, die er zuvor nahm. Jetzt braucht sie jedoch keine Psychopharmaka mehr.

Nachdem sie nüchterner und glücklicher war, als je zuvor, mit Menthol-Zigaretten als einzigem verbliebenen Laster, zog Paris kurz nach ihrem 18. Geburtstag aus dem Haus ihrer Großmutter Katherine aus und in das alte Familien Anwesen der Jacksons. Sie verbringt fast jede Minute eines jeden Tages mit ihrem Freund Michael Snoddy, einem 26-Jährigen Schlagzeuger, Mitglied der Percussion Band Street Drum Corps, und in Virginia geboren, dessen gefärbter Irokesenschnitt, Tattoos und ständig herunterhängende Hosen nicht den Boyband-Look und das welpenhaft Süße verbergen können. „Ich habe nie zuvor jemanden kennengelernt, der mich so fühlen lies, wie Musik mich fühlen lässt“, sagt Paris.

Als sie sich kennenlernten, hatte er ein unüberlegtes, mittlerweile überdecktes Tattoo der Südstaatenflagge, das bei den Jacksons verständlicher Weise Bedenken auslöste. „Aber als ich ihn besser kennenlernte“, sagt Prince, „war er ein wirklich netter Kerl.“

2015, Nach dem Abschluss der Highschool – den sie ein Jahr vorgezogen hatte – stattete Paris einem College einen kurzen Besuch ab, aber es war nicht das Richtige für sie. Sie ist Erbin eines riesigen Vermögens – der Michael Jackson Family Trust ist mehr als 1 Milliarde wert, mit in verschiedenen Schritten gestaffelten Auszahlungen an die Kinder. Aber sie möchte ihr eigenes Geld verdienen und jetzt, da sie dem Gesetz nach erwachsen ist, ein anderes Erbe antreten: die Berühmtheit. Und welche Wahl hat sie, als charismatische, wunderschöne Tochter eines der berühmtesten Männer der Welt? Momentan ist sie Modell, Schauspielerin – alles noch in Arbeit. Wenn ihr danach ist, kann sie eine majestätische Haltung einnehmen, die fast einschüchternd wirkt, wobei sie dennoch locker genug bleibt, um sich auch mit ihrem mit einem gigantischem Ziegenbart ausgestatteten Tätowierer anzufreunden. Sie hat tadellose Manieren – man kann sich vorstellen, dass sie wohlerzogen wurde. Vor kurzem bezaubere sie so den Produzenten Lee Daniels, der jetzt mit ihrem Manager über eine Rolle in seiner Show „Star“ auf Fox verhandelt. Sie spielt verschiedene Instrumente, schreibt und singt Songs (ein paar davon hat sie mir auf einer Akustik-Gitarre vorgespielt, und sie sind vielversprechend, wenn sie auch eher an Laura Marling, als an Michael Jackson erinnern), aber sie ist sich nicht sicher, ob sie den Gedanken an einen Plattenvertrag verfolgen soll.

Besonders als Model zu arbeiten, ist für sie wie selbstverständlich und sie findet es heilsam. „Ich hatte sehr lange Zeit Probleme mit dem Selbstwertgefühl“, sagt Paris, die die kosmetischen Eingriffe ihres Vaters sehr gut versteht, nachdem sie selbst erfahren hat, wie Online-Trolls ihr Aussehen auseinandernahmen seitdem sie 12 Jahre alt war.

Viele Leute finden mich hässlich, und viele finden das nicht. Aber wenn ich als Modell arbeite, kommt dieser Moment, in dem ich all die Probleme mit dem Selbstbewusstsein vergesse, und mich nur auf das konzentriere, was der Fotograf mir sagt – und dann fühle ich mich schön. So gesehen ist es eigennützig.“

Hauptsächlich teilt sie jedoch die Heal-The-World-Impulse ihres Vaters („Ich habe wirklich Angst um das Great Barrier Reef,“ sagt sie. „Es stirbt. Der ganze Planet stirbt. Die arme Erde, Mensch.“) und sieht Berühmtheit als ein Mittel, um Aufmerksamkeit auf ihr wichtige Anliegen zu lenken. „Ich bin mit dieser Plattform geboren“, sagt sie. „Soll ich es verschwenden und mich verstecken? Oder soll ich es ausweiten und für wichtigere Zwecke einsetzen?“

Ihr Dad hätte wohl nichts dagegen einzuwenden. „Wenn du größer werden möchtest, als ich, dann kannst du es werden“, sagte er zu ihr. „Aber wenn du es nicht willst, ist es auch ok. Ich möchte nur, dass du glücklich bist.“

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Michael mit Prince und Paris, 2003

Momentan wohnt Paris in dem privaten Studio, in dem ihr Dad das Demo von „Beat It“ aufnahm. Das Haupthaus im Tudor-Stil auf dem jetzt leerstehenden Familienanwesen der Jacksons in Encino, L.A., von Joe Jackson 1971 mit den ersten Einnahmen der J5 gekauft, und von Michael in den Achtzigern neu aufgebaut, wird zurzeit renoviert. Aber das von Michael gebaute Studio in einem Backsteingebäude auf der anderen Hofseite, hat etwa die Größe eines ordentlichen Apartments in Manhattan, komplett mit eigener Küche und Badezimmer. Paris hat es in ein atmosphärisches, kuscheliges Schlafzimmer verwandelt.

Die Spuren ihres Vaters finden sich überall, am deutlichsten in den Kunstwerken, die er beauftragte. Ausserhalb des Studios gibt es ein gerahmtes Bild im Disney-Stil, mit einem Cartoon-Schloss und einem gezeichneten Michael im Vordergrund, umarmt von einem kleinen, blonden Jungen. Die Inschrift lautet: „Von Kindern, Schlössern und Königen“. Im innern nimmt ein Wandgemälde die ganze Wand ein, mit einem weiteren Cartoon-Michael, der ein grünes Buch mit dem Titel „Die Geheimnisse des Lebens“ festhält, und aus einem blumenumrankten Fenster blickt.

Die von Paris ausgewählte Dekoration sieht etwas anders aus. Da gibt es ein Bild von Curt Cobain im Badezimmer, ein Poster von den Smashing Pumpkins an der Wand, einen Laptop mit Against Me!, sowie Never Ending Story Aufklebern, psychedelisch anmutende Wandbehänge, viele falsche Kerzen. Vinyl Schalplatten (Alice Cooper,The Rolling Stones) dienen als Wanddekoration. In der Küche steht ganz beiläufig eine gerahmte Platin-Schallplatte, mit der Aufschrift „für Michael gewidmet von Quincy Jones“. („Die habe ich am Dachboden gefunden,“ sagt Paris schulterzuckend.)

Über der benachbarten Garage befindet sich ein Mini-Museum, das Michael als Überraschungsgeschenk für seine Familie gestaltete. Die Wände und Decken sind mit Fotos ihrer Geschichte bedeckt. Michael hat dort seine Tanzschritte geübt; jetzt steht das Schlagzeug von Paris’ Freund da.

Wir machen uns auf den Weg in ein nahegelegenes Sushi Restaurant, und Paris beginnt vom Leben auf Neverland zu erzählen. Sie verbrachte die ersten 7 Jahre ihres Lebens auf der 2700-acre großen Fantasiewelt ihres Vaters, mit eigenem Vergnügungspark, Zoo und Kino. („Alles, was ich als Kind nie tun konnte“, nannte Michael es.) Während dieser Zeit wusste sie nicht, dass ihr Vater Michael hieß und von seinem Ruhm wußte sie noch viel weniger. „Ich dachte, sein Name sei Dad, Daddy“, sagt sie. „Wir wussten nicht wirklich, wer er war. Aber er war unsere Welt. Und wir waren seine Welt.“ (Letztes Jahr erklärte Paris den Film Captain Fantastic, in dem Viggo Mortensen einen exzentrischen Vater spielt, der versucht, für seine Kinder einen utopischen Zufluchtsort zu erschaffen, zu ihrem „Lieblingsfilm aller Zeiten“.)

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Paris und Michael, Neverland 2001

Wir konnten nicht einfach Karussell fahren, wenn wir Lust hatten“, erinnert sie sich während sie im Dunkeln am Rand einer Strasse in Encino entlangläuft. Sie liebt es, auf der Seitenmarkierung zu laufen, viel zu dicht an den Autos – es macht ihren Freund verrückt, und mir gefällt es auch nicht. „Eigentlich hatten wir ein ziemlich normales Leben. Zum Beispiel hatten wir jeden Tag Schule, und wir mussten gut sein. Und wenn wir gut waren, durften wir jedes zweite Wochenende wählen, ob wir ins Kino wollten, oder die Tiere besuchen oder was auch immer. Aber wenn du dich nicht gut benommen hattest, dann durftest du diese Dinge nicht tun.“

2011 beschrieb Michaels Bruder Jermaine ihn in seinem Memoir als „Beispiel für das, was ein Vater sein sollte. Er verinnerlichte in ihnen die Liebe, die unsere Mutter uns gab und er bot ihnen diese gefühlsbetonte Vaterschaft, die unser Vater, wenn auch unverschuldet, uns nicht bieten konnte. Michael war Vater und Mutter zugleich.“

Michael bot den Kindern die Wahl, eine reguläre Schule zu besuchen. Aber sie lehnten es ab. „Wenn du zuhause bist“, sagt Paris, „wird dein Daddy, den du mehr liebst, als alles andere, ab und zu mitten in der Schulstunde vorbeikommen, und dann heisst es: ‘Oh, cool, keinen Unterricht mehr heute, wir machen jetzt etwas mit Daddy zusammen.’ Wir dachten: ‘Wir brauchen keine Freunde. Wir haben doch dich, Daddy, und den Disney Channel!’“ Sie war, wie sie bemerkt, „ein ganz schön verrücktes Kind.“

Ihr Vater brachte ihr auch das Kochen bei. Größtenteils Soulfood. „Er war ein super Koch“, sagt sie. „Sein gebratenes Hühnchen ist das weltbeste. Er brachte mir auch bei, Süßkartoffel-Pie zu backen.“ Paris bäckt vier solcher Kuchen für Thanksgiving bei ihrer Großmutter – das einen Tag vor dem eigentlichen Feiertag gefeiert wird, wegen dem Zeugen Jehova-Glauben Katherines.

Michael schulte Paris in allen erdenklichen Musikgenres. „Mein Vater arbeitete mit Van Halen, also hörte ich Van Halen“, sagt sie. „Er arbeitete mit Slash, also hörte ich Guns N’ Roses. Er machte mich mit Tchaikovsky und Debussy, Earth, Wind and Fire, den Temptations, Tupac, Run-DMC vertraut.“

Sie sagt, Michael legte Wert auf Toleranz. „Mein Dad erzog mich in einem sehr toleranten Haus“, sagt sie. „Ich war acht Jahre alt und in diese Frau auf dem Cover eines Magazins verliebt. Anstatt mit mir zu schimpfen, wie die meisten homophoben Eltern, machte er Spass mit mir und sagte: ‘Oh, du hast dir eine Freundin gesucht.’“

Das, worauf er bei uns den größten Wert legte“, sagt Paris, „ausser uns zu lieben, war Bildung.“ Und er sagte nicht Dinge wie: ‘Oh yeah, der große Columbus entdeckte dieses Land!’ Er sagte: ‘Nein, verdammt nochmal, er hat die Ureinwohner abgeschlachtet!’“

Hat er es wirklich so ausgedrückt? „Er hatte ein bisschen ein schmutziges Mundwerk. Er fluchte wie ein Seemann.“ Aber er war auch „sehr schüchtern.“

Paris und Prince sind sich durchaus darüber bewusst, dass die Öffentlichkeit ihre Abstammung anzweifelt. (der jüngste Bruder Blanket ist wegen seiner dunkleren Haut weniger Opfer der Spekulationen) Die Mutter von Paris ist Debbie Rowe, eine Krankenschwester, die Michael kennenlernte, als sie als Arzthelferin bei seinem Hautarzt, dem verstorbenen Arnold Klein, arbeitete. Sie führten über 3 Jahre eine eher unkonventionelle anmutende Ehe, während der, wie Rowe einmal aussagte, sie nie ein gemeinsames Heim teilten. Michael sagte, Rowe wollte ihm die Kinder „als ein Geschenk“ an ihn geben. (Rowe sagte, Paris erhielt ihren Namen nach dem Zeugungsort.) Ihr Arbeitgeber Klein war einer von mehreren Männern – darunter auch der Schauspieler Mark Lester, der 1968 die Hauptrolle im Film Oliver! Spielte – die einräumten, sie könnten Paris eigentlicher leiblicher Vater sein.

Zwischen Popcorn-Shrimps und Lachs-Röllchen, stimmt Paris zu, dieses eine Mal über diese Angelegenheit zu sprechen. Sie hätte sich für eine einfache Antwort entscheiden können, hätte sagen können, dass es nichts zur Sache tut, weil Michael Jackson so oder so ihr Vater ist. Das ist, was ihr Bruder – der sich selbst als „objektiver“ als Paris beschreibt – anscheinend vorschlägt. „Jedes Mal wenn mich jemand fragt“, sagt Prince, „frage ich: ‘Was ist der Punkt?’ Was für einen Unterschied macht es? Besonders für jemanden, der mit meinem Leben überhaupt nichts zu tun hat. In wie fern betrifft das dein Leben? Meines verändert es nicht.“

Aber Paris ist sich sicher, dass Michael Jackson ihr biologischer Vater ist. Sie glaubt es mit einer Leidenschaft, die sowohl berührend als in diesem Moment auch absolut überzeugend ist.

Er ist mein Vater“, sagt sie, und blickt mir scharf in die Augen. „Er wird immer mein Vater sein. Nie war er es nicht, und nie wird er es nicht sein. Leute die ihn wirklich gut kannten, sagen, dass sie ihn in mir erkennen, auf eine fast beängstigende Art.“

Ich sehe mich selbst als Schwarz“, sagt sie und fügt später hinzu, dass ihr Dad „mir in die Augen sah und mit dem Finger auf sie deutete und sagte: ‘Du bist Schwarz. Sei stolz auf deine Wurzeln.’ Und ich dachte: ‘Ok, er ist mein Vater, warum sollte er mich anlügen?’ Ich glaube einfach, was er mir gesagt hat. Weil ich nicht wüsste, dass er mich je angelogen hätte.“

Die meisten Leute, die mich nicht kennen, sagen ich sei weiß“, räumt Paris ein. „Ich habe helle Haut, und besonders seit dem ich meine Haare blond gefärbt habe, sehe ich aus, als sei ich in Finnland oder so geboren.“ Sie deutet an, dass es ja nicht gerade unbekannt sei, dass gemischtrassige Kinder so aussehen, wie sie – und führt aus, dass ihr Teint und ihre Augenfarbe so ähnlich seien, wie bei dem Schauspieler Wentworth Miller, der einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter habe.

Anfangs hatte sie keine Beziehung zu Rowe. „Als ich sehr, sehr jung war, hat meine Mutter einfach nicht existiert“, erinnert sich Paris. Schliesslich wurde ihr klar, „dass ein Mann keine Kinder bekommen kann“ – und als sie etwa 10 Jahre alt war, fragte sie Prince: „Wir müssen eine Mutter haben, oder?“ Also fragte sie ihren Dad, „und er sagte: ‘Yeah.’ Und ich: ‘Wie heisst sie?’ Und er sagte nur: ‘Debbie.’ Und ich: ‘OK, dann kenne ich jetzt ihren Namen.’“

Nach dem Tod ihres Vaters begann sie online über ihre Mutter nachzuforschen, und als Paris 13 Jahre alt war, trafen sie sich.

Im Zuge ihrer Behandlung in Utah, entschloss sich Paris, erneut Kontakt mit Rowe aufzunehmen. „Sie brauchte eine Mutterfigur“, sagt Prince, der es ablehnt über sein eigenes Verhältnis – oder besser fehlendes Verhältnis – zu Rowe zu sprechen. (Paris’ Manager lehnte es ab, Rowe für ein Interview zu bestellen, und Rowe reagierte nicht auf unsere Anfrage, nach einem Kommentar.)

Ich hatte viele Mutterfiguren“, entgegnet Paris, und zählt unter anderem ihre Großmutter und die Kindermädchen auf. „Aber zu der Zeit, als meine Mutter in mein Leben trat, war es nicht dieses „Mama“-Ding. Es ist eher ein Verhältnis zwischen Erwachsenen.“ Paris erkennt sich selbst in Rowe, die gerade eine Chemotherapie im Kampf gegen Brustkrebs durchstand: „Wir sind beide sehr stur.“

Paris ist sich nicht ganz sicher, was Michael für Rowe empfand, sagt aber, dass Rowe in ihren Vater „verliebt“ war. Sie ist sich auch sicher, dass Michael Lisa Marie Presley liebte, von der er sich zwei Jahre vor Paris Geburt scheiden lies. „In dem Musikvideo ‘You Are Not Alone’ kann ich erkennen, wie er sie ansah, und er war völlig von ihr eingenommen“, sagt sie mit einem zärtlichen Lachen.

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Paris mit ihrer Mutter Debbie Rowe

Paris Jackson war etwa neun Jahre alt, als ihr bewusst wurde, dass ein großer Teil der Welt ihren Vater nicht so sah, wie sie es tat. „Nachts weinte mein Vater bei mir“, sagt sie, als sie Mitte Dezember an der Theke eines New Yorker Cafés sitzt, und einen kleinen Löffel in ihrer Hand wiegt. Sie fängt auch an zu weinen. „Stell dir vor, dein Vater weint bei dir, weil die Welt ihn dafür hasst, etwas getan zu haben, das er nicht getan hat. Und für mich, war er das einzige, was zählte. Ich sah, wie meine ganze Welt litt, und ich begann die Welt zu hassen, für das, was sie ihm antaten. Ich dachte: ‘Wie können die Menschen nur so gemein sein?’“ Sie unterbricht. „Tut mir leid, ich werde emotional.“

Paris und Prince haben keinen Zweifel daran, dass ihr Vater trotz der mehrfachen Kindesmissbrauchs Beschuldigungen unschuldig war, dass der Mann, den sie kannten, der wirkliche Michael war. Wiederum sind sie sehr überzeugend – könnten sie von Tür zu Tür gehen, und darüber reden, würden sie die ganze Welt umstimmen.

Nur ich und meine Brüder sahen wie er uns abends, bevor wir zu Bett gingen, A Light in The Attic vorlas“, sagt Paris. „Keiner weiß, wie es ist, ihn als Vater zu haben. Und wenn sie es wüssten, würde sich ihre gesamte Wahrnehmung von ihm für immer völlig verändern.“ Ich werfe vorsichtig ein, dass das, was Michael ihr in diesen Nächten sagte, ganz schön hart für eine 9-jährige war. „Er hat uns nicht beschissen“, entgegnet Paris. „Du versuchst, deinen Kindern die best mögliche Kindheit zu schenken. Aber du musst sie auch auf die beschissene Welt vorbereiten.“

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Auszug aus “A Light In The Attic” von Shel Silverstein

Michaels Prozess von 2005 endete mit einem Freispruch, aber er zerstörte seine Reputation und veränderte die Lebensweise seiner Familie. Er entschied sich, Neverland für immer zu verlassen. Die nächsten 4 Jahre reisten sie durch die Welt, verbrachten lange Zeit im ländlichen Irland, im Bahrein, in Las Vegas. Paris machte es nichts aus – es war aufregend, und ihr Zuhause war da, wo ihr Daddy war.

2009 bereitete Michael sich auf ambitionierte Comeback Konzerte in der O2 Arena in London vor. „Er machte es für uns zum großen Ereignis“, erinnert sich Paris. „Er sagte: ‘Yeah, wir werden für ein Jahr in London leben.’ Und wir waren sehr gespannt – wir hatten sogar schon ein Haus dort, in dem wir wohnen würden.“ Aber Paris erinnert sich auch an seine „Erschöpfung“, als die Proben begannen. „Ich sagte zu ihm: ‘mach doch ein Schläfchen’, denn er sah müde aus. Wir waren dann in der Schule, was bedeutet, wir waren im Wohnzimmer im Erdgeschoss, und wir sahen, wie Staub von der Decke fiel und hörten das Stampfen, weil er oben am proben war.“

Paris hat eine bleibende Abneigung gegenüber AEG Live, dem Veranstalter der geplanten This Is It Tour – ihre Familie verlor den Prozess wegen fahrlässiger Tötung gegen sie, weil die Jury die Behauptung AEGs, dass Michael für seinen Tod selbst verantwortlich sei, akzeptierte. „AEG behandelt ihre Performer nicht gut“, wirft Paris ihnen vor. „Sie laugen sie aus und arbeiten sie zu Tode.“ (Ein Vertreter von AEG lehnte einen Kommentar ab.) Sie erzählt, dass sie Justin Bieber auf seiner letzten Tour ansah und Angst um ihn hatte. „Er war müde, so wie er durch die Bewegungen ging. Ich sah auf mein Ticket und sah AEG Live, und dachte zurück daran, dass mein eigener Vater ständig erschöpft war aber nicht schlafen konnte.“

Paris macht Dr. Conrad Murray – der wegen fahrlässiger Tötung ihres Vaters verurteilt wurde – verantwortlich für die Abhängigkeit von dem für den Tod ursächlichen Narkosemittel Propofol. Sie nennt ihn „den Doktor“, und macht dazu satirische Anführungszeichen in der Luft. Aber sie hat schlimmere Verdächtigungen zum Tod ihres Vaters.

Er lies Andeutungen fallen über Leute, die hinter ihm her waren“, sagt sie. „Und einmal sagte er in etwa: ‘Eines Tages werden sie mich umbringen.’“ (Lisa Marie Presley berichtete Oprah über ein ähnliches Gespräch mit Michael, der seine Ängste darüber ausdrückte, dass ungenannte Parteien es auf ihn abgesehen hätten, um seine Hälfte des mehreren Millionen schweren Sony/ATV Musikkatalogs zu bekommen.)

Paris ist davon überzeugt, dass ihr Vater auf irgendeine Art ermordet wurde. „Absolut“, sagt sie. „Denn es ist offensichtlich. Alle Zeichen deuten darauf hin. Es hört sich total nach einer Verschwörungstheorie an und es hört sich nach Mist an, aber alle echten Fans und jeder in der Familie weiß es. Es war geplant. Es war Bullshit.“

Aber wer hätte Michael Jackson gerne tot gesehen? Paris überlegt ein paar Sekunden lang, vielleicht, weil sie eine bestimmte Antwort in Erwägung zog, aber sagt dann nur: „Viele Leute.“

Paris möchte Vergeltung, oder zumindest Gerechtigkeit. „Natürlich“, sagt sie mit glühendem Blick. Natürlich möchte ich das, aber es ist wie ein Schachspiel. Und ich versuche, das Spiel richtig zu spielen. Das ist alles, was ich im Moment dazu sagen kann.“

Michael lies seine Kinder in der Öffentlichkeit Masken tragen. Eine Sache, die Paris zuerst als „blöd“ empfand, später jedoch verstand. Um so beeindruckender war es, als ein tapferes kleines Mädchen am 7.7.2009 auf der im TV übertragenen Trauerfeier für ihren Daddy, spontan ans Mikrophon trat: „Seit ich geboren bin“, sagte sie,“war Daddy der beste Vater, den man sich nur vorstellen konnte, und ich wollte nur sagen, ich liebe ihn so sehr.“

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Paris spricht auf Michaels Memorial, 7. September 2009

Sie war 11 Jahre alt, aber sie wusste was sie tat. „Ich wusste, dass es danach viel dummes Gerede geben würde“, sagt Paris. „Viel Leute würden ihn, und wie er uns erzogen hatte, hinterfragen. Das war das erste Mal, dass ich ihn je in der Öffentlichkeit verteidigte, und es war definitiv nicht dass letzte Mal.“ Für Prince war das, was seine jüngere Schwester in dem Moment zeigte „mehr Stärke, als alle anderen von uns hatten.“

Am Tag nach ihrem Ausflug zum Museum of Death, fahren Paris, Michael Snoddy und Tom Hamilton, ihr 31-Jähriger, nach Modell aussehender Manager, nach Venice Beach.

Wir schlendern an der Strandpromenade entlang und Snoddy erinnert sich an die Zeit, als er anfänglich als Strassenkünstler nach L.A. gekommen war. „Es war nicht schlecht“, sagt er. „Im Schnitt habe ich 100 Bucks am Tag gemacht.“

Paris hat ihre Haarverlängerungen zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trägt eine Sonnenbrille mit kreisrunden Gläsern, ein grünes Shirt über einer Leggings und einen Rucksack im Rasta-Muster. Heute ist ihre Stimmung dunkler. Sie spricht nicht viel, und schmiegt sich eng an Snoddy, der ein Willie Nelson Shirt mit abgeschnittenen Ärmeln trägt.

Wir gehen in Richtung der Kanäle, an denen ultramoderne Häuser stehen, die Paris nicht mag. „Sie sehen zu streng aus“, sagt sie, „sie rufen dir nicht zu: ‘Hey, komm doch zum Essen rein!’“ Sie erfreut sich an einer Gruppe Enten. „Hallo, Freunde!“ ruft sie. „Kommt, wir spielen!“ Unter den Enten befindet sich ein Paar, das aussieht wie ein verliebtes Vogelpaar, das in enger Verbundenheit durch das trübe Wasser schwimmt. Paris seufzt und drückt Snoddys Hand. „Ziele“, sagt sie. „Hashtag ‘Ziele’.“

Ihre Stimmung verbessert sich und wir kehren zum Strand zurück, um den Sonnenuntergang anzusehen. Paris und Snoddy steigen auf eine Betonabsperrung und blicken in Richtung des orange-rosa Spektakels. Es ist ein friedlicher Augenblick, bis eine mittelalte Frau in neonfarbener Jogging-Kleidung und knielangen Socken vorbei läuft. Sie grinst das Paar an und drückt den Knopf ihrer kleinen, an der Hüfte befestigten Stereoanlage, woraufhin ein etwas altmodische klingender Trance-Song ertönt. Paris lacht und dreht sich zu ihrem Freund. Als die Sonne verschwindet, beginnen sie zu tanzen.

Übersetzung: M.v.d.Linden