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Andersartigkeit und Macht – Amerikanischer Messias

by on 13. May 2017

Copyright © 2014 by Susan Woodward

Alle Rechte vorbehalten: Dieses Buch oder Teile davon dürfen ohne ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Verlages nicht vervielfältigt oder in irgendeiner Form verwendet werden, ausgenommen kurze Zitate in einer Buchrezension oder einem wissenschaftlichem Fachblatt.

Andersartigkeit und Macht – Einleitung

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Michael Jacksons Thriller Album wurde am 1. Dezember 1982 veröffentlicht. Es wurde rasch zum bestverkauften Album aller Zeiten, was es bis heute geblieben ist. Im Mai 1983 performte Jackson „Billie Jean“ beim TV Special zu Motowns 25-jährigem Jubiläum, elektrisierte die Zuseher mit seinem Tanz und spornte das Interesse an Thriller weiter an. Im Dezember 1983 debütierte Jacksons Musikvideo zu „Billie Jean“ auf MTV nach seinem Kampf, um den Sender dazu zu bringen, das erste Video eines schwarzen Künstlers auszustrahlen. Im Mai 1984 wurde Jackson ins Weiße Haus eingeladen, um Präsident Reagan zu treffen und eine Auszeichnung für seine Unterstützung einer Kampagne gegen jugendliche Trunkenheit am Steuer entgegenzunehmen. Aber seine womöglich größte Leistung war, Rassenschranken in einer geteilten Musikszene zu Fall zu bringen und eine rückläufige Musikindustrie durch den enormen Erfolg von Thriller neu zu beleben.

Jackson war natürlich seit seiner Kindheit der Star der Jackson 5, aber als Thriller veröffentlicht wurde, war er nicht mehr daran interessiert, mit seinen Brüdern aufzutreten. Er stimmte allerdings widerwillig zu, sich ihnen für eine letzte Konzertserie, der Victory Tour, anzuschließen, nachdem er von seiner Familie dazu gedrängt wurde. Die Ankündigung der Tour im September 1983 wurde mit enormer Aufregung begrüßt, da Jackson seit der Veröffentlichung von Thriller nicht mehr live aufgetreten war. Doch als Probleme mit der Tourplanung auftraten, änderte sich die Stimmung der Medien und der Öffentlichkeit. Das Publikum war bestürzt über den Ticketpreis von $30, was für damalige Zeiten sehr hoch war, und der Bedingung, dass die Tickets in Viererblöcken gekauft werden mussten, ein Konzept, von dem viele dachten, es schließe unterprivilegierte Fans aus. Jackson und seine Brüder wurden darüber hinaus dafür kritisiert, nicht in Gegenden aufzutreten, in denen viele ihrer afroamerikanischen Fans lebten. Aus diesem Debakel entwickelte sich die erste wirklich vernichtende Kritik an Jackson durch die Medien. Jackson bemühte sich, einen Teil des Schadens wieder gut zu machen, indem er den Fans ermöglichte, einzelne Tickets zu kaufen, Tickets an Fans verschenkte, die sich die $30 nicht leisten konnten, und bekannt gab, dass er seinen gesamten Gewinn spenden wollte. Seine Ankündigung beendete die Kritik der Medien allerdings nicht.

Einer der Journalisten, der Jackson zu jener Zeit kritisiert hatte, war Dave Marsh, ein Musikkritiker, der einen Bestseller über Bruce Springsteen geschrieben hat. Im Dezember 1985 veröffentlichte Marsh Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream, die erste Kritik Jacksons in Buchlänge. Der Aufbau des Buchs ist ungewöhnlich. Trapped besteht aus Kapiteln in Form offener Briefe an Jackson, die sich mit Kapiteln detaillierter, gut recherchierter Biographie abwechseln. Während die Biographie-Kapitel unvoreingenommen formuliert wurden, sind die Kapitel mit den offenen Briefen sehr kritisch. Der Tenor der sich abwechselnden Kapitel ist so auffallend unterschiedlich, dass es wirkt, als würde Trapped aus zwei Büchern bestehen.

Ich werde mich auf die Kapitel mit den offenen Briefen konzentrieren. Marsh sagt, dass er diese offenen Briefe schreibt, weil er annimmt, dass Jackson nicht mit ihm sprechen würde. Er sagt, dass „es keine Möglichkeit gegeben hat, ein Gespräch zu erzwingen“, also verlässt er sich auf Interviews, die Jackson anderen Journalisten gegeben hat, und seinen eigenen Beobachtungen.

Marsh begann als leidenschaftlicher Fan, der Jackson als jemanden betrachtete, der die Macht hatte, den Amerikanern oder sogar der ganzen Welt beispiellose Einheit zu bringen, oder zumindest den Traum dieser Einheit repräsentiert.

Du stiegst höher als jeder andere Popstar je aufgestiegen ist. … In jenen Monaten Deines Aufstiegs wurde der bloße Name Michael Jackson ein Totem. Die Verbindung zwischen Dir und Deinen Fans schien so kraftvoll, dass sie alle Hindernisse überwinden, alle Grenzen überschreiten konnte. Diese Verbindung war die Darstellung eines Traums, ihr Ausdruck im Grunde amerikanisch, doch wahrhaft weltweit, wo alle Gegensätze in Einklang gebracht wurden, sexuelle und ethnische und politische Zwiespältigkeiten wurden durch schieres Wohlwollen ausgelöscht oder vielmehr miteinander verschmolzen. … Der Traum, von dem ich spreche, ist zu utopisch, um realisiert zu werden, weder genau hier und jetzt, noch in einem zukünftigen Leben. … Aber das macht ihn als einen Traum nicht weniger wertvoll, nicht solange die Leute daran festhalten. Ich denke, das ist das einzige, das die Menschheit davon abhalten könnte, sich selbst zu zerstören. … (1)

Marsh konkretisiert, wie Jacksons Ruhm nach der Veröffentlichung von Thriller in der Lage war, dieses Versprechen der Einheit zu ermöglichen.

Für mich stellte sich Dein wahrer Erfolg mit Thriller ein, als Du ein Publikum von nahezu beispielloser Vielfalt vereint hast und Schwarze und Weiße, Reiche und Arme, Junge und Alte, Jungs und Mädchen und alle anderen dazu gezwungen hast, sich für einen Augenblick gegenseitig anzuerkennen. (2)

Marsh, der weiß ist und ein Mann mit liberalen Tendenzen zu sein scheint, setzte seine Hoffnung in Jackson als eine Persönlichkeit, die das furchtbare ethnische Erbe Amerikas letztendlich verbessern könnte.

Aber bevor Michael Jackson ein Sänger oder ein Triumph oder ein Star oder irgendetwas anderes ist, ist er eine schwarze Person in Amerika. Deshalb ließ er einige Ketten klirren, scheuchte einige alte Geister auf, und stachelte einige ehrwürdige Träume an. Die Geister der Sklaverei und des Rassismus sind vierhundert Jahre alt, aber deren Macht ist frisch und stark. Die von ihm angestachelten Träume sind genauso alt – die märchenhafte Hoffnung, dass wir irgendwie lange genug zusammengeführt werden können, um diese Geister beizusetzen. Gib diesen Träumen auch ihre Namen: Emanzipation, Integration, Befreiung. Oder benenne sie mit dem Ausdruck, den das Show Business jetzt verwendet: Crossover. (3)

Trotz Marshs Wahrnehmung von Jacksons großem Potential, soziale Spaltungen zu heilen, änderten sich seine Gefühle als Folge der Machenschaften, welche die Victory Tour umgaben, und der Qualität der Auftritte, die er gesehen hat. Marsh besuchte einige Auftritte der Tour, einschließlich der ersten und letzten Nacht. Er empfand alle Auftritte uninspiriert, mechanisch und sich von Nacht zu Nacht exakt wiederholend, und er hatte das Gefühl, dass Jackson einen Hang dazu hatte, sich eher den Kameras zuzuwenden, statt dem Publikum. Marsh wurde mit einem Gefühl tiefen Verrats zurückgelassen.

Als sich die Verbindung, die uns mit Dir und Deinem Gefühl der Freude so eng verbunden hat, löste – selbst wenn es nur ein Haarriss war – fühlte es sich an, als ob die Gesamtkonstruktion zusammengebrochen wäre und uns mit nach unten gezogen hätte … Du hast Dich vom Mr. Kann-nichts-falsch-machen zu einem Schurken entwickelt. (4)

Der fatale Haarriss wurde für Marsh von seiner Wahrnehmung ausgelöst, dass Jackson seine Fans betrogen hat, indem er seine Macht nur für kommerzielle Zwecke missbraucht hat, seine Fans, die hochpreisige Tickets gekauft und dann uninspirierte Shows gesehen haben, ausgenutzt hat. Dieses Gefühl der Verheißung, gefolgt von Verrat, kristallisiert sich in Marshs Analyse der Bedeutung von Jacksons einzelnem Handschuh heraus: „Mit dieser einen Hand bleibe ich rein, unberührt von der Realität, wie ihr sie kennt; mit der anderen Hand manipuliere ich eure schmutzige Welt.“ (5) Die Ernüchterung in Folge der Victory Tour zerstörte Marshs „märchenhafte Hoffnung, dass wir irgendwie zusammengeführt werden können“ und führte ihn zu der Schlussfolgerung, dass „die Geschichte von Michael Jackson einfach ausgebrannt ist.“ (6)

Marsh sieht ein, dass Jackson dazu gezwungen wurde, an der Victory Tour teilzunehmen, da er zwei Mal sagt, dass er seiner Familie „in die Falle gegangen“ ist, und er weiß, dass Jackson nicht für den Ticketverkauf verantwortlich war, aber das reicht nicht, um sein gewaltiges Gefühl des Verrats zu lindern.

Obwohl Marshs Kritik mit der Victory Tour begonnen hat, fährt er fort, Jackson an vielen Fronten zu attackieren, wobei es meist um Jacksons angebliche Unehrlichkeit seinen Fans gegenüber, seinen Mangel an Selbstbewusstsein und seine Andersartigkeit geht. Marsh sieht Jackson als zu motiviert durch kommerzielle Interessen, er sei sich seiner Macht, ethnische und andere Spaltungen zu heilen, nicht bewusst, er sei sich seiner musikalischen Geschichte nicht bewusst, ihm sei sein Bedienen ethnischer Stereotypen nicht bewusst, er sei nicht intelligent (Jackson ist „ein Kartenspiel, dass nur wenige Karten hoch ist“ (7)), er würde seine eigenen Probleme mit Kontrolle und Sexualität nicht anpacken und sich nicht auf eine gesellschaftlich konventionelle Art benehmen. In Anbetracht der detailgetreuen historischen Genauigkeit der biographischen Kapitel des Buches ist es überraschend, dass viele Vorwürfe Marshs keine solide, sachliche Untermauerung haben und auf Vermutungen basieren.

Marsh führt Beweise an, dass Jackson seine Fans betrügt. Er fühlt sich betrogen, als Jackson in einer TV Werbung für eine Sonderausgabe des People Magazins erscheint, die Jackson gewidmet ist und er dann feststellt, dass sich im Magazin keine Interviews mit Jackson selbst befinden. Er führt eine Pressekonferenz an, die einberufen wurde, um Boulevardgerüchte zu zerstreuen: Jacksons Manager nimmt ohne ihm an der Konferenz teil, was Marsh signalisiert, dass sich Jackson nicht aufrichtig daran beteiligt, mit seinem Publikum zu kommunizieren.

People Magazin 1984 zum Durchblättern

Marsh nimmt Unehrlichkeit auch in Teilen von Jacksons Kunst wahr. Er nennt Eddie Van Halens Gitarrensolo in „Beat It“ ein „einmaliges Gimmick“ (8) Er erklärt, dass Jackson „am Inhalt [seiner] Songs nicht sehr interessiert scheint“ (9), sondern mehr Interesse an Verkaufszahlen und Gewinn hat. Er sieht Unehrlichkeit sogar in Jacksons frühesten Zeiten bei Motown, als er gerade 10 Jahre alt war, und sagt „Du kamst in die Musikindustrie, indem Du einen Haufen Märchen und Lügen ausgelebt hast.“ (10) Bezüglich der Märchen und Lügen führt Marsh unter anderem an, dass Jacksons Darbietung in dem Jackson 5 Song „I Want You Back“, der aufgenommen wurde, als Jackson 11 Jahre alt war, emotional aufrichtig ist und dass Diana Ross die Gruppe entdeckt hat.

Marsh sieht einen weiteren Verrat an dem utopischen Traum, den Jackson zu verkörpern schien, als er seine Fans nicht an seinen Bemühungen beteiligt, dass seine Musik von weißen Radiostationen und seine Videos auf MTV gespielt werden. „… Ich bin stinksauer, weil die Gelegenheit, nur eine einzige kleine Sache zu tun – den Leuten die Lüge zu zeigen, auf der Rassismus basiert – verspielt, weggeworfen, angepisst wurde.“ (11)

Er erläutert seine Gewissheit ausführlich, dass sich Jackson seiner schwarzen musikalischen Wurzeln, besonders Blues, Gospel, Rhythm and Blues, und sogar Country und Bluegrass nicht bewusst ist. Er vergleicht Jackson abfällig mit den weißen Musikern Bruce Springsteen, Bob Dylan, den Rolling Stones, den Beatles und Bill Munroe, und den schwarzen Musikern Chuck Berry und Little Richard, die sich alle der afroamerikanischen Wurzeln ihrer Musik sehr bewusst sind, wie er sagt. Marshs Annahme basiert auf seiner Interpretation von Jacksons Musik, nicht auf irgendwelchen Kenntnissen von Jacksons tatsächlichem Verständnis seiner musikalischen Wurzeln.

Als weiteres Beispiel für Jacksons fehlendes historisches Wissen richtet Marsh seinen Fokus eingehend auf einen Baumstamm, der sich im Backstagebereich des Apollo Theater in Harlem befindet und traditionsgemäß von den Künstlern vor ihrem Auftritt berührt wird, um ihnen Glück zu bringen. Obwohl Jackson im Apollo aufgetreten ist, behauptet Marsh ohne Belege anzuführen, dass Jackson die Geschichte dieses Baumstamms nicht kennt und wie er ein Glückssymbol wurde. Marsh erläutert die Geschichte des Baumstamms und die der schwarzen und weißen amerikanischen Popmusik, wodurch er zeigt, dass er selbst in amerikanischer Musikgeschichte versiert ist.

Marsh sagt, dass Jackson vor kurzem über ein Video von Mahalia Jackson „gestolpert“ ist und dass er in Folge dessen während der Victory Tour zum ersten Mal begonnen hat, Gospelphrasierung zu verwenden. Tatsächlich hat Jackson Gospelphrasierung zumindest schon bei der Triumph Tour 1981 verwendet, drei Jahre vor Beginn der Victory Tour. (12)

Er behauptet auch, dass Jackson die Geschichte des Moonwalks nicht kennt. Er sagt, dass Jackson am Inhalt seiner eigenen Songs nicht sehr interessiert scheint und dass es überraschend sei, wenn Jackson an irgendetwas interessiert wäre, wie Mahalia Jacksons Auftritten, die 30 Jahre zurück liegen. Er behauptet erstaunlicherweise sogar, dass Jackson nicht einmal weiß, dass sein eigener Großvater Country Musik gehört hat. Marsh gibt für diese Vermutungen keine Beweise an.

Dann vergleicht Marsh Jackson mit Künstlern in Minstrel Shows. Er behauptet, dass Stephen Foster, dessen sentimentale Songs weithin von Minstrels verwendet wurden, „für Minstrel ist, was Du für zeitgenössischen Pop bist.“ (13) , weil Jacksons Songs eskapistisch sind und Liebe darbieten, die frei von Sexualität sind. Und er stellt Jackson als einen modernen Minstrel-Künstler dar, weil die vielen weißen Leute, die Thriller gekauft haben, in Jackson die Minstrel-Stereotype eines „faulen, überheblichen, frivolen, sorglosen, verantwortungslosen und kindischen“ schwarzen Mannes gesehen haben, „der es liebt, Weiße zu unterhalten“. (14) Marsh beleidigt Jackson und weiße Fans, wenn er sagt „So gemein es auch klingt, Deine Anziehungskraft ist eng verbunden mit der Erfüllung dieser Stereotypen.“ (15) Dann beleidigt er Jacksons schwarze Fans, als er sagt „Zumindest hast Du ihnen etwas gegeben, zu dem sie tanzen können, also lieben sie Dich immer noch.“ (16)

Jacksons Bezugnahmen auf Magie, Eskapismus und Träume in Interviews entfachen bei Marsh erhebliche Verachtung: „Es steht quasi außer Frage, dass Du essentiell abergläubisch und an einen Glauben an Magie und die Macht des Unbegreiflichen gebunden bist.“ (17) und er nennt Jackson wegen seines Glaubens ein intellektuelles „Faultier“. Er spottet über Jacksons Aussagen, dass Songs eher aus Träumen oder von Gott zu ihm kommen, als von bewusster und vorsätzlicher harter Arbeit. „Michael, Du sprichst davon, dass Deine Songs in Träumen wie durch Magie zu Dir kommen. Das ist ein zentrales Dogma Deiner Kampagne, um die Welt davon zu überzeugen, dass Du eine wahrlich einzigartige Persönlichkeit bist, wirklich überlebensgroß.“ (18)

Auf die eine oder andere Art stellt er wiederholt fest, dass sich Jackson seiner selbst nicht bewusst ist oder über sich selbst verwirrt ist, aber Marsh verwechselt seine eigene Verwirrung mit Jacksons: „Niemand wird große Fortschritte darin machen, Dich zu durchschauen, solange Du Dich selbst nicht besser verstehst. Man kann ein Puzzle nicht lösen, solange es seine eigene Lösung nicht gefunden hat. … Wenn Du weniger verwirrt wärst über Dinge, würde es sich zeigen. Die Leute wären weniger verwirrt wegen Dir – vielleicht nicht wegen ihrer Gefühle Dir gegenüber, aber zumindest weniger durcheinander darüber, wer Du ihrer Meinung nach bist.“ (19) Marshs Unbehagen mit Jacksons Unlesbarkeit ist deutlich, obwohl er wieder seine eigene Unsicherheit für Jacksons hält: „Zu versuchen, Dein Image dingfest zu machen, ist wie zu versuchen, Rauch in Flaschen zu füllen. Eigentlich frage ich mich, ob Du Dein Image zum Stillhalten bringen kannst, wenn Du in einen Spiegel starrst.“ (20)

Marshs Verwirrung über Jackson ist besonders im Bereich der Sexualität und der Anpassung an erwartete Geschlechterrollen offenkundig. Obwohl er sagt, dass er Jackson geglaubt hat, als er bestritt, schwul zu sein, erläutert er seitenlang die Gründe, warum die Leute Jacksons Heterosexualität anzweifeln und er wiederholt alte Gerüchte über seine Sexualität, wobei er andeutet, dass die Gerüchte wahr sein könnten. „Die Leute denken, dass Du schwul bist, weil Du hübsch bist, um es kurz zu sagen. Das kann viele Ressentiments befeuern. … Einer der Beinamen, mit denen hübsche Jungs wie Du attackiert werden, ist, dass sie Schwuchteln sind. … Mit anderen Worten, Michael, die Leute denken, dass Du schwul sein musst, weil Du einem altbewährten Stereotyp entsprichst, wie schwule Männer sind.“ (21)

Aber was Marsh noch mehr Sorgen zu bereiten scheint, ist seine Wahrnehmung, dass Jackson einfach gar kein Interesse an Sex hat oder Angst vor Sex hat. „Was Du also machst, ist im Grunde nicht nur das Verleugnen eines Interesses an Homosexualität, Du leugnest den Bedarf jeglichen sexuellen Ausdrucks. Ich hoffe, Du wirst zugeben, dass wenn das nicht abnormal ist für einen sechsundzwanzigjährigen Menschen, ist es jedenfalls höchst ungewöhnlich.“ (22) Das ist eine offenkundige Kritik. Jackson scheint der einzige berühmte Popmusiker gewesen zu sein, der keinen Sex mit Groupies hatte. Man kann sich leicht vorstellen, wie diese anderen Popstars für ihre sexuelle Freizügigkeit kritisiert werden und Jackson für seine Selbstbeherrschung und seinen respektvollen Umgang mit Frauen gelobt wird; aber Jackson wurde für seine Zurückhaltung kritisiert (und das nicht nur von Marsh), und die sexuellen Exzesse anderer Popstars wurden als zu normal erachtet, um von Musikjournalisten thematisiert zu werden.

Marsh wird von Jacksons Interview mit dem Journalisten Stephen Demorest aus dem Jahr 1979 durcheinandergebracht, sowohl von seinem Inhalt, als auch von der Art der Durchführung, auf der Jackson bestand. Während dieses Interviews ließ Jackson seine Schwester Janet Demorests Fragen wiederholen, bevor er antwortete. Marsh versteht das nicht als den Scherz, der es vermutlich war, sondern als „extrem sonderbar“ (23) und arrogant. Während des Interviews erzählt Jackson Demorest, dass er, wenn er eine Familie hat, lieber adoptieren als „zeugen“ (24) wird. Jackson hinterfragt die Notwendigkeit, typischen Erwartungen zu entsprechen, wie er sein Leben führen sollte: „Wer sagt, dass man in einem gewissen Alter heiraten muss? Wer sagt, dass man mit achtzehn ausziehen muss? Ich bin nicht Auto gefahren, bevor ich zwanzig war und ich mag es immer noch nicht.“ (25) Marshs sarkastische Antwort darauf ist „Das war nur eine weitere Deiner Tiraden, warum Michael Jackson, der außergewöhnlichste Typ der Welt, niemals ersucht werden sollte, irgendetwas zu tun, das nicht seinem absoluten Herzenswunsch entspricht.“ (26)

Demorest fragt Jackson, ob er es für möglich hält, „Eskapismus“ zu sehr zu schätzen. Jackson sagt „Nein, das tue ich nicht. Es gibt einen Grund dafür, warum Gott den Sonnenuntergang rot oder violett oder grün gemacht hat. Es ist schön, sich das anzusehen – es ist eine Minute der Freude. Es gibt einen Grund dafür, warum wir einen Regenbogen nach dem Regen sehen oder einen Wald, aus dem Rehe kommen. Dieses Wunder, das ist Eskapismus – es berührt Dein Herz und es liegt keine Gefahr darin … und man sagt „Gott, das ist wundervoll – ich würdige das.“ (27) Marshs Erwiderung darauf ist „Nun, Michael, wenn alles, was das Herz berührt, sicher ist, was ist dann mit Hitlers Anziehungskraft auf die innersten Gefühle der Deutschen?“ (28)

Marsh kritisiert Jacksons lebenslange Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas und sieht das als Nachweis fehlender Intelligenz. Man möchte meinen, das Verunglimpfen der Religion eines anderen wäre tabu, aber Marsh zögert nicht: „Es ist deren [Zeugen Jehovas] Unlogik, die Dich anzieht, weil sie Dir den Raum bietet für solche absichtlich kindischen Erklärungen wie … „Wissenschaft ist manchmal so dumm.““ (29)

Er verspottet Jacksons Liebe für die Kindheit, indem er sie mit seiner Religion verbindet:

Ich würde sagen, was Dir an der Weltsicht der Zeugen gefällt, ist das gleiche, was Du an Kinderliteratur und Cartoons findest, beides sind Formen des „Eskapismus“, für den Du unbändigen Enthusiasmus äußerst. … Sie [die Kirche] verlangt nichts von Dir als Erwachsener. Sie gibt starre Regeln und Bestimmungen aus, eine vollständige Geschichte davon, wie sich das Universum entfaltet hat und einen Entwurf, was als nächstes passiert, mit Helden und Schurken und einem Happy End für jene, die es wirklich verdienen. In ihrem Halt wirst Du ein ewiges Kind, für nichts verantwortlich, was passiert. (30)

Er beleidigt sogar Jacksons Glauben an Gott: „… Dieser Glaube an Gott als die wirkende Kraft, durch die alle Dinge passieren ist nicht christlich sondern heidnisch oder genauer gesagt barbarisch.“ (31) Marsh deutet an, dass Jacksons Glaubensvorstellungen einen „Barbar“ aus ihm machen und er zitiert James George Frazers The Golden Bough (Der goldene Zweig), als er einen „Barbar“ als jemanden definiert, der keine Unterscheidung machen kann zwischen natürlichen Ereignissen und dem Übernatürlichen.

Marsh vergleicht Jackson mit dem Künstler Red Grooms und beschwert sich, dass Jackson im Gegensatz zu Grooms keinen Sinn für Humor hat. Er führt den Song „Rock with You“ vom Album Off the Wall als trauriges Beispiel für Jacksons Unfähigkeit an, aus sich herauszugehen und Spaß zu haben:

Was auf einer Platte wie „Rock with You“ durch diese glücklichen Lyrics dringt, ist eine unerträgliche Traurigkeit. Sie drückt sich aus in der Art, wie Du „all night“ nicht singst, sondern es dem Chor überlässt, in der flehenden Art, wie Du das Wort „rock“ ausdrückst, als ob Du nicht um Sex bittest, sondern um etwas noch intimeres. (32)

Marsh scheint in den Liner Notes für Off the Wall nicht gelesen zu haben, dass der Chor ausschließlich aus Jacksons Stimme besteht, was seine Theorie widerlegt, dass Jackson zu verklemmt war, um die Worte „all night“ zu singen.

Dave Marshs ursprüngliche Reaktion auf Michael Jackson nach der Veröffentlichung von Thriller war, ihn als eine Figur mit der Macht, ethnische, sexuelle und politische Gegensätze in der amerikanischen Gesellschaft und sogar weltweit zu vereinen, zu idealisieren. Der „Crossover Dream“ vom Untertitel des Buchs scheint sich sowohl auf Marshs, als auch Jacksons Traum zu beziehen. Seine fürchterliche Enttäuschung über Jackson begann mit den kommerziellen Manipulationen rund um die Victory Tour, obwohl Jackson nicht für die Tourplanung verantwortlich war, und wurde von anderen Einschätzungen, dass Jackson mehr an Selbstpromotion interessiert war als daran, ein Katalysator für sozialen Wandel zu sein, vorangetrieben. Anders gesagt hatte Marsh das Gefühl, dass Jackson nicht verstanden hat, dass er die Macht hatte, sozialen Wandel voranzubringen, oder noch schlimmer, dass er sich seiner Macht bewusst war, sich aber entschied, sie nur für kommerziellen Gewinn zu nutzen.

Aber war sich Jackson seiner Situation auf die gleiche Art bewusst wie Marsh? Hat er sich selbst in der einzigartigen Position gesehen, soziale Spaltungen zu vereinen oder zumindest den Traum sozialer Einheit voranzutreiben? Hat er seinen enormen Erfolg zynisch missbraucht, um mehr Ruhm und Reichtum anzusammeln?

Das Video zu „Can You Feel It“ von den Jacksons, welches 1980 entstand und auf einem Konzept von Jackson basiert, zeigt Jackson und seine Brüder dabei, der Welt Frieden, Einheit und Magie zu bringen, was sehr nahe legt, dass sich Jackson zu der Zeit, als Thriller zwei Jahre später veröffentlicht wurde, eine messianische Rolle für sich selbst vorstellt. Und wir wissen von dem Werk, das Jackson nach Thriller geschaffen hat, beginnend mit „We Are the World“, dass ihm das Fördern von Mitgefühl und das Verbessern sozialer Bedingungen zutiefst am Herzen gelegen ist, besonders für Kinder.

Jackson schien allerdings keine solchen messianischen Intentionen gehabt zu haben, als er Thriller erschuf. Das erste Soloalbum seiner Erwachsenenkarriere, Off the Wall (1979), wurde von den Kritikern gut aufgenommen und verkaufte sich ganz gut. Aber er schrieb über seine schreckliche Enttäuschung, als er 1980 als Folge darauf bei den Grammys nur in der Kategorie Best R&B (sprich: schwarz) Vocal Performance ausgezeichnet wurde. „Ich fühlte mich von meinen Kollegen ignoriert und es tat weh… Ich sagte zu mir selbst „wartet bis zum nächsten Mal“ – sie werden das nächste Album nicht ignorieren können… Diese Erfahrung entzündete ein Feuer in meiner Seele. Alles, woran ich denken konnte, war das nächste Album und was ich damit machen würde. Ich wollte, dass es wahrlich großartig wird.“ (33)

Jene Worte wurden zweieinhalb Jahr nach der Veröffentlichung von Trapped veröffentlicht, aber die biographischen Kapitel, welche sich mit den Kapiteln der Kritik in Trapped abwechseln, beschreiben ebenfalls Jacksons Reaktion auf die Grammys von 1980. Marsh zitiert Jackson, der gegenüber Billboard gesagt hat, dass „ich viel geweint habe. Meine Familie dachte, ich würde verrückt werden, weil ich deshalb so viel geweint habe.“ (34) Marsh folgert daraus, dass sich Jackson „von seinen Kollegen brüskiert fühlte.“ (35)

Jacksons Ziel mit Thriller war, Rassismus zu überwinden und Respekt zu gewinnen, indem er ein „wahrlich großartiges“ Album erschafft, das niemand ignorieren konnte, das nicht in die R&B Kategorie abgeschoben werden konnte in einer Musikszene, die damals ethnisch sehr gespalten war. Dieses Ziel war erreicht, als Thriller acht Grammy Awards gewonnen hat, von den Kritikern bejubelt und in beispielloser Auflage sowohl an weiße, als auch an schwarze Fans verkauft wurde. Obwohl Marsh nicht damit alleine war, Jackson als eine verbindende Figur zu sehen, gibt es keine Belege, dass Jackson die Ambition hatte, ein großer Vereiner zu sein oder dass er erkannte, dass er diese Macht hätte haben können. Es scheint, dass die Handlungen, die Marsh als Verrat an einer nahezu messianischen Macht sah, einfach nur Jacksons Karriere zuzuschreiben sind, in der er sich selbst voranbringt, wie alle Künstler das tun müssen, und den Rassismus überwindet, durch den er herablassend behandelt wurde. Für Jackson war kommerzieller Erfolg ein wichtiges Element bei der Überwindung ethnischer Barrieren.

Der Traum von Gleichheit, den Marsh in Jacksons Kunst und Persona vergegenwärtigte, hätte ohne dem Element des kommerziellen Erfolges niemals zu einem utopischen Level anwachsen können. Der Traum war teilweise deshalb utopisch, weil Jackson solch ein großes Publikum erreichen konnte. Wäre er ein unbedeutender Künstler gewesen, wäre er von einigen wenigen sehr geschätzt gewesen, aber er hätte niemals einen Traum von nationaler oder weltweiter Einheit hervorrufen können.

Hatte Jackson tatsächlich die Macht, um ein großer Vereiner zu sein? Hätte Jackson der Katalysator sein können, um eine Gesellschaft zu erschaffen, „in der alle Gegensätze in Einklang gebracht wurden, sexuelle und ethnische und politische Zwiespältigkeiten durch schieres Wohlwollen ausgelöscht oder vielmehr miteinander verschmolzen wurden“? Das scheint nicht wahrscheinlich. Sogar der sehr hochgeachtete Bob Marley hatte nur begrenzte Möglichkeiten, um echten Wandel zu bewirken. Marley versuchte durch seine Musik, gegnerische politische Fraktionen in Jamaika zu vereinen und schwarzen Stolz und historisches Bewusstsein zu steigern. Obwohl er damit Erfolg hatte, jamaikanische Musik auf die Weltkarte zu bringen und Jamaikaner stolzer auf ihre ethnische und kulturelle Herkunft zu machen, hatte er keinen anhaltenden Effekt auf politische Gewalt in Jamaika oder irgendeinen anderen Aspekt der jamaikanischen Gesellschaft. Obwohl sich Marsh über Jacksons Verzicht seiner Macht beschwert hat, half Jackson dennoch dabei, ethnische Barrieren in der Musikindustrie zu reduzieren, auch wenn er scheinbar nicht Bob Marleys große Ambitionen hatte. Reverend Al Sharpton führte sogar Jacksons Akzeptanz durch ein breites weißes Publikum als Hilfe an, um den Weg für den Erfolg von Oprah Winfrey, Tiger Woods und Barack Obama zu ebnen. (36)

Marsh schien Jacksons Macht nicht gefürchtet oder verübelt zu haben, wie es die anderen in diesem Buch untersuchten Autoren taten, er wollte, dass Jackson seine Macht erkannte und für entsprechende Zwecke nutzte. Aber nachdem Marsh von Jacksons Weigerung oder Unvermögen, die Rolle des Vereiners zu übernehmen, enttäuscht wurde, wendete er sich gegen ihn und listete in dem Versuch, ihm jegliche Macht abzusprechen, alles auf, was er an Jackson als andersartig sah. Marsh stellte Jackson als eine kindische, ignorante, verwirrte, wenn auch talentierte Person dar, deren Macht eine Illusion war.

Marsh machte also klar, was er an Michael Jackson nicht mochte. Aber wer hätte Jackson sein müssen, um Dave Marsh zufrieden zu stellen? Wenn wir seine Kritik umkehren, bekommen wir ein Bild davon, wer Jackson Marsh zufolge möglicherweise hätte sein sollen: jemand, der wenig Interesse an kommerziellem Erfolg hatte (der aber trotzdem zufällig kommerziell sehr erfolgreich war, damit er immer noch den utopischen Traum von Einheit inspirieren konnte), dessen Musik zeigte, dass er mit schwarzen Musiktraditionen fest verbunden war, der selbstbewusst war und sich seiner Rolle als Katalysator für sozialen Wandel bewusst war, der offensichtlich sexuell (vor allem heterosexuell) war, der intellektuell und nicht religiös war, der keine Probleme mit Kontrollverlust und Spaß hatte. Künstler sind allerdings selten so konventionell. Als Marsh einige von Jacksons Aussagen und Verhaltensweisen als „bizarr“ beschrieben hat, schien er nicht realisiert zu haben, dass Künstler, besonders außerordentlich begnadete, dazu tendieren, zumindest leicht exzentrisch zu sein und das Bedürfnis verspüren, Konformität zu widerstehen, um kreativ zu bleiben.

Marsh kritisiert Jacksons kindliche Eigenschaften sehr und nimmt diese als Zeichen fehlender Intelligenz oder Erfahrenheit wahr. Er scheint die Verbindung zu ignorieren, die viele Künstler mit der Kindheit aufrechtzuerhalten versuchen, um zu erschaffen. Künstler wie Pablo Picasso, Salvador Dali, Martha Graham, Igor Stravinsky, William Blake und viele weitere hielten starke Bindungen zu ihrer Kindheit aufrecht, um ihre Kreativität zu fördern.

Marsh hat kein Verständnis für Jacksons fehlende Konformität und versteht nicht ganz, dass die Macht von Jacksons Persona und Kunst, auf die Marsh anfangs so stark angesprochen hat, von genau dieser Eigenschaft stammt, die er später so verstörend fand, Jacksons Andersartigkeit. Diese Charakteristika, Jacksons kindliche Persona und seine unklaren ethnischen und sexuellen Eigenschaften, waren es, die Jackson solch einen breiten Anklang verliehen haben, die ihn faszinierend und aufregend machten, und die es Fans wie Marsh ermöglicht hatten, die Macht, die Welt zu verändern, auf ihn zu projizieren. Marsh legt das ungehobelt dar, wenn er schreibt „Ein Schlüssel zu Deinem Ruhm ist, dass Du dem Leitbild des Ausgestoßenen gut genug entsprichst, damit sich andere „Freaks“ mit Dir identifizieren und Dir helfen wollen.“ (37), obwohl er auf diese Idee nicht näher eingeht. Statt den Ursprung von Jacksons Macht zu würdigen, stellt er die Elemente seiner Andersartigkeit in dem Versuch, ihm Glaubwürdigkeit und Handlungskompetenz abzuerkennen, als erhebliche Fehler dar.

Marsh hat nicht verstanden, dass manche Verhaltensweisen, die er beunruhigend fand, scherzhaft gemeint gewesen sein könnten oder einen nicht sofort ersichtlichen Zweck hatten. Zum Beispiel fand Marsh verstörend, dass Jackson darauf bestand, dass seine Schwester Janet bei seinem Interview mit Stephen Demorest anwesend war und alle Fragen für ihn wiederholte, bevor er antwortete. Autor J. Randy Taraborelli versuchte Jackson 1981 unter gleichen Bedingungen zu interviewen. Taraborelli fand die Situation nicht durchführbar, beendete das Interview rasch und entschied, keinen Artikel darüber zu veröffentlichen. Jacksons Vater entschuldigte sich später bei Taraborelli und erklärte, dass sein Sohn zu jener Zeit keine Interviews geben wollte. Taraborelli interpretierte das so, dass Jackson nicht zu den Eheproblemen seiner Eltern befragt werden wollte. Taraborelli sagt, er verspürte „eine widerwillige Hochachtung dafür, wie Michael bekommen hat, was er wollte … keine Story.“ (38)

Warum hat Dave Marsh Jackson anfangs verehrt, nur um sich gegen ihn zu richten, als vermeintliche Unzulänglichkeiten auftauchten? Eine der Linsen, durch die dieses Rätsel betrachtet werden kann, ist die psychologische. Es handelt sich um ein Phänomen, das als Splitting/Abspaltung bekannt ist. Splitting ist ein Abwehrmechanismus des Egos, der bei manchen Persönlichkeitstypen häufiger zu beobachten ist als bei anderen. Dabei wird die Welt in polarisierten Formen der Idealisierung oder Abwertung betrachtet, alles ist entweder gut oder schlecht, schwarz oder weiß, ohne Graustufen dazwischen. Diese duale Sicht schützt gegen das Unbehagen, sich mit den Wirren der Abstufungen zu beschäftigen. Obwohl manche Menschen viel gewillter sind, alles auf diese polarisierte Art wahrzunehmen, spaltet jeder gelegentlich, besonders wenn man sehr wütend ist (sehr typisch in Form von „Du bist völlig böse, ich bin völlig gut“).

Ein Merkmal dieses Phänomens ist, dass sich ein Splitting manchmal völlig umdreht. Etwas oder jemand, der zuvor als völlig schlecht oder gut betrachtet wurde, kann plötzlich als das genaue Gegenteil erscheinen. Das ist die Basis vieler romantischer Komödien: eine Frau findet einen Mann extrem lästig und versucht ihm auszuweichen, bis sie ihn plötzlich in einem anderen Licht sieht und sich verliebt.

Marsh selbst gibt am Anfang seines Buches an, dass er gesplittet hat, ohne diesen Ausdruck zu verwenden, und dass sich sein duales Bild von Jackson gedreht hat: „Als sich die Verbindung, die uns mit Dir und Deinem Gefühl der Freude so eng verbunden hat, löste – selbst wenn es nur ein Haarriss war – fühlte es sich an, als ob die Gesamtkonstruktion zusammengebrochen wäre und uns mit nach unten gezogen hätte … Du hast Dich vom Mr. Kann-nichts-falsch-machen zu einem Schurken entwickelt.“ Sein anfängliches Gefühl für Jackson als messianische Figur war sicherlich eine unrealistische Idealisierung, die zu einer Enttäuschung führen musste. Sobald diese Enttäuschung eintrat, wertete Marsh Jackson ab und betrachtete ihn als unzuverlässig, wirr und bizarr.

Wenn Marsh nicht mit solch einer höchst idealisierten Sicht auf Jackson begonnen hätte, wäre seine Reaktion auf eine Enttäuschung nicht zu dem Extrem einer fast vollständigen Abwertung geworden. Ein ähnlicher Mangel an Abstufungen ist auch in den anderen Arbeiten ersichtlich, die in den folgenden Kapiteln untersucht werden, und das in Trapped offenkundige Splitting nimmt viel blumigere Formen an.

__________

(1) Marsh, Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream (1985), pp. 6, 7.

(2) Ibid., p. 205.

(3) Ibid., p. 257.

(4) Ibid., p. 8. Emphasis in the original.

(5) Ibid., p. 247.

(6) Ibid., p. 257.

(7) Ibid., p. 76.

(8) Ibid., p. 80.

(9) Ibid., p. 80.

(10) Ibid., p. 74.

(11) Ibid., p. 206.

(12) The Jacksons Live (CD), 1981. Marsh later contradicts himself when he states on page 254 that Jackson had been using “gospel ruminations” for years.

(13) Marsh, Trapped, p. 204.

(14) Ibid., p. 204.

(15) Ibid., p. 204

(16) Ibid., p. 207

(17) Ibid., p. 119

(18) Ibid., p. 47

(19) Ibid., p. 180

(20) Ibid., p. 74

(21) Ibid., p. 111

(22) Ibid., p. 112

(23) Ibid., p. 112

(24) Ibid., p. 112

(25) Ibid., p. 113

(26) Ibid., p. 113.

(27) Ibid., p. 121.

(28) Ibid., p. 121.

(29) Ibid., pp. 120-121.

(30) Ibid., p. 122.

(31) Ibid., p. 121.

(32) Ibid., p. 182.

(33) Michael Jackson, Moon Walk (1988), p. 176.

(34) Marsh, Trapped, p. 178.

(35) Ibid., p. 178.

(36) Rev. Al Sharpton, speech at Jackson’s memorial service, July 7, 2009.

(37) Marsh, Trapped, pp. 201-202.

(38) Randy Taraborrelli, Michael Jackson: The Magic, The Madness, The Whole Story (2009), pp. 216-221.

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2 Comments
  1. Liebe Doris

    Danke für all Deine tollen Beiträge, besonders den letzten über den amerikanischen Messias. Schmerzlich vermisse ich, dass Du auch mal von meinem MJ Messias Buch schreibst: Jesus_21, ein Michael Jackson Lesebuch. Lies bitte die Kommentare der Leser auf Amazon. Vielleicht komme ich doch noch zu der Ehre, erwähnt zu werden.
    with L.O.V.E.
    Eva Wingelmayer

    • Doris permalink

      Liebe Eva!

      Danke für Deinen Kommentar. Wie Du sicher weißt, posten wir hier ausschließlich Übersetzungen meist englischer Texte, weshalb es für uns bei Deinem deutschen Buch nichts zu übersetzen gibt. Nichtsdestotrotz wünsche ich Dir weiterhin viel Erfolg mit Deinem Buch.

      LG Doris

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