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Andersartigkeit und Macht: Michael Jackson und seine Medienkritiker – Einleitung

by on 4. March 2017

Beim Folgenden handelt es sich um eine autorisierte Übersetzung des Buchs „Otherness and Power: Michael Jackson and his Media Critics“ von Susan Woodward. Nach Erscheinen ihres Buches war Susan Woodward beim „Dancing with the Elephant“ Blog zu Gast, um über ihre Erkenntnisse zu sprechen. Diese Unterhaltung kann hier nachgelesen werden.

Link zum Buch: https://www.amazon.com/Otherness-Power-Michael-Jackson-Critics/dp/0578138026/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1488488740&sr=8-1&keywords=otherness+and+power

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Copyright © 2014 by Susan Woodward

Alle Rechte vorbehalten: Dieses Buch oder Teile davon dürfen ohne ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Verlages nicht vervielfältigt oder in irgendeiner Form verwendet werden, ausgenommen kurze Zitate in einer Buchrezension oder einem wissenschaftlichem Fachblatt.

Über die Autorin

Susan Woodward ist psychoanalytisch ausgebildete klinische Sozialarbeiterin, die in New York City lebt. Sie kann unter mj.othernessandpower@gmail.com kontaktiert werden.

Kapitel 1: Einleitung

Michael Jacksons Erwachsenenkarriere umfasste etwa dreißig Jahre, in denen er viele Millionen leidenschaftliche Fans um sich versammelt hat. Seine Fans sahen ihn als einen unglaublich talentierten Sänger, Songwriter, Tänzer und Produzent, dessen Persönlichkeit eine Liebenswürdigkeit zu haben schien, die in anderen Popmusikern nicht zu erkennen ist, und eine sprunghafte Natur, die ihn für viele faszinierender machte als andere Künstler seiner Ära.

Leute, die mit Jackson gearbeitet haben, beschrieben ihn als schüchtern, höflich und oft wahrhaft kindlich. Er war nicht dafür bekannt, sich wichtig zu machen, Wutanfälle zu haben, Mitarbeiter zu beschimpfen oder die Paparazzi anzugreifen, die ihn unerbittlich drangsaliert haben. Leute, die ihn gekannt haben, bemerkten seine Empathie für andere und seine außerordentliche Gutherzigkeit.

Die Medien, besonders in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, zeichneten häufig ein völlig anderes Bild von Jackson. Obwohl er seit Beginn seines Erwachsenenruhms als exzentrisch betrachtet wurde, fingen der ernsthafte Spott und die boshaften Bemerkungen 1984 während der Planung einer Konzerttour mit seinen Brüdern an und diese nahmen im Laufe der Zeit nur zu. Als Details zu der Tour, genannt Victory Tour, aufgetaucht sind, wurde Jackson verdächtigt, die Bewunderung seiner Fans zugunsten seines kommerziellen Erfolges auszubeuten. Doch nachdem die Tour lange hinter ihm lag, wurde Jackson weiterhin für vermeintliche Exzentritäten und seine sich verändernde Erscheinung verspottet, manchmal in hasserfüllter Ausdrucksweise, und sein bemerkenswertes Talent wurde oft herablassend behandelt. Als er zwei Mal des sexuellen Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde, schienen sich die meisten Journalisten seiner Schuld sicher und erwägten nicht die Möglichkeit, dass Jackson unschuldig sein könnte. Weite Teile der Öffentlichkeit nahmen an, dass ihnen von den Reportern eine korrekte Darstellung vermittelt wurde und übernahmen die negative Darstellung Jacksons durch die Medien als allgemein akzeptierte Weisheit.

victory-tour-pressekonferenz

Michael verkündet bei einer Pressekonferenz, dass er seine gesamten Einnahmen aus der Victory Tour für karitative Zwecke spenden wird

Wie kamen zwei so extrem entgegengesetzte Meinungen über ein und dieselbe Person zustande? Wie konnten Jacksons Fans und viele in den Medien, die letztendlich auf die gleichen Informationen reagieren, zu solch unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen, wobei jede Seite absolut überzeugt davon ist, dass sie Recht hat?

Typischerweise werden von Jacksons Fans zwei Gründe für die negativen Medienreaktionen auf Jackson angeführt: Rassismus und tiefgehendes Unbehagen mit seiner „Andersartigkeit“, womit seine angeblichen Exzentrizitäten und seine unklaren Identitätsmerkmale gemeint sind. Obwohl mir diese Gründe offensichtlich wahr erschienen, hatte ich das anhaltende Gefühl, dass hier noch irgendetwas anderes vor sich ging. Nachdem ich feindselige Schriften über Jackson analysiert habe, erkannte ich einen weiteren Faktor, auf den Journalisten mit Misstrauen oder sogar Angst reagierten: eine Wahrnehmung von außerordentlicher Macht.

Jackson wird oft nachgesagt, dass er so berühmt war wie die Beatles oder Elvis Presley. Die Beatles und Elvis wurden von der älteren Generation aufgrund ihres Einflusses auf die jungen Leute kritisiert und sogar bis zu einem gewissen Grad gefürchtet. Die negative Reaktion auf Jackson war nicht generationsbedingt; seine Kritiker waren sowohl fortschrittliche, junge (meist weiße) Leute, als auch ältere Personen. Jacksons Kritiker reagierten auf eine völlig andere Eigenschaft als die von Elvis oder den Beatles: die einer königlichen oder elitären Person oder sogar die eines übernatürlichen Wesens. Und diese außerordentliche Macht entstammt Jacksons Andersartigkeit.

Die Wahrnehmung Jacksons als „andersartig“ rührt von seiner unklaren und unlesbaren Identität her, sowie manchen seiner Verhaltensweisen. Die unklaren, unlesbaren Merkmale waren seine Rasse (er war Afroamerikaner, obwohl er wegen sehr komplexer Gründe weiß zu werden schien), Geschlecht (er war eindeutig männlich, aber ein Mann, der sich mit weiblichen Attributen wie hoher Singstimme, sanfter Sprechstimme und Interesse an Mode und Make-Up sehr wohl fühlte), Sexualität (es gab viele Spekulationen, dass er schwul war oder dass er ein Pädophiler war oder dass er einfach asexuell war), und Alter (als Kind schien er sehr erwachsen, aber als Erwachsener war er auffallend kindlich). Seine Andersartigkeit kam auch von seinem manchmal unkonventionellen Verhalten und Lifestyle (Neverland, öffentliche Auftritte mit seinem Schimpansen, getrennter Wohnsitz mit seiner zweiten Ehefrau sind Beispiele) und sogar vom Level seines Talents als Sänger und Tänzer.

Jacksons Andersartigkeit wurde wohl am eloquentesten von Susan Fast in ihrem Artikel „The Difference That Exceeded Understanding: Remembering Michael Jackson“ beschrieben: „Diese Gegensätze waren undurchschaubar, nicht fassbar, und sie erzeugten gewaltige Angst. Bitte sei schwarz, Michael, oder weiß, oder schwul oder hetero, Vater oder Mutter, Kindsvater, nicht selbst ein Kind, damit wir zumindest wissen, worauf wir unsere tolerante (In)toleranz richten können. Und versuche nicht, alle Normen gleichzeitig durcheinanderzubringen.“(1)

Ich habe für dieses Buch drei Schriften ausgewählt, in denen die Wahrnehmung von Jacksons Macht und das Unbehagen damit klar zum Ausdruck kommen. Im Gegensatz zu den Arbeiten, die ich für eine eingehende Untersuchung gewählt habe, kam viel Medienkritik in Form von Boulevardgeschichten oder herablassenden Rezensionen von Alben oder Auftritten. (Ein gutes Beispiel ist Jon Pareles „Michael Jackson Is Angry, Understand?“, New York Times, 18. Juni 1995.) Demgegenüber sind die von mir ausgewählten Arbeiten ausführliche, eingehende Beiträge, die Jacksons Leben und Karriere umfassend kritisieren, statt sich auf ein Werk oder einen Auftritt zu fokussieren. Ich glaube allerdings, dass die Boulevardgeschichten und herablassenden Rezensionen ebenfalls Reaktionen auf Jacksons ungewöhnliche Macht sind, obwohl sie es für gewöhnlich nicht explizit aussprechen, wie es die Autoren machen, deren Arbeiten ich hier analysiere.

Alle in diesem Buch analysierten Autoren empfinden Jackson als „andersartig“, wenn auch auf etwas unterschiedliche Art und sie nehmen ihn auf unterschiedliche Art als mächtig wahr. In jedem Fall rührte die Macht, welche sie Jackson zuschrieben, allerdings nicht nur von seinem Ruhm und Reichtum her, sondern auch von seiner Andersartigkeit.

Das erste von mir betrachtete Werk ist Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream, ein Buch von Musikkritiker Dave Marsh, welches 1985, am Höhepunkt von Jacksons Ruhm, veröffentlicht wurde. Außerdem untersuche ich einen Artikel von der Journalistin Maureen Orth, der 2003 im Vanity Fair Magazin offensichtlich als Reaktion auf die Ausstrahlung der Dokumentation Living with Michael Jackson veröffentlicht wurde. Das letzte Werk ist The Resistible Demise of Michael Jackson, das von Mark Fisher herausgegeben und 2009, wenige Monate nachdem Jackson starb, veröffentlicht wurde. Dieses Buch ist eine Essaysammlung von 23 hauptsächlich britischen Musikschriftstellern, Bloggern und Akademikern.

Das Unbehagen und die Wut dieser Autoren über Jacksons Andersartigkeit sind nicht verschleiert, aber dasselbe kann nicht über rassistische Gefühle gesagt werden. Obwohl ich glaube, dass Rassismus bis zu einem gewissen Grad in diesen drei Schriften vorhanden sein könnte, wird er bis auf wenige Ausnahmen nicht deutlich gemacht, weshalb es schwierig ist, ihn direkt zu thematisieren. Natürlich gehörte es zu Jacksons Andersartigkeit, dass er Afroamerikaner war, also waren rassistische Gefühle oft Teil der Unbehaglichkeit, die manche wegen seiner Andersartigkeit empfanden.

Es ist nicht das Hauptziel dieses Buches, eine Punkt-für-Punkt Erwiderung auf all die haltlosen Vermutungen und falschen Fakten zu schaffen, die in diesen Werken enthalten sind, aber bis zu einem gewissen Grad ist das nicht vermeidbar. Sofern es nicht anders angegeben ist, werde ich das Wissen über Jackson nutzen, das den Autoren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihrer Schriften zugänglich war.

Die schädlichste Annahme der Medien über Jackson war, dass er ein Kinderschänder war. Basierend auf dem, was ich über die Umstände und Einzelheiten der Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs und über Jacksons Charakter gelesen habe, glaube ich trotz der jüngsten Anschuldigungen von Wade Robson nicht, dass Jackson Kinder belästigt oder ein sexuelles Interesse an Kindern hatte. Ich werde das Kindesmissbrauchsthema nicht im Detail ansprechen, da dies sonst ein völlig anderes Buch werden würde. Das Kindesmissbrauchsthema wurde an anderer Stelle wirklich gründlich und kompetent untersucht, insbesondere in „Wurde Michael Jackson etwas angehängt?“ von Mary A. Fischer, GQ, Oktober 1994, Michael Jackson Conspiracy von Aphrodite Jones (2007), und My Friend Michael: An Ordinary Friendship with an Extraordinary Man von Frank Cascio (2011). Die Feindseligkeit der Medien gegenüber Jackson begann ohnehin Jahre vor den ersten Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs und spätere Anfeindungen der Medien waren nicht zwingend ausschließlich eine Reaktion auf diese Unterstellungen, wie wir sehen werden.

Für jemanden, der viel über Michael Jackson gelesen hat und sehr positive Gefühle für ihn hat, war es schwer, im Zuge der Recherchen so viele Schriften zu lesen, die ihm gegenüber so brutal kritisch sind. Ich verstehe, dass viele, die dieses Buch lesen, dieselben Schwierigkeiten mit dem Inhalt der Schriften haben, die ich analysiere, und sich fragen, welchen Nutzen es haben könnte, abträgliche oder falsche Geschichten zu wiederholen. Mein Ziel ist jedoch, mehr über Jacksons kulturelle Bedeutung zu verstehen, in dem ich mehr über seine Kritiker verstehe, sowie zu untersuchen, wie wir jene behandeln, die als fremd oder „andersartig“ betrachtet werden. Und aus der Negativität dieser Kritiker kommt eine überraschend positive Sicht auf Jacksons Macht als Künstler zum Vorschein.

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(1) Susan Fast, “The Difference That Exceeded Understanding: Remembering Michael Jackson (1959-2009),” Popular Music and Society, Vol. 33, No. 2, May 2010.

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