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„Leaving Neverland“: Why you wanna trip on me? (Warum wollt ihr mich fertigmachen?)

by on 9. June 2019

Original: https://dancingwiththeelephant.wordpress.com/2019/04/04/6617/

Übersetzung: Sabine

Willa: Hi Lisha. Es ist so großartig, wieder mit dir zu sprechen! Obwohl ich wünschte, es geschähe unter glücklicheren Umständen. Ich bin einfach sehr betrübt über diese Leaving Neverland-Dokumentation.

Lisha: Hey Willa! Ich finde es auch großartig, mich wieder mit dir zu unterhalten, aber ich glaube, wir sind alle tief betrübt über diesen Film.

Willa: Du hast wahrscheinlich Recht, obwohl ich sagen muss, ein Teil von mir sieht auch ein paar kleine Hoffnungsschimmer. Ich versuche, nicht übermäßig optimistisch zu sein, aber ich frage mich, ob es tatsächlich der Wendepunkt ist, wenn die Mainstream Medien endlich anfangen, die Beweise rund um die Anschuldigungen zu sehen. Ich meine, die Veröffentlichung des Films zog so einen Aufschrei nach sich, und nun stellt sich heraus, dass manche Schlüssel-Aussagen darin einfach nicht wahr sind. Also frage ich mich, ob das zu einer Art von öffentlicher Abrechnung führt.

Lisha: Das hoffe ich wirklich. Nicht die „MJ-Abrechnung“, die das Slate Magazin vorgeschlagen hat, mit einem Übermaß an größtenteils unkritischen, gutgläubigen Artikeln, sondern eine vorsichtigere Erwiderung darauf, wie sexuelle Anschuldigungen im Allgemeinen in den Medien dargestellt werden. Beschuldigungen sind kein Beweis für ein Verbrechen, also müssen wir zurückhaltend sein, was die Annahme von Schuld betrifft, die nur auf anzüglichen Behauptungen beruht. Besonders, wenn beträchtliche Geldsummen im Spiel sind, wie es hier der Fall ist in den gerichtlichen Verfahren, die Wade Robson und James Safechuck gegen die Michael Jackson-Nachlassverwaltung angestrengt haben.

Willa: Ja, und die neuen Beweise, die gerade herausgekommen sind, werfen wirklich ein paar Fragen auf, sowohl was die Gerichtsakten betrifft, als auch in Bezug auf ihre Aussagen im Film. Zum Beispiel behauptet James Safechuck in seinem Gerichtsverfahren, dass Jackson im Jahr 1988, als er 10 Jahre alt war, anfing, ihn zu missbrauchen und damit fortfuhr bis 1992, als er 14 war. Und im Film sagt er, dieser Missbrauch geschah oft in dem Bahnhofsgebäude in Neverland:

Im Bahnhof gibt es oben einen Raum. Und dort hatten wir auch Sex. Es geschah jeden Tag. Es klingt krank, aber es ist ungefähr so, wie wenn du anfängst, jemanden zu daten, stimmt‘s?, du tust es dann sehr oft. Also, so war es ungefähr.

Wie auch immer, Mike Smallcombe, der Autor von Making Michael: Inside the Career of Michael Jackson („Wie Michael aufgebaut wurde: Im Inneren von Michael Jacksons Karriere“, Anmerkung der Übersetzerin), hat das überprüft und entdeckt, dass der Bahnhof zu der Zeit nicht existiert hat. Entsprechend der behördlichen Unterlagen des County wurde die Baugenehmigung im Herbst 1993 gegeben.

Hier ist ein Tweet von Smallcombe zu diesem Thema, und er beinhaltet ein Bild der Baugenehmigung, mit einem Stempel vom 2. September 1993.

In den letzten paar Stunden wurde mir Zugang gewährt zur Santa Barbara County Baugenehmigung für den Bau des Neverland-Bahnhofs – genehmigt am 2. Sept. 1993.— Mike Smallcombe (@mikesmallcombe1) March 30, 2019

Lisha: Exzellente Arbeit von Mike Smallcombe!

Willa: Da stimme ich zu! Großes Lob für diesen kritischen investigativen Journalismus.

Lisha: Es ist erstaunlich, wie eine einzige Information die gesamte Geschichte in Zweifel ziehen kann.

Willa: Oder zumindest die Frage aufwirft, warum Safechuck hierzu nicht die Wahrheit sagt. Und es sieht so aus, dass dieser Teil der Geschichte nicht wahr sein kann, selbst wenn man sich noch so anstrengt, die Teile des Puzzles zusammen zu zwingen.

Der Bau des Bahnhofs wurde 1994 vollendet, während Michael Jackson nicht in Neverland war und eine Menge zu tun hatte – die Chandler-Anschuldigungen waren öffentlich geworden, er verbrachte einige Zeit in der Reha, er heiratete Lisa Marie Presley, und er lebte in New York. Er zog erst 1995 zurück nach Neverland. Hier ist ein Artikel mit zusätzlichen Informationen, der einen kurzen Videoclip des Bahnhofs aus Leaving Neverland enthält.

Wenn man also all dies zusammenfasst, kann der angeblich tägliche Missbrauch sich im Bahnhof frühestens 1995 abgespielt haben, als Safechuck 17 war. In einer Antwort auf Smallcombes Tweet erwiderte Dan Reed, der Regisseur von Leaving Neverland, dass der Missbrauch ein paar Jahre länger gedauert haben müsse als Safechuck ursprünglich behauptete. Hier ist ein Screenshot von Reeds Antwort.

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Dan Reed: Ja, es scheint keinen Zweifel zu geben über das Bahnhofsdatum. Was nicht stimmt, ist der Zeitpunkt vom Ende des Missbrauchs.

Also versucht Dan Reed die Puzzleteile zusammenzufügen. Und so versucht es auch ein kürzlich erschienener Cosmopolitan-Artikel, in dem es heißt, „es ist nicht ungewöhnlich für traumatische Erfahrungen, dass man Erinnerungen durcheinander bringt, einschließlich Daten und Einzelheiten, wenn es um Opfer geht.“ Ich kann mir vorstellen, dass das stimmt, besonders, wenn das Opfer ein Kind ist.

Allerdings, die Periode des Missbrauchs um weitere drei Jahre zu verlängern, so dass er weiterging bis ins Jahr 1995, bringt nicht nur die Zeitabläufe durcheinander. Es verändert den gesamten Bogen von Dan Reeds Erzählung, der darin besteht, dass Michael Jackson kleinen Jungen nachstellte und sie dann verbannte, sobald sie die Pubertät erreichten. Safechuck behauptet, dass Michael Jackson begann, sich von ihm zu distanzieren und seine Aufmerksamkeit jüngeren Jungen zuzuwenden, als er zwölf wurde und die ersten Anzeichen der Pubertät sichtbar wurden. Und er sagt, dass Michael Jackson ihn schmerzhaft abgewiesen hat um die Zeit, als er 14 Jahre alt war. Der tägliche sexuelle Missbrauch eines Siebzehnjährigen passt in keiner Weise in die Erzählung.

Außerdem deutet Safechuck im Film an, dass der Bahnhof einer der ersten Orte war, an dem der Missbrauch geschah: „es ist ungefähr so, wie wenn du anfängst, jemanden zu daten, stimmt‘s?, du tust es dann sehr oft.“ Das deutet also auf die späten achtziger Jahre hin, als Safechuck 10 war oder so. Aber der Bahnhof hat da noch nicht existiert. Es scheint einfach nicht möglich zu sein, dass Safechucks gesamte Behauptungen wahr sein können.

Lisha: Ja, und vergiss nicht, beide, Safechuck und Robson sagen, sie wären in der Zeit des Missbrauchs nicht traumatisiert gewesen. Sie behaupteten, das erfahrene Trauma sei viel später gekommen – nachdem sie sich vorgestellt hatten, ihre eigenen Kinder würden missbraucht. Also ich erkenne nicht, wie diese Erklärung Sinn ergeben soll. Nebenbei, wertet ein Trauma die Erinnerung nicht eher auf statt sie zu verzerren? Ich erinnere mich an Christine Blasey Fords Aussage letzten Sommer, in der sie erklärte, dass traumatische Erinnerungen tatsächlich viel klarer sind als es Erinnerungen normalerweise sind.

Willa: Naja, es ist kompliziert. Menschen können traumatisiert sein, ohne es wahrzunehmen – ich meine, ohne zu merken, welche Auswirkungen das Trauma auf sie gehabt hat. Zum Beispiel erkennen Soldaten mit PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) oft nicht, dass sie darunter leiden, bis sie diagnostiziert wird.

So wie ich es verstehe, können sensorische Erinnerungen traumatischer Geschehnisse sehr klar sein, während Dinge wie Daten oder, in Christine Blasey Fords Fall, der Standort des Hauses, wo der Missbrauch geschah, oder die Erinnerung daran, wie sie an dem Abend nach Hause kam, durcheinander geraten oder vergessen werden können.

Lisha: Das ist genau der Grund, warum die Polizei routinemäßig Befragungen von Opfern, Zeugen und Verdächtigen aufnimmt. Wenn du jemanden bittest, sich aufnehmen zu lassen, wenn er erzählt, was geschah, kannst du ihre Geschichte festnageln und erhärten. Es ist oftmals das Erste, was die Polizei tut – alle bekannten Parteien voneinander zu trennen und sie dann zu bitten, sich an die Geschehnisse zu erinnern. Wir wissen, dass Fälle von Kindesmissbrauch sehr schwer zu beweisen sind, denn physische Beweise des Verbrechens selbst sind selten vorhanden. Also sind es die anderen Elemente der Geschichte, die bewiesen werden müssen.

Willa: Wenn möglich, aber manchmal gibt es nicht viele harte Beweise, besonders wenn Opfer erst Jahre später in der Lage sind, sich zu melden, nachdem sie eine Chance hatten, zu verarbeiten, was ihnen als Kind passiert ist. Das ist es, was diese Fälle zu solchen Herausforderungen macht. Ich habe ein bisschen Recherche zur Start by Believing campaign (Fang damit an zu glauben-Kampagne, Anm. d. Ü.) angestellt, und ich verstehe und unterstütze ihre Ziele: Opfer von sexuellem Missbrauch oder sexueller Belästigung vor erneuten traumatischen Erfahrungen zu schützen, wenn sie ihre Geschichte erzählen, andere Opfer zu ermutigen, sich zu melden und den Mantel des Schweigens und der Scham zu zerreißen, der sexuellen Missbrauch umgibt. Ich halte diese Ziele für bewundernswert und ich unterstütze sie.

Aber wenn ein Staatsanwalt anfängt, den Opfern zu glauben, wie Tom Sneddon es 1993 und 2003 getan hat, oder wie ein Großteil der Medien es getan hat, als Leaving Neverland herauskam, kann die Schuldvermutung große Ungerechtigkeit bedeuten.

Lisha: Ich denke, an dieser Stelle kann der Michael Jackson-Fall zu einem erweiterten Gespräch darüber beitragen, wie wir zwischen falschen und überprüfbaren Anschuldigungen wegen sexuellem Missbrauch unterscheiden können. Wir können nicht einfach davon ausgehen, dass alle Ankläger akkurate oder wahre Angaben machen.

Willa: Unglücklicherweise stimmt das. Und es ist nicht nur Safechuck. Smallcombe hat auch Belege aufgedeckt, die Wade Robsons Geschichte widersprechen. In der Dokumentation sagt Robson, er wurde das erste Mal 1990 missbraucht, als er 7Jahre alt war und seine Familie ihn in Neverland zurückließ, während sie zum Grand Canyon gefahren sind. Jedoch hat Smallcombe eine Aussage von 1993 entdeckt, in der Wades Mutter Joy sagt, dass die gesamte Familie zum Grand Canyon gefahren ist. Sie sagt auch, dass sie Wade das erste Mal drei Jahre später in Neverland allein ließ – im Jahr 1993, nur ein paar Monate, bevor sie ihre Aussage machte, zu einer Zeit also, als ihre Erinnerungen an diese Vorkommnisse frisch gewesen sein müssen.

Hier ist noch ein Tweet von Smallcombe:

Erstes Bild: Joy Robsons Aussage von 1993, die bestätigt, dass die Familie zum Grand Canyon fuhr und dass Wade nicht vor dem gleichen Jahr (1993) allein in Neverland war Zweites Bild: Joy Robsons Aussage von 2016, sie gibt wieder an, dass die „ganze Familie“ inklusive Wade zum Grand Canyon gefahren ist.

Und hier ist ein Artikel mit zusätzlichen Informationen.

Lisha: Also wissen wir, dass die Angaben im Film nicht für bare Münze genommen werden können. Woher wissen wir überhaupt, dass irgendetwas in dem Film wirklich zutrifft?

Willa: Das ist eine gute Frage, Lisha. Vielleicht werden wir in der Lage sein, das herauszufinden, wenn mehr Belege auftauchen. Genauso dringend hoffe ich, dass die Mainstream-Medien durch Informationen wie diese endlich dazu gezwungen werden, zurückzuschauen und die gesamten Anschuldigungen neu zu bewerten und diesmal wirklich die Beweise zu betrachten.

Lisha: Das hoffe ich auch.

Willa: Unglücklicherweise halte ich das nur für einen kleinen Hoffnungsschimmer. Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einem Freund unterhalten, der für viele Jahre Chefredakteur der Lokalzeitung war und nun am örtlichen College Journalistik unterrichtet. Er ist wirklich ein netter Mensch und ich respektiere ihn sehr, aber er erzählte mir, dass er, ehrlich gesagt, schon vor langer Zeit Michael Jackson als Freak abgetan hat, ungeachtet dessen, ob er Kinder belästigt hat oder nicht. Er sagte, dass ihm Beweise diese oder jene Einzelheit betreffend egal seien. Seine grundsätzliche Einschätzung Michael Jacksons stand bereits fest und würde sich wahrscheinlich nicht ändern.

Ich fürchte, dass viele Menschen das so empfinden, inklusive andere Journalisten. Zum Beispiel habe ich den Eindruck, dass die nationalen Medien sich gar nicht großartig für Beweise interessieren. Stattdessen hat bereits eine fast universelle Verdammung Michael Jacksons stattgefunden, genauso wie die öffentliche Verunglimpfung jedes Einzelnen, der sich traut, ihn zu verteidigen.

Lisha: Ich denke, darum müssen wir einen Schritt zurücktreten und über eine kulturelle Antwort auf den Film nachdenken, statt zu versuchen, jeden kleinen Beweisfetzen auszuwerten.

Willa: Hmmm… Ich denke immer noch, das Betrachten der Beweise hat einen hohen Stellenwert, aber das ist ein guter Punkt, Lisha. Ich denke, du hast Recht – Beides muss gleichzeitig passieren.

Lisha: Ja, ich stimme dir zu. Die Fakten aufzudecken ist wesentlich. Aber was sagt es über eine Kultur aus, wenn ein Film dieser Art – vier Stunden drastischer Schilderungen pädophiler Handlungen – so viel Begeisterung erzeugt? Es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum ein Unterhaltungsprodukt wie dieses so ansprechend ist.

Für mich war der schlimmste Teil von Leaving Neverland die unerbittliche, sensationsheischende Berichterstattung in den Medien. Ich habe das wirklich nicht kommen sehen. Es fühlt sich oft an, als käme es von einer einzigen unkritischen Stimme, trotz allem, was wir über diese Fälle in den letzten sechs Jahren gelernt haben. Die Robson/Safechuck-Verfahren sind bereits zwei Mal ohne Sachentscheidung abgewiesen worden. Große Nachrichtenagenturen haben 2013 über die Klagen berichtet. Außerdem ist Michael Jackson 2009 gestorben! Also warum ist das plötzlich so ins öffentliche Bewusstsein hinein explodiert und hat für so eine gewaltige Reaktion gesorgt?

Wenn ich zurückblicke auf ein paar frühere Medienanalysen, erkenne ich eine vertraute Geschichte. Zum Beispiel hat der Medienwissenschaftler John Erni damals, 1998 die Berichterstattung über die Chandler Beschuldigungen als „zum einen grob vereinfachend und zum anderen himmelschreiend homophob“ beschrieben, und ich denke, das trifft immer noch zu. Zu viele Journalisten nehmen die Anschuldigungen einfach für bare Münze. Und in einer Kultur, die „nicht müde wird, den Mythos von Schwulen als Kinderbelästiger zu recyceln“ sehen wir wieder homophobe Restriktionen gegen Michael Jackson und Andersartigkeit.

Willa: Absolut.

Lisha: Aber ich verstehe immer noch nicht, warum dieses Narrativ jetzt mit großem Getöse zurückschlägt. Warum jetzt?

Willa: Das ist eine wirklich gute Frage, Lisha. Ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht daran liegt, dass die Anschuldigungen in einem Film gezeigt wurden wie eine Geschichte, mit Leuten, die die Zuschauer sehen und mit denen sie eine Verbindung aufbauen konnten – was Psychologen den „Identifizierbares Opfer-Effekt“ nennen – Es gab neulich einen Artikel darüber in Salon.

Lisha: Toller Artikel! Ich bin sicher, das ist ein großes Stück des Puzzles.

Willa: Ja, du hast vielleicht recht, Lisha, das ist nur einer von vielen Gründen, warum Leaving Neverland so einen Aufschrei ausgelöst hat. Aber ich halte das für einen wichtigen Grund. Es scheint, dass wir Menschen so verdrahtet sind, dass wir emotional auf Geschichten reagieren. Ich glaube, das ist ein Grund, warum Freud sich so oft der griechischen Mythologie zuwandte, wenn er die menschliche Psychologie beschrieb und benannte (Es gibt Eros und Narzissus, Ödipus und Elektra…). Es ist, als würden wir Menschen Geschichten erschaffen, unsere Geschichten aber auch uns erschaffen. Über die Jahrtausende haben unsere Geschichten unser Denken geformt, unsere Kultur und unser Verständnis davon, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Daher können uns unsere Geschichten auf eine Weise emotional bewegen, die nur schwer zu verstehen ist.

Wenn man also einen Film wie Leaving Neverland sieht und miterlebt, wie ein Mitmensch eine entsetzliche Geschichte erzählt – selbst wenn die Geschichte bereits seit einigen Jahren die Runde macht, wie Robsons und Safechucks Behauptungen – dann ruft das unsere Emotionen wach und betrifft uns auf ganz andere Weise als es ein Report über einen Gerichtsfall tun würde, selbst wenn beides inhaltlich gleich ist.

Lisha: Es stimmt, dass der Film vollkommen auf affektiver und emotionaler Betroffenheit beruht, was ein ganz anderer Weg ist, Informationen aufzunehmen als, sagen wir, das Lesen von juristischen Dokumenten. Selbst wenn der Inhalt der gleiche ist, ermöglicht ein Film dem Betrachter, nonverbale Informationen zu bewerten, was sehr machtvoll sein kann.

Willa: Das stimmt.

Lisha: Ich habe festgestellt, dass „Untouchable“ („Unantastbar“, Anm. d. Ü.), der Film über Harvey Weinstein, denselben Ansatz verfolgt. Er hatte neben Leaving Neverland Premiere beim Sundance Film Festival und konzentrierte sich in gleicher Weise auf die Behauptungen der Ankläger. Ein Kritiker erklärte es so:

Geschichten in Zeitungen und Zeitschriften können uns mit den Details versorgen, aber Kino, ein bild- und zeitbasiertes Medium, kann mehr als Print-Medien. Es kann uns mit den Opfern zusammensitzen und zu Zeugen werden lassen, während sie von ihren Erfahrungen berichten.

Willa: Ja, das ist eine gute Beschreibung. Und uns in diese unangenehme Lage zu versetzen, kann machtvoll sein: es kann uns zwingen, der harten Realität ins Auge zu sehen, starke Emotionen freisetzen und möglicherweise wichtige gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen. Aber die schiere Gewalt dieser Emotionen kann uns auch in Schwierigkeiten bringen.

Lisha: Ganz bestimmt. Ich habe festgestellt, dass die Me Too-Bewegung an dieser Stelle ein wenig in Schieflage gerät – wir werden ermutigt, „den Opfern zu glauben“ und gleichzeitig unterschwellig dazu aufgefordert, unsere Fähigkeit zu kritischem Denken beiseite zu lassen. Manche haben sogar versucht, das plötzliche Interesse an Leaving Neverland als Teil der Me Too-Bewegung zu erklären. Aber ich neige dazu zu denken, wenn das der Fall wäre, hätte es viel mehr Reaktionen auf Untouchable und den bevorstehenden Prozess gegen Harvey Weinstein gegeben – ein lebendes, atmendes menschliches Wesen.

Willa: Die unterschiedlichen Reaktionen auf Untouchable und Leaving Neverland sind ganz schön auffällig, wenn du sie so nebeneinander stellst, Lisha. Ich glaube, du hast recht damit, dass es da um mehr geht – etwas, das eine viel stärkere emotionale Reaktion auf Michael Jacksons Ankläger hervorruft als auf Weinsteins.

Und wieder sollten wir vorsichtig damit sein, den Wahrheitsgehalt einer Geschichte aufgrund unserer emotionalen Reaktionen zu beurteilen. Nur weil eine Geschichte überzeugend ist, muss sie nicht wahr sein. Einige unserer herzzerreißendsten Geschichten sind fiktiv. Aber weil sie uns so tief bewegen, fühlen sie sich auf einer gewissen Ebene wahr an.

Lisha: Ja, das ist richtig. Ich habe oft gedacht, dass viele fiktive Geschichten auf der psychologischen Ebene wahr sind! Vielleicht sogar mehr als die reine Darlegung von Fakten.

Willa: Ich weiß, was du meinst. Fiktion kann wichtige psychologische Fakten beinhalten, selbst wenn die Handlung ein komplettes Hirngespinst ist. Tatsächlich kann Fiktion etwas Tiefgreifendes ausdrücken und uns tiefer bewegen als eine strikte Befolgung der tatsächlichen Geschehnisse. Ich habe neulich Never Look Away („Sieh niemals weg“, Anm. d. Ü.) gesehen, einen erstaunlichen Film über die Fähigkeit von Kunst, Wahrheiten auszudrücken, die vielleicht nicht einmal der Künstler versteht. In einem kürzlich erschienenen Artikel sagt Florian Henckel von Donnersmarck, der Regisseur von Never Look Away, dass es eine Geschichte schwächen kann, sich an alle Fakten und den genauen Ablauf zu halten. Citizen Kane wäre ein geringerer Film, wenn er Citizen Hearst genannt worden wäre.

Lisha: Interessant!

Willa: Das glaube ich auch. Dieser Kommentar hat mich wirklich beeindruckt. Also versuchen Regisseure, Geschichten auf eine Weise zu vermitteln, die Emotionen erregt – sie arbeiten hart daran, uns emotional zu bewegen. Und diese Emotionen mögen wichtige Einblicke vermitteln, aber sie können uns auch irreleiten.

Zum Beispiel können Emotionen eine Art von Mob-Mentalität hervorrufen, die Menschen mitreißt. Ich glaube, das ist ein Grund, warum Michael Jackson während seines Prozesses How to kill a mockingbird (Wer die Nachtigall stört) immer und immer wieder angeschaut hat – um zu verstehen, wie diese Mob-Mentalität funktioniert, besonders wenn eine schwarze Person von einer weißen Person einer Sexualstraftat bezichtigt wird. In solchen Situationen, wenn es zu einem emotionalen Ausnahmezustand kommt, kann es fast unmöglich sein, die breite Öffentlichkeit dazu zu bringen, einen Moment innezuhalten und nicht voreilig zu urteilen, bevor die Beweise richtig eingeschätzt wurden. Die Geschichte ist übersät mit dieser Art von Ereignissen und kulturellen Produkten – Birth of a Nation („Die Geburt einer Nation“, Anm. d. Ü.) kommt einem in den Sinn – wo gezeigt wird, wie leicht wir kulturellen Narrativen und Kurzschlussreaktionen in die Falle gehen. Leaving Neverland wurde hergestellt, um starke emotionale Reaktionen hervorzurufen und daraus ist ein Versuch geworden, Michael Jackson in eine Art kulturellen Volksteufel zu verwandeln, um den Begriff des Soziologen Stanley Cohen zu gebrauchen. Weil diese Dämonisierung Michael Jacksons in einer Art medialem Gerichtsprozess auch Aufrufe beinhaltet, seine Musik zu verbannen, denke ich, dass wir wachsam sein sollten im Umgang mit diesem kulturellen Moment. Musik und Kunst zu verbannen ist ein sehr dunkler Impuls.

Willa: Naja, das ist ein kompliziertes Thema. Ich stimme zu, dass wir immer dann wachsam sein müssen, wie du sagst, wenn wir Zeichen dieser Art von Mob-Mentalität sehen. Mobs sind beängstigend, besonders leibhaftig, aber sogar online. Und es ist problematisch, dass es kaum Diskussionen über tatsächliche Beweise gibt oder die Darstellung von unterschiedlichen Sichtweisen. Für eine Weile schien es, als sei Joe Vogels Artikel in Forbes [deutsche Übersetzung; Anm.d.Übers.] der einzige da draußen, der gegen Leaving Neverland vorging und gegen die allzu vertraute Erzählung von Michael Jackson als sexuellem Raubtier kleinen, weißen Jungen gegenüber.

Aber um ehrlich zu sein, kann ich verstehen, warum die meisten Zuschauer von Leaving Neverland empört sind und Sympathie für Wade Robson und James Safechuck empfinden. Ich habe eine liebe Freundin, die vor mehr als vierzig Jahren sexuell missbraucht wurde, und es beeinflusst immer noch fast jeden Aspekt ihres Lebens. Es war ein so tiefgehender Verrat. Es ist fast unmöglich, in Worten auszudrücken, welche Auswirkungen das auf sie hatte. Ich habe eine andere Freundin, die eines Tages entdeckte, dass ihr Ehemann ihre beiden Kinder sexuell missbraucht hatte. Sie erzählte mir, sie sei an dem Morgen zur Arbeit gegangen mit der Überzeugung, sie führe eine starke Ehe und habe eine glückliche Familie, und am Ende des Tages war alles, was sie zu wissen glaubte, ins Gegenteil verkehrt.

Lisha: Das ist herzzerreißend, Willa.

Willa: Das ist es. Es ist herzzerreißend und zerstörerisch und vollkommen verwirrend. Sie sagte mir, dass sie sich immerfort fragte, Wie konnte mir das entgehen? Wie konnte ich meinen Mann als einen witzigen, glücklichen Extravertierten missverstehen, während er solche Dunkelheit in sich trug? Wie konnte ich seine Beziehung mit unseren Kindern missverstehen? Sie hat wirklich den Glauben an ihre Menschenkenntnis verloren, und ich weiß nicht, ob sie sich jemals komplett davon erholen wird.

Lisha: Das ist unglaublich traurig, denn Menschen, die diese Verbrechen begehen, sind nicht stolz auf Ihr Verhalten und gehen sehr weit, um es zu verbergen. Zweifellos wurde das sorgfältig verborgen – besonders vor ihr. Aber unglücklicherweise nehmen Mütter oft die Schuld auf sich, weil sie darin versagt haben, ihre Kinder zu schützen – ein weiteres kulturelles Narrativ, das es verdient, mehr hinterfragt zu werden.

Willa: Das stimmt. Auch das sehen wir in Leaving Neverland.

Lisha: Leider ja.

Willa: Wie auch immer, mein Punkt ist, dass ich erlebt habe, wie sexueller Missbrauch Menschen zerreißen kann, nicht nur Opfer, auch deren Familien, und ich habe den Langzeiteffekt gesehen, den er auf die tiefsten Abgründe der Psyche des Opfers haben kann. Also kann ich verstehen, warum die meisten Leute, die Leaving Neverland sehen, Schock und Wut und Abscheu empfinden.

Lisha: Ich kann natürlich verstehen, dass man Mitgefühl hat mit jemandem, der leidet und dass man denen helfen möchte, die zu Opfern wurden. Es scheint nur natürlich zu sein, dass du so viel Unterstützung und Trost wie möglich zeigen möchtest.

Willa: Ja, das denke ich auch.

Lisha: Aber ich will auch an die Opfer falscher Anschuldigungen denken. Was dem Gespräch über Leaving Neverland meiner Ansicht nach fehlt, ist die Anerkennung dessen, dass es seit Jahrzehnten eine erhöhte kulturelle Aufmerksamkeit für den sexuellen Missbrauch von Kindern gibt, seit den Achtzigern, soweit ich mich erinnere. Das ist kein gesellschaftliches Problem, das wir unter den Teppich gekehrt haben oder von dem wir so getan haben, als gäbe es das nicht. Wir wurden überschwemmt mit allen möglichen Informationen über sexuellen Missbrauch von Kindern. Oprah allein sagt, sie habe 217 Fernsehsendungen zu dem Thema gemacht. Zeitweise erhob sich aus dem großen Interesse an diesem Thema eine extreme Panik und Hysterie. In Mike Lews Worten, Autor von Victims No Longer („Nicht länger Opfer“, Anm. d. Ü.) (ein Buch, das Wade Robson auf seiner Webseite empfiehlt): „Man müsste schon in einer Höhle gelebt haben, um sich der Realität von Kindesmissbrauch nicht bewusst zu sein…“

Zusammen mit dem erhöhten Bewusstsein von Missbrauch kommt das Wissen darüber, wie zerstörerisch falsche Anschuldigungen sein können. Genauso wie wir es in Fällen von Missbrauch sehen, können falsche Anschuldigungen Menschenleben ruinieren und Familien auseinanderreißen. Also müssen diese Behauptungen sehr sorgfältig untersucht werden.

Willa: Ja, besonders, wenn der Ankläger weiß ist und der Beschuldigte nicht.

Lisha: Ausgezeichnetes Stichwort! Rasse verkompliziert diese Diskussion exponentiell, besonders wenn es um Anschuldigen wegen sexueller Gewalt von Schwarzen gegen Weiße geht.

Willa: Das ist wirklich so. Du weißt, dass ich im Süden aufgewachsen bin, also ist mir klar, dass diese machtvollen Gefühle von Wut und Empörung manipuliert werden können, besonders gegen farbige Männer. Wiederholt haben in der amerikanischen Geschichte weiße Männer Nichtweiße oder Männer anderer Rassen des sexuellen Missbrauchs weißer Frauen und Kinder beschuldigt, und haben dann die enorme Angst und Wut, die daraus entstand, für politische und finanzielle Ziele genutzt.

Zum Beispiel wurde diese Strategie während des Kolonialismus wiederholt gegen amerikanische Indianer angewendet, um die Übertretung von Verträgen und die Beschlagnahme von Indianerland zu rechtfertigen. Ich meine damit, dass weiße Siedler Geschichten darüber verbreitet haben, dass Indianer weiße Frauen und Kinder entführt und missbraucht haben, und dann wurden diese Geschichten als Rechtfertigung dafür benutzt, Indianer von dem Land zu vertreiben, das rechtmäßig ihnen gehörte. Diese Strategie hatte eine interessante Auswirkung: Sie erlaubte weißen Siedlern, sich selbst als Opfer darzustellen, selbst wenn sie gegen die Ureinwohner Gewalt ausübten und ihnen ihr Land wegnahmen.

Eine ähnliche Strategie wurde in den 1880er Jahren gegen chinesische Einwanderer und gegen mexikanische Einwanderer in den 1930ern angewendet (genauso wie die Präsidentschaftswahl 2016), um Veränderungen in der Einwanderungspolitik zu bewirken. Und sie richtete sich über Generationen gegen schwarze Männer. Tausende von befreiten schwarzen Männern wurden gelyncht in den Jahrzehnten, die dem Wiederaufbau folgten, und eine falsche Anschuldigung wegen sexueller Belästigung war oftmals die Rechtfertigung für das Anzetteln von Massenausschreitungen, die Zerstörung von erfolgreichen schwarzen Geschäften und Gemeinden und die Konfiszierung schwarzen Besitztums.

In einem Pamphlet von 1892, Southern Horrors: Lynch Law in All Its Phases (Der Horror des Südens: Lynchjustiz in all ihren Phasen, Anm. d. Ü.) weist die Journalistin Ida Wells darauf hin, dass diese grausamen Lynchmorde auch einen übergreifenden politischen Zweck verfolgten: befreite Schwarze, besonders schwarze Männer zu unterdrücken, nachdem die Sklaverei abgeschafft worden war. Wells warnt ihre Leser weiterhin, dass falsche Anschuldigungen von Vergewaltigung, um Gewalt von Weißen gegen Schwarze zu rechtfertigen, inzwischen so weit verbreitet waren, „dass es gerechtfertigt zu sein scheint, uns als eine Rasse von Vergewaltigern abzustempeln.“ (Übrigens, vielen Dank an Eleanor Bowman dafür, dass du mich auf Wells Pamphlet aufmerksam gemacht hast. Ich habe eine Menge daraus gelernt. Wenn jemand es lesen möchte, der vollständige Text findet sich hier.)

Unglücklicherweise denke ich, dass Wells Voraussage in einem gewissen Ausmaß wahr geworden ist – über die Jahrzehnte hat dieses Narrativ in den Köpfen vieler Leute Afroamerikaner als „Rasse von Vergewaltigern abgestempelt“. Also sind inzwischen viele weiße Amerikaner darauf voreingestellt, schwarze und farbige Männer als sexuelle Raubtiere zu sehen. Diese Historie hat einen enormen Einfluss darauf, wie Weiße schwarze Männer wahrnehmen, die des sexuellen Missbrauchs weißer Frauen und Kinder beschuldigt werden und wie sie auf sie reagieren. Aber ich glaube, viele weiße Amerikaner bemerken es entweder nicht oder wollen es nicht zugeben.

Lisha: Kulturelle Narrative sind so sehr ein Teil unseres Alltags, dass wir uns selten überhaupt ihrer bewusst werden – jedenfalls, bis sie herausgefordert werden. Es ist wichtig herauszuarbeiten, dass die Kulturindustrie (z.B. Musik und Film) ein Bereich ist, in dem diese Mythen und kulturellen blinden Flecken kontinuierlich bestätigt (und manchmal angefochten) werden. Das ist eine der Methoden zur Aufrechterhaltung der sozialen Privilegien für die Leitkultur.

Willa: Das stimmt.

Lisha: Das erinnert mich an einen neulich erschienenen Artikel über Leaving Neverland, der sich um diese Fragen dreht, hinsichtlich kognitiver Vorurteile, inklusive rassischer Vorurteile, und der erklärt, wie diese die Reaktion der Zuschauer auf den Film beeinflussen. Er trägt den Titel “How Your Judgment Can Be Skewed About the Michael Jackson Documentary” („Wie Ihr Urteil über die Michael Jackson Dokumentation verzerrt werden kann“, Anm. d. Ü.) und ist von einem Psychiater verfasst worden, Dr. Srini Pillay. Pillay sagt, er hatte Schwierigkeiten, einen Herausgeber für dieses Werk zu finden, denn er war nicht im Einklang mit den vorherrschenden Medien-Erzählungen über den Film. Er arbeitet natürlich heraus, dass dies ein ebenso starker Beweis für kognitive Vorurteile ist!

Willa: Das ist es wirklich, besonders weil dies ein tiefgründiger Artikel einer glaubwürdigen Quelle ist. Ein Harvard Psychiater und Hirnforscher. Es sagt eine Menge, dass er nicht in der Lage war, einen Herausgeber zu finden.

Willa: Ich glaube, dass immer dann, wenn wir sehen, wie die Medien mit einer Stimme sprechen, dies ein Signal dafür ist, dass wir uns in einer Gefahrenzone befinden, kulturell gesprochen. Ich möchte mich dann umschauen, um zu sehen, ob ich herausfinden kann, was genau sich außerhalb unserer peripheren Wahrnehmung versteckt.

Pillay zeigt, wie Vorurteile arbeiten, zum einen offen und auf versteckte Weise. Zum Beispiel sind in der Dokumentation die weißen Ankläger „die einzigen Menschen mit einer Stimme oder Perspektive“, während „der beschuldigte schwarze Täter nicht nur keine Stimme hat, sondern tot ist.“ Das fällt mir auf als ein Beispiel von offener rassistischer Voreingenommenheit.

Aber da geht noch mehr subtile Manipulation vor sich. Was mich am meisten überrascht hat, war eine Studie über „postmortale Dämonisierung und Kriminalisierung“ von schwarzen Männern, die zeigt, dass „das Risiko, rassistische Voreingenommenheit zu erfahren, für schwarze Männer sehr erhöht ist, besonders nachdem sie gestorben sind“.

Willa: Das hat mich auch überrascht.

Lisha: Ich glaube, das ist unglaublich wichtig hier, wenn man bedenkt, dass Michael Jackson seit fast zehn Jahren tot ist.

Willa: Ja. Ich habe nie nachgedacht über „das Risiko rassistischer Voreingenommenheit“, das schwarzen Männern nach ihrem Tod begegnet. Ihnen begegnet bereits so viel zu Lebzeiten! Aber das erinnert mich an Martin Luther King, zum Beispiel, und an alles was nach seinem Tod unternommen wurde, um sein Vermächtnis zu zerstören – wie all die Geschichten über Affären und One Night Stands. Warum wurde das veröffentlicht, und warum dann?

Lisha: Das ist ein perfektes Beispiel! Der Kampf um Dr. Kings Vermächtnis hat einen alten (und immer noch lebendigen) Mythos über schwarze, männliche Hypersexualität erweckt, und das Thema wiederholt sich im Kampf um Michael Jacksons Vermächtnis.

Willa: Ich stimme dir absolut zu.

Lisha: Pillay beschreibt außerdem die Vorurteile gegen erfolgreiche Menschen, an die wir im Zusammenhang mit Dr. King ebenfalls denken können. Reverend Jesse Jackson hat darüber 2005 in einem Interview mit Bill Maher gesprochen, in Bezug auf Michael Jackson: „ob du Jack Johnson oder Paul Robeson oder Martin King oder Mandela bist, wenn Schwarze sehr hohe Positionen erreichen, stehen sie in der Schusslinie. Michael erkennt, dass er selbst in dieser Linie steht.

Willa: Ja, das ist ein guter Punkt. Das ist wie der „A star is born“- Effekt, wo wir wiederholt die Geschichte einer talentierten Person erzählen, die großen Erfolg hat, Unglaubliches erreicht, um dann zusammenzubrechen und zu verbrennen. Wir erzählen diese Geschichte immer und immer wieder. Und das stimmt besonders für erfolgreiche schwarze Männer. Wie Michael Jackson 2005 selbst in einem Interview mit Jesse Jackson sagte: „Es gibt ein Muster unter schwarzen Berühmtheiten in diesem Land.“

Lisha: Das ist praktisch zur Zeit ein nationaler Zeitvertreib: The “swift and sudden fall from grace.” (Der „jähe und plötzliche Fall in Ungnade“, Anm. d. Ü.)

Willa: Genau. In dem Video, das du geteilt hast, Lisha, hat Jesse Jackson ein anderes Phänomen beschrieben, das hier ebenfalls wichtig ist, denke ich: Dass Jack Johnson, Muhammad Ali und Nelson Mandela zu Lebzeiten verunglimpft wurden und ihr Image saniert und gefeiert wurde, nachdem sie gestorben waren.

Also glaube ich, dass wir in Bezug auf Michael Jackson in unterschiedlichen Phasen mehrere unterschiedliche Phänomene sehen. Er wurde verachtet in den ungefähr letzten zehn Jahren seines Lebens, dann gefeiert direkt nachdem er gestorben war – wie Jack Johnson, Muhammad Ali und Nelson Mandela es wurden. Aber nun scheint eine Art Gegenreaktion einzusetzen. Einmal mehr wird er zum „beast you visualized“ („die Bestie, die du dir vorgestellt hast“, Anm. d. Ü.), um einen weiteren Songtext von ihm zu zitieren. Es ist, als bräuchten wir ihn, um diese kulturelle Rolle auszufüllen.

Lisha: Ja, du hast recht. Es ist wieder diese Mob-Mentalität und das Bedürfnis, einen kulturellen Volksteufel herzustellen. Nun füge noch das Vorurteil vor Kreativität hinzu…

Willa: Richtig, ich fand, dass das ebenfalls einer der wirklich interessanten Teile in Dr. Pillays Artikel war. Ich meine, denk nur an die beliebte Vorstellung des berühmten Komponisten oder Malers, der halb verrückt ist, oder denk an all die Lieder oder Volkssagen, in denen ein Künstler eine Art von Pakt mit dem Teufel schließt, um Erfolg oder Kreativität zu erlangen. Es scheint wirklich widersprüchliche Wahrnehmungen kreativer Menschen zu geben – dass sie für ihr Talent gefeiert werden sollten, aber auch, dass mit ihnen irgendetwas nicht ganz zu stimmen scheint. Michael Jackson spricht dieses Vorurteil in Ghosts ausdrücklich an. Schließlich ist die Hauptfigur ein „Maestro“, und die Dorfbewohner fühlen sich von seiner Kreativität bedroht wie von sonst etwas.

Lisha: Es gibt viele kulturelle Narrative über Künstler – Ghosts legt eine Menge von ihnen dar. Und ich glaube, wir könnten sogar eine Untergruppe für Popmusik erstellen. Ich meine, füll die Leerstelle aus: Musiker sind _____ (sexuell promiskuitiv, drogensüchtig, rücksichtslos, unverantwortlich…) Es gibt sogar eine kulturelle Kurzform dafür: Sex, Drugs and Rock‘n‘Roll“.

Willa: Ich erkenne, was du meinst!

Lisha: Es ist also sehr komplex, was die Reaktion der Zuschauer dieses Films steuert, inklusive eines weiteren wichtigen Faktors, welches das letzte Element ist, das Pillay ermittelt: Voreingenommenheit in Bezug auf Erinnerungen. Wie sich herausstellt, ist Erinnerung nicht halb so stabil und verlässlich, wie wir gern glauben würden.

Elizabeth Loftus ist eine führende Erinnerungsforscherin, die die Anschuldigungen Wade Robsons schon früh als fragwürdig kennzeichnete, besonders als die ersten Berichte seine Behauptungen als Fall von unterdrückten Erinnerungen beschrieben. Obwohl Robson das zurücknahm und öffentlich sagte, seine Erinnerungen seien niemals unterdrückt gewesen, empfiehlt er auf seiner Website ein populärpsychologisches Buch, Courage to Heal („Mut zu heilen“, Anm. d. Ü.), das breit dafür kritisiert wurde, dass es die Theorie der unterdrückten Erinnerung gefördert hat. Dr. Loftus spricht das insbesondere in ihrem eigenen Buch an, aber vielleicht ist das eine längere Diskussion für eine andere Gelegenheit!

Willa: Ich denke schon. Es klingt, als gäbe es noch viel zu lernen und vieles auszupacken zu diesem Thema! Und ich freue mich auf eine weitere Diskussion. Es ist immer so großartig, mit dir zu sprechen, Lisha!

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