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Michael Jacksons Andersartigkeit und Macht

by on 30. January 2015

Post vom 11/12/14 https://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Diese Woche freue ich mich, dass sich mir Susan Woodward, eine in Psychoanalytik ausgebildete klinische Sozialarbeiterin, anschließt. Sie ist außerdem die Autorin von Otherness and Power: Michael Jackson and his Media Critics (Andersartigkeit und Macht: Michael Jackson und seine Medienkritiker), einem Buch, das interessante Einblicke in die äußerst harsche Kritik, die bei der Berichterstattung über Michael Jackson vorherrschte, gibt. Anstatt diese einfach zu ignorieren oder dieser Kritik zu widersprechen, wozu viele von uns tendieren, ist Susan direkt in die schlimmsten davon eingetaucht und hat versucht die Gründe dafür aufzudecken. Und was sie herausgefunden hat, ist faszinierend!

Susan, danke, dass du hier bist, damit wir über deine Untersuchung und deren Analyse sprechen können.

Susan: Willa, ich fühle mich so geehrt, eingeladen zu sein, um mit dir über Michael Jackson zu sprechen. Ich muss anmerken, dass dein Buch M Poetica eine wichtige Inspiration für mein Buch war. Ich habe wirklich die Art bewundert, mit der du durch den Morast einiger der zentralen Kritikpunkte gewatet bist – plastische Chirurgie, die sich ändernde Hautfarbe, die Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs – und diese in aller Ruhe und auf intelligente Art angesprochen hast. Ich denke, dass Jacksons Fans vor der schärfsten Kritik zurückschrecken und dass die Kritiker die Fans als Fanatiker betrachten, aber du warst fähig, den Mittelweg als ein Verteidiger Jacksons zu gehen, der willens war, sich die Kritiker anzusehen und mit ihnen unparteiisch und auf effektive Art umzugehen.

Willa: Danke, Susan. Ich schätze das wirklich, und ich denke, deine Arbeit ist so interessant und wichtig. Anstatt gegen diese raue Kritik gegenüber Michael Jackson zu reagieren oder sie ganz einfach zu ignorieren, wozu viele von uns neigen, hast du wirklich versucht sie zu verstehen. Und eins der Dinge, die du während deiner Untersuchung entdeckt hast, ist ironischerweise die Tatsache, dass die Kulturkritiker, die am heftigsten mit ihm ins Gericht gingen, wenn sie über ihn schrieben, zu glauben schienen, dass er über ungeheure Macht verfügte. Das hat mich wirklich überrascht.

Susan: Mich hat das auch überrascht.

Willa: Also, ich bin neugierig, wie kam es dazu, dass du es entdeckt hast? Und was brachte dich dazu mit dieser Untersuchung zu beginnen?

Susan: Nachdem Michael Jackson gestorben war, interessierte es mich, alles über ihn zu lesen, was ich nur finden konnte. In dieser Zeit las ich einige ziemlich hasserfüllte Sachen, die ich zunehmend verwirrender fand und sogar schockierend, als ich mehr über ihn erfuhr. Ich bin eine klinische Sozialarbeiterin, also bin ich immer daran interessiert, was Menschen antreibt, und ich fragte mich, woher all diese Giftigkeit kam. Es gab die Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs, aber das waren höchst fragliche Anklagen gewesen, die niemals bewiesen wurden, und es gab reichlich Gründe für Schlussfolgerungen, dass diese Anschuldigungen nicht wahr sein konnten. Und schließlich fand ich heraus, dass die Anschuldigungen wenig mit dem Hass zu tun zu haben schienen, mit dem gegen ihn gezielt wurde.

Willa: Das sehe ich auch so. Woody Allen wurde zum Beispiel auch des Kindesmissbrauchs angeklagt, aber da gab es nicht diese Vorverurteilung wie bei Michael Jackson, und da war auch nicht diese extreme Hysterie und Antipathie, der Michael Jackson gegenüberstand. Da scheint also etwas mehr vor sich zu gehen. Es ist fast so, als hätten die Missbrauchsanschuldigungen den Leuten eine Entschuldigung dafür geliefert, starke negative Gefühle ihm gegenüber, die ohnehin schon im Untergrund brodelten, ausdrücken zu können.

Susan: Ja. Und zur Zeit der ersten Anschuldigungen, 1993, als er bereits fast ein Jahrzehnt ausgehalten hatte, dass er in unrichtigen, übertriebenen Geschichten in den Klatschblättern als „bizarr“ geschildert wurde, war die Öffentlichkeit darauf vorbereitet zu glauben, dass sich seine „Bizarrheit“ auf Kindesmissbrauch ausweiten könnte.

Willa: Das ist eine wirklich gute Feststellung, Susan. Michael Jackson selbst sagte in seiner Rede, als er einen Grammy Legend Award erhielt: „Mir war nicht bewusst, dass die Welt dachte, ich wäre so sonderbar und bizarr.“ Das war am 24. Februar 1993, ein paar Monate, bevor er Evan Chandler traf. Dann im August machte die Anschuldigung Schlagzeilen, also scheint es so, als wäre die Presse und die Öffentlichkeit in der Tat „vorbereitet“ gewesen ihn als „sonderbar und bizarr“ zu sehen, wie du sagst – und wahrscheinlich deswegen auch genauso als schuldig.

Susan: Oh ja. Ich denke, die negative Presse, die er bekam, hatte schreckliche Konsequenzen für ihn. Ich wollte gern mehr darüber verstehen, woher diese Feindseligkeit kam.

Susan Fast wies in ihrem Essay Difference that Exceeded Understanding (Anderssein, das über Verstehen hinausgeht) – einer der besten Titel, die es jemals gab – darauf hin, dass vieles an der Feindseligkeit gegen ihn aufgrund von Rassismus und einem tiefsitzenden Unbehagen gegenüber seiner „Andersartigkeit“, im Sinne der Art, auf welche er nicht lesbar und nicht zu klassifizieren war, hoch kam. Seine Merkmale für Rasse, Geschlecht, Alter und Sexualität waren schwer zu deuten und für viele verwirrend. Ich nenne diesen Unterschied „Andersartigkeit“ (Otherness). Obwohl ich dieses Unbehagen gegenüber seines Andersseins nicht teile, könnte ich zumindest verstehen, dass es manche dazu bringen könnte, ihn zu kritisieren. Aber ich hatte immer noch dieses nagende Gefühl, dass es noch etwas anderes gab, das ich nicht identifizieren konnte.

Also las ich weiter. Während ich ein besonders hasserfülltes, langes Kapitel von The Resistable Demise of Michael Jackson / Der aufhaltsame Untergang des Michael Jackson, einen von drei Werken, die ich in meinem Buch analysiere, las, begann ich zu bemerken, dass der Autor inmitten der Giftigkeit sich weiterhin auf Michael Jackson als König oder göttliches Wesen und weiterer erhabener Beschreibungen bezog. Oft wurden diese Begriffe auf sarkastische Art benutzt, aber alle 23 Autoren in diesem Buch benutzten diese Art Sprache, um ihn zu beschreiben, neben einer annähernd gleichen Anzahl von despektierlichen und hasserfüllten Begriffen. Als ich mich dann erneut mit dem Rest von Resistable Demise und den anderen zwei Werken, die in meinem Buch enthalten sind, befasste, erkannte ich, dass es da die These gab, er sei eine außergewöhnlich einflussreiche Person gewesen.

Und ich meine einen Einfluss der so ganz anders ist als einer, wie er von jeder anderen berühmten, wohlhabenden Person wahrgenommen werden würde und wie er für einen Musiker beispiellos ist. Die Kritiker, die ich mir für mein Buch angesehen habe, sahen ihn als eine königliche Person oder als jemanden mit fast übernatürlichen Kräften. Mir fällt keine andere Person der populären Kultur ein, die auf diese Art gesehen wurde. Aber gleichzeitig zerrissen ihn diese Kritiker dafür, dass er diese Eigenschaften besaß.

Die drei Arbeiten, die ich für meine Analyse auswählte, sind Dave Marshs Buch Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream von 1985 (In die Enge getrieben: Michael Jackson und der Traum von Crossover) , Maureen Orths Vanity Fair Artikel Losing His Grip (Kontrollverlust) von 2003 und The Resistable Demise of Michael Jackson (Der aufhaltsame Untergang des Michael Jackson), einer Sammlung von 23 Aufsätzen, die etwa sechs Monate, nachdem Michael Jackson starb, veröffentlicht wurde. Ich wählte diese speziellen Arbeiten aus, weil es sich bei jeder von ihnen um einen Überblick über sein Leben und seine Werke handelte statt der Betrachtung nur eines einzigen Ereignisses, und sie waren alle scharf kritisierend, manchmal sogar ziemlich hasserfüllt.

Willa: Ja, obwohl sie sehr unterschiedlich sind, wie du deutlich gemacht hast. In deinem Buch zeigst du, dass sie, während sie alle sehr negativ auf seine angebliche Macht reagieren, nicht alle diese Macht auf dieselbe Art sehen oder aus den gleichen Gründen dagegen reagieren. Dave Marsh zum Beispiel schien zu denken, Michael Jackson habe den Einfluss Rassenschranken aufzuheben, und er war tief enttäuscht, dass er diese Macht nicht auf die Art einsetzte, wie er es sich von ihm wünschte. Und ich muss sagen, es steckt einfach zu viel Ironie darin, dass ein Weißer einen Schwarzen dafür kritisiert, nicht genug dafür zu tun, den Rassismus zu beenden – besonders wenn es sich bei diesem Mann um Michael Jackson handelt, der mehr als irgendjemand sonst in der jüngeren Geschichte getan hat, Vorurteile aller Art, einschließlich Rassismus, zu beenden.

Susan: Ja, gut gesagt! Marsh sagt, er sei ursprünglich ein Fan Michael Jacksons gewesen, der ihn fast als Messias-Figur gesehen habe, als jemand, der Amerika, vielleicht sogar die Welt, in eine neue Zeit frei von rassischen, sexuellen und politischen Trennungen führen könnte. Marsh schreibt ziemlich sprachgewandt eloquent über dieses Gefühl.

Willa: Das tut er wirklich. Und auf eine merkwürdige Art ist er immer noch ein Michael Jackson Fan, denn er sieht solch ein enormes Potential in ihm – nicht nur musikalisch gesehen, sondern kulturell und spirituell. Und er erlegt ihm weiterhin seine Erwartungen auf, die Hoffnungen eines weißen Mannes, der nach einer mächtigen schwarzen Persönlichkeit sucht, die das komplexe Problem des Rassismus lösen wird. Hier ist zum Beispiel ein Zitat vom Schluss aus Marshs Buch:

Michael Jackson ist eine Sache, noch bevor er ein Sänger ist oder ein Erfolg oder ein Star oder irgendetwas sonst. Er ist eine schwarze Person in Amerika. Als ein Ergebnis davon brachte er einige Ketten zum Scheppern, wirbelte einige uralte Geister, scheuchte einige ehrwürdige Träume auf.

Die Geister der Sklaverei und des Rassismus sind vierhundert Jahre alt, aber ihre Macht ist frisch und stark. Die Träume, die er aufscheuchte sind genauso alt – die fantastische Hoffnung, dass wir irgendwie lange genug zusammengeführt werden, damit diese Geister zu Grabe getragen werden können.

Während seines gesamten Buches drückt Marsh einen enormen Respekt für Michael Jacksons musikalisches Talent, aber auch ein Verlangen danach ihn zu einer Moses-artigen kulturellen Figur werden zu lassen, die Amerika vom Rassismus wegführen soll. Und dieses Verlangen geht einher mit einer Abscheu darüber, dass er kein Moses ist – dass er nicht Marshs Phantasie darüber, was dieser sich von ihm wünschte, dass er es sei, erfüllte.

Susan: Das ist eine sehr kraftvolle Passage aus Trapped. Es ist solch eine Schande, dass Marsh nicht erkannte, dass Michael Jacksons Andersartigkeit, die er so scharf kritisierte, genau der Grund war, dass Marsh und andere „diese fantastische Hoffnung“ auf ihn projizieren konnten.

Willa: Das ist eine sehr gute Feststellung, Susan. Die wirkliche Ironie ist, dass Michael Jackson tatsächlich die Wurzeln des Rassismus bekämpfte – und sehr viel wirkungsvoller als alles, was David Marsh vorschlägt – aber er tat dies auf einer tiefsitzenden, beinahe unterwussten Ebene, die Dave Marsh nicht begreifen kann. Aber anstatt zu versuchen, zu verstehen, was Michael Jackson macht, greift Marsh ihn dafür das an, was er nicht macht.

Susan: Er hätte diese Andersartigkeit schätzen müssen.

Willa: Das denke ich auch. Und dann gibt es da Maureen Orth, die einen der schmutzigsten, aufrührerischsten Artikel über Michael Jackson geschrieben hat, der jemals veröffentlicht wurde. Sie hatte ebenfalls das Gefühl, er würde über enorme Macht verfügen, aber es ging um die Macht zu manipulieren und sogar um die Macht, die Leute zu kontrollieren. Während also Marsh glaubte, dass er über einen positiven Einfluss verfügte, den er vergeudete, glaubte Orth, er habe eine negative Macht, die er nur zu gut einsetzte.

Susan: Ja, Maureen Orth scheint wirklich von der Angst um Jacksons Andersartigkeit besessen zu sein. Man bekommt das Gefühl, sie würde denken, er sei so gefährlich, dass er es verdiente, bis ans Ende der Welt getrieben zu werden. Während sie seine Andersartigkeit zu fürchten scheint, scheint sie außerdem das Gefühl zu haben, dass diese Andersartigkeit genau das war, was ihm die Macht zur Manipulation anderer gab.

Willa: Das ist wirklich interessant, und etwas, was ich nicht bemerkt habe, bevor ich dein Buch las. Sie scheint definitiv sein Anderssein zu fürchten, wie du sagst – bis zur Hysterie. In ihrem Artikel behauptet sie beispielsweise, dass Michael Jackson einem Medizinmann aus Mali 150.000 Dollar gezahlt habe, damit dieser eine Voodoo-Zeremonie in der Schweiz durchführen würde, und dass er als Teil dieser Zeremonie 42 Kühe „rituell geopfert“ habe. Sie hat das tatsächlich in Vanity Fair veröffentlicht. Ich denke, man muss nicht betonen, wie lächerlich das ist – es ergibt keinen Sinn und so wie ich weiß, entbehrt es jeder Tatsache.

Einige Freunde in Deutschland haben für mich Kontakt zum Federal Office of Agriculture / FOAG (Bundesamt für Landwirtschaft) in der Schweiz aufgenommen, und sie erzählten ihnen, dass sie keinen Beleg dafür hätten, dass irgendetwas in dieser Art jemals passiert wäre. Das FOAG verfolgt den Weg jeder Kuh aus der Schweiz vom Zeitpunkt ihrer Geburt, bis sie geschlachtet und weiterverarbeitet wird – sie können dir genau sagen, welche Kuh oder Kühe in jeder Packung Fleisch, die in der Schweiz verkauft wurde, enthalten ist – und sie haben keine Aufzeichnungen über vermisste Kühe, keinen Beweis für irgendetwas wie dieses.

Susan: Das ist ein Meisterstück der Faktenüberprüfung!

Willa: So ist es. Ich bin so dankbar, dass sie es getan haben. Aber auch ohne das FOAG sollte diese Geschichte jeder vernünftigen Person als extrem unwahrscheinlich auffallen. Zum einen spricht es gegen alles, für das Michael Jackson jemals stand. Aber dazu denke ich auch, dass du etwas wie das nicht verstecken kannst. Kühe sind groß – etwa 1000 Pfund schwer – also würden 42 Kühe etwa 20 Tonnen wiegen. Wie sollte man 20 Tonnen toter Kühe verstecken? Wo bewahrt man sie auf? Wie bewegt man sie? Du kannst sie nicht einfach in den Kofferraum deines Autos stecken. Und trotzdem soll der sich am besessensten verhüllende Mensch der Geschichte dies irgendwie getan haben, und niemand wusste etwas davon? Das scheint einfach nicht möglich zu sein. Aber Orth akzeptiert diese wilde Geschichte blind und berichtet sie als wahr, ohne irgendwelche Fakten zu überprüfen, soweit ich weiß.

Susan: Ich habe herausgefunden, dass diese mangelnde Faktenüberprüfung für viele Dinge gilt, die sie in dem Artikel sagt. Ich muss sagen, dass ich eine Menge Spaß beim Überprüfen der Fakten hatte, was normalerweise vor der Veröffentlichung getan werden müsste – und wodurch leicht einige offenkundige Fehler gefunden worden wären. Sie schien wirklich das glauben zu wollen, was für sie am besten zu Michael Jackson passte. Zu denselben Zeilen zitierte sie zahlreiche Quellen für den Artikel, aber fast alle davon sind entweder anonym, und es stecken offensichtliche Motive dahinter, mit denen schlechte Dinge über ihn gesagt werden sollen oder es handelt sich um Leute (wie z.B. plastische Chirurgen), die keinerlei Verbindung zu ihm hatten.

Willa: Das stimmt. Die Frage ist, warum sie eine solch haarsträubende Geschichte als wahr akzeptiert hat, und ich denke, es ist deswegen, weil sie empfänglich dafür war es zu glauben – sie sah ihn als so vollkommen anders an, dass sie dachte, er wäre zu allem fähig.

Susan: Dem stimme ich ganz sicher zu. Ich denke, es ist aussagekräftig, dass sie ihren Artikel mit diesem unglaublichen Voodoo-Szenario beginnt. Diese Geschichte stellt ihn als jemanden von anderer Rasse dar, leichtsinnig große Summen Geld verschwendend und gleichgültig gegenüber dem Leben anderer, in diesem Fall gegenüber Tieren. Ganz sicher lässt es den leichtgläubigen Leser annehmen, dass er zu allem fähig war.

Willa: So ist es wirklich. Und dann gibt es da noch die vielen Kritiker in The Resistable Demise. Unglücklicherweise habe ich die Sammlung von Aufsätzen nicht gelesen, aber du zeigst, dass diese Autoren – und noch einmal, dies sind alles Musik- und Kulturkritiker, die äußerst negativ über ihn schreiben – die Ansicht ausdrücken, er habe fast übernatürliche Kräfte, was sehr überraschend ist. Das kommt so unerwartet. Und während du es analysierst, stellt du zwei Begriffe vor, die ich vorher noch nicht gehört habe: „Angelismus“ und „Bestialismus“. Kannst du sie ein wenig erklären?

Susan: Der Begriff „Angelismus“ wurde in den 1940ern von Jacques Maritain, einem französischen Philosophen, geprägt. Angelismus ist die irrtümliche Sicht auf den Menschen als vornehmlich göttlicher Natur, reinen Geistes und Verstandes. Angelismus bezieht sich, nebenbei gesagt, nicht speziell auf Engel. Die gegenteilige, und nicht weniger irrige Sichtweise ist die auf den Bestialismus, die besagt, dass Menschen nur durch körperliche, selbstbezogene Interessen, wie zum Beispiel Gier, Lust, Neid motiviert werden. Diese Sichtweisen sind natürlich falsch, da wir alle durch eine Art Kombination sowohl des Angelismus, als auch des Bestialismus getrieben werden. Michael Jackson wurde mehr und mehr von vielen als ein engelhaftes Wesen gesehen, als jemand, der frei zu sein schien von den normalen menschlichen Kategorien von Rasse, Geschlechtereinteilung und Alter. Und er wurde von vielen als „bestialisch“ / entmenschlicht angesehen, als jemand, der physisch verfiel und moralisch verdorben war.

Willa: Das sind solch nützliche Gedanken, um die Reaktionen auf Michael Jackson zu verstehen, denke ich. Ich habe diese Begriffe nie vorher gehört, aber nachdem ich dein Buch gelesen und etwas über diese Gedanken erfahren habe, habe ich diese Aufteilung in Angelismus / Bestialismus, die ihm ständig aufgedrückt wurde, erkannt, sowohl von denen, die ihn loben, als auch von jenen, die ihn kritisieren.

Susan: Ja, wenn du dir der Aufspaltung zwischen Angelismus / Bestialismus erstmal bewusst bist, dann erkennst du es in so vielem, wie er gesehen wurde.

Willa: So geht es einem wirklich. Und weißt du, es ist wirklich interessant, wie diese Kategorien an Eleanor Bowmans Vorstellung von Transzendenz anknüpfen, wie sie vor einiger Zeit in einem Post mit uns diskutiert hat. Transzendenz betrachtet manche Menschen vorrangig im Bereich des Geistigen – sie beabsichtigen die Grenzen ihres Körpers zu „überschreiten“ (transzendieren) – während andere Menschen zuerst einmal als Körper gesehen werden. Diese zwei Kategorien scheinen ziemlich direkt die zwei Einteilungen mit Angelismus, der Menschen vorrangig im geistigen Bereich betrachtet – „reiner Geist und Verstand“, wie du sagtest – über die du gerade gesprochen hast, abzubilden, während Bestialismus Menschen zuerst einmal im Bereich des Körpers und dessen Bedürfnisse und Sehnsüchte sieht. Ist das richtig?

Susan: Da würde ich zustimmen. Die Weltsicht der Transzendenz beinhaltet, das Geistige getrennt vom Materiellen und das Materielle dem Geistigen untergeordnet zu sehen. Es ist eine polarisierte Art die Realität wahrzunehmen, sehr ähnlich den extremen Polen von Angelismus und Bestialismus. Michael Jacksons Kritiker nutzten das entmenschlichende / bestialische Ende des transzendenten Spektrums, um ihn zu erniedrigen, um die angelistische, sehr viel schmeichelhaftere Sicht von ihm zu kompensieren.

Willa: Ja, aber während die angelistische Sicht eher positiver zu sein scheint, ist sie trotzdem unrealistisch und kann genauso problematisch sein. Eleanor erkennt, dass Michael Jackson diese Einteilung hinterfragt und eine neue Sichtweise – eine der Immanenz / des Innewohnens anbietet – in der Geist und Körper vollkommen ganzheitlich und untrennbar sind. Aber die Kritiker, die du untersucht hast, scheinen der Sichtweise des Trennens von Geist und Körper nachzugeben und ihn entweder als das eine oder als das andere zu sehen. Welche Beispiele gibt es also davon, wie Kritiker Michael Jackson durch die Linse des Angelismus sehen? Und des Bestialismus?

Susan: The Resistable Demise (ich weiß immer noch nicht, was dieser Titel eigentlich bedeuten soll) ist fruchtbarer Boden für Beispiele der angelistischen und der bestialistischen Sichtweise von Michael Jackson. Viele der benutzten Wörter, die auf beiden Seiten dieser gegensätzlichen Pole benutzt werden, waren so außergewöhnlich, dass ich Listen davon in mein Buch aufgenommen habe. Auf der bestialistischen Seite beispielsweise benutzen die Autoren der Aufsätze Wörter und Ausdrücke wie „freakig“, „unmenschlich“, „ziemlich komischer Mädchen-Mann“, „Darth Vader nicht unähnlich – eine entartete Hülle blassen Fleisches, durch eine komplex vermittelnde Maschinerie gerade so am Leben gehalten“, „Zombie Jackson“, „selbst-kastrierter Asexueller“, „Wesen von absoluter Seelenlosigkeit“, „Monster“, „Offenbarung einer wahren Bestie“ und „biotisches übergeschnapptes Bestandteil“. Ich könnte noch weitermachen. Es gibt hunderte von Beispielen in Resistable Demise. Beachte, dass sich viele von diesen Ausdrücken auf den Körper beziehen und eine Unterstellung des Zerfalls, der moralischen Korruption und Geistesstörung vornehmen – dem genauen Gegenteil der angelistischen Sichtweise.

Willa: Ja, so ist es. Und eigentlich ist es so, dass sich viele der schärfsten Kritikpunkte gegenüber Michael Jackson darauf konzentrieren, dass er in irgendeiner Weise die Unversehrtheit des Körpers korrumpiert habe, wie der wiederholte Trugschluss darüber, er habe so viele plastische Operationen gehabt, dass seine Nase zusammenfiele. Und im Grunde sind die Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs oder die Verdrehungen eine weitere Form der körperlichen Korruption und ebenso sind es die Behauptungen des umfangreichen Medikamentenmissbrauchs. Diese Art Kritik fokussiert sich also auf die Wahrnehmung körperlicher Korruption.

Susan: Und die angelistischen Begriffe, die in Resistable Demise benutzt werden sind ebenso extrem und sehen ihn als von seinem Körper getrennt, als ein rein geistiges Wesen: „Gott“, „ein Wesen der Jugend und Leichtigkeit, dessen Auftritt jeglicher emotionaler Schwerkraft trotzt“, „jenseitig“, „ein Engel, der auf die Erde fiel“, „außerhalb der menschlichen Gesetze“, „eindringender Erlöser“, „der Schwerkraft trotzend“, „Erzengel“, „überirdisch“, „verblüffend“ und „nicht materiell“. Wie bei den bestialistischen Begriffen enthält Resistable Demise hunderte ähnlicher Beispielen von angelistischen Begriffen, zusätzlich zu den vielen Referenzen für ihn als königliche Persönlichkeit. Und dies ist ein Buch, das in einem äußerst rauen Ton kritisch ist.

Willa: Sogar sein Tanz wird als ein Beispiel benutzt, was so ironisch ist. Ich meine, Tanzen ist die Körperlichste aller Kunstformen. Trotz der Tatsache, dass er mit seinem Körper Dinge tun konnte, wie es kaum ein anderer konnte, wurde er als körperlos porträtiert: „Ein Wesen der Jugend und Leichtigkeit, dessen Auftritt jeglicher emotionaler Schwerkraft trotzt“, wie du gerade zitiert hast.

Susan: Eins der Dinge, die mir immer wieder in den Sinn kommen, wenn ich diese angelistischen und bestialistischen Begriffe lese, ist: Denken diese Autoren wirklich, sie würden ein wirkliches menschliches Wesen beschreiben? Du kannst leicht erkennen, dass beide Sichtweisen abwegig sind. Man kann sich nur schwer eine derart geschwächte Person wie in der bestialistischen Sichtweise vorstellen. Aber es ist genauso schwer sich vorzustellen, dass Michael Jackson wirklich ein göttliches Wesen war. Ich weiß allerdings, dass es Menschen gibt, die von der einen oder der anderen Sichtweise absolut überzeugt sind.

Es gab viele Gründe dafür, dass so viele Michael Jackson in einem angelistischen Licht sahen. Jeder, der viel über ihn liest, erfährt, dass er seinem Publikum eine „magische“ Erfahrung schenken wollte, und eine Person, die magisch erscheint, wirkt auch so, als wäre sie ein angelistisches Wesen. Es gibt reichlich Beispiele für magische Verwandlungen in den Kurzfilmen, die er für seine Songs gemacht hat. In Remember the Time taucht er aus wirbelndem Sand auf und verschwindet später wieder in wirbelndem Sand. In Black or White bewegt er sich mühelos zwischen Szenen darstellender Tänzer aus verschiedenen Kulturen hin und her, dann verwandelt er sich von einem Panter in sich selbst und wird zum Schluss wieder zum Panter. In Smooth Criminal, Bad und Beat It verwandelt sein Tanz die Stimmungen und Handlungen der Menschen um ihn herum. In Billie Jean lässt er den Gehsteig aufleuchten, sobald er ihn betritt.

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Willa: Ja, und es wird auch angedeutet, dass er sich in einen Tiger verwandelt.

Susan: In der Version von You are Not Alone, die auf der DVD Sammlung HIStory on Film, Volume II erscheint, taucht er als wirklicher Engel auf.

Das Ausmaß und die Bandbreite seiner Talente war natürlich auf positive Art  Ehrfurcht einflößend und konnte ganz sicher als jenseits aller Möglichkeiten normal Sterblicher gesehen werden. Meine Theorie ist die, dass sein Tanz mehr als seine anderen Talente den Eindruck vermittelte, er sei nicht ganz von dieser Welt. Ich konnte diese Theorie unglücklicherweise nicht glaubhaft untermauern, so dass ich es nicht mit in mein Buch aufnahm, aber ich weiß, dass jedes Mal, wenn ich ihn auftreten sah, meine spontane Reaktion war, dass ich überwältigende Freude spürte und fast auch ein Schockgefühl darüber, dass jemand sich auf diese Art bewegen konnte, wie er es tat. Du hast darauf hingewiesen, dass Tanzen die körperlichste aller Kunstformen ist. Diese Tatsache, dass er eine körperlich anstrengende Handlung  und dies scheinbar auf eine Leichtigkeit und mit solch fließender Anmut vollführte, auf eine Art und Weise, die selbst, wenn er mit anderen ausgezeichneten Tänzern auftrat, herausstach, ist ganz sicher „magisch“.

Willa: Es sieht sicherlich ganz danach aus, nicht wahr? Er erzählte Randy Taraborrelli in den späten 1990ern, dass sein Tanz schwere körperliche Arbeit war:

Wenn ich die Bühne betrete, erwarten die Leute sehr viel. Sie wollen den Tanz, sie wollen die Drehungen und alles. Aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch machen kann. Ich weiß nicht, wann es einfach nicht mehr möglich sein wird.

Er war also menschlich. Aber für das Publikum, das ihn tanzen sah, fühlte es sich ganz sicher magisch an, nicht?

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Susan: So war es ganz sicher. Und die persönlichen Eigenschaften, die ihn für so viele Leute „anders“ wirken ließen, waren ein anderer Hauptgrund dafür, dass er als angelistisch wahrgenommen wurde. In Resistable Demise wird er ein „zu etwas Neuem werdender postmoderner Traum“, „rassenlos und alle Rassen“ und „befreit von bloßem Fleisch, Bestimmung, festen Rollen von Rasse und Geschlecht“ genannt. Die absolute Nicht-Lesbarkeit seiner Rasse, seiner Geschlechterzugehörigkeit, seines Alters und seiner Sexualität verliehen ihm die Austrahlung eines Gestaltwandlers und ließen ihn so erscheinen, als habe er das bloße Leben eines Sterblichen und dessen Grenzen hinter sich gelassen.

Willa: Ja, obwohl das nur eine Projektion ist. Was ich damit meine, ist, dass sein Körper nicht so sehr das Problem war wie das, was andere Menschen auf seinen Körper projizierten und wie sie das dann interpretierten. Er hatte zum Beispiel ganz eindeutig eine geschlechtliche Zugehörigkeit und ein Alter. Er passte nur nicht zu den vorgefertigten Vorstellungen darüber, inwieweit sein Alter und seine Geschlechterrolle ihn definieren sollten.

Susan: Ja, das ist es, was so faszinierend an all diesem ist: Es ist wirklich nur Projektion.

Wir haben darüber gesprochen, wie Michael Jackson in Worten beschrieben wurde, aber es gibt visuelle Darstellungen von ihm als einem angelistischen oder bestialistischen Wesen. Manche von ihnen sind subtil, wie dieses hier:

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Dieses Foto wurde etwa 1995 während der Zeit des HIStory Albums aufgenommen. Sein Gesicht ist sehr blass, es scheint fast von innen zu leuchten und lässt alle Gesichtszüge mit Ausnahme seiner Augen, Lippen und in etwas geringerem Ausmaß seine Nase undeutlich erscheinen. Man kann seine Gesichtsstruktur, wie seine Wangenknochen oder Kleinigkeiten wie Bartwuchs nichtmal erahnen. Und er erscheint nahezu perfekt androgyn. Dieses Foto ist denen italienischer Portraits der Renaissance ähnlich, so dass es sogar schwer zu sagen ist, in welche Zeit er gehört. Kurz gesagt, er erscheint als ein etwas entrücktes Wesen, das frei ist von Bindungen an Geschlechterrollen, an Zeit und vielleicht sogar an menschliche Formen. Willa, in deinem Buch M Poetica hast du das Wort „ätherisch“ benutzt, um diese leuchtenden, blassen Abbildungen von ihm während dieser Zeit zu beschreiben, und ich denke, das ist das perfekte Wort.

Dieses nächste Bild allerdings ist ein wortwörtliches, blumiges Beispiel einer angelistischen Darstellung:

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Dies ist Archangel Michael: And No Message Could Have Been Any Clearer (Erzengel Michael: Und keine Botschaft könnte deutlicher sein) von dem Künstler David LaChapelle. Es ist eins von drei Bildern, die er von Michael Jackson als Serie machte und American Jesus nannte.

Willa: Wow, es gibt keinen Zweifel daran, dass dies angelistisch ist, nicht wahr?

Susan: Ja, es ist wirklich auf die Spitze getrieben. Nebenbei gesagt, wenn du „Michael Jackson Engel“ in Google eingibst, dann findest du dutzende Bilder von ihm als buchstäblichem Engel. Dieses allerdings ist wahrscheinlich das Vollkommenste. Ich muss nicht weiter kommentieren, was dies zu einer angelistischen Darstellung macht.

Dies Bild wirkt, weil der Erzengel Michael Jackson ist und niemand anderer. Stell dir, sagen wir mal, Mick Jagger oder Prince als den Erzengel vor. Ich glaube nicht, dass das denselben Sinn ergeben würde.

Willa: Nein, würde es nicht, und das ist eine wirklich wichtige Feststellung, Susan. Ich hab mal einen Artikel über politische Ausrutscher gelesen, und warum manche so oft ausgestrahlt werden – wie beispielsweise Dan Quayle, der „Tomaten“ falsch buchstabiert oder George Bush, der nicht weiß, was ein Kassenscanner im Supermarkt ist oder Sarah Palin, die sagt, sie könne Russland von ihrem Haus aus sehen – und andere nicht. Und die Antwort war, dass die Ausrutscher, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiteten, diejenigen waren, die vorgefasste Vorstellungen anzapften, die die Öffentlichkeit bereits über diese Person hatte – nämlich dass Dan Quayle nicht gebildet genug sei, um Vize-Präsident zu sein, dass George Bush vollkommen realitätsfern gegenüber der Alltagswelt des Mittelklasse-Amerikaners dachte und dass Sarah Palin dazu neigte, das zu glauben, was sie glauben wollte.

Wenn das stimmt, dann impliziert dies, dass es bereits eine vorgefasste Meinung darüber gab, dass Michael Jackson „engelsgleich“ war auf eine Art, auf die Bad Boy Rocker wie Mick Jagger und Prince es definitiv nicht waren. Aber Michael Jackson wurde außerdem noch von der Presse und in der öffentlichen Vorstellung dämonisiert. Es ist so interessant, dass diese zwei gegensätzlichen Bilder Seite an Seite existierten.

Susan: Nun, ich denke nicht, dass „engelsgleich“ das ganz richtige Wort ist. Mit „engelsgleich“ ist normalerweise süß gemeint. Du kannst sicherlich das erste Bild, über das wir sprachen, auf diese Art charakterisieren, weil er darin so erscheint, als habe er eine entrückte Frömmigkeit. Aber das Bild des Erzengels Michael ist nicht süß. Er ist kraftvoll genug, um Satan zu bezwingen, und obwohl er eine bewegungslose Haltung einnimmt, tritt er auf Satan und es liegt ein Schwert zu seinen Füßen, das einen nur ein paar Momente vorher stattgefundenen gewaltsamen Kampf andeutet. Und die Macht des Erzengels findet ihr Echo in dem stürmischen Himmel, dem dunklen Meer und den schroffen Felsen hinter ihm. Er nutzt seine Macht für etwas Gutes, aber es ist eine Macht, die man fürchten muss.

Willa: Das ist interessant, Susan, und es erinnert mich an ein YouTube Video über den heiligen Erzengel Michael, das Stephenson vor einigen Wochen in einem Kommentar mit uns geteilt hat:

Du hast gesagt, der Heilige Michael ist ein Engel, aber es ist nicht „engelsgleich“ im gewöhnlichen Sinn. Er ist machtvoll. Und du sagtest, „er nutzt seine Macht für etwas Gutes, aber es ist eine Macht, die man fürchten muss.“

Susan: Und ich denke, es ist diese Macht, die in diesem Bild des Erzengels dargestellt ist, die so verstörend auf seine Kritiker wirkt. Der eher milde angelistische Michael Jackson, den wir in dem ersten Bild sehen, würde wahrscheinlich von den Kritikern herumgestoßen werden, aber nicht auf die Art und Weise, wie es mit dem eher machtvollen, bedrohlich angelistischen Michael Jackson geschah.

Und für den Fall, dass irgendjemand denkt, dieses Erzengel-Bild wäre nur eine Ausnahme, der sollte bitte einen weiteren Blick auf die angelistischen Begriffe werfen, die ich weiter vorn aus Resistable Demise zitiert habe. Diese Begriffe sind nur zufällige Beispiele, da werden noch quer durch das ganze Buch hindurch viele, viele mehr benutzt – von sehr scharfen Kritikern – die auf dieses Bild des Erzengels angewandt werden können.

Willa: Und das wirft einen weiteren Gedanken aus deinem Buch auf, den ich wirklich faszinierend fand: das Phänomen des „Umschaltens“. Kannst du das ein wenig erklären?

Susan: Die gegensätzlichen Sichtweisen des Angelistischen und des Bestialistischen können manchmal zwei Seiten derselben Medaille sein. Bei manchen Menschen, besonders bei jenen mit Persönlichkeitsstörungen, gibt es eine starke Tendenz zu „spalten“, was bedeutet, dass sie alles in den Extremen der Überidealisierung und Abwertung sehen: nur gut / nur schlecht, nur schwarz / nur weiß. Dies soll seinen Ursprung in der frühen Kindheit haben, in der das Kind beginnt mit Hilfe dieser einfachen und extremen Begriffe zu urteilen. Die meisten von uns lernen schließlich die grauen Bereiche, die Abstufungen zu erkennen und einzuschätzen. Nebenbei gesagt, fast jeder, der wirklich wütend über etwas ist, kehrt kurzzeitig zu dieser nur guten / nur schlechten Sichtweise zurück.

Dieses Spalten ist allerdings nicht notwendigerweise beständig. Das Spalten kann sich auch zum „Umschalten“ werden, das heißt, dass etwas, was bisher als nur gut gesehen wurde, plötzlich nur schlecht zu sein scheinen kann. Das passiert oft nach einer Enttäuschung, die für andere kaum Konsequenzen zu haben scheint, aber für jemanden, der die Welt in solch polarisierenden Ausprägungen sieht, wie ein großer Verrat erscheint. Das Umschalten kann auch in die andere Richtung gehen, von nur schlecht zu nur gut.

Während ich sicherlich keinerlei Schlüsse über Dave Marshs Persönlichkeit ziehen will, schreibt er in Trapped über genau diese Art des plötzlichen und extremen Umschwungs seiner Gefühle für Michael Jackson, nach der Erfahrung von „Haarrissen“ (Marshs Ausdruck) bei seiner Idealisierung von Jackson.

Willa: Das ist so interessant und ich denke, es ist eine wirklich nützliche und scharfsinnige Art, die plötzliche Umkehr der Gefühle, die Dave Marsh und auch andere erleben, zu verstehen zu versuchen. Was ich meine, ist, dass Marshs plötzliche Wendung auch symbolisch für das steht, was unter den Kritikern als Gesamtheit passiert ist. Als Michael Jackson ein aufstrebender Superstar war, der neueste Trend, war es, als könnte er nichts falsch machen. Aber als er erst einmal das Ziel erreicht hatte und an der äußersten Spitze war, änderte sich die Wahrnehmung von ihm radikal – sie „schaltete um“, wie du sagst – und plötzlich konnte er nichts mehr richtig machen.

Es ist also interessant, sich Dave Marsh nicht nur als einzelnen Kritiker anzusehen, sondern auch als jemanden, der eine gesamte Klasse von Kritikern repräsentiert, die etwa zur selben Zeit wie er „umschalteten“, und durch ihn einige Einblicke zu erlangen, warum das passiert war.

Susan: Das sehe ich auch so. Wir müssen Dave Marsh dafür dankbar sein, dass er so offen über seine Gefühle berichtet! Ich vermute, dass Neid auch eine große Rolle bei den Gefühlen von Marsh und bei vielen seiner Kritiker spielte, obwohl das schwer zu beweisen ist.

Willa: Da stimme ich dir zu. Michael Jackson selbst schien zu denken, dass Neid – Rassenneid ganz speziell – eine vorherrschende Motivation für viele war, die ihn kritisierten. Joie und ich sprachen darüber in einem Post im vergangenen Februar.

Susan: Das Spalten und das Umschalten bei der Spaltung sind natürlich Projektionen. Alles, worüber ich hier wirklich rede, sind Projektionen anderer dessen, was Michael Jackson war. Dave Marsh hat sicherlich eine enorme Menge an Recherchen für Trapped durchgeführt, aber seine Interpretation dessen, was er erfahren hat, scheint für mich ohne jegliche Abstufungen zu sein, als ob er heimlich ein Hühnchen mit jemandem zu rupfen hatte. Und keiner der anderen Autoren, die ich in meinem Buch untersuchte, hielt das für nötig, was ich eine ernsthafte Recherche nennen würde. Sie projizieren, weisen Michael Jackson Eigenschaften zu, die mit tiefsitzenden Ängsten und Hoffnungen bei demjenigen, der die Projektion vornimmt, übereinstimmen. Es ist faszinierend, dass eine einzige Person solch polarisierende, starke Reaktionen in anderen hervorrufen kann.

Willa: Ja, das ist es. Ich denke, das ist Teil seiner Macht als Künstler – dass die Leute ihn ansahen und eine Reflexion ihrer tiefsten Ängste und Sehnsüchte erkannten. Es ist also eine Tatsache der Ironie, dass du es auch als die Quelle vieler seiner Probleme siehst.

Susan Woodward_1992-june-daily-mail-cover

Susan: Und hier ist eine weitere Projektion davon, wer Michael Jackson war. Wie du in deinem Buch feststellst, Willa, liebte es die Presse, Fotografien von Michael Jackson zu veröffentlichen, die ihn so erscheinen ließen, als habe er mehr plastische Operationen gehabt, als es tatsächlich der Fall war. Dieses Foto, das ganz eindeutig manipuliert wurde, wurde 1992 im Daily Mirror veröffentlicht.

Das Foto ging mit einem Artikel einher, in dem behauptet wurde, er habe so viele plastische Operationen gehabt, dass sein Gesicht auf scheußliche Art verunstaltet sei. Er verklagte den Mirror wegen Verleumdung, und die Klage wurde 1998 beigelegt, nachdem Ärzte des Mirror sein ungeschminktes Gesicht untersucht hatten und dann das Eingeständnis herausgaben, dass sie im Unrecht waren und sich entschuldigten.

Willa: Ich bin froh, Susan, dass du diesen Vorfall erwähnt hast, denn er ist ein wichtiger Beweis dafür, dass die Gerüchte um die plastischen Operationen unbändig übertrieben wurden, jedoch bekam es nicht annähernd die Aufmerksamkeit, wie es sollte. Hier ist das, was in einem BBC Artikel darüber gesagt wurde:

Am Gerichtshof in London räumten die Mirror Group Newspapers und der frühere Herausgeber der Zeitung Richard Stott ein, dass Michael Jackson weder auf scheußliche Art verunstaltet noch vernarbt sei.

Mr Jacksons Anwalt Marcus Barclay … teilte dem Gericht mit: „Vertreter der Zeitung The Mirror haben sich in der Zwischenzeit direkt mit dem Kläger getroffen und mit eigenen Augen gesehen, dass die Fotografien … das Aussehen des Klägers nicht auf korrekte Art und Weise darstellen …“

Susan: Während dies wie ein glückliches Ende erscheint, trug es nicht dazu bei den jahrelangen Gerüchten, dass er durch plastische Operationen grotesk entstellt sei, ein Ende zu machen, Gerüchte, die noch Jahre später von Maureen Orth und vielen der Autoren von Resistable Demise wiederholt wurden.

Willa: Und das ist etwas, was wir auch oft bei ihm sehen – das Gerüchte über ihn überhöhte und unberechtigte Aufmerksamkeit erhalten, während nachfolgende Artikel, die jene Gerüchte widerlegen, fast keine Aufmerksamkeit erhalten.

Susan: Ja, es ist eindeutig so schwierig den Schaden negativer Stories ungeschehen zu machen, wenn sie erst einmal draußen in der Welt sind.

Dave Marsh nannte Michael Jackson sarkastisch „den außergewöhnlichsten Kerl der Welt“. Ich denke, diese eine Feststellung, Sarkasmus beiseite, trägt viel dazu bei, die Situation, in der sich Michael Jackson selbst befand, zu erklären. Seit den 1960ern hat sich unsere Gesellschaft, allerdings unvollkommen, dahin bewegt bisher am Rande stehende Rassen- und Völkergruppen zu akzeptieren, und heute kämpfen wir mit der Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Ehen und damit transsexuelle Menschen verstehen zu lernen. Aber Michael Jackson war für sich allein eine eigene Kategorie, was meiner Meinung nach der Grund dafür ist, dass der Hass gegen ihn so unkontrolliert war. Mit anderen Worten, es gab keine Richtlinie für politische Korrektheit, mit der man Kritiker zu beherrschen und sie ihre Reaktionen überdenken lassen konnte. Jeder der von mir analysierten Autoren wusste, dass offen geäußerte rassistische Meinungen nicht akzeptabel waren, es gibt also wenige Meinungen dieser Art in Zusammenhang mit ihren Aufzeichnungen. Aber es war nicht inakzeptabel, Michael Jackson auf schlimmste Weise für die Änderung seiner Hautfarbe, seiner kindlichen Art und sexuellen Mehrdeutigkeit zu kritisieren.

Das ist der Grund, warum ich mich so sehr darum sorge, wie Michael Jackson behandelt wurde. Die negativen Reaktionen, die er erhielt, sagen so viel über die Art, wie wir ohne Fragen zu stellen auf Menschen, die als „anders“ wahrgenommen werden, reagieren, und wie schnell wir damit sind, das erhaltene Wissen über Randgruppen einfach hinzunehmen, sogar wenn, wie in Michael Jacksons Fall, die an den Rand gedrängte Person gleichzeitig äußerst berühmt ist.

Willa: Ich stimme dem vollkommen zu. Mein Sohn ist in der High School, und es wird gerade sehr großer Wert auf die Verhinderung von Schikane gelegt, besonders bei Kindern, die anders sind. Es ist jedoch offensichtlich immer noch akzeptabel für die Klatschpresse, Prominente zu schikanieren und Cybermobbing zu betreiben. Ich sehe manchmal Bilder und Überschriften in den Boulevardzeitungen und denke, wenn ein High School Schüler so etwas über einen Klassenkameraden posten würde, dann würde er suspendiert werden – und er sollte es. Diese Art der Schikane ist nicht okay. Es wird jedoch in der Klatschpresse und sogar gelegentlich in der Mainstream-Presse toleriert. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Michael Jackson zu Tode schikaniert wurde – dass er in Folge jahrzehntelanger Schikane durch die Presse starb.

Susan: Ich bin mit allem, was du gesagt hast, vollkommen einverstanden. Es gibt viele Dinge, die ich darüber sagen könnte, aber lass mich nur festhalten, dass kein einziger der Autoren, die ich in meinem Buch untersucht habe, Schreibende der Klatschpresse waren. Es ist schockierend, dass ihm so viel Hass entgegen gespien wurde von Leuten, die so schreiben, als würden sie gute Berichte und durchdachte Analysen anbieten. Und es ist enttäuschend, dass so große Teile der Öffentlichkeit Lügen und Verdrehungen als Wahrheit akzeptieren. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Male ich Unterhaltungen über Michael Jackson geführt habe, die hauptsächlich aus meinen Versuchen bestanden, die irrigen Vorstellungen der anderen Person über ihn richtig zu stellen.

Ich hoffe, dass wir alle eines Tages zu einem vernünftigeren Verständnis darüber kommen, wer Michael Jackson wirklich war. Colby Tanner, einer der Autoren von Remember the Time, schrieb kürzlich einen aufschlussreichen Artikel für Slate mit dem Titel „The Radical Notion of Michael Jackson’s Humanity“ (Die radikale Ansicht über Michael Jacksons Menschlichkeit). Darin spricht er das Problem an, wie wenig Versuche es gegeben hat Michael Jackson zu verstehen, obwohl er sich dem aus einem anderen Winkel als ich nähert.

Willa: Es ist ein wunderbarer, nachdenklich stimmender Artikel, der wirklich die in der Presse porträtierte „entmenschlichte“ Sicht auf Michael Jackson in Frage stellt. Er sagt: „Die Vorstellung von Michael Jackson als einem menschlichen Wesen bleibt eine radikale Ansicht.“

Susan: Auf gewisse Art bringt mich das zurück zu Eleanor Bowmans Transzendenz-/Immanenz-Gedanken. Ich denke, dass es umso interessanter ist zu versuchen, Michael Jackson als ein menschliches Wesen zu verstehen, als jemanden, der zu solch enormen künstlerischen Leistungen fähig war, und dazu noch mit derart faszinierenden persönlichen Eigenschaften. Ich muss zugeben, dass ich mich sehr zu der angelistischen Sicht über ihn hingezogen fühle, obwohl ich auf intellektueller Ebene weiß, dass das ein Trugschluss ist. Ich versuche ständig mich über diese transzendente Sicht hinaus zu bewegen, hin zur immanenten Sicht, um den Menschen aus Fleisch und Blut zu finden, der fähig war, anderen das Gefühl zu geben, er sei entweder ein halbgöttliches Wesen oder ein physisch und moralisch verfallendes Monster. Genau aus diesem Grund finde ich Berichte von Leuten, die ihn tatsächlich gut gekannt haben, absolut faszinierend.

Willa: So geht es mir auch – ich genieße wirklich die Geschichten, die auch seine „menschliche“ Seite zeigen. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, die für eine gewisse Zeit einen Professor an der UC Santa Barbara besucht hat und sie freundete sich mit einer älteren Dame an, die ein Geschäft in der Stadt hatte. Ihre Freundin war eines Tages allein in ihrem Laden, als Michael Jackson herein kam und eine Kleinigkeit kaufte. Die Freundin hatte Arthritis und war ein wenig nervös, denke ich, sie fummelte mit den Münzen herum und brauchte eine lange Zeit, um das richtige Wechselgeld aus der Schublade zu holen. Aber anstatt frustriert oder wütend darüber zu sein, wartete Michael Jackson einfach geduldig und fing dann an „Hot Cross Buns“ zu singen. Kennst du den Song? Es ist ein altes Kinderlied (Anmerkung: ein Osterlied):

Hot cross buns (Karfreitagsbrötchen)
 Hot cross buns
 One a penny, two a penny (Eins für einen Penny, fast geschenkt)
 Hot cross buns

Welch wundervolle Art und Weise mit dieser Situation umzugehen. Ich liebe diese Geschichte!

Susan: Das ist solch eine bezaubernde Geschichte. Und ich finde sie so viel interessanter als reißerische Berichte über Voodoo-Rituale oder über seine angeblich zerfallende Nase. Diese Geschichte ist so nebensächlich und zufällig, aber sie sagt etwas über seinen Charakter, darüber, wer er wirklich war. Danke für’s Erzählen.

Willa: Und dir danke ich, dass du heute mit mir gesprochen hast. Ich habe so viel von deinem Buch gelernt, Susan, und habe es wirklich genossen, die Gelegenheit zu haben mit dir darüber zu sprechen.

Susan: Ich bedanke mich für die Einladung zu dieser Diskussion, Willa.

Willa: Oh, es war mir ein Vergnügen! Ich möchte auch jedermann über eine Stellungnahme von D.B. Anderson in der gestrigen Ausgabe der Baltimore Sun informieren. Sie zeigt wichtige Verbindungen zwischen Michael Jackson und kürzlichen Protesten gegen polizeiliche Gewalt gegen schwarze Bürger der Vereinigten Staaten. Anderson sagt: „Michael Jackson hatte niemals Angst sich für seine Sicht der Wahrheit einzusetzen.“ Aber wie Anderson weiter sagt, zahlte er einen schrecklichen Preis:

Was Jackson wegen seiner Politik passierte, war so viel schlimmer als Absatzeinbußen zu verzeichnen. Indem er den Mächtigen die Wahrheit sagte, machte Jackson sich selbst zur Zielscheibe und steckte Prügel ein. Die schlimmsten Schüsse auf ihn wurden von einem weißen Staatsanwalt aus Kalifornien abgegeben, der ihn 12 Jahre lang schonungslos verfolgte und ihn abscheulicher Taten beschuldigte, die vor Gericht restlos widerlegt wurden.

Niemand schien jemals die Punkte miteinander zu verbinden: Ein sehr stimmgewaltiger, sehr einflussreicher, sehr wohlhabender Schwarzer wurde von einem weißen Staatsanwalt durch Scheinbelastungen zu Fall gebracht.

Dies ist meines Wissens nach das erste Mal, dass eine große Zeitung zugelassen hat, dass das Vorgehen der Polizei bei den Anschuldigungen gegen Michael Jackson auf diese Weise dargestellt wird: als ein Zurückschlagen auf die äußerst reale Bedrohung, die er für die existierenden Machtstrukturen darstellte. Hier ist ein Link zu Andersons Essay. Wir haben ihn zu unserem Reading Room hinzugefügt.

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