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Michael Jackson: Der Tänzer des Traums

by on 10. February 2015

Michael Jackson war ein talentierter, unverwechselbarer und herausragender Tänzer. In diesem faszinierenden Artikel analysiert die professionelle Flamenco Tänzerin und Choreografin Amor (Lubov Fadeeva) seinen Beitrag zur Kunst des Tanzes.

Michael Jackson: The Dancer of the Dream

Original: http://en.michaeljackson.ru/michael-jackson-the-dancer-of-the-dream/

Michael Jackson: Der Tänzer des Traums

Michael Jackson und der Tanz ist ein Thema so unendlich weit wie der Weltraum. Ich kann nicht darüber sprechen ohne auf globale Zusammenhänge in der Kunst des Tanzes einzugehen, aber ich werde versuchen, die Zusammenhänge so gut wie möglich darzulegen – alle die Elemente zusammenzufassen, die ich als Facetten von eines größeren Ganzen sehe, so dass wir das ganze Bild betrachten können.

Billie Jean

Für mich ist Tanz ein globales Phänomen, die heiligste und reinste Kunstform, vielleicht noch auf einer Stufe mit Musik, Dichtkunst und den schönen Künsten.(fine art) Alles andere leitet sich davon ab, so wie die Äste eines großen, weit verzweigten Baumes nur aus einem Samen gewachsen sind. Tanz ist reine Inspiration, geboren im Zentrum des Universums, ausdrückbar durch eine Vielzahl künstlerischer Formen und Manifestationen. Tanz ist sichtbar gemachte Musik und rein geistige Emotion auf einer materiellen Ebene; er ist die spirituelle Energie, die alles Existierende erschafft. So habe ich diese Form des Ausdrucks von Gefühlen seit meiner Kindheit empfunden und ich werde versuchen, all das mit Worten zu beschreiben.

Ich erinnere mich daran, wie erfreut – wenn auch nicht überrascht – ich war zu sehen, dass Michaels Buch den Titel Dancing The Dream hatte. Warum verwies der Titel auf das Tanzen und nicht auf Gesang oder Musik? Ich glaube nicht, dass es zufällig geschah. Der Tanz war ein besonderer Teil in Michaels Kunst – der tiefste, ernsthafteste und symbolischste Ausdruck seiner Philosophie und künstlerischen Vision.

Ich werde mich diesem Thema auf Umwegen nähern, beginnend mit einem Zitat aus einem Buch von Maurice Bejart, ‘Un Instant dans la vie d’autrui’ (Ein Augenblick in der Haut eines anderen). Bejart ist ein französischer Choreograf und die wichtigste Persönlichkeit des modernen Balletts. Er ist Erneuerer, Philosoph und anerkanntes Genie im Bereich des Tanzes. Es ist interessant, dass Bejart in der Familie eines Philosophen aufwuchs: Sein Vater leitete eine Gesellschaft für philosophische Forschungen und gab ein Wissenschaftsjournal heraus. Dadurch wuchs Bejart in einem Umfeld auf, in dem das menschliche Denken geschätzt wurde, und so war er von Kindesbeinen an von Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten umgeben. Als er Tänzer wurde, spiegelten daher seine Kunst und sein künstlerischer Ansatz tiefgreifende Gedanken wieder.

Bejart erklärte den Tanz zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Seine Balletttruppe, die aus angesehenen professionellen Tänzern bestand und kolossale Erfolge feierte, hatte demnach auch genau diesen Namen: “Ballet du XXe siècle” oder “Ballett des 20. Jahrhunderts.” Die größten Stars aus der Welt des Balletts arbeiteten mit Bejart zusammen.

Eines der Kapitel seines Buchs heißt: „Den Tanz zur Bedeutung deines Lebens machen.“ Lasst mich euch ein paar Auszüge daraus wiedergeben:

Tanz wurde zu einer zweitklassischen, dekorativen und unterhaltenden Kunst gemacht. Damit meine ich natürlich den Tanz in der westlichen Welt. Es ist kein schierer Zufall, dass dem Tanz in der westlichen Welt diese Rolle zufiel, denn es ist nicht nur der Tanz alleine der hier zu einer Farce wurde.

Ich nehme den Tanz ernst, denn ich halte Tanz für ein religiöses Phänomen. Es ist auch ein gesellschaftliches Phänomen, aber vor allem ist Tanz etwas Religiöses. Wenn man Tanz als ein sowohl heiliges als auch menschliches Ritual sieht, erfüllt er seine Funktion. Wird er jedoch in eine Unterhaltungsform verwandelt, hört er auf zu existieren, und es bleibt nur ein Feuerwerk, oder eine Parade uniformer Pin-up Girls, oder ein Pin-Ball-Spiel – aber nicht mehr die Essenz des Tanzes. Bezieht man das auf die 80er Jahre, tritt man offene Türen ein, aber in den 50ern war diese Tür noch fest verschlossen.

Im Namen Gottes lehnte das Christentum unter Berufung auf irgend ein Tabu – vielleicht aus angstvoller körperlicher Scham dieser fleischlichen Hülle der Seele – den Tanz ab, während dieselbe Religion aber das Errichten von Kathedralen inspirierte! Von der Religion, die ihn lebendig gemacht hatte, getrennt, wurde der westliche Tanz als sinnlich/fleischlich verurteilt und wurde zu einem Teil einer zum guten Ton gehörenden Zeremonie. Ohne Verbindung zur Religion wurde dem Tanz ein gutes Benehmen im schlechtesten Sinn des Wortes anerzogen…

Aber wohin ist das Ritual verschwunden? Das Bedürfnis das Sakrament zu empfangen, in beiden Dimensionen: vertikal und horizontal, heilig und gesellschaftlich?

Als Diaghilev mit seinem Russischen Ballett zu Beginn des Jahrhunderts die Bühne betrat, war das revolutionär. Aber diese Revolution war ästhetischer Natur. Der Tanz brauchte mittlerweile eine ethnische Revolution, aber auch eine ästhetische Revolution war schon ein großer Schritt nach vorn! Große Musiker wie Stravinsky begannen schließlich damit, Musik zum Tanzen zu komponieren. Große Künstler – Picasso, Derain, Braque – arbeiteten an Bühnendesign und Kostümen. Die Welt lernte auch den unbeschreiblichen Bühnendesigner Leon Bakst kennen.

Das westliche Publikum hatte instinktiv ein Bedürfnis nach einem Tanz, der nicht seiner Essenz beraubt war. Junge Menschen, die sich danach sehnten sich zu vereinen, suchten in der Rock- und Pop- oder Discomusik nach neuen Ritualen und taten das Richtige. Jede Generation muss ihre eigenen Rituale schaffen. Die Rituale unserer Eltern waren gestorben und bedeutungslos.

Erneuerungen im Tanz sind jetzt kein ästhetisches Problem mehr. Wir haben eher das starke Bedürfnis, gesellschaftlichen Angelegenheiten und unserer Wahrnehmung der Welt Ausdruck zu verleihen. Wir müssen dem Tanz nichts sagen – er selbst sagt so viel!

Ich spreche aus meinem Herzen. Mit jedem Tag bin ich mehr davon überzeugt, dass Tanz die Kunst des 20. Jahrhunderts ist…

Es wird der Tag kommen, an dem jeder tanzen wird.

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Das Wesen der Einzigartigkeit

Seit meiner Kindheit ist Tanz für mich so etwas wie Religion, wenn nicht sogar reine Religion. Jede Kunst übernimmt in ihrer Essenz die Rolle eines Kults, die Rolle eines spirituellen Beraters und weitere Aufgaben, die sie in die Nähe einer Religion rücken, je nach Art der Kunst in unterschiedlichem Maß. Aber in diesem Fall spielt der Tanz eine besondere Rolle. Ich möchte den Gedanken, dass der Tanz immer etwas Religiöses vermittelt, nicht weiter ausbauen, aber man sollte bedenken, dass Tanz historisch gesehen aus der Religion abgeleitet wurde. Seine ursprüngliche Beschaffenheit war spirituell und heilig und nicht einfach nur dekorativ, wie es Maurice Bejart richtig formulierte.

Wenn die Leute Michael Jackson bewundern, geschieht etwas Wunderbares. Sie erleben einen Moment, in dem der Tanz ihnen etwas Aufregendes und Unvergleichliches offenbart. So gut wie jeder, der Michaels Tanz ernsthaft betrachtet, wird sicherlich dieses mysteriöse, einmalige Niveau dieses Entertainers wahrnehmen, das seine Kunst einzigartig macht. Viele Tausend Menschen haben einige dieser charakteristischen Bewegungen und Schritte Michaels erlernt, aber keiner kann sie genauso ausführen wie er. Aus diesem Grund sind alle Bemühungen (auch die von professionellen Tänzern) ihn zu imitieren zum Scheitern verurteilt: In den Augen leidenschaftlicher Jackson Fans ist jeder Jackson Imitator nur ein Ersatz.

Für mich sind die Legionen dieser Michael Jackson Imitatoren, die seine Tanzschritte nachahmen die reine Entweihung. Seine körperliche Präsenz und sein emotionaler Ausdruck auf der Bühne kann nicht kopiert werden. Er ist an jeder kleinsten Nuance erkennbar, seine einzigartige Energie muss gar nicht erst erwähnt werden. Selbst wenn ein Tänzer die gleichen Tanzelemente auf brillante Weise beherrscht, ist es nicht möglich auch Michaels Hände zu kopieren. In dieser Hinsicht sind die Impersonatoren, die Jacksons Stil lediglich als eine Basis für ihre eigenen Interpretationen und Variationen nutzen im Vorteil. Ihr Tanz sieht immer interessanter, lebendiger und gekonnter aus als der Versuch seine Bewegungen präzise zu reproduzieren, was im Tanz so gut wie unmöglich ist. Jackson kann man nicht wiederholen, kopieren oder imitieren – so wie auch jeder andere berühmte Tänzer nicht dupliziert werden kann.

Was macht Michael so einmalig? Warum gibt es beispielsweise so viele Diskussionen darüber, dass sein Tanz zwar viele sexuelle Bewegungen enthält, ohne ihn aber je vulgär aussehen zu lassen – die Art Vulgarität, die man bei vielen anderen Tänzern erkennen kann? Warum wird sein Beitrag zur Kunst des Tanzes als von so unschätzbarem Wert gesehen, dass dieser Popstar auf eine Stufe mit den großen Meistern des Balletts oder des Volkstanzes (folk dance) gestellt wird?

Allem voran würde ich sagen, dass der Körper und die Antriebskräfte eines jeden Tänzers einzigartig sind. Es gibt ein paar Gemeinsamkeiten, aber dennoch so viele Besonderheiten, die nicht einmal genau zu analysieren sind, so wie es unmöglich ist jedes „tanzende Molekül“ in einem lebendigen menschlichen Körper zu analysieren. Diese winzigen Details und Besonderheiten machen das Auftreten einer jeden Person zu ihrem oder seinem höchst eigenen. Manche zeigen weniger Individualität, während andere ab ihrem ersten Schritt auf der Bühne erstrahlen. Das ist ein Grund dafür, dass kein Impersonator jemals einen so brillanten Tänzer wie Michael Jackson kopieren oder ersetzen und auch auf diejenigen überzeugend wirken kann, denen Michaels Stil vertraut ist.

Es geht nicht nur um seine persönliche Einmaligkeit, es betrifft die Einmaligkeit eines jeden Menschen. Die Wissenschaft hat das Klonen entwickelt, aber selbst ein Klon kann nie die perfekte Kopie des Originals sein, so wie auch Zwillinge nicht identisch sind. Die Möglichkeit, dass ein Mensch der Klon eines anderen werden könnte, gibt es nicht. An irgendeinem Punkt würden die Unterschiede hervortreten, auch wenn ein Impersonator spirituell sehr eng mit dem echten Performer verbunden wäre. Das perfekte Kopieren individueller Eigenheiten innerhalb eines Tanzes, um die Illusion zu erschaffen genau gleich zu sein, ist utopisch.

An der Stelle sollte ich aufhören über die Einzigartigkeit in der Natur zu sprechen und zu meinem eigentlichen Thema, das ich noch interessanter finde, zurückkehren: Künstlerische Einzigartigkeit.

Lasst mich noch einmal an den Anfang meiner Ausführungen zurückkehren – ich sage, dass Michael, so wie jeder andere wirklich brillante Tänzer, durch sein spirituelles Wesen und seine spirituelle Herangehensweise an den Tanz hervorsticht. Sein Tanz spiegelt die zuvor erwähnte ursprünglich religiöse Komponente wieder – nicht in dem Sinn, dadurch eine Glaubenslehre auszudrücken, sondern bezogen auf seine spirituelle und emotionale Herangehensweise.

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Erstens ist Michael nicht nur ein Performer. Er ist der Erschaffer seines Tanzes. Er macht nicht einfach etwas, was er nur durch die Imitation eines Choreografen gelernt hat. Sogar wenn sein Tanz choreografiert ist, bleibt er der Erschaffer: Sein Tanz kommt von innen, nicht von anderen Menschen, ganz gleich wer mit ihm in der Vorbereitungszeit zusammen gearbeitet hat.

An seinen Projekten waren viele Choreografen und Tänzer beteiligt, aber das Tanzteam und Michael unterscheiden sich völlig, auch wenn seine Tänzer immer sehr professionell und ausgezeichnet sind. Er sticht immer heraus, sowohl durch seine Art zu Tanzen als auch durch seine innere Haltung zu dem Tanz.

Er tanzt im Fluss der freien Schöpfung. Es sollte erwähnt werden, dass selbst die Bewegungen, die er auf der Bühne immer wieder vollführt nicht mechanisch wiederholt werden, wie eine hängengebliebene Platte. Keinesfalls, denn er kann jeden seiner Tänze zu jeder Zeit in freier Improvisation fortsetzen. Und es wirkt dabei nie, als wäre er mit seinem persönlichen Stil nicht im Gleichklang; stattdessen eröffnet sich neue Facetten seiner unergründlichen inneren schöpferischen Kraft. Das ist etwas, was kein Impersonator tun kann. Einzig der Erschaffer des Tanzes kann seinen Tanz ganz natürlich erweitern und erneuern und völlig frei improvisieren und dabei trotzdem ganz er selbst bleiben. Niemand sonst kann in dieses Heiligtum eintauchen. Es ist ein ganz persönlicher Besitz, so wie jeder Mensch seinen eigenen Körper oder seinen Platz auf der Erde hat.

Michael Jackson sticht unter allen Bühnendarstellern seiner Generation, und denen die folgten, heraus. Es wird oft gesagt, dass andere Pop-Entertainer sich seiner bedienen, weil er einen Standard erschuf. Dennoch scheinen viele sich der falschen Dinge zu bedienen. Michael war dafür bekannt absolut an das zu glauben, was er tat. Seine Kunstausübung war immer aufrichtig und begeisternd, während zeitgenössische Pop-Performer meist eher aussehen wie hübsch gestaltete Aufziehpuppen und nicht wie charismatische Entertainer.

Warum das so ist, kann ich nicht sagen, aber ich schätze, dass es nicht am mangelnden Talent liegt, sondern an dem Umstand, dass die Popbühne endgültig beschlossen hat, das durchschnittliche Glamour-Ideal zu produzieren. Meist erwecken diese neuen „Stars“ den Eindruck von Barbiepuppen: Alle sind hübsch, alle sind begabt, aber allen fehlt es an Energie … Es ist nichts Aufregendes. Da ist nichts mehr, was uns noch schockiert oder überrascht – alles Revolutionäre ist Vergangenheit. Das ist der Gesamteindruck.

Ehrlich gesagt ist es traurig, dass ihnen ein wirklicher, lebendiger kreativer Prozess genommen ist und sie sich absichtlich selbst zu einem Produkt machen. Produkt statt Erschaffer, noch nicht einmal ein kleiner. Seltsam, dass die Unterhaltungsindustrie diesen Geschmack weiterhin vorgibt und solches Material für ihre Starfabrik auswählt. Aber letztlich ist ein Genie nur ein Genie, wenn es selten zu finden ist.

Der zweite und vielleicht interessantere Faktor ist, dass Michael Jackson im Grunde keine Figur des Pop ist. Ja, er arbeitete innerhalb des Rahmens der populären Massenkultur, aber nach der Grundlage seines Denkens gehörte er nicht zur Pop Art. Ich würde sogar behaupten, es war seine Tragik, natürlich ohne dass er selbst daran die Schuld trug. Das System der Pop-Kultur erlaubte ihm einerseits, alle möglichen Verkaufsrekorde zu brechen und mit einfachen und inspirierenden Ideen Millionen Menschen zu erreichen. Andererseits wurde aber sein Talent auf dieses System begrenzt, so dass sich letztlich bestimmte Facetten seiner Kunstfertigkeit nicht vollständig manifestieren konnten und von der allgemeinen Öffentlichkeit unbemerkt blieben.

Das Image des Popsängers hielt einige Menschen davon ab, ihn ernst zu nehmen. Das war bedauerlich und ich sage es noch einmal: Es war nicht sein Fehler. Die Schuld liegt in der Engstirnigkeit der Gesellschaft. Seine Figur hatte zu viele Widersprüchlichkeiten, um ihn hinreichend zu erfassen. Er vereinte die Eigenschaften antipodischer, tief in der gängigen Mythologie verwurzelter konventioneller Stereotypen, und letztlich bescherte es ihm brutale Gerichtsverhandlungen und ein tragisches Ende.

Abschließend möchte ich noch das Offensichtliche sagen: Als Genie musste Michael sich nicht irgendwelchen Standards anpassen. Wie es Niccolo Paganini sagte: „Den Talentierten wird geschadet und die Genies werden gehasst.“ Übrigens gab es im Leben von Paganini und Michael Jackson viele Parallelen.

Schamane der großen Bühne

Wenn Michael Jackson die Bühne betrat, tanzte er in Ekstase. Und das ist für den Zuschauer offensichtlich. Die besten Tänzer und Musiker erreichen diesen besonderen Geisteszustand, wenn sie kreieren. Kunst in ihrer höchsten Form ist nicht möglich ohne die Fähigkeit mit dem Unterbewusstsein zu arbeiten und ohne andere Stadien des Bewusstseins und der Intuition zu nutzen. Ohne das ist es keine Kunst sondern einfaches, herkömmliches Handwerk.

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Lasst uns auf den religiösen Aspekt des Tanzes zurückkommen. Der erste professionelle Tänzer der Erde war ein Schamane und Priester. Er war auch Pionier in vielen anderen Kunstformen. Der Tanz wurde geboren durch die Verbindung des Menschen mit den höheren Mächten und Geistern unserer Vorfahren. Tanz ist im Wesentlichen eine Form der Meditation, aber keine passive – sie ist aktiv. Die rhythmischen Schläge von Tamburinen oder Trommeln halfen den frühen Schamanen dabei, in Trance zu fallen, und den an dem Ritual Teilnehmenden bis zu einem gewissen Grad denselben Trance-Zustand zu erreichen. Die Musik basierte auf einer klaren Rhythmik und hielt die Zuhörer in ihrem Bann. Mit dem weiteren Fortschreiten der Zivilisation, entwickelte diese Basis neue Formen, ohne jedoch ihre ursprüngliche Bedeutung zu verlieren.

Das gleiche kann über den klassischen indischen Tempeltanz gesagt werden, bei dem sich der Tänzer im Vergleich mit einem Schamanen ruhiger verhält und die Bewegungen erlernt und präzise ausgeführt werden, wobei jedoch die rhythmische Basis und die meditative Art des Tanzes gleich sind. Es ist wichtig zu wissen, dass in der indischen Mythologie die Götter selbst auch Tänzer waren. Daher fiel dem Tanz eine hohe spirituelle Bedeutung zu.

Im christlichen Europa war die Situation eine andere. Es stimmt, dass viele heidnische Bräuche vom Christentum übernommen wurden. Viele christliche Feiertage und Rituale sind historisch im Heidentum und im Altertum verwurzelt – Symbole und Rituale wurden einfach auf eine neue Art interpretiert und präsentiert. Auf diese Weise suchte die neue Welt einen Kompromiss mit der alten Welt. Trotzdem lehnte die christliche Kultur den Tanz ab und schloss ihn aus der Kirche aus, bezeichnete ihn als eine Art körperliche, dekorative Kunst – so wie es Bejart in seinem Buch erwähnte. In jenen Zeiten, mit dem Wissen, dass er afrikanische und indische Wurzeln hatte, stand es außer Frage ihn in der Kirche zu akzeptieren. Tanz hatte durchaus einen gewissen spirituellen Einfluss, war jedoch auf das weltliche System beschränkt.

Wie ich zu Beginn schon sagte sehe ich Tanz und Musik als Funken der göttlichen Energie, die das Universum beherrscht. Rhythmus ist etwas, was jeder von uns besitzt: Es ist unser Herzschlag. Wenn der Herzschlag aus dem Rhythmus gerät, ist das normalerweise ein Zeichen einer ernsten Erkrankung. Musikalische Rhythmen helfen uns dabei die Harmonie des Universums zu spüren und tragen dazu bei, dass wir uns wohl fühlen. Unterschiedliche Rhythmen erschaffen unterschiedliche Stimmungen, aber jeder Rhythmus spiegelt unsere Natur wieder.

Die wesentlichen Manifestationen von Rhythmus im menschlichen Leben sind Sex und Schwangerschaft. Ich hoffe das erstere nicht erklären zu müssen, aber letzteres ist erwähnenswert, da unser vorgeburtliches Stadium uns etwas über Synkopen lehrt, eines der beeindruckendsten und faszinierendsten rhythmischen Phänomene. Die Synkopen entstehen, wenn zwei Herzen in unterschiedlichem Takt schlagen – das Herz der Mutter langsamer als das des Kindes. Aus diesem Grund wirken synkopische Rhythmen auf uns so beruhigend. Wir haben sie ab dem Moment gehört, in dem wir im Leib unserer Mutter gezeugt wurden.

Es ist leicht zu erkennen, wie die Auswirkungen der schamanischen Techniken und des Tempeltanzes in unsere modernen populären Darbietungen eingeflossen sind. Sie haben die gleichen Basiselemente: Einen lebendigen Rhythmus, ein ekstatisches Publikum, und wiederum ist der wichtigste Charakter im Zentrum ein ekstatischer Tänzer.

Michael Jackson fügte dem eine weitere wichtige Komponente hinzu: Eine spirituelle Botschaft. Die Ekstase ist in solchen Songs wie Man In The Mirror, die darauf zielen das Publikum aufzufordern ihre eigene innere Kraft zu entdecken und positive Veränderungen zu bewirken, am beeindruckendsten. Auch wenn es sich nicht um ein Ritual einer Kirche oder eines Kults handelt, ist der Rahmen der gleiche: Der kraftvollste emotionale Ausbruch zielt auf die Veränderung des Bewusstseins und der Denkweise sowie auf die umgebende Realität. Ein solch absoluter Glaube an die Kraft der Kunst das Bewusstsein zu ändern, und die völlige Hingabe bei der Ausübung dieser Kunst kann bei tausenden Menschen Wunder bewirken. Das ist es, was Michael Jackson von anderen tanzenden Entertainern abhebt.

Bemerkenswert ist auch, dass Michael in seiner Kunst versucht, Christentum und Tanz zu vereinen, und er erreicht das, indem er auf die afroamerikanische Kultur zurückgreift. Sein Song Will You Be There z.B. ist ein Gebet, begleitet von einem Gospelchor. Ein Gospelchor ist während einer Performance immer in Bewegung, aber Michael ging in seiner Show noch weiter und fügte noch eine Ballettgruppe und einen Engel hinzu, der von oben auf die Bühne herunter kam. Das ist ein kirchliches Mysterium, übertragen in die Sprache des Spektakels, in die Sprache der Bühne. Anders als bei Man in The Mirror, bei dem tiefe Emotionen durch ungebremsten Energieausbruch deutlich werden, sehen wir hier eine ehrfürchtige und tränenreiche Hinwendung zu Gott – eine reine religiöse Ekstase.

Auf diese Weise vermischte Michaels Kunst Spuren des Schamanismus mit direkten Ausdrucksformen christlicher Demut. Er vereinte viele Welten in sich und es ist schwer zu sagen, zu welcher davon er mehr gehörte. Seine Kunst war gleichzeitig weltlich, religiös und sozial. Das einzige, worüber ich mir sicher bin ist, dass sein Talent einer alten Kultur entstammt, ich würde es sogar die Gabe eines Schamanen nennen. Oder die Gabe eines Zauberers, wenn man dieses bevorzugt.

Michael hatte diese Talente nicht zufällig. Er erbte diese Merkmale von der afrikanischen Kultur und es floss auch indianisches Blut in ihm. Wenn die Geschichte seines Vaters stimmt, war einer der Vorfahren Michaels ein indianischer Heiler und Schamane, an den in den Erzählungen der Großväter und Urgroßväter der Jackson Familie oft erinnert wurde. Und auch wenn man die Geschichte dieses schamanischen Vorfahren nicht glauben möchte, ist es dennoch keine Überraschung, dass Michael auf der Bühne ein wahrer tanzender Schamane war. Das Erbe der Afroamerikaner und der amerikanischen Indianer geht auf die gleichen alten Wurzeln zurück: Rhythmus und Spiritualität des Tanzes standen in beiden Kulturen an zentraler Stelle. Vor hundert Jahren konnte jeder amerikanische Indianer Mystiker und Heiler genannt werden, da es ein fest dazugehörender Teil ihres alltäglichen und spirituellen Lebens war. Michael war ein Mensch mit einem enormen spirituellen Potential, welches er auch in vollem Umfang nutze. Viele seiner eigenen Aussagen zu sich selbst, als auch Beobachtungen von Menschen, die ihn kannten, geben darüber Auskunft.

Die Energie, die er verströmt und die in seinen Augen leuchtet, ist ein deutliches Zeichen für einen Menschen, der eine hohe spirituelle Kraft besitzt. Sie hinterließ bei bei den Leuten einen nachhaltigen Eindruck und ließ sie empfinden, als schauten sie auf einen Engel, der auf die Erde gefallen war; obwohl er in Wirklichkeit ein Mensch aus Fleisch und Blut war, mit vielen gegensätzlichen Merkmalen in seiner Persönlichkeit. Ohne Zweifel haben seine zahlreichen humanitären Aktivitäten und seine umfassende Nächstenliebe zur Festigung seiner Reputation als einem Heiligen beigetragen, aber es war seine unglaubliche Energie, die ihn den Menschen wie ein überirdisches Rätsel scheinen ließ.

Michael Jackson on stage

Einige sind immer noch darüber erstaunt, dass ein Popsänger zum größten Entertainer unserer Zeit erklärt wurde. Ich kann nur sagen, dass er wie kein anderer diesen Titel verdient hat, weil es die wahre Aufgabe eines Entertainers ist, göttliche Ekstase an die Menschen weiterzugeben, um ihren Bewusstseinszustand zu verändern, sie anhand des eigenen Beispiels zu erstaunen und viele Herzen zu berühren, indem man dramatische künstlerische Ausdrucksformen findet, um all das zuvor genannte zu erreichen.

Es ist nicht die Stimme oder die meisterliche Technik, die einen Entertainer zu einem Wunder macht, auch nicht das Befolgen der Regeln des guten Geschmacks oder die Zugehörigkeit zu einem angesehenen Genre. Nein, das Wunder geschieht durch Ausstrahlung und eine gekonnt gestaltete Performance, die eine größtmögliche Ladung spiritueller Energie hervorbringt. Ein wahrer Entertainer vereint in sich naturgegebene Kunstfertigkeit, eine außergewöhnliche Persönlichkeit, Leidenschaft, Kreativität und Hingabe. Kein Performer konnte all das in dem Maße in sich vereinen wie Michael Jackson mit seiner unverwechselbaren Originalität.

Man könnte über die künstlerischen Verdienste seiner Songs oder Technik diskutieren, aber keine dieser Kritiken würde den Stellenwert seiner Persönlichkeit in der Geschichte der Kunst reflektieren: Seine Individualität, das perfektionierte und wiedererkennbare Image, das er erschaffen hat, und seine kreative und menschliche Strahlkraft, die sich in der außergewöhnlichen Liebe seiner vielen Fans manifestiert hat.

Sogar Skandale und das Medienspektakel konnten die Millionen Menschen nicht von diesem Wunder abbringen. Und es handelt sich hier nicht um abstrakten, gedankenlosen Fanatismus. Vielmehr gab sich dieser Mann selbst vollständig der Bühne und den Menschen, arbeitete bis zur Erschöpfung und verteilte seine Energie. Seine Hingabe löste die gleiche Hingabe zu ihm aus.

Man sollte dazu noch anmerken, dass Werbung und Promotion bei alldem keine Rolle spielen. Werbung funktioniert nur, solange du one-on-one mit dem Publikum bleibst. Wie lange könntest du bestehen, wenn du keine Begabung hättest? Dadurch kommt es zu dieser endlosen Reihe kurzlebiger Bands und Stars, die nur noch auf dem Papier lange vergessener Poster glänzen. Michael hatte das Talent, die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zu lenken, und dieses Talent hatte er schon in seiner frühen Kindheit, ohne jede Werbung. Und es ist noch einmal eine völlig andere Sache, wenn du nicht nur Aufmerksamkeit auf dich lenken kannst, sondern die Liebe von Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt gewinnst – und nicht nur die Liebe von weiblichen Teenagern, sondern die lebenslange Hingabe von Menschen jeden Alters und jeder Generation.

Die dunkle Seite des Mondes

Spricht man in der Kunst von Schamanismus – insbesondere in der Tanzkunst – kann man nicht die dunkle Seite der Thematik vergessen, durch die noch eine weitere Fassette und Tiefe hinzukommt.

Ich möchte ein paar Beispiele aus unterschiedlichen Kulturen aufzeigen. In der Volkskultur Spaniens, besonders in der Kunst des Flamencos, gibt es einen Glauben, der noch immer sehr ernst genommen wird – die Legende des Duende. Dieser Begriff ist kompliziert und für diese Kunstform sehr wichtig, ich gebe euch aber nur eine kurze Beschreibung davon. Laut der Legende gibt es einen Geist, den Duende, der über den Performer kommt und während des Singens oder Tanzens ihren oder seinen Körper betritt. Man kann den Duende nur schwerlich als einen guten Geist bezeichnen. Ein Zeichen der Anwesenheit des Duende sind Emotionen, die glühende Leidenschaft ausdrücken, auch Schmerz und Wut. Der Flamenco entstand aus einer Mischung unterschiedlicher Kulturen, darunter die der Zigeuner, der arabischen und der afrikanischen Kultur – einer so alten Kultur, dass es nicht überrascht, dass im Ethos ihrer Kunst der Schamanismus tief verwurzelt ist.

Der Flamencotänzer lässt also den Geist eintreten – auf diese Art erfasst er seine Selbstentfaltung mit den Sinnen. Ob wir nun an die Existenz des Duende glauben oder nicht, die Bedeutung der Legende ist dennoch lehrreich. Eine bestimmte Kraft dringt von außen in den Tänzer ein, so wie schamanistische Rituale oft das Eindringen eines bösen Geistes, der Krankheiten verursachte und einem Menschen schadete, bestimmten. Das Ziel des Schamanen war es, sich mit dem Geist zu arrangieren, ihn friedlich zu stimmen, seine negativen Auswirkungen zu bekämpfen und zu überwinden und schließlich Katharsis und spirituelle Erneuerung zu erlangen.

Das Erbe dieses Glaubens bedeutet, dass auf der Bühne die plötzlich in den Flamencotänzer eindringende Kraft ihn quälen kann, ihn leiden oder weinen lässt, er aber trotzdem gegen ihn ankämpft. Der Tänzer ist im Zusammenspiel mit dem wilden Geist nicht passiv. Vielmehr interagiert der Tänzer mit ihm, lässt alle angestauten Emotionen herausströmen und erlangt Katharsis, indem er sich öffnet. In einem herzzerreißenden Rausch lässt der Tänzer den ihn quälenden Schmerz heraus, bekämpft ihn, wobei sein Ziel positiv ist, auch wenn der Weg dorthin beängstigend und manchmal sogar grausam scheint.

In dem Zusammenhang ist es interessant an Schwarzafrika und Amerika zu denken, wo das Erreichen höchster spiritueller Ziele durch wilde Tänze eine wichtige Rolle spielte. Als erstes denke ich dabei an „Shango“, ein Tanzstück inszeniert von der afroamerikanischen Choreografin Katherine Durham, in dem wir einen rituellen Tanz mit dem Opfern eines Huhnes sehen können und ein Beispiel für die Art des ekstatischen Tanzes, wie er in der Volkskultur und in schwarzen Kulten weit verbreitet ist. Natürlich handelt es sich hierbei nur um eine Bühnenaufführung, aber diese illustriert die Spiritualität alter traditioneller Tanzformen. Katherine Dunham zog anthropologische Forschungen hinzu, als sie diese Bühnenstücke erschuf.

Die Leidenschaft und Wildheit des rituellen Tanzes veranschaulicht die Abstammung ausdrucksstarker Manifestationen von Emotionen wie sie in der modernen schwarzen Kultur weit verbreitet sind. Einst war das Teil einer mystischen Weltsicht. Tanz war kein Mittel, um einen schönen Körper, Begabung oder Sexualität zu demonstrieren; er diente der Kommunikation mit geheimnisvollen Geistern, die Teil des Lebens der Menschen waren. Ihr emotionaler Ausdruck im Tanz war so wild, weil die Menschen nicht nur für sich selbst tanzten, sondern um mit dem Jenseits zu kommunizieren. Für den modernen Menschen ist das nicht immer zu verstehen, aber es ist ein natürlicher Teil des spirituellen Wesens des Tanzes als Teil des Volkstums.

Um von der dunklen Seite zu sprechen, werde ich mich jetzt den entsprechenden Motiven und Themen in Michaels Kunst zuwenden.

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Black or White sah ich als vollständige Version zum ersten Mal in den frühen 1990er Jahren, als das Video gerade veröffentlicht worden war. Zu der Zeit interessierte ich mich nicht sonderlich für Michael Jackson. Ich war noch sehr jung und weit entfernt von der Massenkultur. Meine Idole waren Vertreter der „hohen“ Tanzformen: Große Ballett- oder Flamencotänzer und anderer klassischer Traditionen.

Jedoch schockte mich die zweite Hälfte von Black or White, allgemein „Panther Dance“ genannt. Ich glaube noch immer, dass es einer der besten Tänze Michaels ist – eine wahre Flut aggressiver Leidenschaft, auch wenn es mit Absicht für die Kamera gespielt wurde. Es ist die Art des improvisierten Tanzes, die auf die ursprünglichen Wurzeln des Tanzes verweist. Das ist in der zeitgemäßen Popkultur ein absolut einmaliges Beispiel eines wahrhaft leidenschaftlichen und spirituellen Tanzes; wie er in dieser Sphäre sonst nirgends zu finden ist. In den meisten Fällen ist das was wir zu sehen bekommen nur Gymnastik oder vulgäres Hüften-Wackeln, während die eleganten Schritte eines Tänzers wie Fred Astaire der Vergangenheit angehören. Wirkliche, reine Ekstase ist auf der Popbühne nicht zu finden.

Nachdem ich das Video gesehen hatte, wollte ich „Bravo, Michael“ sagen, auch wenn ich zu jener Zeit gar kein Fan von ihm war. In ein paar Minuten hatte dieser Mann, die einzige Person in der Pop-Sphäre, die diese Art aufrichtige Ursprünglichkeit besitzt, etwas äußerst Wichtiges getan, etwas das von keinem anderen international bekannten Performer je vollbracht worden war. Er rückte eine ekstatische Improvisation ins Scheinwerferlicht, zeigte sie in einem Video, das anscheinend keinen Bezug dazu hatte und auf positiven Themen wie jungenhaften Scherzen und dem Vereinen von Nationen aufgebaut war. Der Kontrast war beeindruckend und heftig, für den normalen Zuschauer unfassbar und verursachte große Kontroversen bis hin zu Anfeindungen. Vielleicht erschuf Michael diesen Kontrast und das gegensätzliche Design dieses Kurzfilms intuitiv. Vielleicht hoffte er, dass sein Bewusstseinsstrom das Publikum wieder einmal schockieren würde.

Wenn du die Geschichte der Jugendkultur der letzten 40 Jahren ansiehst, ist Jacksons Verhalten in diesem Tanz nichts Neues: Schon lange vor ihm wurden auf der Bühne Sachen zerstört oder gewagte sexuelle Bewegungen gezeigt. Ist es doch so, dass viele Rockmusiker routinemässig ihre Gitarren zerschmetterten oder sie am Ende des Konzerts sogar anzündeten. Dass Jackson die Fenster eines heruntergekommenen verlassenen Autos zerschlagen hat ist nichts im Vergleich zu dem, was Rockmusiker getan haben, lange bevor dieses Video erschien.

Dennoch, keiner von ihnen hat jemals getanzt…

Ich sollte auch erwähnen, dass an der Choreografie nichts neu ist. Michael zeigte einfach einen Mix seines üblichen Repertoires, beginnend mit Elementen des klassischen Stepptanzes und endend mit seiner berühmten Wellenbewegung und dem Griff in den Schritt. Es ist das, was bei Improvisationen üblicherweise passiert: Ein Fluss der gewohnten Bewegungen und dazu ein paar inspirierende Lichtblitze, wenn der Körper etwas neues tut, was du aber nur bemerkst, wenn du hinterher die Aufnahmen ansiehst.

Denkst du dir die Stimmung aus dem Video weg, bleiben dir ein paar eigentlich verrückte Körperbewegungen, von denen sich die Hälfte auf die Leistengegend beziehen. Manche Leute sehen es auch immer noch auf diese Weise. Ihnen fällt nur der Fakt auf, dass Michael eine Mülltonne auskippt und seinen Reissverschluss hochzieht. „Was soll das??“ fragt sich eine durchschnittliche Oma, wenn sie das Video im Fernseher mit ihrer Enkelin ansieht …

Obwohl auch ich eher konservativ bin, erkenne ich dennoch den Unterschied zwischen Michaels „Aktivitäten im Schritt“ und den ausgesprochen vulgären Erscheinungsformen in der modernen Kultur. Der Inhalt ist ein anderer. Für ihn ist es sowohl ein gewagtes Verhalten als auch ein Wiederhall seiner afrikanischen Wurzeln. Ich glaube, er liebte es die Öffentlichkeit zu reizen (ich würde es an seiner Stelle ganz bestimmt lieben), aber all das ist viel neutraler, als die Leute glauben. Nach der Bedeutung muss man im Wesen des afrikanischen Tanzes suchen. Ich komme später noch auf dieses Thema zurück.

Kommen wir zunächst noch einmal auf den Aufbau des Black or White Kurzfilms zurück. Der Name allein lässt schon einige Interpretationen zu. Einerseits spricht Black or White ganz klar äusserliche rassische Unterschiede an. Da ist die oberflächliche Bedeutung und die Geschichte, die der Song erzählt. Aber ich sah es auch gerne aus einer anderen Perspektive – das „schwarze“ und „weiße“ einer menschlichen Seele.

Der erste Teil, die „seriöse“ Seite ist weiß. Der zweite Teil ist schwarz, bringt Dunkelheit hervor und einen schwarzen Panther. Wir fürchten uns oft vor unserer dunklen Seite und unterdrücken sie, verstecken sie und hoffen bessere Menschen zu sein. Aber es ist unmöglich unsere dunkle Seite zu überwinden, ohne ihre Existenz anzuerkennen und daran zu arbeiten, ihr Wesen zu verstehen. Anders gesagt, wir brauchen einen konstruktiven Dialog mit dem bösen Geist… einer Art Duende.

Ob es Michael realisierte oder nicht, in diesem Tanz lies ließ er etwas heraus, was er in sich angesammelt hatte. Es war eine vollständige Befreiung. Und es war egal, ob es anständig war oder nicht – wichtig war allein die Energie der Befreiung herauszulassen. Das ist der Kampf, dem der spanische Tänzer entgegensieht, wenn der Duende von ihm Besitz ergreift. In einem solchen Moment denkst du nie an Anständigkeit oder Schönheit. Du musst in deiner Leidenschaft und deinem Schmerz völlig offen und ungestüm sein.

Obwohl ich weiß, dass der schwarze Panther ein wichtiges Symbol der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ist, hat er auch eine uralte Bedeutung, eine mystische Verbindung zu einem gewaltsamen und urweltlichen Geist des Tieres. Ich würde sogar sagen, er hat einen Anklang zum Totemismus. Gleichzeitig steht er für das sich Öffnen und Herauslassen des inneren Teufels, der sich in jedem von uns versteckt, lässt man seinen Panther heraus. Es ist ein Tropus (bildhafter Begriff) so alt wie die Welt selbst und das ist der Grund, warum es funktioniert.

Michael bezog sich in seiner Kunst allgemein auf viele archetypischen Bilder, die sie besonders reich und faszinierend machten – im Gegensatz zu vielen der blass-süßlichen Pop-Bilder auf der Bühne von heute. Darunter auch seine schwer fassbare und mysteriöse Liebe zum Mond, der seinen Namen auch für einen seiner choreografischen Besonderheiten gab, den Moonwalk. Durch reine Intuition.

Wir wissen, dass viele Dichter und Künstler vom Mond inspiriert sind: Er wird in Liebesliedern angehimmelt und schwört beängstigende Geheimnisse der Nacht herauf. Wiederum reicht all das weit in Volksbräuche und unsere Natur zurück. Ich möchte jetzt nicht weiter auf Legenden, Mythen und Kult über den Mond eingehen, die überall auf der Welt einen profunden Einfluss auf die Kunst hatten. In der spanischen Folklore und meiner Sicht der Welt ist dieses Thema sehr wichtig, fange ich erst einmal mit meinem „Steckenpferd“ an, kann es sein, dass ich kein Ende mehr finde. Ich möchte nur soviel sagen: Du kannst nicht ohne den Mond tanzen – tanzt du intuitiv, lässt dich vom Fühlen leiten, ist es so. So wie Michael es sagte, wenn du tanzt, denkst du nicht – du fühlst.

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Zorniger Tänzer

Lasst mich wieder auf die Wahrnehmung der Sexualität in Michaels Bewegungen zurückkommen – ein Thema, auf das ich wie zuvor gesagt, näher eingehen möchte. Wie ihr wisst haben Sexualität, Aggression und Leidenschaft vieles gemeinsam. Das trifft auf viele Volkstanz-Arten zu, die Emotionalität und Leidenschaft beinhalten. Jeder Ausdruck eines Menschen im Tanz, wenn sich der Mensch frei und emotional fühlt, kann als Manifestation von Sexualität gesehen werden, denn die Grenze zwischen Emotionen und Urinstinkten ist ziemlich schmal. Trotzdem bedeutet das nicht, dass es keine Grenze gibt.

Fred Astaire sagte einst zu Michael: “Du bist ein zorniger Tänzer“, und dieses Statement passt genau. Es bezieht sich nicht auf eine Art bösen Zorn, sondern gemeint ist Leidenschaft – die Leidenschaft der Performance – etwas Wildes und teuflisch Attraktives. Die Stimmung eines Tänzers beeinflusst in hohem Maß, was der Körper tut. Du musst wissen, wie du deine Gefühle und Energie in Bewegungen einfließen lassen kannst. Nur dann ist der Tanz ein Tanz. Ohne das ist er nur eine Turnübung. Und werden Gefühle nur durch Gesichtsausdrücke gezeigt und nicht wirklich gefühlt, werden sie grotesk aussehen.

Wir sollten uns daran erinnern, dass in der Kunst Spiritualität am wichtigsten ist und die Technik nur zweitrangig. Beim Sport ist es anders – im Sport ist die Technik am wichtigsten – aber Tanzen ist kein Sport. Michael Jackson hatte die nötige künstlerische Begabung. Viele seiner Bewegungen sehen so brillant, flüssig und begabt aus, aber nicht weil er die Technik beherrschte (obwohl er natürlich sehr fähig war), sondern weil er es in jedem Augenblick lebte. Er war mit seinem ganzen Wesen daran beteiligt, bis hin zu seinem Unterbewusstsein, diese perfekte Vereinigung von plastischer Darstellung (plastique) und Musik zu erschaffen. Und das ist etwas, was man leider nicht erlernen kann. Es ist eine natürliche Begabung.

Nebenbei bemerkt war Michael nicht der technisch erfahrenste Tänzer der Welt. Er zeigte keine Sprünge mit Spagat, steppte nicht mit 50 Schritten in der Sekunde oder machte 32 Drehungen am Stück, obwohl er oft Beeindruckendes mit dem menschlichen Körper vollbrachte. Ohne Zweifel gibt es viele zeitgenössische, vor allem junge Tänzer, die etwas können, was Michael nie konnte. Und dennoch bezeichnen wir ihn als großartig, während diese anderen Tänzer nur gewöhnliche Statisten bleiben. Warum ist das so?

Noch einmal: Der Grund ist die künstlerische Begabung, die Energie, der schamanische Zauber und Charisma. Erhabenheit entfaltet sich auf der Bühne nicht dadurch, dass der Tänzer einen drei Meter hohen Salto schlagen kann. Das ist Zirkusakrobatik. Technik ist nur ein Mittel, das die Kunst des Tanzes benutzt. In dieser Kunstform entsteht Talent nicht durch Technik, sondern durch die Fähigkeit mit dem Körper zu sprechen und zu malen, Zwischentöne auszudrücken und einen individuellen Stil zu finden, den Körper zu bewegen. Ein Künstler erreicht im Tanz dann völlige Erhabenheit, wenn er in der Lage ist eine winzige Geste in ein kleines Spektakel zu verwandeln, in einen heiligen Akt. Michael Jackson wußte das zu tun. Deshalb war er ein Genie.

Ich erinnere mich daran, wie es mich erstaunte, wenn ich die Leute über seinen übermässigen Ruhm sprechen hörte. Zum Beispiel argumentierten sie damit, dass der Moonwalk nicht einmal von Michael selbst erfunden worden sei, sondern dass er von Marcel Marceau stamme. Wenn wir uns aber ein wenig mit der Geschichte davon befassen, stellen wir fest, dass es diese Bewegung schon lange vor Marceau gab. Auch weil ich selbst Tänzerin bin kann ich sagen, dass der Moonwalk nur ein Fetisch eines individuellen Tanzstils ist – dem Michael Jackson Tanz.

Es gibt bei der Choreografie einen interessanten, oft eingesetzten Trick, bei dem es darum geht einen einprägsamen Move zu finden und ihn am Höhepunkt einer Performance zu zeigen. Diese Bewegung muss originell oder witzig sein, aber nicht technisch komplex. Eine solche Bewegung zu finden, ist schon eine Leistung für sich – denn es ist nicht einfach.

Beim Moonwalk ist das der Fall: Es ist eine eigentlich einfache Bewegung, die von jedem Mensch, der seinen/ihren Körper einigermassen unter Kontrolle hat, erlernt werden kann. Ich beziehe mich damit nicht auf die fortgeschrittenen Versionen, wie den Sidewalk oder den Moonwalk im Kreis – diese sind schwieriger. Aber der klassische Moonwalk (sprich rückwärts laufen) kann sogar von einem Amateur durchgeführt werden. Sicher ist er ungewöhnlich und man muss das Prinzip der Bewegung verstehen um sie nachzuahmen. Aber mehr braucht man dazu nicht.

Michaels Tanz zeigt weitaus gravierendere plastische Darstellungen und Techniken, zu denen der Moonwalk im Vergleich nur eine Kleinigkeit ist. Seht euch an, wie er seinen Körper kontrolliert, seine Koordination und sein Gefühl für Rhythmus! Und seine Drehungen! Sie sind einfach unbeschreiblich! Das sind Dinge, die nur ein sehr talentierter Tänzer tun kann.

Und dennoch ist es der Moonwalk, den die Leute als „sensationell“ bezeichnen.

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Das ist ein rein gesellschaftlicher Effekt – initiiert durch künstlerischen Verstand und eine ausgezeichnete choreografische Wahl. Ein so ungewöhnliches Element bei einem historischen Motown-Jubiläum zu performen, es unvergesslich zu machen und so viel Energie hineinfließen zu lassen – das zahlte sich aus.

Sprechen Journalisten über Michaels Tanz, zitieren sie üblicher Weise den Moonwalk als seine besondere Errungenschaft in der Technik des Tanzes. Der Moonwalk mag ein historisches Ereignis sein, sein wichtigster Beitrag an die Tanzkunst ist er nicht. Seine Leistungen gehen weit darüber hinaus. Sie finden sich nicht nur in besonderen Elementen im Tanz, sondern vor allem in seinem herausragenden Stil, seiner reichen und ausdrucksstarken Körpersprache und seiner einmaligen Herangehensweise an den Tanz.

Es gibt eine Vielzahl an Tanzschritten und Techniken auf der Welt, und es werden immer wieder neue hinzukommen. Nur der Himmel ist die Grenze („The sky is the limit“). Doch die Geschichte setzt den Tänzern ein Denkmal, die auf der Bühne etwas ganz Besonderes geschaffen haben, etwas was die Menschen um den Verstand brachte, was sie lieben, weshalb sie schreien und jubeln und das sie mit dem Tänzer mitfühlen ließ. Das ist der wichtigste Teil der Arbeit eines Entertainers. Wenn du in deinem eigenen Herzen und in den Herzen deines Publikums einen Funken entzünden kannst, dann bist du ein Meister. Alle Schritte und Techniken sind nur Mittel, um diesen Effekt zu erreichen. Ihre harmonische Zusammenstellung in einem einzigen Körper ist das, was wichtig ist, so wie Musik aus 7 Noten in unterschiedlichen Oktaven komponiert wird. Manche Musik vermag es, dich zu bewegen und in Erstaunen zu versetzen, anderer gelingt das einfach nicht. Das Gleiche trifft auch auf den Tanz zu.

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Lasst uns noch einmal zurückgehen zu den Wurzeln von Michaels Tanz. Wenn die Leute über seinen Tanz sprechen, erinnern sie oft an den legendären Fred Astaire und sein Tanz-Repertoire. Man kann dort vieles erkennen, was Michael „übernommen“ hat – den ganzen Gangster-Stil mit den Schuhen und dem Hut, die Kostüme, die Farben und Lichteffekte und den Gebrauch von Elementen des Stepptanzes. Aber das erstaunliche daran ist, dass er nur äußerliche stilistische Mittel geliehen hat (wie die Motive der Pop-Klassiker) und diese mit seiner spontanen afrikanischen Leidenschaft vermischt hat – nicht so sehr auf die Art, wie schwarze Tänzer den Stepptanz tanzen, sondern auf die Art der improvisierten und leidenschaftlichen Volkstänze Afrikas und der Karibik. Das ist der Punkt, an dem sich die Fröhlichkeit, der Bühnenglitzer und die Eleganz plötzlich in einen spontanen schamanistischen Tanz zum Klang von Trommeln verwandelt. Beachtet, wie überaus entspannt und natürlich Michael in der Gruppe der brasilianischen Trommler in seinem Kurzfilm zu They Don’t Care About Us aussieht. Sie sind von der gleichen Art.

Von weitem sieht Michael eigentlich in seinen patenten Lederschuhen wie ein Bühnen-Dandy aus. Es ist nur eine theatralische Show, die er aufzieht, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Er trägt keine Gangster-Gamaschen, sondern schwarze Loafer und weiße Socken; die schwarze Jacke verbirgt ein T-Shirt, das er jeden Augenblick von oben bis unten aufreißen würde; und der elegante Fedora verdeckt zerzaustes Haar, das mit der Brillantine sorgfältig frisierter Tänzer der Vergangenheit nichts gemein hat. Er braucht diesen Look nur, um ins Spot-Light zu treten. Das Spot-Light ist ein theatralisches Mittel, so alt wie die Welt – wir alle benutzen es – und Michael war nicht der erste, der es erschuf. Er übernahm es von Klassikern. Licht und Schatten der Kontraste erzeugenden Beleuchtung akzentuieren einen weißen Handschuh oder weißes Tape an seinen Fingerspitzen – und das erste faszinierende Element eines Mysteriums erklingt. Ein aus der Dunkelheit tretender Kavalier in Schwarz gekleidet – ein für die Ladys schon seit der Zeit der Mantel-und-Degen-Filmkomödien verführerischer Archetypus. Eine Frau kann sein Gesicht nicht sehen, aber träumt schon von ihm als ihrem romantischen, heimlichen Liebhaber, der sie mitten in der Nacht besucht und in ihr Fenster einsteigt. Der Hut ist deshalb so weit herunter geschoben, um seine Augen zu verdecken.

Beim Tanzen sind die Hände und Füße die eloquentesten Körperteile. Besonders die Hände. Die Hände stehen an dritter Stelle der Mittel, nach Worten und Mimik, die uns dabei helfen unsere Gedanken und Gefühle auszudrücken. Sie machen Gesten; sie sprechen; sie können sogar singen. Ich sage oft zu meinen Studenten, dass sie, um im Tanz wirklich ausdrucksstark zu sein, mit den Händen den aus ihnen kommenden Impuls, ihren Blick und ihre Gefühle, weiterführen müssen. Handflächen und Fingerspitzen sind die Quelle herausströmender Energie. Sie müssen sichtbar sein. Die Hände sind bei der Bewegung das feinfühligste Instrument.

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Michael erhöhte den optischen Effekt mit der Hilfe von weißem Tape und einem Handschuh. Sie wirkten wie Feuerblitze aus Energie im Kontrast zu der Dunkelheit des mysteriösen Bildes. Das gleiche gilt auch für die weißen Socken – sie betonten seine Füße. Und diese ganze elegante Magie eines Kavaliers in Schwarz verwandelte sich plötzlich in eine wilde afrikanische Ekstase, verborgen unter den Hüllen theatralischer Requisiten. Die Bewegungen des Stepptanzes verwandeln sich in ein sinnliches Wölben des Körpers, den berühmten gewagten Griff in den Schritt und irres Zerreißen des Shirts.

Das funktioniert besser als Striptease. Es ist Verführung auf der unbewussten Ebene der Vorstellungen und Emotionen, der Ebene der Schönheit und nicht der reinen Physiologie. So erlangte Michael auch die Aufmerksamkeit der anspruchsvollsten Frauen und jungen Damen, die an zur Schaustellung derber Männlichkeit keinen Gefallen finden.

Realisierte Michael, was er tat? Ich denke, intuitiv tat er es und er realisierte auch, dass er viel Aufmerksamkeit auf sich zog – aber er machte sich nie all zu viele Gedanken darum. Und das garantierte ihm, natürlich zu tanzen, rein und unbefangen, wie ein ungezügelter Mensch. Sein tanzender Körper wurde verführerisch und begehrlich, während seine Seele mit reiner Energie angefüllt blieb. Es ist Sinnlichkeit auf einer höheren Ebene, bei der der Körper zum Untertan des Geistes wird.

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Es gibt Stimmen, die sagen, Michaels Kurzfilme und Tanzarrangements hätten einen direkten sexuellen Bezug – er tanzte mit Frauen und sprach alle Formen von Beziehungen in seinem Tanz an. Die Kunst eines jeden Künstlers spiegelt unterschiedliche Aspekte des Lebens wieder, darunter auch Liebe und Sexualität, aber man muss wissen, dass nicht jeder Tanz diesem Thema gewidmet ist, unabhängig davon, welche Bewegungen darin enthalten sind.

Es ist immer amüsant zu sehen, wie die Menschen in Tänzen einen sexuellen Zusammenhang sehen, wenn es gar keinen gibt. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass Tanz eine Kunst ist, die aktiv durch den Körper dargestellt wird. Der Körper kann spontan und manchmal auch unbewusst etwas ausdrücken, das ein außenstehender Zuschauer als sexuell interpretiert. Du kannst einfach entspannt am Strand liegen und jemand, der dich beobachtet, entwickelt sexuelle Gefühle. Das ist das Problem des Zuschauers, nicht aber deine innere Botschaft.

Und genau so kann ein Performer mit seinem Tanz eine ganz andere Botschaft ausdrücken, als sie vom Zuschauer wahrgenommen wird – oder er kann auch gar nichts ausdrücken. Sex muss nicht der wichtigste Gedanke eines Tänzers sein. In Michaels Fall war Sex meist zweitrangig. Er war zu religiös, schüchtern und spirituell, um diese Dinge deutlich herauszustellen. Natürlich hatte er, wie jeder andere auch, eine unterbewusste Sexualität, aber sie wurde nicht in einen non-stop-direkten Ausdruck und in vulgäre Verführung verwandelt. Eine solche Zurschaustellung, angemessen oder nicht, wird von fast allen modernen Pop-Künstlern angewendet – von Madonna bis hin zu an Teenager gerichtete Boy Bands. Sie wackeln mit ihren Hintern und vermitteln die deutliche Botschaft, dass das jemand im Publikum erregen solle. Es wird sogar in solchen Tanznummern deutlich, die es nicht nötig hätten. Die Mehrzahl der Pop-Performer sind von ihrem Sexappeal wie besessen: Sie möchten so begehrt sein, dass sie auf der Bühne manchmal nichts anderes mehr zeigen als Sex in seiner gröbsten Form und das beraubt sie ihres wahren Charmes. Michael tat das nie. Sein Tanz beinhaltete nie ungehobelte provokative Zurschaustellung. Er besaß natürliche Sinnlichkeit und nicht Obszönität. Wenn er tanzte, schaltete er alle logischen, verbalen Informationen ab. Er tanzte einfach, so wie seine Vorfahren in Afrika, die nackt herumliefen und ihre Nacktheit nie als etwas Unangemessenes empfanden. Sie waren sinnlich, glühten vor Leidenschaft, kannten aber nie Obszönität. Auch wenn Michael bewusst Showtechniken in seinem Tanz einsetzte, verwandelte er ihn trotzdem in die Aufrichtigkeit eines Kindes und die Wildheit eines Schamanen. Er tanzte einfach und genoss den Tanz als solchen und nicht den Gedanken, dass sein Tanz irgendwen erregen würde. Das ist der Unterschied zwischen ihm und vielen anderen Pop-Performern.

Tänze die historisch im Volkstanz verwurzelt sind, zeigen viele Bewegungen mit einer sexuellen oder sinnlichen Natur. Wenn man zum Beispiel spanischen Zigeunern auf ihren Familienversammlungen beim Tanzen zuschaut, erkennt man in ihrem verspielten Tanz neckische und kühne Bewegungen. Dennoch haben diese Menschen ein streng patriarchisches Alltagssystem und die Mädchen werden zur Keuschheit erzogen, was in ihrer Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat.

Betrachtet man latein– oder afroamerikanische Volkstänze, erkennt man auch dort viele sinnliche Bewegungen, darunter auch den Griff in den Schritt. Und denkt daran, wie die Brasilianer mit ihren verschiedenen Körperteilen wackeln… All das ist sexuell. Es erinnert daran, dass Volkstänze einst Attribute heidnischer Kulte und Feste waren. Bewegungen mit sexueller Anspielung wurden eingesetzt um Fruchtbarkeit, Ernte und gesunden Nachwuchs zu feiern. Der Sinn lag nicht darin den Zuschauer zu erregen, sondern das Leben zu lobpreisen und zu feiern oder ein religiöses Ritual darzustellen. Die Energie, die die Menschen im ekstatischen Tanz aussendeten, sollte ihrem Volk Wohlstand bringen und ihre Einheit mit den höheren Mächten und der Natur reflektieren. Das Sexuelle ihrer Bewegungen war ein Werkzeug und nicht das Ziel. Aus diesem Grund sehen solche Bewegungen in diesen Kulturen sinnlich und nicht obszön aus. Diese Bewegungen sind den Menschen dort vertraut – sie haben sie seit ihrer Kindheit gesehen oder getanzt und bewerten sie nicht als etwas Besonderes. Die Tänzer überschreiten keine Grenzen. Sie tun einfach nur, was für sie natürlich ist.

Da ich gerade von den afrikanischen Volkstänzen sprach, schaut euch an, wie diese kleinen Mädchen aus dem Senegal auf ihrer Dorfstrasse tanzen. Es ist normaler Zeitvertreib für die Kinder, so wie amerikanische Mädchen in ihrer Einfahrt in Indiana Seilspringen. Es gibt keinerlei Botschaft. Trotzdem machen die senegalesischen Mädchen rhythmische Stöße mit ihren Hüften und fassen/klemmen manchmal ihre Kleider zwischen ihre Beine. In traditionellen europäischen Kulturen mag das als unangemessen empfunden werden, aber die afrikanische Kultur misst diesen Bewegungen keine obszöne Bedeutung zu, deshalb werden sie ganz natürlich gezeigt ohne jeglichen vulgären Touch.

Ähnliche Bewegungen kann man in professionell performten Tänzen erkennen – beispielsweise bei dem Chuck Davis African American Dance Ensemble, welches traditionelle afrikanische und afroamerikanische Tänze aufführt. Natürlich sehen wir die Körperhaltungen, die Hand- und Fußbewegungen und die Art, auf die sie so unbefangen gezeigt werden. Viele dieser Bewegungen könnten leicht zu etwas Vulgärem gemacht werden, wenn jemand ihnen einen Hauch Obszönität verleihen wollte.

Kurz gesagt, eine Bewegung wird nicht durch das Körperteil vulgär, mit dem sie ausgeführt wird, sondern durch die Art, wie sie gezeigt und wahrgenommen wird.

Schon in meiner Kindheit kam ich zu dem Schluss, dass sämtliche zeitgenössische Musik- und Tanzkultur aus Afrika stammt. Das ist sehr offensichtlich. Jedoch hinterließ der Film Dance Black America, den ich vor kurzem sah, bei mir einen starken Eindruck. Mir wurde klar, dass die Hälfte unseres alltäglichen Lebens eine Verbindung zu Afrika hat. Dieser Film enthält wunderbares Material. Er verfolgt die Spuren der Geschichte des schwarzen Tanzes von den historischen im Folk liegenden Wurzeln bis hin zum modernen Tanz. Man sieht Stepptanz, verschiedene Stücke vom Beginn des 20. Jahrhunderts und den Lindy Hop. All diese Tänze sind das Erbe Afrikas. Und die ganze westliche Pop Kultur entleiht ihre Rhythmen aus Afrika.

Dabei ist am beeindruckendsten, dass die Afrikaner die europäischen Vorstellungen vom Tanzen völlig verändert haben. Wo sind die europäischen Walzer und Gavotten geblieben? Sie sind begrenzt auf ihre kleine Nische der hohen Kultur – auf Gesellschaftstänze und andere beinahe vergessene historische Tänze, für diejenigen, die sie erlernen möchten. Aber das afrikanische Prinzip der freien Bewegungen aller Körperteile beherrscht jede Disko und jeden Nachtclub. Auch die unbegabtesten Menschen, die nur einfach ihre Füsse zur Musik bewegen und die Arme in die Luft werfen, zeigen immer noch ein Echo der afrikanischen Bewegungsästhetik.

Spanische Motive

Da ich Flamenco-Tanz und -Kultur studiert habe und seit vielen Jahren damit arbeite, wurde ich gefragt, ob ich denke, dass Michaels Kunst in irgend einer Art von dieser Kultur beeinflusst war. Einen direkten Einfluss sehe ich nicht. Aber ich erkenne Berührungspunkte.

Wie ich schon mehrfach sagte, entstanden die Traditionen des Volkstanzes und der Volksmusik auf der ganzen Welt auf unterschiedliche Art und aus unterschiedlichen Gründen, das beinhaltet auch den Flamenco und die afroamerikanische Kultur (inklusive Jazz). Beide gehen zurück auf alte Ethnien und beide haben afrikanische Einflüsse, wenn auch zu einem unterschiedlichen Grad. Beide Traditionen haben dieselbe Basis wie die Improvisation, plastische Darstellung, Rhythmus, das Ausdrücken energetischer Emotionen und ein ekstatischer Bewusstseinszustand, der oft auf Glaubensmythen der Vergangenheit zurückgeht.

Flamenco und afroamerikanische Kultur sind auch deshalb ähnlich, weil beide Kulturen über Jahrhunderte von Völkern erhalten wurden, die nicht nur über freudvolle Zeiten sangen, sondern auch über die Last des Lebens, Einsamkeit und Tod. Auch haben beide Kulturen Verbindungen zum Christentum, wodurch interessante Unterarten bei kirchlichen Festen und Gesängen entstanden. Beide Kulturen haben sich im Verlauf der Geschichte oft überschnitten, wodurch sie interessante Hybriden hervorbrachten und neue Genres. Auch heute sind beide Kulturen noch freundschaftlich verbunden. Die spanische Kunst greift auf viele unterschiedliche Arten auf afrikanische Motive zurück, die Stilmischungen hervorbringen, wie etwa Flamenco-Jazz.

Um zur Frage des Flamenco-Einflusses auf Michael zurückzukommen, kann ich sagen, ich weiß, dass er ein wenig mit Joaquin Cortés kommunizierte, einem der berühmtesten Tänzer des modernen Flamencos. Wir können bei ihnen sowohl in ihrer Kunst, als auch bei ihrem Image auf der Bühne Ähnlichkeiten erkennen. Auch wenn man über einen direkten Einfluss diskutieren kann, haben sie doch deutliche Gemeinsamkeiten – zum Beispiel einen schwarzen Hut, ein weißes T-Shirt, lange Haare und die Fähigkeit mit dem Publikum zu arbeiten.

In The Closet Naomi And Michael

Michaels Referenzen an den Flamenco sind in seinem Kurzfilm zu In The Closet deutlich zu erkennen. Erstens sieht man dort spanische Tänzerinnen mit langen weißen Kleidern. Auch wenn sie nicht original spanisch sind, tanzen sie Flamenco. Soviel ist klar. Zweitens haben sowohl diese Tänzerinnen als auch Michael den gleichen Flamenco-Frisur-Stil, mit diesen sehr straff nach hinten gekämmten Haaren. Vielen Leuten fiel auf, dass es für Michael sehr ungewöhnlich war, seine Haare so streng nach hinten gebunden zu tragen. Aber das ist ein stilistisches Attribut: Das Gesamtkonzept des Videos, inklusive der Kostüme und des Set-Designs haben einen Touch von Spanien und Latein-Amerika, wobei das Spanische eher dominiert. Sogar Michaels Schuhe mit den hohen Absätzen ähneln denen spanischer Tänzer. Im Kontrast dazu ist Naomi Campbells Aussehen deutlich lateinamerikanisch. Sie trägt ein kurzes Kleid im Stil des brasilianischen Lambada. Die im Film erzählte Geschichte spielt vor dem Hintergrund ausgebleichter Häuser, wie sie für Südspanien typisch und auch denen in Lateinamerika ähnlich sind. Vielleicht wurden diese Entscheidungen getroffen, um die Erotik des Videos zu unterstreichen, da viele Menschen die spanische und lateinamerikanische Kultur mit Leidenschaftlichkeit und Sexualität assoziieren.

Tanz auf dem Bildschirm

Ich möchte noch über ein paar andere Kurzfilme und Bildschirm-Tanznummern Michaels sprechen. Leider kann ich nicht all seine wunderbaren Werke besprechen, deshalb erwähne ich nur ein paar. Unter den Videos mit choreografierten Tanznummern sind Bad, Smooth Criminal und Ghosts meine Favoriten. Unter dem Gesichtspunkt von Inszenierung, Verfilmung und Originalität sind diese Werke am professionellsten und brillantesten – großartige Verbindungen von Kameraführung und Choreografie.

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Smooth Criminal ist natürlich ein Meisterstück der Kameraführung bei einer Tanz-Inszenierung. Viele verschiedene Interieurs werden eingesetzt, und der Zuschauer wird durch sorgfältig choreografierte Tanzschritte und Kameraeinstellungen von einem Interieur zum anderen gelenkt, passend zur erzählten Geschichte und dem dramatischen Handlungsablauf. Eine erstklassige Produktion erschafft eine logische Bildsequenz aus einem Guss, die sowohl den Tanz als auch die Dramatik vermittelt. Smooth Criminal ist eine wunderbare Stilisierung der traditionellen Hollywood-Gangster-Thematik, in der jedes Bild im besten Sinn des Wortes theatralisch ist.

Es gab darin sogar einen perfekten Platz, an dem Michael einen Augenblick des völlig freien Selbstausdrucks einbringen konnte: Eine Pause ohne Musik, mit Stöhnen, Schreien und Kopfnicken. Ein wunderbar dramatisches Element und ein Ort für Wildheit und Schamanismus; es fühlt sich ein bisschen an wie ein afrikanisches Ritual mit Hühneropfern und dämonischer Besessenheit. Meiner Meinung nach ist dies der beste Moment des Videos, etwas von dem ganzen Hollywood- und Broadway- Gangsterthema abweichend erschafft es einen perfekten Kontrast, der aber nicht dem Gesamtstil widerspricht.

Gehen wir weiter zu dem langen Tanzsegment in seinem Kurzfilm Bad, in dem Michael absolut kein Problem mit Aggression und damit, mit der Kamera wie einem Partner zu arbeiten, hat. Auf diese Herangehensweise ist das ganze Stück aufgebaut. Die Ballettformation folgt Michael synchron. Das ist ihre hauptsächliche Funktion, und es sieht aus wie ein gemeinsamer Impuls, ein Wettstreit: Die Bewegung in Richtung Kamera überzeugt den Zuschauer davon, dass es ein echter Wettstreit ist. Und dann, im abschließenden A-capella-Teil, gibt es ein interessantes Detail: Die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich so auf Michael, dass wir vielleicht nicht sehen, dass die anderen seine Stimmung und seinen Rausch nicht einmal zur Hälfte erreichen, als er praktisch vor Emotion bebt. Er gibt alles was er kann, seine Augen dunkel vor Wut, während die Männer um ihn herum relativ ruhig sind. Seht sie euch bei Gelegenheit einmal genau an. Es ist ein witziger Kontrast.

Bad ist sicher eines der besten Werke Michaels, eines, in dem wir entdecken, dass er ein Schauspieler ist, der zwei sehr unterschiedliche Rollen darstellen kann. Zuerst ist er ein bescheidener Schüler, der sich absichtlich gegen sein Herz entscheidet, um sich einer schlechten Gesellschaft anzupassen. Aber dann verwandelt er sich in einen coolen, selbstsicheren Mann – der Mann, der dieser bescheidene Schüler sein möchte – um das Böse zu bekämpfen.

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Ghosts ist ein weiterer interessanter Film. Seine Choreografie ergänzt die Geschichte und das durch einige sehr innovative Tanzbewegungen sehr plastisch. Ich glaube sogar, dass seine (Ghosts) größte Leistung die durch seine Choreografie erreichte Bildsprache ist. Ghosts wird oft mit Michaels berühmten Thriller Video verglichen, weil es auf den ersten Blick eine Wiederholung des erfolgreichen Horrorfilm-Themas zu sein scheint. Jedoch spricht dieser Film, anders als Thriller, die tief-philosophische Thematik des Verhältnisses zwischen dem Künstler und dem Publikum an, zwischen einer herausragenden Persönlichkeit und dem Durchschnittsbürger. Und, genauso wichtig, lässt er auch viel mehr Raum für die Choreografie.

Eigentlich hat Thriller nur ein kurzes Tanzsegment, welches so inszeniert ist, dass es die Balance zwischen Professionalität und Einfachheit hält. Einerseits ist es eine großartige schauspielerische Arbeit, in der die Tänzer Spaß daran haben unterschiedliche Zombies zu spielen. Dadurch haben sie die Gelegenheit ihre Flexibilität und Ausdrucksfähigkeit zu zeigen. Andererseits ist der Thriller-Tanz der bei MJ-Flashmobs am häufigsten benutzte Tanz und der Grund dafür liegt nicht nur in der riesigen Popularität des Tanzes, sondern auch darin, dass die Choreografie recht einfach zu erlernen ist – zumindest annähernd, wenn auch nicht perfekt – damit eine große Gruppe Amateure ihn mehr oder weniger zusammen tanzen kann.

Die Tanzsegmente von Ghosts sind viel schwerer und erfordern viel mehr Talent als die Bewegungen von Thriller. Den Charakteren wird mehr Zeit gelassen und eine bessere Möglichkeit, sich darzustellen. Dieser Tanz hat wesentlich mehr choreografische Innovationen und Besonderheiten, dramatische Elemente, die um eine Gruppe von Geistern aus dem Jenseits die Illusion von etwas Befremdlichem erschaffen. Michael selbst spielt einige unterschiedliche Rollen, und jede dieser Rollen bricht etwas mit seiner Darstellungsweise, um zum gegenwärtigen Charakter zu passen. Beispielsweise zeigt er seine ikonischen Tanzschritte, während des Tanzes des Skeletts (mit Hilfe von Motion-Capture-Kameras) sehr deutlich erkennbar, damit das Publikum versteht, wer dort als Skelett tanzt. Zeigt er aber einen ähnlichen Bewegungsablauf während er in der Rolle des Bürgermeisters tanzt, fügt er eine Menge Ironie hinzu und der Tanz wird komisch. Spielt er wiederum sich selbst, den Maestro, greift er nicht auf Altbekanntes zurück, sondern zeigt eine Reihe von innovativen Elementen, die die Choreografie in diesem Film völlig anders machen als bei jedem seiner bisherigen Tänze.

Ich sollte auch noch ein paar Worte zur Bühnenversion von Billie Jean sagen, da es wohl das ikonischste Stück von allen Solotänzen Michaels ist. Es ist sein Meisterwerk, basierend auf Minimalismus, aufgeführt wie ein Monolog in einem schmucklosen Bühnenbild, nur durch die Beleuchtung hervorgehoben. Nur ein wahrer Meister kann Menschen mit einer solch minimalistischen Form der Vorführung unterhalten ohne zu langweilen. Für mich persönlich ist es sehr viel interessanter, einer Improvisation zuzuschauen, wenn der Performer etwas Spontanes und Einmaliges zeigt. Billie Jean hatte immer Platz für Improvisationen. Dank seiner schlichten Eleganz und Individualität, formte Billie Jean für viele Jahre eines der Bilder Michael Jacksons mit dem größten Wiedererkennungswert. Es ist der Tanz von ihm, der am häufigsten benutzt wird, um Michael zu imitieren (was, wie ich sagen muss, meistens schlecht aussieht). Und es war Billie Jean, das bei Motown 25 zu einer Sensation wurde und Michael als Entertainer auf eine völlig andere Ebene hob.

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Für mich ist es offensichtlich, dass seine Motown 25 Performance sich in vieler Hinsicht von all seinen späteren Konzert-Versionen von Billie Jean unterscheidet. Sie ist noch nicht perfekt und der Moonwalk ist nicht so flüssig ausgeführt wie bei späteren Versionen. Vielleicht war der Boden nicht glatt genug. Dennoch ist die emotionale Ladung des Tanzes so elektrifizierend, dass sie nie von etwas anderem übertroffen wurde.

Motown 25 Billie Jean

Am Ende der Motown 25 Performance, wenn Michael innehält und zum Publikum schaut… Ich weiß nicht, wie ich den Ausdruck in seinen Augen beschreiben soll, aber ich verstehe ihn ganz und gar. Es ist so ein Moment, in dem ein paar Minuten alles verändern können. Du scheinst einen anderen Körper zu haben. Du versuchst, dich an alles zu erinnern, aber dir bleiben nur Bruchstücke, Erinnerungsscherben, Erinnerungen an Gefühle. Es ist ein solcher Energieschub, dass es sich anfühlt, als hättest du zwei Stunden anstatt nur zwei Minuten gearbeitet. Und natürlich ist es der energetischste Kontakt mit deinem Publikum – der dich nur noch mehr inspiriert. Wenn das Publikum etwas erwartet und du es mit etwas Neuem, zum ersten Mal gezeigten erfreuen musst, ist das ein ganz besonderer Moment. Ich sehe diese Performance immerzu an und denke mir, dass Michael hier eine Prüfung durchlaufen hat. Er hatte nicht einmal ein Spot Light. Nur ein Performer auf der Bühne. Aber trotzdem sieht es spektakulärer aus als als teure Shows mit Spezialeffekten.

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Das letzte Thema, welches ich ansprechen möchte, sind Michaels Fähigkeiten als Tänzer, und ob er davon als er älter wurde, etwas verloren hat. Leider habe ich diese Meinung, seine letzten Darbietungen bei This Is It betreffend, gehört.

Ich sage es mal so: Es gibt viele Arten, sich einen Tanz anzusehen, aber woran wir immer denken sollten ist, dass Tanz eine Kunst und kein Sport ist. Das sagte ich bereits, aber es ist wichtig, deshalb sage ich es noch ein Mal. Es ist sogar das Wesentliche. Tanz ist eine Kunst und kein Sport.

Natürlich steht Tanz in enger Verbindung mit dem Körper, deshalb sind die körperliche Konditionierung und die technischen Fähigkeiten ebenfalls Faktoren, wenn man eine Tanzvorführung bewertet. Es gibt technische Aspekte, die sind beim Ballett wichtiger, andere beim Volkstanz und wieder andere beim Tanzen auf einer Pop-Bühne. Dennoch müssen wir bei all der Bedeutung von Technik immer mit dem künstlerischen Inhalt beginnen. Die Technik kommt erst an zweiter Stelle. Das widerspricht deshalb nicht der Notwendigkeit gewisser Grundlagen, um die ein oder andere Bewegung auszuführen. Aber wir sprechen hier über ein Meisterwerk eines großen Stars und nicht über Anfänger.

Im russischen Ballett setzen sich die Tänzer mit 38 Jahren zur Ruhe. Könnt ihr euch das vorstellen? Nicht mit 50, nicht mit 45 – mit 38! Die Arbeitsbelastung ist natürlich gewaltig. Das ist der Grund dafür, warum dieses frühe Aufhören typisch für das klassische Ballett und keine allgemeine Regel für alle Arten des Tanzes ist. Dennoch sollten wir wissen, dass es diese Grenze von 38 Jahren gibt.

Natürlich tanzen einige Ballettstars auch viel länger. Maya Plisetskaya trat noch mit 70 Jahren auf. Aber jeder versteht, dass dieses Alter seinen Tribut zollt. Ein solcher Künstler hat normalerweise nicht mehr viele Auftritte, obwohl die Tickets heiß begehrt wären, weil die Menschen einen großen Star sowohl mit 20 Jahren als auch im Alter von 70 Jahren sehen möchten. Sie möchten Individualität und Inhalt sehen, keine perfekte Fouetté. Die Individualität ist in der Tanzkunst das Wichtigste, und das Hauptelement in der Performance eines Stars.

Ein anderes Beispiel: Beim Flamenco tanzen die Menschen bis ins hohe Alter. Es gibt da keinen Ruhestand mit 38 Jahren. Ich gehe dabei noch weiter und sage, im Allgemeinen beginnt ihre Karriere sogar erst nach dem 30. Lebensjahr. Niemand kann die körperlichen Veränderungen eines alternden Körpers leugnen – trotzdem tanzen die Spanier noch, wenn sie schon ziemlich alt sind, denn noch einmal, das Wichtigste ist der künstlerische Inhalt. Beim Flamenco sind Spiritualität und Kunstfertigkeit wichtiger als Technik. Aus dem Grund werden ältere Tänzer manchmal mehr geschätzt als jüngere: In dieser Kunst kannst du nur erfolgreich sein, wenn du eine gewisse Lebenserfahrung besitzt. Und es sehr wichtig, Persönlichkeit zu haben. Um auf die Bühne zu gehen und anderen etwas zu vermitteln, musst du anders sein und dich von anderen abheben.

Ich sage das, um die Unterschiede hervorzuheben – nicht nur zwischen den erstrangigen und zweitrangigen Elementen in der Kunst, sondern auch zwischen den Fähigkeiten eines Meisters und denen eines gewöhnlichen Performers. Es ist wichtig zu wissen, dass ein Meister manchmal nicht deshalb hervorsticht, weil er etwas beherrscht, was große körperliche Anstrengung erfordert, sondern weil er es auf unbeschreibliche und einzigartige Weise tut. Normale Performer begeistern dich oft dadurch, dass sie einen besonders hohen Sprung zeigen, oder eine von einem Choreografen gezeigte Sequenz perfekt erlernen. Natürlich ist beides sehr professionell. Aber diese Professionalität dient anderen Zwecken.

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Michael Jackson ist ein Pop-Tänzer, dessen Werke in den Bereich der darstellenden Kunst fallen. Wie im Volkstanz und dem klassischen Theater erschuf er einen bedeutungsvollen Dialog mit dem Publikum und mit Gott. Das war seine wichtigste Botschaft; das ist, was er dem Publikum vermittelte – sowohl intuitiv als auch unbewusst, wie ein professioneller und echter Künstler.

Er war 50 Jahre alt und dennoch war seine Darstellung perfekt. Was brauchte er sonst, um in seinem Genre zu performen? Nichts.

Ja, ich glaube, dass er nicht mehr in der Lage war, so viele Stunden am Stück mit der gleichen Energie zu tanzen wie er es mit 20 oder 30 Jahren konnte. Als gesunder 50-Jähriger Mann auf der Bühne zu stehen ist dennoch nicht so leicht wie mit 30 – es besteht ein Unterschied. Aber er musste nicht so viel Anstrengung hineinlegen. Ein Marathon ist etwas für Jüngere. Michael musste nur seine Individualität zeigen, seine Darstellungsform, sein Temperament und seine Leidenschaft. Und das war alles. Muss ich erwähnen, dass er all das hatte?

Wenn man Michael also in This Is It sieht, muss ich feststellen, dass, selbst wenn ich jede Sympathie bei Seite legen würde, er viel besser war, als seine Tanzcrew, denn sein Körper lebte jede Sekunde des Tanzes. Seine Tanzbewegungen sind für ihn ganz natürlich. Und ganz gleich wie sehr diese brillanten jungen Männer es auch versuchten, sie würden nie in der Lage sein, so zu sein wie er, selbst wenn sie sehr talentiert oder körperlich stärker sind. Eigentlich sollte ich das gar nicht erklären, denn es ist einfach die grundlegende Wahrheit. Der Grund, warum ich dennoch darauf eingehe ist die Verzweiflung darüber, dass manche Menschen das Grundlegende einfach nicht verstehen. Dieses Missverstehen macht mich traurig, nicht nur in Bezug auf einen solch herausragenden Tänzer wie Michael Jackson, sondern auch im weiteren Kontext des Verständnisses von Tanz als Kunstform und Gesellschaftsphänomen.

Noch eine wichtige Anmerkung: Michael wurde nicht nur älter, sondern er hatte in seinem Leben auch viele Prozesse und Widerwärtigkeiten durchgemacht. Das ist eine Tatsache. Aber ob er gesund war oder nicht ändert nicht wirklich etwas an seinen Fähigkeiten. Es ist klar, dass er ein schweres Leben hatte, aber dennoch verlor er nie die Fähigkeit, hervorragend zu singen und zu tanzen. Der Film zeigt das auf breitem Spektrum. Ich kann nur sagen, dass die Proben für Michael sicher anstrengend waren, aber dennoch wusste er, wie man hart arbeitet und meisterlich performt.

Bei der Art und Weise, wie er in dem Film tanzt, ist jede Bildsequenz ein Meisterstück. Oft ist der Tanz nicht sehr komplex. Es ist klar, dass Michael improvisiert, manchmal die gleiche Abfolge mehrmals wiederholt, was typisch für Improvisationen ist. Es ist nicht stressig für ihn, es ist wie eine Entspannung. An anderen Stellen spielt er nur herum. Aber es ist wundervoll. Auch wenn er nur herumspielt ist er ein Genie; er hat den Körper eines Genies. Sein Herumspielen ist auch einzigartig und kann nicht imitiert werden.

Michael sagte einmal zu Martin Bashir, ein Tänzer soll nicht denken, er muss fühlen. Das ist absolut richtig. Du musst dich in dem Fluss bewegen. Es kann zur Musik passen oder sich ohne sie entwickeln, wie eine unabhängige Visualisierung. Und es bedeutet nicht, dass du deinen Kopf leer machst – der Tanz ist nonverbale Information. Aber du kannst nicht unter psychologischem Stress stehen wenn du tanzt, oder du wirst versagen. Du musst dich frei fühlen.

Sprechen wir über technisch komplexe Elemente wie Sprünge oder Drehungen, muss man sagen, dass sie viel Konzentration benötigen. Aber eine Darstellung, die von außen betrachtet sehr komplex aussieht wird von dem Tänzer oft als entspannendes Element wahrgenommen. Körperwellen, sich wölbende Arme, ein Drehen des Nackens und Ausstrecken des Fußes – all das tut man mit dem Gefühl frei und leicht zu sein, wie ganz alltägliches Laufen. Deine Darstellungsform im Tanz wird zu deiner natürlichen Körpersprache.

Menschen wie Michael erlernen eine Darstellung nie Schritt für Schritt. Es ist Teil ihres Lebens. Du kommst nicht in den Ballettunterricht und überlegst, wie du eine Bewegung ausführst. Stattdessen fängst du einfach das Gefühl der Bewegung ein, du machst es einfach und es wird so natürlich wie atmen. Wenn du weißt, wie man es ausführt, weißt du es für immer – solange deine motorischen Funktionen intakt sind.

Wenn Tänzer sagen, Tanztraining sei die Hölle, dann bedeutet das, dass man nach 5 – 20 Minuten tanzen müde wird und nach ein paar Stunden völlig ausgelaugt ist. Aber es bedeutet nicht, dass du die ganze Zeit denkst: „Oh Gott, das ist so hart!“ Tanzen lässt dich selbstsicher und glücklich werden, trotz der körperlichen Belastung. Manchmal lässt der Tanz deine Füße bluten und deine Bänder schmerzen. Aber während du tanzt, versuchst du die Schmerzen zu ignorieren und sie erscheinen öfters schwächer, als sie wirklich sind. Wenn du in Ekstase bist, erscheint der Schmerz niemals vollständig. Das passiert. Auf der Bühne scheint alles wunderbar zu sein, fabelhaft, unvermittelt. Du bist high von deinem Adrenalin. Und manchmal spürst du die Schmerzen und die ganze Auswirkung deiner Übung erst am nächsten Tag.

Ich bin kein Arzt oder Wissenschaftler, der alle Vorgänge im Gehirn während dieses mentalen Zustands beschreiben kann. Aber ich kann sagen, dass die Bühne oft verdeckte Fähigkeiten und versteckte Reserven des Körpers zum Vorschein bringt, die durch unsere Fähigkeit den unterbewussten und veränderten Wahrnehmungszustand zu nutzen, hervorgebracht werden. Wieder kommen wir zurück zum wichtigsten Punkt dieses Artikels: Michael lebte den Tanz, deshalb ist es absurd zu sagen, seine späteren Fähigkeiten seinen schlechter als vorher.

Ein Poet des Tanzes

Ich könnte endlos fortfahren, aber es ist Zeit zu einem Ende zu kommen. Ich habe ein Bild gemalt, zu dem ihr ständig weitere Details hinzufügen könnt, wenn ihr möchtet, denn die Thematik der Kunst des Tanzes, global gesehen, ist unerschöpflich und Michael ist darin eine feste Größe. Ich hoffe, ich konnte die Hauptelemente des Bildes deutlich machen.

Um die Diskussion abzuschließen lasst mich zuerst wiederholen, dass Tanz das Spirituelle mit dem Materiellen verbindet, das Mysterium aller Mysterien öffnet und unser Bewusstsein jenseits aller Grenzen und Fesseln bringt.

Es gibt viele gute Tänzer, aber nur wenige von ihnen sind Künstler und Entertainer. Das Genre und der Bekanntheitsgrad spielen dabei keine Rolle. Was wichtig ist, ist, dass der Entertainer sich selbst seiner Kunst hingibt, in welchem Ausmaß er seine große Gabe realisiert und wie viel davon er mit dem Publikum teilt. Diese Gabe ist nicht nur Talent oder Brillanz. Die Gabe wird ermöglicht mit Hilfe des gottgegebenen Talents ein Diener des Tanzes zu werden, ihn zu lieben und seine heilige und universelle Bedeutung zu erfassen.

Michael Jackson war einer dieser tanzenden Poeten, der den Tanz selbstlos liebte und seine Essenz auf die Bühne brachte. Er entzündete einen Funken bei den Zuschauern, der sie hinter konventionelle Grenzen führte, ihnen ermöglichte, sich mit einer Sphäre wilder Energie zu verbinden, mit Emotionen und Schönheit, die man nicht mit Logik wahrnehmen, sondern nur fühlen kann. Er konnte Emotionen freisetzen und im Fluss der Improvisation unbeschreibliche Details erfinden, wie nur wenige Tänzer – und kein anderer Pop-Performer – es können. Die Spiritualität und Ästhetik, die er auf die Pop-Bühne brachte, waren einzigartig und beispiellos. Die Komplexität und zugleich die Einfachheit dessen, was er tat, fusionierte zu etwas Brillantem. Er wird in seinem Genre für sehr lange Zeit unerreicht bleiben. Ich möchte, dass das jeder versteht, nicht nur seine Fans.

Billie Jean Hat

Ich bin glücklich in seiner Zeit gelebt zu haben. Und ich bin froh, dass ich seine Videos schon zu einer Zeit ansehen konnte, in der es noch keine unnötigen Kommentare gab, so dass ich ihn ohne Vorurteile beurteilen konnte. Jahre später wurde es zu einem Trend ihn mit „wacko“ zu betiteln und ihn Monster zu nennen, und dann war es fast beängstigend zuzugeben, dass du Michael Jackson mochtest. Aber mich hat es dennoch nie davon abgehalten die Schönheit und Spiritualität seiner Kunst zu sehen.

Es ist schmerzhaft zu wissen, wie sein Leben endete. Es ist ein Unglück, dass Talent oft im negativen Licht gesehen wird, solange der Künstler noch lebt. Traurigerweise scheint das in der menschlichen Natur zu liegen. Ein talentierter und vielseitiger Mensch, mit unbeschreiblicher Begabung in Musik, Tanz und Drama, ist den Menschen nicht nur durch seine Werke bekannt, sondern auch durch eine Auswahl von Videofragmenten im TV und durch Geschichten der Klatschpresse, die keine Aufmerksamkeit wert sind. Bis heute gibt es keine anständige Fernsehdokumentation über ihn – alles was man zu sehen bekommt, sind ein paar pathetische, amateurhafte Dokumentationen, in denen Namen, Daten und Fakten durcheinander geworfen werden, die nichts über sein kreatives Genie aussagen. Die besten Konzertmitschnitte und Filme werden immer noch nur von seinen Fans angesehen. Es ist eine Schande, wirklich. Ich kann nur hoffen, dass sich eines Tages Gerechtigkeit durchsetzen wird. Und wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, damit dies mit Hilfe unserer bescheidenen Beiträge geschieht.

Ich glaube immer noch daran, dass der Tag kommen wird, an dem der Künstler Michael Jackson zu einem Klassiker wird und an dem man sich an ihn nicht nur als ein reines Pop-Idol erinnert, sondern als einen großartigen Entertainer und Humanitär, der „seinen Traum tanzte“.

Originaltext von Amor (Lubov Fadeeva)

Deutsche Übersetzung: M.v.d.Linden – mit einem ♥- Danke an Ilke für die Mithilfe

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