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HIStory Teaser / Teil I: Triumph des Willens

by on 12. November 2014

Post vom 30/10/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Das Werk von Michael Jackson, welches mich wohl am meisten verwirrt, ist das Promotion-Video für sein HIStory Album, üblicherweise als HIStory Teaser bezeichnet. Frei nach Helene „Leni“ Riefenstahls Nazi-Propagandafilm von 1934 Triumph des Willens ist es eine wirklich ungewöhnliche Inspiration für ein Michael Jackson Video – ich kann mir eigentlich keine ungewöhnlichere Quelle vorstellen! Seit Jahren denke ich über diesen Promo-Film nach, versuche ihn zu verstehen, erhalte aber nie eine wirklich befriedigende Antwort. Ich bleibe immer mit dem bohrenden Gefühl zurück, dass es mit diesem Film etwas Wichtiges auf sich hat, was ich einfach nicht sehen kann.

Deshalb war ich sehr fasziniert von unserer Freundin Eleanor Bowman zu hören, dass sie für ihre 3-teilige Buchreihe The Algorithm of Desire (‘Der Algorithmus der Sehnsucht’) historische Nachforschungen angestellt hat, und dass ihr diese Nachforschungen neue Einsichten in diesen verwirrenden Film gegeben haben. Ich danke dir sehr, dass du bei uns bist, Eleanor! Ich bin gespannt darauf, zu hören was du entdeckt hast.

Eleanor: Hallo Willa. Danke für die Einladung an diesem wunderbaren, fortlaufenden und wichtigen Gespräch über Michael Jackson teilzunehmen. Es ist jedes Mal ein Vergnügen und ich lerne so viel.

Du bist nicht die Einzige, die von dem HIStory Teaser verwirrt ist. Ich fand ihn sogar sehr beunruhigend. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint er ein eindeutiger Beweis dafür zu sein, dass MJ ein Größenwahnsinniger war.

Willa: Was genau die Interpretation vieler Kritiker wiedergibt. Einen dieser Kritiker zitiert Diane Sawyer 1995 in ihrem Interview mit Michael Jackson und Lisa Marie Presley:

Die Kritiker sagen, es sei „die kühnste, prahlerischste Selbst-Vergötterung, die je ein Pop-Sänger unternahm, ohne eine Miene zu verziehen.“

https://www.youtube.com/watch?v=GHS_qmZdrSM

(Dieser Teil kommt im Interview nach etwa 21 Minuten.) Sie fragt ihn auch nach der militärischen Symbolik, auf eine Art, die unterstellt, er unterstütze Nazi-Ideologien, was er verneint. Diane Sawyer zeigt den Film und macht anschließend deutlich, dass sie dem, was diese Kritiker sagen, zustimmt.

Eleanor: Was keine Überraschung ist. Weder die Kritiker, noch die Medien schienen MJ je zu verstehen. Beispielsweise zu glauben, er tat es „ohne eine Miene zu verziehen“, wie Diane Sawyer behauptet, sagt aus, dass sie das Wesentliche des Films gar nicht begriffen hat. Eine solche Interpretation macht überhaupt keinen Sinn, wenn man bedenkt, wer MJ war und wofür er stand.

Es bleibt jedoch die Frage, wie wir die Bedeutung des HIStory Teasers, unter Berücksichtigung von dem, was wir über MJ wissen, herausfinden? Denn ihr könnt sicher sein, er hat eine Bedeutung. HIStory ist ein Rätsel, genau wie der Mann, um dessen Geschichte es darin geht, aber eines, was uns manchmal ganz offensichtliche Hinweise gibt. Ich habe herausgefunden, dass die Dinge, die anscheinend auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben, oft auf eine tieferliegende, versteckte Logik hinweisen, wenn man tief genug gräbt.

Willa: Ja, das finde ich auch. Und manchmal ist es so, dass die Filme, die mich am meisten verwirren, die zuerst sogar entmutigend sind – wie Smooth Criminal und You Rock My World – dann, wenn man erst den Schlüssel zu ihrer Interpretation gefunden hat, sehr eindrucksvoll sind.

Eleanor: Genau. Und der HIStory Teaser ist da keine Ausnahme. Auch wenn er als Trailer für das HIStory Album angekündigt wurde, ist der HIStory Teaser ein eigenständiges Kunstwerk. Es erzählt Michael Jacksons Geschichte, seine Lebensgeschichte, seine Sicht der verzerrten und scheußlichen Geschichte, die zu der Zeit über ihn erzählt wurde, und, worauf das Wort HIStory hinweist, zeigt es, wie Michael Jacksons persönliche Geschichte und seine Situation sich in eine umfassendere Geschichte einfügt und für diese sogar symbolisch ist. Die Filmreferenzen in HIStory, inklusive Triumph des Willens, sind deshalb darin enthalten, weil er glaubte, dass sie für seine Situation relevant sind und uns ein besseres Verständnis dafür ermöglichen würden.

So wie Dangerous Michael Jacksons Album ist, das sein „Erwachsenwerden“ markiert, wie Susan Fast es in ihrem Buch Dangerous ausdrückt, arbeiten der Film und das Album HIStory seine Position in einem Kontext aus, im Kontext seines eigenen Lebens als Visionär und Künstler, im Kontext der afro-amerikanischen Erfahrung, und im Kontext der imperialen Kultur. Es ist eine vernichtende politische Kritik, eine scharfsinnige Kulturanalyse und eine starke persönliche Erklärung, die zuvor versteckte Komplexitäten, gespeichertes Wissen und verborgene Tiefen aufdeckt.

Willa, wie du und andere Mitwirkende an deiner Seite oft aufgezeigt haben, bereiten uns Michael Jacksons Widersprüche häufig Unbehagen. Und für mich ist der unpassendste Widerspruch sein Auftreten im HIStory Teaser, umgeben von den Truppen des grausamsten, gewaltsamsten Militärdiktators unserer jüngsten Geschichte. Die Gegenüberstellung von MJ und diesen Bildern hinterfragt unseren Begriff von dem, was er ist und wofür er steht. („Was hat er sich dabei gedacht?“) Ohne Zweifel, HIStory ist riskant. Aber Michael Jackson war risikofreudig.

Willa: Ja, dem stimme ich zu. Ich denke, es ist eines der Merkmale, die ihn als Künstler auszeichnen.

Eleanor: Aber Michael Jackson tat nie etwas unbewusst, er muss also gedacht haben, dass der HIStory Teaser bei allem, womit er zu schaffen hatte, das Risiko wert ist. Er musste einen Weg finden, die Aufmerksamkeit der Menschen zu erreichen, und mit dem HIStory Teaser hat er diesen gefunden. HIStory fordert uns heraus – es erregt unsere Aufmerksamkeit – es führt zu Unbehagen oder verblüfft uns so, dass wir bereit sind, unter die Oberfläche zu sehen.

Willa: Und wie man dem Interview mit Diane Sawyer entnehmen kann, war das sein Ziel. Denn er sagt zu ihr: „Ich wollte jedermanns Aufmerksamkeit.“

Eleanor: Meine hat er ganz sicher bekommen! Mit Zuversicht und indem ich beim Studieren dieses Films auch zwischen den Zeilen gelesen habe, gab er mir sowohl ein tieferes Verständnis für ihn als Mensch und Visionär, als auch für das Ausmaß der Herausforderungen, denen er ausgesetzt war. Letztendlich sehe ich darin einen Beweis für seinen unbezwingbaren Willen und seine beständige Hoffnung auf die Zukunft.

Als Objekt einer Verleumdungskampagne, die jeden anderen zerstört hätte, von der Polizei brutal behandelt und vom Staatsanwalt von Santa Barbara gehetzt und schikaniert – Angriffe, die oberflächlich betrachtet, mangels Beweisen gegen ihn, aber einer Masse von Beweisen, die für ihn sprechen, keinen Sinn ergeben – analysierte er sie im Zusammenhang mit der Kulturgeschichte, um die wirklichen Hintergründe herauszufinden. Mit HIStory bekommen wir das Ergebnis dieser Analyse. Mit HIStory dreht er den Spieß für seine Ankläger um, er kriminalisiert die Gesellschaft, die versuchte, ihn zu kriminalisieren.

Indem eine Bildsprache, die mit ‘dem Reich des Bösen’ in Verbindung steht, benutzt wird, aber Bildern des Mannes gegenüber gestellt ist, dessen größtes Verlangen es war, die Welt zu heilen, vergleicht HIStory die Werte Michael Jacksons mit den Werten der Menschen, die gegen ihn agieren und enthüllt den Ursprung dieser Werte. Einen modernen Helden präsentierend, liefert HIStory ein überzeugendes Argument dafür, dass die bösartigen Angriffe auf Michael Jackson aus der Angst entstanden, dass er – als Person und mit seiner Kunst – alle Voraussetzungen untergrub, die eine imperialistische Gesellschaft unterstützen. Eine Gesellschaft, deren Funktion auf Trennung anstelle von Vereinigung basiert, oft auf der Grundlage von Rasse.

HIStory entlarvt die Attacken auf Michael Jackson als politisch und kulturell, deren rücksichtslose Art in sich selbst Beweis seiner politischen und kulturellen Macht und dem Ausmaß der Bedrohung ist, die er für den Status Quo repräsentierte – und weiterhin repräsentiert – eine Macht und Bedrohung, die Susan Woodward in ihrem interessanten Buch Otherness and Power: Michael Jackson and His Media Critics (‘Anderssein und Macht: Michael Jackson und seine Medienkritiker’) erkannte und analysiert.

Willa: Ich habe durch Susans Buch auch viel gelernt. Sie wird sogar bald hier sein, um mit mir darüber zu sprechen. Aber zurück zu dem, was du über HIStory gesagt hast. Es stimmt, dass es das erste Album ist, was nach den Anschuldigungen von 1993 herauskam, und mit dem HIStory Teaser startete die Veröffentlichungskampagne des Albums. Und wow… er machte es sehr deutlich, dass er sich nicht von all dem, was über ihn gesagt wurde und was die Polizei und Presse ihm angetan hatte, beschämt zum Schweigen bringen lassen würde. Der HIStory Film ist mutig und trotzig, soviel ist sicher. Aber es ist interessant, dass du ihn auch als direkte Herausforderung der zu Grunde liegenden politischen und kulturellen Ideologie siehst – nicht nur der Anschuldigungen an sich, sondern auch wie das Einfließen dieser Anschuldigungen in die bereits existierenden Vorurteile die kulturelle Wut auslöste, die darauf folgte. Darüber würde ich gerne mehr erfahren.

Eleanor: Willa, ich bin tatsächlich auch sehr glücklich, meine Gedanken zu teilen. Wie du erwähnt hast, kamen mir diesen Sommer, als ich an meinem Buch arbeitete – und über die Beziehung von Imperialismus zu Rassismus, insbesondere über die Rolle, die imperialistische Werte bei der Behandlung Michael Jacksons spielten, nachdachte – die ‘imperialen’ Bilder des History Teasers in den Sinn.

In meinem Buch geht es allgemein darum, wie die Macht von Mythen die Lebensweise einer Gesellschaft formt, und insbesondere über die Macht des Schöpfungsmythos in der Genesis, um die imperialistische Lebensweise durch das Anerziehen eines Glaubens an einen körperlosen, über das Materielle hinausgehenden Gott, zu formen und zu bewahren.

Die Genesis trennt Gott und das Heilige von der Natur und der materiellen Welt, erhebt ihn darüber, stellt ihn an die Spitze, und erschafft die Menschheit nach seinem Bild, eine transzendente Weltanschauung und ein Wertesystem kreierend, das auf Trennung und Hierarchie basiert, und die Menschheit von der Natur und den Körper vom Geist trennt.

Durch die ganze Geschichte des christlichen Abendlandes hindurch, hat ein Reich nach dem anderen diese Weltanschauung genutzt, um eine Rasse oder Nation als die am perfektesten nach „Gottes Ebenbild“ erschaffene herauszustellen und hat diese dann als die „vollkommenen Menschen“ definiert und sie damit über alle anderen erhoben, sie an die Spitze gestellt und mit ihnen eher das Geistige als das Körperliche verbunden. Diejenigen, die beherrscht wurden, anstatt zu herrschen, wurden definiert als Masse, als Körper ohne Verstand. Sie sind üblicherweise dazu bestimmt, die kulturell weniger wertvolle, körperliche Arbeit zu erledigen und ihnen wird ihr volles Menschsein abgesprochen – sofern sie überhaupt als menschlich definiert werden. In der U.S. Verfassung (Artikel 1, Abschnitt 2) z.B. wird der Wert eines Sklaven nur mit 3/5 des Wertes einer freien Person angesetzt.

Willa: In einem weiter zurück liegenden Post sprachen wir mit dir über die Zusammenhänge dieser Transzendenz-Ideologie und wie sie zu Frauenfeindlichkeit und Rassismus beiträgt. In diesem Post hast du erklärt, wie du ‘Transzendenz’ als zentrales Konzept der jüdisch-christlichen Kultur siehst, und gemeint, dass Michael Jackson regelrecht eine neue Ideologie verkörperte, die der ‘Immanenz’. Es war sehr faszinierend und eines der Gespräche, die meine Sicht der Welt wirklich veränderten. Du hast auch die üblen Konsequenzen dieser Ideologie der ‘Transzendenz’ für Mensch und Umwelt erläutert.

Eleanor: Ja, für mich liegt die kulturelle Signifikanz Michael Jacksons darin, dass er die Inkarnation von Immanenz ist. Indem er eine Alternative zu der transzendenten Weltsicht repräsentiert, ist er auch die Verkörperung anti-imperialistischer Werte. Für mich ist es faszinierend, dass er sich in HIStory auf Triumph des Willens bezieht, das sicherlich effektivste Beispiel einer imperialistischen Propaganda, das je erschaffen wurde.

Ich hatte immer angenommen, Triumph wäre gedreht worden, als das Naziregime auf dem Gipfel der Macht war, und dass es sich um eine direkte Dokumentation einer wichtigen Naziversammlung handelte. Aber in Wirklichkeit wurde es schon viel früher gefilmt, 1934, und die Versammlung wurde extra für den Film organisiert. Riefenstahl hat also nicht die Realität dokumentiert, sondern sie hat sie konstruiert, indem sie die Bilder verwendete, die das Weltbild der Nazis nicht einfach widerspiegelten, sondern die es erschufen. Riefenstahl kreierte den Mythos, der Nazi-Deutschland erschuf und stützte.

Willa: Wow, Eleanor, das ist faszinierend.

Eleanor: Gemäß einem Artikel, der 2003 kurz nach ihrem Tod geschrieben wurde, heißt es: “Bis heute wird keine Dokumentation über den Nationalsozialismus ohne Bilder aus diesem Film veröffentlicht, kein anderer Film hat unsere visuelle Vorstellung darüber, was Nationalsozialismus bedeutete, so geprägt, wie dieser Film.“

http://www.wsws.org/en/articles/2003/09/rief-s15.html

Willa: Das ist sehr interessant, und es passt zu dem, was mich schon lange beschäftigt – die Kraft der Kunst liegt nicht nur darin, die Realität zu reflektieren, sondern sie schafft eine neue Realität.

Im 18. Jahrhundert gab es z.B. gleichzeitig zwei wichtige Trends: Das Entstehen einer neuen, zuvor nicht existierenden Gesellschaftsschicht (der Mittelschicht), und einer neuen Kunstform (dem Roman). In ihrem Buch über die politische Historie des Romans Desire and Domestic Fiction: A Political History of the Novel, erörtert Nancy Armstrong, dass diese neue literarische Form nicht nur die Interessen dieser neuen Gesellschaftsschicht reflektierte, so wie es Wissenschaftler vorziehen, wenn sie über diese Zusammenhänge schreiben, sondern dass der Roman vielmehr dazu beigetragen hat, die Mittelschicht zu erschaffen. Armstrong argumentiert damit, dass der Roman eine Art neues soziales Bewusstsein erschuf, indem die Menschen nicht nur nach ihrem Stand beurteilt wurden, sondern nach der „Beschaffenheit ihres Geistes“, und dieses neue Bewusstsein erschuf die ideologische Basis für soziale Mobilität (Durchlässigkeit) und dadurch die Mittelschicht.

Das ist der gleiche Prozess, den du bei Triumph des Willens beschreibst. Es wird weniger die breite öffentliche Akzeptanz der Nazi-Ideologie dokumentiert, als dass eine Vision davon geboten wird, wie ein Nazi-Triumph aussehen könnte, und unterstützt dadurch gleichzeitig, es zur Wirklichkeit werden zu lassen.

Ich sehe ein sehr ähnliches Bild bei Michael Jackson. Durch sein ganzes Werk hindurch erschafft er nicht nur kraftvolle Kunst, sondern dadurch auch ein neues kulturelles Verständnis, das gesellschaftliche Veränderungen ermöglicht. Er zeigt uns, wie unsere momentanen Gesellschaftsstrukturen versagen, besonders bei denen, die an den Rand gedrängt und machtlos sind und schlägt neue kulturelle Möglichkeiten vor.

Eleanor: So ist es, indem er, wie du sagst, „ein neues kulturelles Verständnis, das gesellschaftliche Veränderungen ermöglicht“ erschafft, hat Michael Jackson, wie auch Leni Riefenstahl mit dem Medium Film, die Kraft der Kunst, unsere Sicht auf die Welt zu formen und zu beeinflussen, erkannt. Wenn er sich in seinem Film HIStory auf Riefenstahl bezieht, verkündet er, dass auch er ein Erschaffer von Mythen ist, aber er kreiert einen neuen Mythos, um eine neue Realität zu erschaffen. Anstatt jedoch die Bühne für ein weiteres Reich zu bereiten, und sich selbst „zu vergöttern“, wie die Medienkritiker dachten (siehe Diane Sawyers Zitat weiter oben), wendet sich sein Mythos gegen das Konzept, dass manche Menschen gleicher sind als andere und zerstört den imperialistischen Mythos völlig.

Er wusste, dass HIStorys Riefenstahl-ähnliche Bildsprache – die monumentale Architektur, die weiten Boulevards und Versammlungsplätze, die Formationen im Gleichschritt – bei den meisten Menschen Nazi-Abscheulichkeiten in Erinnerung ruft und nicht etwa kaiserliche Pracht, und er vertraute darauf, dass seine Fans, und sogar die Kritiker und Medien, den Unterschied zwischen dem, was Michael Jackson symbolisiert und dem, wofür Adolf Hitler steht, erkennen würden.

History Teaser Army


Interessanterweise repräsentierte MJ als afro-amerikanischer Musiker eine Gruppe, die von den Nazis genauso verachtet wurde, wie die Juden. „Entartete“ afro-amerikanische Musik zu hören (zu jener Zeit Jazz) war von den Nazis verboten und wurde mit Gefängnis oder gar dem Tod bestraft, als Teil ihres Drangs, die sogenannte arische Rasse und Kultur zu säubern. Hier ist ein interessanter Artikel, der sich mit der Angst und der Abscheu der Nazis vor Jazz beschäftigt, in dem es heißt, „In dem von Nazis besetzten Europa… wurde Jazz unterdrückt; ihm hing das Stigma von Unreinheit, Erneuerung, Leidenschaft an… alles von Totalitaristen missbilligte Qualitäten (sogar der antifaschistische Theoretiker Theodor Adorno hatte eine starke Abneigung gegen Jazz).“

http://www.openculture.com/2013/03/the_nazis_10_control-freak_rules_for_jazz_performers_.html

Willa: Das ist ein sehr interessantes Thema, über das ich nichts wusste, bevor Midnight Boomer und Ultravioletrae es letzten Juni in den Comments angesprochen hatten. Ich würde das wirklich gerne vertiefen. Vielleicht sollten wir alle zusammen über dieses Thema einen Post schreiben.

Im HIStory Teaser sieht man also, wie Michael Jackson an die Geschichte von Imperien und Imperialismus erinnert und sie zugleich neu schreibt?

Eleanor: Ja. HIStory schlägt einen weiteren Nagel in den imperialen Sarg, indem die Soldaten mit den Uniformen der Sowjetunion kostümiert sind, was Erinnerungen an den Gulag und den KGB („was doggin’ me“ /„verfolgte mich“) weckt. HIStory setzt noch eins drauf durch das Hinzufügen eines amerikanischen SWAT-Teams (Anmerkung: amerikanische Spezialeinheit), in den afro-amerikanischen Vierteln bekannt dafür, Türen einzutreten und erst später Fragen zu stellen, und macht die Übel des Dritten Reichs dadurch unmittelbar greifbar.

Durch die Verknüpfung von sowjetischem Totalitarismus und dem amerikanischen Polizeistaat (der schon bald in deiner Nachbarschaft auftaucht) mit Nazi-Faschismus verbindet HIStory alle drei mit imperialer Unterdrückung, diejenige der Vergangenheit und der Gegenwart. Addiert man zu dieser Mischung Michael Jackson, einen schwarzen Künstler mit außergewöhnlichen Visionen und einem großen Herzen, sowie dessen ethnische und private Geschichte, gibt HIStory Hoffnung für die Zukunft und erinnert uns gleichzeitig an die Vergangenheit – auch an seine.

Willa: Und von seinen anderen Werken her wissen wir, dass das Thema Imperialismus für ihn von Bedeutung ist. Mehrfach erweckt er geschickt unsere koloniale Vergangenheit und stellt die anhaltenden Konsequenzen von Kolonialismus und Imperialismus einander gegenüber. Darüber sprachen wir beispielsweise kurz in Artikeln über die Kurzfilme für Black or White, They Don’t Care About Us und Liberian Girl. Und ich glaube, dieses langjährige Interesse für die fortdauernden Effekte von Imperialismus ist bei der Annäherung an den HIStory Teaser von großer Bedeutung.

Du denkst also, dass er in HIStory seine andauernde Beschäftigung mit dem Imperialismus auf Faschismus und andere autoritäre Gesellschaftsstrukturen ausdehnt? Das ist wirklich interessant – und es hilft dabei zu erklären, warum er auf Triumph des Willens als Vorlage zurückgreift.

Ehrlich gesagt habe ich den Film nie zuvor gesehen, aber ich habe ihn auf YouTube gefunden. (Auf YouTube findet man fast alles!) Hier ist ein Link:

Ich muss sagen, nach allem, was wir darüber wissen, wie alles so schrecklich falsch lief bei der Nazi-Bewegung, nähere ich mich diesem Film mit großer Angst …

Eleanor: Bevor wir diesen Post machten, hatte ich ihn auch noch nie gesehen, Willa, nur kleine Ausschnitte. Und ich fühlte dasselbe. Eigentlich nähere ich mich sogar HIStory mit Furcht.

Willa: Triumph ist sehr verstörend, wie du vorhin gesagt hast. Und diese faschistische Bildsprache ist ein weiterer Grund, warum ich so zögerlich dabei war, es anzusehen. Aber es war überhaupt nicht das, was ich erwartet habe. Und im Grunde gibt es da einige Aspekte, die auf überraschende Art direkt mit Michael Jackson in Verbindung gebracht werden können.

Der Film betont zum Beispiel, dass Hitler den Nazismus als jugend-basierte Bewegung versteht. Hitler hält im Verlauf des Films fünf ganz kurze Reden, und seine vielleicht beste Rede ist an ein Meer etwa 12-jähriger Jungen gerichtet. (Diese Szene beginnt bei etwa 45 Minuten). Hier ist das, was er zu ihnen sagt:

Wir wollen ein Volk sein. Und ihr, meine Jugend, sollt dieses Volk nun werden. Wir wollen keine Klassen und Stände mehr sehen. Ihr dürft dies nicht zwischen euch entstehen lassen.

Er richtet also seine Botschaft an Kinder, an vorpubertäre Kinder, und seine Betonung ist, dass sie alle „ein Volk“ sind – ein sehr nach Michael Jackson klingendes Konzept. Hitler sagt weiter:

Und ich weiß, das kann gar nicht anders sein, denn ihr seid Fleisch aus unserem Fleisch und Blut, von unserem Blut. Und in euren jungen Gehirnen brennt derselbe Geist, der uns beherrscht. Ihr könnt gar nicht anders, als mit uns verbunden zu sein.

Diese Worte – „Ihr seid Fleisch aus unserem Fleisch und Blut, von unserem Blut“ – hat wirklich meine Aufmerksamkeit gefesselt, aus mehreren Gründen. Während Hitler zum einen sagt, dass sie „ein Volk“ ohne „Klassenunterschiede“ seien, glaubte er keineswegs daran, dass alle Menschen oder sogar alle Deutschen „ein Volk“ seien. Genau das Gegenteil war der Fall. Er wollte unbedingt Einteilungen zwischen einigen Gruppen von Menschen behalten, solche wie Juden und Heiden, Schwarze und Weiße, Hetero- und Homosexuelle, körperlich gesunde und behinderte Menschen, besonders jene mit genetisch bedingten Behinderungen.

Er spielt hierauf unterschwellig in seiner abschließenden Rede im Film an, als er sagt: „Die Einteilungen der Vergangenheit wurden durch einen hohen Standard, der nun die Nation anführt, ersetzt. Wir tragen das beste Blut in uns, und wir wissen das.“ Dieses Thema des Blutes ist also ein sehr Wichtiges für Hitler, denn er setzt es ein, um seine Gedanken der Rassenreinheit zu unterstützen.

Eleanor: Ja, nach allem, was wir wissen, lassen diese Worte mein eigenes Blut gefrieren. Hitler spricht nicht nur über irgendein Blut, sondern über „das beste Blut“ – das Blut „unserer Menschen“, die von Gott erschaffen wurden.

Nichts wird aus dem Nichts kommen, wenn es nicht auf einem größeren Auftrag beruht. Dieser Auftrag wurde uns nicht von einem irdischen Vorgesetzten gegeben. Er wurde uns von Gott gegeben, der unser Volk erschaffen hat.

Um seine eigenen Ambitionen zu untermauern bezieht sich Hitler mit diesen Worten auf die Schöpfungsgeschichte im ersten Buch Mose, und behauptet damit, dass der den Nazis auferlegte soziale und politische Auftrag – der Faschismus – von Gott ausgeht, und dass das deutsche Volk (wenigstens einige von ihnen) nach Gottes Ebenbild gemacht wurden, dem Bild des allmächtigen und allwissenden und alles überragenden Geistes. Oder wie Riefenstahl es im Fall von Hitler und den Nazis ausdrückt, im Begriff des „Willens“.

Obwohl als Katholik geboren, war Hitler selbst nicht gläubig, aber die Mehrheit des deutschen Volkes war es. Um also seine eigene Agenda zu legitimieren, stellte er seine Ansichten im Rahmen des christlichen Glaubens dar. Basierend auf den Studien zu diesem Film (und darauf, was ich allgemein über Hitler weiß) erscheint es mir so, dass er die Deutschen und die Nationalsozialistische Partei und auch seine eigenen Ambitionen als den reinsten Ausdruck göttlichen Willens vermarktet.

Willa: Daher kommt also der Titel Triumph des Willens? Ich habe mich gefragt, was der Titel bedeutet …

Eleanor: Nun Willa, ich vermute es nur. Aber der Wille ist die Manifestation des Geistes, und Gottes Wille, so wie in „sein Wille geschehe“, ist ein wichtiger christlicher Begriff, der weithin bekannt ist. Es ist außerdem sehr wahrscheinlich, dass der Begriff „Wille“ einen Bezug zu dem Titel von Schopenhauers Buch Die Welt als Wille und Vorstellung (‘The World as Will and Idea’) herstellt. (Im Deutschen nutzen beide Titel dasselbe Wort für „Wille“). Als große Mythenerschafferin stellt Riefenstahl wahrscheinlich eine Anzahl von unbewussten und bewussten Assoziationen her – um aus einem einzelnen Wort so viel Reichweite wie möglich zu erhalten – genau wie MJ durch vielfältige Assoziationen eine enorme Reichweite mit einem Vier-Minuten-Film erzielt. Triumph ist Riefenstahls Wiedergabe von Hitlers Version vom Mythos der Überlegenheit. Hitlers Wille, der Wille des deutschen Volkes und der deutschen Menschen selbst wird durch Riefenstahl als der Triumph von Gottes Willen zum Mythos erhoben, was wir aber wirklich erleben ist der Triumph vom Willen Hitlers.

Diejenigen, die ihren Willen einsetzen, um andere zu kontrollieren – „die Herrenrasse“ – werden als natürlicherweise und grundsätzlich über jenen, die die Gesellschaft darstellen, stehend definiert, indem sie ein Grundprinzip für die systematische Entmenschlichung, Ausbeutung, Missbrauch und sogar Beseitigung anderer Völker (im Fall der Nazis), besonders Völker anderer Rassen, bereitstellt. In Hitlers Welt wurden einzig und allein die Arier, nur jene, die das „beste Blut“ in sich trugen, als vollwertige Menschen gesehen – alle anderen wurden als Schädlinge betrachtet, als etwas, das ausgerottet werden musste.

Willa: Es ist wirklich entsetzlich, wie dieser Gedanke des reinen Blutes oder „besten Blutes“ benutzt wurde, um Rassismus und Völkermord zu rechtfertigen. Aber wenn du dir dann Michael Jackson ansiehst, dann stellst du fasziniert fest, dass das Bild des Blutes für ihn ebenso eine große Bedeutung hat, aus genau dem gegenteiligen Grund: nämlich um Rasseneinteilungen und andere künstliche Grenzen zwischen uns zu widerlegen. Es ist fast wie eine Metapher für das, was er während des gesamten HIStory Films macht – er nimmt eine von Hitler vorgelegte kulturelle Erzählung und verkehrt sie in ihr komplettes Gegenteil.

In Michael Jacksons Vision ist Blut das eine Element, das uns alle verbindet. Wir alle – alle Rassen, alle Religionen, alle Nationalitäten – wir alle haben Blut in unseren Adern. Wir alle bluten, wenn wir verletzt sind. Unser menschliches Blut ist eins der Dinge, die uns als „ein Volk“ kennzeichnen – wahrhaftig ein Volk. Michael Jackson drückt dies auf wunderbare Art in Can You Feel It aus, als er singt: „Wir sind alle gleich / Ja, das Blut in mir ist auch in dir … Ja, das Blut in meinen Adern ist auch in deinen“ („We’re all the same / Yes, the blood inside of me is inside of you … Yes, the blood inside my veins is inside of you“).

Eleanor: Ja, er weist nicht nur das Konzept von sich, dass manche mehr Mensch sind als andere, sondern er definiert neu, was es bedeutet, Mensch zu sein in Begriffen von Verbindung statt Trennung, indem er den Geist wieder dem Körper und die Menschlichkeit der Natur zuordnet. Seine Vorstellung radiert nicht nur Grenzen aus, sie ist allumfassend. Ausgedrückt in Planet Earth erweitert er den Gedanken der Blutsverwandtschaft über das Menschliche hinaus, hin zu allem Leben durch alle Zeiten, wenn er sagt:

In meinen Adern habe ich das Geheimnis
aller Zeiten gespürt, Geschichtsbücher
Lebenslieder im Lauf der Zeit, pulsierend in meinem Blut
Haben den Rhythmus von Ebbe und Flut getanzt

In my veins I’ve felt the mystery
Of corridors of time, books of history
Life songs of ages throbbing in my blood
Have danced the rhythm of the tide and flood

Anders als Hitler, in dessen Vorstellung Blut einen Geist (und Willen) symbolisierte, der einzig dem deutschen Volk vorbehalten war („Ihr seid … von unserem Blut … eins mit uns. In euren jungen Gehirnen brennt derselbe Geist, der uns beherrscht“), setzt Michael Jackson den Begriff des Blutes als Symbol für die uns alle gemeinsame Lebenskraft ein. Alles Leben, einschließlich der Menschheit, ist ein Ausdruck für die heilige Kraft innerhalb der Natur, die durch unsere Körper und unsere Adern pulsiert.

Seine Rolle im HIStory Teaser besteht darin, eine alternative Sicht zur vorherrschenden und dominierenden Weltanschauung anzubieten und diese gleichzeitig anzuzweifeln. Indem er Bilder von sich selbst – einem Mann, der seine „Menschlichkeit“ wiederholt unter Beweis gestellt hat – den Bildern des Reichs gegenüberstellt, besonders jenes Reichs, das unterdrückte Völker, die er selbst als Farbiger repräsentiert, ghettoisiert hat (und schlimmer), stellt HIStory den imperialen Gedanken des „vollkommenen Menschen“ als unmenschlich, als grausam und korrupt, als etwas, das mehr den Tod als das Leben verkörpert, dar.

In der Welt Michael Jacksons ist niemand ein „vollkommenerer“ Mensch als irgendjemand anderer. Niemand ist grundsätzlich mehr – oder weniger – wert aufgrund von Rassenzugehörigkeit oder sexueller Neigung oder Religion oder Nationalität. In der Welt Michael Jacksons tritt der Wunsch nach Gemeinschaft und Verbindung und Empathie an die Stelle des Drangs zu trennen und Überlegenheit zu erlangen. Mitgefühl ersetzt Kontrolle.

Wenn es jemandes tiefstes Bestreben ist, dem auserwählten Club der vollkommenen Menschen anzugehören, wie in der imperialen Werteorientierung ausgedrückt, dann bestätigt jener Wunsch diese Werte und die bestehende Ordnung. Wenn du aber den Club und alles, wofür er steht, zurückweist und noch dazu den Einfluss eines Michael Jackson hast, dann kannst du die komplette Machtstruktur zu Fall bringen. Und genau deshalb war er so gefährlich.

Willa: Ja, aber seine „Macht“ ist eine sehr interessante, denn er erreicht seinen Einfluss zu großen Teilen aus der Sehnsucht – aus unserer Sehnsucht nach ihm und nach dem, für das er steht, seine Vision für die Zukunft. Und dies klingt zunächst einmal wirklich ungeheuerlich, also hab‘ Nachsicht mit mir, bis ich es erklärt habe, aber dies ist eine weitere bedeutsame Parallele zwischen Hitler und Michael Jackson, zwischen Triumph des Willens und dem HIStory Promotionfilm.

Ich war von Triumph des Willens wirklich überrascht, denn es war nicht die lange Rede, die die Werte der Nazis rechtfertigt, wie ich es erwartet hatte. Eigentlich geht er hinsichtlich der Nazi-Ideologie gar nicht so sehr ins Detail und Hitlers Reden sind sehr kurz – größtenteils 2-3 Minuten lang. Die letzte Rede ist bei weitem die längste, aber selbst die ist nur etwa 9 Minuten lang. Es ist ein Propagandafilm, aber ein Publikum durch Redekunst zu beherrschen, scheint nicht der Punkt zu sein. Stattdessen scheint das Ziel des Films die Erzeugung von Sehnsucht zu sein – besonders Sehnsucht nach Hitler und nach einem strahlenden, gesunden, starken Deutschland.

Triumph des Willens beginnt mit zwanzig Minuten Musik und Bildern – keine Gespräche. Zwanzig Minuten sind eine ziemlich lange Zeit in einem Film, besonders in einem, der insgesamt weniger als zwei Stunden dauert. Und wir sehen sehr wenig von Hitler selbst in diesen ersten zwanzig Minuten. Stattdessen sehen wir Luftaufnahmen von der wunderschönen Architektur Nürnbergs (wir als Zuschauer fliegen wie Hitler in Nürnberg ein) und wir sehen auch, immer noch aus der Luft, eine gewaltige Anzahl von Soldaten, Truppenaufstellungen – wie im HIStory Film – die zu dem Platz marschieren, an dem Hitler sprechen wird.

Dann sehen wir, wie sein Flugzeug landet – man erhascht einen schnellen Blick auf ihn, wie er die Stufen des Flugzeugs hintergeht – und dann folgen wir der Wagenkolonne in die Stadt. Aber wir sehen sehr viel mehr Filmmaterial über die Menschenmenge und ihre begeisterte Wahrnehmung von ihm als von Hitler selbst.

Das Entscheidende hierbei ist Spannung aufzubauen, Sehnsucht zu wecken, und der HIStory Film beginnt auf exakt die gleiche Art. In der ersten Hälfte sehen wir Soldatentruppen, die auf das Zentrum der Stadt zu marschieren und Stahlarbeiter bei den Vorbereitungen für seine Ankunft. Wir erkennen außerdem schreiende Fans, aufgeregte Kinder, in Ohnmacht fallende Frauen. Aber wir sehen sehr wenig von Michael Jackson selbst. Wir sehen nicht einmal sein Gesicht bis zur Mitte dieses ersten Teils, und selbst danach sind es nur ein paar flüchtige Eindrücke.

Die erste Hälfte des HIStory Films verläuft also im Vergleich genau wie die ersten zwanzig Minuten von Triumph des Willens. Beide Filme bauen Spannung auf, erzeugen Sehnsucht – und es handelt sich um sehr ähnliche Arten von Sehnsucht. Es ist fast eine Art von romantischer Liebe oder sogar sexueller Ekstase. Das ist ein weiterer Grund, dass mir die Zeile „Ihr seid Fleisch aus unserem Fleisch und Blut, von unserem Blut“ wirklich ins Auge sprang.

In der Entstehungsgeschichte der Bibel sagt Adam zu Eva, dass sie „aus seinem Fleisch“ ist, und diese Zeile wird oft in Hochzeitszeremonien wiederholt. Wenn also Hitler diese Worte spricht, sagt er damit unterschwellig, dass seine Beziehung zu seinen Zuhörern wie die Verbindung zwischen Mann und Frau ist. Und Michael Jackson impliziert dasselbe – dass seine Beziehung zu seinem Publikum wie eine Liebesbeziehung ist. Dieser Gedanke wird durch die vielen Aufnahmen der Menschenmenge verstärkt, sowohl in Triumph des Willens, als auch im HIStory Teaser, besonders durch die Aufnahmen der in Ohnmacht fallenden Frauen, als wären sie in einem Zustand der Ekstase.

Eleanor: Du hast Recht. Riefenstahl selbst war in ihn verliebt, und ich vermute, ganz Deutschland war in ihn verliebt – und er hatte Bewunderer außerhalb Deutschlands, einschließlich dem Herzog und der Herzogin von Windsor. Ich war wirklich schockiert, als ich über diesen 2009 veröffentlichten Artikel auf der Express Website gestolpert bin, der behauptet, dass „der frühere britische Monarch dem Journalisten sagte, dass es tragisch für die Welt sein würde, wenn der Nazi-Diktator gestürzt würde. Hitler sei nicht nur der richtige und zwingend logische Führer des deutschen Volkes, sondern, darauf bestand der Herzog, er wäre auch ein großartiger Mann“.

http://www.express.co.uk/expressyourself/113232/The-Nazi-King

Willa: Wow, der gesamte Artikel ist schockierend. Ich wusste, dass er Hitler mal unterstützt hat, aber ich dachte, dass das sehr früh gewesen war – vor dem Krieg. Ich habe nicht bemerkt, dass es während des Krieges andauerte und sogar das Weiterleiten von Informationen an die Deutschen beinhaltete und den Versuch Roosevelt davon abzuhalten, Großbritannien zu helfen. Wenn das wahr ist, dann ist es ein Glück, dass er auf die Thronfolge verzichtet hat. Ich möchte demnächst mehr darüber erfahren …

Aber ich denke, dass Riefenstahls Beziehung zu Hitler kompliziert war. Ich habe kürzlich ein Interview mit Quincy Jones gelesen, in dem dieser ein gemeinsames Essen mit ihr beschrieb und meinte, dass sie ziemlich kritisch mit der Führung der Nazis, einschließlich Hitler, umging, und dass sie alle kokainabhängig gewesen seien. (Jones sagte außerdem, dass Kokain „jegliche Ängste oder Probleme mit Gewalt unterbinden würde“, was interessant ist, besonders in Verbindung mit der Führungsriege der Nazis.)

http://www.theguardian.com/music/2014/sep/22/quincy-jones-michael-jackson-thriller-producer-interview

Aber Quincy Jones traf Riefenstahl natürlich lange nach dem Zweiten Weltkrieg, und der gesamte Schrecken dessen, was passiert war, ist inzwischen offengelegt worden. Ihre Gefühle waren wahrscheinlich vollkommen anders, als sie 1934 den Film gedreht hat, bevor die Konzentrationslager in Betrieb genommen wurden und andere Gräueltaten passierten – noch zu einer Zeit, als Hitler wie eine Art Retter erschien, der Deutschland einen Neuanfang versprach.

Eleanor: Ich habe den Artikel auch gelesen. Ist es nicht interessant, dass Quincy Jones Leni Riefenstahl getroffen hat?

Willa: Das ist es.

Eleanor: In diesem Artikel sagt er, dass er ein großer Fan wäre. Ich frage mich, ob MJ von ihm über Triumph erfahren hat. Ich hatte angenommen, dass es durch sein Interesse an Chaplin kam. Aber, vielleicht auch nicht …

Willa: Ich hatte genau den gleichen Gedanken. Es gibt Michael Jacksons Einsatz von Triumph im HIStory Teaser ganz sicher eine weitere Dimension, nicht wahr?

Eleanor: Wie du sagst, jenes Treffen fand lange nach den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs statt. Zu der Zeit, als sie Triumph drehte, sagte sie:

Für mich ist Hitler der größte Mann, der jemals gelebt hat. Er ist wirklich ohne Fehler, so einfach und doch voll männlicher Kraft … Er ist wirklich schön, er ist klug. Eine Strahlkraft geht von ihm aus. All die großen Männer Deutschlands – Friedrich, Nietzsche, Bismarck – haben ihre Fehler gehabt. Hitlers Anhänger sind nicht makellos. Nur er ist rein.

http://www.wsws.org/en/articles/2003/09/rief-s15.html

Für mich sind dies die Worte einer verliebten Frau. Wenn also Riefenstahls Gefühle irgendein Indikator für die Gefühle der Menschen gegenüber Hitler sind, dann war Sehnsucht eine Komponente für seine Anziehungskraft.

Aber Michael auf diese Art mit Hitler zu vergleichen ist immer noch fast mehr als ich verarbeiten kann. Das zeigt, wie schädlich dieses Zeug ist. Das ist der Grund, warum das, was Michael in HIStory tat, so riskant war.

Willa: Ich verstehe, was du meinst. Michael Jackson mit Hitler zu vergleichen fühlt sich einfach falsch an, auf so vielen Ebenen. Ihre Ansichten, Wahrnehmungen, Zukunftsvisionen, emotionale Reaktion auf das Leid – alles an ihnen scheint genau entgegengesetzt zu sein. Aber Michael Jackson selbst zog den Vergleich in seinen Unterhaltungen mit Rabbi Boteach, die 2009 als The Michael Jackson Tapes veröffentlicht wurden. Als er mit Rabbi Boteach über Hitler und den Holocaust sprach, war er ganz klar entsetzt:

Als ich herausfand, wie viele Kinder allein während des Holocaust starben … (er bricht ab, weil er nicht weiterreden kann). Welcher Mensch kann so etwas tun? Ich verstehe das nicht. Es spielt keine Rolle, um welche Rasse es geht. Ich kapier’s nicht. Ich verstehe es überhaupt nicht. Wirklich nicht. Wie muss man sein … Ich verstehe solche Art Dinge nicht. Bereitet dich jemand darauf vor so sehr zu hassen? Ist es möglich, dass sie es deinem Herzen antun können?

(Nebenbei gesagt, die in Klammern gesetzte Bemerkung, dass er „abbricht“, während er vom Holocaust spricht, stammt von Rabbi Boteach.) Also sind seine Ansichten der Nazi-Ideologie genau entgegengesetzt. Selbstverständlich.

Eleanor: Natürlich. Es ist mir unbegreiflich, dass irgendjemand etwas anderes glauben kann. Aber ich vermute, sie taten es, was der Grund dafür ist, zu glauben, dass die Lyrics „Kike me“ („Nenn mich Jude“ gemeint als Schimpfwort) etc. in They Don’t Care About Us antisemitisch waren (ein weiterer Beweis seiner „Nazi-Tendenz“, kein Zweifel), als er für die Juden gesprochen hat, nicht gegen sie. Die Kritiker und die Medien und jene, die in das bestehende System vertraut und damit Erfolg gehabt haben, sind die Weichensteller. Um seinen Einfluss zu entschärfen, wiesen sie ihn zurück, lachten ihn aus als einen hochnäsigen, hohlköpfigen Popstar, der einen Narren aus sich machte, indem er sich aufblähte und sich mit imperialer Macht identifizierte, wo er diese doch eindeutig als eine Ideologie des Hasses kritisierte.

Willa: Es ist „eine Ideologie des Hasses“. Er sagte zu Boteach: „Bereitet dich jemand darauf vor so sehr zu hassen?“ Und diese Ideologie des Hasses steht allem, für das er steht und woran er glaubt, vollkommen entgegen.

Aber seine Unterhaltung mit Rabbi Boteach geht weiter und er sagt dies:

Hitler war ein genialer Redner. Er hat viele Menschen dazu gebracht, sich zu drehen, zu verändern und zu hassen. Er musste ein Schauspieler sein, und das war er. Bevor er zu sprechen anfing, verharrte er, trank etwas Wasser und dann räusperte er sich und blickte um sich. Es war das, was ein Entertainer tut, um herauszufinden, wie er mit seinem Publikum spielen kann.

Eleanor: Oh mein Gott, Willa. Ich werde MJ nie mehr auf dieselbe Art ansehen können, wie er für eine volle Minute oder so bewegungslos da steht und dann langsam seine Ray Bans abnimmt!

Willa: Nun, ich denke nicht, dass Hitler diese Strategie, seinen „Auftritt“ zu verzögern, um Spannung aufzubauen, erfunden hat, aber er hat es sicherlich wirkungsvoll eingesetzt – und so tat es Michael Jackson. Es ist sehr unangenehm, daran zu denken, aber es ist wahr.

Es ist also vollkommen falsch, anzudeuten, Michael Jackson wäre ein Sympathisant der Nazis gewesen, wie es einige Kritiker getan haben, teilweise aufgrund jener Passagen aus dem Buch von Rabbi Boteach. Vielmehr hat Rabbi Boteach selbst Michael Jackson wiederholte Male verteidigt und gesagt, dass die Leute, die ihn anklagen, diese Passagen falsch interpretieren – beispielsweise in einem Artikel der Huffington Post im November 2009 und einem weiteren Artikel ein paar Jahre später im Mai 2012.

http://www.huffingtonpost.com/rabbi-shmuley-boteach/michael-jackson-despised_b_300158.html
http://www.huffingtonpost.com/rabbi-shmuley-boteach/michael-jackson-nazi-sympathizer-bodyguard_b_1502497.html

Aber während es falsch ist, Michael Jackson einen Sympathisanten der Nazis zu nennen – weit gefehlt, er repräsentiert das genaue Gegenteil – verstand er trotzdem den Einfluss eines überzeugenden Darstellers, der ein Publikum beeinflussen kann, zum Guten oder zum Schlechten, und es ist faszinierend, dass es das ist, wie er Hitler sieht: als „einen genialen Redner“, „einen Schauspieler“ und einen Performer. Rabbi Boteach fordert ihn hierzu auf deutlicher zu werden:

Bist du der Gegensatz zu Hitler? Gott hat dir dieses außerordentliche Charisma geschenkt und während er (Hitler) die Bestie im Menschen hervorbrachte, möchtest du etwas von der Unschuld und dem Guten im Menschen hervorbringen.

Michael Jackson stimmt mit Boteachs Einschätzung überein und sagt „Das glaube ich“.

Eleanor: Ja, er glaubte ab einem jungen Alter an sein Schicksal, dass er eine besondere Rolle zu spielen hatte. Und ich glaube das ebenso.

Willa: Ich weiß nicht, ob es Schicksal war oder nicht, aber er wurde ganz sicher zu einer unglaublich einflussreichen kulturellen Persönlichkeit – eine, die buchstäblich die Welt verändert hat.

Es ist also wichtig, Hitlers Fähigkeiten als Agitator von seiner Ideologie zu trennen. Michael Jackson verspürte ganz offensichtlich nichts weiter als Entsetzen für Hitlers Botschaft, drückte aber eine widerwillige Bewunderung für dessen Charisma und die Fähigkeit, diese Botschaft zu vermitteln, aus. Hitler setzte seine Talente dafür ein, Vorurteile und Hass zu begünstigen – und in dem HIStory Film macht Michael Jackson sich einige seiner Techniken zu eigen, um „Liebe“ zu begünstigen, wie er Diane Sawyer sagte. Oder vielmehr Sehnsucht. Ich denke, es geht im Grunde mehr um Sehnsucht, aber Sehnsucht geht eng mit Liebe einher.

Eleanor: Ja, und Sehnsucht ist eindeutig an Charisma gekoppelt, obwohl Charisma ein Mysterium bleibt, aber ein Mysterium, das zu verstehen MJ sehr interessiert war.

Charisma ist mehr als eine Sache der Technik. Es ist an die Macht der Botschaft gebunden – und an den Überbringer der Botschaft – um tiefsitzende und kollektiv-verwurzelte Emotionen anzuzapfen, um tief empfundene Bedürfnisse – wie du sagst, Sehnsüchte – zu befriedigen, deren äußerste Ausprägung mit dem Überleben gleichzusetzen ist. Hitler rief Sehnsucht im deutschen Volk hervor, appellierte an ihren Überlebenstrieb, indem er sie davon überzeugte, dass ihr Überleben von ihm abhing und dass sie, unter seiner Führung, nicht nur überleben, sondern wieder aus der Asche des Ersten Weltkrieges aufsteigen würden.

Willa: Das ist solch ein bedeutender Punkt, Eleanor, und beleuchtet eine weitere wichtige Parallele zwischen Triumph des Willens und dem HIStory Teaser: Sie wurden beide zu einer Zeit tiefster Demütigung und mutmaßlicher Niederlage gefilmt. Triumph beginnt mit diesen über die Leinwand geschriebenen Zeilen:

5. September 1934
20 Jahre nach dem Ausbruch des Weltkrieges
16 Jahre nach dem Anfang deutschen Leidens
19 Monate nach dem Beginn der deutschen Wiedergeburt
flog Adolf Hitler wiederum nach Nürnberg, um Heerschau abzuhalten über seine Getreuen

Der Film platziert sich selbst also im Kontext der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und der gelähmten Wirtschaftslage, die darauf folgte, welches wirklich eine Zeit großen Leidens in Deutschland war. Und Michael Jackson produzierte den HIStory Film im Jahr 1995 in Folge der falschen Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs, welches für ihn eine Zeit großen Leidens darstellte. Menschen auf der ganzen Welt verdrehten seine Botschaft und nannten ihn einen Kinderschänder.

Aber trotz dieses Leids und der Erniedrigung verkünden beide Filme, dass sie nicht besiegt sein werden, sie werden sich nicht beschämen lassen. Michael Jackson wird anderen nicht erlauben, ihm ihre Etiketten aufzudrücken – er wird sich selbst definieren – und so wird es Deutschland tun. Sie werden beide wieder aufsteigen, jeder auf seine eigene Art. So wie der Text zu Beginn von Triumph sagt, dass dieser Film „den Beginn der deutschen Wiedergeburt“ dokumentiert und feiert.

Eleanor: Allerdings war Hitlers Vision nicht nur eine Vision der Wiedergeburt, sondern eine Vision der Eroberung, eine Vision, in der ein wiedergeborenes Deutschland seine Überlegenheit gegenüber allen anderen geltend machte, und wir wissen, wohin das führte.

Willa: Ja, absolut. Das ist der Grund, warum den Film anzusehen nun, wo wir wissen, was bald danach passierte, so schaurig ist.

Eleanor: Und Riefenstahls Film war sehr wichtig dafür, um die Sehnsucht danach zu erzeugen, dass seine Vision sich erfüllt hat – indem die Verbindung zwischen Hitlers Vision und ihrem Überleben hergestellt wird, indem sie Hitler als ihren Helden darstellt, als ihre Rettung. Und die Sehnsucht, die da erzeugt wurde, ist, wie du sagst, eine Art von „fast romantischer Liebe oder sogar schon sexueller Ekstase“.

Kollektives Überleben, das Überleben eines Volkes oder einer Nation, schließt mehr ein als Beziehungen zu anderen Menschen und zum Land. Es schließt nämlich auch sexuelle Beziehungen ein, durch die das Überleben von einer Generation zur Nächsten sichergestellt wird. Wenn man also auf den Überlebenstrieb einwirkt, dann bedeutet das, dass damit auch sexuelles Begehren geweckt wird. Und es ist sehr gut möglich, dass Hitler eine Redewendung wie „aus einem Fleisch sein“ – und Riefenstahl stellt dies in ihrem Film ausdrücklich heraus – mit Absicht verwendete, um einen Bezug zu Adam und Eva und sexueller Liebe herzustellen.

Triumph kann also als eine Art sexuelle Demonstration gesehen werden. In der Bildsprache von Triumph geht es vor allem um Dominanz und Macht und Stärke, mit anderen Worten um zur Schau gestellte, traditionelle Männlichkeit. Denk nur an all die Bilder der schönen, jungen Männer ganz am Anfang, wie sie halb angezogen im frühen Morgennebel auftauchen. Die Verknüpfung von Bildern männlicher Schönheit mit Bildern politischer und militärischer Stärke rufen Assoziationen an militärische und sexuelle Fähigkeiten hervor.

Willa: Das ist interessant. Ich habe darüber bisher gar nicht so nachgedacht, aber es stimmt, Triumph ist voll mit Bildern von männlicher Kraft in unterschiedlichsten Formen …

Eleanor: Und wie du sagtest baut HIStory, wie Triumph, Spannung auf und weckt Sehnsucht. So wie wir nur sehr wenig von Hitler sehen in den Eröffnungssequenzen von Triumph, sehen wir nur sehr wenig von MJ. Um genau zu sein sehen wir kaum etwas von MJ, aber das, was wir sehen, ist wirklich interessant. Vor dieser großartigen Aufnahme von seinem schönen, lächelnden Gesicht sehen wir seine sexy Stiefel und seine hautengen Hosen. Wir sehen ihn gehen – und wie er geht! Dieser elegante, verwegene Gang, vollkommenes Selbstvertrauen.

Und direkt bevor er salutiert, eine Ehrenbezeigung, die Gefühle von Empathie und Respekt für seine Truppe vermittelt und er dann die Szene verlässt, fokussiert sich die Kamera auf … seinen Schritt! Eine völlig andere, aber äußerst effektive Art Männlichkeit zur Schau zu stellen. Männlichkeit, genau wie Menschlichkeit, verkörpert durch Michael Jackson, hat mit Eroberung nichts zu tun, und die Sehnsucht nach ihm hat nichts mit der Sehnsucht zu tun, erobert werden zu wollen (bekannt aus romantischen Romanen als „Miederöffner“).

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Um eine radikale Veränderung herbeizuführen, um die Wurzeln der Machtausübung ans Tageslicht zu bringen, was er als Bedrohung für das Überleben des Planeten und der menschlichen Gattung sah – speziell eines bestimmten Mitglieds der menschlichen Gattung, sich selbst – musste Michael Jackson den Einfluss seiner Kunst einsetzen, um ein neues Bezugssystem zum Überleben zu kreieren – einen neuen Algorithmus der Sehnsucht.

Willa: Welches der Titel deiner Buchreihe ist. So schließt sich also der Kreis …

Eleanor: Ja, wie ist das passiert? Der Algorithmus der Sehnsucht definiert die Bedingungen für unser aller Leben – sowohl von einem Tag zum anderen als auch von einer Generation zur nächsten. Das Überleben von Imperien basierte in beiden Fällen auf dem Konzept von „Teile und herrsche“.

Um einen radikalen Umschwung herbeizuführen, musste Michael Jackson den Überlebenstrieb – der unsere Interaktionen mit anderen Ländern und Völkern steuert – von den Vorstellungen von Trennung und Kontrolle trennen, was bedeutet, er musste die Erotik neu definieren, und ich denke, dass er das getan hat. Mit der Kraft seiner Kunst, tiefe Gefühle hervorzurufen, schuf er neue Verbindungen. Er vernetzte unsere Gehirne neu. Er veränderte, was Menschen anspricht. Ganz schön viel, was sich dieser schlanke junge Mann da zu erreichen vorgenommen hat.

Willa: Allerdings. Aber im Lauf seiner Karriere war er wirklich erfolgreich darin, die Erotik neu zu erfinden. Er war das erste schwarze Teenager-Idol, ein Objekt der Begierde für Millionen Teenager auf der ganzen Welt: weiße, schwarze, asiatische, alle Rassen. Schon das alleine ist eine gewaltige Neudefinition der Erotik.

Und er war auf eine andere Art sexy als die meisten seiner Vorgänger. Er war unbeschreiblich heiß, aber nicht auf Macho-Art. Er hat neu definiert, was es für einen Mann heißt, sexy zu sein.

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Eleanor: Ja. Sie hat Ja gesagt …

Willa: Ha! Das ist lustig. Du denkst also, eine der Aussagen des HIStory-Promo-Films ist das Zerbrechen der symbolischen Verknüpfung von militärischer Macht und sexueller Potenz, von Imperium und Machismo?

Eleanor: Ganz genau. Das ist sehr gut formuliert! Und womit könnte man Imperialismus besser in Misskredit bringen als durch das Zitieren des berüchtigtsten Beispiels der transzendenten Weltanschauung aus der jüngsten Vergangenheit, Nazi-Deutschland. Und wie könnte man Nazi-Deutschland besser zitieren, als mit den in Triumph des Willens angewendeten Techniken, die sowohl Hitlers Redekunst als auch Riefenstahls Kunst zeigen, und diese Techniken auszunutzen, um das eigene Programm voranzubringen.

Wie wir schon erwähnten, wurde HIStory in einer sehr schweren Zeit in Michaels Leben gefilmt. Aber in einem größerem Zusammenhang gesehen, erschien Michael Jackson zu einer Zeit auf der Weltbühne, in der die Menschen das Vertrauen in die alten Lösungen verloren hatten und verzweifelt nach etwas Neuem suchten. Er war sich dieser Gezeitenwende bewusst, und „es gibt Gezeiten für der Menschen Treiben; nimmt man die Flut wahr, führt sie uns zum Glück“ / “the tide, when taken at the full, leads on to fortune” (Anmerkung: Zitat nach Shakespeare) – also nutzte er seine Chance.

HIStory bietet uns die Vision eines modernen Helden, der sich statt Kriegen und Eroberung dem Mitgefühl verpflichtet hat. Die Kraft seiner Kunst berührt uns tief und verändert unser Leben – sie öffnet unsere Herzen und Augen, lässt uns Dinge anders sehen und fühlen, bewegt uns dazu, den ‘Tanz des Lebens’ – und nicht des Todes – zu tanzen.

Willa: Und diese Idee des „modernen Helden“ erkennen wir auch in Charlie Chaplins brillantem, satirischen Film Der große Diktator, welcher auch auf Triumph des Willens zurückgreift, sich diesem entgegenstellt, und der auch als ein wichtiger Einfluss auf den HIStory Teaser gesehen werden kann. Auf all das konzentrieren wir uns, wenn wir diese Diskussion im nächsten Post fortführen werden.

Bis dahin danke ich dir für deine Beteiligung, Eleanor. Du hast uns sehr viele Denkanstöße gegeben!

Übersetzung: M.v.d.L. ♣ Ilke

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