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In diesem Essay untersucht Toni Bowers die Bedeutung und Wirkung von Michael Jacksons Musik auf die Welt. Sie verbindet Jacksons Einfluss mit aufflammenden sozialen Unruhen, indem sie die Geschichte von Dimitri Reeves erzรคhlt, der wรคhrend der Unruhen in Baltimore zu Jacksons Musik tanzte. Sie argumentiert, dass Jacksons Musik Hoffnung und Heilung darstellt und die Menschen dazu anregt, Gemeinschaft zu schaffen und Freude zu teilen. Sie appelliert an alle, sich an Jacksons Vermรคchtnis zu erinnern und mit ihm zu tanzen.

Come and see, when moon is shining.

Come and see, the moon is walking.

Come and see, the moon is dancing.

- Ladysmith Black Mambazo
Komm und sieh, wenn der Mond scheint.

Komm und sieh, der Mond wandert.

Komm und sieh, der Mond tanzt.
Got a feeling that weโ€™re gonna raise the roof off! 

Everybody just get down!

- Michael Jackson
Habe das Gefรผhl, dass wir das Dach anheben werden!

Beginnt alle einfach zu tanzen!

Inzwischen wurden Videos vom tanzenden Dimitri Reeves zu den Klรคngen von Michael Jacksons Musik in mehreren Teilen Baltimores weltweit millionenfach gesehen. Im bekanntesten Clip, der vom Reporter Shomari Stone gefilmt wurde, erfreut Reeves erschrockene Zuschauer, als er zu den vom Bordstein drรถhnenden Klรคngen von โ€žBeat Itโ€œ unerwartet beginnt, sich eine verschmutzte StraรŸe hinunterzubewegen, in dem er Jacksons jubilierende, aufgebrachte Tanzschritte nachahmt, und Behutsamkeit in einen aufrรผhrerischen Moment bringt.

https://www.youtube.com/watch?v=UycrlDMdUFg
Donโ€™t want to see no blood, donโ€™t be a macho man.

Theyโ€™ll kick you, theyโ€™ll beat you, theyโ€™ll tell you itโ€™s fair, so beat it.
Willst kein Blut sehen, sei kein Macho.

Sie werden Dich treten, sie werden Dich schlagen, sie werden Dir sagen, dass es fair ist, also hau ab.

Auf seiner Facebook-Seite bittet Reeves die Zuseher der Videos, den etwaigen Stellenwert der von ihm gewรคhlten Lyrics, zu denen er tanzt โ€“ โ€žBeat Itโ€œ, โ€žSmooth Criminalโ€œ, โ€žWill You Be Thereโ€œ, โ€žBlack or Whiteโ€œ und andere – nicht zu genau zu analysieren. โ€žIch wollte einfach tanzen.โ€œ, sagt er. Es war ein hervorragender Instinkt. Sobald Reeves die Lautstรคrke aufdrehte und magische Tanzschritte aus alten Zeiten wiederbelebte, keimte geteilte Freude in der wรผtenden, trauernden Stadt auf und die Stadt reagierte. Erst begann vereinzelt jemand, an Reeves Seite zu jammen, dann schlossen sich einige junge Mรคnner an und schlieรŸlich groรŸe Menschenmengen. Entschlossenheit und Freude zeichneten sich unmissverstรคndlich in deren Gesichtern ab. Eine ungewรถhnliche, unerwartete Anmut taucht plรถtzlich vor unseren Augen auf und wir erblicken ein anderes Baltimore, ganz anders als in den Mediendarstellungen โ€“ eine Stadt findet einen Weg, von innen heraus zu heilen.

Zeitgleich zu Reeves erstem gefilmten Tanz ging ich durch einen teuren โ€žSpezialitรคtenโ€œ Lebensmittelladen in Philadelphia. Die Hintergrundmusik musste unbemerkt davon geschwirrt sein, als es plรถtzlich geschah: die Luft fรผllte sich mit einem zeitlosen, rauen Beat und โ€žThrillerโ€œ ertรถnte. Sofort bewegten sich alle. Der Mann hinter der Fleischtheke schunkelte stรคndig leicht hin und her. Das Gesicht des bewaffneten Wachmanns am Eingang (der einzige Schwarze in dem Geschรคft) wurde weich, er begann zu nicken. Eine Frau in meiner Nรคhe hielt inne und blickte in die Ferne. Mit den FรผรŸen wippend. Fรผr einen mystischen Augenblick vergegenwรคrtigte sich etwas, das wir brauchten, jedoch verloren hatten.

Es war ein groรŸartiger Moment, aber es fehlte auch etwas. Obwohl alle auf die Musik reagierten, taten sie es mit einer seltsamen Verstohlenheit โ€“ nicht offen, gemeinsam oder mit dem ansteckenden Jubel wie in Baltimore. Keine Augen trafen sich, niemand lachte oder sang, niemand bewegte sich ohne Zurรผckhaltung oder verschmolz mit dem Beat. Ein anderer Song kam. Wir schoben unsere Einkaufswagen weiter und begutachteten handgemachten Kรคse. Nichts verรคnderte sich.

Seither denke ich รผber diese beiden Szenen nach, die, so unterschiedlich sie auch waren, eines gemeinsam hatten: Michael Jackson. Dimitri Reeves hรคtte sich fรผr sehr viel neuere und hippere Titel als โ€žBeat Itโ€œ entscheiden kรถnnen, aber seine Entscheidung, zu Jacksons Lied zu tanzen, war treffsicher. Michael Jackson gestaltete seine Musik – vielleicht mehr als jeder andere Entertainer – bewusst als Geschenk der Hoffnung und Heilung. Jeder Song bietet eine einzigartig mitfรผhlende Vision, einen hartnรคckigen Glauben an die menschliche Fรคhigkeit zur Verbundenheit, Freude und die Schaffung von Gerechtigkeit. Erscheinen Dir diese Ideale konserviert oder wunderlich? Scheint die Vorstellung, dass Musik die Welt umgestalten kann, abwegig? Ich war selbst geneigt, so zu denken. Aber die von Reeves geschaffenen schimmernden Momente legen etwas anderes nahe.

Reevesโ€™ mรคchtiger Tanz erinnert uns daran, dass Jackson mehr schuf als unwiderstehliche, hervorragend vermarktbare Titel oder sogar grandiose Musik. Sein Werk bleibt auch politisch machtvoll. Einer der Grรผnde dafรผr ist Jacksons Beharrlichkeit auf Verantwortung und Empathie โ€“ who am I to be blind, pretending not to see their need? (Wer bin ich eigentlich, dass ich davor die Augen verschlieรŸe, so tue, als ob ich ihre Not nicht bemerke?) Ein weiterer ist seine stetig wiederholte Aufforderung: Come and dance with me. (Komm und tanz mit mir.) Wir beschรคftigten Kรคufer lehnten es ab, zu tanzen und der Verlust war der unsere, aber Dimitri Reeves und seine Nachbarn entschieden sich – weiser als wir – mit Michael Jackson zu tanzen: Drehโ€™ es laut auf, bringโ€™ es zu anderen, lehne Befangenheit und Urteil ab, und sei glรผcklich.

Wird tanzen mit Michael Jackson auf magische Art die Welt heilen (heal the world) und es fรผr die gesamte Menschheit zu einem besseren Ort machen (make it a better place for the entire human race)? Wird es die Frage eines kleinen Mรคdchens an einen Polizisten in โ€žWeโ€™ve Had Enoughโ€œ beantworten โ€“ โ€žWarum kรถnnen sie wรคhlen, wer leben und wer sterben wird?โ€œ (How is it that you get to choose who will live and who will die?) Wird es Gerechtigkeit fรผr Freddie Gray herbeifรผhren oder ein rassistisches โ€žRechtsโ€œ-system reparieren? Nein. Aber es kann tatsรคchlich helfen. Wie Reeves gezeigt hat, hilft es bereits.

Befremdlich ist, dass sich die Mainstreamkultur in den Vereinigten Staaten, die jede Hilfe braucht, die sie bekommen kann, gegen Jacksons ausgestreckte Hand zu wehren scheint. Es ist bemerkenswert: fรผr einen Mann, der die Welt der Popmusik bis vor Kurzem รผber Jahrzehnte beherrschte, wurde Michael Jackson zu einer seltsam schattenhaften Figur. Natรผrlich nicht am Las Vegas Strip oder bei Sony Music, wo er jedes Jahr weiterhin Millionen einbringt und bei Weitem der meistverdienendste Musiker der Welt bleibt, grรถรŸtenteils wegen Verkรคufen nach รœbersee.

Worรผber ich spreche, ist der Mainstream, die Kultur der HauptstraรŸen in den Vereinigten Staaten, insbesondere die Kultur privilegierter, weiรŸer Amerikaner – wie jener in dem Lebensmittelgeschรคft in Philadelphia. Dort wird Michael Jackson und seiner Musik vermehrt die kalte Schulter gezeigt, einhergehend mit einer Abneigung, Jacksons unerschrockenen Idealismus, seine wegweisende, ungewรถhnliche Rolle und seine Ausรผbung von Integration und Mitgefรผhl zu zelebrieren. Es gibt sogar einen Widerwillen dagegen, seine hervorragende Kunst anzuerkennen. Wir begegnen Michael Jackson nicht geradewegs mit Anerkennung. Wir schรคtzen seine bedeutende Leistung nicht mit dem verdienten Staunen. Wir tanzen nicht.

Ganz gleich in welchem Kontext, wรคre das eine ziemlich unwรผrdige Art und Weise, sich gegenรผber einem der bedeutendsten Kรผnstler des 20. Jahrhunderts zu verhalten. Obendrein ist es eine besonders unkluge Haltung, die jetzt eingenommen wird, weil es uns ermรถglicht, die Herausforderungen der Denkweisen und Verhaltensmuster abzuleiten, denen sich Jackson, sowohl menschlich als auch kรผnstlerisch stellte und welche die Gesellschaft in diesem Land fortlaufend vergiftet. Warum sollte das sein?

Ich fragte einen Freund in den Zwanzigern, was er von Michael Jacksons Musik hรคlt: tanzen die Kids immer noch dazu? Die Antwort meines Freundes war aufschlussreich: โ€žGroรŸartige Musikโ€œ, sagte er, โ€žaber wenn jemand damit beginnt, was er mit kleinen Kindern getan hat, ist er besser vergessen.โ€œ Ich war fassungslos. Ist das mรถglich? Nach einem der teuersten und intensivsten Prozesse in der Geschichte Amerikas, der in โ€žnicht schuldigโ€œ in allen Anklagepunkten resultierte, nach wiederholten Beweisfรผhrungen, die zeigten, dass Michael Jackson nichts Falsches getan hatte, sondern Erpressern zum Opfer fiel und angesichts der riesigen Anzahl รผbereinstimmender Aussagen, die bezeugen, dass Jackson tatsรคchlich ein ehrenvoller, geschรคdigter Menschen war – kann es sein, dass der Medien-Abschaum, der sein Lynchen als Mรถglichkeit zur Gewinnbringung wahrnahm, Jackson bis heute definiert und die Macht seines Schaffens beschrรคnkt? Anscheinend. Die Kreuzigung von Jacksons Ansehen im Zeitlupentempo, die vor รผber einem Jahrzehnt stattfand, geht immer noch weiter.

Es geht darรผber hinaus in unerwarteter Art weiter. Ich mรถchte nicht behaupten, dass das, was Jackson passierte, in irgendeiner Weise damit vergleichbar wรคre, was Freddie Gray, Michael Brown, Eric Garner und anderen farbigen Amerikanern passierte, die vor Kurzem durch Exekutivbeamte starben. Jackson รผberlebte sein Martyrium schlieรŸlich (gerade noch) und machte (kurzzeitig) weiter. Ich sage nicht, dass all das jรผngste Leid und die Ungerechtigkeit in direktem Zusammenhang mit Jacksons speziellen Erfahrungen steht. Aber ich mรถchte darlegen, dass dieselben Strukturen der Ungerechtigkeit, die augenblicklich zivilrechtlichen Behรถrden erlauben, unbewaffnete Amerikaner zu ermorden, auch Jackson Schaden zufรผgten und uns sein Fall helfen kann, diese Strukturen zu verstehen und sich dagegen zu wehren.

Die gleiche Nation von Zuschauern, die gewillt war, Jackson von diesem Albtraum verschlingen zu lassen, sieht jetzt sogar noch grauenvollere Erlebnisse รผber dutzende andere hereinbrechen. Manche Beobachter verwenden die verantwortungslos selektiven Aufnahmen aus Baltimore, welche die bundesweiten Medien als Futter fรผr die Verstรคrkung ihrer Vorurteile prรคsentierten. (Wer wรผrde aufgrund der Fernsehbilder vermuten, dass Zerstรถrung weniger hรคufig waren als geordnete Demonstrationen und Gesten der Solidaritรคt?) Jacksons Erlebnisse sind nicht dieselben wie die von den vielen, vielen farbigen Menschen, die kรผrzlich in Konflikt mit der Polizei gerieten und starben. Aber sie sind in gewisser Art und Weise รคhnlich. Sie sind auf รคhnliche Art und Weise beschรคmend und die Grรผnde dafรผr sind gleichartig. Sie zeigen รคhnliche Pathologien, die uns zerfressen und die uns mehr รผber uns selbst zeigen als wir sehen mรถchten.

Es gibt etwas, das Michael Jacksons Erfahrung verdeutlicht. Die Ungerechtigkeit, die wir jetzt miterleben, beruht auf einer entsetzlichen, langjรคhrigen Tatsache รผber das Leben in den Vereinigten Staaten (und diese wird gewissermaรŸen dadurch autorisiert): sobald es um Respekt, Bรผrgerrechte und Gerechtigkeit geht, ist es von Bedeutung, ob Du schwarz oder weiรŸ bist. Jackson war der meist gesehendste farbige Amerikaner der letzten Jahre und er musste feststellen, dass er nur beschuldigt werden musste, um grausam behandelt zu werden. Aber diese Erkenntnis traf ihn keineswegs alleine. (einzigartig war, wie unmittelbar die Medien fรผr Jacksons Leiden verantwortlich waren. Wenige tatsรคchliche Kriminelle mรผssen die Schmach ertragen, die er vor globalem Publikum erleiden musste.) In Jacksons Fall wurde wie in jedem der widerlichen Fรคlle, von denen wir in den vergangenen Jahren gehรถrt haben, einem farbigen Amerikaner eines der wertvollsten Rechte vorenthalten, welches angeblich jeder Amerikaner innehat: die Unschuldsvermutung. Jeder dieser Fรคlle ist anders, aber dieser entscheidende Faktor ist in all diesen Fรคllen gleich.

In Jacksons Fall war mรถglicherweise die Tatsache, dass jede von ihm getรคtigte Aussage irgendwie automatisch bestritten wurde, am grรถbsten und intimsten von Fremden und in der ร–ffentlichkeit, am beachtenswertesten. Es gab keine Regeln und keinen Respekt. Als frisch gebackener Ehemann hรถrte sich Jackson an, wie eine Journalistin seine Frau live im internationalen Fernsehen fragte, ob er zum Sex fรคhig ist. Nicht lange davor fragte ihn eine andere unverblรผmt, ob er Jungfrau ist. Das Unbehagen, welches sich im Verlauf von Jacksons Leben entwickelte und verstรคrkte, war tatsรคchlich eine verstรคndliche Reaktion auf solche Ungeheuerlichkeiten. Keine andere gejagte Berรผhmtheit, ausgenommen der verstorbenen Prinzessin Diana, erfuhr diese Art der skrupellosen, unerbittlichen รœbergriffe, die Jackson erlitt. Selbst Diana war mit diesem Ansturm nur als Erwachsene konfrontiert; Jackson musste damit sein ganzes Leben lang umgehen โ€“ von den Nรคchten an, in denen sein kรคuflicher Vater Gruppen kichernder Mรคdchen eskortierte, um den jugendlichen Michael schlafen zu sehen, bis zu diesen letzten, ungeheuerlichen, weltweit verbreiteten Fotos, die durch das Fenster der Ambulanz geschossen wurden und einen sterbenden oder bereits toten Jackson zeigen, der mit Fรคusten bearbeitet und intubiert wird. Und dann gab es da noch die oft nachgedruckte Darstellung des nackten Leichnams am Tisch der Gerichtsmedizin.

Diese Ausschreitungen der Medien und unzรคhlige andere wurden (und werden) routinemรครŸig mit dem Verweis auf Jacksons merkwรผrdigen Charakter erklรคrt. Er sei selbst schuld, wird uns gesagt, wegen dieser verwirrenden รถffentlichen Rolle โ€“ fast schon vergleichbar mit einem unbewaffneten, rassisch gekennzeichneten Teenager, der โ€žbedrohlich aussiehtโ€œ. Aber der Rรผckgriff auf diese Art der engstirnigen, persรถnlichen Darlegung lenkt die Aufmerksamkeit von den wirklichen Problemen ab – weitverbreitetem Rassismus und systemischer Ungerechtigkeit. Die Eigenheiten oder Fehler jener Person, die man brutal behandelt, anzufรผhren, um die eigene Verrohung zu erklรคren (zu entschuldigen? zu verharmlosen?), schiebt dem Opfer in gewissem Sinne die Schuld zu. Es ermรถglicht zu ignorieren, wie die eigenen Verhaltensweisen und Angewohnheiten Brutalitรคt beherbergen, wenn auch nur durch Passivitรคt.

Das zu sagen, ist nicht dasselbe, als zu sagen, dass Michael Jackson nicht auรŸergewรถhnlich angreifbar war oder er keine schwerwiegenden Fehler machte. Das war er, die machte er. Gefรผhlvoll, zurรผckhaltend und รผbermรครŸig entgegenkommend, wie das Opfer von Misshandlungen in der Kindheit oft sind, isoliert, verletzlich, narzisstisch, ungewรถhnlich, stinkreich, Konfrontationen ausweichend, ungleichmรครŸig ausgebildet, jedoch mit Genialitรคt belastet und gewohnt, seine Familie durchzubringen, war Jackson, wie Steven Spielberg bekanntermaรŸen sagte, โ€žwie ein Rehkitz in einem brennenden Waldโ€œ. Doch nichts davon macht aus ihm einen Kriminellen โ€“ genauso wenig wie eine StraรŸe entlangzulaufen oder eine unbefugte Hausdurchsuchung nicht zu gestatten oder die Schule abzubrechen Anlรคsse sind, erschossen zu werden. Kein Wunder: Jackson war รผberwรคltigt. Kein Wunder: Amerikaner gehen auf die StraรŸe, um zu demonstrieren. Wer kรถnnte anderes tun?

Jenseits des reduzierenden Schwerpunktes auf individuelle Eigenheiten gibt es eine andere Erklรคrung, die sowohl fรผr Jacksons Leiden, als auch fรผr die Krise der Bรผrgerrechte, der wir jetzt gegenรผberstehen, relevant ist: Rassismus. Das ist das Wort und es ist Zeit, es laut auszusprechen. Bei Rassismus geht es in erster Linie nicht um die Leute, die darunter leiden, es geht um jene, die ihn ausรผben. Es geht nicht um andersartige oder fremde Personen, es geht um gewรถhnliche Leute, die entscheiden, wer anders und fremd ist und die sich dazu entscheiden, sie lieber zu fรผrchten, als sie zu feiern.

Gelegentlich zeigte der Rassismus, der Jackson immer wie ein Schatten verfolgte, deutlich sein dรคmonisches Gesicht โ€“ beispielsweise, als die Ignoranten ihm vorwarfen, โ€žweiรŸ sein zu wollenโ€œ, als seine Vitiligoerkrankung sichtbar wurde. Michael Jackson bezeichnete sich stets als schwarz (Ich sehe einfach in den Spiegel; ich weiรŸ, dass ich schwarz bin) und fรผhrte schwarze Entertainer (James Brown, Jackie Wilson, Diana Ross, Stevie Wonder, Otis Blackwell, und Sly Stone, um nur einige zu nennen) als seine wichtigsten Einflรผsse auf. Er zelebrierte sein afroamerikanisches Erbe so weit, dass er seinen beiden Sรถhnen den Sklavennamen seines Ur-ur-GroรŸvaters gab, Prince. Seine Musik verherrlichte die glorreichen Traditionen schwarz-amerikanischer Musik immer und verlieรŸ diese nie. Dennoch wird Jackson fรผr seinen vermeintlichen Wunsch, weiรŸ sein zu wollen, gehasst.

Dieser irrationale Hass verfolgte Jackson sogar รผber seinen Tod im Juni 2009 hinaus. Charlie Hebdoโ€™s Cover im Juli jenes Jahres zeigte ein Skelett im Jackson-Stil mit dem Titel โ€žMichael Jackson, en fin blancโ€œ โ€“ โ€žMichael Jackson, endlich weiรŸโ€œ. Eine sarkastische Andeutung, die gerade im Internet die Runde macht, enthรคlt ein Foto eines Modells mit Vitiligo und erinnert uns dankenswerterweise daran, dass es sich hierbei um dieselbe Krankheit handelt, die Jackson โ€žbehaupteteโ€œ, gehabt zu haben. โ€žBehaupteteโ€œ โ€“ trotz Fotobeweisen aus unterschiedlichen Lebensabschnitten, den einstimmigen Bezeugungen vom Familienmitgliedern, Dermatologen und Visagisten, dem Umstand, dass der รคlteste Sohn des Entertainers ebenfalls unter dieser seltenen Erbkrankheit zu leiden scheint und sogar der endgรผltigen Diagnose des Autopsieberichts. Welchem weiรŸen Entertainer wurde jemals so wenig Mitgefรผhl fรผr eine lebenslange, belastende Krankheit (eine von mehreren, unter denen Jackson litt) entgegengebracht? Wann wurde je so wenig im-Zweifel-fรผr-den-Angeklagten gewรคhrt, so viel bรถsartiger Nonsens konstruiert? โ€žIhm wird nicht so schnell dafรผr vergeben werden, so viele SpieรŸe umgedreht zu haben.โ€œ, schrieb James Baldwin vorausschauend, als Thriller die Welt eroberte.

Es sollte niemanden รผberraschen, dass Michael Jackson, wie praktisch jeder andere farbige Mensch in dieser Gesellschaft, unter Rassismus litt. Was bemerkenswert ist, ist wie extrem und routinemรครŸig die individuelle Begrรผndung in Jacksons Fall fรผr die Gesellschaft substituiert wurde. Das Muster ist so ungeheuerlich, dass es uns, sobald wir es erkannt haben, รผber unseren gegenwรคrtig verheerenden Stand der Dinge unterrichten kann und uns die Wichtigkeit zeigt, die Angewohnheit der Umlenkung, Selbstgerechtigkeit und andauernde Schmรคhung zu benennen und korrigieren. Privilegierte weiรŸe Amerikaner mรผssen lernen, deren Tendenz, Unterdrรผckung zu individualisieren, zu erkennen. Natรผrlich trรคgt jeder einzelne etwas zu seinem eigenen Leben bei, aber im Kontext mit Amerikas rassischen Schwierigkeiten ist das Problem nicht primรคr ein einzelner Schwarzer, sondern das System und die รผbliche Haltung jener, die alle Bรผrgerrechte genieรŸen.

In den Vereinigten Staaten tendieren wir dazu, Verschiedenheit als pathologisch zu begreifen. Jeder, der unseren Kategorien รผberschreitet, unsere Vorurteile stรถrt oder vorherrschende Binsenwahrheiten herausfordert, ist uns unangenehm. Michael Jackson und seine Musik taten all das auf vielen Ebenen. Was allerdings am wichtigsten ist und nicht vergessen werden darf: Er tat es mit Freude. Allzu lange รผber Jacksons Leid nachzudenken, wรผrde bedeuten, seine unbezwingbare Verspieltheit und Willensstรคrke zu vergessen. Schlussendlich ist das Erstaunliche nicht, wie seltsam Michael Jackson war oder wie beschwerlich sein Leben war, sondern wie groรŸ seine Fรคhigkeit zur Freude war, seine GroรŸzรผgigkeit, seine Fรคhigkeit und Entschlossenheit, anderen Freude zu bereiten. Grenzenlos neugierig, von Menschen begeistert und von der Schรถnheit der Welt bezaubert hatte er einfach so viel SpaรŸ. Er litt, ja; er war am Boden und machte schmerzhafte Erfahrungen. Aber das macht seine รœberschwรคnglichkeit so bemerkenswert und die Tatsache, dass er anderen Menschen Freude brachte (und immer noch bringt), so wertvoll. Ganz gleich, was passierte, er tanzte. Das mรผssen wir honorieren und nicht vergessen โ€“ und weiter tanzen.

Dimitri Reeves hat uns letzten Monat vieles beigebracht. Darunter auch, dass wir Michael Jackson jetzt mehr denn je brauchen. Die schรคndliche Behandlung, die Jackson von der Volkskultur erfuhr, die er so sehr bereicherte, war kein isoliertes Phรคnomen โ€“ sie war nur zu charakteristisch. Jacksons Erfahrung deckt nach reiflicher รœberlegung schรคdliche Gesinnungen und Verhaltensweisen auf, die auch heute noch sehr weitverbreitet sind. Es wรคre natรผrlich weit besser gewesen, wenn Jackson nicht hรคtte durchmachen mรผssen, was er durchmachen musste. Genauso, wie es besser wรคre, wenn farbige Amerikaner unsere StraรŸen sicher vor Gesetzesvertretern entlanggehen kรถnnten. Die mรคchtigere Mehrheit sollte imstande sein, zu lernen, wie man sich verhรคlt, ohne bereits Benachteiligten Leid zuzufรผgen und kein MaรŸ an Bildung und Entwicklung der bereits Priviligierten kann beginnen, die Formen der Ungerechtigkeiten, รผber die wir sprechen, wettzumachen. Gleichzeitig ist es aber entscheidend, dass jene, die Privilegien genieรŸen, realisieren, dass es nicht jedem so geht und ihre Macht dazu nutzen, das zu รคndern. Geringstenfalls sollten wir jetzt darauf bestehen, dass jedem die Unschuldsvermutung zusteht, was Verbesserungen in der Art und Weise, wie die Medien und der Gesetzesvollzug arbeiten, erfordert.

Dank Dimitri Reeves haben wir einen kleinen Weg gesehen, in eine heilende Richtung aufzubrechen, einen Weg, den er direkt von Michael Jackson bezog: Wir kรถnnen heraustreten und auf der StraรŸe tanzen, Freude verbreiten statt Angst. Come and dance with me (Komm und tanz mit mir), schrieb Jackson, Join me in my dance, please join me now (Folge mir in meinem Tanz, bitte folge mir jetzt). Reeves nahm Jacksons Einladung an.

Mit Michael Jackson zu tanzen, seine ausgestreckte Hand zu nehmen, ist mehr als nur ein schwieriges, auรŸergewรถhnliches Leben und enorme Begabungen zu ehren โ€“ obwohl es hรถchste Zeit ist, das ohne Widerwillen und Beurteilungen oder Lรผgen zu tun. Wir mรผssen es fรผr uns selbst tun und fรผreinander โ€“ nicht in dem Versuch, uns selbst vor dem gegenwรคrtigen Schmerz und der Gefahr zu schรผtzen, aber um weiter in die verwirrendsten Aspekte unserer eigenen Leben einzutauchen und ihnen Freude gegenรผberzustellen. Es ist eine Mรถglichkeit, die Art der Zukunft zu wรคhlen, die wir haben wollen und den Menschenschlag, der wir sein wollen.

Mit Michael Jackson zu tanzen wird bedeuten, Hass und Angst loszulassen, Schรถnheit darin zu wรผrdigen, was uns fremd erscheint und bereit zu sein, die Gelegenheit wahrzunehmen. Es wird einfordern, dass wir andere Menschen fantasievoll und einfรผhlsam behandeln, in dem Raum, der unserer Auffassung nach unser eigener ist, und mit Respekt. So ist der Tanz, zu dem uns Jackson einlรคdt zu tanzen, eine Art ethische รœbung. Es ist eine Art, unseren รœberzeugungen und Bekenntnissen gerecht zu werden und fรผr unsere Privilegien Verantwortung zu รผbernehmen.

Verstanden? Gut. Lasst uns tanzen.

Dimitri Reeves in Baltimore, April 2015

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