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Anderssein, das über Verstehen hinausging: Erinnerung an Michael Jackson (1958-2009)

by on 25. September 2012

Susan Fast: Anderssein, das über Verstehen hinausging – Erinnerung an Michael Jackson (1958-2009)

“DIFFERENCE THAT EXCEEDED UNDERSTANDING: REMEMBERING MICHAEL JACKSON (1958-2009)by Susan Fast. (Popular Music and Society, Vol. 33 No. 2, May 2010)

Link to Original Version (english)

http://www.amazon.com/forum/michael%20jackson?cdForum=Fx11O5ZOFFEMUQ4&cdThread=Tx1RROR6PFJXBLG

Nach Michael Jacksons tragischem und verfrühtem Tod am 25. Juni 2009, fing ich wieder an zuzuhören und zuzuschauen. Wie Millionen andere, die plötzlich in riesiger Anzahl seine Musik kauften, ihn zum ersten Mal seit Jahren wieder in die vordersten Ränge der Charts brachten, wollte auch ich wieder verzaubert, verzückt und zu Tränen gerührt werden von der brillanten Einzigartigkeit des Sängers, Songwriters, Tänzers und Choreografen und ich war es! Das Anderssein als Performer ist es, was die Menschen auf der ganzen Welt in Scharen zu ihm strömen ließ seit er ein kleiner Junge war, was ihm letztlich das bestverkaufte Album aller Zeiten bescherte (Thriller) und was uns dazu veranlasste, ihn ein Genie zu nennen. „In der Welt des Pop“, schrieb John Pareles 1984 in der New York Times, „gibt es Michael Jackson und dann noch all die anderen.“ Die Sounds, die er mit seiner Stimme erzeugen und die Bewegungen, die er seinem Körper entlocken konnte, waren wie die von keinem anderen, doch dieser Teil seiner Andersartigkeit war, wenn auch unfassbar, willkommen. Es war Magie. Bis zu seinem Tod schien dieses Anderssein von allen außer seinen Fans (kein geringer Teil der Bevölkerung) vergessen, als selbstverständlich angesehen worden zu sein oder es wurde einfach überschattet von seinen anderen, weniger willkommenen, Andersartigkeiten.

Für Monate nach seinem Tod waren die einzigen CDs, DVDs und alten VHS-Kassetten, die es in meinen Player schafften, seine. Ich lauschte seiner exquisiten Stimme, die den unermesslichen Tiefen seines Seins einen Song entrang, die als sehr junger Knabe bei den Jackson Five den Blues schmetterte („Who’s Loving You“), die bebend den Verlust einer Liebe beklagte („She’s Out Of My Life“), uns mit in die Kirche nahm („Man In The Mirror“) oder sich mühsam überdrehten Funk erkämpfte (der sexy Song „She Drives Me Wild“). Ich hörte dieser Stimme zu, wie sie Aussagen über globale Erwärmung (der wunderbare „Earth Song“, den viele zu rührselig finden – ich liebe diese Seite an ihm) und Rassenbeziehung traf („Black Or White“, „They Don’t Care About Us“). Ich lauschte den auf Platte aufgenommenen Performances, die zu den schönsten der Popmusik zählen („Human Nature“, „Speechless“), viele von ihnen wurden mit Produzent Quincy Jones Hilfe ausgefeilt, doch einige auch von späteren Mitarbeitern wie etwa Teddy Riley. Niemand war emotional stärker involviert in einen Song als Jackson (in „Jam“ steht er emotional an der Grenze der Belastbarkeit und in „2 Bad“ explodiert er förmlich vor Wut). Er sang mit technischer Perfektion. Seine Stimme zeugte von absolutem Gehör, war Vibrato durchdrängt, klar, unerreicht hoch, doch die Qualitätsbandbreite, die er diesem Instrument entlocken konnte, war gleichermaßen eindrucksvoll: der zunehmend tiefgründige Gebrauch von Verzerrung, die Erkundung tieferer Bandbreiten („Get On The Floor“) und natürlich seine unglaubliche Rhythmusbeherrschung zeigten sich nicht nur in seinen Staccato-Melodien und in den hieraus entstandenen Interpunktionen, sondern in seinen Grooves, die er oft durch Beatboxing erschuf. Die unterschiedlichen stimmlichen Qualitäten, die er heraufbeschwören konnte, waren in sich unvereinbar; bei einem Titel konnte er schmutziger klingen als James Brown und beim nächsten zart wie Seide wie etwa Smokey Robinson oder Barbra Streisand.

Ich schaute mir wieder und wieder seine ausgezeichneten Kurzfilme an (er nannte sie nicht gern „Videos“), Stücke, die im Grunde das neue Medium Musikvideo der 80er Jahre definierten und die noch heute von unvergleichlicher Qualität sind: Thriller, Beat it, Billy Jean, die Langversion von Bad unter Regisseur Martin Scorsese (er arbeitete stets mit Leuten zusammen, die an vorderster Front standen), Smooth Criminal, Black Or White, mit der bemerkenswerten und kontroversen Solotanzeinlage am Ende – und die Liste geht weiter. Seine Videos waren die ersten eines schwarzen Künstlers, die von MTV ausgestrahlt wurden (es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, wie es dazu kam, doch wie auch immer, es kam dazu). Dies war Teil einer wichtigen Hinterlassenschaft als afroamerikanischer Performer, der Rassenschranken durchbrach, er war in der Tat der Erste, der dies in so globalem Umfang tat. Ich sah noch einmal die Vorstellung, die er 1983 beim Motown 25 Special ablieferte, wo er der Welt den Moonwalk zeigte, ein Augenblick einzigartiger Bedeutsamkeit in der Geschichte der Popmusik. Sein Tanz machte Jackie Wilson, Fred Astaire und die Electric Boogaloos zu unvorstellbaren Gefährten (eine weitere Unvereinbarkeit), ganz zu schweigen von der Verpflichtung gegenüber James Brown, dessen einzigartigen Stil Jackson häufig in seinen Liveauftritten zeigte. Choreograf Michael Peters, mit dem Jackson arbeitete, bemerkte, wie mühelos Jackson lernte und Tanzschritte und Übungen ausführte, viel schneller als viele Tänzer mit formaler Ausbildung, die er nie genossen hatte. Dies ist besonders augenscheinlich in den stilisierten Tanzensembles, die Jackson quasi für die Popmusik erfunden hatte, wo er es sogar neben hochausgebildeten professionellen Tänzern schaffte, anmutiger und ungezwungener als diese auszusehen, obwohl er die gleichen Tanzbewegungen ausführte. Ich sah mir die Halbzeit-Vorstellung des Super Bowl 1993 an, es war das erste Mal, dass ein Superstar seines Kalibers bei diesem Event allein auftrat und damit einen Trend einläutete, der bis heute anhält. Ich legte das atemberaubende Video von Michael Jackson Live in Bukarest ein: die Dangerous Tour, die 1992 live auf HBO gesendet worden war (es verschaffte HBO bis zum heutigen Tag die höchste Einschaltquote). Dass Konzert beginnt damit, dass Jackson von einer unter der Bühne befindlichen Plattform mittels eines Fahrstuhls auf die Bühne katapultiert wird, wo er für ganze drei Minuten bewegungslos stehen bleibt. In seiner goldenen Jacke im Military Stil, den langen schwarzen Locken, der Pilotenbrille und den goldenen Funken, die hinter ihm aufsprühen, wirkt er wie eine außergewöhnliche Vision. Als er schließlich seine Sonnenbrille abnimmt, vertieft die Enthüllung seines gemeißelten, geschminkten Gesichts das Mysterium nur noch mehr. Es ist sicherlich eine der fesselndsten und kraftvollsten Anfänge eines Konzertes in der Geschichte dieses Genres. Das glanzvolle Spektakel hätte vielleicht billig gewirkt, wären da nicht die zweieinhalb Stunden Non Stopp spektakulärer Gesang und Tanz gefolgt, die seine Selbstvergötterung zu Anfang des Konzerts rechtfertigten. In der Tat der King of Pop!

Ich lauschte. Ich sah zu. So wollte ich mich an Michael Jacksons Anderssein erinnern! Als virtuosen Musiker und Tänzer! Wie Madonna es in ihrem bewegenden Tribut bei den MTV Awards im September 2009 ausdrückte, war er „ein grandioses Wesen, das einst die Welt in Brand steckte“.

Doch es ist nicht möglich, sich an Michael Jacksons Anderssein als Künstler zu erinnern, ohne sich auch all der Qualen und Kontroversen zu erinnern, die ihn umgaben und dass so vieles davon auch als Resultat seines Andersseins verstanden werden muss; Anderssein ist viel schwieriger, wenn nicht unmöglich, willkommen zu heißen, sie ist für die höchste Ordnung beunruhigend, so musste sie durch Lächerlichkeit, Fehlinterpretationen, Sensationsgier und schließlich strafrechtliche Anklage gezügelt werden. Michael Jacksons Subjektivität außerhalb der Bühne war beunruhigend, er war nicht fassbar. Er ließ sich nicht „ergründen“. Während sein Anderssein sich teilweise in dem zeigte, was die Medien als „exzentrisches“ Verhalten ansahen (die Anwesenheit seines Begleiters, des Schimpansen Bubbles, der schwarze Mundschutz, das Gerücht, er wolle die Knochen des Elefantenmenschen kaufen, einiges davon sicher kalkuliert, um Aufmerksamkeit zu erregen), waren es in Wahrheit mehr seine substantiellen, darunterliegenden Andersartigkeiten, die störender waren – Rasse, Gender, körperlich leistungsfähig/nicht leistungsfähig, Kind/Teenager/Erwachsener, erwachsener Mann, der Kinder liebt, Vater/Mutter. Diese Unterschiede waren nicht zu durchschauen, unkontrollierbar und riefen enorme Ängste hervor. Michael, sei doch bitte schwarz oder weiß, homosexuell oder heterosexuell, Vater oder Mutter, deinen Kindern Vater und nicht selbst ein Kind, so wissen wir wenigstens worauf wir unsere liberale (In)Toleranz richten sollen. Und versuche doch bitte, nicht alle Regeln gleichzeitig durcheinanderzubringen. Jackson testete die Grenzen der Subjektivität aus, nicht aus der Entfernung wie seine Zeitgenossen Madonna und Prince, sondern mit dem Herzen in der Hand, was er dann letztendlich verlor. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen er versuchte, sich selbst zu erklären, schien er sich stattdessen nur ein noch tieferes Loch zu schaufeln. Viele blieben skeptisch; zu viele normative gesellschaftliche Regeln waren im Wandel begriffen und nichts wurde je feinsäuberlich in den Container zurückgesteckt (wiederum anders als bei Madonna und Prince, die beide letztlich auf „normalem“ Wege domestiziert wurden).

Die möglicherweise einzige Kontroverse in Jacksons Biografie, die weitestgehend akzeptiert und mitfühlend aufgenommen wurde, war die Tatsache, dass er von seinem Vater geschlagen und gehänselt wurde und durch Schläge buchstäblich bereits im Alter von fünf Jahren zum Performer zurechtgebogen wurde, als er mit seinen Brüdern bei den Jackson Five zu singen begann. Tatsächlich war es diese Information, die dazu genutzt wurde, um einige seiner späteren „Exzentrizitäten“ in einen Kontext zu bringen und sie zu „pathlogisieren“, einschließlich der vielen chirurgischen OPs, die er unternahm, um sein Aussehen zu verändern (einige meinten, er habe dies getan, um so wenig wie möglich seinem Vater ähnlich zu sehen) und seiner Sehnsucht, eine Kindheit zurückzugewinnen, von der er sagte, sie nie besessen zu haben, da er seine mit Arbeit und unter schrecklichen Bedingungen verbracht habe. Er wurde nicht nur physisch missbraucht, sondern laut seines Biografen Randy Taraborrelli litt er auch darunter, dass seine älteren Brüder mit Mädchen Sex hatten, während er im Hotelzimmer, das er als Kind mit ihnen teilte, zu schlafen versuchte. Joe Jackson ließ sie in Nachtclubs in ihrer Heimatstadt Gary, Indiana, auftreten, bevor sie, als Michael neun war, bei Motown unterschrieben, damit Joe stetig mit seinen Söhnen Geld machen konnte; dort, wie auch an den anderen unterschiedlichen Orten, an denen die Gruppe auftrat, sah Jackson alle möglichen Arten erwachsenen Sexualverhaltens. In seiner Autobiografie erzählt er davon, in einem dieser Clubs einen Travestie-Stripper gesehen zu haben und schreibt dann weiter: „Wie ich schon sagte, ich genoss als Kind eine vollständige Ausbildung. Und mehr als das! Vielleicht machte mich das frei, mich auf die anderen Aspekte meines Lebens als Erwachsener zu konzentrieren.“

Was immer er damit gemeint haben mag, die Massenmedien hat es nicht wirklich interessiert. Dass er seine Zeit mit Kindern verbringen wollte, während er an Frauen nicht interessiert oder ihnen gegenüber inkompetent erschien, formte Geschichten über sein geschlechtsspezifisches und sexualisiertes Ich, nämlich dass er schwul oder „asexuell“ sei. Diese Behauptungen wurden von den kosmetischen OPs geschürt, die ihn zunehmend androgyner aussehen ließen. Er heiratete zwei Mal, doch es waren nur kurzlebige Beziehungen, die die Medien lächerlich fanden. Schließlich hatte er drei eigene Kinder, und Ehefrauen und Mütter schienen überflüssig. Als Jacksons Haut heller zu werden begann, gab es Spekulationen darüber, er wollte „weiß“ und kein Afro-Amerikaner mehr sein; die kosmetischen OPs schienen seine schwarzen Gesichtszüge ebenfalls auszuradieren. Vage versuchte er 1993 bei Oprah Winfrey zu erklären, dass er unter Vitiligo litt, doch dieser Erklärung begegnete man mit Skepsis; es war eine sehr seltene Hautkrankheit, von der zur damaligen Zeit kaum jemand je gehört hatte. Und kurz nach diesem Interview mit Oprah Winfrey platzte die Bombe: Ihm wurde sexuelle Kindesbelästigung vorgeworfen. Sein Brauch, für Tausende von benachteiligten Kindern die Tore Neverlands zu öffnen, sein Zuhause, das einen Vergnügungspark, Zoos und unbegrenzte Mengen an Süßigkeiten einschloss, und ihnen einen Rundgang auf dem Gelände, einschließlich seines Schlafzimmers, zu gewähren, öffnete das Tor ins Verderben. Er wurde zwei Mal angeklagt. Das erste Mal zahlte er seinem Kläger angeblich die Summe von 20 Millionen Dollar, um sich außergerichtlich zu einigen (er behauptete, nicht nachgegeben zu haben, weil er schuldig sei, sondern weil er diese Episode einfach hatte hinter sich lassen wollen), das zweite Mal endete in einem Gerichtsverfahren. Der Prozess, der 2005 stattgefunden hat, war ein Medienzirkus und laut Aussage seiner Freunde, nahm er ihm den Mut, obwohl er in allen Punkten freigesprochen worden war.

Leider werden erst nach seinem Tod Gegenberichte bezüglich seiner Andersartigkeit überhaupt möglich. Ein plötzlicher und tragischer Tod ist ernüchternd. Zunächst macht uns das zumindest sanfter, macht es möglich, das Leben eines Menschen wohlwollender neu zu betrachten, erlaubt einen vollständigeren und reichhaltigeren Bericht, um den Lärm negativer Beurteilung zu durchbrechen.

Wenn es irgendwen gibt, der etwas sanfter betrachtet werden sollte, dann ist es Michael Jackson. Wir möchten keinen Schmerz, den dieser Mann erlitten haben mag, keine fragwürdige Beurteilung, die er auch immer erfahren haben mag, wegwischen, wir möchten auch kein zutiefst komplexes Leben allzu sehr vereinfachen, wir müssen einfach Raum schaffen für andere Geschichten über ihn, besonders in wissenschaftlichen Artikeln, in denen er weitestgehend vernachlässigt wurde.

Wie könnten diese Gegenberichte aussehen? Einige, die Jackson nahestanden, haben sich seit seinem Tod geöffnet und zumindest einige Medien scheinen bereit zu sein, ihnen jetzt zuzuhören. Die Obduktionsbefunde, sein Hautarzt Arnold Klein, sein langjähriger Freund Deepak Chopra, alle bestätigten, dass er tatsächlich Vitiligo hatte und dass, laut seines Dermatologen, die De-Pigmentierung seiner Haut so tiefgreifend war, dass es zu schwierig wurde, dunkleres Make-up aufzutragen, um sie zu überdecken (dies wurde schon früher betont, unter anderem von ihm, doch niemand hörte zu). Wissenschaftler, die über die Veränderung von Jacksons Hautfarbe geschrieben hatten, haben dies in einer Weise getan, die unterstellte, dass er es kontrollieren könnte, selbst nachdem sie die Möglichkeit von Vitiligo in Betracht gezogen hatten, doch was, wenn er es nicht kontrollieren konnte? Manche hatten bereits angedeutet, dass sich durch seine weiße Haut die Frage aufdrängt, was es bedeutet, Afroamerikaner zu sein, was es sicherlich tut. Trotz seiner Hautfarbe behauptete Jackson, stolz auf seine schwarze Herkunft zu sein und sein Freund Gotham Chopra sagte neulich, dass er sich stets als Afroamerikaner gesehen habe; was mag er damit gemeint haben? Wie würde wohl der Diskurs um Jacksons veränderte Hautfarbe sich wandeln, nähme man die Vitiligo als Tatsache an? Könnte es für ihn ein schmerzhafter Verlust gewesen sein und wenn, könnte das einen Einfluss auf die Richtung genommen haben, die er mit seinen kosmetischen OPs einschlug oder wie er eventuell mit seiner Hautfarbe „spielte“, sie manchmal Clown weiß anmalte, manchmal mehr in Bronze (wie David Yuan aufzeigte)? Sollte sein Zustand als Unzulänglichkeit gesehen werden?

Während die Welt Jacksons Veränderung seines Gesichts als pathologisch ansah, als Kombination zwischen tief verwurzeltem Hass sich selbst und seinem Aussehen gegenüber und dem Wunsch, auf ewig jung zu bleiben, ist es interessant zu bemerken, dass sein Hautarzt nach seinem Tod erklärte, dass Jackson sein Gesicht als Kunstwerk ansah. Vielleicht war das ein schwacher Versuch, ein positiveres Licht auf die Sache zu werfen, aber vielleicht sollten wir diese Idee auch weiterspinnen: Wenn Jacksons kosmetische Operationen in Zusammenhang mit einer Art Performancekunst gesehen würden, wie die von Orlan (dessen 1990 erschienenes „Die Wiedergeburt des Heiligen Orlan“ mit einer Welle kosmetischer Operationen einherging), würden wir ihn dann als „Avant Garde“ feiern, statt als „gestört“? Ein paar Wissenschaftler – Kobena Mercer, Michael Awkward, David Yuan – boten Lesungen über Jacksons Gesichtsveränderungen an, die in diese Richtung der Analyse wiesen, sie nannten es nicht direkt „Kunst“, doch sie deuteten an, dass sein Gesicht zu einer stets wechselnden Maske wurde, zu einer Oberfläche, auf die er sein Stardasein „schrieb“, das weit darüber hinausging, ihn als Weißen zu verstehen. Wissenschaftler kratzten kaum an der Oberfläche dieser Themen und sie hörten auch bereits lange bevor Jackson starb auf, darüber zu schreiben; das letzte Jahrzehnt seines Lebens fand bei ihnen überhaupt keine Beachtung.

Seine Ehe mit Lisa Marie Presley 1994 wurde weitestgehend als PR Aktion abgetan, als Mittel, das angekratzte Image nach den Kindesbelästigungsvorwürfen 1993 wiederherzustellen und um die Gerüchte aus der Welt zu schaffen, er sei homosexuell. Doch als Jackson starb, sagte Presley wieder, wie sehr sie ihn geliebt habe und wie schwierig die Entscheidung gewesen sei, ihn zu verlassen (sie verließ ihn, weil sie befürchtete, ihre eigene Identität an die seine zu verlieren und weil sie die Leute nicht mochte, mit denen er sich umgab). Die Ungläubigkeit, Jackson könne ein Objekt sexuellen Verlangens sein – insbesondere heterosexuellen Verlangens – war auch gleichermaßen unvorstellbar bei den Millionen von Fans, die regelmäßig das Internet damit überschwemmten, wie sexy er sei, selbst noch in seinen letzten Jahren. Man fragt sich, warum die Meinungen dieser Fans nicht ernsthafter untersucht wurden oder warum sie in Medienberichten über ihn überhaupt nicht in Betracht gezogen wurden (hier wurde nur die allgemeine Hysterie über ihn zur Kenntnis genommen), vielleicht stellte dies eine Bedrohung für die konventionelle Männlichkeit dar; wie viel kam wohl in der bösartigen Presse über Jackson gerade von solchen Männern, die sich vor der Unerkennbarkeit dieses geschlechtsspezifischen, sexuellen Wesens fürchteten? In einem Artikel über den Film Farinelli, einen Film über den im 18. Jahrhundert lebenden italienischen Kastratensänger, der mit seinem brillanten Gesang und seinem virtuosen Liebeswerben die Frauen in den Wahnsinn trieb, zieht die Musikwissenschaftlerin Ellen Harris einen kurzen Vergleich zu Michael Jackson; hierin deutet sie eine potentiell „gefährliche“, „exotische“ Sexualität an, eine Gefahr, die möglicherweise bedrohlicher sei, als offen homosexuell zu sein. Dass Jackson auf der Bühne einen zutiefst erotischen Körper zeigte, ist unleugbar, auch wenn viele Kritiker dies einfach nicht anerkennen wollen oder es einfach abstreiten, weil sie glauben, der heterosexuelle Rahmen, den er um seinen Körper herum aufbaute, sei eine Lüge gewesen. Dieser erotische Körper war aus Sicht derer, die nie wirklich fähig waren, Jackson als Erwachsenen, als sexuelles Wesen, zu akzeptieren, auch sehr problematisch.

Hätte er nur als Erwachsener den gleichen Liebreiz besessen, wie er ihn als Kind widerspiegelte (so wie es Donny Osmond schaffte), wäre alles gut gewesen. Doch ein Körper, der sich wie seiner auf der Bühne und in Videos wie Black Or White oder In the Closet bewegt und seine Ausdrucksformen erwachsener Gefühle über Rasse und andere Themen, die zuweilen von Wut zeugten, stifteten Verwirrung. Seine gesamten Leistungen als “Erwachsener” (Dangerous, HIStory Continues, Blood On The Dancefloor, Invincible) werden, glaube ich, manchmal aus genau diesem Grund ausgeblendet (sie gehören sicherlich zu den unterbewertetsten Aufnahmen der Popgeschichte). Die prüde Reaktion auf seine Geste, sich in den Schritt zu greifen, verhinderte jede ernsthafte und differenzierte Analyse dieser Geste; und das ist nur die Spitze des erotischen Eisbergs in seinen Performances (eine der wenigen Wissenschaftler, die sich mit dem Thema seiner Sexualität auseinandersetzte, war Cynthia Fuchs, doch dieser Essay wurde bereits vor 14 Jahren veröffentlicht). Was seine Biografie betrifft, so hatte Jackson sehr wenige öffentliche Liebesbeziehungen, was jedoch nicht heißt, dass er keine privaten hatte; vielleicht interessanter aber ist die Tatsache, dass er in der Öffentlichkeit kaum mit einer Geliebten gesehen wurde und das ist an sich schon sehr ungewöhnlich. Wie ein Kritiker es ausdrückt: Ein Mann, der seinen Fokus nicht auf Sex richtet ist ein Revolutionär, genau wie eine Frau wie Madonna, die eben genau dies tut. Könnten es wirklich seine frühkindlichen Erfahrungen gewesen sein, die ihn dazu veranlasst haben, seinen Fokus als Erwachsener auf alles andere zu richten? Und in einer Welt, in der der Fokus erbarmungslos auf Sex gerichtet ist, wäre es uns da nicht möglich, sein diesbezüglich mangelndes Engagement vor den Augen der Öffentlichkeit als erleuchtet, statt als tragisch anzusehen, seine Liebe zu den „elementaren Dingen“, wie er in seinem Song Childhood sagt, als erfrischend zu betrachten?

Nach seinem Tod haben wir auch erfahren, dass er seinen drei Kindern ein hingebungsvoller Vater/Mutter war. Home Videos, die in amerikanischen Sendern ausgestrahlt wurden, zeigten den sonst so glamourösen King of Pop dabei, wie er ganz alltäglich seinem Sohn die Nase putzte (allerdings völlig geschminkt), wie er ein Puzzle wegräumt, während er mit seinen beiden ältesten Kindern singt, die Videos zeigten, wie er ihnen beibrachte, den „Wiggle“ zu tanzen und wie er seinem Sohn an dessen Geburtstag sagte, er könne auf der Welt alles sein, was er sich wünschte.

Freunde und Mitarbeiter bescheinigten, welch ein guter Vater er war, wie gut erzogen und liebenswert seine Kinder seien. Es gibt Gerüchte, dass er nicht der biologische Vater dieser drei Kinder sei, weil einige glauben, sie würden ihm nicht genug gleichen (soll heißen, dass sie nicht schwarz genug sind), aber vielleicht ist das nur ein Weg, jemanden weiter zu entmannen, dessen Männlichkeit von jeher problematisch war. Selbst obwohl einige Männer der westlichen Welt heute mehr an der Kindererziehung teilhaben als früher, ist es dennoch unüblich für einen Mann, einziger Elternteil für die Kinder zu sein und besonders dann, wenn er genau diesen Weg gewählt hat, alleinstehende Frauen haben Babys, ja, alleinstehende Männer, wohl eher nicht. Nach seiner Scheidung von Lisa Marie Presley, als sein Traum, Kinder zu haben, scheinbar zerbrochen war, war er nach eigenen Aussagen derart am Boden zerstört, dass er in seinem Haus umherlief und Babypuppen in seinen Armen wiegte. Welcher Mann wünscht es sich so sehr, Vater zu werden? Das ist tatsächlich das Verhalten einer Mutter; wäre er eine Frau mit einem derartigen Kinderwunsch gewesen, hätte er dafür breitgefächerte Sympathien und Lob für seine Leistung als „Alleinerziehende“ geerntet.

Und was ist dabei, dass er es liebte, Kinder um sich herum zu haben, dass er es liebte, Kranken und Armen zu helfen (seine wohltätige Arbeit für Kinder ist beispiellos in der Welt der Stars), dass er selbst wie ein Kind handelte, er hat damit niemandem geschadet. Beide Male, da Jackson Kindesbelästigung vorgeworfen wurde, waren die Beweise für Fehlverhalten sehr mager (und in einigen Fällen geradezu lachhaft), während die Beweise dafür, dass er um Geld erpresst werden sollte, sehr stark waren. Die Journalistin Aphrodite Jones, die zu Beginn ihrer Berichterstattung über den Jackson Prozess von dessen Schuld überzeugt war, war zum Schluss mit vielen anderen Reportern, die beim Prozess mit im Gerichtssaal gesessen hatten, stattdessen von seiner Unschuld überzeugt. Jones arbeitete die Geschehnisse während des Prozesses in ihrem Buch „Michael Jackson Conspiracy“ auf. Das Geld, das sich mit Berichten über schlüpfrige Details machen ließ, die Jackson als Freak darstellten, ganz zu schweigen davon, was es eingebracht hätte, wäre er schuldig gesprochen worden, hielt die Presse davon ab, eine nette oder ausgewogene Sichtweise über den Prozess abzugeben. Es ist auch nicht ganz klar, ob die Rasse bei Jacksons Anklage eine Rolle gespielt haben mag, doch er lag sicherlich nicht daneben, als er in einem Interview mit Jesse Jackson sagte, dass die Anklage eines Unschuldigen „ein Muster unter schwarzen Koryphäen in den Vereinigten Staaten aufweise“. Jones, der nach dem Prozess Zugang zu den Gerichtsakten gewährt wurde, um ihr Buch zu schreiben, berichtet nicht nur von den unendlich widersprüchlichen Zeugenaussagen des Klägers und dessen Familie – das meiste wurde von anderen Zeugen widerlegt – sondern auch von anderen Kindern, die ebenfalls in Jacksons Haus herumhingen und ein Kinderparadies beschrieben: mit großartigen Spielsachen und deinem Helden Michael Jackson spielen, bis du irgendwo umfällst und nach dem ganzen Spaß ausschlafen musst.

Lassen Sie mich zum Schluss auf sein Werk zurückkommen. Als Jackson starb, befand er sich in den letzten Vorbereitungen zu einer neuen Live-Show, zu einem Comeback nach 12 Jahren Bühnenabstinenz. Für die Londoner O2 Arena hatte er 50 ausverkaufte Konzerte, ein Beweis dafür, wie viele Menschen sich noch immer für ihn als Performer interessierten (die Zeitungen berichteten, dass an weniger als einem Tag 2 Millionen Menschen versucht hatten, im Vorverkauf ein Ticket zu ergattern). Die Proben zu diesen Shows wurden aufgezeichnet, und vier Monate nach seinem Tod wurde die Dokumentation This is it aus diesen Aufnahmen zusammengestellt und in Kinos rund um die Welt aufgeführt. Der Film wurde kritisch bejubelt und breitflächig gesehen, er spielte in den ersten beiden Wochen nach Kinostart über 200 Millionen Dollar ein. Er zeigte einen dynamischen Jackson, der einige seiner bekanntesten Songs probte, seine großartige Stimme war in ausgezeichneter Verfassung, sein 50-jähriger Körper vollführte die Choreografie mit der gleichen Leichtigkeit und Anmut, als sei er 20 oder 30 Jahre Jünger (wie absolut alles in Jacksons Leben blieb auch der Film nicht frei von Kontroversen, einige hatten das Gefühl, ihn als gesund darzustellen, sei manipuliert gewesen, doch es ist schwierig, sich über seine Performance im Film zu streiten oder darüber, wie glücklich er aussah, es wieder tun zu können). Und außerdem sehen wir Jackson, der selten mit seinem Publikum oder in Interviews sprach, wie er mit seinen Musikern zusammenarbeitet und ihnen und seinen Tänzern in freundlicher, respektvoller und zuweilen zärtlicher, lustiger Art Anweisungen gibt, genau so wie es viele seiner Mitarbeiter, die die Jahre über mit ihm zu tun hatten, von ihm erzählen. Der Film und die Rückkehr so vieler zu seinen Audio- und Videoaufnahmen gleichen die Sensationsgier der Medien aus, bringen den Fokus zurück auf seine Brillanz als Musiker und Performer. Den Film zu sehen und in sein Lebenswerk einzutauchen zwingen mich zu der Frage, warum so herzlich wenig qualitativ Hochwertiges über ihn geschrieben wurde, es gibt nicht einmal eine angemessen kritische Biografie über ihn, geschweige denn viele eindringliche Analysen seines Werkes (keine, in der es um Musik geht). In diesem MTV Tribut sagte Madonna auch in ihrer charakteristischen Direktheit, dass wir ihn, als die Hexenjagd der Medien und anderer sich gegen ihn entfaltete, „im Stich gelassen haben“. Als Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Popmusik, fühle ich mich diesem „wir“ zugehörig. Michael Jacksons Tod stellt eine Möglichkeit der Reflexion darüber dar, warum wir es zulassen, dass einige wichtige Künstler für uns unsichtbar werden, während wir anderen so viel Aufmerksamkeit schenken und warum wir nicht voller Mitgefühl die mediale Repräsentation von Künstlern der Popmusik, die aufgrund ihres Andersseins gehasst werden, heftig in Frage stellen. Wir müssen unsere beträchtlichen Fähigkeiten einsetzen, um an der Analyse von Jacksons Leben und wichtigem Werk zu arbeiten und während dieses Prozesses müssen wir in Betracht ziehen, wie viel unserer Apathie unserem eigenen Unbehagen seinem Anderssein gegenüber entspringt.
Übersetzung: Achildsbliss, mjjackson-forever.com

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