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“A lot of people misunderstand me. That’s because they don’t know me at all.” – Michael Jackson

Dieser Artikel stellt einen detaillierten Kontext zur neuen Dokumentation „Leaving Neverland“ dar, die die Missbrauchsvorwürfe gegen den verstorbenen Popstar Michael Jackson thematisiert. Joe Vogel untersucht die Geschichte von Wade Robson, einem der zentralen Ankläger, und hinterfragt dessen Glaubwürdigkeit angesichts wechselnder Aussagen und finanzieller Interessen. Er betont die mehrfachen Untersuchungen und Freisprüche Jacksons und warnt vor voreiligen Urteilen aufgrund von Medienberichten.

Sänger Michael Jackson performt auf der Bühne im Madison Square Garden (Foto von Rick Maiman/Sygma via Getty Images) Getty

Disclaimer: Dieser Artikel stellt keine Rezension von Leaving Neverland dar, den ich nicht gesehen habe, sondern er bietet vielmehr einen Überblick über den Kontext hinter den Anschuldigungen in dieser Dokumentation.

Als Michael Jackson 2009 starb, schrieb Wade Robson – der ehemalige Choreograf, dessen Missbrauchsanschuldigungen im Mittelpunkt einer kontroversen neuen Dokumentation, Leaving Neverland stehen, einen Tribut an seinen Freund (ganzer Text auf Deutsch: Mein Mentor – Wade Robson über Michael; Anm.d.Übers.):

Michael Jackson veränderte die Welt und für mich ganz persönlich auch mein Leben, für immer. Er ist der Grund, warum ich tanze, der Grund, warum ich Musik mache, und einer der Hauptgründe, dass ich an das Gute im Menschen glaube. Er war 20 Jahre lang ein sehr enger Freund von mir. Seine Musik, seine Moves, seine persönlichen, inspirierenden und ermunternden Worte und seine bedingungslose Liebe werden für immer in mir weiterleben. Ich werde ihn unermesslich vermissen, aber ich weiß, er hat jetzt seinen Frieden gefunden und erfreut den Himmel mit einer Melodie und einem Moonwalk.

Robson war zu diesem Zeitpunkt siebenundzwanzig Jahre alt. Vier Jahre zuvor sagte er (als Erwachsener) bei Jacksons Prozess 2005 aus, dass niemals irgendetwas Sexuelles zwischen ihnen vorgefallen ist. Im Vorfeld des Prozesses hatte Robson Jackson jahrelang nicht gesehen und er war nicht dazu verpflichtet, ein Zeuge der Verteidigung zu sein. Er stand einem vernichtenden Kreuzverhör gegenüber und war sich über die Strafe bei Meineid für Lügen unter Eid im Klaren. Aber Robson beteuerte hartnäckig, mit Überzeugung und glaubwürdig, dass nichts Sexuelles vorgefallen ist.

Was änderte sich zwischen damals und jetzt? Ein paar Dinge:

  • 2011 trat Robson an John Branca, Co-Exekutor des Michael Jackson Estates, heran, da er die Regieführung bei der neuen Michael Jackson/Cirque du Soleil Inszenierung ONE übernehmen wollte. Robson gab an, dass er den Job „dringend“ wollte, aber der Estate wählte letztlich jemand anderen für die Position.
  • 2012 hatte Robson einen Nervenzusammenbruch, der laut seinen eigenen Aussagen durch ein obsessives Streben nach Erfolg getriggert wurde. Seine Karriere fing in seinen eigenen Worten an, zu „zerbröckeln“.
  • Im selben Jahr – Robsons Karriere, Finanzen und Ehe waren in Gefahr – begann er, einen Verleger für ein Buch zu suchen, in dem er behauptet, er wurde von Michael Jackson sexuell missbraucht. Kein Herausgeber griff es auf.
  • Im Jahr 2013 reichte Robson eine Zivilklage und eine Gläubigerforderung ein, die einigen Quellen zufolge bis zu 1,6 Milliarden Dollar wert sein könnte. Auch wenn der genaue Betrag erst nach einem Prozess feststehen würde, stand eine enorme Summe auf dem Spiel. Kurz darauf meldete sich James Safechuck bei Robsons Anwälten und reichte seine eigene Klage und Gläubigerforderung ein. Safechuck behauptete, er habe erst gemerkt, dass er missbraucht wurde, als er Robson im Fernsehen sah. Ein Nachlassgericht wies seine Klage im Jahr 2017 ab.
  • 2019 hat das Sundance Film Festival eine Dokumentation uraufgeführt, die lediglich auf Robsons und Safechucks Anschuldigungen basiert. Während die Dokumentation angesichts des Inhaltes selbstverständlich emotional bestürzend ist, präsentiert sie keine neuen Beweise oder Zeugen. Der Regisseur des Films, Dan Reed, bestätigte, dass er keine anderen Schlüsselfiguren interviewen wollte, weil das die Story, die er erzählen wollte, verkomplizieren oder infrage stellen könnte.

Für die Medien ist es verlockend, Jackson mit einer größeren kulturellen Schilderung über sexuelles Fehlverhalten zu verbinden. R. Kelly wurde zu Recht von einer Dokumentation zur Strecke gebracht und viele andere Gestalten mit hohem Bekanntheitsgrad wurden in den vergangenen Jahren entlarvt, also muss Michael Jackson – so lautet die Logik – sicherlich auch schuldig sein. Doch das ist ein gefährlicher Sprung – insbesondere mit Amerikas Geschichte, schwarze Männer zu Unrecht anzuvisieren und für schuldig zu befinden – anständige Menschen wären gut beraten, wenn sie sorgfältiger darüber nachdenken würden, bevor sie den Künstler verurteilen. Es ist kein Zufall, dass eines von Jacksons Lieblingsbüchern (und –filmen) To Kill a Mockingbird war, eine Geschichte über einen schwarzen Mann – Tom Robinson – der durch falsche Anschuldigungen zerstört wurde.

Die Medien mit ihren weitestgehend ungeprüften, aus dem Zusammenhang gerissenen Szenen scheinen vergessen zu haben: keine Anschuldigungen wurden öffentlich je mehr untersucht als jene gegen Michael Jackson. Sie lösten Mitte der 90er einen zweijährigen Wahn aus und dann noch einmal Mitte der 2000er, als Jackson einem gründlichen Strafprozess gegenübertrat. Seine Wohnsitze wurden in zwei unangekündigten Razzien der Strafverfolgung auf den Kopf gestellt. Es wurde nichts Belastendes gefunden. Jackson wurde 2005 von einer konservativen Jury aus Santa Maria in allen Anklagepunkten freigesprochen. Das FBI führte ebenfalls eine eingehende Untersuchung durch. In der 300-seitigen Akte über den Popstar, die unter dem Informationsfreiheitsgesetz veröffentlicht wurde, sind keine Beweise für Fehlverhalten zu finden.

Währenddessen beteuern dutzende Personen, die als Kinder Zeit mit Jackson verbracht haben, weiterhin, dass niemals irgendetwas Sexuelles passiert ist. Darunter hunderte kranke und sterbenskranke Kinder wie Bela Farkas (dem Jackson eine lebensrettende Lebertransplantation gezahlt hatte) und Ryan White (mit dem sich Jackson in seinen letzten Jahren im Kampf gegen AIDS angefreundet hatte); weniger bekannte Personen wie Brett Barnes und Frank Cascio; Berühmtheiten wie Macaulay Culkin, Sean Lennon, Emmanuel Lewis, Alfonso Ribeiro und Corey Feldman; Jacksons Nichten und Neffen; und seine eigenen drei Kinder.

Michael Jackson – Gone Too Soon (Official Video)

Die Anschuldigungen rund um Jackson verblassten im Laufe des letzten Jahrzehnts weitestgehend aus folgendem Grund: im Gegensatz zu den Bill Cosby oder R. Kelly Fällen ist es bei Jackson so, dass je mehr Leute sich die Anschuldigungen gegen Jackson ansahen, desto mehr Beweise rehabilitierten ihn. Der Fall der Staatsanwaltschaft 2005 war so absurd, dass Matt Taibbi vom Rolling Stone ihn wie folgt beschrieb:

Der Michael Jackson Prozess, der vorgeblich eine Story darüber ist, einen Kinderschänder vor Gericht zu bringen, ist stattdessen eine Art Parade geistloser amerikanischer Typen: Trickbetrüger, Trottel und untalentierte Intriganten, die entweder in völliger Erwerbslosigkeit versinken… oder in fingierten Nicht-Karrieren des Informationszeitalters, die auf jede nur erdenkliche Art und Weise darauf aus sind, Geld zu machen. Der MC [master of ceremonies – Zeremonienmeister, Anm.d.Übers.] war Bezirksstaatsanwalt Tom Sneddon, dessen metaphorische Rolle in dieser amerikanischen Reality-Show das graue Herz der Nixonian Silent Majority darstellte – die bittere Mittelmäßigkeit, der es danach verlangte, jeden, der jemals in Paris Urlaub gemacht hatte, festzuhalten. Der erste Monat des Prozesses bot die vielleicht kompromittierteste Sammlung an Zeugen der Staatsanwaltschaft dar, die jemals in einem amerikanischen Gerichtsprozess versammelt war – fast zur Gänze eine Gruppe aus überführten Lügnern, bezahlten Klatsch-Hausierern oder Schlimmerem…

In den nächsten sechs Wochen implodierte praktisch jedes Stück seines Falles in öffentlicher Sitzung und das erste Drama des Prozesses verwandelte sich schnell in einen Wettlauf, bei dem es um die Frage ging, ob der Bezirksstaatsanwalt es schaffen würde, all seine Zeugen in den Zeugenstand zu bringen, ohne dass diese in Handschellen aus dem Gerichtsgebäude entfernt werden.

Was hat sich seitdem verändert?

In Robsons Fall ist es so, dass dieser sich Jahrzehnte nach den angeblichen Vorfällen mit Michael Jackson und seinen Kindern zum Barbecue traf. Er bat um Tickets für die Gedenkfeier des Künstlers. Er nahm an Tributen teil. „Ich habe immer noch mein Handy mit seiner Nummer darin“, schrieb Robson 2009, „Ich kann den Gedanken einfach nicht ertragen, seine Nachrichten zu löschen.“

Dann, nach zwanzig Jahren, hat sich seine Geschichte plötzlich geändert (deutsche Untertitel verfügbar; Anm.d.Übers.), und seinen neuen Behauptungen folgte eine $1,5 Milliarden Dollar Klage.

Foto vom 25. Jänner 2019: Brenda Jenkyns (links) und Catherine Van Tighem, die aus Calgary, Canada angereist sind, um bei der Premiere der „Leaving Neverland“ Michael Jackson Dokumentation des Sundance Film Festivals in Park City, Utah vor dem Egyptian Theatre in der Main Street mit Plakaten zu stehen. Michael Jacksons Familienmitglieder sagten am Montag, 28. Jänner, dass sie „erbost“ sind, dass zwei Männer, die ihm vorwerfen, sie als Jungs missbraucht zu haben, wegen einer neuen Dokumentation über sie erneute Aufmerksamkeit erhalten haben. Die Familie veröffentlichte ein Statement, in dem sie „Leaving Neverland“, einen Dokumentarfilm mit Jacksons Anklägern Wade Robson und James Safechuck in den Hauptrollen, anprangern. (Foto von Danny Moloshok/Invision/AP, File) Danny Moloshok/Invision/AP

Als exzentrischer, wohlhabender Afroamerikaner war Michael Jackson schon immer ein Ziel für Rechtsstreitigkeiten. In den 1980er- und 1990er-Jahren behaupteten Dutzende Frauen fälschlicherweise, er sei der Vater ihrer Kinder. Er sah sich mehreren Klagen gegenüber, die zu Unrecht behaupteten, er habe diverse Lieder plagiiert. Im Jahr 2010 reichte eine Frau namens Billie Jean eine frivole 600-Millionen-Dollar-Vaterschaftsklage gegen Jacksons Estate ein.

Als jemand, der eine enorme Menge an Recherchen über den Künstler durchgeführt hat, viele Menschen interviewt hat, die ihm nahe standen und Zugang zu vielen privaten Informationen erhalten hat, ist meine Einschätzung, dass die Beweise einfach nicht auf Michael Jacksons Schuld hindeuten. Im Gegensatz zu den abgeänderten Darstellungen von Robson und Safechuck gibt es eine bemerkenswerte Konsistenz in der Art und Weise, wie Menschen, die den Künstler kannten, von ihm sprechen – ob Freunde, Familienmitglieder, Mitarbeiter, Künstlerkollegen, Toningenieure, Rechtsanwälte, Geschäftspartner, Sicherheitsbeamte, ehemalige Ehepartner, seine eigenen Kinder – Menschen, die ihn in jeder nur erdenklichen Eigenschaft kannten. Man sagt, Michael sei sanftmütig, brillant, einfühlsam, manchmal naiv, manchmal kindisch, manchmal wahrnehmungsblind. Aber niemand glaubt, dass er ein Kinderschänder war.

Update:

Ich möchte klarstellen, dass Opfer sexuellen Missbrauchs mein tiefstes Mitgefühl haben. Ich glaube auch zutiefst an das Prinzip eines ordnungsgemäßen Prozesses, insbesondere angesichts der Geschichte Amerikas in Bezug auf Schwarze. Dieser Artikel sollte einen Kontext in Bezug auf die Anschuldigungen gegen Michael Jackson bieten. Da ich jedoch nicht dabei war, kann ich letztlich nicht über die Erfahrungen von Wade Robson und James Safechuck sprechen. Es ist meine aufrichtige Hoffnung für alle Beteiligten, dass die Wahrheit siegen wird und alle, die verletzt wurden, Heilung finden werden.

Update 2:

Dieser Artikel wurde aktualisiert, um klarzustellen, dass Robson und Safechuck zwar dieselbe Anwaltskanzlei nutzen, ihre Klagen gegen den Michael Jackson Estate jedoch getrennt eingereicht wurden. Es wird auch klargestellt, dass die genaue finanzielle Entschädigung ihrer Klagen/Gläubigeransprüche erst nach einem Zivilprozess bekannt sein wird.

Über Joe Vogel:

Ich schreibe hauptsächlich über populäre Musik, vorwiegend über Künstler, die in den 80er-Jahren aufkamen. Ich bin Autor mehrerer Bücher, darunter Stranger Things and the ’80s: The Complete Retro Guide (Cardinal, 2018), Man in the Music: The Creative Life and Work of Michael Jackson (Sterling, 2011) und This Thing Called Life: Prince, Race, Religion, Sex, and Music (Bloomsbury, 2018). Ich habe auch in mehreren Dokumentarfilmen mitgewirkt, darunter zwei von Filmemacher Spike Lee: Bad 25 (2012) und Michael Jackson’s Journey From Motown to Off the Wall (2016). Zusätzlich zu meinen Artikeln hier bei Forbes wurde meine Arbeit auch in The Atlantic, Slate, The Guardian, The Huffington Post, PopMatters und der Boston Review veröffentlicht. Ich unterrichte am Merrimack College in Massachusetts. Für weitere Informationen folgen Sie mir auf Facebook, Twitter und meiner Website.

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3 Antworten zu „Was Sie über die neue Jackson Dokumentation wissen sollten“

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