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“A lot of people misunderstand me. That’s because they don’t know me at all.” – Michael Jackson

Michael Jackson beschreibt in dem Song „Stranger in Moscow“ seine Gefühle der Einsamkeit und Kälte, obwohl er von Erfolg umgeben ist. Er teilt seine Erfahrungen des Alleinseins und des Verlangens nach Liebe und Verbindung. Der Song wird als eine der beeindruckendsten künstlerischen Leistungen von Jackson angesehen und behandelt das Thema Isolation, Entfremdung und Ernüchterung. Der dazugehörige Kurzfilm verstärkt die Botschaft des Songs durch seine visuelle Darstellung der Einsamkeit und der Suche nach Erlösung im Regen.

How does It feel? – Wie fühlt es sich an?

Auch wenn du eine sehr bekannte Persönlichkeit bist, wenn du erfolgreich bist und überall auf der Welt bekannt, gibt es Zeiten, in denen du dich sehr einsam fühlst. Innerlich ganz kalt. Dein Geist und deine Seele frieren. Ich weine viel. Besonders, wenn du weißt, dass es so viel Liebe in der Welt gibt, aber es Momente gibt, in denen du sie nicht erreichen kannst. Du bist einsam und stehst alleine im Abseits. 1994 schrieb ich Stranger In Moscow – einen Song über eine sehr schwere Zeit in meinem Leben. Es war nicht nur wegen der tatsächlichen Ereignisse schwer, ich war auch sehr lange Zeit einsam. Ich fror.

~ Michael, Official Photobook My World

English Version

Although you are a very popular person, you have success and you are known around the world, there are times in which you feel very lonely. Very cold inside. Your mind and your soul is freezing. I am crying a lot. Especially when you know that there is so much love in the world, and there are moments in which you just can´t reach out. You are lonely and left outside alone. In 1994 I wrote “Stranger In Moscow“ – a song about a very difficult period in my life. It was difficult not only because of what was going on actually, but I was very lonely for a very long time. I was freezing.

„Ich glaube nicht, dass du es wirklich begreifen kannst … ich habe die ganze Welt gegen mich, die denkt, dass ich ein Kinderschänder bin. Du weißt nicht, wie es sich anfühlt, falsch angeklagt zu sein und ‚Wacko Jacko‘ genannt zu werden. Tagein, tagaus muss ich auf diese Bühne gehen und auftreten, muss vorgeben, alles sei perfekt. Ich gebe alles, was ich habe, ich gebe die Performance, die jeder sehen will. In der Zwischenzeit sind mein Charakter und mein Ruf ständigen Angriffen ausgesetzt. Wenn ich von der Bühne herunterkomme, sehen die Leute mich an, als wäre ich ein Krimineller.“

Frank Cascio zitiert Michael (aus My Friend Michael)

Joe Vogel über Stranger In Moscow

Obwohl es nie auf einer seiner Greatest Hits Alben zu finden war, ist Stranger In Moscow eine der eindrucksvollsten künstlerischen Leistungen Michael Jacksons und wird in der Zukunft ohne Zweifel auch als solche anerkannt werden.

Poetisch und atmosphärisch enthüllt Stranger In Moscow das, was sich hinter der Wut der zwei vorherigen Songs verbirgt (Scream / The Don’t Care About Us, [HIStory Album] ) es ist Jacksons Version vom Song A Day In The Life der Beatles: Ein eindringlicher Ausdruck von Isolation, Ernüchterung und Entfremdung. Musikkritiker Tom Molley beschreibt ihn als eine „ätherische und aufwühlende Beschreibung eines Mannes, verwundet durch den ‚rasanten, plötzlichen Absturz‘ (swift and sudden fall from grace), der im Schatten des Kremls wandert. Der langjährige Toningenieur Bruce Swedien empfindet ihn als einer der besten Songs, die der Sänger je geschaffen hat. Armond White stimmt dem zu und nennt ihn „Jacksons beste Aufnahme seit Billie Jean“. Seine Geschichte des aus dem Takt geratenen und tiefgehenden Schmerz‘ ist ausreichend eloquent, um mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Popmusik mystifiziert zu werden und ruft eine Erinnerung an die Ängste der Zeit des Kalten Kriegs und der Bürgerrechts-Ära hervor.

Jackson schrieb den Song 1993, während er in Moskau auf Tour war und in einer besonders schweren und einsamen Zeit seines Lebens. „Er fiel mir in den Schoß“, erinnert er sich, „denn so fühlte ich mich zu der Zeit. Ich war alleine in meinem Hotel, es regnete und ich begann einfach mit dem Schreiben.“ Und wirklich, an dem Morgen, als die Inspiration für den Song kam, rief Jackson seinen musikalischen Direktor und Keyboarder Brad Buxer zu sich, der im selben Hotel wohnte. Es war 10.30 Uhr am Morgen und auf Jacksons Anfrage hin kam Buxer sofort zu ihm. „Ich klopfte an, und sagte: ’O.K. Michael, ich denke, du hast mich gerufen, weil du die Sachen für SEGA hören willst [Jackson hatte zugestimmt, eine Melodie für das Video-Spiel Sonic The Hedgehog3 zu schreiben] Er sagte: „Nein, nein, ich möchte einfach etwas arbeiten.“ Es gab dort ein Piano, und ich begann irgendwas zu spielen, und er sagte ‚spiel einfach, spiel einfach nur‘.“ Buxer, der eine klassische Ausbildung hat und verschiedene Instrumente beherrscht, arbeitete seit vier Jahren eng mit Jackson zusammen. Stranger In Moscow war jedoch ihre bis dato bedeutsamste Zusammenarbeit. Während der Session im Hotel gab Jackson manchmal Anweisungen, manchmal hörte er einfach nur zu, bis er etwas hörte, was ihm gefiel. „Ich spielte ihm einen Abschnitt vor, und es gefiel ihm“, erinnert sich Buxer, „dann sagte er, spiel mir noch etwas anderes“, und es entwickelte sich genau zu diesen Akkorden. Es ist eine einfache Sequenz, aber mit einer eigenartigen Modulation. Terzen und Septimen sind in der Musik das A&O. Nimmst du von einem Dreiklang den Grundton und die fünfte Note– so wie das As und Es eines As-Dreiklangs und diese Noten dann als Dritte und Siebte eines neuen Akkords (in dem Fall E maj7) kannst du die Stimmung etwas verändern und es hat eine psychologische Wirkung. Du erhältst eine kraftvolle und doch fast unsichtbare Modulation, welche die Psyche beeinflusst nur dadurch, dass du eine Note verändert hast. Deshalb tat ich das. Und dann gibt es einen neuen Abschnitt mit Emaj7 zu A und Dmaj7 zum G, nur einen Schritt tiefer, gleiche Sequenz. Das sind die beiden Sequenzen und das war Stranger In Moscow“.

Als die Basissequenzen da waren, entwickelte Jackson die Melodie, die über den Noten der Akkorde schwebt. In nur eineinhalb Stunden hatten Jackson und Buxer im Wesentlichen den ganzen Song erschaffen. (Jackson vollendete später noch die bemerkenswerten Lyrics und fügte noch andere Elemente hinzu.)

Nicht lange, nachdem er diesen Song geschrieben und aufgenommen hatte, entschied Jackson, ein ganzes Album aus neuem Material zu schreiben, anstatt nur ein paar Aufnahmen zu einem Greatest Hits Album hinzuzufügen. Beide – Jackson und Buxer – wussten, dass sie etwas Außergewöhnliches erschaffen hatten. Indes fängt die anscheinend simple Moll-Ton-Ballade Stranger In Moscow, mit ihrem sparsamen Arrangement perfekt das Gefühl von der Leere ein, die ein Mann empfindet, der sich von der Welt um ihn herum entfremdet fühlt. Die Aufnahme beginnt mit dem Geräusch von Regen, dann kommt ein langsamer, mechanischer Beat dazu, (der sich auf Jacksons Beatboxing aufbaut) und der weiche Klang einer Gitarre. In den Strophen singt Jackson exquisite Call & Response Zeilen, deren Echo perfekt sein Gefühl der Isolation widerspiegeln. „I Was Wandering In The Rain“ singt er, „Mask Of Life, Feelin‘ Insane“. (Ich wanderte durch den Regen/ Maske des Lebens, ich verliere den Verstand) Es beginnt mit den wohl beeindruckendsten Zeilen in Jacksons Karriere, und erinnert an die Gedichte von T.S. Elliot oder Rainer Maria Rilke. Die fragmentierte Geschichte, die er präsentiert, handelt von kognitiver Dissonanz: Entweder die Welt verliert den Verstand, oder er selbst. Oder vielleicht sind es auch beide. Im Refrain fragt er wiederholt: „How Does It Feel?/How Does It Feel?/ When You’re Alone And You’re Cold Inside?“ (Wie fühlt es sich an/Wenn du einsam bist/ Und innerlich kalt) Die Frage bleibt jedoch durch den ganzen Song hindurch unbeantwortet in der Luft hängen. Später singt Jackson davon, „seinem Ruhm ausgeliefert“ zu sein. Er empfindet so etwas wie Betrug, Einsamkeit und Verzweiflung, was – wie es im Rolling Stone geschrieben wurde „dem Schmerz jedes Rockers von Seattle Konkurrenz macht.“ Er ist ein tragischer Charakter, ähnlich wie Jay Gatsby („es ist, was ihn quälte, der stinkende Staub, der sich in seine Träume einschlich“) Jackson beschreibt seinen Geisteszustand als „Armageddon Of The Brain“, die Wortgebilde, die er mit den Versen malt, sind so lebendig“, stellt der Musikkritiker Jonathan Conda fest, „…er setzt ein Leben in Schmerz in Kontext mit Gedankenbildern und dem Gefühl von Russland während des Kalten Kriegs.“ Gegen Ende des Songs hat Jackson eine Aufnahme eines KGB Agenten integriert, der fragt: „Warum bist du vom Westen hergekommen? Gestehe! Um die großartigen Errungenschaften der Menschen, die Erfolge der Arbeiter zu stehlen.“

Für Michael Jackson, einer Ikone der westlichen Welt, repräsentiert der Song ein faszinierendes Paradox: als ehemaliges schwarzes Kind der heruntergekommenen Straßen von Gary, Indiana, wurde er zum berühmtesten Pop-Star der Welt, er war ein wahr gewordenes Symbol des amerikanischen Traums. Zu Hochzeiten von Thriller erlaubte die damalige Sowjetunion nicht, dass dort seine Musik gehört werden durfte, sie musste als Bootleg eingeschleust werden. Jetzt, zehn Jahre danach, performte Jackson von hunderten und tausenden von Fans an solchen Orten wie Prag oder Moskau, während er im Grunde aus Amerika verbannt wurde. In dem Song steht er deshalb als Heimatloser, als Vagabund da. Er wurde von seinem eigenen Land und System benutzt und ausgespuckt. (ein „rasanter, plötzlicher Absturz“) Aber er ist auch ein „Fremder“ in Moskau. – gefangen in einem Hotel, wo „Stalins Tomb won’t let him be“ (Stalins Grab lässt ihn nicht sein) Er ist ein Ausgestoßener, ein unsichtbarer Mann, der sich deprimiert, heimatlos und einsam fühlt.

Durch das Musikvideo kommt jedoch ein wenig Erlösung. (was genau wie der Song selbst, oft zu wenig beachtet wird) Der Musikkritiker Owen Hatherly nennt es eine „impressionistische, semi-noir, Le Carré ähnliche Geschichte … Bettler und beeindruckende Gebäude einer Stadtlandschaft, die zum einen an Tim Burton, aber auch an Andrei Tarkovsky erinnern.

Unter der Regie von Nicholas Brandt verzichtet man auf theatralische Showelemente und Tanzchoreografien, wie in vielen Kurzfilmen Jacksons zu sehen, zugunsten von mehr Subtilem und Düsterem: eine visuelle Erzählung, in der die Leben von sechs isolierten Fremden dargestellt werden, während die Welt sich in Zeitlupe um sie herum dreht. Jackson identifiziert sich mit diesen „normalen Leuten“: Er ist ebenfalls alleine und wandert in einem schwarzen Regenmantel, wie ein Geist, unerkannt durch die Straßen. Etwa in der Mitte des Videos treten er und die anderen Charaktere jedoch hinaus in den strömenden Regen. Als ob jeder von ihnen durch das Wasser getauft würde, verändert sich etwas: Es ist, als ob diese schmerzhafte Entfremdung, die jeder von ihnen fühlte, vorübergehend weggewaschen würde, sie werden gereinigt und durch eine gemeinsame Erfahrung verbunden: ihrem Leiden. Das Paradox des Videos ist, dass sie nur miteinander in Verbindung treten können, indem sie einander ihre ihnen gemeinsame Einsamkeit und den Schmerz ausdrücken und sich dem öffnen.


Übersetzung: M.v.d.L.


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Kommentare

Eine Antwort zu „„Stranger In Moscow“ – Wie fühlt es sich an?“

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