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“A lot of people misunderstand me. That’s because they don’t know me at all.” – Michael Jackson

Die Chroniken Armond Whites „Keep On Moving: The Michael Jackson Chronicles“ verteidigen Michael Jackson gegen Vorwürfe des Antisemitismus und Kindesmissbrauchs. Gleichzeitig kritisieren sie Medien und prominente schwarze Denker für ihre Beteiligung an der Diffamierung von Jackson. Die Chroniken betonen auch, dass Jacksons kontroverse Arbeiten auf dem Album HIStory tatsächlich Machtstrukturen und gesellschaftliche Missstände herausfordern.

Auszug aus: Armond White – Keep On Moving, The Michael Jackson Chronicles.

Hier ist sie wieder: Die Wasserballonschlacht des „schwarzen Antisemitismus“, für gewöhnlich auf Rapper abgeschossen, hat sie nun den Genre übergreifenden Performer Michael Jackson zum Ziel. Der Ausdruck „schwarzer Antisemitismus“ und die Zurechtweisung, die er in sich trägt, wurden von Henry Louis Gates, Jr. geprägt – unter der Schirmherrschaft einer 1992 erschienenen Kolumne in der New York Times, die Gates Aufstieg an die Spitze der „schwarzen öffentlichen Intellektuellen“ deutlich ankündigte. Katzbuckelnd nach gleichwertiger Beachtung, hatte Nelson George von der Village Voice (New Yorker Wochenzeitung) Jackson der Kindesbelästigung schuldig gesprochen und, als unvermeidbare Folge dessen, das neue Album HIStory: Past, Present And Future, Book I verurteilt, da es kein Zugeständnis für Jacksons Fehlverhalten war. Diese Schreiberlinge, beide Strohmänner der Massenmedien, lassen die erste klappernde Mülllawine anklingen. Sie machen mit bei dem Plan, Schwarze, die für die Toleranz des weißen Amerika zu groß werden, zu diffamieren.

Dabei gehen weiße Kopfgeldjäger es geschickter an: Reporter wie John Pareles von der New York Times nehmen einfach ein paar Zeilen aus dem HIStory Album (aus dem zweiten Titel They Don’t Care About Us) und bekunden damit einen Rachefeldzug, der ihre persönliche Agenda gegen Schwarze offenbart. „Antisemitismus“ ist der Vorwurf, den Mainstream Medien als geeignete Waffe gebrauchen, um schwarze Popkünstler die Peitsche spüren zu lassen. Pareles thematisiert gedankenlos den Vorwurf, in dem er eine medienweite Kampagne in der Times, im Wall Street Journal, in Entertainment Weekly und auch noch darüber hinaus startet. Es war eine beiläufige Beschuldigung – so beiläufig grausam wie das Werfen des Henkerseils über den Ast eines Baums.

Diese Kulturberichterstatter versuchen Jackson, entsprechend der 30 Millionen Dollar teuren HIStory Werbekampagne von Sony Music, mithilfe von High-Tech zu lynchen. Ob es nun das Promoten seines Albums oder der Vergleich Jacksons mit den Nazis ist (wie es George und Diane Sawyer vom ABC-TV getan haben), in jedem Fall macht das doppelte Spiel des Big Business weiter mit seinen historischen Bestrebungen, Geld mit der Not von Schwarzen zu machen. Niemand will jedoch begreifen, dass Jacksons Exzentrik und Verirrungen die irregeleiteten Werte und die Ideologie amerikanischen Lebens widerspiegelt. Das 1991 erschienene Dangerous Album kündigte das Ende von Jacksons Unschuld und den Beginn einer komplexen und sich widersprechenden Empfindsamkeit an. Doch dies zu begreifen würde von Kritikern und Zuhörern gleichermaßen fordern, Verantwortung für die Aufrechterhaltung zerstörerischer finanzieller Ziele und weißer Macht zu übernehmen. Die verschrobene Realität Michaels treibt die amerikanische Weltanschauung zum Äußersten und zerreißt sie. Somit handelt er sich einen feindseligen Medienoverkill ein und keine schöngeistige Kritik. Und das ist genau das, was die Medien so abscheulich macht (Die Medien, mit ihrem ganzen Misstrauen gegen Jacksons „Egomanie“ übersehen ihre eigene.)

Kein Mainstream Kritiker war bereit zuzugeben, dass Jackson die Medien völlig zu Recht als Gegner ansieht. Sie verstehen sich als direkte Reaktion auf Kunst oder andere Ereignisse des Lebens. Die Macht der Kunst wird dadurch bewiesen, wie tief sie dich in die Erfahrungswelt des Künstlers hineinziehen kann. Wenn Kritiker von den reizvollen und pointierten Qualitäten von Jacksons Gesang beim einfallsreichen Arrangement von They Don’t Care About Us nicht zu Mitgefühl gezwungen werden, dann sträuben sie sich absichtlich dagegen. (Zum Beispiel ignorieren sie, dass They Don’t Care About Us, einer der stärksten Songs auf dem Album, einen Gitarrenpart aufweist, der Jacksons bislang besten Exkurs in die Hardrock Musik darstellt. Der schlagende Rhythmus des Songs könnte das Klatschen spielender Kinder auf einem Schulhof oder das Schallen von Ohrfeigen sein – es ist eine mahnende Erinnerung an die sozialkritische Leistungsfähigkeit gegenwärtiger schwarzer Popmusik. Sich über Jacksons „Selbstmitleid“ in seinem berührenden, zärtlichen Song Childhood auszulassen, ist einfach eine Chance für Kritiker, mit Einseitigkeit, statt mit Rücksichtnahme zu prahlen.)

Das ist die Art, mit der weiße Journalisten die Komplexität schwarzer Kunst verleugnen. Pareles zerstört mit seinem „die Times will verächtlich damit umgehen“ die großartige Botschaft des Songs. They Don’t Care About Us ist offensichtlich eine Strafpredigt gegen Bigotterie (gerissener, mutiger und punktgenauer als Janet Jacksons The Knowledge auf ihrem Rhythm Nation Album). Michaels Zeilen: „Handelt mich runter, verklagt mich/ haut mich alle übers Ohr/ tretet mich, tretet mich/ macht mich nicht schwarz oder weiß“ ebnet den Weg für Solidarität. Mit offensiver Sprache identifiziert er sich mit der Art und Weise, wie Menschen missbraucht werden. Mit dem Umwandeln von Ethnophaulismen (herabsetzende und verunglimpfende Ausdrücke für ein Volk, eine Nation oder eine landsmannschaftliche Gruppe) in Verben, wiederholt Jackson nicht etwa die Verunglimpfungen, er setzt die Worte als Instrument bigotter Praktiken ein. Da gibt es keine „Doppelbödigkeit“, wie sie Axl Rose für sein One In A Million beanspruchte, doch Jackson unternimmt ein „eins zu einer Million“ Wagnis, indem er eben gerade nicht die konventionellen Attribute für Schwarze benutzt (die heute alltäglich und ohne jeden Sinn und Zweck von allen gebraucht werden, von Rappern hin zu Quentin Tarantino).

Als er das Tabu gebrochen hatte und viele jüdische Künstler, die in der Öffentlichkeit stehen, ihm das Zitieren von antijüdischen Beleidigungen übelnahmen (selbst in der gegenwärtigen Kontroverse über bigotte Sprache), hatte Michael einen wunden Punkt getroffen und nahm den Kampf auf, die Rechtmäßigkeit seines eigenen Zusammengehörigkeitsgefühls zu beweisen. Außerdem verleihen die Eingangsworte „Skinhead, Totenkopf, alle sind verkommen“ dem Song They Don’t Care About Us die gleiche komplexe, moralische Reichweite wie Morrisseys The National Front Disco. Jackson erklärte:

„Der Song handelt in Wirklichkeit von den Leiden, die Vorurteile und Hass anrichten, und es ist ein Weg, die Aufmerksamkeit auf soziale und politische Probleme zu lenken. Ich bin die Stimme der Beschuldigten und Angegriffenen. Ich bin jedermanns Stimme. Ich bin der Skinhead, ich bin der Jude, ich bin der Schwarze und ich bin der Weiße.“

Als die Times frech darauf reagierte, indem sie Michael Jackson einen Antisemiten nannte, beging sie damit Rufmord. Die sinnlose Anschuldigung passte nicht mit dem Stil und der Bedeutsamkeit von Jacksons Liebe-Unschuld-Brüderlichkeits-Karriere zusammen. Seine noch immer jugendliche Stimme ist wunderbar leidenschaftlich erwachsen geworden und mit ihr singt er konsequent gegen Rassismus an, wie in seinen tränendurchtränkten Plädoyers im Earth Song: „Was ist mit den weinenden Menschen/ was ist mit Abraham?“.

Wieder einmal werden die Probleme in den Beziehungen zwischen Schwarzen und Juden verfälscht durch die Arroganz von Zeitungsherausgebern, die darauf abzielen, schwarze Ausdrucksformen zu kontrollieren oder sie zu verurteilen. Als Journalisten versuchten, Public Enemy 1988 mit den gleichen Anschuldigungen zu lynchen, gelang es ihnen lediglich geringfügig, das Bindeglied schwarz-jüdischen Mitgefühls zu belasten. Man könnte meinen, dass sich die Schreiberlinge, die auf dieser Hexenjagd bestehen, insgeheim zweierlei wünschen: jegliche schwarz-jüdische Allianz zu verhindern und zu kontrollieren, wie schwarze Künstler sich bewähren.

Leider wurden viele dieser Herausgeber-Zensuren von Wachhunden wie Gates und George gebilligt, die die Komplexität schwarzer Ausdruckskraft mit den speziellen Interessen der Mainstream Medien verwechseln, auch wenn diese Dinge sich angesichts der harten amerikanischen Geschichte und Industrie kaum decken. Jackson selbst mag dem Druck erlegen sein, als er eine unnötige Entschuldigung für den Song herausgab, was wieder einmal seine Unschuld und Naivität bewies. Doch in Wirklichkeit ist They Don’t Care About Us eine extrem gewissenhafte Komposition. Jackson zeigt Intelligenz und Mut in der schrägen Darstellung anti-jüdischer Sprache, um genau das zu zeigen, was es in den meisten Fällen ist: ein Ausdruck korrumpierter Macht, im Allgemeinen handelt es sich um Gemeinheiten der Weißen und nicht um Antipathie der Schwarzen. Dies resultiert zweifellos aus der politischen Debatte der späten 80er, die die Rap-Musik vorantrieb, die es jungen Schwarzen ermöglichte, ihre Ursprünge, Verzweigungen und Bedeutungen für politische Rhetorik zumindest zu berücksichtigen. Pareles‘ Paranoia deutet auf die Abwehrhaltung eines Menschen hin, der schuldbewusst das Gefühl haben mag, ein wenig Verachtung gegenüber Schwarzen sei nun fällig (Kritiker verhöhnen Jacksons selbsterklärte ungerechte Behandlung, da er im Zeitalter der „Political Correctness“, wie viele Rapper auch, die offensichtlichen Übeltäter verärgert.) Dieser staatsanwaltschaftliche Gebrauch der Medien erzeugt Misstrauen und Verspottung. Wem ist Pareles Rechenschaft schuldig? Besser als die meisten Journalisten räumt er zumindest, wenn auch widerwillig, die musikalische Genialität des Albums ein. Der Großteil seines Artikels zeigt jedoch die Art und Weise auf, in der Kulturkritiker eine ideologische Blockade aufbauen, um zu verhindern, dass schwarze Kunst verstanden wird. Es ist ein unbeabsichtigtes Eingeständnis dafür, wie weiße Pop-Kritiker schwarze Künstler von ernst zu nehmender Wertschätzung ausschließen. Doch They Don’t Care About Us macht mit der einseitigen, scheinheiligen Rassendebatte unserer Nation reinen Tisch. Jackson zeigt die unterschiedlichen Probleme in aller Deutlichkeit, indem er für eine Veränderung des Herzens einsteht.

Jedem, der Morrisseys Your Arsenal gehört hat, wird Jacksons politischer Dünkel in They Don’t Care About Us vertraut sein, doch da ist noch mehr: Die einsame Betroffenheit des Künstlers vergrößert sich noch im gemeinsam gesungenen Refrain des Earth Song. Der Chor unterstützt ihn: Die Zeilen „Was ist mit uns … Was ist mit uns!“ sprechen erst voller Sehnsucht, dann schneidend den Zeitgeist, die Wirren und die Unzufriedenheit an. Die sprachgewaltigen, emotionalen Überlagerungen in diesem Chor-Gewitter drücken die Geschichte der Schwarzen und der gesamten Menschheit aus. Michaels Genialität bringt unerwartete, komplexe Gefühle in jeglicher musikalischen Form zum Ausdruck.

Angesichts dieses reichhaltigen, emotionalen und historischen Hintergrunds sind diese falschen Anschuldigungen durch „verantwortungsbewusste“ Medien in der Tat ungerechtfertigt. In HIStory verdeutlicht Jackson soziale Unstimmigkeiten ohne sektiererische Vorträge und in einer Weise, wie es selbsterklärte Experten wie Gates niemals tun. Aus Jacksons Kunst resultiert ein großes Maß an intellektueller und moralischer Macht und genau dieser Macht scheinen die Medien ein Ende bereiten zu wollen.

„Tired of injustice (der Ungerechtigkeit überdrüssig)“, die erste Zeile von Scream, erscheint durch die Bemerkung über das bizarre Vergnügen, das weiße Journalisten darin finden, Jackson, den Macher der edelsten Kunst, die dieses Land hervorbrachte, zu entzaubern wie eine Vorahnung. Die anti-HIStory Artikel quellen über vor (rassistischer?) Missgunst. Sie veranlassen einen dazu, schreien zu wollen.

Wenn schwarze Künstler die Aufmerksamkeit der Mainstream Medien einzig durch Skandale erreichen, bleibt ihre Kunst unbeachtet. Und da dies für fast jeden schwarzen Amerikaner gilt, der einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, trifft Jacksons Scream, einen nachhallenden Nerv jenseits von Terry Lewis und Jimmy Jams harter Techno-Funk-Produktion.

Scream spricht ein größeres Thema als Michaels persönliche Wehen an – der Song charakterisiert ein Gefühl, das Vanessa Williams, Mike Tyson, Clarence Thomas-Anita und sogar O. J. Simpson gemein ist. Es gibt derzeit selbst bei Superstars ein gemeinschaftliches Erleben von Ungerechtigkeit, das leichte Unterschiede zu bloßer Ungerechtigkeit, Missachtung, Verleumdung und Klischee-Denken, das den Schwarzen von der weißen (Medien) Macht historisch auferlegt wurde, aufweist. Sind Schwarze unverbesserliche Verlierer oder ist ihre Not eine Art Reflex des institutionalisierten Rassismus? Michael widerlegt diese beispiellose Ungerechtigkeit mit einem Schlag.

In Mark Romaneks Video Screamkann man Jackson mit Duett-Partnerin Janet, seiner Schwester, in einem Raumschiff sehen. (Michaels und Janets Stimme ähneln sich in den hohen Tönen derart, dass das Video lohnenswert ist, und zwar schlicht, um herauszufinden, wer gerade was singt.) Ihre beabsichtigte Isolation spielt in einem strahlend hellen, hoch kontrastreichen, schwarz-weißen Cyber-Solipsismus, der an die psychedelischen Grundlagen von Romaneks Bedtime Story Video für Madonna erinnert, wie auch an die neue Hippie-Rotunde (kreisförmiges Bauwerk) seines Lenny Kravitz‘ Videos Are You Gonna Go My Way. Romanek legt das heutige High Tech Lynchen wörtlich aus, indem er es mit den hintersten Ecken elektronischer Kommunikation vernetzt und es mit Verweisen auf Warhol, das Internet und moderne Kunst verkompliziert. (Scream könnte man auch Willkommen in der Kuppel des Terrors, Teil II, nennen.)

Michaels und Janets Isolation rührt von dem Bedürfnis her, sich zu verbinden und leidet unter dem Bedürfnis zu entfliehen. Es ist eine afroamerikanische Metapher. Erfolg als Megastar macht aus Schwarzen Freaks – die Jackson Geschwister atmen die dünne Luft des Kompromisses, der Veränderung und des Unbehagens. Michael und Janet sehen nicht aus wie durchschnittliche amerikanische Schwarze, doch in jedem Falle überirdisch. (Die Reichen werden anders als wir.) Sie prallen von den Wänden in Romaneks Science Fiction Bühnenbild ab wie Radarsignale in einem Opal-farbigen Feld mit kleinem grauem Kampfplatz – einfach visuell/emotionale Gegensätze von glazialer Kälte und Obsidian-farbiger Verwüstung. Es ist ein moralisches Farbschema. Michaels kuriose Mandarinenblässe und Janets Weltraumkätzchen Glamour vergrößern noch ihre entsetzliche Bedrängnis – es gibt keinen Ausweg.

Nur Janets Rap Einlage enttäuscht („Als ich heute Abend den Fernseher einschaltete/ war ich von all der Ungerechtigkeit angewidert), ärgerlicherweise ist das zu prinzessinnenhaft. Michael jedoch hört sich aufrichtig verärgert an, so als ob er wüsste, was „Ungerechtigkeit“ bedeutet (In den amerikanischen Medien hört niemand einen Schwarzen schreien) Und die Zuversicht in Jacksons hymnenartigem Widerstand – er singt mit wutschnaubender Unerschrockenheit – besagt, dass er bisher noch nicht am Boden liegt. Jam/Lewis industrieller Schliff verteilt Arschtritte, während die Verzweiflung in Michaels Stimme den Titel durchzuckt. Seine rhythmischen „dada“ Äußerungen hören sich nahezu freudianisch an, als sie zu den Textzeilen „hört auf, Druck auf mich auszuüben/es bringt mich dazu, schreien zu wollen“ führen. Der in Screamgeäußerte Trotz muss sich seit den Jahren der Jackson Five aufgestaut haben.

Scream reagiert auf das Phänomen gegenwärtiger Verleumdung von Schwarzen. Der Song brüllt Angst, Diffamierung, Verunglimpfung, Degeneration, Lügen, Beschmutzung, und Unterstellungen nieder, die Entsprechung der heutigen Medienwelt zu Segregation, Diskriminierung, Feindseligkeit, Beschuldigung und Misstrauen. In diesem Wissen geht Michael über seine Verärgerung auf dem Dangerous Album hinaus (er hat gelernt, wie er seinem Ärger eine Stimme verleihen kann). Und in Scream, wie auch in anderen neuen Titeln des HIStory Albums, betont er den für gewöhnlich verschwommenen Bereich, an dem gefeiert sein und Rufmord zusammenlaufen.

Die erste Hälfte des HIStory Albums selbst ist ein ernsthafter, anspruchsvoller Kreislauf von Songs. Scream, They Don’t Care About Us, Stranger In Moscow, This Time Around und Earth Song entwickeln sich von Zorn zu verdrossener Entschlusskraft. Es ist der persönliche Ausdruck sozialen Bewusstseins, das den silbischen Pausen von History anhaftet, die dann in eine subjektive Erzählung übergehen. Man muss bereit sein zu akzeptieren, dass nahezu alles, was Michael Jackson tut, die Aufträge rassistisch-kapitalistischen Show-Business widerspiegelt – wie skandalös auch immer – und dass dies die harte, besorgniserregende Wahrheit, die seine Kompositionen, die er als Erwachsener schreibt, untermauert. Zuhörer, die dies leugnen, werden sich damit zufriedengeben, das alles Michaels persönlichen Neurosen zuzuschreiben. Doch die Voraussetzungen für Besessenheit, Verdrängung und Manie beginnt mit einer großen und gleichzeitig kleinen sozialen Einflussnahme, der wir alle unterliegen. Dies ist analog zu den Gegebenheiten des Lebens, die Schwarze in Amerika zu lernen gezwungen sind. Durch die Eindringlichkeit von Michaels Musik und durch seine Stimme überzeugt HIStory einen von dieser unabwendbaren Sichtweise.

HIStorys überschwängliche erste Disc mit seinen größten Hits wird von der zweiten Disc mit mitreißenden, neuen Songs abgelöst, einer berührenden Zusammenstellung, in der die Verderblichkeit später auf dem Album in Michaels wunderbarer Komposition Money widerhallt.  Money erkennt, was die Umstände seiner Karriere antreibt und untersucht genauestens die Moral öffentlicher Handlungen. Moralisch verwandt mit der Public Enemys Jeremiade (Klagelied) Muse Sick-N-Hour Mess Age, kritisiert Money Heuchelei und die Opfer, die Menschen ihrem Neid bringen. Dies ist nicht nur eine Erwiderung auf einen Motown Song (Barrett Strongs Money), seine Basslinie ist aufschlussreich, da sie Don’t Stop ´Til You Get Enough zitiert. Tänzer und Zuhörer müssen innehalten und Michaels eigene Karrierehandlungen und ihren eigenen Sinn für Schuld überdenken.
Money dient besser als Zusammenfassung als der Titelsong History, der den Gebrauch von banalen Standard-Zeitungsausschnitten und Schlagworten zu deutlich, fast schon rührselig aufzeigt, doch das ist der einzige triviale Schnitzer. Jacksons Kunstfertigkeit wird am augenscheinlichsten in den Tempi, ein komplexer Ausdruck von persönlicher musikalischer Bedeutung.

In seinen besten Augenblicken ist die HIStory Disc der neuen Songs das bislang beste Pop-Album des Jahres. Damit, dass er seine Wut und seine soziale Fürsorge musikalisch herausließ, hat Jackson das emotional/politisch abenteuerlichste (Nicht-Rap) Album des Jahres erschaffen.

This Time Around zieht andere Seiten auf, es wird sogar gotteslästerlich – und zeichnet sich durch einen Rap von Notorious B.I.G. aus, bei dem Michael die härtere Seite des Hip-Hip würdigt: Missgunst. Die Gangsta Pose passt nicht zu ihm, er identifiziert sich nur mit ihrem Groll. In Stranger In Moscow – einem seiner schönsten Titel seit Billie Jean – beschreibt Michael seine Einsamkeit in anmutigen Bildern und feinfühligen Klängen. Die Geschichte über seine, aus dem Takt geratene, doch tief in seiner Seele verwurzelte, Qual ist sprachgewaltig genug, Entfremdung in Pop-Begriffen mit einem Geheimnis zu umgeben und eine nochmalige Prüfung der Ära nach dem Kalten Krieg und nach den Ängsten, um die Menschenrechte hervorzurufen.

Der letzte Titel, Jacksons grandiose Interpretation von Charlie Chaplins Smile, gesungen in unsentimentaler, nahezu heiterer Weise in niveauvoller Artikulation, besitzt eine ganz persönliche Botschaft: ein klares, eindeutiges „Fuck You“ an all seine Lästerer. Smile arbeitet auf der Höhe von „Adel verpflichtet“ – einer Klassen-bezogenen Wohltätigkeit, die viele Medien den Schwarzen Amerikas verweigern (was die weißen Medien im Besonderen Jackson verweigern). Es braucht schon ein gewisses Maß an Frechheit, um diese Eigenschaft für sich zu beanspruchen, genau wie Gnade und Güte. Somit ist auch Smile lehrreich: Michael weist auf den sanften Touch hin, der mit Macht einhergehen sollte, es ähnelt der schlendernden Eleganz, die Schwarze in ihrer Geduld widerspiegeln, obgleich sie unterdrückt werden. (Erinnern Sie sich an die Zeit, als Nat King Cole im Fernsehen Smile sang? Es war zur Zeit der Gegenreaktion auf die Bürgerrechtsbewegung, doch er gab Hoffnung.)

HIStorys Schritt von Scream hin zu Smile, von persönlicher Qual hin zur Inbesitznahme der Glaubensworte eines weißen Künstlers, enthält alles Wesentliche über Michaels einzigartige Feinfühligkeit. Dieses Album ist voll von unbeugsamer, tiefster Zerknirschtheit, für jeden wahrnehmbar, der je verletzt wurde. Nur der Taube wird sich ihm entziehen und nur der Herzlose wird es ablehnen.

The City Sun

28. Juni – 4. Juli 1995

Fortsetzung Teil II: Schreien, um gehört zu werden – Buch II


Übersetzung: Achildsbliss


Dazu sehr informativ, sehenswert und aufschlussreich sind die auch Videos des MJ Academia Project – hier mit deutscher Übersetzung

MJ Academia Project Deutschland – Manche Dinge im Leben wollen sie einfach nicht sehen

Die weiteren Teile finden sich bei YouTube …

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Eine Antwort zu „HIStory: Schreien, um gehört zu werden – Buch I“

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