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„Michael, Marlon & Elizabeth“ oder der Road Trip, der niemals stattgefunden hat

by on 1. February 2016

Original: https://annemarielatour.wordpress.com/2016/01/28/michael-marlon-elizabeth-or-the-road-trip-that-never-was/#more-3046

Man stelle sich vor: Michael Jackson, Elizabeth Taylor und Marlon Brando teilen sich ein Auto, um am 11. September 2001 (9/11) aus New York zu fliehen. Verrückt? Nicht laut dem britischen Sender Sky Arts, der gerade einen Kurzfilm zu diesem Thema dreht. Jetzt stelle man sich folgendes vor: Michael Jackson hilft am 9/11 in Not geratenen Fans in New York City mit Unterkünften und Essen, bis sie sicher nach Hause abreisen können. Noch verrückter? Nicht laut denen, die Hilfe von Jackson erhalten haben. Das Folgende muss man über den King of Pop, 9/11 und den Road Trip, der niemals stattgefunden hat, wissen.

Road Trip 1

(Foto: chriskensler.blogspot.nl)

Drei Ikonen in einem Leihauto

Als die Twin Towers eingestürzt sind, quetschen sich Michael, Liz und Marlon in ein Leihauto, um 500 Meilen nach Ohio zu fahren, da alle Flüge nach und aus New York einem Flugverbot unterliegen. Unterwegs rafft das Trio allerlei Junkfood zusammen und unternimmt eine läuternde Reise. Voilà: das ist die Handlung des Road Movies Michael, Marlon & Elizabeth, das von Sky Art als Teil einer Comedy-Serie über unglaubliche Storys der Kunst- und Kulturgeschichte produziert wird.

Klingt wahnsinnig komisch? Das ist genau das, was den Produzenten laut Joseph Fiennes, dem Schauspieler, der Jackson darstellt, vorschwebt. „Es ist eine Herausforderung. Es ist eine Komödie. Keine mit gemeinem Humor, aber es ist eine Story, vielleicht eine moderne Legende, in der Michael, Marlon Brando und Liz Taylor am Tag vor 9/11 wegen eines Konzerts zusammen waren. Der Luftraum war gesperrt, sie konnten nicht raus und Michael hatte die glänzende Idee, ein Auto zu mieten und zu fahren“, sagte er kürzlich gegenüber WENN.

Comedy kann natürlich lustig sein und jeder mit hoher öffentlicher Bekanntheit wird früher oder später zur Zielscheibe des Spotts. In den meisten Fällen ist es harmlos und man sollte nicht beleidigt sein. Aber in Jacksons Fall besteht der Unterton der Sticheleien und Witze zu oft aus Spott und Verachtung und lässt zu wenig oder garkeinen Raum für Wahrheit und Reflexion – Elemente, die den Unterschied zwischen Comedy und Verleumdung ausmachen.

Road Trip 2

Elizabeth Taylor, Michael Jackson und Marlon Brando

Gänzlich weiße Besetzung

Neben Spike Lee haben nur sehr wenige Filmemacher und Dokumentarfilmer seriöse Arbeit über Jacksons Musik und visuelle Kunst produziert. Sky Arts, ein Sender, der behauptet, sich auf Kunst und kulturelle Geschichte zu konzentrieren, hat beides nicht getan. Stattdessen haben sie eine Inszenierung mit gänzlich weißer Besetzung kreiert, die schlicht und einfach Jacksons herausragende Leistungen in der Geschichte der schwarzen Musik ignoriert.

Joseph Fiennes, ein weißer britischer Schauspieler, der durch seine Hauptrolle in Shakespeare in Love bekannt wurde, stellt die afroamerikanische Musikikone dar. Das scheint hinsichtlich der aktuellen Debatte bezüglich der „weißen Oscars“ (#OscarsSoWhite) eine heikle Wahl zu sein. Sky Arts „macht die Integrität der kreativen Vision zum Herzstück all seiner ursprünglichen Aufgaben.” In der offiziellen Stellungnahme des Senders heißt es „wir glauben daran, den Produzenten die kreative Freiheit zu geben, Rollen im von uns festgelegten Rahmen der Vielfältigkeit zu besetzen, wie sie das möchten.“

Neben Fiennes spielt die amerikanische Schauspielerin Stockard Channing – die Betty Rizzo in Grease spielte – Liz Taylor und der schottische Schauspieler Brian Cox – bekannt für seine Rolle in Rob Roy und Braveheart – Marlon Brando. Gemeinsam wurden die drei gefragt, ob sie eine halbe Stunde Comedy füllen – geschrieben von Neil Forsyth und produziert von Ralf Little.

Road Trip 3

Michael Jackson (links) und Joseph Fiennes (rechts)

Jackson in New York City

Starbesetzung hin oder her: was ist die Pointe dieser Geschichte? Wer macht sich Gedanken darum, was Jackson an 9/11 gemacht hat, mit wem er zusammen war oder wie er nach Hause gekommen ist? Da das Thema auf dem Prüfstand steht, macht es Sinn, herauszufinden, was passierte, als Jackson in New York war. Warum war er eigentlich dort? Was hat das mit Elizabeth Taylor und Marlon Brando zu tun? Und gab es wirklich einen Road Trip?

Jackson war in New York City, um am 7. und 10. September 2001 im Madison Square Garden aufzutreten. Das Konzert wurde von CBS Television als zweistündiges Special ausgestrahlt, um Jacksons dreißigjähriges Jubiläum als Solokünstler zu feiern. Neben Jackson waren seine Brüder, eine Menge Künstler und zwei seiner engsten Freunde auf der Bühne: Elizabeth Taylor und Marlon Brando.

Am Abend des 10. September kehrte Jackson ins Palace Hotel zurück, das 30 Minuten vom World Trade Center entfernt ist. Frank Cascio, der zu jenem Zeitpunkt für Jackson gearbeitet hatte, erinnerte sich an die Entscheidung, New York kurz nach den Anschlägen zu verlassen: „Wir packten unsere Sachen und trafen Michael, Paris, Prince, Grace [Jacksons Kinder und die Nanny] und meine Brüder Eddie, Dominic und Aldo beim Auto. Ich schlug vor, das Haus meiner Eltern anzusteuern“, schrieb Cascio in seinem Buch My Friend Michael. Da Cascios Eltern in der Nähe in Franklin Lakes, New Jersey lebten, dauerte die Fahrt weniger als eine Stunde, weil Jackson erlaubt wurde, die George Washington Bridge zu überqueren, die für alle anderen Fahrzeuge gesperrt war.

Nachdem er einige Tage bei den Cascios verbracht hatte, wollte Jackson schließlich nach Hause zurück. An diesem Punkt beginnen sich die Geschichten über Jacksons Abreise zu unterscheiden. Zwei Jackson-Biografen, Randall Sullivan und Steve Knopper, geben Jacksons umstrittenen Mitarbeiter Marc Schaffel als ihre Hauptquelle zu diesem Thema an.

Schaffel erzählt eine bizarre Geschichte, in der Jackson mit einem Privatjet, der seiner Plattenfirma Sony gehört, nach Hause fliegen möchte. Er steht vor einem Dilemma, da Schauspieler Mark Wahlberg, der sich ebenfalls in dem Gebiet befindet, die selbe Maschine nehmen möchte – eine Story, die Wahlberg bestritt. Obwohl Sony zu Gunsten Jacksons entscheidet, beschließt er schließlich, den Flieger doch nicht zu nehmen. Laut Knopper nimmt Jackson dann einen Tourbus, um nach Kalifornien zurückzufahren, während Sullivan behauptet, dass Jacksons Entourage mit dem Sony-Jet fliegt, und Jackson ein anderes Privatflugzeug organisiert, um seine Kinder, seine Nanny und sich selbst zurück nach LA zu fliegen.

Road Trip 4

Twin Towers am 9/11

Was ist mit dem Road Trip?

Was bedeutet das für den Road Trip mit Taylor und Brando? Die Quelle für diese Geschichte ist ein Vanity Fair Interview mit einem Assistenten von Liz Taylor. Indem sie eine Story kreieren, in der sich Jackson, Taylor und Brando aus dem Staub machen, ist die Grundlage für eine surreale Story über Jacksons Leben geschaffen. Obwohl das Märchen noch im selben Vanity Fair Artikel von einem anderen Mitarbeiter Taylors entlarvt wurde, griffen andere Medien die sonderbare Story auf, um eine noch umfangreiche Geschichte daraus zu spinnen. 2015 veröffentlichte zum Beispiel ein Autor der New York Post, Zadie Smith,  Escape from New York (Flucht aus New York), ein fiktionales Werk, das auf der inzwischen zur modernen Legende gewordenen Geschichte über Jacksons Road Trip basiert.

Aber das beantwortet immer noch nicht die Frage, was Jackson am 9/11 gemacht hat. Jacksons Neffe TJ Jackson, der im Namen der Familie sprach, erklärte gegenüber Entertainment Tonight: „Meine Familie und ich finden es widerwärtig, dass mein Onkel Michael in einer Comedy dargestellt wird, die um 9/11 stattfindet. Wie jeder andere war er bestürzt, betrübt und versuchte zu verarbeitet, was gerade passiert war. Nach 9/11 blieb mein Onkel Michael eine Woche bei einem Freund der Familie in New Jersey bevor er zurückgeflogen ist. Der Rest unserer Familie benutzte unmittelbar Busse nach Los Angeles, da keine Flugzeuge geflogen sind. Es gab keinen Road Trip mit Elizabeth Taylor und Marlon Brando.“

Road Trip 5

New York Post Fiktion „Escape from New York”, 2015

Ein anderes Licht

Und das ist nicht alles. Es gibt weitere Geschichten, die ein anderes Licht auf Jackson und 9/11 werfen. Offensichtlich verließ Jackson nicht einfach die Stadt, stattdessen schickte er seine Bodyguards mit seiner Kreditkarte zurück, um dafür zu sorgen, dass seine Fans zu Essen hatten, schlafen konnten und nach Hause kamen. Ein Fan postete den folgenden Bericht auf ihrem Blog:

„Michael verließ an diesem Morgen das Palace Hotel, wo er untergebracht war, aber er schickte sein Sicherheitspersonal jeden Abend in die Stadt zurück, um nach uns zu sehen und dafür zu sorgen, dass wir alle genug Geld und eine sichere Bleibe hatten . Etwa eine Woche nach den Anschlägen fuhr der Sicherheitsdienst Michaels Tourbus in die Stadt, um die verbliebenen Fans einzusammeln; wir aus Europa waren etwa noch ein Dutzend.“

„Auf Michaels Anweisungen – und seine Rechnung – brachten sie uns zu McDonalds und ins Kino und dann fuhren sie uns zu dem Hotel in New Jersey, wo er sich aufhielt. Wir bekamen Michael an diesem Abend nicht zu sehen, aber er rief regelmäßig an, um zu sehen, wie es uns ging und er lud uns ein, die Nacht in dem Bus zu verbringen, der viele Kajütenbetten hatte – jedes mit seinem eigenen DVD Bildschirm. In einer sehr beängstigenden Zeit und an einem sehr erschreckenden Ort sorgte Michael dafür, dass wir uns sicher und beschützt fühlten.“

Ein anderer Fan teilte eine ähnliche Geschichte: „Gerade bevor wir am Abend aufbrechen wollen, sehen wir Michaels Bodyguards über die Straße auf uns zu kommen. Sie erzählen uns, dass Michael ihnen gesagt hat, sie sollen nachsehen, ob wir alle OK sind. Sie erzählen uns, dass er und die Kinder in Sicherheit sind, dass sie in New Jersey sind und dass Michael sich um uns sorgt. Wir sagen ihnen, dass die meisten von uns ein Hotelzimmer haben und dass wir uns um die kümmern, die keines haben.“

„Als wir zum Palace Hotel kommen, sehen wir, dass die meisten Fans hier sind. Wir erfahren, dass manche Fans ohne Hotelzimmer übrig geblieben sind, nachdem letzte Nacht alle abgereist waren. Sie erzählen uns, dass Michaels Bodyguards zurückgekommen sind und als sie hörten, dass sie nirgends hin konnten, riefen sie Michael an. Unglaublich: Michael wies die Bodyguards an, die Fans ins Hotel zu bringen und sie in seiner Suite bleiben zu lassen. (…) Am Nachmittag kamen Michaels Bodyguards zurück, um nach uns zu sehen. Sie bringen uns Essen aus dem Hotel und versuchen uns dabei zu helfen, Informationen von der Fluggesellschaften zu bekommen. Sie sagen uns, Michael habe sie angewiesen zu bleiben und sicher zu stellen, dass wir OK sind, bis die Flughäfen geöffnet sind und wir nach Hause können.“

Road Trip 6

Jackson bedankt sich bei seinen Fans während des Specials zu seinem 30-jährigen Jubiläum

 Gestrandet aber nicht vergessen

Das Bild, das aus diesen Geschichten aus erster Hand entsteht, ist völlig anders als das eines ausgeflippten Jackson, der sich mit zwei seiner besten Freunde auf einen Road Trip begibt. Ja, Jackson verließ New York, um seine Kinder und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Doch statt mit Taylor und Brando auf der Rückbank herumzufahren, half Jackson seinen gestrandeten Fans in der Folgezeit nach 9/11. Darüber hinaus organisierte er einen Monat später das „United We Stand“ Benefizkonzert, das 3 Millionen Dollar für verschiedene Hilfsorganisationen einspielte, die Opfer und Familien der Anschläge von 9/11 unterstützen.

Wäre das nicht eine wundervolle Geschichte, die erzählt werden könnte – anstelle eines Road Movies, der auf einer lächerlichen Geschichte basiert, die nie passiert ist?

Das Ruder in der Hand

Alles beginnt mit jenen, die das Ruder in der Hand haben. Vielleicht könnte Sky Arts beginnen, die Quellen, auf denen ihre „Integrität der kreativen Vision“ basiert, näher zu betrachten. Bei Integrität geht es nicht um eine hirnlose Geschichte in Vanity Fair. Bei Integrität geht es nicht darum, Musik- und Filmikonen im Zusammenhang mit 9/11 zu verspotten. Bei Integrität geht es auch nicht um ein Filmkonzept, das weit davon entfernt ist, originell zu sein. Die Idee wurde bereits 2007 in der erfolglosen Comedy Mister Lonely erkundet, in der ein Jackson Double auf einen Marilyn Monroe Impersonator und ihre Großfamilie mit skurrilen Charakteren trifft.

Also was verspricht Michael, Marlon & Elizabeth? Einen guten Lacher? Einschaltquoten? Reichlich Pfunde? Oder vielleicht alles zusammen? Was für eine Schande. Sky Arts hätte es so viel besser machen können. Es bedarf einzig der Courage, Jacksons Geschichte als das zu akzeptieren, was es ist: eine 9/11-Geschichte über Freundlichkeit inmitten einer Katastrophe. Es mag nur eine unter vielen solcher Geschichten sein, aber es ist keine, die einfach abgetan oder in eine groteske Fiktion verwandelt werden darf. Die „Freak Geschichte“ von Jacksons Leben hat schon lange das Verfallsdatum überschritten. Zieht weiter, Leute. Zieht weiter. Es gibt bessere Geschichten zu erzählen.

© Annemarie Latour (Original)

Bemerkung: Michael, Marlon & Elizabeth wird 2016 bei Sky Arts ausgestrahlt. Ein genaues Prämieredatum wurde bis jetzt nicht bekannt gegeben.

**********

Marlon Brandos Estate äußert sich zu diesem Road Trip:

Brando

Obwohl diese Story unterhaltsam und einfallsreich sein mag, ist sie absolut 100% fingiert

Omer Bhatti, 30.Jänner 2016:

Bhatti

DIESER ROAD TRIP FILM IST REINER SCHWACHSINN!! DER SOGENANNTE ROADTRIP FAND NOCH NICHT EINMAL STATT. ICH BESTÄTIGE DAS!

Sie haben schon immer Weiße gecastet, um bedeutende Schwarze darzustellen, zB. wenn Weiße königliche Ägypter in Filmen spielen… MJ machte mich darauf aufmerksam.

Er mochte das nicht. Aber erinnert ihr euch, dass er eine gänzlich schwarze Besetzung in Remember The Time hatte? Ich denke, er waeotypenr einer der ersten, die das gemacht haben. Machte es richtig

Jetzt versuchen sie, diesen anderen Schwachsinn mit ihm zu machen. Versuchen, die Geschichte zu verändern. Für uns ist das nicht ok!

Weiterführende Artikel zum Thema:

Michael Jackson: Unterwanderung von Blackface Stereotypen

Bin ich das Biest, das du dir vorstellst? Der kulturelle Missbrauch Michael Jacksons (von Joe Vogel)

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From → Allgemein

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