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In diesem Artikel werden die Verbindungen und Parallelen zwischen dem King of Pop, Michael Jackson, und dem deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche untersucht. Beide Mรคnner wurden von ihrer Hingabe zu ihrem jeweiligen Werk und ihrer Vision von der Welt angetrieben und galten als tragische Figuren. Jacksons kรผnstlerische Ausdrucksformen und Nietzsche’s philosophische Ideen wurden verglichen, um einen tieferen Einblick in ihre Persรถnlichkeiten und ihre jeweiligen Leistungen zu geben. Durch ihre fiktive Partnerschaft wird auch gezeigt, wie die Welt der Popmusik und die Philosophie ineinander greifen kรถnnen.

โ€žDen Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des รœbermenschenโ€œ, so sprach Zarathustra, der prophetische Protagonist in Friedrich Nietzsches esoterischstem philosophischen Werk Also sprach Zarathustra.

Die Ausgabe des Yeti Magazine vom Juli 2010 beinhaltet eine Reihe von Fotografien, die von Dean Wareham vom Pop-Duo Dean & Britta auf einer Tournee aufgenommen wurden. Darunter befindet sich ein Schnappschuss von einem franzรถsischen Zeitungskiosk, man sieht Michael Jackson und Friedrich Nietzsche Seite an Seite auf zwei nebeneinander stehenden Zeitungscovers.

In der Beschreibung dieses Fotos stellt sich Wareham eine Unterhaltung zwischen den beiden Denkern vor, er รผberlegt, wie die beiden sich wohl รผber die Feinheiten des Tanzes und รผber das innere Kind unterhalten:

Friedrich Nietzsche: Hรผte dich vor den Gelehrten! Sie hassen euch, denn sie sind unfruchtbar.

MJ: Lรผgen rennen einen Sprint, doch die Wahrheit lรคuft Marathon.

Friedrich Nietzsche: In jedem echten Manne steckt ein Kind, das spielen will.

MJ: Es gibt einen Muttertag, es gibt einen Vatertag, aber es gibt keinen Kindertag, das wรผrde eine Menge bedeuten. Weltfrieden.

Friedrich Nietzsche: Ich wรผrde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstรผnde.

Beeindruckend, ja, aber ich glaube, dieser Vergleich geht viel tiefer, es ist eine Gegenรผberstellung zweier historischer Personen, die vollkommen natรผrlich und extrem ergiebig ist. In diesem Artikel mรถchte ich versuchen, mich tiefer mit dieser imaginierten Partnerschaft zwischen dem King of Pop und Nietzsche zu beschรคftigen. Das Wesen meiner Zuneigung fรผr Michael Jackson und fรผr Friedrich Nietzsche รคhnelt sich sehr. Auch wenn diese beiden Mรคnner extrem einflussreich waren und beide sehr umjubelte Werke hinterlieรŸen, so gelten beide auch als tragische Figuren auf der historischen Bรผhne. Sie wurden von ihrer Hingabe zu ihrem Kรถnnen und ihrer Vision von der Welt in obsessive Hรถhen getrieben, wenn nicht sogar in den Wahnsinn. Doch ich habe beide stets mit tiefem Respekt betrachtet. Selbst in ihrer Tragik waren diese Mรคnner fรผr mich wunderschรถn. Ich hoffe, ich kann diesen fiktionalen Dialog noch weiter ausbauen und versuchen aufzuzeigen, wie diese beiden Visionรคre รผber geschichtliche Epochen und Einflusssphรคren hinweg einander die Hรคnde reichen. Durch die Gegenรผberstellung dieser beiden kรผhnen, bahnbrechenden Kรผnstler hoffe ich, einem Popstar eine bewundernswerte und reiche Philosophie und dem Lebenswerk eines Philosophen die Romantik und das Wunder der Popmusik zu verleihen.

 – 1872 –

In Gesang und Tanz bringt der Mensch sich selbst als Mitglied einer hรถheren Gesellschaftsform zum Ausdruck โ€ฆ

รผbernatรผrliche Klรคnge steigen aus ihm empor โ€ฆ

er ist nicht lรคnger ein Kรผnstler, er wird zum Kunstwerk โ€ฆ

in diesen Anfรคllen der Berauschung offenbart sich die kรผnstlerische Macht der gesamten Natur von selbst.

Nietzsche waren die Tugenden der Musik nicht fremd. Unter seinen meistzitierten Worten finden sich: โ€žOhne Musik wรคre das Leben ein Irrtum.โ€œ Und โ€žIch wรผsste nicht, was der Geist eines Philosophen mehr zu sein wรผnschte, als ein guter Tรคnzer.โ€œ Bereits zu Beginn seiner frรผhen Werke sah Nietzsche sich selbst als Jรผnger von Dionysos, dem alten griechischen Gott der Freude. Fรผr Nietzsche symbolisierte Dionysos alles, was mit Ekstase, ausgelassenem und reichem Leben zu tun hatte. โ€žIm dionysischen Symbolโ€œ, so schrieb er, โ€žist die รคuรŸerste Grenze der Bejahung erreichtโ€œ. Er liebte Kunst, insbesondere Musik, die diese Haltung verkรถrperte, die Gefรผhle ausdrรผcklich auf instinktiver Ebene ansprach. Vielleicht hat Nietzsche genau aus diesem Grunde einen GroรŸteil seiner persรถnlichen Belange seinen eigenen musikalischen Kompositionen gewidmet.

Auch wenn er als Komponist hรถchstens als mittelmรครŸig galt, so lag ihm der Zuspruch der ร–ffentlichkeit seinem Werk gegenรผber doch sehr am Herzen. In einem 1882 verfassten Brief an seinen Freund Peter Gast schrieb er, Bezug nehmend auf sein orchestrales Werk โ€žHymne an das Lebenโ€œ: โ€žDieses Mal schicke ich dir Musik. Ich hoffe, ich habe ein Lied geschrieben, das รถffentlich aufgefรผhrt werden kann โ€“ um die Menschen zu meiner Philosophie zu verfรผhren.โ€œ Da Nietzsche selbst Musiker war, begriff er die bestimmte Magie der Musik und sah sie als Ergรคnzung seiner Philosophie, die seinen Einfluss auf die ร–ffentlichkeit noch ausdehnen kรถnnte.

Da Nietzsche, ein frustrierter Komponist, fรผr seine Musik nie besonders viel Respekt bekam, erschuf er etwas Anderes, vergleichsweise Verfรผhrerisches: ein Werk, das der Poesie und der Musik nรคher ist als der analytischen Philosophie: Und dieses Werk ist Also sprach Zarathustra, vielleicht sein populรคrstes und zugleich rรคtselhaftestes philosophisches Werk, entstanden zwischen 1883 und 1885. Es liest sich wie ein literarisches Werk und erzรคhlt die Geschichte eines einsamen Propheten namens Zarathustra, der aus seiner Zurรผckgezogenheit auftaucht, um seine Weisheit zu verbreiten. Durch eine Reihe von Parabeln fรผhrt Nietzsche uns auf eine symbolisch dichte und ekstatische Reise seiner philosophischen Ansichten, im Gegensatz zu seinen anderen Werken. Trotz seiner Vorliebe, in Aphorismen zu sprechen (Jenseits von Gut und Bรถse, Gรถtzendรคmmerung), besteht Nietzsches Kanon wohl aus verhรคltnismรครŸig gradliniger philosophischer Arbeit. Nirgends sonst in seinem Werk finden wir ausgedehntere metaphorische Erzรคhlungen wie in Zarathustra. Fรผr unsere Zwecke hier nennen wir Zarathustra Nietzsches engste Annรคherung an einen Popsong. Mit meinem Fokus auf Zarathustra beginne ich den Vergleich mit Michael Jackson, damit, dass ein Kรผnstler mit einem Kรผnstler spricht, beide drรผcken ihre Philosophie mit all der Anmut und Mystik eines groรŸen Tรคnzers aus, durch gemeinsame Tugend und gemeinsame Tragik. 

Umgesetzt wird dies, indem die Mythologie des Zarathustra, einem Charakter, den Nietzsche erfunden hat, Michael Jackson zugeordnet wird, denn Michael Jackson, so wie wir ihn auf der Bรผhne und in den Medien erlebt haben, ist in der Tat eine Art Mythos. Mit dem, was ich tue, beabsichtige ich nicht, Zarathustra mit Nietzsche selbst gleichzusetzen oder Also sprach Zarathustra als zart verschleierte Autobiografie hinzustellen. Jedoch gibt es da sicherlich Elemente aus Zarathustras Geschichte, die Parallelen zu Nietzsches eigenem Leben aufweisen und natรผrlich auch eine Unzahl an Beispielen, in denen die Reden des Zarathustra Ideen Nietzsches in anderen seiner Werke spiegeln. AuรŸerdem besaรŸ Nietzsche eine enorme Zuneigung fรผr Zarathustra. Es liegen starke Beweise dafรผr vor, dass Nietzsche einen Menschen, der mit Zarathustra geistesverwandt gewesen wรคre, geliebt hรคtte. In Ecce Homo schreibt er, dass โ€žZarathustra mehr Mut besitzt als all die anderen Denker zusammenโ€œ und besteht darauf, dass er mit Also sprach Zarathustra der Menschheit das grรถรŸte Geschenk รผberhaupt gemacht habe.

Lasst uns einen Blick auf die Lehren werfen, denen sein mutiger Protagonist seine Stimme gibt:

Gemeinsame Tugend: Schau dich selbst an und dann schaffe Verรคnderung

Direkt zu Beginn von Zarathustra bekommen wir einen nรผtzlichen interpretativen Rahmen, um den Prozess des Erwachsenwerdens zu verstehen, denn Nietzsche zeigt es auf einzigartige Weise auf. Dies ist die erste von Zarathustras vielen Reden, sie heiรŸt Die drei Metamorphosen. In dieser Parabel charakterisiert Zarathustra die drei Phasen der Selbstevolution: das Kamel, der Lรถwe und das Kind.

Das Kamel

Im Kamelstadium werden jene unter uns, die die notwendige Disziplin und Stรคrke besitzen, mit Lasten beladen. Diese Lasten kรถnnen zwischenmenschlich oder materiell oder eher psychologischer oder spiritueller Natur sein. Zarathustra zitiert verschiedene Mรถglichkeiten wie โ€žkrank sein und die Trรถster nach Hause schickenโ€œ, โ€žjene lieben, die uns verachtenโ€œ und โ€žin verdreckten Gewรคssern waten, wenn es die Gewรคsser der Wahrheit sindโ€œ. Nietzsches Ansicht nach ist der Prozess des Wachsens, um zu einem Freidenker zu werden, der schwierigste Prozess, den ein Mensch durchlaufen kann und auch einer, der auรŸergewรถhnliche Menschen ausmacht. โ€žFrei denkenโ€œ ist wohl ein zu sanftmรผtiger Begriff, was er meint, ist eine unerschrockene, strapaziรถse kritische Beleuchtung eines persรถnlichen Werte- und Bedeutungssystems. Nicht jeder ist gerรผstet fรผr diese Herausforderung. Viele wรผrden den Akt des laufend sich selbst Verbergens fรผr zu schmerzhaft empfinden. Also kรถnnten wir sagen, dass wir, wenn wir erkennen, dass sich jemand im Kamelstadium befindet, sie dabei beobachten, wie sie einen Test aus Disziplin und FleiรŸ durchlaufen, auch wenn (oder vielleicht gerade weil?) es unangenehm fรผr sie ist. Wie Nietzsche schreibt: โ€žWas ist schwierig? fragt der Verstand, der viel ertragen muss und kniet nieder wie ein Kamel, das schwer beladen werden will. Oh, ihr Helden, was ist am schwersten, fragt der Verstand, der viel ertragen muss? Dass ich es auf mich nehme und meine Stรคrke verherrlicht wird?โ€œ

In der Stรคrke eines Lasttieres Schรถnheit zu finden, ist eine Mรถglichkeit, mythologisch รผber die frรผhen Jahre von Michael Jackson zu sprechen. Seinen Platz im Rampenlicht fand er als liebenswertes Wunderkind der Jackson 5 โ€“ doch der Tribut seiner frรผhen Berรผhmtheit ist eines der wichtigsten Themen in Diskussionen um Jacksons Leben, dieses alte Klischee des Kinderstars, der seiner normalen Kindheit beraubt wurde und somit nie fรคhig war, wirklich erwachsen zu werden. Natรผrlich war es fรผr Jackson nicht nur eine Kindheit, die er auf der Bรผhne oder im Fernsehen verbrachte, die ihn dauerhaft verรคnderte. Als Kind erlebte er ein groรŸes Trauma. Sein Vater Joe missbrauchte ihn extrem, trieb Jackson und seine Brรผder durch schrecklich lange Proben, wรคhrend er sie verbal missbrauchte und sie sogar mit einem Gรผrtel schlug, wenn sie weniger als Perfektion erreichten (Siehe Michael Jacksons Interview mit Oprah Winfrey 1993 und sein Interview mit Martin Bashir in Living with Michael Jackson 2003).

Obwohl Jackson in Interviews und รถffentlichen Reden offen รผber seinen Missbrauch als Kind sprach, so bestand er auch darauf, dass die Strenge seines Vaters zu seiner Disziplin und seinen Fรคhigkeiten als Kรผnstler beitrug. In seiner Oxford Rede zu seiner Heal the Child Initiative 2001 sagte Jackson, sein Vater Joe โ€žwollte, dass sie die besten Performer werden sollten, die mรถglich waren โ€ฆ mein Vater war ein genialer Manager und der berufliche Erfolg meiner Brรผder und mir ist zu keinem geringen Teil seinem Drรคngen zu verdanken.โ€œ Dies ist sicher nicht die Art von Last, die irgendjemand tragen sollte, aber Nietzsches โ€žKamelโ€œ hallt in Jacksons Kindheitsgeschichte wider. Obwohl er in der Kindheit so viel Schmerz ertragen hat, war er noch fรคhig, eine auรŸergewรถhnliche, lebenslange Leidenschaft fรผr seine Kunst zu nรคhren.

Der Lรถwe

Nach diesem Stadium der Last kommt ein Stadium des beiseite Rรคumens, der lebensbejahenden Zerschlagung. Dies nennt Nietzsche das Stadium des Lรถwen. Hat der Mensch sich als stark gegenรผber Hรคrte erwiesen (ob innerlich oder รคuรŸerlich auferlegt), ist er nun bereit, diese Gepflogenheiten und sogenannten absoluten Wahrheiten zu verwerfen, die er von der Gesellschaft eingepflanzt bekam. Diesen Akt des Verwerfens mit brutaler Absicht kann man sich wie das Gebrรผll eines Lรถwen vorstellen. Wo der Mensch einst das Wertesystem als natรผrlich ansah, sieht er es nun als (von Menschenhand) verfasst. Der entscheidende Schritt, seine eigene Urheberschaft, seine eigene Autoritรคt, zurรผckzuerobern, besteht darin, um es in zeitgemรครŸem Jargon auszudrรผcken, โ€žFight The Man (dich zu wehren!)!โ€œ Wie Nietzsche schreibt: โ€žDie Erschaffung der eigenen Freiheit und ein heiliges โ€žNEINโ€œ sogar zur Pflicht โ€“ dafรผr, mein Bruder, braucht es den Lรถwenโ€œ.

Im Falle von Michael Jackson waren die Versuche, seiner eigenen Stimme Ausdruck zu verleihen und im Erwachsenenalter seine eigene Identitรคt zu etablieren, in groรŸem Umfang verwurzelt in seltsamen und fantastischen Launen. Michael Jackson war eigenartig. Ja, er war wunderlich. Doch in seiner Rolle als Popstar in รถffentlichen Sphรคren gibt es noch so viel mehr zu sagen. Jackson war geheimnisvoll eigenartig, in einer solchen Art, dass seine Wunderlichkeit als sein besonderes persรถnliches Lรถwengebrรผll verstanden werden kann. Seine Mittel, sich einen Ort fรผr sich selbst zu erschaffen bedeuteten eine Reihe von โ€žNeinโ€œs zu bestehenden Norm, sowohl in der Popmusik im Besonderen, als auch in der Gesellschaft im Allgemeinen.

Um dafรผr ein eingehendes Beispiel zu bieten, kรถnnen wir eine der Hauptmethoden der Rebellion in Jacksons Kunst untersuchen: Sexualitรคts- und Gendernormen. Das Thriller-Video von 1983 bietet eine Goldgrube an Beispielen. Ein 13-minรผtiger Horrorkurzfilm zu einem fรผnfminรผtigen Song. Die Bedeutung dessen in der Welt der Popmusik sollte nicht unterschรคtzt werden. Sein lang anhaltender Einfluss wurde 2009 vermerkt, als das Video zum ersten Video wurde, das jemals in die nationale Bibliothek des Kongresses aufgenommen wurde. Bezogen auf Jacksons Mythologie ist dieses Stรผck dramatischer Filmgeschichte aufgrund der Art und Weise, wie es einen ansonsten unschuldigen Popstar prรคsentiert, bezwingend. Im Laufe des Videos verwandelt sich Jackson zweimal vom netten Jungen von Nebenan in Letterman Jacke zum rรผcksichtslosen Monster. Zuerst wird er als Werwolf dargestellt, der gegen seinen eigenen Willen seine Freundin bedroht (gespielt von Co-Star Ola Ray), als das Biest aus ihm herausbricht. Doch dies ist nur eine von verschiedenen surrealen Wendungen. Jackson und Ola haben sich nur einen Film mit diesen Begebenheiten angeschaut und Ola fรผhlt sich bei Jackson, ihrem liebenswerten Date, sicher. Wรคhrend sie vom Kino nach Hause laufen, passieren sie einen Friedhof, auf dem Zombies sich daran machen, aus ihren Grรคbern aufzusteigen und aufs Neue verwandelt sich Jackson, dieses Mal in einen durstigen Zombie. In einem grotesk berรผhmten Tanz fรผhrt er die Zombies an, dann gibt es einen Schnitt in der Szene, Ola erwacht und begreift, dass alles nur ein Traum war โ€“ oder nicht? Als Jackson sie nach Hause bringen will, stoppt er kurz und schaut in die Kamera und zeigt uns die grรคsslichen gelben Augen eines Werwolfs.

Die radikale Mehrdeutigkeit in diesem Video ist groรŸartig. In nur einem einzigen kรผnstlerischen Werk sehen wir Jackson sowohl als Lebens-strotzendes Wesen voll aggressiven Verlangens als auch als unaufdringlichen, verspielten Teenager. Das Video dient dazu, unter der Oberflรคche des vertrรคumten Pop Idols Finsternis und Subversion zu vermuten. Thriller ist mit รผber 100 Millionen weltweit verkauften Alben bei Weitem das bestverkaufte Pop-Album aller Zeiten. Angesichts dessen besitzt das Konzept, dass Jackson seine Gestalt und sexuellen Haltungen verรคndert, groรŸes Gewicht. Jackson verkรถrpert Gegensรคtzlichkeit, selbst in seiner scheinbaren Unkompliziertheit. Tatsรคchlich ist es nicht nur diese Mehrdeutigkeit, die hier so radikal ist, es ist sein lebhafter Ausdruck unzรคhliger Arten von Gender, und all das eingebettet in seinem einzigartigen Wesen.

Fรผr einen Popstar ist es sicherlich nichts Ungewรถhnliches, sich als subversiv, als โ€žbad boyโ€œ darzustellen, doch bei Thriller fรผhlt es sich so an, als sei dies โ€žreingeschmuggeltโ€œ worden. Das war nicht der Jackson, der konfrontativ und unerschรผtterlich, gekleidet in eine Lederjacke, fรผr das Cover des Bad-Albums posierte (obwohl selbst dort der dick aufgetragene Eyeliner nicht gerade nach Testosteron schreit). Der Jackson, der das Cover von Thriller ziert, erscheint in Weichzeichnung, nahezu beschwingt, weiblich zurรผckgelehnt, absolut nicht bedrohlich. Im Innenteil des Covers finden wir Jackson vertraut mit Tigerjungen umgehen, gefรคhrliche exotische Tiere mit seiner an Mystik grenzenden Unschuld und Sanftheit zรคhmend. Doch sein tierhaftes Potenzial hรคlt sich auch hier in ihm versteckt und im Video zu Thriller heiรŸt er das Vorhandensein dieses Potenzials willkommen und feiert es in seinem Tanz. Denn die Macht des nietzscheanischen Lรถwen, die in ihm steckt, zu der er fรคhig ist, reiรŸt uns dazu hin, unsere vorgefasste Meinung anzuzweifeln โ€“ und sie schockiert uns.

In der Tat hilft der Vergleich der Bad und Thriller Album Covers, die nietzscheanische antiautoritรคre Grundhaltung zu veranschaulichen und zu vertiefen. Der Lรถwe bedeutet nicht das letzte Stadium des Daseins, noch bedeutet es, dass jemand einfach auf Sitten verzichten sollte, weil es gerade mal modern ist, dies zu tun. In einer meiner Lieblingsaphorismen Nietzsches Die frรถhliche Wissenschaft von 1882, einem Werk, das Also sprach Zarathustra direkt voranging, wettert er genau aus diesem Grund gegen Hexenkunst: โ€žDie Ketzerei ist das Seitenstรผck zur Hexerei und gewiss ebenso wenig, als diese, etwas Harmloses oder gar an sich selbst etwas Verehrungswรผrdiges. Die Ketzer und die Hexen sind zwei Gattungen bรถser Menschen: gemeinsam ist ihnen, dass sie sich auch als bรถse fรผhlen, dass aber ihre unbezwingliche Lust ist, an dem, was herrscht (Menschen oder Meinungen), sich schรคdigend auszulassen.

Mit anderen Worten, Nietzsche befรผrwortet ein sorgfรคltiges Infragestellen der eigenen Werte und Gedanken, um sich selbst von Dogmen zu befreien. Sich dogmatisch starr der vorherrschenden Ordnung entgegenzustellen ist philosophisch ebenso kleingeistig wie sie dogmatisch zu akzeptieren. Indem sie sich selbst als bรถse ansehen, akzeptieren die Hexe und der Ketzer einfach die vorherrschende Moralitรคt, obwohl sie sich daran weiden, eine gegnerische Haltung einzunehmen. Wenn ich mich dann also auf Jacksons โ€žNein zu Normenโ€œ beziehe, geht es mir nicht um Jacksons Verwegenheit, sich als โ€žbadโ€œ zu bezeichnen, wie er es auf dem Cover des gleichnamigen Albums tut. Ich beziehe mich eher auf seine Kรผhnheit, in sich selbst vielfรคltige Mรถglichkeiten zu besitzen und diese auszudrรผcken. โ€žBadโ€œ ist eine Mรถglichkeit, die er ausprobiert, genau wie โ€žDangerousโ€œ- ebenso wie das sanft weibliche und zart mรคnnliche Album Cover von Thriller. Sich verรคndernde Haltungen und darauf abgestimmte Images werden stรคndig durch Ungezwungenheit ausgetauscht, der Ungezwungenheit eines Menschen, der nicht an eine einzige Identitรคt gebunden ist.

Ziehen wir als weiteres Beispiel einige von Jacksons berรผhmten Mode Entscheidungen in Betracht. Er nahm einen Golfhandschuh und versah ihn mit glitzernden Glassteinen. Er kombinierte Militรคrjacken mit hautengen Jeans. Diese ikonischen visuellen Elemente sind Symbole seiner spielerischen Vermischung unterschiedlicher stereotyper Gender Identitรคten, in denen typisch weibliche Extravaganz (mit Juwelen bestรผckte Schรถnheit, anmutige Eleganz) auf typisch mรคnnlich institutionalisierte Accessoires (Militรคrjacke, Sportkleidung, Wettkampfstรคtte und/oder Aggression) treffen. In nietzscheanischem Kontext wรผrden wir die Lyrics von Bad wohl eher spielerisch sehen und vermuten, dass wir es, wenn Jackson fragt โ€žWhoโ€™s bad (Wer ist bรถse)?โ€œ, eher als rhetorische Frage ansรคhen, etwa wie einen Call and Response Mechanismus. โ€žWhoโ€™s bad?โ€œ, kรถnnten Jackson und Nietzsche gleichermaรŸen fragen. Nun, eigentlich keiner von beiden wirklich, es sei denn, sie akzeptierten oder verinnerlichten die รคuรŸeren Krรคfte, die sie als solche etikettierten. Was ist bรถse? Nun, universell oder objektiv gesehen, nichts, auรŸer vielleicht das, was uns dazu bringt, das Leben zu verleugnen und das, was uns schwรคcht.

Das Kind

Wenn wir gelten lassen, dass Jackson existenziell dazu in der Lage war, sich sozusagen etwas Raum zum Umherschweifen zu erkรคmpfen, so wรคre unsere nรคchste Frage: Was tat er mit diesem schรถpferischen Raum? Die perfekte Antwort darauf finden wir im dritten und letzten Teil von Zarathustras Metamorphosen beschrieben. Dieses Stadium wird symbolisiert durch das Kind, den verspielten Schรถpfer. Fรผr Nietzsche ist Spielen alles andere als eine unbedeutende Sache, es ist ein fundamental philosophischer Akt. Wenn alte Systeme beiseitegeschafft werden, mรผssen neue mithilfe imaginativer Lebhaftigkeit kรผnstlerisch gestaltet werden. So lehrt Zarathustra auch: โ€žWas muss der raubende Lรถwe auch noch zum Kinde werden? Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-Sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brรผder, bedarf es eines heiligen Ja-Sagens: Seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.โ€œ

Hier bewegt sich Selbstvervollkommnung auf eine neue Unschuld zu, auf ein Leben als kรผnstlerischen Akt. Der einzelne Schรถpfer erbaut sich seine eigene, auf seine Wรผnsche abgestimmte, Welt. Doch Zarathustras Charakterisierung des Kindes ist nicht etwa gleichbedeutend mit der transzendentalen Vergรถtterung der reinen, unbestechlichen Jugend. Zarathustras Kind wird, was sehr bedeutsam ist, neu geboren, nachdem es einige Herausforderungen gemeistert hat. Dieses Kind โ€žerobertโ€œ seine Welt erst, nachdem es das Stadium der Lasten und des Umsturzes hinter sich gebracht hat. Das Kind taucht hier ausdrรผcklich aus Schmerz und Trauma empor. Bei Nietzsche ist der Akt des โ€žVergessensโ€œ bewunderungswรผrdig, da das Vergessen vergangener Rechtsordnungen bedeutet, frei zu sein, sich ohne Schuld seine eigenen Gesetze neu zu geben. Doch die Notwendigkeit des Vergessens deutet auf ein Trauma hin, das รผberwunden werden muss. Zarathustras Kind ist ein wenig wie ein Alien. Das verspielte Kind erobert seine Welt, nachdem es der Welt grรถรŸtenteils โ€žverloren gingโ€œ.

Hier prallt der symbolische Text von Nietzsches Zarathustra in extrem wortwรถrtlicher Art und Weise mit biografischen Details aus Jacksons Leben zusammen. So viel aus Jacksons รถffentlicher Mythologie dreht sich um die Vorstellung von ihm als Peter Pan, dem kleinen Jungen, der sich weigert, erwachsen zu werden, dem Kinderstar, der, nachdem ihm die Kindheit gestohlen wurde, versucht, sie im Erwachsenenalter nachzuholen. Doch nimmt man Zarathustra als Leitbild, kann man noch weiter gehen und sich dem Thema von Jacksons innerem Kind in einer Art nรคhern, die ihm viel grรถรŸere Moral und philosophische Handlungsfรคhigkeit zubilligt. In Zarathustras Weltanschauung kann Jacksons Ankunft im kindlichen Stadium als erhabenes Beispiel fรผr das รœberwinden eines Traumas und der demnach entstandenen Neudefinition des eigenen Verstรคndnisses der Welt angesehen werden. Statt es als wahnhaftes Verhalten abzustempeln, kann Jacksons allgemeine Fixierung auf Kinder und Kindheit als erleuchtetes Endergebnis angesehen werden, eines, das von jemandem erreicht wurde, der die spirituelle Kraft besaรŸ, seine zurรผckliegende Versklavung in eine lebensbejahende Vision der Zukunft zu transformieren.

In den โ€ždrei Metamorphosenโ€œ beschreibt Zarathustra das Kind als Wesen, das โ€žein geheiligtes โ€šJaโ€˜ zum Lebenโ€œ รคuรŸert, das als willkommener Fortschritt zum vormals vom Lรถwen geรคuรŸerten โ€šNeinโ€œ angesehen wird. Jacksons โ€šheiliges Jaโ€˜, sein visionรคres Werk, kam in Form seiner humanitรคren Leistungen. Besonders zu erwรคhnen ist hier seine 1992 gegrรผndete Heal The World Stiftung, die weltweit Millionen von Dollar fรผr arme und kranke Kinder zur Verfรผgung stellte. Sein Ruhm bot ihm eine bedeutende Plattform, sein sozialpolitisches Anliegen auszudrรผcken. Dementsprechend steht uns auf diesem Gebiet die ehrlichste ร„uรŸerung seiner eigenen Philosophie, seines inneren Lebens als Denker zur Verfรผgung. Angesichts seiner Berรผhmtheit ist meine โ€žphilosophischeโ€œ Lesart von Jacksons Leben natรผrlich verbunden mit Gerรผchten, Spekulationen und imaginรคren Assoziationen. Doch durch seinen leidenschaftlichen Schutz leidender Kinder auf der ganzen Welt sind wir in der Lage, einen ausreichenden und konkreten Hinweis auf seine Gedanken aufzugreifen. Seine Dankesrede bei den Grammy Awards 1993 enthรคlt eine bemerkenswert starke ร„hnlichkeit zur Einschรคtzung Zarathustras รผber die Tugend von Kindern. Nachdem er รผber den Missbrauch in seiner eigenen Kindheit gesprochen hatte, sagte er weiter: โ€žMagie, Wunder, Mysterium und Unschuld des kindlichen Herzens sind die schรถpferischen Samen, die die Welt heilen werden. Was wir von den Kindern lernen mรผssen, ist nicht kindisch. Mit ihnen zusammen zu sein verbindet uns mit der tieferen Weisheit des Lebens, die immer vorhanden ist und nur darum bittet, gelebt zu werden, der erhabene Weg zu Lรถsungen, die einfach da sind und darauf warten, in unseren eigenen Herzen erkannt zu werden.โ€œ

Daraus kรถnnen wir zwei Fakten ziehen. Zum einen, dass die Quelle der schรถpferischen Energie in der kindlichen Herangehensweise eines Menschen an die Welt liegt. Zum Zweiten, dass wahre Weisheit bedeutet, die eigene, dem Menschen innenwohnende, Stรคrke zu erkennen. Was Jackson uns hier nahelegt ist, dass jede bedeutende Verรคnderung durch Selbstkontrolle erfolgt, durch Begreifen des eigenen Potenzials als Schรถpfer und Sinngeber. Das ist eine ziemlich nietzscheanische Idee.

Die gleiche Idee findet sich in einem von Jacksons meist geliebten Songs wieder, in Man In The Mirror. Der berรผhmte Refrain geht so: โ€žIโ€™m starting with The Man in the mirror/ Iโ€™m asking him to change his ways/ No message couldโ€™ve been any clearer/ If you want to make the world a better place/ Take a look at yourself and then make a change (Ich beginne mit dem im Spiegel/ ich bitte ihn, seine Richtung zu รคndern/ keine andere Botschaft kรถnnte eindeutiger sein/ wenn du die Welt in einen besseren Ort verwandeln mรถchtest/ dann schau auf dich selbst und vollziehe einen Wandel)โ€. Auch wenn wir den Text Jackson selbst nicht zuordnen kรถnnen โ€“ er wurde von der Sรคngerin Siedah Garrett fรผr Jackson geschrieben โ€“ so ist der Text doch ein gutes Zeichen fรผr Jacksons weitere Kunst und seine รถffentlichen Projekte.

In einem Interview รผber ihre Erfahrung meinte Garrett, dass โ€žsie einen Song schreiben wollte, der ihm das Gefรผhl gรคbe, der Welt etwas zu sagen zu habenโ€œ, der Effekt war etwas philosophisch und spirituell Bedeutsames. Die Aussage an sich ist schon faszinierend. Jackson kann hier also als jemand angesehen werden, der gewissermaรŸen die Vorstellungskraft einer gesamten Generation einfing, sodass es eine wichtige und wertvolle Handlung darstellte, ihm eine Botschaft zukommen zu lassen. In dieser Aussage liegt Akzeptanz fรผr die prophetische Rolle des Popstars und sie besagt, dass ein Star dazu in der Lage ist, eine inspirierende Botschaft viel weiter zu tragen als ein normaler Mensch. Dies stellt Jackson zumindest ein wenig in eine Reihe mit Zarathustra. Jackson malte sich fรผr die Zeit, in der er lebte, als Philosoph bessere Mรถglichkeiten fรผr die gesamte Menschheit aus, Nietzsches Blick jedoch war immer auffallend zukunftsgerichtet. Folglich versetzte es Nietzsche natรผrlich in Entzรผcken, die Mรถglichkeit zu haben, Zarathustra zu erschaffen, einen eloquenten Propheten, der in der Abgeschiedenheit zu seinen Einsichten gelangte und diese dann auch mutig in die ร–ffentlichkeit trug.

Jacksons besondere Art, prophetisch zu agieren, war von der gleichen Lebendigkeit wie die Nietzsches, der durch Zarathustra agierte, doch dadurch, dass Jackson das spannende und fรผr ihn zugรคngliche Medium der Popmusik benutzte, erreichte er ein weitaus grรถรŸeres Publikum, als Nietzsches Werke es zu seinen Lebzeiten jemals schafften (nicht nur Zarathustra, sondern sein Gesamtwerk). Ein erstaunliches Beweisstรผck fรผr Jacksons Seelenleben kam jedoch erst vor sehr kurzer Zeit ans Tageslicht: ein Werk, das sich rรผckblickend wie eine Prophezeiung anfรผhlt. CBS News berichtet, dass Michael 1979, er war gerade mal 21, eine ร„uรŸerung festhielt, in der er seine Lebensziele detailliert niederschrieb, handgeschrieben auf der Rรผckseite eines Tourplans. Er schrieb:

โ€žIch werde ein neuer unglaublicher Schauspieler/Sรคnger/Tรคnzer werden, der die Welt erschรผttern wird โ€ฆ ich werde magisch sein. Ich werde ein Perfektionist, ein Forscher, ein Trainer, ein Meister sein โ€ฆ Ich werde studieren, werde auf die gesamte Welt des Showbusiness zurรผckblicken und sie perfektionieren, sie Schritt um Schritt hรถher tragen, als die GroรŸen sie zurรผcklieรŸen.โ€œ Selbst in diesem zarten Alter entwarf er ein besseres Konzept, als es je vor ihm jemand entworfen hatte, mit besseren Mรถglichkeiten und grรถรŸeren Spielrรคumen fรผr sich selbst als Popstar โ€“ und er fรผhrte dieses Konzept auch aus.

Ich mรถchte auch auf zwei weitere Details hinweisen, die wichtig fรผr Jacksons Art der Prophezeiung sind. Das Erste ist ein Zitat Jacksons aus einem 1982 entstandenen Interview รผber seine Leidenschaft fรผr die Schauspielerei: โ€žIch habe es nie gemocht, das Wort โ€šschauspielernโ€˜, habe es nie gemocht zu sagen โ€šIch bin ein Schauspielerโ€˜. Es sollte mehr sein als das. Es sollte eher heiรŸen, ich bin ein โ€šGlรคubigerโ€˜.โ€œ Das zweite Detail ist die Einstellung in Jacksons Musikvideo zu Black Or White, wo sich eine Reihe von Gesichtern, die unzรคhligen Rassen zugehรถren, aus den jeweils vorhergehenden Gesichtern entwickeln, alle beherrscht von Jacksons Stimme. Jackson war ein Glรคubiger. Selbst auf der Pop-Bรผhne, bei der die Linie zwischen Performance und Realitรคt oftmals nicht zu unterscheiden ist, machte er aus seinem Werk ein Testament fรผr eine fortschrittlichere Zukunft. Im Falle von Black or White war es sein Glaube in eine postrassische Gesellschaft, in der das Verstรคndnis unzรคhliger Kulturen in einem einzigen Menschen verkรถrpert werden kann. Auch hier finden wir wieder Nietzsches bejahende Methode, in der es vielfรคltige interpretative Systeme gibt, die ausprobiert werden kรถnnen, um auf verschiedene Situationen zu passen, ohne Angst, sich selbst als โ€žabsolutesโ€œ und einziges System zu begrenzen.

Geteiltes Leid: โ€žSie wissen nicht, wo mein Zentrum ist.โ€œ 

Es ist sehr schwierig, jemandes innerste philosophische und emotionale รœberzeugungen einer genauen Prรผfung zu unterziehen. Wie bereits im โ€žKamelstadiumโ€œ besprochen, sieht Zarathustra eine solche Prรผfung als tugendhaft und fรผr unser Wachstum als absolut essenziell an, jedoch zรถgert er nie zu bemerken, dass es Arbeit ist, Arbeit, die auรŸergewรถhnliche Stรคrke fordert. Nicht jedem gelingt diese Aufgabe. AuรŸerdem lรคuft dieser Mensch, der so mutig lebt, Gefahr, von jenen, die es vorziehen, sich nicht in die bequemen und trรถstlichen Strukturen einzumischen, die sie immer aufrechterhalten haben, missverstanden, ja sogar gefรผrchtet, zu werden. In der Parabel Das Kind im Spiegel aus Also sprach Zarathustra findet die bejahende Seite von Man In The Mirror ihre Entsprechung.

Es geschieht zu einer Zeit in Zarathustras Karriere als Prophet, als er zum Nachdenken in sein Einsiedlerdasein in den Bergen zurรผckkehrt, nachdem er kurze Zeit in der ร–ffentlichkeit verbracht hatte. Zarathustra trรคumte, ein Kind kรคme zu ihm, hielt ihm einen Spiegel vor und zwang ihn, hineinzuschauen. Statt sich selbst zu sehen, sah er das Bild eines teuflischen Monsters. Mit neuer Entschlossenheit, seine Botschaft zu รคuรŸern und weiterzuverbreiten, erwachte Zarathustra und interpretierte den Traum so: โ€žMeine Feinde sind mรคchtig worden und haben meiner Lehre Bildnis entstellt, also, dass meine Liebsten sich der Gaben schรคmen mรผssen, die ich ihnen gab.โ€œ Jackson war extrem vertraut mit dieser Situation, verleumderische Verzerrungen in der ร–ffentlichkeit zu ertragen.

Nietzsche war in seinem Leben ebenso vertraut damit. Hier spiegelt der Text Zarathustras Nietzsches eigene Biografie wider.

Fรผr Nietzsche und Jackson war die vollstรคndige Entfremdung von der Gesellschaft ein zweischneidiges Schwert. Einerseits war es von beiden selbstauferlegt. Beide lebten lange Zeit ihr Leben in Abgeschiedenheit und sie spรผrten keinen wirklichen inneren Drang, das, was andere als eigenartiges Verhalten ansahen, zu verbergen. Auf der anderen Seite jedoch machte sie ihr subversives Verhalten โ€“ bei Jackson war es sein Benehmen, bei Nietzsche seine Gedanken โ€“ zur Zielscheibe fรผr Gerรผchte, die dazu dienten, ihre Glaubwรผrdigkeit zu untergraben. 1887 schrieb Nietzsche in einem Brief an seinen Musikerfreund Carl Fuchs, dass โ€žsie in Deutschland laut gegen seine Exzentrik aufschreien. Doch da sie nicht wissen, wo sich mein Zentrum befindet, fรคllt es ihnen in ihrem Bemรผhen schwer, den Nagel auf den Kopf zu treffen, wo und wann ich denn in der Vergangenheit exzentrisch war.โ€œ

Einen Menschen als exzentrisch oder dezentriert zu bezeichnen, zeigt eine extrem begrenzte Definition normalen Verhaltens auf, eine Vorstellung, die fรผr Nietzsche, den Dionysischen, viel zu eng gefasst war. Das Gleiche kann man von Jackson sagen. Die ร–ffentlichkeit wusste kaum etwas mit den kosmetischen OPs anzufangen, die sein Aussehen seit den spรคten 80ern radikal verรคnderten oder mit der Adoption des Schimpansen Bubbles, der einer der engsten Freunde Jacksons zu werden schien. Wรคhrend Jackson in der Presse seinen tief empfundenen Schmerz darรผber ausdrรผckte, als โ€žWacko Jackoโ€œ etikettiert zu werden, war er ebenso dafรผr bekannt, den Klatschblรคttern selbst bizarre Storys รผber sich geliefert zu haben, die diese Etikettierung nur noch beflรผgelt haben. Jackson war sicher ein Mensch, der von seinem eigenen โ€žZentrumโ€œ beherrscht war, doch selbst rรผckblickend ist es etwas schwierig zu erklรคren, wie dieses Zentrum arbeitete.

Am bedeutungsvollsten und wohl am tragischsten waren die Anschuldigungen der Kindesbelรคstigung, die Jacksons Ruf beschmutzten. Es verschlรคgt einem fรถrmlich den Atem, dass das, was ihm am meisten am Herzen lag, nรคmlich seine Fรผrsprache fรผr das Wohlergehen der Kinder, schlieรŸlich in Perversion und Missbrauch verkehrt wurde. Mit seiner Neverland Ranch, die er 1988 gegrรผndet hat, errichtete er sprichwรถrtlich ein Monument fรผr kindliche Tugend und machte sich damit selbst angreifbar, sowohl fรผr die hinterhรคltigen Plรคne von Eltern, die darauf aus waren, durch Klagen an Geld zu kommen als auch fรผr die kritischen Augen der Presse. Dass Jacksons Botschaft derart verzerrt dargestellt wurde, dass sich die ร–ffentlichkeit โ€žfรผr die Geschenke, die er ihr als Kรผnstler und Humanitรคr zukommen lieรŸ, schรคmteโ€œ mutet wie eine echte Lebensoffenbarung von Zarathustras Kind im Spiegel an.

In Nietzsches eigener persรถnlicher Historie liegt das grรถรŸte Verbrechen der verzerrenden Darstellung in der Kooption seines Werkes durch die Nazibewegung. Nietzsches Schwester Elisabeth, die sich in den letzten Jahren seines Lebens um ihn kรผmmerte, nachdem er der geistigen Verwirrung anheimgefallen war, nutzte den unendlichen Wert seiner Prosa fรผr ihre antisemitischen und deutsch nationalistischen politischen Ansichten (Siehe Carol Diethes Biografie von Elisabeth Forster-Nietzsche: Nietzsches Schwester und der Wille zur Macht). Wie tragisch wieder einmal, dass das Schlรผsselelement seiner Philosophie โ€“ die Idee der inneren Stรคrke und des mutigen Festhaltens an der eigenen Souverรคnitรคt โ€“ fรผr eine so dogmatische und schmerzhaft engstirnige Bewegung wie den Antisemitismus eingesetzt wurde. Nietzsche hat sicherlich begriffen, dass es Menschen gibt, die stรคrker sind als andere, und dafรผr muss er sich nicht schรคmen, doch รผber die Definition der Nazis von Stรคrke wรคre er sicherlich entsetzt gewesen und auch sicher darรผber, zu sehen, wie sein lebensbejahendes Werk fรผr einen solch durch und durch Lebens-verachtenden Kontext benutzt wurde. Die Verbindungen, so dรผrftig sie auch seien, wurden jedoch von jenen hergestellt, die danach trachten, einen Beweis fรผr die Gefรคhrlichkeit seiner Philosophie zu erbringen.

Ich vermute, Nietzsche war auf seine Art ein bedrohlicher Denker. Er zรถgerte niemals, was auch immer die Leute รผber ihn dachten, sich kritisch รผber die โ€žSklavenmoralโ€œ zu รคuรŸern, die die Mehrheit der Menschen beherrschte. In der โ€žGenealogie der Moralโ€œ schreibt er: โ€žWรคhrend alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selbst herauswรคchst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem โ€žAuรŸerhalbโ€œ, zu einem โ€žAndersโ€œ, zu einem โ€žNicht-selbstโ€œ: und dies Nein ist ihre schรถpferische Tat.โ€œ Seine Philosophie war es, Ja zu sagen, auch wenn oder sogar gerade, wenn dies mit dem traditionellen moralischen Kodex oder der Denkweise kollidiert.

Und wo wir gerade von โ€žgefรคhrlich/bedrohlichโ€œ sprechen, Dangerous ist auch der Titel von Michael Jacksons viertem Soloalbum, dem Nachfolger von Bad. Zweifelsohne lieรŸ Jackson es nicht zu, dass derartige Etikettierungen, gesponnen von der vorherrschenden Ordnung, ihn herunterzogen. Angeregt durch Nietzsches Sklavenmoral kรถnnten wir diese Albumtitel sogar folgendermaรŸen interpretieren: Jackson fรผhlte sich mit diesen Etikettierungen so wohl, dass er sogar seine Alben danach benannte, nicht weil er โ€žsich selbst fรผr gottlosโ€œ hielt, wie es Nietzsches Hexen taten, sondern vielleicht um diesen Etiketten die Spitze zu nehmen, anstatt bloรŸ die unterjochten Gemรผter zu schelten. Er war der Erste, der das aussprach, was die Schwarzseher dachten und der dann einfach mit seinem Tanz weitermachte, er schaffte das spielend, wie jemand, der stets mit seiner inneren Freude in Kontakt blieb, einer Freude, die sich weigert, sich von รคuรŸeren Einflรผssen von ihrem Weg abbringen zu lassen.

Sowohl Nietzsche als auch Jackson erkรคmpften sich fรผr sich selbst groรŸe Freiheiten und nutzten diese Freiheiten zum รคuรŸersten Wohl anderer. Natรผrlich kostete diese Freiheit sie beide sehr viel. Ein Mensch, der abseits steht, muss groรŸes Leid ertragen, Leid, das durch selbstauferlegte Prรผfungen entsteht, die zur Lรคuterung und Vervollkommnung der eigenen Existenz bestimmt sind und Leid, das durch รถffentliche Reaktionen gegen die Weigerung dieses Menschen, sich bestehenden traditionellen Lebensweisen anzupassen, hervorgerufen wird. Ich habe auf diesen Seiten versucht, etwas Heilsames zu tun. Wir sollten uns vorstellen, wie diese beiden Menschen sich รผber die Zeit hinweg eine Hand der Sympathie reichen – in beiden Fรคllen hat ihnen ihre Fรคhigkeit, Probleme zu รผberwinden und erfolgreich zu sein, zur grรถรŸten Freude verholfen: ein Herz, das ohne Angst schรถpferisch tรคtig ist.

Nietzsche verleiht unserem Verstรคndnis von Jackson die Erhabenheit der Philosophie. Er kann eine mรถgliche Interpretation liefern, diesen rรคtselhaften und verwirrenden Star als Denker zu sehen. Im Gegenzug dazu verleiht Jackson Nietzsche โ€“ einem Mann, der immer nur in die Zukunft blickte, der sich stets vorstellte, dass sein Werk irgendwann einmal enthusiastisch gefeiert wรผrde โ€“ ein Gefรผhl der Hoffnung. Jackson, ein Mensch, der die dionysische Empfindsamkeit verkรถrpert und gleichzeitig die Fรคhigkeit besitzt, โ€žvieles zu ertragenโ€œ, erlebte auรŸergewรถhnliche Anerkennung und Verehrung in seinem Leben. Sein kommerzieller Erfolg und sein Ruhm sind bis heute unerreicht. Welche Freude wรผrde Nietzsche wohl in all seiner Liebe zu Musik und Tanz empfinden, wenn wir ihm mit einem Augenzwinkern erzรคhlten, dass er mitgeholfen hat, MJ zum King of Pop zu krรถnen?

 – 1991 –

Der Tanz

Bewusstsein drรผckt sich selbst durch Schรถpfung aus.

Diese Welt, in der wir leben, ist der Tanz des Schรถpfers.

Tรคnzer kommen und gehen in einem Lidschlag,

aber der Tanz lebt weiter. Beim Tanzen fรผhle ich mich oftmals

von etwas Heiligem berรผhrt.

In jenen Augenblicken spรผre ich, wie meine Seele aufsteigt

und eins wird mit allem, was lebt.

Ich werde der Mond und die Sterne.

Ich werde der Liebende und der Geliebte.

Ich werde der Sieger und der Besiegte.

Ich werde der Herr und ich werde der Sklave.

Ich werde der Sรคnger und das Lied.

Ich werde der Wissende und das Wissen.

Ich tanze weiter und es wird zum ewigen Tanz der Schรถpfung.

Der Schรถpfer und die Schรถpfung verschmelzen

zu vollkommener Freude. Ich tanze weiter und

tanze โ€ฆ und tanze, bis nur noch โ€ฆ der Tanz bleibt.

  – Michael Jackson, Dangerous (Special Edition), Covertext – 


รœbersetzung: Achildsbliss


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