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Das Kind im Spiegel – eine nitzscheanische Lesart des Mythos Michael Jackson

by on 2. January 2014

http://www.redefinemag.com/2013/myth-of-michael-jackson-friedrich-nietzsche-the-child-in-the-mirror/

Artikel von Gina Altamura – Übersetzung von Achildsbliss

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Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des Übermenschen“, so sprach Zarathustra, der prophetische Protagonist in Friedrich Nietzsches esoterischstem philosophischen Werk Also sprach Zarathustra.

Die Ausgabe des Yeti Magazine vom Juli 2010 beinhaltet eine Reihe von Fotografien, die von Dean Wareham vom Pop-Duo Dean & Britta auf einer Tournee aufgenommen wurden. Darunter befindet sich ein Schnappschuss von einem französischen Zeitungskiosk, man sieht Michael Jackson und Friedrich Nietzsche Seite an Seite auf zwei nebeneinander stehenden Zeitungscovers.

In der Beschreibung dieses Fotos stellt sich Wareham eine Unterhaltung zwischen den beiden Denkern vor, er überlegt, wie die beiden sich wohl über die Feinheiten des Tanzes und über das innere Kind unterhalten:

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FN: Hüte dich vor den Gelehrten! Sie hassen euch, denn sie sind unfruchtbar.

MJ: Lügen rennen einen Sprint, doch die Wahrheit läuft Marathon.

FN: In jedem echten Manne steckt ein Kind, das spielen will.

MJ: Es gibt einen Muttertag, es gibt einen Vatertag, aber es gibt keinen Kindertag, das würde eine Menge bedeuten. Weltfrieden.

FN: Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.

Beeindruckend, ja, aber ich glaube dieser Vergleich geht viel tiefer, es ist eine Gegenüberstellung zweier historischer Personen, die völlig natürlich und extrem ergiebig ist. In diesem Artikel möchte ich versuchen, mich tiefer mit dieser imaginierten Partnerschaft zwischen dem King of Pop und Nietzsche zu beschäftigen. Das Wesen meiner Zuneigung für Michael Jackson und für Friedrich Nietzsche ähnelt sich sehr. Auch wenn diese beiden Männer extrem einflussreich waren und beide sehr umjubelte Werke hinterließen, so gelten beide auch als tragische Figuren auf der historischen Bühne. Sie wurden von ihrer Hingabe zu ihrem Können und ihrer Vision von der Welt in obsessive Höhen getrieben, wenn nicht sogar in den Wahnsinn. Doch ich habe beide stets mit tiefem Respekt betrachtet. Selbst in ihrer Tragik waren diese Männer für mich wunderschön. Ich hoffe, ich kann diesen fiktionalen Dialog noch weiter ausbauen und versuchen aufzuzeigen, wie diese beiden Visionäre über geschichtliche Epochen und Einflusssphären hinweg einander die Hände reichen. Durch die Gegenüberstellung dieser beiden kühnen bahnbrechenden Künstler hoffe ich, einem Popstar eine bewundernswerte und reiche Philosophie und dem Lebenswerk eines Philosophen die Romantik und das Wunder der Popmusik zu verleihen.

 – 1872 –

In Gesang und Tanz bringt der Mensch sich selbst als Mitglied einer höheren Gesellschaftsform zum Ausdruck…

übernatürliche Klänge steigen aus ihm empor…

er ist nicht länger ein Künstler, er wird zum Kunstwerk…

in diesen Anfällen der Berauschung offenbart sich die künstlerische Macht der gesamten Natur von selbst.

nietzsche quote

Nietzsche waren die Tugenden der Musik nicht fremd. Unter seinen meistzitierten Worten finden sich: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Und „Ich wüsste nicht, was der Geist eines Philosophen mehr zu sein wünschte, als ein guter Tänzer.“ Bereits zu Beginn seiner frühen Werke sah Nietzsche sich selbst als Jünger von Dionysos, dem alten griechischen Gott der Freude. Für Nietzsche symbolisierte Dionysos alles, was mit Ekstase, ausgelassenem und reichem Leben zu tun hatte. „Im dionysischen Symbol“, so schrieb er, „ ist die äußerste Grenze der Bejahung erreicht“. Er liebte Kunst, insbesondere Musik, die diese Haltung verkörperte, die Gefühle ausdrücklich auf instinktiver Ebene ansprach. Vielleicht hat Nietzsche genau aus diesem Grunde einen Großteil seiner persönlichen Belange seinen eigenen musikalischen Kompositionen gewidmet.

Auch wenn er als Komponist höchstens als mittelmäßig galt, so lag ihm der Zuspruch der Öffentlichkeit seinem Werk gegenüber doch sehr am Herzen. In einem 1882 verfassten Brief an seinen Freund Peter Gast schrieb er, bezugnehmend auf sein orchestrales Werk „Hymne an das Leben“: „Dieses Mal schicke ich dir Musik. Ich hoffe, ich habe ein Lied geschrieben, das öffentlich aufgeführt werden kann – um die Menschen zu meiner Philosophie zu verführen.“ Da Nietzsche selbst Musiker war, begriff er die bestimmte Magie der Musik und sah sie als Ergänzung seiner Philosophie, die seinen Einfluss auf die Öffentlichkeit noch ausdehnen könnte.

Da Nietzsche, ein frustrierter Komponist, für seine Musik nie besonders viel Respekt bekam, erschuf er etwas Anderes, vergleichsweise Verführerisches: ein Werk, das der Poesie und der Musik näher ist als der analytischen Philosophie: Und dieses Werk ist Also sprach Zarathustra, vielleicht sein populärstes und zugleich rätselhaftestes philosophisches Werk, entstanden zwischen 1883 und 1885. Es liest sich wie ein literarisches Werk und erzählt die Geschichte eines einsamen Propheten namens Zarathustra, der aus seiner Zurückgezogenheit auftaucht, um seine Weisheit zu verbreiten. Durch eine Reihe von Parabeln führt Nietzsche uns auf eine symbolisch dichte und ekstatische Reise seiner philosophischen Ansichten, im Gegensatz zu seinen anderen Werken. Trotz seiner Vorliebe, in Aphorismen zu sprechen (Jenseits von Gut und Böse, Götzendämmerung), besteht Nietzsches Kanon wohl aus verhältnismäßig gradliniger philosophischer Arbeit. Nirgends sonst in seinem Werk finden wir ausgedehntere metaphorische Erzählungen wie in Zarathustra. Für unsere Zwecke hier nennen wir Zarathustra Nietzsches engste Annäherung an einen Popsong. Mit meinem Fokus auf Zarathustra beginne ich den Vergleich mit Michael Jackson, damit, dass ein Künstler mit einem Künstler spricht, beide drücken ihre Philosophie mit all der Anmut und Mystik eines großen Tänzers aus, durch gemeinsame Tugend und gemeinsame Tragik. 

Umgesetzt wird dies, indem die Mythologie des Zarathustra, einem Charakter, den Nietzsche erfunden hat, Michael Jackson zugeordnet wird, denn Michael Jackson, so wie wir ihn auf der Bühne und in den Medien erlebt haben, ist in der Tat eine Art Mythos. Mit dem, was ich tue, beabsichtige ich nicht, Zarathustra mit Nietzsche selbst gleichzusetzen oder Also sprach Zarathustra als zart verschleierte Autobiografie hinzustellen. Jedoch gibt es da sicherlich Elemente aus Zarathustras Geschichte, die Parallelen zu Nietzsches eigenem Leben aufweisen und natürlich auch eine Unzahl an Beispielen, in denen die Reden des Zarathustra Ideen Nietzsches in anderen seiner Werke spiegeln. Außerdem besaß Nietzsche eine enorme Zuneigung für Zarathustra. Es liegen starke Beweise dafür vor, dass Nietzsche einen Menschen, der mit Zarathustra geistesverwandt gewesen wäre, geliebt hätte. In Ecce Homo schreibt er, dass „Zarathustra mehr Mut besitzt als all die anderen Denker zusammen“ und besteht darauf, dass er mit Also sprach Zarathustra der Menschheit das größte Geschenk überhaupt gemacht habe.

Lasst uns einen Blick auf die Lehren werfen, denen sein mutiger Protagonist seine Stimme gibt:

Gemeinsame Tugend: Schau dich selbst an und dann schaffe Veränderung

Direkt zu Beginn von Zarathustra bekommen wir einen nützlichen interpretativen Rahmen, um den Prozess des Erwachsenwerdens zu verstehen, denn Nietzsche zeigt es auf einzigartige Weise auf. Dies ist die erste von Zarathustras vielen Reden, sie heißt Die drei Metamorphosen. In dieser Parabel charakterisiert Zarathustra die drei Phasen der Selbstevolution: das Kamel, der Löwe und das Kind.

Das Kamel – Im Kamelstadium werden jene unter uns, die die notwendige Disziplin und Stärke besitzen, mit Lasten beladen. Diese Lasten können zwischenmenschlich oder materiell oder eher psychologischer oder spiritueller Natur sein. Zarathustra zitiert verschiedene Möglichkeiten wie „krank sein und die Tröster nach Hause schicken“, „jene lieben, die uns verachten“ und „in verdreckten Gewässern waten, wenn es die Gewässer der Wahrheit sind“. Nietzsches Ansicht nach ist der Prozess des Wachsens, um zu einem Freidenker zu werden, der schwierigste Prozess, den ein Mensch durchlaufen kann und auch einer, der außergewöhnliche Menschen ausmacht. „Frei denken“ ist wohl ein zu sanftmütiger Begriff, was er meint ist eine unerschrockene, strapaziöse kritische Beleuchtung eines persönlichen Werte- und Bedeutungssystems. Nicht jeder ist gerüstet für diese Herausforderung. Viele würden den Akt des laufend sich selbst Verbergens für zu schmerzhaft empfinden. Also könnten wir sagen, dass wir, wenn wir erkennen, dass sich jemand im Kamelstadium befindet, sie dabei beobachten, wie sie einen Test aus Disziplin und Fleiß durchlaufen, auch wenn (oder vielleicht gerade weil?) es unangenehm für sie ist. Wie Nietzsche schreibt: „Was ist schwierig? fragt der Verstand, der viel ertragen muss und kniet nieder wie ein Kamel, das schwer beladen werden will. Oh ihr Helden, was ist am schwersten, fragt der Verstand, der viel ertragen muss? Dass ich es auf mich nehme und meine Stärke verherrlicht wird?“

In der Stärke eines Lasttieres Schönheit zu finden ist eine Möglichkeit mythologisch über die frühen Jahre von Michael Jackson zu sprechen. Seinen Platz im Rampenlicht fand er als liebenswertes Wunderkind der Jackson 5 – doch der Tribut seiner frühen Berühmtheit ist eines der wichtigsten Themen in Diskussionen um Jacksons Leben, dieses alte Klischee des Kinderstars, der seiner normalen Kindheit beraubt wurde und somit nie fähig war, wirklich erwachsen zu werden. Natürlich war es für Jackson nicht nur eine Kindheit, die er auf der Bühne oder im Fernsehen verbrachte, die ihn dauerhaft veränderte. Als Kind erlebte er ein großes Trauma. Sein Vater Joe missbrauchte ihn extrem, trieb Jackson und seine Brüder durch schrecklich lange Proben, während er sie verbal missbrauchte und sie sogar mit einem Gürtel schlug, wenn sie weniger als Perfektion erreichten (Siehe Michael Jacksons Interview mit Oprah Winfrey 1993 und sein Interview mit Martin Bashir in Living with Michael Jackson 2003).

Obwohl Jackson in Interviews und öffentlichen Reden offen über seinen Missbrauch als Kind sprach, so bestand er auch darauf, dass die Strenge seines Vaters zu seiner Disziplin und seinen Fähigkeiten als Künstler beitrug. In seiner Oxford Rede zu seiner Heal the Child Initiative 2001 sagte Jackson, sein Vater Joe „wollte, dass sie die besten Performer werden sollten, die möglich waren… mein Vater war eine genialer Manager und der berufliche Erfolg meiner Brüder und mir ist zu keinem geringen Teil seinem Drängen zu verdanken.“ Dies ist sicher nicht die Art von Last, die irgendjemand tragen sollte, aber Nietzsches „Kamel“ hallt in Jacksons Kindheitsgeschichte wider. Obwohl er in der Kindheit so viel Schmerz ertragen hat, war er noch fähig, eine außergewöhnliche, lebenslange Leidenschaft für seine Kunst zu nähren.

Der Löwe – Nach diesem Stadium der Last kommt ein Stadium des beiseite Räumens, der lebensbejahenden Zerschlagung. Dies nennt Nietzsche das Stadium des Löwen. Hat der Mensch sich als stark gegenüber Härte erwiesen (ob innerlich oder äußerlich auferlegt), ist er nun bereit, diese Gepflogenheiten und sogenannten absoluten Wahrheiten zu verwerfen, die er von der Gesellschaft eingepflanzt bekam. Diesen Akt des Verwerfens mit brutaler Absicht kann man sich wie das Gebrüll eines Löwen vorstellen. Wo der Mensch einst das Wertesystem als natürlich ansah, sieht er es nun als (von Menschenhand) verfasst. Der entscheidende Schritt, seine eigene Urheberschaft, seine eigene Autorität, zurückzuerobern, besteht darin, um es in zeitgemäßem Jargon auszudrücken, „Fight The Man (dich zu wehren!)!“ Wie Nietzsche schreibt: „Die Erschaffung der eigenen Freiheit und ein heiliges „NEIN“ sogar zur Pflicht – dafür, mein Bruder braucht es den Löwen“.

Im Falle von Michael Jackson waren die Versuche, seiner eigenen Stimme Ausdruck zu verleihen und im Erwachsenenalter seine eigene Identität zu etablieren, in großem Umfang verwurzelt in seltsamen und fantastischen Launen. Michael Jackson war eigenartig. Ja, er war wunderlich. Doch in seiner Rolle als Popstar in öffentlichen Sphären gibt es noch so viel mehr zu sagen. Jackson war geheimnisvoll eigenartig, in einer solchen Art, dass seine Wunderlichkeit als sein besonderes persönliches Löwengebrüll verstanden werden kann. Seine Mittel, sich einen Ort für sich selbst zu erschaffen bedeuteten eine Reihe von „Nein“s zu bestehenden Norm, sowohl in der Popmusik im Besonderen, als auch in der Gesellschaft im Allgemeinen.

Um dafür ein eingehendes Beispiel zu bieten, können wir eine der Hauptmethoden der Rebellion in Jacksons Kunst untersuchen: Sexualitäts- und Gendernormen. Das Thriller-Video von 1983 bietet eine Goldgrube an Beispielen. Ein 13-minütiger Horrorkurzfilm zu einem fünf minütigen Song. Die Bedeutung dessen in der Welt der Popmusik sollte nicht unterschätzt werden. Sein langanhaltender Einfluss wurde 2009 vermerkt, als das Video zum ersten Video wurde, das jemals in die nationale Bibliothek des Kongresses aufgenommen wurde. Bezogen auf Jacksons Mythologie ist dieses Stück dramatischer Filmgeschichte aufgrund der Art und Weise, wie es einen ansonsten unschuldigen Popstar präsentiert, bezwingend. Im Laufe des Videos verwandelt sich Jackson zwei Mal vom netten Jungen von Nebenan in Letterman Jacke zum rücksichtslosen Monster. Zuerst wird er als Werwolf dargestellt, der gegen seinen eigenen Willen seine Freundin bedroht (gespielt von Co-Star Ola Ray), als das Biest aus ihm herausbricht. Doch dies ist nur eine von verschiedenen surrealen Wendungen. Jackson und Ola haben sich nur einen Film mit diesen Begebenheiten angeschaut und Ola fühlt sich bei Jackson, ihrem liebenswerten Date, sicher. Während sie vom Kino nach Hause laufen, passieren sie einen Friedhof, auf dem Zombies sich daran machen, aus ihren Gräbern aufzusteigen und aufs Neue verwandelt sich Jackson, diesmal in einen durstigen Zombie. In einem grotesk berühmten Tanz führt er die Zombies an, dann gibt es einen Schnitt in der Szene, Ola erwacht und begreift, dass alles nur ein Traum war – oder nicht? Als Jackson sie nach Hause bringen will, stoppt er kurz und schaut in die Kamera und zeigt uns die grässlichen gelben Augen eines Werwolfs.

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Die radikale Mehrdeutigkeit in diesem Video ist großartig. In nur einem einzigen künstlerischen Werk sehen wir Jackson sowohl als lebensstrotzendes Wesen voll aggressiven Verlangens als auch als unaufdringlichen verspielten Teenager. Das Video dient dazu, unter der Oberfläche des verträumten Pop Idols Finsternis und Subversion zu vermuten. Thriller ist mit über 100 Millionen weltweit verkauften Alben bei weitem das bestverkaufte Pop Album aller Zeiten. Angesichts dessen besitzt das Konzept, dass Jackson seine Gestalt und sexuellen Haltungen verändert, großes Gewicht. Jackson verkörpert Gegensätzlichkeit, selbst in seiner scheinbaren Unkompliziertheit. Tatsächlich ist es nicht nur diese Mehrdeutigkeit, die hier so radikal ist, es ist sein lebhafter Ausdruck unzähliger Arten von Gender, und all das eingebettet in seinem einzigartigen Wesen.

Für einen Popstar ist es sicherlich nichts Ungewöhnliches, sich als subversiv, als „bad boy“ darzustellen, doch bei Thriller fühlt es sich so an, als sei dies „rein geschmuggelt“ worden. Das war nicht der Jackson, der konfrontativ und unerschütterlich, gekleidet in eine Lederjacke, für das Cover des Bad Albums posierte (obwohl selbst dort der dick aufgetragene Eyeliner nicht gerade nach Testosteron schreit). Der Jackson, der das Cover von Thriller ziert, erscheint in Weichzeichnung, nahezu beschwingt weiblich zurückgelehnt, absolut nicht bedrohlich. Im Innenteil des Covers finden wir Jackson vertraut mit Tigerjungen umgehen, gefährliche exotische Tiere mit seiner an Mystik grenzenden Unschuld und Sanftheit zähmend. Doch sein tierhaftes Potential hält sich auch hier in ihm versteckt und im Video zu Thriller heißt er das Vorhandensein dieses Potentials willkommen und feiert es in seinem Tanz. Denn die Macht des nietzscheanischen Löwen, die in ihm steckt, zu der er fähig ist, reißt uns dazu hin, unsere vorgefasste Meinung anzuzweifeln – und sie schockiert uns.

In der Tat hilft der Vergleich der Bad und Thriller Album Covers, die nietzscheanische antiautoritäre Grundhaltung zu veranschaulichen und zu vertiefen. Der Löwe bedeutet nicht das letzte Stadium des Daseins, noch bedeutet es, dass jemand einfach auf Sitten verzichten sollte, weil es gerade Mal modern ist, dies zu tun. In einer meiner Lieblingsaphorismen Nietzsches Die fröhliche Wissenschaft von 1882, einem Werk, das Also sprach Zarathustra direkt voranging, wettert er genau aus diesem Grund gegen Hexenkunst: „Die Ketzerei ist das Seitenstück zur Hexerei und gewiss ebenso wenig, als diese, etwas Harmloses oder gar an sich selber etwas Verehrungswürdiges. Die Ketzer und die Hexen sind zwei Gattungen böser Menschen: gemeinsam ist ihnen, dass sie sich auch als böse fühlen, dass aber ihre unbezwingliche Lust ist, an dem, was herrscht (Menschen oder Meinungen), sich schädigend auszulassen.

Mit anderen Worten, Nietzsche befürwortet ein sorgfältiges Infragestellen der eigenen Werte und Gedanken, um sich selbst von Dogmen zu befreien. Sich dogmatisch starr der vorherrschenden Ordnung entgegenzustellen ist philosophisch ebenso kleingeistig wie sie dogmatisch zu akzeptieren. Indem sie sich selbst als böse ansehen, akzeptieren die Hexe und der Ketzer einfach die vorherrschende Moralität, obwohl sie sich daran weiden, eine gegnerische Haltung einzunehmen. Wenn ich mich dann also auf Jacksons „Nein zu Normen“ beziehe, geht es mir nicht um Jacksons Verwegenheit, sich als „bad“ zu bezeichnen, wie er es auf dem Cover des gleichnamigen Albums tut. Ich beziehe mich eher auf seine Kühnheit, in sich selbst vielfältige Möglichkeiten zu besitzen und diese auszudrücken. „Bad“ ist eine Möglichkeit, die er ausprobiert, genau wie „Dangerous“- ebenso wie das sanft weibliche und zart männliche Album Cover von Thriller. Sich verändernde Haltungen und darauf abgestimmte Images werden ständig durch Ungezwungenheit ausgetauscht, der Ungezwungenheit eines Menschen, der nicht an eine einzige Identität gebunden ist.

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Ziehen wir als weiteres Beispiel einige von Jacksons berühmten Mode Entscheidungen in Betracht. Er nahm einen Golfhandschuh und versah ihn mit glitzernden Glassteinen. Er kombinierte Militärjacken mit hautengen Jeans. Diese ikonischen visuellen Elemente sind Symbole seiner spielerischen Vermischung unterschiedlicher stereotyper Gender Identitäten, in denen typisch weibliche Extravaganz (mit Juwelen bestückte Schönheit, anmutige Eleganz) auf typisch männlich institutionalisierte Accessoires (Militärjacke, Sportkleidung, Wettkampfstätte und/oder Aggression) treffen. In nietzscheanischem Kontext würden wir die Lyrics von Bad wohl eher spielerisch sehen und vermuten, dass wir es, wenn Jackson fragt „Who’s bad (Wer ist böse)?“, eher als rhetorische Frage ansähen, etwa wie einen Call and Response Mechanismus. „Who’s bad?“ könnten Jackson und Nietzsche gleichermaßen fragen. Nun, eigentlich keiner von beiden wirklich, es sei denn, sie akzeptierten oder verinnerlichten die äußeren Kräfte, die sie als solche etikettierten. Was ist böse? Nun, universell oder objektiv gesehen, nichts, außer vielleicht das, was uns dazu bringt, das Leben zu verleugnen und das, was uns schwächt.

Das Kind – Wenn wir gelten lassen, dass Jackson existentiell dazu in der Lage war, sich sozusagen etwas Raum zum Umherschweifen zu erkämpfen, so wäre unsere nächste Frage: Was tat er mit diesem schöpferischen Raum? Die perfekte Antwort darauf finden wir im dritten und letzten Teil von Zarathustras Metamorphosen beschrieben. Dieses Stadium wird symbolisiert durch das Kind, den verspielten Schöpfer. Für Nietzsche ist Spielen alles andere als eine unbedeutende Sache, es ist ein fundamental philosophischer Akt. Wenn alte Systeme beiseite geschafft werden, müssen neue mit Hilfe imaginativer Lebhaftigkeit künstlerisch gestaltet werden. So lehrt Zarathustra auch: „Was muss der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden? Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-Sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-Sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.“

Hier bewegt sich Selbstvervollkommnung auf eine neue Unschuld zu, auf ein Leben als künstlerischen Akt. Der einzelne Schöpfer erbaut sich seine eigene, auf seine Wünsche abgestimmte, Welt. Doch Zarathustras Charakterisierung des Kindes ist nicht etwa gleichbedeutend mit der transzendentalen Vergötterung der reinen, unbestechlichen Jugend. Zarathustras Kind wird, was sehr bedeutsam ist, neu geboren, nachdem es einige Herausforderungen gemeistert hat. Dieses Kind „erobert“ seine Welt erst, nachdem es das Stadium der Lasten und des Umsturzes hinter sich gebracht hat. Das Kind taucht hier ausdrücklich aus Schmerz und Trauma empor. Bei Nietzsche ist der Akt des „Vergessens“ bewunderungswürdig, da das Vergessen vergangener Rechtsordnungen bedeutet, frei zu sein, sich ohne Schuld seine eigenen Gesetze neu zu geben. Doch die Notwendigkeit des Vergessens deutet auf ein Trauma hin, das überwunden werden muss. Zarathustras Kind ist ein wenig wie ein Alien. Das verspielte Kind erobert seine Welt, nachdem es der Welt größtenteils „verlorenging“.

Hier prallt der symbolische Text von Nietzsches Zarathustra in extrem wortwörtlicher Art und Weise mit biografischen Details aus Jacksons Leben zusammen. So viel aus Jacksons öffentlicher Mythologie dreht sich um die Vorstellung von ihm als Peter Pan, dem kleinen Jungen, der sich weigert, erwachsen zu werden, dem Kinderstar, der, nachdem ihm die Kindheit gestohlen wurde, versucht, sie im Erwachsenenalter nachzuholen. Doch nimmt man Zarathustra als Leitbild, kann man noch weiter gehen und sich dem Thema von Jacksons innerem Kind in einer Art nähern, die ihm viel größere Moral und philosophische Handlungsfähigkeit zubilligt. In Zarathustras Weltanschauung kann Jacksons Ankunft im kindlichen Stadium als erhabenes Beispiel für das Überwinden eines Traumas und der demnach entstandenen Neudefinition des eigenen Verständnisses der Welt angesehen werden. Statt es als wahnhaftes Verhalten abzustempeln, kann Jacksons allgemeine Fixierung auf Kinder und Kindheit als erleuchtetes Endergebnis angesehen werden, eines, das von jemandem erreicht wurde, der die spirituelle Kraft besaß, seine zurückliegende Versklavung in eine lebensbejahende Vision der Zukunft zu transformieren.

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In den „drei Metamorphosen“ beschreibt Zarathustra das Kind als Wesen, das „ein geheiligtes ‚Ja‘ zum Leben“ äußert, das als willkommener Fortschritt zum vormals vom Löwen geäußerten ‚Nein“ angesehen wird. Jacksons ‚heiliges Ja‘, sein visionäres Werk, kam in Form seiner humanitären Leistungen. Besonders zu erwähnen ist hier seine 1992 gegründete Heal The World Stiftung, die weltweit Millionen von Dollar für arme und kranke Kinder zur Verfügung stellte. Sein Ruhm bot ihm eine bedeutende Plattform, sein sozialpolitisches Anliegen auszudrücken. Dementsprechend steht uns auf diesem Gebiet die ehrlichste Äußerung seiner eigenen Philosophie, seines inneren Lebens als Denker zur Verfügung. Angesichts seiner Berühmtheit ist meine „philosophische“ Lesart von Jacksons Leben natürlich verbunden mit Gerüchten, Spekulationen und imaginären Assoziationen. Doch durch seinen leidenschaftlichen Schutz leidender Kinder auf der ganzen Welt sind wir in der Lage, einen ausreichenden und konkreten Hinweis auf seine Gedanken aufzugreifen. Seine Dankesrede bei den Grammy Awards 1993 enthält eine bemerkenswert starke Ähnlichkeit zur Einschätzung Zarathustras über die Tugend von Kindern. Nachdem er über den Missbrauch in seiner eigenen Kindheit gesprochen hatte, sagte er weiter: „Magie, Wunder, Mysterium und Unschuld des kindlichen Herzens sind die schöpferischen Samen, die die Welt heilen werden. Was wir von den Kindern lernen müssen ist nicht kindisch. Mit ihnen zusammen zu sein verbindet uns mit der tieferen Weisheit des Lebens, die immer vorhanden ist und nur darum bittet, gelebt zu werden, der erhabene Weg zu Lösungen, die einfach da sind und darauf warten, in unseren eigenen Herzen erkannt zu werden.“

Daraus können wir zwei Fakten ziehen. Zum Einen, dass die Quelle der schöpferischen Energie in der kindlichen Herangehensweise eines Menschen an die Welt liegt. Zum Zweiten, dass wahre Weisheit bedeutet, die eigene, dem Menschen innenwohnende, Stärke zu erkennen. Was Jackson uns hier nahelegt ist, dass jede bedeutende Veränderung durch Selbstkontrolle erfolgt, durch Begreifen des eigenen Potentials als Schöpfer und Sinngeber. Das ist eine ziemlich nietzscheanische Idee.

Die gleiche Idee findet sich in einem von Jacksons meist geliebten Songs wieder, in Man In The Mirror. Der berühmte Refrain geht so: „I’m starting with The Man in the mirror/ I’m asking him to change his ways/ No message could’ve been any clearer/ If you want to make the world a better place/ Take a look at yourself and then make a change (Ich beginne mit dem im Spiegel/ ich bitte ihn, seine Richtung zu ändern/ keine andere Botschaft könnte eindeutiger sein/ wenn du die Welt in einen besseren Ort verwandeln möchtest/ dann schau auf dich selbst und vollziehe einen Wandel)”. Selbst wenn wir den Text Jackson selbst nicht zuordnen können – er wurde von der Sängerin Siedah Garrett für Jackson geschrieben – so ist der Text doch ein gutes Zeichen für Jacksons weitere Kunst und seine öffentlichen Projekte.

In einem Interview über ihre Erfahrung meinte Garrett, dass „sie einen Song schreiben wollte, der ihm das Gefühl gäbe, der Welt etwas zu sagen zu haben“, der Effekt war etwas philosophisch und spirituell Bedeutsames. Die Aussage an sich ist schon faszinierend. Jackson kann hier also als jemand angesehen werden, der gewissermaßen die Vorstellungskraft einer gesamten Generation einfing, sodass es eine wichtige und wertvolle Handlung darstellte, ihm eine Botschaft zukommen zu lassen. In dieser Aussage liegt Akzeptanz für die prophetische Rolle des Popstars und sie besagt, dass ein Star dazu in der Lage ist, eine inspirierende Botschaft viel weiter zu tragen als ein normaler Mensch. Dies stellt Jackson zumindest ein wenig in eine Reihe mit Zarathustra. Jackson malte sich für die Zeit, in der er lebte, als Philosoph bessere Möglichkeiten für die gesamte Menschheit aus, Nietzsches Blick jedoch war immer auffallend zukunftsgerichtet. Folglich versetzte es Nietzsche natürlich in Entzücken, die Möglichkeit zu haben, Zarathustra zu erschaffen, einen eloquenten Propheten, der in der Abgeschiedenheit zu seinen Einsichten gelangte und diese dann auch mutig in die Öffentlichkeit trug.

Jacksons besondere Art, prophetisch zu agieren, war von der gleichen Lebendigkeit wie die Nietzsches, der durch Zarathustra agierte, doch dadurch, dass Jackson das spannende und für ihn zugängliche Medium der Popmusik benutzte, erreichte er ein weitaus größeres Publikum als Nietzsches Werke es zu seinen Lebzeiten jemals schafften (nicht nur Zarathustra, sondern sein Gesamtwerk). Ein erstaunliches Beweisstück für Jacksons Seelenleben kam jedoch erst vor sehr kurzer Zeit ans Tageslicht: ein Werk, dass sich rückblickend wie eine Prophezeiung anfühlt. CBS News berichtet, dass Michael 1979, er war gerade mal 21, eine Äußerung festhielt, in der er seine Lebensziele detailliert niederschrieb, handgeschrieben auf der Rückseite eines Tourplans. Er schrieb:

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„Ich werde ein neuer unglaublicher Schauspieler/Sänger/Tänzer werden, der die Welt erschüttern wird… ich werde magisch sein. Ich werde ein Perfektionist, ein Forscher, ein Trainer, ein Meister sein… Ich werde studieren, werde auf die gesamte Welt des Showbusiness zurückblicken und sie perfektionieren, sie Schritt um Schritt höher tragen als die Großen sie zurückließen.“ Selbst in diesem zarten Alter entwarf er ein besseres Konzept, als es je vor ihm jemand entworfen hatte, mit besseren Möglichkeiten und größeren Spielräumen für sich selbst als Popstar – und er führte dieses Konzept auch aus.

Ich möchte auch auf zwei weitere Details hinweisen, die wichtig für Jacksons Art der Prophezeiung sind. Das erste ist ein Zitat Jacksons aus einem 1982 entstandenen Interview über seine Leidenschaft für die Schauspielerei: „Ich habe es nie gemocht, das Wort ‚schauspielern‘, habe es nie gemocht zu sagen ‚Ich bin ein Schauspieler‘. Es sollte mehr sein als das. Es sollte eher heißen, ich bin ein ‚Gläubiger‘.“ Das zweite Detail ist die Einstellung in Jacksons Musikvideo zu Black Or White, wo sich eine Reihe von Gesichtern, die unzähligen Rassen zugehören, aus den jeweils vorhergehenden Gesichtern entwickeln, alle beherrscht von Jacksons Stimme. Jackson war ein Gläubiger. Selbst auf der Pop Bühne, bei der die Linie zwischen Performance und Realität oftmals nicht zu unterscheiden ist, machte er aus seinem Werk ein Testament für eine fortschrittlichere Zukunft. Im Falle von Black Or White war es sein Glaube in eine postrassische Gesellschaft, in der das Verständnis unzähliger Kulturen in einem einzigen Menschen verkörpert werden kann. Auch hier finden wir wieder Nietzsches bejahende Methode, in der es vielfältige interpretative Systeme gibt, die ausprobiert werden können, um auf verschiedene Situationen zu passen, ohne Angst, sich selbst als „absolutes“ und einziges System zu begrenzen.

Geteiltes Leid: „Sie wissen nicht, wo mein Zentrum ist.“ 

Es ist sehr schwierig, jemandes innerste philosophische und emotionale Überzeugungen einer genauen Prüfung zu unterziehen. Wie bereits im „Kamelstadium“ besprochen, sieht Zarathustra eine solche Prüfung als tugendhaft und für unser Wachstum als absolut essentiell an, jedoch zögert er nie zu bemerken, dass es Arbeit ist, Arbeit, die außergewöhnliche Stärke fordert. Nicht jedem gelingt diese Aufgabe. Außerdem läuft dieser Mensch, der so mutig lebt, Gefahr, von jenen, die es vorziehen, sich nicht in die bequemen und tröstlichen Strukturen einzumischen, die sie immer aufrechterhalten haben, missverstanden, ja sogar gefürchtet, zu werden. In der Parabel Das Kind im Spiegel aus Also sprach Zarathustra findet die bejahende Seite von Man In The Mirror ihre Entsprechung.

Es geschieht zu einer Zeit in Zarathustras Karriere als Prophet, als er zum Nachdenken in sein Einsiedlerdasein in den Bergen zurückkehrt, nachdem er kurze Zeit in der Öffentlichkeit verbracht hatte. Zarathustra träumte, ein Kind käme zu ihm, hielt ihm einen Spiegel vor und zwang ihn, hineinzuschauen. Statt sich selbst zu sehen, sah er das Bild eines teuflischen Monsters. Mit neuer Entschlossenheit, seine Botschaft zu äußern und weiter zu verbreiten, erwachte Zarathustra und interpretierte den Traum so: „Meine Feinde sind mächtig worden und haben meiner Lehre Bildnis entstellt, also, dass meine Liebsten sich der Gaben schämen müssen, die ich ihnen gab.“ Jackson war extrem vertraut mit dieser Situation, verleumderische Verzerrungen in der Öffentlichkeit zu ertragen.

Nietzsche war in seinem Leben ebenso vertraut damit. Hier spiegelt der Text Zarathustras Nietzsches eigene Biografie wider.

Für Nietzsche und Jackson war die vollständige Entfremdung von der Gesellschaft ein zweischneidiges Schwert. Einerseits war es von beiden selbstauferlegt. Beide lebten lange Zeit ihr Leben in Abgeschiedenheit und sie spürten keinen wirklichen inneren Drang, das, was andere als eigenartiges Verhalten ansahen, zu verbergen. Auf der anderen Seite jedoch machte sie ihr subversives Verhalten – bei Jackson war es sein Benehmen, bei Nietzsche seine Gedanken – zur Zielscheibe für Gerüchte, die dazu dienten, ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben. 1887 schrieb Nietzsche in einem Brief an seinen Musikerfreund Carl Fuchs, dass „sie in Deutschland laut gegen seine Exzentrik aufschreien. Doch da sie nicht wissen, wo sich mein Zentrum befindet, fällt es ihnen in ihrem Bemühen schwer, den Nagel auf den Kopf zu treffen, wo und wann ich denn in der Vergangenheit exzentrisch war.“

Einen Menschen als exzentrisch oder dezentriert zu bezeichnen, zeigt eine extrem begrenzte Definition normalen Verhaltens auf, eine Vorstellung, die für Nietzsche, den Dionysischen, viel zu eng gefasst war. Das Gleiche kann man von Jackson sagen. Die Öffentlichkeit wusste kaum etwas mit den kosmetischen OPs anzufangen, die sein Aussehen seit den späten 80ern radikal veränderten oder mit der Adoption des Schimpansen Bubbles, der einer der engsten Freunde Jacksons zu werden schien. Während Jackson in der Presse seinen tiefempfundenen Schmerz darüber ausdrückte, als „Wacko Jacko“ etikettiert zu werden, war er ebenso dafür bekannt, den Klatschblättern selbst bizarre Storys über sich geliefert zu haben, die diese Etikettierung nur noch beflügelt haben. Jackson war sicher ein Mensch, der von seinem eigenen “Zentrum” beherrscht war, doch selbst rückblickend ist es etwas schwierig zu erklären, wie dieses Zentrum arbeitete.

Am bedeutungsvollsten und wohl am tragischsten waren die Anschuldigungen der Kindesbelästigung, die Jacksons Ruf beschmutzten. Es verschlägt einem förmlich den Atem, dass das, was ihm am meisten am Herzen lag, nämlich seine Fürsprache für das Wohlergehen der Kinder, schließlich in Perversion und Missbrauch verkehrt wurde. Mit seiner Neverland Ranch, die er 1988 gegründet hat, errichtete er sprichwörtlich ein Monument für kindliche Tugend und machte sich damit selbst angreifbar, sowohl für die hinterhältigen Pläne von Eltern, die darauf aus waren, durch Klagen an Geld zu kommen als auch für die kritischen Augen der Presse. Dass Jacksons Botschaft derart verzerrt dargestellt wurde, dass sich die Öffentlichkeit „für die Geschenke, die er ihr als Künstler und Humanitär zukommen ließ schämte“ mutet wie eine echte Lebensoffenbarung von Zarathustras Kind im Spiegel an.

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In Nietzsches eigener persönlicher Historie liegt das größte Verbrechen der verzerrenden Darstellung in der Kooption seines Werkes durch die Nazibewegung. Nietzsches Schwester Elisabeth, die sich in den letzten Jahren seines Lebens um ihn kümmerte, nachdem er der geistigen Verwirrung anheimgefallen war, nutzte den unendlichen Wert seiner Prosa für ihre antisemitischen und deutsch nationalistischen politischen Ansichten (Siehe Carol Diethes Biografie von Elisabeth Forster-Nietzsche: Nietzsches Schwester und der Wille zur Macht). Wie tragisch wieder einmal, dass das Schlüsselelement seiner Philosophie – die Idee der inneren Stärke und des mutigen Festhaltens an der eigenen Souveränität – für eine so dogmatische und schmerzhaft engstirnige Bewegung wie den Antisemitismus eingesetzt wurde. Nietzsche hat sicherlich begriffen, dass es Menschen gibt, die stärker sind als andere, und dafür muss er sich nicht schämen, doch über die Definition der Nazis von Stärke wäre er sicherlich entsetzt gewesen und auch sicher darüber, zu sehen, wie sein lebensbejahendes Werk für einen solch durch und durch lebensverachtenden Kontext benutzt wurde. Die Verbindungen, so dürftig sie auch seien, wurden jedoch von jenen hergestellt, die danach trachten, einen Beweis für die Gefährlichkeit seiner Philosophie zu erbringen.

Ich vermute, Nietzsche war auf seine Art ein bedrohlicher Denker. Er zögerte niemals, was auch immer die Leute über ihn dachten, sich kritisch über die „Sklavenmoral“ zu äußern, die die Mehrheit der Menschen beherrschte. In der „Genealogie der Moral“ schreibt er: „Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem “Außerhalb,” zu einem “Anders,” zu einem “Nicht-selbst”: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat.“ Seine Philosophie war es, Ja zu sagen, auch wenn oder sogar gerade wenn dies mit dem traditionellen moralischen Kodex oder der Denkweise kollidiert.

Und wo wir gerade von „gefährlich/bedrohlich“ sprechen, Dangerous ist auch der Titel von Michael Jacksons viertem Soloalbum, dem Nachfolger von Bad. Zweifelsohne ließ Jackson es nicht zu, dass derartige Etikettierungen, gesponnen von der vorherrschenden Ordnung, ihn herunterzogen. Angeregt durch Nietzsches Sklavenmoral könnten wir diese Albumtitel sogar folgendermaßen interpretieren: Jackson fühlte sich mit diesen Etikettierungen so wohl, dass er sogar seine Alben danach benannte, nicht weil er „sich selbst für gottlos“ hielt, wie es Nietzsches Hexen taten, sondern vielleicht um diesen Etiketten die Spitze zu nehmen, anstatt bloß die unterjochten Gemüter zu schelten. Er war der Erste, der das aussprach, was die Schwarzseher dachten und der dann einfach mit seinem Tanz weitermachte, er schaffte das spielend, wie jemand, der stets mit seiner inneren Freude in Kontakt blieb, einer Freude, die sich weigert, sich von äußeren Einflüssen von ihrem Weg abbringen zu lassen.

Sowohl Nietzsche als auch Jackson erkämpften sich für sich selbst große Freiheiten und nutzten diese Freiheiten zum äußersten Wohl anderer. Natürlich kostete diese Freiheit sie beide sehr viel. Ein Mensch, der abseits steht, muss großes Leid ertragen, Leid, das durch selbstauferlegte Prüfungen entsteht, die zur Läuterung und Vervollkommnung der eigenen Existenz bestimmt sind und Leid, das durch öffentliche Reaktionen gegen die Weigerung dieses Menschen, sich bestehenden traditionellen Lebensweisen anzupassen, hervorgerufen wird. Ich habe auf diesen Seiten versucht, etwas Heilsames zu tun. Wir sollten uns vorstellen, wie diese beiden Menschen sich über die Zeit hinweg eine Hand der Sympathie reichen – in beiden Fällen hat ihnen ihre Fähigkeit, Probleme zu überwinden und erfolgreich zu sein, zur größten Freude verholfen: ein Herz, das ohne Angst schöpferisch tätig ist.

Nietzsche verleiht unserem Verständnis von Jackson die Erhabenheit der Philosophie. Er kann eine mögliche Interpretation liefern, diesen rätselhaften und verwirrenden Star als Denker zu sehen. Im Gegenzug dazu verleiht Jackson Nietzsche – einem Mann, der immer nur in die Zukunft blickte, der sich stets vorstellte, dass sein Werk irgendwann einmal enthusiastisch gefeiert würde – ein Gefühl der Hoffnung. Jackson, ein Mensch, der die dionysische Empfindsamkeit verkörpert und gleichzeitig die Fähigkeit besitzt, „vieles zu ertragen“, erlebte außergewöhnliche Anerkennung und Verehrung in seinem Leben. Sein kommerzieller Erfolg und sein Ruhm sind bis heute unerreicht. Welche Freude würde Nietzsche wohl in all seiner Liebe zu Musik und Tanz empfinden, wenn wir ihm mit einem Augenzwinkern erzählten, dass er mitgeholfen hat, MJ zum King of Pop zu krönen?

 – 1991 –

Der Tanz

Bewusstsein drückt sich selbst durch Schöpfung aus.

Diese Welt, in der wir leben, ist der Tanz des Schöpfers.

Tänzer kommen und gehen in einem Lidschlag,

aber der Tanz lebt weiter. Beim Tanzen fühle ich mich oftmals

von etwas Heiligem berührt.

In jenen Augenblicken spüre ich, wie meine Seele aufsteigt

und eins wird mit allem, was lebt.

Ich werde der Mond und die Sterne.

Ich werde der Liebende und der Geliebte.

Ich werde der Sieger und der Besiegte.

Ich werde der Herr und ich werde der Sklave.

Ich werde der Sänger und das Lied.

Ich werde der Wissende und das Wissen.

Ich tanze weiter und es wird zum ewigen Tanz der Schöpfung.

Der Schöpfer und die Schöpfung verschmelzen

zu vollkommener Freude. Ich tanze weiter und

tanze…….und tanze, bis nur noch… der Tanz bleibt.

  – Michael Jackson, Dangerous (Special Edition), Covertext – 

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