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Marcel Marceau und Michael…

by on 26. July 2011

(You’ll find the English Version at the end of this post…)

Interview von 1996 mit Marcel Marceau, der mit Michael eine gemeinsame Performance für Childhood einstudierte.

Die im Interview thematisierten Auftritte sind diejenigen („One night only“), die am 8. und 9. Dezember 1995 im Beacon Theatre am Broadway stattfinden und deren Zusammenschnitt am 10. Dezember vom Fernsehsender HBO ausgestrahlt werden sollte.
Wie jeder weiß, erlitt Michael bei den Proben am 6. Dezember einen Schwächeanfall, und die Konzerte fanden nie statt.

Wie und wo haben Sie Michael Jackson kennengelernt?

Marcel Marceau: Ich wußte, dass Michael Jackson zu meinen Anhängern zählte, seitdem er 1988 bei einer Welttournee auch nach Frankreich gekommen ist. Er sagte, daß er zwei Personen kennenlernen wollte: Marlene Dietrich und Marcel Marceau. Man hat ihn gefragt: „Warum ausgerechnet Marcel Marceau? Weil er nicht spricht?“ Michael Jackson hat ihnen geantwortet, daß er Marcel Marceau regelmäßig bei seinen Amerikatourneen gesehen habe und nicht verstehe, warum man ihm eine derartige Frage stelle. Daraufhin herrschte auf Seiten der Journalisten betretenes Schweigen…
Michael Jackson hat sich danach meine Vorstellung in London angesehen, wo ich gerade auf Tournee war. Dort bin ich ihm zum ersten Mal begegnet. Wir waren beide zusammen auf der Bühne meines Theaters und haben diskutiert. Er war von einer Pantomime, bei der ich einen Mann mime, der gegen heftigen Wind ankämpft, fasziniert. Szenen daraus hat er bei Moonwalk verwendet. Diese erste Begegnung war phantastisch. Er sagte mir: „Marcel, Ihre Kunst ist wunderbar.“ An der Pantomime gefallen ihm vor allem die sanfte Poesie, der langsame Rhythmus sowie die Stille. Ich habe feststellen können, dass Michael in jungen Jahren fast allen meinen Tourneen in den USA beigewohnt hat. Er machte kein Aufheben, sodaß ich nichts davon erfuhr. Er kennt die Ursprünge meiner Arbeit und ich gehöre zu seinen Vorbildern, wie auch Fred Astaire. Er hat trotzdem seinen eigenen Stil und ist kein Imitator.Ich glaube, daß er in sämtlichen künstlerischen Domänen in der Lage ist, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Welchen Eindruck hatten Sie von Michael Jackson vor dieser Begegnung?

MM: Ich hatte ein Bild aus Musik, Rhythmus und Pop vor Augen, außerdem verfügt er über eine außergewöhnliche Schnelligjkeit.

Wann haben Sie ihn danach wiedergesehen?

MM: Michael Jackson hat mich 1992 zu sich nach Hause eingeladen, als ich gerade in den USA auf Tournee war. Wir haben ein langes Gespräch geführt. Er hat mir gesagt, daß er von meinen Vorstellungen beeindruckt sei, von der weißen Maske und meinen Pantomimen.  Außerdem ist er ein großer Bewunderer von Chaplin und der Pantomime im allgemeinen. Die erste Frage, die er mir bei diesem zweiten Treffen stellte, war, ob mein Werk auf Videokassette existieren würde. „Natürlich“ habe ich geantwortet. „Oh! Wunderbar“ fügte er hinzu. „Bravo, bravo“. Er betonte immer wieder, dass man das für History machen muß.

Unter welchen Umständen hat Michael Jackson Ihnen vorgeschlagen, an dem Konzert für den amerikanischen Sender HBO teilzunehmen?

MM: Ich war 1994 gerade auf Tournee, als ich einen Anruf von Michael Jackson erhielt. Er sagte mir, dass er einen Song mit dem Titel Childhood geschrieben hatte. Er sang ihn am Telefon vor. „Es wäre schön, wenn Sie eine Pantomime dazu kreieren könnten“ fügte er hinzu. „Ich würde dabei gerne eine Rolle spielen. Diese lyrische Person, die Sie spielen…das wäre wunderbar“. Ich dachte, das sei nur so eine Idee von ihm, nichts wirklich ernst Gemeintes. Ein Telefongespräch bzw. ein verbales Versprechen ist kein offizieller Vertrag. Deshalb habe ich ihm gesagt: “Michael, hier ist meine Pariser Telefonnummer. Rufen Sie mich dort an. Sollten wir etwas zusammen machen, dann nach allen Regeln der Kunst.“ Als ich wenig später wieder in Frankreich war, rief er mich dort an, sang mir den Song erneut am Telefon vor und sagte: „Ich möchte, dass Sie die Choreographie machen und wir zusammenarbeiten. Ich werde den Vertrag vorbereiten.“

Ich war gerade auf Bangkok-Tournee, als Michaels amerikanischer Agent Kontakt mit mir aufnahm. Wir haben danach mit HBO abgesprochen, die Vorstellung für Weihnachten ´95 zu programmieren. Alles war genau geplant. Zu diesem Zeitpunkt bin ich in die USA geflogen und dort sehr herzlich von einem überaus glücklichen Michael Jackson in Empfang genommen worden. Wir haben sofort mit den Proben begonnen , bei denen ich völlig freie Hand hatte. Michael Jackson wollte eine Synthese. Ein Mime ist sehr wandlungsfähig, man mimt nicht die Gebärden eines Songs, sondern eine Art Lyrik. Und was Childhood betrifft, so enthält dieser Song sehr viel Lyrik. Für mich hat er etwas von Rimbaud und Baudelaire. Diese beiden großen französischen Dichter haben viel über ihre verlorene, unglückliche Kindheit geschrieben, eine Kindheit, die sie nie gehabt haben. Das sind Schreie, die vom Herzen kommen. Ich konnte meiner Phantasie bei der Interpretation von Childhood freien Lauf lassen. Gleichzeitig hielt ich Michael über meine Kreationen auf dem Laufenden, um zu wissen, ob er damit einverstanden war. Wir haben Hand in Hand zusammengearbeitet.

Haben Sie die Nummer vor Ihrer Ankunft in New York erarbeitet?

MM: Nein, ich habe alles vor Ort erarbeitet, ich benötigte Michaels Kontakt dazu.

Können Sie von der Kreation sprechen, die Sie für Childhood gemacht haben?

MM: Am Anfang des Songs befindet sich Michael auf der Gartenseite (links auf der Bühne, Red.) und ich auf der Innenhofseite (rechts). Während er zu singen beginnt, fährt die Kamera auf mich zu. Ich mime die Themen des Songs. Während Michael in seinem Song versucht, die Bilder seiner verlorenen Kindheit wieder einzufangen, drücke ich seine Verzweiflung durch unaufhörliches Laufen auf der Stelle aus. Die Bilder sind sehr intensiv, der Mime versucht, das umzusetzen.

Was denken Sie von Childhood? Hat der Song Sie inspiriert?

MM: Er ist sehr schön und sagenhaft melodisch. Gleichzeitig ist er voll Schmerz, wie ein Schrei, der von Herzen kommt. Michael hat seine Karriere sehrfrüh begonnen und deshalb keine Kindheit gehabt, das stimmt. Mitleid wäre allerdings verfehlt, da er mit seinem Erfolg und seiner Musik zufrieden war. Dieser große Erfolg ist allerdings eng mit einer starken Inanspruchnahme durch das Publikum verbunden, die einen unter Druck setzt und manchmal zur Sklaverei ausartet.

Ist der Jackson von 1988 immer noch der Gleiche, als Sie ihn 1995 wiedersehen?

MM: Ja, er ist der Gleiche. Erstens weil man sich in diesem Alter nicht mehr ändert, und außerdem war er immer noch genauso liebenswürdig und respektvoll. Manchmal hat man den Eindruck, daß er von einem anderen Planeten kommt, so beflügelt und anders scheint er. Man hat oft behauptet, daß er sich nicht leicht beeindrucken lässt. Am Ende von Childhood kommt er auf mich zu und singt „Have you seen my childhood?“ und ich zeige ihm den Weg mit einer Handbewegung. Wir beenden den Song gemeinsam, so als würden unsere Körper miteinander fusionieren. Das alles wirkt sehr rein und poetisch. Für mich ist Michael ein singender Poet. Gleichzeitig ist er ein großer Sänger, Schauspieler, der das Theater, die Musik und das Kino liebt. Man fühlt bei ihm das Bedürfnis nach Nächstenliebe, er ist wirklich eine sehr reine Person. Gleichzeitig ist er sehr gefragt, und wenn man sehr gefragt ist, kann man leicht Opfer von Intrigen werden. Ich selbst bin davon überzeugt, dass er ein sehr anständiger junger Mann ist. Man sagt, daß seine Haut immer heller wird, mich stört das überhaupt nicht. Für mich kann er im Theater wie auch im Fernsehen seine eigene mythische Persönlichkeit ganz nach seinem Gutdünken kreieren. Und die Tatsache, schwarz zu sein, hat er nie von der Hand gewiesen. Ich glaube, daß alle Gerüchte mit Geld zu tun haben und da kann man nicht viel machen.

Wie waren die Proben für das Konzert?

MM: Die Proben sind reibungslos verlaufen. Ich war dabei, es gab ca. 20 sehr explosive Tänze. Michael Jackson hat fast nur Tänzer in seiner Truppe, die von der Straße kommen. Es hat mich sehr beeindruckt, diese Tänzer zu sehen, die Angst und Gewalt ausdrücken; und dann zu sehen, daß Michael einen poetischen Song wie Childhood dazwischengeschoben hat. Von Anfang an wollte er, dass ich die Verzweiflung über seine verlorene Kindheit auf der Bühne zum Ausdruck bringe. Es gibt eine Passage, in der er von Piraten, Eroberern und Königen spricht – nur einem Mimen kann der Übergang von einem Piraten zu einem König wirklich gelingen, denn er verfügt über die notwendigen Posen; die Mimik ist eine Verwandlungskunst. Einem Tänzer hingegen kann das nur schwer gelingen, denn nur der Mime kann sich durch verschiedene Posen von einem Piraten in einen König verwandeln. Michael Jackson hat mein Werk gesehen, u.a. den Herzensbrecher, und weiß, dass ich schwierige Themen umsetzen kann. Wir arbeiteten zusammen, und je mehr wir vorankamen, desto glücklicher war ich. Am Tag, als die Presse ins Beacon Theatre kam, waren etwa 10 Fernsehsender und 300 Journalisten anwesend. Michael Jackson verkündete: „Ich stelle euch meinen Freund Marcel Marceau vor, den größten Mimen der Welt“. Danach hat die New York Times geschrieben, daß die Begegnung zwischen Michael Jackson und Marcel Marceau nichts Erstaunliches hätte. Der Journalist erklärte, dass Michael Jackson Chaplin mit Smile eine Hommage erwiesen hätte und jetzt das Gleiche mit Marceau täte. Diese beidenKünstler hätten ihn in lyrischer Hinsicht inspiriert.

Wo waren Sie, als Michael seinen Schwächeanfall erlitt?

MM: Ich war im Beacon Theatre und schaute den Tanzproben zu, es war wunderbar. Michael war mit etwa 15 Tänzern auf der Bühne. Als ich mir dann einige Augenblicke später etwas zu trinken holte, bemerkte ich plötzlich eine große Stille. Alles hatte aufgehört. Noch kurz zuvor vernahm man eine ungeheure Geräuschkulisse von Lasern und Popmusik; und ganz plötzlich herrschte eine Stille, als ob alles aufgehört hätte. Ich habe mich umgedreht und konnte Michael nicht mehr sehen. Er lag bewußtlos auf dem Boden, und wir waren alle von Panik ergriffen. Menschen standen um ihn herum und Michael bewegte sich nicht mehr. Rettungssanitäter waren in Kürze zur Stelle. Bei ihrem Anblick bekam ich große Angst. Wir haben danach alle das Theater verlassen und später erfahren, dass es ihm gut ging. Ich habe ihm einen Brief ins Krankenhaus geschickt, und er hat mir durch sein Team mitteilen lassen, daß ihm das große Freude bereitet hat und er mich gerne wiedersehen würde. Die Presse hat die Wahrheit gesagt, er war erschöpft, „exhausted“ wie die Engländer sagen. Das passiert, wenn man intensiv singen, tanzen und spielen muß und noch dazu wegen einer neuen Kreation Lampenfieber hat. Alle Künstler leiden darunter. Michael Jackson war mit unserer Arbeit an Childhood sehr zufrieden, ich hatte allerdings bemerkt, daß der Rest ihm Angst machte. Natürlich mußte er bei unserer Nummer nicht so viel Energie aufwenden, als wenn er mit 15 Personen tanzt und die Leitung der Choreographie hat. Ich selbst war davon überzeugt, daß seine Show sehr gut sein würde. Ich war sogar hundertprozentig davon überzeugt.

Haben Sie bemerkt, dass Michael erschöpft war? Konnte man die Müdigkeit auf seinem Gesicht ablesen?

MM: Überhaupt nicht. Wenn ich ganze Tage mit Michael Jackson verbracht hätte, wäre mir vielleicht etwas aufgefallen, aber bei unseren Proben war er immer in Form und hat sich nichts anmerken lassen. Man fühlte den Stress, er zeigte ihn aber nicht nach außen. Außerdem hatte er seit geraumer Zeit nichts Richtiges zu sich genommen. Das ist an sich kein großes Problem, aber um so zu tanzen, wie er es tut, muß man schon in Topform sein.

Hatten Sie den Eindruck, dass Michael glücklich war?

MM: Ich glaube, wenn er arbeitet, ist er es. Er könnte auch nicht machen, was er macht, wenn er nicht in seiner Kunst aufgehen würde. Er ist immer ein großes Kind geblieben, wie alle Künstler. Künstler, die kreieren, sind Kinder, die im Verlaufe ihres Lebens reifen, aber die Reinheit und den Glauben ihrer Kindheit beibehalten.

Glauben Sie, dass Michael Jacksons Erfolg noch lange anhalten wird?

MM: Ja, ich glaube, er wird sich immer weiter entwickeln, da er ein tiefgründiges Wesen ist. Gut, daß es ihn gibt. Er wird unsere Epoche als Künstler nachhaltend prägen, und das nicht nur als Popkünstler, sondern vor allem durch die Themen, die er anspricht. Er zeigt in seinen Tänzen die Gewalt und die Angst unserer Epoche. Michael ist tiefgründig; um das zu verstehen, muß man sich nur den Clip von Earth Song anschauen. Ich finde das bemerkenswert.
[…spricht über Charlie Chaplin…]
Ich habe sehr viel Achtung vor Chaplin, genau wie vor Michael Jackson, der über ein ähnlich großes Talent verfügt. Unser Respekt beruht auf Gegenseitigkeit. Und Respekt ist ein Zeichen für Bescheidenheit, denn selbst wenn man auf dem Gipfel des Ruhms angekommen ist, zweifelt man immer noch an sich.

Quelle: B&W Magazine /HIStory-Magazine

Click to read english Version:

MarceauInterv1Marceau Interv2Marceau Interv3MarceauInterv4

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=-PMDYjD21E0]

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