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Ich bin der eine, der auf der Tanzfläche im Kreis tanzen wird

by on 12. October 2015


I am the One who will Dance on the Floor in the Round
Post vom 19/03/2015

Link: Dancing With The Elephant

Willa: Vor einigen Wochen hatte ich Raven Woods zu einer faszinierenden Unterhaltung über „Scared of the Moon“ zu Gast, aber wir begannen mit einer kurzen Diskussion über Michael Jacksons Konzerte und wie diese strukturiert sind. Im Besonderen sprachen wir darüber, wie seine Performances von der Dangerous Tour an dazu neigten einem Bogen zu folgen, der mit seiner eher militärischen, autoritären Rolle begann, aber dann mit einer sehr viel sanfteren, mehr sorgenden Rolle endete. Dieser Bogen wurde mit einer Reihe von Standarddarbietungen durchsetzt, die auf eine fast ritualisierte Art und Weise dargeboten wurden: „Beat It“, „Thriller“, „The Way You Make Me Feel“, „Smooth Criminal“ und ganz besonders „Billie Jean“.

Heute habe ich Raven wieder zu Gast, um mit ihr über „Billie Jean“ als einem der unverkennbaren Stücke in Michael Jacksons Konzerten zu sprechen. Ich danke dir sehr, dass wir diese Unterhaltung führen können, Raven!

Raven: Mein Dank an dich für diese wiederholte Einladung! Diese Diskussion kommt eigentlich gerade zur rechten Zeit, wenn man bedenkt, während ich dies schreibe, dass Motown 25 kürzlich noch einmal auf PBS zum ersten Mal seit dreißig Jahren vollständig ausgestrahlt wurde. Wie wir alle wissen stellt dieses Special einen historischen Augenblick dahingehend dar, dass er die erste öffentliche Performance von „Billie Jean“ und die erste Darbietung dessen war, was später eine klassische, feste Größe innerhalb Michael Jacksons Live Performances werden sollte.

Willa: War das nicht unglaublich? Die komplette Ausstrahlung von Motown 25 anzusehen war als würde man Zeuge der Geburt eines Kulturphänomens sein, eines, das während seiner späteren Konzerte und in der Kultur schlechthin für Dekaden nachhallte.

Raven: Dieser Auftritt war wirklich unglaublich. Ich habe mir das Motown Special letzten Sonntag angesehen. Erst einmal muss ich sagen, dass ich sehr interessiert daran war, dass Programm komplett anzusehen, denn ich glaube nicht, dass ich es damals, 1983, in Gänze gesehen habe. Ich war damals so jung und wie die meisten Teens und jungen Erwachsenen nicht geneigt vor einem Fernseher zu sitzen – besonders dann nicht, wenn ich ein Date hatte! Meine Großmutter sah es, aber ich kann mich nur daran erinnern während der Originalausstrahlung kleine Stückchen gesehen zu haben, weil ich an dem Abend zu beschäftigt damit war, aus dem Haus und wieder zurück zu kommen. Ich war also sehr interessiert es wieder anzusehen und neben Michaels einige von den anderen Auftritten mitzubekommen. Marvin Gaye war einfach erstaunlich und hätte wahrscheinlich allen anderen die Show gestohlen – wenn Michael nicht gewesen wäre natürlich!

Willa: Ich war ebenfalls wirklich fasziniert von Marvin Gayes Performance und davon wie tiefempfunden sie war. Er wollte wahrhaftig jedermanns Augen für „What’s Going On“ öffnen. Eine andere Sache, die mich fasziniert hat, ist, dass Marvin Gayes und Michael Jacksons Auftritte sich auf gewisse Weise den ruhigsten Eindruck vermittelten, ironischerweise jedoch die auch die eindrucksvollsten waren. Es ist irgendwie schwer zu beschreiben, aber sie hatten eine stille Intensität, die 30 Jahre später immer noch greifbar ist.

Raven: Ich muss sagen, dass ich nicht geglaubt habe, dass es möglich war, sich wieder von Neuem in Michael Jackson zu verlieben, aber das passierte mir, als ich diese Performance ansah! Ich denke, dass ich über die Jahre ein bisschen gleichgültig gegenüber der Original Motown „Billie Jean“ Performance geworden bin. Sicher, es war das erste Mal und ein ikonischer Augenblick der Fernsehgeschichte, aber über die Jahre hatte ich so viele „Billie Jean“ Performances gesehen, von denen ich dachte, sie wären besser. Nachdem ich gesehen hatte, wie sich das Stück während der Bad-, Dangerous- und HIStory-Tour entwickelte, schien es seltsam zu sein, wieder zurück zu Motown 25 zu gehen und bemerken, dass sein Moonwalk eigentlich ziemlich kurz war, und du kannst sichtlich erkennen, wie er die Balance während des Toestand verliert. Michael selbst war später sehr wütend darüber, und dachte, dass seine gesamte Performance ruiniert war!

Willa: Ja, ich erinnere mich, darüber gelesen zu haben. Eigentlich dachte ich, habe er gesagt, er würde sich fühlen, als müsste er heulen, weil er zurückfiel und nicht so lange auf seinen Zehen stehen konnte, wie er wollte. Rückblickend ist es schwer vorstellbar, dass er mit dieser Performance unzufrieden gewesen sein könnte!

Raven: Das ist wahr. Er fühlte sich erst besser damit, nachdem Fred Astaire angerufen und ihm Komplimente gemacht hatte. Aber als ich die gesamte Show angesehen und mich in diesen Moment zurückversetzt hatte, realisierte ich erneut, warum diese Performance so magisch und besonders war. Niemand hatte jemals vorher gesehen, dass diese Bewegungen auf einer Bühne ausgeführt wurden, also gab es keinen Maßstab, an dem man messen konnte, wie fehlerlos oder wie reibungslos er sie ausführte. Von dem Moment an, in dem Michael die Bühne betrat, konnte man die greifbare Elektrizität spüren. Er war jung, strahlend und brannte – bereit sich der Welt zu beweisen.

Willa: Weißt du, Lubov Fadeeva, eine professionelle Tänzerin und Choreografin, spricht in ihrem wunderbaren Artikel „Michael Jackson: The Dancer of the Dream“ darüber. Sie sagt Folgendes:

Es ist offensichtlich für mich, dass seine Performance bei Motown 25 im Jahr 1983 sich auf viele Arten von seinen späteren Konzertversionen von „Billie Jean“ unterscheidet. Es ist noch nicht perfekt, und der Moonwalk wird noch nicht so reibungslos ausgeführt wie in späteren Versionen. Vielleicht war der Boden nicht glatt genug. Trotzdem geht die emotionale Aufladung des Tanzes so durch Mark und Bein, dass es niemals mit irgendetwas vergleichbar war.

Am Ende der Motown 25 Performance, als Michael aufhört und ins Publikum sieht … Ich weiß nicht, wie ich den Ausdruck in seinen Augen beschreiben soll, aber ich kann ihn voll und ganz verstehen. Es ist die Art Augenblick, wenn ein paar Minuten alles verändern können. … Ich sehe mir jedes Mal diesen Auftritt an und denke, dass Michael hier eine Prüfung ablegt. Er hatte nicht mal ein Spotlight. Einfach nur ein Performer auf der Bühne. Aber irgendwie wirkt es spektakulärer als teure Shows mit Spezialeffekten.

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Ich denke, Fadeeva hat dies perfekt erfasst. Seine Performance bei Motown 25 war vielleicht technisch nicht so sicher wie manche seiner späteren Performances, bei denen jahrelange Erfahrung mit dem Moonwalk ihn beispielsweise reibungslos die gesamte Länge der Bühne entlanggleiten ließen. Aber trotzdem ging dieser „Billie Jean“-Auftritt einfach „durch Mark und Bein“, wie Fadeeva sagt.

Raven: Fadeeva hat es perfekt auf den Punkt gebracht! Das ist genau das, was ich zu sagen versucht habe. Und obwohl sich das Stück über die Jahre ziemlich entwickelt hat, wich Michael niemals wirklich drastisch von seiner Original-Performance des Stücks ab. Alle symbolischen Elemente, die man mit dem Stück und der Performance identifiziert, waren bereits vorhanden.

Willa: Das ist wahr.

Raven: Was mir aufgefallen ist, dass wir jedes Mal, wenn wir einen Michael Jackson Song diskutieren oder analysieren, mindestens drei verschiedene, separate Elemente betrachten müssen – die Aufnahme, den Short Film (das Video) und die Live Performance.

Willa: Ja, und von manchen gibt es auch noch eine längere Filmversion. Ich denke an die 16-minütige Version von Bad und an die 40-minütige Version von Smooth Criminal aus Moonwalker. Und dann gibt es auch noch den 38 Minuten langen Film Michael Jackson’s Ghosts.

Und es gibt noch ein weiteres Element, das es ebenfalls zu beleuchten gilt, und das sind die Lyrics wie auch Gedichte. Er veröffentlichte im Grunde „Heal the World“ und „Will You Be There?“ als Gedichte in Dancing the Dream, aber viele seiner anderen Songs können ebenfalls auf diese Art betrachtet werden. Wenn ich seine Lyrics gelesen habe, dann dachte ich oft, dass sie in das Raster von Gedichten passen. Du hast also Recht, Raven – bei vielen seiner Songs gibt es verschiedene Formen hörbarer und visueller Darstellungen, die in dynamischer Wechselwirkung miteinander stehen, um Bedeutungen zu erzeugen.

Raven: Obwohl dies bis zu einem gewissen Grad für viele Künstler zutreffen mag, besonders für jene des Videozeitalters an, finde ich, dass es wahrscheinlich im Fall Michael Jackson noch mehr zutrifft als bei irgendjemandem sonst, denn ich kenne keinen anderen Künstler, der all diese Aspekte einer Darstellung – die akustischen und die visuellen – so nahtlos erfolgreich miteinander verschmolzen hat, wie er es getan hat. Dementsprechend ist es bis heute nahezu unmöglich einen Track von Michael Jackson zu diskutieren, ohne ihn mit der mit ihm verknüpften Bildersymbolik in Zusammenhang zu bringen. Es ist zum Beispiel fast unmöglich über den Song „Thriller“ zu sprechen ohne die Diskussion mit dem ikonischen Video zu diesem Track zu vermischen, oder irgendeinen Aspekt von „Black or White“ als Track zu diskutieren ohne auch die wichtigen thematischen Elemente der „Panther Dance“-Sequenz des Videos ins Spiel zu bringen.

Willa: Oh, das sehe ich genauso. Ich kann keinen seiner Songs, zu dem es ein Video gibt, ohne diese Bildsprache in meinem Kopf anhören. Und ich denke, sie sind so sehr miteinander verbunden, weil er sie sich auf diese Weise vorgestellt hat. Seine Videos waren nicht einfach etwas, was er auf die Schnelle zusammenpanschte, um seine Songs zu vermarkten – sie waren von Anfang an ein Teil seiner Vision. In Moonwalk sagt er:

Die drei Videos, die zu Thriller gemacht wurden – „Billie Jean“, „Beat It“ und „Thriller“ – waren alle Teil meines Originalkonzeptes für das Album. Ich war entschlossen, diese Musik so sichtbar wie möglich zu machen.

Er dachte also offensichtlich bereits über die Videos für diese Songs nach, als er an dem Album arbeitete, und ich denke, er hat das Ziel „seine Musik so sichtbar wie möglich zu machen“ erreicht. Jene Tracks anzuhören ist eine überraschend visuelle Erfahrung, wie du gesagt hast, Raven.

Raven: Ja. Es scheint so, dass Michael, mehr als jeder andere musikalische Künstler seiner Zeit, über mindestens drei Ebenen jedes Songs, den er aufnahm, nachdachte. Durch die Kunst der Bildsprache war es ihm möglich den Songs zusätzliche Ebenen der Themen und Symboliken, welche die Audiotracks allein niemals hätten vermitteln können, hinzuzufügen. Und auf noch einer weiteren Ebene erlaubten ihm seine Live Performances die Stücke noch weiter zu entwickeln. Entgegen der allgemeinen Vorstellung waren seine live dargebotenen Stücke niemals einfache Nachstellungen seiner ikonischen Video-Performances. In manchen Fällen wichen sie natürlich nicht so sehr ab (die Choreografie von „Beat It“ lehnte sich zum Beispiel durchweg eng an die Videoversion an), aber was wir noch mehr zu sehen bekamen waren Neubearbeitungen und (Re-) Stilisierungen dieser Nummern.

Willa: Ja, und manchmal scheinen sich die Bühnendarstellungen völlig von den Videos zu unterscheiden. Ich denke besonders an „The Way You Make Me Feel“, das sich in seinen Konzerten immer so leicht und optimistisch anhört … aber niemand würde jemals das Video auf diese Art beschreiben. Es ist sehr viel dunkler und härter als die Bühnenversion. Obwohl er also oft das Video durch seine Kleidung heraufbeschwor – ein loses blaues Hemd über einem engen weißen T-Shirt mit einem weißen Bindegürtel – die Stimmung und der Bedeutungsgehalt ist ein völlig anderer, denke ich.

Raven: Absolut. Und ich denke, das geht wieder zurück auf den Gedanken, dass er die Konzepte seiner Songs immer wieder neu visualisierte. Er wusste, dass das, was auf der kleinen Leinwand funktioniert, sich nicht unbedingt auf die Performance-Bühne übertragen ließ und umgekehrt. Ich habe die Art, wie er „The Way You Make Me Feel“ mit dem verlangsamten Do-Wop-Intro überarbeitet hat, immer gemocht. Ich erinnere mich, dass, als This Is It herauskam, einige Kritiken Michaels „neue“ Überarbeitung von „The Way You Make Me Feel“ erwähnten. Offensichtlich waren sie nicht sehr vertraut mit Michaels Live Performances. Ich dachte: “Er macht ‘The Way You Make Me Feel’ seit vielen Jahren auf diese Art!“

Wenn Michael erst einmal etwas gefunden hatte, das für ihn funktionierte, dann neigte er dazu, viele Jahre lang daran festzuhalten – sein Motto für Live Performances schien zu heißen: „Repariere nicht, was nicht kaputt ist!“ Aber wie wir wissen sind die besten von Michaels Standardstücken normalerweise keine reinen Darbietungen, wenn wir an Entertainer auf die Art denken, dass sie einfach auf die Bühne gehen und einen Song singen oder aufführen. Michaels Nummern wurden buchstäblich zu einer Darbietung in Form eines Theaterstücks, mit ebenso großer Betonung auf der erzählerischen Komponente der Nummern (wie auch des Einsatzes von Symbolsprache) wie auf dem Gesang und dem Tanz.

Willa: Oh ja, da stimme ich dir voll und ganz zu!

Raven: Es ist so viel über den Song „Billie Jean“ und auch über das Video hierzu geschrieben worden. Aber mit Ausnahme des exzellenten Buches „Thinking Twice about Billie Jean“ von Veronica Bassil glaube ich, gibt es in Wirklichkeit nur wenig, in dem seine Live Performance von „Billie Jean“ interpretiert oder seine symbolischen Andeutungen analysiert werden.

Willa: Weißt du, was mich am meisten an Veronicas Buch fasziniert hat, ist, dass sie aufzeigt, wie sehr in den Lyrics die Missbrauchsanschuldigungen von 1993 vorweggenommen werden. Schließlich ist „Billie Jean“ ein Song über falsche Anschuldigungen über einen sexuellen Fehltritt und darüber, wie sehr er ständig unter Beobachtung steht. Im Video wird dies durch den ihn beschattenden Fotograf dargestellt, der ihm zu Billie Jeans Apartment folgt und versucht, ihn in einer kompromittierenden Lage abzulichten.

Aber das Gefühl des ständig Beobachtetwerdens wird bereits in den Eröffnungszeilen der Lyrics erwähnt, in denen ihn „alle Augen“ beobachten und dass er „im Kreis“ tanzt. Diese Gruppierung ist heute nicht mehr allzu bekannt, aber auf der Höhe der Disco-Ära in den späten 1970ern war es ziemlich üblich, dass das Publikum sich um eine beleuchtete, erhöhte Bühne versammelte, so dass die Zuschauer von allen Seiten und aus jedem Winkel zusahen. Es waren damals sogar „im Kreis“ angeordnete Dinner-Theater üblich, in denen das Schauspiel auf einer erhöhten Plattform stattfand, während die Zuschauer an Tischen rund um die Bühne saßen. Dies bedeutet, dass die Darsteller sich nicht hinter die Kulissen zurückziehen konnten, dass es keine Seite gab, die vor dem Publikum verborgen blieb und keine Möglichkeit, aus dem Scheinwerferlicht vor dem Blick der Zuschauer herauszutreten. Darsteller waren voll und ganz den Blicken ausgesetzt.

Raven: Ja, und weißt du, das muss ein unheimliches Gefühl sein. Ich glaube, dass Michael sich mit fortschreitender Zeit und Entwicklung der Performance wahrscheinlich der Symbolik des Songs immer bewusster wurde (und wahrscheinlich als er mehr und mehr das Gefühl hatte die Kontrolle über gewisse Aspekte seines Lebens zu verlieren). Das runde Scheinwerferlicht, in das er hineintritt, wird mit der Zeit zu einem immer bedeutenderen Teil der Performance.

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Willa: Ja, so ist es.

Raven: Dies schien für ihn die Vorstellung eine einzelne Person „im Kreis“ zu sein zu verstärken. Und während er beim Motown 25 Auftritt von Anfang an sehr selbstsicher herüberkommt, wirkt er zur Zeit des Auftritts in München 1997 und der im Madison Square Garden ein wenig verloren und fast verunsichert – zumindest bis er die magischen Symbole Jacke, Handschuh und Hut anzieht.

Willa: Das ist eine interessante Deutung, Raven. In seinen späteren Konzert Performances begann er „Billie Jean“ normalerweise auf einer verdunkelten Bühne, während ein geradeaus nach unten gerichteter, blendender Scheinwerfer einen Lichtkreis formte, wie du sagst. Und ich denke, du hast recht – dieses Licht wurde zu oder definierte seine Bühne „im Kreis“ (kreisförmige Bühne). Und dann trat er in das Scheinwerferlicht, wie du sagst, und es ist so hart und grell, fast so, als würde man in den Suchscheinwerfer eines Gefängnisses treten. Er trat also buchstäblich „in den runden“ brutalen, blendenden Scheinwerfer – genau wie er es im übertragenen Sinn während seines gesamten Lebens, von der Kindheit an getan hatte.

Raven: Zufälligerweise beginnen wir dieses Gespräch genau, während ich für nächste Woche in meiner Klasse einen Abschnitt über Symbolismus eingeplant habe, und ich erwäge die Möglichkeit, Clips von Michaels „Billie Jean“ Performance einzusetzen, um das Konzept zu diskutieren.

Willa: Oh, interessant!

Raven: Ich zögere nur noch etwas, weil sie sich in einigen Wochen auch mit „Black or White“ und „Earth Song“ beschäftigen werden, und ich will nicht, dass sie danach die Nase von MJ voll haben, lol! Aber wie so oft scheinen diese Diskussionen genau zum richtigen Zeitpunkt aufzukommen, wenn sich meine Gedanken sowieso schon in diese Richtung konzentrieren. Bei dem Prozess hierfür eine Entscheidung zu treffen, habe ich mir in den vergangenen Tagen viele Liveaufführungen von „Billie Jean“ angesehen. Ungeachtet dessen, ob ich mich letztlich dafür entscheide, sie für meine Lehrstunde in Symbolismus zu nutzen, hatte ich dadurch eine gute Gelegenheit zu beurteilen wie sich das Stück über die Jahre entwickelt hat, ebenso wie es eine Gelegenheit für einen erneuten Blick darauf war, wie Michael den Symbolismus in diesem Stück einsetzte, um einen klaren Erzählbogen zu entwerfen.

Willa: Wow, ich wünschte, ich könnte auch in deiner Klasse sitzen …

Raven: Danke! Ich vermute, das ist einer der Vorteile meines Jobs. Ich kann dadurch so viel von dem, was ich liebe, geben.

Aber um auf „Billie Jean“ zurückzukommen spielte nahezu alles an dieser Performance, von der Wahl der Kleidung und der Farben, der Platzierung des Scheinwerfers bis hin zu den Requisiten – dem Handschuh, der Jacke und, vielleicht am wichtigsten, dem Fedora – eine symbolische Rolle. Es war wirklich der Beginn vieler typischer Looks Michaels Jacksons als Markenzeichen, einschließlich dem einzelnen Handschuh und dem Fedora. Und obwohl er die weißen Socken und die schwarzen Loafer zusammen mit den Hochwasserhosen bereits vorher in „Don’t Stop Till You Get Enough“ getragen hatte, war es hier, dass der Look zur permanenten und ikonischen festen Einrichtung der „Marke“ Michael Jackson wurde.

Willa: So war es wirklich. Er setzte die Hochwasserhosen, die weißen Socken und schwarzen Loafer oft nach Motown 25 ein, in der Tat wurden sie buchstäblich zu seinem Markenzeichen. Ich denke an dieses Logo für MJJ Productions:

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Raven: Ja. Und speziell in diesem Logo zeigt er den Zehenstand, der zu einem Zeichen mit Symbolcharakter für ihn wurde. Meines Wissens nach war „Billie Jean“ allerdings die einzige Performance, in der er diese spezielle Pose einsetzte.

Willa: Ich glaube, du hast Recht … Das ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen, aber ich glaube, du hast Recht – ich denke, es war ausschließlich ein Billie Jean Move. Das ist interessant.

Raven: Viele Leute realisieren gar nicht, dass Michael ganz gewisse Dance Moves nur für ganz bestimmte Nummern reserviert hatte. Sowohl der Moonwalk, als auch der Zehenstand waren einzig und allein mit „Billie Jean“ verbunden. (Es gibt auch kurze Aufnahmen von beidem im Jam Video, aber sogar dort, sind sie eindeutig nicht Teil der Choreographie dieses speziellen Stücks. Vielmehr schienen sie dem Zweck kultureller Anspielungen zu dienen – MJ Dance Moves mit Kultstatus, die jedermann sofort erkennen würde.) Und obwohl Michael Variationen des Moonwalk in anderen Nummern brachte, war das berühmte Rückwärtsgleiten ausschließlich für „Billie Jean“ reserviert.

Willa: Das stimmt, und ebenso war die schwarze Glitzerjacke allein für „Billie Jean“ reserviert. Genauso wie ein weißer Anzug mit dunkler Armbinde für „Smooth Criminal“ stand oder eine rote Lederjacke mit grauen Schulterstücken „Beat It“ bedeutete oder eine rote Lederjacke mit einem tiefen schwarzen V von den Schultern bis zur Hüfte „Thriller“ vorbehalten war, so bedeutete eine schwarze Glitzerjacke „Billie Jean“. Mit einem schwarzen Fedora und einem weißen, paillettenbesetzten Handschuh war das Kostüm vollständig.

Raven: „Billie Jean“ war auch eine der wenigen, in seinen Konzerten dargebotenen Nummern, bei denen er immer sicherstellte, dass er das komplette Kostüm trug. Während der Dangerous Tour zum Beispielwarf er sich normalerweise das Jackett für „Smooth Criminal“ einfach über den goldfarbenen Leotard. Auf diese Art erzeugte er viele Mischformen seiner Markenlooks. Es gab natürlich einen sehr pragmatischen Grund dafür. Es sparte Zeit! Es wäre für ihn nicht möglich gewesen für jede Nummer einen vollständigen Kostümwechsel vorzunehmen, also gab es die Idee, zusammenpassende Teile übereinander zu ziehen und damit schrittweise Teile hinzuzunehmen oder wegzulassen, je weiter die Show voranschritt. Deshalb war zum Beispiel der Übergang zu „Smooth Criminal“ leicht, indem man einfach das ikonische weiße Jackett mit der Armbinde und dem weißen Fedora überzog. Diese Teile hatten genug Symbolkraft, um die Nummer zu tragen – es spielte keine Rolle, dass er nicht den vollständigen Anzug trug. Aber bei „Billie Jean“ nahm er sich immer die Zeit für einen vollständigen, kompletten Kostümwechsel.

Willa: Es ist auch interessant, dass er während der späteren Auftritte den Kostüm- und damit den Rollenwechsel selbst als bedeutenden Teil der Show inszenierte, wie du vorhin bereits erwähnt hast. Hier ist ein Clip seiner „Billie Jean“-Performance aus dem Konzert zu seinem 30-jährigen Jubiläum im Madison Square Garden:

Achte mal darauf, wie er mit dem Publikum spielt, während er langsam die schwarze Glitzerjacke herauszieht, dann den Fedora aufsetzt und dann …. dramatische Pause … den Handschuh. Und das Gebrüll des Publikums wird bei jedem erscheinenden Teil lauter, so dass es, wenn er voll kostümiert ist, sich von seinen Plätzen erhoben hat und wild klatscht. Es ist so, als ob der Vorgang, der dazu führt zu der Rolle zu werden, selbst Teil der Performance ist.

Raven: Es ist erstaunlich, nicht wahr? Alles, was nötig ist, ist, dass sie diese symbolträchtigen Teile zu sehen bekommen, und schon beginnen sie wild zu werden, denn sie wissen, was nun kommt! Also, wie du sagtest, ist das In-die-Rolle-schlüpfen für das Publikum bereits Teil des Rituals. Ein guter Ort, um zu beginnen, ist möglicherweise sich den Ursprung der „Billie Jean“-Rolle zu betrachten. Es war von Anfang an deutlich, dass Michael hier nicht so sehr performte, sondern vielmehr eine Rolle spielte. Er hat speziell für diese Nummer eine unverwechselbare Rolle erschaffen. Die Rolle war eine interessante Mischung aus dem coolen „Mack Daddy“ einerseits und einem schrulligen, komischen Kauz, einem Außenseiter andererseits. Die Transformation, oder Verwandlung, wurde üblicherweise dadurch herbeigeführt, dass er sich einen Fedora auf den Kopf platschte. In diesem Augenblick verschwand der Kauz und wurde durch die Rolle des übermütigen und selbstsicheren „Mack Daddy“ ersetzt.

Es war offensichtlich, dass die Wurzeln dieser Rolle von Michaels Bewunderung von Charlie Chaplin und Buster Keaton stammten. Wenn wir Michaels Improvisationssegment von „Billie Jean“ mit Charlie Chaplins Rolle in Little Tramp vergleichen, können wir erkennen, dass es da offensichtliche Parallelen gibt:

Willa: Ja, und während einiges davon auf das Kostüm zurückzuführen ist, ist sehr vieles davon eher abstrakter Natur – eine gewisse Unbeschwertheit gemixt mit Pathos, der bei beiden wirklich deutlich sichtbar ist.

Raven: Und in diesem Clip mit Buster Keaton können wir zweifellos einige der Ursprünge von Michaels Improvisationen mit seinem Fedora als einer Art Männlichkeitssymbol erkennen (achte mal darauf, wie sich Keaton in seiner Rolle vom Trottel in eine weltmännische Erscheinung verändert, sobald er einen „coolen“ Hut auf dem Kopf hat):

Und natürlich wurde es bereits gründlich vermerkt, dass Michaels berühmter Smooth Criminal Lean eine Menge Buster Keatons Move in College, den Michael ohne Zweifel gesehen hat, zu verdanken hat:

Viele Jahre später vermischte Johnny Depp, der, wie Michael, Keaton und Chaplin verehrt und Elemente von ihnen in seine eigenen Darstellungen einbrachte, die Charakteristika beider, um die Rolle von Sam in Benny & Joon von 1993 zu erschaffen.

Depps „Hut-Trick“, hier zu sehen, wird jedem bekannt vorkommen, der Michael Jacksons Live Performances von „Billie Jean“ gesehen hat. Geh zum Beispiel zurück zu der oben geposteten „Billie Jean“ Performance von Bukarest und sieh dir an, wie ähnlich Michael zum Beginn bei etwa 5:54 mit seinem Hut „spielt“, als wäre er etwas Lebendiges, das ihn verspotten und reizen würde, oder als könne er ihn verzaubern!

In späteren Jahren spielte Michael diese Parallele noch wesentlich deutlicher aus. In Zeiten der HIStory Tour beispielsweise führte er ein neues Element für die Performance ein, bestehend aus seiner Rolle als „kleiner Außenseiter“, der mit einem Koffer auf die Bühne kommt und ziemlich verloren und verunsichert aussieht, so als ob er nicht wüsste, wo er ist oder was er tun soll. Noch einmal, dies ist ein Ausdruck, der offensichtlich tief im Pathos der chaplinesken und keatonesken Rollen, die er so bewundert hat, verwurzelt ist. Hier verbreitet die Performance eine Atmosphäre von Vaudeville, und Michael ruft dieses Echo eindeutig und absichtlich hervor.

Willa: Ich stimme dir vollkommen zu. Sogar der Koffer selbst erscheint abgetragen und antiquiert, als wäre er aus einer weit zurückliegenden Zeit. Er ist ziemlich markant – hellbraun mit zwei ihn umwickelnden, braunen Lederriemen – und er nutzt denselben Stil des Koffers jahrelang bis hin zu den Madison Square Garden Performances. Das ist interessant, denn in Say Say Say spielen Michael Jackson und Paul McCartney ein Paar als Vaudeville-Darsteller und sie tragen jeder einen Koffer in genau demselben Stil: Hellbraun mit zwei braunen Lederriemen. Hier ist ein Clip, und du kannst jene Koffer bei etwa 4:20 beginnend sehen:

Michael verband also diesen speziellen Koffer eindeutig mit Vaudeville, und ich denke, das ist Teil dessen, was seinen späteren „Billie Jean“-Performances eine „Vaudeville Atmosphäre“ verliehen hat, wie du es ausgedrückt hast, Raven.

Darüber hinaus war da noch seine Körpersprache und die Art, wie er ängstlich über die Bühne schlurfte, wie du es ausgedrückt hast. Dann seine einfache Kleidung, mit der er andeutet, er sei eine vom Glück verlassene Person. Die Art, mit der er ganz langsam seine Requisiten aus einem Koffer zieht – dies alles ist eine Rückschau auf Vaudeville.

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Raven: Oh ja, absolut. Ich habe auch gerade daran gedacht, dass seine „Billie Jean“-Rolle ein eindeutiges Pantomime-Element enthält. Wir wissen, dass Michael ein Bewunderer der Kunst der Pantomime war und regelmäßig pantomimische Elemente in seine Tanznummern integrierte. „The Box“ (der Karton) ist solch ein Beispiel. Es ist der Move, den er bei etwa 1:00 in diesem Video von ihm beim Proben im Studio zeigt:

Ich denke, dass es kein Zufall ist, dass eine Performance und eine Rolle, die so sehr dem Vaudeville und Stummfilm-Komödianten wie Chaplin und Keaton verbunden ist, auch Elemente der Pantomime beinhalten würde. Chaplin und Keaton waren selbst beide stark durch die Kunst der Pantomime beeinflusst. Hier ist eine Passage über Pantomimen aus Wikipedia:

Die Einschränkungen der frühen Filmtechnik bedeuteten, dass Geschichten mit Hilfe minimaler Dialoge, die weitgehend auf Zwischentitel beschränkt waren, erzählt werden mussten. Dies forderte oft eine hochstilisierte Form des körperbetonten Schauspiels, das in weiten Teilen dem Spiel der Bühne entnommen war. Folglich spielte die Pantomime eine wichtige Rolle in Filmen vor dem Aufkommen der Tonfilme. Der mimetische Stil der Filmschauspielerei wurde im großen Stil im Deutschen expressionistischen Film eingesetzt.

Stummfilmkomödianten wie Charlie Chaplin, Harold Lloyd und Buster Keaton erlernten die Kunst der Pantomime durch das Theater, aber durch den Einsatz im Film, hatten sie noch Jahrzehnte nach ihrem Tod grundlegenden Einfluss auf die in den Theatern tätigen Pantomimen. Natürlich ist Chaplin wohl der bestdokumentierte Pantomime der Geschichte.

Willa: Oh, das ist wirklich interessant, Raven! Ich habe Pantomime bisher niemals mit Stummfilmen in Verbindung gebracht, aber jetzt, da du es erwähnst, ergibt es vollkommenen Sinn. Und ich erkenne, wie sich diese Elemente auch in Michael Jacksons Konzertauftritten widerspiegeln.

Rembert Browne schrieb zum Beispiel eine wunderbare Analyse über Michael Jacksons Performances von „The Way You Make Me Feel“ und „Man in the Mirror“ bei den Grammys 1988. Hier ist ein Video dieses Auftritts:

Rembert Browne weist darauf hin, dass Michael Jackson in dem Augenblick, als er die Bühne betritt eine Rolle vollkommen zum Leben erweckt – eine Rolle, die Browne „Tough Guy Mike“ (den harten Kerl Mike) nennt:



„Tough Guy Mike“ ist ein unglaubliches Wesen, weniger weil er seiner wirklichen Persönlichkeit so entgegengesetzt war, sondern eher deshalb, weil er seine Gliedmaßen eben wie Tough Guy Mike bewegte. Jeder Schritt wurde zu einem verschärften Tritt, alles wurde zu einem Hinweis, und das Rollen seines Nackens wurde zur kecksten Sache, die je mit der Kamera festgehalten wurde.

Browne sagt, er erschaffe diese Rolle durch seine Körpersprache und auch durch pantomimen-ähnliche Gestik. Browne weist darauf hin, dass wir bei etwa 1:10 „Tough Guy Mike pantomimisch dargestellt eine imaginäre Zigarette rauchen und imaginären Rauch ausstoßen“ sehen“. Dann „tritt er die imaginäre Zigarette mit seinem Fuß aus“. Mithilfe dieser subtilen Gesten liefert Michael Jackson uns wichtige Hinweise darüber, wer er in dieser Rolle ist – genau wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton oder Marcel Marceau es durch ihre stillen Gesten lange vor ihm machten.

Raven: „Tough Guy Mike“ ist eine ausgezeichnete Interpretation dieser Rolle! Der einzige Unterschied ist, denke ich, dass wir die Verwandlung nicht wirklich auf dieselbe Art „sehen“, wie es bei „Billie Jean“ der Fall ist, oder wenigstens in der späteren Verkörperung davon. Bei „Billie Jean“ leiten im Grunde die Symbole die Verwandlung ein.

Willa: Oh, ich verstehe. Wie du bereits erwähnt hast, verwandelt er sich mit dem Aufsetzen des Fedora auf magische Art in seine „Billie Jean“-Rolle. Sein Hut löst also diese Verwandlung zu dem, den er auf der Bühne darstellt, in ihm aus.

Raven: Wie wir bereits erörtert haben, stellten Hüte wichtige Requisiten für die Stummfilmdarsteller, wie auch Pantomimen und ebenso viele Vaudeville-Darsteller, dar. Der weiße Handschuh ist ebenfalls etwas, was seine Wurzeln in der Kunst der Pantomime hat (obwohl es meines Wissens nach nicht unbedingt ein einzelner Handschuh ist). Ich denke jedenfalls, dass Michael wahrscheinlich viele seiner Ideen, besonders jene mit Bezug zu Farbschemen, von Künstlern der Pantomime entnahm. Weiß und Schwarz waren traditionell Farben, die oft von Pantomimen eingesetzt wurden.

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Im Original-Video von „Billie Jean“ trug Michael einen dunklen Anzug über einem kühnen pinkfarbenen Hemd mit roter Fliege. Das war ein signifikant anderer Look als der, den man gemeinhin mit der Live „Billie Jean“-Performance in Verbindung bringt, und noch einmal, es ist einer der wenigen Momente, an die ich mich erinnern kann (vielleicht sogar der einzige Moment), in dem sich die Kleidung und die Rolle der Bühnen-Performance komplett von der Videoversion unterscheidet. Ich denke, er drehte die gesamte Performance in solch eine andere Richtung als die der Motown 25, weil er gewusst hat, dass dies von diesem Punkt an die Art und Weise war, auf die Song live dargeboten werden musste. Das Video für „Billie Jean“ schien das einzige von wenigen gewesen zu sein, für das seine Choreografie wirklich aufgrund dieser Gegebenheiten ausgearbeitet wurde.

Als Motown 25 stattfand, hatte er noch nicht vollkommen die Vorstellung über den Einsatz des schwarz-weißen Farbkontrastes, und das kam wahrscheinlich weitgehend durch die Tatsache zustande, dass er die Nummer erst kurz vorher entwickelt hatte und mit dem arbeiten musste, was ihm zu der Zeit zur Verfügung stand. Gemäß den meisten Berichten kam die berühmte Paillettenjacke, die er in jener Nacht trug, aus Katherines Kleiderschrank. Wie das alte Sprichwort sagt „können Bettler nicht wählerisch sein“, also trug er schließlich eine leicht violette Paillettenjacke. Allerdings erkennen wir, dass er bereits beschlossen hatte, wie er alle drei symbolischen Objekte für die Nummer einsetzen würde – den Hut, den Handschuh und die Paillettenjacke. Es sollte über die Jahre nur noch eine Sache des perfektionierten Einsatzes werden.

Die beiden vorherrschenden Farben, Schwarz und Weiß, sind jeweils eng mit der Kunst der Pantomime verbunden. Michael ahmte außerdem den uralten Pantomimentrick, die Farbe Weiß so einzusetzen, dass der Blick des Publikums auf den von ihm gewünschten Körperteil gelenkt wurde, nach. Er hatte beispielsweise gelernt, dass ein weißer Handschuh oder weißes Klebeband an seinen Fingern die Augen des Publikums auf seine Handgesten lenken würde, und wie wir wissen, waren Handgesten etwas sehr Wichtiges für Michael. Ich glaube wirklich, dass hier der Ursprung für seinen einzelnen, weißen Handschuh liegt. Ich habe nie so richtig der oft geäußerten Theorie geglaubt, nach der dadurch Vitiligo-Flecken auf seinen Händen verdeckt werden sollten. (Ich glaube, natürlich, dass er Vitiligo hatte – ich denke nur nicht, dass sie der Grund für den Handschuh waren.) Ich glaube, er dachte über all diese Dinge vom künstlerischen Standpunkt aus, was er mit jedem dieser Dinge auf einer großen Bühne erreichen konnte.

Willa: Das ist interessant, ich neige dazu zu denken, dass es beides war – dass es ihm dabei half, mit Vitiligo klarzukommen und dass es zugleich eine wichtige künstlerische Entscheidung war.

Und das über die weißen Handschuhe als wichtigem Teil des Vaudeville und auch der Pantomime ist interessant. Es erinnert mich daran, dass weiße Handschuhe auch ein wichtiges Merkmal des Black Minstrelsy waren. Hier ist ein Clip mit Fred Astaire, der in dem Film Swing Time in Blackface (mit geschwärztem Gesicht) tanzt, und seine großen weißen Handschuhe sind schwer zu übersehen:

Im Grunde ist die letzte Sache, die wir sehen, Astaire, wie er die Bühne verlässt, seine Hand mit dem Handschuh auf eine schlaffe Art winkt, was nur noch mehr Aufmerksamkeit auf den übergroßen weißen Handschuh, den er trägt, lenkt.

Raven: Das ist interessant. Und wir wissen, dass Michael mit Swing Time vertraut war. Er hat alles, was Astaire jemals gemacht hat, studiert! Ich habe außerdem vor kurzem eine Dokumentation über Oscar Wilde gesehen, und es wurde erwähnt, dass Wilde während seiner Amerikatournee 1882 auf die Idee kam, weiße Handschuhe zu tragen. Wilde war, wie Michael, ebenso ein Showman wie Schriftsteller (und sein größtes Talent bestand in der Fähigkeit sich selbst zu vermarkten!) und es wurde gesagt, dass er es mochte, wie es aussah, wenn er seinen weißen Handschuh aus dem Kutschenfenster stecken konnte, um der Menge zuzuwinken! Ich kann nicht anders, als dabei an Michael zu denken, als sie das erwähnten.

Aber ein Handschuh ist auch etwas, was Verbrecher am Tatort tragen, um verräterischen Fingerabdrücken vorzubeugen. Es wäre interessant zu wissen, ob Michael in gewisser Weise auf diese Vorstellung anspielt, denn der Song handelt von einem Mann, der beschuldigt wird. Ich weiß nicht – das ist vielleicht weit hergeholt, aber es ist etwas Interessantes zum Nachdenken.

Etwas anderes, was mir bei seinen Live Performances von „Billie Jean“ aufgefallen ist, ist, dass als er in das Spotlight springt und seinen Hut auf den Kopf platscht, eine Verwandlung stattfindet. Bei späteren Verkörperungen der Performance springt er sogar fast in das Spotlight in einer Art symbolischen „Eintauchens“. Da ist ein Zögern und sogar ein wenig Ängstlichkeit (noch im Modus seiner schüchternen, linkischen und irgendwie verloren wirkenden Rolle) und dann, sofort, wenn er hineinspringt, erklingt der Bass und die Metamorphose ist vollzogen. Er beginnt mit einer Reihe von Hüftstößen, wodurch er den Wechsel zu maskuliner, lebensstrotzender Energie andeutet. (Mein etwas unanständiger Lieblingswitz hierzu ist, dass er in dieser Szene das herauslässt, was ihn ursprünglich in diese missliche Lage mit „Billie Jean“ gebracht hat!) Gleich aus welchem Grund, die Bewegungen und Gesten waren eindeutig Absicht. Wenn es jemals irgendwelche Zweifel über die Absichtlichkeit dieser Bewegungen als sexuelle Gesten gegeben haben sollte, dann hat Michael diese mit seiner äußerst spielerischen und unzüchtigen Übertreibung dieser Bewegungen in seiner Probe für die This Is It-Performance von „Billie Jean“ für alle Zeiten begraben:

Willa: Oh, das sehe ich genauso! Die Performance dieser Probe ist wesentlich unverhohlener sexuell und „unzüchtig“, wie du sagst, als alles, was er jemals in einem Konzert gezeigt hat – besonders fast am Schluss. Aber er kannte sein Publikum ganz genau – diese jungen Tänzer, die ihm beim Proben zusahen, liebten es einfach! Und ich liebe es, sie zu beobachten, wie sie ihm zuschauen. Eigentlich ist dies einer meiner Lieblingsszenen aus This Is It – er scheint eine großartige Zeit zu haben und sich wirklich mit diesen jungen Tänzern – durch den Tanz – verbunden zu fühlen.

BJ TII

Aber diese Szene deckt auch wichtige Elemente der Rolle, die er darstellt, auf – Elemente, die sonst eher subtil angedeutet werden, aber dieser Rolle trotzdem mehr Komplexität verleihen. Zum Beispiel beginnt er seine Motown 25 Performance und viele seiner späteren Billie Jean Auftritte, indem er einen imaginären Kamm hervorzieht und sein Haar zu beiden Seiten zurückkämmt. Dies ist eine ausgesprochen pantomimenartige Geste, wie du vorhin schon erwähnt hast.

Raven: Ich liebe diese Geste! Sie fügt dieser Szene für mich auch eine Art Geist der 50er Jahre hinzu … James Dean, Elvis Presley, Marlon Brando aus „Der Wilde“!

Willa: Ich liebe es auch! Für mich vermittelt es auch dieses Fiftys-Feeling und es erinnert mich an „Tough Guy Mike“, der zu Beginn der Grammy Performance 1988 seine imaginäre Zigarette raucht und diese dann mit seinem Fuß austritt. In beiden Fällen geben uns diese kleinen Gesten wichtige Einblicke in die Rolle, die er spielt. Er mag in seiner „Billie Jean“-Rolle jung und verletzlich sein, und er hat immer noch den Rat seiner Mutter im Kopf –„Be careful who you love …“ / „Pass auf, wen du liebst“ – aber diese kleine Geste des Zurückkämmens der Haare sagt uns, dass er sich selbst auch als so etwas wie einen Aufreißer sieht.

Raven: Aber selbst, als er in diesen Teil der Performance übergeht, behält er oft immer noch Elemente seiner „Little Tramp“-Rolle bei. Etwas, was ich oft bemerkt habe – und eine der liebenswertesten Merkmale dieser Performances – ist, dass es so scheint, als würde er nicht zu sehr versuchen sie „zu“ perfekt oder „zu“ ausgefeilt zu machen. Wir sehen beispielsweise, wie er insbesondere mit einem störrischen Jackenzipfel kämpft, der nicht genauso fällt, wie er sollte. Man kann oft erkennen, wie er seinen Hut während der Performance ausrichtet, um ihn am Herunterfallen zu hindern oder ihn in dem von ihm gewünschten Winkel zu halten. Wenn wir bedenken, welch ein Perfektionist er bei seinen Performances war, können wir nur vermuten, dass all diese kleinen Makel und „unrunden Stellen“ der Performances selbst Teil des Ganzen, oder zumindest Teil der Rolle, waren.

Es scheint, als wollte er weniger Schliff oder Perfektion in diesen Performances, als eine Aura der kindlichen Verspieltheit und Ungelenkheit beizubehalten. Es war gerade genug liebenswerte Schrulligkeit, genug Pathos, um die Machismo-Erscheinung der Performance an der kurzen Leine zu halten. Und es war wunderbar geistreich, denn so stand der Machismo-Aspekt der Rolle nicht so ganz im Mittelpunkt, so dass wir nicht ganz sicher waren, wie ernst wir diese verwandelte Rolle nehmen sollten.

Willa: Oh, das ist eine interessante Art der Betrachtung, Raven – und es hat einen sehr chaplinesken Touch, wie du sagst. Es fügt diesem jungen Mann einen Hauch von Pathos hinzu, der so sehr versucht weltmännisch und lässig-gewandt zu erscheinen und dem dies nicht so ganz glückt – aber ironischerweise ist er gerade deswegen umso liebenswerter.

Raven: Es ist fast so, als würde man ein kleines Kind beobachten, das sich plötzlich im Körper eines Erwachsenen wiederfindet oder wie Frosty, der Schneemann, wenn dieser seinen „Zauberhut“ aufsetzt und dadurch plötzlich animiert wird. Er scheint nicht ganz sicher zu sein, was er mit sich oder mit seinen neuen Kräften und Fähigkeiten anfangen soll. Wir können beobachten, wie er auf dieselbe Art in diese Rolle hineinwächst wie ein tollpatschiger und schlaksiger Jugendlicher in seinen neuen Körper „hineinwachsen“ muss.

Willa: Genau! Genauso empfinde ich es auch, obwohl ich das bisher nie so richtig artikulieren konnte, und das ist einer der Gründe, warum die Darstellung so faszinierend und anziehend ist, denke ich.

Nun Raven, ich danke dir sehr, dass du wieder einmal bei mir warst! Ich habe es voll und ganz genossen, aber es gibt noch so viel mehr über seine Billie-Jean-Performances zu sagen. Vielleicht kannst du dich mir irgendwann noch einmal anschließen und wir können diese Diskussion fortsetzen?

Raven: Das würde ich sehr gern! Nochmals Danke für eine weitere großartige Diskussion.

Willa: Oh, es ist immer ein Vergnügen mit dir zu reden.

Ich wollte außerdem darüber informieren, dass der australische Journalist und Blogger Damien Shields ein neues Buch herausgebracht hat: Xscape Origins: the Songs and Stories Michael Jackson Left Behind (Xscape Ursprünge: die Songs und Geschichten, die Michael Jackson hinterlassen hat). Charles Thomson hat heute Morgen eine Rezension in der The Huffington Post gepostet, und es ist interessant, während Charles sehr offen in Bezug auf seine Abneigung posthumer Tracks im Allgemeinen war und im Besonderen ziemlich vernichtende Kommentare dazu abgegeben hat, ist seine Review über Xscape Origins überraschend positiv.

Gemäß Charles fühlte sich Shields von dem Gefühl motiviert, dass sich die Vermarktung für Xscape zu sehr auf die „angepassten“ Tracks und die Produzenten, die an ihnen gearbeitet haben, fokussiert hat, und dass „Jacksons eigene Vision und der jeweilige Entstehungsprozess fast vollkommen übersehen wurde“. Also hat er sich drangemacht, mehr zu erfahren. Charles schreibt:

Entschlossen das wahrgenommene Falsche richtigzustellen, flog Shields nach Amerika, um eine Vielzahl von Jacksons ursprünglichen Mitarbeitern zu interviewen, einschließlich Songwritern, Studio-Ingenieuren und Produzenten. In seinem Buch präsentiert er eine umfangreiche Hintergrundgeschichte für jeden Track. Das Ergebnis ist ein enthüllender und aufregender Einblick in die Arbeitsgewohnheiten des zurückgezogensten Stars des Pop.

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