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HIStory Teaser / Teil II: Der große Diktator

by on 25. November 2014

Post vom 13/11/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Diese Woche setzen Eleanor Bowman und ich unsere Diskussion über den Film, den Michael Jackson machte, um sein HIStory Album zu promoten, fort. Wie wir in unserem vergangenen Post besprochen haben hat der HIStory Teaser zuerst nach seiner Ausstrahlung für einige Unruhe gesorgt, größtenteils weil es so aussah, als sei er nach dem Vorbild des Nazi-Propagandafilms Triumph des Willens entstanden. Und wie wir letztes Mal besprochen haben gibt es in der Tat einige interessante und wichtige Verbindungen zwischen diesen zwei Filmen.

Es gibt da allerdings noch einen weiteren Film, der als bedeutender Vermittler zwischen den beiden dient: Charlie Chaplins gewagtes Meisterstück Der große Diktator. Dieser Film persifliert Triumph des Willens und andere ähnliche Propagandafilme, und indem er das tut, setzt er der Nazi-Ideologie auf geschickte Art etwas entgegen und unterwandert sie. Und der HIStory Teaser bezieht sich unterschwellig auf Der große Diktator, was meiner Meinung nach die Bedeutung von HIStory grundlegend komplexer gestaltet und dessen Bedeutung verändert.

Und darüber wollen wir diese Woche sprechen: Über die Verbindungen zwischen Triumph des Willens, Der große Diktator und dem HIStory Teaser und auf welche Art und Weise diese Verbindungen unsere Interpretation von HIStory beeinflussen. Eleanor, ich danke dir sehr dafür, dass du wieder hier bei mir bist, um diese Diskussion fortzusetzen!

Eleanor: Hi Willa. Ich danke dir für die Einladung. Es gibt nichts, das ich lieber machen würde, als über Michael Jackson nachzudenken und zu schreiben, außer natürlich seiner Musik zuzuhören. Um ehrlich zu sein, ich habe immer noch Schwierigkeiten dabei, nicht nur die Breite und Tiefe von MJ’s Verständnis und Wissen der Weltgeschichte und Filmgeschichte zu begreifen (Wann hatte er die Zeit, das alles herauszufinden???), sondern auch die unfassbar künstlerische Fähigkeit, mit der er seine ganze Geschichte in HIStory ineinander webt, um diesen kurzen und knappen Film mit so viel Bedeutung zu versehen.

Während wir an diesen Posts gearbeitet haben, bin ich dahin gekommen, HIStory als eine komplexe Collage von Filmreferenzen zu sehen, jede mit emotionaler Kraft beladen und vollgepackt mit Informationen aus der Geschichte. Und alles zusammen genommen, um Michael Jacksons eigene Geschichte zu erzählen, seine Sicht der Geschichte – der Geschichte eines einflussreichen schwarzen Künstlers, der zu Ruhm aufstieg in einer vorherrschend weißen Gesellschaft – indem er sich und seine Erfahrungen in einen sehr viel vielschichtigeren Kontext stellte und Einblick gewährte in sein persönliches Erleben ebenso wie in die Erfahrungen jedes anderen, der gefangen ist in einem System, das konstruiert ist, eine Gruppe auf Kosten einer anderen hervorzuheben. HIStory ist im wahrsten Sinne eine Lektion in Geschichte, eine Lektion in Michael Jackson und eine Lektion in Mitgefühl – eine, die für mich absolut faszinierend ist, und ich hoffe, dass es so auch für andere sein wird.

Auf der persönlichen Ebene ist HIStory eine Widerlegung IHRER Geschichte (THEIRstory), der Lügen, die wieder und wieder durch die Presse erzählt wurden und die schließlich in der Psyche der Öffentlichkeit Wurzeln schlugen. Diese Lügen waren ein Beispiel für das, was Hitler „die große Lüge“ nannte (Big Lie) , eine Lüge so „ungeheuerlich“, dass niemand glauben würde, jemand könne „die Unverfrorenheit besitzen, die Wahrheit auf dermaßen niederträchtige Art und Weise zu verdrehen“. Und ähnlich den grausamen Lügen, die Hitler erzählte, um die Juden im nationalsozialistischen Deutschland zu diskreditieren.

Durch HIStory verteidigt Michael Jackson sich selbst, in dem er auf das System zielt, das ihn gerade durch die Hölle gehen ließ. Und er benutzte sowohl Der große Diktator, als auch Triumph des Willens, um sein Ziel zu erreichen. MJ setzte mit Triumph verbundene Bilder ein, um die Kultur, die versucht hat ihn zu zerstören, mit Nazi-Deutschland zu vergleichen, und bezieht sich auf die Handlung und die Thematik von Der große Diktator nicht nur, um das Böse, das in Triumph gefeiert wird, zu entlarven, sondern auch, um eine alternative Vision anzubieten, die durch die berühmte Schlussrede des großen Diktators abgebildet wird.

Willa: Das ist ein interessanter Überblick, Eleanor. Danke.

Eleanor: Gern geschehen.

Willa: Wenn wir uns also diesen drei Filmen chronologisch nähern, schlage ich vor, wir sollten damit beginnen, Triumph des Willens, der 1934 herauskam, mit Der große Diktator, der 1940 herauskam, zu vergleichen. Zuerst einmal ist Der große Diktator eine Satire, während also Adolf Hitler im ersten Film als erhaben und fast übermenschlich dargestellt wird, porträtiert Charlie Chaplin ihn als arrogant und unfähig – als den unbeholfenen Adenoid Hynkel. Um die mythische Aura, die Hitler umgab, weiter zu untergraben, nennt Chaplin ihn Phooey anstatt den Führer. Ebenso wurden die Minister des Kabinetts Hermann Göring und Joseph Goebbels in Chaplins Film in die linkischen Herren Herring und Garbitsch (als gesprochene Form des Wortes „Garbage“ / Müll).

Eleanor: Und interessanterweise folgte Der große Diktator einer anderen Satire über Hitler-Deutschland auf dem Fuß, mit MJ’s liebstem Comedy Trio den Three Stooges.

Willa: Das stimmt – ihr Kurzfilm You Nazty Spy (Du Nazi-Spion). Es gibt gerade ein neues Buch über Hollywoods Reaktion – oder besser fehlende Reaktion – zu dem Aufstieg des Faschismus in Deutschland. Ich habe es noch nicht gelesen, aber gemäß diesem Artikel zitiert er „die Three Stooges als unter den allerersten im Kino, die Nazi-Deutschland so zeigen, wie es war“. Der große Diktator kam in Spielfilmlänge im selben Jahr heraus.

http://nypost.com/2013/07/14/three-stooges-first-to-blast-hitler/

Die Stimmungslage, aber auch die Perspektive und die Betrachtungsweise sind also in Der große Diktator völlig anders als in Triumph des Willens. Alles in Triumph erscheint in einem ungeheuer großen Ausmaß – riesige Menschenmengen, Hunderttausende Soldatentruppen, monumentale Architektur – und die Führung der Nazis wird von außen präsentiert, falls man das so sagen kann. Ich meine damit, dass die Art und Weise, in welchem Winkel die Kamera gehalten wird, uns fast immer zu ihnen hinaufsehen lässt, als ob sie Statuen auf einem Podest oder Götter auf dem Olymp seien. Es gibt keinen Versuch, in ihre Köpfe zu gucken und ihre Gedanken und Gefühle zu zeigen. Im Grunde sollen wir ihre Menschlichkeit gar nicht sehen. Stattdessen werden sie als fast mythische, gottgleiche Figuren dargestellt.

Eleanor: Richtig. Riefenstahl nutzt alle Regeln der Kunst, um die Nazis als Übermenschen zu präsentieren.

Willa: Ganz genau. Im Gegensatz dazu bewegt sich Der große Diktator – wie alle von Chaplins Filmen – in einem sehr menschlichen Maßstab und er zeigt die Schmerzlichkeit des menschlichen Alltagslebens, besonders dem Leben jener, die in einem jüdischen Ghetto Zielscheibe der Autoritäten waren. Dies wird dadurch verstärkt, dass Chaplin zwei Rollen spielt: die des Diktators Hynkel, der unbesonnene Beschlüsse ausgibt, und die eines jüdischen Friseurs, dessen Leben durch die Beschlüsse auf den Kopf gestellt wird. Wir wechseln zwischen den Szenen mit Hynkel und denen mit dem Friseur hin und her, so dass wir ganz klar erkennen, wie die großspurigen, gedankenlosen, gefühllosen faschistischen Vorstellungen des Diktators das Leben des Friseurs und seiner Freunde, ebenso wie die gesamte Gemeinschaft, beeinflussen.

Während also diese Filme einen ähnlichen Inhalt ansprechen – den Einfluss der faschistischen Ideologie auf die Zukunft und Identität eines Landes, sein Gefühl für sich selbst – könnte die Perspektive, die Stimmung und letztlich die Bedeutung dieser zwei Filme unterschiedlicher nicht sein.

Eleanor: Richtig. Und, wenn man über diese Filme in ihrer Chronologie nachdenkt, dann stellt man fest, dass eine Menge passiert ist zwischen 1934, als Triumph entstand, und 1940, als Der große Diktator herauskam, so dass sich ihre Bedeutung und Aussage geändert hat.

Willa: Oh, das ist interessant, Eleanor.

Eleanor: 1934 zum Beispiel wurden Hitler und die Nazis dafür gepriesen, Deutschland nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs Hoffnung zu geben, und dafür, ein Bollwerk gegen den Kommunismus zu sein, also wurde der Film von Riefenstahl gelobt und ihm applaudiert. 1940 jedoch war der Krieg in Europa ausgebrochen und Deutschland begann viele Menschen sehr nervös zu machen. Als Ergebnis davon begann sich die Tendenz in der Weltmeinung zu ändern, und derselbe Film wurde mit einer großen Portion Skepsis betrachtet, als ein Propagandawerkzeug eines äußerst fragwürdigen Regimes.

Um die Aufmerksamkeit auf die Bedrohung durch die Nazis zu lenken und Hitlers Macht und Charisma zu unterwandern, drehte Chaplin Der große Diktator, der im Oktober 1940 in New York City seine Premiere hatte, ein Jahr bevor die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Mit Bezug auf die Bildsprache, die Riefenstahl nutzte, um Hitler aufzublähen, nutzte er diese Tatsache, um dessen Prunk zu verhöhnen, um ihn in seine Schranken zu verweisen. Während er sein beeindruckendes komödiantisches Talent abruft, zeigt er Situationen, die weit davon entfernt sind, lustig zu sein.

http://www.imdb.com/title/tt0032553/releaseinfo?ref_=tt_dt_dt

Ich denke, heute würden die meisten Leute den Einsatz einer Satire für die Kritik an den Nazis bestenfalls als unangebracht ansehen. Allerdings sollten wir daran denken, dass Hitlers Unzurechnungsfähigkeit 1940 nicht in vollem Ausmaß bekannt war und dass die „Endlösung“ noch nicht voll umgesetzt war. In späteren Jahren sagte Chaplin selbst, dass „er den Film nicht gemacht hätte, wenn er zu der Zeit von den tatsächlichen Gräueln der Konzentrationslager der Nazis gewusst hätte“.

http://en.wikipedia.org/wiki/The_Great_Dictator

Willa: Und das ist ein sehr bedeutender Punkt. Im Rückblick mag Der große Diktator für uns heute herzlos erscheinen, so als ob er eine Tragödie bagatellisiert. Aber die Grausamkeiten der Konzentrationslager beispielsweise waren 1940 nicht bekannt – und eigentlich hatten die schlimmsten Gräueltaten noch nicht stattgefunden, wie du sagst. Sie passierten in der späten Phase des Krieges.

Der Standpunkt der Vereinigten Staaten war dem gegenüber, was in Übersee passierte, zu jener Zeit wirklich kompliziert. Die Vereinigten Staaten traten nicht eher offiziell in den Krieg ein, bis Japan am 7. Dezember 1941 Pearl Harbor angriff, obwohl wir den Alliierten 1940 Waffen, Geld und andere Unterstützung bereitstellten. Im Grunde begann der einzige Friedensentwurf in der Geschichte unserer Nation im September 1940, einen Monat bevor Der große Diktator veröffentlicht wurde. Also bereiteten sich die Vereinigten Staaten auf den Krieg vor, waren aber noch nicht aktiv in ihn verwickelt – und sie waren sehr zögerlich, nach dem Gemetzel des Ersten Weltkrieges involviert zu werden.

Ich stimme dir also zu, Eleanor. Um Der große Diktator zu verstehen und einschätzen zu können, ist es wichtig, den historischen Zusammenhang darüber, wann er entstand, in die Beurteilung einfließen zu lassen – einer Zeit großer Unentschlossenheit in den Vereinigten Staaten, während wir beobachteten, wie der Krieg in Übersee ein Land nach dem anderen erfasste und als der volle Schrecken des Holocaust noch nicht offengelegt war.

Eleanor: Richtig, Willa. Und genau in dem Moment, in dem die Enthüllungen des Zweiten Weltkriegs die Art und Weise änderten, wie wir emotional auf Der große Diktator reagierten, verkehrte sich die Art, auf die Triumph gemeint war, in ihr Gegenteil. Triumph wurde zu einem Symbol für Todeslager und Völkermord – es symbolisierte nicht länger die Größe des Dritten Reichs. Und um unsere Diskussion über HIStory und den Einsatz dieser Filme noch komplizierter zu machen, änderten die Jahre zwischen 1940 und 1994 noch einmal die Bedeutung dieser zwei Filme – auf radikale Art und Weise.

1994, als HIStory entstand, hatten bereits Generationen von Filmemachern Riefenstahl-ähnliche Bildsprache als eine Art Stenogramm sowohl als Bezug zu den Gräueltaten der Nazis, als auch auf die ihnen zugrunde liegende Selbstverherrlichung eingesetzt, was der Grund dafür ist, warum wir sofort vor dieser Bildsprache zurückschrecken, sobald sie in HIStory auftaucht. Indem diese Symbolik benutzt wird, ruft HIStory die tiefsitzenden und oft unbewussten Emotionen hervor und koppelt sie an den Mechanismus von „Schuld durch gedankliche Verknüpfung“, um das Böse des Rassismus in unserer eigenen amerikanischen Kultur und gegen Unterdrückung im Allgemeinen freizulegen. Und 1994 erinnerte man sich bei Der große Diktator nicht mehr so sehr an dessen satirische Darstellung des Nazi-Regimes, sondern an die Rolle, die der Film für Chaplins Fallen in Ungnade („fall from grace“) spielte, einem Absturz, der starke Parallelen zu dem Michael Jacksons aufwies.

Willa: Das ist eine sehr gute Feststellung, Eleanor. Und da Michael Jackson ein sehr großes Wissen über Charlie Chaplin gehabt zu haben scheint, seine Filme und sein Leben über Jahrzehnte studiert und sogar seine Familie in der Schweiz besucht hat, wird er fast sicher gewusst haben, wie Der große Diktator dazu beigetragen hat, dass das Blatt der öffentlichen Meinung sich gegen ihn wendete.

Eleanor: Ja, ich denke, das können wir mit Sicherheit annehmen.

Der große Diktator hat Chaplin aus vielen Gründen ganz schön in Schwierigkeiten gebracht. Zuerst einmal hatte Hitler sogar zu einer so späten Zeit wie 1940 Unterstützer in den Vereinigten Staaten, die die antifaschistische Botschaft von Der große Diktator nicht begrüßt haben. Später, als der Kommunismus zum Reizthema wurde, wurde Anti-Faschismus mit Pro-Kommunismus gleich gesetzt – obwohl also Chaplin vehement „abstritt Kommunist zu sein und sich stattdessen selbst als ‚Friedensverbreiter‘ bezeichnete“, musste seine Reputation einen herben Schlag einstecken.

Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass sein wirkliches „Verbrechen“ sein Internationalismus war, seine Vision von globaler Harmonie und seine Kritik am Nationalismus generell, den er in Der große Diktator zum Ausdruck gebracht hat.

Willa: Das ist ein weiterer wichtiger Punkt, Eleanor – und eine weitere Verbindung zu Michael Jackson. Er erzählte Rabbi Boteach in The Michael Jackson Tapes: „Ich fühle mich wie eine Person der ganzen Welt. Ich kann nicht Partei ergreifen. Darum mag ich es nicht ‚Ich bin ein Amerikaner‘ zu sagen. Aus genau dem Grund.“

Eleanor: Das ist so interessant, Willa. Michael Jacksons globale Reichweite bestätigt ganz sicher die Tatsache, dass Menschen der ganzen Welt auf ihn als „einen von uns“ reagierten und weiterhin reagieren. Aber unglücklicherweise kann diese Art von Internationalismus – oder Anti-Nationalismus – dazu führen, des „Nicht-Amerikanisch-Seins“ angeklagt zu werden. Was genau das ist, das Chaplin passierte.

Willa: Ja, so war es – und es war während der McCarthy-Hysterie, als dies eine sehr ernsthafte Beschuldigung war.

Eleanor: Das Ergebnis von Der große Diktator, besonders der abschließenden Rede, in der Chaplin seine eigenen Ansichten vertrat, war, dass er unter Beschuss geriet, und 1947 wurde eine Bewegung in Gang gesetzt, ihn aus dem Land zu vertreiben. Der Abgeordnete John E. Rankin aus Mississippi sagte dem Kongress im Juni 1947:

Sein ganzes Leben in Hollywood ist der moralischen Struktur Amerikas abträglich. (Wenn er abgeschoben wird) … können seine abscheulichen Bilder von den Augen der amerikanischen Jugend ferngehalten werden. Er sollte abgeschoben und sofort weggeschafft werden.

Chaplins Dämonisierung wurde unterstützt und angestiftet durch Geschichten in der Boulevardpresse und durch Rechtsklagen sexueller Sittenlosigkeit, was sehr wirkungsvoll seinen Ruf und seine Glaubwürdigkeit zerstörte, bis zu dem Punkt, dass ihm, als er die Vereinigten Staaten 1956 in Richtung Europa verließ, sein Visum für die Rückkehr ins Land entzogen worden war.

Willa: Was einfach unglaublich ist, wenn man sein Format und seine Verdienste für Film und Kultur in Betracht zieht. Und „Dämonisierung“ ist das richtige Wort, dieser Tatsache war sich Chaplin vollkommen bewusst. Karin Merx, eine der Gründerinnen der Website Michael Jackson Academic Studies (http://michaeljacksonstudies.org) erzählte mir kürzlich eine interessante Geschichte. Charlie Chaplin ging zu einem Fotoshooting bei dem Fotografen Richard Avedon, unmittelbar bevor er die Staaten endgültig verließ. Am Schluss der Sitzung bat er um ein weiteres Foto … und blickte dann in die Kamera, indem er seine Finger so platzierte, als würden sie aus seinem Kopf hervorstechen wie Teufelshörner. Hier ist eine Dokumentation, die Karin mir geschickt hat, in der Richard Avedon davon erzählt (etwa bei 39:20 Minuten):

(Interessant ist, dass Avedon, genau bevor er die Chaplin Story erzählt, darüber spricht, wie er den Herzog und die Herzogin von Windsor fotografiert hat, die, wie du in unserem letzten Post erwähnt hast, Eleanor, Hitler sehr verteidigt haben. Avedon sagt, er sah sie normalerweise beim Spielen in Nizza und hatte den Eindruck, dass „sie Hunde liebten, sehr viel mehr als Juden“.)

Fünfzig Jahre später wurde Michael Jackson in einer bemerkenswert ähnlichen Weise wie Chaplin dämonisiert. Und als Reaktion setzte er für die Fotografen im Gerichtsgebäude von Santa Maria die gleiche Pose auf, wie in einem Artikel der BBC News erwähnt. Hier sind diese „teuflischen“ Fotos von Charlie Chaplin und Michael Jackson:

 

Teaser II_devilish-photos-of-cc-and-mj

(http://news.bbc.co.uk/2/hi/entertainment/2541699.stm)


Eleanor:
Wow, das ist so faszinierend. Wenn du darüber nachdenkst, ist es kein Wunder, dass MJ sich mit Charlie Chaplin identifizierte. Es gibt da so viele Parallelen. Ich habe sogar gehört, dass Michael Jackson sich so sehr mit Charlie Chaplin identifizierte, dass er einst sagte: „Ich fühle mich manchmal so, als wäre ich er.“

Willa: Ja, er sagte das in einem Interview, der Teil der Dokumentation Michael Jackson Private Home Movies ist, die auch einen wunderbaren Ausschnitt von enthält, in dem er als Little Tramp gekleidet ist und mit seinem Schnurrbart zuckt, wie Chaplin es oft tat. Hier ist ein Ausschnitt der Private Home Movies mit dem chaplinesquen Michael Jackson:

Es gibt Fotos aus zwei unterschiedlichen Foto-Sessions, eine aus seiner frühen Solokarriere und eine spätere, man kann also sagen, dass er Chaplin eine sehr lange Zeit bewunderte – im Grunde während seiner gesamten Laufbahn – und dass er sich auch mit ihm identifizierte, wie du sagtest.

Eleanor: Ja, und Zeichnungen von Chaplin, die MJ als Kind anfertigte, deuten an, dass er bereits ab einem sehr frühen Alter an Chaplin interessiert war, möglicherweise aufgrund von Chaplins außergewöhnlicher Fähigkeit als Stummfilmstar, ohne Worte zu kommunizieren, nur die Sprache des Körpers einzusetzen – genau wie es auch MJ tat. (Hier sind einige Links zu Chaplin-Zeichnungen. Der erste führt zu der Zeichnung, die bei Antiques Road Show gezeigt wurde. Der zweite ist auf einer Pinterest-Seite mit MJ’s Zeichnungen verschiedener Art einschließlich Chaplin.)

Aber ich gehe auch davon aus, dass es deswegen war, weil sich ein außergewöhnlich empfindsamer und mitfühlender Michael Jackson, auch bereits in einem sehr jungen Alter, tief bewegt durch die Ungerechtigkeit, die er in der Welt sah, zu Chaplins Vision von Frieden und Harmonie hingezogen fühlte. Und indem er Bezug nimmt auf Der große Diktator, um seine eigene Geschichte zu erzählen, erinnert HIStory an die erstaunlichen Parallelen zwischen MJ’s und Chaplins Leben.

Sowohl Chaplin als auch Michael Jackson hatten eine Vision von globaler Harmonie. Beiden war bewusst, dass ihre Visionen nach weltweiter Veränderung verlangten. Beide verstanden, dass weltweite Veränderung mit globaler Kommunikation zusammenhing. Es fügte sich, dass beide sich in globaler Kommunikation gegenseitig übertroffen haben – Chaplin durch die Entwicklung einer überzeugenden Körpersprache, die er mit großem Erfolg als Stummfilmstar einsetzte, und Jackson durch die Sprache der Musik und des Tanzes. Und da beide großartige Künstler und darüber hinaus auch Superstars mit einem weltweiten Publikum waren, hatten sie den nötigen Einfluss, Herzen zu berühren und Einstellungen zu verändern – auf der ganzen Welt.

Chaplin sagt in Der große Diktator, als er den Part des jüdischen Friseurs spielt, aber seine eigenen Gedanken ausspricht und dabei die aktuelle Situation reflektiert:

Sogar jetzt erreicht meine Stimme Millionen Menschen auf der ganzen Welt – Millionen verzweifelter Männer, Frauen und kleiner Kinder – Opfer eines Systems, das Menschen quält und unschuldige Leute einsperrt.

Und als Ergebnis ihrer Ansichten wurden beide zum Ziel bösartiger Angriffe, aufgrund ihres Engagements für globale Harmonie, ihrer Fähigkeit zu globaler Kommunikation, die tatsächlich globale Veränderungen hervorbringen konnten und ihre Anziehungskraft stellte eine ernste Bedrohung für jene dar, die sich eher dem Hierarchiedenken und Nationalismus als Demokratie und internationalem Denken verpflichtet hatten.

Willa: Ja, ich sehe das ganz genauso, Eleanor.

Eleanor: Es scheint also für mich so zu sein, Willa, dass Michael Jackson mit der Bezugnahme in HIStory auf Der große Diktator an genau diesem Punkt in seinem Leben – besonders auf dessen Schlussrede – seine eigene Dämonisierung durch die Presse und die unrechtmäßige und brutale Behandlung durch die Gesetzesvertreter mit der Chaplins gleichsetzt und damit andeutet, dass die Beschuldigungen der sexuellen Unangemessenheit, die sowohl ihm selbst als auch Chaplin angelastet wurden, Werkzeuge einer Gesellschaft waren, die den politischen Einfluss des Künstlers fürchtete, der den so sehr benötigten sozialen Wandel herbeiführen könnte, einen Einfluss, den Michael Jackson in höchstem Maße besessen hat (und noch immer besitzt).

Und bezeichnenderweise wird ihre Bereitschaft für globalen Frieden und Verständigung symbolisiert durch die internationale Sprache Esperanto, die sowohl in HIStory, als auch in Der große Diktator, auftaucht. HIStory beginnt mit Worten, gesprochen in Esperanto, während Der große Diktator Esperanto als Sprache auf den Zeichen in den Szenen, die im jüdischen Ghetto spielen, abbildet.

Willa: Ja, das scheint mir auch von Bedeutung zu sein. In einem Post vor etwa einem Jahr, haben wir schon über Esperanto gesprochen, und die Geschichte davon kurz zusammengefasst:

Esperanto wurde Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt, indem man Elemente vieler verschiedener Sprachen benutzte, um die Förderung des Weltfriedens und der Verständigung zu unterstützen. L.L. Zamenhof wollte damit vor allem ein neutrales Kommunikationsmittel erschaffen, das die Trennung von Sprachen, Nationalitäten und ethnischer Zugehörigkeit überbrücken sollte.

Es ist also wirklich eine „internationale Sprache“, wie du gesagt hast, Eleanor, im Auftrag von „Weltfrieden und Verständigung“.

Eleanor: Genau. Und HIStory stellt sie in den Mittelpunkt, aber zugleich bleibt sie auch verborgen. Ich bin mir sicher, dass den meisten Zuschauern von HIStory und auch von Der große Diktator, die diese Sprache nicht erkennen und verstehen, deren Bedeutung völlig entgeht – oder dass es ihnen sogar überhaupt nicht auffällt.

Aber nochmals Danke für die von dir erwähnte großartige Diskussion mit dem Esperanto-Experten Bjørn Bojesen, wodurch die Leser von Dancing With The Elephant nicht nur auf die Verwendung von Esperanto in HIStory (und in der Geschichte allgemein) aufmerksam gemacht wurden, sondern auch noch die Bedeutung der Worte entdeckten. (Und ich stellte beim nochmaligen Lesen dieses Posts zudem fest, dass Bjørn in den Kommentaren dazu anmerkte, dass Esperanto auch in Der große Diktator benutzt wurde.)

Der einleitende Text von HIStory, gesprochen auf Esperanto, bedeutet übersetzt „Verschiedene Nationen der Welt erbauen diese Skulptur im Namen von globaler Mutterschaft und Liebe und der heilenden Kraft der Musik.“ Die auf Esperanto gesprochenen Worte verweisen nicht nur auf die Verwendung von Esperanto in Der große Diktator, sondern sie teilen auch die Ansichten der Abschlussrede des Großen Diktators. Und sowohl Sprache als auch Worte zeigen Michael Jacksons Einstellung zur Bedeutung von globaler Verständigung, als Voraussetzung zur Erschaffung globaler Harmonie und insbesondere seinen Glauben an Musik, als Mittel zur Vereinigung unterschiedlicher Nationen in Frieden und L.I.E.B.E.

Durch meine Nachforschungen über die internationale Sprache Esperanto, deren Name ja nicht nur zufällig „Hoffnung“ bedeutet, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass sie – und die darin enthaltene Internationalität – der Schlüssel zum Verstehen von HIStory ist.

In der Diskussion über Esperanto wurde auch die Frage gestellt, warum MJ zu Beginn des Films und der thematischen Einleitung eine Sprache benutzt, die nur von Wenigen verstanden wird. (Die gleiche Frage könnte man sich auch zu Chaplins Gebrauch von Esperanto in Der große Diktator stellen.) Ich denke, einer der Hauptgründe dafür war das Erwecken unserer Neugierde, uns dazu zu bringen, die Sprache zu identifizieren und die Bedeutung der Worte zu entdecken. Denn das Suchen nach Antworten auf diese Fragen führt auch zu Antworten auf umfassendere Fragen. Taucht man zum Beispiel tiefer in die Geschichte von Esperanto ein, stellt sich heraus, dass Esperanto nicht nur MJ mit CC verbindet, sondern dass dadurch auch auf die Esperantisten (http://de.wikipedia.org/wiki/Esperantist) in Deutschland und Russland verwiesen wird, deren pazifistische und internationalistische Tendenzen sowohl von Hitler, als auch von Stalin als staatsfeindlich angesehen und die grausam bestraft oder sogar hingerichtet wurden.

In seinem Buch Mein Kampf erwähnt Adolf Hitler ausdrücklich Esperanto als eine Sprache, die von einer internationalen jüdischen Verschwörung genutzt werden könnte, sobald sie die Weltvorherrschaft erlangt hätten. Während des Holocaust wurden Esperantisten umgebracht, auch die Familie Zamenhofs (dem Erfinder von Esperanto) wurde ermordet… 1936 wurde Esperanto verboten… 1937 brandmarkte Stalin Esperanto als „Sprache der Spione“ und lies Esperantisten verbannen oder hinrichten. Bis 1956 wurde der Gebrauch von Esperanto tatsächlich verboten.

Willa: Oh Gott, Eleanor. Das habe ich nicht gewusst. Dann vermitteln diese Esperanto-Worte und -Symbole im HIStory Teaser wirklich eine kraftvolle Botschaft – eine Botschaft, die den Blickwinkel auf die totalitären Bilder, die den Film dominieren, völlig verändern. Jetzt verstehe ich warum du sagst, dass „Esperanto …und die darin enthaltene Internationalität – der Schlüssel zum Verstehen von HIStory ist.“ So langsam stimme ich dir zu.

Eleanor: Gut zu wissen! Indem er also den Film mit den Esperanto-Worten eröffnet, bezieht sich Michael Jackson auf seine eigenen „gefährlichen“ internationalistischen Tendenzen und verdeutlicht die Gefahr, in die ihn diese Tendenzen bringen. Er identifiziert den Ursprung seiner Probleme als eine Kultur, die ihn und seine Ansichten als eine ernsthafte Bedrohung sah, und somit für ihn selbst zu einer ernsthaften Bedrohung wurde – einer Bedrohung, die wie in HIStory durch den offenkundigen Gebrauch von faschistischer Bildsprache dargestellt, im Schatten lauernd immer noch vorhanden ist… (“We’re talkin’ danger, we’re talkin’ danger, baby!”) „Wir sprechen von Gefahr, wir sprechen von Gefahr, Baby!“

Zu Beginn des Films werden die leere Leinwand und die Esperanto-Worte mit dem hämmernden Takt von Soldatenstiefeln gepaart, gefolgt von Bildern dieser Stiefel und einem steinernen Falken – dem Turul – einem alten ungarischen Symbol. (HIStory wurde in Budapest gefilmt. Dazu später mehr.) Anschließend sieht man ein amerikanisches SWAT-Team. Scheinbar aggressiv und bedrohlich, marschieren sie vom unteren Bildrand her in Richtung der Zuschauer, wie Patton im gleichnamigen Film.

http://de.wikipedia.org/wiki/Patton_–_Rebell_in_Uniform

Die Szene schwenkt dann sofort hinüber zu Bildern von Arbeitern, die geschmolzenes Metall ausgießen, im Anklang sowjetischer Propagandafilme zur Darstellung der sowjetischen Wirtschaftskraft.

Wenn man weiß, wer Michael Jackson war und wofür er stand, ist die Eröffnung eines MJ-Films mit imperialistischer und totalitärer Bildsprache sehr schräg und deutet darauf hin, dass mehr, als auf den ersten Blick vermutet, dahinter stecken muss, und dass dort etwas sehr Interessantes vor sich geht – etwas, was sofort klarer wird, wenn man die Bedeutung des Gebrauchs von Esperanto in HIStory erkannt und die Worte verstanden hat. Denn die Worte verdeutlichen, dass es sich nicht um Arbeiter eines totalitären Regimes handelt. Vielmehr repräsentieren sie die verschiedenen Nationen der Welt, die zusammen kommen, um dem Mann ein Denkmal zu setzen, der seine Kunst der Verbreitung des Weltfriedens gewidmet hat.

Zusätzlich zu der Statue haben sie auch einen gigantischen Stern aufgestellt, ein weiterer Hinweis auf Esperanto. Bei meiner Recherche über Esperanto habe ich erfahren, dass der Stern das Symbol von Esperanto ist, seine Spitzen repräsentieren die fünf Kontinente: Europa, Amerika, Asien, Ozeanien und Afrika. Etwa eine Minute später sehen wir dann, dass dieser Stern auch MJs Uniform schmückt – ein Friedensstern, getragen von einem Friedens-Pop-Star.

Willa: Das ist sehr interessant und erinnert mich an zwei wichtige Bilder aus Triumph des Willens. Die von allen Filmemachern, die sich auf ihn beziehen, zitierte zentrale und ikonische Szene des Films, in der Hitler hunderte oder tausende Soldaten anspricht, die vor ihm in Reih und Glied aufmarschiert sind, beginnt mit einem Kamerablick auf den gewaltigen, eisernen Adler, einem Symbol Nazi-Deutschlands. Wenn die Kamera dann nach unten schwenkt, sehen wir, dass er auf einer riesigen, in einen Ring eingefassten Swastika (Hakenkreuz) sitzt.

HIStory dagegen wird mit dem Kamerabild des ungarischen Turul oder Falken eröffnet. Nach dem was ich darüber in Erfahrung bringen konnte, handelt es sich dabei um ein komplexes Symbol mit zum Teil für unterschiedliche Personengruppen sogar gegensätzlicher Bedeutung. Wikipedia, als unparteiische Informationsquelle, schreibt darüber:

Der Turul ist der wichtigste Vogel der ungarischen Mythologie. Er ist ein göttlicher Bote, und sitzt auf der Spitze des Lebensbaums, zusammen mit Seelen ungeborener Kinder in Gestalt von Vögeln.

Im Anschluss daran sehen wir Arbeiter, die einen riesigen, in einen Ring eingefassten Esperanto-Stern schmieden. Durch diese Bilder macht sich HIStory die Symbole des Faschismus und Totalitarismus aus Triumph zu eigen, untergräbt sie und gestaltet sie völlig um.

Hier sind die Filmansichten des eisernen Adlers aus Triumph und des Turuls aus HIStory:

Teaser II_2_iron-eagle-and-turul


Und hier die Filmansichten der riesigen, von einem Ring eingefassten Swastika aus Triumph des Willens und des Esperanto-Sterns aus HIStory:

Teaser II_swastika-and-star-2

Sowohl die Swastika als auch der Stern heben sich dunkel gegen einen hellblauen Hintergrund ab, und durch die Zwischenräume der riesigen Gebilde strahlt von hinten helles Licht. Bei genauerem Hinsehen erkennt man Arbeiter, die im Vergleich mit dem Stern sehr klein zu sein scheinen. (Ein Schweißer sitzt sogar auf einem Zacken des Sterns – man kann die sprühenden Funken seines Schneidbrenners sehen.) Er muss also gewaltig groß sein, noch viel größer, als die eingefasste Swastika, auf die er verweist und die er ersetzt.

Eleanor: Wow, Willa, das sind beeindruckende Bilder und sie zeigen Michael Jacksons Gespür für Details und sein tiefes Verständnis für die Kraft der Symbolik. Indem der Esperanto-Stern der Swastika und die Bedeutung des Sterns anderen, traditionelleren Sinngehalten des fünfzackigen Sterns – wie der sowjetischen Militärmaschinerie, den Abzeichen der Strafverfolgungsbehörde oder den Sternen, die eine amerikanische Generals-Uniform verzieren – gegenüber gestellt wird, stellt HIStory durch die Verbindung des Sterns mit dem Pop-Star Michael Jackson die Botschaft und den Helden von HIStory mit traditionellen Militärlegenden und Helden in Kontrast. Michael Jackson zeigt uns in HIStory die Vision einer Welt, in der die menschliche Energie nicht länger in den Ausbau von Mitteln zur Unterdrückung im Interesse von Imperien und Nationen fließt, sondern in den Aufbau einer neuen, globalen Gemeinschaft.


Der Eröffnungssequenz von HIStory folgen Bilder einer riesigen Armee, wobei die Identität ihres Führers zunächst unbekannt bleibt, jedoch immer wieder durch verlockende Einstellungen auf seine Beine mit den für ihn typischen eng anliegenden, hohen Stiefelschäften angedeutet wird, bis schließlich das wunderschöne Gesicht gezeigt wird, das den Führer dieser Armee als niemand geringeren als Michael Jackson enthüllt.

 

History Teaser 3

 

Obwohl MJ in HIStory weder singt, spricht oder tanzt, drücken sein Gesicht und sein Körper einiges aus, was mich sehr an die Worte aus der Rede Chaplins in der Rolle des Friseurs erinnert:

Es tut mir leid, aber ich möchte nun mal kein Herrscher der Welt sein, denn das liegt mir nicht. Ich möchte weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann – den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir wollen am Glück des anderen teilhaben und nicht einander verabscheuen. Hass und Verachtung bringen uns einander niemals näher. Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden und Mutter Erde ist reich genug, um jeden von uns satt zu machen. Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein, wir müssen es nur wieder zu leben lernen.

Hier ein Link zum ganzen Text: http://www.marcwelk.de/kultur/zitate/7/

Willa: Diese Rede ist unglaublich – sie wird oft als beste Rede des Amerikanischen Kinos bezeichnet. Ich kann nur jedem, der den Film bisher noch nicht gesehen hat, empfehlen Der große Diktator ganz anzusehen (er ist auf YT zu finden), aber zumindest sollte sich jeder Chaplins Schlussrede anhören. Sie ist besonders eindrucksvoll, weil sie nach der Rede von Herrn Garbitsch kommt, in der dieser sagt:

Der Sieg sei mit den Helden. Heute sind Worte wie Demokratie, Freiheit und Gleichheit Begriffe, mit denen die Menschen in die Irre geführt werden. Mit solchen Ideen kann sich keine Nation entwickeln. Sie stehen dem Handeln im Weg und aus diesem Grund verbannen wir sie. In der Zukunft wird jeder Mann den Interessen des Staates mit absolutem Gehorsam dienen. Diejenigen, die sich dem verweigern, müssen auf der Hut sein.

Die Bürgerrechte werden allen Juden und anderen Nichtariern abgesprochen. Sie sind minderwertig und somit Feinde des Staates. Es ist die Pflicht eines jeden wahren Ariers, sie zu hassen und zu verachten …

Und dann erhebt sich Chaplin, in seiner Doppelrolle als jüdischer Friseur, der als der Diktator verkleidet ist (weil die Personen verwechselt wurden) und hält die vorhin zitierte Rede, in der er die Liebe zwischen allen Menschen verfechtet:

Ich möchte weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann – den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir wollen am Glück des anderen teilhaben und nicht einander verabscheuen.

Hier ist der letzte Teil aus Der große Diktator, indem man Garbitschs Rede und Chaplins wunderbare, kraftvolle Antwort hören kann:

(Auf Deutsch nur Chaplins Rede)


Eleanor: Danke für die Videos, Willa. Diese Reden als Film zu sehen ist wirklich noch aussagekräftiger, als sie nur zu lesen.

Willa: Dem stimme ich zu. Und in dem letzten Film erkennen wir auch, wie Der große Diktator die monumentalen Ausmaße von Triumph des Willens heraufbeschwört. Chaplin spielt die Eröffnungsszene von Triumph, Hitlers Ankunft mit einer Fahrzeugkolonne nach, und er zeigt auch die einschüchternden Monumente der Macht und die langen Truppenkolonnen – Dinge, die auch der HIStory Teaser aufgreift. Hier einige Bildschirmfotos von Triumph, Der große Diktator und HIStory, an denen man leicht die Ähnlichkeiten erkennen kann – nämlich im Hintergrund aller drei, das riesige Wappen der Staatsmacht und im Vordergrund das scheinbar endlose Meer an Truppen. Hier die Szenen aus

Triumph des Willens:

Teaser II 2_triumph-troops-2
Der große Diktator:

Teaser II_great-dictator-troops
und dem HIStory Trailer:

Teaser II_history-troops
Mit solchen Bildern greifen Der große Diktator und auch HIStory die monumentalen Ausmaße von Triumph des Willens auf. Aber dann werden diese imperialistischen Bilder im Wechsel mit Bildern unterdrückter oder gar durch ihre eigene Regierung ermordeter jüdischer Bürger gezeigt – unterdrückt und ermordet von Soldaten, die die Befehle des faschistischen Regimes ausführen.


Eleanor: Richtig. Obwohl es sich bei Der große Diktator um eine Satire handelt, befasst er sich mit tiefem Schmerz und brisanten Themen. Genau wie HIStory. Und genau wie Der große Diktator begibt sich auch HIStory auf vielfältige Weise in einen Grenzbereich. In einem glanzvollen Akt künstlerischer Ökonomie benutzt HIStory die Bildsprache Riefenstahls, um sowohl auf die Nazi-Horror-Show, als auch auf Der große Diktator zu verweisen, um Michael Jacksons sowohl historischen als auch persönlichen Platz festzulegen.

In einem Post von MJJJusticeProject wird es so formuliert:

Wie sein Held Charlie Chaplin vor ihm, zitiert Michael Jackson die Bilder von Triumph des Willens mit dem Zweck, die Stimmung völlig zu zerstören. Während Chaplin in seinem Oskar-nominierten Film Der große Diktator den Film verspottet, bezieht Jackson sich darauf, um die Opfer des Nazi-Regimes zu feiern und die Denkweise derer zu verhöhnen, die immer noch faschistische Überzeugungen unterstützen.

Willa: Das ist ein wunderbarer Post, der den HIStory Trailer in einen historischen Kontext stellt, ihn aber auch in Zusammenhang mit dem HIStory Album beschreibt, für dessen Bewerbung er gemacht wurde.

Eleanor: Indem Michael Jackson inmitten von Riefenstahl-ähnlichem Glanz und Gloria positioniert wird, wo man statt eines friedliebenden Pop-Stars, eher einen autoritären, militärischen Führer erwarten würde (wie Adolf Hitler), ruft der HIStory Teaser die Szene aus Der große Diktator in Erinnerung, in der der sanftmütige jüdische Friseur zum Double des nur dürftig getarnten Hitler-Charakters wird. Wenn Jackson mit dem jüdischen Friseur in Zusammenhang gebracht wird, während auf Nazi-Deutschland angespielt wird, setzt HIStory die Erfahrungswelt der schwarzen Bevölkerung mit der der jüdischen Bevölkerung gleich – das schwarze Ghetto mit den jüdischen Ghetto – und die Behandlung der Juden mit der Behandlung der Schwarzen in Amerika.

Willa: Das ist eine interessante Feststellung, Eleanor – dass Michael Jackson in der unerwarteten Rolle eines Diktators der Erfahrung des jüdischen Friseurs in Der große Diktator entspricht, der sich selbst auch völlig unerwartet in der Rolle eines Diktators wiederfand. Der Unterschied dabei ist nur, dass der Friseur sich in dieser Rolle sehr unwohl zu fühlen scheint, als wäre ihm diese Rolle wirklich gegen seinen Willen aufgezwungen worden, während das bei Michael Jackson nicht so ist. Er sieht in HIStory selbstbewusst und souverän aus.

Eleanor: Um das noch zu klären, Willa, ich sehe Michael Jackson nicht in der Rolle eines Diktators, sondern als Stellvertreter für einen Diktator. An der Spitze seiner Truppen schreitend, nimmt er die Position ein, wo man einen diktatorischen Führer erwarten würde. Aber stattdessen finden wir dort Michael Jackson, ein Mann, der genau für das Gegenteil von Gewaltherrschaft steht. Ein Mann, der genau wie der Friseur „kein Herrscher sein (möchte) denn das liegt (ihm) nicht. (Er) möchte weder herrschen, noch irgendwen erobern.“ Aber ich stimme dir darin zu, dass MJ sich wohl fühlt, während das bei dem Friseur nicht so ist. Aber dennoch bleiben sie ihrem wirklichen Charakter treu: Der Friseur war nicht daran gewöhnt, im Scheinwerferlicht zu stehen, während Jackson, wenn auch nicht als politische Figur, daran gewöhnt war.

Willa: Das stimmt.

Eleanor: Aber ich bin froh, dass du darauf hingewiesen hast, wie MJ in den kurzen Augenblicken, in denen er zu sehen ist, aussieht. Denn ich wollte sein wunderschönes Lächeln auch noch einmal erwähnen. Ich glaube, sein Lächeln ist eine visuelle Darstellung von Charlie Chaplins Song Smile, der auch Teil des HIStory Albums ist – sein Strahlen verdeckt seinen Schmerz, diesen Schmerz, der auch Chaplin vertraut war.

 

Teaser II_HIStory
Aber um auf die Szene mit Michael und den Soldaten zurückzukommen, ich denke, sie führt uns direkt zu einem anderen Teil aus Chaplins Schlussrede in Der große Diktator. Ich sehe diese Rede sogar als eine Art Drehbuch für HIStory:

Soldaten! Vertraut euch nicht Barbaren an, Menschen, die euch verachten, euch versklaven und über euer Leben bestimmen wollen. Die euch sagen, ihr habt das zu tun, das zu glauben, das zu fühlen! Ihr werdet gedrillt, gefüttert, wie Vieh behandelt, und seid nichts weiter als Kanonenfutter. Vertraut euch nicht diesen Unmenschen an – diesen Maschinenmenschen, mit Maschinenköpfen, und Maschinenherzen. Ihr seid keine Roboter, ihr seid kein Vieh, ihr seid Menschen! Ihr tragt die Liebe zur Menschheit in euren Herzen und hasst nicht. Nur wer nicht geliebt wird, der hasst – die Ungeliebten und die Unmenschen. Soldaten kämpft nicht für die Sklaverei, kämpft für die Freiheit!

Als Führer vieler Reihen uniformierter Soldaten-Roboter stellt MJ eine Alternative zu militärischen Führern dar, den Barbaren … (die) über euer Leben bestimmen wollen.“ Als ein ‘anderer Held’, fühlt er mit all denen mit, die sich dem Staat verpflichtet haben und dadurch ihre Menschlichkeit verloren haben. Als Anführer dieser Männer identifiziert er sich mit ihnen anstatt mit dem Regime, das sie repräsentieren. Er versinnbildlicht Großmut und tadelt ein System (und nicht die Menschen selbst), das, um es mit Chaplins Worten zu sagen: „Männer foltern und Unschuldige verhaften lässt.“ Die Folterer und die Gefolterten sind gleichermaßen im Netz des Imperiums gefangen.

Willa: Das ist ein wichtiger Punkt, Eleanor. Ich halte es für signifikant, dass Chaplin diesen Teil seiner Rede an die Soldaten gerichtet hat, die die Befehle des Diktators ausführen, und so an ihre Menschlichkeit appelliert. Er verleugnet nicht den Schaden, den sie angerichtet haben – er zeigt, wie sie Zivilisten schikanieren und sogar ermorden. Aber er verteufelt sie auch nicht. Er impliziert vielmehr, dass auch die Soldaten zu Opfern der Führer wurden: „…ihr werdet gedrillt, gefüttert, wie Vieh behandelt, und seid nichts weiter als Kanonenfutter.“

Und wie du sagst, fühlt Michael Jackson keine Animosität gegenüber Soldaten oder Polizisten, den Personen, die am unteren Ende die Befehle ausführen. Er verbündet sich vielmehr mit ihnen.

Eleanor: Ja, dieser sehr aussagekräftige Salut an seine Truppen vermittelt diese Botschaft – Gefühle von Mitgefühl und Respekt, anstatt Animosität und Hass, sogar für diejenigen, die den Willen des Unterdrückers ausführen.

Willa: Und wie Susan Woodward mir in einer Email schrieb, können wir, nach dem diese gigantische Statue enthüllt ist, auf einem Arm ein Emblem erkennen – es ist ein Abzeichen mit dem Wort „POLIZEI“ in großen Buchstaben neben einem Esperanto Stern.

Eleanor: Vielen Dank an Susan. Das hatte ich nicht bemerkt, ich werde es noch einmal genauer ansehen.

Willa: Mir war es auch nicht aufgefallen, aber es ist ein wichtiges Detail. Ich denke, Michael Jacksons Erfahrungen mit der Polizei Santa Barbaras, insbesondere durch ihre Beteiligung an Leibesvisitation, hätten zu Animositäten gegenüber der Polizei im Allgemeinen führen können. Aber HIStory erweckt nicht diesen Eindruck. Er drückt etwas weit Komplizierteres aus.

Wenn ich ehrlich bin, fühlt es sich an, wie ein Akt der Aneignung. Genau wie sich weiße Sänger und Musiker die „schwarze“ Musik von Jazz bis hin zu Hip Hop angeeignet haben, und sie durch die weiße Perspektive umgeformt haben, scheint sich Michael Jackson in HIStory Bilder weißer Autorität anzueignen (und womit könnte er das besser tun, als mit dem rassistisch-autoritären Nazi-Deutschland?) um diese aus der multinationalen Esperanto-Perspektive neu zu formen. Ein noch besserer Vergleich wäre vielleicht, wie sich Gruppen wie Queer Nation oder viele junge Hip Hop Künstler, die in der Vergangenheit auf sie gerichteten, abwertenden Bemerkungen – Worte wie „Nigger“ und „Schwuchtel“ – jetzt als eine Art Auszeichnung verwenden und ihnen so die Macht entzogen haben, sie zu verletzen.

Eleanor: Ja, ein Akt von Aneignung und Veränderung. Imperiale und nationalistische Machtstrukturen gehen davon aus, dass die Eroberung anderer eine natürliche menschliche Überlebensstrategie ist und nicht eine Strategie, die sich Menschen nur angeeignet haben. Und sie gehen davon aus, dass diejenigen die im Besitz dominierender Technologien sind, automatisch die Oberhand haben. Und dennoch wenden sich unsere landwirtschaftlichen, industriellen und militärischen Technologien gegen uns, sie erschaffen eine Welt, die in nicht allzu ferner Zukunft für uns alle nicht mehr bewohnbar ist, so wie sie das für manche von uns durch Kriege auch jetzt schon ist.

Mit Chaplins Worten gesagt:

Unser Wissen hat uns zu Zynikern gemacht. Unsere Klugheit macht uns hart und lieblos. Wir denken zu viel und fühlen zu wenig. Wir brauchen nicht mehr Maschinen, wir brauchen Menschen. Wir brauchen nicht mehr Klugheit, wir brauchen Güte und Freundlichkeit. Ohne diese Eigenschaften ist unser Leben nichts wert und wir sind verloren …

Obwohl wir den freien Willen als ein grundsätzliches menschliches Persönlichkeitsmerkmal propagieren, scheinen wir jedoch nicht an den Willen zu glauben, den Umgang miteinander, einzeln oder gemeinsam, zu verändern. Ich denke, Michael Jackson stimmte solchen Gedanken nicht zu. Er glaubte daran, dass Menschen zu großen Veränderungen fähig sind, und an Kunst als Schlüssel dazu; und er glaubte an sich selbst und seine Kunst als Mittel, um fundamentale Veränderungen in Gang zu setzen – das ist die Idee eines völlig anderen „Triumph des Willens“.

Indem er sich selbst mit einem mit eiserner Faust regierenden Tyrannen vergleicht, betont Michael Jackson die Unterschiede zwischen seinen Werten als afroamerikanischer Künstler, der an Kunst als Mittel zur Heilung der Welt glaubt, und den Werten, die zu Unterdrückung führen, verdeutlicht die Übel des Systems und hat gleichzeitig Mitgefühl mit denjenigen, die darin gefangen sind.

Willa: Das ist eine wunderbare Zusammenfassung, Eleanor. Vielen Dank, und auch dafür, dass du wieder hier bei mir warst um zu versuchen diesen komplexen Film besser zu verstehen. In unserem nächsten Post werden wir diese Diskussion abschließen und noch weitere bedeutende Referenzen in HIStory untersuchen.

Außerdem wollte ich noch bekannt geben, dass die Library of Congress vor kurzem Joe Vogels Artikel über das Thriller Album veröffentlicht hat. Wir haben es unseren „Lesezimmer“ zugefügt. Über diesen Link kommt man direkt dorthin:

http://www.loc.gov/rr/record/nrpb/registry/essays/Thriller–FINAL.pdf

Eleanor: Gut zu wissen. Danke, dass ihr es hier im Elephant verfügbar macht. Und ich freue mich schon darauf, mit dir an dem letzten Teil dieser Serie zu arbeiten.

Übersetzung: M.v.d.L. 🔹 Ilke
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