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Sie hat dich belogen, sie hat mich belogen

by on 20. October 2014

She Lied to You, Lied to Me

Post vom 02/10/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Weißt du, Joie, eins der Dinge, die ich am meisten an Michael Jacksons Werken liebe, ist seine emotionale Komplexität. Die wahren Erfahrungen und Gefühle im Leben sind selten einfach – wir spüren selten einfach nur ein reines Gefühl von Liebe oder ausschließlich Wut oder nur Erleichterung oder nur Freude. Stattdessen verspüren wir im Allgemeinen ein Gemisch von Emotionen, und seine Werke fangen das so wunderbar ein. Oftmals lassen seine Songs uns in eine Situation hineinplumpsen und führen uns dann durch die ganze Gefühlspalette, die wir in dieser Situation verspüren könnten.

Ein perfektes Beispiel dafür ist Chicago, ein Song aus dem kürzlich veröffentlichten Album Xscape. Darin nimmt Michael die Rolle eines Mannes an, der unwissentlich eine Affäre mit einer verheirateten Frau hat. Nun hat er die Wahrheit entdeckt und singt darüber, wie sich das für ihn anfühlt – da gibt es also Schmerz und Wut und ein tiefes Gefühl des Betrogenseins.

Aber während der Song fortschreitet, entdecken wir, dass er diesen Song an den Ehemann seiner Geliebten richtet. Er sagt: „Sie versuchte ein Doppelleben zu führen / Liebte mich, während sie noch deine Ehefrau war“. Da sind also auch noch viele andere Gefühle dabei: Schuld, Scham, Reue und sein Bedürfnis zu erklären zu versuchen, was passiert ist und seine Taten zu rechtfertigen.

Aber er spielt auch die gesamte Beziehung im Kopf noch einmal durch – der Song beginnt mit den Erinnerungen darüber, wie sie sich das erste Mal getroffen haben. Auf diese Weise erleben wir diese erste Erfahrung ebenfalls mit der ganzen Zärtlichkeit und dem Verlangen, das er einst für sie empfand.

Also ist er in ein Gewirr sich widersprechender Emotionen eingetaucht und arbeitet sich durch alles hindurch, was wirklich kompliziert für ihn ist – und auch für uns, da wir diese Gefühle durch ihn erleben.

Joie: Weißt du Willa, ich bin froh, dass du über diesen Song reden willst, denn ich liebe ihn aus vielen Gründen! Und um direkt anzufangen, ich stimme mit allem, was du gesagt über seine Gefühle von Schuld, Scham und Reue gesagt hast, überein. Aber ich habe das Gefühl, dass er nicht so sehr versucht zu erklären, was passiert ist, als dass er versucht, den Ehemann in Hinblick auf seine untreue Ehefrau zu warnen. Seine Worte klingen sehr nach einer Anklage, so als würde er dem Ehemann erzählen: Sie hat es einmal getan, sie wird es wieder tun! Dies ist, was er sagt:

She lied to you, lied to me
`Cause she was loving me, loving me

Sie hat dich belogen, mich belogen

Denn sie liebte mich, liebte mich

Dann macht er weiter und sagt dies:

She tried to live a double life
Loving me while she was still your wife
She thought that loving me was cool
With you at work and the kids at school

Sie versuchte, ein Doppelleben zu führen
Liebte mich, während sie noch deine Ehefrau war
Sie dachte mich zu lieben wäre cool
Als du bei der Arbeit warst und die Kinder in der Schule

Diese Worte sind sehr aufrührerisch, und sie werden mit solcher Wut und Bitterkeit gesungen. Er ist eindeutig sehr verletzt, und nun ist es so, als würde er um sich schlagen und versuchen sie dafür zu verletzen, dass sie ihrem Mann alles über ihre heiße Affäre erzählt hat.

Willa: Wow Joie, ich bin überrascht, dass es sich so für dich anfühlt, denn ich habe gar nicht diesen Eindruck – dass er versuchen würde zurückzuschlagen oder sie auf gewisse Weise zu verletzen. Er sagt zu ihrem Ehemann: „Du solltest wissen, dass ich ihr die Schuld dafür gebe.“ Also hält er sie für das, was passiert ist, verantwortlich, und er ist offensichtlich sehr verletzt dadurch, aber ich denke nicht, dass er versucht zurückzuschlagen, wie du es genannt hast. Eher denke ich, erklärt er ihrem Ehemann (und vielleicht auch sich selbst), dass er nicht „diese Art Mann“ ist – die Art, die herumschleicht und eine Affäre mit einer verheirateten Frau hat. Er sagt zu ihrem Ehemann:

I didn’t know she was already spoken for
`Cause I’m not that kind of man
Swear that I would have never looked her way
Now I feel so much shame

Ich wusste nicht, dass sie bereits in festen Händen war
Denn ich bin nicht diese Art Mann
Ich schwöre, dass ich niemals in ihre Richtung geguckt hätte
Und nun schäme ich mich so sehr

Du weißt ja, einige Männer verspüren in einer solchen Situation im Grunde eine Art Triumphgefühl, als hätten sie dem Ehemann ein Schnippchen geschlagen. Aber die Person, die diesen Song singt, ist nicht so. Da ist etwas Altmodisches an ihm – sogar die Worte „Ich wusste nicht, dass sie bereits in festen Händen war“ sind altmodisch. Die Leute sagen normalerweise nicht mehr „in festen Händen sein“.

Und weißt du, eine altmodische Art für ihn auf diese Situation zu reagieren, wäre galant zu sein – zu sagen, es war mein Fehler, nicht ihrer. Aber Galanterie kann eine weitere Form der Lüge sein, und er weigert sich, das zu tun. Er besteht auf Ehrlichkeit. Also wird er die Dinge nicht abmildern und sich selbst damit blenden, dass sie ihn vielleicht geliebt hat, und er lässt für sie auch keine Entschuldigungen gelten. Er ist entschlossen, sich der Situation offen und ehrlich zu stellen und der Wahrheit entsprechend anzuerkennen, was passiert ist.

Aber er scheint auch irgendwie schüchtern oder sich seiner selbst unsicher zu sein. Denn er sagt in der Eröffnungsstrophe: „Ich war überrascht zu erkennen / Dass eine Frau wie sie Interesse für mich zeigt“. Dies erinnert mich auf eine Weise an den Beginn von Billie Jean, wo die Hauptperson stolz darauf ist, dass sie ihn ausgewählt hat, um mit ihm zu tanzen. Er sagt da: „Jeder Kopf dreht sich herum mit (einem Ausdruck in den) Augen, der davon träumt, der eine zu sein / Der auf der Tanzfläche tanzen wird“ mit Billie Jean. Und eigentlich sind sich diese Songs auf gewisse Weise ziemlich ähnlich. In beiden Fällen wird ein ziemlich schüchterner, junger Mann in eine falsche Beziehung mit einer Frau, die nicht die ist, die sie zu sein scheint, hineingezogen.

Jedenfalls, was ich sagen möchte, ist, dass Chicago ein Song über einen Mann ist, der eine Affäre mit einer verheirateten Frau hatte, aber er ist nicht irgendein raffinierter, schäbiger Schürzenjäger, der mit seinen Heldentaten prahlt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Er scheint ein sehr ernster, junger Mann zu sein, der sich eine wirkliche Beziehung wünscht und vielleicht ein Vater für ihre Kinder sein wollte – die Kinder, über die sie ihm erzählt hatte, für deren Erziehung sie allein kämpfte. Aber alles, von dem er dachte, er wüsste es über sie, stellte sich als falsch heraus – sie hat bereits einen Ehemann, ihre Kinder haben bereits einen Vater, und er ist nur ein unwillkommener Eindringling in ihre häusliche Situation. Nun realisiert er dies – dass „sie eine Familie hat“, so sagt er es in der abschließenden Zeile des Songs – und er sagt weiter „Nun schäme ich mich so sehr“.

Joie: Ja, aber wie du bei deiner Eröffnung betont hast, Willa, sind echte Lebenssituationen und Erfahrungen selten einfach. Es kommt selten vor, dass wir reine Liebe empfinden oder reine Wut oder reines Irgendetwas. Und während ich vollkommen mit dir darin übereinstimme, dass er unglaublich reumütig und voller Scham ist – er ist voller eigener Schuldgefühle – glaube ich immer noch, dass er nun ebenso ein gewisses Maß an Wut und Bitterkeit ihr gegenüber verspürt. Wie du sagtest, er sagt ihrem Ehemann, dass er „ihr die Schuld gibt“.

Aber er sagt das nicht nur einmal. Er wiederholt den Refrain immer wieder während der gesamten zweiten Hälfte des Songs. Im Grunde ersetzen diese Worte, in denen er „ihr die Schuld gibt“ vollkommen den Refrain, den er ständig in der ersten Songhälfte wiederholt hat: „Sie hat mich geliebt, sie wollte mich.“ („She was loving me, she was wanting me.“)

Willa: Wow, das ist wirklich interessant, nicht wahr? Ich hatte das gar nicht mitbekommen, Joie, aber du hast Recht. Da laufen gesungene Zeilen im Hintergrund – ich wünschte, ich würde mich besser mit der musikalischen Terminologie auskennen, aber es ist fast wie eine Gegenmelodie im Hintergrund, während die Hauptmelodie die Geschichte im Vordergrund erzählt. Und du hast Recht – vor der Bridge wechselt diese Gegenmelodie zwischen „She was loving me“ und „She was wanting me“ ab – das sind die einzigen zwei Zeilen, die wir hören – aber nach dieser Überleitung beginnt er damit, immer wieder und wieder „Holding her to blame“ zu singen. Das scheint wirklich bedeutend zu sein.

Joie: Ja. Es ist ein sehr subtiler Wechsel, aber nun „gibt er ihr die Schuld“ („holding her to blame“) für alles, was passiert ist, und die Bitterkeit dieser vier kleinen Worte ist greifbar und herzzerreißend. Dieser Mann ist gebrochen und verletzt und kritisiert die Frau, von der er dachte, dass sie ihn liebt.

Weißt du, auf vielerlei Arten erinnert mich dieser Song an Who Is It. Ich spüre das gleiche Gefühl der Bitterkeit und Schmerz bei beiden Songs, besonders wenn ich an diese Worte denke:

And she promised me forever
And a day we’d live as one
We made our vows
We’d live a life anew

And she promised me in secret
That she’d love me for all time
It was a promise so untrue
Tell me what will I do?

Und sie versprach mir, dass es für immer ist
Und dass wir eines Tages wie eins leben würden
Wir schworen einander
Dass wir ein neues Leben beginnen würden

Und sie versprach mir insgeheim
Dass sie mich für alle Zeiten lieben würde
Es war ein so falsches Versprechen
Sag mir was ich tun soll?


Es ist dieselbe Art von Betrug, der hier vor sich geht und es ruft das gleiche Gefühl eines verwirrten Mannes mit gebrochenem Herzen hervor, der mit der Frage zurückgelassen wird, was zum Teufel gerade mit dem Leben und der Zukunft passiert ist, die er noch eben mit der Frau, die er liebte, aufzubauen gedachte.

who is it

 

Willa: Das ist eine gute Feststellung, Joie, und ich denke, es ist wirklich hilfreich, diese beiden Songs miteinander zu vergleichen. Da sind einige wichtige Parallelen – wie dass er sich in beiden Fällen ein gemeinsames Leben vorstellte, aber plötzlich realisierte, dass das alles nur in seiner Vorstellung stattfand. Sie ist nicht die Person, von der er dachte, dass sie es ist, und sie werden nie das gemeinsame Leben haben, das er sich vorgestellt hatte. Und in beiden Songs lässt ihn das fragen, was real ist und was nicht. Wir sehen das deutlich in dem Video zu Who Is It. Und er singt dies in Chicago:

Her words seemed so sincere
When I held her near
She would tell me how she feels
It felt so real to me

Ihre Worte schienen so aufrichtig
Als ich sie an mich hielt
Sie erzählte mir, wie sie sich fühlt
Es erschien mir so echt

Seine Welt kehrte sich durch diese Offenbarung also von unten nach oben. Nicht nur, dass er traurig darüber ist, dass die Beziehung vorbei ist, sondern er fühlt sich auch tief betrogen und unsicher darüber, was „real“ ist und was nicht, was wahr ist und was nicht. Und wird er zukünftig, wenn er eine andere Beziehung hat, in der Lage sein, zu erkennen, was wahr und real ist?

Joie: Das ist eine sehr gute Feststellung, Willa. Vielleicht zweifelt er sich jetzt im Nachhinein an und fragt sich, ob er sich jetzt gut genug auskennt, um die Wirklichkeit in der Zukunft zu erkennen und unterscheiden zu können – wenn nur mutig genug ist, nach dieser Erfahrung eine wirkliche Beziehung zu riskieren.

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Willa: Ja, und dieser Zustand der Verwirrung wird wirklich eingefangen durch die Tatsache, dass er zwei sehr unterschiedliche Stimmen in diesem Song einsetzt, so in etwa wie in Morphine, über das wir im letzten Frühjahr mit Lisha McDuff gesprochen haben. Mehr als das, er wechselt ständig zwischen diesen Stimmen hin und her, indem er zwei verschiedene Strophenformen einsetzt – eine sanfte und aufgebrachte – mit zwei verschiedenen Melodien. Zumindest erscheint es mir so. Was ich meine, ist, ich denke nicht, dass dieser Song einen Refrain hat, was ungewöhnlich ist. Statt Strophen und einem Refrain, welches die typische Struktur ist, wechselt es zwischen zwei deutlich unterscheidbaren Formen, die einander gegenübergestellt sind.

Der Song – und ich spreche über die Demoversion – beginnt mit langsamer, verträumter, einer Art mystischer Musik, und dann beschreibt eine wehmütige Stimme, wie sie sich getroffen haben, zwei einsame Menschen auf ihrem Weg nach Chicago. Dies ist die Form der ersten Strophe und die erste Melodie, und sie passt perfekt zur Stimmung der Musik, mit langen, lyrischen Zeilen und einer Art verschwommenen, traumgleichen Art und Weise.

Diese schöne, ruhige Stimme setzt sich während der ersten Strophe fort, aber dann plötzlich bricht eine wütende Stimme mit der zweiten Strophe mit einem anderen Tempo und Rhythmus herein. Diese zweite Strophe unterscheidet sich sehr von der ersten, mit kurzen, scharfen Sätzen – fast Staccato – und am Schluss schreit er fast, als er sagt „Sie hat dich angelogen, sie hat mich angelogen“.

Joie: Ja. Das ist die Wut und Bitterkeit, die ich meine – diese zornige Stimme, die auf diese hinterlistige Frau einschlägt und ihren Ehemann warnt.

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Willa: Und du hast Recht, Joie – diese Stimme ist sehr wütend. Ich bin nur nicht sicher, ob er versucht zurückzuschlagen und sie auch zu verletzen. Er scheint hin- und hergerissen zu sein, und das wird auch wieder durch die Musik ebenso wie durch die Lyrics ausgedrückt. Diese zweite Strophe endet, die wütende Stimme stoppt und die ruhige, sehnsüchtige Stimme kehrt zurück und singt die erste Melodie. Wir sind zurückgekehrt zur ersten Strophenform – der langsamen, schlendernden, schönen – und er erzählt uns, wie glücklich er mit ihr war und wie gut es sich anfühlte, mit ihr zusammen zu sein. Er sagt „Sie musste ein Engel gewesen sein / Der nur für mich vom Himmel geschickt worden ist“ („She had to be / An angel sent from heaven just for me“).

Aber genauso abrupt, wie diese sanfte Strophe endet, stürmt die wütende Stimme wieder herein, und dieses Mal dauert es zwei ganze Strophen lang. So wechselt er zwischen den Formen hin und her – einer sanften, einer wütenden – aber es fühlt sich an, als würde die Wut beginnen übermächtig zu werden. Er wiederholt die Strophe, die er zuvor gesungen hatte – dass „sie sagte, sie habe keinen Mann“ – erweitert es aber nun in einer zweiten Strophe und erzählt uns (und ihrem Ehemann) „Sie versuchte ein Doppelleben zu führen / Liebte mich, während sie noch deine Ehefrau war“.

An diesem Punkt scheint er vollkommen von Wut erfüllt zu sein. Aber während es oberflächlich gesehen so erscheint, sind seine Gefühle eigentlich komplexer, denn wie du betont hast, singt er andere Worte mit einer anderen Melodie im Hintergrund. Die erste Melodie – die sanftere – läuft hinter der zweiten weiter (das ist das, was ich mit Gegenmelodie meinte) und wie du sagtest, sind die Worte, die er singt „Sie liebte mich“ und „Sie wollte mich“ („She was loving me / She was wanting me“). Und diese schöne, mystische Instrumentierung, die wir während dieser ersten Form hören, läuft auch im Hintergrund weiter.

Die Stimme im Vordergrund und die im Hintergrund singen also auf unterschiedliche Art und Weise und drücken sehr verschiedene Emotionen aus. Das ist so interessant, und diese Tatsache scheint anzudeuten, dass er sich in einem tiefen Konflikt befindet – dass trotz seiner Wut auf das, was sie getan hat, immer noch dieser starke Unterton von Milde ihr gegenüber und das Verlangen nach dem, von dem er dachte, sie würden es teilen, da ist.

Dann folgt eine kurze Überleitung (Bridge), die fast ausschließlich instrumental ist, aber wir hören ihn voller Schmerz flüstern „Warum?“ („Why?“) und dann singt er „Oh, ich brauche ihre Liebe“ („Oh, I need her love“). Es ist wirklich herzzerreißend.

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Und dann kommen wir wieder zurück zu den sich abwechselnden Strophenformen, und es endet mit drei Wiederholungen dieses verwirrten Zustandes, bei dem die laute, wütende Stimme im Vordergrund „Sie hat dich angelogen, sie hat mich angelogen“ ausruft, während diese wunderschöne, schwermütige Stimme und mystische Musik weiter durch den Hintergrund fließt.

Joie: Ja, aber dann, nach dieser herzzerreißenden Überleitung, singt diese schöne, schwermütige Stimme nicht „Sie liebte mich“ und „Sie wollte mich“ („She was loving me / She was wanting me“). Stattdessen singt sie wieder und wieder „Sie trägt die Schuld“ („Holding her to blame“).

Willa: Das ist wahr.

Joie: Ich mag die Art, wie du gerade den Song auseinandergenommen hast – das war sehr zutreffend, denke ich. Und, weißt, du, je mehr wir über den Song reden, desto mehr stimme ich dir in dem zu, was du zu Beginn unserer Diskussion gesagt hast – dass dieser Song eine perfekte Darstellung der menschlichen Gefühle ist und darüber, dass wir selten ausschließlich Liebe oder nur Wut oder nur Irgendetwas fühlen. In jeder menschlichen Erfahrung steckt eine Vielzahl von Emotionen, sowohl gute, als auch schlechte. So sind wir einfach gemacht, denke ich.

Willa: Da stimme ich dir zu, und ich bewundere die Art, wie Michael Jacksons Songs dies widerspiegeln. Er versucht nicht, alles zu vereinfachen und es alles nett und sauber aussehen zu lassen. Stattdessen erkennt er an, wie kompliziert und verwirrend unsere Gefühle sein können – dass sie mal hoch oben und dann wieder ganz unten und sogar widersprüchlich sein können, alles zur gleichen Zeit.

Joie: Das ist die „menschliche Natur“ („Human Nature“) … das Wortspiel ist nicht beabsichtigt!

Willa: Wow, das ist lustig, dass du das sagst, Joie! Ich habe gerade über Human Nature nachgedacht. Weißt du, das ist ein weiterer Song, der von einem Seitensprung zu handeln scheint – viele Kritiker interpretieren ihn auf diese Art. Und wenn das so ist, dann geht es nur um die Hauptperson. In dem Song heißt es „Wenn diese Stadt wirklich ein Apfel ist / Dann lass mich einmal abbeißen“ („If this town is just an apple / Then let me take a bite“). Die Hauptperson in Human Nature – das Michael Jackson nicht geschrieben hat, und das sollten wir im Kopf haben – möchte also voll und ganz in alle Erfahrungen des Lebens, einschließlich sexueller Erfahrungen, eintauchen, und das wird da sozusagen gefeiert – Risiken einzugehen und sich sozialen Normen zu widersetzen.

In Chicago ist die Situation vollkommen anders. Die Hauptfigur ist erfüllt von Schuld und Scham, Schmerz und Wut, und das führt mich zurück zu der ungewöhnlichen Tatsache, dass der Song an den Ehemann seiner Geliebten gerichtet ist – nicht an sie oder uns oder sogar an sich selbst, sondern an ihren Ehemann. Das ist so überraschend und interessant. Er spürt „so große Scham“, wie er sagt, und er scheint sich dazu zu bekennen, es öffentlich machen zu wollen, und die Person, der er es gesteht – der er wirklich sein Herz ausschüttet und seine Seele offenbart – ist ihr Ehemann.

Das ist so faszinierend für mich, und ich frage mich, ob es deswegen so ist, weil ihr Ehemann die Autoritätsperson in dieser Situation ist. Er ist der Vater dieser Familie, aber da scheint mehr als das dran zu sein, und ich frage mich, ob er Den Vater repräsentiert, in der Bedeutung des Vaters schlechthin – des Patriarchen, Gottvaters, des Rechtsgrundsatzes und der Zehn Gebote. „Du sollst nicht ehebrechen.“

Joie: Mmm, ich kenne mich damit nicht so aus, Willa. Ich denke, du liest möglicherweise zu viel hinein. Ich glaube, der Ehemann ist einfach der Ehemann. Weißt du, diese Art ehebrecherische Situationen passieren unglücklicherweise ziemlich oft in unserer Gesellschaft, und ich denke, mit dem Ehemann oder der Ehefrau zu reden kommt wahrscheinlich auch oft vor, und es hat nichts mit dem Bekenntnis zu Gott, dem Vater, oder sonst jemandem zu tun. Eigentlich denke ich oft, es ist ein Versuch, den Ehebrecher von seinem Ehegatten „zu befreien“, so dass der „Beichtende“ ihn endlich direkt haben kann.

Willa: Nun, das ist ein interessanter Gedanke, Joie, und es ist wahr, dass die Hauptfigur im Konflikt zu sein scheint über das Ende der Beziehung. Er hat sie geliebt. Aber gleichzeitig scheint es ziemlich klar zu sein, dass es vorbei ist. Ich denke nicht, dass er irgendeine Absicht einer weiteren Beziehung mit ihr hat, besonders jetzt, da er weiß, wer sie ist und was sie getan hat – dass sie ihn angelogen und getäuscht hat und „versucht hat, ein Doppelleben zu führen“.

Und vielleicht lese ich zu viel in den Ehemann / Vater hinein, aber es scheint für mich so, dass die Hauptfigur nicht nur emotionalen Schmerz spürt darüber, dass die Beziehung vorüber ist, sondern auch das Gefühl, dass er im moralischen Sinn etwas falsch gemacht hat – er hatte eine Affäre mit einer verheirateten Frau, einer Frau mit Kindern und einer Familie. Ich muss an die Strophe nach der Überleitung denken, in der er singt:

I didn’t know she was already spoken for
´Cause I’m not that kind of man
Swear that I would’ve never looked her way
Now I feel so much shame
And all things have to change


You should know that I’m holding her blame

Ich wusste nicht, dass sie bereits vergeben war
Denn ich bin nicht diese Art Mann
Ich schwöre, dass ich sie niemals angeschaut hätte
Jetzt schäme ich mich so sehr
Und alle Dinge müssen sich ändern
Du sollst wissen, dass ich ihr die Schuld gebe

Sie hat ihn also nicht nur emotional verletzt. Er scheint auch das Gefühl zu haben, dass sie ihn in die Irre geführt hat, zur Sünde geführt hat. Es ist fast biblisch – Eva verführt Adam mit dem verbotenen Apfel. Und nun fühlt er, wie Adam, ein tiefes Gefühl der Scham und bekennt gegenüber Dem Vater, was er getan hat – wozu sie ihn, wie Eva, verführt hat.

Joie: Nun, das ist eine interessante Interpretation, Willa, aber ich bin nicht sicher, ob ich es auch so sehe.

Willa: Also, um ehrlich zu sein, bin ich auch nicht sicher, ob ich es so sehe. Ich denke sozusagen nur laut, während ich versuche, es herauszuarbeiten. Es fühlt sich für mich so an, als wäre die Hauptfigur in einer schlimmen Situation, emotional und seelisch. Er fühlt sich betrogen und wütend, aber auch, dass er etwas falsch gemacht hat. Also legt er ein Geständnis ab, aber die Person, der er gesteht, ist ihr Ehemann. Und auf eine Art, die einen Sinn ergibt, denn ihr Ehemann wurde durch dies alles ebenso verletzt.

Vielleicht muss ich mich dem also auf einem anderen Weg annähern. Es scheint für mich so, dass Michael Jackson in seinem frühen Leben ein gläubiger Zeuge Jehovahs, einer strengen Religion mit vielen Regeln, war – kein Weihnachten, keine Geburtstagsfeiern und sehr viel mehr – so dass er mit einem strengen Moralkodex basierend auf Regeln aufwuchs. Aber das scheint sich geändert zu haben, als er älter wurde. Ich denke an diese wunderbare Strophe in Jam:

She prays to God, to Buddha
Then she sings a Talmud song
Confusions contradict the self
Do we know right from wrong?
I just want you to recognize me in the temple


You can’t hurt me
I found peace within myself

Sie betet zu Gott, zu Buddha
Dann singt sie ein Lied aus dem Talmud
Das Durcheinander widerspricht dem Selbst
Können wir Richtig von Falsch unterscheiden?
Ich möchte einfach nur, dass du mich im Tempel erkennst
Du kannst mich nicht verletzen
Ich habe Frieden in mir selbst gefunden

Ich liebe diese Strophe – sie ist wunderschön geschrieben und so tiefgründig – und er scheint nichts weniger als eine neue Art von Moral anzudeuten, eine, die nicht darauf basiert, religiösen Grundsätzen zu folgen, sondern darauf, deinen eigenen inneren moralischen Kompass zu entwickeln und ihm zu folgen. „Können wir Richtig von Falsch unterscheiden?“ Es basiert auch auf Menschen und den Verbindungen zwischen uns – „Ich möchte einfach nur, dass du mich im Tempel erkennst“. Es ist also nicht der Tempel oder sogar die Art des Tempels – christlich, buddhistisch, jüdisch -, was von Bedeutung ist, sondern die Menschen darin und unsere Fähigkeit, uns mit dem anderen zu verbinden und die Menschlichkeit in dem anderen zu erkennen.

Mit anderen Worten spricht er über eine weltliche Moral, nicht über eine himmlische. Und in dem Sinn scheint es bedeutsam zu sein, dass die Hauptfigur aus Chicago beichtet, nicht gegenüber Gott, sondern gegenüber einem Mitmenschen – einem Menschen, den er unabsichtlich verletzt hat, ihrem Ehemann.

Joie: Es ist interessant über diese Parallelen zu seinem persönlichen Leben nachzudenken. Und du bist mit deinen Vermutungen vielleicht einer Sache auf der Spur, wer weiß? Aber es ist immer das Amüsante an diesen Songs, und sogar den Videos und Live Performances, zu versuchen, die wahre Bedeutung hinter ihnen zu erkennen.

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One Comment
  1. Danke für die Übersetzung. Ich liiiebe diesen Song. Er hat mich über Wochen gefesselt, mit diesem Kampf der Gefühle im Refrain. Ich finde das so genial gemacht. Und ja, jetzt wo ich es gelesen habe, er hat die Komplexität wie ‘Morphine’. Und ich denke diese Komplexität der Gefühle ist es, die den Song so tief gehen lässt. Er spricht etwas in uns an, das wir alle kennen. Und zwar nicht auf der Verstandesebene (kein einfacher Herz-Schmerz-Song), sondern ganz tief in uns drinnen. Ab einem gewissen Alter (grins), erschließt sich das wohl einfach durch das gesamte Arrangement. Hach, sagte ich schon, dass ich diesen Song liebe 🙂 und sehr inspirierend finde. So sehr wie die Frau ihn auch verletzt hat und er Scham empfindet, ist dieser Mann auch stark – seinen eigenen Werten gegenüber und wie es weitergeht – ohne sie.

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