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Kann ein Spiegel die Wahrheit enthüllen?

by on 6. May 2014

Post vom 10/04/2014
http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Vor ein paar Wochen führten Lisha McDuff und Harriet Manning eine interessante Diskussion über Harriets neues Buch Michael Jackson and the Blackface Mask. Eigentlich war es so interessant, dass wir gar nicht aufhören konnten! Wir führten unsere Diskussion per E-Mail fort, sogar nachdem der Post erschienen war. Und im Verlauf dieser E-Mails erwähnte Harriet einen faszinierenden Gedanken:

Vielleicht ist es so, dass aufgrund der rassenbezogenen Identifizierung durch die äußeren Merkmale der Erscheinung diese so grundlegend bei der Wahrnehmung anderer sind, dass die Rassenmerkmale des Gesichtes (in Michael Jacksons Fall die Hautfarbe und die Form der Nase) von unserem Gehirn als „größer“ weiterverarbeitet werden, mehr flächendeckend, als sie tatsächlich sind. Wenn also diese bestimmten Merkmale, diese starken rassenbezogenen Zeichen, sogar wenn sich ein Gesicht ansonsten nicht sehr verändert hat, verändert haben, geht die Wahrnehmung dahin, dass sich das gesamte Gesicht radikal verändert habe, auch wenn dies faktisch gar nicht der Fall ist.

Lisha und mich hat das umgehauen und jetzt kribbelt es uns darüber zu reden. Harriet, ich glaube wirklich, dass du hiermit etwas Wichtigem auf der Spur bist. Ich danke euch beiden so sehr, dass wir noch mal zusammenkommen konnten, um dies durchzusprechen!

Harriet: Sehr gern, Willa, aber es ist aus unserer aller Gedanken entstanden, also eine Gruppenleistung!

Willa: Weißt du, dieser Gedanke erinnert mich an ein Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe – etwa vor 25 Jahren, ich erinnere mich also vielleicht nicht mehr ganz genau – aber ich war vollkommen fasziniert davon. Es heißt Drawing on the Right Side of the Brain (Sich der rechten Gehirnhälfte bedienen) von Betty Edwards. Gemäß Edwards können die meisten Erwachsenen nicht sehr gut zeichnen, aber es ist kein Problem ihrer Fertigkeiten – in der Hinsicht, dass sie unfähig wären Linien auf Papier zu zeichnen. Es ist ein Problem ihrer Wahrnehmung. Ihre Theorie ist die, dass die meisten Erwachsenen die schon die nötigen Fähigkeiten besitzen sehr gut zu zeichnen, aber ironischerweise steht unser Wissen dem im Weg.

Sie sagt zum Beispiel, dass, wenn du einem Erwachsenen ein Foto gibst und ihn bittest, das Bild abzuzeichnen, die meisten etwas ziemlich Amateurhaftes und nicht gerade Genaues zeichnen. Wenn du aber dasselbe Foto auf den Kopf drehst und sie bittest, es zu zeichnen, dann gelingt es ihnen sehr viel besser. Tatsächlich können sie nun ziemlich gut zeichnen.

Lisha: Ich habe dasselbe Buch vor vielen Jahren auch gelesen, Willa, und es ist genauso, wie ich mich auch noch daran erinnere. Ich habe immer gewünscht, ich hätte ein wenig mehr Zeit mit den Zeichenübungen in dem Buch verbracht. Offensichtlich ist das Zeichnen selbst nicht der schwierige Teil. Es ist das Sehen, das wirklich schwer ist.

Willa: Genau! Sie sagt, das Problem sei, dass die meisten von uns die Welt um sich herum nicht wirklich ansehen – oder wie in diesem Fall, das Bild auf dem Foto. Wir sehen gerade lange genug hin, um ihm eine Bezeichnung zu geben – oh, das ist ein Gesicht oder ein Stuhl oder eine Katze – und dann versuchen wir unsere Vorstellung davon, wie ein Gesicht oder ein Stuhl oder eine Katze aussehen sollte, zu zeichnen. Wir denken, wir würden das zeichnen, was wir sehen, aber das tun wir nicht. Wir zeichnen stattdessen das, was vor unserem geistigen Auge ist.

Aber die meisten von uns haben kein geistiges Bild vor sich davon, wie ein auf den Kopf gedrehtes Gesicht oder ein Stuhl oder eine Katze aussieht, wenn wir also versuchen, ein Bild dieser Art zu zeichnen, sind wir gezwungen, ganz genau hinzusehen, was da vor uns ist und wir zeichnen die Formen und Umrisse auf die Art, wie sie tatsächlich auf dem Foto zu sehen sind.

Lisha: Erstaunlich, nicht?

Willa: Das ist es wirklich, und genau wie du mag ich es, Zeit damit zu verbringen, mich durch ihre Übungen durchzuarbeiten. Jedenfalls frage ich mich, ob etwas Ähnliches mit der öffentlichen Wahrnehmung von Michael Jacksons Gesicht passierte. Wir neigen dazu, uns ein Gesicht gerade lange genug anzusehen, um es kategorisieren zu können – oh, das Gesicht ist schwarz/weiß/asiatisch, jung/alt, männlich/weiblich, attraktiv/unattraktiv – und dann, wenn wir es erst einmal mit Bezeichnungen versehen haben, sehen wir es uns gar nicht mehr genau an. Wir denken, dass wir es tun, aber so ist es nicht. Wir sehen nur so lange hin, bis wir ihm ein Etikett aufdrücken können. Und wie du festgestellt hast, Harriet, sind manche Merkmale bei der Festlegung dieser Etiketten wichtiger als andere: zum Beispiel die Farbe deiner Haut, die Form deiner Augen und deiner Nase, die Farbe und Beschaffenheit deiner Haare, die Länge deiner Augenwimpern, die Farbe deiner Lippen.

Harriet: Ja, „wichtig“ deshalb, weil die vorherrschende Kultur (von der wir unsere Hinweise erhalten) gewisse Merkmale wie die Interpretation von Rassen- und Geschlechterzugehörigkeit definiert hat.

Willa: Das ist ein wichtiger Punkt, Harriet. Es handelt sich lediglich um soziale Konstrukte – oder soziale „Konditionierung“, wie Michael Jackson sagen würde. Aber auch wenn es „nur“ Konstruktionen sind, haben sie sehr viel Macht. Wie viel Macht sie haben, können wir daran erkennen, wenn wir uns ansehen, wie die Leute Michael Jacksons Gesicht lesen und darauf reagieren.

Als er jung war, sahen die Leute gerade lange genug auf sein Gesicht, um es zu bezeichnen (jung, schwarz, männlich) und dann sahen sie nur noch diese Bezeichnungen, nicht sein tatsächliches Gesicht – was sehr typisch ist, wie Betty Edwards andeutet. Aber als er aber einige der Merkmale, die wir zur Festlegung dieser Etiketten benutzt haben, veränderte, dachten die Leute „jung“, „schwarz“, „männlich“, aber sein Gesicht passte nicht mehr zu diesen Bezeichnungen. Es entstand eine Unstimmigkeit zwischen dem, was wir sahen und den Bezeichnungen, die wir für ihn im Kopf hinterlegt hatten. Wie du also in deiner Email erwähnt hast, Harriet, veranlasste dies viele Leute zu denken, sein Gesicht hätte sich radikal verändert, was gar nicht der Fall war. Es war im Grunde nur die Art der Interpretation des Gesichtes, die sich geändert hat, nicht das Gesicht selbst.

Lisha: Das stimmte sicherlich damals in den 80er Jahren für mich, als ich noch kein Fan war. Ich erinnere mich, als Fotos von der Victory Tour auf den Zeitungsregalen erschienen, es war wirklich schwer zu glauben, dass das tatsächlich Michael Jackson war – er sah wie eine vollkommen andere Person für mich aus. Ich musste die Fotos wirklich genau untersuchen, um zu sehen, dass er es war, besonders da ich die Off-the-Wall-Ära verpasst hatte. Die Form seiner Nase und seine Hautfarbe hatten sich ein wenig verändert – daran bestand kein Zweifel – aber an was ich mich am deutlichsten erinnere, ist, wie mich die neuen, dünneren Augenbrauen umwarfen. Ich denke nicht, dass ich die Vorstellung einer gut aussehenden männlichen schwarzen Person mit femininen, altmodischen im Hollywood-Stil geschwungenen Augenbrauen und Make-up jemals wieder korrigieren kann. Zu jener Zeit waren für Frauen natürliche Gesichter mit vollen, nicht gezupften Augenbrauen, wie bei Brooke Shields, in Mode. Es war also aufsehenerregend und verwirrend dies zu sehen. Es war erstaunlich, wie diese Details die ganze Art und Weise änderten, auf die ich sein gesamtes Gesicht interpretierte – bis zu dem Punkt, dass er nicht zu erkennen sei.

So sah Michael Jackson in meiner Vorstellung in den frühen 80ern aus, und so sah er auf den Fotos der Victory Tour aus:

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Willa: Das sind großartige Beispiele, Lisha, und ich weiß, was du meinst. Ich habe das auch erlebt – indem ich zweimal hinsehen musste, immer wenn er mit einem neuen Look kam, wie bei Thriller oder Bad oder Dangerous oder HIStory … Es scheint, als hätte er für jedes Album einen neuen Look enthüllt. Und manchmal war es ein radikal anderer Look, der sein Image auf einer fundamentaleren Ebene änderte, als wenn es nur eine neue Frisur gewesen wäre – einer Ebene, die wirklich die geistige Vorstellung, die ich von ihm hatte, in Frage stellte.

Und vielleicht ist es genau das, was jene Veränderungen des Bildes, das wir vor unserem geistigen Auge hatten, hervorgerufen hat, wie du erwähntest, Harriet, und was die Leute dahin führte zu glauben, er habe weitaus mehr plastische Operationen gehabt, als es tatsächlich der Fall gewesen ist.

Harriet: Ich denke, seine Image-Veränderungen zeigen auch, wie geschäftstüchtig er war. Er war eine Art fortwährende Neuerfindung, was ihn immer „neu“, frisch und aufregend erscheinen ließ.

Lisha: Ja sicher. Zu der Zeit, denke ich, dass ich annahm, es ginge nur um Marketing, aber nun denke ich das nicht mehr.

Willa: Das ist ein guter Punkt- es fesselte die Aufmerksamkeit der Leute und ließ ihn „frisch und aufregend“ erscheinen, wie du sagst, Harriet. Aber ich denke wie du, Lisha, dass da sehr viel mehr vor sich ging.

Wie bei einem gedanklichen Experiment habe ich ein wenig mit zwei Fotos herumgespielt, die dieses Problem von „Sehen“ und „Etikettieren“ sehr gut illustrieren, denke ich. Ich mag diese zwei Fotos sehr, weil sie sich in meinen Augen sehr ähneln, wir aber dazu neigen, sie völlig unterschiedlich zu interpretieren. Das erste – aus dem Jahr 1987 – bringt ganz eindeutig „schwarz“ und „männlich“ zum Ausdruck, während das andere – von 2003 – eher uneindeutig ist. Was ich meine ist, dass, wenn du nicht weißt, wer es ist, es schwer zu sagen ist, wie man es „etikettieren“ soll. Hier sind diese zwei Fotos:

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Und hier sind Schwarz-Weiß-Kopien derselben Fotos:

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In den Schwarz-Weiß-Kopien könnt ihr die Unterschiede in der Hautfarbe nicht erkennen, oder den roten Lippenstift in dem späteren Bild, also heben sich die Rassen- und geschlechtsbezogen Merkmale nicht so sehr ab. Was ihr seht – sehr viel deutlicher, finde ich – sind die Grundlinien seines Gesichtes, und die sind unverändert.

Harriet: Was für ein ausgezeichnetes Experiment, Willa. Während ich das durchdenke und diese Bilder studiere, bin ich mir der Rolle von Make-up und Frisur sehr bewusst geworden, zusätzlich zur Rolle der Kamera. Willa, du gehst in Rereading Michael Jackson ein wenig mehr auf das letztere Foto ein, nicht wahr? Make-up, Frisur und Kamerawinkel (verbunden damit, in welchem Kontext ein Foto gemacht wurde) beeinflussen das Abbild eines Gesichtes massiv. Hier in England (und ich bin sicher, in den USA auch) gibt es einen Trend in der Klatschpresse, zwei grundverschiedene Fotos berühmter Personen gegenüberzustellen, etwa ein Bild von einem Event auf dem Roten Teppich gegenüber einem Schnappschuss eines Paparazzo auf der Straße. Google Images zeigt diese vergleichenden Bilder ebenfalls. Der Trick (und das ist genau das, was es ist) illustriert sehr gut die enormen Auswirkungen von Make-up und Hairstyling, Fotografie und Kontext auf die Bildsprache. Im Fall von Michael Jackson spielten außerdem –inmitten der Aufmerksamkeit um seine Operationen und Hautveränderungen – eher „normale“ physische Prozesse bezüglich seiner Erscheinung eine Rolle, wie etwa Gewichtsänderungen und das Älterwerden, die stets verleugnet wurden. Gewichtsschwankungen zum Beispiel verändern ein Gesicht drastisch, besonders wenn man wie Michael Jackson von sehr schlanker Gestalt ist; dann kann sogar eine minimale Änderung beim Gewicht nach oben oder unten eine große Auswirkung haben, ganz besonders im Gesicht. Wenn ihr Bilder von Michael Jackson aus dem Jahr 2001 zur Zeit der Veröffentlichung von Invincible (und seinem Protest gegen die Sony-Bosse) mit den Fotos von This Is It aus 2009 vergleicht, dann spielt die Änderung beim Gewicht eine große Rolle beim Unterschied. Hier ist je ein Beispielfoto aus der jeweiligen Zeit:

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Die zwei Bilder, die du ausgesucht hast, Willa, zeigen (für meine Augen jedenfalls) weniger die Auswirkungen plastischer Operationen als Änderungen beim Gewicht und/oder das Wirken der Kamera. Ich bin sicher, dass jeder schon mal bemerkt hat, wie sich manchmal, wenn man ein Bild verändert oder damit herumgespielt hat (sehr oft beim Versuch, die richtige Größe wieder herzustellen), die Proportionen verschieben können. Das kann ein Gesicht ziemlich schmal und wirklich ganz schön rund im Vergleich zum original machen. Das letztere deiner beiden Fotos, Willa, sieht aus, als könnte es sich um so einen Fall handeln.

Willa: Wirklich? In meinen Augen sehen die Proportionen und Linien seines Gesichtes in beiden Fotos gleich aus. Genau darum mag ich sie ja so sehr. Er ist in dem späteren Foto 15 Jahre älter und die Vertiefungen in seinen Wangen haben sich ein wenig mehr ausgeprägt. Aber davon abgesehen wirkt die Grundstruktur seines Gesichtes genau gleich auf mich. Die einzigen Unterschiede sind Merkmale auf der Oberfläche wie Lippenstift und falsche Wimpern.

Lisha: Ja, das sehe ich auch so, Willa. Ich denke, die grundlegende Struktur seines Gesichtes ist genau gleich, obwohl wir dazu tendieren, auf die Unterschiede zu achten. Bei Michael Jackson musst du wirklich genau und wohlüberlegt hinsehen, um die tatsächliche Struktur seines Gesichtes zu erkennen, denn die Merkmale der Oberfläche übernehmen irgendwie die Führung.

Harriet: Dann vermute ich, dass wir unsere eigenen Argumentationen unterstreichen, dass nämlich Eindrücke oder die Lesart von Bildern variieren oder sogar komplett gegenteilig ausfallen kann und (in meinem Fall , nicht so sehr bei dir, Willa) mehr auf gewissen Merkmalen gründet als in der grundlegenden Struktur. Die ausgeprägteren „Vertiefungen in seinen Wangen“, die du erwähnst, Willa, sind Zeichen von Gewichtsverlust und /oder des Alterns, würde ich sagen, aufgrund dessen sein ganzes Gesicht zu der Zeit, als das zweite Foto aufgenommen wurde, dünner erschien.

Lisha: Er sieht durch die Wangenpartie dünner aus in dem zweiten Foto, was in Gewichtsverlust begründet sein könnte, durch den Alterungsprozess oder auch durch Medikation aufgrund der Behandlung seines Haut- und Kopfhautprobleme. Ich erkenne eine winzige Veränderung in seinem Überbiss, der das Ergebnis einer kosmetischen Zahnbehandlung sein könnte. Aber die interessante Sache ist für mich, dass wir ziemlich gewöhnt daran sind, äußere Veränderungen, einschließlich kosmetischer Operationen, bei Künstlern und Entertainern hinzunehmen, die nicht so aufgebauscht werden wie hier. Du musst gar nicht außerhalb der Jackson Familie nach ein paar guten Beispielen suchen. Wir akzeptieren ihre Schönheit und Fabelhaftigkeit irgendwie und halten uns gar nicht damit auf, zu kommentieren, welche Veränderungen sie vorgenommen haben. Aber bei Michael Jackson ist dies nicht der Fall. Sein sich veränderndes Aussehen stiftete so viel Verwirrung und rief einige sehr starke Reaktionen und Unterstellungen hervor. Tut es immer noch.

Harriet: Ja, und es gab eine ganze Menge Gründe dafür. Ich würde einen Teil unseres Widerstandes gegenüber seiner „Veränderung“ der erstaunlichen Langlebigkeit seiner Karriere zuschreiben, die in seinem so jungen Alter begann. Das bedeutete, dass er gezwungen war, mit einer unentrinnbaren und omnipräsent abgebildeten Vergangenheit, deutlich dunkelhäutig und jungenhaft, von sich kämpfen zu müssen. Unterbewusst, würde ich behaupten, nehmen wir Michael Jackson jedes Mal im Vergleich zu diesen frühen Bildern wahr, die weiter in den Medien herumschwirren, die weiterhin kulturelle Verbreitung finden, und doch nichts beweisen außer einer überholten Art und Weise über ihn zu richten und ihn zu „lesen“. Ich denke, dies befeuert weiter die allgemeine Wahrnehmung, dass Michael Jacksons Gesicht sich auf eine Weise verändert hat, die mehr, als es jemals tatsächlich angebracht war, durch exzessive Operationen erklärt werden musste.

Zusätzlich zu Michael Jacksons ständig präsenter in Bildern festgehaltener Vergangenheit frage ich mich, ob seine höchst charakteristische und kultartige Selbstwiederholung auch daran teilhatte seine physische Änderung zu betonen.

Willa: Oh, das ist interessant, Harriet. Du meinst also, dass es, jedes Mal wenn er zum Beispiel Billie Jean aufführte, mit seinem ikonischen Auftritt bei Motown 25 verglichen wurde?

Harriet: Das ist genau das, was ich meine, ja. Es ist ein bisschen so, wie wenn zwei Frauen das gleiche Kleid tragen: Wir konzentrieren uns plötzlich auf die Unterschiede, nicht die Ähnlichkeiten. Auf die gleiche Art funktioniert es auf breiterer Ebene bei Nachahmungen, wie bei den zahlreichen Michael-Jackson-Nachahmern.

Lisha: Ich frage mich, ob das wirklich einen Anteil daran hat und ich stimme dem zu, dass wir Michael Jackson mit seiner eigenen Vergangenheit vergleichen. Ich denke außerdem, dass wir unbewusst seine Erscheinung mit einer riesigen Anzahl von Bildern vergleichen, die wir vorher mit Begriffen wie „jung“, „Entertainer“, „schwarz“ oder „männlich“ identifiziert haben.

Hier ist ein weiteres fotografisches Beweisstück, das für mich höchst überzeugend ist – ein Bild, das aus einer Probe für This Is It stammt. Dieses Foto hat mich überzeugt, dass meine Augen mir einen Streich spielen, wenn ich Michael Jackson ansehe.

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Die Schatten über seinem Gesicht verdunkeln hier seine Hautfarbe und seine Aufmachung, so ähnlich wie es bei jenen Schwarz-Weiß-Kopien der Fall ist. Es haute mich um, auf welch andere Art ich seine Merkmale in diesem Foto sehe, verglichen damit, wie ich sie sonst interpretiere. Seine Augen, Nase und der Mund bringen für mich viel mehr „Afrikanisches“ zum Ausdruck, obwohl viele annehmen, er habe sein Gesicht operativ verändern lassen, um „weißer“ oder „weiblicher“ auszusehen.

Harriet: Ich vermute, ob, wenn wir hier unsere eigene These anbringen, dieses Foto nicht eher die „störende“ Rolle durch die Kamera, Beleuchtung und Make-up (oder Nicht-Make-up) veranschaulicht?

Lisha: Ja, das stimmt, aber es ist eine seltene Gelegenheit zu sehen, was passiert, wenn einige der gängigsten technischen Mittel fehlen. Ich verstehe es so, dass dieses Bild nur für dokumentarische und analytische, nicht für werbende Zwecke aufgenommen wurde. Es ist eines der ganz wenigen Fotos, auf denen ich nicht die Effekte einer formgebenden Aufmachung (wie den strategischen Einsatz von Licht und dunklen Schatten von Make-up), speziellen Posen oder „Haltungen“ für die Kamera, Blitzlicht oder andere starke Beleuchtung auf dem Gesicht erkennen kann.

Willa: Ja, und diese Posen und „Haltungen“, wie du es nennst, haben einen starken Effekt. Du kannst wirklich genau sagen, wann er die Pose von Michael Jackson, der Kultfigur, einnimmt und wann er es nicht ist.

Lisha: Ja, es besteht kein Zweifel, er wusste mit der Kamera umzugehen!

Dies erinnert mich wieder an einen meiner liebsten TED Talks, der vor einigen Jahren von der als Neuroanatom tätigen Dr. Jill Bolte Taylor präsentiert wurde. Dr. Taylor liefert eine brillante Erklärung dafür, wie die einzelnen Hälften des Gehirns funktionieren, und ich denke, es unterstützt wirklich das, worüber wir hier reden und erweitert dies noch. Sie sagt, die Funktion der rechten Gehirnhälfte erfasst sinnliche Informationen in genau diesem Moment (vielleicht sogar gut genug, um es zu zeichnen, wie Betty Edwards sagt), während die linke Gehirnhälfte all diese Informationen methodisch kategorisiert, in etwa wie ein Serienprozessor im Computer. Während die rechte Gehirnhälfte damit beschäftigt ist, Informationen zu sammeln, analysiert und interpretiert die linke Gehirnhälfte dies alles, um zukünftige Möglichkeiten abzuschätzen.

Michael Jackson brachte die Art und Weise, wie wir eine äußere Erscheinung wahrnehmen, analysieren und interpretieren, so gründlich durcheinander, dass ich denke, es ist wichtig zu begreifen, wie dies funktioniert. Es lohnt sich, sich Dr. Taylors Gespräch anzuhören und zu überlegen, warum Michael Jackson uns möglicherweise dazu veranlasste von unserer linken zur rechten Gehirnhälfte zu wechseln.

Willa: Wow Lisha, das ist faszinierend! Es ist, als würden die Hälften unseres Gehirns die Welt auf vollkommen unterschiedliche Weise verstehen. Dr. Taylor führt aus, dass die rechte Seite sensorisch, die linke eher analytisch arbeitet. Die rechte Seite konzentriert sich auf genau diesen Moment, während die linke ständig Vergleiche mit der Vergangenheit anstellt und diese in die Zukunft projiziert, wie du schon sagtest. Die rechte Hälfte ist gefühlsbetont, während die linke Hälfte versucht zu erfassen, was wir fühlen und diese Emotionen durch Sprache auszudrücken. Gemäß Dr. Taylor kommt das „Gedankengeplapper“, mit dem sich unser Gehirn fortwährend befasst, im Grunde aus der linken Seite unseres Gehirns.

Es war wirklich interessant, sie über ihren Schlaganfall reden zu hören, der ihre linke Gehirnhälfte betraf und wie sie, ironischerweise, ein unerwartetes Gefühl der Euphorie verspürte, als es passierte. Es ist, als wäre ihre rechte Gehirnhälfte für einen Moment befreit gewesen von den Beschränkungen der linken Seite und als ob sie die Freiheit feiern würde.

Sie sagte außerdem, dass sie während des Schlaganfalls nicht mehr ihre eigenen Grenzen unterscheiden konnte, was sehr interessant für mich war. Sie konnte nicht sagen, wo „sie“ aufhörte und wo die restliche Welt begann, sie erlebte also in einem sehr buchstäblichen Sinn das Phänomen von „You’re just another part of me“.

Lisha: Ja, Dr. Taylor geht darüber in ihrem Buch My Stroke of Insight ins Detail. Es ist eine faszinierende Lektüre. Sie spricht auch über die Tatsache, die wir alle als wissenschaftlich bewiesen kennen – nämlich, dass unsere Körper zu über 70 Prozent aus Wasser bestehen – und sie berichtet, dass dies ebenfalls buchstäblich wahr ist. Wenn der Teil unseres Gehirns stillgelegt ist, der den Körper als getrennt von allem, als feste Masse, deutet, dann kannst du deinen Körper tatsächlich als Flüssigkeit wahrnehmen und das als Teil deiner ganz normalen Realität erleben.

Willa: Wow, das ist faszinierend! Ich würde das gern mal irgendwie erleben – natürlich ohne einen Schlaganfall zu haben …

Lisha: Ich auch! Sie sagte, sie mochte es wirklich, zu wissen, dass ihr Körper flüssig ist und es war einer der letzten Teile ihres Gehirns, der sich von dem Schlaganfall erholte. Gemäß Dr. Taylor ist „you’re just another part of me“ nicht nur eine Philosophie, es ist eine wissenschaftlich bewiesene Wahrheit. Wahrnehmung ist alles – damit stellt sich die Frage – was ist wirklich da draußen?

Harriet: „Was ist wirklich da draußen?“ Darauf müssen wir noch zurückkommen!

Willa: Das ist die Frage, nicht wahr? Und werden wir jemals wissen können, was wirklich da draußen ist? Philosophen haben darüber jahrhundertelang debattiert.

In Hinsicht dessen, worüber wir zum Thema Wahrnehmung bei Michael Jackson gesprochen haben, versucht also die rechte Gehirnhälfte allen verfügbaren empfundenen Input eines bestimmten Momentes zu sammeln – sie versucht zu erfassen, „was wirklich da draußen ist“ – während die linke Gehirnhälfte versucht, dem einen Sinn zu geben. Sie kategorisiert und benennt diesen Input und stellt ihn in einen historischen Zusammenhang. Das passt genau zu dem, was Betty Edwards in ihrem Buch sagt, obwohl sie betont, dass unsere linke Seite auch Prioritäten setzt und das filtert, was wir betrachten und deshalb auch das, was wir sehen.

Das führte zu einem weiteren Grund, warum Michael Jacksons Gesicht so fehlinterpretiert wurde. Unsere Wahrnehmungen waren stark beeinflusst von den ständigen Erzählungen über Gesichtsoperationen, die fortwährend sowohl in der Boulevardpresse als auch in der Mainstreampresse wiederholt wurden. Diese Erzählungen formten die gedanklichen und kulturellen Filter, durch die wir sein Gesicht sahen, und diese Filter waren sehr stark. Es führt wieder einmal zurück auf das, was Michael Jackson „kulturelle Konditionierung“ nannte. Wir waren darauf „konditioniert“, die Auswirkungen plastischer Operationen zu erkennen, wann immer wir ihn ansahen, und so taten wir es auch.

Harriet: Absolut, und ich denke, darum ist es wichtig, an dieser Stelle die Rolle von Klischees zu erörtern, denn im Zusammenhang von Identitätsbildung (womit wir uns auseinandersetzen, wenn wir „Michael Jacksons Gesicht lesen“), ist es die Stereotype, die weitestgehend diesen Konflikt zwischen den zwei interpretierenden Hälften unseres Gehirns erzeugt. Beim Verstehen des „Andersartigen“, kommt das Klischee zum Einsatz: aufgebaut auf früherem „Wissen“ und der Vorstellungskraft, gibt es einer Person Sinn durch, wie du sagst, Willa, Kategorisierung, Etikettierung und Kontextualisierung. Obwohl die andere Seite unseres Gehirn inzwischen weiß, dass dies alles größtenteils eine Konstruktion ist, eine Erfindung, und dass es andere Dinge (Teile einer Person) gibt, die bisher unentdeckt und unerklärt geblieben sind. Weil diese „Dinge“ viel schwieriger, nicht so unmittelbar sind, lassen wir sie weg.

Willa: Wow, das ist wirklich interessant, Harriet.

Harriet: Nicht nur, dass Michael Jackson mit überzeugenden Stereotypen von Männlichkeit und Schwarzsein kämpfen muss, er musste auch mit dem Klischee des hollywood-esken Abhängigen der Schönheitschirurgie fertig werden, als sein Gesicht sich erst einmal zu verändern begonnen hatte. Dadurch bietet er ein wundervolles Beispiel einer Person (des „Andersartigen“), auf die vielfältige Klischees projiziert wurden, aber keines von ihnen passte. Deshalb rief er viele dieser noch verbleibenden „Dinge“ hervor, auf die sich unser Gehirn auf die Schnelle keinen Reim machen konnte, und dieses „Material“ ist bei unserer Deutung von ihm auf der Strecke geblieben. Es wurde einfach verschüttet und vergessen (oder wurde in manchen Fällen vielleicht gar nicht erst erkannt).

Lisha: Ich denke, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Die vielfältigen Stereotypen, die wir ihm anzuheften versucht haben, passten einfach nicht. Es gab zu viele Etiketten und Kategorien, die alle auf einmal zerrissen wurden. Uns fehlte eine schnelle, einfache Erklärung, die dem ganzen Sinn verleihen konnte.

Harriet: Vollkommen, und das Ergebnis ist wirklich sehr bestürzend. Mein eigenes Gehirn, zum Beispiel, kämpft ständig mit zwei Versionen und zwei verschiedenen Lesarten: Michael Jackson veränderte sich äußerlich radikal, und Michael Jackson veränderte sich in Wirklichkeit gar nicht so sehr. Und dieser Konflikt setzt sich trotz der genauen Beobachtungen, die wir hier vorgenommen haben und die auf das Letztere deuten, fort.

Lisha: Du sprichst da etwas an, das mir bei vielen Aspekten in Michaels Werk begegnet, Harriet, wenn du sagst, Michael Jackson würde erscheinen, als habe er sich radikal verändert und dann wieder gar nicht. Ich habe festgestellt, dass Michael Jackson kein Typ von „entweder-oder“ ist – seine Aussage ist „sowohl-als auch“. Wenn du ganz genau hinsiehst, dann erscheint sein Gesicht sowohl radikal verändert, als auch über all die Jahre gleich geblieben.

Ich habe mich entschieden, einen Blick in die Literatur der Psychologie zu werfen, um nachzusehen, ob ich irgendeine Untersuchung finden kann, die das unterstützt, über das wir hier in Bezug auf Wahrnehmung und wie das Gehirn visuelle Informationen möglicherweise fehlinterpretieren könnte, sprechen. Ich bin wirklich erstaunt über das, was ich gefunden habe, besonders auf dem Gebiet der Wahrnehmung von Gesicht und Rasse. Offenbar ist die Wahrnehmung von Gesichtern eine ziemlich komplexe Funktion des Gehirns – es ist nicht annähernd so geradeaus, wie ihr vielleicht denken würdet. Die Ansichten und Erwartungen verändern grundlegend, was Leute tatsächlich sehen. Dies ist etwas, was viele Jahre lang untersucht wurde.

Es gab zum Beispiel 2003 eine Untersuchung von Eberhardt, Dasgupta und Banasynsky mit dem Titel Believing is Seeing. The Effects of Racial Labels and Implicit Beliefs on Face Perception (Glauben ist Sehen. Die Auswirkungen von Rassenlabels und vorbehaltlosen Meinungen bei der Wahrnehmung von Gesichtern). Forscher hatten Aufnahmen von Köpfen so lange gemorphed (übereinander gelegt, verschmolzen), bis sie ein doppeldeutiges Foto hatten, welches 50 Prozent der Antwortenden als „männlichen Schwarzen“ identifizierten, während die anderen 50 Prozent genau dasselbe Foto als „männlichen Weißen“ deuteten. Das Foto wurde dann einer weiteren Gruppe gegeben, die gebeten wurde, eine Zeichnung von dem Bild anzufertigen. Jedes Abbild des Fotos war willkürlich entweder als „schwarz“ oder „weiß“ bezeichnet worden.

Den Teilnehmern wurde gesagt, dass sie einen schönen monetären Bonus erhalten würden, wenn die nächste Gruppe das Foto aufgrund ihrer Zeichnung eindeutig identifizieren könne. Aber trotz der Belohnung für die Anfertigung einer akkuraten Zeichnung, wechselten sich die Etikettierungen dessen, was die Teilnehmer zeichneten, zwischen „schwarz“ und „weiß“ ab und ihre Zeichnungen stimmten ihrer Meinung über das jeweilige Etikett überein. Diese Studie wurde von Adam Alter in einem Artikel zusammengefasst, der in dem Magazin Psychology Today unter dem Titel Why It’s Dangerous to Label People: Why labeling a person ‚black‘, ‚rich‘ or ‚smart‘ makes it so (Warum es gefährlich ist Menschen mit Etiketten zu versehen: Warum eine Person als ‚schwarz‘, ‚reich‘ oder ‚klug‘ zu bezeichnen, diese erst dazu macht) erschien. Hier ist eins der Fotos und zwei Zeichnungen desselben Fotos, die in der Studie benutzt wurden:

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Harriet: Lisha, dieser Artikel stimmt so sehr mit dem überein, worüber wir diskutiert haben.

Willa: So ist es wirklich.

Harriet: Und dies ist der Kernpunkt:

Die Leute, denen wir die Bezeichnung „schwarz“, „weiß“, „reich“, „arm“, „klug“ und „einfach“ verpassten, schienen schwarzer, weißer, reicher, ärmer, klüger und einfacher nur aufgrund unserer Bezeichnungen.

Als Gesellschaft mögen wir natürlich Bezeichnungen, weil sie uns offenbar helfen die Welt um uns herum zu verstehen. Wie der Untertitel des Artikels klarstellt, „treffen wir mit ihnen fortlaufend Entscheidungen“. Michael Jackson brachte das Treffen von Entscheidungen auf so viele Arten kräftig durcheinander, so dass es fast so schien, als würde die Gesellschaft damit nicht klar kommen, also glichen wir es wieder aus, indem wir ihn selbst definierten, wie in der ausführlichen Erzählung über die Gesichtsoperationen, die dermaßen stark hervorstach, dass wir sie schließlich selbst alle glaubten. Ich persönlich denke, wir sollten uns von Michael Jackson selbst inspirieren lassen und einem utopischen Weg des Seins „ohne Entscheidungen zu treffen“ folgen, obwohl dies eine große Aufgabe zu sein scheint …

Wie du festgestellt hast, Lisha, geht es bei Labels weitgehend um „entweder / oder“, was daher rührt, dass sie oft als duale Gegensätze (schwarz/weiß, Mann/Frau, jung/alt etc.) strukturiert sind. Aber Michael Jackson überraschte alle, indem er „sowohl / als auch“ war: Michael war schwarz und weiß, jung und alt, und auf viele Arten Mann und Frau, und diese Eigenschaften veranschaulicht sein Gesicht, welches so erscheint, „als habe es sich sowohl radikal verändert, aber auch, als sei es über die Jahre gleich geblieben“.

Lisha: Es ist so, als habe er nicht Grenzen überschritten – er wohnte in ihnen. Und es ist wesentlich einfacher zu glauben, diese Veränderungen wären durch plastische Operationen erreicht worden, als unsere eigene psychologische Schwäche in Erwägung zu ziehen.

Willa: Das ist interessant, Lisha. Ich habe bisher so noch gar nicht darüber gedacht – dass wir es vorziehen zu glauben, der Unterschied wäre da draußen, eher als in uns selbst, in unseren eigenen Gedanken.

Harriet: Die „sowohl-als auch-Behauptung“, die in Michaels Gesicht visualisiert ist und die Komplexität von Wahrnehmung und Identität im weiteren Sinn, lässt mich gerade an Ludwig Wittgensteins Enten-Hasen-Doodle in Philosophical Investigations denken. Das Doodle, das viele erkennen werden, zeigt gleichzeitig die Umrisse einer Ente und eines Hasen, und daher auch das ständige Schwanken zwischen ihnen.

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Dieses Doodle wurde eingesetzt (ich denke hier an W.T. Lhamon Jr. in seinem wundervollen Buch Raising Cain: Blackface Performance from Jim Crow to Hip Hop), um zu illustrieren, wie zwei Identitäten zusammengehalten werden können, ganz variabel entweder zusammen oder getrennt gesehen werden können oder sogar durch Ausschluss der beiden anderen zusammen als etwas „Drittes“. Das trifft auf Michael Jackson in meinen Augen ganz und gar zu und ist das, was ich für den Kern seiner Anziehungskraft halte. Er könnte irgendjemand und jedermann sein. Bei Michael Jackson ging es nicht um strenge Definition oder Einteilung, sondern um Übergreifendes und Verschmelzen und darum, uns alle zusammen zu bringen, frei von Etikettierungen, als eins.

Willa: Oder als drei-in-einem. Das ist wirklich interessant, Harriet. Es ist also kein Prozess, in dem man eins wird durch Ablösung oder indem wir unsere Unterschiede leugnen – einer Einheit bestehend aus Homogenität – sondern durch Entwicklung eines komplexeren Verständnisses von Identität, der Vielfältigkeit von Identität.

Harriet: Ja, das ist es, und darin wird „Unterschied“ weniger absolut und allumfassend.

Willa: Um ehrlich zu sein, ich bin noch irgendwie von den Socken wegen dem, über das du vorhin gesprochen hast, Harriet – über Stereotypen und wie die eine Hälfte unseres Gehirns diese Art von Labels anbringt, um uns zu einer schnellen Identifizierung zu verhelfen und den sinnlichen Input zu kategorisieren, während die andere Hälfte unseres Gehirns realisiert, dass diese Labels nicht zutreffend sind – dass es „alles eine Erfindung ist und dass es andere ‚Dinge‘ (Teile einer Person) gibt, die unentdeckt oder unerklärt bleiben“, wie du sagtest. Das ist solch ein interessanter Gedanke, und ich frage mich, ob diese Art des doppelten Wissens – bei dem unsere eine Gehirnhälfte (der zugänglichere Teil) eine Sache denkt, während die andere Hälfte (der weniger zugänglichere Teil) im Geheimen weiß, dass es nicht wahr ist – dabei hilft etwas zu erklären, was für mich ein großes Geheimnis war.

Bevor Michael Jackson starb, schien es so, dass die meisten Leute glaubten, dass er vollkommen gewissenlos gewesen sei: ein Pädophiler, ein Drogenabhängiger, ein Abhängiger von Gesichtsoperationen, ein Mann, der seinen Ruhm und seinen Reichtum dafür einsetzte anderen Leuten den Kopf zu verdrehen – besonders den Eltern kleiner Jungen – damit sie tun, was immer er wollte. Aber in dem Moment, in dem er starb, gab es plötzlich diese Welle der Trauer, und die öffentliche Meinung änderte sich dramatisch. Das ergab überhaupt keinen Sinn für mich. Warum trauerten so viele Menschen so tief und spürten eine solche Zärtlichkeit für einen vollkommen verdorbenen Rockstar? Ich kann verstehen, dass Leute eventuell ihre Meinung schrittweise ändern, sobald mehr wohlwollende Informationen ans Tageslicht kamen, aber so war es nicht. Es war nicht schrittweise. Es war unmittelbar. Warum verspürten die Menschen ein solch grundlegendes Gefühl von Verlust, wenn sie doch ernsthaft glaubten, er sei ein „Monster“, wie er selbst es beschrieben hatte? Ich kann das einfach nicht begreifen, und ich war deswegen lange Zeit verwirrt.

Ich frage mich, ob diese Art des doppelten Wissens, über das du sprichst, Harriet, bei der Erklärung hilft. Ich frage mich, ob die Leute auf einer gewissen Bewusstseinsebene die Schlagzeilen der Boulevardpresse sahen und die Anspielungen hörten und diese schrecklichen Etikettierungen zu akzeptieren schienen, die ihm aufgezwungen wurden. Sie steckten ihn in eine „Kategorie mit einem schlechten Ruf“ („a class with a bad name“), wie er in They Don’t Care About Us sagt. Aber auf einer tieferen Ebene wussten sie, dass es nicht stimmte, wussten sie, dass es nur eine Erfindung war, wussten, dass jene abscheulichen Bezeichnungen nicht passend für ihn waren. Als er also starb, führte dieses tiefere Wissen zu einer Trauer, die man sich nicht erklären konnte.

Harriet: Das ist verblüffend und sehr erkenntnisreich, Willa. Mit anderen Worten: Der Tod erlaubt uns, endlich ohne (sozial auferlegte) Zurückhaltung zu „fühlen“. Es ist, als würde uns der Tod einer Person von den Beschränkungen befreien, die uns auferlegt wurden durch eine Gesellschaft voller Angst vor Verschiedenartigkeit, vor den „Dingen“, die nicht durch Bezeichnungen erklärt werden können, von denen, tief drinnen, jeder von sich weiß, dass es sie wirklich gibt.

Lisha: Ich glaube absolut, dass dies wahr ist. Eines meiner liebsten Forschungsprojekte ist, mich auf der Toys R Us Megastore Webseite einzuloggen und nach ihren Artikeln mit der Bezeichnung „Michael Jackson“ zu suchen. Sie bieten Dutzende von Michael-Jackson-Produkten für Kinder an – Puzzle, Spiele (Computer- und Brettspiele), Spielzeug, Glitzerhandschuhe in Kindergröße, etc. Wenn wir als eine kulturelle Gemeinschaft wirklich glauben würden, dass Michael Jackson „ein vollkommen verdorbener Rockstar“ gewesen wäre, der Verbrechen gegenüber Kindern begangen hätte, würden wir dann diese Produkte in Massenproduktion herstellen?

Willa: Das ist eine ausgezeichnete Frage, Lisha. Und würde es dann so viele CD’s von Michael Jackson Songs geben, auf denen Schlaflieder für Kinder zu hören sind? Ich habe gerade erst eine Schnellsuche auf Amazon gestartet und da gibt es fünf verschiedene CD’s nur mit Michael Jackson Schlafliedern. Würde Amazon wirklich Musik für Kinder zum Einschlafen verkaufen, wenn die Leute ernsthaft glauben würden, dass er ein Pädophiler war? Ich glaube das nicht.

Lisha: Ich habe gerade mit einer Sammlung von Michael Jackson CD’s für Babys begonnen, um genau diese Aussage zu illustrieren – wenn Michael Jackson sicher genug für das Kinderzimmer deines Babys ist, dann ist Michael Jackson ungefährlich, Ende der Geschichte.

Harriet: Das sehe ich auch so, aber ich kann nicht anders und frage mich, ob es auch so ist, wenn man den Markt betrachtet (die Mütter kleiner Kinder) und sich das zunutze macht. Am Ende ist es doch so, wenn man ein Vermögen damit machen kann, ist alles möglich, wie Michael Jackson selbst nur zu gut wusste.

Willa: Ja, aber würden die Mütter kleiner Kinder es wirklich kaufen, wenn sie wirklich der Meinung wären, dass er Kinder belästigt hätte?

Lisha: Und würde die Nachfrage nach diesen Produkten hoch genug sein, so dass sie die Massenproduktion für eine Megastore-Kette wie Toys R Us rechtfertigen würde?

Harriet: Vielleicht bin ich zu skeptisch, aber ein großer Teil der Bevölkerung, der zu den Michael Jackson Fans gehört, zählt eher zu den Müttern derjenigen, die die Kinder gerade bekommen oder aufziehen, denkt ihr nicht?

Lisha: Das ist eine gute Frage und ich weiß es wirklich nicht sicher. Diejenigen von uns in Michael Jacksons Altersgruppe (Alter von 55 Jahren) kaufen diese Sachen vielleicht eher für Enkelkinder als für ihre eigenen Kinder, also gibt es wahrscheinlich zwei starke Zielgruppen – Mütter und Großmütter.

Harriet: Ich wollte auf etwas zurückkommen, das einfach so fundamental ist, „wenn man Michael Jacksons Gesicht lesen will“, und das ist, was du vorhin bereits angesprochen hast, Lisha, nämlich dass „Wahrnehmung alles ist, womit sich die Frage stellt: Was ist wirklich da draußen?“ Wie Philosophen untersucht und schließlich erkannt haben ist nichts wirklich „da draußen“, denn es wird alles durch unsere ureigene Interpretation gefiltert. Das heißt, es gibt genau genommen keine „wahre“ Realität und keine „Wahrheit“. Es scheint für mich so zu sein, dass wir in Michael Jacksons Gesicht diese Unmöglichkeit erkennen, die Realität, die „Wahrheit“, zu begreifen. Wir scheinen Michael Jackson nicht nur alle auf sehr unterschiedliche Arten zu lesen, sondern einige von uns lesen ihn innerhalb ihres Geistes ganz verschieden zu unterschiedlichen Zeiten (manchmal hat er sich äußerlich verändert und manchmal hat er es nicht).

Ich bin sicher, manche Leute können sich an die Sammlung verschiedener Promotionaufnahmen für das bevorstehende Erscheinen von Michael Jackson bei Oprah Winfrey damals 1993 erinnern. Dies ist eine davon:

10-1993-mj-and-oprah-cropped

Aus den Kommentaren, die ich gefunden habe, scheint es so zu sein, dass dieses Bild (und die Entscheidung Michaels Gesicht zu „schwärzen“) weitestgehend als eine Marketingstrategie genutzt wurde, um die Zuschauer dazu zu verleiten, mit der kulturellen Faszination um Michaels Gesicht zu spielen. Ich frage mich jedoch, ob da nicht noch mehr dahinter steckte. Die Entscheidung, die Details von Michaels Gesicht zu „schwärzen“, könnte als eine sehr öffentliche Bestätigung für seinen Part an diesem Problem, das wir in dieser Diskussion aufgeworfen haben, gesehen werden: Das enorme Problem, das wir mit der (Fehl-)Interpretation von visueller Information und besonders in Relation zu Identität haben.

Willa: Das sehe ich genauso. Das erinnert mich an das Albumcover von Invincible, auf dem sein Gesicht statt geschwärzt „aufgehellt“ wurde, bis zu dem Punkt, an dem die Details seines Gesichtes verloren gegangen sind. Wie du also sagst wird es uns überlassen, die Bilder selbst auszufüllen. Wie er in Is It Scary singt „Ich werde genau das sein, was du sehen willst“ („I’m gonna be exactly what you wanna see“).

Harriet: Ein Gesicht ist wie ein Spiegel: Es kann das, was wir uns wünschen, hoffen oder zu sehen erwarten auf uns reflektieren (es „spiegelt sich“), eher als dass es reflektiert, was wirklich da ist. Dieses Foto ruft dies wahrscheinlich hervor. Um also Michael Jacksons Gesicht zu lesen, müssen wir zuerst uns selbst lesen. Ich werde hier an das Phänomen erinnert, dass „Schönheit im Auge des Betrachters liegt“, was den Einfluss von der Zielperson weg, hin zum Betrachter der Erzeugung der visuellen Vorstellung, auf deren Bedeutung und Stellenwert lenkt. Ich gehe darauf in der Schlussbemerkung meines Buches ein und betrachte es vorrangig bei der Diskussion von Michael Jackson, dessen Mehrdeutigkeit – seine Sowohl-Als auch-These – diesen interpretativen Prozess auf eine sehr komplexe Art erlaubt.

Lisha: Das ist absolut wahr. Mit dieser Sache im Kopf sollten wir einen weiteren Blick auf den HIStory Teaser, eines von Michaels am meisten missverstandenen Werken, werfen. Sein erstes Erscheinen in diesem Film (bei 1:14) ist höchstwahrscheinlich aus all den Gründen, über die wir hier gesprochen haben, mein liebstes Bild aller Zeiten von Michael Jackson. Wir blicken nicht nur auf Michael Jackson, wir sind mit unseren eigenen psychologischen Projektionen konfrontiert und sehen, was wir glauben, das er ist.

Harriet: Und da ist es. Brillant.

Willa: Das ist es wirklich. Er spiegelt unaufhörlich unsere Projektionen auf eine Weise auf uns zurück, die mich zutiefst in Erstaunen versetzt.

Bevor wir dies also zum Abschluss bringen, möchte ich einige Dinge erwähnen. Ich bin sicher, jeder ist sehr neugierig mehr über das neue Album Xscape zu erfahren, das im Mai herauskommen soll. Damien Shields hat einen interessanten Post veröffentlicht, in dem er jeden Song beschreibt, der auf dem Album erscheinen soll.

http://www.damienshields.com/xscape-reviewing-the-reviews-and-analysing-the-clues-regarding-the-new-michael-jackson-album/

Und es wird Ende Juni ein neues Buch geben, das die Gedanken, über die wir heute auf so interessante Art gesprochen haben, aufgreift. Es ist von Lorena Turner, eine Fotografin und Soziologin, die hier auch manchmal einen Kommentar abgibt, und es heißt Die Michael Jacksons. Ich nur ein paar wenige Kapitel gelesen, aber ich bin wirklich fasziniert von dem, was ich bisher gesehen habe. Es werden Michael Jackson-Imitatoren betrachtet nicht nur in Hinsicht darauf, wie sie Michael Jackson selbst interpretieren und darstellen und ihm ein Denkmal setzen, sondern wie sie sein Vermächtnis Rassenzugehörigkeit und Geschlechterrollen „darzustellen“ auf fließende Art fortsetzen. Lorena zitiert J. Martin Favor, dass „Rasse theatralisch ist – es ist ein nach außen gerichtetes Spektakel – eher als irgendetwas Inneres oder Essentielles“ und betrachtet, wie Michael Jackson und diejenigen, die ihn verkörpern, seine / ihre Identität „darstellen“. Ich freue mich wirklich zu sehen, wie sie diese Gedanken entwickelt. Hier ist ein Link für mehr Information wie auch einige ihrer Fotos.

http://www.themichaeljacksons.com

Harriet: Ich bin wirklich gespannt auf Lorenas Buch, nicht zuletzt deshalb, weil es eng verbunden mit meiner eigenen Arbeit ist. Ich meine damit, dass wir die Imitation von Michael Jackson als Teil der Theatertradition des Blackface Minstrelsy verstehen können, einer Tradition, die auf (rassenübergreifende) Verkörperung gebaut ist – auf Darsteller, die den Körper eines Anderen „anlegen“ und „ablegen“. Trotz des Rassismus’ der Minstrel Shows, für den sie am ehesten bekannt waren, konnte die Tradition während seiner langen Geschichte zeitweise rassenübergreifende Bewunderung und eine enge Verbindung („Liebe“) zur Sprache bringen. Dies erinnert mich an Michael Jacksons Imitatoren, die ihm gegenüber so hingebungsvoll und leidenschaftlich sind. Je nach ihrer individuellen Hautfarbe schwärzen sich Michael Jackson-Imitatoren die Haut oder hellen sie auf. Ich habe es so verstanden, dass Lorena plant ein Kapitel über die Geschichte der Verkörperung des Blackface mit aufzunehmen.

Willa: Ja, ich denke, das stimmt. Sie erwähnt Blackface Minstrelsy auf den Seiten, die ich gelesen habe und betrachtet auch die Geschichte schwarzer Künstler, die für weißes Publikum auftreten, von Minstrelsy bis Motown.

Lisha: Klingt faszinierend!

Willa: Ja, wirklich. Also vielen Dank euch beiden, dass ihr hier wart! Es ist immer solch eine Freude mit euch zu sprechen.

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