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Der Geist der Missgunst, des Neides und der Eifersucht

by on 12. March 2014

The Ghost of Jealousy
Post vom 13/02/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Also Joie, wenn Michael Jackson zu den Skandalen, die ihn betrafen und über die Art, wie die Medien sich gegen ihn wandten und später regelrecht diffamierten, befragt wurde, deutete er bei vielen Gelegenheiten an, dass Neid ein Grund dafür sei. Und ich habe es immer so interpretiert, dass damit gemeint ist, gewisse Einzelpersonen (wie Evan Chandler) wären eifersüchtig / neidisch auf ihn, und das ist sicherlich wahr.

Aber dann diskutierten Lisha McDuff, Harriet Manning und ich vor ein paar Wochen über Blackface Minstrelsy und wie dies zum Teil durch Neid motiviert war – rassenbezogenen Neid. Und dann am nächsten Tag hörte ich ein Radiointerview von 2002 mit Steve Harvey, einem schwarzen Comedian und Radiomoderator und war regelrecht erschüttert durch die Tatsache, dass, als Michael Jackson mit ihm über Neid sprach, er von „uns“ sprach, nicht von „mir“, sondern „uns“, dass die Leute neidisch auf „uns“ sind – und ich denke, dass mit „uns“ erfolgreiche, schwarze Entertainer gemeint sind.

Es ist lustig – dass mir ein kleines Wort die Augen für eine völlig neue Art der Interpretation dessen, was er jahrelang sagte, geöffnet hat. Es scheint jetzt für mich so zu sein, dass er gar nicht so sehr über persönlichen Neid spricht, obwohl das natürlich ein Teil davon ist, sondern über rassenbezogenen Neid – den Neid von Weißen gegenüber erfolgreichen Schwarzen. Er sagt zu Steve Harvey:

Sie hassen es, zu sehen, wie wir wachsen und aufbauen und aufbauen, und daran ist nichts Falsches (am Wachsen). Sie können es, und es ist okay. Was kann ich anderes tun, als das Talent auszubauen, das Gott mir gegeben hat? Das ist alles, was ich möchte, die Liebe und das Geschenk der Kunst der Unterhaltung zu teilen. Das ist alles, was ich tun möchte. Ich möchte niemanden verletzen.

Hier ist das Interview und der Teil über den Neid beginnt  bei etwa 8 Minuten:


Joie:
Ich hatte alles von diesem Steve Harvey Interview ganz vergessen, Willa. Und als schwarze Amerikanerin sage ich auch, dass er über Rasse spricht, als er seine Feststellung über den Neid macht.

Weißt du, das ist im Grunde ein Problem, mit dem viele schwarze Menschen zu kämpfen haben und über das sie seit vielen, vielen Jahren untereinander sprechen. Michaels Feststellung, dass „sie es hassen uns wachsen und aufbauen zu sehen“  ist ein sehr reales Phänomen in unserer Gesellschaft und das ist es seit der Gründung unserer Nation. Oder ich sollte besser sagen, seit dem Ende der Sklaverei in unserer Nation. Und er sprach nicht nur über erfolgreiche schwarze Entertainer. Er sprach über jeden schwarzen Amerikaner, der sehr erfolgreich ist, auf was für einem Gebiet auch immer, ob sie berühmt sind oder auch nicht. Eigentlich glaube ich, dass es einer der maßgeblichen Faktoren für die Gegenreaktion gegenüber Präsident Obama während seiner Zeit im Amt ist.

Willa: Da stimme ich zu. Teil der Gegenreaktion  – gegen Michael Jackson genauso wie gegen Obama – wird hervorgerufen durch rassenbezogene Vorurteile, denke ich, aber ich habe darüber bisher nicht in Hinsicht Neid nachgedacht – rassenbezogenen Neid. Das ist interessant, und es ist auch interessant, dass Michael Jacksons Worte für dich ganz offensichtlich zu sein scheinen, für mich aber nicht. Ich frage mich, ob das Absicht ist und ob es zurückgeht auf die Vorstellung von „Sprache und Macht“, worüber wir in einem Post mit Bjørn vor einiger Zeit gesprochen haben – dass Michael Jackson Sprache auf subtile Weise unterschiedlich einsetzt, so dass Dinge für unterschiedliche Leute etwas anderes bedeuten.

Weißt du, wenn wir genau auf seine Worte achten, spricht er auf eine ziemlich indirekte Art und Weise. Er sagt niemals die Wörter „schwarz“ und „weiß“ und erwähnt eigentlich Rasse überhaupt nicht.  Aber trotzdem, wenn ein Zuhörer mit diesem anhaltenden Gespräch, über das du gerade sprichst, Joie, vertraut ist – einem, „mit dem viele schwarze Menschen zu kämpfen haben und über das sie seit vielen, vielen Jahren untereinander sprechen“, wie du sagst – dann sind seine Worte offenkundig, aber wenn ein Zuhörer sich dieses Zusammenhangs nicht bewusst ist, dann geht das direkt an ihm vorbei. Ich frage mich also, ob er hier auf eine vorsichtige Art spricht mit zwei verschiedenen Zuhörerschaften im Hinterkopf – besonders, ob er auf eine Art spricht, die bei Schwarzen sofort ihren Nachhall findet, die aber Weiße nicht alarmiert oder angreift, weil wir einfach nicht wirklich verstehen, was er sagt.

Joie: Es ist interessant für mich, dass du das denkst, Willa. Dass er in einer Art Code oder etwas spricht, um sich mit der schwarzen Zuhörerschaft zu verbinden, aber das weiße Publikum nicht zu alarmieren oder anzugreifen. Denn für mich – und wahrscheinlich für jede andere schwarze Person, die dieses Interview hört – spricht er überhaupt nicht auf irgendeine vorsichtige Art. Eigentlich ist es so, wenn ich dieses Interview höre, dass ich ihn auf eine sehr entspannte, sehr offene Art und Weise reden höre. Er ist nicht vorsichtig und bedacht bei dem, was er sagt, weil er weiß, dass es keinen Grund dafür gibt. Er spricht zu einem anderen schwarzen Entertainer und ist mit seinen beiden schwarzen Co-Moderatoren in dieser Radioshow auf ein schwarzes Publikum eingestimmt. Er fühlt sich in diesem Moment offensichtlich sehr wohl in dieser Umgebung. Und offenbar wusste er, dass er sich unter Leuten mit ähnlichem Hintergrund befand (der Erfahrung schwarzer Amerikaner), die sofort verstehen würden, wovon er spricht. Also gab es keine Veranlassung „auf eine vorsichtige Art mit zwei verschiedenen Zuhörerschaften im Hinterkopf“ zu sprechen. Ich sage also, dass ich nicht glaube, er würde absichtlich codiert oder so ähnlich sprechen.

Willa: Nun, das ist wahr, Joie – er klingt entspannt und ungezwungen. Aber trotzdem, eine Menge Dinge bleiben unausgesprochen, Worte wie „schwarz“ und „weiß“. Es ist so, als wären Lücken zwischen seinen Worten. Und es nicht so, dass er nur zu einer schwarzen Zuhörerschaft spricht – Radiowellen erreichen jeden – und ob es von seiner Seite aus absichtlich ist oder nicht, ich denke, unterschiedliche Zuhörer interpretieren sein Worte unterschiedlich. Oder vielleicht ist es genauer zu sagen, sie füllen die Lücken unterschiedlich.

Es gibt eine ähnliche Situation in dem Song Ghosts, der nach den Anschuldigungen 1993 und dem Strip Search geschrieben wurde. Hier ist der Refrain:

Und wer gab dir das Recht meine Familie zu ängstigen?
Und wer gab dir das Recht my Baby zu ängstigen?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das Recht an meinem Familienstammbaum zu rütteln?
Und wer gab dir das Recht (in mein Leben) einzudringen
um mich anzusehen?
Und wer gab dir das Recht my Baby zu ängstigen?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das Recht my Baby zu verletzen?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das
Recht an meinem Familienstammbaum zu rütteln?

Du steckst ein Messer in meinen Rücken
Schießt einen Pfeil auf mich
Sag mir, bist du der Geist von Neid und Missgunst?
Ein mieser Geist von Neid und Missgunst?

Ghosts-michael-jacksons-ghosts-MTV

Er spricht über die falschen Anschuldigungen und den Strip Search („Und wer gab dir das Recht (in mein Leben) einzudringen / um mich anzusehen?“), ebenso wie über die Skandale, die darauf folgten und wieder deutet er an, dass der wahre Grund dahinter  „Neid und Missgunst“ ist. Er erwähnt niemals das Thema Rasse, und ich habe es nie auf diese Art interpretiert – als rassenbezogenen Neid. Ich dachte immer, er würde einfach sagen, dass Evan Chandler und Tom Sneddon und Diane Dimond und all die anderen Personen, die so sehr daran arbeiteten, ihn zu Fall zu bringen, neidisch auf ihn und seinen Erfolg wären. Aber nun frage ich mich, ob ich ihn missverstanden habe – dass er ganz speziell über rassenbezogenen Neid gesprochen hat – etwas, das Harriet als Teil des Blackface Minstrelsy und ebenso einer viel größeren kulturellen Erzählung seit mehr als einem Jahrhundert erwähnt hat.

Joie: Okay, ich vermute, dass ich erkenne, worauf du hinaus willst. Und wenn ich so darüber nachdenke fallen mir keine Ankläger oder „andere Personen, die so sehr daran arbeiteten, ihn zu Fall zu bringen“ wie du sagst, ein, die schwarz gewesen wären. Vielleicht bist du da also etwas auf der Spur.

Willa: Nun, das stimmt – keiner der Leute, die am härtesten daran arbeiten ihn zu verleumden, war schwarz, außer du zählst Stacy Brown dazu. Ebenso bedeutend ist, dass es sehr interessant ist, wie unterschiedliche Leute reagierten, wenn er andeutete –allerdings indirekt –  dass die Skandale, die ihn plagten, mit Rassismus oder rassenbezogenem Neid verbunden wären.

In einem Interview mit Jesse Jackson im Jahr 2005 zum Beispiel sagte Michael Jackson, dass die öffentliche Verfolgung, der er ausgesetzt war, „eine Art Muster unter den schwarzen Berühmtheiten in diesem Land“ aufzeigten. Als Jesse Jackson ihn fragt „Wie gehst du damit um?“ antwortet er:

Ich komme damit klar, indem ich andere Leute heranziehe, die eine solche Sache in der Vergangenheit durchstehen mussten. Mandelas Geschichte hat mir sehr viel Stärke gegeben – dadurch, was er durchgemacht hat. Die Geschichte von Jack Johnson … mit dem Titel Unforgivable Blackness (Unverzeihliches Schwarzsein). Es ist eine außergewöhnliche Geschichte von 1910 über diesen Mann, der Schwergewichtsweltmeister war und in eine Gesellschaft gedrängt wurde, die seine Position und seinen Lebensstil nicht akzeptieren wollte. Und was sie mit ihm durchgeführt haben. Und wie sie die Gesetze geändert haben, um ihn einsperren zu können, ihn hinter Gitter zu bringen, nur um ihn auf irgendeine Art zu schnappen. Und Muhammad Alis Geschichte … All diese Geschichten, bei denen ich in der Geschichte zurückgehen und über die ich lesen kann, geben mir Stärke.

Hier ist ein Clip und die Diskussion über Rasse beginnt bei etwa 4:15:

Es ist eine scharfsinnige Deutung seiner Situation, denke ich, und ordnet die falschen Anschuldigungen gegen ihn ein – und die Antwort der Polizei und der Öffentlichkeit auf jene Anschuldigungen – im Kontext mit anderen erfolgreichen schwarzen Pionieren, die Ziel der Autoritäten waren.

Allerdings waren seine Worte Ursache von Empörung, ebenso wie von einigen ziemlich abfälligen Bemerkungen. In einer Stellungnahme in The Los Angeles Times, schrieb Elaine Showalter, eine weiße Akademikerin, dies:

Obwohl er versucht hat sich als ein Ziel rassistischen Neides und Böswilligkeit darzustellen, indem er sich in einem Interview mit Rev. Jesse Jackson, dem schnellsten der spirituellen Erretter, mit Nelson Mandela (dem Ass der Rassenkarte) verglich, ist Jacksons Rasse so unklar und zweideutig wie seine Sexualität.

http://articles.latimes.com/2005/jun/12/opinion/op-surreal12

Elaine Showalter war eine bahnbrechende feministische Gelehrte in den 80er Jahren – ich habe einige ihrer Werke damals gelesen und hatte eine Menge Respekt vor ihr – und ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet sie von allen Leuten so gedankenlos sein und etwas so grob Vereinfachendes und so arrogant Patriarchalisches schreiben könnte. Das ist wirklich verwirrend, denke ich, auf viele verschiedene Arten – nicht zuletzt ihre Unterstellung, dass, weil seine Haut nicht länger dunkel ist, er irgendwie disqualifiziert wäre über Rasse zu sprechen oder darauf hinweisen zu dürfen, dass er von Rassismus umgeben ist.

Joie: Ja, diese Bemerkung ist unglaublich, nicht wahr? Und du möchtest sie am liebsten fragen, weißt du … ob sie selbst schon einmal eine Krankheit hatte … sagen wir zum Beispiel Brustkrebs, und sich beide Brüste hätte entfernen lassen müssen, würde sie dann plötzlich keine Frau mehr sein?

Willa: Wow, Joie. Das ist eine beeindruckende Frage. Daran habe ich noch nie so gedacht …

Joie: Oder wenn es eine Krankheit gäbe, bei der die Pigmente einer weißen Person dunkler werden, würde es ihr dann nicht länger erlaubt sein, sich als „Weiße“ zu identifizieren? Ich meine, sie sagt nicht nur, dass er disqualifiziert wäre auf den Rassismus hinzuweisen, von dem er umgeben ist. Sie sagt, dass er nicht länger das Recht hat, sich mit der schwarzen Rasse zu identifizieren. Dass er nicht länger das Recht hat sich selbst als schwarzen Amerikaner zu bezeichnen. Ihr gesamter Kommentar ist auf verschiedenen Ebenen unglaublich rassistisch.

Willa: Das ist sehr interessant, Joie. Wenn du die Situation umdrehst, dann wird wirklich deutlich, wie sehr sie aus einer privilegierten Position heraus spricht, nicht? Warum hat eine weiße Person das Gefühl, das Recht zu besitzen zu entscheiden, ob eine schwarze Person in ihren Augen schwarz genug ist? Das ist nicht nur unglaublich beleidigend, es ist widersinnig. Ich kann mir keine schwarze Person vorstellen, die das jemals über eine weiße Person gesagt hätte.

Ich meine, stell dir eine Person mit zwei weißen Elternteilen vor, die in einer weißen Umgebung aufgewachsen ist, so wie Michael Jackson mit zwei schwarzen Elternteilen in einer schwarzen Umgebung in Gary. Und dann versuch dir irgendeinen Umstand vorzustellen, bei dem eine schwarze Person sagt, diese Person wäre nicht weiß genug, um aus einer weißen Perspektive zu sprechen. Ich glaube einfach nicht, dass das jemals passieren würde, und es würde auch keinen Sinn ergeben, den wir haben keine kulturelle Historie von Schwarzen, die Weiße dazu zwingen, ihre Erwartungen an das Weißsein zu erfüllen. Aber wir haben eine sehr lange Historie der Weißen, die Schwarze dazu zwingen in ihre weißen Definitionen des Schwarzseins zu passen, wie Lisha und Harriet und ich bereits besprochen haben.

Aber ich sollte dies nicht zu sehr vereinfachen. Es waren nicht nur Weiße, die negativ auf das Steve Harvey Interview reagiert haben. Eine Stellungnahme von Sinclere Lee in Black News Weekly war genauso abfällig:

Wenn Michael Jackson sich überhaupt irgendeiner Sache schuldig gemacht hat und für die er ins Gefängnis gehen sollte, dann ist es die, dass er sich selbst mit Nelson Mandela verglichen hat. Ich kenne Nelson Mandela! Ich traf Nelson Mandela, als er nach Washington kam! Nelson Mandela ist einer der größten Freiheitskämpfer der Welt! Nelson Mandela verbrachte 27 Jahre im Gefängnis, um die Schwarzen in Südafrika zu befreien, und du kannst es keinen Tag im Gefängnis aushalten! Michael, glaub‘ nicht diesen Mist, den Jesse Jackson dir erzählt, du bist kein Nelson Mandela!

Joie: Und für mich ist dies ein lächerliches Statement, denn Michael Jackson, eigentlich Jesse Jackson, kannten Nelson Mandela beide auch persönlich. Michael hat den Mann nicht nur einfach „getroffen“, als er nach Washington kam. Er kannte Nelson Mandela sehr gut. Er und Mandela waren tatsächlich viele, viele Jahre lang sehr enge Freunde.

Und Michael hat sich in diesem Kommentar nicht mit Mandela verglichen. Er hat gesagt, dass er Mandelas Geschichte als eine Inspirationsquelle für sich genutzt hat, um mit dem offenkundigen Rassismus, den er gegen sich erfuhr, klarzukommen. Da besteht ein enormer Unterschied.

Nelson Mandela with Michael Jackson in South Africa

Willa: Ich stimme dir vollkommen zu, Joie. Und was soll falsch daran sein, wenn man sagt, dass Nelson Mandela ihn inspiriert hat?

Aber während dieser Artikel auf gewisse Art genauso übel ist wie der von Showalter, gibt es einen wichtigen Unterschied, denke ich. Während Lee Michael Jackson dafür kritisiert, sich selbst mit Mandela zu vergleichen (was er nicht getan hat, wie du festgestellt hast), spottet sie nicht über den Gedanken, dass es auch um Rassismus geht, auf die Art, wie es Showalter getan hat.

Joie: Das stimmt, das tut sie nicht. Eigentlich schwenkt sie gar nicht in diese Richtung. Ihr hauptsächlicher Fokus liegt einfach auf der Tatsache, dass sie sich persönlich angegriffen gefühlt hat bei dem Gedanken, Michael würde sich selbst mit solch einem großen Freiheitskämpfer vergleichen.

Willa: Genau. Und ich denke, dieser Unterschied ist subtil, aber wichtig. Elaine Showalter scheint zu denken, es sei lachhaft anzudeuten, dass Rassismus eine Rolle gespielt hätte bei der Methode, wie Michael Jackson von der Polizei und den Medien behandelt wurde (während ich denke, es ist unglaublich vereinfachend anzunehmen, Rassismus hätte keine Rolle gespielt), aber Sinclere Lee stellt nicht eine so naive Behauptung auf. Während eine weiße Akademikerin  denken mag, Rassismus würde keine Rolle dabei spielen, weiß Lee es besser.

Joie: Das ist interessant, oder? Weißt du, Willa, manchmal frage ich mich, ob du eine Meinungsumfrage machen könntest, nun, da alles vorüber ist und Michael  nicht mehr bei uns ist … wie viele Leute heutzutage, weiße und schwarze, würden zugeben, dass Rasse eine Rolle gespielt hat dabei, wie er von den Medien und der Polizei behandelt wurde? Du weißt schon, nun, da wir alle ein wenig Abstand und eine andere Perspektive haben. Ich frage mich, was die Leute heute denken. Ergibt das Sinn?

Willa: Ja, es ergibt Sinn, und das ist eine weitere wirklich interessante Frage, Joie. Meine Wahrnehmung ist, dass die Gefühle gegenüber Michael Jackson viel milder geworden sind, seit er gestorben ist, und dass die Leute ihn sehr viel eher als unschuldig betrachten, nun, da er nicht mehr da ist. Wir haben darüber in einem Post im letzten Frühjahr gesprochen. Aber ich glaube nicht, dass die Leute im Allgemeinen – und Weiße im Speziellen – bereit sind anzuerkennen, welch enormen Einfluss Rasse und Rassismus darauf hatten, wie die Anschuldigungen durch die Polizei, die Medien und die Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Die Vorstellung von Rassenvorurteilen, und besonders rasseninduziertem Neid, lässt sich Weiße sehr unwohl fühlen, denke ich, und die meisten Weißen wollen dies nicht mal in Erwägung ziehen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich, dass Michael Jackson absolut Recht hatte und rassenbezogener Neid im Kern des Ganzen lag.

Ich meine, es ist sehr interessant, sich mal genau anzusehen, was die Leute zu verschiedenen Zeitpunkten tatsächlich gesagt haben und wie sie es sagen. Betrachte mal, was Evan Chandler ihm bei ihrem letzten Zusammentreffen sagt. Er zeigt mit dem Finger auf ihn und ruft aus: „Du wirst untergehen, Michael. Du wirst zu Boden gehen.“  Hier wird scheinbar angedeutet, dass Michael Jackson zu hoch gestiegen ist, und nun ist Evan Chandler entschlossen, ihn wieder herunter zu holen.

Randy Taraborrelli drückt einen ähnlichen Gedanken in seiner Biografie aus. Basierend auf den Anschuldigungen Chandlers führt die Polizei eine Leibesvisitation (Strip Search) durch und so leitet Taraborrelli zu der Beschreibung dessen über, was eine demütigende und wahrlich grauenhafte Erfahrung werden sollte.

Unterm Strich heißt das, dass Michael die meiste Zeit seines Lebens tun und lassen konnte, was er wollte, er lebte in einer Welt der Privilegien und der Ansprüche einfach nur deswegen, weil er ist, wer er ist … Im Dezember 1993 allerdings sollte Michael erfahren, wenn auch nur für einen einzigen Tag, wie es sein kann in der realen Welt zu leben, in der Leute oftmals Dinge tun müssen, die sie nicht unbedingt tun wollen.

Diese Passage ist so schockierend für mich. Man sollte eigentlich denken Taraborrellis Fokus läge auf den Beweisen und darin, ob der Strip Search Chandlers Anschuldigungen bestätigt oder ihnen widerspricht – vermutlich ist das am Ende der Kern des Ganzen – aber so ist es nicht. Taraborrelli konzentriert sich viel mehr auf die psychologische Auswirkung des Strip Search und auf den Effekt, den es darauf haben wird, wie Michael Jackson sich selbst sieht und wie er sich selbst in der Welt positioniert. Taraborrelli scheint sehr kritisch zu sein gegenüber Michael Jackson, „der in einer Welt der Privilegien und Ansprüche lebt“, und nun den Strip Search erlebt, der ihn wieder zurück bringt „in die reale Welt“, und Taraborrelli spricht zustimmend darüber. Er scheint zu denken, dass es angemessen ist, Michael Jackson auf den Boden der Tatsachen herunter zu holen, „wenn auch nur für einen Tag“. Und ich habe dabei wirklich das Gefühl, dass Taraborrellis Worte ein wenig von Neid erfüllt sind.

Joie: Nun, du weißt, wie ich über Taraborrelli denke, und ich glaube, dass es da mehrere Stellen gibt in seinem Buch, in denen er neidisch auf seine Hauptperson ist. Ich stimme dir also vollkommen zu bei dieser Feststellung.

Willa: Aber ist es Neid auf seinen Reichtum und seine Berühmtheit? Oder ist es rassenbezogener Neid? Oder ist es eine Kombination aus beidem – ist er missgünstig deswegen, dass ausgerechnet ein schwarzer Mann dermaßen erfolgreich ist? Ich frage mich das wirklich, ganz besonders, da sowohl er, als auch Evan Chandler ausdrücklich über das Bedürfnis sprechen, Michael Jackson „nach unten zu bringen“.

Diese Redewendung und diese Symbolik, ihn nach unten zu bringen, erinnert mich an eine schreckenerregende Szene in Onkel Toms Hütte, über die wir vor langer Zeit in einem Post gesprochen haben. Rosa, eine schöne junge Sklavin, ein Teenager, probiert ein Kleid an, das ihrer Besitzerin Maria gehört. Maria kommt herein und sieht, wie sie das Kleid trägt, wird wütend und schickt Rosa in das Prügelhaus. Und so lautet Marias Erklärung dafür, warum sie solch eine extreme Bestrafung für solch ein belangloses Vergehen anordnet:

Sie hat sich ihr Leben lang auf ihre Zartheit verlassen und auf ihr gutes Aussehen und auf ihr vornehmes Gebaren, bis sie vergaß, wer sie ist – und ich werde ihr eine Lektion erteilen, die sie wieder da herunter holt, das gefällt mir!

Maria ist also gar nicht so wütend wegen des Kleides, sondern deswegen, weil es ein Zeichen dafür ist, dass Rosa „vergessen hat, wer sie ist“ – dass sie eine junge schwarze Frau ist und eine Sklavin. Maria fühlt sich dadurch sehr bedroht, besonders da Rosa in vielerlei Hinsicht viel mehr „ladylike“ ihrem Äußeren und ihrem Verhalten nach ist als Maria selbst. Also beabsichtigt Maria, sie zu beschämen und sie daran zu erinnern „wer sie ist“ und dies so gravierend in ihre Erinnerung einzubrennen, dass sie es nie wieder vergisst. Mit anderen Worten; Maria möchte eine psychologische Veränderung in Rosa erwirken und „ihr eine Lektion erteilen, die sie wieder da herunter holt, das gefällt mir!“

Uncle toms cabi 1914
Es scheint mir ganz genau das zu sein, worüber Taraborrelli in der Passage über den Strip Search spricht – dass es eine psychologische Veränderung in Michael Jackson bewirken wird, die ihn „herunter holen“ wird aus seiner „Welt der Privilegien und Ansprüche“ – und worüber Evan Chandler spricht, als er mit seinem Finger auf ihn zeigt und ausruft „Du wirst untergehen, Michael. Du wirst zu Boden gehen.“ Und ich denke, Michael Jackson selbst bezieht sich in Morphine darauf, als er singt „Ich gehe zu Boden, Baby“ („I’m going down, baby“). Er wurde durch denselben Impuls herunter geholt, der mehr als150 Jahre vorher schon Rosa herunter geholt hat.

Joie: Das ist ein interessanter Vergleich, Willa. Und einer, mit dem du wahrscheinlich richtig liegst. Aber ich vermute, worauf ich hinaus wollte, ist, dass ich mich über das Verhalten der Leute  bezüglich der ganzen Situation wundere … und wirklich bezüglich seines gesamten Lebens … ich frage mich, ob ihr Verhalten sich wirklich verändert und aufweicht oder ob es einfach ein Fall von „Sprich nicht schlecht von einem Toten“ ist. Verstehst du, was ich meine?

Willa: Ja, ich verstehe, aber ich weißt keine Antwort darauf. Und ich bin nicht sicher, ob die Leute selbst wissen,warum sich ihre Gefühle geändert haben und wie tiefgreifend sie sich verändert haben. Oder was ihre Gefühle gegen ihn wirklich motiviert hat, um mal damit zu beginnen. Ich meine, vielleicht sind die Gefühle milder geworden, weil er gegangen ist, es gibt also keinen Grund mehr sich noch länger bedroht zu fühlen oder neidisch auf ihn zu sein.

Joie: Ich weiß nicht. Ich bin mir noch nicht mal sicher, warum es eine Rolle spielt oder warum mich diese Frage irgendwie quält. Ich vermute, ich habe einfach dieses Gefühl, das hier dieser besondere, wunderschöne, talentierte, liebende Mann war, der doch nur die Welt glücklich machen wollte, und er wurde verspottet und verfolgt und gehasst dafür. Das ärgert mich.

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