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Der Geist der Missgunst, des Neides und der Eifersucht

by

The Ghost of Jealousy
Post vom 13/02/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Also Joie, wenn Michael Jackson zu den Skandalen, die ihn betrafen und über die Art, wie die Medien sich gegen ihn wandten und später regelrecht diffamierten, befragt wurde, deutete er bei vielen Gelegenheiten an, dass Neid ein Grund dafür sei. Und ich habe es immer so interpretiert, dass damit gemeint ist, gewisse Einzelpersonen (wie Evan Chandler) wären eifersüchtig / neidisch auf ihn, und das ist sicherlich wahr.

Aber dann diskutierten Lisha McDuff, Harriet Manning und ich vor ein paar Wochen über Blackface Minstrelsy und wie dies zum Teil durch Neid motiviert war – rassenbezogenen Neid. Und dann am nächsten Tag hörte ich ein Radiointerview von 2002 mit Steve Harvey, einem schwarzen Comedian und Radiomoderator und war regelrecht erschüttert durch die Tatsache, dass, als Michael Jackson mit ihm über Neid sprach, er von „uns“ sprach, nicht von „mir“, sondern „uns“, dass die Leute neidisch auf „uns“ sind – und ich denke, dass mit „uns“ erfolgreiche, schwarze Entertainer gemeint sind.

Es ist lustig – dass mir ein kleines Wort die Augen für eine völlig neue Art der Interpretation dessen, was er jahrelang sagte, geöffnet hat. Es scheint jetzt für mich so zu sein, dass er gar nicht so sehr über persönlichen Neid spricht, obwohl das natürlich ein Teil davon ist, sondern über rassenbezogenen Neid – den Neid von Weißen gegenüber erfolgreichen Schwarzen. Er sagt zu Steve Harvey:

Sie hassen es, zu sehen, wie wir wachsen und aufbauen und aufbauen, und daran ist nichts Falsches (am Wachsen). Sie können es, und es ist okay. Was kann ich anderes tun, als das Talent auszubauen, das Gott mir gegeben hat? Das ist alles, was ich möchte, die Liebe und das Geschenk der Kunst der Unterhaltung zu teilen. Das ist alles, was ich tun möchte. Ich möchte niemanden verletzen.

Hier ist das Interview und der Teil über den Neid beginnt  bei etwa 8 Minuten:


Joie:
Ich hatte alles von diesem Steve Harvey Interview ganz vergessen, Willa. Und als schwarze Amerikanerin sage ich auch, dass er über Rasse spricht, als er seine Feststellung über den Neid macht.

Weißt du, das ist im Grunde ein Problem, mit dem viele schwarze Menschen zu kämpfen haben und über das sie seit vielen, vielen Jahren untereinander sprechen. Michaels Feststellung, dass „sie es hassen uns wachsen und aufbauen zu sehen“  ist ein sehr reales Phänomen in unserer Gesellschaft und das ist es seit der Gründung unserer Nation. Oder ich sollte besser sagen, seit dem Ende der Sklaverei in unserer Nation. Und er sprach nicht nur über erfolgreiche schwarze Entertainer. Er sprach über jeden schwarzen Amerikaner, der sehr erfolgreich ist, auf was für einem Gebiet auch immer, ob sie berühmt sind oder auch nicht. Eigentlich glaube ich, dass es einer der maßgeblichen Faktoren für die Gegenreaktion gegenüber Präsident Obama während seiner Zeit im Amt ist.

Willa: Da stimme ich zu. Teil der Gegenreaktion  – gegen Michael Jackson genauso wie gegen Obama – wird hervorgerufen durch rassenbezogene Vorurteile, denke ich, aber ich habe darüber bisher nicht in Hinsicht Neid nachgedacht – rassenbezogenen Neid. Das ist interessant, und es ist auch interessant, dass Michael Jacksons Worte für dich ganz offensichtlich zu sein scheinen, für mich aber nicht. Ich frage mich, ob das Absicht ist und ob es zurückgeht auf die Vorstellung von „Sprache und Macht“, worüber wir in einem Post mit Bjørn vor einiger Zeit gesprochen haben – dass Michael Jackson Sprache auf subtile Weise unterschiedlich einsetzt, so dass Dinge für unterschiedliche Leute etwas anderes bedeuten.

Weißt du, wenn wir genau auf seine Worte achten, spricht er auf eine ziemlich indirekte Art und Weise. Er sagt niemals die Wörter „schwarz“ und „weiß“ und erwähnt eigentlich Rasse überhaupt nicht.  Aber trotzdem, wenn ein Zuhörer mit diesem anhaltenden Gespräch, über das du gerade sprichst, Joie, vertraut ist – einem, „mit dem viele schwarze Menschen zu kämpfen haben und über das sie seit vielen, vielen Jahren untereinander sprechen“, wie du sagst – dann sind seine Worte offenkundig, aber wenn ein Zuhörer sich dieses Zusammenhangs nicht bewusst ist, dann geht das direkt an ihm vorbei. Ich frage mich also, ob er hier auf eine vorsichtige Art spricht mit zwei verschiedenen Zuhörerschaften im Hinterkopf – besonders, ob er auf eine Art spricht, die bei Schwarzen sofort ihren Nachhall findet, die aber Weiße nicht alarmiert oder angreift, weil wir einfach nicht wirklich verstehen, was er sagt.

Joie: Es ist interessant für mich, dass du das denkst, Willa. Dass er in einer Art Code oder etwas spricht, um sich mit der schwarzen Zuhörerschaft zu verbinden, aber das weiße Publikum nicht zu alarmieren oder anzugreifen. Denn für mich – und wahrscheinlich für jede andere schwarze Person, die dieses Interview hört – spricht er überhaupt nicht auf irgendeine vorsichtige Art. Eigentlich ist es so, wenn ich dieses Interview höre, dass ich ihn auf eine sehr entspannte, sehr offene Art und Weise reden höre. Er ist nicht vorsichtig und bedacht bei dem, was er sagt, weil er weiß, dass es keinen Grund dafür gibt. Er spricht zu einem anderen schwarzen Entertainer und ist mit seinen beiden schwarzen Co-Moderatoren in dieser Radioshow auf ein schwarzes Publikum eingestimmt. Er fühlt sich in diesem Moment offensichtlich sehr wohl in dieser Umgebung. Und offenbar wusste er, dass er sich unter Leuten mit ähnlichem Hintergrund befand (der Erfahrung schwarzer Amerikaner), die sofort verstehen würden, wovon er spricht. Also gab es keine Veranlassung „auf eine vorsichtige Art mit zwei verschiedenen Zuhörerschaften im Hinterkopf“ zu sprechen. Ich sage also, dass ich nicht glaube, er würde absichtlich codiert oder so ähnlich sprechen.

Willa: Nun, das ist wahr, Joie – er klingt entspannt und ungezwungen. Aber trotzdem, eine Menge Dinge bleiben unausgesprochen, Worte wie „schwarz“ und „weiß“. Es ist so, als wären Lücken zwischen seinen Worten. Und es nicht so, dass er nur zu einer schwarzen Zuhörerschaft spricht – Radiowellen erreichen jeden – und ob es von seiner Seite aus absichtlich ist oder nicht, ich denke, unterschiedliche Zuhörer interpretieren sein Worte unterschiedlich. Oder vielleicht ist es genauer zu sagen, sie füllen die Lücken unterschiedlich.

Es gibt eine ähnliche Situation in dem Song Ghosts, der nach den Anschuldigungen 1993 und dem Strip Search geschrieben wurde. Hier ist der Refrain:

Und wer gab dir das Recht meine Familie zu ängstigen?
Und wer gab dir das Recht my Baby zu ängstigen?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das Recht an meinem Familienstammbaum zu rütteln?
Und wer gab dir das Recht (in mein Leben) einzudringen
um mich anzusehen?
Und wer gab dir das Recht my Baby zu ängstigen?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das Recht my Baby zu verletzen?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das
Recht an meinem Familienstammbaum zu rütteln?

Du steckst ein Messer in meinen Rücken
Schießt einen Pfeil auf mich
Sag mir, bist du der Geist von Neid und Missgunst?
Ein mieser Geist von Neid und Missgunst?

Ghosts-michael-jacksons-ghosts-MTV

Er spricht über die falschen Anschuldigungen und den Strip Search („Und wer gab dir das Recht (in mein Leben) einzudringen / um mich anzusehen?“), ebenso wie über die Skandale, die darauf folgten und wieder deutet er an, dass der wahre Grund dahinter  „Neid und Missgunst“ ist. Er erwähnt niemals das Thema Rasse, und ich habe es nie auf diese Art interpretiert – als rassenbezogenen Neid. Ich dachte immer, er würde einfach sagen, dass Evan Chandler und Tom Sneddon und Diane Dimond und all die anderen Personen, die so sehr daran arbeiteten, ihn zu Fall zu bringen, neidisch auf ihn und seinen Erfolg wären. Aber nun frage ich mich, ob ich ihn missverstanden habe – dass er ganz speziell über rassenbezogenen Neid gesprochen hat – etwas, das Harriet als Teil des Blackface Minstrelsy und ebenso einer viel größeren kulturellen Erzählung seit mehr als einem Jahrhundert erwähnt hat.

Joie: Okay, ich vermute, dass ich erkenne, worauf du hinaus willst. Und wenn ich so darüber nachdenke fallen mir keine Ankläger oder „andere Personen, die so sehr daran arbeiteten, ihn zu Fall zu bringen“ wie du sagst, ein, die schwarz gewesen wären. Vielleicht bist du da also etwas auf der Spur.

Willa: Nun, das stimmt – keiner der Leute, die am härtesten daran arbeiten ihn zu verleumden, war schwarz, außer du zählst Stacy Brown dazu. Ebenso bedeutend ist, dass es sehr interessant ist, wie unterschiedliche Leute reagierten, wenn er andeutete –allerdings indirekt –  dass die Skandale, die ihn plagten, mit Rassismus oder rassenbezogenem Neid verbunden wären.

In einem Interview mit Jesse Jackson im Jahr 2005 zum Beispiel sagte Michael Jackson, dass die öffentliche Verfolgung, der er ausgesetzt war, „eine Art Muster unter den schwarzen Berühmtheiten in diesem Land“ aufzeigten. Als Jesse Jackson ihn fragt „Wie gehst du damit um?“ antwortet er:

Ich komme damit klar, indem ich andere Leute heranziehe, die eine solche Sache in der Vergangenheit durchstehen mussten. Mandelas Geschichte hat mir sehr viel Stärke gegeben – dadurch, was er durchgemacht hat. Die Geschichte von Jack Johnson … mit dem Titel Unforgivable Blackness (Unverzeihliches Schwarzsein). Es ist eine außergewöhnliche Geschichte von 1910 über diesen Mann, der Schwergewichtsweltmeister war und in eine Gesellschaft gedrängt wurde, die seine Position und seinen Lebensstil nicht akzeptieren wollte. Und was sie mit ihm durchgeführt haben. Und wie sie die Gesetze geändert haben, um ihn einsperren zu können, ihn hinter Gitter zu bringen, nur um ihn auf irgendeine Art zu schnappen. Und Muhammad Alis Geschichte … All diese Geschichten, bei denen ich in der Geschichte zurückgehen und über die ich lesen kann, geben mir Stärke.

Hier ist ein Clip und die Diskussion über Rasse beginnt bei etwa 4:15:

Es ist eine scharfsinnige Deutung seiner Situation, denke ich, und ordnet die falschen Anschuldigungen gegen ihn ein – und die Antwort der Polizei und der Öffentlichkeit auf jene Anschuldigungen – im Kontext mit anderen erfolgreichen schwarzen Pionieren, die Ziel der Autoritäten waren.

Allerdings waren seine Worte Ursache von Empörung, ebenso wie von einigen ziemlich abfälligen Bemerkungen. In einer Stellungnahme in The Los Angeles Times, schrieb Elaine Showalter, eine weiße Akademikerin, dies:

Obwohl er versucht hat sich als ein Ziel rassistischen Neides und Böswilligkeit darzustellen, indem er sich in einem Interview mit Rev. Jesse Jackson, dem schnellsten der spirituellen Erretter, mit Nelson Mandela (dem Ass der Rassenkarte) verglich, ist Jacksons Rasse so unklar und zweideutig wie seine Sexualität.

http://articles.latimes.com/2005/jun/12/opinion/op-surreal12

Elaine Showalter war eine bahnbrechende feministische Gelehrte in den 80er Jahren – ich habe einige ihrer Werke damals gelesen und hatte eine Menge Respekt vor ihr – und ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet sie von allen Leuten so gedankenlos sein und etwas so grob Vereinfachendes und so arrogant Patriarchalisches schreiben könnte. Das ist wirklich verwirrend, denke ich, auf viele verschiedene Arten – nicht zuletzt ihre Unterstellung, dass, weil seine Haut nicht länger dunkel ist, er irgendwie disqualifiziert wäre über Rasse zu sprechen oder darauf hinweisen zu dürfen, dass er von Rassismus umgeben ist.

Joie: Ja, diese Bemerkung ist unglaublich, nicht wahr? Und du möchtest sie am liebsten fragen, weißt du … ob sie selbst schon einmal eine Krankheit hatte … sagen wir zum Beispiel Brustkrebs, und sich beide Brüste hätte entfernen lassen müssen, würde sie dann plötzlich keine Frau mehr sein?

Willa: Wow, Joie. Das ist eine beeindruckende Frage. Daran habe ich noch nie so gedacht …

Joie: Oder wenn es eine Krankheit gäbe, bei der die Pigmente einer weißen Person dunkler werden, würde es ihr dann nicht länger erlaubt sein, sich als „Weiße“ zu identifizieren? Ich meine, sie sagt nicht nur, dass er disqualifiziert wäre auf den Rassismus hinzuweisen, von dem er umgeben ist. Sie sagt, dass er nicht länger das Recht hat, sich mit der schwarzen Rasse zu identifizieren. Dass er nicht länger das Recht hat sich selbst als schwarzen Amerikaner zu bezeichnen. Ihr gesamter Kommentar ist auf verschiedenen Ebenen unglaublich rassistisch.

Willa: Das ist sehr interessant, Joie. Wenn du die Situation umdrehst, dann wird wirklich deutlich, wie sehr sie aus einer privilegierten Position heraus spricht, nicht? Warum hat eine weiße Person das Gefühl, das Recht zu besitzen zu entscheiden, ob eine schwarze Person in ihren Augen schwarz genug ist? Das ist nicht nur unglaublich beleidigend, es ist widersinnig. Ich kann mir keine schwarze Person vorstellen, die das jemals über eine weiße Person gesagt hätte.

Ich meine, stell dir eine Person mit zwei weißen Elternteilen vor, die in einer weißen Umgebung aufgewachsen ist, so wie Michael Jackson mit zwei schwarzen Elternteilen in einer schwarzen Umgebung in Gary. Und dann versuch dir irgendeinen Umstand vorzustellen, bei dem eine schwarze Person sagt, diese Person wäre nicht weiß genug, um aus einer weißen Perspektive zu sprechen. Ich glaube einfach nicht, dass das jemals passieren würde, und es würde auch keinen Sinn ergeben, den wir haben keine kulturelle Historie von Schwarzen, die Weiße dazu zwingen, ihre Erwartungen an das Weißsein zu erfüllen. Aber wir haben eine sehr lange Historie der Weißen, die Schwarze dazu zwingen in ihre weißen Definitionen des Schwarzseins zu passen, wie Lisha und Harriet und ich bereits besprochen haben.

Aber ich sollte dies nicht zu sehr vereinfachen. Es waren nicht nur Weiße, die negativ auf das Steve Harvey Interview reagiert haben. Eine Stellungnahme von Sinclere Lee in Black News Weekly war genauso abfällig:

Wenn Michael Jackson sich überhaupt irgendeiner Sache schuldig gemacht hat und für die er ins Gefängnis gehen sollte, dann ist es die, dass er sich selbst mit Nelson Mandela verglichen hat. Ich kenne Nelson Mandela! Ich traf Nelson Mandela, als er nach Washington kam! Nelson Mandela ist einer der größten Freiheitskämpfer der Welt! Nelson Mandela verbrachte 27 Jahre im Gefängnis, um die Schwarzen in Südafrika zu befreien, und du kannst es keinen Tag im Gefängnis aushalten! Michael, glaub‘ nicht diesen Mist, den Jesse Jackson dir erzählt, du bist kein Nelson Mandela!

Joie: Und für mich ist dies ein lächerliches Statement, denn Michael Jackson, eigentlich Jesse Jackson, kannten Nelson Mandela beide auch persönlich. Michael hat den Mann nicht nur einfach „getroffen“, als er nach Washington kam. Er kannte Nelson Mandela sehr gut. Er und Mandela waren tatsächlich viele, viele Jahre lang sehr enge Freunde.

Und Michael hat sich in diesem Kommentar nicht mit Mandela verglichen. Er hat gesagt, dass er Mandelas Geschichte als eine Inspirationsquelle für sich genutzt hat, um mit dem offenkundigen Rassismus, den er gegen sich erfuhr, klarzukommen. Da besteht ein enormer Unterschied.

Nelson Mandela with Michael Jackson in South Africa

Willa: Ich stimme dir vollkommen zu, Joie. Und was soll falsch daran sein, wenn man sagt, dass Nelson Mandela ihn inspiriert hat?

Aber während dieser Artikel auf gewisse Art genauso übel ist wie der von Showalter, gibt es einen wichtigen Unterschied, denke ich. Während Lee Michael Jackson dafür kritisiert, sich selbst mit Mandela zu vergleichen (was er nicht getan hat, wie du festgestellt hast), spottet sie nicht über den Gedanken, dass es auch um Rassismus geht, auf die Art, wie es Showalter getan hat.

Joie: Das stimmt, das tut sie nicht. Eigentlich schwenkt sie gar nicht in diese Richtung. Ihr hauptsächlicher Fokus liegt einfach auf der Tatsache, dass sie sich persönlich angegriffen gefühlt hat bei dem Gedanken, Michael würde sich selbst mit solch einem großen Freiheitskämpfer vergleichen.

Willa: Genau. Und ich denke, dieser Unterschied ist subtil, aber wichtig. Elaine Showalter scheint zu denken, es sei lachhaft anzudeuten, dass Rassismus eine Rolle gespielt hätte bei der Methode, wie Michael Jackson von der Polizei und den Medien behandelt wurde (während ich denke, es ist unglaublich vereinfachend anzunehmen, Rassismus hätte keine Rolle gespielt), aber Sinclere Lee stellt nicht eine so naive Behauptung auf. Während eine weiße Akademikerin  denken mag, Rassismus würde keine Rolle dabei spielen, weiß Lee es besser.

Joie: Das ist interessant, oder? Weißt du, Willa, manchmal frage ich mich, ob du eine Meinungsumfrage machen könntest, nun, da alles vorüber ist und Michael  nicht mehr bei uns ist … wie viele Leute heutzutage, weiße und schwarze, würden zugeben, dass Rasse eine Rolle gespielt hat dabei, wie er von den Medien und der Polizei behandelt wurde? Du weißt schon, nun, da wir alle ein wenig Abstand und eine andere Perspektive haben. Ich frage mich, was die Leute heute denken. Ergibt das Sinn?

Willa: Ja, es ergibt Sinn, und das ist eine weitere wirklich interessante Frage, Joie. Meine Wahrnehmung ist, dass die Gefühle gegenüber Michael Jackson viel milder geworden sind, seit er gestorben ist, und dass die Leute ihn sehr viel eher als unschuldig betrachten, nun, da er nicht mehr da ist. Wir haben darüber in einem Post im letzten Frühjahr gesprochen. Aber ich glaube nicht, dass die Leute im Allgemeinen – und Weiße im Speziellen – bereit sind anzuerkennen, welch enormen Einfluss Rasse und Rassismus darauf hatten, wie die Anschuldigungen durch die Polizei, die Medien und die Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Die Vorstellung von Rassenvorurteilen, und besonders rasseninduziertem Neid, lässt sich Weiße sehr unwohl fühlen, denke ich, und die meisten Weißen wollen dies nicht mal in Erwägung ziehen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich, dass Michael Jackson absolut Recht hatte und rassenbezogener Neid im Kern des Ganzen lag.

Ich meine, es ist sehr interessant, sich mal genau anzusehen, was die Leute zu verschiedenen Zeitpunkten tatsächlich gesagt haben und wie sie es sagen. Betrachte mal, was Evan Chandler ihm bei ihrem letzten Zusammentreffen sagt. Er zeigt mit dem Finger auf ihn und ruft aus: „Du wirst untergehen, Michael. Du wirst zu Boden gehen.“  Hier wird scheinbar angedeutet, dass Michael Jackson zu hoch gestiegen ist, und nun ist Evan Chandler entschlossen, ihn wieder herunter zu holen.

Randy Taraborrelli drückt einen ähnlichen Gedanken in seiner Biografie aus. Basierend auf den Anschuldigungen Chandlers führt die Polizei eine Leibesvisitation (Strip Search) durch und so leitet Taraborrelli zu der Beschreibung dessen über, was eine demütigende und wahrlich grauenhafte Erfahrung werden sollte.

Unterm Strich heißt das, dass Michael die meiste Zeit seines Lebens tun und lassen konnte, was er wollte, er lebte in einer Welt der Privilegien und der Ansprüche einfach nur deswegen, weil er ist, wer er ist … Im Dezember 1993 allerdings sollte Michael erfahren, wenn auch nur für einen einzigen Tag, wie es sein kann in der realen Welt zu leben, in der Leute oftmals Dinge tun müssen, die sie nicht unbedingt tun wollen.

Diese Passage ist so schockierend für mich. Man sollte eigentlich denken Taraborrellis Fokus läge auf den Beweisen und darin, ob der Strip Search Chandlers Anschuldigungen bestätigt oder ihnen widerspricht – vermutlich ist das am Ende der Kern des Ganzen – aber so ist es nicht. Taraborrelli konzentriert sich viel mehr auf die psychologische Auswirkung des Strip Search und auf den Effekt, den es darauf haben wird, wie Michael Jackson sich selbst sieht und wie er sich selbst in der Welt positioniert. Taraborrelli scheint sehr kritisch zu sein gegenüber Michael Jackson, „der in einer Welt der Privilegien und Ansprüche lebt“, und nun den Strip Search erlebt, der ihn wieder zurück bringt „in die reale Welt“, und Taraborrelli spricht zustimmend darüber. Er scheint zu denken, dass es angemessen ist, Michael Jackson auf den Boden der Tatsachen herunter zu holen, „wenn auch nur für einen Tag“. Und ich habe dabei wirklich das Gefühl, dass Taraborrellis Worte ein wenig von Neid erfüllt sind.

Joie: Nun, du weißt, wie ich über Taraborrelli denke, und ich glaube, dass es da mehrere Stellen gibt in seinem Buch, in denen er neidisch auf seine Hauptperson ist. Ich stimme dir also vollkommen zu bei dieser Feststellung.

Willa: Aber ist es Neid auf seinen Reichtum und seine Berühmtheit? Oder ist es rassenbezogener Neid? Oder ist es eine Kombination aus beidem – ist er missgünstig deswegen, dass ausgerechnet ein schwarzer Mann dermaßen erfolgreich ist? Ich frage mich das wirklich, ganz besonders, da sowohl er, als auch Evan Chandler ausdrücklich über das Bedürfnis sprechen, Michael Jackson „nach unten zu bringen“.

Diese Redewendung und diese Symbolik, ihn nach unten zu bringen, erinnert mich an eine schreckenerregende Szene in Onkel Toms Hütte, über die wir vor langer Zeit in einem Post gesprochen haben. Rosa, eine schöne junge Sklavin, ein Teenager, probiert ein Kleid an, das ihrer Besitzerin Maria gehört. Maria kommt herein und sieht, wie sie das Kleid trägt, wird wütend und schickt Rosa in das Prügelhaus. Und so lautet Marias Erklärung dafür, warum sie solch eine extreme Bestrafung für solch ein belangloses Vergehen anordnet:

Sie hat sich ihr Leben lang auf ihre Zartheit verlassen und auf ihr gutes Aussehen und auf ihr vornehmes Gebaren, bis sie vergaß, wer sie ist – und ich werde ihr eine Lektion erteilen, die sie wieder da herunter holt, das gefällt mir!

Maria ist also gar nicht so wütend wegen des Kleides, sondern deswegen, weil es ein Zeichen dafür ist, dass Rosa „vergessen hat, wer sie ist“ – dass sie eine junge schwarze Frau ist und eine Sklavin. Maria fühlt sich dadurch sehr bedroht, besonders da Rosa in vielerlei Hinsicht viel mehr „ladylike“ ihrem Äußeren und ihrem Verhalten nach ist als Maria selbst. Also beabsichtigt Maria, sie zu beschämen und sie daran zu erinnern „wer sie ist“ und dies so gravierend in ihre Erinnerung einzubrennen, dass sie es nie wieder vergisst. Mit anderen Worten; Maria möchte eine psychologische Veränderung in Rosa erwirken und „ihr eine Lektion erteilen, die sie wieder da herunter holt, das gefällt mir!“

Uncle toms cabi 1914
Es scheint mir ganz genau das zu sein, worüber Taraborrelli in der Passage über den Strip Search spricht – dass es eine psychologische Veränderung in Michael Jackson bewirken wird, die ihn „herunter holen“ wird aus seiner „Welt der Privilegien und Ansprüche“ – und worüber Evan Chandler spricht, als er mit seinem Finger auf ihn zeigt und ausruft „Du wirst untergehen, Michael. Du wirst zu Boden gehen.“ Und ich denke, Michael Jackson selbst bezieht sich in Morphine darauf, als er singt „Ich gehe zu Boden, Baby“ („I’m going down, baby“). Er wurde durch denselben Impuls herunter geholt, der mehr als150 Jahre vorher schon Rosa herunter geholt hat.

Joie: Das ist ein interessanter Vergleich, Willa. Und einer, mit dem du wahrscheinlich richtig liegst. Aber ich vermute, worauf ich hinaus wollte, ist, dass ich mich über das Verhalten der Leute  bezüglich der ganzen Situation wundere … und wirklich bezüglich seines gesamten Lebens … ich frage mich, ob ihr Verhalten sich wirklich verändert und aufweicht oder ob es einfach ein Fall von „Sprich nicht schlecht von einem Toten“ ist. Verstehst du, was ich meine?

Willa: Ja, ich verstehe, aber ich weißt keine Antwort darauf. Und ich bin nicht sicher, ob die Leute selbst wissen,warum sich ihre Gefühle geändert haben und wie tiefgreifend sie sich verändert haben. Oder was ihre Gefühle gegen ihn wirklich motiviert hat, um mal damit zu beginnen. Ich meine, vielleicht sind die Gefühle milder geworden, weil er gegangen ist, es gibt also keinen Grund mehr sich noch länger bedroht zu fühlen oder neidisch auf ihn zu sein.

Joie: Ich weiß nicht. Ich bin mir noch nicht mal sicher, warum es eine Rolle spielt oder warum mich diese Frage irgendwie quält. Ich vermute, ich habe einfach dieses Gefühl, das hier dieser besondere, wunderschöne, talentierte, liebende Mann war, der doch nur die Welt glücklich machen wollte, und er wurde verspottet und verfolgt und gehasst dafür. Das ärgert mich.

Michael Jackson im Museum Grevin, Paris 1997

Michael Jackson im Musée Grévin (Museum Grevin), Paris, 15 Jahre danach – Véronique Berecz erzählt

(Übersetzung: Achildsbliss – Merci beaucoup!  

Museum Grevin Michael Jackson

Michael im Musée Grévin, Video Teil 1

http://vimeo.com/41044409

Michael Jackson zu fragen, ob er möchte, dass die Figur dort ausgestellt wird, war eine Sache, die vom Museum selbst initiiert wurde, dahinter steckte aber eine Intervention von Produzent Bob Jones und nicht zu vergessen der Zeitschrift Black Or White im Jahre 1995.

Véronique Berecz besuchte Michael beim Dreh zu Stranger In Moscow, danach wurde sie in die Hotelsuite von Michael geführt. Michael hat sie dort sofort begrüßt. Man hatte ihr vorher gesagt, er würde eine Maske tragen und all so was, nichts davon stimmte. Er besaß eine außergewöhnliche Bescheidenheit und Freundlichkeit. Er hat sehr viele Fragen gestellt. Sie zeigte ihm viele Skulpturen, die Denis Longchampt angefertigt hat, Michael war begeistert und verglich Denis mit dem berühmten Bildhauer Michelangelo… Sie hatte den Namen Michelangelo erst gar nicht verstanden, lag wohl an der amerikanischen Aussprache… als Michael Longchampt im Museum Grévin traf, meinte er: „Oh, da ist Michelangelo!“, seither heißt er bei den Leuten im Museum nur noch Michelangelo…

Der Tag der Einweihung war ein großer Tag für das Musée Grévin, Véronique Berecz hatte bei der Polizei Unterstützung angefordert, die großen Boulevards wurden abgesperrt… Sie wollte Michael eine kleine Überraschung bereiten und erfuhr, dass er ein großer Fan von Marcel Marceau war, was sie in sehr vielen seiner Tanzschritte und Choreografien sehen kann…

Sie liebt Michaels Tanz, findet ihn unglaublich, für sie ist er ein Meister… sie hat mit Marceau Kontakt aufgenommen, die Chance, dass er kommen konnte war allerdings sehr gering, er befand sich gerade auf Amerika-Tournee… am Tag der Einweihung schickte sie jedoch morgens um 8 Uhr einen Wagen zum Flughafen, Marceau war gekommen. Als Michael dann im Festsaal des Museums Platz nahm, öffnete sich der rote Vorhang und da saß Marcel Marceau!!!

Museum Grevin, Mj Marcel Marceau

Michael war genauso überrascht wie glücklich… Sie glaubt, es sei ein wunderbares Geschenk für Michael gewesen… Marceau hatte die Idee, einen Sketch aufzuführen, indem er den Bildhauer mimt, der die Skulptur erschaffen hat und am Schluss seiner Aufführung verschwand er mit Hilfe von Lichteffekten und Magie wie von Geisterhand von der Bühne und die Skulptur von Michael erschien … Marceau kam wieder auf die Bühne, Michael stieg zu ihm und seiner Nachbildung hinauf… Michael machte dann Marceau ein paar Posen nach… ja, es war ein großer Tag.

Museum Grevin MJ Marceau2

Michael hat für die Skulptur das komplette Outfit mitgebracht, er hat alles, was die Skulptur trägt, irgendwann selbst getragen, selbst die Schuhe, das T-Shirt, auch die berühmte rote Jacke, die jeder kennt, der Michael liebt… die Jacke trug Michael bei einem Vertragsabschluss mit Prinz Al Waleed… er hat bei der Ankunft im Museum bestätigt, dass es sich um genau diese Jacke handelt… sie haben später eine Kopie dieser Jacke angefertigt und das Original in eine Vitrine gesteckt, um sie auszustellen…

Michael im Musée Grévin, Video Teil 2 

http://vimeo.com/41775243

Nach der offiziellen Einweihungsfeier machten Michael im Musée Grévin, Marcel Marceau, der Leiter des Museums und Michael gemeinsam eine Tour durch das Museum. Im Musée Grévin kann man Aktuelles aber auch nachgestellte Szenen aus der französischen Geschichte finden. Sie haben dort einen sehr schönen Rundgang durch historische Szenen, wie etwa den kleinen Mozart, der für den Marquis und die Marquise de Pompadour spielt und Michael war fasziniert davon, vor allem von den Kostümen, sie hat ihm vorgeschlagen, in die Szene hineinzugehen, um sich quasi mit dem Genie Mozart zu „treffen“. Für sie war es ein Zusammentreffen zweier Genies. Michael war sehr überrascht und fragte mehrmals nach, ob er wirklich da reingehen darf, er fragte: „Sind Sie sicher? Meinen Sie wirklich, dass ich dort hineingehen kann?“ Natürlich durfte er! Und dort hat man dieses wunderbare Foto von Michael mit Mozart dann aufgenommen, das jetzt neben seiner Figur im Museum an der Wand hängt.

Michael Jackson Mozart

Sie besitzen auch die Handabdrücke von Michael und Véronique findet es immer so süß, dass die Besucher ihre Hände in Michaels Hände legen. Michael hatte ihnen erlaubt, die Abdrücke von ihm zu nehmen und Véronique meint, er habe wunderschöne Hände gehabt, sehr groß, sehr feingliedrig. Es war das erste Mal, dass er das so gemacht hat, für das Museum hat er das zum ersten Mal so gemacht (sie ist sehr stolz darauf).

Michael war sehr fasziniert von den dargestellten Personen, am meisten aber vom Palais des Mirages (Palast der Wunder), dieser Raum ist faszinierend und prächtig, als er das sah, applaudierte er.

Dass Michael da war, war nicht nur eine große Freude für das Museum, sondern auch für die Fans und nicht nur für die französischen. Aus ganz Europa und von überall her waren sie angereist. Sie mussten hinter diesen Absperrungen stehen. Beim Treffen Michaels mit seinen Fans gab es für Véronique zwei total schöne Augenblicke. Ein Paar, beide sehr große Fans von Michael, waren mit ihrer kleinen Tochter gekommen, sie war vielleicht etwa fünf Jahre alt, die Eltern hoben diese kleine Mädchen über die Absperrung und die Kleine lief geradewegs auf Michael zu, er nahm sie auf den Arm, als sei es das Natürlichste auf der Welt, sie lief wieder zurück zu ihren Eltern, kam aber ein zweites Mal wieder mit Papier, Michael gab ihr ein Autogramm, sie lief wieder zurück zu ihren Eltern, die umstehenden Personen hatten wohl bemerkt, dass Michael der Kleinen ein Autogramm gegeben hatte und diese Leute schickten dann die Kleine nochmal für ein Autogramm zu Michael, die Kleine lächelte bis hinter beide Ohren, irgendwann machte Michael dann mit der Kleinen ein Foto.

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Und wieder einmal, meint Véronique, konnte man Michaels Liebenswürdigkeit sehen, seine Aufmerksamkeit anderen gegenüber, er hätte das ja alles gar nicht zu tun brauchen, er hätte winken und gehen können, aber es hat ihm Spaß gemacht, er hatte große Freude daran und das schien bei ihm immer der Fall zu sein. Die Kleine hieß Melissa, sie wird heute um die 18 sein… kürzlich besuchte sie das Museum… heute besitzt das Museum ein Foto der kleinen Melissa im Alter von fünf Jahren und ein Foto von ihr im Alter von 18, Melissa kann sich noch genau an den Tag vor dem Museum erinnern, Véronique hat bei dem Treffen mit Melissa gemeinsam das Video mit ihr angeschaut…

Melissa

Das war die erste Begebenheit, die Véronique sehr berührt hat. Das zweite war, als eine junge Frau im Rollstuhl auf Michael zukam. Michael ging auf sie zu, umarmte sie, sprach mit ihr, es zeigte, Michaels ganze Herzensgüte.

Museum Grevin MJ 1997

Im Museum hat Véronique die Möglichkeit sehr viele Persönlichkeiten kennenzulernen, sie hat schon sehr viele getroffen, aber sie erinnert sich immer wieder an die kleinen Dinge in Bezug auf ihr Treffen mit Michael, für sie geht „die Geschichte weiter“ und für sie lässt das Museum Michael irgendwie weiterleben… Für sie ist die Tatsache, dass die Figur im Museum steht eine Art Dank an ihn für alles, was er erschaffen hat, was er hinterlassen hat… Sie gibt zu, dass sie sich nie hätte vorstellen können, welche Bedeutung es haben könnte, Michael im Museum zu haben… für sie ist er wie ein kleiner Stern, der uns immer folgt, sie findet das sehr schön… allen Fans, die dieses Video sehen, möchte sie gern sagen, dass Michael Jackson natürlich im Musée Grévin ist, aber auch in unseren und in euren Herzen, er ist nicht vergessen und Dank euch lebt er weiter…

und noch mehr dazu:

http://mjdatabank.com/mjjnews/wordpress/…es-1ere-partie/

19. April 2012 – 19. April 1997, Michael Jackson war zur Einweihung seiner Wachsfigur in Paris im angesehenen Musée Grévin. Die Episode ist Teil der langen Liebesgeschichte, die den King of Pop mit Frankreich verbindet. 15 Jahre später ist er in der Galerie, in der Persönlichkeiten der Öffentlichkeit gezeigt werden, noch immer präsent und er hat auch die berühmte Kuppel, die mit dem Säulensaal den eigenständigen Bereich des Grévin ausmacht, nie verlassen. Es reicht übrigens, in der Nähe der Figur stehen zu bleiben, um die Ströme der Besucher zu sehen, die sich eng um die Figur versammeln, um Michael Jackson zu huldigen. Um den 15. Jahrestag und den 130. Geburtstag des Musée Grévin zu feiern (das seine Pforten am 5. Juni 1882 öffnete), erinnert sich Véronique Berecz an dieses schöne Abenteuer.

Die Anfänge

Ein erster Entwurf war fertiggestellt worden. Michael Jackson hatte ein Jahr zuvor zur Enthüllung nicht kommen können. Es hatte eine unglückliche Verstrickung von Umständen gegeben und so kam es nicht zur Enthüllung der Wachsfigur. Michael Jackson zu fragen, ob er im Museum ausgestellt werden wollte, war Sache des Museums selbst. Wie Produzent Bob Jones stimmte auch Michael Jackson zu. Dank Captain EO (Produktion), die wir nicht vergessen wollen und die eine wunderbare Zeitschrift für Michael Jacksons Fanclub besaßen, kam die Verbindung zu Bob Jones zustande. Ich hatte Bob Jones also mehrmals am Telefon. Er sprach mit Michael Jackson darüber, der sehr stolz und glücklich war.

Das Treffen

Bob Jones reiste an, um mit uns den Bildhauer und den Raumausstatter zu treffen. Deshalb organisierten wir auch diese Reise nach Los Angeles mit dem Bildhauer Denis Longchampt und dem Raumausstatter Laurent Teboule. Als wir im Hotel ankamen, wurden wir von Wayne, Michael Jacksons Bodyguard, zu der Suite begleitet, in der Michael sich befand. Wir gingen in dieses Zimmer. Die Tür öffnete sich, Bob Jones kam herein und führte uns auf direktem Weg zu Michael Jackson, der uns sofort die Hand reichte. Er war von außergewöhnlicher Natürlichkeit und Liebenswürdigkeit. Er stellte eine Menge Fragen. Ich zeigte ihm die Fotos des Entwurfs von Denis Longchampt, der einzig für das Musée Grévin arbeitete.

Die Planung

Denis Longchampt hatte vorab bereits aus Ton ein Gesicht geformt. Mit diesem Gesicht in einer großen Reisetasche waren wir nun angereist. Wir hatten die Tasche nicht für den Frachtraum aufgegeben, sondern bewachten sie dicht bei uns, zur großen Überraschung der französischen Zöllner und des weiblichen amerikanischen Zollpersonals. Denis Longchampt musste mit allerlei Fotos und Videos arbeiten. All diese Unterlagen waren sehr interessant. Sobald ein genauer Gesichtsausdruck, der erreicht werden wollte, ausgewählt war, mussten Fotos gefunden werden, die diesen Ausdruck widerspiegelten. Nach unserem Treffen in Los Angeles, kehrten wir nach Paris zurück. Denis Longchampt fuhr mit seiner Arbeit an der Figur fort. Dann schickten wir Bob Jones Fotos, so dass Michael diese sehen konnte. Nach dem OK konnte sofort ein Abdruck des Gesichts gegossen werden. Dann wurde das Wachs bemalt. Wir besitzen auch noch einen „jungfräulichen“ Abdruck (also ohne Farbe). Das Wachsgesicht wurde mit Ölfarben bemalt. Die Haare bestehen aus echtem Haar, das Haar für Haar „implantiert“ wurden.

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Genauso hat Denis Longchampt dann den Körper modelliert. Danach organisierte ich ein weiteres Treffen mit Michael Jackson, das dieses Mal in der Schweiz stattfand, im Grand Hotel von Montreux. Nun konnten wir ihm die fast fertige Figur zeigen. Tatsächlich hatte Longchampt ihn etwas mehr wie „Schwarzenegger“ modelliert, aber so war er ja nicht. Er war sehr feingliedrig und sehr groß, seine Größe hat uns sehr überrascht, als wir ihn trafen, als er jedoch die Statue sah, lachte er und meinte, so hünenhaft wie die Statue sei er wohl eher nicht. Wir maßen also seinen Körper noch einmal nach, damit wir mit der Figur so nahe wie möglich an Michael herankamen.

Michael Jackson gab uns für die Figur das komplette Outfit. Es sind seine Boots, die er getragen hat, seine schwarze Hose, sein T-Shirt und diese rote Jacke. Es ist eine Jacke, mit der seine Fans ihn sahen, als er einen Vertrag mit Prinz Al Waleed unterzeichnete. Sie war von großer Bedeutung, weil sie einen berühmten Filzaufschlag am Revers hatte. Und es ist so, dass seine wahren Fans darüber genauestens Bescheid wussten. Als er ins Musée Grévin kam, bestätigte er das mit dem Filzaufschlag.

Die Einweihung

Bei Einweihungen neuer Persönlichkeiten versuchen wir immer, eine kleine Überraschung bereitzuhalten. Ich hatte erfahren, dass Michael Jackson ein Fan von Marcel Marceau war und sich darüber hinaus oft in Marceaus Fertigkeiten hinein fühlte, um seine Tanzschritte durchzuführen und seine Bewegungen aufzugliedern. Also kontaktierte ich Marcel Marceau und sagte mir, dass es großartig wäre, wenn Marceau an dem Tag, an dem Michael käme, meine Überraschung für ihn werden könnte. Und wirklich, die Götter waren mit uns, denn Marcel Marceau war auf Amerika Tournee und unglaublich, aber wahr, er kam am gleichen Tag, an dem Michael kam, nach Paris zurück. Ich schickte für 8 Uhr früh einen Wagen an den Flughafen. Marceau hatte die Idee, einen seiner Sketche wieder aufzuführen: „Der Bildhauer“ und durch Licht- und Magie-Effekte erschien am Ende seiner Aufführung die Wachsfigur von Michael auf der Bühne. Ich denke, meine Überraschung ist mir gelungen, denn Michael kam, als er einmal saß, nicht dazu, Marcel Marceau vorher zu sehen. Er war genauso überrascht wie glücklich. Das war wirklich ein sehr schöner Augenblick. Am Ende der Vorstellung ging Michael zu Marcel Marceau und der Wachsfigur auf die Bühne.

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Als der offizielle Teil dann zu Ende war, machten wir mit einer begrenzten Anzahl von Leuten einen Rundgang durch das Museum. In der Zwischenzeit war die Wachsfigur dann von der Bühne genommen und an seinen endgültigen Platz gebracht worden, so dass Michael sie auf seinem Rundgang dort entdecken konnte. Er war sehr zufrieden mit der Figur, im Gegensatz zu einer anderen, die in einem Museum in Amerika ausgestellt wird, von der er uns bei unserm Treffen in Los Angeles erzählt hatte.

Die Handabdrücke

Wir hatten Lust, eine neue Tradition einzuführen: Handabdrücke, ein bisschen wie der Walk of Fame in Hollywood. Wir hatten beschlossen, das zum ersten Mal bei Michael Jackson zu tun. Er hatte wunderschöne Hände, sehr groß, sehr feingliedrig. Das war eine Premiere für uns.

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Inkognito

Eine Woche nach der Einweihungsfeier, an einem Mittwochnachmittag, erhielt ich einen Anruf von Wayne, der mich fragte, ob Michael das Museum mit den Leuten besuchen könnte, die am Tag der Einweihung nicht dabei sein konnten. Er wollte wissen, ob ich in zwei Stunden bereit sein könnte. Es gab noch einen weiteren Bereich im Museum, der Michael faszinierte, der Palast der Wunder. An diesem Tag trafen wir uns das letzte Mal. Wir haben viele Künstler kennengelernt, aber das Außergewöhnliche an dem Treffen mit Michael war, dass die Erinnerungen an diesen Tag immer wiederkehren. Seither geht die Geschichte weiter, ein bisschen, um Michael weiterleben zu lassen und auch, um ihm für alles zu danken, was er erschaffen und uns hinterlassen hat, nicht nur seinen Fans, sondern auch der Musikwelt. Niemals hätte ich mir die Bedeutung von Michael Jacksons Einzug ins Musée Grévin und die Bedeutung dieses Treffens ausmalen können, so als sei er ein kleiner Stern, der uns immer folgt… das ist so schön.

Melissa and Michael

(Übersetzung: Achildsbliss)

Liebe Blissy, falls du hier liest, möchte ich mich noch mal ganz herzlich bei Dir bedanken, für diese und einige andere wunderbare Übersetzungen, die ich schon hier posten durfte ♥♥♥

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Du kannst mir meine Traurigkeit nicht nehmen

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You Can’t Take My Blues Away
Post vom 30/01/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Joie: Willa, also ich frage mich, ob du jemals solche Phasen hast, in denen du einen bestimmten Song lange Zeit nicht hörst und dann plötzlich scheinst du ihn gar nicht mehr aus deinem Kopf zu bekommen. Wie es zum Beispiel Zeiten gibt, in denen ich bestimmte Dinge monatelang nicht höre – wie Michaels frühe Motown-Werke. Und dann eines Tages ganz plötzlich, ganz egal was ich mache, geht mir Dancing Machine oder Looking through the Windows nicht mehr aus dem Kopf. Kennst du so etwas auch?

Willa: Oh ja. Und manchmal ist es noch nicht einmal ein Song, den ich mag.

Joie: So geht es mir auch! Ich hasse es, wenn das passiert!

Willa: Ich weiß. Es ist nicht so schlimm, wenn es ein Song ist, den du magst, aber manchmal ist das nicht der Fall. Obgleich wenn ich darüber nachdenke, bemerke ich manchmal, dass der Song mir etwas erzählt, das ich genau zu dem Zeitpunkt  hören muss.

Joie: Hmm. Also, das ist eine interessante Betrachtungsweise. Wenn es das nächste Mal passiert, muss ich darüber nachdenken, was der Song mir zu sagen versucht.

Willa: Es kann amüsant sein das herauszufinden – in etwa so wie wenn man seine Träume deutet und erkennt, worüber dein Unterbewusstsein sich den Kopf zerbricht, auch wenn es dir gar nicht bewusst ist. Obwohl ich sagen muss, dass ich nicht gut darin bin – meistens bleibt es mir ein Rätsel. Manchmal ergibt es einen Sinn für mich, aber meistens scheint es vollkommen zufällig zu sein.

Joie: Sicherlich scheint es normalerweise zufällig. Nun, ich frage dich das, weil es einen Song gibt, den ich nun für mich selbst seit einer Woche etwa singe, und es ist einer, den ich wohl seit einem Jahr mindestens nicht mehr gehört habe. Es ist Blues Away von den Jacksons.

Der Song ist auf ihrem Album von 1976 mit dem einfachen Titel The Jacksons, dem ersten unter ihrem neuen Namen und neuen Label, und es war eigentlich einer der allerersten veröffentlichten Songs, die Michael selbst geschrieben hatte.

Willa: Das stimmt. Ich denke, im Grunde war es der erste. Er war an der Entstehung des Songs Style of Life für dasselbe Album beteiligt, aber er schrieb ihn zusammen mit Tito – genau genommen wird Tito zuerst genannt, was bedeutet, dass er der Hauptautor ist. Aber Blues Away gebührt einzig „Michael Jackson“, und es scheint der erste veröffentlichte Song zu sein, den er ganz und gar allein schrieb.

Joie: Es ist ein einfacher, kleiner Song, nur knapp drei Minuten lang, und er ist irgendwie süß, aber andererseits auch auf eine gewisse Art traurig. Der Refrain in dem Song sagt „Du kannst mir meine Traurigkeit nicht nehmen, egal, was du sagst“ (You can’t take my blues away, no matter what you say). Und ich war immer irgendwie fasziniert davon und habe beträchtliche Zeit damit verbracht mir Fragen darüber zu stellen. Ich dachte also, vielleicht könnten wir darüber reden und ich könnte deine Meinung dazu hören.

Willa: Sicher, das klingt amüsant. Du hast Recht, es ist ein ziemlich einfacher Song – er hat nicht die Tiefe oder Komplexität vieler seiner späteren Stücke. Ich denke gerade an Billie Jean, das nur drei Jahre später veröffentlicht wurde. In Billie Jean geht musikalisch und thematisch so viel vor sich – gerade weil in dem Song alles so mühelos abläuft, kann man leicht übersehen, wie komplex er ist. Aber sogar ein relativ einfacher Song wie Blues Away kann eine Herausforderung für die Interpretation sein. Wie in sehr vielen seiner Songs ist seine Bedeutung subtil und zweideutig. Er rutscht herum.

Wenn mir zum Beispiel jemand erzählen würde, dies wäre ein Liebeslied – ein Song, den ein Typ einem Mädchen singt, mit dem er ausgehen will – und dieser jemand mir dann sagen würde, der Titel des Songs wäre Blues Away, dann würde ich vermuten, dass er dem Mädchen erzählen würde, er habe die Traurigkeit ohne sie, und wenn sie mit ihm ausgehen würde, dann würde es die „Traurigkeit weg“-schicken (send his „blues away“). Das wäre ein eher typischer Ansatz – wie etwa bei Ain’t no Sunshine. Aber das ist nicht das, was er sagt.

Joie: Das ist überhaupt nicht das, was er sagt, und im Grunde bin ich gar nicht wirklich sicher, ob es überhaupt als Liebeslied gedacht ist. Obwohl es sich an manchen Stellen so anfühlt. Die erste Strophe fängt so an:

Ich möchte der deine sein
Morgen
Also gebe ich dir etwas Zeit um
Heute darüber nachzudenken
Aber, du kannst mir meine Traurigkeit nicht nehmen
Ganz egal, was du sagst, Babe

Zeitweise klingt es also nach einem Liebeslied. Er sagt ihr, dass er gerne mit ihr ausgehen und vielleicht ihr Freund sein würde, aber er ist nicht sicher, wie sie sich fühlt, also gibt er ihr Zeit, darüber nachzudenken. Aber dann im nächsten Atemzug sagt er ihr, dass egal, wie sie sich entscheidet, dies ihm nicht seine Traurigkeit nehmen würde. Er wird dann immer noch ein wenig traurig sein, sogar wenn sie Ja sagt.

Willa: Genau, was überhaupt nicht das ist, was du erwarten würdest, ich kann also erkennen, warum du nicht sicher bist, ob dies ein Liebeslied ist oder nicht. Ich bin deswegen auch nicht sicher.

Ich lehne mich an dieser Stelle mal weit aus dem Fenster, aber ich glaube nicht, dass Michael Jackson ein Romantiker war – wenigstens nicht im herkömmlichen Sinn des Wortes. Was ich meine ist, dass viele romantische Songs andeuten, dass wenn zwei Menschen sich wirklich lieben, dies alles ist, was sie brauchen, um glücklich zu sein. Der Rest der Welt tritt sozusagen in den Hintergrund und interessiert nicht mehr wirklich. Sie sind sich selbst genug.

Aber ich glaube nicht, dass Michael Jackson die Dinge auf diese Art sah. Ich glaube nicht, dass er den Rest der Welt oder eben seine eigenen verwirrten Gefühle über die Dinge jemals vergessen konnte. Das erinnert mich an etwas, das er 1988 in Moonwalk schrieb:

Meine Verabredungen oder Beziehungen mit Mädchen hatten bisher nicht das glückliche Ende, nach dem ich gesucht habe. Irgendetwas scheint dem im Weg zu stehen. Die Dinge, die ich mit Millionen Menschen teile sind nicht die Art Dinge, die du mit einer Person teilst. Viele Mädchen wollen wissen, wie ich ticke – warum ich so lebe oder Dinge tue, wie ich es eben tue, indem sie versuchen herauszufinden, was in meinem Kopf vorgeht. Sie wollen mich aus meiner Einsamkeit retten, aber sie machen es auf eine solche Art, dass sie mir den Eindruck vermitteln, sie wollten meine Einsamkeit mit mir teilen, was ich niemandem wünschen möchte, denn ich glaube, ich bin einer der einsamsten Menschen der Welt.

Das ist eine so andere Art und Weise die Dinge zu betrachten. Er drückt eine grundsätzliche Einsamkeit aus – er sagt „Ich glaube, ich bin einer der einsamsten Menschen der Welt“ – und wenn ich mir nur die Geschichte seines Lebens ansehe, dann glaube ich das sofort.

Joie: Ich auch.

Willa: Er war wirklich in einer einzigartigen und schrecklich isolierten Lage, nicht wahr? Und normalerweise denken wir, dass das Heilmittel für Einsamkeit darin besteht jemanden zu finden, der einen liebt und versteht, aber er scheint nicht auf diese Art zu denken. Stattdessen scheint er anzudeuten, dass seine Einsamkeit so tief und unabdingbar ist, dass sie mit jemandem zu teilen nicht heißen würde, dass sie vergeht. Seine Einsamkeit würde sich einfach auf die andere Person ausbreiten, und das „möchte er niemandem wünschen“.

Joie: Willa, das ist nicht nur sehr interessant, sondern ebenso außergewöhnlich. Ich denke, du hast es gerade in Worte gepackt, was er nicht wirklich ausdrücken konnte. Wir als Gesellschaft neigen dazu zu glauben, dass das Heilmittel gegen die Einsamkeit darin besteht jemanden zu finden, der dich liebt und versteht. Oder wenigstens jemand, der dich ganz einfach akzeptiert, wie du bist.

Willa: Oh, das ist eine gute Bemerkung, Joie – jemand, der dich bedingungslos akzeptiert, auch wenn er dich nicht versteht.

Joie: Aber Michael fühlte nicht auf diese Art. Er teilte diese Meinung nicht mit dem Rest von uns. Er schien von einem sehr viel dunkleren und abgeschiedeneren Ort jenseits unserer Vorstellungskraft zu kommen, glaube ich. Einem Ort, an dem seine Einsamkeit so tief ist, dass sie seine Seele durchdringt. Und er lebte sein Leben auf eine Art, die anzudeuten scheint, dass er befürchtete, seine Einsamkeit würde andere nur zerstören, wenn er sie zu nah an sich heranließe.

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Willa: So fühlt es sich für mich auch an. Aber weißt du, die wirklich seltsame Sache ist, dass, wenn du seiner Stimme lauschst – die immer eine Spur Traurigkeit in sich zu haben scheint, sogar als er sehr jung war – dies unsere eigene Einsamkeit vergehen lässt. Das scheint auf grausame Weise die Ironie an der Sache zu sein, dass seine Traurigkeit uns dazu verhilft uns besser zu fühlen, aber es scheint so zu sein … wenigstens ist das so bei mir. Er hat mir durch einige wirklich schwere Zeiten hindurch geholfen, und ich habe von anderen gehört, dass es bei ihnen auch so war. Er ist fast wie ein Empath, der unseren Ärger auf sich nimmt, damit wir uns besser fühlen, und ich denke nicht, dass es auf dieselbe Art funktioniert hätte, wenn er nicht diese Traurigkeit in seiner Stimme gehabt hätte.

Joie: Ich glaube, du hast vollkommen Recht! Seine Stimme scheint immer ein gewisses Maß an Traurigkeit mit sich zu tragen und ich habe zeitweise das Gefühl, dass er unseren Schmerz spüren konnte. Dass er bereits alles darüber wusste, weil er es gesehen oder vorher selbst erlebt hatte. Und du hast Recht, es gibt hunderte, vielleicht tausende von Fans da draußen, die dir sagen werden, dass seiner Stimme zu lauschen ihnen durch die härtesten Prüfungen in ihrem Leben geholfen hat. Ich bin auch einer dieser Menschen, Willa. Und ich liebe, was du über ihn als Empath gesagt hast.

Weißt du, ich bin ein großer Star Trek Fan und meine Lieblingsstaffel von Star Trek ist The Next Generation mit Captain Jean-Luc Picard. In jener Staffel ist eine der Hauptrollen ein weiblicher Starfleet-Offizier namens Deanna Troi, und sie kommt von dem Planeten Betazed, auf dem eine Rasse von Telepathen lebt, die deine Gedanken hören kann, als ob du sie laut aussprechen würdest. Auf diese Weise kommunizieren sie untereinander. Sie lassen sich nur zum Sprechen herab, wenn sie es mit „Außen-Weltlern“ zu tun haben. Nun, Deanna war kein echter Telepath, da ihr Vater ein menschlicher Starfleet-Offizier gewesen war, während sie also ganz leicht mit anderen Telepathen auf telepathische Art kommunizieren konnte, konnte sie deine Gedanken nicht hören. Aber sie konnte jede deiner Emotionen spüren, weil sie ein Empath war. Und ihre empathischen Fähigkeiten verliehen ihr eine einzigartige Perspektive auf die Menschen um sie herum.

Willa: Das ist eine großartige Beschreibung, Joie, und es erinnert mich an eines der Original Star Trek Stücke. Sie treffen einen Empath, der nicht nur das emotionale Leid anderer spürt, sondern der auch ihre körperlichen Leiden auf sich nehmen und heilen kann. Eines der Mitglieder der Mannschaft – ich glaube Captain Kirk –  ist irgendwie schlimm verwundet und obwohl sie weiß, was das bedeutet, nimmt sie seine Verletzungen und sein Leiden auf sich, so dass er kuriert ist und sie an seiner Stelle stirbt.

Das ist ein extremes Beispiel, aber auf eine schwer zu definierende Weise scheint Michael Jackson ebenfalls eine empathische Verbindung zu Menschen gehabt zu haben – wenigstens fühlt es sich für mich so an – und war auf seine ganz eigene Art fähig unser Leid auf sich zu nehmen und ließ sich uns dadurch besser fühlen.

Joie: Manchmal scheint es wirklich so, dass Michael Jackson irgendwie eine Art empathischer Fähigkeit gehabt hat. Ich denke nicht, dass es jemals eine andere Person gab, die so sehr mit den Gefühlen anderer im Einklang war. Und er schien die Last der Kranken und Schwachen mit zu tragen, fast als könnte er ihr Leid wirklich spüren.

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Willa: Ja, das sehe ich auch so. Und sogar diejenigen von uns, die ihn nie getroffen haben, konnten seiner Stimme zuhören und eine emotionale Verbindung zu ihm spüren, die dich irgendwie einfach besser fühlen lässt. Er inspiriert uns auch dazu anderen zu helfen, wie Sylvia Martin in einem Artikel untersucht hat, den wir kürzlich in unserem Reading Room eingestellt haben:

http://www.opednews.com/articles/From-Asia-To-Africa-The-K-by-Sylvia-Martin-130611-529.html

Weißt du, wenn ich über all dies hinsichtlich Blues Away so nachdenke, dann erinnert mich das an eine Geschichte aus der Biografie von Randy Taraborrelli. Als Michael Jackson 13 oder 14 Jahre alt war und sein Bruder Tito sich entschieden hatte zu heiraten, da hieß Michael dies nicht gut und seine Begründung dafür ist wirklich interessant. Hier ist das, was Taraborrelli sagt:

Michael spürte ganz stark, dass Tito ihre Fans im Stich ließe, wenn er heiraten würde und versuchte ihn davon zu überzeugen seine Meinung zu ändern. „Denk doch mal an all die Mädchen da draußen, die uns lieben,“ versuchte er eines Tages seinem Bruder gegenüber in den Büros von Motown zu argumentieren.

 „Sie kennen uns doch nicht mal, Mike,“ sagte Tito. „Wir können unser Leben doch nicht für vollkommen Fremde leben.“

 „Aber sie kennen uns doch“, hielt Michael gemäß einem Zeugen dagegen, „und wir sind es ihnen schuldig, Tito. Wir schulden es ihnen.“

 Um ehrlich zu sein, dies hat mich lange Zeit verwirrt. Was macht es für einen Unterschied, ob Tito – oder sogar Michael Jackson selbst – heiratet oder nicht? Es ist doch nicht so, dass es seine Stimme beeinträchtigen würde oder seine Fähigkeiten als Tänzer. Es würde seinen Auftritt in gar keiner Weise beeinträchtigen. Warum also hat er das Gefühl, er würde es seinem Publikum „schuldig“ sein, nicht zu heiraten?

Ich denke, es ist deswegen, wie wir mit ihm in Beziehung stehen und wie wir unsere Gefühle auf ihn projizieren und spüren, wie sie auf uns reflektiert werden. Und ich denke auch, dass es wegen der einfühlsamen Verbindung ist, die er zu seinem Publikum spürte. Sie erforderte für seinen Teil vollkommene Hingabe – eine Bereitschaft sich emotional zu öffnen und sich völlig und vollkommen seinem Publikum und seiner Kunst zu verpflichten. Und das tat er. Er gab alles, Körper und Seele. Und ich glaube, er verstand das von einem sehr jungen Alter an – verstand, was erforderlich war dafür, wer und was er sein sollte, um die kulturelle Rolle auszufüllen, um das zu sein, was wir von ihm erwarteten.

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Joie: Ich habe darüber noch nie auf diese Weise nachgedacht, Willa. Das ist wirklich tiefgreifend, nicht wahr? Und doch so traurig. Es ist fast so, als habe er willentlich sein Glück aufgegeben, damit er uns stattdessen glücklich machen konnte. Etwa wie wenn jemand sein eigenes Leben für das Leben eines Freundes hingibt.

Willa: Oh, es ist schrecklich traurig. Weißt du, ich denke manchmal über sein Leben und all die Dinge, die er durchmachen musste, nach, und es ist fast nicht auszuhalten. Ich wünschte, er hätte dieses „glückliche Ende, nach dem ich gesucht habe“ gefunden, über das er in Moonwalk spricht. Ich wünschte, sein Leben hätte sich anders entwickelt. Ich wünschte, die Anschuldigungen von 1993 wären nie passiert oder wenn sie passiert wären, dass sich dann alles irgendwie geklärt und er Zufriedenheit und Ruhe gefunden hätte. Ich will es so sehr, dass es wehtut – es ist wie ein körperlicher Schmerz – und ich glaube, viele Fans fühlen es auf diese Art.

Joie: Ich denke, so ist es.

Willa: Und wenn er vielleicht etwas mehr wie Tito gewesen wäre und dieselben Entscheidungen wie er getroffen hätte, dann wäre sein Leben anders verlaufen. Schließlich ist Tito ein sehr talentierter Bluesgitarrist und Performer und eigenständiger Produzent, ebenso wie ein Vater und Großvater. Es ist möglich Musiker zu sein und trotzdem ein glückliches Privatleben zu führen.

Aber natürlich war Michael Jackson so viel mehr als ein Musiker. Er war ein Künstler eines ganz außerordentlichen Formats und eine kulturelle Figur der Umgestaltung, die so radikal verändert hat, wie wir uns selbst und einander sehen. Und um ehrlich zu sein, mit dem Wissen, wie sehr er sich seiner Kunst verschrieben hatte, kann ich mir nicht vorstellen, dass er je eine andere Entscheidung getroffen hätte, als so, wie er es getan hat. Er lebte sein Leben mit Tapferkeit und Leidenschaft und einer vollkommenen Hingabe gegenüber seiner Kunst und ich bin voller Bewunderung dafür – genauso wie ich Traurigkeit spüre wegen der Dinge, die er aufgegeben hat.

Joie: Und er hat so viel aufgegeben, wenn du darüber nachdenkst. Weißt du, Willa, wenn ich darüber nachdenke, was du gerade gesagt hast über die Fans, die so sehr wünschten die Situationen in seinem Leben wären anders ausgegangen … Ich stimme dir bei dieser Feststellung wahrlich zu. Ich denke, die meisten von uns, die sich als Fans bezeichnen, stimmen dem wahrscheinlich zu. Aber ich muss ein Geständnis machen. Ich denke manchmal über Michaels Leben nach und darüber, wie hingebungsvoll er gegenüber seiner Kunst war und wie viel er geopfert hat, um uns glücklich zu machen, und ich fühle mich extrem schuldig deswegen, wie sich die Dinge für ihn entwickelt haben. Ergibt das einen Sinn? Und ich habe mich immer gefragt, ob andere diese Schuld auch spüren oder ob es nur bei mir so ist.

Aber um auf den Song Blues Away zurück zu kommen, weißt du, dieser Song wurde damals Mitte der 70er Jahre geschrieben, und ich finde es interessant, daran zu denken, dass er sogar damals schon wusste, dass es ihm bestimmt war ein sorgenvolles Leben zu führen. Ich meine, das ist es, was der Song grundsätzlich aussagt, denke ich – dass, ganz egal, welche Antwort sie ihm gibt, ganz egal, welches Glück es bedeutet, immer ein Unterton von Traurigkeit bei ihm sein wird.

Willa: Ich glaube, du hast Recht, Joie. So wie er ihr in der Zeile, die du vorhin zitiert hast, sagt: „Du kannst meine Traurigkeit nicht wegnehmen, egal, was du sagst.

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We Are The World – Die Story hinter dem Projekt

Es muss eine Erfahrung gewesen sein, die einen demütig werden lässt, Teil eines Projekts zu sein, das nicht nur die verkaufsstärkste Single aller Zeiten hervorbrachte sondern auch Millionen Dollar zur Bekämpfung der Hungersnot im dürregeplagten Afrika einbrachte.

We Are The World“ wurde am 7 März 1985 veröffentlicht und erreichte innerhalb von nur 3 Wochen Platz 1. Es war der „feel-good“-Hit des Jahres, und ausnahmsweise hörte man in der Musikindustrie einmal auf, sich Gedanken um Profite zu machen und konzentrierte sich stattdessen darauf etwas Gutes zu tun.

Die Entstehungs-Geschichte von „We Are The World“ ist auch nach all den Jahren noch inspirierend.

Der Ansatz der Idee von dem was einmal „We Are The World“ werden würde, kam von dem Entertainer Harry Belafonte. Belafonte war so von Bob Geldorfs Projekt „Do they know it’s christmas“ bewegt, dass er seinen Freund, den Entertainment-Mogul Ken Kragen kontaktierte.

We Are The World

Ich erinnere mich gut an diesen Anruf“ erinnert Kragen sich heute. „Es war am 23 Dezember 1984, als Harry mich anrief, um mir zu sagen ‘hast du gesehen, was Bob Geldorf in London mit „Do they know it’s christmas“ gemacht hat’?“

Zu der Zeit, als Belafonte Kragen anrief, war Geldorfs Song die Sensation und die U.S Nachrichten berichteten über die Bemühungen, Geld für Afrika zu sammeln. „Während diesem Telefongespräch sagte Harry zu mir, dass kaum ein Afrikanischer Künstler an Geldorfs Projekt beteiligt war, und dass wir doch all diese sehr erfolgreichen Afro-Amerikanischen Künstler, wie Prince, Lionel Richie und Michael Jackson hätten, die die U.S. Charts anführten,“ erinnert sich Kragen, der zu der Zeit Lionel Richie und Kenny Rogers managte. „Er schlug vor, wir sollten ein großes Konzert organisieren, um Spenden für Afrika zu sammeln. Und ich schlug ihm vor, ‘warum, übernehmen wir nicht die Idee Geldorfs, und machen eine Platte mit all diesen Künstlern? Das könnte eine noch größere Sache werden, als Geldorfs.’ Und Harry antwortete „Großartig! Tun wir es!’“

Nachdem die erste Idee Lionel Richie und Stevie Wonder unterbreitet wurde, boten beide begeistert an, den Song zu schreiben. Kragen machte dann einen Anruf zu dem berühmten Produzenten Quincy Jones, um ihn über das geplante Projekt zu unterrichten. Jones sagte zu Kragen, er wolle, dass auch Michael Jackson an der Aufnahme beteiligt sein sollte. Jones rief Jackson an, und rief dann Kragen zurück um ihm mitzuteilen, Jackson wolle nicht nur an der Aufnahme beteiligt sein, sondern er wolle mit Stevie und Richie zusammen den Song schreiben. Diese drei kamen dann zusammen, um etwas aufs Papier zu bringen.

Kragen erinnert sich: „Anfang Januar 1985 wurde Quincy etwas nervös, weil der Tag der Aufnahme sich näherte, und alles, was sie (Jackson und Richie) bis dahin für den Song geschrieben hatten, war der Refrain, „We are the world, we are the children’. Schliesslich, nur ein paar Tage vor der Aufnahmesession, kamen Lionel und Michael dann mit dem endgültigen Song.“

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Michael spricht darüber, wie er zu We Are The World kam:

Michael: Quincy Jones rief mich an..ich war im Schlafzimmer in Encino… und er sagte “Smelly” -er nannte mich Smelly- er sagte “Smelly, wir brauchen ein Lied, für die Kinder der Welt… da sterben Kinder. Und ich möchte, dass du und Lionel Richie ein Lied schreibt. Ich fragte auch Stevie Wonder, aber er braucht dafür zu viel Zeit, weißt du, Stevie ist brillant… aber es würde seine Zeit dauern.”  Ich sagte: “Quincy, ich habe gerade Thriller fertig gestellt… ich war so lange Zeit im Studio… mir ist nicht danach.”  Aber er sagte, dass es sehr wichtig für die Kinder sei… und er wußte, wie ich bei Kindern fühle… wie wichtig das für mich ist. Deshalb sagte ich, dass ich es tun werde.

Ich kam also mit Lionel zusammen… wir trafen uns und machten zwei Tage nur so rum (‘goofe of’)… wir machten nichts, außer gegenseitigem Spaß, wir waren albern… weil wir kennen uns schon lange… seit ich acht war, oder so.

Wie trafen sie Lionel Richie?

Michael: Er war die Vorgruppe von den Jackson 5, bei unseren früheren Touren und wenn er fertig mit dem Auftritt war, ging er vor und hielt die Fans zurück… er war also gleichzeitig auch so was wie ein Bodyguard, vorne auf der Bühne, wo er die ganzen Kids zurückhielt. Wir hatten also ein sehr gutes Verhältnis… und lachten über diese alten Zeiten. Also wir hatten viel zu tun… wir redeten, lachten… warfen Sachen nacheinander, blödelten herum und bekamen nichts getan. Aber an dem dritten Tag, ich glaube, es war am dritten Tag, wachte ich mit dieser Melodie in meinem Kopf auf.

Brachte Mr. Richie auch eine Melodie zu ihnen?

Michael: Ja, Lionel brachte auch etwas, er hatte auch etwas in seinem Kopf.

Was war das? Können sie das singen?

Michael: Ja, ich glaube, er hatte es auf Band und er sang es mir vor… er sagte “das ist alles was ich habe und ich hoffe, es gefällt dir” (singt die WATW Melodie.) und das war es.

Mochten sie es?

Michael: Ja, das ist sehr schön.

Und was passierte dann?

Michael: Ich sagte, “gut, hör dir das an” und ich spielte ihm das… nein, das ist nicht das, was dann passierte… ich sagte, “ich habe auch was im Kopf, aber ich möchte ins Studio gehen und es erst alles zusammenfügen, und dann werde ich es dich hören lassen.” Also ging ich ins Studio und machte alle diese Sounds. „There comes a time, when we heed a certain call.”(singt)… das ganze Teil… die Bridge…

Können sie uns kurz demonstrieren, wie sie diese Musik von We Are The World gemacht haben?

Michael: Ich kann mich gut erinnern, ich fiel auf die Knie… und betete zu Gott… ich dankte ihm für die Melodie… weil sie in meinen Kopf kam, weil ich damit zufrieden war, als ich an diesem Morgen aufwachte… sie war so schön… ich nahm dem Kassettenrekorder und nahm es auf…(singt die Melodie vor.) und ich fügte diesen Teil hinzu… das ist der Teil von Lionel.

Arbeiteten sie auch an den Harmonien?

Michael: Die Harmonien… genauso, wie ich es bei The Girl ist Mine machte… nichts anderes, ich nahm die Strings, den Bass, die Akkorde… die Bridge… alles genauso… die gleiche Regel, es sich selbst entwickeln zu lassen.

(Quelle: ‘Mexico Deposition 1993’)

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Zwischenzeitlich hatte Kragen weitere Performer organsiert. „Ich begann an der Spitze der Billboard-Charts“, sagt Kragen. „Michael war auf Platz 1, und so arbeitete ich mich auf der Chart-Liste weiter nach unten vor, mit dem Vorsatz, dass ich am Ende des Tages wieder zwei der Top-20-Leute dazu gebracht haben würde, der Idee zuzustimmen und mitzumachen.“ Schliesslich gewann Kragen 45 Künstler für das Projekt, darunter Daryl Hall, Billy Joel, Huey Lewis & The News, Kenny Loggins, Steve Perry, Smokey Robinson, Kenny Rogers, Tina Turner und Dionne Warwick.

Mein Ziel waren nur 20 Künstler, nicht 45,“ sagt er. „Aber als ich schliesslich Bruce Springsteen gewinnen konnte, der zu der Zeit bei den Rock-Sängern die Nr.1 war, war ich nicht länger der Typ, der anrief, sondern derjenige, der angerufen wurde, und zu dem die Künstler sagten ‘Ich möchte auch mitmachen!’ Ich musste öfters ‘Nein’ sagen, denn wir wollten es auf die verkaufsstärksten Künstler eingrenzen. Aber die Schleusen öffneten sich, und die Liste wuchs auf viel mehr als 20 Künstler.“

Zwei Künstler, die aussen vor blieben, waren Joan Baez und John Denver, beides große Fürsprecher für Notleidende und sehr engagiert in Sachen Hungerhilfe und Obdachlosigkeit. „Baez war zu dieser Zeit nicht in den Charts vertreten, und sie war bei den aktuellen Künstlern nicht die Art Ikone, wie es Dylan war,“ sagt Kragen. „Als ich mit den am Projekt beteiligten Leuten darüber sprach, Denver mit dabei zu haben, sagten sie zu mir ‘John Denver ist momentan so „poppig“, dass es sein kann wenn wir ihn dazu nehmen, einige der „Rocker“ sagen, sie wollen nicht mitmachen, weil sie denken, das Projekt geht zu sehr in Richtung Pop.’“ Denver nahm es locker. Baez war nicht so versöhnlich.

Später wurde John Denver in einer TV-Morgen-Show interviewt und gefragt, warum er nicht an diesem Projekt beteiligt gewesen sei und ob es ihn ärgere,“ sagt Kragen. „John nahm seine Hände und sagte ‘ja, es ärgerte mich so viel (und er hielt seine Hände ganz dicht zusammen). Dann fügte er hinzu ‘aber das wurde noch verringert durch das Mass meiner Bewunderung für das, was sie getan haben’ (und er hielt dabei seine Hände soweit auseinander, wie er konnte) Andererseits verzieh mir Baez jedoch nie, dass ich sie nicht gefragt hatte.“

Schliesslich wurde eine Session für eine Demo-Aufnahme für den 22 Januar 1985 angesetzt. Die Session fand in Kenny Rogers Lion Share Studios statt. „Wir mussten ein Demoband aufnehmen, damit wir es mit der Musik zu den Künstlern schicken konnten,“ sagt Kragen. „Auf dem Band spielen die Musiker von Toto den Rhythmus und beide, Michael und Lionel, gingen in die Tonkabine und nahmen den Song auf. Und das war, was an alle Künstler gesendet wurde.“

Während dieser Session traf Stevie Wonder ein und informierte alle, dass er jetzt bereit sei, den Song zu schreiben. Wonder wusste nicht, dass er schon fertig geschrieben war. Also setzten sich Jackson und Richie ans Piano und spielten Wonder den Song vor. Wonder machte noch einige Vorschläge bevor er wieder ging.

*We Are The World – Demo-Session*

Nach dieser Demo-Session, um 3 Uhr morgens, sassen wir alle zusammen am Boden im Studio: Quincy, Lionel, Michael, ich und Tom Bahler, der Stimm-Arrangeur. Quincy sah uns an und sagte: „Wenn wir nicht alles aufschreiben, wird es in der Aufnahme-Session ein Chaos geben, wir haben es hier nämlich mit Superstars zu tun.“ Also schrieb er die Notenblätter und diese wurden mit den Tapes versendet. Er markierte ganz deutlich, welcher Künstler was singen würde und schrieb die Namen dazu. Wir konnten es auch nicht zulassen, dass die Künstler selbst entscheiden würden, wo sie stehen wollten, also mussten wir im Studio mit Klebeband markieren, wer wo stehen sollte. Sonst gäbe es noch ein Gedränge darum, wer vorne stehen würde, weil sie als Superstars alle daran gewöhnt waren, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Er schrieb auch noch einen Brief, indem er ihnen sagte, sie sollten ihr Ego vor der Tür lassen.“

Als das Datum der Aufnahme näher kam, kam es durch eine ‘last-minute“ Revolte einiger der beteilgten Rock-Sänger fast zum Scheitern des Projekts. Kragen erklärt: „In der Nacht vor der Aufnahme-Session war ich bei den Proben für die American Music Awards, und mir wurde von einem der Manager gesagt, ‘die „Rocker“ würden den Song nicht mögen, er sei ihnen zu sehr „Pop“ und sie wollten nicht neben Nicht-Rockern auf der Bühne stehen. Sie würden denken, es sei nicht gut für ihr Image. Sie würden also das Projekt verlassen und nicht mehr mitmachen.’ Aber als dann der Zeitpunkt für die Aufnahme gekommen war, hatten sie ihre Meinung geändert. Ich fand später heraus, dass sie zu Bruce Springsteen gegangen waren, der ihnen sagte, er würde dabei bleiben, denn es gehe darum Menschen zu ernähren und Leben zu retten. Und in dem Moment vergassen sie ihre Drohung, abzusagen.“

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Die Aufnahme-Session für „We Are The World“ fand am 28 Januar 1985 statt, in der Nacht der American Music Awards Ceremony. Als jeder Künstler sich danach auf den Weg zu den A&A Studios/La Brea Avenue, machte, fuhr eine Limousine nach der anderen auf dem Parkplatz vor. Ausser einem Künstler, was Kragen überraschte, zu sehen. „Eine Menschenmenge sammelte sich, und bald war vor dem Studio Eingang eine große Gruppe versammelt,“ erinnert sich Kragen. „Ich war am Eingang, sah zur Tür hinaus und sah eine Bewegung in der Menge und diesen Typen, der sich durch die Menge drängte. Er kam bis zur Eingangstür und sah zu mir hoch und dann erkannte ich, es war Bruce Springsteen! Und er sagte zu mir ‘Man, ich hab’ einen Parkplatz genau gegenüber in La Brea gefunden.’ Er war selbst gefahren, hatte sein Auto geparkt und dann seinen Weg durch die Menschenmenge gemacht.“

Bruce Springsteen Michael Jacklson

Michael Jackson kam schon vor allen anderen zu der Session und nahm ein paar Tracks und Dinge auf, die später in dem We Are The World-Video zu sehen sein würden. Die wirkliche Session begann etwa um 22.00 Uhr, und es war ein Marathon, der bis zum nächsten Morgen um 8.00 Uhr ging, danach blieben nur noch Jones, Kragen und Diana Ross im Studio.

*Michael’s Solo-Studio Session*

Wir hatten alles gut organisiert,“ sagt Kragen. „Weil Quincy gesagt hatte ‘wenn du Superstars dort hast, kannst du nichts dem Zufall überlassen’. Das war das erste Mal, dass jeder von ihnen in einer solchen Gruppe zusammen gekommen war. Und jeder war überwältigt von dem anderen. Jeder hatte Ehrfurcht vor Bob Dylan, Ray Charles und anderen Superstars, die sie nie vorher getroffen hatten. Billy Joel z.B. traf dort zum ersten Mal Ray Charles, und etwa 6 Monate später hatten sie zusammen ein Album herausgebracht.

Trotz der vielen Egos im Raum, fand die Aufnahmesession ohne Zwischenfälle statt. Nachdem jeder seinen Teil aufgenommen hatte, wurden verschiedene Leute noch gefragt, noch zusätzlich einzelne Teile aufzunehmen.

*Studio Session/  und ein paar Solos*

Springsteen machte ein paar Extras“, sagt Kragen, „und auch Dylan. Aber als er zuerst ans Mikrophon kam, war er wegen den vielen Leuten, die dort anwesend waren so entnervt, dass er kaum etwas heraus brachte. Lionel und Quincy sorgten dann dafür, dass der Raum etwas leerer wurde in dem sie jeden in den Kontrollraum schickten, und dann stetzen sich Lionel, Quincy und Stevie Wonder ans Piano, und jeder von ihnen machte einen perfekten Bob Dylan für Bob. Sie klangen alle wie ein perfekter Dylan, als sie ihn nachmachten. Sie sangen seinen Part für ihn und er hörte zu, dann legte er los und machte es selbst ganz genau so.“

https://www.youtube.com/watch?v=1UfVmJBF-OY&feature=player_embedded

*Bob Dylan – Rehersal für sein Solo*

Jones verbrachte anschliessend Wochen mit dem Fein-Tuning der Session und er holte z.B. Ray Charles und Stevie Wonder noch einmal, um noch mehr Material aufzunehmen.

Wenn du das Video ansiehst, siehst du die Teile der Studioarbeit, die später in den Chor eingefügt wurden“, erklärt Kragen. „Quincy hat nachträglich noch etwas manipuliert. Aber der ganze Chorgesang und die meisten Soli die man im Video sieht, wurden in diesem Studio aufgenommen. Sie ordneten die Mikrophone in einem Halbkreis an, und nahmen den Song auf, indem ein Künstler nach dem anderen sein Solo sang, bis auf Dylans Teil und den zusätzlichen Teilen.

Als das Projekt alle Erwartungen übertraf, wurden Pläne geschmiedet, ein ganzes Album zusammen zustellen, obwohl anfangs nur eine Single geplant war. „Wir wollten mit dem Projekt wirklich viel Geld machen,“ sagt Kragen. „Also entschieden wir, ein Album mit unveröffentlichten Aufnahmen der Künstler, die am Projekt beteiligt waren, zusammen zustellen. Ich sammelte die unveröffentlichten Tracks, die uns dann zugesendet wurden. Die Schwierigkeit bestand darin, dass wir für das Album nur 10 Aufnahmen brauchten, wir aber 20 bekamen. Paul Simon schickte eine Aufnahme, die aber nicht auf dem Album ist. Prince war der erste, der eine Aufnahme schickte, weil er bei der Session nicht dabei war. Ich denke, er bereute, nicht dabei gewesen zu sein und gab uns sofort einen Song, den wir auf das Album nehmen konnten.“

Kragen bestätigt, dass „We Are The World“ die größte Summe einbrachte, „etwa 60 Millionen Dollar. Ich weiß nicht, was mit den anderen Aufnahmen passierte, die wir nicht auf das Album nehmen konnten,“ sagt Kragen. „ich denke, sie wurden den Künstlern zurückgegeben. Das Album kostete $9,98 und davon hatten wir nur einen Dollar an Unkosten zu begleichen. Alles andere war gratis, sogar die Großhändler lieferten umsonst aus, und die Plattenläden verkauften es ohne Eigengewinn. Ich denke, wir zahlten nur für das Venyl und die Verpackung, das war alles.“

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We Are The World“ wurde zu der sich am schnellsten verkaufenden Single der Pop-Ära. Die erste Lieferung von 800.000 Stück war innerhalb von 3 Tagen nach der Auslieferung am 7.3. 1985 verkauft. Und ihr Vermächtnis ist bis heute spürbar.

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Quelle: http://www.goldminemag.com/article/we-are-the-world-25-years-later   

Übersetzung: M.v.d.L.

Lionel Richie über Michael (u.a. auch über „We Are the World“) – „Mit den Augen eines Kindes“: http://all4michael.com/2012/04/09/die-augen-eines-kindes-lionel-richie/

Eine Unterhaltung mit Really, Really Brad Sundberg

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A Conversation with Really, Really Brad Sundberg
Post vom 16/01/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: In dieser Woche haben Lisha McDuff und ich die große Ehre Brad Sundberg begrüßen zu können, der fast zwanzig Jahre lang mit Michael Jackson zusammengearbeitet hat. Er fungierte als technischer Direktor bei der Erstellung der Alben Bad, Dangerous und HIStory und war maßgeblich am Entwurf des Soundsystems auf Neverland beteiligt. Während der Arbeit an Bad gab Michael ihm den Spitznamen Really, Really Brad so wie etwa „I’m Brad, I’m Brad, I’m Really, Really Brad“. Ich könnte mich kaputtlachen!

Seit dem vergangenen Jahr hat Brad Seminare in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Europa angeboten, um seinen Einblick wie auch Aufnahmen aus seiner Arbeit mit Michael Jackson zu zeigen. Mehrere unserer Freunde und Mitwirkenden – wie Lisha, Susan Fast und Joe Vogel – haben an seinem Seminar in Toronto teilgenommen und aus allem, was ich gehört habe, kann ich entnehmen, dass es unglaublich war! Lisha hat Brad gefragt, ob er mit uns reden würde, und er hat Ja gesagt. Brad, vielen Dank, dass du mitmachst!

Brad: Danke Willa, es ist großartig Zeit mit dir und Lisha zu verbringen.

Willa: Ich bin gespannt mehr über dein Seminar  In The Studio with Michael Jackson zu hören. Und wenn ich es richtig verstanden habe, planst du ein ganz besonderes Seminar in Disney World über die Aufnahmen zu Captain EO. Ist das richtig?

Brad: Die Seminare machen sehr viel Spaß, und ich glaube, dies wird mein zehntes sein! Jedes ist ein wenig anders, manchmal füge ich etwas hinzu oder entferne etwas, wenn es die Zeit vorgibt. Damals im Jahr 1984 traf ich Michael zum ersten Mal in den Westlake Studios, wo er mit Matt Forger Captain EO aufnahm. Matt und ich sind die ganzen Jahre über Freunde geblieben und haben an zahllosen Michael-Projekten zusammen gearbeitet. Disney hat nachhaltig angedeutet, dass EO 2014 geschlossen wird, also dachte ich, es würde ganz amüsant sein Matt nach Orlando zu holen und ein Seminar mit ihm zusammen zu machen, mit einer starken Betonung auf dem Captain EO Projekt. Damit es noch mehr Spaß macht, werden wir für das Seminar einen ganzen Tag im Studio sein (einschließlich dem „Family Friday“ Dinner!), dann werden die Teilnehmer die Möglichkeit haben, sich mit uns am nächsten Wochenende in Epcot zu treffen, um mehrere Male EO zusammen anzusehen, weitere Fragen zu stellen und den ganzen Tag im Park verbringen zu können. Ich denke, es wird ein verblüffendes Wochenende für MJ Fans werden.

Lisha: Ich würde sagen, das ist eine Untertreibung! Das Seminar, an dem ich in Toronto teilgenommen habe, war wahrlich unglaublich und außerdem glaube ich nicht, dass schon annähernd genug über Captain EO gesagt oder geschrieben wurde, also ist dies etwas, was ich ungern verpassen würde. Captain EO in Disneys Epcot Center anzusehen ist eine völlig andere Erfahrung, als den Film auf irgendeine andere Art zu sehen, richtig? Nicht nur, dass Captain EO der erste Film mit 4D-Effekten war (also ein 3D-Film mit Spezialeffekten im Kino selbst), sondern er war außerdem der erste Film mit Surround-Sound (Raumklang), der je produziert wurde.

Brad: Das ist korrekt! Ich habe vor einigen Monaten mit Matt Forger gesprochen und wir sprachen über EO. Ich war damals `84/’85 ein Runner (jemand, der Essen, Staubsauger, Kabel etc. besorgt) in Westlake, als Matt die Aufnahmen für Captain EO machte. Disney entwickelte im Grunde  ein rein digitales Soundsystem nur für EO. Matt musste den Klang, wie er im Kino klingen würde, im Studio nachbilden, also hatte er Lautsprecher überall im Raum verteilt, überall waren Kabel … es war fantastisch!  Aber es erlaubte ihm die Musik zu mischen, so dass es immer noch wie Michael klang, aber trotzdem auch diese gigantischen Kinos ausfüllte, die Disney baute.

Im Studio mit Matt Forger

Im Studio mit Matt Forger

Lisha: Ich habe mich immer gefragt, wie das ursprünglich geplant und ausgearbeitet wurde, also bin ich wirklich gespannt darauf, mehr darüber von Matt Forger zu hören. Ich hatte die Gelegenheit den Film vor einiger Zeit in Disneyland zu sehen, und ich erinnere mich, dass überall im Kino Lautsprecher waren, sogar an der Rückwand des Hauses hinter dem Publikum. Captain EO ist aus einer ganzen Reihe von Gründen historisch bedeutend, denke ich, besonders in Hinsicht darauf, wie das Klangkonzept und die 4D-Effekte entwickelt wurden. Es muss aufregend gewesen sein, Brad, Zeuge dessen, wie dies alles zusammengefügt wurde, gewesen zu sein.

Brad: Hier ist eine lustige Randnotiz: Meine Frau und ich sind immer Disney-Fans gewesen, und wir gingen oft sonntags abends zum Essen nach Disneyland. Wir waren am Eröffnungswochenende für Captain EO dort, gemeinsam mit halb Los Angeles, und es war amüsant zu sehen, wie etwas, von dem ich im Studio ein kleiner Teil gewesen war, Disneyland eroberte. Wir haben immer noch unsere Original T-Shirts, so dämlich es sich anhören mag. Und ja, das Kino hat einige Disney-„4D“-Effekte, die die Erfahrung sehr viel umfassender machen, als es nur auf einem Computerbildschirm zu sehen. Dazu kommt noch, dass das Soundsystem original von Matt abgestimmt wurde, also klingt es außergewöhnlich.

Lisha: Ich finde überhaupt nicht, dass es sich dämlich anhört! Ich bin sicher, du bist froh, diese Original T-Shirts behalten zu haben – das ist solch eine großartige Erinnerung. Und ich finde auch, dass das Soundsystem erstaunlich ist, außerdem liebe ich all die theatralischen Spezialeffekte ebenso.

Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass da unter jedem Sitz Kabel lagen, die mit dem Film synchronisierte Bewegungen  erzeugten. Wenn das Raumschiff beim Landen aufprallt, kannst du wirklich die Wirkung des Aufpralls in deinem Sitz spüren. Ein weiterer großartiger Effekt ist, dass da winzige Fächer und Bedunster in den Rückenlehnen eingebaut sind, so dass du, wenn Hooter seine Elefantentöne von sich gibt, einen kleinen Luftzug und Nebel direkt in dein Gesicht geblasen bekommst, gerade so, als würde es direkt aus seinem Rüssel kommen!

Willa: Das ist lustig!

Lisha: Das ist es wirklich! Es gibt auch eine Menge spezielle Lichteffekte, die aus jeder nur vorstellbaren Richtung kommen, sogar von der Unterseite der Sitze, und einen glitzernden Discokugel-Effekt, der eingesetzt wird, wenn sich der „Oberste Führer“ in eine wunderschöne Göttin verwandelt. Auf der großen Leinwand sind unzählig viele Details zu sehen, die du nicht erkennen kannst, wenn du es auf andere Art ansiehst, wie die kleinen, bunten Lichter, die Michaels elektrifiziertes Kostüm schmücken.

Ich denke, die Surround-Sound-Effekte waren ebenfalls amüsant. Ich erinnere mich besonders an die Kampfszene und wie der Klang des Laserfeuers sich so schnell durch das ganze Kino bewegt. Ich konnte hören, wie es über die Köpfe hinweg von der Rückseite des Kinos den ganzen Weg bis nach vorne gerast ist und den Zuschauer so in die Filmszene hineingezogen hat.

Ich befürchte, dass wenn Captain EO erst einmal nicht mehr bei Disney gezeigt wird, es keinen Weg mehr gibt, den Film zu erleben, wie er von seinen Erschaffern, Michael Jackson, George Lucas und Francis Ford Coppola, einem  der herausragendsten Kreativteams, das jemals zusammenkam, beabsichtigt worden war! Dies könnte wirklich die letzte Gelegenheit sein ihn zu erleben.

Willa: Wow Lisha. Du gibst mir wirklich das Gefühl, dass ich dorthin gehen muss, ehe sie schließen. Ich habe Captain EO im Epcot Center nicht mehr gesehen, seit, hmmm … 1986, glaube ich. Und ich erinnere mich daran, wie die Sitze ruckeln  und vibrieren, aber ich erinnere mich nicht mehr an irgendwelchen Nebel aus Hooters Rüssel! Und ich erinnere mich auch nicht mehr an diese Klanglandschaft, die du so lebhaft beschreibst – ich weiß, du bist Musikerin! Ich erinnere mich nur, dass die klanglichen und visuellen und technischen Effekte ziemlich unglaublich waren.

© Disney-From the Walt Disney Archives, for the Archives Web Site Only.

Brad: Captain EO ist anders als jeder andere Sci-Fi-Film oder Musikvideo (Short Film), der jemals gemacht wurde. Es war ein enormes Budget (für die Zeit) und der Pool an Talenten ist ziemlich bemerkenswert. Ja, die Kostüme und Frisuren schreien nach den Achtzigern!! Aber es waren die Achtziger, und es hat Spaß gemacht. Ich kann weder sagen, noch weiß ich es genau, wann die Attraktion geschlossen wird, aber das Gerücht wird lauter, dass seine Tage gezählt sind, also wollte ich das Seminar lieber jetzt als in ein paar Monaten.

Lisha: Wie ich gehört habe, war das Budget beispiellos in der Geschichte. Mit Kosten von 30 Millionen Dollar für einen 17-minütigen Film kommt man auf 1.76 Millionen Dollar pro Minute! Es ist der teuerste Film pro Minute, der je produziert wurde, und es war ein riesiges Unterfangen für Disney, Lucas, Coppola und Michael Jackson. Wie du gesagt hast, Brad, halb Los Angeles tauchte bei der Premiere auf!

Für die Fans, die niemals die Gelegenheit hatten Michael Jackson live auftreten zu sehen, kommt die Erfahrung des 4D-Films dem vielleicht am nächsten, meinst du nicht?

Brad: Ich nehme an, das ist leider wahr. Hatte jemand von euch jemals die Chance ihn live zu sehen?

Lisha: Nein, unglücklicherweise nicht! Ich bin einer der neuen Fans. Mehrere Leute haben gesagt, es sei unmöglich zu wissen, wie es ist Michael Jackson live auftreten zu sehen, bis du es tatsächlich selbst erlebt hast. Was ist mit dir, Willa? Das ist etwas, das ich dich fragen möchte. Hast du Michael Jackson jemals live auftreten sehen?

Willa: Nein, habe ich nicht, und das aus dem gegenteiligen Grund. Ich habe immer eine sehr starke Verbindung zu Michael Jackson gespürt, seit ich wirklich sehr jung, noch in der Grundschule war, und es fühlte sich einfach so intensiv persönlich an, dass ich mir nicht vorstellen konnte, ihn mit tausenden schreienden Menschen zusammen in einem Stadion zu erleben. Und er hat nie irgendwo in meiner Nähe ein Konzert gegeben – ich bin sicher, wenn er das hätte, dann hätte ich einfach nicht widerstehen können. Aber trotzdem … ich hätte auf jeden Fall gehen sollen. Es ist schwer zu erklären, aber das erste Konzert, das ich je sah, war Aerosmith – ein Freund hat mich dazu überredet und es hat wirklich Spaß gemacht, war aber ziemlich überwältigend für mich – und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, Michael Jackson auf diese Art zu sehen. Es fühlte sich für mich einfach nicht richtig an. Obwohl ich es jetzt wirklich bereue.

Lisha: Oh, ich auch. Ich bereue es wirklich – was habe ich nur gedacht?

Willa: Was ist mit dir, Brad? Ich kann mir vorstellen, dass du ihn einige Male erleben konntest …

Brad: Darf ich euch eine oder zwei kurze Geschichten erzählen? 1984, als ich noch im College war, kamen die Victory Tour Tickets im Dodger Stadium in L.A. in den Verkauf.  Ich wollte wirklich dahin, aber du musstest vier Tickets auf einmal kaufen in einer Art Lotterie. Es war kompliziert und teuer, und ich habe es einfach nicht geschafft. Wenn ich nur vier Jahre weiterspule ins Jahr 1988, da habe ich die Show mit meiner Frau von Backstage im Madison Square Garden angesehen!

Willa: Wow!

Brad: Nun, jetzt kommt das Verrückte – ich hatte intensiv mit Michael an EO und Bad gearbeitet und habe Zeit mit ihm verbracht, aber ich hatte ihn niemals auf der Bühne gesehen. Es ging einem durch und durch – es war, als würde ich ihn kennen, aber gleichzeitig keinen Schimmer haben, wer er war.

Willa: Weißt du, ich habe so etwas verschiedene Leute wie Bruce Swedien und Frank Cascio sagen hören, und ich möchte so gern mehr darüber wissen. Das muss erstaunlich gewesen sein, ihn sich von seinem Selbst außerhalb der Bühne in sein Selbst auf der Bühne verwandeln zu sehen.

Brad: Ich hatte das Glück, ihn viele Male auf der Bad, Dangerous und HIStory Tour auftreten sehen zu können, ebenso wie bei seinen Proben mit der Band und den Tänzern. Während einer Show in Paris 1997 bei der HIStory Tour war meine Tochter Amanda (zu der Zeit sieben Jahre alt) mit mehreren anderen Kindern während Heal The World auf der Bühne.

Willa: Oh, das ist wundervoll!

Lisha: Unglaublich.

Brad: Es war amüsant, das zu sehen. Aber meine liebste Tourgeschichte ereignete sich hinter der Bühne während der Bad Tour im Madison Square Garden NYC. Pepsi war der Sponsor, und sie hatten eine VIP-Lounge Backstage. Meine Frau Debbie und ich streiften durch die Räume hinter der Bühne, und ich verschwand in einem Badezimmer. Auf dem Weg nach draußen, der zurück zur Bühne führte, spazierte ich in die VIP-Lounge, um mir eine Pepsi zu nehmen. Es war nur eine andere Person dort: Supermodel Christie Brinkley! Ich sagte Hi und wir unterhielten uns ganz kurz, und ich sagte, ich würde hoffen, dass sie die Show genießen würde und ging dann wieder hinaus. Deb wartete etwas entfernt auf mich und fing an zu lachen, als sie mich sah. Ich ging weiter und sie lachte noch mehr. Ich zog etwa 2 m Toilettenpapier an meinen Schuhen hinter mir her. Ich erzählte ihr, wen ich gerade getroffen hatte, und daraufhin lachte sie noch mehr! OK, ich schweife vom Thema ab, und ich blamiere mich … wie war die Frage noch gleich?

Lisha: Ok, ich könnte schreien vor Lachen. Sorry, aber das ist wirklich saukomisch! Ich hoffe, dass jeder ein Gefühl dafür bekommt, wie lustig es ist, dich diese Geschichten erzählen zu hören!

Willa: Das macht wirklich Spaß! Also ich weiß nur sehr wenig darüber, wie Musikfilme gemacht werden. Was kommt normalerweise zuerst – das Filmen oder das Aufnehmen? Was ich meine ist, wurden bei Captain EO die Songs zuerst aufgenommen und Michael Jackson sang sie dann während der Filmaufnahmen? Oder kam das Filmen zuerst und dann sang er die Songs passend zum Film? Und an welchem Punkt wurdest du in das Captain EO Projekt mit einbezogen?

Brad: Das ist eine großartige Frage, und die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Die Musik wird als erstes aufgenommen, aber manchmal ist es nötig, dass die Musik bearbeitet wird, damit sie in eine bestimmte Szene passt. Er sang im Film lippensynchron zu der Musik, die Matt im Studio aufgenommen hatte. Captain EO war (nach meiner Erinnerung) in einem frühen Produktionsstadium, als ich anfing in Westlake zu arbeiten.

Willa: Und was bedeutet „frühes Produktionsstadium“? Ich weiß wirklich nicht viel über all dies. Waren die Handlung, die Rollen, Songs, Dialoge, Choreografien alle schon ziemlich mit einbezogen, oder gab es noch Details, die ausgearbeitet werden mussten?

Brad: Ich weiß es nicht sicher, da wir nur an der Musik gearbeitet haben. Da ich an vielen Produktionen mitgewirkt habe, ist meine Vermutung, dass der größte Teil der Story geschrieben war, aber die Ad-Libs und Änderungen in letzter Minute noch ins Spiel kamen.

Willa: Das ist interessant. Und wie sehr war Michael Jackson in diese Änderungen in letzter Minute und bei anderen Entscheidungen involviert? War er ziemlich ausschließlich auf seinen Auftritt konzentriert oder hatte er auch Vorstellungen darüber, wie das fertige Stück aussehen und klingen sollte?

Brad: Ich weiß, dass Michael es liebte bei Filmaufnahmen dabei zu sein. Er liebte es zuzusehen und den ganzen Prozess von den Profis zu lernen. So wie ich ihn kenne, stelle ich mir vor, dass er sehr auf seine Performance fokussiert war und wahrscheinlich dem Produktionsteam vertraute. Schließlich ist es schwer mit Francis Coppola und George Lucas etwas falsch zu machen.

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Lisha: Brad, kannst du uns erzählen, wie du mit deinen Seminaren begonnen hast und was jemand erwarten kann, der daran teilnehmen möchte?

Brad: Großartige Frage. Die ganz kurze Version einer langen Geschichte ist, dass ich vor etwa zwei Jahren von einigen französischen Fans angesprochen worden war, meine Geschichten mit ihnen zu teilen. Ich flog im Sommer 2012 für einige Tage nach Paris, und wir hatten eine Gruppe von etwa 12 Personen in einem Studio. Ich brachte Unmengen von Bändern mit Aufnahmen mit und es war irgendwie unorganisiert, hat aber sehr viel Spaß gemacht. Ich nahm dann ein Band mit einer Aufnahme, spielte einen alten Mix ab und erzählte dann von einigen Erinnerungen, die ich dazu hatte.

Willa: Oh, das klingt fabelhaft! Was für ein unglaubliches Erlebnis.

Brad: Sie haben es wirklich genossen, und ich dachte mir, ich sollte es im darauffolgenden Frühjahr noch einmal in New York durchführen. Ich hielt dort zwei Seminare, ergänzte es aber durch einige Videos und ging in Hinsicht meiner Jahre, die ich mit Michael arbeitete, ein bisschen chronologischer vor. Diese Seminare verliefen auch sehr gut,  ziemlich bald hielt ich eins in Orlando, dann in Paris, Stockholm, Toronto und nun wieder am 8. Februar in Orlando ab.

Michael hatte durch seine Musik, seinen Tanz, seine Menschlichkeit, seinen Humor und vielleicht auch durch seinen Schmerz zu vielen Leuten eine einzigartige Verbindung. Ich bin weder in seinen Schuhen gegangen, noch war ich sein bester Freund – aber ich liebte es mit ihm zu arbeiten, und ich bin stolz, dass ich ihn als Freund bezeichnen darf. Ich kann immer noch sein Lachen hören, und ich sehe immer noch seine Begeisterung über einen großartigen Mix im Studio oder ein neues Karussell auf der Ranch. Er war wie niemand, den du jemals vorher getroffen hast. Er war Michael – und wenn ich Menschen ein Gefühl dafür vermitteln kann, wie es war, in seiner Nähe zu sein, dann macht mich das glücklich.

Willa: Das klingt wundervoll. Jeder, mit dem ich gesprochen habe, der an deinem Seminar teilgenommen hat, Brad, schwärmt davon. Stephenson zum Beispiel war bei einem Seminar in New York und schickte uns eine E-Mail darüber mit lauter interessanten Details und Anmerkungen, wie diese hier:

Er spielte Teile einer zweistündigen Aufnahme von MJ und Bill Bottrell, während der Entwicklung von Give In to Me – es war so erstaunlich, denn der Song – die Musik und die Lyrics – entwickelten sich langsam aus experimentellen Klängen von Bills Gitarre und MJ’s Gesang, und du konntest hören, wie es Stück für Stück Form annahm. WOW!!!!!

Und nur die unglaubliche Klangqualität allein in deinen Seminaren … Mir wurde gesagt, es sei, als würdest du zum ersten Mal seine Musik hören – ich meine, sie wirklich hören. Im Anschluss an Captain EO im Epcot Center mit dem vollständigen Erlebnis dessen, wie es ursprünglich beabsichtigt war, ist ein zusätzlicher Bonus.

Brad: Gerüchten zufolge wird Disney Captain EO nach einer ungewöhnlichen Laufzeit irgendwann beenden, also kontaktierte ich Matt Forger und fragte ihn, ob er sich für ein Seminar mit einem speziellen Part über Captain EO und Thriller anschließen würde. Er stimmte zu, es wird also ein ziemlich besonderer Tag werden.

Was einen dann erwartet, ist schwer zu sagen. Ich gehe in jedes Seminar mit einem Minimum an Vorbereitung und sehe dann, wohin es sich entwickelt. Manchmal verbringen wir ein wenig mehr Zeit mit Bad oder wir graben etwas tiefer bei Dangerous. Ich mag es, es ziemlich flexibel zu halten und nicht übermäßig strukturiert. Es gibt gewissen Momente, über die geschrieben worden sind, und über die die Teilnehmer mehr erfahren wollten, aber ich mag es, wenn jemand kommt und keine Vorstellung davon hat, was ihn erwartet. Ich hatte eine Teilnehmerin zu Gast, die ihren Mann, den man nicht gerade als einen Mega-Fan bezeichnen würde, mitgebracht hat. Er war ein wirklich cooler Typ, und es bedeutete so viel für mich, dass er sagte, er hätte den Tag wirklich genossen. Ich mag die Vorstellung, dass etwas über Michaels Arbeitsstil und die Gruppe von erstaunlichen Leuten im Studio zu erfahren, für so viele Menschen, die vielleicht nicht von sich denken, dass sie MJ Fans sind, von Interesse ist. Abgesehen davon habe ich sicherlich einige unglaubliche Fans getroffen, die so sehr schätzen, was ich mache.

Willa: Oh, das klingt fabelhaft, und ich würde gern mehr über seinen Arbeitsstil und den kreativen Prozess erfahren! Wie ich es verstanden habe, komponierte er die meisten seiner Songs, in dem er seine Einfälle mit einem Kassettenrecorder aufnahm – ist das richtig? Er sang die Melodie, die Harmonien, sogar Klänge wie Drums oder Streichinstrumente oder Blechinstrumente oder Gitarrenspuren, um zu zeigen, wie er sich den Klang der Instrumentalisierung vorstellte. So brachte er es dann ins Studio, und was geschah dann? Wie geht der Prozess weiter, seine Ideen von einem Kassettenrecorder in einen Song auf einem Album zu verwandeln?

Brad: Manchmal gaben wir Michael einen Kassettenrecorder, aber vergesst nicht – innerhalb von 45 Sekunden, nachdem wir ihm etwas gegeben hatten, hatte Michael es schon wieder verloren. Im Ernst. Es war typischer für ihn Matt anzurufen (oder jemandem aus dem Team), um sich im Studio zu treffen. Wir brachten dann eventuell John Barnes oder Michael Boddicker mit, damit sie dabei behilflich waren, den Track zusammenzusetzen. Michael sang dann einen Teil der Melodie und die Rhythmus-Parts und wir fingen dann an, es in einem Sequenzer zusammenzusetzen. Andere Male sang er die Teile einfach auf’s Band, und wir ersetzten seine Stimme später durch Instrumente.

Willa: Das ist so interessant! Lisha hatte in einem Posting vor einigen Wochen schon vermutet, dass er es so gemacht hat – dass er Parts sang, die später dann durch Instrumente ersetzt wurden. Lisha, du lagst richtig!

Lisha: Ich bin so fasziniert davon, wie es funktionierte!

Brad: Er liebte es auch mit anderen Songschreibern wie Siedah Garret oder Bill Bottrell an einigen Songs zusammenzuarbeiten.  Wenn ein Song erst einmal über das Stadium als Demo hinaus war, begannen wir damit immer mehr Musiker dazu zu holen, um alles auf eine neue Ebene zu bringen. Während meiner Jahre mit Michael nutzten wir für seine Stimme nie die digitale Tonhöhenkorrektur. Er sang jede Note, jede Notenfolge, jeden Part. Ich gehe bezogen auf diesen Prozess in meinem Seminar sehr ins Detail.

Lisha: Du hast in Toronto erwähnt, dass Bruce Swediens Geheimnis, um eine großartige Leadstimme zu erhalten, vor allem einfach die Wahl des richtigen Mikrofons und eine korrekte Aufnahme ist! Ich bin nicht sicher, ob die Leute überhaupt realisieren, wie eng du mit Bruce Swedien zusammenarbeitest.

Brad: Oh Mann, Bruce ist ein lieber Freund und mein Mentor. Meine Jahre mit Michael hätten ohne Bruce niemals stattgefunden, Punkt. 1986 arbeitete ich an Aufnahmen in Westlake, und Bruce und ich wurden Freunde. Ich denke, er sah mich als Hoffnungsträger und fragte, ob ich bei einer Aufnahme für Michaels neues Album dabei sein wolle. Könnt ihr euch das vorstellen?? Ich ergriff die Gelegenheit!

Lisha: Wie surreal!

Brad: Tagsüber arbeitete ich an einem Werbespot für Taco Bell („Run for the Border!“) und abends sah ich Michael zu, wie er Man in the Mirror oder Smooth Criminal sang.

Willa: Wow, das ist ein Kontrast!

Brad: Es war nichts Geringeres als einfach außergewöhnlich. Als das Album veröffentlicht war, wollte sich Bruce‘ Assistent Craig beruflich verändern, und  so wurde ich für fast eine Dekade Bruce‘ Assistent (Technischer Direktor). Als nächstes folgte Quincys Back on the Block und danach Michaels Dangerous und HIStory. Die verrückte Sache ist, dass jedes dieser Projekte manchmal zwei Jahre oder mehr in Anspruch nahm, wenn du die Produktionszeit insgesamt, die Remixe, Dance Mixes, Video Mixes usw. rechnest. Bruce ist ein Meister, er ist der Meister seiner Zunft. Sein Humor schafft eine ungezwungene Atmosphäre, aber seine Fähigkeit Musik aufzunehmen und zu mischen, eine Klanglandschaft zu erschaffen ist unvergleichlich. Niemand sonst ist wie Bruce, und ich bin dankbar für alles, was er mir beigebracht hat.

Lisha: Ich habe dein Interview in Bruce Swediens neuem Buch The Bruce Swedien Recording Method gelesen, und ich dachte dabei, dass du wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen hast, als du sagst: „Wenn Bruce einen Mix fertiggestellt hat, dann verlässt dieser wirklich die Lautsprecher – er setzt sich genau vor dir und überall um dich herum in Bewegung.“ Es ist einfach eine magische Erfahrung dem zuzuhören, was Bruce Swedien mit Klang alles machen kann.

Wir alle wissen, dass eine Menge technisches Know How nötig ist, um ein großer Klang- und Aufnahmeingenieur zu sein, aber ich bin nicht sicher, ob wirklich verstanden wird, wie viel künstlerisches Geschick und schlicht gutes musikalisches Handwerk einfach auch nötig ist. In deinem Seminar zum Beispiel, Brad, bemerkte ich, dass, als du zur Gruppe gesprochen hast, du ständig deiner eigenen Stimme gelauscht hast, wie sie durch die Lautsprecher klang und sie dann justiert hast. Du hast mehrere Male zu den Reglern hinübergegriffen und winzige Änderungen vorgenommen, was die großartigste Klangqualität zur Folge hatte. Mir kam der Gedanke, dass es der Art und Weise ähnlich ist, auf die ein guter Musiker zuhört und sich dem anpasst, was er hört.

Willa: Das ist interessant!

Brad: Wow Lisha, du hast wirklich aufgepasst! Ich mache meine Frauen zuhause verrückt, weil ich den Equalizer in ihren Autos oder den Klang beim Fernseher einstelle oder wenn wir zu Hause einen Film angucken. Ich bin sogar schon während eines Films aus dem Kino gegangen, weil der Klang so schlecht war.

Lisha: Berufsrisiko! Du hast auch eine faszinierende Geschichte über das Arbeiten mit Bruce Swedien unter nicht gerade optimalen Umständen erzählt und wie du mit Erstaunen beobachtet hast, wie er einen Weg gefunden hat, dass es funktionierte. Es hat mich wirklich überzeugt, dass das Equipment und all die technischen Zaubereien, die bei den Aufnahmen im Spiel sind, zweitrangig sind, gemessen am künstlerischen Geschick der Person, die es ausführt.

Brad: Ich arbeitete einmal mit Bruce in einem Heimstudio in L.A. Es war alles andere als unser typisches tadelloses Umfeld wie das Record One oder die Hit Factory. Es war ein Mischpult in einem Wohnzimmer mit Couches und Lampen und einer typischen Wohnumgebung. Daran ist nichts auszusetzen, aber es nicht ganz das, was wir gewohnt waren.

Lisha: Gelinde gesagt!

Brad: Jedenfalls hat Bruce auf diesem alten Mischpult einen Mix erstellt, der mir eine Gänsehaut verursacht hat – und das tut es immer noch. Er war so deutlich und ausdrucksstark, er passte absolut nicht zu dem Ort seiner Entstehung. So als ob man zu Dairy Queen geht und ein perfektes Lammkarree mit einer großartigen Flasche Wein bekommt. Gott hat Bruce mit einem erstaunlichen Paar Ohren gesegnet und mit dem Talent, Klänge zu erschaffen, die eine Klasse für sich darstellen.

Lisha: Als er zu einer Gruppe Studenten der Full Sail University sprach sagte Bruce Swedien etwas, das mich völlig zum Stillstand brachte. Mit einem sehr einfühlsamen Ton in seiner Stimme sagte er: „Das erste, was ich euch erzählen möchte ist – dass ganz gleich, wie gut ein Song ist oder wie fähig die Musiker sind, die ihn spielen, eine unzureichend ausgeführte Aufnahme und Mix dieses Songs dich kalt lassen wird.“ Hier ist ein Clip dazu:


Was für eine dramatische Aussage! Und ich denke, er hat Recht. Am Ende des Tages ist das musikalische Handwerk, das die Aufnahme- und Klangingenieure zeigen, mindestens so wichtig wie jedes andere musikalische Element in einem Song. Du und deine Kollegen, ihr habt eine so wesentliche Rolle bei der Erschaffung einiger der feinsten Aufnahmen, die jemals produziert wurden, gespielt. Es war wahrlich eine umfassende Zusammenarbeit, und ich habe das Gefühl, Michael Jackson hat das in jeder Hinsicht verstanden.

Brad: Dies soll keinesfalls arrogant klingen, aber es ist schwer zu beschreiben, wie außergewöhnlich es war, im selben Raum zu sein mit Quincy Jones, Bruce Swedien, Rod Temperton, Bill Bottrell, David Foster, Teddy Riley, Greg Phillinganes, Steve Porcaro, Siedah Garrett, Michael Boddicker, John Robinson, David Williams, Paulinho da Costa … Dies Liste ließe sich unendlich fortführen. Außergewöhnlich talentierte Menschen, die alle zusammengearbeitet haben, eine Ansammlung dieser Talente, um Michaels Aufnahmen so musikalisch, kreativ und klanglich unglaublich wie möglich zu machen.

Es brauchte einen Künstler wie Michael, um diese Art Produktionsarmee zusammenzubringen. Ich höre Dinge in diesen Alben, die zahllose Erinnerungen zurückbringen – was aber über dem Ganzen lag, war die Liebe für das, was wir taten und die Liebe für denjenigen, für den wir arbeiteten. Ich denke, Michael wusste das, denn er arbeitete einfach noch ein bisschen härter als jeder andere von uns. Ich lebe nicht in der Vergangenheit, aber ich war so gesegnet, Teil von etwas zu sein, das so viel größer war, als ich es mir jemals hatte vorstellen können, und ich bin dankbar, ein kleiner Teil davon gewesen zu sein.

Lisha: Ich möchte einfach noch sagen, obwohl du sehr bescheiden und zurückhaltend bist, Brad, sollte sich niemand täuschen! Für mich war es ganz offensichtlich, als ich dich bei der Arbeit beobachtet habe, dass es einen Grund dafür gibt, dass du mit all diesen Größen zusammen in einem Raum warst. Ich erkenne, dass du bei allem, was du machst, nach vortrefflicher Leistung strebst – in den Seminaren, im Studio und auf der Neverland Ranch. Ich glaube wirklich, dass ich verstanden habe, warum Michael Jackson dich geschätzt und dir so sehr vertraut hat.

Willa: Und ich bin froh, dass du die Erinnerungen an deine Arbeit mit Michael Jackson und diesem unglaublich talentierten Team von Musikern und Künstlern durch deine Seminare und auch heute mit uns teilst. Es war wirklich wunderbar dich darüber reden zu hören!

Also, ich weiß, dass Lisha vorhat, an deinem Seminar in Orlando am 8. Februar teilzunehmen. Wenn andere auch kommen möchten oder etwas über weitere Seminare herausfinden möchten, wie können sie sich anmelden oder informieren?

Brad: Der 8. Februar in Orlando wird ein außergewöhnlicher Tag werden. Ich habe Matt viele Jahre nicht gesehen, ihn also im selben Raum zu haben, seine Geschichten und Erinnerungen mit ihm zu teilen, wird fantastisch werden. Wir werden über Thriller, Captain EO, Bad, Dangerous und HIStory berichten und außerdem ein paar Überraschungen bereit halten. Das Ganze findet in einem wunderschönen Studio in Orlando statt, und ich werde meine Lautsprecher aus Westlake mitbringen. Das sind genau die Lautsprecher, die Bruce und ich benutzt haben, um Dangerous und HIStory abzumischen. Ihr werdet die Musik und die Mixes ganz genau so hören, wie Michael sie gehört hat.

Zusätzlich werde ich Linda mitbringen, meinen Catering Rock Star, sie wird uns ein außergewöhnliches Essen zubereiten, genauso, wie wir es an den „Family Fridays“ gehabt haben, an denen Michael uns dazu aufforderte, unsere Familien für ein paar Stunden mit Lachen, Geschichten und großartigem Essen mitzubringen.

Tickets kann man hier bestellen:

https://inthestudiowithmichaeljackson.ticketbud.com/in-the-studio-with-mj—orlando

Es gibt auch noch mehr Informationen auf meiner Website:

http://inthestudiowithmj.com

und auf meiner Facebook Seite:

https://www.facebook.com/inthestudiowithmj

Ich freue mich darauf neue Freunde kennenzulernen und einen aufregenden Tag miteinander zu verbringen.

Lisha: Ich kann es kaum erwarten! Wir sehen uns.

Brad-Sundberg

Ebony/Jet Interview 1987, Michael spricht mit Darryl Dennard

Ebony/Jet Interview 1987, Michael spricht mit Darryl Dennard

Michael Jackson Ebony/Jet Interview 1987 conducted by Darryl Dennard backstage during a ‘Bad’ tour rehearsal.

Darryl dennard Ebony

script english: http://mjtranslate.com/pl/interviews/459

Darryl Dennard: Es ist jetzt fast vier Jahre her, seitdem du ein Album aufgenommen hast. Wie fühlst du dich jetzt, wo dein neues Album herauskommt?

Michael: Ich fühle mich wie regeneriert, nachdem ich solange daran gearbeitet habe. Viele Leute sehen nur das Ergebnis der Arbeit. Sie sehen nie die andere Seite, was du durchmachen musst, um zu dem Ergebnis zu kommen. Ich fühle mich regeneriert und glücklich. Es ist wie ein Jubeln, ein Fest: „Wir haben es geschafft“.

Darryl: Wie lange hat es gedauert – du hast 7 oder 8 Songs geschrieben – wie lange dauerte dieser kreative Prozess?

Michael: Ich weiß nicht, wie lange der kreative Prozess dauert. Ich weiß es wirklich nicht. Ich zähle ja nicht einmal die Stunden oder irgendetwas in der Art. Jeder Song ist anders, manchmal geschieht es schnell, manchmal langsam. Keiner kann genau sagen, was der kreative Prozess ist. Ich habe so gut wie nichts damit zu tun. Es wird im Weltraum erschaffen. Es ist Gottes Werk, nicht meins.

Darryl: Wo wir gerade davon sprechen: Gott gibt uns viele Gaben, und du bist mit sehr vielen Gaben gesegnet. Und es scheint, dass auch viel von dir erwartet wird. Bereust du manchmal, so unglaublich berühmt zu sein?

Michael: Manchmal. Nur manchmal. Ich möchte mich manchmal irgendwo einschleichen, ohne einen Aufstand zu verursachen. Und das funktioniert nicht immer. Die Leute fangen an zu schreien – was nett ist, ich sollte mich nicht beschweren.

Darryl: Aber du hast das Recht, dich zu beschweren. Jeder hat das Recht raus zugehen und einfach ungestört zu sein. Aber es sieht so aus, als hättest du nicht das Recht dazu.

Michael: Oh, das ist Teil meines Jobs, würde ich sagen.

Darryl: Was denkst du über den Song Bad? Wir sprachen schon darüber und für mich passt es genau zu dir – du bist der „Schlimmste“ (the badest) – wenn es um die Plattenindustrie geht.

Michael: Oh— also… es ist wirklich anders, als alles, was ich je aufgenommen habe. Was ich je geschrieben habe. Das ist ein mutiges Statement. Ich meine es auf die gute Art – nimm es also nicht zu ernst. Es ist die Art zu sagen, ‘du bist cool’, ‘du bist in Ordnung’, ‘du bist taff’. Ich sage damit nicht, ich bin schlimm/schlecht im Sinn von kriminell. Natürlich werden die Leute es auch so verstehen. Es ist schon ein mutiges Statement.

Darryl: Was ist mit dem Video? Viele Songs dieses Albums haben sozialkritische Aussagen. Auch das (Bad)-Video zeigt das. Ich denke, dass du selbst wahrscheinlich nicht diese Erfahrung gemacht hast, aber ich heisse auch Darryl, und ich bin in Harlem aufgewachsen und ich ging weg, um zu Schule zu gehen und auch ich musste mit Gruppenzwang zurecht kommen. Wie bist du auf die Idee gekommen, so etwas zu machen?

Michael: Es war nicht wirklich meine Idee – es ist eigentlich Teil einer wahren Geschichte.

Darryl: Es ist meine Geschichte…

Michael: Ja, auch deine Geschichte… Aber was wirklich passierte ist, dass dieser Junge… (lacht)…(spricht mit Frank…(lacht) „reiss keine Gesichter..“) – neuer Take…:)

Frank faces

– „Frank, don’t make faces!“ –

Darryl: Du sagtest, dass du das Video nicht selbst geschrieben hast, aber es ist fast wie die Geschichte meines Lebens, aber du sagst, es basiert auf einer anderen Person.

Michael: Ja, dieser Junge ging ausserhalb zur Schule, er kommt aus dem Ghetto und versucht etwas aus seinem Leben zu machen. Er lässt also seine alten Freunde zurück, und als er wieder kommt, in den Ferien, da waren seine Freunde neidisch auf ihn und brachten ihn um. Aber in dem Film sterbe ich natürlich nicht. Es ist also eine wahre Geschichte, die wir aus dem Time- oder Newsweek- Magazine haben. Er war auch ein schwarzer Junge, so wie ich, und ja – es ist eine traurige Geschichte.

Darryl: Was fühlst du, wenn du solche traurigen Geschichten mitbekommst?

Michael: Solche Dinge sind sehr traurig, sehr negativ, denn es ist falsch. Das Leben ist doch so, dass man wachsen möchte und besser werden will – so wie wenn man einen Samen pflanzt und er zu etwas wunderbarem heranwächst und niemals stirbt. Ich denke, so sollten die Menschen sein.

Darryl: Mein liebster Song des Albums ist Man In The Mirror.

Michael: Oh ja… ich mag ihn auch sehr…

Darryl: Ich mag das Feeling…was immer du auf dieser Welt tun möchtest, es beginnt mit dir selbst.

Michael: Das ist auch meine Philosophie: Wenn du die Welt zu einem besseren Ort machen möchtest, sieh dich selbst an, und verändere etwas.(If you want to make the world a better place, take a look at yourself, and then make a change). Die Leute schätzen sich selbst nicht ehrlich ein. Sie zeigen nicht mit dem Finger auf sich selbst, es ist immer der Fehler der anderen. Du solltest dich selbst ändern, dich selbst betrachten, dich selbst verbessern.

Darryl: Wenn du in den Spiegel schaust, bist du mit dem, was du siehst, zufrieden?

Michael: In welcher Beziehung?

Darryl: Hinsichtlich dieser Philosophie…

Michael: Ich bin nie völlig zufrieden. Ich wünsche mir immer, die Welt könnte ein besserer Ort sein. Nein, überhaupt nicht! Ich hoffe, dass ich das mit meiner Musik tun kann, und den Menschen etwas Glück bringen, etwas Freude und Frieden in ihr Leben.

Darryl: Bist du ein Mensch, der viel betet?

Michael: Oh ja, ich bete viel. Ich sehe einen wunderschönen Sonnenuntergang und sage: „Gott, das ist wunderschön.. Danke.“, oder das Lächeln eines Babys, die Flügel eines Schmetterlings oder etwas ähnliches.

Darryl: Auf der Albumversion von I Just Can’t Stop Lovin’ You machst du sehr sinnliche Bemerkungen zu einer Frau, neben der du liegst.

Michael: Ich lag in einem Bett, als ich das aufnahm. Ich lag in einem Bett, zugedeckt und alles…und ich machte die ganze Aufnahme im Dunkeln.

Darryl: Der Text sagt „weil die Leute mich nicht richtig verstehen..“

Michael: Ja, ich sage: „Viele Menschen verstehen mich falsch… Weil sie mich nicht kennen.“ Ich schätze, das stimmt. Die Leute glauben viele verrückte Geschichten, die sie lesen. Manches stimmt, manches nicht…

Darryl: Verletzt es dich, diese verrückten Geschichten zu lesen?

Michael: Manchmal, aber es ist Teil des Jobs…

Darryl: Magst du nicht oft sagen „Hey, das stimmt nicht..“?

Michael: Ja, oftmals. Aber warum der Sache noch mehr Aufmerksamkeit schenken…

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Darryl: Da gibt es noch einen anderen Lieblingssong von mir – nicht so sehr, wie Man in The Mirror – es ist Liberian Girl. Gibt es in deinem Leben ein „Liberian Girl“?

Michael: Nein… ich schrieb das in meinem Haus, im Gameroom, ich spielte Flipper oder so etwas… und der Song schoss mir plötzlich in den Kopf. Ich rannte nach oben und nahm es auf Band auf, und daraus wurde Liberian Girl. Das Gleiche passierte mit „we are the world, we are the children…“ (singt) Ich weiß nicht, warum diese Worte kamen, sie kamen einfach genau so.. „we are the ones who make a brighter day, so let’s start giving…“ Ich habe nicht darüber nachgedacht, es kam einfach so. Es kommt einfach so.

Darryl: Du sagtest, es dauerte so lange, all die verschiedenen Songs für das Album zu machen. Und jeder Song ist unterschiedlich. Du hast Calypso-Einflüsse, Reggae-Einflüsse, bei einem den neuen coolen Sound, Heavy Metal bei einem anderen, Dirty Diana..

Michael: Ich liebe Dirty Diana. Einer meiner Liebsten…

Darryl: Warum?

Michael: Weil es die Lebensgeschichte eines Groupies ist. Ich mag das Wort Groupie nicht – aber es sagt, was es ist. Und es ist, was ich erfahren habe und viele Leute, die „on the Road“ aufgewachsen sind. So wie ich – ich kann mich nicht daran erinnern, nicht aufgetreten zu sein.

Darryl: Glaubst du, du hast etwas verpasst – weil du dich nicht an Zeiten erinnern kannst, wo du nicht aufgetreten bist?

Michael: Sicherlich. Aber ich habe auch viel erreicht. Viele Menschen kommen nie aus ihrer Heimatstadt heraus, und können nicht andere, wunderbare Orte sehen. Viele können nur über die schönen Orte lesen, die ich überall auf der Welt zu sehen bekam. Ich bin sehr glücklich darüber. Du kannst niemals alles haben.

Darryl: Wie fühlt es sich an, wenn du irgendwo ein Konzert gibst, und es sind dort Tausende Menschen die zu dir kommen, nur um das einmal zu sehen.

Michael: Das ist ein wundervolles Gefühl. Besonders, wenn ich sie lachen sehe.. ich liebe die Fans. Es ist wirklich sehr süß… ich bin sehr dankbar. So fühle ich wirklich, ich nehme nichts davon als selbstverständlich.

Darryl: Was würdest du sagen, interessiert dich am Leben am meisten?

Michael: Was mich am Leben am meisten interessiert… ist Lernen. Neue Dinge herauszufinden. Neue Welten zu erforschen. Ich interessiere mich sehr für die menschliche Anatomie, für das Gehirn, so viele verschiedene Dinge…

Darryl: Du bist auch sehr interessiert an den Knochen des Elefantenmenschen Joseph Merrick? Kommt das von deinem Interesse für Anatomie?

Michael: Ich war zwei Mal in der „London school for doctors“ und habe die Überreste von Joseph Merrick angesehen, dem ich mich nahe fühle. Ich liebe die Geschichte des Elefantenmenschen, es ist eine sehr traurige Geschichte.

Darryl: Würdest du gerne irgendwann ein Remake von diesem Film machen?

Michael: Mhhm, vielleicht. Aber ich denke, es wurde schon so gut gemacht, mit David Lynch, dass ich nicht glaube, noch etwas besseres zu dem, was sie gemacht haben, beitragen zu können.

Darryl: Mir gefällt der Teil am besten, nachdem er Vertrauen gefasst hat, und er auf dem Rückweg ist, in der U-Bahnstation, und er schliesslich schreit. „lasst mich in Ruhe!“ (Leave me alone!“)

Michael: Ja… “Leave me alone..I’m not an animal, I’m a human being“ (Lasst mich in Ruhe, ich bin kein Tier, ich bin ein menschliches Wesen)

Darryl: Behandeln wir als Menschen die Leute manchmal wie Tiere?

Michael: Ich glaube schon. Darum geht es im Krieg… bei so vielen Problemen in der Vergangenheit…

Darryl: Hast du Angst vor Krieg?

Michael: Ich glaube, niemand mag Krieg. Und ich mag keinen Krieg, ich möchte Frieden, ich bin ein gewaltfreier/friedlicher Mensch.

Darryl: Hast du schon einmal daran gedacht, eine Art Botschafter zu sein? Wegen der Tatsache, dass du auf der ganzen Welt akzeptiert bist, hast du je gedacht, du könntest ein Botschafter sein?

Michael: Ich empfinde es so, dass ich es mit meiner Musik schon bin und mit dem, was ich mit meiner Musik getan habe. Und es überschreitet alle Grenzen. Ich muss keine politischen Statements abgeben. Ich mache das alles mit Musik. Es überschreitet Sprachbarrieren und alles, es ist für alle Rassen. Ich treffe überall auf der Welt Menschen. Und es macht Spass, Kinder in Indien, oder in welchem Land auch immer zu sehen, die die Musik kennen.

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Darryl: Ok…letzte Frage, ich weiß deine Zeit zu schätzen… Warum hast du dich entschieden, deine World-Tour in Japan zu beginnen und den Fans hier in Amerika nicht vor Ende des Jahres die Chance zu geben, dich zu sehen?

Michael: Wie du dich erinnerst war die Victory Tour ein Tour durch ganz Amerika. Und die restliche Welt bekam nichts. Es ist gut, fair zu sein… Ich glaube sogar, es ist sehr fair, weil die Show viel besser sein wird, wenn wir hierhin kommen. Für mich persönlich ist eine Eröffnungsshow das schlimmste was man ansehen kann. Es ist nie so richtig, wie es sein sollte. Ansonsten tun das meine Manager – was immer sie buchen, wenn ich es mag, gehe ich dorthin. Und ich mag Japan, ich war schon dort.

Darryl: Ist es etwas anderes, weil du zum ersten Mal alleine auf Tour gehst?

Michael: Ich habe schon so vieles gemacht. So viele Solo-Projekte… seit ich jung war, mit 13 Jahren… Soloalben und Soloauftritte in TV-Shows, es ist nur eine weitere Richtung. Natürlich denkt man immer, ich sehe Marlon nicht neben mir, spüre nicht Jermaine, solche Dinge…

……………………..

Übersetzung: M.v.d.L.

Michael Jackson: Unterwanderung von Blackface Stereotypen

by


Michael Jackson: Subverting Blackface Stereotypes
Post vom 02/01/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: In dieser Woche bin ich so begeistert, dass Harriet Manning bei uns ist, die Autorin eines faszinierenden neuen Buches mit dem Titel Michael Jackson and the Blackface Mask, das kürzlich von Ashgate Press veröffentlicht wurde und Lisha McDuff, eine professionelle Musikerin und Musikwissenschaftlerin, die ihre Dissertation über Black or White schrieb, mit der teilweisen Annäherung an dieses Thema als einem Beispiel für „Weißgesichtige Minstrelsy – oder eine Umkehrung der Blackface Minstrel Darstellung“ („Whiteface minstrelsy – or a reverse blackface minstrel performance)“. Lisha hat einige ihrer Gedanken über Black or White in einem faszinierenden Post im letzten Jahr mit uns geteilt. Danke euch beiden, dass ihr hier seid!

Harriet: Hallo. Danke für deine Gastfreundschaft.

Lisha: Danke, Willa! Es ist immer ein Vergnügen.

Willa: Oh, es ist mir immer eine Freude mit dir zu sprechen, Lisha. Und Harriet, da sind so viele interessante Gedanken in deinem Buch, über die wir sprechen sollten! Aber bevor wir eintauchen, bin ich neugierig zu wissen, wie dein Interesse für Michael Jackson und an Blackface Minstrelsy begann. Und dann, wie kam das schließlich zusammen?

Harriet: Es begann, als ich etwas zum Thema Blackface Minstrelsy (der weißen theatralischen Parodie schwarzen Tanzes, schwarzer Musik und Gestik) lernte. Ich war fasziniert von der Tatsache, dass sie trotz ihrer langen Lebensdauer (die Tradition bestimmte die vorherrschende Populärkultur während des 19. Jahrhunderts in U.K. und den Vereinigten Staaten) als seit langer Zeit vorüber betrachtet wurde und der Bekanntheitsgrad ihrer Geschichte nicht sehr hoch ist. Ich fragte mich, wie etwas so Großes einfach verschwinden konnte und grübelte darüber nach, welche Form es wohl heute annehmen würde, in einer Zeit, in der politische Korrektheit „das Schwärzen“ nicht mehr toleriert.

Ich wusste nicht viel über Michael Jackson, aber ich habe darüber nachgedacht: Was wäre, wenn hier das Vermächtnis der Blackface Tradition liegen würde? Ich fing an, die Tanzbewegungen und die schwarzen Stereotypen dieser Tradition zu studieren und erkannte, wie Michael Jackson diese für sich nutzte. Eine wunderbare Schatztruhe öffnete sich: Ich fand nicht nur die Wurzeln in MJ’s Tanz, sondern ich fand auch einen Weg, durch den man ihn verstehen konnte und erkannte die verschiedenen Schwierigkeiten, denen er sich gegenüber sah.

Lisha: Harriet, das ist so faszinierend, und ich muss sagen, dein Buch zu lesen ist eine Erfahrung, die einem die Augen öffnet – nicht nur, um zu verstehen, wie Blackface Minstrelsy sich in Michaels Werken widerspiegelt, sondern auch, um die Minstrel Show als „erstes kommerzielles Popformat“ von Musik zu verstehen. Ich denke, ich fange gerade erst an zu begreifen, wie vorherrschend diese Form der Unterhaltung einmal war. Ein so großer Teil der populären Musik kann bis zur Blackface Minstrelsy zurückverfolgt werden und ich glaube nicht, dass mir das vorher schon bewusst war.

Willa: Mir geht es genauso. Ich hatte keine Vorstellung darüber, dass es so unglaublich populär war und das über so lange Zeit. Ihre Popularität war natürlich fließend, aber es herrschte über ein Jahrhundert vor.

Lisha: Das ist ziemlich unglaublich, wenn du darüber nachdenkst – es ist solch ein riesiger  kultureller blinder Fleck. Wie du sagst, Harriet, trotz der Attraktivität der Minstrel Show auf die Massen im 19. Jahrhundert, schien sich die Blackface Parodie zu verflüchtigen, und es scheint so, als hätten die meisten von uns nicht einmal eine Ahnung davon, wie populär sie einmal war. Gab es ein bestimmtes Ereignis, das die Ursache dafür war, dass der britischen und die amerikanischen Öffentlichkeit plötzlich bewusst wurde, wie beleidigend  die Blackface Parodie war?  Was war passiert, das einen so dramatischen Wandel im Bewusstsein verursacht hat?

Harriet: Die Tradition wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als es auf den Bürgerkrieg zuging und schließlich mit der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten endete, in zunehmendem Maß unsicherer. Sie kam aus der Mode, als ihr Publikum sich immer unwohler mit den rassistischen Inhalten fühlte. Die Blackface Maske wurde daraufhin zu einem Brauch auf der Bühne und das offenkundige, rassistische Material wurde entfernt. Dann verschwand schließlich auch die Maske selbst.

Lisha: Interessant, denn viel von demselben rassistischen Inhalt besteht immer noch, aber in einer subtileren Form. Ich bin so neugierig darauf, was dein Interesse so anhaltend wirklich hier eintauchen ließ und sogar noch mehr über Blackface Minstrelsy aufdeckte?

Harriet: Blackface Minstrelsy war Teil eines Kurses über Black Music, den ich für meinen Abschluss in Musik absolvieren musste. Ich war richtiggehend schockiert dadurch. Die Leute sollten darüber Bescheid wissen.

Willa: Das sehe ich auch so. Wir müssen darüber Bescheid wissen, teilweise weil wir seinen Einfluss heute immer noch erkennen können. Bei seltenen Gelegenheiten sehen wir moderne Darsteller als Blackface, wie in Neil Diamonds Remake von The Jazz Singer von 1980. Ich kann mich immer noch gut erinnern, wie schockierend es sich für mich anfühlte Neil Diamond als Blackface zu sehen. Und in dem Video für Do You Really Want to Hurt Me von Culture Club vergleicht Boy George die Vorurteile, die er gegenüber sich selbst erfahren hat mit rassenbezogenen Vorurteilen, und es gibt da stumme Zeugen als Blackfaces auf den Bänken. Hier ist ein Clip:


Alternativer Link zum Video:

http://www.myvideo.de/watch/7224779/Culture_Club_Do_You_Really_Want_To_Hurt_Me

Lisha: Blackface ist eine wirklich interessante Wahl in diesem Clip, Willa, die sehr wirksam als eine schonungslose Art (as an „in your face“ way / direkt ins Gesicht geschriebene Art) ausdrückt, wie irrational und unbewusst Vorurteile sind.

Harriet: Lest ihr daraus ab, dass Boy George Rassenvorurteile mit Vorurteilen sexueller Art gleichsetzt?

Willa: Ich tue es. Wie ist es mit dir, Lisha?

Lisha: Ja, ich auch. Ich habe bemerkt, dass in vielen Vorträgen, die die Rechte von Homosexuellen betreffen, Rassenvorurteile als ein Weg benutzt werden, aufzuzeigen, wie Menschen in der Geschichte sich dazu berechtigt gefühlt haben andere zu diskriminieren, nur um später erkennen zu müssen, wie schrecklich töricht und unzivilisiert ihre Vorstellungen waren. Zum Beispiel ist es noch nicht lange her, dass es Vorgaben für Bücher gab, die gemischtrassige Ehen einschränkten, genauso wie wir heute immer noch Vorgaben erkennen, die die Rechte für gleichgeschlechtliche Paare einschränken.

Willa: Das stimmt, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob Bürgerrechtler es begrüßt haben, dass ihre Bewegung mit der LGBT Bewegung in Verbindung gebracht wurde. Aber es gibt eine Menge Parallelen, wie du sagst, und ich denke, Boy George deutet das in Do You Really Want To Hurt Me unterschwellig an.

Er steht vor Gericht – wir wissen nicht genau warum, aber es scheint deswegen zu sein, weil er seine Sexualität auf unkonventionelle Weise ausdrückt, oder vielleicht auch, weil er ganz allgemein anders ist. Und die Menschen, die über ihn urteilen – die „Jury bestehend aus seinesgleichen“ – ist aus Leuten zusammengesetzt, die als Blackfaces auf eine Weise auftreten, die die schwarzen Stereotypen Weißer darstellen, welche ja die Grundlage für Blackface Minstrelsy bilden. Also scheint er sagen zu wollen, dass, genau wie die vorherrschende weiße Bevölkerung ihre Ängste und Vorurteile durch Blackface Schwarzen auferlegt, die vorherrschende heterosexuelle Bevölkerung nun ihre Ängste und Vorurteile ihm aufzwingen. Und er tut das auf eine sehr „schonungslose“ Art, wie du sagst, Lisha.

Lisha: Das Wortspiel („in your face“) ist beabsichtigt. Es ist interessant, wie Boy George in dem Video in der Historie zurückgeht, in einen Nachtclub von 1936 und in einen Londoner Fitnessclub von 1957, als ob er alte Verhaltensweisen über Rasse, Geschlechter und Sexualität, die angepasst werden müssen, untersuchen würde.

Harriet: In der Tat hat Blackface Minstrelsy Themen wie Sexualität und Geschlechterzugehörigkeit „unter der Maske“ historisch erkundet, denn Rasse und Sexualität sind durch ihren Glauben an eine „Norm“ (weiß und straight) und an ein sich davon unterscheidendes „Andere“ (schwarz und schwul) grundlegend verbunden.

Willa: Ich wusste das bisher nicht – dass die Blackface Tradition Geschlecht und Sexualität genauso wie Rasse parodiert hat – und war von diesem Aspekt in deinem Buch sehr fasziniert, Harriet. Ich würde heute wirklich gern darüber sprechen.

Lisha: Ich bin davon auch sehr fasziniert. Es half mir wirklich dabei zu verstehen, wie wichtig die frühen Minstrel Shows für Michael Jacksons Werk sind.

Aber es gibt da ein ziemlich neues Beispiel für Blackface, das ich erwähnen möchte, weil ich es so überraschend fand – einen Comedy Act mit dem Titel The Jackson Jive, der in der australischen Variety Show Hey Hey It’s Saturday im Oktober 2009 ausgestrahlt wurde. Unglaublich, diese Darbietung wurde als ein „Song and Dance Tribute“ für Michael Jackson nach seinem Tod aufgeführt.


Den Darstellern und dem Gastgeber der Show scheint es überhaupt nicht bewusst zu sein, dass diese Art Blackface Parodie als Beleidigung rüberkommen könnte – nicht einmal der YouTube Poster scheint ein Problem damit zu haben! Harry Connick Jr. allerdings, der als Gast bei dem Programm dieses Abends dabei war, sagte, er wäre niemals zu dieser Show erschienen, wenn er gewusst hätte, dass eine derartige Aufführung dabei wäre. Aus meiner eigenen (amerikanischen) Perspektive ist es schockierend, dass irgendjemand dies irgendwie lustig finden und als eine akzeptable Form der Unterhaltung sehen könnte.

Harriet: Absolut. Was ich außerdem bemerkt habe, ist, dass als der Moderator Harry Connick Jr. dazu auffordert, seine Bedenken auszudrücken, es anscheinend erklärt werden muss, warum: weil die Nummer in seinem, “Harry Connicks Land”, als beleidigend angesehen werden kann. Dies deutet durch eine Bemerkung an, dass dies nur ein „Problem“ Amerikas ist, die auf diese Art die Show aus der Verantwortung nimmt. Ich bin ganz ehrlich nicht glücklich damit.

Willa: Das ist eine gute Beobachtung, Harriet. Und Australien hat eine lange Historie mit Rassismus – sieh dir nur einfach an, wie die Aborigines behandelt wurden – obwohl ihre Geschichte ganz anders ist als unsere. Sie hatten nicht die Einrichtung der Sklaverei, die in den Vereinigten Staaten für Jahrhunderte existierte, aber es gab Sklaven in Australien und sie haben eine Tradition des Rassismus‘.

Lisha: Daran besteht kein Zweifel. Aber eines der interessanten Dinge an diesem Clip ist für mich, wie er die geografische Besonderheit des Rassismus aufzeigt. Ich denke, Harry Connick Jr. hat Recht – diese Darstellung würde in den Vereinigten Staaten auf eine völlig andere Art wahrgenommen werden. Eigentlich glaube ich nicht, dass dieser The Jackson Jive Auftritt in den Vereinigten Staaten überhaupt ausgestrahlt würde. Ich kann mir überhaupt keinen amerikanischen Sender vorstellen, der eine Blackface Comedy Darstellung ausstrahlen würde, die sich auf diese Art über das Rassenthema lustig macht. Es ist etwas, von dem ich denke, dass Amerikaner es nicht tolerieren würden, vielleicht weil Blackface Parodie solch ein schmerzlicher Teil unserer Geschichte ist.

Harriet: Es wäre auch in England niemals ausgestrahlt worden. Ich bewundere Harry Connick Jr.‘s Erklärung dafür, warum er sich angegriffen fühlt. Es erinnert mich an das Problem mit der Golliwog-Figur (der Erscheinungsform der Blackface Minstrel Rolle mit kreisrunden Augen, breitem Lachen und wolliger Perücke). Die Verteidiger der Golliwog-Figur sagen, es sei harmlos, lustig und niedlich, aber ihre Geschichte (die in rassistischem Spott wurzelt) ist nichts von alldem.

Der Clip erinnert mich an das Video Just Loose It von Eminem aus dem Jahr 2004 (das auch Thema in meinem Buch ist), welches ein weiteres Beispiel dieser Art gemütlichen Rassismus‘ bietet (und in der Form einer eher unverhohlenen zeitgenössischen „Blackface“ Performance).

Willa: Ich mag die Art, wie du das ausdrückst, Harriet – „gemütlicher Rassismus“.  Das ist eine hervorragende Art diese beiden zu beschreiben. Ich habe diesen Jackson Jive Clip noch nie vorher gesehen, Lisha, und es ist durch und durch deprimierend. Es ist ganz besonders verstörend, dass sie Can You Feel It in Blackface aufführen, denn dieser Song handelt ausdrücklich davon, Rassenvorurteile zu überwinden, Joie und ich sprachen darüber im vergangenen August. Es ist einfach erschreckend das zu sehen – und wie du betont hast, Harriet, gibt es diese Andeutung, dass es dein Problem ist, wenn du es beleidigend findest.

Ich erinnere mich, dass es ein ähnliches Empfinden über das Eminem Video gab, als es herauskam – dass, wenn du dich angegriffen fühltest, du einfach keinen guten Sinn für Humor hattest und es dein eigenes Problem war. Und es wurde ziemlich regelmäßig auf MTV gezeigt, was genauso schockierend ist wie die Ausstrahlung der Jackson Jive Darstellung in Australien. Hier ist ein  Link zu Eminems Just Loose It, obwohl ich die Leser warnen muss, dass es wirklich verstörend ist:


Alternativer Link zum Video:

http://www.myvideo.de/watch/5009077/Eminem_Just_Lose_It

Lisha: Das Eminem Video ist meiner Meinung nach so beleidigend, wie es schlimmer nicht sein kann. Wenn Amerikaner versucht sind die moralische Überlegenheit für politische Korrektheit für sich zu beanspruchen und auch dafür ein buchstäbliches „Schwärzen“ nicht zu tolerieren, dann relativiert dieses Video wieder alles. Harriet, du hast darauf hingewiesen, dass Eminem die Tradition des Minstrelsy mit seiner weißen Version von Hip Hop weiterführt, während er Michael Jackson auf eine Art parodiert, „die einhergeht mit den rauesten weißen Darstellungen schwarzer Männer im traditionellen Minstrelsy“.  Das ist sehr milde ausgedrückt, meinst du nicht?

Harriet: Das ist es, Lisha, ja. Wir sollten es nun besser wissen, gerade Eminem, der seine ganze Identität rund um diese Verbindung zu schwarzen Künstlern aufgebaut hat. Eminem scheute auch keine Mühen zu leugnen, dass es da ein Problem mit dem Video gab, was es erst recht schlimm machte.

Willa: Das tut es wirklich. Ich hoffe, diese Performer, einschließlich Eminem, entwickeln sich dahin, dass sie sich eines Tages gründlich für sich selbst schämen. Aber diese Art von offenkundigem Nachspielen von Blackface oder der Bezugnahme darauf ist heute ziemlich selten, nicht wahr

Harriet: Offenkundiges Bezugnehmen auf Blackface ist selten, ja. Dies ist aus zwei Gründen der Fall: zuerst einmal, weil es allzu sehr ein Teil der Geschichte ist, der „nur zu gern vergessen wird“ und zweitens deswegen, weil der Einsatz der Maske sozial immer unakzeptabler wurde, so dass es erzwungenermaßen versteckt werden musste, um subtiler ausgelebt zu werden.

Willa: Aber während es subtil ist, kann es doch immer noch eine kraftvolle Auswirkung haben, wie du in deinem Buch diskutierst. Genau genommen deutest du an, dass die Blackface Tradition einen durchgängigen Einfluss auf unsere Wahrnehmung von Rassenunterschieden gehabt hat, der heute immer noch sehr lebendig ist. Zum Beispiel weist du darauf hin, dass Blackface Darsteller ein ganzes Jahrhundert lang einen stereotypen Blick auf Schwarze als gewalttätig und übersexualisiert und mit dem insgeheimen Bedürfnis weiß zu sein und sich wie Weiße der Oberschicht zu kleiden, gefördert haben – und dies wurde grundsätzlich auf komische Art durch die Rollen des schwarzen Dandys und des ungebildeten Sklaven, Jim Crow, repräsentiert.

Und wir sehen diese Klischees noch heute. Besonders schwarze Männer werden nur zu oft als gewalttätig und sexuell aggressiv porträtiert, ein Vorurteil, das wesentliche gesetzliche und kulturelle Auswirkungen nach sich zieht. Dies kann ein Grund dafür sein, dass die Polizei und die Öffentlichkeit so empfänglich dafür waren, 1993 die Anschuldigungen gegen Michael Jackson zu glauben, entgegen aller Beweise.

Und weiße Kommentatoren beschuldigen Michael Jackson und sogar Barack Obama oft, „zu weiß“ oder „nicht schwarz genug“ zu sein. Was sie damit wirklich sagen, ist, dass Michael Jackson und Barack Obama nicht zu ihrer stereotypen Vorstellung darüber, was es bedeutet schwarz zu sein, passen – Klischees, die während der Jahrzehnte der Blackface Minstrelsy geformt oder zumindest sehr verstärkt wurden.

Harriet: Ja, die Konstruktion des Schwarzseins im Blackface Minstrelsy, einschließlich der Vorstellung vom übersexualisierten männlichen Schwarzen, durchdringen grundlegend die heutige Art zu denken. Ich denke nicht, dass es irgendein Zufall war, dass Michael Jackson Beschuldigungen und Verfolgung für unangemessenes (sprich „gefährliches“ und „unkontrollierbares“) sexuelles Verhalten herausforderte. Die heute existierenden Klischees von Schwarzen  haben alle ihre Wurzeln im Minstrelsy: Schwarze als verrückt, böse und gefährlich („mad, bad and dangerous“) ist die heutige Version der bekanntesten Blackface Rolle, Jim Crow, der ungeschliffen, unberechenbar und unzuverlässig war. Das ist ein grundlegendes und direktes Vermächtnis.

Es gibt auch noch andere Arten, auf die sich Blackface Minstrelsy ebenso  in zeitgenössischer populärer Kultur fortsetzt, nicht zuletzt durch die Aneignung schwarzer Musik, Tanz und Gestik durch Weiße, gewöhnlich ohne deren Anerkennung und in „Whiteface“. Aber das Erbe wird im Hintergrund weiter fortgeführt: in der Arbeit und Präsentation schwarzer Künstler.

Willa: Was, wie du in deinem Buch ausführst, eine sehr komplizierte Performance ist – schwarze Künstler stellen ihre Rasse für weißes Publikum dar. Und du weist darauf hin, dass sich dies heutzutage in der Gewalt, der Frauenfeindlichkeit und Übersexualisierung in vielen Stücken des Hip Hop fortsetzt.

Harriet: Ja, historisch gesehen wurde schwarzen Künstlern der Zugang zur Blackface Minstrelsy Bühne verwehrt bis gut nach ihrer Glanzzeit (nach dem Bürgerkrieg). Als ihnen schließlich erlaubt wurde sich selbst im Minstrelsy zu zeigen, trugen auch sie eine Maske und spielten die traditionellen Klischees vor. Schwarze Darsteller „fügten sich“ augenscheinlich in einem scheinbaren Akt der Selbstverhöhnung und Empörung.

Allerdings wurde angedeutet, dass da sehr viel mehr dran war, dass schwarze Entertainer nämlich eigentlich eine doppelte Parodie ablieferten, die besagte „wenn es das ist, von dem du willst, dass ich es bin, dann ist dies das, was ich sein werde“ und sie trieben es bis zu einem bisher ungesehenen Extrem. Es schien also, dass sie im Handumdrehen manchmal oder auch immer die traditionellen rassistischen Konstrukte untergruben, und das schwarze Publikum wusste dies (während Weiße dazu neigten, dies nicht zu bemerken).

Willa: Das ist solch ein bedeutender Gedanke und ich finde, einer der faszinierendsten Aspekte überhaupt in deinem Buch. Und wir erkennen, dass Michael Jackson diesen Gedanken von „wenn es das ist, von dem du willst, dass ich es bin, dann ist dies das, was ich sein werde“ offenkundig auch ausgedrückt hat in Is It Scary zum Beispiel, wo er wiederholte Male singt „Ich werde genau das sein, was du sehen willst“ („I’m gonna be / Exactly what you wanna see“).

Harriet: Ganz genau. Ein anderes Beispiel ist das gesamte Wacko-Image, von dem vieles (wenigstens in seiner frühen Zeit) durch Michael Jackson selbst hervorgerufen wurde. Verrückt, böse und gefährlich (mad, bad and dangerous) ist das, was er uns immer wieder über sich „erzählt“ hat, nicht nur durch seine Musik, sondern auch in seinem Leben. Wenn man sich Michael Jackson ansieht und durchaus auch Hip Hop Acts in diesem Bezugssystem betrachtet, wird dies wirklich deutlich.

Lisha: Weißt du Harriet, das ist absolut unglaublich, wenn du über den fröhlichen und amüsanten Teil des Verrückten oder des „Wacko-Images“ nachdenkst, das MJ angeblich selbst gefördert hat (Bubbles und die Sauerstoffkammer) und über die Tatsache, dass er zwei Alben herausgebracht hat, die tatsächlich die Titel Bad und Dangerous trugen!

Willa: Daran habe ich gar nicht gedacht, Lisha! Weißt du, als erstes denke ich bei diesem Ausdruck an Lady Caroline Lambs Beschreibung von 1812 über Lord Byron als „verrückt, böse und gefährlich zu kennen“, das war also vor langer Zeit. Und interessanterweise pflegten Byron und die anderen Dichter der Romantik diesen Ruf als Bad Boy, indem sie die Öffentlichkeit dazu aufforderten, sie auf diese Art zu sehen, genau wie Michael Jackson dies bis zu einem gewissen Ausmaß gemacht hat. Aber ich habe dies bisher nicht mit den Titeln der Alben Bad und Dangerous in Verbindung gebracht. Das ist interessant.

Lisha: Es ist auch eine interessante Strategie mit dem Image als Kinderstar und Teenidol umzugehen, dessen sich erwachsen gewordene Künstler so schwer entledigen können.

Harriet, du gehst manchmal ins Detail darüber, Michael Jackson die Blackface Maske aufzusetzen (ich meine eher über-sexualisiert, über-kriminalisiert als ein buchstäbliches Blackface), indem du den Panther Dance in Black or White als ein vorzügliches Beispiel anführst, einem Song, bei dem es ausdrücklich um Rasse geht. Ich war immer fasziniert davon, wie Michael Jackson sich aus dem schwarzen Panter heraus verwandelt, um einen Fedora an einem Tor hängend vorzufinden, neben einem Lichtkreis, ähnlich dem, was wir in den Live Performances von Billie Jean sehen. Er setzt den Hut auf und macht dann einen Schritt in das „Rampenlicht“, um seine Rasse, sein Geschlecht und seine Sexualität „darzustellen“. Diese Szene beschwört für mich jedes Mal Blackface Minstrelsy herauf, und meiner Meinung nach hast du präzise gekennzeichnet, warum dies so ist. Aber es gibt auch etwas daran, das sich vollkommen anders anfühlt. Hast du auch dieses Gefühl?

Harriet: Ja, Lisha. Der Panther Dance für Black or White ist ein gutes Beispiel, bei dem Michael Jackson die Blackface Minstrel Rolle als „verrückt, böse und gefährlich“ spielt. Er läuft Amok, wirft mit Mülleimern, zerschlägt Fensterscheiben und agiert wie der animalische Charakter einer Wildkatze. Michael Jackson gibt uns (dem weißen Publikum und der Musikindustrie) genau das, was wir wollen, im Sinne von Weißen kreierter Vorstellungen schwarzer Männlichkeit.

Was allerdings anders ist, ist die Tatsache, dass dies auf eine fröhliche Vision von Harmonie zwischen den Rassen folgt (das Hauptvideo, in dem „es keine Rolle spielt, ob du schwarz oder weiß bist“), was die Performance von „verrückt, böse und gefährlich“ zu einer zornigen Kritik macht. Es ist eine Kritik in ihrer reinen Extremität. Es ist eine doppelte Parodie.

Die Tatsache, dass Michael Jackson für das Video abgeurteilt und gezwungen wurde, eine öffentliche Entschuldigung herauszugeben, zeigt, wie wir als Publikum mit der Realität dieser Botschaft nicht umgehen können.

Willa: Da stimme ich dir zu, und der Panther Dance ist immer noch von dem „offiziellen“ Black or White Video auf Vevo ausgeschlossen, also offenbar können wir immer noch nicht, mehr als 20 Jahre später, mit der Kraft dieser Botschaft umgehen.

Was für mich am interessantesten in dem Abschnitt über Black or White in deinem Buch war, Harriet, war, wie du die spezifischen Elemente des Panther Dance genau bestimmst, der für dich die Tradition des Blackface Minstrelsy direkt hervorruft und wiederaufbereitet – zum Beispiel seine Haltung mit den gespreizten Beinen, als er auf dem Autodach tanzt. Bevor ich dein Buch gelesen habe, habe ich überhaupt nicht bemerkt, dass diese Positur geradewegs vom Blackface kommt, und in meinen Augen scheint es bedeutsam zu sein, dass wir es gerade in Black or White sehen – welches ein direkter Protest gegen Rassenklischees ist – und nirgendwo sonst in seinem Werk. Ich war wirklich ergriffen davon, und ich denke, es ist wichtig, einige dieser Details konkret anzusprechen.

Was gibt es also zusätzlich zu dem offensichtlichen „Schwärzen“ der Hautfarbe für andere signifikante Merkmale beim Blackface? Ich meine, gibt es bestimmte Gesten oder Tanzbewegungen oder Kostüme, bei denen du, wenn du sie siehst sofort an Blackface Minstrelsy denkst?

Harriet: Ja, Willa, es gibt bestimmte „Blackface“-Gesten, und Michael Jackson verkörpert sie alle. Die Grundbewegungen, aus denen die Tänze der Blackface Parodie zusammengesetzt sind (Tanz war zentral für die Darstellung, da er die Vorstellung von schwarzer Körperlichkeit verstärkt), sind all diejenigen von Michaels eigenem Tanz: Angewinkelte Gliedmaßen mit gebeugten Knien, Drehungen, Zehenstand (Betonung auf der Ferse ebenso wie auf den Zehen, da Sklaven traditionell mit großen, schlenkernden Füßen porträtiert wurden), gleitende Bewegungen und die Kreuzigungspose (im Original auf einem Bein kniend, die Arme ausgestreckt als Sichtbarmachung schwarzer Untergebenheit).

Zu beachten ist, das beim späteren Blackface Minstrelsy – als schwarze Darsteller die Bühne einnahmen – oft weiße Handschuhe (bekannt geworden durch Al Jolson in dem Film The Jazz Singer) zusammen mit knöchelkurzen Hosen und breitkrempigem Hut getragen wurden.

Lisha: Absolut faszinierend. Dies eröffnet eine gänzlich andere Dimension von Michael Jackson für mich.

Willa: Und für mich ebenso. Ich hatte zum Beispiel immer angenommen, Michael Jackson hätte den weißen Handschuh und die kurzen Hosen mit den weißen Socken übernommen, um die Aufmerksamkeit auf die Bewegungen seiner Füße und Hände zu lenken, während er tanzt – und ich denke immer noch, dass es ein großer Teil davon ist. Aber dann habe ich, als Lisha  und ich vor ein paar Wochen in einem Post darüber sprachen, über Fred Astaire als Blackface in Bojangles of Harlem nachgedacht, mit seinen cartoon-artigen riesigen weißen Handschuhen und den weißen Gamaschen über seinen Schuhen und fragte mich, ob eventuell noch mehr dahintersteckt – ob Michael Jackson die Blackface Tradition aufarbeitet, wie du andeutest, Harriet.

Wenn wir den weißen Handschuh und die weißen Socken durch diese Linse betrachten, dann ist es bemerkenswert, dass, während dieses Kostüm ursprünglich dafür entworfen war, um Schwarze als Possenreißer darzustellen – als Zielobjekte für Spott und Verachtung – Michael Jackson diese Kleidung für sich zurückgefordert und elegant gemacht hat. Denkt nur mal daran, wie schön er bei Motown 25 aussah. Dabei er trägt das Kostüm der Blackface Darsteller: den „weißen Handschuh … zusammen mit knöchelkurzen Hosen und breitkrempigem Hut“, wie du beschrieben hast, Harriet. Das ist eine unglaubliche Umformung dessen, wie wir dieses Kostüm „lesen“.

Lisha: Erstaunlich!

Willa: Das ist es wirklich – es haut einen um! Ich weiß, dass wir alle Motown 25 schon vorher tausend Mal gesehen haben, aber hier ist ein Clip und seht doch einfach mal, wie schön und elegant er ist:


Wow. Was für ein eindrucksvoller Akt der Rückforderung und Verwandlung.

Lisha: Fantastisch. Und bedenkt, wie oft dieser ikonenhafte Look in der ganzen Welt bewundert und kopiert wurde.

Willa: Und zu Recht! Er hat die Bedeutung dieses Kostüms vollkommen neu definiert und es zu etwas gemacht, das viele Künstler – einschließlich der weißen – nur anstreben können.

Ebenso faszinierend ist, dass du die „Kreuzigungspose“, wie du es nennst, Harriet,  mit der Geste des demütigen Anflehens und „als Sichtbarmachung schwarzer Untergebenheit“ verbunden hast – ich denke an Al Jolsons ausgestreckte Arme in The Jazz Singer – ganz besonders, da viele von Michael Jacksons Kritikern diese Geste auf die genau gegenteilige Art interpretiert haben, nämlich als Beleg dafür, dass er sich selbst als Messias gesehen habe. Also noch mal, wenn wir ihn durch die Linse der Blackface Tradition betrachten, führt uns das zu einer grundlegend anderen Interpretation.

Harriet: So ist es! Was du sagst, Willa, trifft genau den Kern meiner Auffassung von Michael Jackson und seines Genies und wie wir ihn meiner Meinung nach versuchen sollten zu verstehen.

Wie die traditionelle Blackface Maske – durch die Übertragung von rassenbezogener, sexueller und geschlechterbezogener Identität – war Michael Jackson erstaunlich klug eine Deutung seiner Person auf viele Arten möglich werden zu lassen und darüber hinaus nicht nur auf viele Arten, sondern auf offenkundig widersprüchliche Arten. Dies war einer der zentralen Gründe für seine enorme Popularität (er konnte zu einer einzelnen Person sprechen oder „singen“ und für diese das sein, was sie sich von ihm wünschte). Gleichzeitig jedoch ermöglichte dies auch seinen Niedergang und versorgte seine Gegner mit Futter. Die „Kreuzigungspose“ stellt dies bildlich dar: Sie war die Verbildlichung der schwarzen Untergebenheit und Sinnbild für Größenwahn zugleich. Die veränderte Farbe seines Gesichtes, seine „Maske“, symbolisiert dies ebenfalls: Seine Kritiker lasen darin Selbsthass, aber war es nicht viel mehr eine utopische Vision von Rassenlosigkeit („weiß“, aber keineswegs kaukasisch-hellhäutig, sondern eher farblos)?

Den schwarzen Darstellern traditionell verweigert, wurde die Blackface Maske von Michael Jackson zurückgefordert. Im Grunde drehte er das Innere nach außen. Zusammen mit seinen lyrischen und rednerischen Rufen nach Brüderlichkeit, radierte er sie vollständig aus. Kein anderer zeitgenössischer Künstler ist jemals in die Nähe dessen gekommen. Dass also Michael Jackson die Tanzbewegungen der traditionellen Minstrel Show übernommen hat, ist wirklich nur der Anfang!

Lisha: Ich muss noch einmal sagen, dass ich vollkommen verblüfft bin. Gerade wenn du denkst, du wärst vielleicht auf dem Weg die Breite und die Tiefe in Michael Jacksons Werk zu erfassen, dann kommt etwas wie dieses daher und haut dich wieder aus den Socken.

Harriet, wie verbreitet sind diese Tanzbewegungen und Gesten in zeitgenössischem Tanz und Gesang? Willa und ich sprachen zum Beispiel vorher über Michael Jacksons Verbindung zu Fred Astaire und wie oft Astaire in Michael Jacksons Werken zitiert wird. Aber was selten erwähnt wird, ist, wie viel Astaire und das gesamte Musical Genre Hollywoods schwarzen Tänzern verdankt, einschließlich jenen, die in den frühen Minstrel Shows aufgetreten sind.

Harriet: Blackface-Bewegungen und –Gesten tauchen oft auf, vom Stepptanz bis hin zu Hip Hop.

Fred Astaire und Gene Kelly übernahmen stillschweigend viele schwarze kulturelle Gesten und Gedanken, erkannten dies aber nie formal im Einklang mit der gesamten Produktion des Musical Genres Hollywoods, in dem schwarzen Darstellern die Teilnahme versagt wurde, an. Darin wiederholt sich der Prozess des Blackface Minstrelsy: Einerseits die Aberkennung der Selbstdarstellung der Schwarzen, dagegen andererseits aber der Luxus der Weißen damit spielen zu können. Dass Michael Jackson ständig mit Kritik und Verurteilung für seine Selbstdarstellung, von seiner Hautfarbe über seine Gesichtszüge bis zu seiner wütenden Panther-Darbietung,  kämpfen musste, wiederholt ebenfalls diesen schmerzhaften Prozess.

Willa: Das sehe ich auch so. Es erstaunt mich immer noch, dass weiße Kommentatoren sich im Recht fühlen definieren zu dürfen, was es bedeutet schwarz zu sein und dann versuchen, ihnen ihre Definitionen aufzuzwingen. Für mich ist das die Kernaussage des Blackface – Weiße bürden Schwarzen ihre Klischees auf – in diesem Sinn also ist die Blackface Tradition noch sehr lebendig.

Lisha: Das ist so wahr. Ich bin der Meinung, dass die Szene mit den „afrikanischen Kriegern“ in Black or White sehr viel über von Weißen kreierte Klischees sagt, als Michael Jackson zum ersten Mal überhaupt mit solch einer hellen, „weiß“ aussehenden Haut erscheint. Im Gegensatz zu den anderen ethnischen Tanzszenen in Black or White – die traditionelle Tänzer in ihrer eigenen authentischen Aufmachung zeigen – sind die schwarzen „afrikanischen“ Tänzer mit Filmkostümen und offensichtlichem Bühnen-Make up ausgestattet. Sie tanzen in einem Stil á la Broadway / Hollywood und ihre Gesichter sind mit weißer Asche beschmiert und mit stark stilisierten Stammeszeichnungen versehen. Ich sehe diese Szene als eine Parodie von für die Kamera „weiß gemachten“ afro-amerikanischen Tänzern, die ihre „afrikanische“ Herkunft gemäß den Bedürfnissen und Erwartungen eines hauptsächlich weißen Publikums und der weißen Filmindustrie darstellen. Man könnte von den afroamerikanischen Darstellern, die für die Kameras „weißer gemacht wurden“, sogar als von Michaels eigenem „Stamm“ denken – wo das Whiteface (das weiß gemachte Gesicht eines Schwarzen)  nicht als schwarze Parodie der Weißen genutzt wird, sondern als ein Ausdruck der Realität, dass nämlich schwarze Darsteller ihre „afrikanische Art“ den weißen Empfindungen anzupassen haben. In diesem Sinn hat die Szene für mich sehr viel mit dem Panther Dance gemeinsam.

Willa: Das ist so interessant, Lisha. Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht, bis ich deine Dissertation gelesen habe. Es ist interessant zu denken, dass sie das Schwarze nur „darstellen“, besonders da sie dann enthüllen, dass sie sich auf einem Set in Hollywood und nicht in Afrika befinden. Das erinnert mich an etwas, das James Brown 1973 dem Jet Magazine in einem Interview, das Charles Thomson empfohlen hat, sagte:

Ich weiß dass ich (schau-)spielen kann. Alle Schwarzen können spielen. Der einzige Grund, warum wir heutzutage überleben ist der, dass wir auf gewisse Art für den weißen Mann etwas (vor)-spielen müssen. Zu viele Künstler akzeptieren Rollen, die sie in Filmen darstellen, wo sie doch in Wahrheit überhaupt nicht spielen dürften.

Wie du aufgezeigt hast, Lisha, inszenieren die „afrikanischen“ Tänzer in Black or White diese „Performance“ ihrer Rasse, über die James Brown gesprochen hat, und es ist auch eine sehr interessante Aufarbeitung der Blackface Tradition, auf vielen verschiedenen Ebenen.

Wie du jedoch in deinem Buch zu bedenken gegeben hast, Harriet, war Blackface Minstrelsy nicht einfach ein Forum, um Rassenklischees darzustellen und schwarze Männer und Frauen lächerlich zu machen, sondern im Grunde ein kompliziertes Gebräu widersprüchlicher Impulse. Zum Beispiel beschreibst du die Aneignung der Gestik und Tanzbewegungen der Schwarzen durch Weiße und sagst, dass sie sowohl durch „Liebe“ als auch durch „Diebstahl“ motiviert war – mit anderen Worten, eine Würdigung des schwarzen Ausdrucks ebenso wie ein Impuls  ihn zu stehlen ((in Anlehnung an das Buch „Love & Theft: Blackface Minstrelsy and the American Working Class (Race and American Culture)“ von Eric Lott, Anm. d. Übers.)).

Lisha: „Liebe“ und ziemlich viel des buchstäblichen „Diebstahls“! Viele Weiße sind ganz schön reich durch die Ausbeutung schwarzen musikalischen und geistigen Eigentums geworden.

Willa: Das stimmt, mit Blackface beginnend über Jazz und Rock und nun Hip Hop. Und dieser „Diebstahl“ bereichert nicht nur die Weißen, sondern löscht auch die Errungenschaften der schwarzen Künstler aus dem öffentlichen Bewusstsein. Joe Vogel spricht darüber in The Misunderstood Power of Michael Jackson’s Music (Der missverstandene Einfluss von Michael Jacksons Musik).

Der King of Jazz war für weiße Kritiker nicht etwa Louis Armstrong, sondern es war Paul Whiteman; der King of Swing war demnach nicht Duke Ellington, es war Benny Goodman; der King of Rock war auch nicht Chuck Berry oder Little Richard, nein, es war Elvis Presley.

Und da sind auch komplizierte Kräfte am Werk, psychologisch gesehen, in dieser dualen Motivation von „Liebe“ und „Diebstahl“. Wie du beschrieben hast, Harriet, wurden schwarze Männer durch Minstrelsy verspottet, während es weißen Männern auch ein Ventil bot, einen sublimierten „Neid“ auszudrücken und abzuarbeiten, was eine faszinierende Vorstellung für mich ist – ganz besonders, da Michael Jackson viele Male angedeutet hat, dass die Gegenreaktionen ihm gegenüber durch Neid motiviert wären.

In deiner Diskussion über die „Prostituierten“, einer Darstellung schwarzer weiblicher Stereotypen durch weiße Männer auf der populären Minstrel-Bühne, schreibst du, dass Minstrely „eine kühne und sehr öffentliche Wertschätzung gegenüber dem schwarzen männlichen Körper sei, in der rassenübergreifende Identifikation, einschließlich dem Neid auf eine vermutete unübertroffene Potenz, lauert“. Und du betonst weiter, dass diese „vermutete sexuelle Potenz“ sehr bedrohlich war „in einer Zeit, als körperliche ‚Männlichkeit‘ besonders wichtig für die Selbstachtung weißer Männer der Arbeiterklasse war.

Blackface Minstrelsy erlaubte also weißen Männern sicherlich schmerzliche Klischees darüber, was es bedeutete schwarz zu sein, zu verbreiten, aber es war so viel komplizierter als das. Zunächst einmal erlaubte es auch jenen selben weißen männlichen Darstellern und dem Publikum, damit klarzukommen, was es bedeutete weiß und männlich zu sein.

Harriet: Ganz genau.  Und ab da wird es richtig kompliziert. Eine kürzliche Dokumentation der Blackface Tradition hat den Aspekt der „Liebe“ in den Vordergrund gerückt, dass Blackface eben auch dahingehend gesehen werden konnte, ihr eine konkrete Form zu geben. Diese Berichte argumentieren, dass Minstrelsy ein Weg war, durch den weiße Männer und Frauen insgeheim wirklich in das Schwarzsein eintauchen und ihm nahe sein konnten, in einer Gesellschaft, in der dies ansonsten verdammt wurde. Hiermit verbunden sind Theorien, die den (rassenübergreifenden) homosexuellen Ausdruck, teilweise in dem Stereotyp des „mit Prostituierten“ verkehrenden Transvestiten, erörtern.

Was wirklich am bedeutendsten daran ist, ist zu verstehen, dass die Blackface Maske die Fähigkeit besaß grundsätzlich widersprüchlich zu sein, und dass Michael Jackson diese Erwartungen erfüllte.

Lisha: Ich finde diese Art von Trick in Michael Jacksons Werk so herrlich und nicht weniger als brillant. Ich denke an den Film Ghosts, Harriet, und wie du einige von den Themen, die er in diesem Werk anspricht, interpretierst.

Harriet: Ghosts (dem ich ein Kapitel in meinem Buch gewidmet habe) ist ein Meisterwerk darin, Vorstellungen von unten nach oben zu kehren, und belegt in seiner Erzählung alles von diesen rassenbezogenen Themen, dem Tanz und der Symbolik, über die wir schon gesprochen haben.

Während der Geschichte des Films über die unheimliche Rolle des Maestro (gespielt von Michael Jackson), der durch die Dorfbewohner aus dem Ort vertrieben werden soll (die ihrerseits Angst bekommen durch den Tanz und das Spiel des Maestro und seiner „Familie“), verkörpert Ghosts Schlüsselthemen, auf die wir hingewiesen haben: Rassismus durch das Verspotten des „Anderen“ oder des „Andersseins“, von den Gesten des Minstrel durchdrungene Tanzbewegungen, den Prozess des Darstellers, „anderen das zu geben, was sie sehen wollen“, dies jedoch gleichzeitig durch extreme Übertreibung zu kritisieren und zu unterminieren.

Aber Ghosts theatralisiert den selbstverletzenden Eindruck, den all dies auf schwarze Künstler gehabt haben muss und immer noch hat. Dies wird in einer eindrucksvollen Szene fast am Ende der Geschichte gezeigt. Nach der Bestätigung, dass die Gäste des Maestros immer noch darauf bestehen, dass er den Ort verlässt (obwohl sie mit einer atemberaubenden Vorführung mit Tanz und Gesang „verwöhnt“ wurden), gesteht der Maestro die Niederlage ein und gibt sich geschlagen. Mit Hilfe von computergesteuerten Spezialeffekten werden wir Zeuge davon, wie sich der Maestro auflöst. In einer unangenehmen Szene beobachten wir das Verschwinden von Michael Jackson, wie er zuerst seine Fäuste ballt und dann sein Gesicht auf den Boden stößt, so dass er zerfällt, bis nichts mehr außer Staub von ihm übrig ist.

Ist dies nicht das, was wir in Michael Jacksons wirklichem Leben auch gesehen haben? Das Festhalten an der Darstellung und den Traditionen von Blackface Minstrelsy – an der Blackface Maske – was am Ende zerstörerisch war, und die Welt sah tatenlos zu?

Willa: Ja, obwohl die Selbstzerstörung des Maestros in Ghosts als Illusion entlarvt wird – eine Darstellung, die zeigen soll, dass wichtige Veränderungen in den Emotionen und der Wahrnehmung der Dorfbewohner herbeigeführt werden. Michael Jackson versorgt also wieder einmal – wie in der Blackface Tradition – sein Publikum mit Klischees, an die es schließlich selbst glaubt, und entlarvt diese Klischees dann als falsch.

Harriet: Klare Sache. Wieder einmal kehrt Michael Jackson unsere Wahrnehmung von unten nach oben, er dreht den Spieß um. Allerdings hat, anders als der Maestro, nicht einmal Michael Jackson im „wirklichen“ Leben den Einfluss und das Genie von den Toten zurückzukehren.

Lisha: Oder vielleicht hat er es schon getan! Für eine ansehnliche Anzahl neuer Fans, wie mich selbst, wurden Michael Jacksons Werke 2009 plötzlich lebendig, das kommt einer Wiederauferstehung nahe.

Willa: Und er sagt dies genauso auch in Ghosts vorher. Nachdem der Maestro gestorben ist, kommt er als eine riesige steinerne Statue zurück – ein lebendes Kunstwerk.

Harriet: Interessanterweise dauerte es nicht lange, damals im Juni 2009, als Gerüchte aufkamen, er sei überhaupt nicht tot und sein Tod wäre ein Hoax (Falschmeldung).

Lisha: Ja, eine sehr kleine Hand voll Leute sagte dies, die Medien jedoch sind bedacht darauf, dies über Michael Jackson Fans generell zu sagen. Ich habe sogar einige Nachrichten gelesen, die Jackson Fans als verrückt, böse und gefährlich (mad, bad and dangerous) darstellen – in denen sogar angedeutet wird, dass wenn Michael Jacksons Fans wütend werden, die Leute um ihr Leben fürchten müssten! Kann es sein, dass die Medien und die Öffentlichkeit die Fans brauchen, damit sie diese Rolle spielen, nun, da Michael Jackson gegangen ist?

Willa: Das ist eine interessante Sichtweise, Lisha. Es stimmt, dass viele Medienkanäle entschlossen scheinen, seine Fans als „wacko“ (seltsam) zu porträtieren, aber ich habe auf diese Art noch nie darüber nachgedacht – dass nun wir die Rolle des Anderen einnehmen, die er einst eingenommen hat.

Harriet: Ich frage mich, ob es eher ein letzter verzweifelter Versuch ist, Michael Jackson zu steuern. Ich meine damit, wenn seine Fans als hysterisch oder gestört verstanden werden können, dann kann sein Erfolg und Genie – sein kulturelles und rassenbezogenes Werk – unterwandert und Geschichte umgeschrieben werden. Dies belebt den zentralen Prozess des Black Minstrelsy wieder, demzufolge die schwarze darstellende Person von anderen und für die Bedürfnisse anderer geformt und benutzt wird, und, wie es unglücklicherweise bei Michael Jackson der Fall war, bestenfalls auf Kosten des Selbstgefühls dieses Künstlers, schlimmstenfalls auf Kosten seines Lebens.

Lisha: Ich habe das mulmige Gefühl, dass du damit richtig liegen könntest.

Willa: Hmmm. Ich weiß nicht – ich denke, er hat das auf bedeutende Art untergraben und sein Selbstsein wieder auf eine Art neu bekräftigt, die wir selbst noch nicht ganz verstehen. Was ich meine ist, dass ich denke, dass er den kulturellen Erzählungen, die ihm aufgedrückt wurden, widerstanden hat und sie umschrieb, genauso wie er die Bedeutung des Kostüms des Blackface Minstrelsy neu formulierte.

Ich habe das Gefühl, dass ich mich nicht so gut ausdrücke, aber ich schätze, was ich zu sagen versuche, ist, dass ich sein Leben nicht als tragisch ansehe. Es ist sicherlich wahr, dass ihm schlimme Dinge widerfahren sind, aber er schlug auf kreative und unglaubliche Art zurück. Es ist so, wie wenn ein vielversprechender Athlet paralysiert ist und den Rest seines Lebens auf der Couch verbringt, um sich vorzustellen, was hätte gewesen sein können, dann ist es tragisch. Aber wenn er es irgendwie hinbekommt trotz seiner Behinderung wunderbare Dinge zu erreichen, dann ist es nicht tragisch. Es ist genau das Gegenteil. Es ist inspirierend. Das ist es, wie ich Michael Jackson sehe – tragische Dinge sind ihm passiert, aber er antwortete auf eine Art und Weise, die mich fortlaufend in Erstaunen versetzt und mich inspiriert.

Lisha: Das ist nicht zu bestreiten!

Willa: Also Harriet, ich habe eine letzte Frage an dich. Dein Buch ist faszinierend und ich würde mich freuen, wenn alle Michael Jackson Fans es lesen könnten, aber es ist ziemlich teuer – wie akademische Bücher es oft sind. Ich habe gerade auf Amazon nachgesehen und es kostet $90 mit Hardcover, und sogar die Kindle-Ausgabe kostet $70. Das ist ganz schön happig. Ich denke, Verleger preisen wissenschaftliche Bücher so hoch aus, weil sie grundsätzlich nicht so viel Exemplare davon verkaufen, also müssen sie mehr berechnen, um ihre Kosten zu decken, und weil sie denken, dass die meisten Kopien an Universitätsbibliotheken gehen, wo viele Leser Zugang zu ihnen haben. Ich befürchte aber, dass Fans, die keinen Zugang zu einer Universitätsbibliothek haben und es sich nicht leisten können, es auch nicht lesen können werden. Gibt es einen weniger teuren Weg für Fans an dein Buch zu gelangen?

Harriet: Mein Verleger hat zugestimmt, es im nächsten Sommer als Taschenbuch herauszubringen, falls es sich gut verkauft. In der Zwischenzeit gibt es einen Discount von 50 % für Fans. Geht einfach auf http://www.ashgate.com/isbn/9781409455103 und nutzt den Promotion Code beim Checkout: A13IEC50. Fans können mehr von dem Buch und seinen Illustrationen sehen auf www.facebook.com/michaeljacksonblackfacemask.

Willa: Du hast einige wundervolle Illustrationen in deinem Buch und auf deiner Facebook Seite, einschließlich Fotos von den Aufnahmen für Say Say Say, wo Michael Jackson die Tradition des Blackface Minstrelsy heraufzubeschwören scheint, worüber Joie und ich in einem Post im letzten Herbst ein wenig gesprochen haben. Er trägt eine Art Variation der Blackface Maske, aber mehr wie ein Clown und mit aufgemalten Tränen in den Augen, was die Bedeutung der Maske für mich aus etwas Possenhaftem – einer Komödie – etwas eher Trauriges und tief Empfundenes – eine Tragödie – macht.

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Lisha: Nun, es wird wahrscheinlich niemanden überraschen, dass meine liebsten Illustrationen diejenigen sind, die sich auf Black or White fokussieren, da ich bereits damit aktenkundig geworden bin, dass ich es als eines der besten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts betrachte! Es gibt da einige wirklich faszinierende Illustrationen aus den frühen Minstrel Shows in deinem Buch – sie sind einigen Screen Shots aus dem Panther Dance gegenüber gestellt – die von ungeheurem Wert für jeden sind, der ernsthaft das Werk Michael Jacksons studiert. Harriet, dein Beitrag zu dem bereits eindrucksvollen Schaffenswerk akademischer Literatur über Michael Jackson, besonders in Hinsicht auf Black or White, ist in der Tat sehr bedeutend.

Willa: Ganz meine Meinung, und ich hoffe, du veröffentlichst deine Dissertation auch eines Tages, Lisha. Wir brauchen mehr Michael-Jackson-Forschung! Ich danke euch beiden für die Arbeit, die ihr getan habt und dafür mit mir zusammen darüber zu diskutieren. Es war faszinierend.

„Guerrilla-Dekontextualisierung“ und der King Of Pop

Übersetzung des Artikels: Guerrilla Decontextualization* and King Of Pop (by Aberjhani)

http://www.guerrilla-decontextualization.net/1/post/2012/08/guerrilla-decontextualization-and-king-of-pop-michael-jackson.html

(*Begriffserklärung siehe Artikel-Ende)

In welchem Ausmass könnte der phänomenale Entertainer und Humanist Michael Joseph Jackson in der zweiten Hälfte seines Lebens das Ziel einer ausgedehnten Dekontextualisierungs-Kampagne gewesen sein?

Hardcore Liebhaber von Jacksons Musik und altruistischen humanitären Visionen würden sagen, es steht ausser Frage, dass er Ziel solcher Methoden war. Hardcore Zweifler würden sagen, vielleicht förderte er diese Guerilla-Dekontextualisierung selbst, durch die sich entwickelnden Manipulationen seines öffentlichen Profils als Performance Künstler. Sie verweisen auf die chamelionartige Veränderung seines eindeutig afrozentrischen (afro-amerikanischen) Aussehens in einer Dekade, zu einem androgynen, multi-ethnischem in der nächsten, und in seinen letzten Jahren zu einer fast ätherischen Projektion – einer Figur, vollkommen in dieser Welt, aber irgendwie schon aus ihr hinaus treibend.

Die Antwort auf die Frage, wer wen mit Guerilla-Methoden dekontextualisierte, kann mit einem einfachen Vergleich beantwortet werden. Man sehe sich die Grösse der Buchstaben in Zeitungs-Überschriften an, den Platz, der in Magazinen eingeräumt wurde, sowie der Zeit, die man sich im Radio und TV dazu nahm, um über Jackson zu berichten, als in den 1990-ern und 2005 die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen ihn aufkamen. Dann vergleiche man all diese Elemente – Schlagzeilen etc. – mit denen, die in Berichten genutzt wurden, um etwas diese Vorwürfe betreffendes zu widerlegen, über Gegenbeweise zu berichten, oder um eindeutige Meineide zu bestätigten. Die erstgenannten dominierten die Medien zu einem fast überwältigenden Ausmass, während letztere Elemente fast nicht existierten.

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Oder das: Führe ein Experiment durch indem du dir einen der eher reisserischen Filme der Medien über Jackson ansiehst und dabei den Ton ganz herunter drehst. Ein besonders spannendes Exemplar für dieses Experiment wäre der berühmte „O Gott! Er-lässt- (dangeling) sein-Baby-vom-Balkon-baumeln“- Vorfall. Das Wort „dangle“ (baumeln, herabhängen) ist, wie im Websters Dictionary, definiert als: „to hold loosely and swaying.” („locker und schwankend/taumelnd halten“). Dreh also den Ton ab, wenn du den Nachrichten-Film von Jackson mit seinem jüngsten Kind an der Balustrade ansiehst und du wirst keinen Mann erkennen, der sein Kind auf lockere/wackelige/unsichere Art hält. Wenn man auch die Entscheidung, das Kind für die jubelnde Menge über die Balustrade zu halten vielleicht nicht als beste Eltern-Entscheidung einordnen kann die er je traf, ist es aber sehr deutlich, dass er seinen Sohn sehr sicher festhält. Auf den Gedanken, dass er das nicht tut, kommt man nicht von selbst. Er entstand durch die Tendenz der Medien, die zu dieser Zeit darauf festgelegt waren, das zuhörende, zusehende und lesende Publikum zu präparieren, Verrücktheiten von Michael Jackson zu erwarten. Kurz gesagt: die Leute sahen und hörten das, was ihnen gesagt wurde, dass sie sehen und hören sollten.

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 – Michael mit Paris, auch am Fenster des Hotel Adlon –

 Undeutliche Sprache oder nicht…

Die Essenz von dem, wer und was Michael Jackson war – der Umstand, der ihn wohl deutlicher als alles andere definierte – offenbarte sich in einem Augenblick, der schmerzhaft zu erleben war. Es geschah während des Todschlags-Prozess von Conrad Murray, als die Öffentlichkeit einer Aufnahme Michael Jacksons zuhören durfte, der deutlich unter dem Einfluss von Propofol stand, auf das sich die beliebte Ikone verlies, um schlafen zu können. Das starke Medikament wirkte ähnlich wie ein Wahrheitsserum. Jacksons schwächer werdendes Bewußtsein drückte zuerst seine Angst über die geplanten This Is It Konzerte aus und dann, unter Anstrengung, seine Besorgnis über die Kinder der Welt: „… ich nehme dieses Geld, eine Million Kinder, Kinderkrankenhaus, das größte der Welt, Michael Jacksons Kinderkrankenhaus… Ich werde das für sie tun… Gott möchte, dass ich es tue…“

Ob undeutliche Sprache oder nicht, es waren die Worte, um deren Aussprechen er kämpfte, die den schutzlosen, verletzlichen Kern seines Herzens und seiner Seele offenbarte. Er macht deutlich, die Gewinne der Tour zu nehmen, um damit ein Krankenhaus für Kinder zu bauen. Seine jahrelanges wohltätiges Arbeiten und Spenden hatten schon bewiesen, dass seine Kapazitäten zu Helfen und zu Geben endlos waren. Des weiteren ist dieser Aufnahme auch keinerlei Egoismus zu entnehmen: es geht nur darum, zu tun, was Gottes Wille war. So hat Murray, wenn auch unabsichtlich, weitere eindeutige Beweise für das geliefert, über das sich Jackson selbst sehr bewusst war.

ChildrenHospic

Skandal und Integrität

Die Popkultur selbst, die Mainstream-Medien und Teile der Gesellschaft bedienten sich Jacksons scheinbar überlebensgroßer Persönlichkeit und Talent auf vielerlei ungesunder Art. Skandale sind oft viel profitabler als Integrität. Viele waren entweder eifersüchtig auf ihn oder fürchteten sich vor der Macht seiner zunehmenden Beliebtheit. Die Markt-Mechanismen des seelenlosen Kommerz’, angetrieben durch rücksichtslose Gier formten sein Image um – egal ob es Jacksons Realität entsprach oder nicht- zu einem täglich fetter werdenden Goldesel (cash-cow). Egal, ob einzelne Interessengruppen ihn mochten oder nicht mochten, alle genossen es, sich jedes Stück seines Ruhms, was sie für sich nutzen konnten, herauszuschneiden.

Bedeutet das, die Geschichte seiner wirklichen Intentionen und die authentische Substanz seiner Handlungen wurden zu einem solchen Aussmass guerrilla-dekontextualisiert, dass sogar er selbst möglicherweise – zu Zeiten, in einer Flut von falschen Reflexionen, die das Leben eines Einzelnen verschlingen können – den Blick auf sein innerstes Selbst verlor?

Einige Fragen sind an dieser Stelle vor allem zu bedenken:

Warum war es für viele so wichtig, negative Anschuldigungen, geeignet, das Leben eines Menschen zu zerstören, hervorzubringen, gegenüber nachweislich positiven Attributen, welche die Lebensqualität von Millionen steigerten?

Und genauso wichtig: welchen Einfluss hat dieses Verlangen/Bedürfnis und dessen Ermöglichung durch die Öffentlichkeit auf die Psyche derer, die dem so eifrig nachgehen? Was sind die Welleneffekte/die sich ausbreitenden Wirkungen, die sich in diesem Moment durch unsere ganz normalen Leben fortsetzen?

(By Aberjhani – founder of Creative Thinkers International and co-author of ELEMENTAL The Power of Illuminated Love)

Award-winning author Aberjhani is a member of PEN American Center and the Academy of American Poets as well as the founder of Creative Thinkers International. 

Übersetzung: Mv.d.L.

Guerrilla-Dekontextualisation – Begriffserklärung: Herauslösung von Ereignissen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang (Kontext), mit dem Ziel, verdeckte Absichten zu unterstützen. Das Ergebnis geht oft über eine „einfache“ üble Nachrede hinaus, die üblicherweise durch absichtlich falsche Botschaften, die der Reputation eines Menschen oder einer Organisation schaden, definiert wird. Guerrilla-Dekontextualisation nutzt im heimtückischen Kontrast dazu auch Teilwahrheiten, die aber als ganze Wahrheit hingestellt werden. G-D geht über üble Nachrede oder Verleumdung hinaus, denn man entwickelt dazu eigens eine komplette Kultur, die der Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung dient, mit politischen, finanziellen oder gesellschaftlichen Zielen. http://www.examiner.com/article/putting-text-and-meaning-to-the-guerrilla-decontextualization-test-pt-1-of-2

Der König des Pop und der Pate des Soul

by

Vorwort

Warum mit dem Elefanten tanzen?

Conversations about Michael Jackson, his art and social change

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Leave Me Alone

Die Diskussionen in dem Blog Dancing With The Elephant zwischen der Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buches M Poetica, Dr. Willa Stillwater und dem Gründungsmitglied des MJFC, Joie Collins, oft auch mit Gästen, erscheinen regelmäßig seit August 2011.

Mit dem ausdrücklichen Einverständnis von Willa Stillwater werden die Beiträge künftig als deutsche Übersetzung in diesem Blog veröffentlicht.

Der „Elefant“ hat in mehrfacher Hinsicht Bezug zum Thema Michael Jackson. Warum sie selbst diesen Titel für ihren Blog gewählt haben, erklärten Willa und Joie in ihrem ersten Post. Da gab es Gypsy und Babar, die Elefanten im Leben von Michael Jackson selbst. Für sein Buch Dancing The Dream schrieb er einen Essay mit dem Titel So The Elephants March. Es gibt auch die Geschichte über sechs Blinde, von denen jeder einen anderen Teil eines Elefanten berührt und beschreibt, und deren gemeinsames Bild schließlich nur durch ihren Meinungs- und Erfahrungsaustausch zustande kommt – ein schönes Gleichnis, „wenn man versucht so etwas Kompliziertes und Subjektives wie ein Kunstwerk zu verstehen, speziell bei einem Künstler, der so experimentell ist wie Michael Jackson, der so viele Grenzen verschoben und so viele vorgefasste Meinungen und allgemein anerkannte Sichtweisen in Frage gestellt hat“ und …

… die englischsprachige Redewendung „The Elephant In The Room“ beschreibt den Umstand, dass es ein sensibles Thema gibt, welches unübersehbar im Raum steht, über das zu sprechen alle Anwesenden aber lieber vermeiden würden. Willa hat in diesem ersten Blogpost hierzu folgendes Bild gezeichnet:

„Joie, ich liebe deine Beschreibung des Elefanten im Zimmer. Ich liebe es einfach! Es erzeugt da diesen kleinen Film in meinem Kopf von einem Haufen Leute, die in einem Zimmer sitzen mit einem Elefanten, den niemand eingeladen hat, und jeder fühlt sich unwohl und peinlich berührt und weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Schließlich geht irgendjemand einfach zu dem Elefanten, begrüßt ihn und lädt ihn zum Tanz ein – und sie finden nun alle heraus, dass er im Grunde gar nicht so unheimlich ist. Plötzlich wird aus der peinlichen Situation etwas Angenehmes, und vielleicht wird daraus sogar eine Party. Ich liebe einfach dieses Bild von dem Tanz mit dem Elefanten!“

✨✨🐘✨✨

Der König des Pop und der Pate des Soul

The King of Pop und the Godfather of Soul

19/12/2013

Willa: Ich denke nicht, das es irgend einen Zweifel gibt, dass James Brown einer von Michael Jacksons frühesten und grundlegendsten Einflüssen als Sänger und Tänzer und überdies eine überlebensgroße Person des öffentlichen Lebens war. Wir haben wahrscheinlich alle die Clips von Michael Jacksons Audition bei Motown 1968 gesehen, in denen er I Got The Feelin’  in perfekter James-Brown-Manier darbietet – den Tonfall, die Ausrufe und das Fallen, das „baby baby baby“ in der Pause, die Drehungen und der Shuffle … sogar die selbstsichere Art, in der er während der Eröffnungstakte den Mikrofonständer greift und ihn hinter sich wirft. Es ist eine perfekte Imitation eines neunjährigen musikalischen Wunderkindes, das James Brown geliebt und jede seiner Bewegungen beobachtet hat. Hier ist ein Clip:

Diese Woche sind Joie und ich sehr glücklich, dass sich wieder einmal Charles Thomson zu uns gesellt, ein Journalist, der wahrscheinlich bestens bekannt ist für seine aufschlussreiche Analyse der verzerrten Medienberichterstattung des Prozesses 2005. Mehrere Links zu Charles’ Artikeln haben wir in unserem Reading Room, einschließlich einem kürzlich veröffentlichten Post, den er über Michael Jacksons Teilnahme an den World Music Awards 2006 in London, einem Event, an dem Charles teilnahm, schrieb, und darüber, wie dieser Event in den Medien dargestellt wurde.

Es ist faszinierend, Charles, deinen Bericht der Szenerie in der Earls Court Arena aus erster Hand zu lesen, zusammen mit dem von dir bereit gestellten Videomaterial des äußerst warmherzigen Empfangs, der Michael Jackson hier erwartet hat und dies vergleichst mit dem „Chor der Buhrufe“, über den in den Londoner Boulevard-Medien und später dann auch in den Mainstream-Medien wieder und wieder berichtet wurde. Wie du in deinem Post sagst war dies nicht ein Fall verschiedener Beobachter, die eine Situation nur auf unterschiedliche Art interpretiert haben. Es war „eine völlig frei erfundene Story“, wie du sagst, und das ist ganz offensichtlich in dem Videomaterial, das du zur Verfügung stellst, ersichtlich.

Aber Charles, du bist auch ein „sehr leidenschaftlicher“ James Brown Fan, und du hast sogar mehrere Leute interviewt, die ihn kannten und mit ihm gearbeitet haben, richtig? Wie kam es dazu?

Charles: Witzigerweise war das letzte Mal, dass ich James Brown sah, weniger als drei Wochen vor dieser World Music Award Feier 2006. Er trat im Roundhouse in London auf, um ein Konzert für die BBC zu geben. Ich stand auf Mr. Browns Gästeliste und nahm an einer Pressekonferenz vor der Show teil, wo ich die Chance bekam ihm eine Frage zu stellen. Was für eine Ehre!

Willa: Wirklich?! Du hast tatsächlich mit James Brown selbst gesprochen? Das ist ja großartig! Also, wie kam es, dass du dich für seine Musik interessiertest?

Charles: Es ergab sich durch Michael Jackson, dass ich ein Fan von James Brown wurde. Ich war etwa sieben oder acht Jahre alt, als ich Michael Jackson entdeckte und anfing, seine Musik zu sammeln. Meine Mutter, die damit aufgewachsen war die Jackson 5 zu hören, führte mich an seine früheren Produktionen und generell an Motown heran. Damals hat sich meine Liebe zu Soulmusik entwickelt.

Ich war mir immer bewusst, dass James Brown da war, der ja ständig von Michael und vielen anderen als der größte Entertainer aller Zeiten bezeichnet wurde, aber das war vor der Zeit von YouTube, bevor du „James Brown“ in die Suchmaschine eingeben konntest und Tausende von Videos erschienen.

Willa: Es ist erstaunlich, wie YouTube und ähnliche Seiten verändert haben, wie wir Musik erfahren, nicht wahr? Es ist wunderbar, solch eine Fülle von Videos und Filmen und Konzertmaterial mit einem Fingertipp verfügbar zu haben, aber ich muss zugeben, ich vermisse die Tage, als man noch einen Plattenladen ging, um Alben zu kaufen.

Joie: Yeah, die gesamte Musikindustrie ist in solch einer seltsamen Position heutzutage. Es gibt fast keine Plattenläden mehr. Ich meine, sie existieren nicht. Ich finde irgendetwas daran ziemlich traurig. Obwohl es fantastisch ist, diese Fülle von Musik mit einem Fingertipp verfügbar zu haben, wie du sagst, ist es einfach sehr verrückt, dass wirkliche Plattenläden – und sogar Musikabteilungen in bestimmten Kaufhäusern und Elektronikgeschäften – tot sind.

Und was du gerade über YouTube gesagt hast, lässt mich über mein eigenes Wettern gegenüber MTV nachdenken. Wisst ihr, ich denke immer noch, dass es die Höhe der Absurdität ist, dass es einen Fernsehsender mit Namen Music TV gibt, dessen Programm absolut nichts mehr mit Musik zu tun hat. Und ich habe in der Vergangenheit eine Menge Lärm darüber gemacht, dass sie entweder den Namen ändern oder zu ihren Wurzeln zurückkehren sollten. Aber die Wahrheit ist, sie müssen wirklich einfach ihren Namen ändern, weil das Konzept jetzt ohnehin irrelevant ist, da die Leute nun Zugang zu YouTube und ähnlichen Seiten auf ihren Laptops, Tablets und Telefonen haben.

Charles: Es ist traurig, dass wir unsere Plattenläden verlieren. Der große HMV in Piccadilly, London, wurde kürzlich geschlossen und wurde durch einen Fanartikel-Shop ersetzt, von denen es bereits etwa zehn Stück in Fußgängernähe gibt. Es ist eine Schande, dass so viele Leute nicht bereit sind für gute Musik zu zahlen. Ich kaufe immer die Aufnahmen der Künstler, die ich mag, weil ich möchte, dass es sie in die Lage versetzt, mehr davon zu machen.

Vor diesem Hintergrund muss man sagen, dass – da ich nicht in der Stadt lebe – die Soulabteilung meines örtlichen Plattenladens vor zehn Jahren ziemlich armselig war. Dazu kam noch, dass ich zu jung war für eine eigene Kreditkarte, um online kaufen zu können, und auch zu jung, um allein nach London zu fahren, wo die meisten Plattenläden wahrscheinlich über eine respektable Auswahl verfügten. So kam es also, dass ich jahrelang mein Verständnis, warum Michael James Brown so sehr liebte, durch eine Live CD nährte, die ich auf einem Wühltisch in meiner lokalen Shopping Mall gefunden habe. Die Kraft und Energie der Performance war unglaublich, aber ich habe ihn niemals richtig bei einem Auftritt gesehen.

Im Jahr 2004 entdeckte ich in einer Zeitung, dass James Brown an einem unentgeltlichen Konzert in London teilnahm und dass die Tickets verlost würden. Ich nahm teil und gewann.

Willa: Wow, Charles, du scheinst außerordentliches Glück zu haben, wenn es um James Brown geht! Es ist, als sollte es dein Schicksal sein, über ihn zu berichten.

Charles: Ich habe es als großen Glücksfall empfunden, dass ich zufällig diese Werbeanzeige entdeckt und auch noch Tickets gewonnen habe. Ohne diese zwei unglaublichen Glücksfälle wäre mein Leben wohl sehr viel anders verlaufen. Wie sich herausstellte hatte ich nur ein kleines Zeitfenster, um James Brown zu sehen ehe er starb, also bin ich froh, dass ich so viele Auftritte wie möglich mitgenommen habe.

Jenes Konzert 2004 war eines der ersten Male, bei dem es mir erlaubt wurde mit meinen Freunden nach London zu fahren. Ich war 16 Jahre alt. Außerdem traten noch Ozzy Osborne und Rod Stewart auf, aber James Brown – der 71 Jahre alt war – performte am längsten und gab die beste Vorstellung des Tages. Ich stand stundenlang an, um ganz vorn stehen zu können und er war jede Minute wert. Seine Band war atemberaubend. Er machte seine unverkennbaren Moves und lief immer wieder und wieder auf der Bühne hin und her und schien dabei kaum ins Schwitzen zu kommen. Ich war vollkommen gebannt.

Ich sah ihn 2005 wieder und dann zwei weitere Male 2006. 2005 stand ich genau vorne in der ersten Reihe. Er performte I Got the Feelin’ mit den „baby, baby, baby“-Zusammenbrüchen. Es war unglaublich.

Willa: Er war also oft in London – mehr als ich erwartet hätte – und trat in vielen Shows auf, besonders für einen Mann in seinen Siebzigern.

Charles: Er tourte ständig. Es galt als ziemlich sicher, dass er jedes Jahr eine Tour durch Europa machen würde. Es hielt Mr. Brown nicht nur fit (und er schien sich ein wenig gehen zu lassen, wenn er eine Pause machte, also war es gut für ihn weiter zu arbeiten – er starb 2006 während einer zweimonatigen Unterbrechung, der längsten Arbeitspause, die er seit zehn Jahren eingelegt hatte), sondern es gab auch Dutzende anderer Leute, deren Einkommen von ihm abhing.

Die Beschaffenheit seiner Shows war zum Beispiel dergestalt, dass seine Band unglaublich diszipliniert sein musste. Sie musste auf wahrscheinlich 100 Songs vorbereitet und in der Lage sein, sie je nach Mr. Browns Laune anzustimmen. Er kommunizierte während der gesamten Show mit ihnen durch Handzeichen. Michael Jackson machte das Gleiche auf der Bad Tour, beispielsweise als er signalisierte, wie viele „Stiche“ (bestimmte Moves) er während des Tanzteils von Another Part of Me wollte, indem er ganz diskret Handsignale in seine Dance Moves einbaute.

Willa: Und offenbar waren einige von James Browns an seine Band gerichtete Handsignale Verwarnungen! Jedes Mal, wenn er dir fünf Finger entgegenstreckte, bedeutete das eine Verwarnung. Bei etwa 40 min. wird darüber in Soul Survivor: The James Brown Story gesprochen.

Darüber kann ich mich kaputtlachen, aber es zeigt auch, wie bewusst er alles wahrnahm, was auf der Bühne mit seiner Band und den Background-Sängern vor sich ging. Wenn sie nicht alles gaben und seine Erwartungen nicht erfüllten, dann ließ er es sie wissen, genau dort an Ort und Stelle.

Charles: Mr. Brown konnte nicht einfach eine Show auf die Art machen, die er wollte und einfach die Leute dafür einstellen, die gerade verfügbar waren. Er brauchte seine straff gedrillte Band hinter sich – aber um das zu haben, musste er immer Arbeit für sie haben, andernfalls wären sie nicht unbedingt verfügbar gewesen, wenn er sie gebraucht hätte.

Joie: Das ist unglaublich.

Willa: Das stimmt. Ich habe niemals bisher darüber nachgedacht – dass er seine Band ständig beschäftigen musste, um sie zu halten.

Joie: Und das erklärt wirklich, warum er immer als „der am härtesten arbeitende Mann des Show Business“ bekannt war, nicht wahr?

Charles: Seine Shows waren umwerfend. Obwohl seine Konstitution in späteren Jahren etwas schwankend war – manchmal klang er etwas schwächer oder konnte nicht so energiegeladen tanzen, wie er es normalerweise tat – war die Erfahrung seiner Shows insgesamt außergewöhnlich. Es war, als würde man in eine andere Zeit zurückversetzt oder als würde man Zeuge eines unglaublichen, sehr alten Rituals sein. Jonathan Lethe schrieb 2006 einen brillanten Artikel für das Rolling Stone Magazin mit dem Titel Being James Brown, der die lebhafteste, schönste Beschreibung der Magie und der Mystik einer James Brown Show beinhaltete. Ich empfehle jedem, es sich einmal durchzulesen.

Mehr als jeder andere habe ich erkannt, dass Mr. Brown die Verkörperung des Begriffs „Lebende Legende“ war. Es war bei dem Gig 2005 fast unglaublich, als ich mir meinen Platz direkt vor der Bühne sicherte, dass der James Brown – der TAMI Show und der von Boston `68 und von Zaire `74 – nur ein paar Schritte von mir entfernt auftauchte und auftrat. Ich war für einen kurzen Moment davon überzeugt, dass ich reingelegt worden war und es sich nur um irgendeinen unbekannten Sänger oder Songwriter mit demselben Namen handeln müsste. Die Show war einfach euphorisierend. Ich habe seitdem niemals wieder einen Gig wie diesen erlebt. Es war schwindelerregend. Was für eine Atmosphäre.

Die erste Sache, die er tat, nachdem er herauskam und sich verbeugte, waren ein paar kurze Ausbrüche von Make It Funky, dann warf er das Mikrofon zum Publikum hin, schnappte sich das Kabel und zog es wieder zurück, bevor es jemanden traf. Als es zu ihm zurückflog, drehte er sich um 360 Grad und fing dann den Mikrofonständer mit perfekter Präzision, während er sofort sein typisches Aufheulen hören ließ.

Die Show setzte sich den ganzen Abend in dieser Stimmung fort. Er fiel bei Man’s World direkt vor mir auf die Knie. Als er während der Upbeat Nummern seine Drehungen machte, flogen Schweißperlen über die ersten paar Reihen. Er machte alle seine typischen Moves mit Begeisterung (ausgenommen den Spagat natürlich). Während eines Songs begann meine Kamera Ärger zu machen und ich sah hinunter, um sie wieder funktionsfähig zu machen. Als ich wieder aufsah, sah ich ein Mikrofon auf mein Gesicht zufliegen und schreckte reflexartig zurück. Natürlich stoppte es etwa einen Fuß entfernt kurz vor meinem Gesicht und sprang zurück in Mr. Browns wartende Handfläche, wobei er in Lachen ausbrach. Für den Rest des ganzen Auftritts kam er immer wieder zu mir herüber und ließ mir das Mikrofon entgegenschnellen, woraufhin wir dann zusammen lachten.

Einmal kniete er sich an einer Seite der Bühne hin, nahm seine Schleife ab und gab sie meiner Freundin Angela in die Hand.  Sie hat sie inzwischen mir gegeben, weil ich so ein riesiger Fan bin. Es ist eine so wundervolle Erinnerung, denn es war einfach das großartigste Konzert, bei dem ich je gewesen bin. Als ich ging, nachdem es zu Ende war, konnte ich all die Leute um mich herum hören – die Menge war sehr jung – wie sie ihre Erschütterung und ihr Erstaunen darüber ausdrückten, einfach wie unglaublich er gewesen war, wenn man bedenkt, dass er in seinen Siebzigern war.

Joie: Das klingt erstaunlich!

Charles: Ich sah ihn 2006 zwei weitere Male. Der erste Auftritt war im Juli beim Tower in London – eine großartige Gelegenheit  nach Beendigung meines College Examens zu feiern. Dann, im September 2006 – gerade als ich Journalistik- Student geworden war – kündigte er das BBC Konzert am Roundhouse an, wo ich ihn das vierte und letzte Mal live zu sehen bekam.

Willa: Und da war es, dass du mit ihm gesprochen hast?

Charles: Ja, ich hatte den Geistesblitz, meine neu erworbene Legitimation als Journalistik-Student für ein Interview zu nutzen. Mir wurde gesagt, er wäre nur für einen Tag in der Stadt und würde keine Interviews geben, aber seine Leute luden mich zur Pressekonferenz ein, auf der ich ihm eine Frage über sein neues Album, von dem ich gehört hatte, dass er es aufnahm, stellte.  Dieser Wortwechsel, so kurz er auch war, ist eine meiner am meisten geschätzten Erinnerungen.

Willa: Wie wunderbar!

Charles:  Da ist ein ganz kurzes Gif davon, wie wir miteinander reden, auf meiner Website http://www.charles-thomson.net/about-jamesbrown.html

Traurigerweise starb er weniger als zwei Monate nach dieser  Pressekonferenz. Zwei Jahre später interviewte ich seinen früheren Posaunisten Fred Wesley für das U.S. Journal Wax Poetics. Ich wusste, dass Fred bei diesem letzten Album involviert war – welches niemals veröffentlicht wurde – also befragte ich ihn darüber. Ich hatte mich gefragt, was mit diesen Tracks passiert war, also beschloss ich es herauszufinden. Ich interviewte jeden, den ich finden konnte, der an dem Album beteiligt gewesen war – Musiker, Produzenten, Manager, Sänger – und verfasste daraus einen 5.000-Wort-Artikel: James Brown: Das verschwundene  Album (James Brown: The Lost Album). Zwei Auszüge daraus sind auf meiner Website zu finden. Es wurde die Titelstory auf einem Magazin, das ich herausgab. Mit dem Titel JIVE war es mein abschließendes praktisches Projekt an der Journalistikschule. Eintausend Exemplare wurden davon gedruckt. Ich habe immer noch welche von ihnen. Man kann hier etwas über JIVE lesen und sich hier einige Beispielseiten ansehen:

http://charles-thomson.net/about-jive.html

http://charles-thomson.net/about-jive-spreads.html

Der Artikel über James Brown hat mir einige Monate später einen Preis für das Schreiben einer Dokumentation von der Zeitung Guardian eingebracht, und ich wurde zu einer Art Ansprechpartner für Artikel über sein Leben und sein Werk. Darauf folgende Stücke beinhalteten ein exklusives Interview mit seiner Witwe bei den Feierlichkeiten zu seinem sich zum vierten Mal jährenden Todestag und einer ausführlichen Untersuchung seines humanitären Vermächtnisses:

http://charles-thomson.net/tomi_rae_brown.html

http://charles-thomson.net/feature-big-payback.html

Willa: Ich bin froh, dass du das erwähnst, Charles, weil ich denke, dass seine humanitäre Arbeit nicht sehr bekannt ist.  Ich wusste, dass er ein Konzert in Boston gegeben hat in der Nacht, als Martin Luther King Jr. ermordet wurde, und ich wusste, jenes Konzert wurde von vielen als Zerstreuung einer sehr spannungsreichen Situation und eventuelle Abwendung eines möglichen zerstörerischen Aufstandes gesehen. Am 40. Jahrestag des Todes von MLK hörte ich auf NPE ein Interview http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=89273314 mit David Leaf, dem Regisseur des Films The Night James Brown Saved Boston (Die Nacht, in der James Brown Boston rettete). Hier ist ein Ausschnitt aus diesem Film:

Ich wusste auch, dass er sehr engagiert war, die Bewegung der Schwarzen und den Gedanken von „Ich bin schwarz und ich bin stolz“ (I’m Black and I’m Proud) zu fördern. Aber ich wusste nichts über seine lange Geschichte wohltätiger Arbeit, bis ich Soul Survivor und eine weitere Biografie James Brown: the Godfather of Soul gesehen habe. Hier ist auch dazu ein Video:

Charles: Dieses Konzert in Boston war einer der prägenden Momente in Mr. Browns Karriere. Es zeigte seine außergewöhnliche Bedeutung für die Black Community. In der Nacht von Dr. Kings Ermordung brachen in ganz Amerika Straßenkämpfe aus – auch in den schwarzen Gegenden von Boston. Am folgenden Tag war der Stadtrat drauf und dran, sein Konzert nicht stattfinden zu lassen aus Angst, dass es die Aufrührer in das Zentrum der Stadt – die weißen Gegenden – ziehen würde, aber sie beschlossen stattdessen (ohne Mr. Browns Erlaubnis), dass sie das Konzert im Fernsehen übertragen lassen würden mit der Absicht, die Leute in den Häusern zu halten.

Letztendlich war es so, dass sich nicht nur die Straßenkämpfe nicht ausweiteten – es gab in dieser Nacht auch weniger Berichte über Verbrechen in Boston als es in anderen Nächten der Fall war. Der Fernsehsender zeigte das Konzert wieder und wieder, direkt aufeinander folgend, und die Menschen blieben die ganze Nacht in ihren Häusern, um James Brown zu sehen. Sein beruhigender Einfluss auf die schwarze Gemeinschaft der Stadt war so unglaublich, dass andere Städte nach ihm zu fragen begannen. Washington fragte sofort nach seiner Anwesenheit, und er ging hin und beruhigte die Kämpfe auch dort.

Willa: Offensichtlich war dies der Moment, in dem er als Godfather of Soul bekannt wurde. Dieser Titel bezieht sich auf den Film Der Pate (The Godfather), und es bedeutet, dass er in seiner Fähigkeit Situationen zu kontrollieren so einflussreich wie ein Mafiaboss war – nur kontrollierte er sie, indem er Menschen durch seine Musik bewegte und nicht indem er sie durch Handlanger bedrohte. Dieses Konzept erkennen wir regelmäßig in Michael Jacksons Videos über Musik, die Gewalt überwindet – wie in Beat It, Bad, The Way You Make Me Feel, Smooth Criminal, Heal the World, Ghosts, sogar Captain EO – wir erkennen buchstäblich, wie es durch James Browns Konzerte nach der Ermordung Martin Luther King Jr.’s passiert.

Charles: Im folgenden Jahr brachte das Look Magazin eine Titelstory unter der Überschrift: James Brown: Ist er der wichtigste Schwarze in Amerika? (James Brown: Is He the Most Important Black Man in America?). Im einführenden Abschnitt war zu lesen: „Viele Männer kamen aus dem Ghetto zu Ruhm, und wurden vergessen. Er machte sich die Mühe zurückzukommen.“

Das war der Grund, warum er, trotz seiner verschiedenen Irrungen und Wirrungen, größtenteils den Respekt von Amerikas Black Community behielt. Die Bilder der Menge draußen vor dem Apollo in Harlem, die anstand, um seinen öffentlich aufgebahrten Körper sehen zu können – keine Stars, keine Autogramme, nur die Gelegenheit Respekt zu zollen – waren unglaublich.

Abertausende kamen, nur um einmal an seinem Sarg vorbeigehen und ein leises Goodbye sagen zu können. Er hatte sich diesen Respekt verdient, weil er niemals seine Wurzeln vergaß.

Er hatte sich geweigert aus Augusta wegzuziehen, obwohl ein Umzug nach Los Angeles seine Musikkarriere erheblich unterstützt hätte. Er spendete an Wohltätigkeitsorganisationen, finanzierte Lebensmittelgutscheine und verteilte bei seinen Konzerten Stipendien für das College. Jedes Jahr verschenkte er in Augusta Hunderte von Truthähnen zu Thanksgiving und kaufte Tausende Weihnachtsgeschenke für bedürftige Kinder.

Willa: Das ist wahr. Gemäß der Dokumentationen, die ich gesehen habe, war er sehr großzügig darin etwas an die bedürftigen Menschen in den Gemeinden zurückzugeben, die ihn unterstützt hatten, ganz besonders in Augusta und Harlem. Und er engagierte sich für die Förderung von Erziehung und Ausbildung, wie etwa durch seine „Don’t Be a Dropout“-Kampagne (Sei kein Schulabbrecher-Kampagne).

Charles: Aber wie bei Michael Jackson erstreckte sich sein humanitäres Wirken über seine Taten hinaus bis hinein in seine Musik.

Willa: Ja, wie du in deinem Artikel aufzeigst, sah James Brown Musik als einen Weg die Welt zu verbessern – „diese Kinder zu einem besseren Leben und einem besseren Ort zu führen“, wie du ihn aus seiner Einführungsrede in der U.K. Music Hall of Fame zitiert hast. Wir sehen diesen Gedanken definitiv ebenso fortgeführt durch Michael Jackson – diese Musik und die Künste können Menschen aufrichten und uns dazu inspirieren einen besseren Ort aus der Welt zu machen.

Charles: Bootsy Collins – in den frühen 1970ern für eine kurze Zeit James Browns Bassist – veröffentlichte vor etwa zwei Jahren ein Album, das einen Tribute Song mit dem Titel JB-Still The Man enthielt. Es war eine Zusammenarbeit  mit Reverend Al Sharpton, der Mr. Brown in einem Instrumentalstück im James-Brown-Stil pries.

Willa: Hier ist ein Video – natürlich von YouTube! – und es sieht aus, als hätte Bootsy Collins es selbst hochgeladen:

Charles: Ein Abschnitt des Songs lautet folgendermaßen:

Jedes Mal, wenn ein Künstler in ein Studio geht und aus einem höheren Grund singt als für sich selbst, das ist James Brown. Er ist immer noch Der Mann. Jedes Mal, wenn wir unsere Kunst und unsere Musik dafür einsetzen, um jene hochzuziehen, die am Boden sind, damit sie nach oben blicken und von besseren Tagen träumen können, dann weiß ich, dass James Brown immer noch Der Mann ist.

James Browns Katalog ist voll von Hymnen mit sozialem Bezug – von Don’t Be a Dropout (Sei kein Schulabbrecher) über I Don’t Want Nobody to Give Me Nothin’ (Ich will nicht, dass mir irgendjemand etwas gibt) bis hin zu The Funky President. Sogar seine Weihnachtslieder waren mit sozialem Bezug: Santa Claus Go Straight to the Ghetto (Santa Claus geht direkt ins Ghetto). Er nahm sogar Musik mit humanitärer Zielsetzung auf, wenn er wusste, dass es ihn unpopulär machen würde. Say It Loud, I’m Black and I’m Proud kostete ihn viel Sendezeit und eine Menge Verträge.

Willa: Das habe ich nicht bemerkt. Das ist etwas, das wir auch bei Michael Jackson sehen: Der Panther Dance in Black or White wurde dafür kritisiert zu aggressiv zu sein, The Lost Children wurde dafür kritisiert zu rührselig zu sein, Little Susie wurde dafür kritisiert zu deprimierend zu sein und They Don’t Care about Us wurde fast durchgängig missverstanden und als antisemitisch kritisiert. Aber trotz dem er heftig wegen dieser Songs und Videos kritisiert wurde, weigerte er sich damit aufzuhören durch seine Musik die Hand auszustrecken.

Charles: Die humanitäre Thematik in Michael Jacksons selbstverfassten Werken gab es seit den Tagen der Jacksons mit Stücken wie Can You Feel It – einem Track im Funkrhythmus, speziell dafür gemacht die Tanzflächen zu füllen und gleichzeitig eine starke, positive soziale Botschaft in sich zu tragen. Das ist lehrbuchmäßig James Brown. Aber du hast Recht: Er nahm ebenfalls wie James Brown Material mit humanitärem Anspruch auf in dem Wissen, dass es Kritik anziehen könnte. Könnt ihr euch einen weniger kommerziellen, in der Ära des Grunge veröffentlichten Song vorstellen als Heal The World? Ein in der Mitte der 90er weniger „aktuelles“ Stück als Earth Song?

Willa: Genau. Er stand in Verbindung mit musikalischen Trends, aber sein Fokus lag immer darauf, Werke zu erschaffen, die bedeutsam und zeitlos sind, in dem Sinn, dass sie die Zeit überdauern und relevant bleiben, auch nachdem aktuelle musikalische Launen sich geändert haben.

Charles: Sein eher gegen den Strom konzipiertes, sozialpolitisches Material war ebenfalls von James Browns Einfluss durchdrungen. They Don’t Care About Us besteht weitgehend aus einem sich wiederholenden, rauen Drum Track mit staccato-artigen Lyrics. Sicher, viele Künstler haben Songs wie diesen über die Jahre aufgenommen – aber es war James Brown, den Michael als seinen größten Einfluss bei jeder sich bietenden Gelegenheit nannte. Und wenn er Lyrics wie „Black man, black male, throw the brother in jail / All I wanna say is that they don’t care about us“ (Schwarzer Mensch, schwarzer Mann, wirf den Bruder ins Gefängnis / Alles, was ich sage ist, dass sie sich nicht um uns kümmern) sang, war dann die Stimmung so weit entfernt von James Browns „We’d rather die on our feet than keep living on our knees“ (Wir werden lieber stehend sterben, als kniend weiter zu leben)?

Michael wuchs natürlich umgeben von politischer Musik auf. Im Alter von 11 war er während der Aufnahmen von What’s Going On Kollege von Marvin Gaye. Er war bei den Aufnahmen von Stevies Songs in the Key Of Life dabei, die Stücke wie Black Man enthielten.  Er coverte Sly Stones Stand und Jermaine Jacksons Buch enthüllte, dass ein junger Michael George Clintons Parliament / Funkadelic liebte – keine Überraschung, dass George 2003 Teil von The One, einer Dokumentation über Michael, war.

Aber wie ich schon sagte – es war James Brown, den Michael regelmäßig als seinen größten Einfluss zitierte, also wäre es ziemlich naiv die massiven Ähnlichkeiten zu ignorieren, nicht nur in ihrer humanitären Arbeit, sondern auch in der Größe ihrer humanitären und sozio-politischen Leistungen.

Joie: Ich muss zugeben, dass das alles sehr faszinierend für mich ist. Ich bin nie in wahren Sinn des Wortes ein „Fan“ von James Brown gewesen.  Ich meine, es gibt mehrere seiner Songs, von denen ich wirklich behaupten kann, dass ich sie liebe, aber ich habe mich nie wirklich genug für ihn interessiert, um in seinen gesamten Musikkatalog einzutauchen oder seine Geschichte und sein humanitären Wirken zu untersuchen.

Aber als ein farbiges Kind wusste ich, als ich aufwuchs, dass James Brown ein unglaublich respektierter und geliebter Mensch in der Black Community war. Unter älteren Leuten – und ich sollte eigentlich nicht wirklich „älter“ sagen, ich meine nur die Generation meiner Eltern – war James Brown so etwas wie ein Held. Er war jemand, der mit ihnen „im Schützengraben gelegen“ hatte und der mit ihnen durch den ganzen Bürgerrechtskampf gegangen war, und er konnte nichts falsch machen. Wenn James Brown sang „Say It Loud, I’m Black and I’m Proud“, dann sangen sie diese Zeile laut mit ihm. Er war, wie der Song sagt, „The Man“.

Charles: Nebenbei gesagt – es ist interessant, dass „Say It Loud, I’m Black and I’m Proud“  zu Recht als einer der bedeutendsten Songs in Mr. Browns Karriere betrachtet wird, aber dies fast ausschließlich hinsichtlich seines textlichen Inhaltes und aufgrund seines sozio-politischen Einflusses. Ich würde gern jedem empfehlen, sich einmal für ein paar Minuten die Kopfhörer aufzusetzen, Say it Loud richtig laut zu drehen, die Lyrics für eine kleine Weile zu vergessen und nur der Komposition zu lauschen. Es ist eine der unglaublichsten rhythmischen Kompositionen, die ihr jemals hören werdet, komplex, aber gleichzeitig durchgängig ansprechend. Sogar ohne die Lyrics klingt es fast militärisch. Es ist wie ein Ruf zu den Waffen. Es wurde mitgeschrieben von Pee Wee Ellis und ist ein unglaubliches Werk.

Willa: Wow, ich muss es mir wohl noch mal sorgfältiger anhören.

Und es ist interessant für mich, dass wir James Brown zuerst alle unter anderen Aspekten begegnet sind und auf unterschiedlichen Wegen zu ihm gefunden haben. Charles, deine ersten Eindrücke kamen durch das Hören seiner Musik auf CD. Joie, deine Eindrücke ergaben sich aus dem, was du von deiner Familie über ihn als bedeutende, kulturelle Person gehört hast. Und meine kamen daher, dass ich ihn als Tänzer und Performer in Soul Train gesehen habe. Ich habe in der Junior High School und später auch oft Babysitting gemacht, und damals gab es nicht viele Fernsehsender – nur die drei großen und ein paar wenige mit UHF (Ultra-Hochfrequenz), bei denen der Empfang meistens nicht gut war. Ich saß da im Dunkeln bei irgendjemandem im Haus, versuchte keine Angst zu haben bei all den seltsamen Geräuschen, die nachts in einem fremden Haus zu hören waren, und ich freute mich immer, wenn James Brown auftrat, denn durch ihn fühlte ich mich mutig. Zum einen, weil er so energiegeladen war, dass er die Atmosphäre vollkommen verändern konnte – das Haus schien nicht so leer zu sein, wenn er da war. Und er war furchtlos!  Er griff das Mikrophon, als wäre es lebendig und ließ es herumschnellen, als würde er mit bloßen Händen mit einer Schlange ringen. Du konntest einfach keine Angst haben, wenn er da war.

Joie: Energiegeladen und furchtlos. Ich liebe das, Willa. Das sind großartige Worte, um ihn zu beschreiben, finde ich.

Willa: So war er wirklich – extrem energiegeladen und furchtlos. Ich erinnere mich, wie ich bei einer Laser Show am Stone Mountain in Georgia gewesen bin – meine Güte, vor 30 Jahren – damals, als Laser noch ziemlich selten waren. Es war die erste Laser Show, die ich je gesehen habe, und sie spielten einige klassische James Brown Songs, während ein Laser die Umrisse eines tanzenden James Brown auf diese riesige Felsoberfläche skizzierte. Es war frenetisch! Du hattest den Eindruck, dass es selbst dem Laserstrahl schwer fiel mit ihm mitzuhalten … Und natürlich lernte Michael Jackson von einem frühen Alter an dieses hochenergetische Tanzen zu übernehmen und bezog es in seine eigenen einzigartigen Performances ein. Er variierte gern das Tempo seiner Konzerte und schloss Balladen und andere ruhige Momente ein, aber er konnte definitiv  aufdrehen und diese wieselflinken Drehungen und Shuffles ausführen, wenn er es wollte. Hier ist ein Clip von 1983 bei einem Auftritt im klassischen James Brown Stil, während sein Mentor zusieht, und sieh dir auf jeden Fall die Drehungen an. Es ist unglaublich. Er macht dreieinhalb Drehungen, glaube ich – sie sind so schnell, dass ich sie kaum zählen kann. Ich glaube nicht, dass ein Schlittschuhläufer sich so schnell drehen kann. Hier ist der Clip:

Ich liebe James Browns Reaktion! Man merkt ihm an, dass ihm das großen Spaß macht. Und hier ist ein weiterer Clip 20 Jahre später, von 2003, in dem Michael Jackson seinen Mentor noch einmal ehrt:

James Brown war also eine bedeutende Persönlichkeit des Tanzes, der einen enormen Einfluss auf Michael Jackson hatte, und er war ebenso auch ein musikalischer Innovator. In dem Tribute Song JB-Still The Man, den du, Charles, bereits erwähnt hast, sagt Al Sharpton:

Er hat die Musik, wie wir sie kannten, verändert … Er änderte buchstäblich die Takte, zu einem 1-3 von einem 2-4. Er brachte der Welt bei, auf der 1 zu beginnen. Darum ist er immer noch The Man. Denn jedes Mal, wenn ich eine Hip Hop Aufnahme auf der 1 beginnend höre, ist das James Brown.

Das wird auch in  Deep Soul: the Uprising of James Brown (Tiefer Soul: Der Aufstand des James Brown)  diskutiert. Hier ist ein Clip:

Seine Musik war also sehr vom Rhythmus getrieben – wie sein Drummer sagte: „Es ist, als würde ein Dinosaurier gehen“ – und es war kulturell wie auch künstlerisch extrem bedeutend. Deep Soul stellt fest, dass „Funk trotzige schwarze Musik“ war. Der Musikkritiker Rickey Vincent erklärt: „Funk, das war ein Weg, um irgendwie anzudeuten, dass du alles an deinem rauen Leben feierst. Weißt du, wir sind in diesen Ghettos gefangen, aber wir haben sehr viel rauen Stil.“ Dies kommt auf das zurück, was Reverend Sharpton auch gesagt hat – James Brown ist The Man, sowohl kulturell, als auch kreativ.

Gemäß seinem Biografen Bruce Tucker war Papa’s Got a Brand New Bag wie nichts, was irgendwann einmal vorher war. New Bag ist Funk – die Geburt des Funk. Er veränderte den Beat vom Upbeat zum Downbeat, fügte Synchronizität hinzu und erfand damit ein gänzlich neues Musikgenre.

Charles: Komischerweise wird Papa’s Bag oft als das erste Beispiel für Funk zitiert – einschließlich von Mr. Brown selbst, aber Brown-Experten gehen noch weiter zurück zu Tracks wie Out of Sight, das einen pochenden Beat und ein fast hypnotisches rhythmisches Muster hat. Im Grunde hat Papa’s Bag nicht einmal einen 1-und-3-Beat. Mr. Brown sprach oft darüber, wie der Song 1965 herauskam und wie er über 1-und-3 stolperte, aber Papa’s Bag hat einen ganz eindeutigen 2-und-4-Beat. Sein langjähriger Manager Charles Bobbit erzählte mir vor einigen Jahren, dass Mr. Brown dies aus einem Grund machte, da er, sogar Jahrzehnte später, seine Methoden sehr schützte. Gemäss Mr. Bobbit weigerte er sich bei den meisten Gelegenheiten in eine ernsthafte Diskussion über seine Werke einzutreten, weil er, wie er jenen, die ihn umgaben anvertraute, dass „diese Strolche nur wissen wollen, wo ich herkomme“. Was eigentlich nur darauf eingeht, dass die 1 in Papa’s Bag die Hörner sind, nicht der Beat.

Willa: Oh, das ist interessant, Charles. Ich werde es mir noch einmal mit diesem Wissen im Kopf anhören müssen und sehen, ob ich das heraushören kann, was du sagst. Weißt du, mein Musikverständnis ist ziemlich miserabel, eigentlich, und es ist schwer für mich herauszufinden, was in James Browns Musik vor sich geht, besonders, weil sie so kompliziert und so funky und so anders ist.

Aber mich haut der Gedanke ziemlich um, dass James Brown und seine Band den Funk, ein neues Musikgenre, erfunden haben. Ich habe immer gedacht, dass sich Musik nur langsam über eine gewisse Zeit entwickelt, aber je mehr ich über Musikgeschichte lerne, desto mehr realisiere ich, dass das nicht wahr ist. Von Zeit zu Zeit taucht ein unglaubliches Talent wie ein Komet, der die Richtung der Musik ändert, auf, und dann werden diese Neuerungen schrittweise angepasst, und dann erscheint ein weiterer Komet.

Bill Monroe erfand Bluegrass. Vor ihm existierte es nicht. Das ist für mich einfach erstaunlich. Southern Rock, wie wir ihn kennen, existierte nicht, bevor Duane Allman und Wilson Pickett sich für ihre Version von Hey Jude zusammentaten. Und Funk als ein Musikgenre existierte nicht, bis James Brown „buchstäblich den Beat verändert hat“, wie Rev. Sharpton sagt. Und dann, denke ich, brachte Michael Jackson dies auf eine gänzlich neue Ebene und erfand damit ein völlig neues Kunstgenre …

Charles: Ich denke nicht, dass Michael Jackson ein neues Genre der Musik erfand. Mir fällt kein Sound oder keine Methode ein, die er erschuf und die nicht schon vor ihm da war. James Browns Musik klang völlig neu und revolutionär. Michael Jacksons Musik klang einfach nur unglaublich gut.

Die drei zentralen Grundsätze des Funk sind 1. der 1-und-3-Beat, 2. das Vorherrschen von Bass und Drums und 3. die Betonung des Rhythmus statt der Melodie. Funk entstand in den frühen 60ern. Die letzte riesige musikalische Revolution war in den 50ern der Rock’n Roll gewesen, der fest ausschließlich  auf dem 2-und-4-Beat basierte. Natürlich gab es hier und da auch den 1-und-3-Beat – aber niemand machte ihn zum Prinzip; James Brown adaptierte ihn als seinen Modus Operandi. Zusätzlich stellte er den Bass und die Drums in den Vordergrund seiner Kompositionen, während sie sonst typischerweise hinter den Gitarren zurückstanden. Drittens gab er seiner Band die Anweisung „Spielt jedes Instrument wie die Drums“, was den Verzicht auf melodische Schnörkel bedeutete. Alles wurde dem Rhythmus untergeordnet. Die Kombination dieser drei Elemente stellte eine völlig neue Art Musik zu machen dar.

Im Gegenzug dazu arbeitete Michael Jackson immer innerhalb bereits existierender Genres. Die meisten seiner frühen Solowerke fielen eindeutig in die konventionellen Genre von Soul, Disco und traditionellen R&B. Off the Wall beinhaltete außerdem einen ordentlichen Anteil an Jazz. Das Bad Album klang hauptsächlich wie typischer 80er Synth-Pop mit Ausflügen zu Gattungen wie Gospel und Rock. Dangerous setzte sich auch mit diesen zwei Genres auseinander, ebenso wie mit dem klassischen Sound und natürlich seinem übergeordneten New Jack Swing Sound. Und so weiter und so fort.

Was Michael Jackson gemacht hat, war innerhalb dieser existierenden Genres zu arbeiten – obgleich er sie manchmal auf ungewöhnliche Weise verschmolz (beispielsweise war er einer der ersten Popstars, der damit begann Gast-Rapper einzusetzen) – aber seine Musik auf einen so hohen Standard zu bringen, dass sie die Messlatte für all seine Kollegen darstellte. Stellte das Bad Album eine neue Art Musik zu machen dar? Nein. Aber er stellte verdammt sicher, dass von all den Synth-Pop-Alben, die in den späten 80ern aufgenommen wurden, es eines der absolut besten war und eines der beständigsten bleiben sollte.

Er war ein Perfektionist, nahm akribisch genau Dutzende von Songs für ein Album auf, ließ Jahre zwischen den Veröffentlichungen vergehen, um sicherzustellen, dass das, was immer er herausgab, das absolut Bestmögliche war. In dieser Hinsicht waren er und Mr. Brown sehr verschieden. Mr. Brown nahm ganze Alben innerhalb von Stunden auf und hasste größtenteils Neuaufnahmen. Sogar wenn er oder seine Band Fehler machten, nahm er oft eher die erste Version als den Fehler zu beheben. Sein Spruch war: „Die erste Aufnahme ist Gott. Die zweite Aufnahme ist der Mensch.“ Für ihn ging es nur um das Gefühl.

Ein Stück mit einem Fehler ist zum Beispiel It’s a New Day. Gegen Ende fängt Mr. Brown an die falsche Zeile zu singen, muss sich selbst korrigieren und setzt die richtige Zeile als Nachsatz schnell nach. Man bemerkt es, aber der Groove ist so unglaublich, dass es einen gar nicht kümmert. Es passt einfach zu diesem fantastischen improvisierten Live Sound, den er kultiviert hat.

Ich bin der Meinung, dass sowohl seine als auch Michael Jacksons Methoden in gleichem Maß ihre Berechtigung haben, aber es ist ein Bereich, in dem ihre Musik sich unterscheidet. Sonst zeigt Michaels Musik natürlich einen riesigen Einfluss durch James Brown. Die vielleicht sofort am meisten offensichtliche Ähnlichkeit ist der beiden gemeinsame Einsatz vokaler Ticks während ihrer Aufnahmen wie „ow“ und „huh“. James Brown erklärte dieses Phänomen in einem Interview mit Jonathan Ross: „Ich setzte meine Stimme wie ein Instrument ein.“ Michael, natürlich, führte dies noch einen Schritt weiter und „beatboxte“ sogar Teile seiner eigenen Songs.

Während ich nicht denke, dass Michael Jackson irgendwelche Musikgenres erfand, soll das nicht heißen, dass er nicht extrem einflussreich war. Ein Bereich, in dem sein Einfluss nicht in Frage gestellt werden kann, ist das Musikvideo. Niemand könnte seinen enormen Einfluss auf diese Kunstform leugnen. Man könnte auch darüber streiten, dass Michael Jackson ein neues Genre der Live Performance erschaffen hat – aber das Problem war, dass er es so gut gemacht hat, dass niemand, der es ihm bisher nachtun wollte, fähig gewesen wäre, ihm gerecht zu werden. Durch die Eigenschaft seines kolossalen Talents, legte Michael unbewusst einen unmöglichen Standard für seine Schüler fest und setzte uns schließlich einer endlosen Parade von untauglichen, Fedora-liebkosenden Imitatoren – Usher, Chris Brown, etc. – aus, von denen ich mir eher wünschen würde, dass sie einfach aufgeben und weggingen, wenn ich wirklich ehrlich bin.

Willa: Hmmm … Nun, ich mag wirklich einige von den neuen „Fedora-liebkosenden“ Performern, die in seine Fußstapfen treten, obwohl ich dir zustimme, dass sie nicht er sind. Aber das scheint ein unfairer Maßstab zu sein! Jemand wie Michael Jackson ist in der Tat sehr selten …

Und ich bezog mich, als ich sagte, Michael Jackson erschuf ein neues Kunstgenre, nicht so sehr auf seine Musik wie auf seine visuelle Kunst, ganz besonders die Art, auf die er in Frage gestellt hat, wie wir sein Gesicht und seinen Körper „lesen“ – und noch allgemeiner, wie wir Rassen- und Geschlechterzugehörigkeit und Sexualität und Nationalität und Identität und all jene Einteilungen, die wir zwischen uns selbst und anderen konstruieren, „lesen“. Ich glaube nicht, dass wir als eine Kultur überhaupt schon angefangen haben, dies zu verstehen, was ich als sein revolutionärstes und bedeutendstes Werk sehe.

Aber ich glaube schon, dass er ebenso innovativ in seiner Musik war, an vielen verschiedenen Fronten – zum Beispiel, die Art, auf die er verschiedene Musikgenres innerhalb eines Werkes gegenübergestellt hat, um eine Art bedeutungsvoller Dissonanz herzustellen. Lisha McDuff sprach mit uns darüber in einem Post über Black or White, und dann schloss sich Susan Fast uns an für einen Post über sein mehr allgemeines Überschreiten der Genres sowohl bei seiner aufgenommenen Musik, als auch bei seinen Live Auftritten. Das ist eine gänzlich neue Art des Musikaufbaus und darüber zu denken, wie man Bedeutungen durch Musik vermitteln kann.

Und wie James Browns Kreation des Funk ist diese neue Herangehensweise an Musikkomposition kulturell wie auch vom ästhetischen Empfinden her bedeutend, denn Michael Jackson stellte oft „schwarze“ und „weiße“ Genres einander auf eine Art gegenüber, die die etablierten Rassenhierarchien unterwanderte. Susan Fast erzählte uns zum Beispiel in ihrer Analyse von Working Day and Night aus der Dangerous Tour: „Metal (das weiße Genre) ‚dient‘ dem größeren R&B/Funk (schwarzen) Genre“. Das ist eine subtile, jedoch kraftvolle Umkehrung.

Charles: Einige jener genre-verschmelzenden Experimente waren meiner Meinung nach erfolgreicher als andere. Persönlich denke ich Black or White ist ein ziemliches Schlamassel, und es wird oft liebevoller bedacht als es vielleicht ohne dieses sehr gute Video der Fall gewesen wäre.

Willa: Du lieber Himmel, Charles … „Schlamassel“? Ich bin sprachlos …

Joie: Und ich bin ziemlich empört. Wenn auch Black or White nie einer meiner Favoriten war, so liebe ich doch die Botschaft dieses Songs, und ich würde es ganz sicher nicht als „Schlamassel“ bezeichnen. Aber ich muss zugeben, ich mag deine britische Umgangssprache!

Willa: Du bist enorm diplomatisch, Joie …

Charles: Der Einsatz von orchestraler / klassischer Musik war oft sehr beeindruckend, wie etwa einen tief bewegenden Chor im Intro dem harten, funkigen Hauptteil von Who Is It gegenüberzustellen.

Das ist ein ziemlich guter Hinweis auf die Working Day and Night Performances. Working Day and Night ist einer meiner liebsten Michael Jackson Songs überhaupt – ob auf dem Album oder auf der Bühne. Die meisten meiner liebsten Michael Jackson Songs bauen auf Schichten von Rhythmus in der Tradition von James Brown auf. Ich fand es in den späteren Jahren recht seltsam, dass Michael so oft über „Die Melodie ist König“ schrieb, wo doch die Mehrheit seiner populärsten Werke rhythmisch war: Don’t Stop Til You Get Enough, Working Day and Night, Wanna Be Starting Something, Billie Jean, Smooth Criminal, etc. Ich bin schon gespannt auf Susans Buch über das Dangerous Album.

Willa: Ich auch! Es soll diesen Sommer erscheinen, glaube ich, und ich habe das Gefühl, dass es ein langer Weg werden könnte, die kritischen Meinungen über Michael Jackson, speziell über das Dangerous Album und sein Werk im Allgemeinen, zu ändern – besonders seine späteren Werke, die schrecklich unterschätzt wurden. Susan hat mich eine Grobfassung lesen lassen und es ist fantastisch! Ihre Erkenntnisse haben mich wieder mal umgehauen. Ich kann es nur sehr empfehlen.

Nun, danke dass du hier warst, Charles! Ich stimme nicht immer mit dir überein – in der Tat ein „Schlamassel“! Joie und ich werden dich noch deswegen bearbeiten müssen – aber es ist immer wunderbar mit dir zu sprechen.

Und dies scheint eine sehr passende Zeit im Jahr zu sein, um über James Brown zu sprechen. Er starb vor sieben Jahren am Weihnachtstag, und offensichtlich besuchte Michael Jackson den Ort der Bestattung während der frühen Morgenstunden und hielt eine private Nachtwache bei ihm. Ein paar Jahre später, nach seinem eigenen Tod, veröffentlichte WRDW-TV aus Augusta ein Nachrichtensegment darüber. Und obwohl ich es hasse, jemanden auf die New York Daily News hinzuweisen, brachten sie drei Wochen später tatsächlich einen tiefer gehenden Artikel darüber.

Dem Bericht von Charles Reid, dem Bestattungsunternehmer, zufolge tauchte Michael Jackson etwa um Mitternacht auf und blieb bis zur Morgendämmerung. Er küsste James Brown, wie er da so in seinem Sarg lag, auf die Stirn, und dann drehte er eine Locke von seinem Haar in die Stirn, so dass es mehr nach ihm aussah. Und er sprach darüber, wie viel er ihm bedeutet hat: „Wie wichtig Mr. Brown für ihn war“, erinnerte sich Reid. „Was für eine Inspiration er war.“ Da ist etwas sehr Berührendes für mich dabei – das Bild von Michael Jackson, der ganz still eine Totenwache für den Mann abhält, der über so viele Jahre so viel für ihn bedeutet hat.

Charles: Michaels Teilnahme an James Browns öffentlicher Trauerfeier war sein erstes Erscheinen in den Vereinigten Staaten nach seinem Prozess. Ich denke, das ist sehr aussagekräftig und spricht Bände über seine Liebe zu Mr. Brown. Meiner Meinung nach war Rev. Al Sharptons Einführung zu Michaels kurzer Trauerrede sehr klug: „Obwohl er weiß, dass sie ihn dafür kritisieren werden, sagt Michael, ihm ist es egal, was sie sagen. Michael kam heute für Sie, Mr. Brown.“ Und natürlich, es war genau das, was die Medien taten am nächsten Tag, nämlich Michael dafür verspotten, dass er seinen Mentor auf die Stirn küsste, als dieser aufgebahrt war. Interessanterweise war Michaels eigene Trauerfeier – und sogar sein eigener Sarg – dem Mr. Browns nachempfunden. Die Lehrer-Schüler-Beziehung setzte sich bis zum Ende fort.

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Die Gemeinsamkeiten im Nachgang zu ihrem Tod enden hier noch nicht. Michael wurde in den Tagen nach seinem Tod mit einer Feier im Apollo Theater in Harlem geehrt, der Rev. Sharpton beiwohnte. Das ist eine weitere Tradition, die anscheinend 2006 mit Mr. Browns Tod begann. Rev. Sharpton hielt eine Rede bei einer Trauerfeier im Apollo für James Brown, die weit weniger bekannt ist als seine kürzere Rede bei der später folgenden Gedenkfeier in der Arena, an der Michael teilnahm. Während es nicht eindeutig ist, denke ich, dass die Apollo-Rede auf perfekte Art die monumentale Bedeutung von James Brown auf den Punkt bringt. Jedes Mal höre ich sie mit Tränen in den Augen. Wenn ich darf, würde ich gern zum Ende unserer Diskussion diese Trauerrede posten, da wir uns seinem Todestag nähern:

Willa: Das ist wunderschön – warmherzig und amüsant und beeindruckend. Und noch einmal danke, Charles, dass du hier warst und deine tiefe Liebe und deinen Respekt für James Brown geteilt hast.

Charles: Ich danke euch für die Einladung zu dieser Diskussion, die ich enorm genossen habe. Wenn man bedenkt, mit wie viel Leidenschaft und Regelmäßigkeit Michael James Brown seine „größte Inspiration“ genannt hat, werden sein Leben und sein Vermächtnis doch selten diskutiert und sind kaum bekannt in Michaels Fangemeinschaft. Ich hoffe, dass die Leute einiges von dem, was wir hier diskutiert haben – verschiedene Dokumentationen und Aufnahmen -, ausfindig machen werden und dass er einige neue Fans gewinnen wird. Michael liebte ihn aus einem Grund. Er war ein wahrer König.

Das Kind im Spiegel – eine nitzscheanische Lesart des Mythos Michael Jackson

http://www.redefinemag.com/2013/myth-of-michael-jackson-friedrich-nietzsche-the-child-in-the-mirror/

Artikel von Gina Altamura – Übersetzung von Achildsbliss

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Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des Übermenschen“, so sprach Zarathustra, der prophetische Protagonist in Friedrich Nietzsches esoterischstem philosophischen Werk Also sprach Zarathustra.

Die Ausgabe des Yeti Magazine vom Juli 2010 beinhaltet eine Reihe von Fotografien, die von Dean Wareham vom Pop-Duo Dean & Britta auf einer Tournee aufgenommen wurden. Darunter befindet sich ein Schnappschuss von einem französischen Zeitungskiosk, man sieht Michael Jackson und Friedrich Nietzsche Seite an Seite auf zwei nebeneinander stehenden Zeitungscovers.

In der Beschreibung dieses Fotos stellt sich Wareham eine Unterhaltung zwischen den beiden Denkern vor, er überlegt, wie die beiden sich wohl über die Feinheiten des Tanzes und über das innere Kind unterhalten:

Nietzsche-Michael-Jackson-02

FN: Hüte dich vor den Gelehrten! Sie hassen euch, denn sie sind unfruchtbar.

MJ: Lügen rennen einen Sprint, doch die Wahrheit läuft Marathon.

FN: In jedem echten Manne steckt ein Kind, das spielen will.

MJ: Es gibt einen Muttertag, es gibt einen Vatertag, aber es gibt keinen Kindertag, das würde eine Menge bedeuten. Weltfrieden.

FN: Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.

Beeindruckend, ja, aber ich glaube dieser Vergleich geht viel tiefer, es ist eine Gegenüberstellung zweier historischer Personen, die völlig natürlich und extrem ergiebig ist. In diesem Artikel möchte ich versuchen, mich tiefer mit dieser imaginierten Partnerschaft zwischen dem King of Pop und Nietzsche zu beschäftigen. Das Wesen meiner Zuneigung für Michael Jackson und für Friedrich Nietzsche ähnelt sich sehr. Auch wenn diese beiden Männer extrem einflussreich waren und beide sehr umjubelte Werke hinterließen, so gelten beide auch als tragische Figuren auf der historischen Bühne. Sie wurden von ihrer Hingabe zu ihrem Können und ihrer Vision von der Welt in obsessive Höhen getrieben, wenn nicht sogar in den Wahnsinn. Doch ich habe beide stets mit tiefem Respekt betrachtet. Selbst in ihrer Tragik waren diese Männer für mich wunderschön. Ich hoffe, ich kann diesen fiktionalen Dialog noch weiter ausbauen und versuchen aufzuzeigen, wie diese beiden Visionäre über geschichtliche Epochen und Einflusssphären hinweg einander die Hände reichen. Durch die Gegenüberstellung dieser beiden kühnen bahnbrechenden Künstler hoffe ich, einem Popstar eine bewundernswerte und reiche Philosophie und dem Lebenswerk eines Philosophen die Romantik und das Wunder der Popmusik zu verleihen.

 – 1872 –

In Gesang und Tanz bringt der Mensch sich selbst als Mitglied einer höheren Gesellschaftsform zum Ausdruck…

übernatürliche Klänge steigen aus ihm empor…

er ist nicht länger ein Künstler, er wird zum Kunstwerk…

in diesen Anfällen der Berauschung offenbart sich die künstlerische Macht der gesamten Natur von selbst.

nietzsche quote

Nietzsche waren die Tugenden der Musik nicht fremd. Unter seinen meistzitierten Worten finden sich: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Und „Ich wüsste nicht, was der Geist eines Philosophen mehr zu sein wünschte, als ein guter Tänzer.“ Bereits zu Beginn seiner frühen Werke sah Nietzsche sich selbst als Jünger von Dionysos, dem alten griechischen Gott der Freude. Für Nietzsche symbolisierte Dionysos alles, was mit Ekstase, ausgelassenem und reichem Leben zu tun hatte. „Im dionysischen Symbol“, so schrieb er, „ ist die äußerste Grenze der Bejahung erreicht“. Er liebte Kunst, insbesondere Musik, die diese Haltung verkörperte, die Gefühle ausdrücklich auf instinktiver Ebene ansprach. Vielleicht hat Nietzsche genau aus diesem Grunde einen Großteil seiner persönlichen Belange seinen eigenen musikalischen Kompositionen gewidmet.

Auch wenn er als Komponist höchstens als mittelmäßig galt, so lag ihm der Zuspruch der Öffentlichkeit seinem Werk gegenüber doch sehr am Herzen. In einem 1882 verfassten Brief an seinen Freund Peter Gast schrieb er, bezugnehmend auf sein orchestrales Werk „Hymne an das Leben“: „Dieses Mal schicke ich dir Musik. Ich hoffe, ich habe ein Lied geschrieben, das öffentlich aufgeführt werden kann – um die Menschen zu meiner Philosophie zu verführen.“ Da Nietzsche selbst Musiker war, begriff er die bestimmte Magie der Musik und sah sie als Ergänzung seiner Philosophie, die seinen Einfluss auf die Öffentlichkeit noch ausdehnen könnte.

Da Nietzsche, ein frustrierter Komponist, für seine Musik nie besonders viel Respekt bekam, erschuf er etwas Anderes, vergleichsweise Verführerisches: ein Werk, das der Poesie und der Musik näher ist als der analytischen Philosophie: Und dieses Werk ist Also sprach Zarathustra, vielleicht sein populärstes und zugleich rätselhaftestes philosophisches Werk, entstanden zwischen 1883 und 1885. Es liest sich wie ein literarisches Werk und erzählt die Geschichte eines einsamen Propheten namens Zarathustra, der aus seiner Zurückgezogenheit auftaucht, um seine Weisheit zu verbreiten. Durch eine Reihe von Parabeln führt Nietzsche uns auf eine symbolisch dichte und ekstatische Reise seiner philosophischen Ansichten, im Gegensatz zu seinen anderen Werken. Trotz seiner Vorliebe, in Aphorismen zu sprechen (Jenseits von Gut und Böse, Götzendämmerung), besteht Nietzsches Kanon wohl aus verhältnismäßig gradliniger philosophischer Arbeit. Nirgends sonst in seinem Werk finden wir ausgedehntere metaphorische Erzählungen wie in Zarathustra. Für unsere Zwecke hier nennen wir Zarathustra Nietzsches engste Annäherung an einen Popsong. Mit meinem Fokus auf Zarathustra beginne ich den Vergleich mit Michael Jackson, damit, dass ein Künstler mit einem Künstler spricht, beide drücken ihre Philosophie mit all der Anmut und Mystik eines großen Tänzers aus, durch gemeinsame Tugend und gemeinsame Tragik. 

Umgesetzt wird dies, indem die Mythologie des Zarathustra, einem Charakter, den Nietzsche erfunden hat, Michael Jackson zugeordnet wird, denn Michael Jackson, so wie wir ihn auf der Bühne und in den Medien erlebt haben, ist in der Tat eine Art Mythos. Mit dem, was ich tue, beabsichtige ich nicht, Zarathustra mit Nietzsche selbst gleichzusetzen oder Also sprach Zarathustra als zart verschleierte Autobiografie hinzustellen. Jedoch gibt es da sicherlich Elemente aus Zarathustras Geschichte, die Parallelen zu Nietzsches eigenem Leben aufweisen und natürlich auch eine Unzahl an Beispielen, in denen die Reden des Zarathustra Ideen Nietzsches in anderen seiner Werke spiegeln. Außerdem besaß Nietzsche eine enorme Zuneigung für Zarathustra. Es liegen starke Beweise dafür vor, dass Nietzsche einen Menschen, der mit Zarathustra geistesverwandt gewesen wäre, geliebt hätte. In Ecce Homo schreibt er, dass „Zarathustra mehr Mut besitzt als all die anderen Denker zusammen“ und besteht darauf, dass er mit Also sprach Zarathustra der Menschheit das größte Geschenk überhaupt gemacht habe.

Lasst uns einen Blick auf die Lehren werfen, denen sein mutiger Protagonist seine Stimme gibt:

Gemeinsame Tugend: Schau dich selbst an und dann schaffe Veränderung

Direkt zu Beginn von Zarathustra bekommen wir einen nützlichen interpretativen Rahmen, um den Prozess des Erwachsenwerdens zu verstehen, denn Nietzsche zeigt es auf einzigartige Weise auf. Dies ist die erste von Zarathustras vielen Reden, sie heißt Die drei Metamorphosen. In dieser Parabel charakterisiert Zarathustra die drei Phasen der Selbstevolution: das Kamel, der Löwe und das Kind.

Das Kamel – Im Kamelstadium werden jene unter uns, die die notwendige Disziplin und Stärke besitzen, mit Lasten beladen. Diese Lasten können zwischenmenschlich oder materiell oder eher psychologischer oder spiritueller Natur sein. Zarathustra zitiert verschiedene Möglichkeiten wie „krank sein und die Tröster nach Hause schicken“, „jene lieben, die uns verachten“ und „in verdreckten Gewässern waten, wenn es die Gewässer der Wahrheit sind“. Nietzsches Ansicht nach ist der Prozess des Wachsens, um zu einem Freidenker zu werden, der schwierigste Prozess, den ein Mensch durchlaufen kann und auch einer, der außergewöhnliche Menschen ausmacht. „Frei denken“ ist wohl ein zu sanftmütiger Begriff, was er meint ist eine unerschrockene, strapaziöse kritische Beleuchtung eines persönlichen Werte- und Bedeutungssystems. Nicht jeder ist gerüstet für diese Herausforderung. Viele würden den Akt des laufend sich selbst Verbergens für zu schmerzhaft empfinden. Also könnten wir sagen, dass wir, wenn wir erkennen, dass sich jemand im Kamelstadium befindet, sie dabei beobachten, wie sie einen Test aus Disziplin und Fleiß durchlaufen, auch wenn (oder vielleicht gerade weil?) es unangenehm für sie ist. Wie Nietzsche schreibt: „Was ist schwierig? fragt der Verstand, der viel ertragen muss und kniet nieder wie ein Kamel, das schwer beladen werden will. Oh ihr Helden, was ist am schwersten, fragt der Verstand, der viel ertragen muss? Dass ich es auf mich nehme und meine Stärke verherrlicht wird?“

In der Stärke eines Lasttieres Schönheit zu finden ist eine Möglichkeit mythologisch über die frühen Jahre von Michael Jackson zu sprechen. Seinen Platz im Rampenlicht fand er als liebenswertes Wunderkind der Jackson 5 – doch der Tribut seiner frühen Berühmtheit ist eines der wichtigsten Themen in Diskussionen um Jacksons Leben, dieses alte Klischee des Kinderstars, der seiner normalen Kindheit beraubt wurde und somit nie fähig war, wirklich erwachsen zu werden. Natürlich war es für Jackson nicht nur eine Kindheit, die er auf der Bühne oder im Fernsehen verbrachte, die ihn dauerhaft veränderte. Als Kind erlebte er ein großes Trauma. Sein Vater Joe missbrauchte ihn extrem, trieb Jackson und seine Brüder durch schrecklich lange Proben, während er sie verbal missbrauchte und sie sogar mit einem Gürtel schlug, wenn sie weniger als Perfektion erreichten (Siehe Michael Jacksons Interview mit Oprah Winfrey 1993 und sein Interview mit Martin Bashir in Living with Michael Jackson 2003).

Obwohl Jackson in Interviews und öffentlichen Reden offen über seinen Missbrauch als Kind sprach, so bestand er auch darauf, dass die Strenge seines Vaters zu seiner Disziplin und seinen Fähigkeiten als Künstler beitrug. In seiner Oxford Rede zu seiner Heal the Child Initiative 2001 sagte Jackson, sein Vater Joe „wollte, dass sie die besten Performer werden sollten, die möglich waren… mein Vater war eine genialer Manager und der berufliche Erfolg meiner Brüder und mir ist zu keinem geringen Teil seinem Drängen zu verdanken.“ Dies ist sicher nicht die Art von Last, die irgendjemand tragen sollte, aber Nietzsches „Kamel“ hallt in Jacksons Kindheitsgeschichte wider. Obwohl er in der Kindheit so viel Schmerz ertragen hat, war er noch fähig, eine außergewöhnliche, lebenslange Leidenschaft für seine Kunst zu nähren.

Der Löwe – Nach diesem Stadium der Last kommt ein Stadium des beiseite Räumens, der lebensbejahenden Zerschlagung. Dies nennt Nietzsche das Stadium des Löwen. Hat der Mensch sich als stark gegenüber Härte erwiesen (ob innerlich oder äußerlich auferlegt), ist er nun bereit, diese Gepflogenheiten und sogenannten absoluten Wahrheiten zu verwerfen, die er von der Gesellschaft eingepflanzt bekam. Diesen Akt des Verwerfens mit brutaler Absicht kann man sich wie das Gebrüll eines Löwen vorstellen. Wo der Mensch einst das Wertesystem als natürlich ansah, sieht er es nun als (von Menschenhand) verfasst. Der entscheidende Schritt, seine eigene Urheberschaft, seine eigene Autorität, zurückzuerobern, besteht darin, um es in zeitgemäßem Jargon auszudrücken, „Fight The Man (dich zu wehren!)!“ Wie Nietzsche schreibt: „Die Erschaffung der eigenen Freiheit und ein heiliges „NEIN“ sogar zur Pflicht – dafür, mein Bruder braucht es den Löwen“.

Im Falle von Michael Jackson waren die Versuche, seiner eigenen Stimme Ausdruck zu verleihen und im Erwachsenenalter seine eigene Identität zu etablieren, in großem Umfang verwurzelt in seltsamen und fantastischen Launen. Michael Jackson war eigenartig. Ja, er war wunderlich. Doch in seiner Rolle als Popstar in öffentlichen Sphären gibt es noch so viel mehr zu sagen. Jackson war geheimnisvoll eigenartig, in einer solchen Art, dass seine Wunderlichkeit als sein besonderes persönliches Löwengebrüll verstanden werden kann. Seine Mittel, sich einen Ort für sich selbst zu erschaffen bedeuteten eine Reihe von „Nein“s zu bestehenden Norm, sowohl in der Popmusik im Besonderen, als auch in der Gesellschaft im Allgemeinen.

Um dafür ein eingehendes Beispiel zu bieten, können wir eine der Hauptmethoden der Rebellion in Jacksons Kunst untersuchen: Sexualitäts- und Gendernormen. Das Thriller-Video von 1983 bietet eine Goldgrube an Beispielen. Ein 13-minütiger Horrorkurzfilm zu einem fünf minütigen Song. Die Bedeutung dessen in der Welt der Popmusik sollte nicht unterschätzt werden. Sein langanhaltender Einfluss wurde 2009 vermerkt, als das Video zum ersten Video wurde, das jemals in die nationale Bibliothek des Kongresses aufgenommen wurde. Bezogen auf Jacksons Mythologie ist dieses Stück dramatischer Filmgeschichte aufgrund der Art und Weise, wie es einen ansonsten unschuldigen Popstar präsentiert, bezwingend. Im Laufe des Videos verwandelt sich Jackson zwei Mal vom netten Jungen von Nebenan in Letterman Jacke zum rücksichtslosen Monster. Zuerst wird er als Werwolf dargestellt, der gegen seinen eigenen Willen seine Freundin bedroht (gespielt von Co-Star Ola Ray), als das Biest aus ihm herausbricht. Doch dies ist nur eine von verschiedenen surrealen Wendungen. Jackson und Ola haben sich nur einen Film mit diesen Begebenheiten angeschaut und Ola fühlt sich bei Jackson, ihrem liebenswerten Date, sicher. Während sie vom Kino nach Hause laufen, passieren sie einen Friedhof, auf dem Zombies sich daran machen, aus ihren Gräbern aufzusteigen und aufs Neue verwandelt sich Jackson, diesmal in einen durstigen Zombie. In einem grotesk berühmten Tanz führt er die Zombies an, dann gibt es einen Schnitt in der Szene, Ola erwacht und begreift, dass alles nur ein Traum war – oder nicht? Als Jackson sie nach Hause bringen will, stoppt er kurz und schaut in die Kamera und zeigt uns die grässlichen gelben Augen eines Werwolfs.

werewolf thriller

Die radikale Mehrdeutigkeit in diesem Video ist großartig. In nur einem einzigen künstlerischen Werk sehen wir Jackson sowohl als lebensstrotzendes Wesen voll aggressiven Verlangens als auch als unaufdringlichen verspielten Teenager. Das Video dient dazu, unter der Oberfläche des verträumten Pop Idols Finsternis und Subversion zu vermuten. Thriller ist mit über 100 Millionen weltweit verkauften Alben bei weitem das bestverkaufte Pop Album aller Zeiten. Angesichts dessen besitzt das Konzept, dass Jackson seine Gestalt und sexuellen Haltungen verändert, großes Gewicht. Jackson verkörpert Gegensätzlichkeit, selbst in seiner scheinbaren Unkompliziertheit. Tatsächlich ist es nicht nur diese Mehrdeutigkeit, die hier so radikal ist, es ist sein lebhafter Ausdruck unzähliger Arten von Gender, und all das eingebettet in seinem einzigartigen Wesen.

Für einen Popstar ist es sicherlich nichts Ungewöhnliches, sich als subversiv, als „bad boy“ darzustellen, doch bei Thriller fühlt es sich so an, als sei dies „rein geschmuggelt“ worden. Das war nicht der Jackson, der konfrontativ und unerschütterlich, gekleidet in eine Lederjacke, für das Cover des Bad Albums posierte (obwohl selbst dort der dick aufgetragene Eyeliner nicht gerade nach Testosteron schreit). Der Jackson, der das Cover von Thriller ziert, erscheint in Weichzeichnung, nahezu beschwingt weiblich zurückgelehnt, absolut nicht bedrohlich. Im Innenteil des Covers finden wir Jackson vertraut mit Tigerjungen umgehen, gefährliche exotische Tiere mit seiner an Mystik grenzenden Unschuld und Sanftheit zähmend. Doch sein tierhaftes Potential hält sich auch hier in ihm versteckt und im Video zu Thriller heißt er das Vorhandensein dieses Potentials willkommen und feiert es in seinem Tanz. Denn die Macht des nietzscheanischen Löwen, die in ihm steckt, zu der er fähig ist, reißt uns dazu hin, unsere vorgefasste Meinung anzuzweifeln – und sie schockiert uns.

In der Tat hilft der Vergleich der Bad und Thriller Album Covers, die nietzscheanische antiautoritäre Grundhaltung zu veranschaulichen und zu vertiefen. Der Löwe bedeutet nicht das letzte Stadium des Daseins, noch bedeutet es, dass jemand einfach auf Sitten verzichten sollte, weil es gerade Mal modern ist, dies zu tun. In einer meiner Lieblingsaphorismen Nietzsches Die fröhliche Wissenschaft von 1882, einem Werk, das Also sprach Zarathustra direkt voranging, wettert er genau aus diesem Grund gegen Hexenkunst: „Die Ketzerei ist das Seitenstück zur Hexerei und gewiss ebenso wenig, als diese, etwas Harmloses oder gar an sich selber etwas Verehrungswürdiges. Die Ketzer und die Hexen sind zwei Gattungen böser Menschen: gemeinsam ist ihnen, dass sie sich auch als böse fühlen, dass aber ihre unbezwingliche Lust ist, an dem, was herrscht (Menschen oder Meinungen), sich schädigend auszulassen.

Mit anderen Worten, Nietzsche befürwortet ein sorgfältiges Infragestellen der eigenen Werte und Gedanken, um sich selbst von Dogmen zu befreien. Sich dogmatisch starr der vorherrschenden Ordnung entgegenzustellen ist philosophisch ebenso kleingeistig wie sie dogmatisch zu akzeptieren. Indem sie sich selbst als böse ansehen, akzeptieren die Hexe und der Ketzer einfach die vorherrschende Moralität, obwohl sie sich daran weiden, eine gegnerische Haltung einzunehmen. Wenn ich mich dann also auf Jacksons „Nein zu Normen“ beziehe, geht es mir nicht um Jacksons Verwegenheit, sich als „bad“ zu bezeichnen, wie er es auf dem Cover des gleichnamigen Albums tut. Ich beziehe mich eher auf seine Kühnheit, in sich selbst vielfältige Möglichkeiten zu besitzen und diese auszudrücken. „Bad“ ist eine Möglichkeit, die er ausprobiert, genau wie „Dangerous“- ebenso wie das sanft weibliche und zart männliche Album Cover von Thriller. Sich verändernde Haltungen und darauf abgestimmte Images werden ständig durch Ungezwungenheit ausgetauscht, der Ungezwungenheit eines Menschen, der nicht an eine einzige Identität gebunden ist.

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Ziehen wir als weiteres Beispiel einige von Jacksons berühmten Mode Entscheidungen in Betracht. Er nahm einen Golfhandschuh und versah ihn mit glitzernden Glassteinen. Er kombinierte Militärjacken mit hautengen Jeans. Diese ikonischen visuellen Elemente sind Symbole seiner spielerischen Vermischung unterschiedlicher stereotyper Gender Identitäten, in denen typisch weibliche Extravaganz (mit Juwelen bestückte Schönheit, anmutige Eleganz) auf typisch männlich institutionalisierte Accessoires (Militärjacke, Sportkleidung, Wettkampfstätte und/oder Aggression) treffen. In nietzscheanischem Kontext würden wir die Lyrics von Bad wohl eher spielerisch sehen und vermuten, dass wir es, wenn Jackson fragt „Who’s bad (Wer ist böse)?“, eher als rhetorische Frage ansähen, etwa wie einen Call and Response Mechanismus. „Who’s bad?“ könnten Jackson und Nietzsche gleichermaßen fragen. Nun, eigentlich keiner von beiden wirklich, es sei denn, sie akzeptierten oder verinnerlichten die äußeren Kräfte, die sie als solche etikettierten. Was ist böse? Nun, universell oder objektiv gesehen, nichts, außer vielleicht das, was uns dazu bringt, das Leben zu verleugnen und das, was uns schwächt.

Das Kind – Wenn wir gelten lassen, dass Jackson existentiell dazu in der Lage war, sich sozusagen etwas Raum zum Umherschweifen zu erkämpfen, so wäre unsere nächste Frage: Was tat er mit diesem schöpferischen Raum? Die perfekte Antwort darauf finden wir im dritten und letzten Teil von Zarathustras Metamorphosen beschrieben. Dieses Stadium wird symbolisiert durch das Kind, den verspielten Schöpfer. Für Nietzsche ist Spielen alles andere als eine unbedeutende Sache, es ist ein fundamental philosophischer Akt. Wenn alte Systeme beiseite geschafft werden, müssen neue mit Hilfe imaginativer Lebhaftigkeit künstlerisch gestaltet werden. So lehrt Zarathustra auch: „Was muss der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden? Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-Sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-Sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.“

Hier bewegt sich Selbstvervollkommnung auf eine neue Unschuld zu, auf ein Leben als künstlerischen Akt. Der einzelne Schöpfer erbaut sich seine eigene, auf seine Wünsche abgestimmte, Welt. Doch Zarathustras Charakterisierung des Kindes ist nicht etwa gleichbedeutend mit der transzendentalen Vergötterung der reinen, unbestechlichen Jugend. Zarathustras Kind wird, was sehr bedeutsam ist, neu geboren, nachdem es einige Herausforderungen gemeistert hat. Dieses Kind „erobert“ seine Welt erst, nachdem es das Stadium der Lasten und des Umsturzes hinter sich gebracht hat. Das Kind taucht hier ausdrücklich aus Schmerz und Trauma empor. Bei Nietzsche ist der Akt des „Vergessens“ bewunderungswürdig, da das Vergessen vergangener Rechtsordnungen bedeutet, frei zu sein, sich ohne Schuld seine eigenen Gesetze neu zu geben. Doch die Notwendigkeit des Vergessens deutet auf ein Trauma hin, das überwunden werden muss. Zarathustras Kind ist ein wenig wie ein Alien. Das verspielte Kind erobert seine Welt, nachdem es der Welt größtenteils „verlorenging“.

Hier prallt der symbolische Text von Nietzsches Zarathustra in extrem wortwörtlicher Art und Weise mit biografischen Details aus Jacksons Leben zusammen. So viel aus Jacksons öffentlicher Mythologie dreht sich um die Vorstellung von ihm als Peter Pan, dem kleinen Jungen, der sich weigert, erwachsen zu werden, dem Kinderstar, der, nachdem ihm die Kindheit gestohlen wurde, versucht, sie im Erwachsenenalter nachzuholen. Doch nimmt man Zarathustra als Leitbild, kann man noch weiter gehen und sich dem Thema von Jacksons innerem Kind in einer Art nähern, die ihm viel größere Moral und philosophische Handlungsfähigkeit zubilligt. In Zarathustras Weltanschauung kann Jacksons Ankunft im kindlichen Stadium als erhabenes Beispiel für das Überwinden eines Traumas und der demnach entstandenen Neudefinition des eigenen Verständnisses der Welt angesehen werden. Statt es als wahnhaftes Verhalten abzustempeln, kann Jacksons allgemeine Fixierung auf Kinder und Kindheit als erleuchtetes Endergebnis angesehen werden, eines, das von jemandem erreicht wurde, der die spirituelle Kraft besaß, seine zurückliegende Versklavung in eine lebensbejahende Vision der Zukunft zu transformieren.

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In den „drei Metamorphosen“ beschreibt Zarathustra das Kind als Wesen, das „ein geheiligtes ‚Ja‘ zum Leben“ äußert, das als willkommener Fortschritt zum vormals vom Löwen geäußerten ‚Nein“ angesehen wird. Jacksons ‚heiliges Ja‘, sein visionäres Werk, kam in Form seiner humanitären Leistungen. Besonders zu erwähnen ist hier seine 1992 gegründete Heal The World Stiftung, die weltweit Millionen von Dollar für arme und kranke Kinder zur Verfügung stellte. Sein Ruhm bot ihm eine bedeutende Plattform, sein sozialpolitisches Anliegen auszudrücken. Dementsprechend steht uns auf diesem Gebiet die ehrlichste Äußerung seiner eigenen Philosophie, seines inneren Lebens als Denker zur Verfügung. Angesichts seiner Berühmtheit ist meine „philosophische“ Lesart von Jacksons Leben natürlich verbunden mit Gerüchten, Spekulationen und imaginären Assoziationen. Doch durch seinen leidenschaftlichen Schutz leidender Kinder auf der ganzen Welt sind wir in der Lage, einen ausreichenden und konkreten Hinweis auf seine Gedanken aufzugreifen. Seine Dankesrede bei den Grammy Awards 1993 enthält eine bemerkenswert starke Ähnlichkeit zur Einschätzung Zarathustras über die Tugend von Kindern. Nachdem er über den Missbrauch in seiner eigenen Kindheit gesprochen hatte, sagte er weiter: „Magie, Wunder, Mysterium und Unschuld des kindlichen Herzens sind die schöpferischen Samen, die die Welt heilen werden. Was wir von den Kindern lernen müssen ist nicht kindisch. Mit ihnen zusammen zu sein verbindet uns mit der tieferen Weisheit des Lebens, die immer vorhanden ist und nur darum bittet, gelebt zu werden, der erhabene Weg zu Lösungen, die einfach da sind und darauf warten, in unseren eigenen Herzen erkannt zu werden.“

Daraus können wir zwei Fakten ziehen. Zum Einen, dass die Quelle der schöpferischen Energie in der kindlichen Herangehensweise eines Menschen an die Welt liegt. Zum Zweiten, dass wahre Weisheit bedeutet, die eigene, dem Menschen innenwohnende, Stärke zu erkennen. Was Jackson uns hier nahelegt ist, dass jede bedeutende Veränderung durch Selbstkontrolle erfolgt, durch Begreifen des eigenen Potentials als Schöpfer und Sinngeber. Das ist eine ziemlich nietzscheanische Idee.

Die gleiche Idee findet sich in einem von Jacksons meist geliebten Songs wieder, in Man In The Mirror. Der berühmte Refrain geht so: „I’m starting with The Man in the mirror/ I’m asking him to change his ways/ No message could’ve been any clearer/ If you want to make the world a better place/ Take a look at yourself and then make a change (Ich beginne mit dem im Spiegel/ ich bitte ihn, seine Richtung zu ändern/ keine andere Botschaft könnte eindeutiger sein/ wenn du die Welt in einen besseren Ort verwandeln möchtest/ dann schau auf dich selbst und vollziehe einen Wandel)”. Selbst wenn wir den Text Jackson selbst nicht zuordnen können – er wurde von der Sängerin Siedah Garrett für Jackson geschrieben – so ist der Text doch ein gutes Zeichen für Jacksons weitere Kunst und seine öffentlichen Projekte.

In einem Interview über ihre Erfahrung meinte Garrett, dass „sie einen Song schreiben wollte, der ihm das Gefühl gäbe, der Welt etwas zu sagen zu haben“, der Effekt war etwas philosophisch und spirituell Bedeutsames. Die Aussage an sich ist schon faszinierend. Jackson kann hier also als jemand angesehen werden, der gewissermaßen die Vorstellungskraft einer gesamten Generation einfing, sodass es eine wichtige und wertvolle Handlung darstellte, ihm eine Botschaft zukommen zu lassen. In dieser Aussage liegt Akzeptanz für die prophetische Rolle des Popstars und sie besagt, dass ein Star dazu in der Lage ist, eine inspirierende Botschaft viel weiter zu tragen als ein normaler Mensch. Dies stellt Jackson zumindest ein wenig in eine Reihe mit Zarathustra. Jackson malte sich für die Zeit, in der er lebte, als Philosoph bessere Möglichkeiten für die gesamte Menschheit aus, Nietzsches Blick jedoch war immer auffallend zukunftsgerichtet. Folglich versetzte es Nietzsche natürlich in Entzücken, die Möglichkeit zu haben, Zarathustra zu erschaffen, einen eloquenten Propheten, der in der Abgeschiedenheit zu seinen Einsichten gelangte und diese dann auch mutig in die Öffentlichkeit trug.

Jacksons besondere Art, prophetisch zu agieren, war von der gleichen Lebendigkeit wie die Nietzsches, der durch Zarathustra agierte, doch dadurch, dass Jackson das spannende und für ihn zugängliche Medium der Popmusik benutzte, erreichte er ein weitaus größeres Publikum als Nietzsches Werke es zu seinen Lebzeiten jemals schafften (nicht nur Zarathustra, sondern sein Gesamtwerk). Ein erstaunliches Beweisstück für Jacksons Seelenleben kam jedoch erst vor sehr kurzer Zeit ans Tageslicht: ein Werk, dass sich rückblickend wie eine Prophezeiung anfühlt. CBS News berichtet, dass Michael 1979, er war gerade mal 21, eine Äußerung festhielt, in der er seine Lebensziele detailliert niederschrieb, handgeschrieben auf der Rückseite eines Tourplans. Er schrieb:

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„Ich werde ein neuer unglaublicher Schauspieler/Sänger/Tänzer werden, der die Welt erschüttern wird… ich werde magisch sein. Ich werde ein Perfektionist, ein Forscher, ein Trainer, ein Meister sein… Ich werde studieren, werde auf die gesamte Welt des Showbusiness zurückblicken und sie perfektionieren, sie Schritt um Schritt höher tragen als die Großen sie zurückließen.“ Selbst in diesem zarten Alter entwarf er ein besseres Konzept, als es je vor ihm jemand entworfen hatte, mit besseren Möglichkeiten und größeren Spielräumen für sich selbst als Popstar – und er führte dieses Konzept auch aus.

Ich möchte auch auf zwei weitere Details hinweisen, die wichtig für Jacksons Art der Prophezeiung sind. Das erste ist ein Zitat Jacksons aus einem 1982 entstandenen Interview über seine Leidenschaft für die Schauspielerei: „Ich habe es nie gemocht, das Wort ‚schauspielern‘, habe es nie gemocht zu sagen ‚Ich bin ein Schauspieler‘. Es sollte mehr sein als das. Es sollte eher heißen, ich bin ein ‚Gläubiger‘.“ Das zweite Detail ist die Einstellung in Jacksons Musikvideo zu Black Or White, wo sich eine Reihe von Gesichtern, die unzähligen Rassen zugehören, aus den jeweils vorhergehenden Gesichtern entwickeln, alle beherrscht von Jacksons Stimme. Jackson war ein Gläubiger. Selbst auf der Pop Bühne, bei der die Linie zwischen Performance und Realität oftmals nicht zu unterscheiden ist, machte er aus seinem Werk ein Testament für eine fortschrittlichere Zukunft. Im Falle von Black Or White war es sein Glaube in eine postrassische Gesellschaft, in der das Verständnis unzähliger Kulturen in einem einzigen Menschen verkörpert werden kann. Auch hier finden wir wieder Nietzsches bejahende Methode, in der es vielfältige interpretative Systeme gibt, die ausprobiert werden können, um auf verschiedene Situationen zu passen, ohne Angst, sich selbst als „absolutes“ und einziges System zu begrenzen.

Geteiltes Leid: „Sie wissen nicht, wo mein Zentrum ist.“ 

Es ist sehr schwierig, jemandes innerste philosophische und emotionale Überzeugungen einer genauen Prüfung zu unterziehen. Wie bereits im „Kamelstadium“ besprochen, sieht Zarathustra eine solche Prüfung als tugendhaft und für unser Wachstum als absolut essentiell an, jedoch zögert er nie zu bemerken, dass es Arbeit ist, Arbeit, die außergewöhnliche Stärke fordert. Nicht jedem gelingt diese Aufgabe. Außerdem läuft dieser Mensch, der so mutig lebt, Gefahr, von jenen, die es vorziehen, sich nicht in die bequemen und tröstlichen Strukturen einzumischen, die sie immer aufrechterhalten haben, missverstanden, ja sogar gefürchtet, zu werden. In der Parabel Das Kind im Spiegel aus Also sprach Zarathustra findet die bejahende Seite von Man In The Mirror ihre Entsprechung.

Es geschieht zu einer Zeit in Zarathustras Karriere als Prophet, als er zum Nachdenken in sein Einsiedlerdasein in den Bergen zurückkehrt, nachdem er kurze Zeit in der Öffentlichkeit verbracht hatte. Zarathustra träumte, ein Kind käme zu ihm, hielt ihm einen Spiegel vor und zwang ihn, hineinzuschauen. Statt sich selbst zu sehen, sah er das Bild eines teuflischen Monsters. Mit neuer Entschlossenheit, seine Botschaft zu äußern und weiter zu verbreiten, erwachte Zarathustra und interpretierte den Traum so: „Meine Feinde sind mächtig worden und haben meiner Lehre Bildnis entstellt, also, dass meine Liebsten sich der Gaben schämen müssen, die ich ihnen gab.“ Jackson war extrem vertraut mit dieser Situation, verleumderische Verzerrungen in der Öffentlichkeit zu ertragen.

Nietzsche war in seinem Leben ebenso vertraut damit. Hier spiegelt der Text Zarathustras Nietzsches eigene Biografie wider.

Für Nietzsche und Jackson war die vollständige Entfremdung von der Gesellschaft ein zweischneidiges Schwert. Einerseits war es von beiden selbstauferlegt. Beide lebten lange Zeit ihr Leben in Abgeschiedenheit und sie spürten keinen wirklichen inneren Drang, das, was andere als eigenartiges Verhalten ansahen, zu verbergen. Auf der anderen Seite jedoch machte sie ihr subversives Verhalten – bei Jackson war es sein Benehmen, bei Nietzsche seine Gedanken – zur Zielscheibe für Gerüchte, die dazu dienten, ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben. 1887 schrieb Nietzsche in einem Brief an seinen Musikerfreund Carl Fuchs, dass „sie in Deutschland laut gegen seine Exzentrik aufschreien. Doch da sie nicht wissen, wo sich mein Zentrum befindet, fällt es ihnen in ihrem Bemühen schwer, den Nagel auf den Kopf zu treffen, wo und wann ich denn in der Vergangenheit exzentrisch war.“

Einen Menschen als exzentrisch oder dezentriert zu bezeichnen, zeigt eine extrem begrenzte Definition normalen Verhaltens auf, eine Vorstellung, die für Nietzsche, den Dionysischen, viel zu eng gefasst war. Das Gleiche kann man von Jackson sagen. Die Öffentlichkeit wusste kaum etwas mit den kosmetischen OPs anzufangen, die sein Aussehen seit den späten 80ern radikal veränderten oder mit der Adoption des Schimpansen Bubbles, der einer der engsten Freunde Jacksons zu werden schien. Während Jackson in der Presse seinen tiefempfundenen Schmerz darüber ausdrückte, als „Wacko Jacko“ etikettiert zu werden, war er ebenso dafür bekannt, den Klatschblättern selbst bizarre Storys über sich geliefert zu haben, die diese Etikettierung nur noch beflügelt haben. Jackson war sicher ein Mensch, der von seinem eigenen “Zentrum” beherrscht war, doch selbst rückblickend ist es etwas schwierig zu erklären, wie dieses Zentrum arbeitete.

Am bedeutungsvollsten und wohl am tragischsten waren die Anschuldigungen der Kindesbelästigung, die Jacksons Ruf beschmutzten. Es verschlägt einem förmlich den Atem, dass das, was ihm am meisten am Herzen lag, nämlich seine Fürsprache für das Wohlergehen der Kinder, schließlich in Perversion und Missbrauch verkehrt wurde. Mit seiner Neverland Ranch, die er 1988 gegründet hat, errichtete er sprichwörtlich ein Monument für kindliche Tugend und machte sich damit selbst angreifbar, sowohl für die hinterhältigen Pläne von Eltern, die darauf aus waren, durch Klagen an Geld zu kommen als auch für die kritischen Augen der Presse. Dass Jacksons Botschaft derart verzerrt dargestellt wurde, dass sich die Öffentlichkeit „für die Geschenke, die er ihr als Künstler und Humanitär zukommen ließ schämte“ mutet wie eine echte Lebensoffenbarung von Zarathustras Kind im Spiegel an.

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In Nietzsches eigener persönlicher Historie liegt das größte Verbrechen der verzerrenden Darstellung in der Kooption seines Werkes durch die Nazibewegung. Nietzsches Schwester Elisabeth, die sich in den letzten Jahren seines Lebens um ihn kümmerte, nachdem er der geistigen Verwirrung anheimgefallen war, nutzte den unendlichen Wert seiner Prosa für ihre antisemitischen und deutsch nationalistischen politischen Ansichten (Siehe Carol Diethes Biografie von Elisabeth Forster-Nietzsche: Nietzsches Schwester und der Wille zur Macht). Wie tragisch wieder einmal, dass das Schlüsselelement seiner Philosophie – die Idee der inneren Stärke und des mutigen Festhaltens an der eigenen Souveränität – für eine so dogmatische und schmerzhaft engstirnige Bewegung wie den Antisemitismus eingesetzt wurde. Nietzsche hat sicherlich begriffen, dass es Menschen gibt, die stärker sind als andere, und dafür muss er sich nicht schämen, doch über die Definition der Nazis von Stärke wäre er sicherlich entsetzt gewesen und auch sicher darüber, zu sehen, wie sein lebensbejahendes Werk für einen solch durch und durch lebensverachtenden Kontext benutzt wurde. Die Verbindungen, so dürftig sie auch seien, wurden jedoch von jenen hergestellt, die danach trachten, einen Beweis für die Gefährlichkeit seiner Philosophie zu erbringen.

Ich vermute, Nietzsche war auf seine Art ein bedrohlicher Denker. Er zögerte niemals, was auch immer die Leute über ihn dachten, sich kritisch über die „Sklavenmoral“ zu äußern, die die Mehrheit der Menschen beherrschte. In der „Genealogie der Moral“ schreibt er: „Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem “Außerhalb,” zu einem “Anders,” zu einem “Nicht-selbst”: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat.“ Seine Philosophie war es, Ja zu sagen, auch wenn oder sogar gerade wenn dies mit dem traditionellen moralischen Kodex oder der Denkweise kollidiert.

Und wo wir gerade von „gefährlich/bedrohlich“ sprechen, Dangerous ist auch der Titel von Michael Jacksons viertem Soloalbum, dem Nachfolger von Bad. Zweifelsohne ließ Jackson es nicht zu, dass derartige Etikettierungen, gesponnen von der vorherrschenden Ordnung, ihn herunterzogen. Angeregt durch Nietzsches Sklavenmoral könnten wir diese Albumtitel sogar folgendermaßen interpretieren: Jackson fühlte sich mit diesen Etikettierungen so wohl, dass er sogar seine Alben danach benannte, nicht weil er „sich selbst für gottlos“ hielt, wie es Nietzsches Hexen taten, sondern vielleicht um diesen Etiketten die Spitze zu nehmen, anstatt bloß die unterjochten Gemüter zu schelten. Er war der Erste, der das aussprach, was die Schwarzseher dachten und der dann einfach mit seinem Tanz weitermachte, er schaffte das spielend, wie jemand, der stets mit seiner inneren Freude in Kontakt blieb, einer Freude, die sich weigert, sich von äußeren Einflüssen von ihrem Weg abbringen zu lassen.

Sowohl Nietzsche als auch Jackson erkämpften sich für sich selbst große Freiheiten und nutzten diese Freiheiten zum äußersten Wohl anderer. Natürlich kostete diese Freiheit sie beide sehr viel. Ein Mensch, der abseits steht, muss großes Leid ertragen, Leid, das durch selbstauferlegte Prüfungen entsteht, die zur Läuterung und Vervollkommnung der eigenen Existenz bestimmt sind und Leid, das durch öffentliche Reaktionen gegen die Weigerung dieses Menschen, sich bestehenden traditionellen Lebensweisen anzupassen, hervorgerufen wird. Ich habe auf diesen Seiten versucht, etwas Heilsames zu tun. Wir sollten uns vorstellen, wie diese beiden Menschen sich über die Zeit hinweg eine Hand der Sympathie reichen – in beiden Fällen hat ihnen ihre Fähigkeit, Probleme zu überwinden und erfolgreich zu sein, zur größten Freude verholfen: ein Herz, das ohne Angst schöpferisch tätig ist.

Nietzsche verleiht unserem Verständnis von Jackson die Erhabenheit der Philosophie. Er kann eine mögliche Interpretation liefern, diesen rätselhaften und verwirrenden Star als Denker zu sehen. Im Gegenzug dazu verleiht Jackson Nietzsche – einem Mann, der immer nur in die Zukunft blickte, der sich stets vorstellte, dass sein Werk irgendwann einmal enthusiastisch gefeiert würde – ein Gefühl der Hoffnung. Jackson, ein Mensch, der die dionysische Empfindsamkeit verkörpert und gleichzeitig die Fähigkeit besitzt, „vieles zu ertragen“, erlebte außergewöhnliche Anerkennung und Verehrung in seinem Leben. Sein kommerzieller Erfolg und sein Ruhm sind bis heute unerreicht. Welche Freude würde Nietzsche wohl in all seiner Liebe zu Musik und Tanz empfinden, wenn wir ihm mit einem Augenzwinkern erzählten, dass er mitgeholfen hat, MJ zum King of Pop zu krönen?

 – 1991 –

Der Tanz

Bewusstsein drückt sich selbst durch Schöpfung aus.

Diese Welt, in der wir leben, ist der Tanz des Schöpfers.

Tänzer kommen und gehen in einem Lidschlag,

aber der Tanz lebt weiter. Beim Tanzen fühle ich mich oftmals

von etwas Heiligem berührt.

In jenen Augenblicken spüre ich, wie meine Seele aufsteigt

und eins wird mit allem, was lebt.

Ich werde der Mond und die Sterne.

Ich werde der Liebende und der Geliebte.

Ich werde der Sieger und der Besiegte.

Ich werde der Herr und ich werde der Sklave.

Ich werde der Sänger und das Lied.

Ich werde der Wissende und das Wissen.

Ich tanze weiter und es wird zum ewigen Tanz der Schöpfung.

Der Schöpfer und die Schöpfung verschmelzen

zu vollkommener Freude. Ich tanze weiter und

tanze…….und tanze, bis nur noch… der Tanz bleibt.

  – Michael Jackson, Dangerous (Special Edition), Covertext – 

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