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Earth Song – Michaels letzte Botschaft

Wir bringen die Liebe zurück in die Welt, um die Welt daran zu erinnern, dass Liebe wichtig ist, sich gegenseitig zu lieben…wir sind alle eins. Und achtet auf den Planeten. Wir haben nur noch 4 Jahre, um es hinzubekommen, sonst ist der Schaden nicht wieder gut zu machen. Deshalb haben wir eine wichtige Botschaft mitzuteilen… es ist wichtig.“

- Michael Jackson – This Is It /Juni 2009

I used to dream

* 24.6.2009*  – Der letzte Song, den Michael in dieser Nacht probt ist der Earth Song. 

Er war ein Mensch mit einer Botschaft und damit konnte er ein Millionenpublikum erreichen. Er nutzte die Musik, die universelle Sprache, um seine Botschaft heraus zu posaunen. Er nutzte sie, einfach um das richtige Publikum zu erreichen, die Jugend. Michael verstand, dass junge Menschen die Hoffnung für unsere Zukunft und für die Welt bereithalten. Und seine Botschaft ging darum, die Welt zu heilen, sich um Kinder zu kümmern und darum, dass „wir eins sind“. Er war in der Lage, dies universell über Generationen hinweg an Menschen auf dem gesamten Globus zu verbreiten. Wer ist nun dazu fähig? Tief in uns, an einem stillen Ort, wissen wir, dass es niemals wieder einen Michael geben wird. Wir, die Welt, kümmerten uns nicht genügend um ihn, behandelten ihn nicht sorgsam und nun ging er fort.“ – „Schaut euch seine Texte an, die meisten waren Gebete.“ – Barbara Kaufmann (http://all4michael.com/2011/06/09/goodbye-michael-ein-stiller-tribut/)

Earth Song…last time…

Ich respektiere die Geheimnisse und den Zauber der Natur. Deshalb macht es mich so wütend, wenn ich die Dinge sehe, die auf der Welt geschehen. Jede Sekunde erfahre ich, dass im Amazonas-Gebiet Wälder von der Größe eines Fußballfeldes abgeholzt werden. Das sind die Dinge, die mir wirklich Sorge bereiten.
Deshalb schreibe ich diese Art von Songs. Um den Menschen Bewusstsein, Erwachen und Hoffnung zu bringen. Ich liebe diesen Planeten. Ich liebe Bäume – ihre Farben und den Wechsel des Laubes. Ich liebe es! Und ich respektiere solche Dinge. Ich habe wahrhaftig das Gefühl, dass die Natur so angestrengt versucht, das Missmanagement des Menschen an unserem Planeten auszugleichen. Der Planet ist krank, es ist wie ein Fieber. Wenn wir es jetzt nicht aufhalten, kommen wir an einen Punkt ohne Wiederkehr. Dies ist unsere letzte Chance, die Probleme, die wir haben, zu beheben. Es ist wie bei einem davoneilenden Zug. Wenn die Zeit gekommen ist, war’s das. Die Leute sagen ständig: ‚Oh, sie werden sich darum kümmern, die Regierung wird sich darum kümmern! ‘ Sie? Wer sind SIE?

Es fängt bei uns an! Wir sind es! Oder es wird niemals etwas getan werden!“
– Michael Jackson im Juni 2009

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Auszüge aus „Earth Song – Inside Michael Jacksons Magnum Opus“ von Joe Vogel

(Übersetzung von achildsbliss )

Michael Jackson sah seinen „Earth Song“ als einen seiner wichtigsten Songs bei seiner „This Is It“-Konzerttour in London an. Für diesen Song hatte er ein komplett neues Konzept erarbeitet, einschließlich eines 3-D Vorspanns. Während er den Film nie in seiner fertigen Version sah, zeigten seine Kinder den Film 2010 bei den Grammy-Award. „Durch all seine Lieder hindurch war seine Botschaft einfach“, sagte Jacksons ältester Sohn Prince.

Liebe. Unser Vater machte sich stets Gedanken um unseren Planeten und um die Menschheit… Wir werden seine Botschaft weitertragen und der Welt helfen.“

Eine musikalische Apokalypse

Die letzte Version des „Earth Song“ war eine sechseinhalb minütige Glanzleistung, die die Lage des Menschen (und die Lage allen Lebens) in dramatischem Panorama zeigte.
Am Anfang steht der Sound: der pulsierende Rhythmus von Grillen und Singvögeln, die vibrierende Kakophonie der Nacht. Es beschwört eine üppige, natürliche Kulisse herauf – etwa einen tropischen Dschungel oder einen Regenwald – vor Leben und Musik strotzend.

 „Ich glaube, dass die Schöpfung in ihrer urtümlichen Form aus Klängen besteht und dass diese Klänge nicht willkürlich sind, sie sind Musik“, erklärte Jackson einmal.
Eine kaskadenartige Harfe eröffnet die Szene wie eine Vision: ein urzeitlicher Garten Eden, in dem alles Lebende in Einklang miteinander existiert. Die Harfe wurde teilweise von Komponisten wie Debussy und Tschaikowsky inspiriert (zwei von Jacksons Lieblingskomponisten), beide nutzten zum Teil dieses Instrument, um traumähnliche Welten von Verwunderung und Verzauberung hervorzurufen. Als Student der Geschichte und der Literatur war sich Jackson ohne Zweifel der großen symbolischen Bedeutung der Harfe bewusst.
Die überschwängliche Stimmung, die in den ersten paar Sekunden heraufbeschworen wurde, verwandelt sich jedoch schnell in etwas Bedrohlicheres. Ein tiefer, ursprünglicher Klang ist zu hören, „wie ein verrücktes Hirngespinst, das einen einsamen Reisenden von Zeit zu Zeit heimsucht.“ Dann setzt das Piano ein, seine Akkorde fangen eine Mischung aus Melancholie und Sehnsucht ein – was Wordworth einst als die „stille, traurige Musik der Menschlichkeit“ beschrieb.
„Was ist mit dem Sonnenaufgang, was mit dem Regen?“ singt Jackson. „Was ist mit all den Dingen, von denen du sagtest, dass wir sie erlangen sollten?“ Während er feststellt, was alles im Namen des „Fortschritts“ verloren geht, klingt seine Stimme, als sei er entmutigt und der Welt überdrüssig.
Sonnenaufgang und Regen sind Symbole immer wiederkehrender Erneuerung. Im Gegensatz dazu zeigt Jackson das unnachgiebige Streben der Menschheit nach „kurzsichtigem“ Gewinn. Statt mit der Natur, den Tieren und miteinander in Koexistenz zu leben, haben wir uns einen Weg, getrieben von achtlosem Genuss und Gier, gebahnt. Die Versprechen der sogenannten „zivilisierten“ Welt sind Illusionen, errichtet auf Ausbeutung und Zukunftsunfähigkeit.
Von Anfang an wirft Jackson verstörende Fragen auf und nimmt die Grundlagen der modernen Gesellschaft ins Visier.
„Was haben wir der Welt angetan?“ fragt er seine Zuhörer. „Seht, was wir getan haben.“
Sein Gesang wird untermalt von tiefen Synthie-Pads, die ihn wie einen Schatten verfolgen, ihre Akkorde scheinen direkt dem Erdreich zu entsteigen. Jacksons Erzählung malt ein düsteres, trostloses Bild. Tragischer als unsere sich rasant verschlechternde Lage ist jedoch, dass sich noch immer so viele Menschen weigern, dies zu erkennen.
„Hast du jemals aufgehört/ all das Blut, das wir zuvor vergossen haben / wahrzunehmen?“ singt Jackson mit bebender Stimme, die zu einem Falsett aufsteigt. „Hast du jemals aufgehört/ diese schreiende Erde, die klagenden Küsten/ zu spüren?“
Im Grunde genommen fragt er uns, ob wir dem Leid der Welt gegenüber empfindungslos und gleichgültig geworden sind.

Bei anderen Sängern wären solche Empfindungen vielleicht als Gefühlsduselei herübergekommen. Doch Jackson hatte die einzigartige Gabe, Worten Gewicht zu verleihen. Wie Marvin Gaye einst sagte: „Michael wird die Eigenschaft niemals verlieren, die die reine Sentimentalität von wahrhaft im Herzen Gefühlten trennt. Es ist im Blues verwurzelt und egal welches Genre Michael auch immer singt, dieser Junge besitzt den Blues.“ Im „Earth Song“ singt Jackson den Blues in kosmischem Ausmaß.
Mit jedem Vers wächst die musikalische Struktur. Die Gitarre spiegelt Jacksons qualerfüllte Gefühle mit beseeltem Spiel wider. Das majestätische Orchester schwillt an und flaut ab wie Wellen.
Im zweiten Vers bezieht Jackson sich auf den Frieden „für den du deinen einzigen Sohn als Pfand gabst“ und richtet so plötzlich seine Fragen nicht mehr nur an die Menschheit, sondern an Gott. Wann werden diese Versprechen auf Erlösung sich erfüllen, fragt er. Später stellt er auch einen Bezug zu Abraham und dem „gelobten Land“ dar, das seinen Nachkommen vertraglich verpflichtend versprochen worden war. Da waren Hiob-ähnliche Proteste:

Ich rufe DICH an und DU hörst mich nicht“, lamentierte Hiob.
War nicht ich es, der um den, der in Schwierigkeiten war, weinte?
War es nicht meine Seele, die bekümmert war wegen der Armen…
Und nun ergießt sich meine Seele über mir;
Die Tage des Leids ergreifen mich…
Meine Harfe verwandelt sich in Wehklage
Und meine Orgel in die Stimme derer, die weinen.

Wie ein prophetischer Dichter aus alter Zeit erforscht Jackson „die Grenzen des Allmächtigen“, während er grundlegende Fragen nach denen, die verwundet und im Stich gelassen wurden, stellt.
Im Herzen dieser Wehklage liegt das uralte Dilemma, warum es immer die Unschuldigen sind, die leiden müssen
(Hast du jemals aufgehört/ an all die Kinder zu denken, die im Krieg getötet wurden?). Die Spannung dieses ungehörten Flehens baut sich während der Strophen auf, bevor sie in einem schmerzerfüllten Schrei des Chores ausbricht.

Hört euch die Explosionen der Drums und den erderschütternden Bass nach der zweiten Strophe an: Dies ist der Augenblick, in dem der Song von Verzweiflung und Aussichtslosigkeit in wahre Empörung umschlägt. Dahinter steckt die Absicht, an den Grundfesten des Zuhörers zu rütteln und ihn aus seiner Apathie zu reißen. Der zweite Chor übernimmt nun mehr Kraft und bekommt mehr Eigendynamik, er verbindet sich zu einem energetischen Sturm.

Vor dem Höhepunkt jedoch kommt noch einmal ein Moment des Nachdenkens. Jacksons Stimme wird wieder zerbrechlich und verwundbar und repräsentiert nicht länger die tobende Stimme derer, die keine Stimme besitzen. Der „Earth Song“ ist ein exzellenter Ausdruck dessen, wie versiert Jackson stimmlich ist: Es ist eine Stimme, die den „Menschen in höchster Not“ heraufbeschwört. Extreme Höhen und Tiefen, extreme Verletzlichkeit und Macht, Verzweiflung und Wut. Allein in der Überleitung wechselt er von zärtlicher Bewunderung für Unschuld (Ich träumte/Ich blickte über den Sternenhimmel) zu plötzlicher Panik und Entfremdung (Jetzt weiß ich nicht mehr, wo wir stehen) und weiter zu völliger Verzweiflung und Wut (Obwohl ich weiß/ wir sind zu weit getrieben).
Die Überleitung symbolisiert die Schwelle, ein Zwischenstadium zwischen dem, was war, dem, was sein könnte und dem, was ist.
Was darauf folgt ist der epische Höhepunkt, der den Song jedoch auf einen anderen Level katapultiert. Die Schreie des Chores entfalten sich mit immer größer werdender Intensität. Die Luft ist erfüllt von apokalyptischer Energie, „ein Tumult mächtiger Harmonien“. Jacksons Stimme ist wie die des wehklagenden Jeremias (des weinenden Propheten): „Sind nicht all meine Worte wie Feuer… und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt“. Sie ist wie Shelleys revolutionäre Ode an den Westwind: „Treibe meine toten Gedanken ins Universum/ wie verwelktes Blattwerk, um eine Wiedergeburt zu beschleunigen… auseinandergestoben wie von einem ungelöschten Herzen/ Asche und Funkenregen… der Hall der Prophezeiung.“
Sein Anrufen des Andraé Crouch Chores und dessen Antworten entfesselt in der Luft einen Dialog, der erstickt worden war. Jedes Flehen, das Jackson unserer Aufmerksamkeit überantwortet, verstärkt der Chor mit einem immer wiederkehrenden:

Was ist mit uns?“
Was ist mit gestern? (Was ist mit uns!)
Was ist mit den Ozeanen? (Was ist mit uns!)
Die Himmel stürzen ein (Was ist mit uns!)
Ich kann nicht einmal mehr atmen (Was ist mit uns!)

Das „uns“ ist die erweiterte Stimme der „anderen“: die Stimme all derer, die zum Schweigen gebracht, unterdrückt oder nicht beachtet wurden (einschließlich der Umwelt und der Tiere). Jackson legt für sie Zeugnis ab, während er den Status Quo beklagt. Es ist eine massive vertonte Demonstration für Menschenrechte.
Die Macht des Austauschs zwischen Jackson und dem Chor ist einfach erstaunlich: „Was ist mit dem Gelobten Land“ schreit er, während der Chor ihm in einem Wust mit den Worten „Was wird aus uns?“ hinterher eilt. „Auseinander gerissen durch Gier (Was wird aus uns!)/ Was wird aus dem ganz normalen Menschen(Was wird aus uns!)/ Können wir ihn nicht befreien(Was wird aus uns!)/ Was ist mit den Kindern, die sterben (Was wird aus uns!)/ Hörst du ihr Weinen nicht (Was wird aus uns!).“
Dann folgt eine leichte Abweichung vom wieder kehrenden Refrain, als Jackson fragt: „Wo sind wir gescheitert? Sag mir jemand warum!“
Seine Stimme drückt eine Mischung aus Verzweiflung und Empörung aus. Wie kamen wir hierher? Wie haben wir uns so entwickelt?

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Als Jackson den Schluss seines Gebetes erreicht – erschöpft und doch ungebrochen – fragt er seine Zuhörer einfach nur „Ist uns das alles völlig gleichgültig?“, bevor er wortlose Schreie der Verzweiflung loslässt. Sprache kann einfach dem Schmerz und dem Leiden, das er zu übermitteln und die Welt dafür zu sensibilisieren versucht, nicht gerecht werden.
Im Hintergrund klagen weiterhin die Schreie des Chors, als kämen die Schreie direkt aus den Eingeweiden der Erde.

Das Wort „Apokalypse“ versteht man typischerweise als Zerstörung, die sich am „Ende aller Tage“ ereignen wird. Im griechischen Original jedoch bedeutet es „die Lüftung des Schleiers“, eine Offenbarung oder Prophezeiung, die der Menschheit dazu verhilft, zu erkennen, was sich deutlich sichtbar vor ihr verbirgt.
Laut dieser Definition stellt der „Earth Song“ eine musikalische Apokalypse dar. Er bringt den Zuhörer aus einem imaginären Paradies voller Harmonie und Lebenskraft in unseren gegenwärtigen Zustand der Entwürdigung und der Trennung. In seiner letzten Frage (Ist uns das völlig gleichgültig?) geht es um unsere Unachtsamkeit, unsere Abgestumpftheit. Warum nehmen wir die Dinge einfach so hin, wie sie sind? Warum können wir die Selbstzerstörung nicht erkennen und sie aufhalten? Warum können wir uns nicht etwas Besseres vorstellen und es zu erreichen suchen?

Der Körper als Leinwand

In Jacksons Performance zum „Earth Song“ ist ein erstaunliches Schauspiel zu sehen. In den drei kurzen Jahren, in denen er diesen Song performte (1996-1999), war der Song der dramatische Höhepunkt seiner Show. Ihn mit den Füßen stampfen, aufheulen und unsicher über der Menge baumeln zu sehen, während er über dieser Menschenmenge seine gesamte Seele ausbreitete, erbringt alle Beweise, die nötig sind, zu erklären, was ihn zum einzigartigsten und kraftvollsten Künstler unserer Zeiten machte. „Er ist oftmals in dramatischer Art und Weise beleuchtet“, beobachtet die gefeierte Künstlerin Constance Pierce. „Eingehüllt in ein Stoffgewirr, erhebt er sich mit Hilfe eines Krans in den Nachthimmel. Über seinem riesigen Publikum schwebend, sein beleuchtetes seidenes Cape entfaltend, vereint Jacksons hypnotisierende Präsenz tausende Menschen unter ihm zu reiner Ästhetik, zu einer rituellen „Kunstperformance“, in die alle mit eingebunden sind. Kerzen werden angezündet und alle Arme erheben sich in Einklang. Die Geste der Leidenschaft, die Jacksons Performance des „Earth Song“ verkörperte, die sowohl ikonisch als auch überirdisch war, brannte sich ins kollektive Bewusstsein des 20. Jahrhunderts ein.“
In einer seiner schönsten Performances seiner Karriere (1996 in Brunei), in der er am Ende der dreistündigen Show in Schweiß gebadet war, lieferte er aus dem Stegreif eine Improvisation („Tell me what about it!“ – Sag mir, was ist damit!), die einem eiskalt den Rücken herunterläuft. Es ist gleichsam wie der Ruf eines modernen poetischen Propheten, der die Welt darum bittet, endlich aufzuwachen und zu sehen.

Tell me what about it!“

Aufgrund der religiösen Symbolik und der leidenschaftlichen Reaktion der Menge (man kann das Publikum oft schluchzen sehen) war möglicherweise der größte Kritikpunkt, der mit dem „Earth Song“ assoziiert wurde, der, dass Jackson oder der Song (oder beide) „messianisch“ seien. Diese Etikettierung kam noch stärker in Umlauf, als 1996 bei den Brit-Awards der Pulp-Sänger Jarvis Cocker die Bühne stürmte, um gegen das, „christusähnliche“ Bild zu protestieren, das Jackson, seiner Meinung nach, von sich selbst zeichnete.
Diese Einschätzung von Jacksons Performance(s) machte bei zahlreichen Journalisten und Kritikern die Runde, da sie sie wortwörtlich nahmen. Ohne Zweifel benutzte Jackson messianische Gesten in seinen Performances. Was jedoch überhaupt nicht in diese Überlegungen einfließt, ist die Tatsache, dass der Körper eines Tänzers/ Performance-Künstlers dem Künstler als Leinwand dient. Er benutzte spezielle Gesten und Symbole, um Bedeutsamkeit zu vermitteln und um Gefühle auszudrücken. Würde ein Kritiker behaupten, Michelangelo sei „messianisch“ und „narzisstisch“, weil er Jesus am Kreuz malte? Es ist viel interessanter, sich anzuschauen, wie Jackson diese Symbole und Gesten einsetzt.
„Wenn Jackson eine bestimmte urbildliche Haltung verkörpert“, so Constance Pierce, „verwandelt sich sein Körper in eine Art symbolische, elegante Schönschrift, durch den das Göttliche den Ausdruck explosiver Gefühle oder innigen Mitgefühls hindurch leiten kann. Der Künstler wird zum Schamanen, der all unsere „Schatten“ übernimmt und sie vollkommen ins Licht kehrt.“
Jackson benutzt messianische Gesten nicht, weil er glaubt, er sei der Messias, sondern weil er weiß, was diese Symbole ausdrücken und vermitteln können. Es geht ihm dabei nicht um sich selbst, sondern darum, wie sein Körper die Emotionen des Songs umsetzen kann.

Auszüge aus Joe Vogel/Earth Song- Inside Michael Jackson’s Magnum Opus – http://www.amazon.de/Earth-Song-Inside-Michael-Jacksons/dp/0981650678/ref=sr_1_1?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1403636994&sr=1-1&keywords=Earth+Song+Joe+Vogel )

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Michael benutze seine Musik als ein Mittel, um seine Botschaft zu verbreiten…

Das ist bei seiner Musik und seinen Songs offensichtlich, bei vielen seiner Songs. Natürlich machte er auch ein paar “shake your booty” Songs, aber vieles von seiner wichtigen Musik ist diese Musik mit der Botschaft, und die Leute schätzten es, weil sie sich nicht so fühlten, als ob ihnen was gepredigt würde. Sie wollten das hören, diese Musik mit einem Anliegen, über Liebe und Zusammenhalt. Manchmal scheuen die Leute vor solcher Musik zurück, denn sie denken, es wird ihnen was gepredigt, als ob sie in der Kirche wären. So was will keiner hören. Michael hatte aber so eine natürliche Art, dass die Leute das hören wollten und sie liebten es. Es hörte sich nicht nach einem Sermon oder einer Predigt an. Sie waren neugierig, und sie wollten so werden, sie wollten diese Vision sehen, die er beschrieb.

Auf seine Art war er ein Prophet, in seiner Musik, ein moderner Prophet. Er wurde von Gott gesandt um Licht zu bringen, so ähnlich wie die Propheten in früheren Zeiten. Viele Menschen nehmen das nicht wahr, denn er ist ja ein Entertainer, er wurde in dieser Form zu uns gesandt, als ein Entertainer, und so haben viele Menschen die Prophezeihungen die er mitteilte, übersehen. Seine Lehren von Liebe und seine Anliegen – du kannst etwas über seine Anliegen erfahren, im Earth Song und in anderen Liedern teilt er seine Sorge um den Planeten und die Menschen mit, für Menschlichkeit, für Zusammenhalt.

Ich denke, er ist ein wundervoller Mensch. Ich denke, er ist für jeden eine Lehre, von ihm zu lernen und in diesem Licht zu handeln, dieses Licht von Besorgnis und Liebe für einander. Es wäre sicherlich eine bessere Welt, wenn jeder danach handelte.“ - Jonathan Moffett (Interview MJ Tribute Portrait)

Earth Song June 24 2009

This Is It….

Er hatte die Botschaft der Liebe, und er war sehr besorgt um die Umwelt und das war ein Teil, ein Thema durch die ganze Show. Seine Haupt-Botschaft war die der Liebe, Menschen zusammen zu bringen, und damit war es ihm sehr ernst. Earth Song, Heal The World, We Are THe World… das waren die Themen in der Show, und in den Proben vermittelte er, wie wichtig es war, diese Elemente herauszuarbeiten… ich weiß, dass Michael eine Botschaft von Liebe und Frieden an die Menschen senden wollte… diese Dinge waren ihm wichtig, und das sollte vermittelt werden.“ - Dorian Holley/Vocal Coach/This Is It

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Review zum Buch „Remember The Time – Protecting Michael Jackson in his final days.“

Übersetzung einer ausführlichen Review zum Buch von Bill Whitfield und Javon Beard: ‘Remember The Time – Protecting Michael Jackson in his final days’.

Die Review stammt im Original von Raven (All For Love Blog) und ich habe sie – da sie sehr meiner eigenen Sicht entsprich – mit ihrem Einverständnis übersetzt.

Thank You, Raven!

Link zum Original: http://www.allforloveblog.com/?p=9205

Nachdem ich letzte Nacht Bill Whitfield und Javon Beards Buch „Remember The Time: Protecting Michael Jackson In His Final Days“ fertig gelesen habe, stehe ich da und verspüre brennende, ohnmächtige Wut und Traurigkeit. „Ohnmächtig“ ist genau das richtige Wort dafür. Diese Emotionen sind ohnmächtig, einfach deshalb weil, – egal wie stark sie auch nach Beenden des Buchs sein mögen- das was bleibt ein anhaltendes Gefühl von Hilflosigkeit ist. Michaels Leben ist das, zu dem es wurde und jetzt ist er fort. Er ist gegangen und niemand kann daran etwas ändern; niemand kann zurückgehen und irgend etwas ändern. Wir können nicht all die Verletzungen, die einem menschlichen Wesen zugefügt wurden ungeschehen machen. Uns bleibt nur, den Scherbenhaufen anzusehen und zu versuchen, zu verstehen. Das ist, neben allem anderen, was ich von diesem Buch mitnehme.

Ich glaube auch, dass Whitfield und Beard auf ihre Art auch noch immer versuchen zu verstehen, was mit Michael Jackson, dem Mann den sie liebevoll als ihr „Boss“ bezeichnen, geschehen ist, und dass es ihr Bestreben ist den Fans dabei zu helfen, es auch zu verstehen. In welchem Ausmass das Buch dieses Ziel erreicht oder verfehlt, hängt zu einem großen Teil davon ab, was der Leser von ihm erwartet. Es hat seine starken und seine schwachen Bereiche.

Der Titel ist etwas klischeehaft und ausserdem auch schon Titel eines anderen MJ-Buchs, geschrieben von Theresa Gonsalves. Aber für Titel gibt es kein Copyright und es ist definitiv nicht das selbe Buch.

Trotzdem werden MJ- Fans und clevere Leser wissen, warum einige Teile des Buchs vertraut klingen. Das kommt daher, dass ein Teil des Buchs schon zuvor erzählt wurde, von Dr. Karen Moriarty in ihrem selbst-herausgegebenen Buch „Defending A King: His Life & Legacy“. Dieses Buch-Projekt startete damit, dass Dr. Moriarty sich ursprünglich mit Whitfield, Beard und Michael Garcia (der sich später davon zurückzog) getroffen hatte, mit der Absicht, die Ghostwriterin für deren Buch zu werden. Was schliesslich mit dieser Abmachung passierte, ist in der Einleitung zu Moriartys Buch ausgeführt, wo sie sagt, dass sie letztlich einfach nicht mit der Geschichte, die sie erzählen wollten, auf der gleichen Linie lagen. Das Ergebnis ist, dass Moriartys Buch, was sich dennoch in den Kapiteln, die die letzten zwei Jahre seines Lebens portraitieren (besonders die Zeit in Las Vegas), sehr auf die Erzählungen der Bodyguards stützt, sich aber dann zu einem eigenen Buch entwickelte, zu einer Biografie anstatt eines Memoirs. Nachdem ich das Buch gelesen habe, verstehe ich besser, wodurch diese Differenzen entstanden. Ich komme später kurz darauf zurück.

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Die Wahl des Cover-Fotos ist interessant. Es ist das gleiche Foto, welches für die Promo der M. Bashir Dokumentation „Living with Michael Jackson“ benutzt wurde. Es ist ein sehr schönes Foto aus Michaels späteren Jahren, welches passend ist, weil das Buch etwa die letzten beiden Jahre seines Lebens beschreibt. Aber es ist zugleich ein Foto, was seine Einsamkeit und Isolation hervorhebt. (Michael lächelt auf dem Foto nicht, seine Pose ist eher nachdenklich, sein Ausdruck meditativ, melancholisch, sein Blick geht in die Ferne als ob er etwas sucht, was dort nicht zu finden ist.) Für den Leser gibt dieses passende und eindringliche Bild einen ersten Eindruck auf den Inhalt, da Michaels Isolation wirklich zum zentralen Thema des Buchs wird.

Jedesmal, wenn ich ein Buch lese, das von jemand geschrieben wurde, der Michael wirklich kannte oder mit ihm zusammen gearbeitet hat versuche ich, unvoreingenommen zu bleiben und auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Unvoreingenommenheit ist wichtig, denn ich bedenke immer, dass ich nicht behaupten kann, mehr über Michael zu wissen, als diejenigen die rund um die Uhr um ihn herum waren. Gelegentlich bedeutet das, dass das Bild, das sie präsentieren nicht mit dem Michael übereinstimmt, den ich glaubte so gut zu kennen. (ich fand allerdings, dass es hier nie der Fall war; glücklicherweise habe ich nicht eine idyllische Version von Michael im Kopf, und ich denke, das hilft dabei, unvoreingenommen zu bleiben.) „Eine kleine Prise Salz“ (nicht alles auf die Goldwaage zu legen) hilft aber auch dabei. Ich weiß aber auch, dass letztlich jede Sicht auf Michael – auch die derjenigen, die sich als Freunde bezeichnen oder die Angestellte waren, und jeden Tag für ihn arbeiteten – letztlich eine durch ihre eigene Erfahrung beeinflusste Wahrnehmung sein wird, ob positiv oder negativ. Es besteht auch immer die Gefahr des „ich war der Einzige, dem er vertrauen konnte/ der Einzige auf den er sich verlassen konnte“ – Syndroms, dem sich der Leser jeder Zeit bewusst sein muss, wenn er ein Buch in die Hand nimmt, welches von jemand geschrieben wurde, der nahe an Michael herankam. Ich rechne Beard und Whitfield positiv an, dass sie über dieses Syndrom sehr ehrlich berichten (sie behaupten nicht, dass sie dagegen immun waren, oder dass sie die Ausnahme von der Regel seien.) Und im Buch analysieren sie auch ausführlich dieses eigenartige Phänomen was mit Berühmtheit einhergeht – was jedoch nicht so eigentümlich ist wenn man bedenkt, dass es immer um den Kampf nach Macht geht, wenn man über Michael Jackson und sein Imperium spricht, darum, wer die Kontrolle hat, wer in welchem Moment seine Aufmerksamkeit hatte. Und auch nicht zu vergessen, dass Michael diese angeborene Fähigkeit – diese Aura – hatte, die jeden in seiner Nähe sich als etwas Besonderes fühlen lies, so als sei man der Einzige und Wichtigste in seiner Welt. Es war eine besondere Gabe Michaels, aber es war auch eine, die sich manchmal als Nachteil erwies.

Doch Whitfield und Beard waren es gewohnt, mit berühmten Menschen zusammen zu sein, auch wenn sie zugegebener Weise zuerst etwas beeindruckt (starstrucked) waren, als ihnen klar wurde, dass sie für Michael Jackson arbeiteten. Das gab sich jedoch bald, als sie sich in ihren Job eingearbeitet hatten, nämlich einfach eine Familie zu schützen – einen allein erziehenden Vater, seine drei Kinder und eine wachsende Menge an Tieren, mit denen die Kinder, die in ihrem einzigen dauerhaften Zuhause Neverland aufgewachsen waren, versuchten, die entstandene Leere zu füllen. Es gibt Abschnitte, da scheint die Geschichte fast wie ein Pilotfilm zur Fernseh-Serie „The Brady Bunch“ zu sein (http://de.wikipedia.org/wiki/Drei_Mädchen_und_drei_Jungen) – „Hier die Geschichte eines liebenswerten Vaters/ der drei sehr liebenswerte Kinder aufzieht“ – und alles was dazu noch fehlen würde ist eine „Alice“ – aber dafür haben wir Grace, Bill und Javon, die eigentlich diese Rolle übernehmen, auch wenn sie dabei Waffen tragen. Alles ist sehr nett, aber über allem hängt das Wissen um die Tragik dieser Familie; einer Familie, die gelernt hat in einer schützenden Blase zu leben und die niemals einfach nur „normal“ sein kann. (obgleich ihr Bestreben nach Normalität den schmerzlichen Kern der Geschichte ausmacht.) Und es ist eine Geschichte von der wir leider schon wissen, wie fatal sie endet.

Es ergeben sich einige der Fragen, die man auch stellen könnte, wenn man z.B einen Film wie Titanic ansieht. Wenn wir schon das Ende kennen, warum lesen wir dann ein solches Buch? Einfache Antwort. Immer, wenn wir schon wissen, wie die Geschichte endet, lesen wir nicht wegen dem Ziel, sondern wegen dem Weg dahin. Wir lesen, weil wir immer mehr darüber lesen/lernen wollen, wer Michael war/ist. Die Faszination damit hört niemals auf. Natürlich können wir sagen, er sagte uns alles, was wir wissen müssen mit seiner Musik – und es ist in der Tat so, dass er uns durch seine Musik und seine Gedichte mehr sagte, als wir es jemals von einer Biografie bekommen werden. Aber dennoch bleibt da ein Verlangen zu wissen… wie war sein Alltags-Leben? Wie war es, mit ihm zusammen zu sein? Wie kam er mit dem Irrsinn seines Lebens und mit diesen ständigen Machtkämpfen in seinem Umfeld zurecht? Und wir lesen, weil wir immer noch Antworten suchen. Was passierte mit Michael Jackson gerade in seinen letzten Tagen? Remember The Time gibt uns diese Antworten nicht, aber es gibt uns viele Einblicke in dieses Leben. Ich glaube, was viele, so wie auch ich, von diesem Buch mitnehmen ist, dass trotz all des Reichtums und Ruhms Michaels, wir nicht unser Leben gegen seines eintauschen wollen. Beim Lesen des Buchs durchlief ich viele Emotionen, manchmal musste ich lachen – ‘ja, das hört sich genau nach Michael an!’ – manchmal fühlte ich ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit, als sie sahen, wie die Dinge sich um Michael herum entwickelten (Dinge, die sie nur mit ansehen konnten, ohne etwas tun zu können, um sie zu stoppen). Ich musste oft mit dem Lesen aufhören, um Tränen fort zu wischen, und am Ende fühlte ich Whitfiels brennende Wut, als er bei Michaels Memorial saß und aus nächster Nähe die Scheinheiligkeit all derer bezeugen konnte, die behaupteten Michaels Freunde zu sein – aber niemals da gewesen waren.

Memorial

Ich hoffe, das nimmt denen, die es bisher noch nicht gelesen haben, nicht zu viel vorweg, aber das ist genau der Ton mit dem dieses Buch endet. Es ist ein in mancher Hinsicht merkwürdiges Ende. Es gibt keine Resolution, keine großartige Ausführungen darüber, wer Michael war, oder was er der Welt als Künstler und Ikone bedeutete, nichts in der Art von „Wow, wenn Michael all diese Liebe, die dort für ihn zum Ausdruck kam, hätte sehen können.“ Stattdessen endet es mit einer Bemerkung, die sehr aufrüttelt aber auch schonungslos ehrlich ist. Whitfield war mit Michael in der Zeit zusammen in der er isoliert und einsam war, er erinnert sich nur zu gut an die, die sich niemals blicken liessen, an die, die nur Lippenbekenntnisse ablegten, dass sie Michael unterstützen würden, an die, die anriefen und sagten „Ich bete für dich“ – aber sich niemals blicken liessen. Ich erkenne es an, dass das Buch hier nichts beschönigt, denn das ist offen gesagt ein Teil der Geschichte, der erzählt werden muss. Die Geschichte hätte auch, wie so oft, unter den Klängen von „Man In The Mirror“ enden können, wobei sich alle an den Händen fassen um daran zu erinnern, welch helles Licht Michael ausstrahlte, und wie sehr ihn alle liebten – und natürlich tun wir das, auch dann, wenn wir uns nicht immer genug Zeit nahmen, es zu sagen.

Stattdessen endet es in einem bitteren, aufrüttelnden Ton, wie die betäubende Stille nach einem Gewehrschuss. Wie gesagt, es ist nicht angenehm, und es lässt den Leser beunruhigt zurück, aber ich schätze es als aufrichtige Emotion, nichts wird versüßt und beschönigt. Vielleicht gibt es ein paar Leute, die die Wahrheit hören „müssen“. Wahrscheinlich sind es sogar viele, die es hören müssen.

Es sind ehrliche Emotionen und sie bringen einige der interessanten Unterschiede zwischen einem Memoir und einer Biographie zum Vorschein. Und das ist ein wichtiger Unterschied, den wir immer bedenken sollten, wenn wir ein solches Buch lesen. Memoiren – bei denen dem Autor die Begebenheit, über die er schreibt, bekannt ist und die deshalb aus eigener Erfahrung geschrieben wird – sind von Natur aus intimer und persönlicher, als Biographien, die von neutralen Journalisten oder aussenstehenden Personen geschrieben werden. Aber aufgrund dieser Intimität haben sie auch zu erwartende Begrenzungen. Wir müssen uns damit abfinden, nur ein schmales Spektrum des Bildes zu bekommen, eines, das die Erfahrungen aus erster Hand dieser Menschen gefiltert ist und durch diese Erfahrungen auch eingeschränkt ist. So wie bei jedem Ich-Erzähler (fiktional oder nicht), kann der „Ich“ Erzähler sich nur auf das beziehen, was das „Ich“ weiß. Das wird besonders dann problematisch, wenn das Thema auch Personen aus dem wirklichen Leben beinhaltet und besonders dann, wenn es sich um jemand handelt, der so komplex ist und der so sehr versuchte, sein Leben in unterschiedliche Bereiche aufzuteilen, wie Michael. So wie es Michael gelang, seine Dates komplett vom Leben mit seinen drei Kindern zu trennen, (keine von Michaels geheimen „Freundinnen“ wurde jemals in sein Haus gebracht, sondern sie trafen sich immer in Hotels) glaube ich auch, dass oft die Seite, die Freunde und Angestellte von Michael zu sehen bekamen, genau die war, die er ihnen zeigen wollte. Damit soll nicht suggeriert werden, er wollte etwas verbergen; ich denke es war einfach eine Strategie, die sich entwickelt hat um mit seinem sehr ungewöhnlichen Leben zurecht zu kommen.

Obwohl er mit Whitfield und Beard sehr vertraut wurde und ihnen zu vertrauen schien, waren sie dennoch nur Angestellte; ihr Platz war in der Garage oder im Security-Trailer. Als Leser müssen wir berücksichtigen, dass ihre Geschichte zumindest auch durch diese Distanz gefiltert ist – eine Distanz, die sie befähigte, unparteiische Beobachter zu sein aber auch – weil die Zahl der Angestellten auf ein Minimum geschrumpft war – eine bestimmte Art der Nähe beinhaltete. Man kennt den Ausdruck „Wie eine Fliege an der Wand“. Genau so – sie waren immer dort und gleichzeitig „nicht dort“ – Zeugen von Vorgängen und teilweise auch darin involviert, aber nie wirklich eng darin eingebunden.

In anderen Worten heisst das, wir können nie erwarten, dass die Geschichte eines Einzelnen das definitive Bild von Michael – wer er war oder wie er sein Leben lebte – wiedergibt. Es ist vielmehr so, dass jede individuelle Geschichte ein kleines Teil des Puzzles ist. Ich versuche immer, an jedes Memoir über Michael unter diesem Aspekt heran zu gehen, es zu sehen, als das, was es ist: nicht mehr und nicht weniger wie die Version der Wahrheit einer Person (oder von zwei, wie in diesem Fall) – die Wahrheit, wie sie sie erfahren haben. Das Wort Memoir stammt vom Wort memory (Erinnerung) ab.

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Mit der Zeit stellte sich heraus, dass die Bücher über Michael, die ich am meisten geniesse die sind, die ihn als menschliches Wesen mit Fehlern portraitieren, nicht zu dem Zweck, ihn auszubeuten oder fertig zu machen (dazu gibt es schon genug Bücher am Markt), sondern um ihn in all seiner menschlichen Komplexität zu zeigen, weder mit Teufelshörnern, noch mit Engelsflügeln und Heiligenschein. Mich interessiert Michael Jackson, das menschliche Wesen, und nicht ein Gott.

Remember The Time hält diese Balance, aber wir dürfen dabei nicht die Begrenzungen von Erinnerungen vergessen.

Bill Whitfield und Javon Beard kannten Michael nur während den letzten zwei-einhalb Jahren seines Lebens persönlich. Sie wurden schon kritisiert dafür, weil der Untertitel des Buchs “Protecting Michael Jackson In His Final Days” lautet (Michael Jackson in seinen letzten Tagen schützend), aber beim lesen des Buchs geben sie zu, dass sie in diesen letzten Monaten nicht mit ihm in LA waren. Zu der Zeit waren ihre Verantwortlichkeiten sehr reduziert und sie blieben in Las Vegas zurück. (besonders Bill Whitfield quält sich mit dieser Tatsache am Ende des Buchs herum). Folglich beruhen die letzten Kapitel des Buchs dann auch mehr auf Hören-Sagen, als auf persönliche Erfahrungen. Mit anderen Worten: sie kennen die Details von dem, was in diesen letzten Monaten in Holmby Hills passierte zum Großteil durch die gleichen Quellen, wie wir- durch das, was sie lasen und in den Medien hörten. In diesem Punkt enttäuscht das Buch etwas, falls jemand erwartete neue Erkenntnisse über das zu gewinnen, was wirklich mit Michael in diesen letzten Tagen passierte. Die Bodyguards haben diese Antworten einfach nicht – oder wenn sie sie haben, schweigen sie vielleicht aus gutem Grund. Wie in vielen Büchern gibt es da einige Spekulation, aber letztlich bleibt das, was mit Michael an seinen letzten Tagen – bis auf das, was durch die Medien und den Prozess schon bekannt wurde – ein Mysterium.

Was Whitfield und Beard aber liefern, ist ein faszinierender Einblick in die Monate, die Michaels Abreise nach LA vorangingen, und sie sparen nicht damit, die Haupt-Beteiligten zu nennen, die die Falle bauten, die Michael letztlich verzehrte und umbrachte. Was dabei entsteht ist ein wirklich furchtbares Bild. Und womit man zurückbleibt ist das quälende Bild eines Mannes, der buchstäblich von seinem eigenen Imperium verzehrt wird – ein Imperium, das er selbst schuf, was aber letztlich größer wurde, als er selbst, und zu groß, um es noch selbst kontrollieren zu können.

Weil Whitfield und Beards Erfahrungen auf diese letzten zwei-einhalb Jahre, in denen sie ihn kannten, begrenzt sind sollten wir auch bedenken, dass ihr Portrait von Michael nicht ein definitives ist, und das sollten wir auch nicht erwarten. Wir müssen einige Dinge aus dem richtigen Blickwinkel sehen. Der Mann, den Whitfield und Beard kennenlernten, war ein Mensch, der gerade aus einer Art Exil zurückkam, nachdem er etwas durchgemacht hatte, was zu den traumatischsten Erfahrungen gehört, die man als Mensch durchmachen kann. Michael leidet immer noch unter post-traumatischem Stress, verursacht nicht nur durch den Prozess und die Beschuldigungen, sondern auch durch die jahrelange negative Presse; durch all die Jahre, in denen die Welt ihn als „Wacko-Jacko“ wahrnahm, durch jahrelange Konfrontation mit Gerichtsverfahren, Aasgeiern und Druck. Seine Kreativität war nicht ausgebrannt, aber was sein Leben betraf, war er zu diesem Zeitpunkt sehr ausgebrannt. Solche post-traumatischen Belastungsstörungen, die bei jedem, der solches durchgemacht hat, verständlich wären, sind sicher eine Erklärung dafür, warum Michael zu diesem Zeitpunkt sich und seine Kinder von der Welt isolieren wollte. Er wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Wie er es immer wieder sagte, er wollte in Ruhe gelassen werden und einfach sein Leben mit seinen Kindern geniessen.

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Michaels Isolation wird zu einem zentralen Thema des Buchs. Wie ich schon vor ein paar Jahren sagte, als ich eine Review zum Buch von Dr. Moriarty schrieb, ist der qualvollste Aspekt dieser Geschichte, vielleicht der des allein erziehenden Vaters und seinen Kindern, deren Leben durch die Umstände zunehmend eingeschränkt wird. Ihre Existenz hat sich von der ausgedehnten Freiheit auf einem 2700-acre Anwesen, über ständig wechselnde Hotelzimmer und gemietete Häuser bis hin zu einem beengten Wohnort entwickelt, wo man nicht einmal mehr im Pool schwimmen konnte, ohne dass man von den Nachbarn beobachtet wurde. Und jeder, der das liest und sich denkt „Naja, das ist immer noch besser, wie das Leben, was ich meinen Kindern bieten kann – ich habe nicht mal einen Pool!“ sollte es nocheinmal überdenken. Das hätte auch mein erster Gedanke sein könen. Bis du einen Bericht aus erster Hand darüber bekommst, wie es sich anfühlt, noch nicht einmal in der Lage zu sein, einfach bei Chuck E Cheese an einem Tisch zu sitzen, um den Geburtstag deiner Tochter zu feiern, oder nebenan in einem geparkten Auto sitzen zu müssen, damit du aus der Distanz deine Kinder beim Spielen beobachten kannst. Dieses letzte Bild verfolgt mich, seitdem ich das Buch geschlossen habe. Es ist nicht so, dass mir diese Aspekte von Michaels Leben nicht bewusst gewesen wären. Nur manchmal bedarf es eines guten Autors oder Erzählers, der dich genau in einem solchen Moment mitnimmt – und dich fühlen lässt, wie es ist, dort mit Michael in dem geparkten Auto zu sitzen und deine Kinder nur aus der Entfernung beobachten zu können – das macht es wirklich greifbar. Michael Jackson, der Mann der so viel Zeit seiner Kindheit damit verbrachte, anderen Kindern beim Spielen auf Spielplätzen zu sehen zu müssen, kann jetzt nur in einem geparkten Auto sitzen, und durch einen Spalt im Fenster seinen eigenen Kindern aus der Ferne beim Spielen zu sehen.

Noch schlimmer ist die Vorstellung, nicht zu wissen, ob du mit deinen Kindern eine ruhige Nacht unter dem eigenen Dach verbringen kannst – oder ob du plötzlich von einem Warnruf deiner Security aus dem Schlaf gerissen wirst, die dir sagt, dass du dich mit deinen Kindern sofort in Sicherheit bringen musst, weil es eine Drohung gab.

Michaels Kinder hatten sicherlich jeder Art materiellen Besitz. Und solange ihr Vater lebte, hatten sie einen Mittelpunkt, ein Elternteil, von dem sie wussten, dass er immer für sie da sein würde. Aber sieht man von den Spielsachen und den materiellen Dingen ab, war das die Art, auf die sie lebten, und man kann erkennen, wie es ihren Vater innerlich zerfrisst. Welche Eltern wollen ihren Kinden nicht ein sicheres Leben bieten? Das war es, was Michael seinen Kindern in diesen letzten Jahren nicht bieten konnte – diese Sache, die seine Kinder mehr brauchten als alle Spielsachen von FAO-Schwarz zusammen – das war es, was ihn innerlich zerfrass.

Das war der Mann, den Whitfield und Beard kennenlernten – ein Mann der durch furchtbare Ereignisse seines Lebens traumatisiert war, und der um das Wohl seiner Kinder kämpfte um alles zusammenzuhalten. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass er sich vom Leben zurückziehen wollte. Sich Zurückzuziehen ist ein natürlicher Instinkt, wenn man unter post-traumatischem Stress leidet. Auch wenn Beard und Whitfield oft zumindest zum Teil andere beschuldigen, an Michaels Isolation schuld zu sein, frage ich mich doch, ob es nicht auch bis zu einem gewissen Grad ein Ergebnis der Signale war, die Michael in die Welt aussendete. Anders gesagt, wenn genug Leute spüren – und den Hinweis laut und deutlich bekommen – dass du einfach nur in Ruhe gelassen werden willst, werden sie letztlich irgendwann ganz genau das tun. Sie werden dich in Ruhe lassen. Ich habe das Gefühl, dass Michael während dieser Zeit nicht ausdrücklich versuchte, andere zu erreichen – aber es könnte auch sein, dass er es zu diesem Zeitpunkt auch einfach nur satt hatte, es zu versuchen. Ein Mensch, der immer wieder gegen eine Wand rennt, gibt es letztlich auf.

Die zwei Männer gaben auch mehrmals an, dass der Mann, den sie „Boss“ nannten nicht zwangsläufig der gleiche war wie der, der als King Of Pop bekannt ist. (das war ein anderer Typ, eine andere Person. Eine, die sie nur zu bestimmten Gelegenheiten sahen, wie z.B. beim Vogue- und Ebony-Shooting, oder wenn er für eine Gruppe Fans „Michael“ wurde.) Er war auch ein anderer, als der Sohn oder Bruder, den seine Famile kannte, oder der Freund, den viele seiner Musikerkollegen beim Memorial priesen. Sie sagen, der Michael, den sie kannten war anders. Und einer der schmerzlichsten Momente des Buchs ist ziemlich am Ende, als Whitfield beim Memorial sitzt, aufgebracht durch die Scheinheiligkeit, die er überall um sich herum sieht. Da gab es viel zu viele, die nur dort waren, um gesehen zu werden; die nicht aufrichtig trauerten. Aber unter den Hunderten, die dort waren, nur weil das Memorial ein trendiger Ort war, wo man an diesem Tag gesehen werden musste, waren auch ein paar wirklich trauernde – die Familienmitglieder, die einen Sohn, einen Bruder verloren hatten, die Kinder, die den Vater verloren hatten, die Fans, die ihn wie ein Familienmitglied liebten, ein paar wirkliche, langjährige Freunde aus dem Musikgeschäft, wie Berry Gordy; ein paar Entertainer, die vielleicht wirklich um den Verlust eines Helden und Mentors trauerten; ein paar Frauen, so wie „Friend“, die ihn als Liebhaber und als Freund gekannt hatten… und dann war da Whitfield selbst, irgendwie ein Aussenseiter, der immer noch versuchte, sich über seine Rolle in Michaels Leben klar zu werden, und mit den vielen damit verbundenen Emotionen.

Schliesslich war das der Mann, der auch eingesteht, dass er, als Michael ihn anrief um ihm zu sagen, er brauche ihn in LA, irgendwie gehofft hatte, dass es vielleicht nur eine weitere vorübergehende Laune von ihm sei – „so, wie er mich beauftragte, ein Riesenrad oder einen Hubschrauber-Simulator für ihn zu finden. Ich wartete ein paar Tage bevor ich danach sah, um heraus zu finden, ob er die Idee fallen lies oder ob er wieder davon sprechen würde… Und so ging es mir auch, als er mich anrief, damit ich nach LA kommen sollte. Es schien nicht dringend. Das ist, was ich darüber dachte. Ich dachte, wenn es wichtig ist, dann wird er wieder anrufen. Er rief nicht wieder an.“ (Auszug aus ‘Remember The Time’, S. 295)

Es war Mitte Juni 2009, als Whitfield diesen Anruf erhielt. Wir alle wissen, wie die Geschichte endete.

Natürlich ist dieses Buch polarisierend, so wie anscheinend alles, was heutzutage über Michael veröffentlicht wird. Aber die meisten Kritiken scheinen aus den drei Fraktionen zu kommen – diejenigen, die eine bestimmte Agenda haben (so wie z.B. entweder pro-Estate oder anti-Estate), die automatisch jedes Buch niedermachen, welches für ihre Begriffe die falschen Leute kritisiert; dann diejenigen, deren Reaktionen auf sensationellen Tabloid-Geschichten basieren, und diejenigen die es so empfinden, dass jedes Buch – geschrieben von jemand der Michael kannte, oder für ihn arbeitete – einen Betrug darstellt, unabhängig vom Inhalt.

Ich versuche auf die Bedenken von allen drei Gruppen einzugehen. Ich kann aufrichtig sagen, dass ich, – als jemand der selbst keine Agenda hat, der nicht einer Gruppe ‘pro-‘ oder ‘kontra-‘ irgendwas angehört – nicht an irgendwelche versteckte Absichten bei diesem Buch glaube, ausser dass die Autoren fühlten, dass diese Geschichte erzählt werden sollte. Raymond Bain und einige andere bekommen in diesem Buch sicherlich ihr Fett weg. Aber die Bodyguards beschränken ihre persönliche Kritik auf diejenigen, mit denen sie direkt zu tun hatten, und Raymond Bain war ihre Ansprechpartnerin während ihrer Beschäftigungsdauer bei Michael und Grund für viel Verdruss, insbesondere, als sie monatelang nicht bezahlt wurden. Dieses Buch lässt einen sicherlich mit einem üblen Nachgeschmack hinsichtlich Raymond Bain zurück, die sich anscheinend selbst auf Michaels Kosten mit großzügigen Wohnungen in Vegas belohnte – natürlich ohne sein Wissen. Das ist eine Vorgehensweise, die sich tragischerweise durch das ganze Buch hindurch wiederholt. Die Namen ändern sich, aber die Verhaltensmuster und Vorgehensweisen bleiben gleich.

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Dieses Buch scheint in vieler Hinsicht im starken Kontrast zu einem anderen MJ-Buch dieses Sommers zu stehen: „Michael Jackson Inc.“ von Zack Greenburg, welches Michaels brillante Business-Instinkte beleuchtet und beschreibt, wie er sein Imperium aufbaute und ihm auch den Großteil seines Erfolgs auch nach seinem Tod anschreibt. Das birgt eine oft gestellte Frage: ‘Wie kann es sein, dass ein Mann, der ein Multimillionen-Dollar Imperium aufbaute – der Mann, den Michael Jackson Inc. beschreibt – der gleiche Mann ist, der in Remember The Time als jemand beschrieben wird, der knapp an Bargeld ist (wenn auch immer noch sehr wohlhabend am Papier) und der anscheinend die Kontrolle über sein Geld verloren hat?

Ich habe über diese Frage selbst lange nachgedacht. Aber ich glaube, diese beiden anscheinend sehr unterschiedlichen Seiten Michaels – oder seiner Geschichte – schliessen sich nicht zwingend gegenseitig aus. Sie sind eher die extrem gegensätzliche Seiten der gleichen Realität. In seiner Jugend war Michael nicht zu stoppen, nicht zu übertreffen – ein musikalisches Genie, mit messerscharfen Geschäfts-Instinkten, der immer die Kontrolle über sein Imperium und die Leute, die es führten, hatte; der auf clevere Weise seine Anziehungskraft nutzte, damit seine Vorstellungen umgesetzt wurden. Er war der Mann, der 1990 genügend Macht und Einfluss in der Musikindustrie besaß, um fast alles auszuhandeln was er wollte – und er tat es, mit dem bis dahin lukrativsten Plattenvertrag der Musikgeschichte. Und all das geschah zusätzlich zu seinem Kauf des ATV Katalogs und der späteren Fusion zu Sony/ATV.

Aber der Mann, für den Whitfield und Beard arbeiteten, war ein anderer, einer, der emotionale Traumen durchgemacht hatte und sich als Ergebnis davon zurückgezogen hatte. An diesem Punkt schien es, dass Michaels Art, mit dem Chaos seines Lebens umzugehen (denn das war, was zu dem Zeitpunkt daraus geworden war), darin bestand, unangenehme Situationen und unangenehme Personen, von denen er nicht belästigt werden wollte, zu ignorieren. Es schien leichter, alles zu verweigern und zu hoffen, es würde auf magische Weise von selbst verschwinden, oder dass die Leute, denen er darin vertraute es verschwinden zu lassen, ihren Job erledigen würden.

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Auch wenn das schon immer eine Art Muster in Michaels Leben war (schliesslich hatte er seit dem Alter von 10 Jahren immer Leute um sich, die Dinge aushandelten, oder sich um seine Belange kümmerten) scheint es sich dann durch die Traumen und Krisen von allem, dem er ausgesetzt war, verschlimmert zu haben. Besonders eine Passage im Buch hat mich sehr getroffen, weil diese Stelle den Nagel auf den Kopf trifft, wie und warum Michael so anfällig für Gerichtsprozesse wurde – und sie erklärt auch ganz gut, warum ein unschuldiger Mann eine Anschuldigung wegen Kindesbelästigung aussergerichtlich beilegte:

… Michael Jackson war wie ein Fliergenfänger für Gerichtsprozesse. Zu jeder Zeit standen buchstäblich hunderte Verfahren gegen ihn aus. Manche waren albern. Vaterschaftsklagen von Stalkern, solche Sachen. Aber viele davon waren ernst zu nehmende, multimillionen-Dollar-Klagen. Dadurch, dass sich keiner für seine geschäftlichen Angelegenheiten mehr zuständig fühlte, wurden Leute nicht bezahlt. Verträge wurden nicht eingehalten. Es lief ganzes Spektrum an Charaktären auf. Ehemalige Manager und Mitarbeiter, die behaupteten Teil von diesem und jenem zu sein, oder dass sie nicht bezahlt wurden, oder dass ihnen ein Teil von etwas zustehe. Leute, die an seinen Alben und Musikvideos gearbeitet hatten, die behaupteten, nicht ihre anteiligen Tantiemen zu bekommen. Ein Problem verfolgte das andere. Ich bekam all diese Dokumente über FedEx, um sie von ihm unterzeichnen zu lassen, ich sah, wie viel Geld zur Tür hinaus ging. Er zahlte Settlements von einer viertel Million, einer halben Million – was immer gefordert wurde. Die Leute verklagen dich für gewöhnlich dann, wenn sie denken, sie können etwas bekommen, und jeder wusste, verklagst du Michael Jackson, bekommst du eine aussergerichtliche Einigung. Die frivolen Klagen hat er angefochten, diesen Vaterschaftsunsinn. Die konnte er abwehren. Aber wenn du einen Anspruch geltend machen konntest, der sich irgendwie für einen Gerichtsprozess eignete? Er würde einfach bezahlen, damit du verschwindest, denn nachdem, was er 2005 durchgemacht hatte, würde er nie mehr im Leben einen Fuß in einen Gerichtssaal setzen.“  ( Auszug ‘Remember The Time’, S. 194)

Natürlich hat das Settlement mit den Chandlers sie nicht abgehalten, einen Strafantrag zu stellen (wenn sie gewollt hätten) und es beendete auch nicht die Ermittlungen in dem Fall. Aber wie Michael es 2003 selbst zu Martin Bashir sagte, wollte er einfach nur, dass diese Sache verschwindet. „Ich wollte nicht, dass es zu einer langen, ausufernden Sache wird, wie bei O.J., es hätte einfach nicht richtig ausgesehen.“

Es scheint, dass Michael in einem scheusslichen Kreislauf gefangen war, dem er nicht entkommen konnte. Je mehr Fälle er aussergerichtlich beilegte, in der Hoffnung, dass sie einfach verschwinden, desto mehr Klagen kamen hinzu.

War es nötig in dem Buch soviel über Michaels Finanzen zu sprechen? Das ist sicher einer der kontroversen Aspekte dieses Buchs, aber ich denke, die Rechtfertigung dafür ist, dass Whitfield und Beard wirklich wollten, dass Leser und Fans wissen sollten, wogegen Michael ankämpfte – und wer dafür verantwortlich war. Sie machen es sehr deutlich, dass sie für vieles, was vor sich ging, nicht Michael verantwortlich machen (sie blieben bei ihm, auch wenn das bedeutete, manchmal Wochen oder gar Monate nicht bezahlt zu werden), auch wenn sie sich manchmal etwas über ihn ärgerten, und sich wunderten, warum er nicht einfach „seinen Mann stand“; warum er nicht einfach den Bullen bei den Hörnern packte und wieder selbst die Kontrolle über sein Geld übernahm. Aber die Momente der Verärgerung waren nur sehr kurzlebig, weil sie mit der Zeit realisierten, dass das für Michael nie wieder so einfach möglich sein würde.

Ausserdem war die Finanz-Diskussion jahrelang Futter für die Tabloids, wobei viel zu viele ignorante Leute behaupteten, es sei einfach das Ergebnis davon, dass er selbst zuviel ausgebe und verschwenderisch sei. Es schien nie in Betracht gezogen zu werden, dass er von genau den Leuten hintenherum ausgenommen werden könnte, die eigentlich in seinem besten Interesse handeln sollten; nie in Betracht gezogen wurde, dass er solange gegeben hatte, bis fast nichts mehr zum geben da war; nicht in Betracht gezogen wurde, dass es dort eine verletzte Seele gibt, die unter dem Gewicht von Rechnungen und Gerichtsprozessen erstickte, wobei sie eigentlich nichts lieber sein wollte, als ein Vogel, frei, um zu singen und zu fliegen. Remember The Time erzählt uns wenigstens diese Seite der Geschichte in all ihren Facetten. Und auch wenn es intrusiv erscheint, ist es wichtig, um Michaels Denkweise während dieser zwei Jahre zu verstehen und die Verzweiflung, die ihn in den Vertrag mit AEG trieb. Es ist wichtig um zu verstehen, warum es im Frühjahr 2009 nicht weniger als drei Leute gab, die behaupteten Michaels Manager zu sein; und alle handelten Geschäfte aus und unterzeichneten in seinem Namen. Es ist entscheidend um zu verstehen wie tief, dunkel und beängstigend das Loch in dem er lebte geworden war.

Die Kehrseite davon ist natürlich, dass die Medien Auszüge aus dem Buch völlig aus dem Kontext nehmen, um daraus etwas sensationelles zu machen. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Artikel von Peter Sheridan (UK) der die Abschnitte über Michaels „geheime“ Freundinnen „Flower“ und „Freund“ völlig falsch darstellte:

Sie beharren darauf, dass trotz aller Vorwürfe der Pädophile – welche sie abweisen – Jackson sich zu Frauen hingezogen fühlte. Sie eröffnen, dass er geheime Rendezvous mit zwei Frauen genoss  denen er die Codenamen „Friend“ und „Flower“ gab. Laut Whitfield war letztere umwerfend schön, und hatte einen osteuropäischen Akzent. Die Bodyguards fuhren herum, während Jackson am Rücksitz seiner Limo Sex hatte. „Wir hatten einen Vorhang, der den Rücksitz abschirmte, du konntest den Rücksitz nicht einsehen,“ sagt Whitfield, der immernoch ihre lauten Geräusche hört. Jackson war immer aufgeregt, wenn Friend in die Stadt kam und schickte seine Bodyguards um ihr verschwenderische Geschenke in Läden wie Tiffanys zu kaufen. Flower kam ein paar Tage, nachdem Friend abgereist war und Jackson hat seine heimliche Sex-Session wiederholt…“ (Auszug Artikel Sheridan)

http://www.express.co.uk/news/showbiz/479900/Michael-Jackson-bodyguards-book-briefcase-woman-credit-card

Und jetzt, was  Beard wirklich im Buch schrieb: „Als Friend wieder kam, sagte Mr. Jackson eines Nachts, er wolle mit ihr nach D.C. fahren. Er wollte sich das Lincoln Memorial ansehen und ein paar der anderen Sehenswürdigkeiten. Also machten wir das Auto fertig. Es war etwa um Mitternacht. Grace blieb bei den Kindern, ich und Bill holten mit Mr. Jackson Friend von ihrem Hotel ab und fuhren in die Stadt. Während wir fuhren, waren sie hinten im Wagen und unterhielten sich und flüsterten. Der Vorhang war geschlossen und wir hatten das Radio angestellt, damit sie ihre Privatsphäre haben konnten. Wir parkten den Wagen etwa ein-einhalb Blocks vom Washington Monument entfernt. Von dort mussten wir laufen. Als wir ankamen, stellte ich das Radio leiser um Mr. Jackson zu sagen, dass wir angekommen waren, und alles was wir hörten, waren schmatzende Lippen hinter diesem Vorhang. Ich kannte das Geräusch genau. Ich wollte sie nicht stören, deshalb hustete ich etwas und sagte: „Mr. Jackson? Mr. Jackson, wir sind da.“  (Auszug aus Remember The Time, S. 178)

Was dort offensichtlich als ein wenig harmlose Knutscherei auf dem Rücksitz beschrieben wird, wurde dann, als der Textauszug in den Medien erscheint, groß aufgeblasen um es nach einer Orgie aussehen zu lassen! Das ist nur ein Beispiel dafür, wie die Medien absichtlich den Inhalt verdrehen und manipulieren, aus reiner Sensationsgier.

Aber unabhängig davon, wie jemand es empfindet, dass diese Art Information enthüllt wird, wurde ein sehr wichtiger Punkt von den Bodyguards selbst dazu genannt. Wäre es irgend ein anderer Pop-Star gewesen, der sich mit einem heissen europäischen Modell in einem Hotel getroffen hätte, wäre es einfach nicht anders zu erwarten gewesen, und keiner würde deshalb eine Augenbraue hochziehen. Es wäre einfach „normales“ Verhalten eines Pop-Stars. Geht es aber um Michael Jackson, versuchen die Medien es immer als bizarres Verhalten zu verkaufen.

Und ich muss auch noch sagen, dass jeder Tag, an dem „Michael Jackson hat Sex mit einer Frau am Rücksitz“ das schlimmste ist, was ein Tabloid über Michael Jackson schreibt, eigentlich ein guter Tag ist. Diese Geschichten, konträr zu der Absicht, mit der sie verdreht werden, dienen letztlich trotzdem dazu, Michael menschlich zu machen und ihn vor den Augen der Welt „normal“ aussehen zu lassen. Wie die Bodyguards es ausdrücken, bedeutete für sie all das nur, dass er ein normaler Typ war, der einfach nur die Dinge tun wollte, die normale Typen tun.

Remember The Time Cover

Wirft das Buch neues Licht auf Michaels manchmal kompliziertes Verhältnis zu seiner Familie? Ich würde sagen, nicht wirklich. Höchstens, dass man überrascht ist zu erfahren, dass Michael ausdrücklich anordnete, seine Familie nicht herein zu lassen (ausser Katherine) und dass er einmal, als Joe unangemeldet auftauchte, sagte, er wolle ihn nicht sehen, wenn er keinen Termin habe. Nur „warum“ Michael mit seiner Familie so hartnäckig nichts zu tun haben wollte, wird nie erklärt, größtenteils deshalb, weil Whitfield und Beard es nicht wirklich wussten  ausser dass es das war, was der „Boss“ angeordnet hatte und es ihr Job war, jeden draussen zu lassen, den Michael nicht hinein lassen wollte ohne Fragen dazu zu stellen. Man kann nur Vermutungen anstellen; allerdings machen die Bodyguards deutlich, dass ihre Einstellung zur Jackson Familie neutral ist. Obwohl zu Randy doch deutlich beschrieben wird, nur aus einem Zweck aufgetaucht zu sein – „um mein Geld zu bekommen!“ – und sie zu Jermaine sagen, dass er für gewöhnlich „nach etwas angelte“, wird es nie klar, ob andere Besuche mit schändlichen oder harmlosen Absichten geschahen. Zumindest bei ein paar dieser Vorfälle scheint es sich um geplante Interventionen gehandelt zu haben. Sie hatten gehört, ihr Bruder sei „krank“. Michaels Reaktion war für gewöhnlich „Sag ihnen, es geht mir gut.“ Das scheint wenigstens den von der Familie oft gemachten Behauptungen etwas Glaubwürdigkeit verleihen, dass sie versucht hätten um Michaels Willen Interventionen durchgeführt zu haben, sie aber nie zu ihm durchkommen konnten.

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Hinsichtlich des angespannten Verhältnis Michaels zu seiner Familie in seinen letzten Jahren, wirft das Buch mehr Fragen auf, als es beantwortet – und das wiederum deswegen, weil Whitfield und Beard diese Antworten nicht haben. Es war sicher nicht eine Sache, über die sie mit ihrem Kunden gesprochen hatten. Sie haben ausgeführt, was ihnen gesagt wurde. Mein Eindruck war der, dass Michaels Burn-Out und sein Verlangen, einfach die Welt aus zu blenden, sich zu dem Zeitpunkt auch auf seine Familie ausgedehnt hatte. Ihre Anwesenheit bedeutete für gewöhnlich, sich wieder mit unerfreulichen Dingen auseinander setzen zu müssen, und Michael brauchte zu der Zeit einfach kein weiteres Drama.

Aber es ist interessant, wie die Familie jedes mal, wenn sie zu diesem Thema befragt wird sagt, dass es dort Leute gab, die versuchten sie von Michael fern zuhalten. Whitfield und Beard haben nur ihre Anordnungen ausgeführt, aber sie repräsentierten die Torwächter; sie waren die Puffer zwischen Michael und allem, mit dem er nichts zu tun haben wollte. Ich habe gehört wie einige Mitglieder der Jackson-Familie sagten, wenn sie dann doch bis zu Michael vor gedrungen waren, und ihm sagten, dass man ihnen gesagt habe, er wollte sie nicht sehen, hätte er immer geschockt reagiert und gefragt „Wirklich? Wer hat das gesagt?“ Es wäre tragisch, wenn all das nur durch einen Kommunikations-Fehler entstanden wäre, aber es ist wohl wahrscheinlicher, dass Michael nicht die Gefühle seiner Familie verletzen wollte indem er ihnen direkt sagte, er wolle sie nicht sehen. Es war einfacher, wenn diese unschöne Arbeit von anderen für ihn übernommen wurde. Das erste, was Joe Jackson angeblich zu Whitfield sagte war nicht „Hallo“, sondern „Sie müssen einer von denen sein, die meinem Sohn Nadeln in den Arm stecken.“ Solche Anmerkungen fallen öfters in dem Buch, wie scharfe Bomben, werden aber nie weiter ausgeführt. Woher z.B. kamen Joes Verdächtigungen? Von Bekannten? Den Medien? Wusste er etwas, was die Bodyguards nicht wussten? War er einfach nur paranoid?

Eine der Schwächen des Buchs ist, wie ich schon zuvor erwähnte, dass wir immer noch keinen Bericht aus erster Hand darüber bekommen, was passierte, nachdem Michael Las Vegas verlassen hat und für die TII-Proben nach LA umgezogen war. Wie sie sagen, hatte zu dem Zeitpunkt überwiegend Michael Amir Michaels Aufmerksamkeit, und es gab die Three Stooges… bzw: „die drei Manager“ – Thome, DiLeo und Leonard Rowe, die alle drei gleichzeitig in Michaels Namen handelten, und nicht zu vergessen, ein völlig neues Security-Team und natürlich Dr. Murray.

Zu Murray wird in dem Buch nicht allzu viel gesagt, wenn man bedenkt, dass er derjenige war, der die tödliche Dosis in Michaels Venen spritzte; nur dass er kurzzeitig in Las Vegas der Arzt der Kinder war und dass Michael wollte, dass AEG ihn für die TII-Proben und die Tour anstellte (das sind ihre Worte, nicht meine). Die Ereignisse vom 25 Juni 2009 und die Details aus dem Report der Gerichtsmedizin werden oberflächlich angesprochen und sie bieten Murrays Timeline der Ereignisse laut der offiziellen Aussage, die er bei der Polizei ablegte, ohne auf die gewaltigen Abweichungen und Lücken hinzuweisen, die diese Timeline hat und die in der Gerichtsverhandlung zum Vorschein kamen, oder auf Murrays 17 ungeheuerlichen Abweichungen vom medizinischen Standard, wie sie von Dr. Shafer gensannt wurden, einzugehen. Der einzige Einwand, der an dieser Stelle von Whitfield gemacht wird, ist sein emotionaler Kommentar dazu, dass er nie verstehen wird, warum Michael so spät ins Krankenhaus gebracht wurde:

Später, als ich den 911- Notruf hörte, hörte ich, wie sie am Telefon sagten, „Wir haben einen Herrn hier. Er atmet nicht.“ Vergesst das! Ich hätte ihn ins Auto geworfen und ihn selbst ins Krankenhasus gebracht. Es war nur ein paar Meilen weg. Ich hätte ihn da raus geholt. Er atmet nicht? Dann los! Wir fahren los! Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich wirklich dort gewesen wäre. Vielleicht stelle ich mir jetzt nur vor, wie ich reagiert hätte, aber ich glaube wirklich, ich hätte nicht einfach da gesessen und auf den Notarzt gewartet.“ (Bill Whitfield, Auszug Remember The Time S. 301)

Abgesehen von diesen emotionalen Worten wird Murrays Beteiligung und Verantwortung seltsam neutral behandelt, und es scheint Dr. Karen Moriartys Ausage zu stützen, die sie in ihrem eigenen Buch im Kapitel „The Black Door“ macht: „Wir hatten Dr. Murray betreffend eine andere Meinung, und ich habe unverändertere Wutgefühle zu Murrays Rolle beim Tod von Michael Jackson.“ Das war schliesslich – unter anderem – eines der Probleme, was dazu führte, dass man getrennte Wege ging, und zwei verschiedene Bücher schrieb.

Nicht, dass sie jemals angeben würden, Murray sei unschuldig, oder habe es nicht verdient, verurteilt worden zu sein. Aber indem sie sich rein an Fakten halten, wie denen von Murrays Polizei Befragung, ist das eine seltsam neutrale Sichtweise. Den einzigen Grund, den ich mir dazu denken kann ist, dass sie mit Murray etwas wie ein persönliches Verhältnis aufgebaut hatten, als dieser die Kinder in Las Vegas behandelte. Es war ausserdem auch Beards Cousin Jeff Adams, der Dr.Murray empfohlen hatte. (Murray war Adams Hausarzt), es sieht also so aus, als gäbe es dort ein paar Verbindungen. Vielleicht denken sie auch, wie so viele, Murray sei nur ein Bauernopfer gewesen. Auch wenn ich diese Möglichkeit nie ausgeschlossen habe, spricht das dennoch Murray in keiner Weise von seiner Verantwortung bei Michaels Tod frei.

Das empfand ich als einer der größten Mängel des Buchs. Wenn jemand das Buch kauft, um neue Details über Michaels letzte Wochen, oder die Tage vor seinem Tod zu erfahren, wird er enttäuscht sein, denn in der Sache gibt es nicht viel Neues.

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Mir kommt dazu auch noch ein anderer verwirrender Gedanke. Könnte es sein, dass, wenn Michael Whitfield und Beard in dem Masse vertraute, wie sie es im Buch sagen, er dieses Vertrauen auch auf Murray ausgedehnt hatte, der ihm ja schliesslich in Verbindung mit ihrem Angestelltenverhältnis empfohlen worden war? Ich bin mir sicher, dass Adams es gut meinte, als er Murray empfahl (der bis dahin ein unbescholtener Arzt war, und es deshalb kein Grund gab, ihm zu misstrauen, und sicherlich konnte auch keiner die Tragödie vorhersehen, die letztlich dieser Empfehlung folgte.) – und dennoch ist es eine verstörende Sache, die man nicht einfach unter den Teppich kehren kann.

Das Buch bestätigt jedoch auch etwas zu Michaels Schlaflosigkeit, das ich mir immer so gedacht hatte. Es war für ihn nur dann ein Problem, wenn er unter Stress stand, oder wenn er sich an strenge Terminpläne halten musste. Wenn Michael nicht damit belastet war, performen zu müssen, oder einen engen Terminplan einhalten musste, war es kein Problem, die ganze Nacht wach zu sein und dann irgendwann am Tag eine Auszeit zu nehmen, um zur Ruhe zu kommen. Die Bodyguards nahmen einfach seine Kinder mit zum Spielplatz und gaben ihm die Zeit, sich zu entspannen. Ohne den Stress von Proben, stellte sich sein Körper von selbst auf den Rhythmus ein, mit dem es ihm gut ging, er brauchte kein Propofol und auch keine der „Behandlungen“ Murrays.

Die Stärke des Buch liegt in dem Kern der Erzählung, die Geschichte über den berühmten allein erziehenden Vater, der darum kämpft, seine Familie zusammen zu halten, trotz großer Hindernisse. Meine liebsten Abschnitte sind diese ersten Szenen im ersten Haus in Las Vegas und später, wenn die Familie in Middleburg, Virginia wohnt (was als Urlaub geplant war und dann zu einem ausgedehnten Aufenthalt am Land wurde.) Das waren einfache, glückliche Zeiten – Michael ging tatsächlich zu Wallmart einkaufen (eine der lustigsten Szenen im Buch); er kaufte Feuerwerkskörper und lies sie mit seinen Kindern draussen am Feld los. Man wünscht sich, das Buch könnte diese Zeit einfrieren und dort, in diesen kleinen Augenblicken, wo wir ihn am glücklichsten erleben, stehen bleiben.

Sind solche Bücher ein Vertrauensbruch? Sicher gibt es zu dieser Frage keine einfache Antwort. Diese Jungs arbeiteten für Michael Jackson. Viele der kleinen Sachen, von denen sie Mitwisser geworden sind – auch so scheinbar harmlose Dinge, wie ein Vorrat an Tabasco Sosse oder das Feuerwerk abbrennen mit den Kindern – waren Dinge, die Michael für sich und die Kinder behalten wollte. Wir können uns wohl nur vorstellen, was er über das Enthüllen der „geheimen“ Freundin gedacht hätte. Oder die Peinlichkeit, wenn jeder weiß, seine Kreditkarten waren nicht gedeckt. Der allererste Satz im Buch lautet:

Du würdest dieses Buch nicht lesen, wenn Michael Jackson noch leben würde.“

Das ist zweifelos wahr. Ich verstehe die Funktion dieses Statements. Es ist wie: ‘Ok, wenn du das eingestehst und das Buch auch schon besitzt, dann warst du zumindest schneller als andere.’

Aber hier ist die Realität. Michael ist gegangen, und in der durch seinen Tod entstandenen Leere, würden es zum großen Teil nur die Tabloids sein, die seine Geschichte erzählen würden, wenn es nicht ehrliche Bücher wie dieses gäbe, die sich dem Müll entgegenstellen. Wir könnten sagen, alles was zählt – oder zählen sollte – sind seine Songs, seine Kunst, seine humanitären Leistungen. Wir können das solange wiederholen, bis wir blau im Gesicht werden, aber es wird auch dann nichts an der Tatsache ändern, dass es einen unersättlichen Markt für Tratsch und Klatsch gibt. Fakt ist, es wurden (und werden) hunderte von Büchern über Michaels Leben geschrieben. Manche davon sind absoluter Müll, in denen Michael unter ein Mikroskop gelegt wird, und wie eine Spezie studiert wird, anstatt dass er als komplexe Person, Künstler, Mann, Vater und Mensch verstanden werden würde. Bücher von Fans – wenn auch oft besser recherchiert und wirklichkeitsnäher als die Angebote der großen Verlage – werden nur selten vom Mainstream ernst genommen. Bei Büchern von neutralen Journalisten heisst es oft „aber sie haben ihn ja nicht mal gekannt.“ Und Bücher von Freunden und Mitarbeitern – die ihn kannten – werden oft als Betrug angegriffen, auch wenn sie wohlwollend sind.

Unter den Umständen wird es unmöglich, es jedem Recht zu machen. Ich denke aber, dass Bücher wie dieses wesentlich dazu beitragen, die Geschichte und (oft falsche) Wahrnehmung Michaels in der Öffentlichkeit zu verändern. Wir können natürlich nicht alles auf einmal haben. Es kann sein, dass wir für jeden Bericht, der ihm zugute kommt, ein paar inhaltliche Mängel an anderer Stelle in Kauf nehmen müssen. Michael war nicht perfekt, und ein Bericht aus erster Hand, der ihn so portraitieren würde, wäre zwangsläufig eine Lüge. Trotzdem – wenn wir ein paar Mängel akzeptieren (ok, er gab gerne Geld aus, sammelte manchmal seltsame Dinge wie Puppen und Tabasco Sosse, – ja und?) ist die Belohnung dafür, dass wir einen aussergewöhnlichen Mann und Vater kennenlernen, der mit seinem Leben und seiner Musik Berge versetzte, und der beherzt darum kämpfte das zu behalten, was ihm am wertvollsten war, trotz allen Hindernissen die sich ihm in den Weg stellten.

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DAS ist die Geschichte, die das Buch versucht zu erzählen. Es wird dich mit den guten Momenten zu Lachen bringen und mit den süßen zum Lächeln. Aber alles in allem wird man mit einem Gefühl der ohnmächtigen Wut zurückgelassen werden, darüber, dass das friedliche Leben und der Seelenfrieden, nachdem Michael sich in seinem Leben so verzweifelt sehnte, nie ein realistisch erreichbares Ziel war.

Nicht solange man noch einen Dollar mehr mit ihm machen konnte, und noch ein paar gnadenlose Forderungen stellen konnte.

………………………..

Übersetzung: M.v.d.L.

Interview mit den Bodyguards Bill Whitfield und Javon Beard – Autoren von ‘Remember the time – Protecting Michael Jackson in his final days’

Übersetzung des MJJC-Interviews mit Bill Whitfield und Javon Beard:

http://www.mjjcommunity.com/forum/threads/133116-MJJC-Exclusive-Q-amp-A-with-Bill-Whitfield-and-Javon-Beard-authors-of-Remember-The-Time-Protecting-MJ?p=4016465#post4016465

Remember The Time Cover

 

MJJC: Was hat sie dazu bewogen, ein Buch zu schreiben?

Bill & Javon: Wir schrieben ‘Remember the time“, weil wir über Michael Jackson, wie wir ihn kannten, eine Geschichte zu erzählen hatten. Bist du Michael Jackson Fan und Unterstützer, dann hast du verdient, ihn von einer mehr persönlichen Seite zu kennen, nicht nur zu wissen, wer er war sondern auch was er als Mensch und Vater mitgemacht hat. Du hast einen wahren Bericht von denjenigen verdient, die dabei waren, und nicht von denen, die nur wiedergeben, was sie aus zweiter Hand gehört haben.

Wir haben lange Zeit damit gekämpft, ob wir ein Buch schreiben sollten, oder nicht. Grundsätzlich stimmen wir denen zu, die sagen, Mr. Jackson sollte sein Privatleben haben, und er sollte in Frieden ruhen. Aber letztlich kamen wir zu dem Schluss, dass seine Fans verdienen, etwas darüber zu erfahren, und dass es hoffentlich für einige etwas abschliessen lässt und anderen ein Stück Wahrheit bringt. Wir fühlten auch die Verpflichtung, der Welt über unsere Zeit mit Michael Jackson zu berichten, denn es gibt sonst keinen, der diesen Teil der Geschichte erzählen könnte. Während der Zeit, die Mr. Jackson in Las Vegas verbrachte – ab seiner Rückkehr aus Irland bis zum Beginn von This Is It – waren einfach nicht viele Leute um ihn herum. Sehr oft waren es nur wir, Mr. Jackson und die drei Kinder. Mr. Jackson wurde die Möglichkeit genommen, seine Geschichte selbst zu erzählen, und die Kinder waren zu jung, um wirklich viel über das zu wissen, was zu der Zeit vor sich ging. Bleiben nur wir. Wenn die Welt je ganz verstehen will, was diesem geliebten und unbeschreiblichen Mann passierte, ist das die Geschichte, die erzählt werden muss. Wie Michael Jackson starb wissen wir schon. Unser Ziel ist es, den Leuten zu helfen zu verstehen, warum.

MJJC: Wie lange hat es gedauert, das Buch zu schreiben? War es eine Herausforderung, die Erfahrung, Michael Jackson zu beschützen, in Worte zu fassen? Erzählt uns darüber.

B & J: Der längste und schwerste Teil dieses Prozess’ war es, einen Verleger zu finden, der unsere Herangehensweise und unsere Philosophie verstand. Als er noch lebte war Mr. Jacksons Leben voller Geier, die ihn in jeder möglichen Weise ausnutzen wollten. Wir sahen das, als wir mit ihm zusammen waren und auch als er gestorben war, an der Art, wie Leute an uns wegen unserer Geschichte herantraten. Es gab einen fast zweijährigen Prozess, in dem wir versuchten, mögliche Leute für eine Zusammenarbeit zu befragen. Als wir die richtigen Partner gefunden hatten, Leute denen wir vertrauen und mit denen wir uns wohl fühlten, dauerte das eigentliche Schreiben des Buchs etwa ein Jahr. Wir verbrachten einige Tage damit, nur zusammen zu sitzen, uns zu erinnern und einfach unsere Geschichte zu erzählen, und verbrachten dann die nächsten Monate damit, stundenlang am Telefon die Kapitel durchzugehen, Edits  zu machen und so weiter.

Am Anfang war es schwer, über unsere Erfahrungen zu sprechen. Oft machte uns der Gedanke wütend, „Gab es da noch mehr, was wir hätten tun können?“ Es war schmerzhaft einige der schlechten Dinge, die ihm zustiessen, wieder zu durchleben. Oft hatte er nicht seinen Frieden finden können, weil er von den Medien so übel portraitiert wurde und weil es so viele Menschen gab, denen er nicht trauen konnte. Wir wollten ihn immer davor schützen, aber es gab Dinge, die konnte man nicht kontrollieren. Aber je mehr wir schrieben, und je mehr Augenblicke mit Mr. Jackson wir wieder durchlebten, um so sicherer wussten wir, das Richtige zu tun.

MJJC: Die meisten Bücher über Michael sind mit viel Sensationsgier geschrieben. Ihres nicht. Warum ist das so und warum haben sie sich zu einer anderen Art Bericht entschieden?

B & J: Sensationsgier ist genau das Gegenteil von dem, was wir schreiben wollten. Erstens war unsere Zeit mit Mr. Jackson nicht „sensationell“, weder im Guten noch im Schlechten. Es gab keine großen Tabloid-Skandale, aber auch keine ausverkauften Stadien-Konzerte. Der Großteil der zweieinhalb Jahre mit Mr. Jackson waren eine ruhige Zeit, in der er überwiegend darauf fokussiert war, seine Kinder groß zu ziehen und ihnen ein Zuhause zu geben. Es gab viele Spannungen und Dramen mit seiner Familie und mit geschäftlichen Dingen, aber kein großes Spektakel, so dass unsere Geschichte eine Chance bietet, zu erkennen, wie der Mensch abseits der Kameras wirklich war. Wir sagen den Menschen immer, ‘wir arbeiteten nicht für den King Of Pop, wir arbeiteten für Michael Jackson.’ Das sind zwei unterschiedliche Personen. Erst ganz am Ende, als die This Is It- Maschinerie in LA startete, merkten wir, dass das Tabloid-Spektakel wieder begann, und nicht auf gesunde Weise. Aber davon waren wir nicht direkt betroffen. Wir blieben in Las Vegas und tätigten ein paar Angelegenheiten von Mr. Jackson dort, und wir sollten ihn in London wieder treffen um dort als Security von seinem gemieteten Anwesen eingesetzt zu werden.

Wir wollten die Geschichte auf diese Art erzählen, in unserer eigenen Sprache, um dem Leser das Gefühl zu geben, als wären sie beim Geschehen dabei. Vieles, was man über Michael Jackson lesen kann, hebt ihn entweder auf ein Podest oder wirft ihn in die Gosse. Wir wollten ein Buch, was ihm den verdienten Respekt zukommen lässt, seine Legacy ehrt, aber auch ein Buch, was auf dem Boden bleibt und ihn als normalen Mensch zeigt, denn das ist, was die meisten Menschen bei ihm missverstehen. Die Tabloids wollen ihn immer als Witzfigur zeigen, aber hinter dem King-Of-Pop-Spektakel war ein menschliches Wesen, voller Liebe und Generosität, der unter Schmerzen und Einsamkeit litt. Wir wollen der Welt den wirklichen Menschen zeigen, denn Michael Jackson verdient es, als Mensch behandelt zu werden.

Wir wählten auch, die Geschichte aus unserer Sicht zu erzählen, um Spekulationen aus zweiter Hand und aufgewärmte Tabloid-Stories, auf die sich andere Michael Jackson Bücher stützen, zu vermeiden. So wie die Medien Mr. Jacksons Leben bis zum heutigen Tag behandelten, glauben wir nichts, was über ihn geschrieben wird, was wir nicht selbst bezeugen können. Ausser dass wir auf einige gut dokumentierte Informationen verweisen (z.B. wie viele Thriller Alben verkauft wurden) und der Erwähnung einiger öffentlich bekannter Fakten (z.B über die Hypotheken auf Neverland) ist das Buch ein Bericht über das, was wir sahen und hörten, und wie unsere Reaktionen und Gefühle dazu waren. Wir wollten es so ehrlich und realistisch wie möglich.

MJJC: Viele Personen in Michaels Vergangenheit nutzen ihre Bekanntschaft oder ihr Arbeitsverhältnis mit ihm dazu, um Geld zu machen. Können sie uns sagen, was ihre Motivation war, dieses Buch zu schreiben?

B & J: Geld war nie unsere Motivation. Wir lehnten Angebote von Tabloids ab, die wollten, dass wir ihnen Dreck und Skandale aus Mr. Jacksons Leben servierten. (Wir hatten nichtmal Dreck, den wir ihnen hätten geben können, denn das ist nicht der Mann, den wir kennen.) Wie wir in der Einleitung des Buchs schreiben, verkauften wir es nicht für eine große Vorauszahlung an einen großen Verleger, der auf Tabloid-Geheimnisse wartet. Wir gingen zu einem kleineren Verlag, der uns eine geringe Zahlung leistete, um die Möglichkeit zu haben, das Buch so zu schreiben, wie wir es wollten. Wir behielten auch nichts von der Vorauszahlung für uns selbst. Wir investierten es darin, sicherzustellen, dass Mr. Jacksons Geschichte richtig geschrieben wurde. Das meiste zahlten wir an einen Schriftsteller, Tanner Colby, ein New York Times Bestseller-Autor, bei dem wir spürten, dass er die Geschichte mit dem gebührenden Respekt behandeln würde. Der Rest diente dazu, verschiedene Ausgaben zu decken, wie Reisen zu den Editoren, Meetings und ähnliche Dinge. An dem Buch werden wir nur verdienen, wenn ihr, die Fans, entscheidet, dass wir gute Arbeit geleistet haben, und wenn ihr dieses Buch unterstützen werdet. Das wird unsere Belohnung sein.

Bill and MJ

MJJC: Was dachten sie über Michael, bevor sie für ihn arbeiteten? Hat sich ihre Meinung dadurch verändert?

B & J: Wir waren beide immer große Fans von Michael, auch bevor wir für ihn arbeiteten. Bill hat immer noch sämtliche Singles von den Jackson 5. Javon hatte tatsächlich Smooth Criminal als Klingelton, als er den Anruf bekam, für Mr. Jackson zu arbeiten. Keiner von uns glaubte die Vorwürfe, die gegen ihn gemacht wurden, oder die anderen verrückten Dinge, die die Medien druckten. Er schien immer so nett und sanft-sprechend, als könne er keiner Fliege etwas zu Leide tun.

Leider ist es so, wie bei allen Prominenten, deren Leben durch die Tabloids verzerrt wird, dass du zwar nicht glaubst, was geredet wird, aber auch keine persönliche Kenntnisse über sie hast. Als wir dann die Möglichkeit bekamen, für ihn zu arbeiten, achteten wir mehr auf ihn und seine Handlungen, und wir sahen, wie sich die Dinge bestätigten, die wir immer von ihm glaubten. Wir sahen, was für ein verantwortungsbewusster Vater er war und wie er sich um diejenigen kümmerte, die weniger Glück im Leben hatten. Unsere Meinung über ihn hat sich also nicht wirklich geändert, aber es war schön zu erfahren, dass der Michael Jackson, den wir als Fans unterstützten, nicht der Michael Jackson war, den uns die Medien verkaufen wollten.

MJJC: Hatte Michael einen Lieblings-Radiosender, den er hörte, wenn er im Auto/SUV unterwegs war?

B & J: Mr. Jackson hörte im Auto nur klassische Musik. Manchmal, wenn einer von uns das Radio auf einen R&B Sender eingestellt hatte, sagte er, wir sollten es so lassen, aber ansonsten war es so gut wie immer Klassik – mit einer Ausnahme. Einmal lief ein Song im Radio, und nachdem er ihn gehört hatte, lies er uns zu Best Buy fahren, um ihn für ihn zu kaufen. Dann spielte er es immerzu im Auto und sang mit – und er sang diesen Song mit Überzeugung. Das Lied sprach ihn wirklich an, und all das, dem er ausgesetzt war. Aber dazu müsst ihr das Buch lesen.

MJJC: Lud Michael je Fans zu sich nach Hause ein?

B & J: Mr. Jackson lud oft Fans dazu ein, Neverland zu besuchen, aber die Häuser, die er in Las Vegas mietete waren nicht das gleiche. Es waren keine Häuser, die er zeigen wollte. Es waren einfach nur Aufenthaltsorte. Deshalb hatten wir nie Fans dort drinnen. Die meiste Zeit mit Fans verbrachten wir im Auto, am Weg von oder zum Haus. Wir hielten immer an und er grüßte sie und unterhielt sich etwas mit ihnen.

Als er in Las Vegas lebte, sah sich Mr. Jackson nach einem neuen Auto um, und an einem Sommerabend arrangierten wir für ihn eine Testfahrt in einer SUV-Stretch-Limousine. Das Fahrzeug hatte Platz für 16 Personen. Als wir die Ausfahrt heraus fuhren, waren dort etwa 5 Fans vor dem Tor. Mr. Jackson sagte dem Fahrer, er solle anhalten, er kurbelte das Fenster herunter und fragte die Fans, ob sie mitfahren wollten. Er öffnete dann die Tür und sie sprangen hinein. Wir fuhren etwa 45 Minuten herum, und Mr. Jackson unterhielt sich mit den Fans. Auch wenn es für uns als Security nervenaufreibend war, es ging alles gut. Ihm gefiel es, und ihnen auch.

MJJC: Hörten sie Michael je ohne sein Falsetto sprechen?

B & J: Nein. Mr. Jackson sprach immer mit der gleichen, ruhigen, sanften Stimme die er in der Öffentlichkeit benutzte.

MJJC: Michael liebte es, viel zu lesen. Wissen sie, ob er Romane oder Autobiografien oder wahre Geschichten bevorzugte? Falls er Romane las, was war seine Lieblings Thematik?

B & J: Mr. Jackson las quasi alles, was er in die Finger bekam. Wir unternahmen ständig Fahrten zu Barnes & Noble, um in einer Nacht 5 oder 10 Tausend Dollar für Bücher aus zugeben. Falls er bestimmte Präferenzen hatte, konnten wir es nicht feststellen. Wenn es ein Buch gab, das wir ihn regelmässig lesen sahen, war das die Bibel.

MJJC: Können sie uns den Unterschied zwischen dem „öffentlichen“ Michael und dem „privaten“ Michael beschreiben?

B & J: Der „öffentliche“ Michael Jackson war ein Entertainer. Der „private“ Michael Jackson war ein Vater, ein Sohn. Der öffentliche Michael war sehr Image-bewußt. Wenn er wußte, er würde irgendwo hingehen wo es viele Kameras geben würde, lies er seinen Hair-Stylist einfliegen und bekam ein einmaliges Outfit von einem Top-Designer. Er verbrachte 4 – 5 Stunden damit, sich selbst für die Kameras und die grelle Beleuchtung vorzubereiten. Der private Michael liebte es einfach, mit seinen Kindern zusammen zu sein, Filme an zu sehen, Popcorn zu essen und sorglos im Pyjama durchs Haus zu laufen.

MJJC: Können sie einen typischen Tag im Leben von Michael Jackson beschreiben?

B & J: Die geschäftliche Seite von Mr. Jacksons Leben war eine immer fortlaufende Maschine. Durch sein Management und seine Juristen waren seine Tage oft verplant mit Konferenzen, Telefonaten und Meetings. Täglich wurde für Mr. Jackson ein Plan ausgearbeitet, wo er hin musste und mit wem er sprechen musste. Manchmal folgte er dem Termin-Plan und manchmal sagte er, ‘zum Teufel mit dem Plan’ und tat, was er wollte.

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MJJC: Was war beim Schutz von Michael Jackson das beängstigendste was er tat und der Grund, weshalb sie am meisten um seine Sicherheit besorgt waren?

B & J: Um ehrlich zu sein, am Anfang wart ihr das, die Fans. So wie bei jedem Prominenten, für den wir arbeiten, geht es immer darum, die Fans und Massen auf Armlänge entfernt zu halten. Jeder ist eine potentielle Bedrohung. Natürlich war Mr. Jacksons Verhältnis zu seinen Fans anders. Er drehte sein Fenster hinunter und winkte die Leute herbei, um sich zu unterhalten. Als Security ist es normal, dazwischen zu gehen und als Puffer zu dienen, aber Mr. Jackson winkte uns immer zu Seite und sagte „Seid nett zu meinen Fans. Sie werden nie zulassen, dass mir etwas passiert.“ Er wusste, dass seine Fans seine größten Unterstützer und Beschützer waren.

Aber ansonsten und wegen der Schutz seiner Kinder, war Mr. Jackson sehr wachsam über seine Sicherheit. Da er sein Leben lang der berühmteste Mensch der Welt war, wußte er alles über Personenschutz und Privatsphäre, so dass es selten vorkam, dass er sich selbst in eine gefährliche Situation begab. Er dachte auch immer an den Fan, der John Lennon erschoss. Er wußte, dass einige Leute zu obsessiv waren und er hatte Angst, dass jemand sein Fan-Sein nutzen könnte, um ihm nahe genug zu kommen, um ihn zu verletzen. Aber auch wenn Mr. Jackson seinen Schutzschild lockerte um seinen Fans nahe zu sein, taten wir als Security das niemals.

MJJC: Wie ging Michael mit all dem Tabloid-Trash, der über ihn geschrieben wurde, um? Wie fit war Michael am Computer? Benutze er oft das Internet? Welche Seiten hat er besucht? Durften seine Kinder fernsehen oder das Internet benutzen?

B & J: Er ging garnicht damit um, er weigerte sich. Er schloss es völlig aus seinem Leben aus. Er wollte nicht, dass seine Kinder dem ausgesetzt sind. Weil verschiedene Talk Shows immer noch Witze über ihn machten, gab es kein TV oder Kabel TV im Haus. Sie sahen sich nur Filme und Shows auf DVD an. Die einzigen Zeitungen, die er regelmässig las, waren das Wall Street Journal und der Robb Report, denn beide enthalten keine Tabloid-News. Immer wenn er zu einem Zeitungsladen oder Buchgeschäft ging, informierten uns seine Manager darüber, ob es aktuelle Ausgaben gab, die etwas negatives über ihn berichteten. Wenn es welche gab, ging einer von uns vorraus und nahm all diese Exemplare aus dem Regal. Aus dem gleichen Grund ging er nie ins Internet und erlaubte es auch seinen Kindern nur, wenn sie beaufsichtigt wurden. Er surfte nur ein paarmal im Internet, nachdem Bill ihm gezeigt hatte, wie man auf Ebay Sammlerstücke kauft und darauf bietet. Da er sich selbst von den Medien abgeschnitten hatte, wart ihr, die Fans, einer der besten Nachrichtendienste für Mr. Jackson. Er las jeden einzelnen Brief, den er bekam; wir machten lange Autofahrten, und er saß hinten und ging die Post durch. Er bekam Briefe von Leuten, die über ihre Erlebnisse in China schrieben, dem Mittleren Osten, von überall her. Sie machten ihm Vorschläge, worüber er singen sollte. Diese Briefe waren seine Inspiration und seine Verbindung zur Aussenwelt.

MJJC: Erzählen sie uns etwas mehr über Michaels Verhältnis zu seinen Kindern. Wie erzog Michael seine Kinder?

B & J: Für die Mitglieder der MJJ Community ist es sicher keine Überraschung, dass Mr. Jackson ein sehr netter und liebevoller Vater war. Was die Leute vielleicht nicht wissen ist, wie aufmerksam und engagiert er in jedem Aspekt ihrer Erziehung war. Er wußte über alle staatlichen Anforderungen des Homeschoolings bescheid, und er setzte sich jede Woche mit dem Lehrer hin, um über die Stundenpläne zu sehen und um sicher zustellen, dass seine Kinder alle nötigen Ziele erreichten. Wenn wir das Haus verliessen und es draussen kalt war, und Blanket seine Mütze und Handschuhe nicht hatte, bekamen wir einen Anruf, „Kommt zurück. Du hast die Handschuhe vergessen.“ Er war für alles da, in jeder Beziehung. Man kann sicher davon ausgehen, dass Vater zu sein zu der Zeit das Wichtigste in Mr. Jacksons Leben war, wichtiger, als das Aufnehmen, Performen und sonstiges. Die Kinder standen an erster Stelle – immer.

Ehrlich gesagt musste Mr. Jackson seine Kinder nicht oft disziplinierten. Meistens benahmen sie sich gut, sehr höflich, sie sagten immer „bitte“ und „danke“ für alles. Blanket war der Wilde, der Rebell. Wenn sich einer von ihnen daneben benahm, oder bei einer Schulaufgabe schlecht abschnitt, konnte es sein, dass er sich mit demjenigen zu einem Gespräch hinsetzte, oder er nahm ihnen ein paar Privilegien weg, in dem er eine Filmnacht strich oder ähnliches. Aber auch das war selten. Er war ein ausgezeichneter Vater und er vermittelte diesen Kinder einen guten Charakter und Werte, und das erkennt man daran, wie sie mit dem enormen Druck umgehen, dem sie seit seinem Tod ausgesetzt sind.

MJJC: Besuchte Michael in Las Vegas jemals einen Nacht-Club?

B & J: In Vegas war Mr. Jackson sehr darauf fokussiert, Vater zu sein, den Kindern abends mit den Hausaufgaben zu helfen und früh aufzustehen, um ihnen Frühstück zu machen, und sie für die Schule anzuziehen. Es gab also nicht viele Ausgeh-Nächte. Wir gingen zu einem Prince-Konzert am Strip, und Mr. Jackson lehnte die Einladung zu einem backstage-Gespräch mit Prince ab. Es war spät und seine Kinder waren noch auf, und er wußte, sie würden nicht schlafen, bis er nach Hause käme. Also fuhren wir direkt mit ihm nach Hause. Wir gingen in einen Nachtclub, als wir im Januar 2008 im Palms waren. Mr. Jackson wollte einfach etwas ausgehen und Leute beobachten. Dieser Club hatte eine VIP-Loge von wo aus man alles überschauen konnte, also machten wir das für ihn fest. Wir waren vielleicht für 3 Minuten in dem Club, als der DJ begann einen seiner Songs zu spielen; sie mixten ihn und schnitten ihn mit einigen anderen Songs zusammen. Mr. Jackson wippte mit dem Kopf den Tackt mit und er sagte: „Wow, ich wußte nicht, dass sie immer noch meine Musik spielen.“ Wir dachten „was?“ und sagten zu ihm: „Sir, sie spielen ihre Musik noch ständig. In Bars, in Clubs und überall.“ Er sagte: „Tatsächlich?“ Er schien überrascht. Er war aus dem Spotlight heraus und für so lange Zeit von der Klatschpresse malträtiert worden, dass er zu der Zeit wohl wirklich darüber beunruhigt war, dass die Welt sich einfach weitergedreht hatte und er nicht mehr bekannt war. Es machte ihn wirklich glücklich, seine Songs in einem Club wie diesem zu hören.

MJJC: Wann erlebten sie ihn am glücklichsten? Wann am traurigsten?

B & J: Am glücklichsten sahen wir ihn immer während den stillen, einfachen Momenten, wenn wir ihn z.B. mit seinen Kindern unbemerkt ins Kino bringen konnten, und er die Premiere eines großen Action-Films zusammen mit einem großen Publikum ansehen konnte, wie eine ganz normale Familie. Oder auch in der Zeit, die wir in Virginia verbrachten, als er mit seinen Kindern in einem Haus wohnte, mit einem riesigen Hof. Aus der Entfernung konnte man die vier ums Haus herumlaufen sehen und sie spielten und lachten. Es war gut, ihn lachen zu hören. Und er lachte auch sehr laut.

Am traurigsten erlebten wir ihn, als sein Bruder Randy mit dem Auto durch das Tor brach und sich in die Einfahrt stellte und Geld verlangte, und dabei Mr. Jackson die Chance nahm an Elizabeth Taylors Geburtstagsparty teilzunehmen. Die ganze Geschichte dazu steht im Buch, aber nachdem das passierte verschwand Mr. Jackson in seinem Zimmer und wir sahen und hörten drei Tage lang nichts von ihm.

MJJC: Hat Michael ihnen den Moonwalk beigebracht?

B & J: Er zeigte uns nie den Moonwalk, aber er erzählte uns, wie der Lean in Smooth Criminal funktionierte. Verblüffend!

MJJC: Wer war ihrer Meinung nach ein wirklich guter Freund von Michael? Wer stand in guten und schlechten Zeiten zu ihm? Mit wem telefonierte Michael am häufigsten?

B & J: Mr. Jacksons Mutter war wohl die Einzige, die selbstlos immer zu ihm stand. Und es gab Miko Brando, Chris Tucker, Eddie Griffin und Rev. Jesse Jackson, die ihn ein paar Mal besuchten, und ihre Freundschaft schien aufrichtig zu sein, aber das Verhältnis zu seiner Mutter schätzte und bewertete er am höchsten.

MJJC: Erzählte Michael Witze?

B & J: Mr. Jackson hatte sehr viel Humor. Er machte oft mit uns und den Kindern Spässe und wir lachten viel zusammen. Wir haben uns auch bemüht, das in diesem Buch wiederzugeben, denn vieles, was über ihn geschrieben wird, zeigt nicht diese wunderbare Seite von ihm.

MJJC: Gab es eine Gelegenheit, bei der sie Michael aus irgendeinem Grund wirklich wütend erlebten?

B & J: Mr. Jackson war bekanntlich nicht streitlustig. Er mochte keine Konflikte, aber so wie er von den Paparazzi und einigen Leuten in der Musikbranche behandelt wurde, gab es vieles, über das er sich ärgern konnte. Manchmal kam es heraus. Meistens arbeiteten wir für den netten, sanften Mann, der ‘Heal the World’ sang, aber ab und zu erlebten wir auch den Typ von ‘Scream’.

An einem Nachmittag im Frühjahr 2007 war Mr. Jackson an Bills Mobiltelefon wegen einem Konferenzanruf mit seinem Manager und seinem Anwalt. Wir hörten im Security-Trailer einen lauten Krach und liefen in die Küche um zu sehen, dass er das Telefon durch die Glastür geworfen hatte, die in tausend Teile zersprungen war. Er hielt seine Hände an den Kopf und sagte: „Sie sind alle Teufel. Ich sollte meinen Vater kommen lassen, um ihnen einen Arschtritt zu verpassen.“ Dann bot er Bill an, ein neues Handy zu kaufen.

Es gab noch eine weitere Begebenheit, in Washington, DC, als Mr. Jackson eine Überwachungskamera sah, von der er dachte, sie nähme ein verbotenes Video seiner Kinder auf. „Die Beherrschung verlieren“ beschreibt nicht wirklich seine Reaktion, aber dazu müsst ihr das Buch lesen.

MJJC: Wie oft besuchten Friend und Flower Michael? Haben sie von den beiden seit dem Memorial noch einmal etwas gehört?

B & J: Friend und Flower besuchten ihn nur, als wir in Virginia waren, und natürlich getrennt voneinander. Seit dem Memorial hat Bill gelegentlich per E-Mail Kontakt mit Flower, meistens am Jahrestag von Mr. Jacksons Tod oder an seinem Geburtstag.

MJJC: Schien er bereit und fit für die This Is It Konzerte? Hatte er Angst? War er besorgt? Wollte es nicht tun aber verpflichtete sich dazu?

B & J: Meistens schien Mr. Jackson bei guter Gesundheit zu sein, aber er erwähnte, dass er nicht in der Lage sei, für eine solche extreme, athletische Performance, wie er sie während der Bad- und Dangerous-Tour gegeben hatte. Er war 50 Jahre alt, und einige dieser Jahre waren sehr hart für ihn. Seine Stimme war in großartiger Form, erstaunlich wie immer, aber der Veranstalter stellte physische Anforderungen, von denen er wusste, dass er sie nicht leisten konnte. Als die Idee, 50 Shows zu machen aufkam, hörten wir ihn am Telefon sagen: „Ich kann keine 50 Shows machen.“ Er sagte es in einem Ton, als wären diese Leute verrückt, ihn überhaupt danach zu fragen. Aber was immer geschäftlich vor sich ging, er war in eine Ecke gedrängt worden und ihm wurde gesagt, er habe keine Wahl. Es war nicht etwas, was er mit großem Enthusiasmus tat.

MJJC: Sie sagten, sie sprachen mit Michael bevor er starb. Schien er glücklich zu sein? Können sie über ihr letztes Telefongespräch sprechen? Was war das letzte, was Michael ihnen sagte?

B & J: Unsere letzten Gespräche mit Mr. Jackson waren nur kurze Anrufe über geschäftliche Angelegenheiten. Es wurde nichts signifikantes gesagt, denn es wußte ja keiner, was passieren würde. Javons letztes Gespräch mit Mr. Jackson fand einige Wochen vor seinem Tod statt; Mr. Jackson fragte nach ein paar Dingen, die er in einem Lager in Las Vegas hatte und erkundigte sich nach Javons Familie, so wie er es immer tat. Bills letztes Gespräch mit Mr. Jackson fand ein paar Tage vor seinem Tod statt. Er schien gut gelaunt. Wir waren in Vegas und arbeiteten an den Security-Plänen für London, und Mr. Jackson rief an, weil er uns in LA haben wollte und darüber Absprachen treffen wollte. Wir kamen nicht mehr rechtzeitig nach LA.

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MJJC: Was vermissen sie an ihm am meisten?

B & J: Am meisten vermissen wir diese stillen, einfachen Momente, einfach zu sehen, wie er sein Leben als Vater geniesst, wie er z.B. versucht, Paris die Haare zu kämmen, und es nicht richtig macht, oder wenn er Blanket sagte, nicht vom Thema abzuschweifen, oder Prince und Paris bei ihren kleinen Geschwisterstreitigkeiten half. Wir vermissen es auch, lange Fahrten mit ihm zu unternehmen und einfach über alles mögliche zu reden. Er bat uns, das Radio leiser zu stellen und er fragte nach unseren Familien und wie es unseren Kindern geht. Wir sahen ein Mädchen über die Strasse laufen, und er fragte uns, ob wir sie süß fänden, und wenn wir sagten, sie sei nicht unser Typ, meinte er, wir bräuchten wohl eine Brille, denn sie sei klasse. Wir vermissen auch die Aufregung, mit ihm zusammen zu sein und nie zu wissen, was der Tag bringen würde.

MJJC: Gibt es eine Botschaft, für die Mitglieder der MJJC und an Michaels Fans?

B & J: Die Fans sollten wissen, dass sie, abgesehen von Mr. Jacksons Mutter und seinen Kindern, an erster Stelle in seinem Leben standen. Er schätzte die Unterstützung, die seine Fans ihm während aller Höhen und Tiefen zukommen liessen sehr, und er liebte sie, weil sie sich nie von ihm abwandten. Ihm war immer bewusst, dass es ohne die Fans keinen King Of Pop geben würde. Er verdankt euch alles. Und auch wir verdanken euch etwas. Wie wir es im Buch schreiben: es gäbe kein Buch ohne die Unterstützung und die Liebe von Mr. Jacksons Fans. Wir schrieben Remember The Time für euch. Es fühlt sich gut an zu wissen, dass wir unterstützt werden, denn ohne euch wäre das nicht möglich gewesen. Unsere Liebe geht an alle Fans und Unterstützer von Mr. Jackson.

………………….

Übersetzung: M.v.d.L.

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Buch: http://www.amazon.de/Remember-Time-Protecting-Michael-Jackson/dp/1602862508/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1401886165&sr=8-1&keywords=Protecting+Michael+Jackson

 

‘Unser Urlaub mit Michael Jackson’ – Familie Goldstein erlebte 1991 einen spontanen Urlaub mit MJ auf den Bermudas

“The Goldstein-Family on vacation with Michael Jackson”

Source: http://www.baltimoresun.com/news/maryland/howard/laurel/ph-ll-history-goldstein-0801-20130801,0,3737522,full.story

Alan Goldstein und seine Frau Lynn, erinnern sich daran, dass sie sich gerade auf einen netten Familienurlaub mit ihrem jüngsten Sohn Brock und seinem besten Freund Mac (Macaulay Culkin) vorbereiteten, als sie hörten, wie Brock am Telefon etwas sagte, das so klang wie: „Ja, klar, bring ihn ruhig mit!“

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So erschien Pop-Superstar Michael Jackson in ihrem Hotel auf den Bermudas, mit einem Verband auf der Nase, einem schüchternen Lächeln auf dem berühmten Gesicht und einem Schrankkoffer voller Wasserspritzpistolen, Rennautos und Stinkbomben auf dem Bett in der VIP-Suite.

Die surreale Insel-Idylle begann damit, dass Brock Goldstein, gelegentlich Schauspieler in Orlando, Macaulay Culkin an einem Filmset kennenlernte und die beiden Zehnjährigen sich anfreundeten. Nachdem sein Hit „Kevin allein zu Haus“ in diesem Jahr in die Kinos gekommen war, freundete Mac Culkin sich mit jemand weiterem an: Michael Jackson.

Das klingt nach Spaß. Stört es euch, wenn ich mitkomme?“, hatte Jackson nach Culkins Erinnerung gefragt, als er von dem bevorstehenden Bermuda-Urlaub mit seinem Freund Brock sprach.

Alan Goldstein erinnert sich, dass die Familie schon seit ein paar Tagen auf den Bermudas war, und dass sie gerade von ihren Mopeds gestiegen waren, als das Hotel ihnen die Nachricht überbrachte, bitte „Mr. M. Jackson“ anzurufen. Die Stimme, die sich weltweit am besten verkaufen lässt, war am anderen Ende der Leitung. „Ich brauchte einfach eine Pause“, erklärte Jackson. „Würde es Ihnen etwas ausmachen?“ Goldstein, der in Wheaton aufgewachsen ist, begann krampfhaft nach einer geeigneten Unterkunft zu suchen – bis Jackson zurückrief und sagte, er habe alles arrangiert: Zwei Suiten in dem luxuriösen „Hamilton Princess.“

Goldstein schluckte hart. „Das kann ich mir nicht leisten“, gestand er.

Machen Sie sich keine Sorgen“, versicherte Jackson ihm. „Das geht alles auf mich.”

Er kam am nächsten Tag „in seinem üblichen roten Hemd, schwarzer Hose, gelben Socken und breitkrempigen Hut“, wie sich Goldstein, jetzt 60, während eines Telefoninterviews von seiner Wohnung in Las Vegas aus erinnert.

Michael Jackson with Macaulay Culkin in Bermuda, West Indies - 1991

Jackson lud die Bande in seine Suite ein. „Er hatte diesen riesigen Schrankkoffer mitgebracht. Er warf ihn auf’s Bett und öffnete ihn“, sagt Goldstein. „Es sah so aus, als ob er einen Spielzeugladen überfallen hätte. Er hatte Wasserpistolen, Rennautos, Kaugummi, das den Mund schwarz färbt, Snap-and Pops…“

Während Lynn Goldstein mit Handtüchern hinter ihnen her wischte, machten die beiden erwachsenen Männer und die zwei kleinen Jungen eine Supersoaker-Schlacht in der gesamten Suite. „Es war ein großer Spaß“, erinnern sich die männlichen Goldsteins. „Es war ein Alptraum“, stellt Lynn gutmütig richtig.

Bermudas 1991a

Jackson kam allein auf die Bermudas, und die Rolle des Managers fiel an Lynn, die sicherstellte, dass die Mahlzeiten des Stars vegetarisch waren, und dass das Hotelmanagement Fans fernhielt. Jacksons Besuch machte die Runde in der lokalen Presse und danach auch in den internationalen Medien.

Für beinahe zwei Wochen, erst auf den Bermudas und dann, zurück in Orlando, in Disney World, befanden sich die Goldsteins plötzlich auf der anderen Seite des Ruhms, mit einem Wohltäter, den sie sowohl als merkwürdig als auch als wundervoll erlebten.

Mit Jackson an der Seite verschwanden jedoch die Träume von sonnigen Tagen am Strand, und sie alle wurden Urlauber der Nacht, die sich nur dann nach draußen wagten, um Jackson und Culkin vor den Fans zu schützen. Das bedeutete: um 2 Uhr nachts im Hotelpool planschen, Room-Service statt Restaurant, arrangierte Einkäufe, wenn die Läden für die Öffentlichkeit geschlossen hatten.

Jackson versuchte, die Unannehmlichkeiten zu kompensieren. „Wir sprachen eines Tages darüber, wie viel Spaß es machen müsste, tauchen zu lernen“, sagt Alan Goldstein. „Und wissen Sie: sofort hatten wir ein Boot für uns allein mit ein paar Tauchlehrern, die uns unterrichteten.“

Wenn die Familie eine Show in einem der Inselhotels sehen wollte, gab es eine Privatvorstellung um 1 Uhr morgens in einem ansonsten leeren Zuschauerraum, sagten die Goldsteins. „Da war ein Michael-Jackson-Imitator, der ein bisschen komisch war, aber Jackson machte das nichts aus“, sagt Alan Goldstein.

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Brock Goldstein (der Sohn) erinnert sich an die „nur einmal im Leben vorkommende“ Begeisterung, dass sein Lieblingsmusiker plötzlich ein Spielkamerad geworden war. Er erinnert sich daran, dass Jackson ein kleines Laserlicht hervorholte und die Jungen mit auf den Balkon nahm, um den Strahl auf verwirrte Strandgänger zu richten. „Wir versuchten, sie zu verfolgen“, erinnert sich Brock. „Wir riefen: ‘Geht dem roten Licht nach! Geht dem roten Licht nach! Das rote Licht hat ein Geschenk für euch! Seht, es ist ein roter Luftballon’.“ Die drei warfen dann wassergefüllte Ballons auf ihre Ziele, versteckten sich hinter der Brüstung und brachen vor Lachen zusammen.

Die Jungen stritten wie Geschwister um seine Aufmerksamkeit, und Michael war derjenige, der dazwischenging und sagte: ‘Nein, wir machen das alle zusammen’,“ so Brocks Mutter.

Sie erinnert sich, dass Michael sich bei einer Unterhaltung auf den Bermudas zu ihr umdrehte und wehmütig sagte: „Wissen Sie, Kinder sind anders als Erwachsene. Kinder sind ehrlich mit einem. Sie können ihnen trauen. Ich habe noch nie einen Erwachsenen getroffen, der mein Freund gewesen wäre, ohne irgendwann etwas von mir zu wollen.“

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Die Urlauber kehrten nach Orlando zurück, wo die Goldsteins damals lebten, und belegten zwei getrennte Suiten in einem Disney-World-Hotel, um für eine Woche den Vergnügungspark zu genießen. Sommer über Sommer verging. Die Goldsteins legten ihre Fotoalben beiseite und verloren den Kontakt sowohl zu Jackson, als auch zu Culkin.

Übersetzung: Xydalona

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Über diesen Urlaub der Goldsteins mit Michael wird jetzt ein Film veröffentlicht:

OUR VACATION WITH MICHAEL JACKSON

Our Vacation With Michael Jackson-Film

In einem neuen, einstündigen TV-Special sprechen Alain, Lynn und ihr Sohn Brock über ihre einmalige Erfahrung, mit Michael Jackson zusammen zu sein. Auch private „home movie“-Aufnahmen, die Alain Goldstein selbst aufnahm, so wie eine Menge Photos des Trips, werden gezeigt.

http://windycityimages.com/filmdetailpage.php?itemid=10&viewimage=Medieval-Times.jpg

 

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Post vom 13/03/2014

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Joie: Heute hat sich Willa und mir unsere Freundin und Mitstreiterin Lisha McDuff angeschlossen. Danke, dass du heute deine Zeit mit uns verbringst, Lisha. Was hast du inzwischen angestellt?

Lisha: Nun Joie, ich war ziemlich beschäftigt! Ist das zu fassen, ich habe die Universität Liverpool gerade mit einem Master-Abschluss in den Wissenschaften der populären Musik verlassen?

Willa: Und ihre Dissertation hatte Black or White zum Thema!

Joie: Gratulation zu dieser Leistung!

Lisha: Ich danke euch.

Joie: Also Ladies, Ich habe über das erste Mal nachgedacht, dass wir alle zusammen gesessen und darüber gesprochen haben, wie viele von Michael Jacksons Songs als eine „Klangskulptur“ beschrieben werden können. Und ich habe gedacht, dass es da einen Song gibt, über den wir noch nie gesprochen haben, der aber ein perfektes Beispiel für eine dieser „Klangskulpturen“ ist, und das ist Morphine. Es war immer einer meiner MJ Lieblingssongs. Ich mag ihn aus so vielen Gründen, aber hauptsächlich deswegen, weil er in akustischer Hinsicht einfach so faszinierend ist.

Die Thematik des Songs weicht ein wenig von dem ab, was wir normalerweise von Michael Jackson zu sehen bekommen. Es ist ein wenig dunkler im Ton, als wir es gewohnt sind, aber teilweise habe ich das Gefühl, dass die Musik gerade deswegen so faszinierend ist, weil das Hauptthema so dunkel ist. Als wäre dies etwas, dass er absichtlich so gemacht hat, um eine gewisse Emotion zu vermitteln oder um eine bestimmte Stimmung über den Song hervorzurufen. Ergibt das Sinn?

Willa: Ja, das tut es – es ergibt sehr viel Sinn. Ich habe über Morphine speziell im Sinne einer klanglichen Skulptur bisher noch nicht nachgedacht, aber ich denke, ich weiß, was du meinst, Joie, und ich frage mich ob es sich teilweise durch die abrupten Übergänge vom ersten Teil in diesen völlig anderen Mittelteil und dann vom Mittelteil zurück zum Schlusspart so „skulptural“ anfühlt. Diese Übergänge sind so rau und abrupt, fast brutal, dass sie wirklich die Aufmerksamkeit auf die Struktur dieses Songs lenken, auf eine Art, wie es die meisten Songs nicht tun.

Joie: Ich mag, wie du das beschrieben hast, Willa. „Brutal“ ist ein gutes Wort dafür, denn es fühlt sich wirklich so an.

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Willa: Das stimmt. Wenn die Übergänge leicht von einem Teil eines Songs in den nächsten überfließen, nimmst du es oft nicht einmal wahr – du treibst einfach mit dem Fluss des Songs dahin. Aber das ist hier nicht der Fall. Wir sind gezwungen, den Aufbau dieses Songs wahrzunehmen, weil die Übergänge – die Nähte zwischen den Abschnitten – so grell offensichtlich sind. Und ich denke, diese rauen Übergänge sind wirklich wichtig, sowohl für das Gefühl als auch für die Bedeutung von Morphine.

Lisha: Es ist interessant, dass ich mit Hinblick auf eine klangliche Skulptur bisher auch noch nicht unbedingt über Morphine nachgedacht habe, aber nun, da du es erwähnt hast, Joie, liegst du absolut richtig. Es ist sinnvoll sich dem auf diese Weise anzunähern. Es geht eine Menge vor sich in diesem Song – alle Arten von Arbeitslärm, Maschinen und elektronische Klänge wirbeln überall herum. Ich höre ein summendes Geräusch, das die meiste Zeit gerade durch meinen Kopf hindurch vibriert, und andere Male strenge ich mich an eine ferne Unterhaltung verstehen zu können, die weit entfernt wie hinter einer Tür klingt.

Wir wissen, dass Michael Jackson interessiert daran war, wie das Ohr Entfernungen einschätzen und den Ort des Klangs im Raum identifizieren kann. Seine Aufnahmen verräumlichen Klang auf solch faszinierende Weise. Thriller, aufgenommen und gemischt von Bruce Swedien, ist ein großartiges Beispiel hierfür. Ein anderes ist Disneys Captain EO, welches der erste Film im 5.1 Surround Sound war, der je gedreht wurde. Michael Jackson experimentierte auch mit einem dreidimensionalen, binauralen (beide Ohren betreffenden) Aufnahmeprozess in, bekannt als „Holophonics“, eine geschützte Marke von Hugo Zuccarelli. Die Einführung in Form des Bettgeflüsters zu I Just Can’t Stop Lovin‘ You ist ein Beispiel für Holophonic.

Zuccarellis Aufnahmen sind wie Übungen für ein Gehörtraining, die demonstrieren, auf welche Weise ein aufgezeichneter Klang manipuliert werden kann, um einen bestimmten Ort innerhalb eines imaginären klanglichen Raumes zu belegen. Man muss Kopfhörer aufsetzen, um den vollen Effekt zu spüren, aber hier ist ein Beispiel für eine Klangskulptur mit dem Titel Haircut.


Es ist wirklich interessant sich Morphine mit dieser Art Verräumlichung im Kopf anzuhören. Ich bin wirklich froh, dass du uns dazu aufgefordert hast, uns dem Song als Klangskulptur zu nähern, Joie.

Joie: Danke, dass du uns dieses Beispiel gebracht hast, Lisha. Es ist wirklich interessant zuzuhören.

Willa: Das ist es wirklich! Ich hab’ die Kopfhörer von meinem Sohn geklaut und mir diesen Clip angehört, die Art, wie die Klänge und Geräusche bestimmte Punkte im Raum einzunehmen scheinen und sich sogar umher bewegen, das ist verblüffend! Es erinnert mich wirklich an das Schlagen der Tür und die den Klangraum durchschreitenden Schritte in Thriller, genauso wie die Hintergrundgeräusche in Morphine wie das Klopfen und die Fernsehgeräusche in der Entfernung.

Joie: Es gibt alle Sorten von wunderbaren und interessanten Geräuschen im Hintergrund von Morphine, manche von ihnen sehr überraschend und unerwartet. Manchmal denke ich sogar, dass ich so etwas höre wie Wasser, das unaufhörlich aus einem Wasserhahn tropft. Hört das auch jemand von euch?

Lisha: Nein, ich nicht! Wo ist das denn? Ich höre es nicht!

Joie: Vielleicht ist es auch ein Geräusch, das ich zu stark als tropfendes Wasser vereinfache, weil mein Kopf es nicht so einfach zuordnen kann, aber ich höre es in der ersten Hälfte des Songs ununterbrochen in gemäßigten Intervallen im Hintergrund. Interessanterweise höre ich es nicht mehr nach dem schroffen Mittelteil des Songs.

Lisha: Moment mal, Joie! Ich denke, ich weiß über was du sprichst und was für eine wunderbare Beschreibung des Geräuschs! Ich glaube, du meinst ein schlagendes Geräusch, das im äußerst rechten Klangfeld auftaucht, gleich nachdem der Rhythmus beginnt. Es passiert beim Auftakt auf 4 und dann taucht es weiter auf, immer wenn man ab da bis 8 weiterzählt. Ist es das, was du meinst? Es klingt wie ein langsames Tropfen aus einem Wasserhahn!

Joie: Ja! Das ist es!

Lisha: Das ist das Amüsante beim Hören dieser Tracks, es gibt immer etwas Neues zu entdecken.

Und wie du betont hast, Willa, spielen sich hier zwei separate und ganz verschiedene Klangwelten ab, als wenn ein weiterer Song einfach mittenrein platzt. Morphine hätte sehr gut Michael Jacksons bester Rock / Heavy Metal Gesang aller Zeiten sein können, aber plötzlich ist da im Mittelteil eine entspannte, sanfte Stimme begleitet von Piano, Flöten und Streichern zu hören. Es ist ein überraschender Kontrast, der für ein interessantes, aber auch sehr anspruchsvolles, klangliches Erlebnis sorgt – ganz sicher wird hier ein schwieriges Thema behandelt, das steht fest.

Joie: Weißt du, ich habe fast das Gefühl, dass das Thema eins der interessantesten Dinge an diesem Song ist. Ich war schon immer ein ziemlich großer Fan von Rockmusik im Allgemeinen. Ich liebe zum Beispiel den Hair Metal der 80er, und ich könnte (und mache es auch) den ganzen Tag lang Bands wie Aerosmith und Guns `N Roses hören. Und wie jeder Rockmusik-Fan dir sagen würde, ist der Gebrauch von Drogen eine feste Größe, soweit die musikalischen Themen dies in diesem Genre behandeln. Eigentlich in vielen Genres.

Aber eins der Dinge, die Michael Jackson vom Rest unterscheidet ist, dass er typischerweise nicht über Dinge wie Drogen und Sex singt. Also ist Morphine mit seinem unverhohlenen, schonungslosen Blick auf den Drogen- / Medikamentengebrauch – vom Blickwinkel der Drogen gesehen nicht weniger – ziemlich misstönend. Mindestens genauso misstönend wie die schroffen Übergänge, die Willa vorhin erwähnt hat.

Lisha: Du hast eine ausgezeichnete Feststellung gemacht. Drogengebrauch ist seit den 60er Jahren ein unübersehbares Thema in der Rockmusik, und illegaler, gelegentlicher Drogenkonsum wird oft als eine positive, bewusstseinserweiternde Erfahrung dargestellt. Dies scheint einige der Grundwerte des Rock widerzuspiegeln, solche wie Spontaneität, Authentizität und Widerstand gegenüber starrem, regeln-befolgendem und autoritärem Denken.

Ich denke jedoch, dass Morphine von einer ganz anderen Perspektive kommt und ein völlig anderes Wertesystem ausdrückt. Morphine thematisiert oder fördert nicht den gelegentlichen Gebrauch von Drogen. Stattdessen problematisiert es die legale, pharmazeutische Verabreichung von Medikamenten, die von Ärzten verschrieben werden, um Patienten mit ernsten medizinischen Anliegen zu behandeln.

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Willa: Das stimmt. Dies ist keineswegs ein typischer „Sex, Drugs and Rock ´n Roll“ Song. Hier geht es nicht darum high zu werden. Stattdessen konzentriert sich Morphine ganz speziell auf von Ärzten unterstützte Medikamentenabhängigkeit, oder sogar von Ärzten herbeigeführte Medikamentenabhängigkeit.

Joie: Und die Lyrics in diesem schroffen Mittelteil sind sehr vielsagend und sehr persönlich, denke ich. Jedes Mal, wenn ich mir diesen Song anhöre, kann ich mir Michael vorstellen, wie er auf dem Behandlungstisch liegt, während diese Worte in sanftem Ton zu ihm gesagt werden:

Entspann‘ dich
Es wird nicht weh tun
Bevor ich damit anfange
Schließ‘ deine Augen und zähl‘ bis zehn
Weine nicht
Ich werde dich nicht verwandeln
Es gibt keinen Grund entsetzt zu sein
Schließ deine Augen und lass dich treiben

Kannst du dir das vorstellen? Ein Arzt, der ihm versichert, dass „er dich nicht in einen Junkie verwandelt – schließ einfach deine Augen und lass dich vom Schmerz wegtreiben“.

Lisha: Oh, ich kann mir das ganz sicher vorstellen! Die Musik in diesem Abschnitt ist so besänftigend, aber gleichzeitig auch so traurig und ergreifend. Der Arzt bietet die willkommene Erleichterung von ernsthaften Schmerzen an, aber ich habe dieses bange Gefühl, dass die Situation komplizierter ist als das, was der Arzt zu zeigen gewillt ist.

Und ich stimme dir zu, Joie – dieser Song fühlt sich zutiefst persönlich an. Ich habe durch die Liner Notes erfahren, dass Michael Jackson diesen Song geschrieben, komponiert, gesungen und produziert hat. Er hat auch die meisten Arrangements selbst gemacht und sogar die Percussions, Drums und Gitarre übernommen.

Willa: Wirklich? Ich wusste nicht, dass er Gitarre spielte …

Lisha: Nun, vielleicht nicht im strengen Sinn des Wortes, aber ich möchte wetten, dass er seine Kenntnisse hatte. Einer derjenigen, die am engsten mit ihm zusammengearbeitet haben, Brad Buxer, sprach in einem Interview mit dem französischen Magazin Black & White über Michael Jacksons Beziehung zu Musikinstrumenten. Er sagte, Michael Jackson sei ein fantastischer Musiker gewesen und es war nicht wirklich notwendig für ihn ein hohes Level an Professionalität auf jedem einzelnen Musikinstrument zu haben. Gemäß Buxer „verstand er Musik instinktiv. Es war einfach ein Teil von ihm …“

Buxer spielte Keyboard und das Piano auf Morphine, aber hat nicht an der Komposition des Songs mitgearbeitet, wie er das bei anderen getan hat. Michael Jackson hat die gesamte Aufnahme im Kopf ausgearbeitet und kommuniziert, was er von Buxer hören wollte:

Er sang alle Parts, ob es das Piano im Mittelteil war oder diese Schichten von Synthesizer im Refrain. Es ist alles von ihm. Bei diesem Song habe ich lediglich seine Gedanken ausgeführt.

Ich denke auch über das nach, Joie, was du vorhin gesagt hast, als du den textlichen Inhalt dieses Songs als Personifizierung des Medikamentes selbst beschrieben hast. Das ist solch ein interessanter Gedanke und ich habe an bestimmte Zeilen in diesem Song gedacht, die leicht auf diese Art gedeutet werden können:

Vertraue mir
Vertraue mir
Leg’ dein ganzes Vertrauen in mich

Aber ich denke, es gibt eine weitere starke Möglichkeit hier – dass die Lyrics einen Arzt repräsentieren, der einen Patienten dazu auffordert, vollkommenes Vertrauen in seine Erfahrung und seine Kompetenz als medizinischer Fachmann zu haben.

Willa: Das ist wahr, diese Zeilen können auf beide Arten interpretiert werden – als Aufforderung für den Patienten dem Medikament oder dem Doktor zu vertrauen – und es ist auf beide Arten schaurig. Ich hatte bisher noch nicht an diese Zeilen als Bezug auf das Medikament selbst gedacht – das ist ein wirklich interessanter Weg dies zu betrachten, Joie – aber es ergibt perfekten Sinn. Ich meine, stell dir einfach vor, wie Michael Jackson zum Beispiel eine Flasche Propofol betrachtet und an diese Worte denkt: „Vertraue mir“, dass ich dir zu einem guten Schlaf verhelfe. Oder denkt an Dr. Conrad Murray, wie er diese Zeilen sagt. Es ist auf beide Arten wirklich beängstigend.

Lisha: Ja, ist es. Und das Thema dem Doktor zu vertrauen kommt noch einmal, bei anderthalb Minuten in dem Song (1:32 und es wiederholt sich bei 4:16). Ich höre etwas wie ein Klopfen an der Tür und eine Frau, die in einem sehr strengen, autoritären Ton sagt: „Sie haben gehört, was der Doktor gesagt hat.“ Das ist ein Audioclip aus David Lynchs Film The Elephant Man von 1980. Er stammt aus einer Szene in dem Film, als der Elephant Man verängstigt, misstrauisch und zögerlich ist, einzuwilligen, dem Arzt in seine Praxis zu folgen. Die Oberschwester schaltet sich ein und verlangt von ihm, das zu tun, „was der Doktor gesagt hat“.

Willa: Wow Lisha, du hast Recht! Das wusste ich nicht – dass er in diesem Abschnitt The Elephant Man gesampelt hat – aber du hast vollkommen Recht, das tut er. Das scheint für mich sehr bedeutsam zu sein.

Lisha: Für mich auch. Es scheint ein wirklich wichtiger Teil des Songs zu sein.

Willa: Oh, absolut. Offensichtlich hallte die Geschichte um John Merrick (oder Joseph Merrick – er wurde mit beiden Namen gerufen) wirklich in Michael Jackson nach. Wir beide haben darüber vor einiger Zeit in dem Post über Leave Me Alone gesprochen, Joie. Also ist es aus dem Grund vielsagend, aber auch thematisch, denke ich – wie es zu dem Gedanken an einen Arzt passt, der nicht immer im besten Interesse des Patienten handelt.

Ich habe The Elephant Man gerade mal wieder – Himmel, nach Jahren – angesehen, und ich war getroffen davon, wie sehr sich der Film auf Dr. Treves konzentriert. Er ist nahezu so oft wie Merrick selbst im Bild. Und während er Merrick vor dem beleidigenden Mr. Bytes rettet, der ihn in einer karneval-artigen Tingeltangel-Show ausstellen will, sind Dr. Treves‘ Motive auch nicht unbedingt rein wohlwollend. Ein älterer Arzt sagt:

Ich für meinen Teil habe die Nase voll von dieser wetteifernden Jagd auf Freaks von diesen übermäßig ambitionierten jungen Ärzten, die sich dadurch einen Namen machen wollen.

Im Verlauf des Films, als Dr. Trevis anfängt, Merrick auf eine mitfühlendere Art zu sehen, beginnt er sich selbst und seine Gründe zu hinterfragen, warum er Merrick aufgespürt und sich so öffentlich mit ihm angefreundet hat:

Ich fange an zu glauben, dass Mr. Bytes und ich uns sehr ähnlich sind. Es scheint, dass ich Mr. Merrick von Anfang an als Kuriosität dargestellt habe, nicht wahr? Nur dieses Mal in einem Krankenhaus statt auf einem Kostümfest.

Er sagt weiter:

Mein Name taucht ständig in der Zeitung auf. Ich werde immerzu in den Himmel gelobt. Patienten fragen nun ausdrücklich nach meinen Diensten.

Alles nur wegen der Bekanntheit, die er dadurch erlangt hat, dass er der Arzt des Elephant Man ist. Und diese furchtbare Szene, in der er Merrick in dem Auditorium voller Ärzte präsentiert, scheint dem sehr ähnlich zu sein, wie Merrick auf dem Karneval ausgestellt wird.

Auf seine Art also hat Dr. Treves selbst Karriere gemacht durch Öffentlichmachung von Merricks körperlichen Leiden, genauso wie Mr. Bytes es getan hat. Und es scheint mir, dass diese irgendwie rücksichtslose Beziehung zwischen Ärzten und Patienten ein Schlüsselelement jenes Mittelteils von Morphine ist.

Joie: Wow, Willa, ich habe The Elephant Man viele, viele Male gesehen; ich liebe diesen Film einfach. Aber ich habe niemals den Bezug zu Morphine hergestellt. Du hast da eine sehr interessante Parallele gezogen.

Lisha: So ist es wirklich, und mich interessiert sehr, wie sehr sich der Film auf Dr. Treves fokussiert. Bei etwa 1:37 Minuten in Morphine, gleich nachdem die Krankenschwester „Sie haben gehört, was der Doktor sagt“ gebellt hat, meine ich auch die Stimme von Dr. Treves, gespielt von Anthony Hopkins, zu hören. Könnt ihr die männliche Stimme in diesem Teil als die von Dr. Treves identifizieren? Es ist ganz rechts außen und in einiger Entfernung, also sehr schwer auszumachen.

Willa: Ich glaube ja. Es ist ein britischer Akzent und es klingt für mich nach seiner Stimme, obwohl ich die Worte nicht verstehen kann. Und dann ist da der Klang von rauem Gelächter, wie ein Soundtrack aus dem Fernseher. Auch in The Elephant Man gibt es Gelächter, und es ist kein glückliches Lachen. Eigentlich bedeutet es grundsätzlich, dass gegenüber Merrick etwas Ausbeuterisches passiert. Im Grunde ist Lachen während des gesamten Films etwas Grausames.

Lisha: Ja, es klingt, als gäbe es eine Lachkonserve genau nach Dr. Treves‘ Stimme, wodurch wahrscheinlich angedeutet werden soll, dass diese medizinischen Probleme für manche eine Quelle der Unterhaltung sind. Es ist unglaublich grausam.

Bezüglich einer Klangskulptur habe ich festgestellt, dass diese Sequenz von links nach rechts verräumlicht wird. Das Klopfen hört man auf der linken Seite des Klangfeldes, die Stimme der Krankenschwester befindet sich in der Mitte, Dr. Treves‘ Stimme rechts, und die Lachkonserve noch weiter hinten rechts. Es wirbelt in dieser Geschichte irgendwie um den Zuhörer / Patienten herum und erzeugt ein Gefühl der Desorientierung und Verletzlichkeit.

Willa: Oh, das ist eine interessante Deutung, Lisha. So fühlt es sich für mich auch an.

Lisha: Es scheint, als hätte fast jeder eine ausbeuterische Beziehung zu John Merrick, einschließlich seinem Arzt. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, warum sich Michael Jackson so stark mit ihm identifizieren konnte. Da gibt es den Schausteller, der Merrick als Attraktion für seine Freak Show ausnutzt, die Krankenhausangestellte, die davon profitiert, dass sie nachts Menschen einschleust, die ihn sehen dürfen, die Oberschicht, die erpicht darauf ist mit ihm verbunden zu sein, wenn es gerade schick ist, der herzlose Pöbel, der ihn verspottet. Und natürlich, ich kann nicht anders als auch eine starke Parallele zu Michael Jackson zu ziehen, wenn Frauen schreien und ausflippen, sobald sie ihn sehen.

Willa: Das ist eine wirklich gute Feststellung, Lisha, und der Film untersucht dies auf subtile Art, finde ich – sowohl die Angst, die die Leute gegenüber Merrick spüren ebenso wie das komplizierte Verlangen nach dem Andersartigen. Da gibt es diese schreckliche Szene, in der die zwei jungen Frauen aus dem Gasthaus gezwungen werden erst ihn und dann den lüsternen Mann, der sie dahin gebracht hat, zu küssen. Und dann gibt es die viel nettere Szene, in der er die Schauspielerin trifft, die sich mit ihm anfreundet. Sie tauschen Zeilen aus Romeo und Julia aus, und dann küsst sie ihn und sagt: „Oh Mr. Merrick, Sie sind überhaupt kein Elefantenmensch. Sie sind Romeo.“ Sie schenkt ihm außerdem ein glamouröses Foto von sich, das er neben seinem Bett aufstellt.

Und dann möchten eine ganze Menge Frauen, besonders die Krankenschwestern, ihn bemuttern. Auch Dr. Treves‘ Frau scheint dies zu wollen. Sie fängt an zu weinen, als er ihr ein Bild seiner abwesenden Mutter zeigt und zu ihr sagt:

Sie hat das Gesicht eines Engels. Ich muss eine große Enttäuschung für sie gewesen sein. … Wenn ich sie nur finden und sie mich so sehen könnte mit solch reizenden Freunden um mich herum. Vielleicht könnte sie mich dann so lieben, wie ich bin. Ich habe so sehr versucht gut zu sein.

Im Film wird angedeutet, dass seine Mutter ihn wegen seiner Krankheit verlassen hat, obwohl sie selbst im wahren Leben offensichtlich an körperlichen Gebrechen litt und ihn liebte und für ihn bis zu ihrem Tod, bei dem er zehn Jahre alt war, gesorgt hat. Wie auch immer, er verlor den Schutz seiner Mutter in einem jungen Alter und andere Frauen versuchten, ihren Platz einzunehmen, als er älter wurde, und für ihn wie eine Mutter zu sorgen – etwas, was wir bei Michael Jackson auch erkennen können. Merricks Beziehungen zu Frauen sind also sehr kompliziert – genauso wie die Beziehung zu seinem Arzt, Dr. Treves.

Lisha: Ja, das sehe ich auch so.

Willa: Also, ich will nicht vom Thema abschweifen, aber kennt ihr diese surrenden und knallenden „Elektrizitäts“ –geräusche am Beginn von Morphine, die ihr vorhin erwähnt habt? Sie rufen ganz spezielle Bilder bei mir hervor, und ich frage mich, ob sie das auch bei euch tun. Es klingt für mich wie Strom, der von zwei unterschiedlichen Seiten eines Kabels aufeinander zuläuft und dann in der Mitte knackend aufeinandertrifft, was für mich nur eins bedeuten kann: Dr. Frankensteins Labor! Versteht ihr, was ich meine? Und Dr. Frankenstein ist so interessant in Bezug auf das Thema auf rücksichtslose Ärzte.

Hier ist ein Trailer des Klassikers Frankensteins Sohn von 1939 mit Basil Rathbone als Dr. Frankenstein, Boris Karloff als dem Monster und Bela Lugose als Ygor. Er zeigt die Szene, in der Frankensteins Kreatur durch den einschießenden elektrischen Strom zum Leben erweckt wird. Man kann die surrenden und knackenden Geräusche dabei hören und man kann ganz eindeutig jene unterschiedlichen Kabel mit dem funkenbildenden, elektrischen Strom bei 1:03 Minuten erkennen:


Lisha:
Wow, das ist brillant! Ich habe mich gefragt, was diese Geräusche darstellen sollen. Ich glaube, du bist da wirklich auf der richtigen Spur, Willa, besonders, wenn wir über den Song als klangliche Skulptur nachdenken. Wenn ich den Auftakt zu Morphine mit Kopfhörern höre, dann stelle ich fest, dass das elektrische Surren sich genau in der Mitte des Klangfeldes befindet – es fühlt sich an, als würde es tatsächlich in meinem Kopf surren.

Willa: Ich weiß, was du meinst, Lisha. Es fühlt sich für mich auch so an.

Lisha: Nun, da ich darüber nachdenke, kommt es mir so vor, als würde ich mich mitten in einem von Dr. Frankensteins Experimenten befinden! Was so interessant daran ist, ist, dass die Stelle des Klangs nicht nur den physischen und emotionalen Effekt des Klangs verändert, sondern dass sie außerdem eine buchstäbliche Bedeutung erzeugt.

Willa: Oh, das ist interessant, Lisha! Ich erkenne, was du meinst – es ist so, als würde uns die Stelle der Geräusche um uns herum als Zuhörer auf dem Tisch positionieren, als wären wir eines von Frankensteins Experimenten. Und natürlich, in Morphine sind wir in derselben Position. Morphine platziert uns so, als würden wir auf dem Tisch liegen und dem Doktor zuhören, der uns erzählt, wir sollen uns entspannen, während er die Medizin in unsere Venen injiziert.

Joie: Willa, ich liebe diese Vorstellung von Frankenstein, denn ich hatte immer dasselbe Gefühl wegen dieser „elektrischen“ Geräusche. Und ich denke, dass es eine Bedeutung hat, wenn diese Geräusche für uns beide dieselbe Vorstellung heraufbeschwören.

Willa: Das denke ich auch.

Lisha: Ich denke außerdem an das Geräusch des tropfenden Wassers, das du herausgehört hast, Joie, und ich habe festgestellt, dass ich, als der Elephant Man zum ersten Mal in diesem Film erscheint, das Geräusch von tropfendem Wasser in diesem dunklen, dunstigen Keller, in dem er gehalten wird, hören kann. Ich vermute, es ist unmöglich zu sagen, was die Geräusche in Morphine tatsächlich aussagen sollten, es sei denn, es könnte uns jemand erzählen, wie der Gedankenprozess war. Aber wenn du das alles zusammenzählst, fängt es definitiv an, ein Gesamtbild zu ergeben.

Joie: Wie du sagst, Lisha, es ist unmöglich mit Sicherheit zu wissen, wie die Absicht war, aber … es scheint irgendwie alles zusammenzupassen, nicht wahr?

Lisha: Für mich ist es so.

Joie: Und Lisha, ich wäre niemals auf das tropfende Wasser in The Elephant Man gekommen. Großartige Beobachtung!

Willa: Ich auch nicht, aber all diese Verbindungen zwischen The Elephant Man, Frankenstein und Morphine ergeben vollkommenen Sinn, oder? Wenn man sich allein die Arzt-Patient-Beziehungen ansieht, dann gibt es so viele Parallelen zwischen ihnen – zwischen Dr. Treves und John Merrick, Dr. Frankenstein und dem Monster, das er erschafft und dem Arzt, der Morphium in die Venen seines Patienten, der Michael Jackson selbst zu repräsentieren scheint, da die Lyrics sich indirekt auf die Skandale um ihn herum beziehen, injiziert.

In allen drei Fällen hat der Arzt eine privilegierte soziale Stellung (im Fall von Dr. Frankenstein ist dieser sowohl ein Baron als auch Arzt), während der Patient ein sozialer Außenseiter ist – ein „Freak“, ein „Monster“, ein Mann, der der Kindesbelästigung beschuldigt wird. In allen drei Fällen jedoch ist es so, dass wir, je mehr wir erfahren, desto mehr mit dem „freakigen“, „monströsen“ Patienten mitfühlen und dem angesehenen, ihn behandelnden Arzt immer mehr misstrauen.

Joie: Das ist wirklich interessant, nicht wahr? Besonders bei der Geschichte von Frankenstein, bei der wir mit der Frage zurückgelassen werden, wer in Wirklichkeit das Monster ist, der Arzt oder der Patient. Ich denke, das ist ein Thema, mit dem sich Michael Jackson in einem großen Ausmaß identifiziert hat.

Willa: Oh, das sehe ich genauso. Ich denke, genau dies ist ein sehr wichtiges Thema für Michael Jackson. Wir können das ausdrücklich in den Lyrics von Monster erkennen und auch subtiler in seinem gesamten Werk. Immer wieder und wieder erkennen wir diesen Antrieb, uns mitzunehmen in die Gedankenwelt jener, die als „abscheulich“ oder als Außenseiter wahrgenommen werden und dass er uns auffordert, die Dinge aus ihrer Perspektive zu sehen. Und du hast Recht, Joie, das ist auch ein zentrales Thema bei Frankenstein – zumindest ist es das im Roman. Einige Filmversionen gehen anders damit um. Aber in dem Roman werden unsere Gefühle ständig auf den Kopf gestellt, wie auch unser Mitgefühl hin und her wechselt zwischen Dr. Frankenstein und dem Wesen, das er erschaffen hat.

Das ist etwas, was wir auch in Morphine sehen – diese emotionale Spannung, wenn unsere Gefühle erst in die eine Richtung ziehen und dann in die andere. Und es manifestiert sich auf mehreren unterschiedlichen Ebenen, wie in der ungewöhnlichen Struktur des Songs, wie wir zuvor schon besprochen haben. Je mehr ich im Grunde darüber nachdenke, desto mehr scheint es mir auf eine sehr komplexe Art zu funktionieren – zum Teil weil unsere Emotionen, unser Verstand und unsere physische Erregung miteinander hadern.

Was ich meine ist, dass, wenn ich den Song anhöre ohne wirklich darüber nachzudenken, was er bedeutet, ich mich sehr unwohl fühle während dieses aufgewühlten, stampfenden Eröffnungsteils. Es ist so misstönend und industriell, und seine Stimme schreit praktisch. Und einige Zeilen der Lyrics sind messerscharf wie „I hate your kind, baby / So unreliable“ („Ich hasse deine Art, Baby / So unglaubwürdig“) und „You hate your race, baby / You’re just a liar“ („Du hasst deine Rasse, Baby / Du bist einfach ein Lügner“). Es ist so schmerzlich für mich ihn diese Worte singen zu hören und mir vorzustellen, wie es für ihn gewesen sein muss, Kommentare wie diese über sich zu hören.

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Und dann setzt dieser wunderschöne Mittelteil ein und ich beginne mich zu entspannen. Ich muss sagen, ich liebe seine Stimme in diesem Abschnitt. Es ist einfach lieblich, mit dem einfachen Klimpern des Pianos, ein wenig später gefolgt von Streichern und Flöten, wie du sagtest, Lisha. Es ist alles sehr einfach und beruhigend und wunderschön.

Und dann fangen die holprigen, stampfenden, industriellen Geräusche wieder an, während wir in den dritten Abschritt gezogen werden und es bringt mich wieder völlig aus dem Gleichgewicht.

Joie: Und ich glaube, das Hervorrufen dieses verstörenden Gefühls war seine Absicht hierbei.

Willa: Das denke ich auch. Der Aufbau von Morphine hat also eine wesentliche emotionale, sogar körperlich spürbare Auswirkung, aber ich denke, es steckt noch mehr dahinter.

Wenn ich diesen Song interpretieren müsste, ohne die Lyrics zu beachten, dann würde ich annehmen, dass der erste und der dritte Abschnitt eine industrielle, mechanisierte, künstliche Welt abbildet und dieser mittlere Teil ein Entfliehen in die Natur ist – in die „wirkliche“ Welt, die natürliche Welt.

Aber das stimmt nicht. Die Lyrics drehen das um. Der erste und der dritte Abschnitt stellen die „wirkliche“ Welt dar, die harte Realität seiner Welt nach den Anschuldigungen 1993, als die Publicity-Maschinerie sich gegen ihn wandte, und der mittlere Abschnitt ist das, was falsch und künstlich ist – eine durch Medikamente hervorgerufene Flucht aus der realen Welt.

Lisha: Es ist eine vorübergehende Befreiung von quälendem Schmerz, aber selbst diese momentane Flucht ist problematisch.

Willa: Genau. Es liegt also eine Dissonanz darin, wie diese drei Abschnitte sich anfühlen und was sie bedeuten, inwiefern sie als „real“ wahrgenommen werden oder nicht, und das ist in meinen Augen so interessant.

Das Gesamtergebnis ist, dass, wenn ich mir diesen Song anhöre, ich irgendwie ganz durcheinander bin, ehrlich gesagt. Der erste Teil macht mich vollkommen nervös. Dann beginnt dieser sanfte mittlere Teil und mein Körper fängt an sich zu entspannen – aber zur selben Zeit meldet mein Gehirn: Gefahr! Gefahr! Versinke nicht darin! Dann schlägt der dritte Abschnitt zu und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich möchte all den Misstönen, dem aggressiven Durcheinander entkommen und irgendwie wieder zurück zu der vergleichsweisen Ruhe des Mittelteils, aber ich weiß, das sollte ich nicht.

Meine Gedanken, mein Körper und meine Gefühle sind also verwirrt und befinden sich in einem Konflikt – und das, so stelle ich mir vor, ist eine Annäherung an die Erfahrung einer Abhängigkeit.

Joie: Ich finde, das war eine wunderbare Analogie für Abhängigkeit, Willa, und wirklich nachdenklich stimmend. Genau wie Morphine selbst.

Lisha: Der Song fängt das Wirkliche dieser Situation ziemlich gut ein. Im Fall einer akuten Erkrankung oder quälenden Schmerzes muss das Leiden des Patienten angesprochen werden. Es ist die einzig mögliche, einfühlsame Sache, die zu tun ist, und das kann ich in dem beruhigenden Effekt der Musik im zweiten Abschnitt spüren. Jedoch ist da auch etwas so schrecklich Trauriges, Eindringliches und Dunkles an dieser Musik.

Willa: Oh, ich stimme dir zu.

Lisha: Es ist so ein Gefühl, dass man nicht weiß, was schlimmer ist, die Behandlung oder die Krankheit, die Lösung oder das Problem, das Schmerzmittel oder der Schmerz. Diese im Kontrast stehenden musikalischen Abschnitte könnten sich einfach weiter in einem endlosen, grausamen Kreislauf wiederholen.

Willa: Ja, genau wie der Kreislauf der Abhängigkeit. In einem sehr realen Sinn singt Michael Jackson also nicht nur über Abhängigkeit in Morphine, sondern bildet die körperliche und emotionale Erfahrung von Abhängigkeit nach und zwingt uns als Zuhörer auf diese Art es für uns selbst zu erleben.

Lisha: Wie du so treffend gesagt hast, Joie, es ist eine nachdenklich stimmende Klangskulptur.

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‘Bringing Michael Back’ – Die Hintergrund-Geschichte von XSCAPE

Bringing Michael Back: The Inside Story of ‘Xscape’ (Billboard-Coverstory)

Source: Billboard (May5-2014) – By Joe Levy

http://www.billboard.com/articles/news/6077455/michael-jackson-billboard-cover-story-xscape-full-album-details

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Vor etwas weniger als einem Jahr traf sich L.A. Reid mit John Branca zum Dinner bei Cecconi’s in West Hollywood. Reid war seit Juli 2011 Vorsitzender und CEO von Epic Records („Das Haus, das Thriller erbaute“, wie Reid es ausdrückt) und er hatte ein kaltes Label übernommen, was bis dahin auch nicht viel heisser geworden war. Branca hatte seine Rolle als Michael Jacksons Berater und Anwalt kurz vor Jacksons Tod 2009 wieder aufgenommen, und während seiner Zeit als Co-Testamentsvollstrecker von Jacksons Estate, dank des This Is It-Konzert-Films (der weltweit 261 Mio. $ einspielte) und lukrativen Performance-Projekten mit dem Cirque du Soleil die 500 Millionen-Dollar Schuld des Estates getilgt.

Eines der Themen, die an diesem Abend auf den Tisch kamen, war Reids Idee für eine Jackson-Film-Biografie, die sein Leben zwischen dem Alter von 19 – als er The Wiz filmte und zum ersten mal mit Quincy Jones arbeitete – und 24 Jahren beleuchtete, als er und Jones mit Thriller die Welt neu formten. Branca hatte eine einfache Antwort für Reid: Nein.

Reid, 57, erinnert sich heute: „John sagte zu mir, ‘Das ist wunderbar. Warum? Warum sollten wir dem zustimmen?’“ Branca beklagte sich darüber, dass Reid während seiner Anfangszeit bei Epic nichts für Jackson getan hatte. Die ersten beiden Jahre Reids bei dem Label waren mit seiner Beschäftigung als Richter bei X-Faktor auf Fox zusammengetroffen, (einer Entscheidung, die er heute als „fürchterlich“ bezeichnet) und Branca ging auch darauf ein. „Er sagte, ‘Du sprichst nicht über Michael, wenn du im Fernsehen bist,“ sagt Reid. „Er fing an, mich zu schimpfen. Ich bin voll aufgelaufen.“ Aber Reid sah eine Chance sich selbst zu beweisen, und fragte nach etwas anderem, etwas größerem: in die Schatzkammern zu gehen und die Aufnahmen zu hören, die Jackson – der dafür bekannt ist für jedes Album an etwa 70 Songs gearbeitet zu haben – zurückgelassen hat. „Lass’ mich alles anhören“, sagte er zu Branca. „Und dann lass’ mich ein Team zusammenstellen und ein Album von Michael machen.“

Ich lehnte mich ganz schön weit aus dem Fenster,“ sagt Reid. „Denn ich hatte keine Ahnung, was in den Schatzkammern war.“ Aber jetzt sagt er das mit einem Lächeln und dem Selbstvertrauen, was durch das Verfolgen einer unorthodoxen Strategie und der Erschaffung von etwas, was keiner für möglich hielt, entsteht: Einem Album, das es verdient mit der bemerkenswerten Musik in Zusammenhang genannt zu werden, die Jackson von Off The Wall, 1979, bis hin zu Invincible, 2001, machte.

Xscape“, erscheint am 13 Mai und enthält 8 Tracks von Jacksons Vocals, mit neuer Musik von Timbaland und J-Roc, Rodney Jerkins, Stargate und John McClain, dem ehemaligen Manager von A&M Records, der mit Branca zusammen Co-Testamentsvollstrecker des Jackson-Estates ist. Die Originale, mit denen sie arbeiteten wurden zwischen 1983 und 1999 aufgenommen – dem Zeitraum nach Thriller bis kurz vor Invincible.

XSCAPE New Album Michael Jackson

Die fertigen Songs sind keine Remixe. Reid wählte einen riskanteren Weg, er beauftrage jeden seiner Produzenten etwas zu erschaffen, was im Grunde genommen neue Songs sind, die auf Jacksons Vocal-Tracks basieren. Timbaland, der leitende Produzent des Projekts, der zusammen mit seinem Kollegen J-Roc fünf Tracks überwachte, spricht davon fast wie von einer Geistergeschichte; Jacksons körperlose Stimme, die ihn zu Sounds drängte, oder von denen abbrachte, die nicht innovativ genug waren, und der seinen Segen gab, wenn sie es waren.

Das ist das zweite komplette Album eines Deals zwischen dem Jackson-Estate und Sony Music, um zuvor unveröffentlichtes Material herauszubringen, welches Berichten zu Folge einen Wert von 250.Mio. $ hat. Das erste Album Michael von 2010 konzentrierte sich auf das Material, was Jackson in den letzten Jahren vor seinem Tod aufnahm. Es wurde von einem halben Dutzend Produzenten fertiggestellt, von denen viele an den Original-Sessions beteiligt waren, und die versuchten, seine Absichten so gut wie möglich umzusetzen. Das Ergebnis erfüllte nicht die Erwartungen von Jacksons Studio- Perfektionismus. Branca nennt den Prozess „irgendwie chaotisch“ und bemerkt, es fehlte an einer umfassenden, richtungsweisenden Vision. Seit seiner Veröffentlichung wurden von Michael 540.000 Alben verkauft – nicht gerade überwältigend. Trotzdem bleibt Jackson auch 5 Jahre nach seinem Tod groß im Geschäft. Letztes Jahr wurde The Immortal World Tour, ein Partner-Projekt zwischen dem Jackson Estate und Cirque du Soleil, die neunt kommerziell erfolgreichste Tour aller Zeiten, sie übertraf die Voodoo Lounge Tour der Rolling Stones von 1994 und 1995 mit Einnahmen von 325.1 Mio. $ aus 407 Shows und wurde von fast 3 Millionen Zuschauern besucht. Immortal ist erneut in Nord Amerika auf Tour und eine zweite Cirque du Soleil Show, One, startete im Mai 2013 in Mandalay Bay in Las Vegas.

Seit seinem Tod verkauften sich Jacksons Alben in den USA lt. Nielsen SoundScan 12.8 Mio. mal – 8 Mio. davon in den Monaten direkt nach dem 25.6.2009, was ihn zum Künstler mit den meisten Verkäufen dieses Jahres machte. Seit dem haben sich die Verkäufe verlangsamt. Im letzten Jahr verkauften sich 584.000 Alben, das sind weniger als bei Elvis Presley (1.1 Mio) und Johnny Cash (969.000), aber mehr als bei Whitney Houston (310.000) und Jimi Hendrix (539.000). Xscape wird die Zahl steigen lassen, in welcher Größenordnung ist jedoch unklar.

Auch wenn ein Hit sehr willkommen wäre, sehen Raid und alle anderen Beteiligten auch einen darüber hinaus gehenden Zweck: Jacksons Präsenz im heutigen Pop-Universum wieder zu beleben  Es steht ausser Frage, dass sein Einfluss weiterlebt. Hört man sich die Songs der Billboard 100 an, wird man Tracks von Jacksons Schülern hören – momentan ist es Pharrell Williams, der das, was er Jacksons „Stutter-Pop“ nennt mit Happy auf Nr. 1 getrieben hat, und Justin Timberlake, auf Nr. 9 mit Not A Bad Thing – koproduziert mit einem Teil des Xscape-Teams, Timbaland und J-Roc. Beim Arbeiten an dem Album fragte Timbaland sich: „Wie würde ich das im Radio im Vergleich mit Katy Perry hören? Würde es alt oder neu klingen? Ich musste sichergehen, dass es mit allem, was in der heutigen Pop-Welt stattfinden, konkurrieren kann.“

Im April versammelte sich Reid mit den Produzenten, die an Xscape arbeiteten, ausser McClain, um mit Billboard über die Entstehung des Albums zu sprechen und um eine Dokumentation zu filmen. Sie trafen sich in den früheren A&M Studios in La Brea, 966 neben Charlie Chaplins Studio erbaut. Jones und Jackson nahmen dort im Studio A We Are The World auf, und Jackson, der sich obsessiv Aufnahmen von Chaplin zu Studienzwecken ansah, war dafür bekannt, auf dieser Soundstage zu proben.

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THE XSCAPE TEAM: TIMBALAND, L.A. REID, RODNEY JERKINS, J-ROC


Photo: Austin Hargrave

Einige dieser Männer haben Jackson gekannt und mit ihm gearbeitet. Jerkins, 36, Hit-Schreiber für Brandy und Destiny’s Child, traf Jackson zum ersten Mal mit 16 und begann mit ihm zu arbeiten, als er 19 war. „Er fragte mich an für ein Jahr,“ sagt Jerkins. Es wurden dann fast drei Jahre daraus, von 1999 – 2001. Reid selbst produzierte einen der Tracks, die Xscape als Quelle dienten: Slave To The Rhythm, zusammen mit seinem Partner Kenneth ‘Babyface’ Edmunds im Jahr 1989. (Und er nahm Jackson 2005 beinahe unter Vertrag, als er Vorsitzender/CEO von Island Def Jam war) Der Song wurde für Xscape von Timbaland umgestaltet. „Er fragte Rodney (Jerkins) an, um ein Jahr für ihn zu arbeiten,“ witzelt Reid. „Das sagt dir was darüber, wie ich als Produzent dastehe – mich fragte er für zwei Wochen an.“

Jackson wollte mit dem Norwegischen Produzentenduo Stargate arbeiten – Mikkel Eriksen und Tor Hermansen, beide 41 – bekannt für ihre Hits mit Rihanna und Perry. Der Sänger war Fan ihrer Songs für Ne-Yo, und er traf sich mit ihnen im Midtown Manhattan Chinese Restaurant Mr.K’s, um zukünftige Projekte zu besprechen. „Nur wir beide und Manager, und Blanket war auch dabei,“ sagt Eriksen. „Unten im Basement.“ „Hat er gegessen?“ fragt Reid. „Er hat gegessen – er brachte seine eigenen Ess-Stäbchen mit,“ sagt Hermansen.

So wie Timbaland, fühlte auch Reid, dass seine konsequenten Innovationen sich mit Jacksons Bestreben, immer einen einmaligen Sound zu erschaffen, deckten. So wie Jackson, spielt auch Timbaland Sounds in seinem Kopf ab und beatboxt und vokalisiert sie im Studio. Und wie Jackson ist auch er unermüdlich bei seiner Suche nach neuen Herangehensweisen. „Es kam mir immer vor, als ob ich der Zeit voraus sei und keiner versteht meine Methode der Musik. Ich fühle, dass alles um uns herum Musik ist. Deshalb benutze ich in meinen Songs Grillen, oder Vögel und Löffel oder Türgriffe, oder einen Automotor, und mache daraus einfach einen Rhythmus.“

Timbaland war der Erste, den Reid anrief. „Ich sagte, ich möchte ins Studio kommen. Ich möchte das nicht am Telefon besprechen,“ erinnert sich Reid. Die beiden trafen sich in den Jungle Studios in Manhattan, erbaut und im Besitz von Alicia Keys. „Wie üblich war der Kontrollraum im Studio voller Leute – Musiker, Toningenieure, Assistenten, Freunde und Songschreiber – jede Menge Leute im Raum,“ sagt Reid. „Ich wollte darüber nicht in einer Gruppe sprechen. Deshalb sagte ich, ‘Tim, können wir reden?’ Wir gingen raus und ich flüsterte in sein Ohr, als wäre es DAS besondere Projekt. Ich sagte, ‘Wie hört sich das an: ‘Michael Jackson produziert von Timbaland.“

Ich spürte, das er mich herausfordern wollte,“ sagt Timbaland. „Als wolle er sagen, ‘Lass mich sehen, wie gut du wirklich bist. Wie wäre es mit Michael Jackson?’“

Für Reid persönlich ist das Projekt ebenfalls eine Chance zu beweisen, wie gut er wirklich ist. „Als ich zu Epic-Records kam, wußte ich nicht genau warum,“ sagt er. Seit er vor 25 Jahren zusammen mit Edmunds LaFace Records gegründet hat, ist Reid in die Topliga von Arista und Island Def Jam aufgestiegen, und überwacht bahnbrechende Platten von TLC, Usher, Outkast, Pink, Avril Lavigne und Rihanna. „Brauchte ich wirklich noch einen Job bei einer weiteren Platten-Firma?“ fragt er. Und obwohl Epik gerade im Aufschwung ist, dank jüngster Hits von Future, Kongos und A Great Big World, waren seine ersten 18 Monate schwierig. „Bis wir anfingen, an dem Michael Jackson Projekt zu arbeiten… ich hatte es einfach nicht verstanden, verstehst du?“ sagt er. „Ich musste mich erst in etwas verbeissen, was das Potential hatte, großartig zu werden.“

Der Prozess begann damit, dass Jacksons Estate die Aufnahme-Archive durchforstete, die sich in verschiedenen Lagerhallen in Süd Kalifornien befinden, in denen Jacksons Besitz verwahrt wird, – alles, von seiner Kleidung, Schmuck und Autos bis hin zu Notizen und Handschriften. „Vieles davon haben wir in Computern digitalisiert“, sagt Branca über die Aufnahmen. „Wir haben es aufgezeichnet und Verzeichnisse aufgestellt, damit wir immer Zugang zu den Sachen haben.“

Es besteht keine Knappheit an Material. In seiner Glanzzeit arbeitete Jackson unerbittlich. Er benutzte unterschiedliche Studios, so konnte er von Song zu Song gehen, manchmal 18 Stunden am Stück. Er sang mehr, als dass er etwas spielte, aber er konnte seinem Team Akkorde und Arrangements vorsingen, und brachte ihnen Demos, bestehend aus vokalisierten-Orchestrierungen (mit beatbox-Rhythmen), die er in seinem Heimstudio zusammengestellt hatte. „Er hat eine vollständige Aufnahme in seinem Kopf, und versucht zu erreichen, dass die Leute es ihm genau so umsetzen“, sagt Songschreiber/Produzent/Toningenieur Bill Bottrell zu Joseph Vogel, dem Autor von „Man In The Music“ (und dem Text im CD-Begleitheft von „Xscape“). „Sein Job ist es, von den Musikern, Produzenten und Ingenieuren zu bekommen, was er hört, wenn er morgens aufwacht.“

Jackson nahm für jedes Projekt viel mehr auf, er arbeitete jahrelang an Songs und kam manchmal für spätere Alben wieder auf sie zurück – mit „Wanna Be Startin’ Somethin‘“ begann er während der Off The Wall-Sessions, aber es endete auf dem Thriller Album. Er trieb sich selbst und andere an. Als er mit Jerkins an (dem Song) Xscape arbeitete, das zwischen 1999 und 2001 aufgenommen wurde, schickte er den Produzent mit einem DAT-Rekorder auf Schrottplätze, um neue Percussion-Sounds zu finden.

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Rodney Jerkins & Michael Jackson

Ich klopfte auf Sachen und dachte ‘wow, das könnte in einen Song passen. Das könnte gut zur Basstrommel passen. Nach einer Zeit wurden die Sounds zum Leben erweckt, und für ihn waren das die Momente, warum er immerzu auf der Suche nach dem nächsten war. Er war so begeistert davon, zu versuchen herauszufinden, wie man neue Sounds erschafft.“

Wo ist genau der Sound, der erreicht, dass du es immer wieder anhören willst?“ fragte er Jerkins. „Wir müssen Pioniere sein und diesen neuen Sound erschaffen.“

Angesichts all dieses Materials hatten Reid und John Doelp von Sony A&R ein klares Ziel. Reid sagt, sie wollten Songs finden, die „Michael von Anfang bis Ende mehrmals gesungen hatte, mehrspurige Tracks, denn das was das einzige für mich erkennbare Zeichen, welches etwas über Michaels Liebe zu den Songs aussagte.“ Reid kannte das gut – als er und Edmunds während der Dangerous-Sessions mit Jackson 1989 in Los Angeles das Original von Slave To The Rhythm aufnahmen, nahm Jackson die Vocals 24 Mal auf. „Und es war nicht einmal, um eine misslungene Note zu verbessern,“ sagt Reid. „Nein, er sang den Song 24 mal von Anfang bis Ende durch, ohne Pause, ohne etwas zu trinken, ohne ein ‘warte mal einen Moment’. Er sang den Song und sagte ‘ok, lass’ mich noch eine Aufnahme machen, ich kann es noch besser’, und dann machte er es noch einmal. Jedes mal wurde er besser, aber als wir etwa bei der 14. Aufnahme waren, verloren wir den Überblick, denn alles hörte sich gleich an. Zu dem Zeitpunkt hatte er es perfektioniert – aber er machte trotzdem weiter.“

Branca und Karen Langford – die sich in den Archiven der Lagerhallen auskennt wie sonst keiner – gingen in die Schatzkammern und wählten 24 Möglichkeiten aus, die Reids und Doelps Anforderungen entsprachen. Sie reduzierten die Auswahl zunächst auf 20, danach auf 14. Acht davon werden auf Xscape sein, obwohl ein paar mehr vorbereitet wurden. (auf einer Deluxe Edition werden auch die Originalaufnahmen sein) Die Auswahl mag nicht überraschen, dafür eher das, was nicht berücksichtigt wurde. Die Tracks die Jackson 1983 mit Freddie Mercury von Queen aufnahm, sind nicht auf Xscape, obwohl sowohl Brian May als auch Roger Taylor davon sprachen, letztes Jahr daran gearbeitet zu haben. Und obwohl eine Version von Slave To The Rhythm featruring Justin Bieber im letzten August leakte (unterstützt von einer Menge Bieber-Tweets), wirst du es nicht auf Xscape hören.

Hardcore Jackson-Fans werden die meisten der Aufnahmen wieder erkennen. Die meisten lagen in irgend einer Fertigstellungsform vor und leakten über die Jahre, entweder komplett oder in Teilen. Einige der Leaks können immer noch online gehört werden. Aber das bedeutet nicht, dass die Produzenten von Xscape sie auch gehört haben. Timbaland und Eriksen begannen damit, das Ausgangsmaterial zu hören, was Reid ihnen präsentierte, und beide entschieden sich schnell, auf die instrumental Tracks zu verzichten und nur mit Jacksons Vocals und ein paar Geräuschen, die das Mikrophon mit aufgezeichnet hatte, zu arbeiten.

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‘Stargate’–  Mikkel Eriksen Storleer + Tor Erik Hermansen mit Michael Jackson (2007)

Du hörst seine Füsse in der Aufnahmekabine, wenn er singt, und sein Fingerschnippen,“ sagt Jerkins. „Es war alles authentisch, real. Es wurde nicht gesagt, ‘schneide die Snaps ‘raus und das Fussstampfen’.“ Nein, es ist alles authentisch. Es ist ER, wie er in der Aufnahmekabine steht, und fühlt was er tut.“

Er macht den Job eines Produzenten einfach,“ sagt Hermansen. „All diese Dinge, die auf den Vocal-Tracks sind sorgen dafür, dass du aufstehen und tanzen willst.“

Soweit es Eriksen und Hermansen betrifft, brachte das Projekt sie zu ihren frühen Tagen zurück, als sie in den späten 90ern amerikanische R&B Hits für den europäischen Markt mixten – Mary J. Blige, Mariah Carey, Brandy – indem sie neue instrumental Tracks hinter acapella-Vocals legten. Aber was für sie ein Vergnügen war, war für Timbaland komplizierter. „Es gab Augenblicke, da brach ich zusammen,“ sagt er. „Es war sehr schwer. Ich dachte ‘ich bearbeite Michael Jackson, aber ich kann nicht mit ihm sprechen. Aber wie kann ich ihn channeln?’“ Als er mit J-Roc im Studio war und an Lovin’ You arbeitete – einem Song, der von Jackson in seinem Studio im seinem Haus in Encino, Kalifornien, geschrieben und aufgenommen worden war, wo er lebte, bevor er er nach Neverland zog, war ihre erste Version furchtbar. „Ich dachte, ‘ich glaube nicht, dass Michael das gefallen würde. Wir müssen von vorne anfangen. Wir müssen es einfacher halten.“ Als sie das taten – mit einem Sound, von dem er sagt, er klinge wie „Boyz II Men trifft auf Heute“, hörte er Jacksons Stimme sagen ‘das ist es, Tim’.“ „Ich sah mich um, aber es war keiner im Zimmer,“ sagt er. „Ich habe diese Geschichte nie erzählt, nichtmal meinem Co-Produzenten Jerome. Er sagte so etwas wie ‘Alles ok?’ und ich ‘Ja, alles cool, Mann. Ich bin nur…’ Und ich sitze da und denke ‘Yo, ich habe gerade etwas gehört. Ich weiß, dass ich nicht verrückt bin. Ich weiß, was ich gehört habe.’ Es war, als ob sein Geist in mir nachhallte, um mir sein OK zu geben.“

Das Fokussieren auf Jacksons acapella-Vocals wurde zum Leitmotiv von Xscape. Die neuen Versionen stellen ihn nach vorne und ins Zentrum („er ist lauter“, sagt Reid). „Wir haben tatsächlich einiges herausgenommen, um Michael atmen zu lassen,“ sagt Hermansen. „Michael singt und er klingt großartig – lass ihm Platz zum Atmen und sein Ding machen.“

LA Reid

LA Reid & Michael Jackson

Für Reid ist dieses Projekt auf verschiedenen Ebenen persönlich. 1956 geboren, zwei Jahre vor Jackson, wuchs er mit Jacksons Musik auf und sah die Jackson 5 zum ersten mal auf dem Ohio State Fair. „Ich war ein Kind, und Michael war ein Kind, und ich war einfach überwältigt von ihm,“ sagt er. „Als der kleine Michael seinen Mund aufmachte, erhob sich seine Stimme über das Konzertgelände.“

Reid erinnert sich an sein erstes Treffen mit Jackson bei einem BMI-Event in Los Angeles. „Ich machte ein Foto mit ihm,“ sagt er. „Ich hatte den Kopf voller wirklich nasser Jheri-curls, die Sosse lief mir den Rücken runter“, sagt er. Nicht viel später lies Jackson Reid und Edmunds nach Neverland fliegen, um über eine Zusammenarbeit zu sprechen. Sie trafen mit einem Helikopter ein, unterzeichneten eine Vertraulichkeitsvereinbarung („so war das, wenn du Michael besucht hast“) und warteten in der Bücherei auf Michael. „Wir waren etwa 5 Minuten dort, aber für mich fühlte es sich wie 20 Minuten an – Erwartung, Nervösität, die Augen immer auf die Tür gerichtet, darauf wartend, dass Michael herein kommt – Michael kommt. Er kommt nie durch diese Tür. Er kommt aus einer geheimen Tür – die Bücher bewegen sich, und Michael kommt herein.“ Die drei sprachen über Musik, darüber, was sie zu der Zeit mochten. Jackson erwähnte The Knowledge, ein Song seiner Schwester Janet vom Album Rhythm Nation 1814, produziert von Jimmy Jam und Terry Lewis. Reid begann sich zu wundern. „Jeder Song, den er erwähnte, war von Jimmy Jam und Terry Lewis geschrieben und produziert. Ich sah also Kenny an, mit einem Blick der etwa ausdrückte ‘ich glaube Michael hat die Falschen hier. Ich glaube, er wollte Jimmy Jam und Terry.’“

Aber schon bald nannte Jackson Songs von Edmunds Tender Lover, die zu der Zeit die R&B und Pop- Charts dominierten. Der Tag endete mit einer Filmvorführung in Jacksons Kino („da gab es einen Angestellten in voller Uniform, mit einer Kappe, als ob wir in den 1940ern wären“), und sie sahen ein Video von 1983 an, mit Jackson und Prince zusammen mit James Brown auf der Bühne, gefolgt von Prinzess Film Under The Cherry Moon, von 1986.“

Als sie begannen zusammen zu arbeiten, gab Jackson ihnen ein Demo, nur Drums und Bass, und sagte ‘das ist es. Stellt es fertig’. Aber der Track Slave to the Rhythm wurde bis zu Xscape nie richtig fertiggestellt.

Als Reid mit seiner Arbeit bei versch. Labels weitermachte, blieb er in Kontakt mit Jackson und sprach davon, ihn bei Island Def Jam unter Vertrag zu nehmen. „Er nannte mich Mr. Präsident,“ sagt Reid. „Es war das netteste Ding der Welt.“ Die beiden trafen sich in London im Dorchester Hotel. „Er sagte, ‘Ich will keinen weiteren Hit, ich will nicht einfach nur eine Platte mehr machen. Ich möchte etwas großartiges machen. Wenn es nicht großartig werden kann, wenn es nicht innovativ sein kann, nicht gewaltig, wenn du dich dafür nicht in dem Mass engagierst, wie ich, dann sollten wir es nicht tun. Wenn du dich jedoch mir anvertraust, verspreche ich, ich vertraue mich auch dir an.’“ Aber es sollte nicht sein. Jackson unterzeichnete einen kurzlebigen Vertrag mit Sheik Abdulla bin Hamad Al Khalifa, dem Prinz von Bahrain.

Michael und ich trennten uns in dem Wissen, wieder zusammen arbeiten zu wollen,“ sagt Reid. Xscape ist die Erfüllung dieser Absicht. Es ist so fokussiert und stimmig, wie ein posthumes Album sein kann, es drückt die kreative Freiheit aus, die Jackson in seiner Musik suchte. Von Grund auf um Jacksons Stimme und Legacy herum gebaut, ist es einfach dadurch erfolgreich, weil es wie Michael Jacksons Musik klingt, freudvoll und verzweifelt, oft mit keiner klaren Unterscheidung zwischen beidem. Und es transportiert den Spirit des verstorbenen Pop-Genies von der Vergangenheit in die Zukunft, an den Ort, von dem Jackson immer wollte, dass seine Musik lebt.

Übersetzung: M.v.d.L.

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Aus den Linernotes des Xscape-Booklets:

Posthumous albums are off course different than albums an artist finishes and releases while at the helm. Michael Jackson`s official canon-the albums, performances and short films he oversaw and realized during his lifetime – is complete. That catalog remains one of the most impressive and durable in the history of music, still inspiring new generations of fans and artists alike.

“Contemporizing” Jackson`s songs, then is a kind of parallel track in keeping Jacksons legacy thriving. It is not about replacing what Jackson left behind or even about finishing a specific blueprint, without the artist here, that is impossible. Rather, it is about creatively connecting with his work about finding new and compelling ways to capture the essence, the excitement and the magic that Michael Jackson is.

Posthume Alben sind natürlich anders, als Alben, die ein Künstler fertigstellt und veröffentlicht, während er selbst das Steuer in der Hand hält. Michael Jacksons offizieller Kanon – die Alben, Performances und Kurzfilme, die er selbst zu seinen Lebzeiten überwachte und realisierte – ist vollständig. Der Katalog bleibt einer der beeindruckendsten und beständigsten der Musikgeschichte, und inspiriert immer noch gleichermassen neue Generationen von Fans und Künstlern. Michael Jacksons Songs zeitgemäss zu machen („contemporizing“) ist deshalb eine Art parallel-Weg, um Michael Jacksons Legacy erfolgreich („blühend“) zu halten. Es geht nicht darum, zu ersetzen, was Jackson hinterlassen hat, oder einen Entwurf zu beenden, ohne dass der Künstler hier ist – das ist unmöglich. Es geht vielmehr um eine kreative Verbindung mit seinem Werk, mit dem Versuch, neue und fesselnde Wege zu finden um seine Essenz – die Begeisterung und die Magie – festzuhalten, für die Michael Jackson steht.

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“We all owe a debt of gratitude to the most sensational performer of all time, the KING OF POP MICHAEL JACKSON. Your talents, generosity and groundbreaking gifts to the world are second to none. Thanks for being you.“

Wir alle sind dem sensationellsten Künstler aller Zeiten, dem King Of Pop Michael Jackson unseren Dank schuldig. Deine Talente, Großzügigkeit und wegweisenden Gaben an die Welt sind unübertrefflich. Danke, dass du bist, wie du bist.“

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Kann ein Spiegel die Wahrheit enthüllen?

by

Post vom 10/04/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Vor ein paar Wochen führten Lisha McDuff und Harriet Manning eine interessante Diskussion über Harriets neues Buch Michael Jackson and the Blackface Mask. Eigentlich war es so interessant, dass wir gar nicht aufhören konnten! Wir führten unsere Diskussion per E-Mail fort, sogar nachdem der Post erschienen war. Und im Verlauf dieser E-Mails erwähnte Harriet einen faszinierenden Gedanken:

Vielleicht ist es so, dass aufgrund der rassenbezogenen Identifizierung durch die äußeren Merkmale der Erscheinung diese so grundlegend bei der Wahrnehmung anderer sind, dass die Rassenmerkmale des Gesichtes (in Michael Jacksons Fall die Hautfarbe und die Form der Nase) von unserem Gehirn als „größer“ weiterverarbeitet werden, mehr flächendeckend, als sie tatsächlich sind. Wenn also diese bestimmten Merkmale, diese starken rassenbezogenen Zeichen, sogar wenn sich ein Gesicht ansonsten nicht sehr verändert hat, verändert haben, geht die Wahrnehmung dahin, dass sich das gesamte Gesicht radikal verändert habe, auch wenn dies faktisch gar nicht der Fall ist.

Lisha und mich hat das umgehauen und jetzt kribbelt es uns darüber zu reden. Harriet, ich glaube wirklich, dass du hiermit etwas Wichtigem auf der Spur bist. Ich danke euch beiden so sehr, dass wir noch mal zusammenkommen konnten, um dies durchzusprechen!

Harriet: Sehr gern, Willa, aber es ist aus unserer aller Gedanken entstanden, also eine Gruppenleistung!

Willa: Weißt du, dieser Gedanke erinnert mich an ein Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe – etwa vor 25 Jahren, ich erinnere mich also vielleicht nicht mehr ganz genau – aber ich war vollkommen fasziniert davon. Es heißt Drawing on the Right Side of the Brain (Sich der rechten Gehirnhälfte bedienen) von Betty Edwards. Gemäß Edwards können die meisten Erwachsenen nicht sehr gut zeichnen, aber es ist kein Problem ihrer Fertigkeiten – in der Hinsicht, dass sie unfähig wären Linien auf Papier zu zeichnen. Es ist ein Problem ihrer Wahrnehmung. Ihre Theorie ist die, dass die meisten Erwachsenen die schon die nötigen Fähigkeiten besitzen sehr gut zu zeichnen, aber ironischerweise steht unser Wissen dem im Weg.

Sie sagt zum Beispiel, dass, wenn du einem Erwachsenen ein Foto gibst und ihn bittest, das Bild abzuzeichnen, die meisten etwas ziemlich Amateurhaftes und nicht gerade Genaues zeichnen. Wenn du aber dasselbe Foto auf den Kopf drehst und sie bittest, es zu zeichnen, dann gelingt es ihnen sehr viel besser. Tatsächlich können sie nun ziemlich gut zeichnen.

Lisha: Ich habe dasselbe Buch vor vielen Jahren auch gelesen, Willa, und es ist genauso, wie ich mich auch noch daran erinnere. Ich habe immer gewünscht, ich hätte ein wenig mehr Zeit mit den Zeichenübungen in dem Buch verbracht. Offensichtlich ist das Zeichnen selbst nicht der schwierige Teil. Es ist das Sehen, das wirklich schwer ist.

Willa: Genau! Sie sagt, das Problem sei, dass die meisten von uns die Welt um sich herum nicht wirklich ansehen – oder wie in diesem Fall, das Bild auf dem Foto. Wir sehen gerade lange genug hin, um ihm eine Bezeichnung zu geben – oh, das ist ein Gesicht oder ein Stuhl oder eine Katze – und dann versuchen wir unsere Vorstellung davon, wie ein Gesicht oder ein Stuhl oder eine Katze aussehen sollte, zu zeichnen. Wir denken, wir würden das zeichnen, was wir sehen, aber das tun wir nicht. Wir zeichnen stattdessen das, was vor unserem geistigen Auge ist.

Aber die meisten von uns haben kein geistiges Bild vor sich davon, wie ein auf den Kopf gedrehtes Gesicht oder ein Stuhl oder eine Katze aussieht, wenn wir also versuchen, ein Bild dieser Art zu zeichnen, sind wir gezwungen, ganz genau hinzusehen, was da vor uns ist und wir zeichnen die Formen und Umrisse auf die Art, wie sie tatsächlich auf dem Foto zu sehen sind.

Lisha: Erstaunlich, nicht?

Willa: Das ist es wirklich, und genau wie du mag ich es, Zeit damit zu verbringen, mich durch ihre Übungen durchzuarbeiten. Jedenfalls frage ich mich, ob etwas Ähnliches mit der öffentlichen Wahrnehmung von Michael Jacksons Gesicht passierte. Wir neigen dazu, uns ein Gesicht gerade lange genug anzusehen, um es kategorisieren zu können – oh, das Gesicht ist schwarz/weiß/asiatisch, jung/alt, männlich/weiblich, attraktiv/unattraktiv – und dann, wenn wir es erst einmal mit Bezeichnungen versehen haben, sehen wir es uns gar nicht mehr genau an. Wir denken, dass wir es tun, aber so ist es nicht. Wir sehen nur so lange hin, bis wir ihm ein Etikett aufdrücken können. Und wie du festgestellt hast, Harriet, sind manche Merkmale bei der Festlegung dieser Etiketten wichtiger als andere: zum Beispiel die Farbe deiner Haut, die Form deiner Augen und deiner Nase, die Farbe und Beschaffenheit deiner Haare, die Länge deiner Augenwimpern, die Farbe deiner Lippen.

Harriet: Ja, „wichtig“ deshalb, weil die vorherrschende Kultur (von der wir unsere Hinweise erhalten) gewisse Merkmale wie die Interpretation von Rassen- und Geschlechterzugehörigkeit definiert hat.

Willa: Das ist ein wichtiger Punkt, Harriet. Es handelt sich lediglich um soziale Konstrukte – oder soziale „Konditionierung“, wie Michael Jackson sagen würde. Aber auch wenn es „nur“ Konstruktionen sind, haben sie sehr viel Macht. Wie viel Macht sie haben, können wir daran erkennen, wenn wir uns ansehen, wie die Leute Michael Jacksons Gesicht lesen und darauf reagieren.

Als er jung war, sahen die Leute gerade lange genug auf sein Gesicht, um es zu bezeichnen (jung, schwarz, männlich) und dann sahen sie nur noch diese Bezeichnungen, nicht sein tatsächliches Gesicht – was sehr typisch ist, wie Betty Edwards andeutet. Aber als er aber einige der Merkmale, die wir zur Festlegung dieser Etiketten benutzt haben, veränderte, dachten die Leute „jung“, „schwarz“, „männlich“, aber sein Gesicht passte nicht mehr zu diesen Bezeichnungen. Es entstand eine Unstimmigkeit zwischen dem, was wir sahen und den Bezeichnungen, die wir für ihn im Kopf hinterlegt hatten. Wie du also in deiner Email erwähnt hast, Harriet, veranlasste dies viele Leute zu denken, sein Gesicht hätte sich radikal verändert, was gar nicht der Fall war. Es war im Grunde nur die Art der Interpretation des Gesichtes, die sich geändert hat, nicht das Gesicht selbst.

Lisha: Das stimmte sicherlich damals in den 80er Jahren für mich, als ich noch kein Fan war. Ich erinnere mich, als Fotos von der Victory Tour auf den Zeitungsregalen erschienen, es war wirklich schwer zu glauben, dass das tatsächlich Michael Jackson war – er sah wie eine vollkommen andere Person für mich aus. Ich musste die Fotos wirklich genau untersuchen, um zu sehen, dass er es war, besonders da ich die Off-the-Wall-Ära verpasst hatte. Die Form seiner Nase und seine Hautfarbe hatten sich ein wenig verändert – daran bestand kein Zweifel – aber an was ich mich am deutlichsten erinnere, ist, wie mich die neuen, dünneren Augenbrauen umwarfen. Ich denke nicht, dass ich die Vorstellung einer gut aussehenden männlichen schwarzen Person mit femininen, altmodischen im Hollywood-Stil geschwungenen Augenbrauen und Make-up jemals wieder korrigieren kann. Zu jener Zeit waren für Frauen natürliche Gesichter mit vollen, nicht gezupften Augenbrauen, wie bei Brooke Shields, in Mode. Es war also aufsehenerregend und verwirrend dies zu sehen. Es war erstaunlich, wie diese Details die ganze Art und Weise änderten, auf die ich sein gesamtes Gesicht interpretierte – bis zu dem Punkt, dass er nicht zu erkennen sei.

So sah Michael Jackson in meiner Vorstellung in den frühen 80ern aus, und so sah er auf den Fotos der Victory Tour aus:

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Willa: Das sind großartige Beispiele, Lisha, und ich weiß, was du meinst. Ich habe das auch erlebt – indem ich zweimal hinsehen musste, immer wenn er mit einem neuen Look kam, wie bei Thriller oder Bad oder Dangerous oder HIStory … Es scheint, als hätte er für jedes Album einen neuen Look enthüllt. Und manchmal war es ein radikal anderer Look, der sein Image auf einer fundamentaleren Ebene änderte, als wenn es nur eine neue Frisur gewesen wäre – einer Ebene, die wirklich die geistige Vorstellung, die ich von ihm hatte, in Frage stellte.

Und vielleicht ist es genau das, was jene Veränderungen des Bildes, das wir vor unserem geistigen Auge hatten, hervorgerufen hat, wie du erwähntest, Harriet, und was die Leute dahin führte zu glauben, er habe weitaus mehr plastische Operationen gehabt, als es tatsächlich der Fall gewesen ist.

Harriet: Ich denke, seine Image-Veränderungen zeigen auch, wie geschäftstüchtig er war. Er war eine Art fortwährende Neuerfindung, was ihn immer „neu“, frisch und aufregend erscheinen ließ.

Lisha: Ja sicher. Zu der Zeit, denke ich, dass ich annahm, es ginge nur um Marketing, aber nun denke ich das nicht mehr.

Willa: Das ist ein guter Punkt- es fesselte die Aufmerksamkeit der Leute und ließ ihn „frisch und aufregend“ erscheinen, wie du sagst, Harriet. Aber ich denke wie du, Lisha, dass da sehr viel mehr vor sich ging.

Wie bei einem gedanklichen Experiment habe ich ein wenig mit zwei Fotos herumgespielt, die dieses Problem von „Sehen“ und „Etikettieren“ sehr gut illustrieren, denke ich. Ich mag diese zwei Fotos sehr, weil sie sich in meinen Augen sehr ähneln, wir aber dazu neigen, sie völlig unterschiedlich zu interpretieren. Das erste – aus dem Jahr 1987 – bringt ganz eindeutig „schwarz“ und „männlich“ zum Ausdruck, während das andere – von 2003 – eher uneindeutig ist. Was ich meine ist, dass, wenn du nicht weißt, wer es ist, es schwer zu sagen ist, wie man es „etikettieren“ soll. Hier sind diese zwei Fotos:

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Und hier sind Schwarz-Weiß-Kopien derselben Fotos:

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In den Schwarz-Weiß-Kopien könnt ihr die Unterschiede in der Hautfarbe nicht erkennen, oder den roten Lippenstift in dem späteren Bild, also heben sich die Rassen- und geschlechtsbezogen Merkmale nicht so sehr ab. Was ihr seht – sehr viel deutlicher, finde ich – sind die Grundlinien seines Gesichtes, und die sind unverändert.

Harriet: Was für ein ausgezeichnetes Experiment, Willa. Während ich das durchdenke und diese Bilder studiere, bin ich mir der Rolle von Make-up und Frisur sehr bewusst geworden, zusätzlich zur Rolle der Kamera. Willa, du gehst in Rereading Michael Jackson ein wenig mehr auf das letztere Foto ein, nicht wahr? Make-up, Frisur und Kamerawinkel (verbunden damit, in welchem Kontext ein Foto gemacht wurde) beeinflussen das Abbild eines Gesichtes massiv. Hier in England (und ich bin sicher, in den USA auch) gibt es einen Trend in der Klatschpresse, zwei grundverschiedene Fotos berühmter Personen gegenüberzustellen, etwa ein Bild von einem Event auf dem Roten Teppich gegenüber einem Schnappschuss eines Paparazzo auf der Straße. Google Images zeigt diese vergleichenden Bilder ebenfalls. Der Trick (und das ist genau das, was es ist) illustriert sehr gut die enormen Auswirkungen von Make-up und Hairstyling, Fotografie und Kontext auf die Bildsprache. Im Fall von Michael Jackson spielten außerdem –inmitten der Aufmerksamkeit um seine Operationen und Hautveränderungen – eher „normale“ physische Prozesse bezüglich seiner Erscheinung eine Rolle, wie etwa Gewichtsänderungen und das Älterwerden, die stets verleugnet wurden. Gewichtsschwankungen zum Beispiel verändern ein Gesicht drastisch, besonders wenn man wie Michael Jackson von sehr schlanker Gestalt ist; dann kann sogar eine minimale Änderung beim Gewicht nach oben oder unten eine große Auswirkung haben, ganz besonders im Gesicht. Wenn ihr Bilder von Michael Jackson aus dem Jahr 2001 zur Zeit der Veröffentlichung von Invincible (und seinem Protest gegen die Sony-Bosse) mit den Fotos von This Is It aus 2009 vergleicht, dann spielt die Änderung beim Gewicht eine große Rolle beim Unterschied. Hier ist je ein Beispielfoto aus der jeweiligen Zeit:

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Die zwei Bilder, die du ausgesucht hast, Willa, zeigen (für meine Augen jedenfalls) weniger die Auswirkungen plastischer Operationen als Änderungen beim Gewicht und/oder das Wirken der Kamera. Ich bin sicher, dass jeder schon mal bemerkt hat, wie sich manchmal, wenn man ein Bild verändert oder damit herumgespielt hat (sehr oft beim Versuch, die richtige Größe wieder herzustellen), die Proportionen verschieben können. Das kann ein Gesicht ziemlich schmal und wirklich ganz schön rund im Vergleich zum original machen. Das letztere deiner beiden Fotos, Willa, sieht aus, als könnte es sich um so einen Fall handeln.

Willa: Wirklich? In meinen Augen sehen die Proportionen und Linien seines Gesichtes in beiden Fotos gleich aus. Genau darum mag ich sie ja so sehr. Er ist in dem späteren Foto 15 Jahre älter und die Vertiefungen in seinen Wangen haben sich ein wenig mehr ausgeprägt. Aber davon abgesehen wirkt die Grundstruktur seines Gesichtes genau gleich auf mich. Die einzigen Unterschiede sind Merkmale auf der Oberfläche wie Lippenstift und falsche Wimpern.

Lisha: Ja, das sehe ich auch so, Willa. Ich denke, die grundlegende Struktur seines Gesichtes ist genau gleich, obwohl wir dazu tendieren, auf die Unterschiede zu achten. Bei Michael Jackson musst du wirklich genau und wohlüberlegt hinsehen, um die tatsächliche Struktur seines Gesichtes zu erkennen, denn die Merkmale der Oberfläche übernehmen irgendwie die Führung.

Harriet: Dann vermute ich, dass wir unsere eigenen Argumentationen unterstreichen, dass nämlich Eindrücke oder die Lesart von Bildern variieren oder sogar komplett gegenteilig ausfallen kann und (in meinem Fall , nicht so sehr bei dir, Willa) mehr auf gewissen Merkmalen gründet als in der grundlegenden Struktur. Die ausgeprägteren „Vertiefungen in seinen Wangen“, die du erwähnst, Willa, sind Zeichen von Gewichtsverlust und /oder des Alterns, würde ich sagen, aufgrund dessen sein ganzes Gesicht zu der Zeit, als das zweite Foto aufgenommen wurde, dünner erschien.

Lisha: Er sieht durch die Wangenpartie dünner aus in dem zweiten Foto, was in Gewichtsverlust begründet sein könnte, durch den Alterungsprozess oder auch durch Medikation aufgrund der Behandlung seines Haut- und Kopfhautprobleme. Ich erkenne eine winzige Veränderung in seinem Überbiss, der das Ergebnis einer kosmetischen Zahnbehandlung sein könnte. Aber die interessante Sache ist für mich, dass wir ziemlich gewöhnt daran sind, äußere Veränderungen, einschließlich kosmetischer Operationen, bei Künstlern und Entertainern hinzunehmen, die nicht so aufgebauscht werden wie hier. Du musst gar nicht außerhalb der Jackson Familie nach ein paar guten Beispielen suchen. Wir akzeptieren ihre Schönheit und Fabelhaftigkeit irgendwie und halten uns gar nicht damit auf, zu kommentieren, welche Veränderungen sie vorgenommen haben. Aber bei Michael Jackson ist dies nicht der Fall. Sein sich veränderndes Aussehen stiftete so viel Verwirrung und rief einige sehr starke Reaktionen und Unterstellungen hervor. Tut es immer noch.

Harriet: Ja, und es gab eine ganze Menge Gründe dafür. Ich würde einen Teil unseres Widerstandes gegenüber seiner „Veränderung“ der erstaunlichen Langlebigkeit seiner Karriere zuschreiben, die in seinem so jungen Alter begann. Das bedeutete, dass er gezwungen war, mit einer unentrinnbaren und omnipräsent abgebildeten Vergangenheit, deutlich dunkelhäutig und jungenhaft, von sich kämpfen zu müssen. Unterbewusst, würde ich behaupten, nehmen wir Michael Jackson jedes Mal im Vergleich zu diesen frühen Bildern wahr, die weiter in den Medien herumschwirren, die weiterhin kulturelle Verbreitung finden, und doch nichts beweisen außer einer überholten Art und Weise über ihn zu richten und ihn zu „lesen“. Ich denke, dies befeuert weiter die allgemeine Wahrnehmung, dass Michael Jacksons Gesicht sich auf eine Weise verändert hat, die mehr, als es jemals tatsächlich angebracht war, durch exzessive Operationen erklärt werden musste.

Zusätzlich zu Michael Jacksons ständig präsenter in Bildern festgehaltener Vergangenheit frage ich mich, ob seine höchst charakteristische und kultartige Selbstwiederholung auch daran teilhatte seine physische Änderung zu betonen.

Willa: Oh, das ist interessant, Harriet. Du meinst also, dass es, jedes Mal wenn er zum Beispiel Billie Jean aufführte, mit seinem ikonischen Auftritt bei Motown 25 verglichen wurde?

Harriet: Das ist genau das, was ich meine, ja. Es ist ein bisschen so, wie wenn zwei Frauen das gleiche Kleid tragen: Wir konzentrieren uns plötzlich auf die Unterschiede, nicht die Ähnlichkeiten. Auf die gleiche Art funktioniert es auf breiterer Ebene bei Nachahmungen, wie bei den zahlreichen Michael-Jackson-Nachahmern.

Lisha: Ich frage mich, ob das wirklich einen Anteil daran hat und ich stimme dem zu, dass wir Michael Jackson mit seiner eigenen Vergangenheit vergleichen. Ich denke außerdem, dass wir unbewusst seine Erscheinung mit einer riesigen Anzahl von Bildern vergleichen, die wir vorher mit Begriffen wie „jung“, „Entertainer“, „schwarz“ oder „männlich“ identifiziert haben.

Hier ist ein weiteres fotografisches Beweisstück, das für mich höchst überzeugend ist – ein Bild, das aus einer Probe für This Is It stammt. Dieses Foto hat mich überzeugt, dass meine Augen mir einen Streich spielen, wenn ich Michael Jackson ansehe.

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Die Schatten über seinem Gesicht verdunkeln hier seine Hautfarbe und seine Aufmachung, so ähnlich wie es bei jenen Schwarz-Weiß-Kopien der Fall ist. Es haute mich um, auf welch andere Art ich seine Merkmale in diesem Foto sehe, verglichen damit, wie ich sie sonst interpretiere. Seine Augen, Nase und der Mund bringen für mich viel mehr „Afrikanisches“ zum Ausdruck, obwohl viele annehmen, er habe sein Gesicht operativ verändern lassen, um „weißer“ oder „weiblicher“ auszusehen.

Harriet: Ich vermute, ob, wenn wir hier unsere eigene These anbringen, dieses Foto nicht eher die „störende“ Rolle durch die Kamera, Beleuchtung und Make-up (oder Nicht-Make-up) veranschaulicht?

Lisha: Ja, das stimmt, aber es ist eine seltene Gelegenheit zu sehen, was passiert, wenn einige der gängigsten technischen Mittel fehlen. Ich verstehe es so, dass dieses Bild nur für dokumentarische und analytische, nicht für werbende Zwecke aufgenommen wurde. Es ist eines der ganz wenigen Fotos, auf denen ich nicht die Effekte einer formgebenden Aufmachung (wie den strategischen Einsatz von Licht und dunklen Schatten von Make-up), speziellen Posen oder „Haltungen“ für die Kamera, Blitzlicht oder andere starke Beleuchtung auf dem Gesicht erkennen kann.

Willa: Ja, und diese Posen und „Haltungen“, wie du es nennst, haben einen starken Effekt. Du kannst wirklich genau sagen, wann er die Pose von Michael Jackson, der Kultfigur, einnimmt und wann er es nicht ist.

Lisha: Ja, es besteht kein Zweifel, er wusste mit der Kamera umzugehen!

Dies erinnert mich wieder an einen meiner liebsten TED Talks, der vor einigen Jahren von der als Neuroanatom tätigen Dr. Jill Bolte Taylor präsentiert wurde. Dr. Taylor liefert eine brillante Erklärung dafür, wie die einzelnen Hälften des Gehirns funktionieren, und ich denke, es unterstützt wirklich das, worüber wir hier reden und erweitert dies noch. Sie sagt, die Funktion der rechten Gehirnhälfte erfasst sinnliche Informationen in genau diesem Moment (vielleicht sogar gut genug, um es zu zeichnen, wie Betty Edwards sagt), während die linke Gehirnhälfte all diese Informationen methodisch kategorisiert, in etwa wie ein Serienprozessor im Computer. Während die rechte Gehirnhälfte damit beschäftigt ist, Informationen zu sammeln, analysiert und interpretiert die linke Gehirnhälfte dies alles, um zukünftige Möglichkeiten abzuschätzen.

Michael Jackson brachte die Art und Weise, wie wir eine äußere Erscheinung wahrnehmen, analysieren und interpretieren, so gründlich durcheinander, dass ich denke, es ist wichtig zu begreifen, wie dies funktioniert. Es lohnt sich, sich Dr. Taylors Gespräch anzuhören und zu überlegen, warum Michael Jackson uns möglicherweise dazu veranlasste von unserer linken zur rechten Gehirnhälfte zu wechseln.

Willa: Wow Lisha, das ist faszinierend! Es ist, als würden die Hälften unseres Gehirns die Welt auf vollkommen unterschiedliche Weise verstehen. Dr. Taylor führt aus, dass die rechte Seite sensorisch, die linke eher analytisch arbeitet. Die rechte Seite konzentriert sich auf genau diesen Moment, während die linke ständig Vergleiche mit der Vergangenheit anstellt und diese in die Zukunft projiziert, wie du schon sagtest. Die rechte Hälfte ist gefühlsbetont, während die linke Hälfte versucht zu erfassen, was wir fühlen und diese Emotionen durch Sprache auszudrücken. Gemäß Dr. Taylor kommt das „Gedankengeplapper“, mit dem sich unser Gehirn fortwährend befasst, im Grunde aus der linken Seite unseres Gehirns.

Es war wirklich interessant, sie über ihren Schlaganfall reden zu hören, der ihre linke Gehirnhälfte betraf und wie sie, ironischerweise, ein unerwartetes Gefühl der Euphorie verspürte, als es passierte. Es ist, als wäre ihre rechte Gehirnhälfte für einen Moment befreit gewesen von den Beschränkungen der linken Seite und als ob sie die Freiheit feiern würde.

Sie sagte außerdem, dass sie während des Schlaganfalls nicht mehr ihre eigenen Grenzen unterscheiden konnte, was sehr interessant für mich war. Sie konnte nicht sagen, wo „sie“ aufhörte und wo die restliche Welt begann, sie erlebte also in einem sehr buchstäblichen Sinn das Phänomen von „You’re just another part of me“.

Lisha: Ja, Dr. Taylor geht darüber in ihrem Buch My Stroke of Insight ins Detail. Es ist eine faszinierende Lektüre. Sie spricht auch über die Tatsache, die wir alle als wissenschaftlich bewiesen kennen – nämlich, dass unsere Körper zu über 70 Prozent aus Wasser bestehen – und sie berichtet, dass dies ebenfalls buchstäblich wahr ist. Wenn der Teil unseres Gehirns stillgelegt ist, der den Körper als getrennt von allem, als feste Masse, deutet, dann kannst du deinen Körper tatsächlich als Flüssigkeit wahrnehmen und das als Teil deiner ganz normalen Realität erleben.

Willa: Wow, das ist faszinierend! Ich würde das gern mal irgendwie erleben – natürlich ohne einen Schlaganfall zu haben …

Lisha: Ich auch! Sie sagte, sie mochte es wirklich, zu wissen, dass ihr Körper flüssig ist und es war einer der letzten Teile ihres Gehirns, der sich von dem Schlaganfall erholte. Gemäß Dr. Taylor ist „you’re just another part of me“ nicht nur eine Philosophie, es ist eine wissenschaftlich bewiesene Wahrheit. Wahrnehmung ist alles – damit stellt sich die Frage – was ist wirklich da draußen?

Harriet: „Was ist wirklich da draußen?“ Darauf müssen wir noch zurückkommen!

Willa: Das ist die Frage, nicht wahr? Und werden wir jemals wissen können, was wirklich da draußen ist? Philosophen haben darüber jahrhundertelang debattiert.

In Hinsicht dessen, worüber wir zum Thema Wahrnehmung bei Michael Jackson gesprochen haben, versucht also die rechte Gehirnhälfte allen verfügbaren empfundenen Input eines bestimmten Momentes zu sammeln – sie versucht zu erfassen, „was wirklich da draußen ist“ – während die linke Gehirnhälfte versucht, dem einen Sinn zu geben. Sie kategorisiert und benennt diesen Input und stellt ihn in einen historischen Zusammenhang. Das passt genau zu dem, was Betty Edwards in ihrem Buch sagt, obwohl sie betont, dass unsere linke Seite auch Prioritäten setzt und das filtert, was wir betrachten und deshalb auch das, was wir sehen.

Das führte zu einem weiteren Grund, warum Michael Jacksons Gesicht so fehlinterpretiert wurde. Unsere Wahrnehmungen waren stark beeinflusst von den ständigen Erzählungen über Gesichtsoperationen, die fortwährend sowohl in der Boulevardpresse als auch in der Mainstreampresse wiederholt wurden. Diese Erzählungen formten die gedanklichen und kulturellen Filter, durch die wir sein Gesicht sahen, und diese Filter waren sehr stark. Es führt wieder einmal zurück auf das, was Michael Jackson „kulturelle Konditionierung“ nannte. Wir waren darauf „konditioniert“, die Auswirkungen plastischer Operationen zu erkennen, wann immer wir ihn ansahen, und so taten wir es auch.

Harriet: Absolut, und ich denke, darum ist es wichtig, an dieser Stelle die Rolle von Klischees zu erörtern, denn im Zusammenhang von Identitätsbildung (womit wir uns auseinandersetzen, wenn wir „Michael Jacksons Gesicht lesen“), ist es die Stereotype, die weitestgehend diesen Konflikt zwischen den zwei interpretierenden Hälften unseres Gehirns erzeugt. Beim Verstehen des „Andersartigen“, kommt das Klischee zum Einsatz: aufgebaut auf früherem „Wissen“ und der Vorstellungskraft, gibt es einer Person Sinn durch, wie du sagst, Willa, Kategorisierung, Etikettierung und Kontextualisierung. Obwohl die andere Seite unseres Gehirn inzwischen weiß, dass dies alles größtenteils eine Konstruktion ist, eine Erfindung, und dass es andere Dinge (Teile einer Person) gibt, die bisher unentdeckt und unerklärt geblieben sind. Weil diese „Dinge“ viel schwieriger, nicht so unmittelbar sind, lassen wir sie weg.

Willa: Wow, das ist wirklich interessant, Harriet.

Harriet: Nicht nur, dass Michael Jackson mit überzeugenden Stereotypen von Männlichkeit und Schwarzsein kämpfen muss, er musste auch mit dem Klischee des hollywood-esken Abhängigen der Schönheitschirurgie fertig werden, als sein Gesicht sich erst einmal zu verändern begonnen hatte. Dadurch bietet er ein wundervolles Beispiel einer Person (des „Andersartigen“), auf die vielfältige Klischees projiziert wurden, aber keines von ihnen passte. Deshalb rief er viele dieser noch verbleibenden „Dinge“ hervor, auf die sich unser Gehirn auf die Schnelle keinen Reim machen konnte, und dieses „Material“ ist bei unserer Deutung von ihm auf der Strecke geblieben. Es wurde einfach verschüttet und vergessen (oder wurde in manchen Fällen vielleicht gar nicht erst erkannt).

Lisha: Ich denke, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Die vielfältigen Stereotypen, die wir ihm anzuheften versucht haben, passten einfach nicht. Es gab zu viele Etiketten und Kategorien, die alle auf einmal zerrissen wurden. Uns fehlte eine schnelle, einfache Erklärung, die dem ganzen Sinn verleihen konnte.

Harriet: Vollkommen, und das Ergebnis ist wirklich sehr bestürzend. Mein eigenes Gehirn, zum Beispiel, kämpft ständig mit zwei Versionen und zwei verschiedenen Lesarten: Michael Jackson veränderte sich äußerlich radikal, und Michael Jackson veränderte sich in Wirklichkeit gar nicht so sehr. Und dieser Konflikt setzt sich trotz der genauen Beobachtungen, die wir hier vorgenommen haben und die auf das Letztere deuten, fort.

Lisha: Du sprichst da etwas an, das mir bei vielen Aspekten in Michaels Werk begegnet, Harriet, wenn du sagst, Michael Jackson würde erscheinen, als habe er sich radikal verändert und dann wieder gar nicht. Ich habe festgestellt, dass Michael Jackson kein Typ von „entweder-oder“ ist – seine Aussage ist „sowohl-als auch“. Wenn du ganz genau hinsiehst, dann erscheint sein Gesicht sowohl radikal verändert, als auch über all die Jahre gleich geblieben.

Ich habe mich entschieden, einen Blick in die Literatur der Psychologie zu werfen, um nachzusehen, ob ich irgendeine Untersuchung finden kann, die das unterstützt, über das wir hier in Bezug auf Wahrnehmung und wie das Gehirn visuelle Informationen möglicherweise fehlinterpretieren könnte, sprechen. Ich bin wirklich erstaunt über das, was ich gefunden habe, besonders auf dem Gebiet der Wahrnehmung von Gesicht und Rasse. Offenbar ist die Wahrnehmung von Gesichtern eine ziemlich komplexe Funktion des Gehirns – es ist nicht annähernd so geradeaus, wie ihr vielleicht denken würdet. Die Ansichten und Erwartungen verändern grundlegend, was Leute tatsächlich sehen. Dies ist etwas, was viele Jahre lang untersucht wurde.

Es gab zum Beispiel 2003 eine Untersuchung von Eberhardt, Dasgupta und Banasynsky mit dem Titel Believing is Seeing. The Effects of Racial Labels and Implicit Beliefs on Face Perception (Glauben ist Sehen. Die Auswirkungen von Rassenlabels und vorbehaltlosen Meinungen bei der Wahrnehmung von Gesichtern). Forscher hatten Aufnahmen von Köpfen so lange gemorphed (übereinander gelegt, verschmolzen), bis sie ein doppeldeutiges Foto hatten, welches 50 Prozent der Antwortenden als „männlichen Schwarzen“ identifizierten, während die anderen 50 Prozent genau dasselbe Foto als „männlichen Weißen“ deuteten. Das Foto wurde dann einer weiteren Gruppe gegeben, die gebeten wurde, eine Zeichnung von dem Bild anzufertigen. Jedes Abbild des Fotos war willkürlich entweder als „schwarz“ oder „weiß“ bezeichnet worden.

Den Teilnehmern wurde gesagt, dass sie einen schönen monetären Bonus erhalten würden, wenn die nächste Gruppe das Foto aufgrund ihrer Zeichnung eindeutig identifizieren könne. Aber trotz der Belohnung für die Anfertigung einer akkuraten Zeichnung, wechselten sich die Etikettierungen dessen, was die Teilnehmer zeichneten, zwischen „schwarz“ und „weiß“ ab und ihre Zeichnungen stimmten ihrer Meinung über das jeweilige Etikett überein. Diese Studie wurde von Adam Alter in einem Artikel zusammengefasst, der in dem Magazin Psychology Today unter dem Titel Why It’s Dangerous to Label People: Why labeling a person ‚black‘, ‚rich‘ or ‚smart‘ makes it so (Warum es gefährlich ist Menschen mit Etiketten zu versehen: Warum eine Person als ‚schwarz‘, ‚reich‘ oder ‚klug‘ zu bezeichnen, diese erst dazu macht) erschien. Hier ist eins der Fotos und zwei Zeichnungen desselben Fotos, die in der Studie benutzt wurden:

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Harriet: Lisha, dieser Artikel stimmt so sehr mit dem überein, worüber wir diskutiert haben.

Willa: So ist es wirklich.

Harriet: Und dies ist der Kernpunkt:

Die Leute, denen wir die Bezeichnung „schwarz“, „weiß“, „reich“, „arm“, „klug“ und „einfach“ verpassten, schienen schwarzer, weißer, reicher, ärmer, klüger und einfacher nur aufgrund unserer Bezeichnungen.

Als Gesellschaft mögen wir natürlich Bezeichnungen, weil sie uns offenbar helfen die Welt um uns herum zu verstehen. Wie der Untertitel des Artikels klarstellt, „treffen wir mit ihnen fortlaufend Entscheidungen“. Michael Jackson brachte das Treffen von Entscheidungen auf so viele Arten kräftig durcheinander, so dass es fast so schien, als würde die Gesellschaft damit nicht klar kommen, also glichen wir es wieder aus, indem wir ihn selbst definierten, wie in der ausführlichen Erzählung über die Gesichtsoperationen, die dermaßen stark hervorstach, dass wir sie schließlich selbst alle glaubten. Ich persönlich denke, wir sollten uns von Michael Jackson selbst inspirieren lassen und einem utopischen Weg des Seins „ohne Entscheidungen zu treffen“ folgen, obwohl dies eine große Aufgabe zu sein scheint …

Wie du festgestellt hast, Lisha, geht es bei Labels weitgehend um „entweder / oder“, was daher rührt, dass sie oft als duale Gegensätze (schwarz/weiß, Mann/Frau, jung/alt etc.) strukturiert sind. Aber Michael Jackson überraschte alle, indem er „sowohl / als auch“ war: Michael war schwarz und weiß, jung und alt, und auf viele Arten Mann und Frau, und diese Eigenschaften veranschaulicht sein Gesicht, welches so erscheint, „als habe es sich sowohl radikal verändert, aber auch, als sei es über die Jahre gleich geblieben“.

Lisha: Es ist so, als habe er nicht Grenzen überschritten – er wohnte in ihnen. Und es ist wesentlich einfacher zu glauben, diese Veränderungen wären durch plastische Operationen erreicht worden, als unsere eigene psychologische Schwäche in Erwägung zu ziehen.

Willa: Das ist interessant, Lisha. Ich habe bisher so noch gar nicht darüber gedacht – dass wir es vorziehen zu glauben, der Unterschied wäre da draußen, eher als in uns selbst, in unseren eigenen Gedanken.

Harriet: Die „sowohl-als auch-Behauptung“, die in Michaels Gesicht visualisiert ist und die Komplexität von Wahrnehmung und Identität im weiteren Sinn, lässt mich gerade an Ludwig Wittgensteins Enten-Hasen-Doodle in Philosophical Investigations denken. Das Doodle, das viele erkennen werden, zeigt gleichzeitig die Umrisse einer Ente und eines Hasen, und daher auch das ständige Schwanken zwischen ihnen.

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Dieses Doodle wurde eingesetzt (ich denke hier an W.T. Lhamon Jr. in seinem wundervollen Buch Raising Cain: Blackface Performance from Jim Crow to Hip Hop), um zu illustrieren, wie zwei Identitäten zusammengehalten werden können, ganz variabel entweder zusammen oder getrennt gesehen werden können oder sogar durch Ausschluss der beiden anderen zusammen als etwas „Drittes“. Das trifft auf Michael Jackson in meinen Augen ganz und gar zu und ist das, was ich für den Kern seiner Anziehungskraft halte. Er könnte irgendjemand und jedermann sein. Bei Michael Jackson ging es nicht um strenge Definition oder Einteilung, sondern um Übergreifendes und Verschmelzen und darum, uns alle zusammen zu bringen, frei von Etikettierungen, als eins.

Willa: Oder als drei-in-einem. Das ist wirklich interessant, Harriet. Es ist also kein Prozess, in dem man eins wird durch Ablösung oder indem wir unsere Unterschiede leugnen – einer Einheit bestehend aus Homogenität – sondern durch Entwicklung eines komplexeren Verständnisses von Identität, der Vielfältigkeit von Identität.

Harriet: Ja, das ist es, und darin wird „Unterschied“ weniger absolut und allumfassend.

Willa: Um ehrlich zu sein, ich bin noch irgendwie von den Socken wegen dem, über das du vorhin gesprochen hast, Harriet – über Stereotypen und wie die eine Hälfte unseres Gehirns diese Art von Labels anbringt, um uns zu einer schnellen Identifizierung zu verhelfen und den sinnlichen Input zu kategorisieren, während die andere Hälfte unseres Gehirns realisiert, dass diese Labels nicht zutreffend sind – dass es „alles eine Erfindung ist und dass es andere ‚Dinge‘ (Teile einer Person) gibt, die unentdeckt oder unerklärt bleiben“, wie du sagtest. Das ist solch ein interessanter Gedanke, und ich frage mich, ob diese Art des doppelten Wissens – bei dem unsere eine Gehirnhälfte (der zugänglichere Teil) eine Sache denkt, während die andere Hälfte (der weniger zugänglichere Teil) im Geheimen weiß, dass es nicht wahr ist – dabei hilft etwas zu erklären, was für mich ein großes Geheimnis war.

Bevor Michael Jackson starb, schien es so, dass die meisten Leute glaubten, dass er vollkommen gewissenlos gewesen sei: ein Pädophiler, ein Drogenabhängiger, ein Abhängiger von Gesichtsoperationen, ein Mann, der seinen Ruhm und seinen Reichtum dafür einsetzte anderen Leuten den Kopf zu verdrehen – besonders den Eltern kleiner Jungen – damit sie tun, was immer er wollte. Aber in dem Moment, in dem er starb, gab es plötzlich diese Welle der Trauer, und die öffentliche Meinung änderte sich dramatisch. Das ergab überhaupt keinen Sinn für mich. Warum trauerten so viele Menschen so tief und spürten eine solche Zärtlichkeit für einen vollkommen verdorbenen Rockstar? Ich kann verstehen, dass Leute eventuell ihre Meinung schrittweise ändern, sobald mehr wohlwollende Informationen ans Tageslicht kamen, aber so war es nicht. Es war nicht schrittweise. Es war unmittelbar. Warum verspürten die Menschen ein solch grundlegendes Gefühl von Verlust, wenn sie doch ernsthaft glaubten, er sei ein „Monster“, wie er selbst es beschrieben hatte? Ich kann das einfach nicht begreifen, und ich war deswegen lange Zeit verwirrt.

Ich frage mich, ob diese Art des doppelten Wissens, über das du sprichst, Harriet, bei der Erklärung hilft. Ich frage mich, ob die Leute auf einer gewissen Bewusstseinsebene die Schlagzeilen der Boulevardpresse sahen und die Anspielungen hörten und diese schrecklichen Etikettierungen zu akzeptieren schienen, die ihm aufgezwungen wurden. Sie steckten ihn in eine „Kategorie mit einem schlechten Ruf“ („a class with a bad name“), wie er in They Don’t Care About Us sagt. Aber auf einer tieferen Ebene wussten sie, dass es nicht stimmte, wussten sie, dass es nur eine Erfindung war, wussten, dass jene abscheulichen Bezeichnungen nicht passend für ihn waren. Als er also starb, führte dieses tiefere Wissen zu einer Trauer, die man sich nicht erklären konnte.

Harriet: Das ist verblüffend und sehr erkenntnisreich, Willa. Mit anderen Worten: Der Tod erlaubt uns, endlich ohne (sozial auferlegte) Zurückhaltung zu „fühlen“. Es ist, als würde uns der Tod einer Person von den Beschränkungen befreien, die uns auferlegt wurden durch eine Gesellschaft voller Angst vor Verschiedenartigkeit, vor den „Dingen“, die nicht durch Bezeichnungen erklärt werden können, von denen, tief drinnen, jeder von sich weiß, dass es sie wirklich gibt.

Lisha: Ich glaube absolut, dass dies wahr ist. Eines meiner liebsten Forschungsprojekte ist, mich auf der Toys R Us Megastore Webseite einzuloggen und nach ihren Artikeln mit der Bezeichnung „Michael Jackson“ zu suchen. Sie bieten Dutzende von Michael-Jackson-Produkten für Kinder an – Puzzle, Spiele (Computer- und Brettspiele), Spielzeug, Glitzerhandschuhe in Kindergröße, etc. Wenn wir als eine kulturelle Gemeinschaft wirklich glauben würden, dass Michael Jackson „ein vollkommen verdorbener Rockstar“ gewesen wäre, der Verbrechen gegenüber Kindern begangen hätte, würden wir dann diese Produkte in Massenproduktion herstellen?

Willa: Das ist eine ausgezeichnete Frage, Lisha. Und würde es dann so viele CD’s von Michael Jackson Songs geben, auf denen Schlaflieder für Kinder zu hören sind? Ich habe gerade erst eine Schnellsuche auf Amazon gestartet und da gibt es fünf verschiedene CD’s nur mit Michael Jackson Schlafliedern. Würde Amazon wirklich Musik für Kinder zum Einschlafen verkaufen, wenn die Leute ernsthaft glauben würden, dass er ein Pädophiler war? Ich glaube das nicht.

Lisha: Ich habe gerade mit einer Sammlung von Michael Jackson CD’s für Babys begonnen, um genau diese Aussage zu illustrieren – wenn Michael Jackson sicher genug für das Kinderzimmer deines Babys ist, dann ist Michael Jackson ungefährlich, Ende der Geschichte.

Harriet: Das sehe ich auch so, aber ich kann nicht anders und frage mich, ob es auch so ist, wenn man den Markt betrachtet (die Mütter kleiner Kinder) und sich das zunutze macht. Am Ende ist es doch so, wenn man ein Vermögen damit machen kann, ist alles möglich, wie Michael Jackson selbst nur zu gut wusste.

Willa: Ja, aber würden die Mütter kleiner Kinder es wirklich kaufen, wenn sie wirklich der Meinung wären, dass er Kinder belästigt hätte?

Lisha: Und würde die Nachfrage nach diesen Produkten hoch genug sein, so dass sie die Massenproduktion für eine Megastore-Kette wie Toys R Us rechtfertigen würde?

Harriet: Vielleicht bin ich zu skeptisch, aber ein großer Teil der Bevölkerung, der zu den Michael Jackson Fans gehört, zählt eher zu den Müttern derjenigen, die die Kinder gerade bekommen oder aufziehen, denkt ihr nicht?

Lisha: Das ist eine gute Frage und ich weiß es wirklich nicht sicher. Diejenigen von uns in Michael Jacksons Altersgruppe (Alter von 55 Jahren) kaufen diese Sachen vielleicht eher für Enkelkinder als für ihre eigenen Kinder, also gibt es wahrscheinlich zwei starke Zielgruppen – Mütter und Großmütter.

Harriet: Ich wollte auf etwas zurückkommen, das einfach so fundamental ist, „wenn man Michael Jacksons Gesicht lesen will“, und das ist, was du vorhin bereits angesprochen hast, Lisha, nämlich dass „Wahrnehmung alles ist, womit sich die Frage stellt: Was ist wirklich da draußen?“ Wie Philosophen untersucht und schließlich erkannt haben ist nichts wirklich „da draußen“, denn es wird alles durch unsere ureigene Interpretation gefiltert. Das heißt, es gibt genau genommen keine „wahre“ Realität und keine „Wahrheit“. Es scheint für mich so zu sein, dass wir in Michael Jacksons Gesicht diese Unmöglichkeit erkennen, die Realität, die „Wahrheit“, zu begreifen. Wir scheinen Michael Jackson nicht nur alle auf sehr unterschiedliche Arten zu lesen, sondern einige von uns lesen ihn innerhalb ihres Geistes ganz verschieden zu unterschiedlichen Zeiten (manchmal hat er sich äußerlich verändert und manchmal hat er es nicht).

Ich bin sicher, manche Leute können sich an die Sammlung verschiedener Promotionaufnahmen für das bevorstehende Erscheinen von Michael Jackson bei Oprah Winfrey damals 1993 erinnern. Dies ist eine davon:

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Aus den Kommentaren, die ich gefunden habe, scheint es so zu sein, dass dieses Bild (und die Entscheidung Michaels Gesicht zu „schwärzen“) weitestgehend als eine Marketingstrategie genutzt wurde, um die Zuschauer dazu zu verleiten, mit der kulturellen Faszination um Michaels Gesicht zu spielen. Ich frage mich jedoch, ob da nicht noch mehr dahinter steckte. Die Entscheidung, die Details von Michaels Gesicht zu „schwärzen“, könnte als eine sehr öffentliche Bestätigung für seinen Part an diesem Problem, das wir in dieser Diskussion aufgeworfen haben, gesehen werden: Das enorme Problem, das wir mit der (Fehl-)Interpretation von visueller Information und besonders in Relation zu Identität haben.

Willa: Das sehe ich genauso. Das erinnert mich an das Albumcover von Invincible, auf dem sein Gesicht statt geschwärzt „aufgehellt“ wurde, bis zu dem Punkt, an dem die Details seines Gesichtes verloren gegangen sind. Wie du also sagst wird es uns überlassen, die Bilder selbst auszufüllen. Wie er in Is It Scary singt „Ich werde genau das sein, was du sehen willst“ („I’m gonna be exactly what you wanna see“).

Harriet: Ein Gesicht ist wie ein Spiegel: Es kann das, was wir uns wünschen, hoffen oder zu sehen erwarten auf uns reflektieren (es „spiegelt sich“), eher als dass es reflektiert, was wirklich da ist. Dieses Foto ruft dies wahrscheinlich hervor. Um also Michael Jacksons Gesicht zu lesen, müssen wir zuerst uns selbst lesen. Ich werde hier an das Phänomen erinnert, dass „Schönheit im Auge des Betrachters liegt“, was den Einfluss von der Zielperson weg, hin zum Betrachter der Erzeugung der visuellen Vorstellung, auf deren Bedeutung und Stellenwert lenkt. Ich gehe darauf in der Schlussbemerkung meines Buches ein und betrachte es vorrangig bei der Diskussion von Michael Jackson, dessen Mehrdeutigkeit – seine Sowohl-Als auch-These – diesen interpretativen Prozess auf eine sehr komplexe Art erlaubt.

Lisha: Das ist absolut wahr. Mit dieser Sache im Kopf sollten wir einen weiteren Blick auf den HIStory Teaser, eines von Michaels am meisten missverstandenen Werken, werfen. Sein erstes Erscheinen in diesem Film (bei 1:14) ist höchstwahrscheinlich aus all den Gründen, über die wir hier gesprochen haben, mein liebstes Bild aller Zeiten von Michael Jackson. Wir blicken nicht nur auf Michael Jackson, wir sind mit unseren eigenen psychologischen Projektionen konfrontiert und sehen, was wir glauben, das er ist.

Harriet: Und da ist es. Brillant.

Willa: Das ist es wirklich. Er spiegelt unaufhörlich unsere Projektionen auf eine Weise auf uns zurück, die mich zutiefst in Erstaunen versetzt.

Bevor wir dies also zum Abschluss bringen, möchte ich einige Dinge erwähnen. Ich bin sicher, jeder ist sehr neugierig mehr über das neue Album Xscape zu erfahren, das im Mai herauskommen soll. Damien Shields hat einen interessanten Post veröffentlicht, in dem er jeden Song beschreibt, der auf dem Album erscheinen soll.

http://www.damienshields.com/xscape-reviewing-the-reviews-and-analysing-the-clues-regarding-the-new-michael-jackson-album/

Und es wird Ende Juni ein neues Buch geben, das die Gedanken, über die wir heute auf so interessante Art gesprochen haben, aufgreift. Es ist von Lorena Turner, eine Fotografin und Soziologin, die hier auch manchmal einen Kommentar abgibt, und es heißt Die Michael Jacksons. Ich nur ein paar wenige Kapitel gelesen, aber ich bin wirklich fasziniert von dem, was ich bisher gesehen habe. Es werden Michael Jackson-Imitatoren betrachtet nicht nur in Hinsicht darauf, wie sie Michael Jackson selbst interpretieren und darstellen und ihm ein Denkmal setzen, sondern wie sie sein Vermächtnis Rassenzugehörigkeit und Geschlechterrollen „darzustellen“ auf fließende Art fortsetzen. Lorena zitiert J. Martin Favor, dass „Rasse theatralisch ist – es ist ein nach außen gerichtetes Spektakel – eher als irgendetwas Inneres oder Essentielles“ und betrachtet, wie Michael Jackson und diejenigen, die ihn verkörpern, seine / ihre Identität „darstellen“. Ich freue mich wirklich zu sehen, wie sie diese Gedanken entwickelt. Hier ist ein Link für mehr Information wie auch einige ihrer Fotos.

http://www.themichaeljacksons.com

Harriet: Ich bin wirklich gespannt auf Lorenas Buch, nicht zuletzt deshalb, weil es eng verbunden mit meiner eigenen Arbeit ist. Ich meine damit, dass wir die Imitation von Michael Jackson als Teil der Theatertradition des Blackface Minstrelsy verstehen können, einer Tradition, die auf (rassenübergreifende) Verkörperung gebaut ist – auf Darsteller, die den Körper eines Anderen „anlegen“ und „ablegen“. Trotz des Rassismus’ der Minstrel Shows, für den sie am ehesten bekannt waren, konnte die Tradition während seiner langen Geschichte zeitweise rassenübergreifende Bewunderung und eine enge Verbindung („Liebe“) zur Sprache bringen. Dies erinnert mich an Michael Jacksons Imitatoren, die ihm gegenüber so hingebungsvoll und leidenschaftlich sind. Je nach ihrer individuellen Hautfarbe schwärzen sich Michael Jackson-Imitatoren die Haut oder hellen sie auf. Ich habe es so verstanden, dass Lorena plant ein Kapitel über die Geschichte der Verkörperung des Blackface mit aufzunehmen.

Willa: Ja, ich denke, das stimmt. Sie erwähnt Blackface Minstrelsy auf den Seiten, die ich gelesen habe und betrachtet auch die Geschichte schwarzer Künstler, die für weißes Publikum auftreten, von Minstrelsy bis Motown.

Lisha: Klingt faszinierend!

Willa: Ja, wirklich. Also vielen Dank euch beiden, dass ihr hier wart! Es ist immer solch eine Freude mit euch zu sprechen.

Michael Jackson interviewt Pharrell Williams – Interview Magazine 2003

Ein Interview aus dem Interview-Magazine, von 2003, in dem zur Abwechslung einmal Michael der Interviewer ist – und per Telefon Pharrell Williams (‘Happy’,’ Get Lucky’) interviewt.

Quelle: http://www.interviewmagazine.com/music/michael-jackson/ 

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Dieses Interview, was im Juni 2003 stattfand, kam raus als wir in unserem Magazin etwas eine Story über Pharrell Williams planten, der zu der Zeit ein neuer Produzent aus Virginia war. Als wir die Story arrangierten, erwähnte er, dass er immer schon mal mit Michael Jackson sprechen wollte, der gerade nach der TV Dokumentation Living With MJ, in welcher der Sänger sehr bizzar dargestellt wurde, ein Nachrichten Thema war. Nach ein paar e-mails und Telefonanrufen rief ein paar Tage später Jacksons Büro an und sagte, dass er das Interview machen werde.

Pharrell Williams Michael Jackson

Michael Jackson: Also ich interviewe dich, richtig? Es sind 7 Fragen, oder so etwas?

Pharrell Wiliams: Ja, was immer du magst.

Michael Jackson: Ok, was würdest du sagen inspiriert dich in deiner Musik? Was ist es, was dich dazu inspiriert, deine Musik zu erschaffen?

Pharrell Williams: Es ist ein Gefühl. Du behandelst die Luft wie eine Leinwand und malst darauf die Akkorde die durch deine Finger fliessen, aus dem Keyboard heraus. Also wenn ich spiele ist es, als male ich ein Gemälde aus Gefühlen in die Luft. Vielleicht hört sich das verrückt an, aber…

Michael: Nein, nein, das ist eine perfekte Analogie.

Pharrell: Und wenn du das Gefühl hast, es ist fertig, dann ist es fertig. Es ist wie malen, oder Bildhauen. Wenn du es gehen lässt, dann weißt du, dass es vollendet ist. Es ist vollständig. Und genauso sagt es dir auch, wenn es noch nicht fertig ist.

Michael: Yeah, und es lässt dich nicht schlafen, bis es fertig ist.

Pharrell: Das stimmt.

Michael: Yeah, bei mir ist es genauso. (lacht) Und was hältst du von der Musik der heutigen Zeit? – Kennst du dich aus mit den neuen Sounds die geschaffen werden und magst du die Richtung, in die die Musik sich entwickelt?

Pharrell: Persönlich fühlt es sich für mich so an, als ob ich mich an dir und Stevie (Wonder) orientiere und Danny (Hathaway), und einfach mache, was sich richtig anfühlt.

Michael: Richtig.

Pharrell: Weißt du, es ist, als ob jeder die Einbahnstrasse in eine Richtung benutzte und du bist “Off The Wall” gegangen.

Michael: Genau. (lacht)

Pharrell: Und als jeder den anderen Weg nahm, machtest du Thriller. Du hast immer deinen eigenen Weg gesucht. Und ich orientiere mich an Leuten wie dir, die nicht Angst davor haben, auf ihre eigenen Gefühle zu hören und ihre Sehnsüchte und Ambitionen Gestalt annehmen lassen. Die es geschehen lassen, die es materialisieren…

Michael: Wer sind die älteren Künstler – also nicht die, die heute im Radio präsent sind – die dich inspirierten, als du jünger warst? Die Künstler, denen dein Vater schon zuhörte, hast du etwas von solchen Künstlern gelernt?

Pharrell: Absolut. Da wären die Isley Brothers.

Michael: Yeah… bei mir auch, ich liebe die Isley Brothers. Und ich liebe Sly and the Family Stone.

Pharrell: Donny, Stevie.

Michael: Du magst alle Leute, die ich auch mag. (lacht)

Pharrell: Diese Akkord-Wechsel. Das reisst dich mit.

Michael: Wunderbar, einfach wunderbar. OK. wo bist du im Moment? In New York?

Pharrell: Ich bin in Virginia Beach, Virginia, Sir.

Michael: Virginia! Oh, sehr schön. Richtest du Virginia meine Liebe aus?

Pharrell:: Ja, danke.

Michael: Und an deine Mutter, an deine Eltern, denn Gott hat dich mit besonderen Gaben ausgestattet.

Pharrell: Danke, Sir. Und ich möchte noch etwas sagen, ich weiß nicht, ob du das hören willst, aber ich muss das sagen, denn es kommt von meinem Herzen. Aber die Leute plagen dich…

Michael: Yeah.

Pharrell: …weil sie dich lieben. Das ist der einzige Grund dafür. Wenn du etwas tust, was die Leute nicht sofort verstehen, dann machen sie daraus ein größeres Problem, als sie es für irgend jemand anders machen würden, denn du bist eines der erstaunlichsten Talente, die je gelebt haben. Du hast in diesem Jahrhundert mehr vollbracht und erreicht, wie die meisten anderen Menschen.

Michael: Oh, danke, das ist sehr nett von dir.

Pharrell: Was du tust ist so erstaunlich. Wenn du 100 bist, werden sie immer noch Geschichten darüber machen, was du getan hast und was du wie an deinem Körper verändert hast. – Bitte glaub mir, wenn du dich entscheiden würdest, deinen ganzen Körper mit Chrom zu überziehen, wird das so erstaunlich sein, dass die ganze Welt – egal was sie sagen – angerannt kommen wird, um es zu sehen. Und das ist, weil du so viel für die Musikwelt erreicht hast und so viele Leben verändert hast. Du hast die ganze Welt beeinflusst.

MJ2002

Michael: Danke sehr. Es ist so, dass je größer der Star ist, desto größer ist das Ziel. Du weißt, wenn du – und ich bin kein Angeber oder sowas – aber du weißt, wenn du ganz oben bist beginnen sie Pfeile nach dir zu werfen. Sogar Jesus wurde gekreuzigt. Die Menschen, die Licht in die Welt bringen, von Mahatma Gandhi über Luther bis zu Jesus, oder sogar ich selbst. Und mein Motto ist immer Heal The World, We Are The World, Earth Song, Rettet unsere Kinder, Helft unserem Planeten. Und die Leute schikanieren mich dafür, aber es tut nicht weh, denn die Fan Base wird immer stärker. Und je fester du auf etwas drauf haust, desto härter wird es – desto stärker wird es. Und das ist genau das, was passiert. Ich bin unverwüstlich. Ich habe eine Rhinozeros Haut. Mich kann nichts verletzen. Nichts.

Pharrell: Das ist genau der Punkt. Ich wollte nur sagen, du bist erstaunlich, Mensch. Was du für die Musik getan hast, was du seit Billie Jean bis “That’s What You Get (For Being Polite)” für die Musik getan hast….(singt)

Michael: Oh, du kennst das? (lacht)

Pharrell: (singt) „Jack still sits all alone…“

Michael: Oh Mann, du kennst die alle… (summt ein Gitarren Riff)

Pharrell: Auch wenn ich nie mit dir arbeiten werde, weiß ich doch, dass du nicht aufzuhalten bist. Deshalb sagte ich, dass wenn du 100 bist und dich verchromen lassen würdest, dass sie immer noch alles mögliche sagen würden – und mir ist es gleich, was sie über dich sagen – sie wären trotz allem sofort da, um es zu sehen.

Michael: Da gibt es viel Eifersucht. Ich liebe alle Rassen, ich liebe alle Menschen, aber manchmal ist ein Teufel in den Menschen, und sie werden eifersüchtig. Immer wenn jemand sein Licht über den Horizont dessen steigen lässt, was bisher möglich war, werden die Menschen eifersüchtig und versuchen, denjenigen wieder runter zu bringen. Aber das können sie mit mir nicht tun, denn ich bin sehr, sehr stark. (lacht) Sie wissen das nur nicht.

Pharrell: Sie wissen das! Glaub mir bitte, sie wissen es

Michael: Jeder andere wäre schon angeknackst jetzt; mich können sie nicht knacken, ich bin zu stark.

Pharrell: Natürlich. Sie bekamen dich nicht klein, als du 10 warst und erwachsene Männer mit dem ausgestochen hast, was du mit deiner Stimme und deinem Talent machen konntest. Und als du 20 warst, hast du Leute übertroffen, die das schon 20 oder 30 Jahre lang gemacht haben. Und heute wollen sie immer noch sehen, wo du stehst. Sie wollen deine Kinder sehen, sie wollen deine Welt sehen. Du bist erstaunlich, das wollte ich dir einfach sagen. Und ich hoffe, das wird alles gedruckt, denn das ist so wichtig für mich. Ich hoffe, ich werde eines Tags mal nur halb so taff sein wie du.

Michael: Oh, Gott segne dich. Du bist auch wunderbar. Ich wünsche dir einen schönen Tag…

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Übersetzung: M.v.d.L

 

Review: “In The Studio With MJ” – Seminar von Brad Sundberg

Eine Review zum „In The Studio With MJ-Seminar“ mit Brad Sundberg am 18. + 19. April 2014 in Amsterdam.

itswmj

In diesem Artikel werdet ihr keine Punkt für Punkt Zusammenfassung von all dem bekommen, was wir in diesem Seminar hören, sehen, fühlen und erfahren durften. Es ist eher als Überblick zu verstehen, als Versuch, wenigstens einen kleinen Eindruck über Brads Seminare zu vermitteln – wobei es natürlich klar ist, dass kein Bericht jemals wirklich beschreiben kann, was diese Veranstaltung ausmacht. Es kann nicht mit Worten wiedergegeben werden, was man an Audios, Videos und durch Brad und seine Art, zu erzählen, vor Ort vermittelt bekommt. Brad hat ein großes Talent, seine Erfahrungen, Geschichten und Informationen unterhaltsam weiterzugeben. Sein Respekt und seine Verbundenheit zu Michael sind immer zu spüren, auch seine Freude darüber, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und Augenzeuge der Talente und der Hingabe eines Bruce Swedien, Quincy Jones, Steve Porcaro, Bill Bottrell usw gewesen zu sein. Es war niemals langweilig oder ermüdend, ihm dabei zuzuhören, wie es damals im Studio mit Michael Jackson war. Diese 4 und 6, (und sogar noch mehr…) Stunden waren von Anfang bis Ende interessant, informativ, auch amüsant und natürlich oft emotional. Allein dafür schon ein großes Danke an Brad!

Brad Sundberg MJ

- Brad Sundberg und Michael Jackson -

Auch wenn einige der Geschichten, die Brad erlebt hat und erzählt, mittlerweile schon im Internet kursieren, ist es eine völlig andere Sache, sie doch direkt von ihm zu hören – und meistens kombiniert mit einem dazugehörendem Audio oder Video. Dazu durften Fragen gestellt werden, was natürlich jeder Veranstaltung einen eigenen Stempel aufdrückt.

>>Wer beabsichtigt, an einem dieser Seminare teilzunehmen, und sich möglichst viele „Überraschungsmomente“ erhalten möchte, sollte vielleicht diesen Text jetzt nicht weiterlesen, da wir zwar nicht auf alles eingehen werden, aber sicher einige Höhepunkte erwähnen. Andererseits denken wir, auch wenn man vorher weiß, was einen ungefähr erwartet, wird es der Freude an einem Live-Seminarbesuch nicht wirklich etwas nehmen können.<<

Wir haben in Amsterdam an zwei verschieden Veranstaltungen teilgenommen. Das erste war ein sehr ungezwungenes 4-stündiges Treffen am Freitag Abend, (Shoe’s Optional” – mit integriertem „Sockenkontest“ :) ) mit etwa 15 Leuten, bei dem Brad nicht nach einem Script oder einen vorgegebenen Ablauf vorging; das andere war das 6-Stunden Seminar am Samstag, welches mit 50 Teilnehmern bis auf den letzten Platz besetzt war. Bei diesem Seminar geht Brad anhand eines Scripts vor – allerdings nicht zwingend – d.h. er hat immer Zeit und Raum, um auf Fragen, Wünsche, Änderungen und Wiederholungen einzugehen, so dass man davon ausgehen kann, dass keines dieser Seminare genau einem anderen gleicht. Somit ist auch das 6-Stunden-Seminar sehr locker und ungezwungen. Es war so, dass ein paar der Demos, die wir Freitag Abend etwas ausführlicher hören und sehen durften, auch im Samstag-Seminar gezeigt/gespielt wurden. Dazu kann man nur sagen: Zum Glück war das so, denn so konnten wir die schönsten, beeindruckendsten Beispiele gleich zweimal genießen.

Da wir wie erwähnt an zwei verschiedenen Veranstaltungen teilnahmen, ist das, was jetzt folgt auch kein chronologischer Abriss eines Seminars, sondern eine Zusammenfassung von diesen beiden Terminen. 

Auf ein paar spezielle Einspielungen wird hier auch deshalb nicht eingegangen, um den folgenden Veranstaltungen (z.B. in St. Petersburg) nicht die Überraschung zu nehmen.

Die ‘Reise ins Studio’ begann mit den Tönen von einem Demo zu „Earth Song“. Sehr berührend dieses frühe a-capella-Demo und diese ersten Harmonien aus dem Jahr 1988, noch mit unvollständigen Lyrics – aber dennoch auch in diesem frühen Stadium schon mit genau dem Feeling, welches auch die Jahre später veröffentlichte Version von „Earth Song“ ausmacht. Wir können nachvollziehen, dass Joe Vogel wohl fast vom Stuhl gefallen ist, als er das in einem Seminar zum 1. Mal hörte. Man muss sich nur vorstellen, er schrieb diese Abhandlung zum Epos „Earth Song“ und bekommt dann DAS zu hören! 

Ziemlich zu Beginn (und auch später immer mal wieder :)) outed Brad sich als GROSSER Fan von „Streetwalker“ – einem Song, an dem Michael für das BAD-Album arbeitete. Obwohl (oder weil…) Quincy den Song so gar nicht mochte, mietete Michael einfach das Studio 9 an und bastelte dort mit einem Team weiter daran. Michael liebte den Song! Letztendlich schaffte „Streetwalker“ es damals nicht aufs Album. Der Favorit von Quincy Jones und Frank DiLeo: „Another Part Of Me“ machte das Rennen. Brad ist ohne Frage großer Fan von „Streetwalker“ und es kam die Frage auf, warum es das Duo mit Stevie Wonder „Just Good Friends“ auf das Album geschafft hatte. Wir erfuhren aber auch von Brad, dass Michael und Stevie sich wie Brüder liebten und das wohl ein guter Grund dafür gewesen sein mochte.

Wir hörten 2 verschiedene Demo-Versionen von „Streetwalker“ (beide anders als die schließlich auf „Bad 25“ veröffentlichte Version)und dieser Song ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch hervorragende Stücke nicht immer den Sprung auf ein Album schafften – und nicht nur Brad ist glücklich darüber, dass der Song dann auf BAD 25 endlich gewürdigt wurde.

An der Stelle muss noch erwähnt werden, dass Brad selbstverständlich eine sehr gute Soundanlage hatte, und jeder Song, jedes Demo ein absoluter Hörgenuss war – und es niemals den Wunsch gab, die oft beträchtliche Lautstärke zu reduzieren, auch wenn Brad vorsichtshalber immer wieder nachfragte, ob es uns nicht zu laut sei (eher im Gegenteil – man wünschte sich oft „lauter!“ – und dieser Wunsch wurde gerne erfüllt).

Brad erzählte auch, dass Michael es liebte, im Studio die Musik sehr, SEHR laut zu hören, und es dadurch einigen Verschleiß an Lautsprechern und Kopfhörern gab, die auf Dauer wohl nicht dieser Lautstärke gewachsen waren.Wenn Brad die Lautstärke aufdrehen sollte, kam von Michael ein: „Hurt me, Brad, hurt me!“ („Tu’ mir weh, Brad!“)

Hurt Me

- Michael liebte laute Musik – und große Boxen… -

Hier sei auch ein Hinweis auf die Geschichte erlaubt, wo Bruce Swedien und Matt Forger das Gitarrensolo von Van Halen zu „Beat It“ auf ‘Michael-Lautstärke’ anhörten und dabei ein Lautsprecher überhitzte und Feuer fing.

Ein weiteres wunderbares Demo, was Brad uns vorspielte, war „I Cant Help It.“ Brad beschrieb es als Top-Beispiel für etwas, was Quincy Jones „3-Part-Rhythm-Section“ nennt. Damals waren die Studios mit immer besseren Geräten ausgestattet. Immer mehr Tonspuren waren möglich und sie probierten damit herum.Laut Brad, waren all diese Spielereien mit der Zeit etwas ermüdend und Quincy sehnte sich nach etwas ganz Einfachem, einer “3-Part-Rhythm-Section”.

Auf dem „I Cant Help It“-Demo war lediglich ein Schlagzeug, eine großartige Pianobegleitung und natürlich Michaels wunderbar perfekter Leadgesang zu hören. Absolut beeindruckend und ein wirklich hervorragendes Beispiel für die Qualität und „soulfulness“ von Michaels Stimme, völlig pur.

Besonders nah ging uns auch die Geschichte zu den Gesangs-Aufnahmen von „Keep the Faith“. Ein Moment der Brad bis heute sichtlich berührt und uns alle mucksmäuschen still seinen Worten und anschließend dem Song noch mal ganz anders lauschen ließ. 

Sowieso, werden wir künftig noch viel genauer hinhören. Es ist nicht so, dass es ‘entzaubert’ in den Schaffensprozess eingeweiht worden zu sein, sondern im Gegenteil, es ermöglicht einem, noch mal auf eine neue Art zu hören/erleben und macht den immensen Zeitaufwand für die Produktion eines Albums greifbarer.

Sehr beeindruckend – und nicht weniger unterhaltsam – waren auch die Songs, die Brad in Form eines etwa 14-spurigen, digitalen „Multitrack-Mixboard“ mitbrachte. Dieses ist ein digitales Board, auf dem man die unterschiedlichen Tonspuren (Lead-Vocals, Background-Vocals und alle beteiligten Instrumente und sogar eine extra Spur nur für Michaels Fingerschnippen…) getrennt voneinander hören kann, bzw. man kann verschiedene Spuren kombinieren oder isoliert abspielen. Hört man so z.B. nur Michaels Lead-Gesang, erkennt man Dinge (wie z.B. seine mit aufgenommenen „Tanzgeräusche“) natürlich sehr viel deutlicher, als im fertigen Mix. Auf diese Weise durften wir immer neuen, quasi „frisch gemixten“ Versionen von „Bad“ und „Blood On The Dancefloor“ lauschen, wobei das Highlight für uns dabei aber Michaels Lead-Vocals in dieser puren Form, vor allem bei BOTDF, waren. (Wow! Please do it again, Brad!) Unglaublich die Vorstellung, man hätte selbst die Möglichkeit, sich in diesen reinen Vocals so oft und lange wie gewünscht zu verlieren!

Blood On The Dancefloor Michael

Brad erklärt natürlich auch etwas zur technischen Seite dieser Multitracks. Er beschrieb z.B. anhand von David Williams Gitarrenspiel beim Song „Bad“, welcher Aufwand und welches Können dahintersteht. Auch die Bläser waren sehr beeindruckend. Beim Anspielen der einzelnen Tonspuren entdeckten wir einmal sogar eine Maultrommel oder das nur selten auftauchende ‘Bumm’ einer Basstrommel, alles Ingredienzen, die einen Song perfektionieren.

Aufgrund des besonderen Aufnahmeverfahrens von Bruce Swedien (von Quincy Jones und Bruce Swedien „Acusonic Recording Process“ genannt (Info:  http://www.gearslutz.com/board/showwiki.php?title=Tips-and-Techniques:Acusonic-Recording-Process-Bruce-Swedien), wurde jedes Instrument jeweils für die rechte und linke Box getrennt aufgenommen und dazu noch jeweils gedoppelt. D.h. David Williams spielte seinen kompletten Gitarren-Part (der noch dazu in dieser „Bad“-Gesamtversion über 8 Minuten geht – eine Länge die übrigens üblich war, um für eventuelle Dance-Mixes vorbereitet zu sein) – 4 mal ein. Das Können der Musiker zeigte sich darin, dass ihr Spiel bei der zweiten Aufnahme fast deckungsgleich verlief (…wobei genau dieses „fast“ den besonderen Reiz ausmacht, weil es lebendiger und voller klingt.)

Es wurde nie etwas einfach nur einmal eingespielt, dann kopiert und vervielfacht. Jedes Instrument, und natürlich auch jede Background Harmonie von Michael wurde auf diese Weise mehrmals aufgenommen und dann zu einer Spur zusammengefasst. 

(Anmerkung: das ist wahrscheinlich eine sehr vereinfachte Wiedergabe dieses Prozess’ – da wir aber völlige Laien auf diesem Gebiet sind, geben wir hier nur wieder, wie wir es verstanden haben.) Da wir alle Michaels Background-Chorgesang kennen, heißt das, dass dementsprechend auch all diese 6- oder 8-stimmigen Harmonien, mehrmals aufgenommen wurden. Hier sei noch mal erwähnt, dass nicht wie heute üblich ein Part eingesungen, kopiert und vervielfältigt wurde, sondern der ganz lange Weg gegangen wurde. Michaels tat das sogar bis zu 16 Mal über die volle Länge! (Vocals links 8 Mal und Vocals rechts 8 Mal = 8 stimmiger Chor)

Swedien, jones, jackson

- Michael Jackson, Quincy Jones, Bruce Swedien -

Ach und da kommt mir noch der wummernde Bass zu „Who Is It?“ in den Sinn (ich kann ihn sofort wieder fühlen). Auch bei dem Song wurde am digitalen Mischpult veranschaulicht, welche exzellenten Tonspuren zu der Komplexität führen, die wir an Michaels Alben so schätzen. Brad stellte auch ganz klar Bill Bottrells Talent heraus, nicht zuletzt bei einer Gegenüberstellung von dem fantastischen „Monkey Business“ (Gänsehaut!!!) zu „If You Don’t Love Me“ (welches dagegen sehr einfach gestrickt wirkt). Alleine all das SO laut über eine grandiose Anlage zu hören, war genial.

Anhand dieser Beispiele und Brads Erläuterungen zum Aufwand, aber auch zum dazugehörigen Können und Talent der Musiker, war es gut zu verstehen, was zum einen die Qualität von Michaels Alben ausmacht, aber es erklärte auch, warum die Arbeit daran so viel Zeit in Anspruch nahm und ist ein Grund, weshalb auch die Produktionskosten relativ hoch waren. Wenn man dann noch Bruce Swediens nahezu ‘wissenschaftliches Vorgehen’ beim Einfangen der Sounds dazu nimmt (Brad spricht immer mit großem Respekt von Bruce’ Können), kann nur Magie erschaffen werden (natürlich ist bei „Bad“ nicht Quincy Jones Talent zu vergessen! (Verzeihen wir ihm mal „Streetwalker“ rausgekickt zu haben ;))

Brad spielte u.a. auch noch einige andere Demoversionen. Ein frühes Demo, ließ die ersten Ansätze zum von Teddy Riley produziertem „Jam“ erklingen, und wir taten uns tatsächlich schwer es herauszuhören, bis es typische Züge annahm. Dann war da eine weitere Aufnahme, bei der zunächst niemand erkannte, um welchen Song es sich handelte. Erst eine spätere Version klärte, dass es sich um „Someone Put Your Hand Out“ handelte – wobei sich die frühe Version sehr von der endgültigen unterschied.

Wir hörten auch das Original Demo von „For All Time“ – von Steve Porcaro (von Toto), ein Lied welches Porcaro ursprünglich für seine Tochter schrieb. Michael mochte den Song und sang ihn 1990 für das Dangerous Album ein. Veröffentlicht wurde „For All Time“ dann aber doch erst 2007 auf Thriller 25.

EDIT (Juli 2014) In Brads Seminaren im Juni in LA war Steve Porcaro persönlich anwesend, und berichtete über die von ihm geschriebenen Songs Human Nature und For All Time

Demnach ist Human Nature der Song, den Steve für seine Tochter schrieb, nachdem sie in der Schule von einem Jungen gemobbt wurde. Die Lyrics lauteten ursprünglich: 

l tell her that it’s human nature


When she asks,

Why, why
 does he do it that way?”

Steve Porcaro stellte den Song zuerst seiner Band Toto vor, die ihn aber ablehnten, weil sie ihn nicht für einen guten „Stadion-Rock-Song“ hielten.

(Natürlich wurde Human Nature durch Michael später zu einem super Stadion-Song :)

Human Nature kam eigentlich auch nur zufällig zu Michael, da Steve Porcaro noch ein paar andere Demos aufnahm, um sie Quincy Jones vorzuspielen. Da er keine leere Kassette hatte, spielte er diese Demos auf die Rückseite der Kassette, auf der schon seine Demo-Version von Human Nature drauf war. Steve bezeichnete diese Seite (mit HN) dann als B-Seite, und die neuen Demos, die Quincy sich anhören sollte, als A-Seite. Quincy hörte jedoch nicht nur die A-Seite, sondern zufällig auch die B-Seite, und er war direkt von der Stimmung von Human Nature begeistert. Die Lyrics wurden dann von John Bettis überarbeitet. Als Michael den Song aufnahm, brauchte er dazu nur wenige Takes.

Zu For All Time gab es auch ein paar neue Informationen von steve Porcaro: Er bestätigte, dass dieser Song nicht zu den Thriller Outtakes gehört (obwohl er als solcher auf Thriller 25 veröffentlicht wurde), sondern aus der Dangerous Zeit stammt, und Michael ihn auch nur da einmal einsang.

Der dritte Song, den Porcaro für Michael schrieb, ist Chicago 1945. Auf einem dieser Seminare in LA spielte Steve ihn sogar vor. Auch dazu gab er ein paar interessante, neue Informationen:

Das traurige dabei ist, dass jeder diesen Song mittlerweile gehört haben könnte, wenn die Plattenfirma es richtig angegangen wäre. Vor Veröffentlichung des Xcape Albums, fragte man Porcaro um die Genehmigung, Chicago 1945 darauf zu veröffentlichen, aber er gab nicht seine Erlaubnis dazu. Er sagte zu uns: „Es scheint so zu sein, dass die Songs heute sofort zu einem Remix verarbeitet werden“. Es war deutlich zu erkennen, dass dieses Vorgehen ihm nicht gefiel. Und während ich als Fan diesen Song sicher gerne in meiner Sammlung hätte, respektiere ich doch voll und ganz die Einstellung Porcaros. Ich denke, als Musiker und Songschreiber versteht er sehr gut, was die Unversehrtheit eines Songs für den Künstler bedeutet. Und als Kollege von Michael weiß er auch zweifelos, wie sorgfältig Michael mit seinen Kompositionen umging. „Weniger ist Mehr“ war ein Prinzip, was sowohl für Quincy als auch für Michael sehr wichtig war. „Chicago 1945 ist ein großartiger Song, der sicher keine „zeitgemässe“ Überarbeitung nötig hat, und der es verdient so gehört zu werden, wie er ist.“

(Quelle: http://www.michaeljackson.ru/eng/steve-porcaro-chicago-1945/)

TWYMMF grammys 1988

- The Way You Make Me Feel – Grammys ’88 -

Interessant war auch die Geschichte, wie 1988 das langsamere Intro für „The Way You Make Me Feel“ anlässlich Michaels Auftritt bei den Grammys aufgenommen wurde. Da Michael für dieses Ereignis etwas Besonderes erschaffen wollte, sich aber schon in Pensacola befand, wo die Proben für den zweiten Teil seiner BAD-Tour im Pensacola Civic Center stattfanden, mussten sie improvisieren. So wurde eine alter Truck mit aller nötigen Technik ausstaffiert vor dem Hotel geparkt. In Michaels Hotelraum richtete man dann eine Aufnahme-Box ein (d.h. man stellte einfach Matratzen an die Wände!). Brad verkabelte das Hotelzimmer aus dem Fenster heraus mit dem geparkten LKW, und während Michael oben im Zimmer das TWYMMF Intro einsang, zeichnete er es unten auf (und wir alle können hören, wie gut das geworden ist!)

Ein wirkliches Highlight war auch der etwa 15 Minuten Zusammenschnitt eines Audios einer Session während der Arbeit am Dangerous-Album, die im Original über mehrere Stunden ging, und in deren Verlauf „Give In To Me“ entstand. Vor Beginn dieser völlig zwanglosen Session hatte Michael Brad gefragt welche Musik er gerne höre und kurzerhand wurde ein Runner losgeschickt, der eine Auswahl der genannten CDs (Pink Floyd, Led Zeppelin, Jimmy Hendrix, ELO usw.) besorgte. Brad, Bottrell und Michael hörten dann also Stunden lang Musik, aßen Pizza, (Brad und Bill hatten dazu ein paar Coronas :) ) erzählten und Bottrell ‘klimperte’ auf seiner Gitarre herum. Da fragte Michael, wie es wäre, einfach ein Mikrofon anzuschließen und zu sehen was passiert. Auf Brads Audio hört man dann zuerst lediglich einen einfachen, programmierten Drumbeat, wozu Gitarrenriffs erfunden werden und Michael mit seiner Stimme und der Melodie spielt, dann skattet er einzelne Worte, woraus sich erste Lyrics entwickeln (wobei es beeindruckend ist, wie viele dieser spontan entstandenen Lyrics wirklich auch in der endgültigen Version noch unverändert zu finden sind). Es ist sicher einmalig, wie man auf diese Weise die Entstehung und Entwicklung dieses Songs mitverfolgen kann und ein sehr anschauliches Beispiel für das, was Michael meint, wenn er sagt: „Lass den Song zu dir sprechen, lass ihn dir sagen, in welche Richtung er gehen will.- Schreib nicht die Musik – lass die Musik sich selbst schreiben.” („Don’t write the music, let the music write itself“) In dieser „Give In to Me“-Session ist genau das spürbar – absolut faszinierend. Ein tolles Dokument, welches wir Dank Brad hören durften.

Hier ein winziger Teil des Audios von dem, was dieser “Out of the moment”- Session vorausging:

Da Brad nicht nur an Michaels Alben im Studio mitarbeitete, sondern lange Zeit auch für die Ausstattung der Neverland-Ranch mit Soundtechnik zu ständig war, berichtete er auch über seine Zeit dort. Eine der Geschichten ist, dass Michael ihn einmal beauftragte, direkt hinter dem Neverland Haupttor eine – natürlich unsichtbare – Soundanlage zu installieren, damit die Besucher beim Öffnen der Tore mit Musik empfangen wurden. Selbstredend wurde es eine sehr leistungsstarke Anlage – mit versteckten Boxen in Bäumen und im Boden. Brad mixte zum Einstellen eine CD mit einem Medley von Michaels eigenen Hits. Dann kam der Tag, an dem er Michael die Anlage vorführte und seinen Mix in voller Lautstärke abspielte. Michael war von dem Sound sichtlich begeistert, wollte es immer noch lauter („Hurt me Brad!“) und tanzte und groovte vor seinem Tor zu „Billie Jean“. Brad freute sich riesig, dass sein Werk so gut ankam. Aber als die CD durchgespielt war, sagte Michael er wolle nicht seine eigenen Songs dort haben, sondern er wünsche sich zur Begrüßung der Gäste „Danny Boy“, eine sehr melancholische Ballade. Brad war entsetzt und versuchte Michael zu überzeugen, dass die Gäste sicher gerne am Tor Michaels Musik zur Begrüßung hören würden – aber Michael blieb bei „Danny Boy“. Er meinte es sei ihm unangenehm, wenn dort seine eigene Musik lief. Von da an wurde auch Brad – zu seinem Leidwesen – bei seinen unzähligen weiteren Besuchen Neverlands von „Danny Boy“ begrüßt (eine Melodie die seiner Meinung nach nur auf Beerdigungen von Feuerwehrmännern gespielt wurde :) )

neverland gate

In einer anderen Geschichte über Neverland berichtete Brad, wie er eine Soundanlage in Michaels Reptilienhaus – einer umgebauten Scheune – installierte. In dem Raum gab es viele Schaukästen für die Schlangen hinter dickem Glas. Besonders bei den Klapperschlangen gab es zwei Probleme: Die Schlangen gewöhnten sich schnell an die Besucher (und rasselten dann weniger) und man konnte ihr beeindruckendes Rasseln nicht durch das dicke Glas hören. Michael und Brad hatten dann die Idee ein Mikrophon innerhalb des Kastens und einen Lautsprecher außerhalb zu positionieren. Brad ging dann sogar noch weiter und schlug vor, über den ganzen Weg durch das Reptilienhaus Lautsprecher in Höhe der Fußknöchel zu installieren. Der Schaukasten wurde dann mit einem Vorhang abgedeckt, damit die Schlangen die Menschen nicht sehen konnten und sich nicht an ihre Anwesenheit gewöhnten. Kamen dann Besucher in den Raum, zog man den Vorhang weg, und die Klapperschlangen klapperten…. Durch die Anordnung der Boxen in Fußhöhe hörte es sich an, als schlängelten sich die Schlangen unten am Boden, zwischen den Füssen herum. Michael amüsierte sich jedes mal köstlich, wenn die Leute vor Schreck herumsprangen – er liebte solche Art Streiche.

Brad berichtete auch darüber, wie Busladungen voller Kinder und Betreuer auf Neverland ankamen und dass er oft sah, wie Michael sich mit diesen Kindern beschäftigte und spielte, und es war ganz offensichtlich, dass Kinder für Michael sehr viel bedeuteten und er von ganzem Herzen zum Glück dieser Kinder beitragen wollte.

Sean Lennon MJ

- Michael mit Sean Lennon -

Außer der vielen Audios, in deren Genuss Brad uns kommen lies, hatte er auch noch ein paar wunderbare Videos im Gepäck. Z.B. gibt es eine schöne Aufnahme, entstanden während der Aufnahme des HIStory Albums in der Hit-Factory in New York, in der man Sean Lennon und Michael dabei beobachten kann, wie sie mit einem seltsamen Instrument experimentieren. Es handelt sich um eine Theremin, (http://de.wikipedia.org/wiki/Theremin) ein elektronisches Musikinstrument, bei dem man durch die Bewegungen der Hände über zwei Elektroden unterschiedliche Schwingungen erzeugt, die dann als Töne hörbar werden. Man sieht Michael und Sean mit diesem Instrument spielen und spürt regelrecht die Freude, die beide daran haben. Wunderschön auch solche Augenblicke aus dem Studio-Leben sehen zu dürfen. (Brad erwähnt noch, dass das Instrument niemals wirklich Verwendung fand, dass Michael aber sehr oft Instrumente von überall her zum ausprobieren ins Studio geliefert bekam…)

In einem anderen Video, ebenfalls aus der Hit-Factory NY, sieht man den Andrae’ Crouch Choir, zuerst während eines ungezwungenem Gospel-warm-up, welches schließlich in einer Art Gebet endet, bei dem alle Anwesenden – inklusive Michael – sich im Kreis an den Händen halten und singen – sehr berührend. In einer weiteren Sequenz erlebt man dann wie Mitglieder des Chors für ihren Part bei „They Don’t Care About Us“ proben – und entdeckt lustiger weise, dass Andrae in diesem Hightech Studio einen wirklich sehr simplen, blechern klingenden Kassettenrekorder benutzt, um das bereits bestehende TDCAU Demo ab zuspielen, zu dem er dann den Chor arrangiert. Auch während dieser Aufnahmen ist immer wieder Michael zu sehen, wie er etwas abseits steht und interessiert dem Geschehen folgt.

Zum Schluss möchten wir noch das Video erwähnen, was sicher bei den meisten Anwesenden emotional am tiefsten ging und zu Tränen rührte…. (Da wir an zwei Veranstaltungen teilnahmen, hatten wir das große Glück, es zweimal sehen zu dürfen.) Es handelt sich um die Aufnahmen des Orchesters für „Smile“ und „Childhood“. Ein Teil des Videos ist ein von Brad sehr schön gemachter Zusammenschnitt von Bildern und Sequenzen der Orchestermusiker und der anderen, im Studio anwesenden Personen, zur Musik von „Smile“. Danach sieht man Michael, wie er in seiner Aufnahme-Box vor dem Orchester steht während es „Childhood“ einspielt. Da Michael die Instrumente über seine Kopfhörer hört, kommen wir in den Genuss seiner puren Stimme und werden Zeuge, wie er Childhood „live“ und in einem Take einsingt. Man sieht, wie er aus seiner Aufnahme-Box heraus begeistert mit dirigiert, zustimmende Zeichen mit Händen und Armen gibt, sieht auch auf seinem Gesicht wie viel Gefühl er in diesen Song legt und wie viel Glück und Freude er ausstrahlt, als er diesen sehr persönlichen Song singt. Es ist absolut phantastisch „dabei“ zu sein und eigentlich nicht mit Worten zu beschreiben. 

 Diesen Song a capella hören und Michael dabei zusehen zu dürfen, ist ein großes Geschenk – und macht uns sprachlos.

In diesem Moment war jedem der Anwesenden völlig klar, warum er dort war – und welchen Menschen wir alle verloren haben. Sicher der emotionalste Moment des Seminars.

Childhood

Soweit also unser kleiner Einblick über eine Auswahl der Dinge, die euch bei einem „In The Studio With MJ-Seminar mit Brad Sundberg“ erwarten. Wir können jedem empfehlen, der die Möglichkeit hat, an einem dieser Seminare teilzunehmen, es zu tun. Für uns waren es zwei wunderbare, sehr lohnenswerte Tage in Amsterdam. Die Eindrücke und Bilder sind in jedem Fall einzigartig und unvergesslich.

Dazu wurde sich auch noch gut um uns Gäste gekümmert und die Location (unter dem Dach einer Kapelle mit ihren alten Kreuzbögen und bunt verglasten Kirchenfenstern) war sehr stimmig und würdig.

 Thank you very much, Brad!  This was really, really Brad!  

♥ Martina & ♥ Karin

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Mehr Infos über die „In The Studio With MJ“ – Seminare von Brad Sundberg gibt es hier:

http://inthestudiowithmj.com

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„How I Make Music“ – Michael spricht über den kreativen Prozess und das Songschreiben

I love to write songs.

It’s one of my favorite things to do. It’s very spiritual. It’s a connection. I’m just a source through which it comes. I’m inspired by a lot of things but it’s done in the heavens. I listen to the music and I just create from there.“

- Michael Jackson

★ ★ ★

Ich liebe es, Songs zu schreiben. Es ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Es ist sehr spirituell. Es besteht eine Verbindung. Ich bin nur die Quelle, durch die es hindurch fliesst. Ich bin von vielen Dingen inspiriert, aber es wird im Himmel gemacht. Ich höre der Musik zu, und erschaffe daraus.“

★ ★ ★

studioa

Michael Jackson konnte weder Noten lesen noch schreiben und spielte wohl auch kein Instrument perfekt – wenn er auch verschiedene Instrumente etwas spielen konnte, wie Piano, Gitarre oder Schlagzeug. Michael hörte die kompletten Arrangements seiner Songs in seinem Kopf:

Die Lyrics, die Saiten-Instrumente  die Akkorde, alles kommt in einem Augenblick, wie ein Geschenk, was dir in den Kopf gegeben wird und so höre ich es.“ (Dangerous Deposition 1994)

Um diese Dinge, die er in seinem Kopf hörte weiterzugeben, sie mit Instrumenten umsetzen zu lassen, sang er das, was er hörte – jedes Instrument, den Rhythmus, die Harmonien, das komplette Song-Arrangement – in einen Tape-Rekorder – oder auch ggf. auch gleich den entsprechenden Musikern vor. Auch die Tontechniker und Produzenten die im Studio an den Tracks arbeiteten, waren begeistert von seiner Genialität. 

Rob Hoffman (Toningenieur) beschreibt den Prozess so:

Eines Morgens kam Michael herein mit einem neuen Song, den er über Nacht geschrieben hatte. Wir holten einen Gitarrenspieler hinzu, und Michael sag ihm jede einzelne Note von jedem Akkord vor. ‚Dies ist der erste Akkord, erste Note, zweite Note, dritte Note. Dies ist der zweite Akkord, erste Note, zweite Note, dritte Note,’ etc. Dann wurden wir Zeuge davon, wie er die innigste und tiefempfundendste stimmliche Performance gab, live im Kontrollraum mit einem SM57 (-Mikrofon). Er sang uns das gesamte Streicherarrangement vor, jeden Teil. Steve Porcaro erzählte mir einmal, dass er beobachtet hätte, wie Jackson das mit den Streichern in dem Raum getan hat. Er hatte das alles in seinem Kopf, die Harmonien und alles. Nicht nur einfach Ideen von kleinen Achttaktern. Er sang tatsächlich das gesamte Arrangement in einen Mikrokassettenrecorder, komplett mit Pausen und Einfügungen.“

http://lacienegasmiled.tumblr.com/post/77598143356/demo-of-beat-it-composed-using-only-michael

(in diesem link gibt es auch das Beat It acapella zu hören, in dem Michael die verschiedenen „Lagen“ des Arrangements – Vocals, Harmonien, Rhythmus…- singt und beatboxt)

how i write songs

Ein interessantes Interview darüber, wie Michael Jackson arbeitete, kann man im Audio der Dangerous Deposition hören.

(Songwriter Crystal Cartier hatte Michael Jackson wegen eines angeblichen Plagiats verklagt und Michael wurde während der Aussage vor Gericht zu seinem Prozess des Song-Schreibens befragt.)

Im folgenden jetzt 2 Audios der Dangerous-Deposition, mit den Ausschnitten, in denen Michael darüber spricht, wie er Songs schreibt, wie er Songs erschafft.

(Was natürlich schwer zu beschreiben ist – und noch schwerer als schriftliche Übersetzung wiederzugeben ist – deshalb unbedingt die Audios anhören, auch weil dort viel Beatboxing und acapella Gesang von Michael enthalten ist….)

Dangerous-Deposition/Vid 1

Michael: „Normalerweise, wenn ich Songs schreibe, übertrage ich die Songs mündlich auf einen Kasettenrekorder. Bei dem Song „Streetwalker“z.B., der einen treibenden Bass („a driving Bass lick“) hat und über den ich gerade sprach, nahm ich einen Casettenrekorder und sang den Bass-Teil in den Rekorder. (…beatboxt den Streetwalker-Bass-Lick…5:03) …ich nehme diese Bass Spur und singe darüber die Akkorde der Melodie. Dadurch wird die Melodie inspiriert und all die anderen Sounds, die ich in meinem Kopf höre. Das ist die Bass-Linie – und ich benutze den Moog (Synthesizer) und eine Bass Gitarre um diesen Sound, den ich in meinem Kopf höre, zu erschaffen.

Anderes Beispiel: Billie Jean… ich fuhr im Auto, und es begann auch wieder mit der Bass-Spur. (…beatboxt Bass-Line von Billie Jean… 6:03)… und darüber hinaus höre ich die Akkorde… (beatboxt Whoo…Whoo….) und dann die Melodie…(singt: „she was more like a beautyqueen…“) … und die Lyrics, die Strings… die Akkorde… ALLES kommt in diesem Moment, wie ein Geschenk, was einfach in deinen Kopf kommt… das ist, wie ich es höre.“

Frage: Sie begannen einfach, den Text zu singen?

Michael: „Absolut… als ich sang „Billie Jean is not my Lover“… dachte ich nicht darüber nach, es kam einfach, es fiel mir plötzlich in den Schoß – und ich mochte es, ich fuhr schnell nach Hause, ich nahm mir ein Mikrophon und nahm die Sachen auf. Dann bin ich ins Studio, lies die Musiker kommen, und gab jedem seinen Teil. So wurde es erschaffen. Und es ist bei anderen Songs, die schrieb, genauso.“

Frage: Können sie Noten lesen?

Michael: „Nein, kann ich nicht. Ich glaube nicht, dass es notwendig ist.“

Dangerous-Deposition/Vid 2

Michael (über „Dangerous“): „Beim ersten Teil wußte ich, ich möchte einen Sprechgesang, eine Art Rap… (spricht Text von Dangerous: „As She walked in the Room /I Knew Right Then And There / There Was Something Different About This Girl….).. das ist in etwa die Strophe, dann geht es über in den B-Teil, der zum Chorus führt. (beatboxt/ singt „I Never Knew But I Was Walking The Line / Come Go With Me / I Said I Have No Time“… 0:55) Von dem B-Teil aus baut es sich auf.. (singt…“..She’s So Dangerous / The Girl Is So Dangerous“) … das ist, wie es entstanden ist… ich höre einfach diese Akkorde, die die Melodie inpirieren.“

Frage: Welcher Teil von dem ist die Vocal-Melodie?

Michael: „Das war der B-Teil, der in den Chorus übergeht. Wenn ich „Dangerous“ singe, hört man die hohen Strings, man hört den Höhepunkt der Komposition. Das bildet den Chorus. Die Strophe ist hier (unten) und der B-Teil ist wie Treppenstufen… und wenn du zum Chorus (Refrain) kommst, ist das der Höhepunkt, wie eine Explosion.“

Frage: Nochmal, welcher Teil ist die Vocal-Melodie? Singen sie einfach nur den Teil…

Michael: (singt – 2:10)„I never knew but I was Walking the line / Come go with me / I said I have no time…. Ich habe den restlichen Text vergessen.“ (lacht)

Frage: Erinnern sie sich daran, als sie diese Lyrics im Studio gesungen haben?

Michael: „Ja, tue ich. Billy Botrell war dort, Brad Sundberg war da… und es war… es war ein lustiger Tag, also nicht wirklich lustig. Also, ich singe für gewöhnlich im Dunkeln, weil ich einfach alles fühlen möchte… ich mag auch nicht, wenn die Leute mich dabei ansehen, ausser, wenn ich auf der Bühne bin… Also, alle Lichter waren aus, und genau, als ich zu Singen anfing, fiel diese riesige Wand auf meinen Kopf. Es verursachte ein lautes Knallen – es tat weh – aber ich realisierte erst am nächsten Tag, wie sehr es weh tat- und das ist auch auf dem Band zu hören, wenn du das Demo abspielst…“ (4:19 – Demo Dangerous wird gespielt – am Anfang der Knall…)

studioc

Auch in der Mexico-Deposition von 1993 wird Michael ausführlich gefragt, wie er seine Songs schreibt und ob es da einen bestimmten Prozess gibt. Auch wenn der Anlass unangenehm und überflüssig ist, und man es Michael gerne erspart hätte, dort zu sitzen – das was wir dadurch erfahren ist eigentlich sehr wertvoll – er beschreibt dort ausführlich wie nie, wie er einen Song kreiert –am Beispiel von The Girl Is Mine – inclusive sehr viel original Audiomaterial, welches dort bei der Deposition vorgespielt wird, damit wir es auch selbst detailliert hören können.

A Master At Work!

(Mexico Deposition: Michael wurde von Reynaud Jones und Robert Smith beschuldigt, Songs gestohlen zu haben (The Girl Is Mine, Thriller und We Are The World) Die Befragung fand am 8. und 10. November 1993 in Mexico City statt und ging über insg. 7 Stunden! Michaels Anwalt Howard Manning nimmt Michaels Aussage auf.  Am 11 Nov. 1993 gibt Michael noch ein letztes Konzert in Mexico City, zwei weitere werden abgesagt und die Dangeroustour abgebrochen.)

Mexico Deposition 2/16

(ab 1:20 – Tape „The Girl Is Mine“ läuft)

Michael (2:00): „Das bin ich, wie ich die Teile von „The Girl Is Mine“ schreibe… es erschaffe…

Frage: Unter welchen Umständen erstellten sie Ex. 4/89? (Tape von The Girl Is Mine)

Michael: „Einfach mit einem Kasettenrekorder, in dem ich Geräusche machte (beatboxt..und singt..TGIM..will gar nicht mehr aufhören.. )

Einspruch…Mr. Jackson..ich habe einen Einspruch! (Michael macht weiter…)

Michael: „Oh, so ging das, so hab ich das gemacht.“

Frage: Wie haben sie das..wie haben sie den Song von EX. 4/89 in ihre Gedanken bekommen?

Michael: „Wie ich schon zuvor sagte… Songs schaffen sich selbst… es kommt einfach aus mir heraus… es kommt von innen heraus… ich denke, ich bin die Quelle, durch die es fliesst..und sie fragten mich, wie ich es mache… und ich fing an es vorzumachen, damit sie ein Beispiel dafür haben, wie es geht und wie ich Songs erschaffe. Und wenn ich meine Musik erschaffe, dann mache ich diese Geräusche… Ich schreib ein Lied mit dem Namen „Who Is It“.

Frage: Wissen sie, wo sie waren, als das Lied TGIM in ihren Kopf kam, Mr. Jackson?

Michael: „Ich glaube, ich war im Haus in Encino, oder in einer anderen Wohnung, weil wir gerade das Haus in Encino renovierten, und in einer kleineren Wohnung waren.

F: Lassen sie mich noch etwas spielen für sie..von Ex 4/89, und dann irgendwo anhalten, und ihnen ein paar mehr Fragen zu stellen.

(Band von The Girl Is Mine spielt..Michael macht mit..)

Frage: Möchten sie uns vorführen, was sie auf diesem Band machen?

Michael: „Ja..“(singt The Girl Is Mine… und beatboxt) (ab 4:30)

Frage: Wenn sie diese Geräusche mit ihrem Mund machen, wofür ist das?

Michael: „Diese Geräusche sind die Rhythmen, die ich mache. Ich schrieb einen Song für das Dangerous-Album, „Who Is It“ , und was ich mache ist, dass ich einen Kasettenrekorder nehme und die Geräusche aufnehme, wie ich sie in meinem Kopf höre. Ich höre den Bass, ich höre die Percussion…und ich höre die Trommel… und „Who Is It“ geht so..(beatboxt Who Is It) Ich nehme also den Rekorder und mache darauf genau das, was ich in meinem Kopf höre…und so mache ich das…

Frage: Können sie uns vormachen, wie sie die Rhythmusgeräusche bei TGIM machen?

Michael: „Sicher…(macht The Girl Is Mine..singt…) Sorry, aber meine Stimme… ich bin wirklich heiser, ich hatte letzte Nacht ein Konzert…und meine Kehle ist…

Frage: Zum Tape, sie singen dort ein paar Lyrics aber nicht alle… Warum?

Michael: „Weil bestimmte Worte zu einer bestimmten Zeit in deinen Sinn kommen, mit dem Gefühl für die Melodie…bestimmte Worte kommen mit der Melodie…zu gleichen Zeit, wenn sie erschaffen wird, wissen sie. Heal The World, (singt) Make it A better Place..…. Ich habe nicht darüber nach gedacht, es kam einfach so, es kam mit der Melodie…Heal The World..ich dachte einfach wow, das ist schön…Heal The World, let’s heal our Planet..

(Tape wird weiter abgespielt)

Frage: Was machen sie da gerade, bei The Girl Is Mine?

Michael: „Ich mache…ich imitierte einen Moog-Bass… wenn sie den Bass am Keyboard spielen, dann gibt es da diesen kleinen… sowas wie einen Hebel…und das geht whuhuhu..das Geräusch ist so, wie dieses…(„whuhuhu“ …macht das Geräusch vor…) so wie das.

Frage: Danke! (das Band spielt weiter) Da singen sie ein paar hohe Noten..Was singen sie genau an dieser Stelle?

Michael: „Ich singe was ich über dem Chorus höre, den Teil der Saiteninstrumente…dadadada..(singt..) Diesen Teil des Liedes habe ich nie benutzt…“

Frage: Warum nicht?

Michael: „Weil es sich in eine andere Richtung entwickelte und wenn ich dem jetzt zuhöre, kann ich ihnen sagen, in welche Richtung es ging. Es ging (singt die Melodie vor..)..in die Richtung entwickelte es sich…ich habe das hier seitdem nicht mehr gehört…(Band spielt weiter) Hören sie das?

Frage: Welchen Teil sangen sie gerade, bevor das Band anhielt?

Michael: „Counter Lines…musikalische Counter Lines, die gehen entgegen dem Hauptteil, es kann ein Keyboard, eine Flöte oder ein Streicherarrangement sein, es ist wie ein Klangteppich. So ist das Gesetz der Musik.“

Mexico Deposition 3/16

Frage: Was ist da genau für ein Instrument? (ab 0:50)

Michael: „Das ist ein Piano..dadamm“

Frage: Wir spielen noch mehr von Ex 4/89, Mr. Jackson, wenn sie bitte auf meine Fragen warten.. (Band spielt weiter) Was machen sie hier?

Michael: „Saiteninstrumente..(singt die Saiteninstrumente vor..) das ist der Teil, der sich über eine Strophe legt, so wie eine zweite Strophe… was den Song zum Höhepunkt führt, ihn aufbaut.“

Frage: Denken sie an ein bestimmtes Instrument, bei diesem Geräusch?

Michael: „Ja, Strings…”

Frage: Was machen sie jetzt?

Michael: „Nach dem ich die Melodie entwickelt habe, füge ich die verschiedenen Sounds hinzu, die mit der Melodie zusammengehen sollen – das, was jedes Instrument machen soll… um den Song zu entwickeln.“

Frage: Was machen sie hier? (ab 3:30)

Michael: „Das ist ein Teil für Waldhörner, den ich aber nie verwendet habe (singt den Teil vor…) ich sagte, dass könnten “weiche” Hörner sein..

(auf dem Band kommt Michaels Stimme..er sagt, “wenn du den Song schreibst, lass ihn sich selbst erschaffen.”) Das ist mein Gesetz…“

(bei 5:20 kommt noch mal der Text von Band.)

Michael: “..wenn du den Song schreibst, schreibe nichts, lass den Song sich selbst entwickeln… lass die Strings dir sagen, was zu tun ist… lass das Piano dir sagen, welche Akkorde kommen sollen, lass den Bass dir sagen, was er tun soll, alles… lass es sich von selbst entwickeln…lass ihn tun, was er will, zwinge den Song nicht irgendwohin…”

Frage: Was meinen sie mit dem, was sie auf dem Band beschreiben?

Michael: „Was ich sagen will ist, ein Song erschafft sich selbst…ich bin nur die Quelle, durch die es fliesst, es erschafft sich völlig von selbst. Wenn ein Song zu mir kommt, dann höre ich die Strangs, den Bass, die Drums… es kommt alles zusammen, wie ein Paket, es ist, wie ein Blatt aufzufangen, was von einem Baum fällt, die spirituellste und schönste Sache, die überhaupt passieren kann, manchmal falle ich auf die Knie und bete zu Gott aus Dankbarkeit dafür, dass es mir passiert, dass der Song zu mir kommt. Und das ist, was ich sage…lass es sich von selbst entwickeln…“

(Band läuft weiter..)

Frage: Was sagen sie an der Stelle?

Michael: „Das ist ein harmonischer Teil (singt bisschen vor..) was ich da versuche ist… was ich in meinem Kopf höre, ist die Counterline… beim Songschreiben sollte man von den Strophen zum Refrain (chorus) kommen…und wenn der Refrain dann kommt, sollte er wie eine Blume sein, die vor deinem Angesicht erblüht. Um das zu erreichen, muss man weitere Sounds hinzufügen, um es frisch und wundervoll zu machen.“

Frage: Was ist die Bridge in einem Song?

Michael: (singt ..I Love you more than he...)

Frage: …ich wollte es mehr allgemein wissen..was ist eine Bridge?

Michael:„Was eine Bridge ist? Eine Bridge ist dafür da, dich von A nach B zu bringen, sie bringt dich von den Strophen zu einem anderen Teil. Es ist Eskapismus, davon, immer das gleiche triviale, normale zu hören, was man die ganze Zeit hört – denn die Ohren ermüden davon, immer die gleichen Sounds zu hören – und was die Bridge macht ist, dich von all dem weg zu führen, und wenn man aber schließlich zu dem zurückkehrt, was man zuvor machte, dann ist es kräftiger, viel kräftiger..es hat einen viel stärkeren Effekt.“

Frage: Hat The Girl Is Mine eine Bridge?

Michael: „Ja, hat es… (singt: I love you more than he…) So in der Art.“

Auch im nächsten Teil der Mexico Deposition geht es noch mit “The Girl Is Mine” weiter:

(…wer möchte, kann noch weiter zuhören)

https://www.youtube.com/watch?v=dsSFu5V4Pu0

Michael: “Ich kreiere…entdecke, sollte ich sagen… ich versuche zu entwickeln, zu entdecken, was da ist. Ich versuche herauszufinden, in welche Richtung der Song gehen will…es ist die Bridge, die Bridge von dem Song… es ändert sich. Bei einem Lied, was ich vor kurzem schrieb, “Stranger In Moscow”, wollte ich das gleiche machen, ich wollte es in das Mikrophon sprechen… das was man in seinem Kopf hört und das ist manchmal sehr schwer, weil man hat nur eine Stimme, doch man hört 4 Akkorde…es ist also sehr schwierig, das zu tun, man versucht es so gut wie möglich zu machen.”

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Und auch im Ebony Interview von 2007 spricht Michael über den kreativen Prozess:

Michael: “Ich schreibe ständig. Wenn du weißt, es ist richtig, dann spürst du manchmal, wie etwas kommt, wie etwas heranreift, beinahe wie eine Schwangerschaft oder so etwas. Es bewegt dich, und du fühlst etwas erblühen, und die Magie, sie ist da! Es ist die Eruption von etwas, das so schön ist, dass du denkst: WOW! Da ist es. So funktioniert es, durch dich. Es ist wunderschön. Es ist ein Universum, in das du eintauchen kannst, mit diesen zwölf Noten. [Er hört nun eine frühe Aufzeichnung von Billie Jean auf einem iPhone]


Was ich mache, wenn ich schreibe, ist, dass ich eine knappe, raue Version mache, nur um den Refrain zu hören, nur um zu sehen, ob mir der Refrain gefällt. Wenn es so für mich stimmt, so spartanisch, dann weiß ich, es wird funktionieren … Hör dir das an, das ist zu Hause. Janet, Randy, ich … Janet und ich machen “Whoo, Whoo…Whoo, Whoo…” Ich mache das, den gleichen Vorgang, mit jedem Song. Es ist die Melodie, die Melodie ist das Wichtigste. Wenn die Melodie mich fesselt, wenn mir dieses Ungeschliffene gefällt, dann mache ich den nächsten Schritt. Wenn es in meinem Kopf gut klingt, ist es meist auch gut, wenn ich es mache. Die Idee ist, das, was in deinem Kopf ist, auf ein Tonband zu übertragen.
Nimm einen Song wie Billie Jean, wo die Bassline der markante, dominante Teil ist, wo der wichtigste Protagonist des Songs das treibende Riff ist, das du hörst – den Charakter dieses Riffs genau so hinzukriegen, wie du es haben willst, braucht viel Zeit. Hör zu, man hört dort vier Bässe, die vier unterschiedliche Persönlichkeiten haben, und das ist es, was ihm den Charakter gibt. Aber es bedeutet viel Arbeit.

Das ganze Ebony-Interview incl. Audio: http://all4michael.com/2012/12/03/ebony-interview-2007-michael-jackson-in-seinen-eigenen-worten/

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★ ★ ★

How I Make Music

People ask me how I make music. I tell them I just step into it.

It’s like stepping into a river and joining the flow.

Every moment in the river has its song. So I stay in the moment and listen.

What I hear is never the same.

A walk through the woods brings a light, crackling song:

Leaves rustle in the wind, birds chatter and squirrels scold, twigs crunch underfoot, and the beat of my heart holds it all together.

When you join the flow, the music is inside and outside, and both are the same.

As long as I can listen to the moment, I’ll always have music.

- Michael Jackson, Dancing the Dream

★ ★ ★

Wie ich Musik mache

Die Leute fragen mich, wie ich Musik mache. Ich antworte ihnen, ich begebe mich einfach in sie hinein.

Es ist, als ob du dich in einen Fluss begibst, und mit der Strömung mitgehst.

Jeder Augenblick im Fluss hat seinen Song. Ich verweile im Augenblick und höre zu.

Was ich höre, ist nie das selbe.

Ein Spaziergang durch den Wald, bringt einen leichten, knisternden Song:

Die Blätter rascheln im Wind, Vögel zwitschern und Eichhörnchen zetern, unter den Füssen knacken Zweige, und mein Herzschlag hält all das zusammen.

Wenn du dich dem Fluss hingibst, ist die Musik innen und aussen und beides wird zu ein und demselben.

Solange ich dem Augenblick zu hören kann, werde ich immer Musik haben.

★ ★ ★

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Übersetzungen: Pearl, Ilke, M.v.d.L

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