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‘Unser Urlaub mit Michael Jackson’ – Familie Goldstein erlebte 1991 einen spontanen Urlaub mit MJ auf den Bermudas

“The Goldstein-Family on vacation with Michael Jackson”

Source: http://www.baltimoresun.com/news/maryland/howard/laurel/ph-ll-history-goldstein-0801-20130801,0,3737522,full.story

Alan Goldstein und seine Frau Lynn, erinnern sich daran, dass sie sich gerade auf einen netten Familienurlaub mit ihrem jüngsten Sohn Brock und seinem besten Freund Mac (Macaulay Culkin) vorbereiteten, als sie hörten, wie Brock am Telefon etwas sagte, das so klang wie: „Ja, klar, bring ihn ruhig mit!“

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So erschien Pop-Superstar Michael Jackson in ihrem Hotel auf den Bermudas, mit einem Verband auf der Nase, einem schüchternen Lächeln auf dem berühmten Gesicht und einem Schrankkoffer voller Wasserspritzpistolen, Rennautos und Stinkbomben auf dem Bett in der VIP-Suite.

Die surreale Insel-Idylle begann damit, dass Brock Goldstein, gelegentlich Schauspieler in Orlando, Macaulay Culkin an einem Filmset kennenlernte und die beiden Zehnjährigen sich anfreundeten. Nachdem sein Hit „Kevin allein zu Haus“ in diesem Jahr in die Kinos gekommen war, freundete Mac Culkin sich mit jemand weiterem an: Michael Jackson.

Das klingt nach Spaß. Stört es euch, wenn ich mitkomme?“, hatte Jackson nach Culkins Erinnerung gefragt, als er von dem bevorstehenden Bermuda-Urlaub mit seinem Freund Brock sprach.

Alan Goldstein erinnert sich, dass die Familie schon seit ein paar Tagen auf den Bermudas war, und dass sie gerade von ihren Mopeds gestiegen waren, als das Hotel ihnen die Nachricht überbrachte, bitte „Mr. M. Jackson“ anzurufen. Die Stimme, die sich weltweit am besten verkaufen lässt, war am anderen Ende der Leitung. „Ich brauchte einfach eine Pause“, erklärte Jackson. „Würde es Ihnen etwas ausmachen?“ Goldstein, der in Wheaton aufgewachsen ist, begann krampfhaft nach einer geeigneten Unterkunft zu suchen – bis Jackson zurückrief und sagte, er habe alles arrangiert: Zwei Suiten in dem luxuriösen „Hamilton Princess.“

Goldstein schluckte hart. „Das kann ich mir nicht leisten“, gestand er.

Machen Sie sich keine Sorgen“, versicherte Jackson ihm. „Das geht alles auf mich.”

Er kam am nächsten Tag „in seinem üblichen roten Hemd, schwarzer Hose, gelben Socken und breitkrempigen Hut“, wie sich Goldstein, jetzt 60, während eines Telefoninterviews von seiner Wohnung in Las Vegas aus erinnert.

Michael Jackson with Macaulay Culkin in Bermuda, West Indies - 1991

Jackson lud die Bande in seine Suite ein. „Er hatte diesen riesigen Schrankkoffer mitgebracht. Er warf ihn auf’s Bett und öffnete ihn“, sagt Goldstein. „Es sah so aus, als ob er einen Spielzeugladen überfallen hätte. Er hatte Wasserpistolen, Rennautos, Kaugummi, das den Mund schwarz färbt, Snap-and Pops…“

Während Lynn Goldstein mit Handtüchern hinter ihnen her wischte, machten die beiden erwachsenen Männer und die zwei kleinen Jungen eine Supersoaker-Schlacht in der gesamten Suite. „Es war ein großer Spaß“, erinnern sich die männlichen Goldsteins. „Es war ein Alptraum“, stellt Lynn gutmütig richtig.

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Jackson kam allein auf die Bermudas, und die Rolle des Managers fiel an Lynn, die sicherstellte, dass die Mahlzeiten des Stars vegetarisch waren, und dass das Hotelmanagement Fans fernhielt. Jacksons Besuch machte die Runde in der lokalen Presse und danach auch in den internationalen Medien.

Für beinahe zwei Wochen, erst auf den Bermudas und dann, zurück in Orlando, in Disney World, befanden sich die Goldsteins plötzlich auf der anderen Seite des Ruhms, mit einem Wohltäter, den sie sowohl als merkwürdig als auch als wundervoll erlebten.

Mit Jackson an der Seite verschwanden jedoch die Träume von sonnigen Tagen am Strand, und sie alle wurden Urlauber der Nacht, die sich nur dann nach draußen wagten, um Jackson und Culkin vor den Fans zu schützen. Das bedeutete: um 2 Uhr nachts im Hotelpool planschen, Room-Service statt Restaurant, arrangierte Einkäufe, wenn die Läden für die Öffentlichkeit geschlossen hatten.

Jackson versuchte, die Unannehmlichkeiten zu kompensieren. „Wir sprachen eines Tages darüber, wie viel Spaß es machen müsste, tauchen zu lernen“, sagt Alan Goldstein. „Und wissen Sie: sofort hatten wir ein Boot für uns allein mit ein paar Tauchlehrern, die uns unterrichteten.“

Wenn die Familie eine Show in einem der Inselhotels sehen wollte, gab es eine Privatvorstellung um 1 Uhr morgens in einem ansonsten leeren Zuschauerraum, sagten die Goldsteins. „Da war ein Michael-Jackson-Imitator, der ein bisschen komisch war, aber Jackson machte das nichts aus“, sagt Alan Goldstein.

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Brock Goldstein (der Sohn) erinnert sich an die „nur einmal im Leben vorkommende“ Begeisterung, dass sein Lieblingsmusiker plötzlich ein Spielkamerad geworden war. Er erinnert sich daran, dass Jackson ein kleines Laserlicht hervorholte und die Jungen mit auf den Balkon nahm, um den Strahl auf verwirrte Strandgänger zu richten. „Wir versuchten, sie zu verfolgen“, erinnert sich Brock. „Wir riefen: ‘Geht dem roten Licht nach! Geht dem roten Licht nach! Das rote Licht hat ein Geschenk für euch! Seht, es ist ein roter Luftballon’.“ Die drei warfen dann wassergefüllte Ballons auf ihre Ziele, versteckten sich hinter der Brüstung und brachen vor Lachen zusammen.

Die Jungen stritten wie Geschwister um seine Aufmerksamkeit, und Michael war derjenige, der dazwischenging und sagte: ‘Nein, wir machen das alle zusammen’,“ so Brocks Mutter.

Sie erinnert sich, dass Michael sich bei einer Unterhaltung auf den Bermudas zu ihr umdrehte und wehmütig sagte: „Wissen Sie, Kinder sind anders als Erwachsene. Kinder sind ehrlich mit einem. Sie können ihnen trauen. Ich habe noch nie einen Erwachsenen getroffen, der mein Freund gewesen wäre, ohne irgendwann etwas von mir zu wollen.“

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Die Urlauber kehrten nach Orlando zurück, wo die Goldsteins damals lebten, und belegten zwei getrennte Suiten in einem Disney-World-Hotel, um für eine Woche den Vergnügungspark zu genießen. Sommer über Sommer verging. Die Goldsteins legten ihre Fotoalben beiseite und verloren den Kontakt sowohl zu Jackson, als auch zu Culkin.

Übersetzung: Xydalona

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Über diesen Urlaub der Goldsteins mit Michael wird jetzt ein Film veröffentlicht:

OUR VACATION WITH MICHAEL JACKSON

Our Vacation With Michael Jackson-Film

In einem neuen, einstündigen TV-Special sprechen Alain, Lynn und ihr Sohn Brock über ihre einmalige Erfahrung, mit Michael Jackson zusammen zu sein. Auch private „home movie“-Aufnahmen, die Alain Goldstein selbst aufnahm, so wie eine Menge Photos des Trips, werden gezeigt.

http://windycityimages.com/filmdetailpage.php?itemid=10&viewimage=Medieval-Times.jpg

 

Vertraue mir

by

Trust in Me
Post vom 13/03/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Joie: Heute hat sich Willa und mir unsere Freundin und Mitstreiterin Lisha McDuff angeschlossen. Danke, dass du heute deine Zeit mit uns verbringst, Lisha. Was hast du inzwischen angestellt?

Lisha: Nun Joie, ich war ziemlich beschäftigt! Ist das zu fassen, ich habe die Universität Liverpool gerade mit einem Master-Abschluss in den Wissenschaften der populären Musik verlassen?

Willa: Und ihre Dissertation hatte Black or White zum Thema!

Joie: Gratulation zu dieser Leistung!

Lisha: Ich danke euch.

Joie: Also Ladies, Ich habe über das erste Mal nachgedacht, dass wir alle zusammen gesessen und darüber gesprochen haben, wie viele von Michael Jacksons Songs als eine „Klangskulptur“ beschrieben werden können. Und ich habe gedacht, dass es da einen Song gibt, über den wir noch nie gesprochen haben, der aber ein perfektes Beispiel für eine dieser „Klangskulpturen“ ist, und das ist Morphine. Es war immer einer meiner MJ Lieblingssongs. Ich mag ihn aus so vielen Gründen, aber hauptsächlich deswegen, weil er in akustischer Hinsicht einfach so faszinierend ist.

Die Thematik des Songs weicht ein wenig von dem ab, was wir normalerweise von Michael Jackson zu sehen bekommen. Es ist ein wenig dunkler im Ton, als wir es gewohnt sind, aber teilweise habe ich das Gefühl, dass die Musik gerade deswegen so faszinierend ist, weil das Hauptthema so dunkel ist. Als wäre dies etwas, dass er absichtlich so gemacht hat, um eine gewisse Emotion zu vermitteln oder um eine bestimmte Stimmung über den Song hervorzurufen. Ergibt das Sinn?

Willa: Ja, das tut es – es ergibt sehr viel Sinn. Ich habe über Morphine speziell im Sinne einer klanglichen Skulptur bisher noch nicht nachgedacht, aber ich denke, ich weiß, was du meinst, Joie, und ich frage mich ob es sich teilweise durch die abrupten Übergänge vom ersten Teil in diesen völlig anderen Mittelteil und dann vom Mittelteil zurück zum Schlusspart so „skulptural“ anfühlt. Diese Übergänge sind so rau und abrupt, fast brutal, dass sie wirklich die Aufmerksamkeit auf die Struktur dieses Songs lenken, auf eine Art, wie es die meisten Songs nicht tun.

Joie: Ich mag, wie du das beschrieben hast, Willa. „Brutal“ ist ein gutes Wort dafür, denn es fühlt sich wirklich so an.

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Willa: Das stimmt. Wenn die Übergänge leicht von einem Teil eines Songs in den nächsten überfließen, nimmst du es oft nicht einmal wahr – du treibst einfach mit dem Fluss des Songs dahin. Aber das ist hier nicht der Fall. Wir sind gezwungen, den Aufbau dieses Songs wahrzunehmen, weil die Übergänge – die Nähte zwischen den Abschnitten – so grell offensichtlich sind. Und ich denke, diese rauen Übergänge sind wirklich wichtig, sowohl für das Gefühl als auch für die Bedeutung von Morphine.

Lisha: Es ist interessant, dass ich mit Hinblick auf eine klangliche Skulptur bisher auch noch nicht unbedingt über Morphine nachgedacht habe, aber nun, da du es erwähnt hast, Joie, liegst du absolut richtig. Es ist sinnvoll sich dem auf diese Weise anzunähern. Es geht eine Menge vor sich in diesem Song – alle Arten von Arbeitslärm, Maschinen und elektronische Klänge wirbeln überall herum. Ich höre ein summendes Geräusch, das die meiste Zeit gerade durch meinen Kopf hindurch vibriert, und andere Male strenge ich mich an eine ferne Unterhaltung verstehen zu können, die weit entfernt wie hinter einer Tür klingt.

Wir wissen, dass Michael Jackson interessiert daran war, wie das Ohr Entfernungen einschätzen und den Ort des Klangs im Raum identifizieren kann. Seine Aufnahmen verräumlichen Klang auf solch faszinierende Weise. Thriller, aufgenommen und gemischt von Bruce Swedien, ist ein großartiges Beispiel hierfür. Ein anderes ist Disneys Captain EO, welches der erste Film im 5.1 Surround Sound war, der je gedreht wurde. Michael Jackson experimentierte auch mit einem dreidimensionalen, binauralen (beide Ohren betreffenden) Aufnahmeprozess in, bekannt als „Holophonics“, eine geschützte Marke von Hugo Zuccarelli. Die Einführung in Form des Bettgeflüsters zu I Just Can’t Stop Lovin‘ You ist ein Beispiel für Holophonic.

Zuccarellis Aufnahmen sind wie Übungen für ein Gehörtraining, die demonstrieren, auf welche Weise ein aufgezeichneter Klang manipuliert werden kann, um einen bestimmten Ort innerhalb eines imaginären klanglichen Raumes zu belegen. Man muss Kopfhörer aufsetzen, um den vollen Effekt zu spüren, aber hier ist ein Beispiel für eine Klangskulptur mit dem Titel Haircut.


Es ist wirklich interessant sich Morphine mit dieser Art Verräumlichung im Kopf anzuhören. Ich bin wirklich froh, dass du uns dazu aufgefordert hast, uns dem Song als Klangskulptur zu nähern, Joie.

Joie: Danke, dass du uns dieses Beispiel gebracht hast, Lisha. Es ist wirklich interessant zuzuhören.

Willa: Das ist es wirklich! Ich hab’ die Kopfhörer von meinem Sohn geklaut und mir diesen Clip angehört, die Art, wie die Klänge und Geräusche bestimmte Punkte im Raum einzunehmen scheinen und sich sogar umher bewegen, das ist verblüffend! Es erinnert mich wirklich an das Schlagen der Tür und die den Klangraum durchschreitenden Schritte in Thriller, genauso wie die Hintergrundgeräusche in Morphine wie das Klopfen und die Fernsehgeräusche in der Entfernung.

Joie: Es gibt alle Sorten von wunderbaren und interessanten Geräuschen im Hintergrund von Morphine, manche von ihnen sehr überraschend und unerwartet. Manchmal denke ich sogar, dass ich so etwas höre wie Wasser, das unaufhörlich aus einem Wasserhahn tropft. Hört das auch jemand von euch?

Lisha: Nein, ich nicht! Wo ist das denn? Ich höre es nicht!

Joie: Vielleicht ist es auch ein Geräusch, das ich zu stark als tropfendes Wasser vereinfache, weil mein Kopf es nicht so einfach zuordnen kann, aber ich höre es in der ersten Hälfte des Songs ununterbrochen in gemäßigten Intervallen im Hintergrund. Interessanterweise höre ich es nicht mehr nach dem schroffen Mittelteil des Songs.

Lisha: Moment mal, Joie! Ich denke, ich weiß über was du sprichst und was für eine wunderbare Beschreibung des Geräuschs! Ich glaube, du meinst ein schlagendes Geräusch, das im äußerst rechten Klangfeld auftaucht, gleich nachdem der Rhythmus beginnt. Es passiert beim Auftakt auf 4 und dann taucht es weiter auf, immer wenn man ab da bis 8 weiterzählt. Ist es das, was du meinst? Es klingt wie ein langsames Tropfen aus einem Wasserhahn!

Joie: Ja! Das ist es!

Lisha: Das ist das Amüsante beim Hören dieser Tracks, es gibt immer etwas Neues zu entdecken.

Und wie du betont hast, Willa, spielen sich hier zwei separate und ganz verschiedene Klangwelten ab, als wenn ein weiterer Song einfach mittenrein platzt. Morphine hätte sehr gut Michael Jacksons bester Rock / Heavy Metal Gesang aller Zeiten sein können, aber plötzlich ist da im Mittelteil eine entspannte, sanfte Stimme begleitet von Piano, Flöten und Streichern zu hören. Es ist ein überraschender Kontrast, der für ein interessantes, aber auch sehr anspruchsvolles, klangliches Erlebnis sorgt – ganz sicher wird hier ein schwieriges Thema behandelt, das steht fest.

Joie: Weißt du, ich habe fast das Gefühl, dass das Thema eins der interessantesten Dinge an diesem Song ist. Ich war schon immer ein ziemlich großer Fan von Rockmusik im Allgemeinen. Ich liebe zum Beispiel den Hair Metal der 80er, und ich könnte (und mache es auch) den ganzen Tag lang Bands wie Aerosmith und Guns `N Roses hören. Und wie jeder Rockmusik-Fan dir sagen würde, ist der Gebrauch von Drogen eine feste Größe, soweit die musikalischen Themen dies in diesem Genre behandeln. Eigentlich in vielen Genres.

Aber eins der Dinge, die Michael Jackson vom Rest unterscheidet ist, dass er typischerweise nicht über Dinge wie Drogen und Sex singt. Also ist Morphine mit seinem unverhohlenen, schonungslosen Blick auf den Drogen- / Medikamentengebrauch – vom Blickwinkel der Drogen gesehen nicht weniger – ziemlich misstönend. Mindestens genauso misstönend wie die schroffen Übergänge, die Willa vorhin erwähnt hat.

Lisha: Du hast eine ausgezeichnete Feststellung gemacht. Drogengebrauch ist seit den 60er Jahren ein unübersehbares Thema in der Rockmusik, und illegaler, gelegentlicher Drogenkonsum wird oft als eine positive, bewusstseinserweiternde Erfahrung dargestellt. Dies scheint einige der Grundwerte des Rock widerzuspiegeln, solche wie Spontaneität, Authentizität und Widerstand gegenüber starrem, regeln-befolgendem und autoritärem Denken.

Ich denke jedoch, dass Morphine von einer ganz anderen Perspektive kommt und ein völlig anderes Wertesystem ausdrückt. Morphine thematisiert oder fördert nicht den gelegentlichen Gebrauch von Drogen. Stattdessen problematisiert es die legale, pharmazeutische Verabreichung von Medikamenten, die von Ärzten verschrieben werden, um Patienten mit ernsten medizinischen Anliegen zu behandeln.

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Willa: Das stimmt. Dies ist keineswegs ein typischer „Sex, Drugs and Rock ´n Roll“ Song. Hier geht es nicht darum high zu werden. Stattdessen konzentriert sich Morphine ganz speziell auf von Ärzten unterstützte Medikamentenabhängigkeit, oder sogar von Ärzten herbeigeführte Medikamentenabhängigkeit.

Joie: Und die Lyrics in diesem schroffen Mittelteil sind sehr vielsagend und sehr persönlich, denke ich. Jedes Mal, wenn ich mir diesen Song anhöre, kann ich mir Michael vorstellen, wie er auf dem Behandlungstisch liegt, während diese Worte in sanftem Ton zu ihm gesagt werden:

Entspann‘ dich
Es wird nicht weh tun
Bevor ich damit anfange
Schließ‘ deine Augen und zähl‘ bis zehn
Weine nicht
Ich werde dich nicht verwandeln
Es gibt keinen Grund entsetzt zu sein
Schließ deine Augen und lass dich treiben

Kannst du dir das vorstellen? Ein Arzt, der ihm versichert, dass „er dich nicht in einen Junkie verwandelt – schließ einfach deine Augen und lass dich vom Schmerz wegtreiben“.

Lisha: Oh, ich kann mir das ganz sicher vorstellen! Die Musik in diesem Abschnitt ist so besänftigend, aber gleichzeitig auch so traurig und ergreifend. Der Arzt bietet die willkommene Erleichterung von ernsthaften Schmerzen an, aber ich habe dieses bange Gefühl, dass die Situation komplizierter ist als das, was der Arzt zu zeigen gewillt ist.

Und ich stimme dir zu, Joie – dieser Song fühlt sich zutiefst persönlich an. Ich habe durch die Liner Notes erfahren, dass Michael Jackson diesen Song geschrieben, komponiert, gesungen und produziert hat. Er hat auch die meisten Arrangements selbst gemacht und sogar die Percussions, Drums und Gitarre übernommen.

Willa: Wirklich? Ich wusste nicht, dass er Gitarre spielte …

Lisha: Nun, vielleicht nicht im strengen Sinn des Wortes, aber ich möchte wetten, dass er seine Kenntnisse hatte. Einer derjenigen, die am engsten mit ihm zusammengearbeitet haben, Brad Buxer, sprach in einem Interview mit dem französischen Magazin Black & White über Michael Jacksons Beziehung zu Musikinstrumenten. Er sagte, Michael Jackson sei ein fantastischer Musiker gewesen und es war nicht wirklich notwendig für ihn ein hohes Level an Professionalität auf jedem einzelnen Musikinstrument zu haben. Gemäß Buxer „verstand er Musik instinktiv. Es war einfach ein Teil von ihm …“

Buxer spielte Keyboard und das Piano auf Morphine, aber hat nicht an der Komposition des Songs mitgearbeitet, wie er das bei anderen getan hat. Michael Jackson hat die gesamte Aufnahme im Kopf ausgearbeitet und kommuniziert, was er von Buxer hören wollte:

Er sang alle Parts, ob es das Piano im Mittelteil war oder diese Schichten von Synthesizer im Refrain. Es ist alles von ihm. Bei diesem Song habe ich lediglich seine Gedanken ausgeführt.

Ich denke auch über das nach, Joie, was du vorhin gesagt hast, als du den textlichen Inhalt dieses Songs als Personifizierung des Medikamentes selbst beschrieben hast. Das ist solch ein interessanter Gedanke und ich habe an bestimmte Zeilen in diesem Song gedacht, die leicht auf diese Art gedeutet werden können:

Vertraue mir
Vertraue mir
Leg’ dein ganzes Vertrauen in mich

Aber ich denke, es gibt eine weitere starke Möglichkeit hier – dass die Lyrics einen Arzt repräsentieren, der einen Patienten dazu auffordert, vollkommenes Vertrauen in seine Erfahrung und seine Kompetenz als medizinischer Fachmann zu haben.

Willa: Das ist wahr, diese Zeilen können auf beide Arten interpretiert werden – als Aufforderung für den Patienten dem Medikament oder dem Doktor zu vertrauen – und es ist auf beide Arten schaurig. Ich hatte bisher noch nicht an diese Zeilen als Bezug auf das Medikament selbst gedacht – das ist ein wirklich interessanter Weg dies zu betrachten, Joie – aber es ergibt perfekten Sinn. Ich meine, stell dir einfach vor, wie Michael Jackson zum Beispiel eine Flasche Propofol betrachtet und an diese Worte denkt: „Vertraue mir“, dass ich dir zu einem guten Schlaf verhelfe. Oder denkt an Dr. Conrad Murray, wie er diese Zeilen sagt. Es ist auf beide Arten wirklich beängstigend.

Lisha: Ja, ist es. Und das Thema dem Doktor zu vertrauen kommt noch einmal, bei anderthalb Minuten in dem Song (1:32 und es wiederholt sich bei 4:16). Ich höre etwas wie ein Klopfen an der Tür und eine Frau, die in einem sehr strengen, autoritären Ton sagt: „Sie haben gehört, was der Doktor gesagt hat.“ Das ist ein Audioclip aus David Lynchs Film The Elephant Man von 1980. Er stammt aus einer Szene in dem Film, als der Elephant Man verängstigt, misstrauisch und zögerlich ist, einzuwilligen, dem Arzt in seine Praxis zu folgen. Die Oberschwester schaltet sich ein und verlangt von ihm, das zu tun, „was der Doktor gesagt hat“.

Willa: Wow Lisha, du hast Recht! Das wusste ich nicht – dass er in diesem Abschnitt The Elephant Man gesampelt hat – aber du hast vollkommen Recht, das tut er. Das scheint für mich sehr bedeutsam zu sein.

Lisha: Für mich auch. Es scheint ein wirklich wichtiger Teil des Songs zu sein.

Willa: Oh, absolut. Offensichtlich hallte die Geschichte um John Merrick (oder Joseph Merrick – er wurde mit beiden Namen gerufen) wirklich in Michael Jackson nach. Wir beide haben darüber vor einiger Zeit in dem Post über Leave Me Alone gesprochen, Joie. Also ist es aus dem Grund vielsagend, aber auch thematisch, denke ich – wie es zu dem Gedanken an einen Arzt passt, der nicht immer im besten Interesse des Patienten handelt.

Ich habe The Elephant Man gerade mal wieder – Himmel, nach Jahren – angesehen, und ich war getroffen davon, wie sehr sich der Film auf Dr. Treves konzentriert. Er ist nahezu so oft wie Merrick selbst im Bild. Und während er Merrick vor dem beleidigenden Mr. Bytes rettet, der ihn in einer karneval-artigen Tingeltangel-Show ausstellen will, sind Dr. Treves‘ Motive auch nicht unbedingt rein wohlwollend. Ein älterer Arzt sagt:

Ich für meinen Teil habe die Nase voll von dieser wetteifernden Jagd auf Freaks von diesen übermäßig ambitionierten jungen Ärzten, die sich dadurch einen Namen machen wollen.

Im Verlauf des Films, als Dr. Trevis anfängt, Merrick auf eine mitfühlendere Art zu sehen, beginnt er sich selbst und seine Gründe zu hinterfragen, warum er Merrick aufgespürt und sich so öffentlich mit ihm angefreundet hat:

Ich fange an zu glauben, dass Mr. Bytes und ich uns sehr ähnlich sind. Es scheint, dass ich Mr. Merrick von Anfang an als Kuriosität dargestellt habe, nicht wahr? Nur dieses Mal in einem Krankenhaus statt auf einem Kostümfest.

Er sagt weiter:

Mein Name taucht ständig in der Zeitung auf. Ich werde immerzu in den Himmel gelobt. Patienten fragen nun ausdrücklich nach meinen Diensten.

Alles nur wegen der Bekanntheit, die er dadurch erlangt hat, dass er der Arzt des Elephant Man ist. Und diese furchtbare Szene, in der er Merrick in dem Auditorium voller Ärzte präsentiert, scheint dem sehr ähnlich zu sein, wie Merrick auf dem Karneval ausgestellt wird.

Auf seine Art also hat Dr. Treves selbst Karriere gemacht durch Öffentlichmachung von Merricks körperlichen Leiden, genauso wie Mr. Bytes es getan hat. Und es scheint mir, dass diese irgendwie rücksichtslose Beziehung zwischen Ärzten und Patienten ein Schlüsselelement jenes Mittelteils von Morphine ist.

Joie: Wow, Willa, ich habe The Elephant Man viele, viele Male gesehen; ich liebe diesen Film einfach. Aber ich habe niemals den Bezug zu Morphine hergestellt. Du hast da eine sehr interessante Parallele gezogen.

Lisha: So ist es wirklich, und mich interessiert sehr, wie sehr sich der Film auf Dr. Treves fokussiert. Bei etwa 1:37 Minuten in Morphine, gleich nachdem die Krankenschwester „Sie haben gehört, was der Doktor sagt“ gebellt hat, meine ich auch die Stimme von Dr. Treves, gespielt von Anthony Hopkins, zu hören. Könnt ihr die männliche Stimme in diesem Teil als die von Dr. Treves identifizieren? Es ist ganz rechts außen und in einiger Entfernung, also sehr schwer auszumachen.

Willa: Ich glaube ja. Es ist ein britischer Akzent und es klingt für mich nach seiner Stimme, obwohl ich die Worte nicht verstehen kann. Und dann ist da der Klang von rauem Gelächter, wie ein Soundtrack aus dem Fernseher. Auch in The Elephant Man gibt es Gelächter, und es ist kein glückliches Lachen. Eigentlich bedeutet es grundsätzlich, dass gegenüber Merrick etwas Ausbeuterisches passiert. Im Grunde ist Lachen während des gesamten Films etwas Grausames.

Lisha: Ja, es klingt, als gäbe es eine Lachkonserve genau nach Dr. Treves‘ Stimme, wodurch wahrscheinlich angedeutet werden soll, dass diese medizinischen Probleme für manche eine Quelle der Unterhaltung sind. Es ist unglaublich grausam.

Bezüglich einer Klangskulptur habe ich festgestellt, dass diese Sequenz von links nach rechts verräumlicht wird. Das Klopfen hört man auf der linken Seite des Klangfeldes, die Stimme der Krankenschwester befindet sich in der Mitte, Dr. Treves‘ Stimme rechts, und die Lachkonserve noch weiter hinten rechts. Es wirbelt in dieser Geschichte irgendwie um den Zuhörer / Patienten herum und erzeugt ein Gefühl der Desorientierung und Verletzlichkeit.

Willa: Oh, das ist eine interessante Deutung, Lisha. So fühlt es sich für mich auch an.

Lisha: Es scheint, als hätte fast jeder eine ausbeuterische Beziehung zu John Merrick, einschließlich seinem Arzt. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, warum sich Michael Jackson so stark mit ihm identifizieren konnte. Da gibt es den Schausteller, der Merrick als Attraktion für seine Freak Show ausnutzt, die Krankenhausangestellte, die davon profitiert, dass sie nachts Menschen einschleust, die ihn sehen dürfen, die Oberschicht, die erpicht darauf ist mit ihm verbunden zu sein, wenn es gerade schick ist, der herzlose Pöbel, der ihn verspottet. Und natürlich, ich kann nicht anders als auch eine starke Parallele zu Michael Jackson zu ziehen, wenn Frauen schreien und ausflippen, sobald sie ihn sehen.

Willa: Das ist eine wirklich gute Feststellung, Lisha, und der Film untersucht dies auf subtile Art, finde ich – sowohl die Angst, die die Leute gegenüber Merrick spüren ebenso wie das komplizierte Verlangen nach dem Andersartigen. Da gibt es diese schreckliche Szene, in der die zwei jungen Frauen aus dem Gasthaus gezwungen werden erst ihn und dann den lüsternen Mann, der sie dahin gebracht hat, zu küssen. Und dann gibt es die viel nettere Szene, in der er die Schauspielerin trifft, die sich mit ihm anfreundet. Sie tauschen Zeilen aus Romeo und Julia aus, und dann küsst sie ihn und sagt: „Oh Mr. Merrick, Sie sind überhaupt kein Elefantenmensch. Sie sind Romeo.“ Sie schenkt ihm außerdem ein glamouröses Foto von sich, das er neben seinem Bett aufstellt.

Und dann möchten eine ganze Menge Frauen, besonders die Krankenschwestern, ihn bemuttern. Auch Dr. Treves‘ Frau scheint dies zu wollen. Sie fängt an zu weinen, als er ihr ein Bild seiner abwesenden Mutter zeigt und zu ihr sagt:

Sie hat das Gesicht eines Engels. Ich muss eine große Enttäuschung für sie gewesen sein. … Wenn ich sie nur finden und sie mich so sehen könnte mit solch reizenden Freunden um mich herum. Vielleicht könnte sie mich dann so lieben, wie ich bin. Ich habe so sehr versucht gut zu sein.

Im Film wird angedeutet, dass seine Mutter ihn wegen seiner Krankheit verlassen hat, obwohl sie selbst im wahren Leben offensichtlich an körperlichen Gebrechen litt und ihn liebte und für ihn bis zu ihrem Tod, bei dem er zehn Jahre alt war, gesorgt hat. Wie auch immer, er verlor den Schutz seiner Mutter in einem jungen Alter und andere Frauen versuchten, ihren Platz einzunehmen, als er älter wurde, und für ihn wie eine Mutter zu sorgen – etwas, was wir bei Michael Jackson auch erkennen können. Merricks Beziehungen zu Frauen sind also sehr kompliziert – genauso wie die Beziehung zu seinem Arzt, Dr. Treves.

Lisha: Ja, das sehe ich auch so.

Willa: Also, ich will nicht vom Thema abschweifen, aber kennt ihr diese surrenden und knallenden „Elektrizitäts“ –geräusche am Beginn von Morphine, die ihr vorhin erwähnt habt? Sie rufen ganz spezielle Bilder bei mir hervor, und ich frage mich, ob sie das auch bei euch tun. Es klingt für mich wie Strom, der von zwei unterschiedlichen Seiten eines Kabels aufeinander zuläuft und dann in der Mitte knackend aufeinandertrifft, was für mich nur eins bedeuten kann: Dr. Frankensteins Labor! Versteht ihr, was ich meine? Und Dr. Frankenstein ist so interessant in Bezug auf das Thema auf rücksichtslose Ärzte.

Hier ist ein Trailer des Klassikers Frankensteins Sohn von 1939 mit Basil Rathbone als Dr. Frankenstein, Boris Karloff als dem Monster und Bela Lugose als Ygor. Er zeigt die Szene, in der Frankensteins Kreatur durch den einschießenden elektrischen Strom zum Leben erweckt wird. Man kann die surrenden und knackenden Geräusche dabei hören und man kann ganz eindeutig jene unterschiedlichen Kabel mit dem funkenbildenden, elektrischen Strom bei 1:03 Minuten erkennen:


Lisha:
Wow, das ist brillant! Ich habe mich gefragt, was diese Geräusche darstellen sollen. Ich glaube, du bist da wirklich auf der richtigen Spur, Willa, besonders, wenn wir über den Song als klangliche Skulptur nachdenken. Wenn ich den Auftakt zu Morphine mit Kopfhörern höre, dann stelle ich fest, dass das elektrische Surren sich genau in der Mitte des Klangfeldes befindet – es fühlt sich an, als würde es tatsächlich in meinem Kopf surren.

Willa: Ich weiß, was du meinst, Lisha. Es fühlt sich für mich auch so an.

Lisha: Nun, da ich darüber nachdenke, kommt es mir so vor, als würde ich mich mitten in einem von Dr. Frankensteins Experimenten befinden! Was so interessant daran ist, ist, dass die Stelle des Klangs nicht nur den physischen und emotionalen Effekt des Klangs verändert, sondern dass sie außerdem eine buchstäbliche Bedeutung erzeugt.

Willa: Oh, das ist interessant, Lisha! Ich erkenne, was du meinst – es ist so, als würde uns die Stelle der Geräusche um uns herum als Zuhörer auf dem Tisch positionieren, als wären wir eines von Frankensteins Experimenten. Und natürlich, in Morphine sind wir in derselben Position. Morphine platziert uns so, als würden wir auf dem Tisch liegen und dem Doktor zuhören, der uns erzählt, wir sollen uns entspannen, während er die Medizin in unsere Venen injiziert.

Joie: Willa, ich liebe diese Vorstellung von Frankenstein, denn ich hatte immer dasselbe Gefühl wegen dieser „elektrischen“ Geräusche. Und ich denke, dass es eine Bedeutung hat, wenn diese Geräusche für uns beide dieselbe Vorstellung heraufbeschwören.

Willa: Das denke ich auch.

Lisha: Ich denke außerdem an das Geräusch des tropfenden Wassers, das du herausgehört hast, Joie, und ich habe festgestellt, dass ich, als der Elephant Man zum ersten Mal in diesem Film erscheint, das Geräusch von tropfendem Wasser in diesem dunklen, dunstigen Keller, in dem er gehalten wird, hören kann. Ich vermute, es ist unmöglich zu sagen, was die Geräusche in Morphine tatsächlich aussagen sollten, es sei denn, es könnte uns jemand erzählen, wie der Gedankenprozess war. Aber wenn du das alles zusammenzählst, fängt es definitiv an, ein Gesamtbild zu ergeben.

Joie: Wie du sagst, Lisha, es ist unmöglich mit Sicherheit zu wissen, wie die Absicht war, aber … es scheint irgendwie alles zusammenzupassen, nicht wahr?

Lisha: Für mich ist es so.

Joie: Und Lisha, ich wäre niemals auf das tropfende Wasser in The Elephant Man gekommen. Großartige Beobachtung!

Willa: Ich auch nicht, aber all diese Verbindungen zwischen The Elephant Man, Frankenstein und Morphine ergeben vollkommenen Sinn, oder? Wenn man sich allein die Arzt-Patient-Beziehungen ansieht, dann gibt es so viele Parallelen zwischen ihnen – zwischen Dr. Treves und John Merrick, Dr. Frankenstein und dem Monster, das er erschafft und dem Arzt, der Morphium in die Venen seines Patienten, der Michael Jackson selbst zu repräsentieren scheint, da die Lyrics sich indirekt auf die Skandale um ihn herum beziehen, injiziert.

In allen drei Fällen hat der Arzt eine privilegierte soziale Stellung (im Fall von Dr. Frankenstein ist dieser sowohl ein Baron als auch Arzt), während der Patient ein sozialer Außenseiter ist – ein „Freak“, ein „Monster“, ein Mann, der der Kindesbelästigung beschuldigt wird. In allen drei Fällen jedoch ist es so, dass wir, je mehr wir erfahren, desto mehr mit dem „freakigen“, „monströsen“ Patienten mitfühlen und dem angesehenen, ihn behandelnden Arzt immer mehr misstrauen.

Joie: Das ist wirklich interessant, nicht wahr? Besonders bei der Geschichte von Frankenstein, bei der wir mit der Frage zurückgelassen werden, wer in Wirklichkeit das Monster ist, der Arzt oder der Patient. Ich denke, das ist ein Thema, mit dem sich Michael Jackson in einem großen Ausmaß identifiziert hat.

Willa: Oh, das sehe ich genauso. Ich denke, genau dies ist ein sehr wichtiges Thema für Michael Jackson. Wir können das ausdrücklich in den Lyrics von Monster erkennen und auch subtiler in seinem gesamten Werk. Immer wieder und wieder erkennen wir diesen Antrieb, uns mitzunehmen in die Gedankenwelt jener, die als „abscheulich“ oder als Außenseiter wahrgenommen werden und dass er uns auffordert, die Dinge aus ihrer Perspektive zu sehen. Und du hast Recht, Joie, das ist auch ein zentrales Thema bei Frankenstein – zumindest ist es das im Roman. Einige Filmversionen gehen anders damit um. Aber in dem Roman werden unsere Gefühle ständig auf den Kopf gestellt, wie auch unser Mitgefühl hin und her wechselt zwischen Dr. Frankenstein und dem Wesen, das er erschaffen hat.

Das ist etwas, was wir auch in Morphine sehen – diese emotionale Spannung, wenn unsere Gefühle erst in die eine Richtung ziehen und dann in die andere. Und es manifestiert sich auf mehreren unterschiedlichen Ebenen, wie in der ungewöhnlichen Struktur des Songs, wie wir zuvor schon besprochen haben. Je mehr ich im Grunde darüber nachdenke, desto mehr scheint es mir auf eine sehr komplexe Art zu funktionieren – zum Teil weil unsere Emotionen, unser Verstand und unsere physische Erregung miteinander hadern.

Was ich meine ist, dass, wenn ich den Song anhöre ohne wirklich darüber nachzudenken, was er bedeutet, ich mich sehr unwohl fühle während dieses aufgewühlten, stampfenden Eröffnungsteils. Es ist so misstönend und industriell, und seine Stimme schreit praktisch. Und einige Zeilen der Lyrics sind messerscharf wie „I hate your kind, baby / So unreliable“ („Ich hasse deine Art, Baby / So unglaubwürdig“) und „You hate your race, baby / You’re just a liar“ („Du hasst deine Rasse, Baby / Du bist einfach ein Lügner“). Es ist so schmerzlich für mich ihn diese Worte singen zu hören und mir vorzustellen, wie es für ihn gewesen sein muss, Kommentare wie diese über sich zu hören.

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Und dann setzt dieser wunderschöne Mittelteil ein und ich beginne mich zu entspannen. Ich muss sagen, ich liebe seine Stimme in diesem Abschnitt. Es ist einfach lieblich, mit dem einfachen Klimpern des Pianos, ein wenig später gefolgt von Streichern und Flöten, wie du sagtest, Lisha. Es ist alles sehr einfach und beruhigend und wunderschön.

Und dann fangen die holprigen, stampfenden, industriellen Geräusche wieder an, während wir in den dritten Abschritt gezogen werden und es bringt mich wieder völlig aus dem Gleichgewicht.

Joie: Und ich glaube, das Hervorrufen dieses verstörenden Gefühls war seine Absicht hierbei.

Willa: Das denke ich auch. Der Aufbau von Morphine hat also eine wesentliche emotionale, sogar körperlich spürbare Auswirkung, aber ich denke, es steckt noch mehr dahinter.

Wenn ich diesen Song interpretieren müsste, ohne die Lyrics zu beachten, dann würde ich annehmen, dass der erste und der dritte Abschnitt eine industrielle, mechanisierte, künstliche Welt abbildet und dieser mittlere Teil ein Entfliehen in die Natur ist – in die „wirkliche“ Welt, die natürliche Welt.

Aber das stimmt nicht. Die Lyrics drehen das um. Der erste und der dritte Abschnitt stellen die „wirkliche“ Welt dar, die harte Realität seiner Welt nach den Anschuldigungen 1993, als die Publicity-Maschinerie sich gegen ihn wandte, und der mittlere Abschnitt ist das, was falsch und künstlich ist – eine durch Medikamente hervorgerufene Flucht aus der realen Welt.

Lisha: Es ist eine vorübergehende Befreiung von quälendem Schmerz, aber selbst diese momentane Flucht ist problematisch.

Willa: Genau. Es liegt also eine Dissonanz darin, wie diese drei Abschnitte sich anfühlen und was sie bedeuten, inwiefern sie als „real“ wahrgenommen werden oder nicht, und das ist in meinen Augen so interessant.

Das Gesamtergebnis ist, dass, wenn ich mir diesen Song anhöre, ich irgendwie ganz durcheinander bin, ehrlich gesagt. Der erste Teil macht mich vollkommen nervös. Dann beginnt dieser sanfte mittlere Teil und mein Körper fängt an sich zu entspannen – aber zur selben Zeit meldet mein Gehirn: Gefahr! Gefahr! Versinke nicht darin! Dann schlägt der dritte Abschnitt zu und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich möchte all den Misstönen, dem aggressiven Durcheinander entkommen und irgendwie wieder zurück zu der vergleichsweisen Ruhe des Mittelteils, aber ich weiß, das sollte ich nicht.

Meine Gedanken, mein Körper und meine Gefühle sind also verwirrt und befinden sich in einem Konflikt – und das, so stelle ich mir vor, ist eine Annäherung an die Erfahrung einer Abhängigkeit.

Joie: Ich finde, das war eine wunderbare Analogie für Abhängigkeit, Willa, und wirklich nachdenklich stimmend. Genau wie Morphine selbst.

Lisha: Der Song fängt das Wirkliche dieser Situation ziemlich gut ein. Im Fall einer akuten Erkrankung oder quälenden Schmerzes muss das Leiden des Patienten angesprochen werden. Es ist die einzig mögliche, einfühlsame Sache, die zu tun ist, und das kann ich in dem beruhigenden Effekt der Musik im zweiten Abschnitt spüren. Jedoch ist da auch etwas so schrecklich Trauriges, Eindringliches und Dunkles an dieser Musik.

Willa: Oh, ich stimme dir zu.

Lisha: Es ist so ein Gefühl, dass man nicht weiß, was schlimmer ist, die Behandlung oder die Krankheit, die Lösung oder das Problem, das Schmerzmittel oder der Schmerz. Diese im Kontrast stehenden musikalischen Abschnitte könnten sich einfach weiter in einem endlosen, grausamen Kreislauf wiederholen.

Willa: Ja, genau wie der Kreislauf der Abhängigkeit. In einem sehr realen Sinn singt Michael Jackson also nicht nur über Abhängigkeit in Morphine, sondern bildet die körperliche und emotionale Erfahrung von Abhängigkeit nach und zwingt uns als Zuhörer auf diese Art es für uns selbst zu erleben.

Lisha: Wie du so treffend gesagt hast, Joie, es ist eine nachdenklich stimmende Klangskulptur.

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‘Bringing Michael Back’ – Die Hintergrund-Geschichte von XSCAPE

Bringing Michael Back: The Inside Story of ‘Xscape’ (Billboard-Coverstory)

Source: Billboard (May5-2014) – By Joe Levy

http://www.billboard.com/articles/news/6077455/michael-jackson-billboard-cover-story-xscape-full-album-details

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Vor etwas weniger als einem Jahr traf sich L.A. Reid mit John Branca zum Dinner bei Cecconi’s in West Hollywood. Reid war seit Juli 2011 Vorsitzender und CEO von Epic Records („Das Haus, das Thriller erbaute“, wie Reid es ausdrückt) und er hatte ein kaltes Label übernommen, was bis dahin auch nicht viel heisser geworden war. Branca hatte seine Rolle als Michael Jacksons Berater und Anwalt kurz vor Jacksons Tod 2009 wieder aufgenommen, und während seiner Zeit als Co-Testamentsvollstrecker von Jacksons Estate, dank des This Is It-Konzert-Films (der weltweit 261 Mio. $ einspielte) und lukrativen Performance-Projekten mit dem Cirque du Soleil die 500 Millionen-Dollar Schuld des Estates getilgt.

Eines der Themen, die an diesem Abend auf den Tisch kamen, war Reids Idee für eine Jackson-Film-Biografie, die sein Leben zwischen dem Alter von 19 – als er The Wiz filmte und zum ersten mal mit Quincy Jones arbeitete – und 24 Jahren beleuchtete, als er und Jones mit Thriller die Welt neu formten. Branca hatte eine einfache Antwort für Reid: Nein.

Reid, 57, erinnert sich heute: „John sagte zu mir, ‘Das ist wunderbar. Warum? Warum sollten wir dem zustimmen?’“ Branca beklagte sich darüber, dass Reid während seiner Anfangszeit bei Epic nichts für Jackson getan hatte. Die ersten beiden Jahre Reids bei dem Label waren mit seiner Beschäftigung als Richter bei X-Faktor auf Fox zusammengetroffen, (einer Entscheidung, die er heute als „fürchterlich“ bezeichnet) und Branca ging auch darauf ein. „Er sagte, ‘Du sprichst nicht über Michael, wenn du im Fernsehen bist,“ sagt Reid. „Er fing an, mich zu schimpfen. Ich bin voll aufgelaufen.“ Aber Reid sah eine Chance sich selbst zu beweisen, und fragte nach etwas anderem, etwas größerem: in die Schatzkammern zu gehen und die Aufnahmen zu hören, die Jackson – der dafür bekannt ist für jedes Album an etwa 70 Songs gearbeitet zu haben – zurückgelassen hat. „Lass’ mich alles anhören“, sagte er zu Branca. „Und dann lass’ mich ein Team zusammenstellen und ein Album von Michael machen.“

Ich lehnte mich ganz schön weit aus dem Fenster,“ sagt Reid. „Denn ich hatte keine Ahnung, was in den Schatzkammern war.“ Aber jetzt sagt er das mit einem Lächeln und dem Selbstvertrauen, was durch das Verfolgen einer unorthodoxen Strategie und der Erschaffung von etwas, was keiner für möglich hielt, entsteht: Einem Album, das es verdient mit der bemerkenswerten Musik in Zusammenhang genannt zu werden, die Jackson von Off The Wall, 1979, bis hin zu Invincible, 2001, machte.

Xscape“, erscheint am 13 Mai und enthält 8 Tracks von Jacksons Vocals, mit neuer Musik von Timbaland und J-Roc, Rodney Jerkins, Stargate und John McClain, dem ehemaligen Manager von A&M Records, der mit Branca zusammen Co-Testamentsvollstrecker des Jackson-Estates ist. Die Originale, mit denen sie arbeiteten wurden zwischen 1983 und 1999 aufgenommen – dem Zeitraum nach Thriller bis kurz vor Invincible.

XSCAPE New Album Michael Jackson

Die fertigen Songs sind keine Remixe. Reid wählte einen riskanteren Weg, er beauftrage jeden seiner Produzenten etwas zu erschaffen, was im Grunde genommen neue Songs sind, die auf Jacksons Vocal-Tracks basieren. Timbaland, der leitende Produzent des Projekts, der zusammen mit seinem Kollegen J-Roc fünf Tracks überwachte, spricht davon fast wie von einer Geistergeschichte; Jacksons körperlose Stimme, die ihn zu Sounds drängte, oder von denen abbrachte, die nicht innovativ genug waren, und der seinen Segen gab, wenn sie es waren.

Das ist das zweite komplette Album eines Deals zwischen dem Jackson-Estate und Sony Music, um zuvor unveröffentlichtes Material herauszubringen, welches Berichten zu Folge einen Wert von 250.Mio. $ hat. Das erste Album Michael von 2010 konzentrierte sich auf das Material, was Jackson in den letzten Jahren vor seinem Tod aufnahm. Es wurde von einem halben Dutzend Produzenten fertiggestellt, von denen viele an den Original-Sessions beteiligt waren, und die versuchten, seine Absichten so gut wie möglich umzusetzen. Das Ergebnis erfüllte nicht die Erwartungen von Jacksons Studio- Perfektionismus. Branca nennt den Prozess „irgendwie chaotisch“ und bemerkt, es fehlte an einer umfassenden, richtungsweisenden Vision. Seit seiner Veröffentlichung wurden von Michael 540.000 Alben verkauft – nicht gerade überwältigend. Trotzdem bleibt Jackson auch 5 Jahre nach seinem Tod groß im Geschäft. Letztes Jahr wurde The Immortal World Tour, ein Partner-Projekt zwischen dem Jackson Estate und Cirque du Soleil, die neunt kommerziell erfolgreichste Tour aller Zeiten, sie übertraf die Voodoo Lounge Tour der Rolling Stones von 1994 und 1995 mit Einnahmen von 325.1 Mio. $ aus 407 Shows und wurde von fast 3 Millionen Zuschauern besucht. Immortal ist erneut in Nord Amerika auf Tour und eine zweite Cirque du Soleil Show, One, startete im Mai 2013 in Mandalay Bay in Las Vegas.

Seit seinem Tod verkauften sich Jacksons Alben in den USA lt. Nielsen SoundScan 12.8 Mio. mal – 8 Mio. davon in den Monaten direkt nach dem 25.6.2009, was ihn zum Künstler mit den meisten Verkäufen dieses Jahres machte. Seit dem haben sich die Verkäufe verlangsamt. Im letzten Jahr verkauften sich 584.000 Alben, das sind weniger als bei Elvis Presley (1.1 Mio) und Johnny Cash (969.000), aber mehr als bei Whitney Houston (310.000) und Jimi Hendrix (539.000). Xscape wird die Zahl steigen lassen, in welcher Größenordnung ist jedoch unklar.

Auch wenn ein Hit sehr willkommen wäre, sehen Raid und alle anderen Beteiligten auch einen darüber hinaus gehenden Zweck: Jacksons Präsenz im heutigen Pop-Universum wieder zu beleben  Es steht ausser Frage, dass sein Einfluss weiterlebt. Hört man sich die Songs der Billboard 100 an, wird man Tracks von Jacksons Schülern hören – momentan ist es Pharrell Williams, der das, was er Jacksons „Stutter-Pop“ nennt mit Happy auf Nr. 1 getrieben hat, und Justin Timberlake, auf Nr. 9 mit Not A Bad Thing – koproduziert mit einem Teil des Xscape-Teams, Timbaland und J-Roc. Beim Arbeiten an dem Album fragte Timbaland sich: „Wie würde ich das im Radio im Vergleich mit Katy Perry hören? Würde es alt oder neu klingen? Ich musste sichergehen, dass es mit allem, was in der heutigen Pop-Welt stattfinden, konkurrieren kann.“

Im April versammelte sich Reid mit den Produzenten, die an Xscape arbeiteten, ausser McClain, um mit Billboard über die Entstehung des Albums zu sprechen und um eine Dokumentation zu filmen. Sie trafen sich in den früheren A&M Studios in La Brea, 966 neben Charlie Chaplins Studio erbaut. Jones und Jackson nahmen dort im Studio A We Are The World auf, und Jackson, der sich obsessiv Aufnahmen von Chaplin zu Studienzwecken ansah, war dafür bekannt, auf dieser Soundstage zu proben.

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THE XSCAPE TEAM: TIMBALAND, L.A. REID, RODNEY JERKINS, J-ROC


Photo: Austin Hargrave

Einige dieser Männer haben Jackson gekannt und mit ihm gearbeitet. Jerkins, 36, Hit-Schreiber für Brandy und Destiny’s Child, traf Jackson zum ersten Mal mit 16 und begann mit ihm zu arbeiten, als er 19 war. „Er fragte mich an für ein Jahr,“ sagt Jerkins. Es wurden dann fast drei Jahre daraus, von 1999 – 2001. Reid selbst produzierte einen der Tracks, die Xscape als Quelle dienten: Slave To The Rhythm, zusammen mit seinem Partner Kenneth ‘Babyface’ Edmunds im Jahr 1989. (Und er nahm Jackson 2005 beinahe unter Vertrag, als er Vorsitzender/CEO von Island Def Jam war) Der Song wurde für Xscape von Timbaland umgestaltet. „Er fragte Rodney (Jerkins) an, um ein Jahr für ihn zu arbeiten,“ witzelt Reid. „Das sagt dir was darüber, wie ich als Produzent dastehe – mich fragte er für zwei Wochen an.“

Jackson wollte mit dem Norwegischen Produzentenduo Stargate arbeiten – Mikkel Eriksen und Tor Hermansen, beide 41 – bekannt für ihre Hits mit Rihanna und Perry. Der Sänger war Fan ihrer Songs für Ne-Yo, und er traf sich mit ihnen im Midtown Manhattan Chinese Restaurant Mr.K’s, um zukünftige Projekte zu besprechen. „Nur wir beide und Manager, und Blanket war auch dabei,“ sagt Eriksen. „Unten im Basement.“ „Hat er gegessen?“ fragt Reid. „Er hat gegessen – er brachte seine eigenen Ess-Stäbchen mit,“ sagt Hermansen.

So wie Timbaland, fühlte auch Reid, dass seine konsequenten Innovationen sich mit Jacksons Bestreben, immer einen einmaligen Sound zu erschaffen, deckten. So wie Jackson, spielt auch Timbaland Sounds in seinem Kopf ab und beatboxt und vokalisiert sie im Studio. Und wie Jackson ist auch er unermüdlich bei seiner Suche nach neuen Herangehensweisen. „Es kam mir immer vor, als ob ich der Zeit voraus sei und keiner versteht meine Methode der Musik. Ich fühle, dass alles um uns herum Musik ist. Deshalb benutze ich in meinen Songs Grillen, oder Vögel und Löffel oder Türgriffe, oder einen Automotor, und mache daraus einfach einen Rhythmus.“

Timbaland war der Erste, den Reid anrief. „Ich sagte, ich möchte ins Studio kommen. Ich möchte das nicht am Telefon besprechen,“ erinnert sich Reid. Die beiden trafen sich in den Jungle Studios in Manhattan, erbaut und im Besitz von Alicia Keys. „Wie üblich war der Kontrollraum im Studio voller Leute – Musiker, Toningenieure, Assistenten, Freunde und Songschreiber – jede Menge Leute im Raum,“ sagt Reid. „Ich wollte darüber nicht in einer Gruppe sprechen. Deshalb sagte ich, ‘Tim, können wir reden?’ Wir gingen raus und ich flüsterte in sein Ohr, als wäre es DAS besondere Projekt. Ich sagte, ‘Wie hört sich das an: ‘Michael Jackson produziert von Timbaland.“

Ich spürte, das er mich herausfordern wollte,“ sagt Timbaland. „Als wolle er sagen, ‘Lass mich sehen, wie gut du wirklich bist. Wie wäre es mit Michael Jackson?’“

Für Reid persönlich ist das Projekt ebenfalls eine Chance zu beweisen, wie gut er wirklich ist. „Als ich zu Epic-Records kam, wußte ich nicht genau warum,“ sagt er. Seit er vor 25 Jahren zusammen mit Edmunds LaFace Records gegründet hat, ist Reid in die Topliga von Arista und Island Def Jam aufgestiegen, und überwacht bahnbrechende Platten von TLC, Usher, Outkast, Pink, Avril Lavigne und Rihanna. „Brauchte ich wirklich noch einen Job bei einer weiteren Platten-Firma?“ fragt er. Und obwohl Epik gerade im Aufschwung ist, dank jüngster Hits von Future, Kongos und A Great Big World, waren seine ersten 18 Monate schwierig. „Bis wir anfingen, an dem Michael Jackson Projekt zu arbeiten… ich hatte es einfach nicht verstanden, verstehst du?“ sagt er. „Ich musste mich erst in etwas verbeissen, was das Potential hatte, großartig zu werden.“

Der Prozess begann damit, dass Jacksons Estate die Aufnahme-Archive durchforstete, die sich in verschiedenen Lagerhallen in Süd Kalifornien befinden, in denen Jacksons Besitz verwahrt wird, – alles, von seiner Kleidung, Schmuck und Autos bis hin zu Notizen und Handschriften. „Vieles davon haben wir in Computern digitalisiert“, sagt Branca über die Aufnahmen. „Wir haben es aufgezeichnet und Verzeichnisse aufgestellt, damit wir immer Zugang zu den Sachen haben.“

Es besteht keine Knappheit an Material. In seiner Glanzzeit arbeitete Jackson unerbittlich. Er benutzte unterschiedliche Studios, so konnte er von Song zu Song gehen, manchmal 18 Stunden am Stück. Er sang mehr, als dass er etwas spielte, aber er konnte seinem Team Akkorde und Arrangements vorsingen, und brachte ihnen Demos, bestehend aus vokalisierten-Orchestrierungen (mit beatbox-Rhythmen), die er in seinem Heimstudio zusammengestellt hatte. „Er hat eine vollständige Aufnahme in seinem Kopf, und versucht zu erreichen, dass die Leute es ihm genau so umsetzen“, sagt Songschreiber/Produzent/Toningenieur Bill Bottrell zu Joseph Vogel, dem Autor von „Man In The Music“ (und dem Text im CD-Begleitheft von „Xscape“). „Sein Job ist es, von den Musikern, Produzenten und Ingenieuren zu bekommen, was er hört, wenn er morgens aufwacht.“

Jackson nahm für jedes Projekt viel mehr auf, er arbeitete jahrelang an Songs und kam manchmal für spätere Alben wieder auf sie zurück – mit „Wanna Be Startin’ Somethin‘“ begann er während der Off The Wall-Sessions, aber es endete auf dem Thriller Album. Er trieb sich selbst und andere an. Als er mit Jerkins an (dem Song) Xscape arbeitete, das zwischen 1999 und 2001 aufgenommen wurde, schickte er den Produzent mit einem DAT-Rekorder auf Schrottplätze, um neue Percussion-Sounds zu finden.

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Rodney Jerkins & Michael Jackson

Ich klopfte auf Sachen und dachte ‘wow, das könnte in einen Song passen. Das könnte gut zur Basstrommel passen. Nach einer Zeit wurden die Sounds zum Leben erweckt, und für ihn waren das die Momente, warum er immerzu auf der Suche nach dem nächsten war. Er war so begeistert davon, zu versuchen herauszufinden, wie man neue Sounds erschafft.“

Wo ist genau der Sound, der erreicht, dass du es immer wieder anhören willst?“ fragte er Jerkins. „Wir müssen Pioniere sein und diesen neuen Sound erschaffen.“

Angesichts all dieses Materials hatten Reid und John Doelp von Sony A&R ein klares Ziel. Reid sagt, sie wollten Songs finden, die „Michael von Anfang bis Ende mehrmals gesungen hatte, mehrspurige Tracks, denn das was das einzige für mich erkennbare Zeichen, welches etwas über Michaels Liebe zu den Songs aussagte.“ Reid kannte das gut – als er und Edmunds während der Dangerous-Sessions mit Jackson 1989 in Los Angeles das Original von Slave To The Rhythm aufnahmen, nahm Jackson die Vocals 24 Mal auf. „Und es war nicht einmal, um eine misslungene Note zu verbessern,“ sagt Reid. „Nein, er sang den Song 24 mal von Anfang bis Ende durch, ohne Pause, ohne etwas zu trinken, ohne ein ‘warte mal einen Moment’. Er sang den Song und sagte ‘ok, lass’ mich noch eine Aufnahme machen, ich kann es noch besser’, und dann machte er es noch einmal. Jedes mal wurde er besser, aber als wir etwa bei der 14. Aufnahme waren, verloren wir den Überblick, denn alles hörte sich gleich an. Zu dem Zeitpunkt hatte er es perfektioniert – aber er machte trotzdem weiter.“

Branca und Karen Langford – die sich in den Archiven der Lagerhallen auskennt wie sonst keiner – gingen in die Schatzkammern und wählten 24 Möglichkeiten aus, die Reids und Doelps Anforderungen entsprachen. Sie reduzierten die Auswahl zunächst auf 20, danach auf 14. Acht davon werden auf Xscape sein, obwohl ein paar mehr vorbereitet wurden. (auf einer Deluxe Edition werden auch die Originalaufnahmen sein) Die Auswahl mag nicht überraschen, dafür eher das, was nicht berücksichtigt wurde. Die Tracks die Jackson 1983 mit Freddie Mercury von Queen aufnahm, sind nicht auf Xscape, obwohl sowohl Brian May als auch Roger Taylor davon sprachen, letztes Jahr daran gearbeitet zu haben. Und obwohl eine Version von Slave To The Rhythm featruring Justin Bieber im letzten August leakte (unterstützt von einer Menge Bieber-Tweets), wirst du es nicht auf Xscape hören.

Hardcore Jackson-Fans werden die meisten der Aufnahmen wieder erkennen. Die meisten lagen in irgend einer Fertigstellungsform vor und leakten über die Jahre, entweder komplett oder in Teilen. Einige der Leaks können immer noch online gehört werden. Aber das bedeutet nicht, dass die Produzenten von Xscape sie auch gehört haben. Timbaland und Eriksen begannen damit, das Ausgangsmaterial zu hören, was Reid ihnen präsentierte, und beide entschieden sich schnell, auf die instrumental Tracks zu verzichten und nur mit Jacksons Vocals und ein paar Geräuschen, die das Mikrophon mit aufgezeichnet hatte, zu arbeiten.

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‘Stargate’–  Mikkel Eriksen Storleer + Tor Erik Hermansen mit Michael Jackson (2007)

Du hörst seine Füsse in der Aufnahmekabine, wenn er singt, und sein Fingerschnippen,“ sagt Jerkins. „Es war alles authentisch, real. Es wurde nicht gesagt, ‘schneide die Snaps ‘raus und das Fussstampfen’.“ Nein, es ist alles authentisch. Es ist ER, wie er in der Aufnahmekabine steht, und fühlt was er tut.“

Er macht den Job eines Produzenten einfach,“ sagt Hermansen. „All diese Dinge, die auf den Vocal-Tracks sind sorgen dafür, dass du aufstehen und tanzen willst.“

Soweit es Eriksen und Hermansen betrifft, brachte das Projekt sie zu ihren frühen Tagen zurück, als sie in den späten 90ern amerikanische R&B Hits für den europäischen Markt mixten – Mary J. Blige, Mariah Carey, Brandy – indem sie neue instrumental Tracks hinter acapella-Vocals legten. Aber was für sie ein Vergnügen war, war für Timbaland komplizierter. „Es gab Augenblicke, da brach ich zusammen,“ sagt er. „Es war sehr schwer. Ich dachte ‘ich bearbeite Michael Jackson, aber ich kann nicht mit ihm sprechen. Aber wie kann ich ihn channeln?’“ Als er mit J-Roc im Studio war und an Lovin’ You arbeitete – einem Song, der von Jackson in seinem Studio im seinem Haus in Encino, Kalifornien, geschrieben und aufgenommen worden war, wo er lebte, bevor er er nach Neverland zog, war ihre erste Version furchtbar. „Ich dachte, ‘ich glaube nicht, dass Michael das gefallen würde. Wir müssen von vorne anfangen. Wir müssen es einfacher halten.“ Als sie das taten – mit einem Sound, von dem er sagt, er klinge wie „Boyz II Men trifft auf Heute“, hörte er Jacksons Stimme sagen ‘das ist es, Tim’.“ „Ich sah mich um, aber es war keiner im Zimmer,“ sagt er. „Ich habe diese Geschichte nie erzählt, nichtmal meinem Co-Produzenten Jerome. Er sagte so etwas wie ‘Alles ok?’ und ich ‘Ja, alles cool, Mann. Ich bin nur…’ Und ich sitze da und denke ‘Yo, ich habe gerade etwas gehört. Ich weiß, dass ich nicht verrückt bin. Ich weiß, was ich gehört habe.’ Es war, als ob sein Geist in mir nachhallte, um mir sein OK zu geben.“

Das Fokussieren auf Jacksons acapella-Vocals wurde zum Leitmotiv von Xscape. Die neuen Versionen stellen ihn nach vorne und ins Zentrum („er ist lauter“, sagt Reid). „Wir haben tatsächlich einiges herausgenommen, um Michael atmen zu lassen,“ sagt Hermansen. „Michael singt und er klingt großartig – lass ihm Platz zum Atmen und sein Ding machen.“

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LA Reid & Michael Jackson

Für Reid ist dieses Projekt auf verschiedenen Ebenen persönlich. 1956 geboren, zwei Jahre vor Jackson, wuchs er mit Jacksons Musik auf und sah die Jackson 5 zum ersten mal auf dem Ohio State Fair. „Ich war ein Kind, und Michael war ein Kind, und ich war einfach überwältigt von ihm,“ sagt er. „Als der kleine Michael seinen Mund aufmachte, erhob sich seine Stimme über das Konzertgelände.“

Reid erinnert sich an sein erstes Treffen mit Jackson bei einem BMI-Event in Los Angeles. „Ich machte ein Foto mit ihm,“ sagt er. „Ich hatte den Kopf voller wirklich nasser Jheri-curls, die Sosse lief mir den Rücken runter“, sagt er. Nicht viel später lies Jackson Reid und Edmunds nach Neverland fliegen, um über eine Zusammenarbeit zu sprechen. Sie trafen mit einem Helikopter ein, unterzeichneten eine Vertraulichkeitsvereinbarung („so war das, wenn du Michael besucht hast“) und warteten in der Bücherei auf Michael. „Wir waren etwa 5 Minuten dort, aber für mich fühlte es sich wie 20 Minuten an – Erwartung, Nervösität, die Augen immer auf die Tür gerichtet, darauf wartend, dass Michael herein kommt – Michael kommt. Er kommt nie durch diese Tür. Er kommt aus einer geheimen Tür – die Bücher bewegen sich, und Michael kommt herein.“ Die drei sprachen über Musik, darüber, was sie zu der Zeit mochten. Jackson erwähnte The Knowledge, ein Song seiner Schwester Janet vom Album Rhythm Nation 1814, produziert von Jimmy Jam und Terry Lewis. Reid begann sich zu wundern. „Jeder Song, den er erwähnte, war von Jimmy Jam und Terry Lewis geschrieben und produziert. Ich sah also Kenny an, mit einem Blick der etwa ausdrückte ‘ich glaube Michael hat die Falschen hier. Ich glaube, er wollte Jimmy Jam und Terry.’“

Aber schon bald nannte Jackson Songs von Edmunds Tender Lover, die zu der Zeit die R&B und Pop- Charts dominierten. Der Tag endete mit einer Filmvorführung in Jacksons Kino („da gab es einen Angestellten in voller Uniform, mit einer Kappe, als ob wir in den 1940ern wären“), und sie sahen ein Video von 1983 an, mit Jackson und Prince zusammen mit James Brown auf der Bühne, gefolgt von Prinzess Film Under The Cherry Moon, von 1986.“

Als sie begannen zusammen zu arbeiten, gab Jackson ihnen ein Demo, nur Drums und Bass, und sagte ‘das ist es. Stellt es fertig’. Aber der Track Slave to the Rhythm wurde bis zu Xscape nie richtig fertiggestellt.

Als Reid mit seiner Arbeit bei versch. Labels weitermachte, blieb er in Kontakt mit Jackson und sprach davon, ihn bei Island Def Jam unter Vertrag zu nehmen. „Er nannte mich Mr. Präsident,“ sagt Reid. „Es war das netteste Ding der Welt.“ Die beiden trafen sich in London im Dorchester Hotel. „Er sagte, ‘Ich will keinen weiteren Hit, ich will nicht einfach nur eine Platte mehr machen. Ich möchte etwas großartiges machen. Wenn es nicht großartig werden kann, wenn es nicht innovativ sein kann, nicht gewaltig, wenn du dich dafür nicht in dem Mass engagierst, wie ich, dann sollten wir es nicht tun. Wenn du dich jedoch mir anvertraust, verspreche ich, ich vertraue mich auch dir an.’“ Aber es sollte nicht sein. Jackson unterzeichnete einen kurzlebigen Vertrag mit Sheik Abdulla bin Hamad Al Khalifa, dem Prinz von Bahrain.

Michael und ich trennten uns in dem Wissen, wieder zusammen arbeiten zu wollen,“ sagt Reid. Xscape ist die Erfüllung dieser Absicht. Es ist so fokussiert und stimmig, wie ein posthumes Album sein kann, es drückt die kreative Freiheit aus, die Jackson in seiner Musik suchte. Von Grund auf um Jacksons Stimme und Legacy herum gebaut, ist es einfach dadurch erfolgreich, weil es wie Michael Jacksons Musik klingt, freudvoll und verzweifelt, oft mit keiner klaren Unterscheidung zwischen beidem. Und es transportiert den Spirit des verstorbenen Pop-Genies von der Vergangenheit in die Zukunft, an den Ort, von dem Jackson immer wollte, dass seine Musik lebt.

Übersetzung: M.v.d.L.

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Aus den Linernotes des Xscape-Booklets:

Posthumous albums are off course different than albums an artist finishes and releases while at the helm. Michael Jackson`s official canon-the albums, performances and short films he oversaw and realized during his lifetime – is complete. That catalog remains one of the most impressive and durable in the history of music, still inspiring new generations of fans and artists alike.

“Contemporizing” Jackson`s songs, then is a kind of parallel track in keeping Jacksons legacy thriving. It is not about replacing what Jackson left behind or even about finishing a specific blueprint, without the artist here, that is impossible. Rather, it is about creatively connecting with his work about finding new and compelling ways to capture the essence, the excitement and the magic that Michael Jackson is.

Posthume Alben sind natürlich anders, als Alben, die ein Künstler fertigstellt und veröffentlicht, während er selbst das Steuer in der Hand hält. Michael Jacksons offizieller Kanon – die Alben, Performances und Kurzfilme, die er selbst zu seinen Lebzeiten überwachte und realisierte – ist vollständig. Der Katalog bleibt einer der beeindruckendsten und beständigsten der Musikgeschichte, und inspiriert immer noch gleichermassen neue Generationen von Fans und Künstlern. Michael Jacksons Songs zeitgemäss zu machen („contemporizing“) ist deshalb eine Art parallel-Weg, um Michael Jacksons Legacy erfolgreich („blühend“) zu halten. Es geht nicht darum, zu ersetzen, was Jackson hinterlassen hat, oder einen Entwurf zu beenden, ohne dass der Künstler hier ist – das ist unmöglich. Es geht vielmehr um eine kreative Verbindung mit seinem Werk, mit dem Versuch, neue und fesselnde Wege zu finden um seine Essenz – die Begeisterung und die Magie – festzuhalten, für die Michael Jackson steht.

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“We all owe a debt of gratitude to the most sensational performer of all time, the KING OF POP MICHAEL JACKSON. Your talents, generosity and groundbreaking gifts to the world are second to none. Thanks for being you.“

Wir alle sind dem sensationellsten Künstler aller Zeiten, dem King Of Pop Michael Jackson unseren Dank schuldig. Deine Talente, Großzügigkeit und wegweisenden Gaben an die Welt sind unübertrefflich. Danke, dass du bist, wie du bist.“

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Kann ein Spiegel die Wahrheit enthüllen?

by

Post vom 10/04/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Vor ein paar Wochen führten Lisha McDuff und Harriet Manning eine interessante Diskussion über Harriets neues Buch Michael Jackson and the Blackface Mask. Eigentlich war es so interessant, dass wir gar nicht aufhören konnten! Wir führten unsere Diskussion per E-Mail fort, sogar nachdem der Post erschienen war. Und im Verlauf dieser E-Mails erwähnte Harriet einen faszinierenden Gedanken:

Vielleicht ist es so, dass aufgrund der rassenbezogenen Identifizierung durch die äußeren Merkmale der Erscheinung diese so grundlegend bei der Wahrnehmung anderer sind, dass die Rassenmerkmale des Gesichtes (in Michael Jacksons Fall die Hautfarbe und die Form der Nase) von unserem Gehirn als „größer“ weiterverarbeitet werden, mehr flächendeckend, als sie tatsächlich sind. Wenn also diese bestimmten Merkmale, diese starken rassenbezogenen Zeichen, sogar wenn sich ein Gesicht ansonsten nicht sehr verändert hat, verändert haben, geht die Wahrnehmung dahin, dass sich das gesamte Gesicht radikal verändert habe, auch wenn dies faktisch gar nicht der Fall ist.

Lisha und mich hat das umgehauen und jetzt kribbelt es uns darüber zu reden. Harriet, ich glaube wirklich, dass du hiermit etwas Wichtigem auf der Spur bist. Ich danke euch beiden so sehr, dass wir noch mal zusammenkommen konnten, um dies durchzusprechen!

Harriet: Sehr gern, Willa, aber es ist aus unserer aller Gedanken entstanden, also eine Gruppenleistung!

Willa: Weißt du, dieser Gedanke erinnert mich an ein Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe – etwa vor 25 Jahren, ich erinnere mich also vielleicht nicht mehr ganz genau – aber ich war vollkommen fasziniert davon. Es heißt Drawing on the Right Side of the Brain (Sich der rechten Gehirnhälfte bedienen) von Betty Edwards. Gemäß Edwards können die meisten Erwachsenen nicht sehr gut zeichnen, aber es ist kein Problem ihrer Fertigkeiten – in der Hinsicht, dass sie unfähig wären Linien auf Papier zu zeichnen. Es ist ein Problem ihrer Wahrnehmung. Ihre Theorie ist die, dass die meisten Erwachsenen die schon die nötigen Fähigkeiten besitzen sehr gut zu zeichnen, aber ironischerweise steht unser Wissen dem im Weg.

Sie sagt zum Beispiel, dass, wenn du einem Erwachsenen ein Foto gibst und ihn bittest, das Bild abzuzeichnen, die meisten etwas ziemlich Amateurhaftes und nicht gerade Genaues zeichnen. Wenn du aber dasselbe Foto auf den Kopf drehst und sie bittest, es zu zeichnen, dann gelingt es ihnen sehr viel besser. Tatsächlich können sie nun ziemlich gut zeichnen.

Lisha: Ich habe dasselbe Buch vor vielen Jahren auch gelesen, Willa, und es ist genauso, wie ich mich auch noch daran erinnere. Ich habe immer gewünscht, ich hätte ein wenig mehr Zeit mit den Zeichenübungen in dem Buch verbracht. Offensichtlich ist das Zeichnen selbst nicht der schwierige Teil. Es ist das Sehen, das wirklich schwer ist.

Willa: Genau! Sie sagt, das Problem sei, dass die meisten von uns die Welt um sich herum nicht wirklich ansehen – oder wie in diesem Fall, das Bild auf dem Foto. Wir sehen gerade lange genug hin, um ihm eine Bezeichnung zu geben – oh, das ist ein Gesicht oder ein Stuhl oder eine Katze – und dann versuchen wir unsere Vorstellung davon, wie ein Gesicht oder ein Stuhl oder eine Katze aussehen sollte, zu zeichnen. Wir denken, wir würden das zeichnen, was wir sehen, aber das tun wir nicht. Wir zeichnen stattdessen das, was vor unserem geistigen Auge ist.

Aber die meisten von uns haben kein geistiges Bild vor sich davon, wie ein auf den Kopf gedrehtes Gesicht oder ein Stuhl oder eine Katze aussieht, wenn wir also versuchen, ein Bild dieser Art zu zeichnen, sind wir gezwungen, ganz genau hinzusehen, was da vor uns ist und wir zeichnen die Formen und Umrisse auf die Art, wie sie tatsächlich auf dem Foto zu sehen sind.

Lisha: Erstaunlich, nicht?

Willa: Das ist es wirklich, und genau wie du mag ich es, Zeit damit zu verbringen, mich durch ihre Übungen durchzuarbeiten. Jedenfalls frage ich mich, ob etwas Ähnliches mit der öffentlichen Wahrnehmung von Michael Jacksons Gesicht passierte. Wir neigen dazu, uns ein Gesicht gerade lange genug anzusehen, um es kategorisieren zu können – oh, das Gesicht ist schwarz/weiß/asiatisch, jung/alt, männlich/weiblich, attraktiv/unattraktiv – und dann, wenn wir es erst einmal mit Bezeichnungen versehen haben, sehen wir es uns gar nicht mehr genau an. Wir denken, dass wir es tun, aber so ist es nicht. Wir sehen nur so lange hin, bis wir ihm ein Etikett aufdrücken können. Und wie du festgestellt hast, Harriet, sind manche Merkmale bei der Festlegung dieser Etiketten wichtiger als andere: zum Beispiel die Farbe deiner Haut, die Form deiner Augen und deiner Nase, die Farbe und Beschaffenheit deiner Haare, die Länge deiner Augenwimpern, die Farbe deiner Lippen.

Harriet: Ja, „wichtig“ deshalb, weil die vorherrschende Kultur (von der wir unsere Hinweise erhalten) gewisse Merkmale wie die Interpretation von Rassen- und Geschlechterzugehörigkeit definiert hat.

Willa: Das ist ein wichtiger Punkt, Harriet. Es handelt sich lediglich um soziale Konstrukte – oder soziale „Konditionierung“, wie Michael Jackson sagen würde. Aber auch wenn es „nur“ Konstruktionen sind, haben sie sehr viel Macht. Wie viel Macht sie haben, können wir daran erkennen, wenn wir uns ansehen, wie die Leute Michael Jacksons Gesicht lesen und darauf reagieren.

Als er jung war, sahen die Leute gerade lange genug auf sein Gesicht, um es zu bezeichnen (jung, schwarz, männlich) und dann sahen sie nur noch diese Bezeichnungen, nicht sein tatsächliches Gesicht – was sehr typisch ist, wie Betty Edwards andeutet. Aber als er aber einige der Merkmale, die wir zur Festlegung dieser Etiketten benutzt haben, veränderte, dachten die Leute „jung“, „schwarz“, „männlich“, aber sein Gesicht passte nicht mehr zu diesen Bezeichnungen. Es entstand eine Unstimmigkeit zwischen dem, was wir sahen und den Bezeichnungen, die wir für ihn im Kopf hinterlegt hatten. Wie du also in deiner Email erwähnt hast, Harriet, veranlasste dies viele Leute zu denken, sein Gesicht hätte sich radikal verändert, was gar nicht der Fall war. Es war im Grunde nur die Art der Interpretation des Gesichtes, die sich geändert hat, nicht das Gesicht selbst.

Lisha: Das stimmte sicherlich damals in den 80er Jahren für mich, als ich noch kein Fan war. Ich erinnere mich, als Fotos von der Victory Tour auf den Zeitungsregalen erschienen, es war wirklich schwer zu glauben, dass das tatsächlich Michael Jackson war – er sah wie eine vollkommen andere Person für mich aus. Ich musste die Fotos wirklich genau untersuchen, um zu sehen, dass er es war, besonders da ich die Off-the-Wall-Ära verpasst hatte. Die Form seiner Nase und seine Hautfarbe hatten sich ein wenig verändert – daran bestand kein Zweifel – aber an was ich mich am deutlichsten erinnere, ist, wie mich die neuen, dünneren Augenbrauen umwarfen. Ich denke nicht, dass ich die Vorstellung einer gut aussehenden männlichen schwarzen Person mit femininen, altmodischen im Hollywood-Stil geschwungenen Augenbrauen und Make-up jemals wieder korrigieren kann. Zu jener Zeit waren für Frauen natürliche Gesichter mit vollen, nicht gezupften Augenbrauen, wie bei Brooke Shields, in Mode. Es war also aufsehenerregend und verwirrend dies zu sehen. Es war erstaunlich, wie diese Details die ganze Art und Weise änderten, auf die ich sein gesamtes Gesicht interpretierte – bis zu dem Punkt, dass er nicht zu erkennen sei.

So sah Michael Jackson in meiner Vorstellung in den frühen 80ern aus, und so sah er auf den Fotos der Victory Tour aus:

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Willa: Das sind großartige Beispiele, Lisha, und ich weiß, was du meinst. Ich habe das auch erlebt – indem ich zweimal hinsehen musste, immer wenn er mit einem neuen Look kam, wie bei Thriller oder Bad oder Dangerous oder HIStory … Es scheint, als hätte er für jedes Album einen neuen Look enthüllt. Und manchmal war es ein radikal anderer Look, der sein Image auf einer fundamentaleren Ebene änderte, als wenn es nur eine neue Frisur gewesen wäre – einer Ebene, die wirklich die geistige Vorstellung, die ich von ihm hatte, in Frage stellte.

Und vielleicht ist es genau das, was jene Veränderungen des Bildes, das wir vor unserem geistigen Auge hatten, hervorgerufen hat, wie du erwähntest, Harriet, und was die Leute dahin führte zu glauben, er habe weitaus mehr plastische Operationen gehabt, als es tatsächlich der Fall gewesen ist.

Harriet: Ich denke, seine Image-Veränderungen zeigen auch, wie geschäftstüchtig er war. Er war eine Art fortwährende Neuerfindung, was ihn immer „neu“, frisch und aufregend erscheinen ließ.

Lisha: Ja sicher. Zu der Zeit, denke ich, dass ich annahm, es ginge nur um Marketing, aber nun denke ich das nicht mehr.

Willa: Das ist ein guter Punkt- es fesselte die Aufmerksamkeit der Leute und ließ ihn „frisch und aufregend“ erscheinen, wie du sagst, Harriet. Aber ich denke wie du, Lisha, dass da sehr viel mehr vor sich ging.

Wie bei einem gedanklichen Experiment habe ich ein wenig mit zwei Fotos herumgespielt, die dieses Problem von „Sehen“ und „Etikettieren“ sehr gut illustrieren, denke ich. Ich mag diese zwei Fotos sehr, weil sie sich in meinen Augen sehr ähneln, wir aber dazu neigen, sie völlig unterschiedlich zu interpretieren. Das erste – aus dem Jahr 1987 – bringt ganz eindeutig „schwarz“ und „männlich“ zum Ausdruck, während das andere – von 2003 – eher uneindeutig ist. Was ich meine ist, dass, wenn du nicht weißt, wer es ist, es schwer zu sagen ist, wie man es „etikettieren“ soll. Hier sind diese zwei Fotos:

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Und hier sind Schwarz-Weiß-Kopien derselben Fotos:

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In den Schwarz-Weiß-Kopien könnt ihr die Unterschiede in der Hautfarbe nicht erkennen, oder den roten Lippenstift in dem späteren Bild, also heben sich die Rassen- und geschlechtsbezogen Merkmale nicht so sehr ab. Was ihr seht – sehr viel deutlicher, finde ich – sind die Grundlinien seines Gesichtes, und die sind unverändert.

Harriet: Was für ein ausgezeichnetes Experiment, Willa. Während ich das durchdenke und diese Bilder studiere, bin ich mir der Rolle von Make-up und Frisur sehr bewusst geworden, zusätzlich zur Rolle der Kamera. Willa, du gehst in Rereading Michael Jackson ein wenig mehr auf das letztere Foto ein, nicht wahr? Make-up, Frisur und Kamerawinkel (verbunden damit, in welchem Kontext ein Foto gemacht wurde) beeinflussen das Abbild eines Gesichtes massiv. Hier in England (und ich bin sicher, in den USA auch) gibt es einen Trend in der Klatschpresse, zwei grundverschiedene Fotos berühmter Personen gegenüberzustellen, etwa ein Bild von einem Event auf dem Roten Teppich gegenüber einem Schnappschuss eines Paparazzo auf der Straße. Google Images zeigt diese vergleichenden Bilder ebenfalls. Der Trick (und das ist genau das, was es ist) illustriert sehr gut die enormen Auswirkungen von Make-up und Hairstyling, Fotografie und Kontext auf die Bildsprache. Im Fall von Michael Jackson spielten außerdem –inmitten der Aufmerksamkeit um seine Operationen und Hautveränderungen – eher „normale“ physische Prozesse bezüglich seiner Erscheinung eine Rolle, wie etwa Gewichtsänderungen und das Älterwerden, die stets verleugnet wurden. Gewichtsschwankungen zum Beispiel verändern ein Gesicht drastisch, besonders wenn man wie Michael Jackson von sehr schlanker Gestalt ist; dann kann sogar eine minimale Änderung beim Gewicht nach oben oder unten eine große Auswirkung haben, ganz besonders im Gesicht. Wenn ihr Bilder von Michael Jackson aus dem Jahr 2001 zur Zeit der Veröffentlichung von Invincible (und seinem Protest gegen die Sony-Bosse) mit den Fotos von This Is It aus 2009 vergleicht, dann spielt die Änderung beim Gewicht eine große Rolle beim Unterschied. Hier ist je ein Beispielfoto aus der jeweiligen Zeit:

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Die zwei Bilder, die du ausgesucht hast, Willa, zeigen (für meine Augen jedenfalls) weniger die Auswirkungen plastischer Operationen als Änderungen beim Gewicht und/oder das Wirken der Kamera. Ich bin sicher, dass jeder schon mal bemerkt hat, wie sich manchmal, wenn man ein Bild verändert oder damit herumgespielt hat (sehr oft beim Versuch, die richtige Größe wieder herzustellen), die Proportionen verschieben können. Das kann ein Gesicht ziemlich schmal und wirklich ganz schön rund im Vergleich zum original machen. Das letztere deiner beiden Fotos, Willa, sieht aus, als könnte es sich um so einen Fall handeln.

Willa: Wirklich? In meinen Augen sehen die Proportionen und Linien seines Gesichtes in beiden Fotos gleich aus. Genau darum mag ich sie ja so sehr. Er ist in dem späteren Foto 15 Jahre älter und die Vertiefungen in seinen Wangen haben sich ein wenig mehr ausgeprägt. Aber davon abgesehen wirkt die Grundstruktur seines Gesichtes genau gleich auf mich. Die einzigen Unterschiede sind Merkmale auf der Oberfläche wie Lippenstift und falsche Wimpern.

Lisha: Ja, das sehe ich auch so, Willa. Ich denke, die grundlegende Struktur seines Gesichtes ist genau gleich, obwohl wir dazu tendieren, auf die Unterschiede zu achten. Bei Michael Jackson musst du wirklich genau und wohlüberlegt hinsehen, um die tatsächliche Struktur seines Gesichtes zu erkennen, denn die Merkmale der Oberfläche übernehmen irgendwie die Führung.

Harriet: Dann vermute ich, dass wir unsere eigenen Argumentationen unterstreichen, dass nämlich Eindrücke oder die Lesart von Bildern variieren oder sogar komplett gegenteilig ausfallen kann und (in meinem Fall , nicht so sehr bei dir, Willa) mehr auf gewissen Merkmalen gründet als in der grundlegenden Struktur. Die ausgeprägteren „Vertiefungen in seinen Wangen“, die du erwähnst, Willa, sind Zeichen von Gewichtsverlust und /oder des Alterns, würde ich sagen, aufgrund dessen sein ganzes Gesicht zu der Zeit, als das zweite Foto aufgenommen wurde, dünner erschien.

Lisha: Er sieht durch die Wangenpartie dünner aus in dem zweiten Foto, was in Gewichtsverlust begründet sein könnte, durch den Alterungsprozess oder auch durch Medikation aufgrund der Behandlung seines Haut- und Kopfhautprobleme. Ich erkenne eine winzige Veränderung in seinem Überbiss, der das Ergebnis einer kosmetischen Zahnbehandlung sein könnte. Aber die interessante Sache ist für mich, dass wir ziemlich gewöhnt daran sind, äußere Veränderungen, einschließlich kosmetischer Operationen, bei Künstlern und Entertainern hinzunehmen, die nicht so aufgebauscht werden wie hier. Du musst gar nicht außerhalb der Jackson Familie nach ein paar guten Beispielen suchen. Wir akzeptieren ihre Schönheit und Fabelhaftigkeit irgendwie und halten uns gar nicht damit auf, zu kommentieren, welche Veränderungen sie vorgenommen haben. Aber bei Michael Jackson ist dies nicht der Fall. Sein sich veränderndes Aussehen stiftete so viel Verwirrung und rief einige sehr starke Reaktionen und Unterstellungen hervor. Tut es immer noch.

Harriet: Ja, und es gab eine ganze Menge Gründe dafür. Ich würde einen Teil unseres Widerstandes gegenüber seiner „Veränderung“ der erstaunlichen Langlebigkeit seiner Karriere zuschreiben, die in seinem so jungen Alter begann. Das bedeutete, dass er gezwungen war, mit einer unentrinnbaren und omnipräsent abgebildeten Vergangenheit, deutlich dunkelhäutig und jungenhaft, von sich kämpfen zu müssen. Unterbewusst, würde ich behaupten, nehmen wir Michael Jackson jedes Mal im Vergleich zu diesen frühen Bildern wahr, die weiter in den Medien herumschwirren, die weiterhin kulturelle Verbreitung finden, und doch nichts beweisen außer einer überholten Art und Weise über ihn zu richten und ihn zu „lesen“. Ich denke, dies befeuert weiter die allgemeine Wahrnehmung, dass Michael Jacksons Gesicht sich auf eine Weise verändert hat, die mehr, als es jemals tatsächlich angebracht war, durch exzessive Operationen erklärt werden musste.

Zusätzlich zu Michael Jacksons ständig präsenter in Bildern festgehaltener Vergangenheit frage ich mich, ob seine höchst charakteristische und kultartige Selbstwiederholung auch daran teilhatte seine physische Änderung zu betonen.

Willa: Oh, das ist interessant, Harriet. Du meinst also, dass es, jedes Mal wenn er zum Beispiel Billie Jean aufführte, mit seinem ikonischen Auftritt bei Motown 25 verglichen wurde?

Harriet: Das ist genau das, was ich meine, ja. Es ist ein bisschen so, wie wenn zwei Frauen das gleiche Kleid tragen: Wir konzentrieren uns plötzlich auf die Unterschiede, nicht die Ähnlichkeiten. Auf die gleiche Art funktioniert es auf breiterer Ebene bei Nachahmungen, wie bei den zahlreichen Michael-Jackson-Nachahmern.

Lisha: Ich frage mich, ob das wirklich einen Anteil daran hat und ich stimme dem zu, dass wir Michael Jackson mit seiner eigenen Vergangenheit vergleichen. Ich denke außerdem, dass wir unbewusst seine Erscheinung mit einer riesigen Anzahl von Bildern vergleichen, die wir vorher mit Begriffen wie „jung“, „Entertainer“, „schwarz“ oder „männlich“ identifiziert haben.

Hier ist ein weiteres fotografisches Beweisstück, das für mich höchst überzeugend ist – ein Bild, das aus einer Probe für This Is It stammt. Dieses Foto hat mich überzeugt, dass meine Augen mir einen Streich spielen, wenn ich Michael Jackson ansehe.

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Die Schatten über seinem Gesicht verdunkeln hier seine Hautfarbe und seine Aufmachung, so ähnlich wie es bei jenen Schwarz-Weiß-Kopien der Fall ist. Es haute mich um, auf welch andere Art ich seine Merkmale in diesem Foto sehe, verglichen damit, wie ich sie sonst interpretiere. Seine Augen, Nase und der Mund bringen für mich viel mehr „Afrikanisches“ zum Ausdruck, obwohl viele annehmen, er habe sein Gesicht operativ verändern lassen, um „weißer“ oder „weiblicher“ auszusehen.

Harriet: Ich vermute, ob, wenn wir hier unsere eigene These anbringen, dieses Foto nicht eher die „störende“ Rolle durch die Kamera, Beleuchtung und Make-up (oder Nicht-Make-up) veranschaulicht?

Lisha: Ja, das stimmt, aber es ist eine seltene Gelegenheit zu sehen, was passiert, wenn einige der gängigsten technischen Mittel fehlen. Ich verstehe es so, dass dieses Bild nur für dokumentarische und analytische, nicht für werbende Zwecke aufgenommen wurde. Es ist eines der ganz wenigen Fotos, auf denen ich nicht die Effekte einer formgebenden Aufmachung (wie den strategischen Einsatz von Licht und dunklen Schatten von Make-up), speziellen Posen oder „Haltungen“ für die Kamera, Blitzlicht oder andere starke Beleuchtung auf dem Gesicht erkennen kann.

Willa: Ja, und diese Posen und „Haltungen“, wie du es nennst, haben einen starken Effekt. Du kannst wirklich genau sagen, wann er die Pose von Michael Jackson, der Kultfigur, einnimmt und wann er es nicht ist.

Lisha: Ja, es besteht kein Zweifel, er wusste mit der Kamera umzugehen!

Dies erinnert mich wieder an einen meiner liebsten TED Talks, der vor einigen Jahren von der als Neuroanatom tätigen Dr. Jill Bolte Taylor präsentiert wurde. Dr. Taylor liefert eine brillante Erklärung dafür, wie die einzelnen Hälften des Gehirns funktionieren, und ich denke, es unterstützt wirklich das, worüber wir hier reden und erweitert dies noch. Sie sagt, die Funktion der rechten Gehirnhälfte erfasst sinnliche Informationen in genau diesem Moment (vielleicht sogar gut genug, um es zu zeichnen, wie Betty Edwards sagt), während die linke Gehirnhälfte all diese Informationen methodisch kategorisiert, in etwa wie ein Serienprozessor im Computer. Während die rechte Gehirnhälfte damit beschäftigt ist, Informationen zu sammeln, analysiert und interpretiert die linke Gehirnhälfte dies alles, um zukünftige Möglichkeiten abzuschätzen.

Michael Jackson brachte die Art und Weise, wie wir eine äußere Erscheinung wahrnehmen, analysieren und interpretieren, so gründlich durcheinander, dass ich denke, es ist wichtig zu begreifen, wie dies funktioniert. Es lohnt sich, sich Dr. Taylors Gespräch anzuhören und zu überlegen, warum Michael Jackson uns möglicherweise dazu veranlasste von unserer linken zur rechten Gehirnhälfte zu wechseln.

Willa: Wow Lisha, das ist faszinierend! Es ist, als würden die Hälften unseres Gehirns die Welt auf vollkommen unterschiedliche Weise verstehen. Dr. Taylor führt aus, dass die rechte Seite sensorisch, die linke eher analytisch arbeitet. Die rechte Seite konzentriert sich auf genau diesen Moment, während die linke ständig Vergleiche mit der Vergangenheit anstellt und diese in die Zukunft projiziert, wie du schon sagtest. Die rechte Hälfte ist gefühlsbetont, während die linke Hälfte versucht zu erfassen, was wir fühlen und diese Emotionen durch Sprache auszudrücken. Gemäß Dr. Taylor kommt das „Gedankengeplapper“, mit dem sich unser Gehirn fortwährend befasst, im Grunde aus der linken Seite unseres Gehirns.

Es war wirklich interessant, sie über ihren Schlaganfall reden zu hören, der ihre linke Gehirnhälfte betraf und wie sie, ironischerweise, ein unerwartetes Gefühl der Euphorie verspürte, als es passierte. Es ist, als wäre ihre rechte Gehirnhälfte für einen Moment befreit gewesen von den Beschränkungen der linken Seite und als ob sie die Freiheit feiern würde.

Sie sagte außerdem, dass sie während des Schlaganfalls nicht mehr ihre eigenen Grenzen unterscheiden konnte, was sehr interessant für mich war. Sie konnte nicht sagen, wo „sie“ aufhörte und wo die restliche Welt begann, sie erlebte also in einem sehr buchstäblichen Sinn das Phänomen von „You’re just another part of me“.

Lisha: Ja, Dr. Taylor geht darüber in ihrem Buch My Stroke of Insight ins Detail. Es ist eine faszinierende Lektüre. Sie spricht auch über die Tatsache, die wir alle als wissenschaftlich bewiesen kennen – nämlich, dass unsere Körper zu über 70 Prozent aus Wasser bestehen – und sie berichtet, dass dies ebenfalls buchstäblich wahr ist. Wenn der Teil unseres Gehirns stillgelegt ist, der den Körper als getrennt von allem, als feste Masse, deutet, dann kannst du deinen Körper tatsächlich als Flüssigkeit wahrnehmen und das als Teil deiner ganz normalen Realität erleben.

Willa: Wow, das ist faszinierend! Ich würde das gern mal irgendwie erleben – natürlich ohne einen Schlaganfall zu haben …

Lisha: Ich auch! Sie sagte, sie mochte es wirklich, zu wissen, dass ihr Körper flüssig ist und es war einer der letzten Teile ihres Gehirns, der sich von dem Schlaganfall erholte. Gemäß Dr. Taylor ist „you’re just another part of me“ nicht nur eine Philosophie, es ist eine wissenschaftlich bewiesene Wahrheit. Wahrnehmung ist alles – damit stellt sich die Frage – was ist wirklich da draußen?

Harriet: „Was ist wirklich da draußen?“ Darauf müssen wir noch zurückkommen!

Willa: Das ist die Frage, nicht wahr? Und werden wir jemals wissen können, was wirklich da draußen ist? Philosophen haben darüber jahrhundertelang debattiert.

In Hinsicht dessen, worüber wir zum Thema Wahrnehmung bei Michael Jackson gesprochen haben, versucht also die rechte Gehirnhälfte allen verfügbaren empfundenen Input eines bestimmten Momentes zu sammeln – sie versucht zu erfassen, „was wirklich da draußen ist“ – während die linke Gehirnhälfte versucht, dem einen Sinn zu geben. Sie kategorisiert und benennt diesen Input und stellt ihn in einen historischen Zusammenhang. Das passt genau zu dem, was Betty Edwards in ihrem Buch sagt, obwohl sie betont, dass unsere linke Seite auch Prioritäten setzt und das filtert, was wir betrachten und deshalb auch das, was wir sehen.

Das führte zu einem weiteren Grund, warum Michael Jacksons Gesicht so fehlinterpretiert wurde. Unsere Wahrnehmungen waren stark beeinflusst von den ständigen Erzählungen über Gesichtsoperationen, die fortwährend sowohl in der Boulevardpresse als auch in der Mainstreampresse wiederholt wurden. Diese Erzählungen formten die gedanklichen und kulturellen Filter, durch die wir sein Gesicht sahen, und diese Filter waren sehr stark. Es führt wieder einmal zurück auf das, was Michael Jackson „kulturelle Konditionierung“ nannte. Wir waren darauf „konditioniert“, die Auswirkungen plastischer Operationen zu erkennen, wann immer wir ihn ansahen, und so taten wir es auch.

Harriet: Absolut, und ich denke, darum ist es wichtig, an dieser Stelle die Rolle von Klischees zu erörtern, denn im Zusammenhang von Identitätsbildung (womit wir uns auseinandersetzen, wenn wir „Michael Jacksons Gesicht lesen“), ist es die Stereotype, die weitestgehend diesen Konflikt zwischen den zwei interpretierenden Hälften unseres Gehirns erzeugt. Beim Verstehen des „Andersartigen“, kommt das Klischee zum Einsatz: aufgebaut auf früherem „Wissen“ und der Vorstellungskraft, gibt es einer Person Sinn durch, wie du sagst, Willa, Kategorisierung, Etikettierung und Kontextualisierung. Obwohl die andere Seite unseres Gehirn inzwischen weiß, dass dies alles größtenteils eine Konstruktion ist, eine Erfindung, und dass es andere Dinge (Teile einer Person) gibt, die bisher unentdeckt und unerklärt geblieben sind. Weil diese „Dinge“ viel schwieriger, nicht so unmittelbar sind, lassen wir sie weg.

Willa: Wow, das ist wirklich interessant, Harriet.

Harriet: Nicht nur, dass Michael Jackson mit überzeugenden Stereotypen von Männlichkeit und Schwarzsein kämpfen muss, er musste auch mit dem Klischee des hollywood-esken Abhängigen der Schönheitschirurgie fertig werden, als sein Gesicht sich erst einmal zu verändern begonnen hatte. Dadurch bietet er ein wundervolles Beispiel einer Person (des „Andersartigen“), auf die vielfältige Klischees projiziert wurden, aber keines von ihnen passte. Deshalb rief er viele dieser noch verbleibenden „Dinge“ hervor, auf die sich unser Gehirn auf die Schnelle keinen Reim machen konnte, und dieses „Material“ ist bei unserer Deutung von ihm auf der Strecke geblieben. Es wurde einfach verschüttet und vergessen (oder wurde in manchen Fällen vielleicht gar nicht erst erkannt).

Lisha: Ich denke, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Die vielfältigen Stereotypen, die wir ihm anzuheften versucht haben, passten einfach nicht. Es gab zu viele Etiketten und Kategorien, die alle auf einmal zerrissen wurden. Uns fehlte eine schnelle, einfache Erklärung, die dem ganzen Sinn verleihen konnte.

Harriet: Vollkommen, und das Ergebnis ist wirklich sehr bestürzend. Mein eigenes Gehirn, zum Beispiel, kämpft ständig mit zwei Versionen und zwei verschiedenen Lesarten: Michael Jackson veränderte sich äußerlich radikal, und Michael Jackson veränderte sich in Wirklichkeit gar nicht so sehr. Und dieser Konflikt setzt sich trotz der genauen Beobachtungen, die wir hier vorgenommen haben und die auf das Letztere deuten, fort.

Lisha: Du sprichst da etwas an, das mir bei vielen Aspekten in Michaels Werk begegnet, Harriet, wenn du sagst, Michael Jackson würde erscheinen, als habe er sich radikal verändert und dann wieder gar nicht. Ich habe festgestellt, dass Michael Jackson kein Typ von „entweder-oder“ ist – seine Aussage ist „sowohl-als auch“. Wenn du ganz genau hinsiehst, dann erscheint sein Gesicht sowohl radikal verändert, als auch über all die Jahre gleich geblieben.

Ich habe mich entschieden, einen Blick in die Literatur der Psychologie zu werfen, um nachzusehen, ob ich irgendeine Untersuchung finden kann, die das unterstützt, über das wir hier in Bezug auf Wahrnehmung und wie das Gehirn visuelle Informationen möglicherweise fehlinterpretieren könnte, sprechen. Ich bin wirklich erstaunt über das, was ich gefunden habe, besonders auf dem Gebiet der Wahrnehmung von Gesicht und Rasse. Offenbar ist die Wahrnehmung von Gesichtern eine ziemlich komplexe Funktion des Gehirns – es ist nicht annähernd so geradeaus, wie ihr vielleicht denken würdet. Die Ansichten und Erwartungen verändern grundlegend, was Leute tatsächlich sehen. Dies ist etwas, was viele Jahre lang untersucht wurde.

Es gab zum Beispiel 2003 eine Untersuchung von Eberhardt, Dasgupta und Banasynsky mit dem Titel Believing is Seeing. The Effects of Racial Labels and Implicit Beliefs on Face Perception (Glauben ist Sehen. Die Auswirkungen von Rassenlabels und vorbehaltlosen Meinungen bei der Wahrnehmung von Gesichtern). Forscher hatten Aufnahmen von Köpfen so lange gemorphed (übereinander gelegt, verschmolzen), bis sie ein doppeldeutiges Foto hatten, welches 50 Prozent der Antwortenden als „männlichen Schwarzen“ identifizierten, während die anderen 50 Prozent genau dasselbe Foto als „männlichen Weißen“ deuteten. Das Foto wurde dann einer weiteren Gruppe gegeben, die gebeten wurde, eine Zeichnung von dem Bild anzufertigen. Jedes Abbild des Fotos war willkürlich entweder als „schwarz“ oder „weiß“ bezeichnet worden.

Den Teilnehmern wurde gesagt, dass sie einen schönen monetären Bonus erhalten würden, wenn die nächste Gruppe das Foto aufgrund ihrer Zeichnung eindeutig identifizieren könne. Aber trotz der Belohnung für die Anfertigung einer akkuraten Zeichnung, wechselten sich die Etikettierungen dessen, was die Teilnehmer zeichneten, zwischen „schwarz“ und „weiß“ ab und ihre Zeichnungen stimmten ihrer Meinung über das jeweilige Etikett überein. Diese Studie wurde von Adam Alter in einem Artikel zusammengefasst, der in dem Magazin Psychology Today unter dem Titel Why It’s Dangerous to Label People: Why labeling a person ‚black‘, ‚rich‘ or ‚smart‘ makes it so (Warum es gefährlich ist Menschen mit Etiketten zu versehen: Warum eine Person als ‚schwarz‘, ‚reich‘ oder ‚klug‘ zu bezeichnen, diese erst dazu macht) erschien. Hier ist eins der Fotos und zwei Zeichnungen desselben Fotos, die in der Studie benutzt wurden:

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Harriet: Lisha, dieser Artikel stimmt so sehr mit dem überein, worüber wir diskutiert haben.

Willa: So ist es wirklich.

Harriet: Und dies ist der Kernpunkt:

Die Leute, denen wir die Bezeichnung „schwarz“, „weiß“, „reich“, „arm“, „klug“ und „einfach“ verpassten, schienen schwarzer, weißer, reicher, ärmer, klüger und einfacher nur aufgrund unserer Bezeichnungen.

Als Gesellschaft mögen wir natürlich Bezeichnungen, weil sie uns offenbar helfen die Welt um uns herum zu verstehen. Wie der Untertitel des Artikels klarstellt, „treffen wir mit ihnen fortlaufend Entscheidungen“. Michael Jackson brachte das Treffen von Entscheidungen auf so viele Arten kräftig durcheinander, so dass es fast so schien, als würde die Gesellschaft damit nicht klar kommen, also glichen wir es wieder aus, indem wir ihn selbst definierten, wie in der ausführlichen Erzählung über die Gesichtsoperationen, die dermaßen stark hervorstach, dass wir sie schließlich selbst alle glaubten. Ich persönlich denke, wir sollten uns von Michael Jackson selbst inspirieren lassen und einem utopischen Weg des Seins „ohne Entscheidungen zu treffen“ folgen, obwohl dies eine große Aufgabe zu sein scheint …

Wie du festgestellt hast, Lisha, geht es bei Labels weitgehend um „entweder / oder“, was daher rührt, dass sie oft als duale Gegensätze (schwarz/weiß, Mann/Frau, jung/alt etc.) strukturiert sind. Aber Michael Jackson überraschte alle, indem er „sowohl / als auch“ war: Michael war schwarz und weiß, jung und alt, und auf viele Arten Mann und Frau, und diese Eigenschaften veranschaulicht sein Gesicht, welches so erscheint, „als habe es sich sowohl radikal verändert, aber auch, als sei es über die Jahre gleich geblieben“.

Lisha: Es ist so, als habe er nicht Grenzen überschritten – er wohnte in ihnen. Und es ist wesentlich einfacher zu glauben, diese Veränderungen wären durch plastische Operationen erreicht worden, als unsere eigene psychologische Schwäche in Erwägung zu ziehen.

Willa: Das ist interessant, Lisha. Ich habe bisher so noch gar nicht darüber gedacht – dass wir es vorziehen zu glauben, der Unterschied wäre da draußen, eher als in uns selbst, in unseren eigenen Gedanken.

Harriet: Die „sowohl-als auch-Behauptung“, die in Michaels Gesicht visualisiert ist und die Komplexität von Wahrnehmung und Identität im weiteren Sinn, lässt mich gerade an Ludwig Wittgensteins Enten-Hasen-Doodle in Philosophical Investigations denken. Das Doodle, das viele erkennen werden, zeigt gleichzeitig die Umrisse einer Ente und eines Hasen, und daher auch das ständige Schwanken zwischen ihnen.

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Dieses Doodle wurde eingesetzt (ich denke hier an W.T. Lhamon Jr. in seinem wundervollen Buch Raising Cain: Blackface Performance from Jim Crow to Hip Hop), um zu illustrieren, wie zwei Identitäten zusammengehalten werden können, ganz variabel entweder zusammen oder getrennt gesehen werden können oder sogar durch Ausschluss der beiden anderen zusammen als etwas „Drittes“. Das trifft auf Michael Jackson in meinen Augen ganz und gar zu und ist das, was ich für den Kern seiner Anziehungskraft halte. Er könnte irgendjemand und jedermann sein. Bei Michael Jackson ging es nicht um strenge Definition oder Einteilung, sondern um Übergreifendes und Verschmelzen und darum, uns alle zusammen zu bringen, frei von Etikettierungen, als eins.

Willa: Oder als drei-in-einem. Das ist wirklich interessant, Harriet. Es ist also kein Prozess, in dem man eins wird durch Ablösung oder indem wir unsere Unterschiede leugnen – einer Einheit bestehend aus Homogenität – sondern durch Entwicklung eines komplexeren Verständnisses von Identität, der Vielfältigkeit von Identität.

Harriet: Ja, das ist es, und darin wird „Unterschied“ weniger absolut und allumfassend.

Willa: Um ehrlich zu sein, ich bin noch irgendwie von den Socken wegen dem, über das du vorhin gesprochen hast, Harriet – über Stereotypen und wie die eine Hälfte unseres Gehirns diese Art von Labels anbringt, um uns zu einer schnellen Identifizierung zu verhelfen und den sinnlichen Input zu kategorisieren, während die andere Hälfte unseres Gehirns realisiert, dass diese Labels nicht zutreffend sind – dass es „alles eine Erfindung ist und dass es andere ‚Dinge‘ (Teile einer Person) gibt, die unentdeckt oder unerklärt bleiben“, wie du sagtest. Das ist solch ein interessanter Gedanke, und ich frage mich, ob diese Art des doppelten Wissens – bei dem unsere eine Gehirnhälfte (der zugänglichere Teil) eine Sache denkt, während die andere Hälfte (der weniger zugänglichere Teil) im Geheimen weiß, dass es nicht wahr ist – dabei hilft etwas zu erklären, was für mich ein großes Geheimnis war.

Bevor Michael Jackson starb, schien es so, dass die meisten Leute glaubten, dass er vollkommen gewissenlos gewesen sei: ein Pädophiler, ein Drogenabhängiger, ein Abhängiger von Gesichtsoperationen, ein Mann, der seinen Ruhm und seinen Reichtum dafür einsetzte anderen Leuten den Kopf zu verdrehen – besonders den Eltern kleiner Jungen – damit sie tun, was immer er wollte. Aber in dem Moment, in dem er starb, gab es plötzlich diese Welle der Trauer, und die öffentliche Meinung änderte sich dramatisch. Das ergab überhaupt keinen Sinn für mich. Warum trauerten so viele Menschen so tief und spürten eine solche Zärtlichkeit für einen vollkommen verdorbenen Rockstar? Ich kann verstehen, dass Leute eventuell ihre Meinung schrittweise ändern, sobald mehr wohlwollende Informationen ans Tageslicht kamen, aber so war es nicht. Es war nicht schrittweise. Es war unmittelbar. Warum verspürten die Menschen ein solch grundlegendes Gefühl von Verlust, wenn sie doch ernsthaft glaubten, er sei ein „Monster“, wie er selbst es beschrieben hatte? Ich kann das einfach nicht begreifen, und ich war deswegen lange Zeit verwirrt.

Ich frage mich, ob diese Art des doppelten Wissens, über das du sprichst, Harriet, bei der Erklärung hilft. Ich frage mich, ob die Leute auf einer gewissen Bewusstseinsebene die Schlagzeilen der Boulevardpresse sahen und die Anspielungen hörten und diese schrecklichen Etikettierungen zu akzeptieren schienen, die ihm aufgezwungen wurden. Sie steckten ihn in eine „Kategorie mit einem schlechten Ruf“ („a class with a bad name“), wie er in They Don’t Care About Us sagt. Aber auf einer tieferen Ebene wussten sie, dass es nicht stimmte, wussten sie, dass es nur eine Erfindung war, wussten, dass jene abscheulichen Bezeichnungen nicht passend für ihn waren. Als er also starb, führte dieses tiefere Wissen zu einer Trauer, die man sich nicht erklären konnte.

Harriet: Das ist verblüffend und sehr erkenntnisreich, Willa. Mit anderen Worten: Der Tod erlaubt uns, endlich ohne (sozial auferlegte) Zurückhaltung zu „fühlen“. Es ist, als würde uns der Tod einer Person von den Beschränkungen befreien, die uns auferlegt wurden durch eine Gesellschaft voller Angst vor Verschiedenartigkeit, vor den „Dingen“, die nicht durch Bezeichnungen erklärt werden können, von denen, tief drinnen, jeder von sich weiß, dass es sie wirklich gibt.

Lisha: Ich glaube absolut, dass dies wahr ist. Eines meiner liebsten Forschungsprojekte ist, mich auf der Toys R Us Megastore Webseite einzuloggen und nach ihren Artikeln mit der Bezeichnung „Michael Jackson“ zu suchen. Sie bieten Dutzende von Michael-Jackson-Produkten für Kinder an – Puzzle, Spiele (Computer- und Brettspiele), Spielzeug, Glitzerhandschuhe in Kindergröße, etc. Wenn wir als eine kulturelle Gemeinschaft wirklich glauben würden, dass Michael Jackson „ein vollkommen verdorbener Rockstar“ gewesen wäre, der Verbrechen gegenüber Kindern begangen hätte, würden wir dann diese Produkte in Massenproduktion herstellen?

Willa: Das ist eine ausgezeichnete Frage, Lisha. Und würde es dann so viele CD’s von Michael Jackson Songs geben, auf denen Schlaflieder für Kinder zu hören sind? Ich habe gerade erst eine Schnellsuche auf Amazon gestartet und da gibt es fünf verschiedene CD’s nur mit Michael Jackson Schlafliedern. Würde Amazon wirklich Musik für Kinder zum Einschlafen verkaufen, wenn die Leute ernsthaft glauben würden, dass er ein Pädophiler war? Ich glaube das nicht.

Lisha: Ich habe gerade mit einer Sammlung von Michael Jackson CD’s für Babys begonnen, um genau diese Aussage zu illustrieren – wenn Michael Jackson sicher genug für das Kinderzimmer deines Babys ist, dann ist Michael Jackson ungefährlich, Ende der Geschichte.

Harriet: Das sehe ich auch so, aber ich kann nicht anders und frage mich, ob es auch so ist, wenn man den Markt betrachtet (die Mütter kleiner Kinder) und sich das zunutze macht. Am Ende ist es doch so, wenn man ein Vermögen damit machen kann, ist alles möglich, wie Michael Jackson selbst nur zu gut wusste.

Willa: Ja, aber würden die Mütter kleiner Kinder es wirklich kaufen, wenn sie wirklich der Meinung wären, dass er Kinder belästigt hätte?

Lisha: Und würde die Nachfrage nach diesen Produkten hoch genug sein, so dass sie die Massenproduktion für eine Megastore-Kette wie Toys R Us rechtfertigen würde?

Harriet: Vielleicht bin ich zu skeptisch, aber ein großer Teil der Bevölkerung, der zu den Michael Jackson Fans gehört, zählt eher zu den Müttern derjenigen, die die Kinder gerade bekommen oder aufziehen, denkt ihr nicht?

Lisha: Das ist eine gute Frage und ich weiß es wirklich nicht sicher. Diejenigen von uns in Michael Jacksons Altersgruppe (Alter von 55 Jahren) kaufen diese Sachen vielleicht eher für Enkelkinder als für ihre eigenen Kinder, also gibt es wahrscheinlich zwei starke Zielgruppen – Mütter und Großmütter.

Harriet: Ich wollte auf etwas zurückkommen, das einfach so fundamental ist, „wenn man Michael Jacksons Gesicht lesen will“, und das ist, was du vorhin bereits angesprochen hast, Lisha, nämlich dass „Wahrnehmung alles ist, womit sich die Frage stellt: Was ist wirklich da draußen?“ Wie Philosophen untersucht und schließlich erkannt haben ist nichts wirklich „da draußen“, denn es wird alles durch unsere ureigene Interpretation gefiltert. Das heißt, es gibt genau genommen keine „wahre“ Realität und keine „Wahrheit“. Es scheint für mich so zu sein, dass wir in Michael Jacksons Gesicht diese Unmöglichkeit erkennen, die Realität, die „Wahrheit“, zu begreifen. Wir scheinen Michael Jackson nicht nur alle auf sehr unterschiedliche Arten zu lesen, sondern einige von uns lesen ihn innerhalb ihres Geistes ganz verschieden zu unterschiedlichen Zeiten (manchmal hat er sich äußerlich verändert und manchmal hat er es nicht).

Ich bin sicher, manche Leute können sich an die Sammlung verschiedener Promotionaufnahmen für das bevorstehende Erscheinen von Michael Jackson bei Oprah Winfrey damals 1993 erinnern. Dies ist eine davon:

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Aus den Kommentaren, die ich gefunden habe, scheint es so zu sein, dass dieses Bild (und die Entscheidung Michaels Gesicht zu „schwärzen“) weitestgehend als eine Marketingstrategie genutzt wurde, um die Zuschauer dazu zu verleiten, mit der kulturellen Faszination um Michaels Gesicht zu spielen. Ich frage mich jedoch, ob da nicht noch mehr dahinter steckte. Die Entscheidung, die Details von Michaels Gesicht zu „schwärzen“, könnte als eine sehr öffentliche Bestätigung für seinen Part an diesem Problem, das wir in dieser Diskussion aufgeworfen haben, gesehen werden: Das enorme Problem, das wir mit der (Fehl-)Interpretation von visueller Information und besonders in Relation zu Identität haben.

Willa: Das sehe ich genauso. Das erinnert mich an das Albumcover von Invincible, auf dem sein Gesicht statt geschwärzt „aufgehellt“ wurde, bis zu dem Punkt, an dem die Details seines Gesichtes verloren gegangen sind. Wie du also sagst wird es uns überlassen, die Bilder selbst auszufüllen. Wie er in Is It Scary singt „Ich werde genau das sein, was du sehen willst“ („I’m gonna be exactly what you wanna see“).

Harriet: Ein Gesicht ist wie ein Spiegel: Es kann das, was wir uns wünschen, hoffen oder zu sehen erwarten auf uns reflektieren (es „spiegelt sich“), eher als dass es reflektiert, was wirklich da ist. Dieses Foto ruft dies wahrscheinlich hervor. Um also Michael Jacksons Gesicht zu lesen, müssen wir zuerst uns selbst lesen. Ich werde hier an das Phänomen erinnert, dass „Schönheit im Auge des Betrachters liegt“, was den Einfluss von der Zielperson weg, hin zum Betrachter der Erzeugung der visuellen Vorstellung, auf deren Bedeutung und Stellenwert lenkt. Ich gehe darauf in der Schlussbemerkung meines Buches ein und betrachte es vorrangig bei der Diskussion von Michael Jackson, dessen Mehrdeutigkeit – seine Sowohl-Als auch-These – diesen interpretativen Prozess auf eine sehr komplexe Art erlaubt.

Lisha: Das ist absolut wahr. Mit dieser Sache im Kopf sollten wir einen weiteren Blick auf den HIStory Teaser, eines von Michaels am meisten missverstandenen Werken, werfen. Sein erstes Erscheinen in diesem Film (bei 1:14) ist höchstwahrscheinlich aus all den Gründen, über die wir hier gesprochen haben, mein liebstes Bild aller Zeiten von Michael Jackson. Wir blicken nicht nur auf Michael Jackson, wir sind mit unseren eigenen psychologischen Projektionen konfrontiert und sehen, was wir glauben, das er ist.

Harriet: Und da ist es. Brillant.

Willa: Das ist es wirklich. Er spiegelt unaufhörlich unsere Projektionen auf eine Weise auf uns zurück, die mich zutiefst in Erstaunen versetzt.

Bevor wir dies also zum Abschluss bringen, möchte ich einige Dinge erwähnen. Ich bin sicher, jeder ist sehr neugierig mehr über das neue Album Xscape zu erfahren, das im Mai herauskommen soll. Damien Shields hat einen interessanten Post veröffentlicht, in dem er jeden Song beschreibt, der auf dem Album erscheinen soll.

http://www.damienshields.com/xscape-reviewing-the-reviews-and-analysing-the-clues-regarding-the-new-michael-jackson-album/

Und es wird Ende Juni ein neues Buch geben, das die Gedanken, über die wir heute auf so interessante Art gesprochen haben, aufgreift. Es ist von Lorena Turner, eine Fotografin und Soziologin, die hier auch manchmal einen Kommentar abgibt, und es heißt Die Michael Jacksons. Ich nur ein paar wenige Kapitel gelesen, aber ich bin wirklich fasziniert von dem, was ich bisher gesehen habe. Es werden Michael Jackson-Imitatoren betrachtet nicht nur in Hinsicht darauf, wie sie Michael Jackson selbst interpretieren und darstellen und ihm ein Denkmal setzen, sondern wie sie sein Vermächtnis Rassenzugehörigkeit und Geschlechterrollen „darzustellen“ auf fließende Art fortsetzen. Lorena zitiert J. Martin Favor, dass „Rasse theatralisch ist – es ist ein nach außen gerichtetes Spektakel – eher als irgendetwas Inneres oder Essentielles“ und betrachtet, wie Michael Jackson und diejenigen, die ihn verkörpern, seine / ihre Identität „darstellen“. Ich freue mich wirklich zu sehen, wie sie diese Gedanken entwickelt. Hier ist ein Link für mehr Information wie auch einige ihrer Fotos.

http://www.themichaeljacksons.com

Harriet: Ich bin wirklich gespannt auf Lorenas Buch, nicht zuletzt deshalb, weil es eng verbunden mit meiner eigenen Arbeit ist. Ich meine damit, dass wir die Imitation von Michael Jackson als Teil der Theatertradition des Blackface Minstrelsy verstehen können, einer Tradition, die auf (rassenübergreifende) Verkörperung gebaut ist – auf Darsteller, die den Körper eines Anderen „anlegen“ und „ablegen“. Trotz des Rassismus’ der Minstrel Shows, für den sie am ehesten bekannt waren, konnte die Tradition während seiner langen Geschichte zeitweise rassenübergreifende Bewunderung und eine enge Verbindung („Liebe“) zur Sprache bringen. Dies erinnert mich an Michael Jacksons Imitatoren, die ihm gegenüber so hingebungsvoll und leidenschaftlich sind. Je nach ihrer individuellen Hautfarbe schwärzen sich Michael Jackson-Imitatoren die Haut oder hellen sie auf. Ich habe es so verstanden, dass Lorena plant ein Kapitel über die Geschichte der Verkörperung des Blackface mit aufzunehmen.

Willa: Ja, ich denke, das stimmt. Sie erwähnt Blackface Minstrelsy auf den Seiten, die ich gelesen habe und betrachtet auch die Geschichte schwarzer Künstler, die für weißes Publikum auftreten, von Minstrelsy bis Motown.

Lisha: Klingt faszinierend!

Willa: Ja, wirklich. Also vielen Dank euch beiden, dass ihr hier wart! Es ist immer solch eine Freude mit euch zu sprechen.

Michael Jackson interviewt Pharrell Williams – Interview Magazine 2003

Ein Interview aus dem Interview-Magazine, von 2003, in dem zur Abwechslung einmal Michael der Interviewer ist – und per Telefon Pharrell Williams (‘Happy’,’ Get Lucky’) interviewt.

Quelle: http://www.interviewmagazine.com/music/michael-jackson/ 

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Dieses Interview, was im Juni 2003 stattfand, kam raus als wir in unserem Magazin etwas eine Story über Pharrell Williams planten, der zu der Zeit ein neuer Produzent aus Virginia war. Als wir die Story arrangierten, erwähnte er, dass er immer schon mal mit Michael Jackson sprechen wollte, der gerade nach der TV Dokumentation Living With MJ, in welcher der Sänger sehr bizzar dargestellt wurde, ein Nachrichten Thema war. Nach ein paar e-mails und Telefonanrufen rief ein paar Tage später Jacksons Büro an und sagte, dass er das Interview machen werde.

Pharrell Williams Michael Jackson

Michael Jackson: Also ich interviewe dich, richtig? Es sind 7 Fragen, oder so etwas?

Pharrell Wiliams: Ja, was immer du magst.

Michael Jackson: Ok, was würdest du sagen inspiriert dich in deiner Musik? Was ist es, was dich dazu inspiriert, deine Musik zu erschaffen?

Pharrell Williams: Es ist ein Gefühl. Du behandelst die Luft wie eine Leinwand und malst darauf die Akkorde die durch deine Finger fliessen, aus dem Keyboard heraus. Also wenn ich spiele ist es, als male ich ein Gemälde aus Gefühlen in die Luft. Vielleicht hört sich das verrückt an, aber…

Michael: Nein, nein, das ist eine perfekte Analogie.

Pharrell: Und wenn du das Gefühl hast, es ist fertig, dann ist es fertig. Es ist wie malen, oder Bildhauen. Wenn du es gehen lässt, dann weißt du, dass es vollendet ist. Es ist vollständig. Und genauso sagt es dir auch, wenn es noch nicht fertig ist.

Michael: Yeah, und es lässt dich nicht schlafen, bis es fertig ist.

Pharrell: Das stimmt.

Michael: Yeah, bei mir ist es genauso. (lacht) Und was hältst du von der Musik der heutigen Zeit? – Kennst du dich aus mit den neuen Sounds die geschaffen werden und magst du die Richtung, in die die Musik sich entwickelt?

Pharrell: Persönlich fühlt es sich für mich so an, als ob ich mich an dir und Stevie (Wonder) orientiere und Danny (Hathaway), und einfach mache, was sich richtig anfühlt.

Michael: Richtig.

Pharrell: Weißt du, es ist, als ob jeder die Einbahnstrasse in eine Richtung benutzte und du bist “Off The Wall” gegangen.

Michael: Genau. (lacht)

Pharrell: Und als jeder den anderen Weg nahm, machtest du Thriller. Du hast immer deinen eigenen Weg gesucht. Und ich orientiere mich an Leuten wie dir, die nicht Angst davor haben, auf ihre eigenen Gefühle zu hören und ihre Sehnsüchte und Ambitionen Gestalt annehmen lassen. Die es geschehen lassen, die es materialisieren…

Michael: Wer sind die älteren Künstler – also nicht die, die heute im Radio präsent sind – die dich inspirierten, als du jünger warst? Die Künstler, denen dein Vater schon zuhörte, hast du etwas von solchen Künstlern gelernt?

Pharrell: Absolut. Da wären die Isley Brothers.

Michael: Yeah… bei mir auch, ich liebe die Isley Brothers. Und ich liebe Sly and the Family Stone.

Pharrell: Donny, Stevie.

Michael: Du magst alle Leute, die ich auch mag. (lacht)

Pharrell: Diese Akkord-Wechsel. Das reisst dich mit.

Michael: Wunderbar, einfach wunderbar. OK. wo bist du im Moment? In New York?

Pharrell: Ich bin in Virginia Beach, Virginia, Sir.

Michael: Virginia! Oh, sehr schön. Richtest du Virginia meine Liebe aus?

Pharrell:: Ja, danke.

Michael: Und an deine Mutter, an deine Eltern, denn Gott hat dich mit besonderen Gaben ausgestattet.

Pharrell: Danke, Sir. Und ich möchte noch etwas sagen, ich weiß nicht, ob du das hören willst, aber ich muss das sagen, denn es kommt von meinem Herzen. Aber die Leute plagen dich…

Michael: Yeah.

Pharrell: …weil sie dich lieben. Das ist der einzige Grund dafür. Wenn du etwas tust, was die Leute nicht sofort verstehen, dann machen sie daraus ein größeres Problem, als sie es für irgend jemand anders machen würden, denn du bist eines der erstaunlichsten Talente, die je gelebt haben. Du hast in diesem Jahrhundert mehr vollbracht und erreicht, wie die meisten anderen Menschen.

Michael: Oh, danke, das ist sehr nett von dir.

Pharrell: Was du tust ist so erstaunlich. Wenn du 100 bist, werden sie immer noch Geschichten darüber machen, was du getan hast und was du wie an deinem Körper verändert hast. – Bitte glaub mir, wenn du dich entscheiden würdest, deinen ganzen Körper mit Chrom zu überziehen, wird das so erstaunlich sein, dass die ganze Welt – egal was sie sagen – angerannt kommen wird, um es zu sehen. Und das ist, weil du so viel für die Musikwelt erreicht hast und so viele Leben verändert hast. Du hast die ganze Welt beeinflusst.

MJ2002

Michael: Danke sehr. Es ist so, dass je größer der Star ist, desto größer ist das Ziel. Du weißt, wenn du – und ich bin kein Angeber oder sowas – aber du weißt, wenn du ganz oben bist beginnen sie Pfeile nach dir zu werfen. Sogar Jesus wurde gekreuzigt. Die Menschen, die Licht in die Welt bringen, von Mahatma Gandhi über Luther bis zu Jesus, oder sogar ich selbst. Und mein Motto ist immer Heal The World, We Are The World, Earth Song, Rettet unsere Kinder, Helft unserem Planeten. Und die Leute schikanieren mich dafür, aber es tut nicht weh, denn die Fan Base wird immer stärker. Und je fester du auf etwas drauf haust, desto härter wird es – desto stärker wird es. Und das ist genau das, was passiert. Ich bin unverwüstlich. Ich habe eine Rhinozeros Haut. Mich kann nichts verletzen. Nichts.

Pharrell: Das ist genau der Punkt. Ich wollte nur sagen, du bist erstaunlich, Mensch. Was du für die Musik getan hast, was du seit Billie Jean bis “That’s What You Get (For Being Polite)” für die Musik getan hast….(singt)

Michael: Oh, du kennst das? (lacht)

Pharrell: (singt) „Jack still sits all alone…“

Michael: Oh Mann, du kennst die alle… (summt ein Gitarren Riff)

Pharrell: Auch wenn ich nie mit dir arbeiten werde, weiß ich doch, dass du nicht aufzuhalten bist. Deshalb sagte ich, dass wenn du 100 bist und dich verchromen lassen würdest, dass sie immer noch alles mögliche sagen würden – und mir ist es gleich, was sie über dich sagen – sie wären trotz allem sofort da, um es zu sehen.

Michael: Da gibt es viel Eifersucht. Ich liebe alle Rassen, ich liebe alle Menschen, aber manchmal ist ein Teufel in den Menschen, und sie werden eifersüchtig. Immer wenn jemand sein Licht über den Horizont dessen steigen lässt, was bisher möglich war, werden die Menschen eifersüchtig und versuchen, denjenigen wieder runter zu bringen. Aber das können sie mit mir nicht tun, denn ich bin sehr, sehr stark. (lacht) Sie wissen das nur nicht.

Pharrell: Sie wissen das! Glaub mir bitte, sie wissen es

Michael: Jeder andere wäre schon angeknackst jetzt; mich können sie nicht knacken, ich bin zu stark.

Pharrell: Natürlich. Sie bekamen dich nicht klein, als du 10 warst und erwachsene Männer mit dem ausgestochen hast, was du mit deiner Stimme und deinem Talent machen konntest. Und als du 20 warst, hast du Leute übertroffen, die das schon 20 oder 30 Jahre lang gemacht haben. Und heute wollen sie immer noch sehen, wo du stehst. Sie wollen deine Kinder sehen, sie wollen deine Welt sehen. Du bist erstaunlich, das wollte ich dir einfach sagen. Und ich hoffe, das wird alles gedruckt, denn das ist so wichtig für mich. Ich hoffe, ich werde eines Tags mal nur halb so taff sein wie du.

Michael: Oh, Gott segne dich. Du bist auch wunderbar. Ich wünsche dir einen schönen Tag…

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Übersetzung: M.v.d.L

 

Review: “In The Studio With MJ” – Seminar von Brad Sundberg

Eine Review zum „In The Studio With MJ-Seminar“ mit Brad Sundberg am 18. + 19. April 2014 in Amsterdam.

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In diesem Artikel werdet ihr keine Punkt für Punkt Zusammenfassung von all dem bekommen, was wir in diesem Seminar hören, sehen, fühlen und erfahren durften. Es ist eher als Überblick zu verstehen, als Versuch, wenigstens einen kleinen Eindruck über Brads Seminare zu vermitteln – wobei es natürlich klar ist, dass kein Bericht jemals wirklich beschreiben kann, was diese Veranstaltung ausmacht. Es kann nicht mit Worten wiedergegeben werden, was man an Audios, Videos und durch Brad und seine Art, zu erzählen, vor Ort vermittelt bekommt. Brad hat ein großes Talent, seine Erfahrungen, Geschichten und Informationen unterhaltsam weiterzugeben. Sein Respekt und seine Verbundenheit zu Michael sind immer zu spüren, auch seine Freude darüber, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und Augenzeuge der Talente und der Hingabe eines Bruce Swedien, Quincy Jones, Steve Porcaro, Bill Bottrell usw gewesen zu sein. Es war niemals langweilig oder ermüdend, ihm dabei zuzuhören, wie es damals im Studio mit Michael Jackson war. Diese 4 und 6, (und sogar noch mehr…) Stunden waren von Anfang bis Ende interessant, informativ, auch amüsant und natürlich oft emotional. Allein dafür schon ein großes Danke an Brad!

Brad Sundberg MJ

- Brad Sundberg und Michael Jackson -

Auch wenn einige der Geschichten, die Brad erlebt hat und erzählt, mittlerweile schon im Internet kursieren, ist es eine völlig andere Sache, sie doch direkt von ihm zu hören – und meistens kombiniert mit einem dazugehörendem Audio oder Video. Dazu durften Fragen gestellt werden, was natürlich jeder Veranstaltung einen eigenen Stempel aufdrückt.

>>Wer beabsichtigt, an einem dieser Seminare teilzunehmen, und sich möglichst viele „Überraschungsmomente“ erhalten möchte, sollte vielleicht diesen Text jetzt nicht weiterlesen, da wir zwar nicht auf alles eingehen werden, aber sicher einige Höhepunkte erwähnen. Andererseits denken wir, auch wenn man vorher weiß, was einen ungefähr erwartet, wird es der Freude an einem Live-Seminarbesuch nicht wirklich etwas nehmen können.<<

Wir haben in Amsterdam an zwei verschieden Veranstaltungen teilgenommen. Das erste war ein sehr ungezwungenes 4-stündiges Treffen am Freitag Abend, (Shoe’s Optional” – mit integriertem „Sockenkontest“ :) ) mit etwa 15 Leuten, bei dem Brad nicht nach einem Script oder einen vorgegebenen Ablauf vorging; das andere war das 6-Stunden Seminar am Samstag, welches mit 50 Teilnehmern bis auf den letzten Platz besetzt war. Bei diesem Seminar geht Brad anhand eines Scripts vor – allerdings nicht zwingend – d.h. er hat immer Zeit und Raum, um auf Fragen, Wünsche, Änderungen und Wiederholungen einzugehen, so dass man davon ausgehen kann, dass keines dieser Seminare genau einem anderen gleicht. Somit ist auch das 6-Stunden-Seminar sehr locker und ungezwungen. Es war so, dass ein paar der Demos, die wir Freitag Abend etwas ausführlicher hören und sehen durften, auch im Samstag-Seminar gezeigt/gespielt wurden. Dazu kann man nur sagen: Zum Glück war das so, denn so konnten wir die schönsten, beeindruckendsten Beispiele gleich zweimal genießen.

Da wir wie erwähnt an zwei verschiedenen Veranstaltungen teilnahmen, ist das, was jetzt folgt auch kein chronologischer Abriss eines Seminars, sondern eine Zusammenfassung von diesen beiden Terminen. 

Auf ein paar spezielle Einspielungen wird hier auch deshalb nicht eingegangen, um den folgenden Veranstaltungen (z.B. in St. Petersburg) nicht die Überraschung zu nehmen.

Die ‘Reise ins Studio’ begann mit den Tönen von einem Demo zu „Earth Song“. Sehr berührend dieses frühe a-capella-Demo und diese ersten Harmonien aus dem Jahr 1988, noch mit unvollständigen Lyrics – aber dennoch auch in diesem frühen Stadium schon mit genau dem Feeling, welches auch die Jahre später veröffentlichte Version von „Earth Song“ ausmacht. Wir können nachvollziehen, dass Joe Vogel wohl fast vom Stuhl gefallen ist, als er das in einem Seminar zum 1. Mal hörte. Man muss sich nur vorstellen, er schrieb diese Abhandlung zum Epos „Earth Song“ und bekommt dann DAS zu hören! 

Ziemlich zu Beginn (und auch später immer mal wieder :)) outed Brad sich als GROSSER Fan von „Streetwalker“ – einem Song, an dem Michael für das BAD-Album arbeitete. Obwohl (oder weil…) Quincy den Song so gar nicht mochte, mietete Michael einfach das Studio 9 an und bastelte dort mit einem Team weiter daran. Michael liebte den Song! Letztendlich schaffte „Streetwalker“ es damals nicht aufs Album. Der Favorit von Quincy Jones und Frank DiLeo: „Another Part Of Me“ machte das Rennen. Brad ist ohne Frage großer Fan von „Streetwalker“ und es kam die Frage auf, warum es das Duo mit Stevie Wonder „Just Good Friends“ auf das Album geschafft hatte. Wir erfuhren aber auch von Brad, dass Michael und Stevie sich wie Brüder liebten und das wohl ein guter Grund dafür gewesen sein mochte.

Wir hörten 2 verschiedene Demo-Versionen von „Streetwalker“ (beide anders als die schließlich auf „Bad 25“ veröffentlichte Version)und dieser Song ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch hervorragende Stücke nicht immer den Sprung auf ein Album schafften – und nicht nur Brad ist glücklich darüber, dass der Song dann auf BAD 25 endlich gewürdigt wurde.

An der Stelle muss noch erwähnt werden, dass Brad selbstverständlich eine sehr gute Soundanlage hatte, und jeder Song, jedes Demo ein absoluter Hörgenuss war – und es niemals den Wunsch gab, die oft beträchtliche Lautstärke zu reduzieren, auch wenn Brad vorsichtshalber immer wieder nachfragte, ob es uns nicht zu laut sei (eher im Gegenteil – man wünschte sich oft „lauter!“ – und dieser Wunsch wurde gerne erfüllt).

Brad erzählte auch, dass Michael es liebte, im Studio die Musik sehr, SEHR laut zu hören, und es dadurch einigen Verschleiß an Lautsprechern und Kopfhörern gab, die auf Dauer wohl nicht dieser Lautstärke gewachsen waren.Wenn Brad die Lautstärke aufdrehen sollte, kam von Michael ein: „Hurt me, Brad, hurt me!“ („Tu’ mir weh, Brad!“)

Hurt Me

- Michael liebte laute Musik – und große Boxen… -

Hier sei auch ein Hinweis auf die Geschichte erlaubt, wo Bruce Swedien und Matt Forger das Gitarrensolo von Van Halen zu „Beat It“ auf ‘Michael-Lautstärke’ anhörten und dabei ein Lautsprecher überhitzte und Feuer fing.

Ein weiteres wunderbares Demo, was Brad uns vorspielte, war „I Cant Help It.“ Brad beschrieb es als Top-Beispiel für etwas, was Quincy Jones „3-Part-Rhythm-Section“ nennt. Damals waren die Studios mit immer besseren Geräten ausgestattet. Immer mehr Tonspuren waren möglich und sie probierten damit herum.Laut Brad, waren all diese Spielereien mit der Zeit etwas ermüdend und Quincy sehnte sich nach etwas ganz Einfachem, einer “3-Part-Rhythm-Section”.

Auf dem „I Cant Help It“-Demo war lediglich ein Schlagzeug, eine großartige Pianobegleitung und natürlich Michaels wunderbar perfekter Leadgesang zu hören. Absolut beeindruckend und ein wirklich hervorragendes Beispiel für die Qualität und „soulfulness“ von Michaels Stimme, völlig pur.

Besonders nah ging uns auch die Geschichte zu den Gesangs-Aufnahmen von „Keep the Faith“. Ein Moment der Brad bis heute sichtlich berührt und uns alle mucksmäuschen still seinen Worten und anschließend dem Song noch mal ganz anders lauschen ließ. 

Sowieso, werden wir künftig noch viel genauer hinhören. Es ist nicht so, dass es ‘entzaubert’ in den Schaffensprozess eingeweiht worden zu sein, sondern im Gegenteil, es ermöglicht einem, noch mal auf eine neue Art zu hören/erleben und macht den immensen Zeitaufwand für die Produktion eines Albums greifbarer.

Sehr beeindruckend – und nicht weniger unterhaltsam – waren auch die Songs, die Brad in Form eines etwa 14-spurigen, digitalen „Multitrack-Mixboard“ mitbrachte. Dieses ist ein digitales Board, auf dem man die unterschiedlichen Tonspuren (Lead-Vocals, Background-Vocals und alle beteiligten Instrumente und sogar eine extra Spur nur für Michaels Fingerschnippen…) getrennt voneinander hören kann, bzw. man kann verschiedene Spuren kombinieren oder isoliert abspielen. Hört man so z.B. nur Michaels Lead-Gesang, erkennt man Dinge (wie z.B. seine mit aufgenommenen „Tanzgeräusche“) natürlich sehr viel deutlicher, als im fertigen Mix. Auf diese Weise durften wir immer neuen, quasi „frisch gemixten“ Versionen von „Bad“ und „Blood On The Dancefloor“ lauschen, wobei das Highlight für uns dabei aber Michaels Lead-Vocals in dieser puren Form, vor allem bei BOTDF, waren. (Wow! Please do it again, Brad!) Unglaublich die Vorstellung, man hätte selbst die Möglichkeit, sich in diesen reinen Vocals so oft und lange wie gewünscht zu verlieren!

Blood On The Dancefloor Michael

Brad erklärt natürlich auch etwas zur technischen Seite dieser Multitracks. Er beschrieb z.B. anhand von David Williams Gitarrenspiel beim Song „Bad“, welcher Aufwand und welches Können dahintersteht. Auch die Bläser waren sehr beeindruckend. Beim Anspielen der einzelnen Tonspuren entdeckten wir einmal sogar eine Maultrommel oder das nur selten auftauchende ‘Bumm’ einer Basstrommel, alles Ingredienzen, die einen Song perfektionieren.

Aufgrund des besonderen Aufnahmeverfahrens von Bruce Swedien (von Quincy Jones und Bruce Swedien „Acusonic Recording Process“ genannt (Info:  http://www.gearslutz.com/board/showwiki.php?title=Tips-and-Techniques:Acusonic-Recording-Process-Bruce-Swedien), wurde jedes Instrument jeweils für die rechte und linke Box getrennt aufgenommen und dazu noch jeweils gedoppelt. D.h. David Williams spielte seinen kompletten Gitarren-Part (der noch dazu in dieser „Bad“-Gesamtversion über 8 Minuten geht – eine Länge die übrigens üblich war, um für eventuelle Dance-Mixes vorbereitet zu sein) – 4 mal ein. Das Können der Musiker zeigte sich darin, dass ihr Spiel bei der zweiten Aufnahme fast deckungsgleich verlief (…wobei genau dieses „fast“ den besonderen Reiz ausmacht, weil es lebendiger und voller klingt.)

Es wurde nie etwas einfach nur einmal eingespielt, dann kopiert und vervielfacht. Jedes Instrument, und natürlich auch jede Background Harmonie von Michael wurde auf diese Weise mehrmals aufgenommen und dann zu einer Spur zusammengefasst. 

(Anmerkung: das ist wahrscheinlich eine sehr vereinfachte Wiedergabe dieses Prozess’ – da wir aber völlige Laien auf diesem Gebiet sind, geben wir hier nur wieder, wie wir es verstanden haben.) Da wir alle Michaels Background-Chorgesang kennen, heißt das, dass dementsprechend auch all diese 6- oder 8-stimmigen Harmonien, mehrmals aufgenommen wurden. Hier sei noch mal erwähnt, dass nicht wie heute üblich ein Part eingesungen, kopiert und vervielfältigt wurde, sondern der ganz lange Weg gegangen wurde. Michaels tat das sogar bis zu 16 Mal über die volle Länge! (Vocals links 8 Mal und Vocals rechts 8 Mal = 8 stimmiger Chor)

Swedien, jones, jackson

- Michael Jackson, Quincy Jones, Bruce Swedien -

Ach und da kommt mir noch der wummernde Bass zu „Who Is It?“ in den Sinn (ich kann ihn sofort wieder fühlen). Auch bei dem Song wurde am digitalen Mischpult veranschaulicht, welche exzellenten Tonspuren zu der Komplexität führen, die wir an Michaels Alben so schätzen. Brad stellte auch ganz klar Bill Bottrells Talent heraus, nicht zuletzt bei einer Gegenüberstellung von dem fantastischen „Monkey Business“ (Gänsehaut!!!) zu „If You Don’t Love Me“ (welches dagegen sehr einfach gestrickt wirkt). Alleine all das SO laut über eine grandiose Anlage zu hören, war genial.

Anhand dieser Beispiele und Brads Erläuterungen zum Aufwand, aber auch zum dazugehörigen Können und Talent der Musiker, war es gut zu verstehen, was zum einen die Qualität von Michaels Alben ausmacht, aber es erklärte auch, warum die Arbeit daran so viel Zeit in Anspruch nahm und ist ein Grund, weshalb auch die Produktionskosten relativ hoch waren. Wenn man dann noch Bruce Swediens nahezu ‘wissenschaftliches Vorgehen’ beim Einfangen der Sounds dazu nimmt (Brad spricht immer mit großem Respekt von Bruce’ Können), kann nur Magie erschaffen werden (natürlich ist bei „Bad“ nicht Quincy Jones Talent zu vergessen! (Verzeihen wir ihm mal „Streetwalker“ rausgekickt zu haben ;))

Brad spielte u.a. auch noch einige andere Demoversionen. Ein frühes Demo, ließ die ersten Ansätze zum von Teddy Riley produziertem „Jam“ erklingen, und wir taten uns tatsächlich schwer es herauszuhören, bis es typische Züge annahm. Dann war da eine weitere Aufnahme, bei der zunächst niemand erkannte, um welchen Song es sich handelte. Erst eine spätere Version klärte, dass es sich um „Someone Put Your Hand Out“ handelte – wobei sich die frühe Version sehr von der endgültigen unterschied.

Wir hörten auch das Original Demo von „For All Time“ – von Steve Porcaro (von Toto), ein Lied welches Porcaro ursprünglich für seine Tochter schrieb. Michael mochte den Song und sang ihn 1990 für das Dangerous Album ein. Veröffentlicht wurde „For All Time“ dann aber doch erst 2007 auf Thriller 25.

EDIT (Juli 2014) In Brads Seminaren im Juni in LA war Steve Porcaro persönlich anwesend, und berichtete über die von ihm geschriebenen Songs Human Nature und For All Time

Demnach ist Human Nature der Song, den Steve für seine Tochter schrieb, nachdem sie in der Schule von einem Jungen gemobbt wurde. Die Lyrics lauteten ursprünglich: 

l tell her that it’s human nature


When she asks,

Why, why
 does he do it that way?”

Steve Porcaro stellte den Song zuerst seiner Band Toto vor, die ihn aber ablehnten, weil sie ihn nicht für einen guten „Stadion-Rock-Song“ hielten.

(Natürlich wurde Human Nature durch Michael später zu einem super Stadion-Song :)

Human Nature kam eigentlich auch nur zufällig zu Michael, da Steve Porcaro noch ein paar andere Demos aufnahm, um sie Quincy Jones vorzuspielen. Da er keine leere Kassette hatte, spielte er diese Demos auf die Rückseite der Kassette, auf der schon seine Demo-Version von Human Nature drauf war. Steve bezeichnete diese Seite (mit HN) dann als B-Seite, und die neuen Demos, die Quincy sich anhören sollte, als A-Seite. Quincy hörte jedoch nicht nur die A-Seite, sondern zufällig auch die B-Seite, und er war direkt von der Stimmung von Human Nature begeistert. Die Lyrics wurden dann von John Bettis überarbeitet. Als Michael den Song aufnahm, brauchte er dazu nur wenige Takes.

Zu For All Time gab es auch ein paar neue Informationen von steve Porcaro: Er bestätigte, dass dieser Song nicht zu den Thriller Outtakes gehört (obwohl er als solcher auf Thriller 25 veröffentlicht wurde), sondern aus der Dangerous Zeit stammt, und Michael ihn auch nur da einmal einsang.

Der dritte Song, den Porcaro für Michael schrieb, ist Chicago 1945. Auf einem dieser Seminare in LA spielte Steve ihn sogar vor. Auch dazu gab er ein paar interessante, neue Informationen:

Das traurige dabei ist, dass jeder diesen Song mittlerweile gehört haben könnte, wenn die Plattenfirma es richtig angegangen wäre. Vor Veröffentlichung des Xcape Albums, fragte man Porcaro um die Genehmigung, Chicago 1945 darauf zu veröffentlichen, aber er gab nicht seine Erlaubnis dazu. Er sagte zu uns: „Es scheint so zu sein, dass die Songs heute sofort zu einem Remix verarbeitet werden“. Es war deutlich zu erkennen, dass dieses Vorgehen ihm nicht gefiel. Und während ich als Fan diesen Song sicher gerne in meiner Sammlung hätte, respektiere ich doch voll und ganz die Einstellung Porcaros. Ich denke, als Musiker und Songschreiber versteht er sehr gut, was die Unversehrtheit eines Songs für den Künstler bedeutet. Und als Kollege von Michael weiß er auch zweifelos, wie sorgfältig Michael mit seinen Kompositionen umging. „Weniger ist Mehr“ war ein Prinzip, was sowohl für Quincy als auch für Michael sehr wichtig war. „Chicago 1945 ist ein großartiger Song, der sicher keine „zeitgemässe“ Überarbeitung nötig hat, und der es verdient so gehört zu werden, wie er ist.“

(Quelle: http://www.michaeljackson.ru/eng/steve-porcaro-chicago-1945/)

TWYMMF grammys 1988

- The Way You Make Me Feel – Grammys ’88 -

Interessant war auch die Geschichte, wie 1988 das langsamere Intro für „The Way You Make Me Feel“ anlässlich Michaels Auftritt bei den Grammys aufgenommen wurde. Da Michael für dieses Ereignis etwas Besonderes erschaffen wollte, sich aber schon in Pensacola befand, wo die Proben für den zweiten Teil seiner BAD-Tour im Pensacola Civic Center stattfanden, mussten sie improvisieren. So wurde eine alter Truck mit aller nötigen Technik ausstaffiert vor dem Hotel geparkt. In Michaels Hotelraum richtete man dann eine Aufnahme-Box ein (d.h. man stellte einfach Matratzen an die Wände!). Brad verkabelte das Hotelzimmer aus dem Fenster heraus mit dem geparkten LKW, und während Michael oben im Zimmer das TWYMMF Intro einsang, zeichnete er es unten auf (und wir alle können hören, wie gut das geworden ist!)

Ein wirkliches Highlight war auch der etwa 15 Minuten Zusammenschnitt eines Audios einer Session während der Arbeit am Dangerous-Album, die im Original über mehrere Stunden ging, und in deren Verlauf „Give In To Me“ entstand. Vor Beginn dieser völlig zwanglosen Session hatte Michael Brad gefragt welche Musik er gerne höre und kurzerhand wurde ein Runner losgeschickt, der eine Auswahl der genannten CDs (Pink Floyd, Led Zeppelin, Jimmy Hendrix, ELO usw.) besorgte. Brad, Bottrell und Michael hörten dann also Stunden lang Musik, aßen Pizza, (Brad und Bill hatten dazu ein paar Coronas :) ) erzählten und Bottrell ‘klimperte’ auf seiner Gitarre herum. Da fragte Michael, wie es wäre, einfach ein Mikrofon anzuschließen und zu sehen was passiert. Auf Brads Audio hört man dann zuerst lediglich einen einfachen, programmierten Drumbeat, wozu Gitarrenriffs erfunden werden und Michael mit seiner Stimme und der Melodie spielt, dann skattet er einzelne Worte, woraus sich erste Lyrics entwickeln (wobei es beeindruckend ist, wie viele dieser spontan entstandenen Lyrics wirklich auch in der endgültigen Version noch unverändert zu finden sind). Es ist sicher einmalig, wie man auf diese Weise die Entstehung und Entwicklung dieses Songs mitverfolgen kann und ein sehr anschauliches Beispiel für das, was Michael meint, wenn er sagt: „Lass den Song zu dir sprechen, lass ihn dir sagen, in welche Richtung er gehen will.- Schreib nicht die Musik – lass die Musik sich selbst schreiben.” („Don’t write the music, let the music write itself“) In dieser „Give In to Me“-Session ist genau das spürbar – absolut faszinierend. Ein tolles Dokument, welches wir Dank Brad hören durften.

Hier ein winziger Teil des Audios von dem, was dieser “Out of the moment”- Session vorausging:

Da Brad nicht nur an Michaels Alben im Studio mitarbeitete, sondern lange Zeit auch für die Ausstattung der Neverland-Ranch mit Soundtechnik zu ständig war, berichtete er auch über seine Zeit dort. Eine der Geschichten ist, dass Michael ihn einmal beauftragte, direkt hinter dem Neverland Haupttor eine – natürlich unsichtbare – Soundanlage zu installieren, damit die Besucher beim Öffnen der Tore mit Musik empfangen wurden. Selbstredend wurde es eine sehr leistungsstarke Anlage – mit versteckten Boxen in Bäumen und im Boden. Brad mixte zum Einstellen eine CD mit einem Medley von Michaels eigenen Hits. Dann kam der Tag, an dem er Michael die Anlage vorführte und seinen Mix in voller Lautstärke abspielte. Michael war von dem Sound sichtlich begeistert, wollte es immer noch lauter („Hurt me Brad!“) und tanzte und groovte vor seinem Tor zu „Billie Jean“. Brad freute sich riesig, dass sein Werk so gut ankam. Aber als die CD durchgespielt war, sagte Michael er wolle nicht seine eigenen Songs dort haben, sondern er wünsche sich zur Begrüßung der Gäste „Danny Boy“, eine sehr melancholische Ballade. Brad war entsetzt und versuchte Michael zu überzeugen, dass die Gäste sicher gerne am Tor Michaels Musik zur Begrüßung hören würden – aber Michael blieb bei „Danny Boy“. Er meinte es sei ihm unangenehm, wenn dort seine eigene Musik lief. Von da an wurde auch Brad – zu seinem Leidwesen – bei seinen unzähligen weiteren Besuchen Neverlands von „Danny Boy“ begrüßt (eine Melodie die seiner Meinung nach nur auf Beerdigungen von Feuerwehrmännern gespielt wurde :) )

neverland gate

In einer anderen Geschichte über Neverland berichtete Brad, wie er eine Soundanlage in Michaels Reptilienhaus – einer umgebauten Scheune – installierte. In dem Raum gab es viele Schaukästen für die Schlangen hinter dickem Glas. Besonders bei den Klapperschlangen gab es zwei Probleme: Die Schlangen gewöhnten sich schnell an die Besucher (und rasselten dann weniger) und man konnte ihr beeindruckendes Rasseln nicht durch das dicke Glas hören. Michael und Brad hatten dann die Idee ein Mikrophon innerhalb des Kastens und einen Lautsprecher außerhalb zu positionieren. Brad ging dann sogar noch weiter und schlug vor, über den ganzen Weg durch das Reptilienhaus Lautsprecher in Höhe der Fußknöchel zu installieren. Der Schaukasten wurde dann mit einem Vorhang abgedeckt, damit die Schlangen die Menschen nicht sehen konnten und sich nicht an ihre Anwesenheit gewöhnten. Kamen dann Besucher in den Raum, zog man den Vorhang weg, und die Klapperschlangen klapperten…. Durch die Anordnung der Boxen in Fußhöhe hörte es sich an, als schlängelten sich die Schlangen unten am Boden, zwischen den Füssen herum. Michael amüsierte sich jedes mal köstlich, wenn die Leute vor Schreck herumsprangen – er liebte solche Art Streiche.

Brad berichtete auch darüber, wie Busladungen voller Kinder und Betreuer auf Neverland ankamen und dass er oft sah, wie Michael sich mit diesen Kindern beschäftigte und spielte, und es war ganz offensichtlich, dass Kinder für Michael sehr viel bedeuteten und er von ganzem Herzen zum Glück dieser Kinder beitragen wollte.

Sean Lennon MJ

- Michael mit Sean Lennon -

Außer der vielen Audios, in deren Genuss Brad uns kommen lies, hatte er auch noch ein paar wunderbare Videos im Gepäck. Z.B. gibt es eine schöne Aufnahme, entstanden während der Aufnahme des HIStory Albums in der Hit-Factory in New York, in der man Sean Lennon und Michael dabei beobachten kann, wie sie mit einem seltsamen Instrument experimentieren. Es handelt sich um eine Theremin, (http://de.wikipedia.org/wiki/Theremin) ein elektronisches Musikinstrument, bei dem man durch die Bewegungen der Hände über zwei Elektroden unterschiedliche Schwingungen erzeugt, die dann als Töne hörbar werden. Man sieht Michael und Sean mit diesem Instrument spielen und spürt regelrecht die Freude, die beide daran haben. Wunderschön auch solche Augenblicke aus dem Studio-Leben sehen zu dürfen. (Brad erwähnt noch, dass das Instrument niemals wirklich Verwendung fand, dass Michael aber sehr oft Instrumente von überall her zum ausprobieren ins Studio geliefert bekam…)

In einem anderen Video, ebenfalls aus der Hit-Factory NY, sieht man den Andrae’ Crouch Choir, zuerst während eines ungezwungenem Gospel-warm-up, welches schließlich in einer Art Gebet endet, bei dem alle Anwesenden – inklusive Michael – sich im Kreis an den Händen halten und singen – sehr berührend. In einer weiteren Sequenz erlebt man dann wie Mitglieder des Chors für ihren Part bei „They Don’t Care About Us“ proben – und entdeckt lustiger weise, dass Andrae in diesem Hightech Studio einen wirklich sehr simplen, blechern klingenden Kassettenrekorder benutzt, um das bereits bestehende TDCAU Demo ab zuspielen, zu dem er dann den Chor arrangiert. Auch während dieser Aufnahmen ist immer wieder Michael zu sehen, wie er etwas abseits steht und interessiert dem Geschehen folgt.

Zum Schluss möchten wir noch das Video erwähnen, was sicher bei den meisten Anwesenden emotional am tiefsten ging und zu Tränen rührte…. (Da wir an zwei Veranstaltungen teilnahmen, hatten wir das große Glück, es zweimal sehen zu dürfen.) Es handelt sich um die Aufnahmen des Orchesters für „Smile“ und „Childhood“. Ein Teil des Videos ist ein von Brad sehr schön gemachter Zusammenschnitt von Bildern und Sequenzen der Orchestermusiker und der anderen, im Studio anwesenden Personen, zur Musik von „Smile“. Danach sieht man Michael, wie er in seiner Aufnahme-Box vor dem Orchester steht während es „Childhood“ einspielt. Da Michael die Instrumente über seine Kopfhörer hört, kommen wir in den Genuss seiner puren Stimme und werden Zeuge, wie er Childhood „live“ und in einem Take einsingt. Man sieht, wie er aus seiner Aufnahme-Box heraus begeistert mit dirigiert, zustimmende Zeichen mit Händen und Armen gibt, sieht auch auf seinem Gesicht wie viel Gefühl er in diesen Song legt und wie viel Glück und Freude er ausstrahlt, als er diesen sehr persönlichen Song singt. Es ist absolut phantastisch „dabei“ zu sein und eigentlich nicht mit Worten zu beschreiben. 

 Diesen Song a capella hören und Michael dabei zusehen zu dürfen, ist ein großes Geschenk – und macht uns sprachlos.

In diesem Moment war jedem der Anwesenden völlig klar, warum er dort war – und welchen Menschen wir alle verloren haben. Sicher der emotionalste Moment des Seminars.

Childhood

Soweit also unser kleiner Einblick über eine Auswahl der Dinge, die euch bei einem „In The Studio With MJ-Seminar mit Brad Sundberg“ erwarten. Wir können jedem empfehlen, der die Möglichkeit hat, an einem dieser Seminare teilzunehmen, es zu tun. Für uns waren es zwei wunderbare, sehr lohnenswerte Tage in Amsterdam. Die Eindrücke und Bilder sind in jedem Fall einzigartig und unvergesslich.

Dazu wurde sich auch noch gut um uns Gäste gekümmert und die Location (unter dem Dach einer Kapelle mit ihren alten Kreuzbögen und bunt verglasten Kirchenfenstern) war sehr stimmig und würdig.

 Thank you very much, Brad!  This was really, really Brad!  

♥ Martina & ♥ Karin

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Mehr Infos über die „In The Studio With MJ“ – Seminare von Brad Sundberg gibt es hier:

http://inthestudiowithmj.com

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„How I Make Music“ – Michael spricht über den kreativen Prozess und das Songschreiben

I love to write songs.

It’s one of my favorite things to do. It’s very spiritual. It’s a connection. I’m just a source through which it comes. I’m inspired by a lot of things but it’s done in the heavens. I listen to the music and I just create from there.“

- Michael Jackson

★ ★ ★

Ich liebe es, Songs zu schreiben. Es ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Es ist sehr spirituell. Es besteht eine Verbindung. Ich bin nur die Quelle, durch die es hindurch fliesst. Ich bin von vielen Dingen inspiriert, aber es wird im Himmel gemacht. Ich höre der Musik zu, und erschaffe daraus.“

★ ★ ★

studioa

Michael Jackson konnte weder Noten lesen noch schreiben und spielte wohl auch kein Instrument perfekt – wenn er auch verschiedene Instrumente etwas spielen konnte, wie Piano, Gitarre oder Schlagzeug. Michael hörte die kompletten Arrangements seiner Songs in seinem Kopf:

Die Lyrics, die Saiten-Instrumente  die Akkorde, alles kommt in einem Augenblick, wie ein Geschenk, was dir in den Kopf gegeben wird und so höre ich es.“ (Dangerous Deposition 1994)

Um diese Dinge, die er in seinem Kopf hörte weiterzugeben, sie mit Instrumenten umsetzen zu lassen, sang er das, was er hörte – jedes Instrument, den Rhythmus, die Harmonien, das komplette Song-Arrangement – in einen Tape-Rekorder – oder auch ggf. auch gleich den entsprechenden Musikern vor. Auch die Tontechniker und Produzenten die im Studio an den Tracks arbeiteten, waren begeistert von seiner Genialität. 

Rob Hoffman (Toningenieur) beschreibt den Prozess so:

Eines Morgens kam Michael herein mit einem neuen Song, den er über Nacht geschrieben hatte. Wir holten einen Gitarrenspieler hinzu, und Michael sag ihm jede einzelne Note von jedem Akkord vor. ‚Dies ist der erste Akkord, erste Note, zweite Note, dritte Note. Dies ist der zweite Akkord, erste Note, zweite Note, dritte Note,’ etc. Dann wurden wir Zeuge davon, wie er die innigste und tiefempfundendste stimmliche Performance gab, live im Kontrollraum mit einem SM57 (-Mikrofon). Er sang uns das gesamte Streicherarrangement vor, jeden Teil. Steve Porcaro erzählte mir einmal, dass er beobachtet hätte, wie Jackson das mit den Streichern in dem Raum getan hat. Er hatte das alles in seinem Kopf, die Harmonien und alles. Nicht nur einfach Ideen von kleinen Achttaktern. Er sang tatsächlich das gesamte Arrangement in einen Mikrokassettenrecorder, komplett mit Pausen und Einfügungen.“

http://lacienegasmiled.tumblr.com/post/77598143356/demo-of-beat-it-composed-using-only-michael

(in diesem link gibt es auch das Beat It acapella zu hören, in dem Michael die verschiedenen „Lagen“ des Arrangements – Vocals, Harmonien, Rhythmus…- singt und beatboxt)

how i write songs

Ein interessantes Interview darüber, wie Michael Jackson arbeitete, kann man im Audio der Dangerous Deposition hören.

(Songwriter Crystal Cartier hatte Michael Jackson wegen eines angeblichen Plagiats verklagt und Michael wurde während der Aussage vor Gericht zu seinem Prozess des Song-Schreibens befragt.)

Im folgenden jetzt 2 Audios der Dangerous-Deposition, mit den Ausschnitten, in denen Michael darüber spricht, wie er Songs schreibt, wie er Songs erschafft.

(Was natürlich schwer zu beschreiben ist – und noch schwerer als schriftliche Übersetzung wiederzugeben ist – deshalb unbedingt die Audios anhören, auch weil dort viel Beatboxing und acapella Gesang von Michael enthalten ist….)

Dangerous-Deposition/Vid 1

Michael: „Normalerweise, wenn ich Songs schreibe, übertrage ich die Songs mündlich auf einen Kasettenrekorder. Bei dem Song „Streetwalker“z.B., der einen treibenden Bass („a driving Bass lick“) hat und über den ich gerade sprach, nahm ich einen Casettenrekorder und sang den Bass-Teil in den Rekorder. (…beatboxt den Streetwalker-Bass-Lick…5:03) …ich nehme diese Bass Spur und singe darüber die Akkorde der Melodie. Dadurch wird die Melodie inspiriert und all die anderen Sounds, die ich in meinem Kopf höre. Das ist die Bass-Linie – und ich benutze den Moog (Synthesizer) und eine Bass Gitarre um diesen Sound, den ich in meinem Kopf höre, zu erschaffen.

Anderes Beispiel: Billie Jean… ich fuhr im Auto, und es begann auch wieder mit der Bass-Spur. (…beatboxt Bass-Line von Billie Jean… 6:03)… und darüber hinaus höre ich die Akkorde… (beatboxt Whoo…Whoo….) und dann die Melodie…(singt: „she was more like a beautyqueen…“) … und die Lyrics, die Strings… die Akkorde… ALLES kommt in diesem Moment, wie ein Geschenk, was einfach in deinen Kopf kommt… das ist, wie ich es höre.“

Frage: Sie begannen einfach, den Text zu singen?

Michael: „Absolut… als ich sang „Billie Jean is not my Lover“… dachte ich nicht darüber nach, es kam einfach, es fiel mir plötzlich in den Schoß – und ich mochte es, ich fuhr schnell nach Hause, ich nahm mir ein Mikrophon und nahm die Sachen auf. Dann bin ich ins Studio, lies die Musiker kommen, und gab jedem seinen Teil. So wurde es erschaffen. Und es ist bei anderen Songs, die schrieb, genauso.“

Frage: Können sie Noten lesen?

Michael: „Nein, kann ich nicht. Ich glaube nicht, dass es notwendig ist.“

Dangerous-Deposition/Vid 2

Michael (über „Dangerous“): „Beim ersten Teil wußte ich, ich möchte einen Sprechgesang, eine Art Rap… (spricht Text von Dangerous: „As She walked in the Room /I Knew Right Then And There / There Was Something Different About This Girl….).. das ist in etwa die Strophe, dann geht es über in den B-Teil, der zum Chorus führt. (beatboxt/ singt „I Never Knew But I Was Walking The Line / Come Go With Me / I Said I Have No Time“… 0:55) Von dem B-Teil aus baut es sich auf.. (singt…“..She’s So Dangerous / The Girl Is So Dangerous“) … das ist, wie es entstanden ist… ich höre einfach diese Akkorde, die die Melodie inpirieren.“

Frage: Welcher Teil von dem ist die Vocal-Melodie?

Michael: „Das war der B-Teil, der in den Chorus übergeht. Wenn ich „Dangerous“ singe, hört man die hohen Strings, man hört den Höhepunkt der Komposition. Das bildet den Chorus. Die Strophe ist hier (unten) und der B-Teil ist wie Treppenstufen… und wenn du zum Chorus (Refrain) kommst, ist das der Höhepunkt, wie eine Explosion.“

Frage: Nochmal, welcher Teil ist die Vocal-Melodie? Singen sie einfach nur den Teil…

Michael: (singt – 2:10)„I never knew but I was Walking the line / Come go with me / I said I have no time…. Ich habe den restlichen Text vergessen.“ (lacht)

Frage: Erinnern sie sich daran, als sie diese Lyrics im Studio gesungen haben?

Michael: „Ja, tue ich. Billy Botrell war dort, Brad Sundberg war da… und es war… es war ein lustiger Tag, also nicht wirklich lustig. Also, ich singe für gewöhnlich im Dunkeln, weil ich einfach alles fühlen möchte… ich mag auch nicht, wenn die Leute mich dabei ansehen, ausser, wenn ich auf der Bühne bin… Also, alle Lichter waren aus, und genau, als ich zu Singen anfing, fiel diese riesige Wand auf meinen Kopf. Es verursachte ein lautes Knallen – es tat weh – aber ich realisierte erst am nächsten Tag, wie sehr es weh tat- und das ist auch auf dem Band zu hören, wenn du das Demo abspielst…“ (4:19 – Demo Dangerous wird gespielt – am Anfang der Knall…)

studioc

Auch in der Mexico-Deposition von 1993 wird Michael ausführlich gefragt, wie er seine Songs schreibt und ob es da einen bestimmten Prozess gibt. Auch wenn der Anlass unangenehm und überflüssig ist, und man es Michael gerne erspart hätte, dort zu sitzen – das was wir dadurch erfahren ist eigentlich sehr wertvoll – er beschreibt dort ausführlich wie nie, wie er einen Song kreiert –am Beispiel von The Girl Is Mine – inclusive sehr viel original Audiomaterial, welches dort bei der Deposition vorgespielt wird, damit wir es auch selbst detailliert hören können.

A Master At Work!

(Mexico Deposition: Michael wurde von Reynaud Jones und Robert Smith beschuldigt, Songs gestohlen zu haben (The Girl Is Mine, Thriller und We Are The World) Die Befragung fand am 8. und 10. November 1993 in Mexico City statt und ging über insg. 7 Stunden! Michaels Anwalt Howard Manning nimmt Michaels Aussage auf.  Am 11 Nov. 1993 gibt Michael noch ein letztes Konzert in Mexico City, zwei weitere werden abgesagt und die Dangeroustour abgebrochen.)

Mexico Deposition 2/16

(ab 1:20 – Tape „The Girl Is Mine“ läuft)

Michael (2:00): „Das bin ich, wie ich die Teile von „The Girl Is Mine“ schreibe… es erschaffe…

Frage: Unter welchen Umständen erstellten sie Ex. 4/89? (Tape von The Girl Is Mine)

Michael: „Einfach mit einem Kasettenrekorder, in dem ich Geräusche machte (beatboxt..und singt..TGIM..will gar nicht mehr aufhören.. )

Einspruch…Mr. Jackson..ich habe einen Einspruch! (Michael macht weiter…)

Michael: „Oh, so ging das, so hab ich das gemacht.“

Frage: Wie haben sie das..wie haben sie den Song von EX. 4/89 in ihre Gedanken bekommen?

Michael: „Wie ich schon zuvor sagte… Songs schaffen sich selbst… es kommt einfach aus mir heraus… es kommt von innen heraus… ich denke, ich bin die Quelle, durch die es fliesst..und sie fragten mich, wie ich es mache… und ich fing an es vorzumachen, damit sie ein Beispiel dafür haben, wie es geht und wie ich Songs erschaffe. Und wenn ich meine Musik erschaffe, dann mache ich diese Geräusche… Ich schreib ein Lied mit dem Namen „Who Is It“.

Frage: Wissen sie, wo sie waren, als das Lied TGIM in ihren Kopf kam, Mr. Jackson?

Michael: „Ich glaube, ich war im Haus in Encino, oder in einer anderen Wohnung, weil wir gerade das Haus in Encino renovierten, und in einer kleineren Wohnung waren.

F: Lassen sie mich noch etwas spielen für sie..von Ex 4/89, und dann irgendwo anhalten, und ihnen ein paar mehr Fragen zu stellen.

(Band von The Girl Is Mine spielt..Michael macht mit..)

Frage: Möchten sie uns vorführen, was sie auf diesem Band machen?

Michael: „Ja..“(singt The Girl Is Mine… und beatboxt) (ab 4:30)

Frage: Wenn sie diese Geräusche mit ihrem Mund machen, wofür ist das?

Michael: „Diese Geräusche sind die Rhythmen, die ich mache. Ich schrieb einen Song für das Dangerous-Album, „Who Is It“ , und was ich mache ist, dass ich einen Kasettenrekorder nehme und die Geräusche aufnehme, wie ich sie in meinem Kopf höre. Ich höre den Bass, ich höre die Percussion…und ich höre die Trommel… und „Who Is It“ geht so..(beatboxt Who Is It) Ich nehme also den Rekorder und mache darauf genau das, was ich in meinem Kopf höre…und so mache ich das…

Frage: Können sie uns vormachen, wie sie die Rhythmusgeräusche bei TGIM machen?

Michael: „Sicher…(macht The Girl Is Mine..singt…) Sorry, aber meine Stimme… ich bin wirklich heiser, ich hatte letzte Nacht ein Konzert…und meine Kehle ist…

Frage: Zum Tape, sie singen dort ein paar Lyrics aber nicht alle… Warum?

Michael: „Weil bestimmte Worte zu einer bestimmten Zeit in deinen Sinn kommen, mit dem Gefühl für die Melodie…bestimmte Worte kommen mit der Melodie…zu gleichen Zeit, wenn sie erschaffen wird, wissen sie. Heal The World, (singt) Make it A better Place..…. Ich habe nicht darüber nach gedacht, es kam einfach so, es kam mit der Melodie…Heal The World..ich dachte einfach wow, das ist schön…Heal The World, let’s heal our Planet..

(Tape wird weiter abgespielt)

Frage: Was machen sie da gerade, bei The Girl Is Mine?

Michael: „Ich mache…ich imitierte einen Moog-Bass… wenn sie den Bass am Keyboard spielen, dann gibt es da diesen kleinen… sowas wie einen Hebel…und das geht whuhuhu..das Geräusch ist so, wie dieses…(„whuhuhu“ …macht das Geräusch vor…) so wie das.

Frage: Danke! (das Band spielt weiter) Da singen sie ein paar hohe Noten..Was singen sie genau an dieser Stelle?

Michael: „Ich singe was ich über dem Chorus höre, den Teil der Saiteninstrumente…dadadada..(singt..) Diesen Teil des Liedes habe ich nie benutzt…“

Frage: Warum nicht?

Michael: „Weil es sich in eine andere Richtung entwickelte und wenn ich dem jetzt zuhöre, kann ich ihnen sagen, in welche Richtung es ging. Es ging (singt die Melodie vor..)..in die Richtung entwickelte es sich…ich habe das hier seitdem nicht mehr gehört…(Band spielt weiter) Hören sie das?

Frage: Welchen Teil sangen sie gerade, bevor das Band anhielt?

Michael: „Counter Lines…musikalische Counter Lines, die gehen entgegen dem Hauptteil, es kann ein Keyboard, eine Flöte oder ein Streicherarrangement sein, es ist wie ein Klangteppich. So ist das Gesetz der Musik.“

Mexico Deposition 3/16

Frage: Was ist da genau für ein Instrument? (ab 0:50)

Michael: „Das ist ein Piano..dadamm“

Frage: Wir spielen noch mehr von Ex 4/89, Mr. Jackson, wenn sie bitte auf meine Fragen warten.. (Band spielt weiter) Was machen sie hier?

Michael: „Saiteninstrumente..(singt die Saiteninstrumente vor..) das ist der Teil, der sich über eine Strophe legt, so wie eine zweite Strophe… was den Song zum Höhepunkt führt, ihn aufbaut.“

Frage: Denken sie an ein bestimmtes Instrument, bei diesem Geräusch?

Michael: „Ja, Strings…”

Frage: Was machen sie jetzt?

Michael: „Nach dem ich die Melodie entwickelt habe, füge ich die verschiedenen Sounds hinzu, die mit der Melodie zusammengehen sollen – das, was jedes Instrument machen soll… um den Song zu entwickeln.“

Frage: Was machen sie hier? (ab 3:30)

Michael: „Das ist ein Teil für Waldhörner, den ich aber nie verwendet habe (singt den Teil vor…) ich sagte, dass könnten “weiche” Hörner sein..

(auf dem Band kommt Michaels Stimme..er sagt, “wenn du den Song schreibst, lass ihn sich selbst erschaffen.”) Das ist mein Gesetz…“

(bei 5:20 kommt noch mal der Text von Band.)

Michael: “..wenn du den Song schreibst, schreibe nichts, lass den Song sich selbst entwickeln… lass die Strings dir sagen, was zu tun ist… lass das Piano dir sagen, welche Akkorde kommen sollen, lass den Bass dir sagen, was er tun soll, alles… lass es sich von selbst entwickeln…lass ihn tun, was er will, zwinge den Song nicht irgendwohin…”

Frage: Was meinen sie mit dem, was sie auf dem Band beschreiben?

Michael: „Was ich sagen will ist, ein Song erschafft sich selbst…ich bin nur die Quelle, durch die es fliesst, es erschafft sich völlig von selbst. Wenn ein Song zu mir kommt, dann höre ich die Strangs, den Bass, die Drums… es kommt alles zusammen, wie ein Paket, es ist, wie ein Blatt aufzufangen, was von einem Baum fällt, die spirituellste und schönste Sache, die überhaupt passieren kann, manchmal falle ich auf die Knie und bete zu Gott aus Dankbarkeit dafür, dass es mir passiert, dass der Song zu mir kommt. Und das ist, was ich sage…lass es sich von selbst entwickeln…“

(Band läuft weiter..)

Frage: Was sagen sie an der Stelle?

Michael: „Das ist ein harmonischer Teil (singt bisschen vor..) was ich da versuche ist… was ich in meinem Kopf höre, ist die Counterline… beim Songschreiben sollte man von den Strophen zum Refrain (chorus) kommen…und wenn der Refrain dann kommt, sollte er wie eine Blume sein, die vor deinem Angesicht erblüht. Um das zu erreichen, muss man weitere Sounds hinzufügen, um es frisch und wundervoll zu machen.“

Frage: Was ist die Bridge in einem Song?

Michael: (singt ..I Love you more than he...)

Frage: …ich wollte es mehr allgemein wissen..was ist eine Bridge?

Michael:„Was eine Bridge ist? Eine Bridge ist dafür da, dich von A nach B zu bringen, sie bringt dich von den Strophen zu einem anderen Teil. Es ist Eskapismus, davon, immer das gleiche triviale, normale zu hören, was man die ganze Zeit hört – denn die Ohren ermüden davon, immer die gleichen Sounds zu hören – und was die Bridge macht ist, dich von all dem weg zu führen, und wenn man aber schließlich zu dem zurückkehrt, was man zuvor machte, dann ist es kräftiger, viel kräftiger..es hat einen viel stärkeren Effekt.“

Frage: Hat The Girl Is Mine eine Bridge?

Michael: „Ja, hat es… (singt: I love you more than he…) So in der Art.“

Auch im nächsten Teil der Mexico Deposition geht es noch mit “The Girl Is Mine” weiter:

(…wer möchte, kann noch weiter zuhören)

https://www.youtube.com/watch?v=dsSFu5V4Pu0

Michael: “Ich kreiere…entdecke, sollte ich sagen… ich versuche zu entwickeln, zu entdecken, was da ist. Ich versuche herauszufinden, in welche Richtung der Song gehen will…es ist die Bridge, die Bridge von dem Song… es ändert sich. Bei einem Lied, was ich vor kurzem schrieb, “Stranger In Moscow”, wollte ich das gleiche machen, ich wollte es in das Mikrophon sprechen… das was man in seinem Kopf hört und das ist manchmal sehr schwer, weil man hat nur eine Stimme, doch man hört 4 Akkorde…es ist also sehr schwierig, das zu tun, man versucht es so gut wie möglich zu machen.”

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Und auch im Ebony Interview von 2007 spricht Michael über den kreativen Prozess:

Michael: “Ich schreibe ständig. Wenn du weißt, es ist richtig, dann spürst du manchmal, wie etwas kommt, wie etwas heranreift, beinahe wie eine Schwangerschaft oder so etwas. Es bewegt dich, und du fühlst etwas erblühen, und die Magie, sie ist da! Es ist die Eruption von etwas, das so schön ist, dass du denkst: WOW! Da ist es. So funktioniert es, durch dich. Es ist wunderschön. Es ist ein Universum, in das du eintauchen kannst, mit diesen zwölf Noten. [Er hört nun eine frühe Aufzeichnung von Billie Jean auf einem iPhone]


Was ich mache, wenn ich schreibe, ist, dass ich eine knappe, raue Version mache, nur um den Refrain zu hören, nur um zu sehen, ob mir der Refrain gefällt. Wenn es so für mich stimmt, so spartanisch, dann weiß ich, es wird funktionieren … Hör dir das an, das ist zu Hause. Janet, Randy, ich … Janet und ich machen “Whoo, Whoo…Whoo, Whoo…” Ich mache das, den gleichen Vorgang, mit jedem Song. Es ist die Melodie, die Melodie ist das Wichtigste. Wenn die Melodie mich fesselt, wenn mir dieses Ungeschliffene gefällt, dann mache ich den nächsten Schritt. Wenn es in meinem Kopf gut klingt, ist es meist auch gut, wenn ich es mache. Die Idee ist, das, was in deinem Kopf ist, auf ein Tonband zu übertragen.
Nimm einen Song wie Billie Jean, wo die Bassline der markante, dominante Teil ist, wo der wichtigste Protagonist des Songs das treibende Riff ist, das du hörst – den Charakter dieses Riffs genau so hinzukriegen, wie du es haben willst, braucht viel Zeit. Hör zu, man hört dort vier Bässe, die vier unterschiedliche Persönlichkeiten haben, und das ist es, was ihm den Charakter gibt. Aber es bedeutet viel Arbeit.

Das ganze Ebony-Interview incl. Audio: http://all4michael.com/2012/12/03/ebony-interview-2007-michael-jackson-in-seinen-eigenen-worten/

dancing-the-dream-michael-jackson-dancing-786298220

★ ★ ★

How I Make Music

People ask me how I make music. I tell them I just step into it.

It’s like stepping into a river and joining the flow.

Every moment in the river has its song. So I stay in the moment and listen.

What I hear is never the same.

A walk through the woods brings a light, crackling song:

Leaves rustle in the wind, birds chatter and squirrels scold, twigs crunch underfoot, and the beat of my heart holds it all together.

When you join the flow, the music is inside and outside, and both are the same.

As long as I can listen to the moment, I’ll always have music.

- Michael Jackson, Dancing the Dream

★ ★ ★

Wie ich Musik mache

Die Leute fragen mich, wie ich Musik mache. Ich antworte ihnen, ich begebe mich einfach in sie hinein.

Es ist, als ob du dich in einen Fluss begibst, und mit der Strömung mitgehst.

Jeder Augenblick im Fluss hat seinen Song. Ich verweile im Augenblick und höre zu.

Was ich höre, ist nie das selbe.

Ein Spaziergang durch den Wald, bringt einen leichten, knisternden Song:

Die Blätter rascheln im Wind, Vögel zwitschern und Eichhörnchen zetern, unter den Füssen knacken Zweige, und mein Herzschlag hält all das zusammen.

Wenn du dich dem Fluss hingibst, ist die Musik innen und aussen und beides wird zu ein und demselben.

Solange ich dem Augenblick zu hören kann, werde ich immer Musik haben.

★ ★ ★

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Übersetzungen: Pearl, Ilke, M.v.d.L

Nur ein anderer Teil von mir

by

Brad Sundberg and Captain EO: („Just Another Part of Me“)
Post vom 27/02/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Diese Woche bin ich begeistert, vier Personen begrüßen zu dürfen, die gemeinsam mit mir die faszinierende Untersuchung der Werke von Michael Jackson vornehmen, darüber nachdenken und schreiben. Lisha McDuff ist Berufsmusikerin und Musikwissenschaftlerin, deren Hochschulabschlussarbeit sich auf Black or White konzentriert. Sylvia J. Martin ist Gastassistenzprofessorin der Anthropologie, die zahlreiche Artikel über Michael Jacksons kulturelle Funktion geschrieben hat, sowohl in den Vereinigten Staaten, als auch weltweit. Mehrere ihrer Artikel können in unserem Reading Room aufgerufen werden. Eleanor Bowman ist Umweltschützerin mit einem Master-Abschluss in Theologie, und sie arbeitet derzeit an einem Buch darüber, wie Michael Jacksons Kunst uns zu einer neuen Beziehung zur Natur bewegen kann. Und Veronica Bassil ist promovierte Literaturwissenschaftlerin für englische und amerikanische Literatur und hat zwei Bücher über Michael Jackson geschrieben: Thinking Twice about Billie Jean und Michael Jacksons Love for Planet Earth. Ich danke euch allen sehr, dass ihr hier seid!

Ihr habt also alle kürzlich an Brad Sundbergs Seminar in Orlando teilgenommen. Lisha und ich sprachen in einem Post vor einigen Wochen mit Brad, als er sich gerade darauf vorbereitete, und es hörte sich wunderbar an! Ich bin so neugierig alles darüber zu hören.

Sylvia: Das Seminar war fantastisch. Es war auch großartig, dass wir uns untereinander und alle anderen Teilnehmer getroffen haben.

Lisha: Oh, ich stimme zu. Was für ein Vergnügen war es euch, Brad, Matt und all die anderen Seminarteilnehmer zu treffen. Es war ein unglaubliches Wochenende.

Eleanor: Ja, es war wirklich wundervoll. Ich wünschte, jeder der Dancing-with-the-Elephant-Familie hätte dort sein können! Schon allein Veronica und Lisha und Sylvia zu treffen und persönlich mit ihnen über Michael zu sprechen wäre mir schon genug gewesen, aber dann haben wir noch all die anderen MJ Fans getroffen und ihre Geschichten gehört – und damit nicht genug durften wir Brad und Matt aus nächster Nähe und all ihre persönlichen Erfahrungen mit MJ hören. Nun, es war fast zu viel für mich, das alles zu begreifen.

Veronica: Ja, ich habe viel gelernt, und es war großartig mit jedem von euch unsere Liebe für Michael und seine Arbeit zu teilen. Und es war ganz besonders großartig, die Poster von Dancing with the Elephant – Lisha, Eleanor und Sylvia – zu treffen.

Sylvia: Es war faszinierend, dass wir die isolierten Tracks von Michael der abgestimmten Harmonien für Liberian Girl hören durften.

Lisha: War das nicht außergewöhnlich? Brad spielte die Background Vocals für Liberian Girl ab und dann isolierte er die einzelnen Spuren, so dass wir jeden Part separat hören konnten, so wie Michael Jackson die vierteilige Harmonie gesungen hat: Sopran, Alt, Tenor und Bass. Es demonstrierte wirklich sein erstaunliches stimmliches Talent, seine große Stimmbreite und seine beeindruckende Beherrschung von Musiktheorie und –harmonie. Jede Note musste äußerst sorgfältig getroffen werden, um diese engen und dichten Harmonien zu erzeugen.

Brad und Matt berichteten darüber, wie Michael Jackson all diese Parts vollständig im Kopf ausgearbeitet hat, etwas, was mich wirklich erstaunt. Sie waren ebenfalls hin und weg von Michael Jacksons Beherrschung der Songkonstruktion und staunten darüber, wie er jede Zeile jedes einzelnen Parts in seiner Gesamtheit singen konnte, während er genau wusste, wie jeder einzelne Part zu jedem anderen Element des Songs passen sollte.

Ich erinnere mich, dass Brad in Toronto ebenfalls über Michael Jacksons Background Vocals gesprochen hat. Er sagte, jede Zeile einer vierteiligen Harmonie wie diese wurde typischerweise verdoppelt oder vierfach gestapelt. Das bedeutet, eine vierteilige Background-Stimme nahm insgesamt 16 Bandspuren (Tracks) oder 16 Stimmparts ein. Es ist, als würde man einen kleinen Chor nur mit Michael-Jackson-Stimmen hören.

Veronica: Ja, das war wirklich fantastisch, und du hast es schön gesagt: „ein kleiner Chor“, bei dem nur MJ all diese verschiedenen Harmonien singt! Matt hat ebenfalls Michaels erstaunliche Fähigkeit betont, genau zu wissen, wo all diese Klänge in der musikalischen Gestaltung hingehören – die Harmonien, die Melodie, die Musik, die Ad Libs – er wusste exakt, wie sich alles in einer Stereoaufnahme zusammenfügen würde. Ich bin so froh, jene außergewöhnlichen Harmonien von Liberian Girl gehört zu haben.

Eleanor: Und wir haben es aus den Lautsprechern gehört, die sie aus den Westlake Studios mitgebracht haben! Es war, als würde man Michael Jackson zum allerersten Mal hören. Ich war einfach nur überwältigt.

Lisha: Ich habe nur gedacht, was für einen satten, veredelten Klang diese Lautsprecher haben – absolut großartig. Brad sagte, dies wären exakt die Lautsprecher, aus denen Michael Jackson damals die Wiedergabe gehört habe. Ich war begeistert, hören zu können, wie das geklungen hat.

Sylvia: Das Wochenende ist ganz besonders gestaltet worden dadurch, dass wir am nächsten Tag mit Brad und Matt das Epcot Center besucht und von Matt eine Führung hinter die Kulissen von Captain EO genossen haben.

Eleanor: Ich muss zugeben, dass Captain EO im Epcot Center zu sehen ein Spitzenerlebnis für mich war. Und dazu durfte ich es vom Sitzplatz direkt rechts neben Matt Forger erleben! Was für ein Privileg. Brad hatte das gesamte Kino für uns reserviert und ich sah mich nach einem Sitzplatz um, als Matt mich zu sich herüberwinkte, um neben ihm Platz zu nehmen. Ich denke, es war der beste Platz im ganzen Haus für den besten Klang und die beste 3D-Erfahrung. Eigentlich war es 4D – die Sitze bewegten sich und stießen sich ab während der Bewegungen des Raumschiffs. Es war fantastisch.

Lisha: Ich bin auch total auf Captain EO abgefahren, aus so vielen Gründen. Erst einmal denke ich, dass die Handlung brillant ist. Es ist die Reise des Helden – eine epische Erzählung des Guten gegen das Böse, das die Kraft der Klänge und der Musik als Transportmittel für die Transformation des Bewusstseins nutzt. In der Obhut von Michael Jackson ist diese epische Erzählung klug als 17-minütige Disney-Attraktion getarnt.

Veronica: Ja Lisha, das ist eine exzellente Feststellung. Und die Songs We Are Here to Change the World und Another Part of Me, ebenso wie die Handlung der Transformation eines gefühllosen, mechanisierten Planeten in eine strahlende, idyllische Welt, betonen die Veränderung zu globaler Harmonie.

Eleanor: Ja, ich liebe die Handlung und die Art, wie sie mit all den Spezialeffekten realisiert wird. Eigentlich war ich so auf Michael in 3D fokussiert, dass ich mich kaum auf die Story konzentrieren konnte. Nachdem ich nun Captain EO erlebt habe, denke ich, Michael hätte alle seine Short Films und Konzertvideos in 3D erstellen sollen. Und auch wenn Michael die Geschichte nicht selbst geschrieben hat (ich habe gefragt), wissen wir doch, dass er niemals einen Song gesungen hat, an den er nicht geglaubt hat, also bin ich sicher, Captain EO repräsentiert Michaels Vision eines von Missständen geplagten Planeten und wie dies wieder in Ordnung gebracht wird.

Also, für mich und meine umweltbezogenen Interessen war alles an Captain EO absolut faszinierend. Es scheint so sehr zu offenbaren, wer Michael Jackson war und ist, seine Rolle als Veränderer, seine Sorge um den Planeten Erde – auch wenn es vermutlich in einer weit entfernten Galaxie spielt. Der Film zeigt einen Planeten, der zur Einöde geworden ist, wie Veronica sagt, gefühllos und mechanisiert – eine Vision unserer eigenen Zukunft? Unserer Gegenwart? Aber Michael sieht seine tieferliegende Schönheit und durch seine Liebe, sein tiefes Gefühl der Verbundenheit, das sich im Song Another Part of Me ausdrückt und durch Blitze aus seinen Fingerspitzen gesendet wird („sending out a message to you“), verwandelt sich die Oberste Führerin (Supreme Leader) von einem Monster in eine schöne Frau und ihr sterbender Planet in eine Welt angefüllt mit Leben.

Wie Lisha sagt ist es eine epische Erzählung über die Wandlung des Bewusstseins, eine Wandlung, die wir verzweifelt brauchen, eine Wandlung, von der ich glaube, dass Michael sie durch seine Kunst hervorbringt. Von mir persönlich zu sprechen kann ich die Tatsache bestätigen, dass er mein Bewusstsein ganz sicher verändert hat.

Lisha: Ich denke, das ist eine wundervolle Interpretation, Eleanor – es ergibt wirklich Sinn im ganzen Zusammenhang mit seinem Gesamtwerk.

Sylvia: Ich schätze die Wandlung der Umwelt, aber ich mag die Charakterisierung der Obersten Führerin gar nicht. Die bildliche Darstellung bei Disney und im Märchen dahingehend, dass „hässlich“ gleichbedeutend mit „böse“ ist und „schön“ mit „gut“ gleichgesetzt wird, erwartet man zwar, lässt mich aber trotzdem mit den Augen rollen. Warum muss ihre angenommene innere Schönheit äußerlich sichtbar gemacht werden? Wer hat etwas davon und warum? Noch einmal, eine starke und mit Makeln behaftete Frau muss neutralisiert werden, nach ihrer Verwandlung ist sie still, passiv und nett anzusehen.

Veronica: Danke für deinen Kommentar zur Obersten Führerin, Sylvia. Ich habe einige Posts von Leuten gelesen, die den Film als kleine Kinder gesehen hatten, und sie sprachen darüber, wie unheimlich es für sie war – und die Darstellung der Obersten Führerin gehörte auch dazu. Tatsächlich kann man behaupten, dass sie eine Art Medusa ist mit Metallspiralen statt Schlangen in ihrem Haar.

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Ich stimme zu, dass EO die Hauptrolle und der hauptsächliche Held ist und die Oberste Führerin (Anjelica Huston) am Schluss als passive Schönheit gezeichnet wird, still winkend, während sie auf den Schultern ihres Gefolges sitzt. Andererseits ist ihre ursprüngliche Absicht definitiv feindselig – sie will ihre Gefangenen in „Mülleimer“ verwandeln und verspricht EO „100 Jahre Qualen“ in ihrem „tiefsten Kerker“ – also muss er dem Widerstand leisten oder die Story wäre zu Ende.

Eleanor: Ich verstehe, dass, wenn du die Oberste Führerin als Symbol für das Weibliche verstehst, der Film sexistisch und beleidigend ist. Wenn du aber die Oberste Führerin als Symbol für die Natur betrachtest, wie ich es tue – was auch Sinn macht, da die Natur traditionsgemäß als feminin charakterisiert wird und die Oberste Führerin eindeutig als eine Fortsetzung ihrer planetarischen Welt zu sehen ist, ebenso wie diese es umgekehrt von ihr ist – dann ist die Geschichte inspirierend. Und EO’s Einsatz des Begriffs Schönheit erinnert mich an das Schlagwort „Black is Beautiful“ (Schwarz ist schön), bei dem Schönheit als ein Begriff benutzt wird, der Wertigkeit und Wertschätzung ausdrückt, nicht physische Attraktivität. Und vielleicht ist das jetzt weit hergeholt, aber der Einsatz von 3D könnte ein Hinweis darauf sein, dass wir tiefer sehen sollen – dass die Geschichte, wie die meisten Dinge, auf verschiedenen Ebenen gedeutet werden kann. Das Medium ist die Botschaft.

Dies ist die Art und Weise, auf die ich EO verstehe: Indem er der Obersten Führerin sagt, er sehe ihre Schönheit, sagt EO uns, dass „Schönheit im Auge des Betrachters liegt“ und dass traditionelle westliche Sichtweisen gegenüber der Natur – nämlich dass die Natur als etwas betrachtet wird, das unter Kontrolle gehalten werden muss, dass Materie und die materielle Welt als inaktiv gesehen wird, als tot, mechanisch, wertlos (hässlich) – kulturelle Konstrukte sind, die geändert werden können und müssen. Wenn wir unsere Wahrnehmung der Natur ändern, wenn wir ihren Wert erkennen und verstehen, dass wir „nur ein weiterer Teil von ihr“ („Just another part of it“) sind, dann werden wir auch die Art ändern, wie wir mit ihr umgehen. Wer hat etwas davon? Wir alle.

Veronica: Eleanor, ich mag deine Sichtweise auf die Oberste Führerin als eine Reflexion ihrer planetarischen Welt und, wenn EO einen Kommentar abgibt über „jemand so schön wie du“, dass er den wesensimmanenten Wert und die Wertschätzung der natürlichen Welt, die „ein weiterer – aber nicht gefährlicher (not dangerous) Teil – von uns ist, sieht. Ich mag auch deinen Bezug auf die eindrucksvolle Botschaft der 60er: „Black is Beautiful“. EO sagt der Führerin, ihr würde „ein Schlüssel fehlen, um ihre Schönheit freizusetzen“ und dieser Schlüssel (die Musik) ist sein Geschenk, der den Planeten wie auch die Führerin und ihre Gefolgsleute verändert. Ich habe sie mit Medusa verglichen, und es ist interessant, dass, als Medusa von dem Helden Perseus besiegt wird, das geflügelte Pferd Pegasus geboren wird. Pegasus ist ein Symbol der Vorstellungskraft und der Kreativität und steht für die Befreiung von einschränkenden gedanklichen Konstrukten, die unsere Fähigkeit die Welt und einander zu sehen, verzerren.

MJ singt, dass die Planeten sich in einer Reihe formieren und „auf euch warten“ – auf uns warten, damit wir uns einreihen und nicht länger isoliert sind. Die metallenen Spiralen und Kabel blockieren die Führerin, so dass sie über dem Boden außer Kraft gesetzt und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, verglichen mit den Schlussszenen, in denen sie auf dem Boden geht und sich der Gemeinschaft anschließt, die durch den Tanz und durch die Musik gebildet wird. Die Kraft der Musik (formal dargestellt durch MJ’s „Lichtblitze“) verändert die Krieger in Tänzer, die seinem Takt folgen und MJ’s Tanz ist Teil dieser transformierenden kreativen Energie.

Sylvia: Auch, nachdem der männliche Held im Grunde die weibliche Protagonistin (vor sich selbst) „gerettet“ hat, ist da kein Hinweis auf eine Paarbildung romantischer Art. Schließlich ist dies ein Disney Film, und ein gemischtrassisches Paar stand wahrscheinlich nicht auf ihrem Plan. Eigentlich habe ich immer wahrgenommen, wie EO, direkt nachdem er ihre Hand geküsst hat, sich direkt vor sie stellt, sein Gesicht vollständig mit seinem eigenen verdunkelt und dem Publikum, das der Endempfänger seiner Freude ist, ein breites Grinsen schenkt. Es geht nur um EO!

Eleanor: Ja, es gibt keinen Hinweis auf eine romantische Paarung, aber ich habe auch nicht geglaubt, dass dies eine Romanze sein sollte. Dies ist eine symbolische Darstellung des Zusammenwirkens von Menschsein und Natur, wobei das Menschsein, wie üblich, als männlich charakterisiert wird und die Natur, wie üblich, durch das Weibliche repräsentiert wird. Aber bei EO ist das Symbol für Menschlichkeit außerdem schwarz, was nicht traditionell ist. Da der Standard für menschliche Vollkommenheit in unserer Gesellschaft normalerweise weiß und männlich ist, ist die Tatsache, dass EO schwarz ist, geradezu revolutionär. Als eine nichttraditionelle Darstellung des Menschlichen ist EO nicht an traditionelle Wahrnehmungen gebunden. Er kann eine neue Beziehung, eine nicht-ausbeuterische Beziehung zur Natur etablieren. Wie MJ ist EO ein schwarzer Repräsentant für Veränderung in einer weiß geprägten Gesellschaft. Ich habe die Tatsache bemerkt, dass MJ Anjelica am Schluss in den Hintergrund drängt, denn im Grund genommen geht es für die Fans nur um MJ.

Lisha: Ich muss dir darin zustimmen, Eleanor, dass EO uns mitnimmt in eine symbolische, mythische Umgebung. Ich mag den Gedanken, dass die Oberste Führerin als Symbol für Mutter Natur persönlich gesehen werden kann, besonders da sie so aufgewühlt ist in diesem Moment und ihre schrecklichen, zerstörerischen Kräfte gegen ihre Bewohner, die den Planeten so gedankenlos angreifen und zerstören, entfesselt. Persönlich habe ich kein Problem damit, diese wie auch immer mystifizierte Kraft als einzig weiblich darzustellen. Die Kräfte der Natur gehören, wenn man es so mythisch ausdrücken will, in den Bereich des Weiblichen.

Aber ich muss sagen, Sylvias Ansicht ist ebenfalls angebracht. Diese Geschichte kann den bildlichen Ausdruck der bösen Königin in Märchen wie Disneys Schneewittchen verstärken, was aus feministischer Sicht hochgradig problematisch ist – „augenrollend“ wie du sagst, Sylvia. Ich kann mir noch einige andere problembehaftete Lesarten der Geschichte vorstellen, in der Hinsicht, dass eine Gruppe von Menschen in das Gebiet einer anderen eingreift und erobert, um ihnen dann ihre Ansichten und Ideale aufzuerlegen.
Aber in meinen Augen stellt die eher symbolische Lesart die zufriedenstellendste aller Interpretationen bereit. Eine weitere Art und Weise der Deutung liegt darin, es aus der jungianischen Sicht zu betrachten, ein System, an dem Michael Jackson selbst sehr interessiert war. Die Oberste Führerin könnte aus dieser Perspektive als eine Repräsentation der eigenen psychologischen Projektionen von Captain EO gesehen werden. In diesem Szenario ist die Reise des Helden eine Metapher für einen Kampf, der innerhalb der menschlichen Psyche ausgefochten wird.

Gemäß Carl Jung sind die dunklen, schattenreichen, unbewussten Teile der männlichen Psyche als die „Anima“ oder das „Innere Weibliche“ bekannt. (In der Psychologie des Weiblichen ist dies der Animus oder das „Innere Männliche“ – denkt an Beauty and the Beast). Die Anima sind die hässlichen, unerwünschten, nicht eingeforderten Aspekte des Selbst, die entdeckt und bekämpft werden müssen, so dass das ganze, erleuchtete Selbst daraus hervortreten kann. Da sich nur sehr wenige von uns ihrer eigenen negativen Neigungen bewusst sind, müssen die wirklich abstoßenden, ungeheuerlichen, verleugneten Teile unseres Selbst auf Andere projiziert werden. Mythen und Märchen sind ein eindrucksvoller Weg, um zum Unbewussten zu sprechen – dem beängstigenden, unbekannten Gebiet, auf dem wir Kämpfe mit den Mächten des Bösen ausfechten. Gemäß dem Märchen des Captain EO ist die Musik ein Vehikel für dieses innere Bewusstsein und dessen Umgestaltung.

Sylvia, ich denke, du hast einen unglaublich wichtigen Moment am Ende des Films genannt, als sich Captain EO vor der Obersten Führerin verbeugt, ihre Hand küsst und sich dann umdreht, um wieder in die Kamera zu blicken und seine Freude darüber auszudrücken, dass das Licht der Dämmerung aufgegangen ist und die Kräfte der Dunkelheit vertrieben worden sind. Die Oberste Führerin hat nun ihre wahre Form von Güte, Wahrheit und Schönheit erlangt. Wenn du ganz genau hinsiehst, wenn Captain EO sich zur Kamera umdreht, dann erkennst du, dass die Oberste Führerin nicht vollständig hinter ihm verschwindet. Sie ist ziemlich groß, sogar größer als Captain EO. (Im Kino könnt ihr dies besonders gut sehen.) Einen kurzen Moment lang scheinen sie zu einer Einheit zu verschmelzen, in der das Maskuline und das Feminine eins werden – das Bewusste und das Unbewusste – wovon oft als von der Erleuchtung oder der Bewusstwerdung gesprochen wird.

Willa: Oh, ich mag diese Deutung von dir, Lisha!

Lisha: In jungianischen Begriffen ist dies als die aufgeweckte Anima-Projektion bekannt. Kein Zweifel, dass ich hier auch durch die Musik beeinflusst werde – dies ist außerdem der Einsatzbeginn für Another Part of Me. Die Geschichte beinhaltet ebenso viele andere mythische Elemente, wie etwa Captain EO’s kleine Helfer, die den Helden auf seiner Reise unterstützen.

Veronica: Ja, und ich möchte EO’s Helfer gerne erwähnen: Hooter, der Elefant, Idey und Odey, der behaarte zweiköpfige Navigator, und Fuzzball, der fliegende Affe mit Schmetterlingsflügeln, der EO vor bedrohlichen Kämpfern rettet, indem er ihre Peitschen zusammenbindet. Diese Wesen sind sprechende, tierische Begleiter und lustige Dummköpfe, besonders Hooter, sie geben dem Film Leichtigkeit und zeigen EO absichtlich als nicht heldenhaft. Tatsächlich erfahren wir zu Beginn des Films, dass er und seine Mannschaft aus der Flotte ausgebootet werden sollen. Hooter und Idey und Odey und auch der Roboter Major Domo wurden von wirklichen Menschen in Kostümen dargestellt, Fuzzball dagegen war eine Puppe. Fuzzball und Hooter machten einen großen Teil des Lizenzgeschäftes für EO aus.

Lisha: Von der mythischen Warte aus betrachtet ist es so, dass diese Helfer auf magische Art gerade dann erscheinen, wenn der Held verloren scheint. Aus dem Nichts stellen sie ein wenig Unterstützung bereit, die buchstäblich die Rettung ist, wie etwa, wenn Fuzzball die Peitschen zusammenbindet. Es endet schließlich so, dass er Captain EO in genau dem Moment befreit, in dem er in der Falle und zum Scheitern verurteilt zu sein scheint.

Es war so wunderbar, die 3D-Effekte auf der großen Leinwand zu erleben und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie der kleine Fuzzball etwas in Captain EO’s Ohr flüstert oder wie er geradewegs aus der Leinwand heraus direkt auf den Zuschauer zufliegt, als wollte er eine persönliche Verbindung herstellen. Es gibt da viele kleine Details, die man nicht bemerkt, wenn man den Film nicht in einem Kino sieht, das eigens dafür ausgerichtet ist.

Eleanor: Captain EO in Epcot war das erste Mal überhaupt, dass ich den Film je gesehen habe. Ich wollte, dass meine erste Erfahrung atemberaubend sein würde, und so war es. Ich bin Brad und Matt so dankbar, dass sie dies möglich gemacht haben und dass wir diese Erfahrung miteinander machen durften. Ich habe gehört, dass Disney plant, Captain EO nicht weiter zu zeigen, was mich sehr traurig macht.

Veronica: Absolut Eleanor, Captain EO in der Form zu sehen, wie es beabsichtigt war – in 4D – war auch für mich ein Spitzenerlebnis. Ich muss sagen, Captain EO hat mich umgehauen. Ich sah es insgesamt drei Mal, und seine exzellenten 3D- und 4D-Effekte lassen einen erahnen, warum dieser Film, entstanden 1986, heute immer noch so fesselnd und aufregend ist. Nicht nur, dass die Sitze ruckeln, sondern da waren auch Luftzüge rund um meine Beine, um das Gefühl der Peitschen, die Michael bedrohten, zu simulieren. Die 3D-Effekte ließen es so wirken, als würden EO’s Raumschiff und sein kleiner Begleiter Fuzzball direkt vor unseren Sitzen in der Luft stehen.

Michael als Captain EO in 3D zu sehen ist natürlich wunderbar, und es war herzerwärmend, zu erkennen, dass eine so große Menge von Menschen, bestehend aus allen Altersgruppen diesen Film genossen hat, so wie wir ihn gesehen haben, während wir draußen saßen und uns mit Matt unterhielten. Matt erzählte uns, dass Captain EO damals in der Anfangszeit die führende Attraktion war und dass es sehr lange Warteschlangen gab.

Willa: Das kann ich bezeugen – ich stand in diesen Warteschlangen in den 80ern.

Lisha: Das ist so cool, Willa!

Veronica: Der Song Another Part of Me wurde später für das Bad Album erweitert und 1987 veröffentlicht. Matt erzählte, dass dieser Song während der Bad Tour die Menschenmengen geradezu ausflippen ließ. Er wurde während des Seminars gefragt, warum er statt Streetwalker ausgesucht wurde und spekulierte, dass dies wohl dazu beigetragen hätte an Captain EO anzuknüpfen, aber es war wohl doch wahrscheinlicher, dass Streetwalker im Klang und vom Thema her zu viel Ähnlichkeit mit The Way You Make Me Feel hatte.

Lisha: Ja, ich erinnere mich daran, dass einer der Seminarteilnehmer bemerkte, dass Streetwalker ein ähnliches Thema wie The Way You Make Me Feel habe, und dass Another Part of Me deshalb generell eine bessere Wahl für das Album gewesen sei. Wir bekamen einige frühe Demos, ebenso wie einige spätere Überarbeitungen von Streetwalker zu hören, von denen ich denke, dass sie fabelhaft waren. Ich würde gerne mehr darüber erfahren, wie Michaels Gefühl dazu war, wie der Song ins Bad Album passen würde.
Ich möchte sagen, es war ziemlich faszinierend Matt und Brad darüber reden zu hören, was für ein Publikumsliebling Another Part of Me bei Live-Auftritten war. Es war ja nicht so, dass Michael Jackson bei seinen Konzerten knapp an Material für Publikumsrenner war! Ich war also überrascht zu erfahren, dass Another Part of Me in Bezug auf die Publikumsreaktionen so sehr herausstach.

Veronica: Joe Vogel beschreibt Another Part of Me als „benommenen synth-gesteuerten Groove über die kosmische Kraft der Musik, die zu globalem Frieden und Harmonie führen soll“. Es wird außerdem verbunden mit der Harmonischen Konvergenz der Planeten, die 1987 stattfand, auf die sich die Lyrics beziehen:

Die Planeten richten sich aus

Wir bringen hellere Tage

Sie stehen in einer Reihe

Und warten auf dich

Willa: Oh, das ist interessant, Veronica. Ich wusste das nicht und habe mich immer gewundert, was diese Zeile darüber, dass „die Planeten sich ausrichten“ bedeutet.

Veronica: Im August 1987 gab es eine Ausrichtung von acht Planeten im Sonnensystem in einem eindrucksvollen Trigon (Winkel von 120°). Diese Ausrichtung führte, gemäß José Argüelles, einem entscheidenden Vertreter des Convergence Events, in eine Zeitperiode der Reinigung vor dem Datum des Maya-Kalenders 2012 und zeigte eine Energieverschiebung von Krieg zu Frieden an. Nun, wir warten immer noch darauf, dass das passiert. Aber ich bin so froh, dass MJ uns seine „höhere Liebe“ (major love) gesandt und uns alle als anderen Teil von sich betrachtet hat, als einen weiteren miteinander verbundenen Teil einer globalen Familie.

Ich habe an einem lokalen Treffen teilgenommen, um die Konvergenz zu zelebrieren. Es war damals 1987 eine große Sache. Erinnert sich noch jemand daran?

Eleanor: Ja, Veronica. Ich erinnere mich gut daran.

Sylvia: Ja, ich erinnere mich auch.

Eleanor: Ich lebte damals in Huntsville, Alabama und es gab im Stadtzentrum von Huntsville eine Zusammenkunft, um es zu feiern. Ich hatte keine Ahnung, dass Michael sich in den Lyrics von Another Part of Me auf die Harmonische Konvergenz bezog. Das ist so faszinierend. Schichten auf Schichten. Aber, natürlich, es passt perfekt.

Veronica: Es war ein bedeutendes weltweites kulturelles Phänomen und sollte einen Neubeginn, einen neuen evolutionären Zyklus anzeigen. Argüelles bat die Menschen – zum ersten Mal, dass dies auf einer globalen Ebene stattfand – sich bei Tagesanbruch an heiligen Orten zu versammeln und Heilung und Frieden in einem Moment einheitlichen, kollektiven Bewusstseins zu visualisieren:

Es kommt ein Zeitpunkt, an dem die Dinge sich ändern werden. Ein Schwingungssignal wurde ausgesendet. Wo das Signal auch herkam – ob es von unserem genetischen Code kam, ob es von der Erde kam, ob es aus dem Weltraum kam oder ob es von allem zusammen kam – dieses Signal wurde ausgesendet und die Menschen reagieren auf dieses Signal. Es ähnelt sehr dem Vorgang, wenn eine Tiergattung ein Zeichen erhält, die Richtung seines Wanderverhaltens zu ändern. Das Zeichen hieß „Geh zurück zur Erde … wenn du Frieden auf diesem Planeten willst, geh zurück zur Erde.“

Argüelles glaubte, dass die positive, friedvolle Energie der aufeinander abgestimmten Gedanken und Gefühle der Menschen eine „circumpolare Regenbogenbrücke“ rund um die Erde bilden würden: „Dies ist eine positive Visualisierung. Eine Regenbogenbrücke rund um die Erde ist eine vollkommen heilende Vorstellung. Dies ist die Heilung der Erde, die Heilung unserer Herzen und die Heilung unseres Lebens und eine sofortige Entwicklung.”

Es gab indianische Prophezeiungen über „Rainbow Warrior“ (Krieger des Regenbogens), die erscheinen würden, um die Erde zu retten: „Es wird eine Zeit kommen, da werden die Vögel von den Bäumen fallen, die Flüsse werden vergiftet sein und die Wölfe werden in den Wäldern sterben. Aber dann werden die Krieger des Regenbogens erscheinen und die Welt retten.“ Ich finde es so faszinierend, dass der Regenbogen auch mit Captain EO identifiziert wird, auf seinem T-Shirt, wo er sogar aufleuchtet, und als er den Planeten verlässt, ist da ein Regenbogenschimmer, der rund um das Raumschiff aufflackert.

Und nicht lange danach änderten sich Dinge auf unerwartete Weise – die Berliner Mauer fiel, die Sowjetunion brach auseinander, Nelson Mandela wurde frei gelassen und das System der Apartheid in Südafrika fand ein Ende. Rund um das Datum 2012 gab es große demokratische Aufstände in verschiedenen Ländern, in denen gegen ungerechte und unterdrückende Regierungen, wie in Ägypten und der Ukraine, protestiert wurde und andere sich verändernde Einstellungen wie die wachsende Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Eheschließungen und der Entkriminalisierung von Cannabis. Findet hier vielleicht doch eine Bewusstseinsveränderung wie MJ sie vergegenwärtigt hat, statt?

Eleanor: Nun, wir wissen, woher das Signal kam: Michael Jackson!

Veronica: Das ist lustig, Eleanor! Man kann noch einen weiteren Kommentar über Captain EO hinzufügen in Michael Jackson: Grasping the Spectacle, herausgegeben von Christopher R. Smit, Carl Millers Kapitel über We are Here to Change the World: Captain EO and the Future of Utopia zieht eine interessante Parallele zwischen MJ und Captain EO. Der Autor sieht MJ in seinem Portrait von Captain EO als eine Repräsentation einer Art Roboter, eine Verschmelzung von Tier, Mensch und Mechanik, eine grenzüberschreitende Zusammensetzung, welche die Unbestimmtheit der Zukunft zeigt: Auf diese Art ist MJ „die archetypische postmoderne Erscheinung der utopischen Möglichkeiten.“ Die Welt der Obersten Führerin ist in der Tat nah dran an dem, was aus unserer Welt gerade wird; folglich ist Captain EO’s „Um-schreiben“ dieser Welt wie die historische Neu-Bewertung von MJ’s Vermächtnis, welches zur Wieder-Erscheinung von Captain EO in den Disney Themenparks geführt hat: „Das Revival von Captain EO bietet einen Beleg sowohl für das Ausmaß der Umformungen, als auch für die gegenwärtige Relevanz von Jacksons Kunst.“

Sylvia: Ich habe Millers Text noch nicht gelesen, aber es klingt interessant. Zwischendurch möchte ich mich dem Gedanken der „utopischen Möglichkeiten“ ein wenig anders annähern.

Ich habe nach einer unserer Filmvorführungen Lisha gegenüber gesagt, dass MJ so etwas wie ein schwarzer Luke Skywalker war, dessen Lizenz gerade seine unauslöschliche Marke in der Popkultur hinterlassen hat, als EO gedreht wurde. Und eigentlich ist Afrofuturismus eine faszinierende interpretative Linse für die Sicht auf Captain EO. Afrofuturismus ist ein Begriff, der in den 1990ern geprägt wurde, und ihr habt es vielleicht heutzutage in Verbindung mit den Werken von Janelle Monae gehört, jedoch wurde seine Bedeutung in der Literatur, Musik und Popkultur wirklich bereits in den 1970ern geprägt. Afrofuturismus bezieht sich auf Black Science Fiction und Kosmologie und, wie die Autorin Ytascha L. Womack erklärt, verweist es auf die Vergangenheit wie auch auf die Zukunft (sie verweist sogar auf Michaels Moonwalk als Teil der Kosmologie).

Im Hinblick auf die Wurzeln des Afrofuturismus in „alter afrikanischer Kultur“ und in der Mythologie, die Womack erwähnt, können wir auch an Remember The Time denken. Im Grunde gibt es an verschiedenen Stellen in Michaels Gesamtwerk Verbindungen mit Themen aus der Vergangenheit bzw. der Zukunft des Afrofuturismus; zusätzlich zu EO gab es noch seine Lesung des E.T. Storybook, die Symbolik des Musikvideos Can You Feel It und das Raumschiff aus Scream.

Wie der afrofuturistische Wissenschaftler Valorie Thomas und andere bemerkt haben, ist zu den Musikern, die als grundlegend für den Afrofuturismus betrachtet werden, George Clinton eingeschlossen, mit seiner P-Funk-Mythologie und dem Album Mothership Connection von 1975, das die Rolle des Starchild, einem Alien, das in einem Raumschiff auf der Erde landet, beinhaltet. Clinton singt, dass sie „herunterkommen in 3D“ (Gettin‘ Down in 3D) – einem lyrischen Ruf, auf den Michael eine Dekade später mit Captain EO antworten wird.

Willa: Das ist wirklich interessant, Sylvia. Ich hatte bis vor ein paar Wochen noch nichts von Afrofuturismus gehört, und ich weiß immer noch sehr wenig darüber, aber aus dem zu schließen, was ich gelesen habe, knüpft es auf viele Arten bei Michael Jackson an. Zum Beispiel werden viele Werke als etwas beschrieben, das Afrofuturismus als eine Art draufgängerische, utopische Vision einer wahrlich multi-kulturellen Gesellschaft zeigt – eine, die Unterschiedlichkeit und Andersartigkeit auf positive, sogar heitere Art verkörpert. Das klingt sehr nach Michael Jackson.

Wie du erwähnt hast, Sylvia, ist es futuristisch, aber auf eine Art, die die Vergangenheit nicht verleugnet, sondern welche Vergangenheit und Gegenwart in die Zukunft übergehen lässt. Das erinnert mich an Light Man am Anfang von This Is It – er ist ein Wesen aus der Zukunft, aber er trägt einen Weltraumanzug, der aus Videoleinwänden besteht, auf denen wichtige Szenen der Vergangenheit gezeigt werden.

Veronica: Ja, das ist eine großartige Bemerkung über Light Man und den Übergang der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. Ich erkenne EO als einen Teil davon. Im Grunde erinnert mich unsere Diskussion hier gerade an meine eigene Vergangenheit – Erinnerungen an die Harmonische Konvergenz und eine Vorlesung mit dem Titel „Warten auf die Morgendämmerung“ (Waiting for the Dawn) von dem Religionshistoriker Mircea Eliade, an der ich 1982 teilnahm (und wir wissen, dass der Name „EO“ im Griechischen „Morgendämmerung“ bedeutet). In dieser Lesung deutete Eliade an, dass das bedeutendste Vorkommnis des Jahrhunderts die Neubewertung nicht-westlicher spiritueller Traditionen, nämlich der asiatischen und jener der Dritten Welt, inklusive sogenannter „primitiver“ Traditionen wie dem Schamanismus, waren:

Die Entdeckung (oder Neu-Entdeckung) des Wertes und der Bedeutung nicht-westlicher Spiritualisierungen repräsentieren eine kulturelle Innovation, denn es setzt einen Dialog und eine Beziehung zu anderen, den Vertretern der asiatischen und archaischen Traditionen, in Gang.

Aus seiner Sicht ist ein Mensch „reinster Ausprägung ein historisches Wesen“ in dem Sinne, dass jeder Mensch „fortwährend fasziniert ist von der Aufzeichnung der Geschichte“, der Frage danach, wodurch etwas in der Welt oder in der Seele passiert. Dementsprechend erschafft jede davon „die grundlegende Notwendigkeit“ von Geschichten, Erzählungen und der symbolischen Welt, ob aus Mythen oder künstlerisch entstanden, „symbolische Universen“.

Lisha: Wenn man sich Michael Jackson durch die Linse des Afrofuturismus ansieht, ist es ziemlich faszinierend, wenn man zum Beispiel an Scream als einem Teil eines Albums mit dem Titel HIStory: Past, Present and Future denkt. Das ist ein Albumkonzept, das ich ziemlich faszinierend finde. Ich denke auch an den Spielfilm Moonwalker mit seinen futuristischen Sci-Fi-Effekten, die im Smooth Criminal Part im Club 30s von der Vergangenheit in die Gegenwart überblenden.

Sylvia: HIStory: Past, Present and Future passt ziemlich gut in das Prinzip des Afrofuturismus, und es gibt viel über dieses Album zu sagen!

Lisha: Ganz bestimmt.

Willa: Ganz meine Meinung. Eigentlich könnte man über all diese Beispiele eine Menge sagen. Du hast Recht, Sylvia, Afrofuturismus ist wirklich ein ergiebiger Weg der Annäherung an Michael Jackson. Und Lisha, ich stimme dir zu darin, dass diese Sci-Fi-Elemente in Moonwalker erhöht werden dadurch, dass sie in eine Umgebung nach Art des Film Noir im Stil der 1940er Jahre eingebettet sind, wir sehen also wirklich, wie „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ ineinander übergehen.

Lisha: Moonwalker passt außerdem auch zu Themen, die wir in Can You Feel It und Captain EO sehen können. Wie Eleanor klar gemacht hat, stammt Captain EO nicht aus Michaels Feder, aber ich kann ganz sicher überall seinen Einfluss erkennen. Das Konzept des Afrofuturismus hilft, dies deutlich zu machen. Ich denke auch, dass man noch ein weiteres von Michaels Sci-Fi-Abenteuern erwähnen darf, das Videospiel Space Channel 5.

Sylvia: Ja, wie du erkennen kannst, ist der Afrofuturismus eine nützliche Perspektive auf Michaels Gesamtwerk; wir beobachten diese Bezüge auf die Vergangenheit und die Zukunft nicht nur in seinen Werken, sondern für seine Fans ist seine Jenseitigkeit ohnehin offensichtlich. Und Margo Jefferson nimmt in ihrem Buch auf ihre eigene Art Bezug auf Michaels Jenseitigkeit (und Clintons Außerirdischen?) durch die Wahl des Titels Star Child für das Kapitel über Michaels verblüffende Erfahrungen als Kinderstar.

Afrofuturismus ist, wie Chardine Taylor Stone schreibt, ein Ort dafür, sich alle Arten von Transformationen und Möglichkeiten für Mitglieder der Schwarzen Diaspora vorzustellen, gebildet unter den gegebenen Umständen durch die Erfahrung von gewalttätigen Eindringlingen ihrem Umfeld entrissen in ein fremdes, neues Land verschleppt worden zu sein.

http://www.theguardian.com/science/political-science/2014/jan/07/afrofuturism-where-space-pyramids-and-politics-collide

Es ist ein Weg sich neue Beziehungen zum Weltraum, zu Technologie, Macht, Mode und Sexualität, neben anderen Dingen, vorzustellen.

In EO befehligt ein schwarzer Mann ein Raumschiff und wird damit betraut, der Obersten Führerin ein Geschenk zu überbringen – eine nicht gerade bedeutungslose Verantwortung, die Michael in einer unverwechselbaren Art und Weise ausführt. Im Grunde können wir uns Michaels Filmerfahrung von Captain EO als eine afrofuturistische Version seines Off-Screen-Bestrebens vorstellen, in neuen räumlichen Dimensionen und mit seinem Wirken innerhalb einer Führungsriege mit dem besten, was Disney und Lucas (Beleuchtung und Effekte) an Technologie und Ressourcen anzubieten hatten.

Willa: Das ist eine wirklich interessante Sichtweise auf die Dinge, Sylvia – dass Michael Jackson durch seine Arbeit als Geschäftsmann, Führungspersönlichkeit in der Musikindustrie und Künstler außerhalb der Leinwand die heldenhafte Reise, die er auf der Leinwand darstellt, wiederholt.

Sylvia: Ja Willa, so denke ich auch.

Veronica: Wenn man an die Mode im Afrofuturismus denkt, Sylvia, dann war EO’s Raumanzug ganz wundervoll, ebenso wie derjenige, den er auf der Bühne trug, wenn er aus einem Raumschiff heraustrat! Das Portrait von Arno Bani, offenbar für das Cover von Invincible beabsichtigt, zeigt ihn auf die gleiche Art und Weise.

Lisha: Wisst ihr, diese märchenhaften Geschichten sind so unterhaltsam und amüsant, dass man leicht vergessen kann, wie tiefgreifend lehrreich sie für die menschliche Psyche sind. Wenn ihr mal in globalem Rahmen über die Leistung afroamerikanischer Musik nachdenkt, könnt ihr leicht erkennen, dass dies nicht nur eine von Phantasie getragene Flucht aus der Wirklichkeit, sondern ein einflussreicher Faktor ist, sich die Zukunft des Planeten und darüber hinaus „auszumalen“ (um einen Ausdruck von Disney selbst auszuborgen).

Sylvia: Es ist ernüchternd, diese Unterhaltung über Afrofuturismus zu führen, wenn man bedenkt, was im vergangenen Jahr passiert ist, in einem der amerikanischen Bundesstaaten, welcher Gastgeber des Disney Fantasylands ist, in dem EO weiterhin aufgeführt wird und wo wir uns alle für das Seminar zusammengefunden haben: Florida. Die historische Altlast der Furcht weißer Männer vor jungen schwarzen Männern und die Gewalt gegen sie – und ihre Billigung – wird weiterhin ausgelebt in der sogenannten „post-rassistischen“ Welt und das alles tatsächlich nicht weit entfernt von dem Ort, an dem eine schwarze Zukunftsvision gezeigt und gefeiert wird.

Lisha: Das stimmt, Sylvia. Die Wirklichkeit sieht so aus, dass wir immer noch so viele gegenteilige Beispiele für diese Vision der Zukunft sehen, was natürlich tief beunruhigend ist.

Sylvia: Direkt als ich für das Seminar In the Studio with Michael Jackson auf dem Flughafen in Florida gelandet war, war mein erster Gedanke: „Dies ist der Staat, in dem eine Jury George Zimmerman für nicht schuldig erklärt hat.“ Dann, in der vergangenen Woche, hat eine weitere Jury in Florida einen anderen weißen Mann des Mordes an einem schwarzen jungen Mann, Jordan Davis, für unschuldig erklärt. Während Captain EO danach gestrebt haben mag, das Bewusstsein durch Musik zu verändern, erfahren wir von Michael Dunns Zorn gegenüber der lauten „Gangstermusik“, die Jordan und seine Freunde spielten, und wir erkennen in diesem Augenblick einen kompletten Zusammenbruch der vielgepriesenen Kraft der Musik, die uns vereinen soll, hier entgleist durch tief verwurzelte Rassenvorurteile, Waffengewalt, Unwissenheit und Arroganz. Spannungen zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft werden in dieser Region eindringlich deutlich.

Veronica: Ausgezeichneter Hinweis, Sylvia, wenn man den kürzlichen Tod zweier junger schwarzer Männer durch die Hand von weißen / hispano-amerikanischen Männern in Florida der in Captain EO vergegenwärtigten Harmonie, die wir in Epcot sahen, gegenüberstellt. Es ist wahr, dass Musik die Ursache des Konflikts und des Todes war und nicht zu Einigkeit führte bei der Gelegenheit, auf die du dich beziehst – aber bedeutet das, dass sie nicht vereinen kann oder dass sie Menschen nicht verändert hat? Kürzliche Studien haben die heilende Kraft von Musik bewiesen – Musiktherapie hat zum Beispiel vielen Menschen geholfen, einschließlich dem Opfer einer Schießerei, Senator Gabrielle Giffords.

Michael glaubte an die verändernde und erhebende Kraft von Musik, nicht nur auf der persönlichen Ebene des Individuums, sondern auch in einem größeren, sozial relevanten Ausmaß. Ob richtig oder falsch oder nur unter einem weltfremd-idealistischen Eindruck, er versuchte durch seine Musik und seine Kunst zu heilen. Es ist traurig, aber vielleicht realistischer, sich vorzustellen, dass dies nur ein Traum war – als er in Earth Song sang:

Ich habe immer geträumt

Ich habe immer hinter die Sterne geblickt

Nun weiß ich nicht, wo wir stehen

Obwohl ich weiß, dass wir weit gekommen sind

Captain EO zeigt einen Optimismus, den MJ später auf dem nach den ersten Anschuldigungen veröffentlichten HIStory Album schneidender soziopolitischer Kritik gegenüberstellte.

MJ 1995 TDCAU 1

 

Sylvia: Danke, Veronica. Und du hast Recht, Musik kann Menschen vereinen und Gemeinschaften auf der ganzen Welt mobilisieren und tut dies sicherlich – sie hat dies jahrhundertelang getan. Aber wie bei dem Mord von Jordan Davis sehen wir, wie Musik in einem bestimmten Zusammenhang rassifiziert und sogar kriminalisiert werden kann, in einem solchen Ausmaß, dass dies als eine Entschuldigung benutzt wird, um auf solch eine feindselige Art und Weise zu reagieren. Obwohl ich vermute, dass dies einer der Gründe ist, warum Afrofuturismus für manche Leute nachhallt – es erlaubt einem die Vorstellung einer weniger eingeschränkten Existenz. Und Michael hat dies ganz sicher durch seine Musik und seine Kunst getan, wie du erwähnt hast.

Willa: Ja, das hat er. Jedoch deutet auch der Mord an Jordan Davis, so schrecklich wie dies war, auf den Einfluss von Musik. Musik kann uns vereinen, manchmal auf positive Art, aber manchmal auch auf tyrannische oder autoritäre Arten – der Einsatz von Wagner durch die Nazis ist ein extremes Beispiel. Aber Musik kann auch kraftvoll und regelwidrig stören. Die Bürgerrechtsbewegung und die Anti-Vietnam-Kriegsbewegung in den Vereinigten Staaten waren beide durch Musik angetrieben, und in einem neueren Beispiel steht die Band Pussy Riot an vorderster Front einer zunehmend weiblichen, anti-homophoben Bewegung in Russland.

Musik kann also entrechteten Menschen einen Weg aufzeigen zusammenzukommen und sich einer unterdrückenden Mehrheit entgegenzustellen, und diese (ver-)störende Kraft der Musik liegt im Zentrum von Hip Hop. Das ist das, was Jordan Davis und seine Freunde mit ihrer „Gangstermusik“ taten, denke ich – sie nutzten Musik, um ihre Identität abzustecken, welche die dominierende Mehrheit kritisiert und stört. Und Michael Dunn fühlte sich dadurch so bedroht – durch die Störkraft der Musik – dass er anfing, Kugeln in ihr Auto abzuschießen.

Eleanor: Ja, wie Sylvia sagt „tief verwurzelte Rassenvorurteile, Waffengewalt, Unwissenheit und Arroganz“ sind lebendig und ausgeprägt in Florida, wie sie es in den meisten Teilen dieses Landes sind, und Musik kann sicherlich verärgerte Reaktionen hervorrufen, wie Michael wusste. Denkt nur an die Art, auf die der Vater in Black or White auf Macauley Culkin reagiert, als er die Lautstärke hochdreht. Aber ich habe Michaels Traum Musik dafür einzusetzen, um die Welt zu verändern, noch nicht aufgegeben. Und ich denke, er hat das auch nicht getan. Wie er immer daran festhielt, wenn man bedenkt, was er durchgemacht hat, erstaunt mich immer wieder.

Veronica: Ja Eleanor, seine Entschlossenheit und sein Mut an seinen Werten festzuhalten, war unermüdlich, und er strebte danach andere darin zu bestärken, dasselbe zu tun. Er singt in Another Part of Me: “Dies ist unsere Mission / Da durchzublicken“. Und er hatte ganz sicher die ganze Zeit den Durchblick bis zum Ende seines Lebens, wie wir in This Is It erkennen können, seine Botschaft von Liebe und Schutz der Umwelt als eine Verantwortung jedes Einzelnen: „Sie ? Sie wer? Es liegt an uns oder es wird nie getan werden.“

Lisha: Musik ist eine beindruckende Kraft – Religionen, Politiker und Rebellen nutzen sie, Regierungen und der Status Quo fürchten sie. Ich bin davon überzeugt, dass Michael Jackson das nie aus den Augen verlor. Es flößt einem Ehrfurcht ein, sich die gewaltige Zahl von Menschen vorzustellen, die Michael Jacksons Werke, wie Captain EO, gesehen haben und auf irgendeiner Ebene davon beeinflusst wurden.

Matt sagte, als Captain EO startete, war es Hauptattraktion bei Disney. Die Leute (wie z.B. Willa!) mussten stundenlang anstehen, um es zu sehen. Wir hatten unglaubliches Glück, eine private Vorführung mit Brad Sundberg zu bekommen und von Matt Forger persönlich, der es aufnahm, mischte und den Sound designte, etwas über die musikalische Produktion zu erfahren.

Sylvia: Insgesamt boten die beiden einen guten Einblick in die akustische Erfahrung in der Zusammenarbeit mit MJ. Sowohl Brad als auch Matt (und Brads Tochter Amanda) sind sehr sympathisch, geduldig und großzügig. Wir haben sie mit vielen Fragen bestürmt!

Lisha: Ja, ich denke, ich bekam eine gute Vorstellung davon, warum Michael Jackson sie so schätzte und ihnen so vertraute. Du kannst nachvollziehen, dass er Leute brauchte, mit denen es Spaß machte zusammen zu sein, um über Monate so viele Stunden im Studio zu verbringen, die aber gleichzeitig auch unbeschreiblich talentiert, kompetent und ganz ihrer Arbeit ergeben waren. Ich habe selbst sehen können, dass Brad und Matt genau solche Menschen sind, und es gibt keinen Zweifel daran, dass sie das gleiche von Michael denken.

Sylvia: Sie zeigen Michael menschlich und gleichzeitig präsentieren sie ihn auch als eine sehr professionelle und talentierte Person. Und auch wenn das vielleicht sehr profan klingt, ich schätzte es, dass Brad und Matt auch den organisatorischen und koordinativen Arbeitsaufwand beschrieben, die dieser gesamte Prozess des Aufnehmens, Mischens bis hin zur Fertigstellung erfordert. Matt erwähnte, dass neben den kreativen und technischen Aspekten, der technische Ablauf im Studio für ein großes, kommerzielles Album auch sehr viel Logistik erfordert, bis hin zum Nummerieren und Auflisten der Tracks. Wie er anmerkte, ist das Organisieren der Tracks und Tonbänder eine eintönige Arbeit, aber zwingend notwendig um dem Platten-Label ein Produkt dieser Größenordnung liefern zu können. Ich kenne das auch von meinen eigenen Erfahrungen beim Editieren. Bruce Swedin war dabei anscheinend das Superhirn mit Durchblick über Logistik und Effizienz, die zur technischen Realisation eines Albums, besonders in der Analog-Ära, gefordert war.

Matts Hinweis unterstreicht Michaels Situation als kommerzieller Künstler: eine frei fließende Gabe – in dem Fall ein Song – muss sich trotzdem dem rationellen Prozess des kapitalistischen Marktes fügen, mit seinen effizienten Systemen zum Organisieren von Arbeit und der zur Ausführung nötigen Materialien. Und das ist eine komplexe Angelegenheit, mit allen möglichen Verwicklungen. Jedenfalls spielten viele Leute eine Rolle dabei, wie klein diese auch immer war, damit diese Alben (und Kurzfilme) in unsere Hände gelangen konnten!

Eleanor: Ja Sylvia, und nicht nur dabei, sie bis zu uns zu bringen, sondern auch bei der Erschaffung selbst. Ich hatte wirklich keine Vorstellung davon, wie groß die Rolle der Toningenieure bei der Musikproduktion ist. Ich habe so viel gelernt. Ich mag zwar meine Unwissenheit nur ungern zugeben, aber ich dachte, dass der Prozess eine Platte aufzunehmen darin besteht, eine musikalische Performance so aufzunehmen, wie sie gespielt und gesungen wird, mit dem Ziel, den Sound so perfekt wie möglich zu reproduzieren. Die Performance war dabei die Kunst, das Aufnehmen war einfach nur … das Aufnehmen.

Aber als ich ihnen zuhörte begann ich den gesamten Prozess anders zu verstehen und ich lernte, den unbeschreiblichen Arbeitsaufwand der in die Produktion eines Albums gesteckt wird, zu schätzen. Aber die größte Offenbarung war für mich, dass sie so oft bei der Performance von Anfang an dabei waren – daran mit Michael zusammen arbeiteten, dabei halfen, seine Musik zur Welt zu bringen. Ich war sehr bewegt von ihrer Hingabe und ihrem Engagement Michael zu helfen, seine künstlerischen Visionen zu verwirklichen – sofern man von einem Klang eine Vision haben kann. Ihre Verbindung mit Michael war so tief und persönlich, dass sie zu Erweiterungen seiner musikalischen Vorstellungen wurden.

Willa: Das ist sehr interessant, Eleanor. Ich habe etwas Recherche über die Geschichte der Populärmusik betrieben, und anscheinend änderte sich in den 1960ern grundsätzlich die Art der Künstler über den Aufnahmeprozess zu denken. Bis dahin war das Ziel einer Musikaufnahme einfach, einen Schnappschuss einer Performance festzuhalten – wie du es sagtest, Eleanor, „den Sound so perfekt wie möglich zu reproduzieren.“

Aber dann, Mitte der 1960er, mit der Veröffentlichung von eher experimentellen Alben, wie Pet Sounds von den Beach Boys oder Revolver und St. Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles, änderte sich das. Die Bands begannen, mit dem Sound zu experimentieren und erschufen im Studio Dinge, bei denen sie Mühe hatten, diese dann auf einer Tour zu reproduzieren. Es scheint, dass das Kreativitätszentrum sich von der Bühne in das Studio verlagerte, vom Akt des Live-Performens hin zum Akt der Erschaffung neuer Sound-Erfahrungen im Studio, wodurch die Arbeit von Leuten wie Brad, Matt, Bruce Swedien und Quincy Jones unglaublich wichtig wurde. Sie versuchten nicht nur einfach das zu reproduzieren, was das Publikum in einem Michael Jackson Konzert hörte – sondern sie wurden wirklich zu einer „Erweiterung seiner musikalischen Vision“, wie du es sehr gut beschrieben hast, Eleanor. Deshalb ist es wirklich faszinierend, von Brad und Matt Details darüber zu erfahren, wie seine Alben sich entwickelten und sich im Studio zusammenfügten.

Eleanor: Ja, Willa. Die Dinge wurden wirklich komplett auf den Kopf gestellt. Ich erinnere mich, wie Michael in This Is It sagte, er wolle sicherstellen, dass die Performance so nah wie möglich an die Musik herankomme, die er im Studio erschaffen hatte, an die Musik, wie sie auf den Alben zu hören ist. Er sagte, das sei, was die Fans hören wollten und was er ihnen geben wollte.

Willa: Das ist ein gutes Beispiel, Eleanor! Es ist ein perfektes Bild dafür – dass er in seinen Konzerten versuchte, zu erreichen, was im Studio erschaffen wurde und das nicht die Studioaufnahme versuchte, das wiederzugeben was auf der Bühne passierte.

Eleanor: Aber tatsächlich war es für Michael Jackson unmöglich auf einer Tour seine Musik ganz genau so zu reproduzieren, wie sie aufgenommen wurde. Vor allem konnte er den Leadgesang und den Hintergrundgesang ja nicht gleichzeitig singen! Es war ein Kampf, wie du es sagtest, Willa.

Lisha: Stimmt genau. Das ist ein wichtiger Punkt und ich denke, das ist etwas, wobei Brad und Matt uns halfen, es zu verstehen. In der Pop-Musik stellt das aufgenommene Kunstwerk oft die Definition des Musikstücks an sich in Frage. Die Rollen des Komponisten, Texters, Performers, Produzenten und Toningenieurs verschwimmen ineinander, und zwar so, dass es manchmal schwer ist, den wirklichen Autor einer Aufnahme zu definieren.

Aus Sicht der Performance ist Man In The Mirror ein gutes Beispiel. Wir wissen alle, dass der Song von Glen Ballard und Siedah Garrett komponiert wurde, aber er wird oft als „Song von Michael Jackson“ bezeichnet. Mit der Zeit hat Michael Jacksons Performance, für immer durch den aufgenommenen Sound festgehalten, das Eigentumsrecht des Songs übernommen, insofern wird jede andere Performance die wir heute davon hören, zu einem Cover eines Michael Jackson Songs.

Auch Produzenten und Toningenieure stellen die traditionellen Vorstellungen der Autorenschaft insofern in Frage, dass sie so viel zu dem Sound einer Aufnahme beitragen, dass sie eine signifikante, kreative Rolle übernehmen. Plattenproduzenten wie Phil Spector, George Martin und Quincy Jones kann man sicher auf diese Art sehen. Gleiches kann man auch von innovativen Toningenieuren wie Mark Linett (Pet Sounds) und Geoff Emerick (Sgt. Pepper) und Bruce Swedin (Thriller u.a.) sagen.

Sylvia: Das ist gut gesagt, Lisha. Es ist so ähnlich wie bei Hollywood Filmen und TV- Produktionen. Zum Beispiel könnte der Hauptdarsteller einer lange laufenden TV-Show das Eigentum einer von ihm/ihr gespielten Rolle für sich beanspruchen, weil es sein Schauspiel ist, was ihn für das Publikum sichtbar macht, obwohl auch Regisseure, Produzenten, Editoren und Leiter des Studios auf unterschiedliche Weise an der Gestaltung der Rolle beteiligt sind. Das könnte besonders dann eintreffen, wenn die Autoren, Regisseure und Produzenten einer Show wechseln und der Schauspieler aber immer der Gleiche bleibt.
Lisha: Ein interessanter Hinweis von Matt war, dass sowohl George Martin als auch Geoff Emerick bei der Aufnahme von The Girl Is Mine im Studio anwesend waren.

Willa: Wow! Das ist faszinierend. Ich frage mich, ob es davon Aufnahmen gibt?

Lisha: Ich nehme an, wenn es jemand wüsste, würde man es uns nicht sagen! Aber es ist bestimmt vorhanden – wir sprechen hier über einen historischen Augenblick.

Ich dachte, Captain EO ist ein gutes Beispiel dafür, welche Herausforderung es ist, die Autorenschaft für eine Musikaufnahme zu definieren. Wir wissen, dass Michael Jackson der Komponist, der Sänger, der Performer und der Produzent der Songs war, die in Captain EO zu hören sind, aber wir haben auch gelernt, dass an Matt Forger, der die Songs aufnahm und abmischte, eine sehr große Verantwortung übertragen wurde. Matt beschrieb John Barnes als eine „Ein-Mann-Band“ in der Zusammenarbeit mit Michael Jackson an We Are Here To Change The World und Another Part Of Me. Matt war auch der Kino-Sound-Designer für EO, und arbeitete dort zum ersten Mal mit 5.1 Surround Sound – einer Technologie, die von Disney speziell für Captain EO entwickelt wurde – so dass er und die Ingenieure ebenfalls einen sehr wichtigen Beitrag für Captain EO leisteten. Doch der ganze Film ist wirklich ein aufgenommenes musikalisches Werk – viele haben in unterschiedlichen Fachgebieten dazu beigetragen.

Eleanor: Ich stimme dir zu, Lisha, dass sich besonders in der jetzigen Zeit im Musikgeschäft diese Grenzen verwischen. Das Ausmaß von Brads und Matts Beteiligung an der Kreation von Michaels Musik lässt mich die ganze Idee von Autorenschaft und Eigentum hinterfragen – besonders dann, wenn die Visionen des Künstlers Kenntnisse, Fachwissen – und Kunstfertigkeit – anderer benötigen, um sie zu realisieren. Bei dem Versuch, diese Frage selbst gedanklich zu lösen, dachte ich über die Musik von klassischen Komponisten nach, und wodurch ich wusste, dass ein Musikstück von „ihnen“ stammte. Ich konnte z.B. ein Musikstück von Bach nur durch das Hören der ersten paar Noten erkennen, egal, ob ich es schon einmal zuvor gehört hatte, und unabhängig davon, wer es spielte oder sang, und zwar nicht, weil ich etwas über den Aufbau seiner Musik wusste, sondern weil ich gelernt hatte, mich meiner eigenen Erfahrungen zu erinnern – eine Art „Klanggefühl“ – wie es für Bach typisch ist. Und aufgrund meiner emotionalen Erfahrungen, erkannte ich die Musik eindeutig als die von Bach. Es ist wie ein Ausdruck seiner DNA. Ist es ein Zeichen eines großen Künstlers, oder großer Kunst, dass ihre Kunst sofort als ihre zu erkennen ist?

Lisha: Schwer zu sagen, ich nehme an, dass fast jede Art Musik möglicherweise ein paar erkennbare Komponenten enthält, gute oder schlechte. Aber es trifft sicher zu, dass in der Pop-Musik die Forderung nach unverwechselbarem, originellem Material sehr hoch ist, und es besteht kein Zweifel daran, dass Michael diesen Anforderungen nachkam. Eines der Dinge, die ihn wirklich hervorstechen lassen, ist die Art, auf die er seinen unverwechselbaren Sound mit ebenso beeindruckenden Bildern und originellen Tanzbewegungen verband.

Sylvia: Ja, Michaels Musik hat eine „Ganzheit“ die nur wenig andere in der Pop-Musik erreichen.
Eleanor: Michael Jacksons Tanz hebt ihn mit Sicherheit auf der Bühne von jedem anderen ab. Er ist sofort erkennbar – so wie auch das damit bei mir verbundene Gefühl. Trägt Michael Jacksons Musik – die Musik auf seinen Alben – ihren eigenen, unverwechselbaren künstlerischen Stempel? Ich denke schon.

Lisha: Das denke ich auch.

Eleanor: Matt sagte, dass Michael mit der Musikproduktion ein emotionales Ziel erreichen wollte und dass es ihre Aufgabe war, zu interpretieren, was das hieß. Mir gefiel, dass Matt das sagte. Und nach meiner Einschätzung trifft niemand Emotionen so gut, wie Michael Jackson. Nach meiner abschließenden Analyse habe ich das Gefühl, dass die Kraft von Michael Jacksons künstlerischer Vision so stark war, dass sie jeden Aspekt der Produktion, vom Anfang bis zum Ende, inklusive der Songauswahl, wenn er von jemand anderem geschrieben wurde, und die Auswahl des Produzenten oder die Auswahl der Toningenieure, durchdrang. Und die Kraft seiner Vision, abgesehen von anderen wichtigen Dingen, hebt ihn ab und macht die Musik zu „seiner eigenen“. Was aber ganz und gar nicht den außergewöhnlichen Beitrag der Toningenieure und der gesamten involvierten Teamarbeit schmälert.

Und ich möchte hinzufügen, dass Michaels Vision und seine offene, spielerische Herangehensweise sich auch auf das Finden von Tönen und auf den Raumklang ausdehnte. Brad erzählte eine lustige aber schmerzhafte Geschichte über Michael, der während der Aufnahme von Dangerous eine Sperrholzplatte umräumte, um etwas mehr Platz zum Tanzen zu haben. Die Platte fiel auf ihn und das Geräusch der Platte, wie sie auf ihn fiel und ihn traf, wurde vom Mikrophon aufgenommen. Es wurde drinnen gelassen und schließlich wurde eine Version von Dangerous veröffentlicht, in der es enthalten ist. Brad sagte, nach typischer MJ-Art beendete er zuerst die Aufnahme und erst danach fuhr Brad ihn in ein Krankenhaus, um ihn wegen einer Gehirnerschütterung untersuchen zu lassen.

Lisha: Ja, das ist eine schmerzhafte Geschichte, aber aus musikalischer Sicht ist es sehr lustig, dass er das Geräusch eines Studio-Unfalls für den Sound eines Titels namens Dangerous auswählte. Und wie lange hören wir schon diesen Song, ohne zu wissen, was wir da hören? Die Tatsache, dass die Toningenieure das gewöhnliche Geräusch ein paar herabfallender Gegenstände verwenden können, um daraus einen „musikalischen Witz“ zu machen, fasziniert mich. Der kreative Prozess scheint grenzenlos zu sein – von überall her können Beiträge kommen.

Sylvia: Diese Sache mit der fließenden Form der Autorenschaft ist auch ein Grund dafür warum das Seminar – obwohl es sich an MJ Fans und Liebhaber von MJs Musik richtet – für jeden reizvoll sein könnte, der sich für Musik, Tontechnik, oder ganz allgemein für die Platten-Industrie interessiert. Es gibt bestimmt ein breiteres Publikum für solche Seminare. Brad und Matts Erinnerungen und Beobachtungen sind wirklich ein Testament der Möglichkeiten und Entwicklungen der 1980er und 1990er Jahre der amerikanischen Studio-Tontechnik der Pop-Musik. Welcher andere Solo-Künstler dieser Zeit schöpfte aus einer solchen Skala an Ressourcen?

Lisha: Das ist wohl die größte Frage, die ich mir stelle. Gibt es in der Geschichte einen anderen Künstler, der jemals musikalische Produktionen dieses Ausmaßes erschuf, mit einem Multi-Millionen-Budget? Mir fällt keiner ein. Ich stimme zu, dass es für jeden, der sich für Musik als „aufgenommene Kunstform“ interessiert, interessant wäre, etwas darüber zu lernen.

Eleanor: Ja, ich glaube, dass die Ressourcen die Michael zur Verfügung standen, Matt und Brad die Möglichkeiten gaben, bis an die Grenzen zu gehen. Wir lernen also von den Besten etwas über den Besten!
Lisha: Matt und Brad haben nie gezögert ihrem Arbeitgeber, Michael Jackson, Anerkennung („Credits“) zuzuschreiben, und genauso ihren Vorgesetzten, besonders Bruce Swedien und Quincy Jones. Sie zeigten sehr viel Respekt und Bewunderung für jeden, der beteiligt war und empfanden, dass es letztlich die Leistung einer Gruppe war. Und ganz bestimmt war es ein Team.

Veronica: Ich stimme euch voll und ganz zu, bei dem, was ihr über die komplexe Team-Arbeit gesagt habt, die nötig ist, um ein solch enormes und bahnbrechendes Projekt wie Captain EO zu verwirklichen. Matt Forger, der durchgehend an Captain EO arbeitete, bis hin zur Eröffnung mit Staraufgebot, gab wunderbare Einblicke in diese Erfahrung. Er beschrieb die neu aufkommende Technologie: in der Musik, von großen analogen 24-spurigen Bändern, die dann auf Laserdisks transferiert wurden, bis hin zur digitalen Aufnahme – und beim Film, Möglichkeiten zu finden, um Spezial- Effekte zu erschaffen bevor Computer und CGI zur Verfügung standen, in dem man das tat, was Matt „Stop and Go“- Spezialeffekte nannte sowie den Bau von Miniaturen.

Brad und Matt betonten, dass Michael ein Team-Arbeiter war und gut mit anderen zusammen arbeitete. Brad sprach über das allgemeine Motto im Studio, das lautete: „Nimm die Arbeit ernst, aber halte nicht dich selbst für wichtig“, etwas was auch Quincy Jones mit „Lass dein Ego vor der Tür“ ausdrückte. Matt sagte immer wieder, dass MJ‘s Arbeitsethik unvergleichlich war, und dass andere, wie auch er und Brad, 16-Stunden Arbeitstage hatten, und dass MJ und Bruce Swedien manchmal sogar im Studio schliefen.

Lisha: Ja, und so ging es Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Ich denke, man hat allgemein keine Vorstellung davon, wie lange und hart Michael Jackson und sein Team arbeiteten, um diese Alben zu erschaffen. Noch bevor die eigentlichen Aufnahmesessions begannen, hatte Michael Jackson schon eine Gruppe von Leuten, die seit einem Jahr oder länger in Hayvenhurst arbeiteten, bevor überhaupt der erste Tag des eigentlichen Aufnahmeprozess stattfand. Wer weiß, wie lange er selbst vielleicht schon davor an einem Song gearbeitet hat.

Veronica: Matt machte deutlich, dass in allen Projekten MJs die „kreative Intention die höchste Priorität hat.“ Und die kreative Intention war, die größtmögliche emotionale Verbindung anzustreben, um den Zuhörer die Musik emotional fühlen zu lassen. Die Lieder wurden oft Jahre vorher geboren, manchmal Jahrzehnte, und langsam in ihre Form gebracht. Matt sagte, die Alben brauchten Jahre.

Eleanor: Das hat mich wirklich beeindruckt, Veronica! Obwohl viele Menschen Kunst und Technologie als unterschiedlich besetzte Bereiche betrachten – genauso, wie auch Kunst und Pop-Musik – sah Michael Technologie und Pop-Musik eindeutig als machtvolle Instrumente um die „stärkste emotionale Verbindung“ zu erreichen und sich selbst als Künstler auszudrücken.

Veronica: Matt erklärte auch, dass das Surround-Sound-System für Captain EO darauf kalibriert war, besondere musikalische Standards für Höhen und Tiefen, von THX-geprüften Systemen festgelegt, zu erreichen, und dass die vier Orte an denen der Film gezeigt wurde – Anaheim, Epcot, Paris und Tokyo – mit Equalizern auf ihre Sound-Qualität überprüft wurden.

Captain EO wurde in diesen vier Kinos für relativ kurze Zeit gezeigt, von 1986 bis Mitte der Neunziger, als der Film wegen den Anschuldigungen abgesetzt wurde, und er wurde erst wieder 2010, nach MJ’s Tod aufgenommen. Es ist ein Werk, das bisher nicht die verdiente Beachtung erfahren hat, da es für so lange Zeit verschwunden war. Ich stimme Sylvia zu, dass es ein wichtiger Teil von MJ’s Afrofuturismus ist, so wie auch ein noch früheres Werk, The Wiz. Der Künstler Derrick Adams betrachtet diesen Film als grundlegend für den Afrofuturismus. Mir gefallen Lishas Hinweise zu den mythischen Qualitäten in EO – z.B. der Regenbogen auf seinem Shirt und dass der Name EO „Dawn“ (Morgendämmerung) bedeutet – wie auch zu MJ‘s Kunst im Allgemeinen. (Und ja, Lisha, der Titel HIStory: Past, Present, and Future ist sehr rätselhaft und faszinierend. Es ist ganz sicher eine fließende und komplexe „HIS Story“!).

http://www.ebony.com/entertainment-culture/black-alt-enter-afrofuturism-999#ixzz2tXuRSBwY

Ich wünschte nur, der Film stünde einer größeren Öffentlichkeit zur Verfügung. Er ist so gehaltvoll und ich bin Matt und Brad sehr dankbar, dass sie halfen, die Leistungen und die Hingabe von so vielen Personen, die dabei mitwirkten, Michaels kreative Intention zum Leben zu bringen, zu verstehen. Wie Matt es ausdrückte: „Die Logistik war gewaltig.“ Es sei auch erwähnt, dass ein neueres Interview mit Matt auf Damien Shields’ Bog zu finden ist, und ein interessantes Video von The Making of Captain EO zeigt, wie akribisch diese Arbeit war.

Lisha: Ich bin ganz deiner Meinung, Veronica. Es würde mir wirklich gefallen, wenn Captain EO der Öffentlichkeit in irgendeiner Form zugänglich gemacht würde – es hat ganz sicher mehr Beachtung verdient. Was für ein wunderbares Wochenende hatten wir, um so viel darüber und über andere Projekte Michael Jacksons zu erfahren. Brad und Matt planen noch weitere Seminare. Ich hoffe, wir können es bald noch einmal tun!

🌟 Ich danke Dir sehr, liebe Martina, für Deine Hilfe! 🌟

„Wir liebten ihn über alles.“ – über Michael und seine Kinder

Wenn ich in die Augen meines Sohns Prince und meiner Tochter Paris sehe, erkenne ich Wunder und Schönheit. Kinder zu haben erlaubt mir jederzeit diesen magischen, heiligen Ort zu betreten. Ich erkenne Gott durch meine Kinder. Ich spreche durch meine Kinder zu Gott. Ich bin demütig für diese Segnungen die Er mir gegeben hat.“- Michael Jackson 

When I look into the eyes of my son, Prince, and daughter, Paris, I see miracles and I see beauty. .. Having children allows me to enter this magical and holy world every moment of every day. I see God through my children. I speak to God through my children. I am humbled for the blessings He has given me.”

Mj and his kids

“Ich habe viele Erinnerungen an meinen Vater. Wir waren privilegiert, weil wir hatten unseren Vater und ein Haus, in dem wir lebten. Wir wussten, er war ein Sänger. Ich habe mich einfach daran gewöhnt. Es war für mich zu der Zeit ganz normal. Er war ein unbeschreiblicher Vater. Wir liebten ihn über alles. Er hatte diese positive Energie, die du einfach nicht verlassen willst. Du hast dich einfach immer wohl gefühlt mit ihm. Wirklich jedes mal, wenn er ging sagte ich: „Ich liebe dich.“ Weil ich hatte immer Angst, es könnte etwas passieren. Ich habe wohl zu viele Filme gesehen. Er wollte für uns nur das Beste. Er sorgte immer dafür, dass wir gesund waren. Er sorgte dafür, dass wir zur Schule gingen. Er versuchte uns so gut wie möglich zu erziehen, und er sah immer nach uns. Er war sehr beschützend. Die Masken waren seine Idee. Er wollte nicht, dass jemand sieht, wie wir aussehen. Auf diese Art konnten wir das haben, was er nicht hatte: eine normale Kindheit.” - Paris, Interview 2013                                                                                                                                                                                                

“I have lots of memories of my father. We were privileged because we had our dad and we had our house that we were living in. We knew he was a singer. I guess I got used to it. It just seemed normal to me at the time. He was an incredible father. We all loved him to death. He had that good energy where you just didn’t want to leave. Like, you’re always just comfortable with him. Literally every time he would leave the room I’d say, „I love you“, because I’d be scared of what could happen. You know, I’ve seen way too much movies. He wanted the best for us. He always made sure we stuck to school. He’d try to educate us as much as he could and was always looking out for us. He was very protective. The masks were his idea. He didn’t want anyone to see what we looked like. That way we could have what he didn’t, which was a normal childhood.”

Mj and Paris

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Prince: Als ich klein war, machte ich kurze Filme mit meinem Dad. Mein Dad brachte mir bei, wie man Einstellungen findet, und wie man Filme studiert – die „großen Filme“, wie er sie nannte…und ich wollte schon immer Geschichten erfinden, Filme erschaffen.

Q: Was meinst du mit „Einstellungen finden“?

Prince: Als ich noch klein war, gab mir mein Dad eine Halskette mit einem Kamera-Sucher daran. Ich weiß nicht, wie man das nennt, aber es war eine Kameralinse daran und man konnte dadurch Einstellungen suchen und sehen, wie das Licht ist.

Q: Und was ist so wichtig daran, eine Einstellung zu finden?

Prince: Es muss ausbalanciert sein, wie eine Person in der Einstellung wirkt, wie der Hintergrund wirkt, die Lichtkontraste und was der Zuschauer fühlt oder sieht.

Q: Und das ist etwas, was du mit deinem Vater zusammen gemacht hast?

Prince: Ja.

Q: Bist du ausserhalb der Schule an irgendwelchen gemeinnützigen Aktionen beteiligt?

Prince: Ja. Meine Schule schreibt 20 Stunden gemeinnützige Arbeit vor. Ich mache aber mehr, weil mir diese gemeinnützige Arbeit mit Non-Profit-Organisationen in einem Kinderkrankenhaus in LA gefällt. Es ist ein Programm für kranke Kinder, die Ansporn brauchen zum Lernen oder einfach nur, um ihre Gedanke von den Problemen des Krankenhaus-Alltags abzulenken. Ich gehe in die Krebsstation, und bringe Bücher und solche Sachen mit und lese in der Station den Kindern vor.

Q: Als dein Vater noch lebte, hat er mit dir darüber gesprochen, dass es wichtig ist, Teil einer Community zu sein?

Prince: Immerzu. Er sagte immer „Du sollst an die Gemeinschaft etwas zurückgeben und soviel helfen, wie du kannst.“ Und mein Wunsch, anderen zu Helfen kommt größtenteils durch meinen Vater.

Mj and Prince piano

Prince: Das ist mein Dad mit mir. Er spielt Klavier und ich versuche, mit ihm zu spielen.

Q: Magst du Musik?

Prince: Ja.

Q: Möchtest du mal etwas mit Musik machen?

Prince: Ich kann kein Instrument spielen und ich kann wirklich nicht singen. Das ist etwas, worin mein Dad am besten war.

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Prince: Manchmal nahm mein Dad uns mit, und wir machten Fotos. Er sagte dann: „Wenn ihr groß seid, und selbst Kinder habt, könnt ihr ihnen die Fotos zeigen und sagen „So hab’ ich ausgesehen, als ich klein war.“

Q: Hat dein Dad gerne Fotos von euch Kindern gemacht?

Prince: Ja. Er hat viele Fotos von uns gemacht über die Jahre.

Q: Du sagtest, du lebtest auf Neverland, bis du 6 Jahre alt warst. Erzähl uns, an was du dich erinnerst.

Prince: Als mein Dad das Haus kaufte und ausbaute, baute er es für die Kinder, die er einmal haben wollte. Er baute es für uns. Und er wollte immer, dass es ein glücklicher Ort war. Überall brannte ein Kaminfeuer, es spielte klassische Musik. Es war ein sehr heimeliger Ort. Du konntest dahin kommen, und fühltest dich sofort zuhause. Jeder gehörte zur Familie, vom Koch, über die Haushälterin bis zur Nanny. Für uns war jeder Teil der Familie. Wir hatten dort einen Amusement Park und einen Zoo.

Q: Durftet ihr immer mit allen Karussells fahren?

Prince: Nein, wir gingen nur manchmal dorthin und zum Zoo, weil Dad wollte, dass wir bescheiden bleiben.

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Q: War Ausbildung und Lernen deinem Vater wichtig?

Prince: Ja, es war immer wichtig. Wenn wir nicht mit ihm Schule hatten, gab es Unterricht von einem Tutor, oder er lehrte uns etwas über andere Kulturen, Religionen und Sprachen, damit wir verstehen würde, warum bestimmte Gebäude gebaut wurden oder wie die Menschen miteinander umgehen. Wir sollten lernen, Religionen und unterschiedlichen Kulturen gegenüber tolerant zu sein.

Q: Interessierte sich dein Daddy dafür, was ihr täglich in der Schule gelernt habt?

Prince: Ja, er wollte wissen, was wir lernten und wollte immer, dass wir uns selbst Gedanken dazu machen und nicht nur gesagt bekämen, was richtig ist. Wir sollten immer selbst darüber nachdenken, was wir für richtig hielten und er wollte immer wissen, was wir in der Schule tun und wir wir mit dem Gelernten die Welt verbessern würden.

Q: Und ausser, dass ihr in der Schule gelernt habt, hat euer Vater euch auch ausserhalb der Schule unterrichtet?

Prince: Immer. Wenn ihm etwas passierte, oder uns etwas passierte, sagte er jedesmal: „Lerne aus deinen Fehlern. Das ist eine Lernerfahrung, und vergiss sie nie mehr.“

Q: Hast du mit deinem Dad zusammen je kleine Film-Szene geschrieben?

Prince: Ja, wir schrieben viele Screenplays zusammen. Kleine Geschichten meist. Mein Dad brachte mir bei, wie man ein Script schreibt, und ich begann damit, für mich selbst zu schreiben. Aber als wir zusammen schrieben, wurden es richtige Stories. Er sagte immer, man soll kreativ sein, und er half mir dabei, das freizusetzen, was er „denken mit der rechten Gehirnhälfte“ nannte, denn er sagte immer, ich wäre mehr „links-denkend“. (Mit der linken Gehirnhälfte denkend)

Q: Du sagtest, du und dein Dad hättet zusammen Filme angesehen. Habt ihr sie einfach nur angesehen, oder war da etwas besonderes?

Prince: Zuerst sahen wir sie ohne Ton an, um die Einstellungen zu analysieren.

Q: Was meinst du damit?

Prince: So, wie ich es schon mit der Halskette mit dem Filmsucher beschrieb. Mein Dad sprach darüber, wie ein Zoom das Drama des Spiels beeinflusst, oder was eine Weitwinkel-Szene zeigen kann oder wie jede Szene in verschiedene Schnitte eingeteilt ist.

Q: Ihr habt also den ganzen Film ohne Ton angesehen und danach schliesslich noch mit Ton?

Prince: Dann haben wir es mit allen Soundeffekten angesehen, und er hat mir erklärt, wie ein Film – besonders ein Horrorfilm – mit dem Sound steht und fällt.

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Q: Wer hat die Krawatte gebunden?

Prince: Das war das erstemal, dass mein Vater mir zeigte, wie man eine Kravatte bindet.

Über das Interview-Video von Weihnachten 2006:

 Q: War das etwas typisches, was dein Dad mit euch machte, dass er euch fragte, was ihr werden wollt und wie ihr die Welt verändern wollt? War das ein häufiges Thema bei euch?

Prince: Ja.. jedesmal wenn er filmte, oder auch ohne Kamera, fragte er, wie wir der Welt helfen wollten. Und man sieht, die meisten seiner Ideale sind Teil von mir und meinen Geschwistern.

Q: Hast du von deinem Daddy etwas über „arbeiten“ gelernt?

Prince: Meine Arbeitsethik lernte ich von meinem Dad. Er war immer am arbeiten. Wenn er nicht arbeitete, wurde er depressiv… er konnte einfach nicht still da sitzen. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, dass wir je einfach nur ‘rum sassen mit ihm, und nichts taten. Es war immer etwas zu tun, oder wir liefen herum, übten etwas, oder er zeigte mir wie man (Auto)fährt, oder er arbeitete an Musik…oder wir arbeiteten an Filmen.

Q: Als du aufgewachsen bist, hattest du eine Vorstellung davon, wie berühmt dein Dad wirklich war?

Prince: Nein, ich wußte nicht, wie berühmt er war und er wollte auch nicht, dass wir es wussten. Aber ich fand es mit meiner Schwester heraus – ich denke, als wir ein Video von einem seiner Konzerte ansahen, und die Mädchen weinten und wurden mit Tragen herausgetragen. Wir hörten immer seine Musik, aber wir wussten nie wirklich, wie berühmt er dafür war.

Mj kids mask

Prince: Ich erinnere mich, dass wir Masken trugen, aber ich weiß nicht, wann genau das aufgenommen wurde.

Q: Habt ihr immer Masken getragen, wenn ihr in der Öffentlichkeit wart?

Prince: Ja. Wenn wir mit Daddy unterwegs waren, stellte er immer sicher, dass niemand wußte, wie wir aussehen, und wenn wir dann ohne ihn unterwegs waren, konnten wir eine normale Kindheit haben.

Q: Wie hast du das empfunden?

Prince: Als ich klein war, fand ich die Masken nervig, all die Federn im Gesicht… oder es war heiß. Aber jetzt werde ich ständig verfolgt, und ich weiß, warum er es tat.

Nachdem mein Vater starb, habe ich mich emotional von vielen Menschen distanziert. Ich kann nachts nicht schlafen. Ich habe Probleme, zu schlafen. Das erste Mal zur Schule zu gehen, die erste Freundin zu haben, fahren zu lernen, in die National Honor Society aufgenommen zu werden, die ganzen Schmuckstücke, die anfertigte… Ich wollte, dass er stolz auf mich sein würde.“

Quelle: http://teammichaeljackson.com/archives/8873  Aussage Prince, AEG-Prozess, 2013 (Auszüge)

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Paris and Prince

Ich weinte die ganze Zeit. Es ist wunderschön dort. Es hat immer noch diese positive Energie. Ich denke, es sollte so wieder hergestellt werden, wie es einmal war, so dass Kinder, die keine Kindheit haben dort Spass haben können. Das war sein Ziel- wie auch mit den Kindern im Krankenhaus. Sie sollten alle Karussells wieder aufbauen, und alles andere. Sobald ich erwachsen bin werde ich mich daran geben.“ - Paris über ihren Besuch von Neverland, Interview 2013

Er lernte mich zu tanzen. Ich wollte immer tanzen. Und ja, er lehrte mich den Moonwalk. Unser zentraler Raum war sein Zimmer. Dort waren nur ich, meine Brüder und er. Es war nicht so riesig. Es war einfach der Ort, wo wir uns aufhielten, der Zellkern der Familie. Sein Zimmer hatte so eine positive Energie, deshalb war es dort immer viel gemütlicher.

Wir waren es gewohnt, unterwegs zu sein. Er versuchte die Hotels etwas so zu machen, als wären wir zuhause. Er hatte einen kleinen Projektor, und er nahm ein Bettlaken und hing es auf. Dann warf er überall Kissen auf den Boden und wir sahen DVDs und Filme an. Wir hatten unser eigenes Heimkino, es war wirklich cool.“ - Paris, Interview 2013

Birthday

Michael Jackson war der King of Pop, Rock und Soul. Er war ein Genie, er war ein Kämpfer, er war ein Gefangener in diesem Höllenloch, was wir Gesellschaft nennen, er war der tapferste Mann, den ich je kannte. Er war ein Engel, vom Himmel gesandt, er war nicht nur der größte und talentierteste Mensch, sondern auch ein Philanthrop und der Patriarch der ganzen Jackson Familie, derjenige, der alles zusammenhielt. Er liebte Kinder und sorgte sich um sie, und kümmerte sich um so vieles, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.

…er war albern, verrückt, lustig, liebevoll, freundlich, wunderschön, liebenswert, unbeschreiblich und sicherlich der liebevollste Vater den es je gab…

Ich bin so dankbar und geehrt, ihn für 10 Jahre gekannt zu haben, er war mein Leben, das einzige, was mir wirkliches Glück bedeutete.  Michael Jackson war das Großartigste, was der Musikindustrie je passierte… und meinem Leben.“ - Paris answer on Twitter (2012) on the question: “Who was Michael Jackson”?

Michael Jackson was the king of pop rock and soul. He was a genius, he was a warrior, he was a prisoner in this hell hole we call society, he was the bravest man i’ve ever known, he was an angel sent from heaven, not only was he the greatest and most talented man, but a philanthropist and a patriarch for the Jackson family. The glue that kept everyone together.He loved and cared for children and cared so much to make this world a better place! He was goofy, crazy, hilarious, loving, kind, beautiful, lovable, incredible and the most loving father probably to ever exist… I am so grateful and honored to have known him for over 10 yrs., he was my life, the only thing that really brought me true happiness. Michael Jackson was the greatest thing that ever happened to the music industry …. and my life.“

MJ Irland

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Michael Jackson rief mich zwischen 3 und 4 Uhr morgens an, um über seine Kinder zu sprechen. Michael liebte seine Kinder mehr als alles andere. Unter Tränen teilte er mir seine Ängste darüber mit, was mit ihm passieren würde, falls er verurteilt und verhaftet würde. Ich war als Michaels leitender Anwalt angestellt schon neun Monate, bevor der Prozess begann. Während dieser neun Monate und auch in den 5-einhalb Monaten des Prozess’, konnte ich aufmerksam seine Beziehung zu seinen Kindern beobachten.

Michael Jackson war sehr sorgfältig darin, seine Kinder vor den Medien und anderen Einflüssen zu schützen, von denen er glaubte, dass sie ihr Leben nur schwieriger machen würden. Er wollte nicht, dass seine Kinder Familienkonflikten oder verstörenden Problemen von ausserhalb ausgesetzt wären. Er stellte sicher, dass sie eine erstklassige Bildung durch Privatlehrer vermittelt bekamen. Als eifriger Leser und Sammler von Büchern, wollte Michael, dass seine Kinder die großen Werke der Literatur, Geschichte, Philosophie, Wissenschaft etc. kennenlernten. Er wollte auch, dass seine Kinder die Natur und andere Kulturen verstehen lernten und ein mitfühlendes, humanitäres Interesse an dem Planeten entwickelten. Michael Jacksons Kinder standen für ihn an erster Stelle. Er wollte, dass sie ein glückliches, erfülltes Leben haben. Ich glaube, Michael Jackson wäre sehr stolz auf seine wunderbaren, intelligenten, selbstsicheren Kinder, die er erzogen hat. Er wäre glücklich, dass sie mit seiner liebevollen Mutter Katherine zusammen wären. Natürlich würde er Bedenken über den Druck haben, den weltweiten Medien geschaffen haben. Diese Kinder leben in einem von den Medien erschaffenen Goldfischglas. Ich glaube, Michael Jackson wäre diesen Gegebenheiten gegenüber sehr misstrauisch. Michael Jackson wäre stolz auf die Bildung und das soziale Bewusstsein, das in seinen Kindern zum Ausdruck kommt. Er würde wollen, dass sie ihre Talente und Fähigkeiten nutzen, um die Welt auf positive Art zu heilen und zu verändern. Ich sage voraus, dass sie den Fußspuren ihres Vaters folgen werden.“ - Tom Mesereau, 2013

Blanket Paris Prince

Ich dachte, ich wäre darauf vorbereitet, Vater zu sein, aber ich war es nicht. Mein ganzes Leben lang habe ich darüber gelesen, wie wunderbar Kinder sind. Die Leute sagten: “Wie ist das, mit dir und Babys?” Ich lese immer Bücher über Kinderpsychologie. Aber es macht noch viel mehr Freude. Prince und Paris haben mein Leben in so vieler Weise verändert. Ich lerne soviel von ihnen, wie sie von mir lernen. Du lernst, ein gutes Herz zu haben und ein gutmütiger Mensch zu sein. Und so wie ich bin, versuche ich sie zu imitieren. Die Leute sagen immer: “(Handele) Benimm dich deinem Alter entsprechend”. Aber ich versuche mehr wie die Kinder zu sein, und mich so zu verhalten, denn sie sind so unschuldig, so Gott-gleich, sie sind rein. Ich versuche so demütig und süß zu sein, wie sie.

[Prince, Paris und Blanket] Sie stehen an erster Stelle in meinem Leben. Die Arbeit, die ich jetzt mache, scheint die höchste Form meiner kreativen Fähigkeiten zu sein, denn sie inspirieren das in mir… sie inspirieren mich… und ich kann ganz ich selbst sein und Teil ihrer magischen Welt werden. Das ist die Welt, in der ich immer gelebt habe, mein ganzes Leben lang. Das ist die Ebene und das Bewusstsein, wo alle Kreativität entsteht, jegliche Begabung, ob es ein Bildhauer ist, ein Künstler, ein Maler – es ist diese Ebene der kindlichen Unschuld. Daher kommt es. Es ist diese Reinheit Gottes, und ich denke, dass wir nicht einmal an der Oberfläche dessen gekratzt haben, zu verstehen, was Kinder sind.“ - Michael Jackson (Tapes)

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Übersetzung: M.v.d.L.

Der Geist der Missgunst, des Neides und der Eifersucht

by

The Ghost of Jealousy
Post vom 13/02/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Also Joie, wenn Michael Jackson zu den Skandalen, die ihn betrafen und über die Art, wie die Medien sich gegen ihn wandten und später regelrecht diffamierten, befragt wurde, deutete er bei vielen Gelegenheiten an, dass Neid ein Grund dafür sei. Und ich habe es immer so interpretiert, dass damit gemeint ist, gewisse Einzelpersonen (wie Evan Chandler) wären eifersüchtig / neidisch auf ihn, und das ist sicherlich wahr.

Aber dann diskutierten Lisha McDuff, Harriet Manning und ich vor ein paar Wochen über Blackface Minstrelsy und wie dies zum Teil durch Neid motiviert war – rassenbezogenen Neid. Und dann am nächsten Tag hörte ich ein Radiointerview von 2002 mit Steve Harvey, einem schwarzen Comedian und Radiomoderator und war regelrecht erschüttert durch die Tatsache, dass, als Michael Jackson mit ihm über Neid sprach, er von „uns“ sprach, nicht von „mir“, sondern „uns“, dass die Leute neidisch auf „uns“ sind – und ich denke, dass mit „uns“ erfolgreiche, schwarze Entertainer gemeint sind.

Es ist lustig – dass mir ein kleines Wort die Augen für eine völlig neue Art der Interpretation dessen, was er jahrelang sagte, geöffnet hat. Es scheint jetzt für mich so zu sein, dass er gar nicht so sehr über persönlichen Neid spricht, obwohl das natürlich ein Teil davon ist, sondern über rassenbezogenen Neid – den Neid von Weißen gegenüber erfolgreichen Schwarzen. Er sagt zu Steve Harvey:

Sie hassen es, zu sehen, wie wir wachsen und aufbauen und aufbauen, und daran ist nichts Falsches (am Wachsen). Sie können es, und es ist okay. Was kann ich anderes tun, als das Talent auszubauen, das Gott mir gegeben hat? Das ist alles, was ich möchte, die Liebe und das Geschenk der Kunst der Unterhaltung zu teilen. Das ist alles, was ich tun möchte. Ich möchte niemanden verletzen.

Hier ist das Interview und der Teil über den Neid beginnt  bei etwa 8 Minuten:


Joie:
Ich hatte alles von diesem Steve Harvey Interview ganz vergessen, Willa. Und als schwarze Amerikanerin sage ich auch, dass er über Rasse spricht, als er seine Feststellung über den Neid macht.

Weißt du, das ist im Grunde ein Problem, mit dem viele schwarze Menschen zu kämpfen haben und über das sie seit vielen, vielen Jahren untereinander sprechen. Michaels Feststellung, dass „sie es hassen uns wachsen und aufbauen zu sehen“  ist ein sehr reales Phänomen in unserer Gesellschaft und das ist es seit der Gründung unserer Nation. Oder ich sollte besser sagen, seit dem Ende der Sklaverei in unserer Nation. Und er sprach nicht nur über erfolgreiche schwarze Entertainer. Er sprach über jeden schwarzen Amerikaner, der sehr erfolgreich ist, auf was für einem Gebiet auch immer, ob sie berühmt sind oder auch nicht. Eigentlich glaube ich, dass es einer der maßgeblichen Faktoren für die Gegenreaktion gegenüber Präsident Obama während seiner Zeit im Amt ist.

Willa: Da stimme ich zu. Teil der Gegenreaktion  – gegen Michael Jackson genauso wie gegen Obama – wird hervorgerufen durch rassenbezogene Vorurteile, denke ich, aber ich habe darüber bisher nicht in Hinsicht Neid nachgedacht – rassenbezogenen Neid. Das ist interessant, und es ist auch interessant, dass Michael Jacksons Worte für dich ganz offensichtlich zu sein scheinen, für mich aber nicht. Ich frage mich, ob das Absicht ist und ob es zurückgeht auf die Vorstellung von „Sprache und Macht“, worüber wir in einem Post mit Bjørn vor einiger Zeit gesprochen haben – dass Michael Jackson Sprache auf subtile Weise unterschiedlich einsetzt, so dass Dinge für unterschiedliche Leute etwas anderes bedeuten.

Weißt du, wenn wir genau auf seine Worte achten, spricht er auf eine ziemlich indirekte Art und Weise. Er sagt niemals die Wörter „schwarz“ und „weiß“ und erwähnt eigentlich Rasse überhaupt nicht.  Aber trotzdem, wenn ein Zuhörer mit diesem anhaltenden Gespräch, über das du gerade sprichst, Joie, vertraut ist – einem, „mit dem viele schwarze Menschen zu kämpfen haben und über das sie seit vielen, vielen Jahren untereinander sprechen“, wie du sagst – dann sind seine Worte offenkundig, aber wenn ein Zuhörer sich dieses Zusammenhangs nicht bewusst ist, dann geht das direkt an ihm vorbei. Ich frage mich also, ob er hier auf eine vorsichtige Art spricht mit zwei verschiedenen Zuhörerschaften im Hinterkopf – besonders, ob er auf eine Art spricht, die bei Schwarzen sofort ihren Nachhall findet, die aber Weiße nicht alarmiert oder angreift, weil wir einfach nicht wirklich verstehen, was er sagt.

Joie: Es ist interessant für mich, dass du das denkst, Willa. Dass er in einer Art Code oder etwas spricht, um sich mit der schwarzen Zuhörerschaft zu verbinden, aber das weiße Publikum nicht zu alarmieren oder anzugreifen. Denn für mich – und wahrscheinlich für jede andere schwarze Person, die dieses Interview hört – spricht er überhaupt nicht auf irgendeine vorsichtige Art. Eigentlich ist es so, wenn ich dieses Interview höre, dass ich ihn auf eine sehr entspannte, sehr offene Art und Weise reden höre. Er ist nicht vorsichtig und bedacht bei dem, was er sagt, weil er weiß, dass es keinen Grund dafür gibt. Er spricht zu einem anderen schwarzen Entertainer und ist mit seinen beiden schwarzen Co-Moderatoren in dieser Radioshow auf ein schwarzes Publikum eingestimmt. Er fühlt sich in diesem Moment offensichtlich sehr wohl in dieser Umgebung. Und offenbar wusste er, dass er sich unter Leuten mit ähnlichem Hintergrund befand (der Erfahrung schwarzer Amerikaner), die sofort verstehen würden, wovon er spricht. Also gab es keine Veranlassung „auf eine vorsichtige Art mit zwei verschiedenen Zuhörerschaften im Hinterkopf“ zu sprechen. Ich sage also, dass ich nicht glaube, er würde absichtlich codiert oder so ähnlich sprechen.

Willa: Nun, das ist wahr, Joie – er klingt entspannt und ungezwungen. Aber trotzdem, eine Menge Dinge bleiben unausgesprochen, Worte wie „schwarz“ und „weiß“. Es ist so, als wären Lücken zwischen seinen Worten. Und es nicht so, dass er nur zu einer schwarzen Zuhörerschaft spricht – Radiowellen erreichen jeden – und ob es von seiner Seite aus absichtlich ist oder nicht, ich denke, unterschiedliche Zuhörer interpretieren sein Worte unterschiedlich. Oder vielleicht ist es genauer zu sagen, sie füllen die Lücken unterschiedlich.

Es gibt eine ähnliche Situation in dem Song Ghosts, der nach den Anschuldigungen 1993 und dem Strip Search geschrieben wurde. Hier ist der Refrain:

Und wer gab dir das Recht meine Familie zu ängstigen?
Und wer gab dir das Recht my Baby zu ängstigen?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das Recht an meinem Familienstammbaum zu rütteln?
Und wer gab dir das Recht (in mein Leben) einzudringen
um mich anzusehen?
Und wer gab dir das Recht my Baby zu ängstigen?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das Recht my Baby zu verletzen?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das
Recht an meinem Familienstammbaum zu rütteln?

Du steckst ein Messer in meinen Rücken
Schießt einen Pfeil auf mich
Sag mir, bist du der Geist von Neid und Missgunst?
Ein mieser Geist von Neid und Missgunst?

Ghosts-michael-jacksons-ghosts-MTV

Er spricht über die falschen Anschuldigungen und den Strip Search („Und wer gab dir das Recht (in mein Leben) einzudringen / um mich anzusehen?“), ebenso wie über die Skandale, die darauf folgten und wieder deutet er an, dass der wahre Grund dahinter  „Neid und Missgunst“ ist. Er erwähnt niemals das Thema Rasse, und ich habe es nie auf diese Art interpretiert – als rassenbezogenen Neid. Ich dachte immer, er würde einfach sagen, dass Evan Chandler und Tom Sneddon und Diane Dimond und all die anderen Personen, die so sehr daran arbeiteten, ihn zu Fall zu bringen, neidisch auf ihn und seinen Erfolg wären. Aber nun frage ich mich, ob ich ihn missverstanden habe – dass er ganz speziell über rassenbezogenen Neid gesprochen hat – etwas, das Harriet als Teil des Blackface Minstrelsy und ebenso einer viel größeren kulturellen Erzählung seit mehr als einem Jahrhundert erwähnt hat.

Joie: Okay, ich vermute, dass ich erkenne, worauf du hinaus willst. Und wenn ich so darüber nachdenke fallen mir keine Ankläger oder „andere Personen, die so sehr daran arbeiteten, ihn zu Fall zu bringen“ wie du sagst, ein, die schwarz gewesen wären. Vielleicht bist du da also etwas auf der Spur.

Willa: Nun, das stimmt – keiner der Leute, die am härtesten daran arbeiten ihn zu verleumden, war schwarz, außer du zählst Stacy Brown dazu. Ebenso bedeutend ist, dass es sehr interessant ist, wie unterschiedliche Leute reagierten, wenn er andeutete –allerdings indirekt –  dass die Skandale, die ihn plagten, mit Rassismus oder rassenbezogenem Neid verbunden wären.

In einem Interview mit Jesse Jackson im Jahr 2005 zum Beispiel sagte Michael Jackson, dass die öffentliche Verfolgung, der er ausgesetzt war, „eine Art Muster unter den schwarzen Berühmtheiten in diesem Land“ aufzeigten. Als Jesse Jackson ihn fragt „Wie gehst du damit um?“ antwortet er:

Ich komme damit klar, indem ich andere Leute heranziehe, die eine solche Sache in der Vergangenheit durchstehen mussten. Mandelas Geschichte hat mir sehr viel Stärke gegeben – dadurch, was er durchgemacht hat. Die Geschichte von Jack Johnson … mit dem Titel Unforgivable Blackness (Unverzeihliches Schwarzsein). Es ist eine außergewöhnliche Geschichte von 1910 über diesen Mann, der Schwergewichtsweltmeister war und in eine Gesellschaft gedrängt wurde, die seine Position und seinen Lebensstil nicht akzeptieren wollte. Und was sie mit ihm durchgeführt haben. Und wie sie die Gesetze geändert haben, um ihn einsperren zu können, ihn hinter Gitter zu bringen, nur um ihn auf irgendeine Art zu schnappen. Und Muhammad Alis Geschichte … All diese Geschichten, bei denen ich in der Geschichte zurückgehen und über die ich lesen kann, geben mir Stärke.

Hier ist ein Clip und die Diskussion über Rasse beginnt bei etwa 4:15:

Es ist eine scharfsinnige Deutung seiner Situation, denke ich, und ordnet die falschen Anschuldigungen gegen ihn ein – und die Antwort der Polizei und der Öffentlichkeit auf jene Anschuldigungen – im Kontext mit anderen erfolgreichen schwarzen Pionieren, die Ziel der Autoritäten waren.

Allerdings waren seine Worte Ursache von Empörung, ebenso wie von einigen ziemlich abfälligen Bemerkungen. In einer Stellungnahme in The Los Angeles Times, schrieb Elaine Showalter, eine weiße Akademikerin, dies:

Obwohl er versucht hat sich als ein Ziel rassistischen Neides und Böswilligkeit darzustellen, indem er sich in einem Interview mit Rev. Jesse Jackson, dem schnellsten der spirituellen Erretter, mit Nelson Mandela (dem Ass der Rassenkarte) verglich, ist Jacksons Rasse so unklar und zweideutig wie seine Sexualität.

http://articles.latimes.com/2005/jun/12/opinion/op-surreal12

Elaine Showalter war eine bahnbrechende feministische Gelehrte in den 80er Jahren – ich habe einige ihrer Werke damals gelesen und hatte eine Menge Respekt vor ihr – und ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet sie von allen Leuten so gedankenlos sein und etwas so grob Vereinfachendes und so arrogant Patriarchalisches schreiben könnte. Das ist wirklich verwirrend, denke ich, auf viele verschiedene Arten – nicht zuletzt ihre Unterstellung, dass, weil seine Haut nicht länger dunkel ist, er irgendwie disqualifiziert wäre über Rasse zu sprechen oder darauf hinweisen zu dürfen, dass er von Rassismus umgeben ist.

Joie: Ja, diese Bemerkung ist unglaublich, nicht wahr? Und du möchtest sie am liebsten fragen, weißt du … ob sie selbst schon einmal eine Krankheit hatte … sagen wir zum Beispiel Brustkrebs, und sich beide Brüste hätte entfernen lassen müssen, würde sie dann plötzlich keine Frau mehr sein?

Willa: Wow, Joie. Das ist eine beeindruckende Frage. Daran habe ich noch nie so gedacht …

Joie: Oder wenn es eine Krankheit gäbe, bei der die Pigmente einer weißen Person dunkler werden, würde es ihr dann nicht länger erlaubt sein, sich als „Weiße“ zu identifizieren? Ich meine, sie sagt nicht nur, dass er disqualifiziert wäre auf den Rassismus hinzuweisen, von dem er umgeben ist. Sie sagt, dass er nicht länger das Recht hat, sich mit der schwarzen Rasse zu identifizieren. Dass er nicht länger das Recht hat sich selbst als schwarzen Amerikaner zu bezeichnen. Ihr gesamter Kommentar ist auf verschiedenen Ebenen unglaublich rassistisch.

Willa: Das ist sehr interessant, Joie. Wenn du die Situation umdrehst, dann wird wirklich deutlich, wie sehr sie aus einer privilegierten Position heraus spricht, nicht? Warum hat eine weiße Person das Gefühl, das Recht zu besitzen zu entscheiden, ob eine schwarze Person in ihren Augen schwarz genug ist? Das ist nicht nur unglaublich beleidigend, es ist widersinnig. Ich kann mir keine schwarze Person vorstellen, die das jemals über eine weiße Person gesagt hätte.

Ich meine, stell dir eine Person mit zwei weißen Elternteilen vor, die in einer weißen Umgebung aufgewachsen ist, so wie Michael Jackson mit zwei schwarzen Elternteilen in einer schwarzen Umgebung in Gary. Und dann versuch dir irgendeinen Umstand vorzustellen, bei dem eine schwarze Person sagt, diese Person wäre nicht weiß genug, um aus einer weißen Perspektive zu sprechen. Ich glaube einfach nicht, dass das jemals passieren würde, und es würde auch keinen Sinn ergeben, den wir haben keine kulturelle Historie von Schwarzen, die Weiße dazu zwingen, ihre Erwartungen an das Weißsein zu erfüllen. Aber wir haben eine sehr lange Historie der Weißen, die Schwarze dazu zwingen in ihre weißen Definitionen des Schwarzseins zu passen, wie Lisha und Harriet und ich bereits besprochen haben.

Aber ich sollte dies nicht zu sehr vereinfachen. Es waren nicht nur Weiße, die negativ auf das Steve Harvey Interview reagiert haben. Eine Stellungnahme von Sinclere Lee in Black News Weekly war genauso abfällig:

Wenn Michael Jackson sich überhaupt irgendeiner Sache schuldig gemacht hat und für die er ins Gefängnis gehen sollte, dann ist es die, dass er sich selbst mit Nelson Mandela verglichen hat. Ich kenne Nelson Mandela! Ich traf Nelson Mandela, als er nach Washington kam! Nelson Mandela ist einer der größten Freiheitskämpfer der Welt! Nelson Mandela verbrachte 27 Jahre im Gefängnis, um die Schwarzen in Südafrika zu befreien, und du kannst es keinen Tag im Gefängnis aushalten! Michael, glaub‘ nicht diesen Mist, den Jesse Jackson dir erzählt, du bist kein Nelson Mandela!

Joie: Und für mich ist dies ein lächerliches Statement, denn Michael Jackson, eigentlich Jesse Jackson, kannten Nelson Mandela beide auch persönlich. Michael hat den Mann nicht nur einfach „getroffen“, als er nach Washington kam. Er kannte Nelson Mandela sehr gut. Er und Mandela waren tatsächlich viele, viele Jahre lang sehr enge Freunde.

Und Michael hat sich in diesem Kommentar nicht mit Mandela verglichen. Er hat gesagt, dass er Mandelas Geschichte als eine Inspirationsquelle für sich genutzt hat, um mit dem offenkundigen Rassismus, den er gegen sich erfuhr, klarzukommen. Da besteht ein enormer Unterschied.

Nelson Mandela with Michael Jackson in South Africa

Willa: Ich stimme dir vollkommen zu, Joie. Und was soll falsch daran sein, wenn man sagt, dass Nelson Mandela ihn inspiriert hat?

Aber während dieser Artikel auf gewisse Art genauso übel ist wie der von Showalter, gibt es einen wichtigen Unterschied, denke ich. Während Lee Michael Jackson dafür kritisiert, sich selbst mit Mandela zu vergleichen (was er nicht getan hat, wie du festgestellt hast), spottet sie nicht über den Gedanken, dass es auch um Rassismus geht, auf die Art, wie es Showalter getan hat.

Joie: Das stimmt, das tut sie nicht. Eigentlich schwenkt sie gar nicht in diese Richtung. Ihr hauptsächlicher Fokus liegt einfach auf der Tatsache, dass sie sich persönlich angegriffen gefühlt hat bei dem Gedanken, Michael würde sich selbst mit solch einem großen Freiheitskämpfer vergleichen.

Willa: Genau. Und ich denke, dieser Unterschied ist subtil, aber wichtig. Elaine Showalter scheint zu denken, es sei lachhaft anzudeuten, dass Rassismus eine Rolle gespielt hätte bei der Methode, wie Michael Jackson von der Polizei und den Medien behandelt wurde (während ich denke, es ist unglaublich vereinfachend anzunehmen, Rassismus hätte keine Rolle gespielt), aber Sinclere Lee stellt nicht eine so naive Behauptung auf. Während eine weiße Akademikerin  denken mag, Rassismus würde keine Rolle dabei spielen, weiß Lee es besser.

Joie: Das ist interessant, oder? Weißt du, Willa, manchmal frage ich mich, ob du eine Meinungsumfrage machen könntest, nun, da alles vorüber ist und Michael  nicht mehr bei uns ist … wie viele Leute heutzutage, weiße und schwarze, würden zugeben, dass Rasse eine Rolle gespielt hat dabei, wie er von den Medien und der Polizei behandelt wurde? Du weißt schon, nun, da wir alle ein wenig Abstand und eine andere Perspektive haben. Ich frage mich, was die Leute heute denken. Ergibt das Sinn?

Willa: Ja, es ergibt Sinn, und das ist eine weitere wirklich interessante Frage, Joie. Meine Wahrnehmung ist, dass die Gefühle gegenüber Michael Jackson viel milder geworden sind, seit er gestorben ist, und dass die Leute ihn sehr viel eher als unschuldig betrachten, nun, da er nicht mehr da ist. Wir haben darüber in einem Post im letzten Frühjahr gesprochen. Aber ich glaube nicht, dass die Leute im Allgemeinen – und Weiße im Speziellen – bereit sind anzuerkennen, welch enormen Einfluss Rasse und Rassismus darauf hatten, wie die Anschuldigungen durch die Polizei, die Medien und die Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Die Vorstellung von Rassenvorurteilen, und besonders rasseninduziertem Neid, lässt sich Weiße sehr unwohl fühlen, denke ich, und die meisten Weißen wollen dies nicht mal in Erwägung ziehen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich, dass Michael Jackson absolut Recht hatte und rassenbezogener Neid im Kern des Ganzen lag.

Ich meine, es ist sehr interessant, sich mal genau anzusehen, was die Leute zu verschiedenen Zeitpunkten tatsächlich gesagt haben und wie sie es sagen. Betrachte mal, was Evan Chandler ihm bei ihrem letzten Zusammentreffen sagt. Er zeigt mit dem Finger auf ihn und ruft aus: „Du wirst untergehen, Michael. Du wirst zu Boden gehen.“  Hier wird scheinbar angedeutet, dass Michael Jackson zu hoch gestiegen ist, und nun ist Evan Chandler entschlossen, ihn wieder herunter zu holen.

Randy Taraborrelli drückt einen ähnlichen Gedanken in seiner Biografie aus. Basierend auf den Anschuldigungen Chandlers führt die Polizei eine Leibesvisitation (Strip Search) durch und so leitet Taraborrelli zu der Beschreibung dessen über, was eine demütigende und wahrlich grauenhafte Erfahrung werden sollte.

Unterm Strich heißt das, dass Michael die meiste Zeit seines Lebens tun und lassen konnte, was er wollte, er lebte in einer Welt der Privilegien und der Ansprüche einfach nur deswegen, weil er ist, wer er ist … Im Dezember 1993 allerdings sollte Michael erfahren, wenn auch nur für einen einzigen Tag, wie es sein kann in der realen Welt zu leben, in der Leute oftmals Dinge tun müssen, die sie nicht unbedingt tun wollen.

Diese Passage ist so schockierend für mich. Man sollte eigentlich denken Taraborrellis Fokus läge auf den Beweisen und darin, ob der Strip Search Chandlers Anschuldigungen bestätigt oder ihnen widerspricht – vermutlich ist das am Ende der Kern des Ganzen – aber so ist es nicht. Taraborrelli konzentriert sich viel mehr auf die psychologische Auswirkung des Strip Search und auf den Effekt, den es darauf haben wird, wie Michael Jackson sich selbst sieht und wie er sich selbst in der Welt positioniert. Taraborrelli scheint sehr kritisch zu sein gegenüber Michael Jackson, „der in einer Welt der Privilegien und Ansprüche lebt“, und nun den Strip Search erlebt, der ihn wieder zurück bringt „in die reale Welt“, und Taraborrelli spricht zustimmend darüber. Er scheint zu denken, dass es angemessen ist, Michael Jackson auf den Boden der Tatsachen herunter zu holen, „wenn auch nur für einen Tag“. Und ich habe dabei wirklich das Gefühl, dass Taraborrellis Worte ein wenig von Neid erfüllt sind.

Joie: Nun, du weißt, wie ich über Taraborrelli denke, und ich glaube, dass es da mehrere Stellen gibt in seinem Buch, in denen er neidisch auf seine Hauptperson ist. Ich stimme dir also vollkommen zu bei dieser Feststellung.

Willa: Aber ist es Neid auf seinen Reichtum und seine Berühmtheit? Oder ist es rassenbezogener Neid? Oder ist es eine Kombination aus beidem – ist er missgünstig deswegen, dass ausgerechnet ein schwarzer Mann dermaßen erfolgreich ist? Ich frage mich das wirklich, ganz besonders, da sowohl er, als auch Evan Chandler ausdrücklich über das Bedürfnis sprechen, Michael Jackson „nach unten zu bringen“.

Diese Redewendung und diese Symbolik, ihn nach unten zu bringen, erinnert mich an eine schreckenerregende Szene in Onkel Toms Hütte, über die wir vor langer Zeit in einem Post gesprochen haben. Rosa, eine schöne junge Sklavin, ein Teenager, probiert ein Kleid an, das ihrer Besitzerin Maria gehört. Maria kommt herein und sieht, wie sie das Kleid trägt, wird wütend und schickt Rosa in das Prügelhaus. Und so lautet Marias Erklärung dafür, warum sie solch eine extreme Bestrafung für solch ein belangloses Vergehen anordnet:

Sie hat sich ihr Leben lang auf ihre Zartheit verlassen und auf ihr gutes Aussehen und auf ihr vornehmes Gebaren, bis sie vergaß, wer sie ist – und ich werde ihr eine Lektion erteilen, die sie wieder da herunter holt, das gefällt mir!

Maria ist also gar nicht so wütend wegen des Kleides, sondern deswegen, weil es ein Zeichen dafür ist, dass Rosa „vergessen hat, wer sie ist“ – dass sie eine junge schwarze Frau ist und eine Sklavin. Maria fühlt sich dadurch sehr bedroht, besonders da Rosa in vielerlei Hinsicht viel mehr „ladylike“ ihrem Äußeren und ihrem Verhalten nach ist als Maria selbst. Also beabsichtigt Maria, sie zu beschämen und sie daran zu erinnern „wer sie ist“ und dies so gravierend in ihre Erinnerung einzubrennen, dass sie es nie wieder vergisst. Mit anderen Worten; Maria möchte eine psychologische Veränderung in Rosa erwirken und „ihr eine Lektion erteilen, die sie wieder da herunter holt, das gefällt mir!“

Uncle toms cabi 1914
Es scheint mir ganz genau das zu sein, worüber Taraborrelli in der Passage über den Strip Search spricht – dass es eine psychologische Veränderung in Michael Jackson bewirken wird, die ihn „herunter holen“ wird aus seiner „Welt der Privilegien und Ansprüche“ – und worüber Evan Chandler spricht, als er mit seinem Finger auf ihn zeigt und ausruft „Du wirst untergehen, Michael. Du wirst zu Boden gehen.“ Und ich denke, Michael Jackson selbst bezieht sich in Morphine darauf, als er singt „Ich gehe zu Boden, Baby“ („I’m going down, baby“). Er wurde durch denselben Impuls herunter geholt, der mehr als150 Jahre vorher schon Rosa herunter geholt hat.

Joie: Das ist ein interessanter Vergleich, Willa. Und einer, mit dem du wahrscheinlich richtig liegst. Aber ich vermute, worauf ich hinaus wollte, ist, dass ich mich über das Verhalten der Leute  bezüglich der ganzen Situation wundere … und wirklich bezüglich seines gesamten Lebens … ich frage mich, ob ihr Verhalten sich wirklich verändert und aufweicht oder ob es einfach ein Fall von „Sprich nicht schlecht von einem Toten“ ist. Verstehst du, was ich meine?

Willa: Ja, ich verstehe, aber ich weißt keine Antwort darauf. Und ich bin nicht sicher, ob die Leute selbst wissen,warum sich ihre Gefühle geändert haben und wie tiefgreifend sie sich verändert haben. Oder was ihre Gefühle gegen ihn wirklich motiviert hat, um mal damit zu beginnen. Ich meine, vielleicht sind die Gefühle milder geworden, weil er gegangen ist, es gibt also keinen Grund mehr sich noch länger bedroht zu fühlen oder neidisch auf ihn zu sein.

Joie: Ich weiß nicht. Ich bin mir noch nicht mal sicher, warum es eine Rolle spielt oder warum mich diese Frage irgendwie quält. Ich vermute, ich habe einfach dieses Gefühl, das hier dieser besondere, wunderschöne, talentierte, liebende Mann war, der doch nur die Welt glücklich machen wollte, und er wurde verspottet und verfolgt und gehasst dafür. Das ärgert mich.

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