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Mit Michael Jackson tanzen – Baltimore und seine Unzufriedenheit

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Dieses Essay von Toni Bowers erschien im englischen Original am 14. Mai 2015 im Los Angeles Review of Books: http://lareviewofbooks.org/essay/dancing-with-michael-jackson/

Come and see, when moon is shining.
Come and see, the moon is walking.
Come and see, the moon is dancing.

Komm und sieh wenn der Mond scheint.
Komm und sieh, der Mond wandert.
Komm und sieh, der Mond tanzt.

– Ladysmith Black Mambazo

Got a feeling that we’re gonna raise the roof off! 
Everybody just get down! 

Habe das Gefühl, dass wir das Dach anheben werden!
Beginnt alle einfach zu tanzen!

– Michael Jackson

Inzwischen wurden Videos vom tanzenden Dimitri Reeves zu den Klängen von Michael Jacksons Musik in mehreren Teilen Baltimores weltweit millionenfach gesehen. Im bekanntesten Clip, der vom Reporter Shomari Stone gefilmt wurde, erfreut Reeves erschrockene Zuschauer, als er zu den vom Bordstein dröhnenden Klängen von „Beat It“ unerwartet beginnt, sich eine verschmutzte Straße hinunter zu bewegen, in dem er Jacksons jubilierende, aufgebrachte Tanzschritte nachahmt, und Behutsamkeit in einen aufrührerischen Moment bringt.

Don’t want to see no blood, don’t be a macho man.
They’ll kick you, they’ll beat you, they’ll tell you it’s fair, so beat it.

Willst kein Blut sehen, sei kein Macho.
Sie werden Dich treten, sie werden Dich schlagen, sie werden Dir sagen, dass es fair ist, also hau ab.

Auf seiner Facebookseite bittet Reeves die Zuseher der Videos, den etwaigen Stellenwert der von ihm gewählten Lyrics, zu denen er tanzt – „Beat It“, „Smooth Criminal“, „Will You Be There“, „Black or White“ und andere – nicht zu genau zu analysieren. „Ich wollte einfach tanzen.“, sagt er. Es war ein hervorragender Instinkt. Sobald Reeves die Lautstärke aufdrehte und magische Tanzschritte aus alten Zeiten wiederbelebte, keimte geteilte Freude in der wütenden, trauernden Stadt auf und die Stadt reagierte. Erst begann vereinzelt jemand, an Reeves Seite zu jammen, dann schlossen sich einige junger Männer an und schließlich große Menschenmengen. Entschlossenheit und Freude zeichneten sich unmissverständlich in deren Gesichtern ab. Eine ungewöhnliche, unerwartete Anmut taucht plötzlich vor unseren Augen auf und wir erblicken ein anderes Baltimore, ganz anders als in den Mediendarstellungen – eine Stadt findet einen Weg, von innen heraus zu heilen.

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Zeitgleich zu Reeves erstem gefilmten Tanz ging ich durch einen teuren „Spezialitäten“ Lebensmittelladen in Philadelphia. Die Hintergrundmusik musste unbemerkt davon geschwirrt sein, als es plötzlich geschah: die Luft füllte sich mit einem zeitlosen, rauen Beat und „Thriller“ ertönte. Sofort bewegten sich alle. Der Mann hinter der Fleischtheke schunkelte ständig leicht hin und her. Das Gesicht des bewaffneten Wachmanns am Eingang (der einzige Farbige in dem Geschäft) wurde weich, er begann zu nicken. Eine Frau in meiner Nähe hielt inne und blickte in die Ferne. Mit den Füßen wippend. Für einen mystischen Augenblick vergegenwärtigte sich etwas, das wir brauchten, jedoch verloren hatten.

Es war ein großartiger Moment, aber es fehlte auch etwas. Obwohl alle auf die Musik reagierten, taten sie es mit einer seltsamen Verstohlenheit – nicht offen, gemeinsam oder mit dem ansteckenden Jubel wie in Baltimore. Keine Augen trafen sich, niemand lachte oder sang, niemand bewegte sich ohne Zurückhaltung oder verschmolz mit dem Beat. Ein anderer Song kam. Wir schoben unsere Einkaufswagen weiter und begutachteten handgemachten Käse. Nichts veränderte sich.

Seither denke ich über diese beiden Szenen nach, die, so unterschiedlich sie auch waren, eines gemeinsam hatten: Michael Jackson. Dimitri Reeves hätte sich für sehr viel neuere und hippere Titel als „Beat It“ entscheiden können, aber seine Entscheidung, zu Jacksons Lied zu tanzen, war treffsicher. Michael Jackson gestaltete seine Musik – vielleicht mehr als jeder andere Entertainer – bewusst als Geschenk der Hoffnung und Heilung. Jeder Song bietet eine einzigartig mitfühlende Vision, einen hartnäckigen Glauben an die menschliche Fähigkeit zur Verbundenheit, Freude und die Schaffung von Gerechtigkeit. Erscheinen Dir diese Ideale konserviert oder wunderlich? Scheint die Vorstellung, dass Musik die Welt umgestalten kann, abwegig? Ich war selbst geneigt, so zu denken. Aber die von Reeves geschaffenen schimmernden Momente legen etwas anderes nahe.

Reeves’ mächtiger Tanz erinnert uns daran, dass Jackson mehr schuf als unwiderstehliche, hervorragend vermarktbare Titel oder sogar grandiose Musik. Sein Werk bleibt auch politisch machtvoll. Einer der Gründe dafür ist Jacksons Beharrlichkeit auf Verantwortung und Empathie – who am I to be blind, pretending not to see their need? (Wer bin ich eigentlich, dass ich davor die Augen verschließe, so tue, als ob ich ihre Not nicht bemerke?) Ein weiterer ist seine stetig wiederholte Aufforderung: Come and dance with me. (Komm und tanz mit mir.) Wir beschäftigten Käufer lehnten es ab, zu tanzen und der Verlust war der unsere, aber Dimitri Reeves und seine Nachbarn entschieden sich – weiser als wir – mit Michael Jackson zu tanzen: Dreh’ es laut auf, bring’ es zu anderen, lehne Befangenheit und Urteil ab, und sei glücklich.

Wird tanzen mit Michael Jackson auf magische Art die Welt heilen (heal the world) und es für die gesamte Menschheit zu einem besseren Ort machen (make it a better place for the entire human race)? Wird es die Frage eines kleinen Mädchens an einen Polizisten in „We’ve Had Enough“ beantworten – „Warum können sie wählen, wer leben wird und wer sterben wird?“ (How is it that you get to choose who will live and who will die?) Wird es Gerechtigkeit für Freddie Gray herbeiführen oder ein rassistisches “Rechts“-system reparieren? Nein. Aber es kann tatsächlich helfen. Wie Reeves gezeigt hat, hilft es bereits.

Befremdlich ist, dass sich die Mainstreamkultur in den Vereinigten Staaten, die jede Hilfe braucht, die sie bekommen kann, gegen Jacksons ausgestreckte Hand zu wehren scheint. Es ist bemerkenswert: für einen Mann, der die Welt der Popmusik bis vor kurzem über Jahrzehnte beherrschte, wurde Michael Jackson zu einer seltsam schattenhaften Figur. Natürlich nicht am Las Vegas Strip oder bei Sony Music, wo er jedes Jahr weiterhin Millionen einbringt und bei weitem der meistverdienendste Musiker der Welt bleibt, größtenteils wegen Verkäufen nach Übersee.

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Worüber ich spreche ist der Mainstream, die Kultur der Hauptstrassen in den Vereinigten Staaten, insbesondere die Kultur privilegierter, weißer Amerikaner – wie jener in dem Lebensmittelgeschäft in Philadelphia. Dort wird Michael Jackson und seiner Musik vermehrt die kalte Schulter gezeigt, einhergehend mit einer Abneigung, Jacksons unerschrockenen Idealismus, seine wegweisende, ungewöhnliche Rolle und seine Ausübung von Integration und Mitgefühl zu zelebrieren. Es gibt sogar einen Widerwillen dagegen, seine hervorragende Kunst anzuerkennen. Wir begegnen Michael Jackson nicht geradewegs mit Anerkennung. Wir schätzen seine bedeutende Leistung nicht mit dem verdienten Staunen. Wir tanzen nicht.

Ganz gleich in welchem Kontext, wäre das eine ziemlich unwürdige Art und Weise, sich gegenüber einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts zu verhalten. Obendrein ist es eine besonders unkluge Haltung, die jetzt eingenommen wird, weil es uns ermöglicht, die Herausforderungen der Denkweisen und Verhaltensmuster abzuleiten, denen sich Jackson, sowohl menschlich als auch künstlerisch, stellte und welche die Gesellschaft in diesem Land fortlaufend vergiftet. Warum sollte das sein?

Ich fragte einen Freund in den Zwanzigern, was er von Michael Jacksons Musik hält: tanzen die Kids immer noch dazu? Die Antwort meines Freundes war aufschlussreich: „Großartige Musik,“ sagte er, „aber wenn jemand damit beginnt, was er mit kleinen Kindern getan hat, ist er besser vergessen.“ Ich war fassungslos. Ist das möglich? Nach einem der teuersten und intensivsten Prozesse in der Geschichte Amerikas, der in „nicht schuldig“ in allen Anklagepunkten resultierte, nach wiederholten Beweisführungen, die zeigten, dass Michael Jackson nichts falsches getan hatte, sondern Erpressern zum Opfer fiel und angesichts der riesigen Anzahl übereinstimmender Aussagen, die bezeugen, dass Jackson tatsächlich ein ehrenvoller, geschädigter Menschen war – kann es sein, dass der Medien-Abschaum, der sein Lynchen als Möglichkeit zur Gewinnbringung wahrnahm, Jackson bis heute definiert und die Macht seines Schaffens beschränkt? Anscheinend. Die Kreuzigung von Jacksons Ansehen im Zeitlupentempo, die vor über einem Jahrzehnt stattfand, geht immer noch weiter.

Es geht darüber hinaus in unerwarteter Art weiter. Ich möchte nicht behaupten, dass das, was Jackson passierte, in irgendeiner Weise damit vergleichbar wäre, was Freddie Gray, Michael Brown, Eric Garner und anderen farbigen Amerikanern passierte, die vor kurzem durch Exekutivbeamte starben. Jackson überlebte sein Martyrium schließlich (gerade noch) und machte (kurzzeitig) weiter. Ich sage nicht, dass all das jüngste Leid und die Ungerechtigkeit in direktem Zusammenhang mit Jacksons speziellen Erfahrungen steht. Aber ich möchte darlegen, dass die selben Strukturen der Ungerechtigkeit, die augenblicklich zivilrechtlichen Behörden erlauben, unbewaffnete Amerikaner zu ermorden, auch Jackson Schaden zufügten und dass uns sein Fall helfen kann, diese Strukturen zu verstehen und sich dagegen zu wehren.

Die gleiche Nation von Zuschauern, die gewillt war, Jackson von diesem Albtraum verschlingen zu lassen, sieht jetzt sogar noch grauenvollere Erlebnisse über dutzende andere hereinbrechen. Manche Beobachter verwenden die verantwortungslos selektiven Aufnahmen aus Baltimore, welche die bundesweiten Medien als Futter für die Verstärkung ihrer Vorurteile präsentierten. (Wer würde aufgrund der Fernsehbilder vermuten, dass Zerstörung weniger häufig waren als geordnete Demonstrationen und Gesten der Solidarität?) Jacksons Erlebnisse sind nicht die selben wie die von den vielen, vielen farbigen Menschen, die kürzlich in Konflikt mit der Polizei gerieten und starben. Aber sie sind in gewisser Art und Weise ähnlich. Sie sind auf ähnliche Art und Weise beschämend und die Gründe dafür sind gleichartig. Sie zeigen ähnliche Pathologien, die uns zerfressen und die uns mehr über uns selbst zeigen als wir sehen möchten.

Es gibt etwas, das Michael Jacksons Erfahrung verdeutlicht. Die Ungerechtigkeit, die wir jetzt miterleben, beruht auf einer entsetzlichen, langjährigen Tatsache über das Leben in den Vereinigten Staaten (und diese wird gewissermaßen dadurch autorisiert): sobald es um Respekt, Bürgerrechte und Gerechtigkeit geht, ist es von Bedeutung, ob Du schwarz oder weiß bist. Jackson war der meist gesehendste farbige Amerikaner der letzten Jahre und er musste feststellen, dass er nur beschuldigt werden musste, um grausam behandelt zu werden. Aber diese Erkenntnis traf ihn keineswegs alleine. (einzigartig war, wie unmittelbar die Medien für Jacksons Leiden verantwortlich waren. Wenige tatsächliche Kriminelle müssen die Schmach ertragen, die er vor globalem Publikum erleiden musste.) In Jacksons Fall wurde wie in jedem der widerlichen Fälle, von denen wir in den vergangenen Jahren gehört haben, einem farbigen Amerikaner eines der wertvollsten Rechte vorenthalten, welches angeblich jeder Amerikaner inne hat: die Unschuldsvermutung. Jeder dieser Fälle ist anders, aber dieser entscheidende Faktor ist in all diesen Fällen gleich.

In Jacksons Fall war möglicherweise die Tatsache, dass jede von ihm getätigte Aussage irgendwie automatisch bestritten wurde, am gröbsten und intimsten von Fremden und in der Öffentlichkeit, am beachtenswertesten. Es gab keine Regeln und keinen Respekt. Als frisch gebackener Ehemann hörte sich Jackson an, wie eine Journalistin seine Frau live im internationalen Fernsehen fragte, ob er zum Sex fähig ist. Nicht lange davor fragte ihn eine andere unverblümt, ob er Jungfrau ist. Das Unbehagen, welches sich im Verlauf von Jacksons Leben entwickelte und verstärkte, war tatsächlich eine verständliche Reaktion auf solche Ungeheuerlichkeiten. Keine andere gejagte Berühmtheit, ausgenommen der verstorbenen Prinzessin Diana, erfuhr diese Art der skrupellosen, unerbittlichen Übergriffe, die Jackson erlitt. Selbst Diana war mit diesem Ansturm nur als Erwachsene konfrontiert; Jackson musste damit sein ganzes Leben lang umgehen – von den Nächten an, in denen sein käuflicher Vater Gruppen kichernder Mädchen eskortierte, um den jugendlichen Michael schlafen zu sehen bis zu diesen letzten, ungeheuerlichen, weltweit verbreiteten Fotos, die durch das Fenster der Ambulanz geschossen wurden und einen sterbenden oder bereits toten Jackson zeigen, der mit Fäusten bearbeitet und intubiert wird. Und dann gab es da noch die oft nachgedruckte Darstellung des nackten Leichnams am Tisch der Gerichtsmedizin.

Diese Ausschreitungen der Medien und unzählige andere wurden (und werden) routinemäßig mit dem Verweis auf Jacksons merkwürdigen Charakter erklärt. Er sei selbst schuld, wird uns gesagt, wegen dieser verwirrenden öffentlichen Rolle – fast schon vergleichbar mit einem unbewaffneten, rassisch gekennzeichneten Teenager, der „bedrohlich aussieht“. Aber der Rückgriff auf diese Art der engstirnigen, persönlichen Darlegung lenkt die Aufmerksamkeit von den wirklichen Problemen ab – weit verbreitetem Rassismus und systemischer Ungerechtigkeit. Die Eigenheiten oder Fehler jener Person, die man brutal behandelt, anzuführen, um die eigene Verrohung zu erklären (zu entschuldigen? zu verharmlosen?), schiebt dem Opfer in gewissem Sinne die Schuld zu. Es ermöglicht zu ignorieren, wie die eigenen Verhaltensweisen und Angewohnheiten Brutalität beherbergen, wenn auch nur durch Passivität.

Das zu sagen, ist nicht das selbe, als zu sagen, dass Michael Jackson nicht außergewöhnlich angreifbar war oder dass er keine schwerwiegenden Fehler machte. Das war er, die machte er. Gefühlvoll, zurückhaltend und übermäßig entgegenkommend, wie das Opfer von Misshandlungen in der Kindheit oft sind, isoliert, verletzlich, narzisstisch, ungewöhnlich, stinkreich, Konfrontationen ausweichend, ungleichmäßig ausgebildet, jedoch mit Genialität belastet und gewohnt, seine Familie durchzubringen, war Jackson, wie Steven Spielberg bekanntermaßen sagte, „wie ein Rehkitz in einem brennenden Wald“. Doch nichts davon macht aus ihm einen Kriminellen – genauso wenig wie eine Strasse entlangzulaufen oder eine unbefugte Hausdurchsuchung nicht zu gestatten oder die Schule abzubrechen Anlässe sind, erschossen zu werden. Kein Wunder: Jackson war überwältigt. Kein Wunder: Amerikaner gehen auf die Strasse, um zu demonstrieren. Wer könnte anderes tun?

Jenseits des reduzierenden Schwerpunktes auf individuelle Eigenheiten gibt es eine andere Erklärung, die sowohl für Jacksons Leiden, als auch für die Krise der Bürgerrechte, der wir jetzt gegenüberstehen, relevant ist: Rassismus. Das ist das Wort und es ist Zeit, es laut auszusprechen. Bei Rassismus geht es in erster Linie nicht um die Leute, die darunter leiden, es geht um jene, die ihn ausüben. Es geht nicht um andersartige oder fremde Personen, es geht um gewöhnliche Leute, die entscheiden, wer anders und fremd ist und die sich dazu entscheiden, sie lieber zu fürchten, als sie zu feiern.

Gelegentlich zeigte der Rassismus, der Jackson immer wie ein Schatten verfolgte, deutlich sein dämonisches Gesicht – beispielsweise, als die Ignoranten ihm vorwarfen, „weiß sein zu wollen“, als seine Vitiligoerkrankung sichtbar wurde. Michael Jackson bezeichnete sich stets als schwarz (Ich sehe einfach in den Spiegel; ich weiß, dass ich schwarz bin) und führte schwarze Entertainer (James Brown, Jackie Wilson, Diana Ross, Stevie Wonder, Otis Blackwell, und Sly Stone, um nur einige zu nennen) als seine wichtigsten Einflüsse auf. Er zelebrierte sein afroamerikanisches Erbe so weit, dass er seinen beiden Söhnen den Sklavennamen seines Ur-ur-Großvaters gab, Prince. Seine Musik verherrlichte die glorreichen Traditionen schwarz-amerikanischer Musik immer und verließ diese nie. Dennoch wird Jackson für seinen vermeintlichen Wunsch, weiß sein zu wollen, gehasst.

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Dieser irrationale Hass verfolgte Jackson sogar über seinen Tod im Juni 2009 hinaus. Charlie Hebdo’s Cover im Juli jenes Jahres zeigte ein Skelett im Jackson-Stil mit dem Titel „Michael Jackson, en fin blanc“ – „Michael Jackson, endlich weiß“. Eine sarkastische Andeutung, die gerade im Internet die Runde macht, enthält ein Foto eines Modells mit Vitiligo und erinnert uns dankenswerterweise daran, dass es sich hierbei um dieselbe Krankheit handelt, die Jackson „behauptete“, gehabt zu haben. „Behauptete“ – trotz Fotobeweisen aus unterschiedlichen Lebensabschnitten, den einstimmigen Bezeugungen vom Familienmitgliedern, Dermatologen und Visagisten, dem Umstand, dass der älteste Sohn des Entertainers ebenfalls unter dieser seltenen Erbkrankheit zu leiden scheint und sogar der endgültigen Diagnose des Autopsieberichts. Welchem weißen Entertainer wurde jemals so wenig Mitgefühl für eine lebenslange, belastende Krankheit (eine von mehreren, unter denen Jackson litt) entgegengebracht? Wann wurde je so wenig im-Zweifel-für-den-Angeklagten gewährt, so viel bösartiger Nonsens konstruiert? „Ihm wird nicht so schnell dafür vergeben werden, so viele Spieße umgedreht zu haben.“, schrieb James Baldwin vorausschauend, als Thriller die Welt eroberte.

Es sollte niemanden überraschen, dass Michael Jackson, wie praktisch jeder andere farbige Mensch in dieser Gesellschaft, unter Rassismus litt. Was bemerkenswert ist, ist wie krass und routinemäßig die individuelle Begründung in Jacksons Fall für die Gesellschaft substituiert wurde. Das Muster ist so ungeheuerlich, dass es uns, sobald wir es erkannt haben, über unseren gegenwärtig verheerenden Stand der Dinge unterrichten kann und uns die Wichtigkeit zeigt, die Angewohnheit der Umlenkung, Selbstgerechtigkeit und andauernde Schmähung zu benennen und korrigieren. Privilegierte weiße Amerikaner müssen lernen, deren Tendenz, Unterdrückung zu individualisieren, zu erkennen. Natürlich trägt jeder einzelne etwas zu seinem eigenen Leben bei, aber im Kontext mit Amerikas rassischen Schwierigkeiten ist das Problem nicht primär ein einzelner Farbiger, sondern das System und die übliche Haltung jener, die alle Bürgerrechte genießen.

In den Vereinigten Staaten tendieren wir dazu, Verschiedenheit als pathologisch zu begreifen. Jeder, der unseren Kategorien überschreitet, unsere Vorurteile stört oder vorherrschende Binsenwahrheiten herausfordert, ist uns unangenehm. Michael Jackson und seine Musik taten all das auf vielen Ebenen. Was allerdings am wichtigsten ist und nicht vergessen werden darf: er tat es mit Freude. All zu lange über Jacksons Leid nachzudenken, würde bedeuten, seine unbezwingbare Verspieltheit und Willensstärke zu vergessen. Schlussendlich ist das Erstaunliche nicht, wie seltsam Michael Jackson war oder wie beschwerlich sein Leben war, sondern wie groß seine Fähigkeit zur Freude war, seine Großzügigkeit, seine Fähigkeit und Entschlossenheit, anderen Freude zu bereiten. Grenzenlos neugierig, von Menschen begeistert und von der Schönheit der Welt bezaubert hatte er einfach so viel Spaß. Er litt, ja; er war am Boden und machte schmerzhafte Erfahrungen. Aber das macht seine Überschwänglichkeit so bemerkenswert und die Tatsache, dass er anderen Menschen Freude brachte (und immer noch bringt), so wertvoll. Ganz gleich, was passierte, er tanzte. Das müssen wir honorieren und nicht vergessen – und weiter tanzen.

Dimitri Reeves hat uns letzten Monat vieles beigebracht. Darunter auch, dass wir Michael Jackson jetzt mehr denn je brauchen. Die schändliche Behandlung, die Jackson von der Volkskultur erfuhr, die er so sehr bereicherte, war kein isoliertes Phänomen – sie war nur zu charakteristisch. Jacksons Erfahrung deckt nach reiflicher Überlegung schädliche Gesinnungen und Verhaltensweisen auf, die auch heute noch sehr weit verbreitet sind. Es wäre natürlich weit besser gewesen, wenn Jackson nicht hätte durchmachen müssen, was er durchmachen musste. Genauso, wie es besser wäre, wenn farbige Amerikaner unsere Strassen sicher vor Gesetzesvertretern entlanggehen könnten. Die mächtigere Mehrheit sollte imstande sein, zu lernen, wie man sich verhält, ohne bereits Benachteiligten Leid zuzufügen und kein Maß an Bildung und Entwicklung der bereits Priviligierten kann beginnen, die Formen der Ungerechtigkeiten, über die wir sprechen, wettzumachen. Gleichzeitig ist es aber entscheidend, dass jene, die Privilegien genießen, realisieren, dass es nicht jedem so geht und ihre Macht dazu nutzen, das zu ändern. Geringstenfalls sollten wir jetzt darauf bestehen, dass jedem die Unschuldsvermutung zusteht, was Verbesserungen in der Art und Weise, wie die Medien und der Gesetzesvollzug arbeiten, erfordert.

Dank Dimitri Reeves haben wir einen kleinen Weg gesehen, in eine heilende Richtung aufzubrechen, einen Weg, den er direkt von Michael Jackson bezog: wir können heraustreten und auf der Strasse tanzen, Freude verbreiten statt Angst. Come and dance with me (Komm und tanz mit mir), schrieb Jackson, Join me in my dance, please join me now (Folge mir in meinem Tanz, bitte folge mir jetzt). Reeves nahm Jacksons Einladung an.

Mit Michael Jackson zu tanzen, seine ausgestreckte Hand zu nehmen, ist mehr als nur ein schwieriges, außergewöhnliches Leben und enorme Begabungen zu ehren – obwohl es höchste Zeit ist, das ohne Widerwillen und Beurteilungen oder Lügen zu tun. Wir müssen es für uns selbst tun und füreinander – nicht in dem Versuch, uns selbst vor dem gegenwärtigen Schmerz und der Gefahr zu schützen, aber um weiter in die verwirrendsten Aspekte unserer eigener Leben einzutauchen und ihnen Freude gegenüberzustellen. Es ist eine Möglichkeit, die Art der Zukunft zu wählen, die wir haben wollen und den Menschenschlag, der wir sein wollen.

Mit Michael Jackson zu tanzen wird bedeuten, Hass und Angst loszulassen, Schönheit darin zu würdigen, was uns fremd erscheint und bereit zu sein, die Gelegenheit wahrzunehmen. Es wird einfordern, dass wir andere Menschen fantasievoll und einfühlsam behandeln, in dem Raum, der unserer Auffassung nach unser eigener ist, und mit Respekt. So ist der Tanz, zu dem uns Jackson einlädt zu tanzen, eine Art ethische Übung. Es ist eine Art, unseren Überzeugungen und Bekenntnissen gerecht zu werden und für unsere Privilegien Verantwortung zu übernehmen.

Verstanden? Gut. Lasst uns tanzen.

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Dimitri Reeves in Baltimore, April 2015

Analyse des Diane Sawyer Interviews von 1995: Was wir daraus lernen können

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Quelle: http://www.allforloveblog.com/?p=9840
vom 19. April 2015

Wenigstens war es ein Tanz, den er nicht allein tanzen musste

Wenigstens war es ein Tanz, den er nicht allein tanzen musste

Im vergangenen Oktober und November führte eine sehr interessante, mehrteilige Diskussion über Michaels HIStory-Teaser im Blog Dancing With The Elephant zu einer ebenfalls interessanten Diskussion im darauf folgenden Kommentarteil über Michaels Interview bei Diane Sawyer im Jahr 1995.

Original-Link: 

https://dancingwiththeelephant.wordpress.com/2014/10/30/the-history-teaser-part-1-triumph-of-the-will/

Deutsche Übersetzung: 

http://all4michael.com/2014/11/12/history-teaser-teil-i-triumph-des-willens/

Der Bezug des Sawyer-Interviews zu dieser Diskussion bestand darin, dass Sawyer den Clip des HIStory-Teaser-Films während des Interviews abgespielt hatte und damit Bezug auf die damalige Kontroverse über den Teaser als einem Pro-Nazi-Film nach dem Vorbild des Films Triumph des Willens nahm. Natürlich verneinte Michael diesen Vorwurf, aber die daraus entstandene Debatte hätte zu einer faszinierenden Diskussion darüber werden können, wie Michael seine Kunst sah – wäre nur ein wenig mehr Zeit in diesem Interview dafür geblieben, vielleicht aber auch, wenn Sawyer ihm nicht so abschätzig über den Mund gefahren wäre, bevor er überhaupt zu Wort kam, um etwas über seine Kunst sagen zu können.

Die Diskussion brachte mich dazu, mir das Interview mal wieder komplett anzusehen. Einige Dinge haben mich immer an diesem Interview interessiert, und ich entschied, dass nun eine gute Zeit war darauf zurückzukommen und es noch einmal aufzuarbeiten. Sicher, Diane Sawyer war während der ganzen Sache unnötig selbstgefällig und herablassend, was aber interessant für mich ist, sind Michaels Antworten – nicht nur der Inhalt dessen, was er sagt, sondern wie er es sagt. Bei der Analyse sowohl der Antworten, die Michael und Lisa Marie gaben, als auch ihrer gemeinsamen Körpersprache wird sehr viel preisgegeben und/oder es kann halbwegs vermutet werden – über ihre Beziehung, ihre Reaktionen zu den Fragen über die Anschuldigungen, über Michaels Aussehen und wie er als Künstler arbeitete. Ob direkt ausgesprochen oder durch ihre Körpersprache oder Reaktionen angedeutet kann vieles in diesem Interview zwischen den Zeilen gelesen werden. In den vergangenen Wochen bin ich immer wieder zu diesem Interview zurückgekehrt. Erstaunlicherweise kann dieses eine Interview glaubhaft die Fragen über Michael Jackson beantworten, die die Welt am brennendsten interessierten – wenn sie nur richtig hinsehen und –hören würde. Und das hat nichts – nothing, zero, nada, nilch – mit Diane Sawyers Fähigkeiten als Interviewerin zu tun, sondern einfach nur damit, wie ihre beiden Interviewpartner reagieren.

Man kann sie fast sagen hören:

Man kann sie fast sagen hören: “Lass’ uns diese Sache durchziehen!”

Ein Grund, weshalb ich denke, dass dieses Interview wahrscheinlich ein bisschen offenherziger ist als viele andere, die Michael allein gab, besteht vielleicht darin, dass Lisa Marie bei ihm war. Michael hatte natürlich vorher schon Interviews mit anderen zusammen gegeben. Während seiner gesamten Jugend hatte er Interviews mit seinen Geschwistern gegeben. Und er hatte Interviews an der Seite von Freunden gegeben, wie jenes, bei dem Elizabeth Taylor während seines Oprah Interviews kurzzeitig dabei saß, aber solche Interviews waren selten geworden während seiner Zeit als erwachsener Superstar – im Grunde waren Interviews an sich Mitte der 90er Jahre eine Seltenheit geworden, und die wenigen, die er gewährte und von denen erwartet wurde, dass er allein im Zentrum des Interesses stand, wurden immer mit viel Glanz und Gloria begrüßt. Dieses Ereignis war daher insofern historisch, als er zum ersten Mal ein Interview vollständig an der Seite von jemandem führte, dessen Vertrautheit mit ihm sowohl über Blutsverwandtschaft, als auch über reine Freundschaft hinausging – mit anderen Worten, es war das erste Mal, dass er jemals mit jemandem für ein Interview da saß, mit dem er auch nach Hause gehen würde, wenn die Kameras stoppten. Ja, ich spreche darüber, sich mit hinzusetzen und gemeinsam mit einem Partner über sich selbst zu sprechen; mit jemandem, der weiß, ob er den Sitz der Toilette wieder herunterklappt oder nicht. Mit anderen Worten, eine Ehefrau. Dementsprechend herrscht während dieser Unterhaltung eine wesentlich vertrautere Atmosphäre als bei Michaels Interviews der Vergangenheit. Es ist nur natürlich, dass wir dazu neigen, unsere Wachsamkeit und Abwehrhaltung zu lockern, wenn wir uns in vertrauter Gesellschaft befinden. Und wir können auch beobachten, wie Michael und Lisa dazu neigen, sich gegenseitig zu reflektieren und manchmal aneinander abzuprallen. In den Fällen, in denen Michael normalerweise der Frage ein wenig ausgewichen wäre oder seine Standardantworten gegeben hätte, kommt Lisa mit Antworten um die Ecke, die das Interview leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Eigentlich gibt es einige Stellen in dem Interview, an denen sie entschlossener als Michael zu sein scheint, gewisse Dinge richtigzustellen (was vielleicht dem Wunsch entspringt einiges der harten Kritik zu entschärfen, die seit ihrer Hochzeit an sie gerichtet wurde), aber wir sehen hier auch einen sehr lebhaften Michael, der, anscheinend zum ersten Mal wirklich seine Meinung sagen will, auch wenn er daran oft durch Sawyer gehindert wird, die offensichtlich versucht, das Interview zu kontrollieren, es zu manipulieren und es dahin zu steuern, wohin sie es haben will. Viele Male während des Interviews ist es offensichtlich, dass Michael vor Ungeduld platzt. Er möchte nicht gelenkt werden, er möchte seine Meinung äußern – und offen gesagt gibt es Zeiten, da eine sichtlich frustrierte Sawyer alle Hände voll zu tun hat ihn unter Kontrolle zu halten.

Von Anfang an ist dies natürlich die Art von Dynamik, die beabsichtigt, Michael sofort in eine benachteiligte Position zu bringen, zwischen zwei Frauen, die über ihn reden. Es handelt sich um dasselbe unbehagliche Dreiecksverhältnis, das Oprah Winfrey in ihrem Interview 1993 herstellte, als sie Liz Taylor zum Gespräch dazu bat. Craig Baxter, ein bekannter Experte für Körpersprache, nahm eine faszinierende Videoanalyse über Michaels Körpersprache während dieses Interviewabschnitts vor. Obwohl Liz nur Positives sagte, ging es natürlich nicht um die Worte, die gesprochen wurden. Es war die absichtlich herbeigeführte unangenehme Situation, jemanden im Raum stehen zu lassen (nachdem er buchstäblich seinen Platz für Elizabeth hergegeben hatte), während über ihn gesprochen wurde. Und dazu kommt noch, dass er wusste, in diesem Moment landesweit im Fernsehen zu sehen zu sein. Was macht man dann? Wo lässt man seine Hände? Welchen Gesichtsausdruck zeigt man? Craig Baxter hat Recht. Wenn man das Video ansieht, ist zu erkennen, was für ein unangenehmer, unbehaglicher Moment dies für ihn ist. Stellt euch nur mal vor, wie unwohl sich die meisten Männer fühlen würden, wenn sie in einem Raum mit ihrer Frau und ihrer Schwiegermutter stecken und zuhören müssten, wie sie über ihn reden! Nun, stellt euch einfach dieses Szenario vor und ihr könnt ziemlich gut erahnen, wie Michael sich gefühlt hat. Auch wenn die Kommentare über ihn gut gemeint sind, entschärft es doch nicht die betretene Verlegenheit dieses Augenblicks. Wie Baxter bemerkt scheint es fast wie eine absichtliche Inszenierung, um ihn bewusst zu benachteiligen. Schließlich sollte er im Mittelpunkt des Interviews stehen, nicht Taylor. Vielleicht handelte es sich hier nur um mangelhafte Planung (Oprah wollte Michael offenbar mit Taylors Erscheinen überraschen), aber man bittet keinen großen Star wie Michael Jackson zu einem Interview und zwingt ihn dann tatenlos am Rand zu stehen, während jeder im Raum über ihn quatscht.

Nun ein schneller Sprung ins Jahr 1995, und wieder hat Michael einer Situation zugestimmt, in der er direkt in eine Art benachteiligte Position gebracht wird, als ein Mann zwischen zwei Frauen – seiner Ehefrau und einer äußerst angriffslustigen Interviewerin. Als er darauf einging musste er wissen, dass er das Hauptthema der meisten Fragen sein würde. Diane Sawyer interessiert sich nicht für Lisa Marie, es sei denn indirekt als Partnerin in dieser Ehe. Jede Frage bezieht sich auf Aspekte seines Lebens: Hat er ein Kind belästigt oder nicht? Hat er seine Haut gebleicht oder nicht? Hat er mit seiner eigenen Frau geschlafen oder nicht? Er musste bereits wissen, dass sich nur sehr wenig davon auf das konzentrieren würde, worüber er wirklich sprechen wollte – seine Kunst und sein neues Album. Aber jedes Interview ist eine erneute Gelegenheit, eine Chance seine Meinung zu sagen, eine Chance einige Dinge richtig zu stellen. Also ging er bereitwillig in die Höhle des Löwen. Wieder einmal.

Das Interview beginnt ganz harmlos damit, dass Sawyer Michael und Lisa über den Beginn ihrer Beziehung befragt. Ich würde sagen, das war eine faire Frage, denn für viele von uns schien diese Beziehung plötzlich, wie aus dem Nichts, gekommen zu sein (gefolgt von dem damit verbundenen Misstrauen). Wie sich herausstellte konnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein. In diesem Abschnitt ist Michael sehr lebhaft und offen und schwärmt von der Anziehungskraft, die für ihn nun schon seit zwanzig Jahren andauerte.

Lisa im Alter von 7 Jahren, als sie einen bleibenden Eindruck auf einen damals 17-jährigen Michael gemacht hatte

Lisa im Alter von 7 Jahren, als sie einen bleibenden Eindruck auf einen damals 17-jährigen Michael gemacht hatte

Lisa hatte im zarten Alter von sieben Jahren einen anhaltenden Eindruck auf ihn gemacht. Er war siebzehn, als sie sich in Las Vegas das erste Mal hinter der Bühne trafen. Seine Körpersprache während dieses Abschnittes ist offen und direkt, was darauf hinweist, dass seine zum Ausdruck gebrachten Gefühle authentisch sind. Sein Verhalten ist ein wenig das eines Mannes, der sich immer noch in der Hochstimmung seiner Flitterwochen befindet. Er empfindet sich immer noch als den glücklichsten Kerl der Welt, der sie schließlich „herumgekriegt“ hat. Die Spontaneität seiner Gestik, sein Lächeln, als er sich an ihre Anfänge erinnert, sind das Kennzeichen aufrichtiger Gefühle. Tatsächlich ist er so in den Erinnerungen gefangen und es sprudelt über seine bereits zwanzig Jahre währende Anziehung ihr gegenüber aus ihm heraus, dass er für einen Moment fast vergisst, dass es für manche vielleicht ein wenig unheimlich erscheint, dass er bei ihrem ersten Treffen siebzehn war und sie erst sieben, weshalb er sich beeilt nachzusetzen, dass er Branca erst bat, sie zu kontaktieren, als sie 18 war. Es ist wirklich ein sehr süßer Moment in dem Interview, als er bemerkt, dass er besser klarstellt, bis dahin keinerlei romantisches Interesse gehabt zu haben. Es ist in dem Sinne süß, dass er einfach nicht sein Anhimmeln ihr gegenüber verbergen kann, und es ist schwer für ihn, sich an eine Zeit zu erinnern, als er nicht diese Gefühle für sie hatte.

Während dieses Teils des Interviews ist er sehr viel offener als Lisa, die ziemlich ruhig und verschlossen bleibt und ihm hier die Führung überlässt. Ich denke nicht, dass es nötig ist, hier zu viel hineinzulesen. Sie überlässt ihm die Führung, denn er war damals schließlich siebzehn Jahre alt. Ihre Erinnerungen im Alter von sieben Jahren dürften nicht annähernd so klar gewesen sein wie seine. Außerdem erkennt sie, wie wichtig diese Gelegenheit für ihn ist, seine Gefühle für sie auf einer weltweiten Plattform auszudrücken. Zu diesem Zeitpunkt war dies etwas, was die Welt hören sollte – welche Gefühle hegte Michael wirklich gegenüber Lisa Marie Presley? Gott sei Dank tat er nicht so etwas Verrücktes wie auf einer Couch auf- und abzuspringen! Er sagte nicht einmal „Ich liebe diese Frau“, aber das musste er auch gar nicht. Noch einmal, seine Körpersprache zeigt hier alle Merkmale von wirklicher Aufrichtigkeit, besonders für jeden, der mit der für ihn typischen Ausdrucksform und seinen Gesten vertraut ist. Als er sagt, er wäre „aufgewühlt“ gewesen, als er die Bekanntgabe ihrer Heirat mit jemand anderem auf einem Magazincover gesehen habe, scheint das eine sehr ehrliche Feststellung zu sein.

Von Zeit zu Zeit scheinen die Erinnerungen der beiden hinsichtlich der Details ihres Werbens umeinander sonderbar verschwommen. Aber dies sind die normalen Gedächtnislücken, die nach solch einer stürmischen Phase des Werbens wie dem ihren entstehen können. Die Beziehung kam zwar nicht über Nacht zustande, aber die Dinge haben sich in der Tat in einem solch schwindelerregenden Tempo entwickelt, seit sie sich 1992 als Erwachsene neu kennenlernten. Einige der kleinen Lücken, wie etwa die, bei denen der eine die Erinnerungen des anderen über die Details ihres Antrags wieder auffrischen muss, sind vollkommen normal und natürlich, wenn man die Umstände ihrer Verlobungszeit bedenkt. Dazu kommt noch der Druck, der durch die Interview-Situation entsteht. Das erhöhte Adrenalinlevel, das mit einem Interview einhergeht, ist dasselbe, das die „Kampf- oder Fluchtinstinkte“ in Gang setzt. Man fühlt sich in die Enge getrieben, ist sich intensiv bewusst, dass jedes Wort und jede Geste unter die Lupe genommen wird. Die Angst eine „falsche“ Antwort zu geben, auch wenn es nichts zu verbergen gibt, kann Angstlevel in einem Maß auslösen, die Erinnerungslücken zur Folge haben. Die Tatsache, dass Michael und Lisa ihrer Erinnerung gegenseitig nachhelfen müssen ist typisch für viele verheiratete Paare, und es ist unterhaltsam ihr Zusammenspiel zu beobachten. Sie wirken manchmal ein wenig wie zankende Kinder – ein weiteres todsicheres Zeichen wirklicher Chemie zwischen ihnen.

Zu diesem Zeitpunkt des Interviews sind beide sehr ungezwungen. Die Fragen erzeugen keinerlei Spannung. Diese Atmosphäre ändert sich abrupt, als Sawyer damit beginnt, sie bezüglich der Anschuldigungen in die Mangel zu nehmen. Seht euch Michaels und Lisas Gesichter bei etwa 3:18 an, als sie die Unterhaltung auf die Vorstellung lenkt, ihre Ehe sei „zu zweckdienlich“. Man kann deutlich erkennen, wie sich beide für das wappnen, was jetzt kommt.

Jedoch sollte man an dieser Stelle anmerken, dass sie sicherlich nicht blindlings mit der Erwartung, dass diese Fragen nicht gestellt würden, in dieses Interview gegangen sind. Es ist leicht, manchmal den Reporter in derartigen Situationen zu kritisieren, aber Michael und Lisa hatten vorher anscheinend eine Vereinbarung unterschrieben, dass es keine Fragen geben würde, die tabu seien, es war also nicht gerade so, als wären sie völlig unerwartet in den Hinterhalt gelockt worden. Die beste Interpretation ihres Ausdrucks zu diesem Zeitpunkt wäre, dass sie beide ihre mentalen Waffen für den Teil des Interviews startklar machen, der ihrer Ansicht nach am Unerfreulichsten werden sollte. Sie wissen bereits, dass die Fragen in die Privatsphäre eingreifen, persönlich und emotional schwierig zu steuern sein werden – und dass, in Michaels Fall, eine nicht gut durchdachte Antwort in weitere Probleme mit den Chandlers, bezogen auf die rechtliche Abwicklung des Vergleichs, münden könnte (was unweigerlich als direktes Ergebnis dieses Interviews auch passierte).

Interessanterweise waren sowohl Michael, als auch Lisa bereits lange genug Personen öffentlichen Interesses, so dass die für sie typischen Gesten fast jeder Emotion oder bestimmter Umstände ziemlich bekannt waren. Auf die nun gestellten Fragen reagierten beide jeweils in der für sie typischen Art und Weise, in der sie mit schwierigen Interviewfragen umgingen. Eine für Lisa typische Geste ist zum Beispiel die Tendenz, ihren Kopf einzuziehen und den Interviewer mit Blick nach oben anzusehen, die halb geschlossenen Augenlider (dieses physische Merkmal, mit dem sie ihrem Vater so ähnlich ist) wird so noch mehr betont. Ihr Blinzeln nimmt dramatisch zu. Die Geste sieht ein wenig ausweichend aus, kann aber eigentlich als ein unbewusster Abwehrmechanismus gedeutet werden. Michaels Blick ist unbeugsam und geradeaus, fast ohne Blinzeln, und er schluckt sichtbar schwer. Die typische Reaktion von Leuten, die nicht sehr versiert in der Interpretation von Körpersprache sind, wäre, dies als Zeichen von Nervosität oder Angst, gleichgesetzt mit Schuld, zu deuten. In Wirklichkeit ist Schlucken ein natürlicher Reflex in einer Stresssituation, aber nicht notwendigerweise mit Schuld gleichzusetzen. Es bedeutet ganz einfach, dass derjenige unter Stress steht. Die Aussicht darauf, diese Probleme öffentlich ansprechen zu sollen, begrüßt er ganz sicher nicht, da genau dieses Thema belastend und ihm zuwider ist und ihn den stechenden Blicken auf dem Prüfstand aussetzt, die er sicher lieber vermeiden würde. Er wusste, dass die Frage aufkommen würde, er wollte nur nicht unbedingt „darauf zugehen“. Er wusste, die Frage würde kommen, aber er musste deshalb nicht zwangsläufig selbst „darauf zugehen“. Man beachte, dass sein Blick geradeaus gerichtet bleibt, offen, sicher und fest. Er weicht der Frage nicht aus, sondern vielmehr wappnet er sich dafür. Beide verdauen die Fragen sorgfältig auf ihre ganz eigene Weise und bereiten eine Strategie für ihre Antwort vor. Es ist auch interessant, dass beide hier eine sehr ähnliche Verteidigungsposition einnehmen. Wenn man den Clip bei 4:33 anhält, dann sieht man, dass Lisa mit eng gekreuzten Beinen sitzt. Sowohl sie als auch Michael haben ihre Hände vor sich verschränkt. Wie jeder Experte für Körpersprache sagen wird, ist dies eine Geste, durch die (natürlich unbewusst) beabsichtigt wird eine Grenze zwischen sich und der anderen Person zu ziehen.

Obwohl Sawyer sich große Mühe gibt das Interview zu lenken, erweisen sich sowohl Michael als auch Lisa Marie als sehr schwer „lenkbar“. Ich habe selten ein Interview gesehen, bei dem der Reporter so oft unterbrochen wird, wie es bei Sawyer während dieses Abschnitts der Fall ist! Aber wir müssen uns die zugrundeliegende Motivation dieser beiden Menschen in Erinnerung bringen. Sie wurden offensichtlich in dem Glauben gelassen, dass dies ein Versuch sei, sich offiziell äußern zu können, um einige Missverständnisse klarzustellen – über die Anschuldigungen, über den Stand ihrer Ehe. Beide, sowohl Michael als auch Lisa, scheinen frustriert darüber zu sein, mitten in ihren Gedanken unterbrochen zu werden oder manipuliert zu werden, in eine andere Richtung als dem gerade eingeschlagenen Kurs zu gehen.

Die erste dieser Unterbrechungen tritt auf, als Sawyer Lisa fragt, ob sie ihn jemals gefragt habe, ob die Vorwürfe wahr seien. Lisa sagt auf empathische Weise Nein, das habe sie nicht getan. Somit besteht die unausgesprochene Vermutung, dass sie seine Unschuld einfach geglaubt habe. Denkt dran, das ist genau die Sache, für die sie in ihrem späteren Oprah-Interview kritisiert wurde, in dem sie sagte, soweit sie wüsste, habe sie nie ein Fehlverhalten gesehen, aber sie könne sich auch nicht dafür verbürgen, „was hinter verschlossenen Türen vor sich gegangen sei“. Für diese Äußerung hat sie jede Menge Feuer von den Fans bekommen, die das Gefühl hatten, sie hätte ihn lieber unzweideutig verteidigen sollen als einen kleinen Spalt für die Zweifler offen zu lassen. Aber hier ist es das Gegenteil: Sie vermittelt den Eindruck einer Frau, die nie an ihm gezweifelt hat, sogar in einem Maß ihn nicht einmal zu fragen. Erst als Sawyer wieder zu sprechen beginnt, muss sie noch mal über diese Antwort nachgedacht haben und unterbricht sie, um zu sagen: „Ich musste es nicht.“ Offenbar musste sie Michael dazu gar nicht befragen, weil er sehr offen war und alle Informationen, die für eine Beurteilung nötig waren, selbst lieferte. Das ist es, was sie meinte, als sie sagt, am Telefon sei es alles „Ahhhhhh!“ gewesen. Für Michael war sie jemand, bei dem er sich über jeden Aspekt des Falles auslassen konnte, so dass es nicht nötig war, die Frage überhaupt aufzuwerfen. Sie hatte jedes Detail von ihm selbst erfahren.

Sawyer wendet sich als nächstes wieder Michael zu. Sein Verhalten hat sich nicht geändert. Er bleibt während dieses Abschnitts stoisch wie ein Stein, jedoch können wir erkennen, wie er sich innerlich selbst gegen das wappnet, was sich so anfühlt, wie in einem Zeugenstand in die Mangel genommen zu werden. Auch wenn vorher vereinbart wurde, dass sie nicht davor zurückscheuen würden irgendwelche Fragen zu beantworten, muss ich sagen, ich denke, es war die Höhe der Absurdität von Diane Sawyer, ihn zu fragen, ob er jemals ein Kind auf sexuelle Art und Weise angefasst habe. Für genauso absurd halte ich diese Frage, wenn Interviewer sie bis zum heutigen Tag an Michaels Familie und engste Freunde richten, wenn diese sich zu Interviews bereit erklären (Oprah ist berüchtigt dafür). Ich meine, wirklich, was sollen Freunde und Verwandte auf solch eine Frage antworten? Was sollte Michael hier sagen? Selbst wenn Michael schuldig wie die Sünde gewesen wäre, wäre es nicht so, dass er im Fernsehen sitzen und es zugeben würde. Warum tun sie es also? Was ist der Modus Operandi, der hinter der Strategie solcher Fragen steckt? Aus der Perspektive des Interviewers dient die Frage zahlreichen Funktionen. Eine besteht natürlich in der Rechtfertigung, der Person die Möglichkeit gegeben zu haben „die Dinge richtigzustellen“. Aber meistens ist das, worauf sie wahrscheinlich wirklich hoffen, sie irgendwie zu Fall zu bringen – nicht unbedingt durch ein klares Bekenntnis (von dem sie ohnehin wissen, dass sie es nicht bekommen) als vielmehr um sie in eine Art unabsichtliches Fettnäpfchen treten zu lassen oder in manchen Fällen um einfach zu sehen, ob sie sich winden. Dies bringt wiederum den Aspekt der Sensationsgier ins Spiel, den „Aufhänger“, der Einschaltquoten garantiert. Die Wahrheit ist, dass es die meisten Journalisten wirklich nicht interessiert, ob das Verbrechen stattgefunden hat oder nicht. Aber indem sie Interesse vortäuschen, können sie die Fragen stellen, von denen sie wissen, dass sie dem Zuschauer dadurch, dass sie die Zielperson in eine schutzlose Lage bringen, Appetit auf mehr machen. Die Leute beurteilen nicht nur ihre Antwort, sondern wie sie antworten. Erscheinen sie offen und ehrlich oder durchtrieben und verdächtig? Die Zuschauer sehen nicht so sehr darauf, was gesagt wurde, sondern wie es gesagt wurde und, in manchen Fällen, was nicht gesagt wurde. Diese Art Fragen werden als Versuch „zwischen den Zeilen“ ihrer Antworten zu lesen, gestellt. Sie sind vielleicht nicht so eindringlich wie polizeiliche Befragungen, aber sie verfolgen doch irgendwie den gleichen Zweck – nämlich dass eine unschuldige Person nichts zu verbergen haben sollte. Eine schuldige Person jedoch könnte unter dem Druck zusammenbrechen. Wenn es einem Reporter gelingt einen solchen „Schnitzer“ hervorzurufen, dann betrachtet er dies als einen Hauptgewinn. Wir dürfen davon ausgehen, dass Martin Bashir einen feuchten Traum hatte, als er Michael dazu gebracht hatte über das Teilen seines Bettes mit Kindern zu sprechen. Aber es war eine Reaktion, zu der Michael auf sehr gerissene Art und Weise genötigt wurde, und dies wird bei wiederholtem Anschauen des Filmmaterials offensichtlich. Ich versuche nicht zu behaupten, dass Bashir Michael die Worte in den Mund gelegt hat, aber es war die insgesamt kriegerische und manipulative Natur der Befragung, die darauf angelegt war, Michael in die Defensive zu treiben. Eine Person, der das Gefühl vermittelt wird, sie müsse sich verteidigen, ist eine Person unter Zwang – eine Situation, die sich ganz sicher zugunsten des Reporters und nicht der befragten Person auswirkt. Je mehr sich eine Person in die Enge getrieben und genötigt fühlt, desto mehr lässt ihre Wachsamkeit nach. Aber dies tritt unabhängig von Schuld oder Unschuld der Person ein. Genau wie die meisten wahrscheinlich unter einer intensiven Befragung zusammenbrechen würden, ganz gleich ob sie ein Verbrechen begangen haben, so kann eine Person auch zerbrechen und um sich schlagen, wenn während eines Interviews zu viele Knöpfe bei ihm gedrückt werden. Die reine Überreizung der Sinne, wenn man in eine Verteidigungsposition gezwungen wird, kann einen dazu bringen, nervös und gereizt zu reagieren. Michael wurde in Interviews oft bis an den Rand dessen gebracht (wir sehen es hier, wir sahen es in dem Oprah-Interview und wir sahen es in dem Martin-Bashir-Interview). Ich glaube, seine Irritation entsprang daraus, dass er Dinge gefragt wurde, die er als seine Privatsphäre und als irrelevant betrachtete. Auch wenn er dieser Art „alle Mittel erlaubenden“ Interviews zustimmte (weil er ihre Notwendigkeit erkannte und weil Leute, auf die er hörte, ihm immer sagten, es sei eine gute Idee), mochte er sie nicht. Wie auch Lisa Marie später sagte, der Rebell in ihm schlug oft auf überraschende Weise um sich. Und wenn er sich über etwas aufregte, dann hatte er nicht vor einen Rückzieher zu machen, auch wenn andere annahmen, dass seine Ansichten im besten Fall „seltsam“ oder „exzentrisch“ seien. Wenn wir uns noch einmal die Bashir Doku ansehen, dann ist es nicht die Fragestellung darüber, ob er ein Kind sexuell missbraucht habe, die ihn auf die Palme bringt. Vielmehr ist es die Stelle, an der Bashir ihn mit der Frage bedrängt, wie er es finde, wenn Erwachsene ihr Bett mit Kindern teilen. Damit hat Bashir auf die direkte Anschuldigung hingewiesen, anstatt sich auf das zu konzentrieren, was möglicherweise als eine philosophische Fragestellung hinsichtlich Michaels persönlicher Werte hätte ausgelegt werden können. Handelt es sich hierbei um eine Praxis, die moralisch richtig oder falsch ist? Das Problem dieser Taktik ist, dass es eine Anspielung von der Handlung einer Person weg auf den sich in einer Grauzone befindenden, eher subjektiven Bereich der persönlichen Ansichten ist, die ziemlich tief im Glaubenssystem jedes Einzelnen und seiner kulturellen Werte oder auch der Umstände, unter denen jemand aufgewachsen ist, verwurzelt sind. Für Michael, der in einem winzigen Haus aufwuchs und sein Bett mit seinen Brüdern und vielen Cousins und Cousinen teilte, war es normal, dass Leute sich die Betten teilten. Es ist eine Intimität, die mit Sex nichts zu tun hat. Folglich war es seine aufrichtige Ansicht, dass das Verhalten selbst kein moralisches Fehlverhalten beinhaltete. In Michaels Augen wurde es nur zu etwas moralisch Falschem, wenn eine gewisse Grenze überschritten wurde, d.h. wenn es zu etwas Sexuellem wurde. Dies hat möglicherweise einen wesentlichen Anteil bei der Erklärung dessen, was für viele eine offensichtliche Trennung seitens Michael von der Vorstellung sein Bett zu teilen und tatsächlichem sexuellem Missbrauch eines Kindes zu sein schien. Im heutigen Amerika und in vielen Kulturen weltweit wird das Bett automatisch aufgrund der vermuteten Intimität zweier Menschen auf so kleinem Raum, mit einem Ort gleichgesetzt, an dem Sex stattfindet. Das Schlafzimmer ist zu einem Synonym für Sex geworden. Wenn wir sagen, ein Paar hat Probleme „im Schlafzimmer“, dann wird automatisch angenommen, wir sprechen über ihr Sexleben. Wir benutzen den Ausdruck „miteinander schlafen“ als eine kulturelle Umschreibung für sexuelle Aktivitäten. Michael setzte in seiner persönlichen Vorstellungswelt das Bett nicht automatisch mit Sex gleich, und er schien sich nicht besonders darum zu sorgen, ob die Gesellschaft deswegen einen Sündenbock aus ihm machen wollte, dass er außergewöhnliche Ansichten zu diesem Thema hatte. In dieser Hinsicht haben ihn möglicherweise manche für unglaublich töricht oder für unglaublich mutig angesehen. Aber wie wir auch immer über seine Reaktionen denken, der vielzitierte Glaube, dass Michael selbst sein größter Feind in Sachen Public Relations bei Interviews war, macht langsam einer neuen Denkweise Platz, da mehr und mehr Experten für Körpersprache wie Craig Baxter begonnen haben Michaels Interviews zu analysieren und öffentlich anerkennen, dass er weit davon entfernt ist der lügende Manipulator zu sein, als den ihn manche Kritiker gern darstellen, sondern dass er in Wirklichkeit eine Person ist, die in den meisten Fällen sehr aufrichtig und von geradezu brutaler Ehrlichkeit ist. Manchmal vielleicht zu brutal ehrlich, als es gut für ihn gewesen wäre. Und dies ergibt auf perfekte Art einen Sinn, wenn wir sein eigensinniges Beharren auf der Verteidigung sogar solchen Verhaltens bedenken, von dem er weiß, dass die meisten es als bestenfalls fragwürdig betrachten. Michael ist im Grunde so ehrlich, dass er nicht anders kann, auch wenn er weiß, dass seine Ehrlichkeit zwangsläufig dazu führen wird, sehr zu seinem Nachteil missgedeutet zu werden Dies ist wahrlich nicht das Erkennungsmerkmal eines Menschen, der etwas zu verbergen hat, sondern eher eine metaphorische Entsprechung für jemanden, der sein mitfühlendes Herz auf der Zunge trägt. Anstatt mit all den „sicheren“ und „korrekten“ Antworten auf Nummer sicher zu gehen breitet er alles vor uns auf dem Tisch aus, als ob er sagen wollte: „Dies ist Michael Jackson. Nimm ihn, wie er ist oder lass’ es.“

An diesem Punkt muss sich jeder einmal die Frage stellen: Würde eine schuldige Person so handeln? Oder würde diese es nicht eigentlich eher als angemessen befinden die sichere Karte auszuspielen und all jene „korrekten“ Antworten zu geben, so als würden sie von einem Skript abgelesen werden? Dass Michael nur zu „echt“ war, ist wahrscheinlich eine der liebenswertesten Eigenschaften seiner Interviews.

Aber ich merke, dass ich gerade ziemlich lange vom Interview selbst abgeschweift bin, also lasst uns an den Punkt zurückkehren, an dem ich aufgehört habe. Jedenfalls hatte Diane Sawyer gerade Lisa Maries Antwort zugehört, und sich nun Michael zugewandt, um seine Sicht der Anschuldigungen zu erfahren. Trotz allem, was ich vorhin gesagt habe, gibt es hier etwas Positives an Sawyers sehr spezifischer und direkter Art der Befragung. Michael sagte oft in Interviews, dass er niemals „ein Kind verletzen“ würde, so wie er es auch hier äußert. Allerdings ist das Problem bei dieser Antwort, und eins, auf das sich seine Gegner seit jeher gern gestürzt haben, dass Pädophile selten glauben, sie würden ein Kind verletzen oder ihm schaden, wenn sie sexuelle Handlungen an ihm verüben. Der typische Pädophile leidet grundsätzlich unter einer Fehleinschätzung, wodurch er aufrichtig glaubt, er würde liebevolle Handlungen ausführen, die dem Kind keineswegs Schaden zufügen. Sie setzen die Vorstellung ein Kind „zu verletzen“ mit physischem Missbrauch gleich, wie etwa Schlagen und Prügeln oder Vernachlässigung. Sowohl Hater als auch Zweifler haben diese Frage in Bezug auf Michaels Antworten erhoben. War dies tatsächlich eher eine dieser typischen Fehleinschätzungen Pädophiler? Ich kann diese Bedenken etwas verstehen. Aber hier ist die Fragestellung sehr, sehr direkt und präzise, und vielleicht gab es am Ende doch einen berechtigten Grund dafür, auch wenn die Frage beim ersten Hören lächerlich erscheint. Sawyer fragt ihn direkt und ausdrücklich: „Hast du JEMALS an diesem oder einem anderen Kind sexuelle Handlungen begangen, ihn liebkost oder sexuellen Kontakt gehabt?“ Dementsprechend gab es absolut keine Mehrdeutigkeit in Bezug darauf, was mit „ein Kind verletzen“ gemeint war, und keine Mehrdeutigkeit darüber, ob Michael genau verstanden hatte, was er gefragt worden war. Angesichts eines solch gezielten und direkten Befragens bleibt er immer noch geradeheraus und unverblümt dabei, dass er niemals eine solche Tat begangen hat. Sowohl seine Worte als auch seine Gesten sind an dieser Stelle entschieden und einfühlsam – die starke Betonung des Wortes „nicht“, als er sagt „Das bin ich NICHT!“ (Das beschreibt nicht den, der ich bin), das Schütteln des Kopfes (was Baxter als eines der grundlegenden Merkmale von Ehrlichkeit hervorhebt). Seine Betonung und Gesten sind hier denen in der Fernsehübertragung von 1993 sehr ähnlich, als er sich zum ersten Mal gegen die Anschuldigungen ausgesprochen hat – dieselben empathischen Gesten, dieselbe entschiedene Betonung verneinender Worte wie „nicht“ und „niemals“. Jeder Experte für Körpersprache wird euch bestätigen, dass dies nicht die Art ist, in der eine Person reagiert, die lügt. Vielmehr sind dies die Worte und das Verhalten eines Menschen, der große Empörung und Enttäuschung verspürt – genau die Art von Emotionen, wie sie von einer ungerechtfertigterweise beschuldigten Person erwartet würden. Menschen, die lügen, werden unbewusst versuchen als eine Art Ablenkung zurückzuweichen, es gibt bei ihnen sehr wenig Lebendigkeit oder Nachdruck, da ihr unterbewusstes Streben dahin geht das Thema zu wechseln und so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich und ihre Reaktionen zu lenken. Folglich tendieren sie dazu, anstatt sehr energisch und lebhaft in ihren Reaktionen zu sein, wie es bei Michael während der Fernsehübertragung 1993 und auch hier im Diane Sawyer Interview war, sehr reduziert in ihren Reaktionen zu sein. Beachtet beispielsweise hier den deutlichen Unterschied zwischen Michaels Reaktionen und jenen von Jerry Sandusky, besonders bei etwa 2:18. Sanduskys Stimme klingt monoton, er neigt dazu sehr viel wegzusehen, und er vermeidet mitfühlende Gestik. Vergleicht dies noch einmal damit, wie Michael hier reagiert.

Eine weitere interessante Frage ist, als Sawyer ihn fragt, was mit jemandem geschehen soll, „der so etwas tut“. Da die Fragestellung derartig präzise war, besteht kein Zweifel darüber, was mit „jemand, der so etwas tut“ gemeint ist. Man kann sehen, dass die Frage Michael irgendwie überrascht, einfach weil ihm nie jemand zuvor diese Frage gestellt hat. Sie scheint aus heiterem Himmel zu kommen, und er war nicht darauf vorbereitet, wie er hierauf reagieren sollte. Seine Antwort scheint hier wirklich aus dem Stegreif zu kommen, und wir können erkennen, wie es in ihm arbeitet, weil er versucht darüber nachzudenken, wie er am besten auf eine solch unerwartete Frage antworten soll. Es ist offensichtlich, dass er über diese Sache bisher nicht viel nachgedacht hat, aber seine Antwort ist vielsagend: „Ich denke, sie brauchen Hilfe, auf gewisse Weise, weißt du.“ Es ist nicht die stereotype, übertriebene Bemerkung in der Art von „Man sollte sie aufhängen“, sondern viel eher eine, die einfühlsamen Einblick in die Tatsache gewährt, dass ein Pädophiler eine kranke Person ist, die Hilfe braucht. Dies ist ein ganz kleiner, aber wichtiger Kommentar von Michael, und er sollte jeglichen Glauben daran beseitigen, dass er an einer Art wahnhafter Fehleinschätzung in Bezug auf die Grenzen zwischen angemessenem und unangemessenem Verhalten oder zwischen „normalem“ und „abnormalem“ Verhalten, litt. Er sagt hier nicht, dass Kinderbelästiger zwingendermaßen Monster sind, aber er macht seinen Standpunkt zu Menschen, die sexuelle Handlungen an Kindern ausführen, sehr deutlich. Dies ist seiner Einschätzung nach nicht normal und sicherlich kein entschuldbares Verhalten. Es sind die Taten einer kranken Person, die psychiatrische Hilfe braucht. Nach Beseitigung aller Zweideutigkeiten gibt es keinen Zweifel, wie sein Standpunkt in dieser Sache ist.

Die nächste Fragestellung wendet sich den polizeilichen Fotos zu. Da gibt es einen weiteren Ausdruck einer Emotion, der kurz sein Gesicht streift (leicht erkennbar, da die Kamera mit einer Nahaufnahme auf seinem Gesicht verharrt und die Reaktionen während eines Großteils des Interviews einfängt). Dieser Ausdruck ist unverfälscht, intensive Traurigkeit und Demütigung – und auch Entrüstung. Der Tag, an dem er nackt vor Kriminalbeamten und Polizeifotografen stand, die seine Genitalien untersuchten und fotografierten, war fast zwei Jahre her, aber all diese Emotionen, die dieser Vorfall hervorgerufen hatte, waren in seinen Gedanken immer noch frisch und unverarbeitet. Dies ist ein schmerzlicher Moment für ihn, Sawyer hat einen empfindlichen Punkt erwischt. Vergleicht diese Fragestellung damit, wenn man das Opfer einer Vergewaltigung auffordern würde, zurückzudenken und sich daran zu erinnern, was passiert ist. Das kann nicht geschehen, ohne jene PTS Trigger (PTS: Post Traumatic Stress) zu entzünden, und das ist es, was wir in diesem Abschnitt des Interviews sehen. Man nimmt eine unterschwellige Wut wahr, als Michael auf diese spezielle Frage eingeht. Ich glaube nicht, dass diese Wut gegen Sawyer persönlich gerichtet ist, sondern gegen die allgemeine Frustration über die gesamte Situation, zu „so etwas“ gezwungen worden zu sein und diesen Augenblick noch einmal durchleben zu müssen. Es ist eine Wut, die kein wahres, spezielles Ziel hat außer der Ungerechtigkeit der gesamten Situation, und an diesem Punkt ist er sichtbar aufgewühlt und wünscht nichts mehr, als dass die Sache fallengelassen wird. Es ist ihm ernst, als er darauf besteht, dass es „nichts“ gab, was auf eine Verbindung mit diesen Vorwürfen hinwies, aber sein wiederholtes „Das ist der Grund, warum ich hier sitze und mit dir spreche“ kann auf zwei Arten gedeutet werden: Auf der einen Seite ist es natürlich wahr. Wenn es auch nur einen eindeutigen Beweis, ein Stückchen eines Beweises gegeben hätte, das ihn tatsächlich mit einer sexuellen Belästigung Jordan Chandlers in Verbindung gebracht hätte, dann wären die polizeilichen Ermittlungen fortgesetzt worden (mit oder ohne Vergleich). Er wäre verurteilt worden und ins Gefängnis gekommen. Dies war Michaels Art zu sagen: „Sieh her, wenn es auch nur irgendeinen Beweis gegeben hätte – wenn diese Fotos mit seiner Beschreibung übereingestimmt hätten – wäre ich heute kein freier Mann und ich würde nicht hier sitzen und Fernsehinterviews geben“. Jedoch ist sein wiederholtes Beharren auf seiner Antwort auch eine Art von Ablenkung, eine (vielleicht) unbewusste Art zu sagen: „Das ist alles, was darüber gesagt werden muss, können wir bitte zum nächsten Thema gehen?“ Ich glaube nicht, dass es die Angst vor dieser Frage war. Ich denke, es hat mehr mit dem allgemeinen Schmerz und dem Widerwillen gegenüber dem ganzen Thema zu tun. Die Fragestellung hat ihn mental und emotional in den Dezember 1993 zurückversetzt und all das wird in diesem Moment deutlich, und nun will er ganz einfach da raus. Aber dies sagt auch wieder sehr viel darüber aus, wie Michael ganz allgemein in seinem Leben mit stressreichen Situationen umging (der Vergeich ist zum Beispiel ein Punkt, der kurz darauf angesprochen wird). An dieser Stelle des Interviews fühlt er sich sehr in die Enge getrieben und ist gewisser Weise passiv-aggressiv in seinen Antworten. Die Tatsache, dass Michael in der Tat aufgrund dieser Vorkommnisse an posttraumatischem Stress litt ist äußerst wichtig und wird, denke ich, zu oft übersehen, wenn die Leute versuchen, seine Antworten in Interviews zu deuten. Die natürliche, menschliche Reaktion auf Schmerz ist diesen zu vermeiden, die natürliche, menschliche Reaktion auf ein Trauma ist der Wunsch „nicht darüber reden zu müssen“ (deswegen sind Therapiesitzungen oft so schmerzhaft und können eine Person sich manchmal eher schlechter als besser fühlen lassen, wenigstens am Anfang). Als Michael auf diese spezielle Frage antwortet, scheint es, als würde er zwei Kämpfe mit sich selbst ausfechten: Er will kämpfen und er will fliehen. Er konnte nie gut damit umgehen sich öffentlich als verwundbar zu zeigen, und er bemerkt, dass genau das hier passiert. Obwohl seine Antworten empathisch, geradeheraus und ernsthaft bleiben, scheint er sich emotional zurückzuziehen. Es ist kein Abwenden. Seine aggressive Wiederholung des Wortes „niemals“ zum Beispiel (an dieser Stelle unterbricht er Sawyer dadurch mehrere Male) ist eine empathische Verstärkung. Er will ganz entschlossen seine Sicht deutlich machen. Aber die Reaktion ähnelt auch der Errichtung einer Mauer, die dazu dient alle weiteren Fragen zu diesem Thema abzublocken.

Wir müssen auch bedenken, dass Michael in Hinsicht dessen, inwieweit es ihm erlaubt war, darüber zu reden, rechtlich geknebelt war. Sowohl Michael als auch Lisa Marie mussten Sawyer (die das mit Sicherheit wusste!) daran erinnern, dass die Vergleichsbedingungen keinerlei Diskussion der Details des Falles erlaubten. Es war natürlich unfair, denn dies waren genau die Fragen, die jeder Interviewer, von Sawyer zu Bashir, von diesem Zeitpunkt an fragen würde. Stell dir die Frustration vor, einer Sache beschuldigt zu werden, zu wissen, dass viele Menschen dich für schuldig halten und doch nichts öffentlich dazu sagen zu können ohne eine Klage zu riskieren (und tatsächlich, nur aufgrund dieser kleinen Information, die Michael hier gab, bekam er von Evan Chandler eine Klage in Höhe von 60 Millionen Dollar aufgebrummt!).

Bei 5:55 lockert Lisa das Interview mit einer dringend notwendigen, komischen Bemerkung auf, als sie kichert und sagt: „Du wirst mich das nicht fragen, oder? Über die Flecken?“ Die Frage scheint auf freche Art spontan. Michael war nicht der einzige, der in diesen Interviews ein „Rebell“ sein konnte! Ihre spielerische Bemerkung lockert die Spannungen und bietet ihr auch den Auftakt, auf ein äußerst wichtiges Stück Information zu kommen – nämlich wie die Medien die Nachricht herunterspielten, dass die Fotos nicht mit der Beschreibung übereinstimmten. Dies ist ein klassisches Beispiel dafür, warum zwei Köpfe in Interviews oft besser sind als einer. Michael hätte vielleicht von selbst gar nicht daran gedacht diese wichtige Information einzuwerfen, aber Gott sei Dank tat es Lisa! Dies war wahrscheinlich die erste offizielle Äußerung gegenüber den meisten Zuschauern darüber, dass die Fotos offiziell bewiesen, dass es keine Übereinstimmung gab, und wenn irgendjemand sich fragt, warum er bis dahin nichts darüber gehört hatte, dann gab Lisa eine sehr bestimmte Antwort, die genau beschrieb warum. Für diese Aktion geht ein Punkt an sie!

Ab diesem Punkt widmet sich das Gespräch dem Vergleich und der so oft gestellten großen Frage: Wenn Michael es nicht getan hat, warum hat er dann bezahlt? Ich denke, Michaels Reaktion an dieser Stelle ist sehr interessant und wird auch durch das, was er acht Jahre später in seinem Interview mit Martin Bashir noch einmal sagen wird, bestätigt. Ich halte es für interessant, weil bis heute so viel Unklarheit darüber besteht, ob Michael bereitwillig diesem Vergleich zustimmte oder ob er von seiner Versicherungsgesellschaft dazu „gezwungen“ wurde. Sowohl hier, als auch in dem späteren Interview mit Bashir, bestritt Michael nie seine eigene Rolle bei dieser Entscheidung. Er erklärt hier, dass er so handelte, wie seine Berater es ihm gesagt hatten und er bestätigt nachdrücklich, dass es eine sehr einstimmige Entscheidung war, weil man ihm nicht garantieren konnte, dass „Gerechtigkeit walten“ würde und dieses sich zu etwas entwickeln könnte, das sich „über sieben Jahre hinziehen“ würde. Das wurde auch in gewisser Weise durch Thomas Mesereau bestätigt, der viele Male sagte, Michael würde seine Entscheidung, den Fall durch einen Vergleich beizulegen, „bedauern“ – wobei das Schlüsselwort hierbei „Entscheidung“ ist. Anders ausgedrückt, Michael wankte nie darin, dass er (selbst) die Entscheidung zum Vergleich getroffen hatte; alles war offen und ehrlich, weder wurde etwas ohne sein Einverständnis getan, noch wurde er zu etwas gezwungen (obwohl es dort sicher eine feine Linie zwischen „gezwungen“ und „unter Druck gesetzt“ gegeben haben könnte, und ich glaube, dass Michael sehr unter Druck gesetzt wurde dem Vergleich zuzustimmen, so dass die Wahl des Ausdrucks am Ende mehr Haarspalterei ist). Dieses Interview hätte jedoch wirklich den Mythos darüber, dass der arme, naive Michael hinters Licht geführt wurde, um dem Vergleich zuzustimmen aus der Welt schaffen sollen. Soweit ich weiß, war er anfangs bereit vor Gericht zu ziehen und zu kämpfen, nachdem er aber immer wieder hörte, über wie viele Jahre es sich hinziehen könnte; wie viel Geld er verlieren könnte; wie viel negative Publicity dadurch entstehen würde (mit der ständigen Drohung des psychotischen Evan Chandler im Rücken) und so weiter, stimmte er schließlich einem Vergleich als bester Lösung zu. Rückblickend war es eine kurzfristige Lösung um diesen Albtraum zu beenden, jedoch eine kurzfristige Lösung, die damit endete, sehr lange Schatten zu werfen – und zwar so, dass sein Vermächtnis bis heute darunter leidet. Vielleicht wäre ein langer Kampf die bessere Alternative gewesen, es scheint jedoch, dass in diesem Spiel jeder nur kurzfristig dachte. Der Vergleich war im Grunde Michaels Art zu sagen, ich möchte mich nicht damit befassen, so wie er es bei vielen großen Konflikten in seinem Leben tat. „Lasst uns das hinter uns bringen“, sagt er und zeigt mit einer emphatischen Geste mit seinem Daumen über seine Schulter.

Es ist die gleiche Taktik, die Michael an diesem Punkt des Interviews dazu bringt dran zu erinnern, dass nichts gefunden wurde, das ihn mit diesem Verbrechen in Verbindung brachte, indem er hartnäckig wiederholt: „Nichts wurde gefunden… nichts, nichts, nichts.“

Wenn es so scheint, als wäre Michael hier etwas verärgert oder dass er versuchte Sawyer absichtlich zu reizen, liegt das wohl nicht so weit daneben. Michael möchte seinen Standpunkt klar machen und es scheint ihm gleich zu sein, ob er unhöflich oder nervig sein muss, um das zu tun. Er schneidet Sawyer hier das Wort ab, so wie sie oft ihm und Lisa ins Wort fällt, und er macht es sehr gezielt (wir spüren Sawyers Verärgerung; es ist ein Augenblick, in dem sie sichtlich fürchtet die Kontrolle über das Interview zu verlieren).

Sawyer befragt ihn weiter über angeblich gefundene „Beweise“. Natürlich gab es gar keine „eindeutigen“ Beweise. Alles, was gefunden wurde, waren ein paar Fotos und Kunstbücher, die die Staatsanwaltschaft unbedingt als „Beweise“ einbringen wollte. Ich habe aus der Hater-Ecke immer wieder hören müssen, diese Bücher seien genau die Sorte Material, das Pädophile besitzen würden, um die rechtlichen Probleme des Besitzes wirklicher Kinderpornografie zu umgehen. Auch wenn an diesen Behauptungen vielleicht etwas Wahres dran sein mag, kann der Besitz von legalen Kunstbüchern wohl allerhöchstens als schwächstes Indiz gesehen werden. Diejenigen, die Propaganda für Michaels Schuld machen, heben diese Bücher oft hervor, während sie die viel aussagekräftigeren Fakten, dass die Durchsuchung seines Hauses tausende pornografische Bilder von Frauen ergeben hat (eine Quelle schreibt, es seien etwa 1800 Bilder nackter Frauen gefunden worden) herunterspielen und ignorieren. Der gesunde Menschenverstand würde sagen, wenn wir die sexuellen Präferenzen von jemand aufgrund eines Bollwerks an eindeutigem, in dessen Zuhause gefundenem Material beurteilen wollten, dann sollten über tausend Fotos nackter Frauen schwerer wiegen als das Vorhandensein ein paar weniger Kunstbücher.

Michaels Erklärung darüber, wie er häufig von Fans mit Geschenken aller Art bombardiert wird, scheint durchaus plausibel, ist aber dennoch eine Erklärung, die von den Zweiflern herunter gemacht wird. Deren Hauptargument ist, dass Michael offensichtlich Leute hatte, die seine Post durchsahen – „Torwächter“, die Pakete geöffnet, Briefe gelesen und alle Inhalte untersucht hätten, bevor er sie überhaupt zu Gesicht bekam. Und dass offensichtlich nur besondere „Geschenke“, von denen sie wussten, Michael würde sie mögen, an ihnen vorbei gekommen wären.

Auch das könnte zunächst ein plausibles Argument sein – bis man bedenkt, dass wir hier von Michael Jackson sprechen, der, lasst es mich so ausdrücken, nie so handelte, wie es Prominente normalerweise tun. Ein Auszug aus Bill Whitfields und Javon Beards Buch Remember the Time bestätigt, dass Michael sich immer selbst kümmerte – sowohl um seine Fanpost als auch um Geschenke:

Mr. Jackson saß hinten, es lief klassische Musik, der Vorhang war zugezogen. Du konntest hören, wie er die Umschläge öffnete, Brief für Brief. Manchmal sagte er: „Hey, hört euch das an. Das ist so süß.“ Und er las uns etwas von dem vor, was jemand geschrieben hatte. Die Leute schrieben über ihre an Krankheiten sterbenden Kinder und wie viel seine Musik ihnen bedeutete. Manches davon ließ ihn sehr emotional werden. Du konntest hören, dass er sehr gerührt war. Er sagte: „Vielleicht könnt ihr zwei das nicht verstehen, aber diese Dinge inspirieren mich, meine Songs zu schreiben.“ Wenn wir dann wieder beim Haus angekommen waren, hatte er zwei Stapel Briefe. Einen behielt er, den anderen gab er uns und sagte: „Die könnt ihr wegwerfen.“

Bill: Die Leute schickten auch Geschenke, Teddybären, Luftballons, Blumen, Fotos, persönliche Erinnerungen. Vieles davon war selbstgemacht. Es gefiel ihm. Manchmal bekam er ein Päckchen, das verdächtig aussah oder bei dem er sich nicht wohlfühlte. Das gab er uns, damit wir es zuerst überprüfen würden. Es war nie etwas Gefährliches darin, keine Bomben oder solche Dinge, aber um das herauszufinden wurden viele Teddybären und aufgezogene Spieluhren im Pool ertränkt.

Es gab so viel davon, dass eines der Schlafzimmer als Fanpost-Zimmer benutzt wurde. Die Wände waren voll gehängt mit handgemachten Karten und Briefen, und am Boden lagen hohe Stapel. Und das war nur das, was sich in Las Vegas während weniger Monate angesammelt hatte.

Natürlich könnte man sagen, dass Michaels Personalstab sich zu der Zeit, als Whitfield und Beard dort waren, erheblich reduziert hatte. Und dennoch weiß ich aus vielen Quellen, dass Michael immer auf diese Weise mit der Post und den Geschenken seiner Fans umging. Seine Methode war genau gegenteilig von der anderer Prominenter. Michael war anscheinend sein eigener „Torwächter“, er wendete sich nur mit der Post, die er loswerden wollte oder die ihm verdächtig vorkam, an seine Angestellten. Geschenke wurden nie weggeworfen, es sei denn, es war wegen einer verdächtigen Verpackung unvermeidlich.

In dieser Beziehung also ein weiterer Punkt für Michael. Er beantwortet die Fragen geradeheraus mit einer ehrlichen Antwort, die für jeden, der mit ihm Zeit verbracht hatte, sinnvoll wäre.

Allerdings lässt er dem unmittelbar eine Ausflucht folgen. Es dürfte jedoch eine nachvollziehbare, sogar notwendige Ausflucht sein, weil ich mir sehr sicher bin, dass der andere Vergleich, auf den Sawyer hier anspielt, die außergerichtliche Vereinbarung mit Francia ist, die für Michael aufgrund eines angeblichen Vorfalls während einer Kitzelei mit einer Zahlung von 2,2 Millionen Dollar an die Familie Francia endete. Dieser Fall war auf einer sehr dürftigen Situation aufgebaut – Michael hätte angeblich (und höchstwahrscheinlich versehentlich) während einer Kitzelattacke mit seiner Hand Jason Francias Leistengegend berührt. Daraus wäre niemals ein Fall geworden, hätte es nicht zuvor den Vergleich mit den Chandlers gegeben, der die Türen für solche gehaltlosen Zivilklagen gegen Michael durch praktisch jeden, der je mit ihm in Kontakt stand, geöffnet hat. Aber so belanglos dieser Fall auch war, können wir dennoch nicht bestreiten, dass ein Vergleichsbetrag gezahlt wurde. Wie reflektiert dieses nun Michaels Aufrichtigkeit, als er Diane Sawyer geradeheraus erzählt „Nein, das stimmt nicht“ und „Ich habe gehört, dass alles in Ordnung ist und es gibt keine anderen“? Während im restlichen Interview seine Körpersprache und Äußerungen sehr aufrichtig und offen waren, scheint er sich hier sichtlich zurückzuziehen. Er lehnt seinen Körper nicht Richtung Sawyer, wie während seiner vorherigen Äußerungen; es gibt keine empathischen Gesten. Sein Ton und sein Verhalten wirken ablenkend, ein Versuch, diesen speziellen Fragen auszuweichen. Dafür kann es natürlich viele verschiedene, plausible Gründe geben, die man alle bedenken sollte, bevor man Schlüsse zieht. Es ist gut möglich, dass das, was er zu diesem Zeitpunkt sagte, soweit er es wusste stimmte (aber angesichts seiner Körpersprache, glaube ich das nicht). Ein eher wahrscheinlicher Grund ist, dass er nicht in der Position war darüber zu sprechen, und jede Antwort, die er unter der Berücksichtigung dazu bestenfalls ein paar wenige Sekunden Zeit zur Verfügung zu haben geben würde, hätte nur zu seinen Ungunsten ausfallen können. Diese Frage so zu beantworten, dass seine Position verständlich geworden wäre, hätte vorausgesetzt, wesentlich mehr ins Detail der Angelegenheit gehen zu müssen, wozu er weder die nötige Zeit noch die Freiheit hatte darüber sprechen zu können. Es hätte zum Beispiel beinhaltet über die ganze Vorgeschichte von Jasons Mutter Blanca Francia zu sprechen; über die Geschichte davon, dass sie ihn bestohlen hatte und daraufhin entlassen worden war. Das war wesentlich mehr, als er angemessen in 5 Sekunden hätte erklären können, und deshalb war es am klügsten überhaupt nichts zu sagen. Das war sicher die bessere Alternative zu dem Risiko, einen falschen Eindruck zu erwecken, weil ihm nicht die Zeit zur Verfügung stand sich oder den Fall angemessen zu erklären.

Im Gegenzug davon ist der nächste Teil des Interviews einer der aufrichtigsten und aussagekräftigsten. Sawyer versucht mit einer Folge von Fragen darauf abzuzielen, Michael bezüglich seiner sogenannten Angewohnheit Pyjamaparties zu veranstalten in die Defensive zu bringen. Es ist immer interessant für mich in diesem oder dem Bashir Interview zu sehen, wie Michael diese Fragen tatsächlich beantwortet, gegenüber den Versuchen der Interviewer, sie zu verdrehen und den Deutungsversuchen vieler Medien. Sawyer, wie später auch Bashir, stellt ihre Fragen so, dass sie sich nur um Jungen drehen; daher stammt Michaels leichte Irritation, als er darauf zurückkommt und sagt: „Ich habe niemals nur Jungen eingeladen in mein Schlafzimmer zu kommen, das ist lächerlich.“ Im Bashir Interview argumentiert er ähnlich in dem er sagt, es waren niemals nur Jungs. Und die „Pyjamaparties“ waren weniger „Pyjamaparties“, sondern vielmehr eine Gruppe vieler verschiedener Gäste (üblicherweise zusammengesetzt aus Eltern, Verwandten, Cousinen, etc.), die alle einfach irgendwo auf Neverland schliefen, wo immer sie der Schlaf gerade überkam.

Michaels schnell ausgelöste Verteidigung gegen die Behauptung, es seien „nur Jungen“ ist auch deswegen interessant, weil es die aussagekräftigen Proteste das typische Kennzeichen einer Beteuerung von jemandem sind ist, der nicht nur darüber verärgert ist zu Unrecht beschuldigt zu werden, sondern auch über die unglaubliche Ignoranz und Leichtgläubigkeit der Öffentlichkeit, die glaubt, diese Dinge seien für ihn reizvoll.

Interessanterweise „verteidigt“ Michael in beiden Interviews nicht die Angewohnheit, mit Jungs zu übernachten – was völlig im Gegensatz zu dem steht, was die Medien darüber propagieren. Er sagt aus, er setze diese Gewohnheit, gemäß seiner Werte und Überzeugungen, nicht automatisch mit etwas Abartigem oder Schlechtem gleich. Aber in beiden Interviews verteidigt er nicht die Angewohnheit als solches, sondern vielmehr versucht er zu erklären, wie es zu diesen verfälschten Wahrnehmungen seiner Person kommen konnte. Hier sagt er geradeheraus, dass er niemals irgendwen in sein Bett eingeladen habe, und basta.

Interessant ist auch, dass er immer erwähnte, nie Kinder dazu eingeladen zu haben bei ihm zu schlafen, und tatsächlich schlief er oft auf dem Boden, während die Kinder sein Bett nahmen – oder anders herum. Im Buch von Frank Cascio erzählt Frank darüber wie er und sein Bruder Eddie sich einen Schlafsack am Boden vor dem Kamin teilten – offensichtlich waren sie in Michaels Schlafzimmer, aber nicht in seinem Bett. Ein gewaltiger Unterschied.

Und gerade als es dem durchschnittlichen Zuschauer unwahrscheinlich zu sein scheint, dass Michael eine Art Rattenfänger ist, dem die Kinder freiwillig überall hin folgen würden, erzielt Lisa einen weiteren Treffer mit ihrem Statement: „Ich habe diese Kinder gesehen … sie lassen ihn nicht einmal ins Badezimmer ohne hinterher zu laufen. Sie lassen ihn nicht aus den Augen, wenn er also ins Bett springt, dann bin sogar ich raus …“

Das führt jedoch zu ein paar angespannten Sekunden, in denen Sawyer beginnt Lisa darüber in die Mangel zu nehmen, ob sie ihrem eigenen Sohn erlauben würde sich, wenn er 12 Jahre alt wäre, so zu verhalten. Lisa entgegnet, es käme dann nicht in Frage, wenn sie Michael nicht kennen würde und nicht wissen würde, wer er ist, aber „ich weiß, wer er ist.“ In einem kurzen Augenblick zeigt die Kamera Michaels Reaktion darauf und sein Gesichtsausdruck ist, gelinde ausgedrückt, interessant. Es ist schwer zu sagen, ob das, was er fühlt Ärger oder Verletzung ist, oder eine Mischung aus beidem. Um Michaels Reaktion zu verstehen, muss man erfassen, dass Sawyer hier im Grunde darauf anspielt, man sollte ihm seinen eigenen Stiefsohn nicht anvertrauen! Unabhängig davon, wie die Frage gemeint war, scheint er sie so zu verstehen. Das ist ein direktes Zurückwerfen zu dem Unbehagen während seines Interviews mit Oprah, als er gezwungen war daneben zu stehen, als zwei Frauen über ihn sprachen, als sei er gar nicht da. Jetzt ist er gezwungen still dabei zu sitzen, während zwei Frauen über seine „Vertrauenswürdigkeit“ diskutieren. Man kann sich wohl vorstellen, dass für Michael, der während seiner Karriere als Erwachsener meistens die Kontrolle über seine Interviews hatte, solche Szenarien nicht leicht waren.

Diese Irritation ist bei der nächsten Fragestellung wieder spürbar, als Sawyer fragt, ob dieses jetzt einen Schlussstrich unter solche Situationen ziehen würde, „über die die Leute sich wundern würden.“ Beachte, wie seine Körperhaltung sich verändert hat. Er ist jetzt sehr wachsam, sitzt auf der Kante seines Stuhls und lehnt sich nach vorne. „Auf was achten?“ fragt er (mit offensichtlicher darunter liegender Verärgerung über die Frage; wir erinnern uns, er saß gerade dort, während sie seine Vertrauenswürdigkeit als Stiefvater anzweifelte). Seine Körpersprache während dieser Frage ist interessant. Sie weist auf Offenheit und Aufrichtigkeit hin, aber auch auf echte Verwirrung über die Art der Frage. Ganz gleich, wie jemand darüber denkt seine Bemerkungen interpretieren zu müssen, ist eine Sache klar ersichtlich: Michael fühlt ehrlich, dass er hier nichts zu verbergen hat und legt seine echten Gefühle – auf Gedeih und Verderb – auf den Tisch. Noch einmal, was an Michaels Antworten am interessantesten ist, ist seine klare Weigerung, die normalerweise unter diesen Umständen erwartete „korrekte“ oder „Standardantwort“ zu geben. Die meisten so beschuldigten Personen würden nicht zögern zu sagen: „Absolut nicht, ich würde mich nie wieder in so eine verletzliche Situation bringen“, und man kann deutlich erkennen, dass das die Art Antwort war, die Sawyer erwartete. Seine Weigerung, sozusagen “dem Druck nachzugeben“ und die korrekten Antworten zu geben, ist für sie einigermaßen verwirrend (und frustrierend, denn es lässt das Interview wieder einmal aus ihrer Kontrolle laufen).

Aber die Frage, die man sich wirklich stellen muss, lautet: Ist es ein Zeichen von Unschuld oder eher ein Weg, um von der Schuld abzulenken, wenn man immer die „richtigen“ Antworten gibt? Interessanterweise schien es Michael klar zu sein, dass eindeutig auf Nummer Sicher zu gehen und nicht viel Aufhebens zu machen nicht seine beste Verteidigungsart war, sondern dass es besser war, die Voreingenommenheit, Vorurteile und Wahrnehmungen sowohl des Interviewers als auch des Publikums zu hinterfragen. Lisa sagte, der Rebell in Michael könnte nie wirklich kontrolliert werden, und hier können wir das ganz sicher erkennen. Seine rebellische Ader konnte wechselweise sowohl sein größter Freund als auch sein schlimmster Feind sein. Aber hier zahlt sie sich wunderbar zu seinem Vorteil aus, und gibt ihm die Oberhand über alle Versuche von Sawyer, ihn in die Enge zu treiben.

Wo wir gerade von rebellischem Verhalten sprechen, im nächsten Teil des Interviews werden Aufnahmen von der Hochzeit gezeigt. Ist es nicht interessant, dass beide für diese Zeremonie in Schwarz gekleidet sind, sogar die Braut? Und dass Michael während seines Hochzeitsgelübdes Kaugummi kaut? (Interessant, weil das seine erste Hochzeit war, und wohl mit der Frau, in die er seit mehr als 20 Jahre verknallt war. Sogar dort scheint ihre Körpersprache auszudrücken, dass sie sich miteinander völlig entspannt fühlen und es nicht nötig haben, irgendetwas vorzutäuschen.)

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Michaels Stimmungslagen scheinen während dieses Interviews so schnell vorbeizuziehen wie Wolken. Während der Befragung zu den Vorwürfen war er ärgerlich und frustriert, aber er ist sofort wieder ganz gelassen, als das Gespräch sich angenehmeren Themen zuwendet. Seht wie sein Gesicht aufleuchtet und er ganz spontan von Ohr zu Ohr grinst, als Sawyer Lisa fragt, was sie an ihm liebt. Es ist ein etwas seltsamer Augenblick, aber die meisten Jungs mögen, wenn man über sie in großen Tönen spricht und Michael war keine Ausnahme.

Dennoch sind die Fragen zu ihrem Intimleben invasiv, auch wenn sie garantiert damit gerechnet hatten, dass solche Fragen kommen würden. Meistens, wenn zwei attraktive Menschen heiraten (und es keinen so großen Altersunterschied wie zwischen Anna Nicole Smith und J. Howard Marshall gibt) wird selbstverständlich vorausgesetzt, dass sie Sex haben. Ich erschaudere jedes Mal, wenn ich Sawyers selbstironische Bemerkung höre: „Ich habe mein Leben nicht als seriöse Journalistin verbracht, um diese Art Fragen zu stellen…“ Oh Mann. Als ob sie nicht durch das Interview hindurch vor Ungeduld fast geplatzt wäre, um endlich diese Frage stellen zu können! Ich kaufe ihr auch nicht diese zufällige Sammlung von „Fans“ ab, von denen sie diese Frage weiterreicht. Keiner dieser Leute erscheint mir Michael Jackson Fan zu sein. Ihre Kommentare werden jedoch als eine Art Rechtfertigung benutzt – das ist die Frage, die jeder wissen möchte, und deshalb haben wir das Recht, sie zu stellen. „Haben wir Sex?“ fragt Lisa und kommt Sawyer dabei scherzhaft zuvor. (Mir gefällt, wie Lisa und auch Michael Sawyer durch das ganze Interview hindurch leicht links liegen lassen!) „Ja, ja, ja!“ bestätigt sie, während sie dabei Meg Ryans Rolle aus „Harry and Sally“ übernimmt und sich dabei fast als Konkurrenz für diese herausstellt. Ihre und Michaels Reaktionen scheinen eine echte, ehrliche Mischung aus Erstaunen und Empörung zu sein, und doch gehen sie mit diesen invasiven Fragen mit einem lockeren Sinn für Humor um, und daran erkennen wir, dass ihnen diese Vorwürfe, ihre Hochzeit sei nur eine Vortäuschung, nicht fremd sind. Sie haben gelernt, humorvoll darauf zu reagieren, aber was wäre ihnen auch anderes übrig geblieben? Egal, wie viele Gegenerklärungen man abgibt, Zweifler kann man offensichtlich nie überzeugen, deshalb denke ich, sie gingen mit diesen Fragen auf die bestmögliche Art um.

Interessant ist, dass dieselben Medien und die dieselbe Öffentlichkeit, die diese Hochzeit als reine Zweckhochzeit bezeichneten und sich weigerten zu glauben, dass sie miteinander schliefen, dann aber schnell dabei waren, die Gerüchte über eine Schwangerschaft zu glauben. (…haben sie nie davon gehört, dass man den Kuchen nicht am Teller behalten und gleichzeitig essen kann?) Der kameradschaftliche Umgang mit der „Baby“-Frage führt schließlich zu einem weiteren angespannten Moment, als Diane Sawyer eine wirklich dumme Frage stellt: „Plante Michael, Lisas Kinder zu adoptieren?“ Lisa findet diese Frage völlig absurd und sagt das auch ohne Umschweife. „Ich habe noch nie etwas davon gehört, dass jemand die Kinder eines anderen adoptiert,“ sagt sie, und meint damit eine Konstellation wie die ihre, wo es eindeutig einen biologischen Vater gibt, der noch immer Teil des Lebens der Kinder ist. Diesen Teil des Interviews habe ich mir immer wieder angehört. Es ist interessant, dass Lisa über diese Frage weitaus verärgerter ist als Michael (vielleicht aus offensichtlichen Gründen), aber ich denke auch deshalb, weil sie in dieser Frage etwas erkannt hat, was Michael nicht gesehen hat, oder zumindest nicht auf Anhieb: Sawyer versucht absichtlich Michael mit einer blödsinnigen Frage eine Falle zu stellen, um ihn dumm dastehen zu lassen, besonders in den Augen der Fans von Lisa, von denen sich schon viele ihre Meinung über Michael und ihre Heirat gebildet hatten. Es könnte in diese Richtung gehen. Beachtet, wie Sawyer ihn an dieses Thema, Kinder zu adoptieren, heranführt (ein Thema, von dem sie mit Sicherheit wusste, dass Michael mit Leidenschaft dabei war) und dann ganz plötzlich Lisas Kinder ins Spiel bringt. Und das, wo sie nur Minuten zuvor darauf anspielte, dass Michael eine Person sei der Lisa nicht ihren Sohn anvertrauen sollte! Mein Eindruck ist, dass Lisa sofort erfasste, was hier vor sich ging, auch wenn es Michael nicht bewusst war. Und interessanterweise lässt Sawyer direkt von der Frage und der Thematik ab, als Lisa sie als absurd bezeichnet; und sie begründet auch nicht weiter, warum sie überhaupt danach gefragt hatte. Stattdessen entscheidet sie der Einfachheit halber, dass es Zeit für eine Unterbrechung sei.

Als das Interview fortgesetzt wird, wendet sich die Aufmerksamkeit als nächstes Michaels neuem Film zu, dem Teaser seines HIStory-Albums. Dieses Interview dient auch als eine Art offizielle Promotion für den Film, aber Michael wird wenig Gelegenheit gegeben wirklich darüber zu sprechen. Stattdessen beginnt Sawyer direkt mit dem kontroversen Aspekt. Der Film an sich und auch dieser Aspekt des Interviews wurde bereits gründlich in dem mehrteiligen Artikel des Blogs Dancing With The Elefant besprochen, weshalb ich mich hier nicht so sehr auf den Film und dessen Werte konzentriere (was einen eigenständigen Post erfordern würde), sondern bei den hier gestellten Fragen und Michaels Reaktionen darauf bleibe. Ich kann diesen Teil des Interviews nicht ansehen ohne mich aufzuregen oder mich über den Tisch gezogen zu fühlen.

Wieder einmal gab es eine perfekte Gelegenheit für einen der größten Künstler unserer Zeit, auf einer weltweiten Plattform über seine Kunst zu sprechen, und dieser Augenblick wurde vollkommen zu einer Fußnote des Interviews degradiert, wobei der Künstler kläglich auf die Aussage „es ist Kunst“ reduziert wird, wie ein in die Ecke gedrängtes Kind, das nur noch schwach seine guten Absichten beteuern kann. Doppelt frustrierend daran ist, dass man spürt, dass Michael vielleicht zum ersten Mal bereitwillig und vorausschauend die Gelegenheit wahrnehmen wollte, über seine Kunst zu sprechen. Ich bin sicher, es hätte ihm sehr gefallen ein paar vernünftige, intelligente Fragen zur Bedeutung des Films gestellt zu bekommen; über die militärische Thematik und die Symbolik und was all das zu bedeuten hatte. Höchstwahrscheinlich hätte er sie bereitwillig beantwortet. Ich weiß, dass es bei Interviews dieser Sorte nur um Einschaltquoten geht und dass sie nicht als seriöse Plattformen dienen, über Kunst zu diskutieren, aber es war von Anfang an klar, dass Sawyer hier eine Sache aufzog, aus der Michael als Verlierer herausgehen würde. Von Anfang an leiert Sawyer nur die Kontroversen des Films herunter und zeigt dadurch deutlich, wo ihre eigenen Vorurteile liegen. Anstatt sich an einem intelligenten Gespräch über seine Kunst beteiligen zu können, wird Michaels Rolle auf die eines bettelnden Kindes reduziert, und er kann in den kläglichen Sekunden, in denen er überhaupt aus seiner Sicht über den Film sprechen darf, nur reklamieren, dass „es Kunst ist“.

Nachdem der Film läuft sagt Sawyer sehr abfällig (auf eine Art, die deutlich darauf abzielt eine Diskussion über die Sachlage zu beenden): “Also, wie schon gesagt werden wir wohl darin übereinstimmen, dass wir uns nicht darüber einigen können was das für manche Leute, die es ansehen, bedeutet.“ Seht euch das Bild von Michaels Gesicht an, bei 2:57, als Sawyer diesen Satz sagt. Dieser Ausdruck liest sich wie ein unausgesprochenes, aber unverfälschtes „Wie kannst du es wagen?“ was auf verschiedenen Ebenen interpretiert werden kann – Frustration über das Missverstehen seiner Kunst und der Verzerrung ihres Zwecks, ohne die Höflichkeit ihm das letzte Wort dazu zu überlassen; Frustration darüber, so ungeniert abgewiesen zu werden. Genau genommen ist es mehr ein Ausdruck ungläubiger Fassungslosigkeit. Er macht sich nicht einmal die Mühe, noch einen Satz zu seiner Verteidigung zu sagen. Er scheint zu denken: „Was würde das bezwecken?“

Das Gespräch wendet sich dann den Kontroversen um „They Don’t Care About Us“ zu und der Zeile „Jew me, sue me.” Noch einmal, das waren alles neue, heiße Themen, als das Interview stattfand. Ich bin mir nicht sicher, ob die meisten Zuschauer Michaels Verteidigung, er spreche in dieser Zeile von sich selbst als ein Opfer verstehen, denn die natürliche Reaktion darauf wäre gewesen: „Aber Michael, du bist nicht jüdisch.“ Was aber Michael hier versucht zu erklären (und wobei wir bedenken müssen, dass ihm dazu nur eine unangemessen kurze Zeit gewährt wurde, um seine Sache darzustellen) ist, dass das Lied von Rassismus im weiteren Sinn handelt, und dass er in der Tat versucht viele historische Beispiele von Rassismus in den Song einzubringen, immer aus der Perspektive der Opfer, und es werden in diesem Song viele Opfer portraitiert. Ich habe über „They Don’t Care About Us“ bereits ausführlich geschrieben weise auf diese Posts hin:

http://www.allforloveblog.com/?p=6408
http://www.allforloveblog.com/?p=6477

Auch durch die vor kurzem publik gemachten „Sony hacks“ kamen weitere, beunruhigende Details zu dieser angeblichen „Kontroverse“ ans Licht:

http://perceptive.kinja.com/sony-hack-re-ignites-questions-about-michael-jacksons-p-1672116301

An diesem Teil des Interviews ist wiederum sehr traurig und frustrierend, dass Michael, anstatt über seine Kunst sprechen zu dürfen, in eine Verteidigungsstellung gedrängt wird, die nicht zu seinem Vorteil ist, egal wie viele Punkte er verbuchen kann. Es scheint ihm mit wachsender Frustration klar zu sein, dass er sich in einer Situation befindet, in der seine künstlerische Arbeit nicht respektiert wird und auch nur wenig wirkliches Interesse daran besteht, und in der er keine „richtige“ Antwort geben kann.

Wenn ich auf alle Aufzeichnungen solcher Art zurückblicke, scheint das auch bei den meisten anderen prominenten Interviews, die er gab, der Fall zu sein. Vielleicht entstand das zum Teil durch schlechte Beratung und schlechte Entscheidungen. Natürlich tendierte er zu den bekannten Journalisten, die ihm eine größtmögliche Plattform garantieren würden, sowohl in der Präsentation als auch in den Einschaltquoten. Aber der Kompromiss dabei war, dass diese Interviews oft zu einseitigen Gesprächen mit oberflächlichen Journalisten wurden, deren einziges Interesse die Sensationsgier war, und nicht die Kunst.

Und um sich treu zu bleiben, verschwendete Sawyer dann auch keine Zeit mehr für die Diskussion über Kunst und kommt mit der unvermeidlichen nächsten Frage, die direkt auf Michaels Aussehen und die Farbe seiner Haut zielt.

Einige der Nahaufnahmen von Michaels Gesicht während dieses Interviews ... unbezahlbar!

Einige der Nahaufnahmen von Michaels Gesicht während dieses Interviews … unbezahlbar!

Und wieder einmal ist die Nahaufnahme von Michaels Gesichtsausdruck als Reaktion auf diese Frage unbezahlbar. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich nur angestrengt versucht ein Pokerface beizubehalten (und dabei nicht sehr erfolgreich ist), oder was sonst der genaue Grund ist, aber wieder erkennen wir aufkommende Verärgerung, Frustration und ein „Warum müssen sie jetzt damit kommen“, alles in ein paar wenigen Sekunden. Wie schon zuvor können wir sehen, wie seine Augen zu Dolchen werden, wenn diese Auslöser gedrückt werden.

Zugegeben, ich habe Michaels Widerwillen öffentlich über seine Vitiligo-Erkrankung sprechen zu wollen nie wirklich nachvollziehen können. Er war in einer einmaligen Position und Ebene, um die Öffentlichkeit über diese wenig verstandene Erkrankung aufzuklären und zu helfen, deren Bekanntheit zu erhöhen. Sein ausweichendes Verhalten in dieser Angelegenheit trägt zum Teil zu der Skepsis der Öffentlichkeit bei, zumindest war es definitiv nicht hilfreich.

Aber betrachten wir bei der Analyse seiner Reaktion an dieser Stelle den auslösenden Moment bei 4:18. Sie tritt exakt in dem Augenblick ein, als Sawyer die Worte „wie du aussiehst“ sagt. Michaels Gesicht zuckt zusammen, er zieht sich buchstäblich zusammen, als wäre er körperlich getroffen. Ich fordere euch unbedingt auf, diese Stelle des Videos mehrmals abzuspielen. Es ist wirklich die körperliche Reaktion von jemand, der ins Gesicht geschlagen wurde und sich zurückzieht, um den Schlag abzumildern. Wiederum nimmt er eine passiv-aggressive Haltung ein, und gibt die bewusst vieldeutige und entmutigte Antwort:

„Ich denke, es erschafft sich selbst – Natur.“

Einerseits ist das Michaels Art zu sagen, sein Aussehen liege nicht in seinen Händen; es entstand alles von Natur aus. Andererseits muss ihm hierbei bewusst sein, dass er absichtlich vage bleibt, indem er keine ausreichende Antwort gibt. Offensichtlich lagen einige Dinge wie seine Hautfarbe außerhalb seiner Kontrolle, aber das ist nur Teil der Frage. Er versucht absichtlich den anderen Teil der Frage nicht anzusprechen, der die Entscheidungen betrifft, die er offensichtlich selbst getroffen hat. Seht, wie er bei 4:25 seine Lippen aufeinander presst und als Reaktion auf die Frage sein Kinn schüttelt. Sein wörtlicher Hinweis ist ein Zurückweisen, eine gewollte Entgegnung die sagt: „Darauf habe ich keinen Bock.“

An diesem kritischen Punkt greift Lisa mit einem sehr aussagekräftigen Statement ein. Es fügt sich in die Gespräche ein, die wir auch auf dieser Seite führen, und passt zu den eher kontroversen Themen, die auch von Susan Fast und anderen Autoren aufgegriffen wurden. Sie sagt, Michael sei ein Künstler der ständig wahrgenommene Mängel und Dinge, die er an sich nicht mag, verändert.

„Er formt sich selbst neu, er ist Künstler.“

Das ist eine interessante Aussage, da sie auf die oft diskutierte Kontroverse verweist, ob Michael sein Erscheinungsbild durch kosmetische Chirurgie bedingt durch Unsicherheiten mit seinem Aussehen veränderte, oder ob es tatsächlich aufgrund völlig beabsichtigter und ästhetischer Entscheidungen geschah, die mehr damit zusammenhingen, dass er Künstler war und weniger mit diesen vermeintlichen Unsicherheiten. Lisas Antwort scheint auf beides hinzuweisen, aber es ist interessant, dass Michael ihr nicht widerspricht, als sie diese Aussage über Michael als Künstler macht. Nicht nur, dass er ihr nicht widerspricht, er klinkt sich sogar in die Diskussion ein und bietet ihr Rückhalt indem er sagt: „Ich bin ein Performer.“

Die Theorie, dass Michael vielleicht viele bewusste und absichtliche Entscheidungen bezüglich seines Aussehens aus künstlerischen und ästhetischen Gründen traf und nicht einfach nur, weil er sich selbst für hässlich oder minderwertig hielt (der populären Theorie der Dysmorphophobie (Body-Dismorphing-Disorder), die schon weitverbreitet zu einer öffentlich akzeptierten Erzählung über Michael Jackson wurde), wurde von wissenschaftlichen Autoren und anderen seriösen Analytikern von Michaels Werk schon sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Diese Theorien sind in vielerlei Hinsicht interessant, da sie Michael von dem oft hochgejubelten Stigma der „Opferrolle“ befreien und ihn als jemanden beschreiben, der im Gegensatz dazu ein Künstler war, der die Kontrolle über jede ihn selbst betreffende ästhetische Entscheidung hatte, auch über die äußere Hülle (Leinwand), die er der Welt präsentierte.

Michael versucht, einen Witz daraus zu machen indem er sagt: „Es könnte sein, dass ich mir eines Tages hier einen roten Punkt hin machen möchte“ (zeigt auf seine Stirn), „zwei Augen hierhin“ (berührt seine Wangen). Aber innerlich lacht er nicht. Seine Worte und sein Ausdruck sind nicht besonders heiter, weil die durch diese Diskussion entstandene Anspannung immer noch spürbar ist. Es ist seine Art die lächerliche Absurdität dieser Frage an Sawyer zurückzugeben. Einerseits versucht er die Anspannung durch Humor abzuleiten, aber stoppt das Video bei 4:45 und beachtet das entschlossene Grinsen auf seinem Gesicht. Es ist ein trotziger Blick, ein Blick, der herausfordert, ein Blick der sagt „Versuchs nur und mach so weiter, du traust dich doch nicht.“ Nun ja, sie traut sich. Um es weiter mit einem Boxkampf zu vergleichen, ist das als ob Michael gerade einen linken Haken gelandet hat, aber Sawyer jetzt versucht, sich für den Knock-Out-Schlag auszurichten.

„Wünschst du dir, wieder die Farbe von früher zu haben?“

Wiederum eine Frage, auf die Michael einfach die „eingeübte“ und „richtige“ Antwort hätte geben können und es wäre erledigt gewesen, aber wenn wir Michaels Körpersprache lesen, ist er sehr verstört darüber, eine solch lächerliche und angreifende Frage gestellt zu bekommen. Denkt man darüber nach, dann ist diese Frage genauso, als würde man einen Krebspatienten fragen: „Wünschst du dir, du hättest noch deine Haare?“ oder „Vermisst du deine gesunden Zellen?“ Warum fragt man nicht einen Leukämie Patienten, ob er seine roten Blutzellen vermisst?

Beachtet, dass Michael in dem Augenblick als sie die Frage stellt stocksteif da sitzt und seine Arme verschränkt. Verschränkte Arme sind auch eine Geste, die eine Barriere erschafft. Es ist nur ein flüchtiger Moment, aber die Geste spricht Bände über die von dieser Frage hervorgerufenen Gefühle. Unbewusst schützt er sich selbst vor dem, was er als Angriffshaltung wahrnimmt. „Das musst du die Natur fragen,“ sagt er, und verwendet wiederum „Natur“ um darauf hinzuweisen, dass er über diese Situation keine Kontrolle hat. „Ich liebe schwarz,“ sagt er eindringlich. „Ich beneide sie (zeigt auf Lisa), denn sie kann sich bräunen lassen und ich nicht.“

Auf einer unterbewussteren Ebene scheint er hier einen Gedanken zu vermitteln, der sich wenn er wirklich das sagen könnte, was er sagen wollte, so anhören würde: „Ich bin offensichtlich weiß wie ein Kühlschrank, kannst du das nicht sehen? Denkst du, ich mag das lieber? Denkst du, ich wäre nicht lieber normal, so wie sie?“ Natürlich folgt dem ein Foto eines sehr jungen, dunkelhäutigen Michael mit Afro, ein fast 20 Jahre altes Bild. Wie immer wird hier darauf angespielt, dass das die „bessere“ Version von Michael sei, die Version, in der wir uns gerne an ihn erinnern, zu seiner Blütezeit. Michael hasste solche Vergleiche immer, verübelte den Rückschluss, er sei jetzt minderwertiger und könne es mit einem nostalgischen Ideal von sich selbst nicht aufnehmen.

Michael hasste diese Art von Vergleichen, mit ihrer offensichtlichen Anspielung darauf, dass er irgendwie zu seiner eigenen

Michael hasste diese Art von Vergleichen, mit ihrer offensichtlichen Anspielung darauf, dass er irgendwie zu einer “suboptimalen” Vorstellung seines nostalgischen Selbst geworden war

Aber in einem Interview, das mehr als genug Höhen und Tiefen hatte, versucht Sawyer die Sache mit einer positiven Note zu beenden, indem sie fragt, ob sie planen zusammen zu singen. Michael wirft eine kleine nette Showeinlage ein (von der Sorte, die Lisa verrückt machte), indem er dramatisch singt: “I would love to sing with you / would you like to sing with me?”(„Ich würde so gerne mit dir singen/ möchtest du mit mir singen?“). Immer wachsam für jede Gelegenheit eines Augenblicks guter Publicity, kann Michaels inneres Kind und sein spontaner Spieltrieb diesem Moment nicht widerstehen. Lisa ist ein wenig verlegen, aber kann nicht widerstehen zu lächeln. Sie klingt aufrichtig, als sie sagt: „Das ist nicht der Grund, warum ich Michael geheiratet habe.“ Ihre Körpersprache dabei ist sehr entspannt und locker; seine rechte Hand liegt hinten auf ihrer Schulter; sie nimmt seine linke Hand und hält sie. Auch hier scheinen ihre Gesten die eines Paares zu sein, das sich in Gesellschaft des jeweils anderen sehr wohl fühlt. Michael kann natürlich nicht widerstehen auf Lisas Kosten noch einen Scherz zu machen, er zeigt ihr Hasenohren, während sie weiter darüber schwafelt, weshalb sie keine Karriere als Sängerin nötig hat. Das war eine verspielte, neckende Geste, die Michael oft mit seinen besten Freunden machte, aber manchmal war es auch Michaels Art, seine Freunde auf sehr spielerische Weise wissen zu lassen, dass sie gerade Blödsinn reden. Es könnte auch ein “Illuminati Witz” gewesen sein. Michael war in der Tat bekannt für seinen berühmt-berüchtigten Sinn für Humor. „Er ist ein Spinner,“ witzelt Lisa, als Michael die Erleichterung darüber, das Interview „überlebt“ zu haben mit einem nachdrücklichen „Ja!“ feiert.

In irgendeiner Weise schien es oft so zu sein, dass Michael es mochte, ihr das Scheinwerferlicht zu stehlen, wenn sie zusammen waren. In dem Fall hier war es süß. Später wurde es zu einem Streitpunkt zwischen ihnen. Alles in allem waren sie zwei Berühmtheiten, die vieles gemeinsam hatten, so wie es Lisa ausdrückte, vielleicht etwas zu viel gemeinsam für eine länger anhaltende Verbindung. Beide stur, rebellisch, willensstark und zielstrebig; als zwei Kinder des Showbusiness, einerseits verwöhnt, jedoch andererseits auch dadurch lädiert und schikaniert, war ihre Verbindung leidenschaftlich, explosiv und letztlich zum Scheitern und Ausbrennen verurteilt.

Dieses Interview hält ihre Verbindung an einem interessanten Punkt auf der Hälfte ihres Weges fest. Zu dieser Zeit waren sie knapp über ein Jahr verheiratet, die Leidenschaft brannte noch, aber ein paar der Probleme die sie schließlich auseinander brachten, waren schon zu ahnen. Sawyer beendet das Interview mit der Frage, wo sie beide hofften in 5 Jahren zu sein. Interessant ist, dass sie die Frage an jeden der beiden getrennt stellt und nicht an sie als ein Paar. Nach 5 Jahren würden sie natürlich geschieden sein; Michael würde zwei Kinder mit einer anderen Frau haben und Lisa würde sich auf einer nach unten drehenden Spirale von Schuld und bitterer Wut befinden, die sie dazu bringen würde, Michael gegenüber auf grausame Art auszuteilen. Ich glaube, im Jahr 2000 wird ihnen beiden dieses Interview wie eine weit entfernte, schmerzhafte Erinnerung vorgekommen sein.

Doch trotz aller Selbstgefälligkeit Diane Sawyers, ihrer frustrierenden Seichtigkeit und den manchmal einfach nur irrelevanten Fragen, bleibt es eines der wertvollsten Interviews Michaels – vielleicht genau so sehr wegen dem, was gesagt wurde, als auch für das, was nicht gesagt wurde. Michael konnte manchmal eine schwierig zu interviewende Person sein, besonders wenn er sich in die Ecke gedrängt oder durch invasive, persönliche oder schlichtweg blödsinnige Fragen festgenagelt fühlte. Andererseits war er jedoch auch eine sehr transparente Interviewperson, deren entschiedene Aufrichtigkeit nur zu oft als … irgendwie zu ehrlich um wahr zu sein abgetan wurde. Die Leute schienen immer bereit, seine Aufrichtigkeit anzuzweifeln, sie zu etwas Manipulativem oder Falschem zu verdrehen.

Michaels überaus menschliche Schwächen, wie z.B. seine Tendenz, sich auf passiv-aggressive Antworten zu verlegen, wenn er die Richtung eines Interviews nicht mochte, wurden allzu oft gegen ihn verwendet, anstatt dass man vielleicht auf den Verlauf der Fragen, gesehen hätte, die diese Reaktion hervorgerufen hatten. Michael hatte zu viel Klasse um einfach ein Interview abzubrechen, oder um ganz offen feindselige Antworten zu geben, so wie ich es in letzter Zeit bei vielen Prominenten beobachtet habe. Aber auch er hatte seine Art seinem Unmut Luft zu machen.

In erster Linie müssen wir uns aber in Erinnerung rufen, dass Michael es nicht unbedingt hasste Interviews zu geben. Er hasste nur dumme Interviews. Einige seiner interessantesten Interviews sind sind solche mit eher geringer Verbreitung, wie z.B. sein offenherziges Radiointerview aus dem Stegreif mit Steve Harvey, während dem es keinen Druck gab, eine „Rolle zu spielen“ und wo er einfach entspannt und mit Spaß dabei war.

Aber wie ich über die Jahre festgestellt habe, war keines seiner Interviews ohne Wert. Sogar das Bashir Interview hatte trotz all seiner Abscheulichkeiten seine Momente. Jedes bietet Gelegenheit etwas Wertvolles über Michael zu lernen – auch wenn es nicht das war, was er sich vorgestellt hatte – normalerweise war es seine Sichtweise von Kunst oder Menschlichkeit (die beiden Dinge, die ihm am meisten am Herzen lagen, die aber selten in einem von ihnen im Brennpunkt standen). Trotz allem bieten sie interessante Einblicke in das Herz und die Seele eines Mannes, der schon von früh auf gelernt hatte, nur wenigen Leuten zu trauen und dass kein Journalist einfach nur das Beste für ihn wollen würde.

Journalisten schmeichelten sich bei ihm ein, hatten aber selten das Beste für ihn im Sinn

Journalisten schmeichelten sich bei ihm ein, hatten aber selten das Beste für ihn im Sinn

Wir können beobachten, wie er dem Interviewer fast immer ein oder zwei Gedankenschritte voraus ist (weil er gelernt hatte, das zu tun) und wie er die Kunst des Interviews als ein Mittel nutzte, uns dazu zu bringen hinter unsere vorgefassten Meinungen, Voreingenommenheit und Vorurteile zu sehen. Er tat das wechselweise bewusst als auch unbewusst, indem er die Journalisten und auch uns direkt oder indirekt herausforderte. Wie bei einem fehlerfreien Tanz mit einem Tanzpartner wusste er, wann er sich zurückhalten und mitgehen und wann er die Führung übernehmen musste.

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Und dieses eine Mal war es ein Tanz, den er nicht allein tanzen musste.

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Übersetzung: M.v.d.L. und Ilke

Über Michael Jackson, Peter Pan & Kindheit

Übersetzung von zwei Kapiteln aus: That Wonder in My Youth: Michael Jackson and Childhood von Veronica Bassil http://www.amazon.de/That-Wonder-My-Youth-Childhood-ebook/dp/B00MR5EN3Q

1. Peter Pan und die kindliche Seele

In den späten 1990er Jahren sprach Michael mit seinem einstigen spirituellen Berater Schmuley Boteach, der elf Jahre lang Rabbi an der Oxford University war, über seine Gedanken zum Stellenwert von Kindern und Kindheit. In seiner Oxford Union Rede von 2001 erwähnte Jackson, dass er mit Boteach an einem Buch über die Werte von Kindern und Kindheit arbeite: „Wir beide haben so hart daran gearbeitet, Heal The Kids ins Leben zu rufen und auch an unserem Buch über die kindlichen Eigenschaften…“ Dieses Buch erschien jedoch erst 2011, als Boteach eine Reihe von Gesprächen mit Michael veröffentlichte, genannt ‘Honoring the Child Spirit: Inspiration and Learning from our Children.’ (Zu Ehren der kindlichen Seele: Inspiration und Lernen von unseren Kindern.)

Fans haben eine Abneigung gegen Boteach, wegen der Veröffentlichung eines vorhergehenden Buches, ‘The Michael Jackson Tapes’, in dem er private Informationen enthüllte und kritische Anmerkungen machte, und weil er als Direktor von Heal The Kids Gelder zweckentfremdete, die für wohltätige Zwecke gedacht waren. Michael und Boteach stellten nach 2001 ihre Zusammenarbeit ein.

Boteachs Einleitung zu Honoring the Child Spirit ist sehr viel wohlwollender als in seinem vorherigen Buch, und konzentriert sich nur auf die Thematik von Kindern und Kindheit, Themen, die Michael sehr wichtig waren. Weil das Buch jedoch nach seinem Tod veröffentlicht wurde, hat der Rabbi die Gespräche alleine editiert. Michaels Bemerkung während der Oxford Rede über die Absicht, mit Schmuley ein Buch über Kinder zu veröffentlichen zeigt, dass er im Grunde dem Projekt zustimmte. Allerdings fand die Oxford Rede statt, bevor ihre Zusammenarbeit endete. (Zudem kam es Anfang 2003 noch zu den zweiten Anschuldigungen, die Jacksons volle Aufmerksamkeit erforderten.)

Ungeachtet dieser Problematik ist Honoring the Child Spirit jedoch eine wertvolle Quelle, in der Michael seine Sichtweise über Kinder darlegt. Meiner Meinung nach stehen seine Aussagen gegenüber Boteach im Einklang mit dem, was er an anderen Stellen gesagt hat, und helfen dabei diesen entscheidenden Themenbereich (vielleicht sogar das Schlüssel-Thema), dessen Verständnis so wichtig ist, zu beleuchten. Aus diesem Grund werde ich aus Boteachs Buch zitieren. (Boteach verwendet in seinem Buch die Schreibweise „G-d“ (G-tt) anstatt „God“ (Gott), gemäss des Jüdisch-Orthodoxen Brauchs.)

In einem der Gespräche spricht Michael über Peter Pan und seinen Erschaffer J.M. Barrie. Barries Bruder starb im Alter von 12 Jahren, und laut Michael war Barrie „eifersüchtig“, weil sein Bruder für immer ein Kind bleiben würde; er würde „für immer ein Junge (sein) und das ist der wahre Goldschatz. Das ist es, was Peter Pan inspirierte… Er spürte, dass sein Bruder für immer ein Junge bleiben würde, und so war es.“

Boteach fragt dann: Aber wie stehst du im Zusammenhang mit der Rolle von Peter Pan?“

Jackson antwortet: „Weil er (Peter Pan) für immer diese Unschuld behalten wollte, und er wußte, wofür die goldene Magie der Kindheit steht. Er wollte daran festhalten und es für alle Zeit beibehalten. Denn bist du erst einmal erwachsen, ist alles vorbei und das ist der Grund, warum Peter Pan eine alte, alte Seele ist. Er ist wie E.T.. Er ist schon seit Millionen Jahren hier, aber er wurde nie älter und er findet diese Familie und nimmt die Kinder mit nach Neverland, wo sie für immer jung bleiben.“

SB: „Hast du das Geheimnis jung zu bleiben herausgefunden?“

MJ: „In meinem Herzen, ja.“

Neverland with Children

An diesem Zitat können wir erkennen, dass Peter Pan für Michael ein Paradox ist – eine alte, alte Seele, die in Form eines jungen, alterslosen Jungen erscheint. Der Geist oder die Seele, die Peter Pan verkörpert ist eine zeitlose Inkarnation der Jugend an sich. Dieses Verständnis von Peter Pan als archaisches Wesen, zeigt sich auch in Barries Schauspiel von 1904, als der verärgerte Captain Hook Peter fragt: „Pan, wer und was bist du?“ Peter antwortet: „Ich bin Jugend, ich bin Freude, ich bin ein kleiner Vogel, der aus dem Ei geschlüpft ist!“ Peter Pan repräsentiert das junge Leben – so wie wir alle unser Leben beginnen – ob als Menschen, Welpen, Vögel oder irgend ein anderes junges Geschöpf – eine Phase voller Vertrauen, Energie und Fröhlichkeit, in der wir uns bereit fühlen, die Welt zu erforschen und anzunehmen.

Im mythologischen Kontext erinnert die Referenz von Peter Pan „ein kleiner Vogel, der aus dem Ei geschlüpft ist“ an die Weltentstehungslehre des Orphismus der alten Griechen, in dem festgehalten ist, dass die Schöpfung stattfand, als im Chaos der dunklen Nacht ein kosmisches Ei gelegt wurde aus dem Eros, der erste Gott, erschien, zweigeschlechtlich, zweiflügelig, der dann die Welt in Liebe erschuf. Diese Darstellung erscheint bei Hesiod (800 vor Chr.) und wurde von Plato und in Aristophanes Drama The Birds (5. Jhrd. Vor Chr.) wiederaufgegriffen. Peter Pan kann fliegen, wie die Vögel mit denen er sich vergleicht, was er auch andere lehrt, in dem er sie mit Feen-Staub bewirft und sie dazu anhält „liebevolle Gedanken“ zu denken.

The Pinnacle List

Peter Pan Statue mit Flügeln auf Neverland

Jacksons Bemerkungen gegenüber Boteach zeigen, dass Peter Pan für ihn ein Avatar ist, eine Verkörperung von Unschuld, Gottseligkeit und „der goldenen Magie der Kindheit“. In dem er für immer jung bleibt, hält Peter Pan an den Werten und der Denkweise des Kindes fest, eine Denkweise, die paradoxer Weise „alt“ ist, in dem Sinn, dass sie mehr mit der Natur und Gott verbunden ist, als die engstirnige, destruktive Denkweise von („erwachsenen“) Erwachsenen. Sie ist „Millionen und Abermillionen Jahre alt“, denn sie ist grundlegend, ursprünglich, nicht nur im Beginn des Lebens verwurzelt, sondern auch in der Quelle des Lebens selbst. Diese Denkweise hat nicht an der Korruption der erwachsenen Welt teilgenommen. Wie Jackson es in Take Two sagt; „Erwachsene haben mich enttäuscht. Erwachsene haben die Welt enttäuscht.“

Im Kontrast zur freudigen, abenteuerlichen Welt von Peter Pan, ist für Michael die von Erwachsenen erschaffene Welt eine oft abgestumpfte, habgierige Welt, in der die Werte der Kindheit bei dem Versuch sich einzufügen und anzupassen oft auf der Strecke bleiben. Früher in diesem Gespräch gibt Boteach Abraham Lincolns Worte wieder: „wir alle werden als Gottes Ebenbilder geboren und sterben als Kopien von Menschen.“ Michael antwortet: „das ist großartig, ganz genau so ist es, oder?“ Peter Pan wehrte sich gegen diesen Prozess und Jackson tat das ebenso, obwohl er eingestand, dass er für seine Unangepasstheit „einen furchtbaren Preis“ zahlte.

SB: „Erwachsene sind fast wie Gefangene. Sie sind wie gefangen in gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen, die ihnen auferlegt werden.

MJ: „Ja, sie versuchen das zu sein, was die Gesellschaft von ihnen erwartet, und Kinder sind einfach glücklich, drollig und lieben Spass. Sie haben diese Begeisterung, dieses Leuchten in ihren Augen, und ich war in Situationen, während Treffen mit einem Haufen Anwälten und manchmal kam ein Kind in den Raum und sie redeten einfach weiter. Ich brachte alle dazu aufzuhören und jeder musste „Hallo“ sagen, oder seine Achtung zeigen, damit das Kind sich als etwas Besonderes fühlt. Und die Anwälte haben es einfach nicht verstanden. Für mich hatte G-tt gerade den Raum betreten, und wir müssen unsere Achtung ausdrücken.“

Dieses Zitat ist ein gutes Beispiel für Jacksons Erfahrung mit der Welt der Erwachsenen – „ein Haufen Anwälte“ – im Unterschied zur Welt des Kindes. An der Auseinandersetzung mit rechtlichen Angelegenheiten – Verträgen, Gerichtssälen, Verhandlungen und eidesstattlichen Aussagen, denen Jackson während seiner Karriere unablässig gegenüber stand – ist sicherlich nichts spassig, drollig oder glücklich. Mit dem Verweis auf einen Raum voller Anwälte, stellt Jackson eindringlich die Welt der Erwachsenen der Welt der Kinder gegenüber. Wie er sagt, haben die Anwälte „es nicht verstanden“, und genau so haben es die meisten Erwachsenen, die sich wundern, warum Peter Pan für ihn eine so große Inspiration war, auch nicht verstanden.

Der Unterschied an Größe und Macht zwischen Erwachsenen und Kindern spielt bei diesem Mangel an Verständnis mit hinein, wie Michael es verdeutlicht:

Als ich klein war, traf Bill Cosby mich oft auf dem Flur der NBC Studios und sagte (erhebt und verhärtet seine Stimme), ‘Hey, was treibt ihr Kinder hier? Bringt diese Kinder hier weg.’ Jeder lachte darüber. Aber ich dachte, er meinte es im Ernst und ängstigte mich zu Tode und weinte. Jahrelang mochte ich ihn nicht. Ich erinnere mich daran, dass ich in einem Club war und da war dieser Mann, der sagte, ‘Hey, Junge! Was machst du hier drin?’ Und er machte damit weiter, bis ich weinte. Ich verstand das nicht und deshalb hatte ich Angst vor Erwachsenen und Leuten, die so groß waren. Und deshalb bin ich von ihnen eingeschüchtert. Ihnen ist nicht bewusst, welche Schmerzen sie verursachen, wenn sie Menschen so behandeln. Es ist nicht lustig.

Deshalb bin ich, wenn ich Kinder sehe, genau das Gegenteil davon. Ich gehe sehr freundlich und einfühlsam mit ihnen um. Ich möchte keinen dieser Fehler machen. Mein Vater hat das mit Kindern getan. Er tut es jetzt nicht mehr, aber ich erinnere mich, als ich klein war (erhebt aggressiv die Stimme), ‘Wie heißt du? Wo wohnst du?’ und sie sagten (die Stimme bricht), ‘Ich wohne am Ende der Strasse.’ Ich sagte dann, ‘Warum hat er Spass daran, sie zum weinen zu bringen? Ich bin sicher, dass es sehr beängstigend ist.’ Dieses Gefühl habe ich niemals vergessen.“

Um zu verstehen, was Peter Pan und seine Flucht vor den lähmenden Erwartungen des Erwachsenseins für Michael Jackson bedeutet, müssen wir seine Aussagen darüber, dass Kinder sein Leben gerettet haben und er nicht ohne sie in dieser Welt leben könnte, ernst nehmen. Barries Peter Pan lief von zu Hause fort, als er erfuhr, er würde groß werden und sein Leben als Erwachsener in einem Büro verbringen. Stattdessen erschuf er eine Insel auf der er und seine Freunde, die „verlorenen Jungen“, für immer Kinder bleiben konnten. Während der schwierigen Zeit als ein Kinderstar, der dem Druck und der Belastung einer Vollzeit Karriere ausgesetzt war, umgeben von Erwachsenen die sein Leben kontrollierten und in seiner Abwesenheit über ihn entschieden, begann Jackson damit, die Kindheit zu idealisieren und entwickelte ein Vertrauen in Kinder, die ihm die Kraft gaben, weiter zu machen, wie er Boteach gegenüber erklärt:

SB: Du siehst sie wirklich als ein Teil, ein Funken von G-tt hier auf der Erde?

MJ: Ich schwöre, das sind sie. Für mich gibt es nicht reineres und spirituelleres als Kinder und ich kann ohne sie nicht leben. Würdest du mir jetzt sagen, ‘Michael, du wirst nie wieder ein Kind sehen,’ würde ich mich umbringen. Ich schwöre dir, das würde ich, denn ich habe sonst nichts, wofür ich lebe. So ist es. Ehrlich. Kinder haben mich in jeder Sekunde meines Lebens gerettet. Meine Mutter weiß das. Ich würde sofort das Handtuch werfen aber sie (Kinder) lassen mich durchhalten, denn sie zeigen mir Liebe und es ist, als ob G-tt sagt, ‘Alles wird gut werden.’ Es ist , wie wenn der Himmel voller dunkler Wolken hängt und du siehst dieses kleine Stückchen blau und es ist, als ob G-tt sagt, ‘alles wird wieder gut.’

SB: Wenn du wirklich fertig bist, oder von etwas geplagt wirst und du siehst ein Kind, dann ist es, als ob G-tt sagt, ‘nimm es leicht’.

MJ: Genau so ist es, Schmuley. Du sagst es. Und jedes Mal, wenn ich dachte, ich hätte das Ende des Seils erreicht, kam von irgendwo ein Kind daher. Immer wenn ich es nicht mehr ertragen kann und einfach nur noch sterben möchte, wirklich. Peng! Es haut mich um und ich falle auf die Knie und danke G-tt. Das mache ich, Schmuley… Kinder bedeuten die ganze Welt.“

In diesen Gesprächen macht Michael klar, dass er die Welt der Erwachsene als erstickend, einengend, von Materialismus beherrscht empfindet, und dass sie nicht im Einklang steht mit seinen Werten und seiner Art, Kinder und das mit ihnen tief Verbundene: Vorstellungskraft, Magie, Erstaunen, Freiheit, Fröhlichkeit, Kreativität und Gott, zu ehren. Kinder sind Erwachsenen so unähnlich, dass ihre blosse Existenz „sein Leben rettete“, indem sie ihm eine Alternative bieten zu der von habgierigen, grausamen, unaufrichtigen und gottlosen Erwachsenen erschaffenen Welt.

Als Kind trug Michael Bilder des berühmten Kinderstars Shirley Temple bei sich, stellte sie in sein Ankleidezimmer und malte sogar ein Portrait von ihr. In seinem späteren Leben hatte er Fotos von ihr in seinem Schlaf- und Wohnzimmer auf Neverland. Die Bilder eines Kindes, das extreme Berühmtheit erlebt und überlebt hatte, gaben ihm Kraft, die Belastungen und Ängste seiner eigenen Karriere als Kinderstar auszuhalten. Sie machten ihm Mut, weiter zu machen, was er zum Ausdruck brachte, als er Shirley Temple Black traf:

Du hast mein Leben gerettet“, und sie verstand es nicht. Ich erklärte es ihr. Es waren diese Zeiten, in denen ich dachte, ich halte es nicht mehr aus, und sie dort zu haben, lies mich durchhalten.“

Shirley Temple MJ

Eines von vielen Bildern Michaels von Shirley Temple

Michaels lebenslange Verehrung des berühmten Kinderstars Shirley Temple und Charlie Chaplins ist bekannt, und auch seine Freundschaften mit anderen Kinderstars, wie Corey Feldman, Mark Lester, Elizabeth Taylor und Macaulay Culkin.

Wir neigen dazu, zu unterschätzen, wie es für ein Kind sein muss, in die Erwachsenenwelt der Unterhaltungsindustrie geworfen zu werden, dass ein Kind emotional, körperlich und intellektuell nicht dazu ausgerüstet ist, die Sprache und Witze, sexuelle und finanzielle Interessen der Erwachsenen zu verstehen. So wie Michael seine Gefühle Erwachsenen gegenüber Boteach erklärt, wird deutlich, dass er von dem, was er an Heucheleien, Gemeinheiten, Lügen und Betrug erfahren hat tief verletzt war. Seine Einstellung dazu ist „diese Welt verstehe ich nicht und ich möchte nicht in ihr leben“. Die Welt, an die er sich als Alternative klammerte, war die heilsame und glückliche Welt der Kinder.

SB: Fühlst du dich mit Kindern freier, natürlicher, befreiter?

MJ: Ich fühle mich nicht nur frei, sondern ich fühle mich, als stünde ich im Antlitz G-ttes. Ich fühle mich geehrt, der Glückliche zu sein. Dass G-tt mich mit ihrer Gegenwart segnet und andere Leute verstehen es nicht, weil sie sie so behandeln, als wären sie Abfall. Ich komme in den Raum, und da ist dieses Gefühl von Glückseligkeit. Du kannst es fühlen, du kannst es greifen und es wird durch sie ausgelöst, es ist Bewusstsein, es ist Spiritualität.

SB: Ist es heilsam für dich?

MJ: Es hat mein Leben gerettet.

SB: Es nimmt den Schmerz, wenn du in der Gegenwart von Kindern bist?

MJ: Es rettet mein Leben.

KIDS PIC2

So wie Michael Kinder beschreibt, vermittelt er das Gefühl, sie seien eine völlig andere Spezies, als Erwachsene, Wesen mit einmaligen Eigenschaften und Verhalten. In den Augen eines Kindes ist die Welt magisch und fröhlich und das ist der Ort, an dem Michael sein möchte, sowohl als Mensch als auch als Künstler.

SB: Wenn du die Welt durch die Augen eines Kindes betrachtest, wie würdest du sie beschreiben?

MJ: Verpackt wie ein Geschenk. Sie ist magisch. Sie ist erstaunlich. Sie ist wundervoll und du bist auf alles gespannt. Sie ist fantastisch. Sie ist großartig. Sie ist Ehrfurcht gebietend.“

Michael versuchte das was er von Kindern bekam – die magische Welt der Möglichkeiten, der Freiheit und des Erstaunens – an die Welt weiter zu geben. Auch mit anscheinend kleinen Dingen, wie seiner Fähigkeit zu ‘moonwalken’, brachte er Erstaunen in das Leben der Menschen. Der Musikkritiker der L.A.Times, Robert Hilburn, erinnert sich daran, wie er Michaels Vorführung bei Motown 25 zusah, und danach Michael Jacksons Manager Frank DiLeo anrief, um zu fragen, wie das gemacht worden war. Gab ein Geheimnis, ein verstecktes Laufband oder einen beweglichen Boden unter Michael? Nein, antwortete DiLeo, es war einfach nur er.

Viele Songs und Performances waren so gestaltet, dass sie die Magie und das Staunen, das Michael in Kindern sah, aufleben liessen:

Sie sind meine Lehrer. Ich beobachte sie und lerne. Es ist wichtig für uns zu versuchen, so zu sein wie sie und sie zu imitieren. Sie sind golden.“

Aber ich denke, wenn wir an der Magie dieses Kindes, das in unserem Innern lebt, das immer noch da ist, festhalten können, dann ist das die größte Magie der Welt. Das glaube ich wirklich. Ganz, ganz wirklich. Es gibt für mich nichts vergleichbares und ich nutze das. Alles, was ich erschaffen habe, meine gesamte Kunst und das mir gegebene Talent ist völlig von Kindern inspiriert – von nichts anderem. Jeder Song, den ich geschrieben habe, von „Billie Jean“ über „Beat It“ zu „Heal The World“ bis „We Are The World“, das alles kommt von Kindern.

Und wenn es aussieht, als ob ich in der Klemme stecke, was in kreativer Hinsicht manchmal passiert, lade ich mir ein paar Kinder ein oder verbringe Zeit mit Kindern, und ich habe das Gefühl, grenzenlos zu sein. Es gibt wirklich keine Grenze in meiner Kreativität und sie ist völlig von ihnen und G-tt inspiriert.“

Für Michael bedeuteten Kinder so viel, dass er sogar angab ohne ihre Präsenz auf dieser Welt nicht leben zu können. Kinder gaben ihm Hoffnung, wenn er verzweifelt war und inspirierten seine Kreativität. Sie verkörperten für ihn die Tugenden der Wahrheit, Güte, Liebe und Reinheit. Als Michael in seiner Rede zum Grammy Lifetime Achievement Award (Auszeichnung für das Lebenswerk) sagte: „Die Magie, das Staunen, das Geheimnisvolle und die Unschuld des Herzens eines Kindes sind die Samen der Kreativität, die die Welt heilen werden,“ besteht kein Zweifel daran, dass er das in vollem Ernst meinte. Er meinte jedes Wort davon.

MJ: Durch meine Liebe zu Kindern, kann ich G-tt erkennen. Ohne Kinder würde ich nicht verstehen, was G-tt ist, wer ER ist, ganz egal, was die Bibel sagt, und obwohl ich die Bibel liebe. Aber Kinder sind der Beweis. Man kann vieles schreiben und sagen, aber ich kann es sehen. Und wie ich es sehen kann.

Kinder – und das ist meine aufrichtige Meinung – verkörpern das Reinste, den Inbegriff von Aufrichtigkeit, von Liebe, von G-tt. Für mich sind sie G-ttes Art zu sagen, dass es Hoffnung gibt und Menschlichkeit. Sei wie die Kinder, sei so demütig wie sie, sei nett, sei großzügig, sei unschuldig. Man sieht es in den Augen, ich sehe es immer in den Augen. Wenn du einem Kind in die Augen schaust, erkennst du immer die reine Unschuld und es erinnert dich daran, demütig, nett und einfach gut zu sein. Ich möchte nicht seltsam klingen, aber ich glaube wirklich daran, dass Kinder G-tt sind. Ich glaube, sie sind die reinste Form von G-ttes Schöpfung. Wenn ein Kind den Raum betritt, bin ich völlig verändert. Ich spüre ihre Energie, ihre Präsenz und ihre Seele. Ich glaube, wir sollten bedenken, dass es für Erwachsene so einfach ist, sie zur Seite zu stossen und sie nicht zu beachten, aber ich denke, sie haben soviel zu sagen und wir hören nicht zu, wir spüren es nicht.“

Michael with child

Michael schätzte Kinder so sehr, dass es ihm schwer fiel, dafür die richtigen Worte zu finden. Wie er auch Boteach gegenüber erklärte: „Es ist fast nicht möglich, es mit Worten auszudrücken.“ Sie sind der Sonnenschein der Welt. Es ist schwer, es mit Worten zu beschreiben… es ist etwas so besonderes für mich.“

Michael glaubte daran, dass die verborgenen Kapazitäten und Fähigkeiten von Kindern in der Zukunft noch entdeckt werden würden und die Welt der Erwachsenen dazu zwingen würde zu erkennen, was Kinder zu bieten haben:

Sie werden noch erstaunliche Dinge über Kinder herausfinden, nicht erst in diesem Jahrhundert, schon in diesem Jahrzehnt. Dinge, die schon immer vorhanden waren, verblüffende Dinge über den Intellekt von Kindern und wie unbeschreiblich erstaunlich sie sind. G-ttgleich. Ich glaube das wirklich. Die Leute werden sehr viel Brillanz entdecken…. Die Sichtweise auf Kinder wird sich verändern. Ich habe nie von oben herab mit Prince und Paris gesprochen. Man kann das nicht tun, sie sind viel schlauer, als wir denken… Sie sind so klug, sie verstehen intellektuell alles, was wir sagen. Sie sind viel heller, als wir es uns je vorstellen könnten. Sie sind im Alphastadium. Sie verstehen das Unterbewusstsein. Wir verstehen es nicht. Wir sind diejenigen, die einfach nicht verstehen, wer sie sind.

SB: Sie sind mit einem bestimmten Wissen geboren?

MJ: Sehr viel Wissen. Ich glaube, sie wissen vieles, was wir noch gar nicht verstehen. Sie sind das Universum. Sie sind es wirklich. Die meisten Leute kapieren es nicht.“

Für Michael war Peter Pan der Held aller Kinder und allem, was sie repräsentieren. Er ist die Verkörperung des ewigen Kindes und eine einflussreiche Naturgewalt – eine alte, alte Seele, die all die wunderbaren Weisheit und Kreativität der Kinder beibehält und nichts davon der Welt der Erwachsenen opfert. Peter Pan entkommt dem für ihn vorgesehenen Lebensplan und erschafft seine eigene Welt – Never-Neverland, eine Welt, die ‘niemals’ zerstört oder verändert werden würde, eine Welt, in der Magie, Wunder, Abenteuer und Freiheit regierten.

Ich bin Peter Pan,“ sagte Michael zu einem Interviewer. Er erschuf Neverland, um Peter Pan als einen Avatar für die goldenen Jahre der Kindheit zu feiern, als einen Repräsentant der Macht, die die Welt heilen würde und die Michael in Kindern sah.

2. Neverland und die verlorenen Jungen

In Übereinstimmung mit Peter Pans Never-Neverland, war auch Jacksons Ranch ein Zufluchtsort für verlorene Kinder, besonders für kranke und sozial benachteiligte Kinder. Regelmässig trafen Busse voller Kinder von Krankenhäusern oder aus kirchlichen Organisationen der Innenstädte ein, um die Schönheit der Anlage, die Fahrgeschäfte, das Kino, den Zoo und die Spielarkade zu geniessen.

Vielleicht war Jackson von J.M.Barries Peter Pan so eingenommen, weil sie beide „verlorene Jungen“ waren. Laut Barrie lief Peter von zu Hause fort, als er hörte, wie seine Eltern sagten, er würde einmal Angestellter in einem Büro werden. Er floh in den Kensington Park, und wurde dort von den Vögeln und Feen aufgezogen; er hatte keine menschliche Eltern und kein traditionelles Zuhause mehr. Im Grunde war er ein Waisenkind. Peter schlossen sich später andere „verlorene Jungen“ an, die ihn als ihren Anführer und „Vater“ sahen. Barrie erklärt, sie seinen aus ihren Kinderwagen gefallen, als ihre Kindermädchen nicht aufpassten. Diese Jungs wurden quasi von denjenigen „verloren“ die auf sie achten sollten. Die Vorstellung der fahrlässigen Kindermädchen, die ihre Pflichten vernachlässigten, ist aus Oscar Wildes Komödie „The Importance Of Being Earnest“ (Ernst sein ist alles oder Bunbury) entliehen, welche 1895 in London 87 Mal aufgeführt wurde, und nach Wildes Prozess und Inhaftierung 1901 wieder neu aufgeführt wurde. In Wildes Schauspiel steckt Miss Prism, „in einem zerstreuten Moment“ das Baby, für das sie die Verantwortung trug, in eine große Aktentasche und ein Manuskript in den Kinderwagen und vergisst die Aktentasche an einem Bahnhof, wo sie beim Fundbüro landet. Später wird das Baby entdeckt und adoptiert. Deshalb verkündet die Hauptrolle des Stücks gegenüber der versnobten Lady Bracknell, er sei in einer Bahnstation, der „Brighton Line“, gefunden worden. Und tatsächlich spiegelt der teils seltsame Humor in Barries Peter Pan den Witz und Humor Wildes wieder, wie zum Beispiel der Hund namens Nana als Kindermädchen für die Kinder der Darlings, die Eröffnungsszene, in der Peter seinen Schatten sucht und die Fee Tinkerbell, die Peter einen „Knallkopf“ nennt.

Die „verlorenen“ Jungen fanden bei Jackson großen Widerhall, der sich selbst auch in mancher Art als Waise empfand und später sogar ein Lied für die verlorenen Kinder („The Lost Children“) schrieb:

So betet für all die verlorenen Kinder / Lasst uns beten für all die verlorenen Kinder / Denkt nur an all die verlorenen Kinder / Wünscht ihnen alles Gute / Das ist für all die verlorenen Kinder / Das hier ist für all die verlorenen Kinder / Denkt nur an all die verlorenen Kinder / Wünscht ihnen alles Gute und wünscht sie zurück nach Hause.“

So pray for all the lost children / Let’s pray for all the lost children / Just think of all the lost children / Wishing them well / This is for all the lost children / This one’s for all the lost children / Just think of all the lost children / Wishing them well and wishing them home.“

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Indem er schon in einem sehr jungen Alter auftrat, oft an Orten weit weg von daheim, manchmal auch auf ausgedehnten Tourneen, und auch zu den Zeiten, die er im Studio arbeitete, verbrachte er viel Zeit in Hotels und anderen unpersönlichen Orten weit weg von seinem Zuhause. Meist war sein Vater das einzige Elternteil, das ihn begleitete, er vermisste er seine Mutter, seine Schwestern und sein Zuhause.

Jacksons Gewohnheit, später in seinem Leben Waisenhäuser und Kinderkrankenhäuser zu besuchen, spiegelt seine Identifikation mit Kindern wider, die ein fürsorgliches Zuhause und eine familiäre Umgebung vermissen. Interessanter Weise taucht das Wort „verloren“ (lost) in dem Lied The Lost Children und in Childhood auf.

MIchael -  Lisa -  Farkas

Michael , Lisa Marie und Farkas

Michael spürte eine tiefe Verbindung mit Waisenkindern und kannte das Gefühl, heimatlos zu sein. Wenn er auf einer Tour war, besuchte er in jeder Stadt Waisenhäuser, brachte Spielsachen mit und spendete Ausstattung und andere Hilfsmittel. An einem Ort fand er heraus, dass ein Kind (Farkas) eine Leber brauchte, um zu überleben, und es gelang ihm schliesslich die Organspende zu ermöglichen. Sein Manager Frank DiLeo sprach auch darüber, wie Michael nachts aufblieb, um Batterien in die Spielzeuge einzusetzen, die am nächsten Tag verschenkt werden sollten. Auch auf YT kann man Videos von diesen Besuchen in Waisenhäusern ansehen, sowie von kranken und benachteiligten Kindern, die Neverland besuchten. Zur Feier des 50. Geburtstages der Vereinten Nationen 1995, begrüßten er und seine Frau Lisa Marie Presley Kinder aus aller Welt auf Neverland.

Eines seiner letzten Projekte, die er plante, war die Verfilmung Jennings Michael Burchs Buch They Cage The Animals At Night, (Tiere sperren sie nur nachts ein. Die Geschichte eines Kindes, das überleben lernte) über sein Leben in Waisenhäusern und Kinderheimen. Das 2003 auf Neverland durchgeführte Gespräch der beiden ist ergreifend. Burch (1941 – 2013) wurde im Alter von 8 Jahren von seiner Mutter ins Kinderheim gebracht und lebte in 32 verschiedenen Heimen; sein einziger Gefährte war sein geliebtes Kuscheltier namens Doggie, das er auch mit zu dem Interview brachte. Michael umarmt Burch als er in Tränen ausbricht und sagt ihm, „wir sind gleich, ich verstehe dich. Ich verstehe dich sehr gut.“ Der Regisseur des Filmprojekts, Bryan Michael Stoller erklärt die Verbindung von Michael zu Waisenkindern: „Michael erzählte mir oft, dass er sich als Heranwachsender wie ein Waisenkind fühlte, wie ein Heimkind, weil er nie in einem Zuhause war. Für ihn war jedes Hotel wie ein weiteres Kinderheim. Er sagte, oft hätte er am Fenster gesessen und Kinder gesehen, die draussen spielten, und geweint, weil er nicht daran teilhaben konnte.“ (Alex Ben Block „The Michael Jackson Movie You Never Saw“).

Michael trifft Jennings Michael Burch

Trotz seiner Liebe für die Jugend, freie Natur und Freiheit ist Peter fasziniert von traditionellen Familien, besonders von Müttern und wie sie ihren Kindern Gute Nacht-Geschichten vorlesen. Auch wenn Peter seine Freiheit nicht wirklich aufgeben möchte, um Teil einer solchen Familienszenerie zu werden, fühlt er sich davon angezogen und ein Teil von ihm sehnt sich danach. Deshalb beginnt das Stück damit, dass er sich an das Fenster der Darling Kinder heranschleicht, in der Hoffnung das nächste Kapitel der Gute Nacht-Geschichte von Mrs. Darling hören zu können. Als er Wendy und ihre Brüder nach Never-Neverland bringt, verkündet er den verlorenen Jungen, dass er ihnen eine „Mutter“ mitgebracht habe – Wendy – die ihnen noch mehr Geschichten erzählen werde. Wendy übernimmt es auch, bei Peter und den verlorenen Jungen für Ordnung zu sorgen, sie achtet darauf, dass sie ihre Medizin einnehmen und dass sie etwas zivilisierter leben und weniger wild. Sie verkörpert das Familienleben, von dem Peter sich angezogen fühlt und das er trotzdem ablehnt. Wenn sie ihn fragt: „was bin ich für dich, Peter?“ antwortet er immer: „ich bin dein Sohn, Wendy.“

Nachdem Wendy wieder in das Haus der Darlings zurückgekehrt ist, besucht sie Peter immer noch einmal im Jahr um ihm beim „Frühjahrsputz“ zu helfen, stellt jedoch fest, dass sie die Fähigkeit verliert ihn zu sehen, als sie älter wird. Das spiegelt den Gedanken wider, dass Kinder mehr dazu in der Lage sind, in der Welt von Magie und Wundern zu leben – „Dem Wunder meiner Jugend“ – und diese Fähigkeit verlieren, wenn sie erwachsen werden. In diesem Sinn bedeutet der Junge, der „nicht erwachsen werden wollte“ einfach, ein Junge, der weiter in der Welt von Magie und Wundern leben möchte, der sich wünscht, nie die Fähigkeit zum Spielen zu verlieren, und der es ablehnt die wertvollsten Freuden der Kindheit und die Fantasie zu opfern, um ein „Mann“ zu werden.

Oberflächlich und reduktiv gesehen, werden die Worte „der Junge, der nicht erwachsen werden wollte“ anstatt auf einer metaphorischen und fantasievollen Ebene, nur wörtlich interpretiert, in dem man auf eine immer gleichbleibende Jugend verweist nach Art des erstarrten Bildnis des Dorian Gray. Nicht erwachsen zu werden ist ein Akt der Rebellion – ein aktiver Widerstand gegen die Welt der Erwachsenen, mit ihrer veralbernden Ablehnung von Spiel, Freiheit und Fantasie. Auf gewisse Weise ähnelt Peter Pan darin auch Timothy Leary, dem Guru der 1960er Jahre, dessen Mantra lautete: Turn on, tune in, drop out.” (“Mach dich an, stell dich um, steig aus.”) Peter Pan war der ultimative Aussteiger, der die Werte der Erwachsenengesellschaft ablehnte. Stattdessen entschied er sich, seine eigene Welt zu erschaffen und nach seinen eigenen Regeln zu leben, etwas, was auch Michael Jackson tat.

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Missversteht man die Basis von Jacksons Identifikation mit Peter Pan, führt das auch zu einer ähnlich falschen Sicht auf Neverland, besonders in dem Punkt, dass er Neverland nur aus dem Grund erbaut habe, um Junge Buben in sein Bett zu locken. Diese reduktive Ansicht könnte nicht weiter von der Realität entfernt sein. Jackson erschuf Neverland als Hommage an seine eigene verlorene Kindheit sowie an die Kindheit, die er sich für alle Kinder wünschte, und um Erwachsene daran zu erinnern, nie „die Wunder, die Magie, die Unschuld im Herzen eines Kindes“ zu vergessen, von der er glaubte, dass sie „die Welt heilen“ könnten. Die Vorstellung, dass dieser Performer auf dem Höhepunkt seines Ruhms – ja sogar der berühmteste Mensch der Welt – sich ein gewaltiges 55 Millionen teures Projekt wie Neverland zulegen würde um Jungen oder Kinder anzulocken ist lächerlich. Einfach nur „Michael Jackson“ zu sein, egal an welchem Ort, war völlig ausreichend, um Menschenmengen zu versammeln. Aber es ist genau diese vereinfachte, reduzierte Annäherung an Jacksons gesamte Philosophie über Kinder und Kindheit und an sein geliebtes Zuhause Neverland, die so oft vorherrschend ist, während einem umfassenderen, fantasievolleren und akkuraterem Verstehen seines Plans nie wirklich Gehör geschenkt wurde, obwohl er selbst oft darüber sprach.

2003 fielen 70 Polizeibeamte mit Durchsuchungsbefehlen über Neverland her und durchwühlten es derartig, dass er 2005 kurz nach seinem Freispruch in allen Anklagepunkten nie wieder in dieses sehr besonderes Zuhause zurückkehrte, in dem er einige seiner größten Werke erschaffen hatte. Neverland gab es nicht mehr, seine Fahrgeschäfte wurden verkauft, die verzierten Tore abgebaut, die Zootiere in Schutzeinrichtungen abtransportiert und Jacksons Besitztümer, inklusive vieler Statuen von spielenden Kindern und Peter Pan entfernt und in Lagerhäuser gebracht.

Ein Lakota Sprichwort sagt: „Am wichtigsten sind die Kinder. Sie sind die wahren Menschen.“

Natürlich hatte Michael Recht damit, den Fokus auf die Jugend zu legen, als diejenigen, die den Planeten retten können – wie sollen wir die die Welt heilen, ohne auf unsere Kinder zu achten? Ganz sicher nahm er seine Verantwortung als alleinerziehendes Elternteil von drei Kindern sehr ernst und tat alles, um ihrem Leben eine solide Basis zu geben. Auch wenn sein eigener Vater nie Liebe zeigte, sagte er seinen Kindern und auch seinen Fans immer wieder, dass er sie liebt.

In Michaels Augen hatten die Kinder, die diese liebevollen, aufrichtigen, fantasievollen Eigenschaften nicht zeigten – zum Beispiel Kinder, die gemein zu einander waren, die sich schikanierten oder ähnliche Dinge taten – von Erwachsenen beigebracht bekommen, ihre natürliche, der Kindheit entsprechende Art zu verändern. Kinder konnten böse und schlecht sein, aber nur, wenn sie es von Erwachsenen gelehrt worden waren.

Aus der Erfahrung meiner eigenen Kindheit kann ich Michael darin zustimmen, dass Erwachsene im allgemeinen Kindern nicht zuhören. Ich wurde nach der alten Art von „tu’, was man dir sagt“ und „kleine Kinder soll man sehen, aber nicht hören“ erzogen; abschreckende Beispiele für den Platz, den Kindern in der Welt der Erwachsenen eingeräumt wurde. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Eltern mich gefragt hätten, wie ich empfinde, oder an irgendwelche Gespräche, in denen es um Gefühle ging. Es ging nach dem Motto „Halt die Ohren steif“, was bedeutete, niemals zu zeigen, dass man verletzt war oder etwas – besonders Liebe – brauchte. Die Familie schien manchmal nur eine Gruppe von Leuten zu sein, die zufällig Zimmergenossen waren und zusammen lebten, sich aber nicht auf einer tieferen Ebene kannten und nicht ihr Innenleben miteinander teilten. In einer solchen Umgebung ziehen Kinder sich häufig selbst groß. Teil meiner Kindheit war es auch im Alter von sechs Jahren auf ein Internat geschickt zu werden, ein Umstand der mich tief schockierte. Seltsamerweise war es zu dieser traumatischen Zeit, als ich begann Träume vom Fliegen zu haben, über die auch Michael berichtete.

Als er als Kind auf Tour war oder auf Parties spielte, war Jackson immer öfter von seinem Zuhause getrennt und verbrachte mehr Zeit auf der Strasse – entweder im Auto, in Hotelzimmern oder anderen ihm fremden Orten. Das bedeutete, dass er seine Mutter zurückliess, eine starke, fürsorgliche Präsenz, die ihm in Form von Küssen und Umarmungen die taktile Liebe gab, die er brauchte; und auch seine Schwestern, insbesondere Rebbie, die den acht Kindern oft wie eine Ersatzmutter war.

Im Gespräch mit Boteach sagte Michael: „Es ist schwer in Worte zu fassen“ und man spürt, dass die Bedeutung von Kindern hauptsächlich mit seinem Schmerz in der Kindheit und seiner einmaligen Erfahrung als Kinderstar verknüpft ist, aber auch mit seiner Fähigkeit, als Erwachsener weiter zu leben und zu kreieren.

…………………

Übersetzung M.v.d.L. – Vielen Dank an Veronica Bassil

That Wonder in my Youth

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Hat das FBI Beweise dafür, dass Michael Jackson dutzenden jungen Buben Schweigegeld zahlte?

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English: http://michaeljacksonallegations.com/did-the-fbi-have-evidence-that-michael-jackson-paid-off-dozens-of-young-boys-to-silence-them-after-he-sexually-abused-them/

Nein, das FBI hat keine Beweise dafür. Diese Behauptung stammt von einem britischen Boulevardblatt und stimmt nicht.

Am 30. Juni 2013 veröffentliche das britische Boulevardblatt Sunday People (die Sonntagsausgabe von The Mirror) einen „exklusiven“ Artikel, in dem sie behaupteten, Einsicht in die „geheimen FBI-Akten“ gehabt zu haben, welche „offenbaren, dass Michael Jackson 23 Millionen Pfund (ca. 35 Millionen Dollar) ausgab, um sich das Schweigen von mindestens zwei Dutzend jungen Buben zu erkaufen, die er über einen Zeitraum von 15 Jahren missbrauchte“ [1].

Sie behaupten, die Akten wären im Besitz des Privatdetektivs Anthony Pellicano, der 1993 für Jackson arbeitete. Als Pellicano 2002 wegen illegalen Abhörens festgenommen wurde, konfiszierte das FBI diese Dokumente, wird in dem Artikel behauptet. Es ist deren Behauptung, diese Dokumente seien „FBI-Akten“.

In dem Artikel sprechen sie mit einem Privatdetektiv, der behauptet, er habe 1993 mit Pellicano am Jackson-Fall gearbeitet. Der ungenannte Mann behauptet, er behielt sich Kopien dieser Dokumente, die er jetzt der Sunday People präsentiere – so die Schilderung der Story.

Im Artikel wird behauptet, Jackson hätte Pellicano eingestellt, um andere „Opfer“ auszuzahlen, als dem Sänger 1993 von Jordan Chandler Kindesmissbrauch unterstellt wurde. Der schmuddelige Boulevardartikel brachte es fertig, sich selbst darüber zu widersprechen, wie viele Jungs angeblich ausbezahlt wurden: in manchen Teilen des Artikels (inklusive Titel) wird von 24 Jungs gesprochen, in einem anderen Teil ist die Rede von 17 und in wieder einem anderen Teil des Artikels spricht ihre Quelle von 3 Jungs.

Ungeachtet der Widersprüchlichkeiten, der Schlampigkeit des Artikels und der fehlenden Beweise, verbreitete sich die „Neuigkeit“ wie ein Lauffeuer. Scheinbar war der Begriff „FBI-Akten“ ausreichend, um Leute zu überzeugen – einschließlich anderer Journalisten, die sich nicht darum kümmerten, den Wahrheitsgehalt dieser Story zu überprüfen, welche das Boulevardblatt als wahr darstellte. Im Handumdrehen verbreiteten viele andere Quellen diese Story und erklärten es zur Tatsache, dass „das FBI tausende Seiten aus deren geheimen Akten enthüllte, welche beweisen, dass Jackson ein Serien-Kinderschänder war und duzenden jungen Burschen Schweigegeld zahlte“. Die Behauptung wurde sogar von Mainstream-Medien übernommen. Bei den Medien stellte sich niemand, der diese Story als Fakt veröffentlichte, die logische Frage: Wenn es stimmte – warum wurde dieser Beweis niemals vor Gericht im Jackson-Prozess 2005 vorgelegt? Und warum sollten wir die Worte eines unglaubwürdigen Boulevardblattes ohne jeglichen Beweis ernst nehmen?

Nach Durchsicht der Dokumente, die dem Artikel der Sunday People als „Beweise“ beigefügt sind, stellen wir fest, dass diese weder beweisen, was in dem Artikel behauptet wird, noch repräsentieren sie einen offiziellen Standpunkt des FBIs. Beweise für Missbrauch und Abfindungen – geschweige denn eine Bestätigung des FBIs – können nirgendwo gefunden werden. Für diejenigen, die mit den Details zu den Unterstellungen gegen Jackson vertraut sind, ist es einfach zu erkennen, was diese Dokumente in Wirklichkeit sind – und sie sind nicht das, was das Boulevardblatt behauptet. Lasst sie uns der Reihe nach anschauen.

Dokument 1 [1]: 1 [Anm. d. Übers.: Der englische Text in diesem Dokument ergibt teilweise nur wenig Sinn. Ich habe mich trotzdem um eine möglichst sinnvolle Übersetzung bemüht.] FAX, 26. Juli 1993 AN: ANTHONY PELLICANO VON: [geschwärzt]

Jacksons ehemaliger Anwalt [geschwärzt], der auf Unternehmensrecht spezialisiert ist, gab an, dass an [geschwärzt] Geld gezahlt wurde. An [geschwärzt] wurde kein Geld gezahlt. Laut der Quelle gehen die Zahlungen Jacksons an die Eltern der Opfer zurück in den Sommer 1992. Jackson traf mit der Mutter des Kinderdarstellers / -tänzers Möchtegern [geschwärzt], auch bekannt als [geschwärzt] eine Vereinbarung. Ich konnte keine Kopie des besagten Vergleiches bekommen, der von Anwalt Howard Weitzman ausgearbeitet wurde, und wie folgt lautet:

  1. An diesem 7. Tag im Juli 1992 von und zwischen der Michael Jackson Organisation, hier „Organisation“ genannt und [geschwärzt], hier „Kläger“ genannt. Zeugen sagten aus, unter Berücksichtigung beidseitiger zu wahrender und auszuführender Vereinbarungen und Abkommen seitens der Beteiligten beziehungsweise der im ersten Teil erwähnten Partei, dass sich die Organisation hiermit verpflichtet und einwilligt, dass sie 1. keinen Kontakt in irgendeiner Art – schriftlich, mündlich oder telefonisch – mit dem Kläger und dem minderjährigen Kind des Klägers [geschwärzt] haben werden. Darüber hinaus soll bei Ausführung dieser Vereinbarung der Betrag von sechshunderttausend Dollar [$600,000] an den Kläger bezahlt werden. Zusätzlich soll die Organisation keinen Versuch wagen, den Kläger in irgendeiner Weise zu erpressen, einzuschüchtern, zu belästigen, zu behindern oder verantwortlich zu machen – weder jetzt noch in Zukunft. Im zweiten Teil treffen der Kläger und die erwähnte Partei folgende Vereinbarungen und Verträge:
  2. Unter Berücksichtigung des Erhalts der oben genannten Gelder in der Höhe von sechshunderttausend Dollar [$600.000] wird jeglicher Kontakt mit Medien, Nachrichtenwesen, Zeitungen, Fernsehen, Radio, Filmen, Büchern unterlassen. Weiters wird der Kläger in keiner Art versuchen, die Organisation zu erpressen, einzuschüchtern, zu belästigen, zu behindern oder haftbar zu machen, weder jetzt noch in Zukunft. Diese Vereinbarung ist für die Parteien samt deren Nachfolgern und den ihnen zugewiesenen persönlichen Vertretern verbindlich. Diese Vereinbarung wird gemäß der Gesetze des Bundesstaates Kalifornien und der Stadt Los Angeles vollstreckt. Siebenter Tag im Juli 1992.

Schlussendlich zahlte Jackson angeblich an folgende Opfer Schweigegeld: [geschwärzt] [geschwärzt]

Offenbar handelt es sich hier um ein Fax, das am 26. Juli 1993 an Pellicano geschickt wurde. Der Name des Absenders wurde geschwärzt. Der Absender behauptet, dass ihm oder ihr eine (ungenannte) Quelle berichtete, dass Jackson „die Eltern der minderjährigen Opfer auszahlte. Die Zahlungen reichen zurück in den Sommer 1992.“ Dann geht der Absender näher auf eine angebliche Abfindung in einer Höhe von 600.000 Dollar ein, indem er eine angebliche Vergleichsvereinbarung zitiert. Die gegenwärtige Vereinbarung wird nicht vorgelegt. Stattdessen sollen wir den Worten dieser Person Glauben schenken, von der wir nicht einmal wissen, wer sie ist, da der Name des Absenders geschwärzt wurde.

Glücklicherweise haben wir eine weitere Quelle für diese Story, welche im Gegensatz zur Sunday People auch einen Kontext zu diesen Behauptungen liefert, sowie die Namen, die in diesem Dokument geschwärzt wurden.

Während Michael Jacksons Prozess 2005 erhielt der Journalist Roger Friedman, der zu dieser Zeit für Fox News arbeitete, Tonbänder von dem Privatdetektiv und Boulevardblatt-Broker Paul Barresi. Dabei handelte es sich um Aufzeichnungen des Boulevardblatt-Journalisten (National Enquirer, Globe) Jim Mitteager, dessen Angewohnheit es war, seine Gespräche heimlich aufzuzeichnen. Als er starb, gab seine Frau die Bänder an Barresi weiter. Unter anderem enthielten diese Bänder Gespräche über Jackson. Eines dieser Gespräche gibt Aufschluss über das oben erwähnte Dokument, da Friedman 2005 ausgiebig über diese Story berichtete:

„Mitteager stützte sich zu mindest im Fall Jackson stark auf die zweifelhafte Informantin Taylea Shea. Deren Geschichten wurden damals folglich in viele Boulevardreportagen eingebaut. Shea, die eine Reihe von Pseudonymen zu haben scheint und viele Adressen und Telefonnummern hatte, konnte trotz einiger Versuche nicht für diese Story kontaktiert werden. Nachbarn an ihrer Adresse in Los Angeles, wo sie die längste Zeit lebte, erinnerten sich nicht gerade liebevoll an sie. Sie bezeichneten sie als Strichmädchen und betrügerische Frau, die sich immer bestechen ließ. „Sie sollte im Gefängnis landen, wenn sie nicht bereits verhaftet wurde“, sagte ein früherer Freund und Nachbar. Auf dem Band las Shea etwas vor, das sich überzeugend nach einem juristischen Dokument anhörte, das zwischen Jackson und einem 12 jährigen Jungen, der Brandon P. Richmond genannt und von seiner Mutter Eva Richmond vertreten wird, aufgesetzt wurde. Laut dem Dokument erhielt Brandon 600.000 Dollar von Jackson. Er und Jackson hätten keinen Kontakt mehr miteinander. Shea las Mitteager das Dokument, welches mit Juli 1992 datiert wurde, im darauffolgenden Jahr vor. Das wäre der Hammer gewesen, wenn es wahr gewesen wäre, weil es Brandon zu Jacksons erstem Kläger machen würde, und nicht den anderen Jungen, der sich 1993 mit Jackson einigte. Shea sagte auf dem Band weiters, dass das juristische Dokument aus den Büros des berühmten Anwalts aus Hollywood, Bert Fields, stammt – Jacksons Anwalt zu dieser Zeit. Es wird kein Grund angegeben, warum sich Jackson und Brandon Richmond hätten trennen sollen. Die logische Schlussfolgerung ist allerdings klar.“ [2]

Somit erfahren wir von Friedman, dass die ursprüngliche Quelle dieser Story eine „zweifelhafte Informantin“ war, eine Frau, die von ihren Nachbarn als Strichmädchen und betrügerische Frau bezeichnet wird. Weiters erfahren wir, dass diese angebliche Vereinbarung tatsächlich niemand gesehen hat, Shea „las es“ Mitteager nur vor. (Es ist möglich, dass Mitteager derjenige war, der Pellicano dieses Fax über sein Gespräch mit Shea schickte.) Shea ist die einzige Person, die behauptet, die angebliche Vereinbarung gesehen zu haben. Darüber hinaus gab es in Jacksons Umfeld niemals einen Brandon P. Richmond. Der Junge und seine Mutter scheinen völlig frei erfunden zu sein.

Da weder die Boulevardpresse noch die Behörden Beweise finden konnten, dass Brandon P. Richmond jemals in Jacksons Leben existierte, behauptete Friedman, dass es sich bei dem fraglichen Jungen um Brandon Adams handeln könnte, einen Jungen, der 1988 in Jacksons Film Moonwalker mitspielte. Neben dem gleichen Vornamen war Adams Schauspieler und Tänzer, genau wie der fiktionale Brandon P. Richmond. Allerdings kontaktierte Friedman Adams und seine Familie 2005 und sie bestritten, von Jackson jemals Schweigegeld erhalten zu haben. Außerdem hat der Name von Brandon Adams Mutter keine Ähnlichkeit zu dem Namen der Mutter in Sheas Story. Friedman schrieb 2005:

„Der Globe veröffentlichte die Story, ohne Namen zu nennen. Im Laufe der Zeit wurde angenommen, dass Brandon P. Richmond in Wahrheit Brandon Adams war, ein Junge, der in Jacksons „Moonwalker“ Video auftrat. Diskussionen auf den Bändern zeigen, dass die Boulevardpresse ebenfalls glaubte, die beiden Brandons seien ein und dieselbe Person. Es gibt allerdings ein Problem mit Sheas Story: Nichts passt zusammen. Zum einen sagt eine Quelle, die Fields nahe steht, dass das Dokument eine für ihre regulären Vereinbarungen unübliche Sprache aufweist. Dann ist da die gegenwärtige Familie. Laut der Adams’, die ich im Jänner traf, kennen sie keine Eva Richmond. Brandon Adams’ Mutter heißt Marquita Woods. Und Brandons Großmutter versichert mir, dass sie nichts von einer Zahlung von 600.000 Dollar weiß. Die Familie lebte 30 Jahre lang in einem bescheidenen Haus in Baldwin Hills, Kalifornien. Brandon Adams, der heute 25 Jahre alt ist, kämpft sich als Schauspieler durch. Er trat in „D2: The Mighty Ducks“ und dem Indie-Film „MacArthur Park“ auf und arbeitet derzeit daran, eine Musikkarriere aufzubauen. „Ich wünschte, ich hätte 600.000 Dollar“, sagte er. „Ich bin pleite.“ Die Adams’ wiesen darauf hin, dass Brandon niemals in Neverland war, nur im Haus der Familie Jackson in Encino. Für kurze Zeit waren sie nicht nur mit den Jacksons befreundet, sondern auch mit Sean Lennon, der ebenfalls in „Moonwalker“ mitspielte und seiner Mutter Yoko Ono. Aber die Beziehung scheint lange vor Taylea Sheas großem Knüller beendet gewesen zu sein.“ [2]

Brandon Adams wurde 2013 über Twitter erneut kontaktiert und darüber befragt, als der Sunday People Artikel erschien. Folgendes schrieb er:

Frage: „Hey, da behauptet eine britische Boulevardzeitung, dass Du 1992 von MJ Schweigegeld bekommen hast, kannst Du das noch einmal dementieren?“ Brandon Q Adams: „smh (*kopfschütteln*) … Lol (*laut lachen*) … Ich nicht!“ „Sie lieben es, Lügen über Leute zu erzählen… Ich glaube, das ist unter diesen Umständen unvermeidbar #MJ #Größe“ [3]

Außerdem ist der Text dieser angeblichen Vereinbarung viel zu salopp, um von professionellen Top-Anwälten verfasst worden zu sein.

Friedman folgerte, dass Shea die Story wahrscheinlich erfand: „Belog Shea Mitteager einfach nur, um viel Geld zu kassieren? Es scheint so.“ [2] Die Staatsanwaltschaft im Jackson-Fall brachte diese Story niemals bei Gericht oder sonst wo vor.

Am Ende des Schriftstücks steht geschrieben: „Letztendlich zahlte Jackson an folgende Opfer Schweigegeld“ [1] – gefolgt von einer Liste mit Namen. Es wird keine Quelle angegeben, aus der hervorgehen würde, wer das behauptet und auf welcher Grundlage. Wenn das der „Beweis“ der Sunday People sein soll, dass Jackson dutzende Jungen auszahlte, dann ist das in etwa so überzeugend wie deren erfundener Brandon. All das beruht auf einer einzigen fragwürdigen Quelle – einer „zweifelhaften Informantin“, die von ihren Nachbarn als Strichmädchen und betrügerische Frau bezeichnet wird – die Pellicano angeblich über Gerüchte informiert, nicht über feststehende Tatsachen und es ist definitiv keine Information, die vom FBI bestätigt wurde.

In Wirklichkeit sollte jeder, der sich auf die Behauptung bezieht, das FBI hätte Beweise dafür, dass Jackson dutzende Jungen auszahlte, folgende Frage stellen: Warum wurden diese Beweise dann während des Jackson-Prozess 2005 nie dem Gericht präsentiert? Das FBI kooperierte während dem Prozess mit der Staatsanwaltschaft, aber ein solcher Beweis tauchte niemals auf.

Dokument 2 [1]: 2-822x1024 An: Anthony Pellicano Von: [geschwärzt] Untersuchungsbericht

[geschwärzt] behauptet, ihr Sohn [geschwärzt] und andere junge Buben wurden von Michael Jackson belästigt. [geschwärzt] erzählte ihrem Freund / ihrer Freundin [geschwärzt], dass sie Jackson dafür verklagen wird, ihren Sohn belästigt zu haben, wenn die Jackson-Strafsache vorüber ist.

Die Polizei will nicht, dass [geschwärzt] mit [geschwärzt] redet, aber Privatdetektiv [geschwärzt], ([geschwärzt] Mitarbeiter) fand sie. [geschwärzt] gab [geschwärzt] Hard Copy und LA Times. Sie bekam 20.000 Dollar von Hard Copy und bereute es angeblich, da die Cops sie verdeckt hielten, nachdem ihr Interview gesendet wurde.

Die Kriminalbeamten [geschwärzt] geleiteten [geschwärzt] gestern, 2. März zu [geschwärzt] Haus. [geschwärzt] hat nur die sechste Klasse abgeschlossen. [geschwärzt] sagt, sie ging mit, damit sich [geschwärzt] wohler fühlte und um ihr wenn nötig Englisch zu übersetzen. Die Cops suchen gezielt nach Kopien von Vereinbarungen zwischen Jackson und Eltern von Kindern, bei denen [geschwärzt] angeblich Augenzeuge von Belästigungen war, darunter [geschwärzt]. [geschwärzt] erschien vor der Grand Jury. Sie sagte nichts, was Jackson schadete. Sie machte keine Anschuldigungen. Die Kriminalbeamten glauben, [geschwärzt] lügt. Unheimlicherweise verdächtigt [geschwärzt] Jackson laut meiner Quelle, Kinder zu belästigen, da die einzigen Jungen, die nie in Jacksons Zimmer schliefen, seine Neffen waren. Die Quelle teilte mir mit, dass [geschwärzt] wusste, dass ihr Sohn belästigt wurde, aber sie schaute weg. [geschwärzt] war der Meinung, es brauche sie nicht zu stören, da es ihren Sohn auch nicht störte. Die Kriminalbeamten suchten einen weiteren Jungen mit Nachnamen [geschwärzt] und sie waren interessiert an [geschwärzt] und [geschwärzt]. Die Kriminalbeamten wollten auch mit [geschwärzt] sprechen. Die beiden Bezirksstaatsanwälte von Los Angeles und Santa Barbara könnten sich zusammentun und es zu einem Fall des Bundesstaates machen, weil alles im Haus in Encino und dem Apartment in Century City begann. Die Kriminalbeamten glauben, es hätten so viele Leute Schweigegeld bekommen, dass es niemanden gab, mit dem sie sprechen konnten. [geschwärzt] geht zurück nach [geschwärzt] und weigerte sich völlig, zu kooperieren. Die Zeugen, die vor der Grand Jury in Santa Barbara aussagten, die feindlich gesinnt sind, sind [geschwärzt].

Das ist anscheinend eine Nachricht, die von jemandem an Anthony Pellicano geschrieben wurde. Der Name des Absenders ist hier ebenfalls geschwärzt. In dem Schreiben ist kein Datum angegeben, aber aus dem Text können wir ableiten, dass es wahrscheinlich im März 1994 geschrieben wurde.

„Die Kriminalbeamten [geschwärzt] geleiteten [geschwärzt] gestern, 2. März zu [geschwärzt] Haus.“

Dieser Teil des Textes sowie die volle erste Hälfte des Dokuments handelt von Blanca Francia. Sie war das Zimmermädchen, das 1993 von Hard Copy 20.000 Dollar für ein Interview erhielt, in dem sie behauptete, sie hätte mitbekommen, dass sich Jackson mit Jungen unangemessen verhielt und dass ihr eigener Sohn möglicherweise von dem Sänger belästigt wurde. Sie und ihr Sohn waren 2005 Belastungszeugen im Prozess gegen Jackson, somit sind deren Unterstellungen keine neuen Enthüllungen. (Details zu Jason Francia’s Unterstellungen hier: http://michaeljacksonallegations.com/jason-francia/, wir werden uns mit Details zu Blanca Francia später auf dieser Webseite beschäftigen.)

Am 26. Jänner 1995 berichtete das britische Boulevardblatt Today, dass „entdeckt wurde, dass Blanca Francia Lydia Encinas, eine Reporterin vom National Enquirer, als ihre Übersetzerin heranzog, als sie 1993/94 von der Polizei im Zuge der strafrechtlichen Ermittlungen gegen Jackson befragt wurde.“ [4]

Diese Story basiert auf Mitteagers Bändern:

„Paul Barresi, Boulevardbroker und Ermittler, entdeckte – nachdem er sich eine Reihe illegal aufgezeichneter Gespräche anhörte, die vom Reporter Jim Mitteager (nun verstorben) aufgenommen wurden und an Barresi weitergegeben wurden, als Mitteager starb – dass Lydia Encinas, eine Reporterin des Enquirer, dabei half, Francia’s Interview-Äußerungen mit der Polizei 1993 zu transkribieren. Damals bot der Enquirer jedem aktiv erhebliche Anreize an, der eine „Belästigungs“-Story über Jackson anzubieten hatte – völlig geduldet vom damaligen Herausgeber des Enquirer, David Perel.“

und

“Am 4. April 2005 berichtete Michelle Caruso, der damals als Journalist bei Daily News arbeitete, in einem Beitrag über die bevorstehenden Hauptzeugenaussagen im Jackson-Prozess 2005, dass die „Mitteager Bänder“ Sitzungen mit dem damaligen Herausgeber des Enquirer – David Perel – enthielten, der Mitteager am 23. März 1994 sagte, dass „ihre guten Spanischkenntnisse und ihr gutes Verhältnis zu Blanca der Grund dafür sind, dass Lydia Encinas involviert ist.“ [4]

Caruso sprach mit dem Kriminalbeamten Russ Birchim, der Francia 1993-94 interviewte.

„Caruso berichtete, dass Birchim ihr sagte, „Lydia Encinas war nicht die Übersetzerin. Aber ich traf mich mit ihr in Los Angeles.“ Caruso vermerkte auch, dass Birchim sich auf Nachfrage weigerte zu erklären, warum er sich im Verlauf eines Ermittlungsverfahrens zuerst mit einem Reporter des National Enquirers traf.“ [4]

All das scheint zu bestätigen, dass das obige Dokument irgendeine Art Notiz darüber ist, was auf den Mitteager-Bändern ist und kann auf Paul Barresi zurückverfolgt werden – genau wie das vorige Dokument.

Anstatt neue Beschuldigungen zu enthüllen, hält das Dokument lediglich Blanca Francias Geschäfte mit den Medien fest. Im Jackson-Prozess 2005 gab Blanca Francia zu, dass sie in Betracht zog, ihre Story neben Hard Copy auch an den National Enquirer zu verkaufen, was sie aber nicht tat. Aus dem Dokument geht hervor, dass es daran lag, dass „die Cops sie verdeckt hielten“ nach ihrem Hard Copy Interview.

„Sie bekam 20.000 Dollar von Hard Copy und bereute es angeblich, da die Cops sie verdeckt hielten, nachdem ihr Interview gesendet wurde.“

Natürlich konnte sie ihre Story nicht mehr an weitere Boulevardmedien verkaufen, als die Cops sie „verdeckt hielten“. Wir können dem Dokument auch entnehmen, dass Blanca Francia bereits eine Zivilklage gegen Jackson plante, bevor das Strafverfahren überhaupt abgeschlossen war:

„[Sie] erzählte ihrem Freund / ihrer Freundin, dass sie Jackson dafür verklagen wird, ihren Sohn belästigt zu haben, wenn die Jackson-Strafsache vorüber ist.“

Das Dokument gibt weiters an, dass „die Cops nach Vereinbarungen zwischen Jackson und Eltern von Kindern suchen, deren Belästigungen angeblich von [geschwärzt – vermutlich Blanca Francia] beobachtet wurde, inklusive [geschwärzt].“ Solche Vereinbarungen wurden trotz jahrzehntelangen Ermittlungen nie vorgelegt.

Der zweite Teil des Dokuments beinhaltet weitere Gerüchte und Spekulationen – nichts, was jemals bestätigt oder bewiesen wurde. Das Dokument führt eine ungenannte „Quelle“ von gewissen Behauptungen und Gerüchten (wovon nichts jemals bestätigt oder bewiesen wurde) und von Ansichten und geplanten Aktionen der Kriminalbeamten an.

„Die Kriminalbeamten nehmen an, dass so viele Leute Schweigegeld erhielten, dass es niemanden mehr gibt, mit dem man sprechen kann.“

Es ist ausführlich dokumentiert, dass die Ermittler im Jackson-Fall dem Entertainer gegenüber von Anfang an voreingenommen und sehr feindselig waren. Hier http://michaeljacksonallegations.com/the-prosecutions-hunt-for-other-victims/ kann zum Beispiel nachgelesen werden, wie sie mit unzulässigen Verhörmethoden versuchten, Jungen dazu zu überreden, Belästigungen von Jackson zu bestätigen. In unserem Artikel über Jason Francia ( http://michaeljacksonallegations.com/jason-francia/ ) kann noch mehr über diese unzulässigen Verhörmethoden gelesen werden.

Als deren vorgefasste Meinung über Jacksons Schuld nicht von Beweisen und Zeugenaussagen unterstützt wurde, entschuldigten sie das, in dem sie „glaubten“, es läge daran, dass Jackson Schweigegeld bezahlt hätte und nicht, dass er letzten Endes eventuell unschuldig war. Es gab allerdings niemals irgendeinen Beweis, der den „Glauben“, Jackson hätte Schweigegeld bezahlt, um einen Missbrauch zu vertuschen, unterstützte. Anstelle jeglichen Beweises, dass Jackson Dutzenden Jungs Schweigegeld bezahlte, finden wir in diesem Dokument Spekulationen seitens der verzweifelten und voreingenommenen Staatsanwaltschaft und Medien, um deren fehlende Beweise gegen den Sänger zu entschuldigen. Vermutungen müssen allerdings bewiesen werden, damit daraus mehr wird als lediglich unbestätigte Ansichten. Jackson wurde 2005 nach mehr als zehn Jahren Ermittlungen vor Gericht gestellt und es wurde niemals ein Beweis dazu geliefert, dass Jackson Schweigegeld gezahlt hätte.

Darüber hinaus muss in Betracht gezogen werden, dass Jacksons erste Ankläger 1993 alles nur erdenkliche unternommen haben, um eine Abfindung zu bekommen, damit sie nicht an die Öffentlichkeit oder vor Gericht gingen. Es wird empfohlen, den Artikel http://michaeljacksonallegations.com/the-chandlers-monetary-demands/ zu lesen, der den unbestätigten Mythos, Jackson habe Schweigegeld bezahlt, ins rechte Licht rückt. Wenn es für Jackson Routine war, Jungs Schweigegeld zu zahlen, damit sich diese nicht mit deren Behauptungen an die Öffentlichkeit oder die Behörden wenden – warum lehnte er es ab, die Chandlers auszuzahlen, wenn diese anerkanntermaßen von Anfang an nichts lieber wollten als Schweigegeld?

Dokument 3 [1]: 3-813x1024 Auszug eines Gespräches zwischen Jim Mitteager, Leiter des Globe, und Anthony Pellicano vom 10. Dezember 1993 PELLICANO: Du verstehst. Ich halte Dich nicht auf oder fordere Dich dazu auf, den Versuch zu beenden. JIM: Okay. Welche Situation (Story) möchtest Du gestoppt haben? Weißt Du, ich verstehe es nicht ganz… PELLICANO: Nichts. Es interessiert mich nicht. JIM: Es interessiert Dich nicht? PELLICANO: Nein, weil… Hör’ zu. Willst Du Dich logisch unterhalten oder emotional? JIM: Ich möchte über die Wirklichkeit sprechen. PELLICANO: Tja, Realität ist Logik. JIM: Okay.

PELLICANO: Okay, die Realität ist, dass es keinen Unterschied macht, was jemand sagt. Das einzige, was einen Unterschied macht, ist die Zeit des Prozesses. Also möchte ich logischerweise, dass jede einzelne Story, die Du Dir eventuell vorstellen kannst, jetzt erscheint, damit es nichts mehr zu besprechen gibt, wenn der Prozess beginnt.

JIM: Oh, okay.

PELLICANO: Verfolgt ihr [geschwärzt]?

JIM: Das haben wir. Ist eine Weile her.

PELLICANO: Hast Du den People Magazine Artikel gesehen?

JIM: Nein, noch nicht. Warum?

PELLICANO: Besorg’ Dir einfach das aktuelle People. Und der neue Vanity Fair ist draußen. Du solltest diese Story lesen … über Michael. Es ist gerade erschienen.

JIM: Okay. Es hält dem (unhörbar) Missbrauch nicht stand?

PELLICANO: Nein, mit dem Kind.

JIM: Oh, dem Chandler Kind?

PELLICANO: Ja.

JIM: Es wäre eine Sensation, wenn ein anderes Kind vortreten würde.

PELLICANO: Es gibt kein anderes Kind. Das ist es ja, dem niemand Aufmerksamkeit schenkt. Sie suchen weiter und weiter und telefonieren und telefonieren. Es gibt kein anderes Kind.

JIM: Was ist mit Wade Robson? Sie (Enquirer) werden mich zu ihr (seiner Mutter Joy) schicken, wenn sie mich nicht morgen schicken.

PELLICANO: Wofür?

JIM: Um zu sehen, ob sie reden will. Ich meine, sie sagten, dass ich sie anrufen soll, und ich habe es nicht gemacht.

PELLICANO: Ruf’ sie an.

JIM: Na ja, sie wird nicht mit mir reden.

PELLICANO: Nun, ruf’ sie an und warte ab, was passiert.

JIM: Nun ja, wir haben darüber gesprochen, dass Du den Weg ebnest.

PELLICANO: Ja, ich weiß, aber…

JIM: Ist das zu gefährlich?

PELLICANO: Naja, ich kann die Leute nicht wissen lassen, dass wir beide uns kennen.

JIM: Okay – gut, das ist in Ordnung.

Dieses Dokument zeigt eine aufgezeichnete Unterhaltung zwischen Jim Mitteager und Anthony Pellicano vom 10. Dezember 1993. Es ist ein Rätsel, was dieses Dokument beweisen soll, weil es den Behauptungen der Sunday People sogar widerspricht, da Pellicano Mitteager hier mitteilt, dass es keinen anderen Ankläger als Jordan Chandler gibt.

„Es gibt kein anderes Kind. Dem schenkt niemand Aufmerksamkeit. Sie suchen und telefonieren weiter und weiter. Es gibt kein anderes Kind.“

Bitte berücksichtigt auch, dass diese angebliche Unterhaltung am 10. Dezember 1993 stattgefunden hat – dem Zeitpunkt, zu dem Pellicano aufhörte, für Jackson zu arbeiten. Zuvor hatte Pellicano eng mit einem von Jacksons Anwälten, Bert Fields, zusammengearbeitet. Sie stiegen aus dem Fall aus, da sie der Richtung einiger anderer Anwälte Jacksons nicht folgen wollten. Nach dem Abgang erklärte Pellicano, dass er an Jacksons Unschuld glaube und dass sein Abgang kein Hinweis auf Anderweitiges sei.

Die Sunday People zog es vor, es nicht einzubeziehen, aber es gibt eine weitere Unterhaltung zwischen Pellicano und Mitteager, die auf Mitteagers Bändern aufgezeichnet wurde. Sie wurde im September 1994 aufgezeichnet. Paul Barresi gab dieses Band vor ein paar Jahren Aphrodite Jones, die das Transkript auf ihrer Webseite veröffentlichte. Auf diesem Band spricht Pellicano über sein Gespräch mit Jordan Chandler, der ihm sagte, dass Jackson ihn nie belästigt hatte und dass sein Vater nur Geld wollte.

„PELLICANO: Sie müssen etwas verstehen. Ich habe neun Kinder. Michael [Jackson] spielt mit meinem Baby. Sie krabbeln auf ihm herum. Sie ziehen an seinen Haaren. Sie ziehen an seiner Nase. Manchmal trägt er einen Verband quer über sein Gesicht. Wenn ich meine eigenen Kinder (unverständlich) glauben Sie, es gibt eine Möglichkeit?

MITTEAGER: Nun, bei sonst gleichen Voraussetzungen, würde ich sagen, nein.

PELLICANO: Nicht nur das. Wenn Du das Kind [Jordie Chandler] – wie ich es gemacht habe – sich niedersetzen ließest – er konnte es in Wirklichkeit nicht erwarten, aufzustehen und Videospiele zu spielen. Ich sagte: „Du verstehst nicht, wie ernst das ist. Dein Vater [Evan Chandler] wird Michael sexuelle Belästigung vorwerfen. Er wird alles Mögliche erzählen.“ Er [Jordie] sagte: „Ja, mein Vater versucht, Geld zu bekommen.“ Tatsächlich habe ich 45 Minuten lang (unverständlich). Dann habe ich versucht, ihn auszutricksen. Ich meine, Du musst wissen, ich bin eine eindrucksvolle Person. Ich habe mich sehr eingehend mit dem Kind beschäftigt. Wir waren dort (unverständlich) mit diesem Kind … und hättest Du Dich hingesetzt und hättest mit diesem Kind geredet, hättest Du keinen Zweifel. Und ich sagte, dass Michael völlig erschüttert ist. Wir sprachen es immer wieder durch. Ich versuchte, ihn zum Sitzen zu bringen und er wollte Videospiele spielen, während ich dort sitze. Ich sitze dort mit der Mutter des Kindes [June Chandler] und David Schwartz kommt rein und (unverständlich) worum geht es hier? Und [Barry] Rothman (unverständlich) stellt Fragen. Es gibt keine Frage, dass Rothman (unverständlich) worum es hier geht.“ [5]

Dokument 4 [1]: 4-823x1024

Tonbandaufnahme eines Interviews von Philip und Stella LeMarque vom 28. August 1993

PHILIP: Grundsätzlich haben wir sieben Monate auf Michaels Ranch gearbeitet… Ahhh, zehn Monate.

STELLA: Neun Monate.

PHILIP: Ja, wir haben auf der Ranch gelebt… Die einzigen, die auf der Ranch gelebt haben. Alle anderen sind in der Früh gekommen und um vier gegangen.

[GESCHWÄRZT]: Wartet. Ihr redet gleichzeitig.

PHILIP: Die Ranch hat mehrere Gebäude, wo er ein Kino und eine Spielhalle hat. Das Haupthaus hat 28 Zimmer. So ungefähr. Und Gästezimmer für die Kinder.

[GESCHWÄRZT]: Und manche Orte waren privat, richtig? Wie das Kino?

PHILIP: Also, im Kino hat er… Das Kino ist wie ein normales Kino. Er hat 70 Plätze.

STELLA: Und hinter der Wand hat er zwei Schlafzimmer. Manchmal war er mit den Kindern dort. Ich wollte ein Foto von dem Schlafzimmer machen, aber ich konnte nicht.

PHILIP: So konnte er Pornos schauen.

[GESCHWÄRZT]: Sie sagen, er schaute Pornos?

Dies ist ein Transkript eines aufgezeichneten Interviews mit dem Ehepaar Philip und Stella LeMarque. Das Paar, das 1991 zehn Monate (in dem Medien behaupteten sie, es seien zwei Jahre gewesen, aber im Jackson-Prozess 2005 gab Philip LeMarque zu, dass es nur zehn Monate waren) für Jackson arbeitete, behauptete auf diesem Band, dass sie miterlebt hätten, wie sich Jackson unangemessen mit gewissen Jungen verhielt. Die Sunday People präsentierte diese Unterstellungen, als seien sie fundamentale Neuigkeit – nie zuvor gehörte Vorwürfe. Es wird sogar suggeriert, die Behauptungen des Ehepaars seien vom FBI verifiziert.

In Wirklichkeit sind die Behauptungen der LeMarques’ nichts Neues und definitiv nicht bewiesen. Philip LeMarque bezeugte im Jackson-Prozess 2005, er hätte miterlebt, wie Jackson seine Hand in Macaulay Culkins Hose steckte, dabei wurde er allerdings von Culkin persönlich diskreditiert.

Das 2013 von der Sunday People präsentierte Dokument ist das Transkript eines Interviews, das Boulevard-Broker Paul Barresi am 28. August 1993 – fünf Tage, nachdem die Chandler-Unterstellungen durch die Medien Publik wurden – mit den LeMarques geführt hat. Allerdings äußerte sogar Barresi selbst 1994 in der Dokumentation Tabloid Truth Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Ehepaars. Barresi, ein bekennender Opportunist, gab zu, dass er sich keine Gedanken darum machte, ob eine Story, die er der Boulevardpresse verkaufte, wahr sei oder nicht, solange er dafür bezahlt wurde. In dem unten angeführten Video kann man Barresi zwischen 30:14 – 35:35 und 36:55 – 37:10 über die LeMarques reden hören:

Wie all diese so genannten „third party witnesses“ (Anm. d. Übers.: unabhängige Zeugen, die weder zur Anklage noch zum Angeklagten gehören), haben sich auch die LeMarques zunächst nicht an die Behörden gewandt; versuchten aber, ihre Story für Geld an die Boulevardmedien zu verkaufen. Zuerst verlangten sie $100,000, dann versprachen sie, ihre Story weiter auszuschmücken, wenn sie $500,000 bekämen. (Barresi spricht darüber in der oben angeführten Dokumentation zwischen 36:55 – 37:10). Auch Philip LeMarque gab es vor Gericht zu.

Frage: Sie erhöhten den Preis einmal auf 500 von $100,000? Antwort: Ja, um zu sehen, ob wir es tun werden. [6]

und

Frage: Hatten sie eine Diskussion mit Paul Barresi, in der sie sagten „Wir wollen keine 100,000. Wir wollen 500,000.“? Ja oder nein. Antwort: Ja. [6]

Es muss beachtet werden, dass die LeMarques hohe Schulden hatten, als sie versuchten, Belästigungs-Storys über Jackson an die Boulevardmedien zu verkaufen. In ihrem Interview mit Barresi behaupteten die LeMarques, sie hätten auch Anstößigkeiten zwischen Jackson und anderen Jungs mitbekommen, nicht nur Macaulay Culkin, aber interessanterweise wurden diese Storys im Jackson-Prozess 2005 selbst von der Staatsanwaltschaft nie vorgebracht. Möglicherweise, weil nicht einmal diese Staatsanwaltschaft, die Jackson sonst alles nur Erdenkliche vorwarf, diese Storys glaubwürdig fand?

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Bei diesen Dokumenten handelt es sich um Besitzbelege, die nachweisen, dass jemand Tonbänder dem Büro der Staatsanwaltschaft von Los Angeles beziehungsweise dem FBI zur Verfügung stellte. Vermutlich wurden sie dem Artikel der Sunday People beigefügt, um den Dokumenten einen gewissen „offiziellen Charakter“ zu verleihen und sie irgendwie mit dem FBI in Verbindung zu bringen. Allerdings beweisen sie nur, dass jemand Tonbänder an Behörden übermittelte. Sie sagen nichts über die Einschätzung der Behörden bezüglich des übermittelten Materials aus.

Dank der Dokumentation Tabloid Truth aus dem Jahr 1994 (siehe oben) wissen wir, wie und warum Dokument 5 entstand. Bei diesem Dokument handelt es sich um einen Besitzbeleg, aus dem ersichtlich ist, dass jemand das Tonband des LeMarque-Interviews am 30. August 1993 dem Büro des Bezirksstaatsanwalts aus Los Angeles übergab. Aus der Tabloid Truth Dokumentation wissen wir, dass es Paul Barresi selbst war und dass es sein Name ist, der in dem von Sunday People beigefügten Dokument geschwärzt wurde. Bitte stoppt die oben gezeigte Dokumentation bei 34:00. Es ist haargenau dasselbe Dokument, welches Sunday People 2013 als kürzlich entdeckte „FBI-Akte“ weiterzugeben versucht! In der Dokumentation erläutert allerdings Barresi selbst, was es wirklich ist und zu welchem Zweck es gemacht wurde. Der relevante Teil befindet sich zwischen 33:00 und 35:01 in der Dokumentation.

Barresis Erklärung in der Dokumentation gibt uns einen Einblick in die manipulativen Taktiken der Boulevard-Welt:

„Ich konnte mit der Boulevardpresse wie auf einer Harfe spielen.“ Falls Barresi dem Bezirksstaatsanwalt das Band brachte, bräuchte er sich um seine illegale Tonbandaufzeichnung keine Sorgen machen. Darüber hinaus würde es die Story aufpeppen. Wenn der Bezirksstaatsanwalt daran arbeitet, ist das Action, das ist Insider-Information! „Das war der Vorteil, der gut funktionierte. Wenn meine Story auch nur im Geringsten harmlos erscheint, würde sie zum Fenster raus geschmissen werden. Das ist natürlich ein Weg, es im großen Stil zu machen.“ „Ich rief den Herausgeber des Globe an und sagte: „Ich habe ein Band, ich bin am Weg in die Innenstadt, um es dem Bezirksstaatsanwalt zu übergeben.“ Und seine Worte waren: „Lass uns mitkommen.“ Und dann wusste ich, dass ich sie soweit hatte. Mein nächster Gedanke war, 30 Tausend Dollar zu verlangen. Du verlangst immer doppelt so viel, als du dir erhoffst, zu bekommen. Er bat mich zu warten und in weniger als einer Minute kam er zurück und sagte: „Also, wir können Dir keine 30 geben, wir geben Dir 10.“ Ich sagte: „Mach’ 15 daraus.“ Er sagte: „Du hast einen Deal.“ „Kannst Du die Schlagzeile schon sehen?“ „Oh, ja. Natürlich. Und ich kann auch schon das Geld sehen.”

Die Sunday People wendete die gleiche manipulative Taktik an, als sie diese Dokumente als „FBI-Akten“ präsentierten – wohl wissend, dass die Verbindung zum FBI in den Augen vieler Leute Glaubwürdigkeit und einen offiziellen Charakter vermittelt – obwohl ein Schriftstück nicht glaubwürdig und dessen Inhalt nicht bewiesen ist, nur weil es dem FBI vorgelegt wurde. Nach Prüfung der Dokumente stellt sich heraus, dass diese keine Beweise für die Behauptungen der Zeitung liefern und eher auf Paul Barresi zurückgeführt werden können als zum FBI. Barresi war offensichtlich die anonyme Quelle hinter der Story der Sunday People und präsentierte sich selbst als jemand, der 1993 zusammen mit Pellicano am Jackson-Fall arbeitete. Barresi arbeitete allerdings nie für Jackson, er ist einfach ein opportunistischer Boulevard-Broker.

Jackson war 2005 vor Gericht und während dem Prozess arbeitete das FBI eng mit der Staatsanwaltschaft aus Santa Barbara zusammen. Wenn das FBI Beweise dafür gehabt hätte, dass Jackson im großen Stil Schweigegeld zahlte – warum legten sie diese Beweise nicht dem Gericht vor? Tatsächlich waren die einzigen Beweise für Geldzahlungen, die im Prozess aufgedeckt wurden, jene, die einige der Zeugen der Staatsanwaltschaft – inklusive Blanca Francia und Philip LeMarque – von den Boulevardmedien für deren Behauptungen erhielten! Es ist ironisch, dass die gleichen Medien, die im Verlauf von zwei Jahrzehnten ein Vermögen an Leute zahlten, um Michael Jackson zu verleumden, dem Sänger ohne jeglichen Beweis heimliche Schweigegeldzahlungen vorwarfen.

Näheres zur Rolle der Medien in den Unterstellungen gegen Michael Jackson siehe http://michaeljacksonallegations.com/the-medias-role-in-the-allegations-against-michael-jackson/. Quellen: [1] James Desborough, David Gardner – Michael Jackson paid £23MILLION buying silence of at least TWO DOZEN young boys he abused over 15 years (Mirror.co.uk, June 30, 2013) http://www.mirror.co.uk/news/world-news/michael-jackson-paid-23million-buying-2011662 [2] Roger Friedman – Was There an Unknown Jacko Accuser? (FoxNews.com, March 25, 2005) http://www.foxnews.com/story/2005/03/25/was-there-unknown-jacko-accuser/print [3] Brandon Q Adams Twitter https://twitter.com/BrandonAdams22/status/351200257968840704 [4] Michael Jackson: The Making Of A Myth – Part 1 http://www.stereoboard.com/pdfs/Michael-Jackson-The-Making-Of-A-Myth-Part-I.pdf [5] Aufgezeichnetes Telefonat zwischen Anthony Pellicano und Jim Mitteager (September, 1994) Es wurde ursprünglich auf Aphrodite Jones’ Webseite gepostet unter http://www.aphroditejones.com/Michael_Jackson_Trial/Michael_Jackson_Trial.htm Die Webseite wurde seit dem reorganisiert und der Bereich über den Michael Jackson Prozess ist nicht mehr verfügbar. [6] Phillip LeMarque’s Zeugenaussage im Michael Jackson Prozess 2005 (8. April 2005) Weiterführende Artikel zu diesem Thema: Charles Thomson in einem Interview von 2010 über die Veröffentlichung der FBI-Akten: http://all4michael.com/2013/07/02/die-fbi-akten-stutzen-michaels-unschuld-die-medien-berichten-etwas-anderes/ In den Jackson FBI-Akten – Gespräch mit Charles Thomson, Willa Stillwater, Joie Collins (Dancing With The Elephant-Blog): http://all4michael.com/2012/10/18/in-den-jackson-fbi-akten-gesprach-mit-charles-thomson-willa-stillwater-joie-collins-dancing-with-the-elephant-blog/

Junge, gehört das Mädchen zu dir?

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Boy, is that Girl with You?

Post vom 02/04/2015

https://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Ich bin so froh, dass sich in dieser Woche wieder einmal unser langjähriger Freund Joe Vogel gesellt. Oder eigentlich sollte ich Dr. Joe Vogel sagen – du hast seit unserem letzten Gespräch einiges erreicht! Was hast du alles so getrieben, Joe?

Joe: Hi Willa. Großartig, wieder mit dir zu reden. Ich bin in letzter Zeit so beschäftigt gewesen, aber jedes Mal, wenn ich bei Dancing With the Elephant reinschaue, dann ist irgendeine großartige neue Diskussion im Gange. Du und Joie, ihr leistet fantastische Arbeit bei der Untersuchung der verschiedenen Facetten des schöpferischen Werks und des Lebens von Michael Jackson.

Was mich betrifft … Wie du bemerkt hast, habe ich kürzlich meine Promotion an der Universität von Rochester abgeschlossen. Ich arbeite nun an einem Buch über James Baldwin, das sich auf seine Kultur- und Medienkritiken der 80er Jahre konzentriert.

Willa: Oh, wie interessant! Ich wusste, dass du in deinem Blog regelmäßig über James Baldwin postest, aber ich wusste nicht, dass du ein Buch über ihn schreibst.

Joe: Ja, es ist eine Ausarbeitung eines der Kapitel meiner Dissertation. Als ich erst einmal richtig tief in Baldwins Werk eingetaucht war, war ich erstaunt über seine Vorahnungen. Seine Arbeiten sind immer noch so zutreffend für die Welt, in der wir heute leben.

Außerdem habe ich einige neue, auf MJ bezogene Dinge geschrieben, von denen einige bereits veröffentlicht wurden (einen Eintrag über Thriller für die Library of Congress und den Begleittext für Xscape) und andere, die in nächster Zukunft veröffentlicht werden (ein Eintrag über Michael Jackson für Scribner’s Encyklopädie America in the World, 1776-present / Amerika in der Welt, 1776-heute, und der Artikel, über den wir heute diskutieren werden „I Ain’t Scared of No Sheets: Rescreening Black Masculinity in Michael Jackson’s Black or White“ / „Ich habe keine Angst vor Laken: Neuuntersuchung schwarzer Männlichkeit in Michael Jacksons Black or White“, der gerade vom Journal of Popular Music Studies herausgegeben wurde).

Willa: Und ich habe mich wirklich schon darauf gefreut mit dir darüber zu sprechen. Da sind so viele Aspekte deines Artikels, die mich fasziniert oder überrascht haben. Du betrachtest Black or White beispielsweise als ein Zurückschlagen gegenüber einer langen Geschichte des Rassismus‘ in der Filmindustrie, und du beginnst deinen Artikel, indem du einiges aus dieser Geschichte nochmals betrachtest – und um ehrlich zu sein, es hat mich betroffen gemacht.

Du gibst zu bedenken, dass Hollywoods erster Film, der in der Art produziert wurde, wie wir heute über Filme denken, D.W. Griffith’s Birth of a Nation (Geburt einer Nation) war – ein Film, der den Ku Klux Klan verherrlichte. Eigentlich war sein Originaltitel The Clansman (Das Clanmitglied). Du sagst in deinem Artikel:

Er führte zu einer neuen Kunstform – dem Spielfilm – der die Unterhaltungsindustrie veränderte. … Birth wurde der profitabelste Film seiner Zeit – und inflationsbereinigt wahrscheinlich aller Zeiten. Es war der erste Film, dessen Herstellungskosten über 100.000 Dollar betrugen, der erste, der eine eigene Musikpartitur hatte, der erste, der im Weißen Haus gezeigt wurde, der erste, der beim Obersten Gerichtshof und den Kongressmitgliedern gezeigt wurde, und der erste, der von Millionen Durchschnittsamerikanern gesehen wurde. Er war Amerikas urtypischer Blockbuster.

Szene aus 'Birth of a Nation'

Szenenbild aus ‘Birth of a Nation’

Birth of a Nation hatte also einen riesigen Einfluss auf Amerikas unerfahrene Filmindustrie – im Grunde trug er dazu bei, unsere Vorstellungen darüber, wie ein Film sein sollte, zu bilden – aber er trug auch dazu bei, die gängigen Auffassungen über Rasse zu formen. Und du siehst es so, dass Black or White es mit beiden Themen aufnimmt, richtig? – als ein Herausfordern der doppelköpfigen Hydra des Rassismus‘ und der Filmindustrie der Vereinigten Staaten?

Joe: Ganz genau. Ralph Ellison beschrieb Birth of a Nation als den Film, durch den „das doppelte Leinwandbild des Negers als brutalem Vergewaltiger und grinsendem, augenrollenden Clown“ aufgebaut wurde. Er war unheimlich machtvoll und einflussreich, nicht nur im Süden, sondern auch im Norden und in Los Angeles, wo er seine Premiere hatte und stehende Ovationen bekam.

Willa: Ja, im Grunde bildet der Mord an einem schwarzen Mann, der des Versuchs der Vergewaltigung einer weißen Frau beschuldigt war, den Höhepunkt des Films, und die Angst vor Rassenmischung und schwarzen Männern als den „brutalen Vergewaltigern“ zieht sich von Anfang bis Ende durch den gesamten Film. Der Film endet beispielsweise mit einer Doppelhochzeit zweier weißer Paare – ein Geschwisterpaar aus dem Norden heiratet Bruder und Schwester aus dem Süden – und das, was sie verbindet, was Weiße aus dem Norden und dem Süden nach der Bitterkeit des Bürgerkrieges eint, ist die Furcht vor schwarzen Männern.

Joe: Michael Jackson besaß ein so fundiertes Wissen über die Filmgeschichte, dass ich es angesichts seiner größten Plattform mit geschätzten 500 Millionen Zuschauer weltweit einfach nur interessant fand, dass er sich dafür entschied, dieses frischgebackene, junge Medium einzusetzen – den Musikkurzfilm, ein Medium, für das er ebenso Wegbereiter war wie D.W. Griffith für den Spielfilm – um Griffiths Mythos über schwarze Männlichkeit und Rasse überhaupt weitgehend zu hinterfragen und abzulösen.

Willa: Ja, wie du auch in deinem Artikel schreibst:

D.W. Griffith gestand selbst ein, dass ein wesentlicher Zweck des Film darin bestand „bei Weißen, besonders weißen Frauen gegenüber farbigen Männern, ein Gefühl der Verachtung zu erzeugen“.

Und du schreibst weiter, dass Griffith dies durch Übertreibung rassenbezogener Unterschiede und dem Erschaffen „einer Welt starker Kontraste“ erreichte. Wie du deutlich machst:

In der Rolle der Schwarzen sind vorwiegend Weiße mit geschwärzten Gesichtern, die sie dunkler und eher einheitlich schwarz erscheinen lassen, als dass sie die unterschiedliche Bandbreite von Hautfarben tatsächlicher Afroamerikaner zeigen würden. Sie werden außerdem oft als Schatten mit verrücktem und animalischem Gesichtsausdruck dargestellt. Die weißen Hauptpersonen dagegen besitzen eine schimmernde, strahlende Ausstrahlung, die ihr Weißsein und ihre angeborene Vornehmheit betont.

Michael Jackson hinterfragt diese „Welt der starken Kontraste“ während seines gesamten Kurzfilms, indem er eine sehr viel komplexere und einheitliche Sicht der Menschlichkeit anbietet und dieses Hinterfragen beginnt mit dem ironischen Titel Black or White. Es gibt sehr wenig in Black or White, das entweder nur schwarz oder nur weiß ist.

Joe: Genau. Während des gesamten Songs und Videos stellt er fortwährend unser Verständnis dieser Kategorien auf den Kopf, setzt auf sorgfältige Weise Spannungsverhältnisse nebeneinander oder balanciert diese aus. Er untergräbt damit die zentrale Aussage von Griffiths Film: den Trugschluss der rassenbezogenen Reinheit (und in der Erweiterung: der Überlegenheit der Weißen).

Willa: Oh, das sehe ich genauso. Während Griffith beispielsweise eine fast cartoon-artige Darstellung der rassenbezogenen Unterschiede durch weiße Darsteller mit geschwärzten Gesichtern zeigt, präsentiert Michael Jackson uns afrikanische Stammesangehörige, deren Gesichter sowohl mit schwarzer, als auch mit weißer Gesichtsfarbe gefärbt wurden, so dass ihre Gesichter eine schwarz-weiße Collage bilden. Dies ist eine wichtige Szene – an der Stelle beginnt die Melodie von Black or White, und an dieser Stelle erscheint Michael Jackson zum ersten Mal in diesem Film. Es scheint für mich von Bedeutung zu sein, dass er mit diesen Männern tanzt, als wir ihn das erste Mal sehen. Man kann also sein Gesicht, das vereinfachte Definitionen von Rasse erschwert und sich ihnen widersetzt, zuerst zwischen diesen Stammesangehörigen erblicken, deren Gesichter Kunstwerke sind, in denen Schwarz und Weiß auf kreative Art kombiniert werden.

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Später gibt es diese berühmte Morphing-Sequenz, in der sich das Gesicht eines Indianers in das Gesicht einer schwarzen Frau verwandelt, dann in das einer weißen Frau, dann eines schwarzen Mannes, dann einer indischen Frau und so weiter. In meinen Augen stellen diese beiden Szenen – die schwarz-weiß-gefärbten Gesichter des Stammesangehörigen und die Morphing-Sequenz der Gesichter – einen künstlerischen Ausdruck des, wie du es genannt hast, „Trugschlusses der rassenbezogenen Reinheit“ dar.

Biologisch gesehen gibt es so etwas wie Rasse gar nicht – es gibt keine genetisch begründeten, einander gegenüberstehenden Ausprägungen von „Schwarz“ auf der einen Seite und „Weiß“ auf der anderen. Es ist vielmehr eine kulturelle Auffassung als biologische Realität. Menschsein beinhaltet eine enorme Bandbreite an physischen Ausprägungen – Hautfarbe, Gesichts- und Haarstruktur – und uns wurden Vorstellungen über rassenbezogene Einteilungen künstlich auferlegt. Du sagst in deinem Artikel:

„Eine Farbe zu sein“, deutet Jackson an, ist keine allgemeingültige Kernaussage; es handelt sich dabei um eine Identität, die durch Vorstellungskraft, Geschichte, Erzählungen und Mythen entstanden sind; es ist ein bildlicher Ausdruck und eine Positionierung innerhalb konzentrischer Gemeinschaften.

Das ist solch eine wichtige Feststellung, denke ich, und Teil dessen, was Michael Jackson in diesen beiden Szenen mit den Stammesangehörigen und den morphenden Gesichtern andeutet. Die Bedeutung dieser zwei Szenen wird durch ihre strategische Platzierung innerhalb dieses Films noch betont – sie fungieren wie Buchstützen und rahmen so den zentralen Teil von Black or White ein. Mir scheint, dass Black or White aus drei Teilen besteht: Dem Prolog in der Vorstadt vor dem Beginn der Musik, dem Hauptteil, in dem der Song gespielt wird und dem Nachspiel oder „Panther Dance“, nachdem die Musik zu Ende ist. Und ich denke es ist bedeutsam, dass der Hauptteil mit den Stammesangehörigen beginnt und mit den ineinander übergehenden Gesichtern endet.

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Joe: Das sind großartige Beobachtungen. Und, natürlich, wird all diese neue, komplexe rassenbezogene Erzählkunst vornehmlich aus der Sicht einer traditionellen, weißen Vorstadtfamilie wiedergegeben. Der Prolog handelt, wie du es beschreibst, von weißer Engstirnigkeit und Fehlfunktion, besonders zwischen dem Vater und dem Sohn. Der weiße Patriarch (gespielt von George Wendt) ist, oberflächlich betrachtet, wütend, weil sein Sohn (dargestellt von Macauley Culkin) die Musik zu laut aufdreht.

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Aber die Aussage, die Michael Jackson hier scheinbar treffen möchte, geht sehr viel tiefer. Bei der Wut des Vaters geht es um Ignoranz. Er versteht seinen Sohn oder die Musik seines Sohnes oder die Helden seines Sohnes nicht. Seine Weltsicht ist eng, provinziell, angestaubt – was der Grund dafür ist, dass sein Sohn ihn buchstäblich aus dem Haus schießt, und warum der Vater mitsamt seinem Fernsehsessel in Afrika, der Wiege der Zivilisation, landet, wo seine „Um-Erziehung“ seinen Lauf nimmt.

Willa: Ja, und bezeichnenderweise ist Michael Jackson einer der Helden seines Sohnes – sein Vater reißt das Poster, auf dem er abgebildet ist, herunter, als er in das Zimmer seines Sohnes stürmt. Es gibt eine ähnliche Szene ganz am Schluss des Videos, wie du in deinem Artikel feststellst, in der Homer Simpson die Fernbedienung nimmt und den Fernseher ausschaltet, als sein Sohn Bart gerade Black or White ansieht – genauer gesagt den Panther Dance. Das Video wird also von diesen zwei Szenen mit einem wütenden, unterdrückenden, weißen Vater eingerahmt, der die Tatsache, dass sein Sohn der Popkultur ausgesetzt ist, limitieren möchte – insbesondere die Popkultur, die von einem schwarzen Künstler, nämlich Michael Jackson, vermittelt wird.

Dies scheint, wie du in deinem Artikel sagst, eine exakte Reflexion der damaligen Zeit zu sein, da Black or White zu einer Zeit intensiver Wut weißer Männer veröffentlicht wurde. Fortschritte bei den Bürgerrechten, Frauenrechten und Rechten für Homosexuelle „höhlte die männliche Dominanz zu Hause und am Arbeitsplatz aus“, wie du sagst, und führte zum Aufkommen einer „Männerbewegung“, überwiegend weißer Männer. Ich finde es sehr interessant, dass das populärste Buch des Jahres 1991, dem Jahr, in dem Black or White veröffentlicht wurde, Robert Blys Iron John war, das, wie du festgestellt hast „ein Buch war, das zum Ziel hatte, gebrochene Männer zu verstehen und diese zu rehabilitieren, indem sie ihren inneren ‚Wilden‘ oder ‚inneren Krieger‘ wiederherstellten.

Ich kann mich erinnern, wie populär Blys Buch und die „Männerbewegung“ damals waren. Männer versammelten sich in den Wäldern, um riesige Lagerfeuer zu machen und auf Trommeln zu schlagen und so den angeblichen entmannenden Einfluss der Zivilisation loszuwerden. Ich habe bisher darüber nicht in Bezug auf Michael Jackson nachgedacht, aber es ist ein weiterer faszinierender historischer Kontext für die Interpretation von Black or White – besonders die Szene, über die du sprichst, Joe, in der ein spießiger Mann in seinem Fernsehsessel sitzend nach Afrika geschossen wird und dann Michael Jackson sieht, wie dieser mit den Stammesmitgliedern tanzt.

Auf gewisse Art scheint dies genau das zu sein, was Bly vorgeschlagen hat – dass Männer zu ihren frühesten Ursprüngen zurückgehen und sich wieder mit dem „inneren Krieger“ verbinden sollen. Aber Michael Jackson weicht von Blys Skript ab, indem er mit Thai-Frauen tanzt, und dann mit einer Gruppe Prärie-Indianer, einschließlich einem kleinen Mädchen. Als nächstes tanzt er mit einer indischen Frau und einer Gruppe von Russen. Michael Jacksons Botschaft scheint also eine ganz andere als die von Bly zu sein.

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Joe: Richtig. Ein Teil dessen, was an Blys Projekt verfehlt war, lag meiner Meinung nach an seiner Annahme, dass er eine allgemeingültige Kernaussage über alle Männer aufstellte, und infolgedessen ein allgemeingültiges Rezept für die sogenannte „Krise der Männlichkeit“. Er erkannte keine Unterschiede und keine Vielfalt unter Männern an, so wie es Michael Jackson so oft tat. Aber wie du sagst ist es ein weiterer faszinierender historischer Zusammenhang, der darauf hinweist, dass sich Maskulinität an einem Wendepunkt befand.

Genau genommen sehe ich einen weiteren Zusammenhang, um ich den Text schließlich gekürzt habe, in der Rolle von Hip Hop. Bei so vielem am Hip Hop, speziell am Gangsta Rap, ging es damals um die Projektion hypermännlicher Kraft. Ein wahrer Mann zu sein schloss homosexuell, queer oder sanft zu sein, Frauen mit Respekt zu behandeln oder in einer gemischtrassigen Beziehung eingebunden zu sein, aus.

Michaels Song und Video hinterfragte also in diesem Zusammenhang direkt das vorherrschende Urteil über Hip Hop und auch über Hard Rock / Metal. Während Hip Hop oft eine Ausnahmestellung einnahm, war Metal ebenso frauenfeindlich und homophob.

Willa: Das war es wirklich.

Joe: Diese Genres hatten so viel Einfluss auf junge Leute in den späten 80ern und frühen 90ern. Es ist kein Zufall, dass Michael beide in Black or White einbezog, aber ihre „Botschaft“ neu durchdachte.

Willa: Das ist interessant, Joe. Und diese Zusammenhänge sind wichtig, denn du siehst Black or White nicht nur als eine Kritik am Rassismus, wie es normalerweise interpretiert wird, sondern auch als eine Kritik an der Geschlechterzuordnung – indem es sich mit den unterdrückenden, kulturellen Erzählungen darüber beschäftigt, was es bedeutet ein Mann zu sein, insbesondere was es bedeutet ein schwarzer Mann zu sein, und dann eine „Re-Vision für schwarze Männlichkeit“ zu erschaffen. Du schreibst auch in deinem Artikel:

Jackson erkannte, dass ein „Muster“ dafür existierte, wie schwarze Männer in den amerikanischen Medien dargestellt wurden. … Im Kino wurde das Muster, auf das sich Jackson bezieht, weitgehend in Birth of a Nation vorgestellt.

Ein anderes, aber ebenso restriktives „Muster“ wurde durch Blys „Männerbewegung“ und, wie du sagst, durch Hip Hop und Heavy Metal verewigt. Und du siehst in Black or White etwas, was diese Muster direkt hinterfragt und dann eine neue Vision anbietet, eine „Re-Vision“, wie du es genannt hast, sowohl für Rasse, als auch für Geschlechterzuordnung. Ist das richtig?

Joe: Ja, in einem Interview zur Zeit seines Prozesses sprach Michael Jackson über die Jack Johnson-Geschichte. Er war sich der Furcht Amerikas vor Schwarzen, insbesondere der vor schwarzer männlicher Sexualität, deutlich bewusst. Das ist wirklich die Art Furcht, die im Zentrum von Birth of a Nation steht: Die Erwartung, dass Schwarze die Reinheit weißer Frauen entweihen würden. Der Regisseur D.W. Griffith macht hieraus keinen Hehl. Wie du vorhin erwähnt hast spricht er davon, „Abscheu“ für Rassenmischung und gemischtrassige Ehen hervorzurufen. Diese Furcht geht zurück auf die Sklaverei und setzt sich in Tragödien wie dem Tod von Emmett Till und Yusef Hawkins fort. (Bedenke, dass 1958 nur 4 % der Amerikaner Ehen zwischen Schwarzen und Weißen befürworteten. 1991 hatte sich die Zahl auf 48 % erhöht, aber das ist immer noch weniger als die Hälfte der Amerikaner).

Dies ist also der Mythos, den Michael Jackson in Black or White hinterfragt. Von den Lyrics „‘Junge, gehört das Mädchen zu dir?‘ / ‚Ja, wir sind ein und dasselbe,‘“ über die Szene, in der Michael durch ein brennendes Kreuz geht und ausruft „Ich habe keine Angst vor Laken!“, über die Morphing-Szene, die die absolute Vorstellung der Rassenreinheit unterläuft bis hin zum Panter-Coda, der, meiner Meinung nach, einer der mutigsten, kühnsten Momente der Filmgeschichte – ganz sicher aber in einem Musikvideo – darstellt.

Willa: Oh ja, das sehe ich genauso.

Joe: Eins der Dinge, die ich an diesem Moment in diesem Shortfilm so faszinierend finde, ist, dass er auf symbolische Art die Führung als Filmender übernimmt – der weiße Regisseur (John Landis) wird entthront. Es ist ein verblüffender Moment, wenn man die Filmgeschichte bedenkt und wie sie überwiegend von weißen Männern dominiert wurde. Und es war tatsächlich so, dass John Landis Stellung gegen das bezieht, was Michael in der Panter-Szene macht, wie es auch die Sony Manager taten. Kürzlich tauchte auf YouTube ein Ausschnitt auf, der ein bisschen davon zeigt.

Michael besteht darauf, dass Landis, nicht er, derjenige ist, der „schmutzige“ Gedanken hat. Es ist eigentlich ziemlich lustig. Aber dieser Film, und besonders das Panter-Segment, repräsentiert Michaels künstlerische Vision, seine Entscheidungen. Er kannte die Risiken, und er wusste, was er damit erreichen wollte. Die bloße Intelligenz des Shortfilms bezeugt dies – der sich vom Set schleichende schwarze Panter, die vollkommene Änderung des Tons, der Beleuchtung, des Umfelds – die Gegenüberstellungen und Spannungen, wenn man bedenkt, was wir in der „offiziellen Fassung“ sehen. Es ist bemerkenswert.

Willa: Das ist es. Und ich danke dir, dass du diesen Behind-the-scenes-Clip mit uns geteilt hast! Ich hatte ihn vorher noch nicht gesehen, er ist sehr vielsagend, nicht wahr? Wenn man diesen Clip ansieht, dann ist es offensichtlich, dass John Landis wirklich nicht versteht, was Michael Jackson da gerade machte und warum es so wichtig war. Und ich bin wie du der Meinung, dass es von wesentlicher Bedeutung ist, dass John Landis‘ Rolle nach der Morphing-Sequenz endet und der Rest des Videos – der Panther Dance – als Michael Jacksons Eigenwerk präsentiert wird.

Es erinnert mich an Liberian Girl, ein Video, das mit einer Darstellung des kolonialen Afrika, komplett mit Missionaren, im Stil Hollywoods beginnt … aber dann verlagert sich plötzlich alles. Wir hören Malcolm-Jamal Warner (einen schwarzen Schauspieler) sagen: „Leider kann ich hier nirgendwo eine dieser Türen öffnen“ – und ist das nicht ein interessanter Kommentar? Dann fragt Whoopi Goldberg (eine schwarze Schauspielerin): „Wer führt hier Regie?“ Die Kamera schwenkt hinüber zu Steven Spielberg (ein weißer Regisseur), der in einem Regiestuhl sitzt, aber er hat nicht die Leitung – er ist gelangweilt und wartet.

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Dann fragt Rosanna Arquette (eine weiße Schauspielerin) Jasmine Guy (eine schwarze Schauspielerin): „Weißt du, was wir hier machen sollen?“ Jasmine Guy antwortet: „Alles, was ich weiß, ist, dass Michael mich angerufen hat. Ich vermute, wenn er hier ist, wird er mich wissen lassen, was ich tun soll“ – und impliziert damit, dass Michael wirklich derjenige ist, der das Sagen hat. Diese Vermutung erhärtet sich ganz am Ende des Videos, wenn wir ihn endlich sehen … und überraschenderweise sitzt er im Stuhl des Kameramannes. Er ist also derjenige, der die Kontrolle über die Kamera hat, und er ist derjenige, der den Ton angibt – nicht der weiße Typ, der im Regiestuhl sitzt, auf seine Uhr sieht und auf jemanden wartet, der ihm sagt, was zu tun ist. Trotz der Erwartungen also, die durch sein Intro geschürt werden, ist Liberian Girl keine weitere Darstellung von afrikanischem Kolonialismus. Es ist etwas völlig anderes. Es geht um einen talentierten, jungen, schwarzen Mann, der etwas unter seine Kontrolle bringt, was in Millionen von Haushalten weltweit ausgestrahlt wird, aber es passiert alles auf solch eine lustige, leichtherzige, subtile Art, dass niemand zu realisieren scheint, was er da eigentlich macht.

Michael Jackson 1958-2009 King of Pop

Ich denke, die Botschaft der Szene mit John Landis in Black or White ist ähnlich. John Landis mag der Regisseur sein, aber er hat nicht die Kontrolle. Er ist in Wirklichkeit nur ein Angestellter, der Michael Jackson dabei hilft, seine Vision zu vermitteln, ohne dass er versteht, um was es bei dieser Vision eigentlich geht. John Landis verdeutlicht dies selbst in dem von dir geposteten Behind-the-scenes-Clip, Joe. Bei etwa 1:45 dreht er sich zur Kamera und sagt: „Ich habe dies nicht choreografiert. Ich filme es nur.“ Er distanziert sich vollkommen von allem, was während des Panther Dance auf der Leinwand passiert.

Joe: Ganz genau. Es gibt Zitate in meinem Artikel, da sagt er ähnliche Dinge – im Wesentlichen, dass er für dieses Video angestellt wurde. Er sagt dies wahrlich nicht aus Bescheidenheit, sondern weil er sich von dem, was Michael tut, distanzieren will.

Willa: Ja, es scheint mir auch so. Er scheint sich mit dem Abschnitt des Panther Dance in dem Video sehr unwohl zu fühlen. Und das ergibt Sinn, denn es ist, wie du sagst, die Stelle, an der „der weiße Regisseur (John Landis) entthront wird“. Und Michael Jackson bietet hier nicht nur der Rolle des weißen Regisseurs die Stirn, sondern, sogar noch wichtiger, der langen Geschichte schwarzer Menschen und schwarzer Kultur in den Darstellungen Hollywoods. Ich denke, es ist in diesem Zusammenhang sehr signifikant, dass der Höhepunkt des Panther Dance, wenigstens für mein Empfinden, der Fall des Schildes des Royal Arms Hotels ist, welches mit einem Sprühnebel aus Funkenflug explodiert. Hier geht es um den schwarzen Widerstand gegen „Königliche Waffen“ (Royal Arms) und diese Art kolonialer Ideologie und gegen eine Filmindustrie, die von dieser rassistischen, kolonialen Weltsicht durchdrungen ist.

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Ein wichtiger Leitgedanke dieser Weltsicht ist das Verbot gegen Rassenmischung, wie du in deinem Artikel festgestellt hast. Aber dieses Verbot ist keine gesetzliche Anordnung, die wie in der Vergangenheit gerichtlich eingefordert wurden. Stattdessen wurde es verinnerlicht und wird nun durch die Gefühle weißer Frauen durchgesetzt, die beim Anblick schwarzer Männer Abscheu oder Widerwillen empfinden, oder durch die Gefühle weißer Männer, die Zeuge einer Verbindung zwischen einer weißen Frau und einem schwarzen Mann werden und mit intensiver Wut reagieren.

Diese neue Art von postkolonialem Rassismus – „ein Gefühl von Verachtung in weißen Menschen, insbesondere in weißen Frauen, gegenüber farbigen Menschen zu erzeugen“, wie Griffith sagte – bildete den Kern der amerikanischen Filmindustrie seit ihrer Gründung. Und das ist es hauptsächlich, womit es Michael Jackson im Panther Dance aufnimmt, wie du so gut in deiner Analyse von Birth of a Nation und Black or White zeigst.

Joe: Nun, ich hab’s jedenfalls versucht. Es handelt sich um einen faszinierenden Kurzfilm, und wie bei so vielen von Michaels Werken lohnt es sich tief einzutauchen. Im Grunde gibt es jetzt, wo ich mit dir darüber gesprochen habe, noch mehr, das ich gern in meinen Artikel mit einbeziehen würde!

Willa: Oh, ich verstehe, was du meinst – es braucht ein Dorf, um Michaels Werke vollkommen zu verstehen! Ich habe jahrelang über Black or White nachgedacht, aber dennoch hat dein Artikel völlig neue Sichtweisen auf diesen unglaublichen Film für mich eröffnet. Und wenn du erst einmal eingetaucht bist, entdeckst du immer mehr und es ist schwer aufzuhören.

Joe: Aber ich vermute, so es ist es am besten. Ich musste den Artikel unter den gegebenen Umständen um etwa 6-7000 Wörter kürzen. Das liegt in der Natur eines akademischen Artikels, und eigentlich, einer Veröffentlichung grundsätzlich. Aber ich zweifle nicht daran, dass über diesen Kurzfilm auch weiter auf frische und fesselnde Art geschrieben wird. Wie Susan Fast in ihrem erstaunlichen 33 1/3-Buch über Dangerous feststellt, hat kein anderer Song oder anderes Video von Jackson mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit erregt. Es fing 1991 mit Armond Whites phänomenalem Artikel für The City Sun an und setzte sich über Jahre fort, ganz besonders seit Jacksons Tod 2009. Mein Artikel war seit einigen Jahren in Arbeit (es war das erste Kapitel, das ich für meine Dissertation geschrieben habe), es ist also aufregend endlich seine Veröffentlichung zu erleben!

Willa: Das ist es wirklich, ganz besonders da dein Artikel dabei aufzudecken hilft , wie wahrlich revolutionär und gewaltig Black or White zu seiner Zeit war, nur wenige Monate, nachdem das Niederschlagen von Rodney King auf einem Video festgehalten worden war, und wie eindringlich es bis heute ist … auch wenn die ursprüngliche, elfminütige Version schwer zu finden ist – es ist einfach zu stark für Vevo!

Dein Artikel ist inzwischen also herausgegeben und erhältlich?

Joe: Ja, der Artikel ist nun im Journal of Popular Music Studies in der Ausgabe vom 27. März veröffentlicht worden. Unglücklicherweise ist es ziemlich teuer, wenn man es im Ganzen lesen will. Ich würde begrüßen, wenn es frei zugänglich wäre, aber vorerst ist es urheberrechtlich geschützt. Susan Fast hat in ihrem Blog kürzlich eine großartige Erklärung über den akademischen Veröffentlichungsprozess verfasst, der, wie viele andere Branchen immer noch versucht herauszufinden, wie mit Inhalten im digitalen Zeitalter umgegangen wird und wie sie zugänglich gemacht werden sollen.

Willa: Ja, akademische Journale sind zeitaufwendig in der Erstellung, wie Susan erklärt – das ist der Grund, warum diese Artikel so teuer sind. Es geht nicht um Profit. Autoren wissenschaftlicher Texte verdienen nichts an der Veröffentlichung, und wir besitzen nicht das Copyright. Ich wollte also beispielsweise meinen Artikel „Monsters, Witches, Ghosts“ hier bei Dancing with the Elephant posten, aber das durfte ich nicht – ich wurde stattdessen um eine Zusammenfassung mit einem Link zum vollständigen Artikel gebeten. Glücklicherweise führen die meisten Universitätsbibliotheken das Journal of Popular Music, so haben diejenigen, die in der Nähe eines College oder einer Universität wohnen, wahrscheinlich kostenlosen Zugriff auf deinen Artikel.

Ich möchte außerdem daran erinnern, dass wir einen Link zu deinem Eintrag über Thriller in der Library of Congress in unserem Reading Room bereitstellen, aber ich hatte bisher noch keine Gelegenheit mit dir darüber zu reden. Dieser Artikel wurde also für die Library of Congress geschrieben und auf dem National Register abgelegt, ist das richtig?

Joe: Ja stimmt, ich wurde gebeten einen kurzen Text über Thriller zu schreiben, was eine wirkliche Ehre für mich war. Das Register beinhaltet nun über 400 Eintragungen. Jede dieser Eintragungen wurde unter Beteiligung des National Recording Preservation Board von der Library of Congress ausgewählt, weil sie als so entscheidend für die Geschichte Amerikas erachtet werden – ästhetisch, kulturell oder historisch gesehen – so dass sie dauerhafte Archivierung in der nationalen Bibliothek verlangen. Das Register ist in Kontakt mit Studenten und Musikkritikern getreten, damit diese mithilfe einer Auswahl wissenschaftlicher Aufsätze über jeden der 400 Titel des Registers, von denen jeder etwa aus 1000 Wörtern besteht, ihre Website gestalten. Leute, die Musikgeschichte lieben, sollten sich also auch einige der anderen Aufsätze ansehen – ich habe mehrere gelesen und es handelt sich bei ihnen um großartige Lektüre.

Willa: So ist es in der Tat. Ich habe gerade den Eintrag „Blue Moon of Kentucky“ von Bill Monroe, den Erfinder von Bluegrass, gelesen und interessanterweise beginnt es mit einem Vergleich zwischen ihm und D.W. Griffith:

Genau wie bei Martha Graham und möglicherweise D.W. Griffith, wurde das, was er während seines Lebens erschuf zu einem gänzlich neuen Kunstgenre, einer Sprache, einem Vokabular, auf deren Spur hunderte weiterer Künstler folgten.

So wie Martha Graham den modernen Tanz begründet hat und möglicherweise D.W. Griffith – mit Birth of a Nation – den modernen Film, erschuf Bill Monroe das Genre Bluegrass. Hier ist eine vollständige Auflistung von Aufsätzen des Registers und eine Liste der Aufnahmen.

Nun, ich danke dir so sehr, dass du hier warst, Joe! Es ist immer ein Vergnügen mit dir zu reden.

Joe: Danke, Willa. Es ist jedes Mal großartig mit dir zu reden. Und bestelle Joie herzliche Grüße von mir!

Willa: Das werde ich!

Earth Song – Das Lied der Erde singen

Übersetzung des Artikels: Singing the Earth’s Song: Someone Was Singing Earth’s Song Long Before it Was Fashionable to Become Her Voice – von Barbara Kaufmann – http://voiceseducation.org/node/7894

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Das Lied der Erde singen: Jemand sang das Lied der Erde schon lange bevor es modern wurde, ihre Stimme zu werden

Die Worte „Stummer Frühling“ beschwören ein entsetzliches Bild herauf – nach den dunklen, kalten Wintermonaten bricht ein Pseudo-Frühling heraus, mit einem lautlosen Wind, der keine Geräusche von Singvögeln mit sich trägt, keinen Froschgesang, kein Grillenzirpen, keine Bienen, um die Blumen zu bestäuben, und deshalb auch keine Blumen oder Nahrung… und kein… Leben.

Schwer vorstellbar. Aber genau dieses Szenario stellte sich eine Autorin vor, die etwa 1962 die ersten Umwelt-Alarmglocken läutete, eine Meeresbiologin namens Rachael Carson schrieb „Der stumme Frühling“ (Silent Spring) nachdem sie einen Pestizid Cocktail aus Heizöl und DDT entdeckte, der auf Feldern versprüht wurde, um die Nutzpflanzen vor zerstörerischen Insekten zu schützen. Das Pestizid rottete nicht nur Insekten aus; es tötete auch Bienen und anderes Getier. Carsons Buch, welches die Gefahr beschrieb, Nutzpflanzen mit tödlichen Substanzen zu besprühen, die sowohl vogelartige Spezies als auch Säugetiere töteten, wurde ein rasanter und wütender Gegenschlag durch die Chemie Konzerne entgegengebracht. Damit begannen die Öko-Kreuzzüge.

Die Sechziger Jahre

Während dieses Jahrzehntes des Kalten Krieges, wird ein Atomteststopp Abkommen vereinbart; man beginnt, sich für Wasser- und Luftqualität zu interessieren und es entsteht eine Lobby für saubere Luft und Wasser; der Rhein ist durch die Einleitung von Pestiziden verunreinigt, wodurch es zu einem massiven Fischsterben und zur Entstehung eines tödlichen Ökosystems kommt, dessen Regeneration Jahrzehnte in Anspruch nahm; Der Fluss Coyahoga, der am meisten verschmutzte Fluss der USA, entzündete sich selbst und dieser Vorfall wurde wenig beachtet, bis das Time Magazine die Story publik macht: ‘Im Coyahoga leben keine Fische und er sickert anstatt zu fliessen.’ Das Menschliche Bewusstsein öffnet sich einen kleinen Spalt, als die Apollo 8 das Photo vom „Erdaufgang“ (Earthrise http://de.wikipedia.org/wiki/Earthrise) veröffentlicht. Das Photo zeigt einen verdunkelten Blick auf die Erde, die über dem Mondhorizont „aufgeht“. Der Naturfotograf Galen Rowell nennt es „das wichtigste Umwelt Photo, das je aufgenommen wurde.“

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Die Siebziger Jahre

In den Siebzigern moderierte David Suzuki eine TV-Serie namens „Die Natur der Dinge“ (The Nature of Things), die das Verhältnis der Menschen zur Natur untersuchte; der „Tag der Erde“ (Earth Day) wird gegründet, Die USA gründen die „Umweltschutz Behörde“ (Environmental Protection Agency), Aldo Leopold veröffentlicht „Am Anfang war die Erde. Plädoyer zur Umwelt-Ethik“ (Sand County Almanac); Greenpeace wird gegründet; der Club of Rome, die Vereinten Nationen und andere Organisationen rufen überall auf der Welt, beginnend mit Stockholm, Schweden, Umweltkonferenzen ins Leben; Gesetze zur Reinhaltung von Luft und Wasser und zum Schutz gefährdeter Arten werden erlassen; im Kernkraftwerk Three Mile Island kommt es zu einem Störfall, wobei Radioaktivität in der Atmosphäre freigesetzt wird; und es kommt zu mehreren Ölkatastrophen. Diese Ereignisse fallen unter die Rubrik „Naturschutz“. Die signifikanteste Aussage zur Verletzlichkeit der Umwelt kommt in überraschender Form aus einer ungewöhnlichen Quelle: Die NASA veröffentlicht das Photo AS 17-148-22727, genannt „Blaue Murmel“.

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Zum ersten Mal erblickt die Menschheit die ganze Erde als eine wunderschöne, atemberaubende Insel, gesehen aus der Perspektive des Weltraums. Das ikonische Photo veranschaulicht, dass es sich um einen eigenständigen und begrenzten Planeten handelt, auf dem wir ohne teilende Grenzen, die Menschen von Menschen trennen, leben. Das Bewusstsein öffnet sich weiter. 

Die Achtziger Jahre

In den 1980er Jahren spitzt sich die Umweltbewegung zu und die Kämpfe werden ernst: Die Rainbow Warrior, das Flaggschiff von Greenpeace, wird während einer französischen Geheimoperation zerstört, als sie den Hafen verlassen wollte um gegen französische Atomtests zu protestieren; das Ozonloch wird entdeckt; es kommt zu Chemieunfällen und Ölkatastrophen, darunter Exon Valdez, Bhopal und Tschernobyl – der größten Nuklear-Katastrophe der Geschichte; es entstehen Umweltschutz Netzwerke zum Schutz des Regenwaldes, der Ozeane, des Wattenmeers und von Flüssen; Weltklimaberichte zum Zustand der Umwelt werden herausgegeben, darunter auch der erste Bericht der vor Klimaveränderungen warnt. Aber 1988 geschieht etwas wirklich bemerkenswertes – das Time Magazine zeigt, anstatt der üblichen „Person des Jahres“, den „Planeten des Jahres“, und der Titel des dazugehörenden Artikels fragte: „Was, um alles in der Welt, tun wir?“ (What in the World Are We Doing?)

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Die Neunziger Jahre

Die 90er sind ein Jahrzehnt der Nachforschungen, Schulungen und Abkommen, Gipfeltreffen, Kongresse, Protokolle und in dem die Welt damit beginnt, Massnahmen zu ergreifen, um ihre Taten zu sanieren, zu einer Zeit, als die Weltbevölkerung auf 6 Milliarden Menschen angewachsen ist – eine Verdopplung der Bevölkerung seit der ersten Warnungen in den Sechzigern.

Das Einundzwanzigste Jahrhundert

Das erste Jahrzehnt des Einundzwanzigsten Jahrhunderts beginnt mit Präsident George W. Bushs Ablehnung des Koyoto Protokolls und seinem Boykott des Gipfeltreffens der Vereinten Nationen in Johannesburg; das Jahrzehnt ist geprägt von Orkanen, darunter auch Hurricane Katrina in den USA; von Erdbeben, Flutkatastrophen und Tsunamis; das FBI initiiert die Überwachungs- „Operation Backfire“ und stellt eine Liste von Tier- und Umwelt-Aktivisten zusammen, deren Aktionen als Terrorismus bezeichnet werden und die nun als „Umweltterroristen“ betitelt werden; der frühere US Vize-Präsident Al Gore veröffentlicht den Film „Eine unbequeme Wahrheit“ (“An Inconvenient Truth”),eine Dokumentation über den Klimawechsel und die auf der Erde angerichteten Umweltzerstörungen, welche die Bevölkerung in Schock versetzt und zu einer der weltweit erfolgreichsten Dokumentationen wird, wobei tausende Aktivisten freiwillig dabei helfen, den Film dem Publikum zugänglich zu machen. Er gewinnt zahlreiche Preise und führt zu einem Nobel Preis für Gore.

Seit dem Film „Eine unbequeme Wahrheit“, und anderen Filmen über Umweltangelegenheiten, rücksichtslose Wirtschaftsunternehmen und unkontrollierten Konsum, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf den Planeten, sind wir alle darüber informiert, was es mit dem Klima und dem Klimawechsel auf sich hat. Kapitalkräftige Interessenvertreter von Unternehmen arbeiten daran, der öffentlichen Stimmung mit Zynismus zu begegnen, sie erklären die Forschung und die Wissenschaftler zum Feind. Einige illustre Wissenschaftler behaupten jetzt, wegen den in der Vergangenheit durch rücksichtsloses Verhalten angerichteten Schäden und der Gleichgültigkeit gegenüber der Erde, der Bevölkerung und der Wissenschaft, die uns zum Punkt ohne Wiederkehr, an dem unsere gesamte Existenz bedroht ist, gebracht hat, sei der Wendepunkt entweder schon vorbei oder er stehe unmittelbar bevor.

Wenn berühmte und anerkannte Umweltschützer aufgezählt werden, enthält die Liste Berühmtheiten wie Rachael Carson, Aldo Leopold, Jane Goodall, Julia Hill (die 2 Jahre lang auf einem Baum lebte,) Thoreau, Roosevelt, Chico Mendes, Gaylord Nelson (Gründer des Earth Day,) David Brower (Sierra Club,) John Muir, Joanna Macy, James Lovelock, Ansell Adams, Aldo Leopold, John Audubon, Al Gore und David Suzuki.

Aber niemand erwähnt jemals Michael Jackson.

Ja genau, den Michael Jackson.

Der berühmteste Mann der Welt und musikalische Superstar war ein Umweltschützer und sah den ganzen Planeten als ein Dorf an. Er wußte Bescheid über Mikro- und Makro Ökosysteme. Er verstand den Einfluss der Umwelt auf alle Lebensformen, von der Zelle bis hin zu den Sternen.

Jackson war ein Studierender und begeisterter Leser; die Bibliothek von Neverland beinhaltete 10.000 Bücher, viele davon sind an den Rändern mit seinen persönlichen Notizen versehen. Er interessierte sich für alles, von Thoreau bis zu Tagore, von Musik bis zur Medizin; besonders interessierte er sich für Metaphysik und Heilung. Er las Patch Adams und Norman Cousins und verstand, dass Lachen die beste Medizin ist. Er spielte und ermunterte zum Spielen, um das innere Kind in jedem hervor zu bringen – in Kindern und Erwachsenen; er öffnete seine Ranch für Freunde und Busladungen voller Kinder aus der Stadt, für kranke und benachteiligte Kinder – auch in den Zeiten, in denen er selbst abwesend oder auf einer Tour war.

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Er verstand die chemischen Reaktionen im Gehirn und wie diese und die Hormone den Heilungsprozess beeinflussten. Er meditierte, nutzte Affirmation und Visualisierung und lehrte sie auch anderen.

Seit seiner Kindheit ein Empath, fühlte Michael Jackson den Schmerz der Welt genauso intensiv, wie er auch ihre Schönheit fühlte. Er erlebte den Schmerz und die Zwiespältigkeit von Ehrfurcht und Leid. Er bewunderte die Natur, liebte Tiere, schätzte schöne Dinge, liebte alle Kulturen der Welt, während er sich gleichzeitig mit Verzweiflung, Verlust, Angst, Hunger und Krieg auseinandersetzte. Seine Mutter Katherine erzählt darüber, wie er als kleiner Kerl im Fernsehen die Meldungen von Kinder-Wohltätigkeitsorganisationen über den Kampf gegen Hungersnöte ansah, und beim Anblick der Fliegen, die um die Münder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen herumschwirrten, in Tränen ausbrach. Er verkündete seiner Mutter eindringlich: „Eines Tages werde ich etwas tun, um das zu verändern.“ Sie berichtet, dass er es mit solcher Überzeugung sagte, dass sie ihm glaubte.

Und in der Tat verwendete er einen Großteil seines Lebens darauf, diese „Veränderung zu machen.“ Er sang es und war Vorbild dafür, indem er in allen Ländern seiner Touren Waisenhäuser besuchte und an ein Krankenhaus in jeder Stadt seiner Tour eine große Menge an medizinischer Ausstattung spendete. Durch die Kindheit als Zeuge Jehovas, erlangte er große Achtung vor Gott und der Schöpfung; als er älter wurde, erweiterte sich sein Blick auf die Welt und seine Glaubensvorstellungen entsprachen denen eines Pantheisten oder Kosmologen. Er sah die Menschheit wahrhaftig als Eins. Schon in seiner Jugend mit den Jackson 5 schrieb er Texte, die ein Aufruf an die Menschheit waren, als eine Einheit zusammen zukommen.

Can You Feel It“, geschrieben von Michael und seinem Bruder Jackie, bittet um ein Ende von Rassismus, Krieg und Gleichgültigkeit gegenüber „deinem Bruder“ – eine seiner vielen Referenzen an die Bibel.

We Are The World“ geschrieben im gleichen, aus Mitgefühl geborenen menschlichen Geist, war 1985 eine weitere Hymne, entstanden aufgrund einer Idee des Sängers und Aktivisten Harry Belafonte, eines weiteren Helden der Unterdrückten. Belafonte war von der Hungersnot in Afrika, die Millionen Leben forderte, beunruhigt. Michael Jackson und Lionel Richie waren dazu berufen, das Lied zu schreiben, welches dann von einigen der bekanntesten Musiker der Welt aufgenommen werden würde: Ray Charles, Stevie Wonder, Bono, Tina Turner, Bruce Springsteen, Billy Joel, Willie Nelson, Kenny Loggins, Kenny Rogers, Diana Ross, Bob Dylan und anderen zusammen mit Richie and Jackson. Richie, Jackson und ihre Mitsinger erinnern uns daran: „wir sind die Welt/wir sind die Kinder“ und wir können Entscheidungen treffen, die die Welt freundlicher machen und allen Menschen auf der Erde ein besseres Leben ermöglichen.

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Heal The World“ ist ein weiteres Lied Jacksons darüber, die Kraft des menschlichen Herzens zu nutzen und wirbt für die Liebe für die gesamte Menschheit als Mittel gegen die offensichtlichen sozialen Versäumnisse der Menschen. Er fordert die Welt dazu auf, zusammen zu kommen, um diesen Ort besser zu machen – zu einem Ort ohne Angst und Sorgen. Er erinnert daran, dass “Menschen sterben/ wenn du genug auf das Leben achtest/ mache ein wenig Platz/ um einen besseren Ort zu schaffen.“ (“people are dying/if you care enough for the living/make a little space/to make a better place.”)

Cry“ beginnt Jackson mit einer Mahnung zur Empathie: „Jemand zittert wenn der Wind bläst/ jemand vermisst einen Freund/ jemand fehlt ein Held…“ und er sagt den Tag voraus, an dem es keinen Krieg mehr geben wird. Sein Kurzfilm (Musikvideo) zeigt Menschen jeder Herkunft, jeden Alters, jeder Rasse und Hautfarbe, die sich an den Händen halten – wie in „Hands Across America“, einer Aktionsveranstaltung von 1986, die sich über die gesamte USA ausdehnte und 34 Millionen Dollar für Notleidende und Heimatlose einbrachte, und an der Jackson ebenfalls teilnahm.

In „Black or White“ vereinigt Jackson die Rassen mit einer Methode, die zu dieser Zeit der neuste Stand der Technik war – mit der Magie des Films erschafft er eine Montage von Gesichtern, die sich von einer Ethnie in eine andere verwandeln (morphen), und jede Rasse, Abstammung und jedes Merkmal des menschlichen Gesichts zeigt. Die Ironie dieses Klassikers für Jackson selbst, liegt in seiner ererbten Krankheit Vitiligo, die die Pigmentzellen der Haut zerstört, im Zusammenhang mit Lupus, einer weiteren Autoimmunerkrankung, die Gelenkprobleme verursacht und Knorpelgewebe zerstört. Er verwandelte sich von schwarz zu weiß und änderte sein Aussehen durch Operationen, Diäten und der Behandlung seiner Erkrankungen, nachdem Thriller, sein episches und bestverkauftes Album aller Zeiten, ihn in den Superstardom katapultierte.

Obwohl er oft dafür verspottet wurde, seine Haut zu bleichen und sein Aussehen zu verändern, um seine Rasse zu leugnen, war er ein stolzer, schwarzer Mann, der sein Leben auf der Bühne, vor den Augen der Öffentlichkeit, lebte; für einen Mensch und Performer, der in der Öffentlichkeit steht, konnte nichts verheerender sein, als weiße Flecken, die auf einer schokoladenbraunen Haut erschienen, oder die Zerstörung von Knorpelgewebe, das Knochen und Gelenke im Körper zusammen hält.

Ein Studium von Jacksons Texten und besonders seiner Musikvideos, die er als Kurzfilme bezeichnete, ist aufschlussreich und beständig in den wiederkehrenden Themen – Menschheit, Liebe und Einheit. Jeder einzelne Film ist mit Metaphern, Botschaften und Mitgefühl gefüllt – und einer nicht zufälligen Mehrdeutigkeit. Als ein vorbildlicher und zurückhaltender Geschichtenerzähler, erreicht dich Jacksons Botschaft, bevor es dir bewusst ist, und du findest dich selbst eingetaucht in den Pathos eines jeden Themas, das er in Angriff nimmt oder präsentiert.

Unter den unzähligen Themen von Jacksons Filmen – versteckte Wirkstoffe in Kunst gekleidet – findet man menschliches Versagen, zeitkritische Fragen, oder gesellschaftliche Probleme mit subtilen, manchmal unmerklichen und unterschwelligen und dennoch eindringlichen Referenzen an andere ikonische Werke, Urformen (Archetypen) und universal und für alle Menschen geltende Leitgedanken.

Doch das Kronjuwel in Jacksons Schatzkammer ist sein Opus „Earth Song“, den er als sein bedeutendstes Werk betrachtete, mit seiner ungewöhnlichen Verschmelzung von Oper, Rock, Pop, Blues und Gospel, vollendet mit Chor und Orchester. Die Inspiration kam durch das Time Magazine, als der Verlag 1988 die ikonische Jahresausgabe veröffentlichte, die normalerweise eine Person mit einem signifikanten Einfluss auf die Welt vorstellte, die dann als „Person des Jahres“ am Cover abgebildet wurde. Doch in diesem Jahr zeigte das Time Magazine anstatt einer Person am Cover den „Planeten des Jahres“, mit einer Grafik, die eine in Ketten liegende, als Geisel genommene Welt zeigte, und dem Titel des dazugehörenden Artikels, der fragte: „Was, um alles in der Welt, tun wir?“ (What in the World Are We Doing?)

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Als jemand, der an das Potential der Menschen glaubte, ihre gesellschaftlichen Probleme gemeinsam zu lösen, der die Natur liebte, Tierhaltung und die Verbindung von Mensch und Tier befürwortete, verinnerlichte Jackson die Gefährdung aller Lebewesen und von allem, was ihm lieb und teuer war, so auch der Erde selbst. Ihm nahestehende Freunde zitieren ihn: Michael Jackson dachte in Dimensionen von Epochen und Planeten, während viele Menschen in Dimensionen von Zeit und Ort denken.

Als jemand, der nicht vor Themen persönlicher Verantwortlichkeit zurückschreckte („Man In The Mirror“) und die Kraft des Kollektivs verpflichtete, gab Jackson sich daran, eine Ode an den Planeten zu schreiben, vertont mit Musik, in der sein nach Art eines Liebesgedichts von Rumi selbst geschriebenes Gedicht widerhallte – „Erde, meine Heimat mein Platz/ eine kapriziöse Besonderheit im Meer des Weltalls…“ Er brütete sieben Jahre über der Hymne und hegte sie. Die ersten Akkorde, die er in einem Hotelzimmer in Wien, der Heimat Mozarts, empfing waren: Von As-moll zu einem Cis Dreiklang; von einer A-Moll7 zu einem Cis Dreiklang, dann aufwärts modulierend von B-Moll zu einem Es Dreiklang.

Einfach, elegant und kraftvoll, klangen die Akkorde wie eine Klage für Gerechtigkeit für die Erde. Geschrieben in Form einer Kirtan (Eulogie), mit Call and Response-Gesang (Ruf und Antwort), führt Jackson das Stück genau auf diese Art, von einer hoch über den Köpfen seines Publikums schwebenden Plattform einer Hebebühne herab, auf: „Was ist mit dem weinenden Mann/ was ist mit Abraham/ was ist mit dem Heiligen Land?“ (“What about the crying man/ what about Abraham/ what about the Holy Land?”)

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Klagend stellt er Fragen zu Blutvergiessen und Krieg und sterbenden Kindern; über Tiere und Natur und die Ozeane und den Zustand der Luft: „Ich kann nicht einmal mehr atmen!“
(“I can’t even breathe!”) Er möchte wissen, was mit dem Sonnenschein, dem Regen, dem Himmel passieren wird; er fragt, an welchem Punkt wir uns falsch entschieden haben, spricht die um sich greifende Gleichgültigkeit an und schreit ungläubig eine Frage heraus: „Interessiert uns das überhaupt?“ (“do we give a damn?”) Begreifen wir, wie viel Tod und Zerstörung die Menschen auf diesem Planeten und an ihresgleichen verursachen?

Für sein episches und dramatisches Werk und Ode an die Erde setzte Jackson Orchester und den Andre Crouch Chor ein. Der Refrain, nur aus Lauten bestehend, lässt sein künstlerisches Talent erkennen, den Schmerz, anstatt in Worte zu fassen, zu vokalisieren. Den ersten Hinweis dazu, wie Schmerz ohne genaue verbale Definition vokalisiert wird, kann man in seinem Kurzfilm „Smooth Criminal“ finden. Es ist ein Sound, der eine ganze Enzyklopädie an menschlichen Erfahrungen in einer langen, klagenden Lautäusserung ausdrückt. Jackson gelingt es, aus ein paar einfachen aber machtvollen musikalischen Akkorden Verzweiflung heraus zu wringen. Es ist die Sprache der Seele. Menschliche Trauer, ausgedrückt durch einen Laut tief aus der Kehle, muss der verzweifeltste existierende Klang sein – Jacksons Wehklagen im „Earth Song“ erinnert an eine Mutter, die gerade den sinnlosen Tod ihres einzigen Kindes erfahren hat.

Diejenigen, die am Mischpult im Aufnahmestudio sassen, hörten es ganz bestimmt auf diese Weise, als Jackson in der Kabine war, um es aufzunehmen. Er war, wie er es immer tat, alleine im Dunkeln – er sang für Gewöhnlich ohne Licht. Seine Toningenieure erzählen davon, wie sich ihnen die Härchen an den Armen und im Nacken aufstellten, als der Gesang aus diesem tiefen, dunklen Ort erklang – sehr viel tiefer und weiter entfernt, als die Wände der Aufnahmekabine. Es war, als ob Jacksons wehmütige Klage direkt aus den Lungen von Mutter Erde heraus gebrüllt wurde; als ob er die Seele und den Atem des Planeten übermittelte.

Sein zur Begleitung der Botschaft erstellter Musik-Kurzfilm, vermittelt den gleichen Ethos, den die Musik durch die meisterliche Komposition hervorruft, durch Bilder. Er beginnt unschuldig, mit einem Kind in einem üppigen Naturszenario, erinnernd an den Garten Eden, und setzt sich fort in Bildern, die die Erfahrung von Hunger, Jagd auf Tiere, Zerstörung der Ozeane, Abholzung und Krieg zeigen und auf denen oft auch Kinder zu sehen sind. Man sieht Jackson durch einen abgebrannten Wald gehen, einem heftigen, rätselhaften, Zerstörung andeutenden Wind standhalten, während die Schäden sich später wieder umkehren und das Ökosystem des Planeten neu geboren und wieder hergestellt wird.

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Earth Song“ war die Performance seiner Live-Konzerte, in der sich den Zuschauern das ganze Drama offenbarte, inklusive einer überdimensionalen Leinwand mit dem wunderschönen Bild der rotierenden Erde, einem spektakulären, auf die Bühne donnernden Panzer, mit Soldaten mit Gewehren im Anschlag, um den Krieg und das unmenschliche Verhalten von Menschen gegenüber ihresgleichen zu zeigen. In einem Kostüm aus zerrissenen, zerfransten Kleidern, wrang Jacksons Performance sein Publikum buchstäblich aus. Hunderte fielen in Jacksons Konzerten in Ohnmacht und niemand vergass die Bilder und Emotionen, die während einer Live-Performance aufgerufen und heraufbeschworen wurden, die von manchen als eine Art von Eintauchen in eine Tauf-Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit und einzigartiges gemeinsames Erleben geschildert wurde. Seine Zuschauer beschreiben, dass sie seine Veranstaltungen beschwingt und vereint in einer unbeschreiblichen Stimmung verlassen haben – er „war eine Kraft“.

Er wusste, dass die Botschaft seines Earth Songs tiefgründig und gewaltig sein musste, und Millionen Menschen auf der ganzen Welt erreichen musste, um den Impuls zu einer Veränderung zu setzen, besonders für die nächste Generation – die es letztendlich durch die Jugend lernen würde, die die Botschaft „Was ist mit uns“ („What about Us“) hören und verinnerlichen und die Frage übersetzen würde: „Wo ist unsere Verantwortlichkeit für das Raumschiff Erde; wer lenkt unser Zuhause?“ „Jetzt weiß ich nicht, wo wir sind/ Ich weiß nur, wir sind weit abgetrieben.“ (“Now I don’t know where we are/ I only know we’ve drifted far.”)

Earth Song“ erreichte überall in Europa Platz 1, wurde zur erfolgreichsten Aufnahme in England, und wurde weltweit von 250 Millionen Michael Jackson Fans gehört.

Diejenigen, die mit Jackson über Jahrzehnte eng zusammenarbeiteten, erfuhren, dass er oft Musik in seinem Kopf hörte, die er einfach von irgendwo empfing. Er kreditierte immer den Schöpfer für seine Musik, indem er sagte, sie wurde im Weltall erschaffen, kam von Gott, und er pflückte sie einfach von dieser Quelle, lud sie herunter und arbeitete daran, den letzten Durchlauf so nahe wie möglich an den Original-Sound zu bekommen – der nur von ihm und dem inneren Ohr gehört wurde. Er war in jeder Beziehung ein Perfektionist; er benötigte 7 Jahre, bis er überzeugt war, dass „Earth Song“ vollendet sei.

Wenige erkennen in Michael Jackson einen Verteidiger der Menschheit und ihren lautesten und erfolgreichsten Cheerleader und Humanitär. Und noch mehr erkennen nicht den unerschütterlichen Verfechter für den Planeten und die Umwelt. Einer der Gründe, warum er die „Earth Song“ Performance in seine letzten Konzerte, „This Is It“, in London aufnehmen wollte, war: „Uns bleiben nur noch wenige Jahre, um es hin zu bekommen, oder es wird alles vorbei sein. Wir müssen es tun; es liegt bei uns!“, wie er es seinen Mitwirkenden während des üblichen Gebets- und Dankes-Kreises bei Proben und Live-Konzerten sagte.

Und das Bewusstsein öffnet sich weiter, um 250 Millionen Seelen zu schlucken, während „This Is It“, die erfolgreichsten Dokumentation aller Zeiten, es noch weiter ausdehnt, um noch ein paar Millionen mehr mit einzuschliessen und sogar noch eine andere Generation…

Diejenigen, die die wahre Jackson-Story kennen und nicht die Tabloid-Karrikartur, die von den Medien geschrieben wurde, um sein Leben aus Profitgier darzustellen und auszubeuten, wissen, dass er sich sehr um das Leben sorgte – um alles Leben, die Menschheit und die Erde. Das war der Grund für den größten Teil seiner Werke, mit ein paar dazwischen eingestreuten „Pop“-Stücken, um in der Welt der Pop-Kultur und -Musik relevant zu bleiben. Es war seine Lebensmission, ein Vermächtnis für Kinder und die Zukunft zu hinterlassen und „Earth Song“ war in seinen Augen sein größtes musikalisches Werk.

Ich bin meiner Kunst verpflichtet. Ich glaube, das höchste Ziel jeder Kunst ist die Verbindung des Materiellen und des Spirituellen, des Menschlichen und des Göttlichen. Und ich glaube, das ist der wahre Grund für die Existenz von Kunst und dessen, was ich tue.

Und ich fühle mich glücklich das Instrument zu sein, durch das Musik fliesst…

Tief im Innern spüre ich, dass diese Welt in der wir leben, ein gewaltiges, monumentales Symphonieorchester ist. Ich glaube, dass Klang die ursprüngliche Form jeder Schöpfung ist, und nicht einfach irgend ein Klang, es ist Musik. Kennst du den Ausdruck „Sphärenmusik“? Also das ist eine sehr wörtliche Bezeichnung. In den Evangelien lesen wir: „Und Gott der Herr machte den Menschen aus dem Staub der Erde und atmete den Atem des Lebens in seine Nase und der Mensch wurde eine lebendige Seele.“ Dieser „Atem des Lebens“ ist für mich die Musik des Lebens und sie durchdringt jede Faser der Schöpfung.“

~ Michael Jackson

Earth Song“ war tatsächlich das letzte Lied, das Michael Jackson in seiner letzten Proben-Nacht, in den letzten Stunden seines Lebens, sang.

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…………………………………………………….

© 2014 B. Kaufmann, Words and Violence Founder, Writer/Editor, Voices Education Project



Übersetzung: M.v.d.L.

Quellen:

Bruce Swedien, In The Studio with Michael Jackson, Hal*Leonard Books, New York, 2009.

Joe Vogel, Man In the Music: The Creative Life and Work of Michael Jackson, Sterling, New York, 2011.

Chris Cadman & Craig Halstead, Michael Jackson for the Record, Bright Pen, England, 2009

Lynton Guest, The Trials of Michael Jackson, Aureus Publishing, United Kingdom, 2006
Michael

Jackson, Dancing the Dream, Doubleday/Transworld, London, 1992.

Interview: David Nordahl, Santa Fe, MN U.S.A.;  “Jackson: Artist, Collaborator, Friend.”

Brad Sundberg, “In the Studio with MJ” Symposium, New York, 2013; Jackson: Sound Engineer and Collaborator- studio and Neverland.

Interviews and letters, Anonymous: Fans, biographers, guests.

Submitted by Marilyn Turkovich on Thu, 2014-08-28 17:43

Wie kamen die Unterstellungen der Chandlers zum Vorschein?

by

English: http://michaeljacksonallegations.com/how-did-the-allegations-of-the-chandlers-emerge/

Jordan Chandler, der bei seiner Mutter June Chandler wohnte, trat am 11. Juli 1993 einen Besuch bei seinem Vater an, der eine Woche dauern sollte, aber Evan Chandler weigerte sich, den Jungen nach Ablauf dieser Woche an die Mutter zurückzugeben. In dieser Woche begannen die Unterstellungen gegen Michael Jackson Form anzunehmen. Die Chandlers behaupteten, dass der Junge den Missbrauch bekannte, nachdem Evan ihn gemeinsam mit seinem Anästhesisten und Freund Mark Torbiner für einen kleinen zahnmedizinischen Eingriff (Ziehen eines Milchzahns) am 16. Juli sedierte – genau am Tag vor der geplanten Rückkehr seines Sohnes zu seiner Exfrau.

Laut den Erzählungen der Chandlers, die in Ray Chandlers Buch „All That Glitters“ 2004 dargelegt wurden, drängte Evan ihn nach Abklingen der Sedierung, zu „gestehen“ und seinen Verdacht (Details siehe: http://all4michael.com/2015/06/19/evan-chandlers-verdachtigungen/) zu bestätigen, dass Michael Jackson ihn sexuell belästigt habe. Der Junge wies das zurück. Dann begann Evan, ihn mit Lügen und Drohungen gegen seinen Freund Michael Jackson zu erpressen.

Zuerst behauptete Evan, er hätte Jordans Schlafzimmer verwanzt (anerkannter Weise eine Lüge).

 „Als Jordie aus der Küche zurückschlenderte, fuhr Evan mit der Offensive fort. „Setz Dich und hör’ Dir ganz genau an, was ich Dir jetzt sage. Erinnerst Du Dich, dass ich Dir, als Du zum Haus herübergekommen bist, gesagt habe, ich werde Michael zerstören, wenn Du mich anlügst?“ Jordie nickte, dass er sich erinnerte. „Gut. Vergiss das nicht, weil ich Dir eine Frage stellen werde. Sorgst Du Dich um Michael?“

 „Ja.“ Antwortete der Junge.

 „Man kann sagen, Du liebst ihn, richtig?“

 „Ja.“

 „Und Du würdest ihm nicht weh tun wollen?“

 „Nein.“

 „Okay, dann lass mich Dich an etwas erinnern. Erinnerst Du Dich, dass ich Dir gesagt habe, dass ich Dein Schlafzimmer verwanzt habe?“

 Jordie nickte.

 „Also, ich weiß alles, was ihr Kerle gemacht habt. Du könntest es also ebenso gut zugeben.“ [1, Seite 90]

Aber Jordan blieb „still, anscheinend unbeeindruckt“ [1, Seite 90] und „als Evan das wahrnahm, änderte er die Richtung“ [1, Seite 90]. Dann versuchte er, Jordan herumzukriegen, indem er ihm sagte, bisexuell zu sein sei nicht nur OK, sondern „auf gewisse Weise eigentlich cool“ [1, Seite 91]. Das funktionierte auch nicht. Jordan sagte trotzdem nicht, dass Jackson ihn belästigt hatte.

Dann wurden Evans Drohungen gegen Jackson direkter und aggressiver:

 „Ich gebe Dir eine letzte Chance, Michael zu retten. Wenn Du mich anlügst, werde ich ihm vor der ganzen Welt einen Dämpfer verpassen und es wird alles Deine Schuld sein, weil Du der einzige bist, der ihn hätte retten können.“ [1, Seite 91]

und

 „Ich weiß von den Küssen und dem Wichsen, Du erzählst mir also nichts, was ich nicht bereits weiß.“ log Evan. „Es geht nicht darum, dass ich etwas herausfinde. Es geht ums Lügen. Und Du weißt, was passieren wird, wenn Du lügst. Also werde ich es sehr einfach für Dich machen. Ich werde Dir eine Frage stellen. Alles, was Du tun musst, ist „Ja“ oder „Nein“ zu sagen. Ganz einfach. Wenn Du lügst, geht Michael unter. Sagst Du die Wahrheit, rettest Du ihn.“ [1, Seite 91]

Zu diesem Zeitpunkt wusste Jordan selbstverständlich, was sein Vater als „Wahrheit“ ansah und was in seinen Augen eine „Lüge“ war, da Evan das sehr deutlich machte. Ray Chandler schreibt in seinem Buch: „In seinem Herzen kannte Evan die Wahrheit bereits. Er brauchte Jordie nicht, um es zu bestätigen.“ [1, Seite 91] Mit anderen Worten hatte Evan die fixe, vorgefasste Meinung, dass Jackson seinen Sohn belästigt hatte und er würde von Jordan nur eine Bestätigung als „Wahrheit“ akzeptieren. Alles andere würde als „Lüge“ betrachtet werden und würde darin resultieren, dass Evan den Entertainer „untergehen“ lassen würde. Zu diesem Zeitpunkt gab Jordan angeblich auf, nachdem er seinen Vater anflehte, Jackson nicht zu verletzen:

 „Okay. Wie lautet die Frage?“

 „Hat Michael Deinen Penis berührt?“

 Jordan zögerte. Dann, fast unhörbar, flüsterte er „Ja.“

 Evan trieb es nicht weiter voran. Er hatte alles gehört, was er hören musste. Er streckte die Hand nach ihm aus und umarmte seinen Sohn und Jordan erwiderte seine Umarmung fest.

 „Wir redeten nie wieder darüber“, erzählte Evan später dem Bezirksstaatsanwalt von L.A. Die Details waren für Evan nicht von Bedeutung. „Die Gefängnismauern brachen und ich war zuversichtlich, dass sich der Rest von selbst erledigen würde.“ [1, Seite 91-92]

Nach all den Drohungen und Erpressungen „gestand“ Jordan mit einem fast unhörbaren „ja“ und wir sollen glauben, dass Evan keine weiteren Fragen hatte? Sein Sohn hat gerade bekannt, belästigt worden zu sein, aber der Vater ist nicht an Details interessiert, wie z.B. wann, wo, wie, wie oft und was genau passierte, unter welchen Umständen wurde der Penis seines Sohnes von einem anderen Mann berührt? Tatsächlich erzählte Evan dem Bezirksstaatsanwalt aus Los Angeles später, dass „wir nie wieder darüber geredet haben“. Das würde nur Sinn ergeben, wenn Evan wusste, dass es keine Details zu erzählen gab. Evans Versuch scheint es auch gewesen zu sein, sich von den Unterstellungen zu distanzieren, um nicht angeschuldigt zu werden, seinen Sohn gecoacht zu haben.

All die „Details“ fügten sich später zusammen, als wir über die Behauptungen der Masturbation, gegenseitigen Masturbation und Oralsex erfuhren, aber diese „Details“ kamen erst zum Vorschein, nachdem Jordan mehr Zeit in der Obhut seines Vaters und in der Kanzlei von Evans Anwalt Barry Rothman verbrachte, den Evan selbst in einem aufgezeichneten Telefonat mit David Schwartz als „widerlichsten Hurensohn“ [2] beschreibt.

Es muss betont werden, dass die oben beschriebene Story von Jordans angeblichem „Geständnis“ über den Missbrauch einzig auf Ray Chandlers Beschreibung in „All That Glitters“ basiert und wir wissen nicht, wie viel davon wahr ist. Selbst wenn sie völlig wahr ist, macht die Art und Weise, wie Jordan zu einem „Geständnis“ genötigt und bedroht wurde, diese Unterstellungen sehr fraglich. Es gibt allerdings Gründe, die daran zweifeln lassen, dass Jordan am 16. Juli überhaupt irgendetwas „gestanden“ hat.

In „All That Glitters“ wird behauptet, dass sich Jordans Mutter June Chandler und ihr damaliger Ehemann David Schwartz am 20. Juli mit Evans Anwalt Barry Rothman in dessen Kanzler trafen. Während dieses Treffens wurde ihnen Dr. Mathis Abrams’ Schreiben – welches er verfasste, ohne Jordan überhaupt kennengelernt zu haben (Details zu diesem Schreiben siehe: http://all4michael.com/2015/06/19/evan-chandlers-verdachtigungen/) – gezeigt und es wurde gefordert, dass sie ein Dokument unterzeichnen, welches das Sorgerecht für Jordan von June auf Evan überträgt. Obwohl Rothman und Evan Chandler June Chandler und David Schwartz davon überzeugen wollten, dass Jordan von Jackson belästigt wurde – dazu nutzten sie Dr. Abrams Schreiben – erwähnten sie ihnen gegenüber Jordans angebliches Geständnis während dieses Treffens nicht. In „All That Glitters“ wird behauptet, dass es daran lag, dass Evan Rothman nichts von Jordans angeblichem „Geständnis“ erzählte. Begründet wird dies damit, dass Evan das Vertrauen des Jungen nicht verraten wollte.

Am 4. August trafen sich Evan und Jordan mit Jackson und seinem Privatdetektiv Anthony Pellicano im Westwood Marquis Hotel. Evan las ihnen das Schreiben von Dr. Abrams vor und nach dem Treffen luden Evan und Rothman Pellicano in Rothmans Kanzlei ein, wo sie 20 Millionen Dollar forderten, um nicht mit den Unterstellungen der Kindesbelästigung gegen Michael Jackson an die Öffentlichkeit zu gehen. (Details zu diesem Treffen: http://all4michael.com/2015/07/20/die-finanziellen-forderungen-der-chandlers/)

Indes war Jordan laut Ray Chandlers Buch am 6. August immer noch nicht gewillt, seiner Mutter June Chandler davon zu erzählen, dass Jackson ihn angeblich belästigt hatte. Ray Chandler behauptet, der Junge sei zu beschämt“ [1, Seite 111] gewesen. Das kann natürlich möglich sein, allerdings erwähnte auch Evan selbst Jordans angebliches „Geständnis“ nicht gegenüber seiner Exfrau, obwohl geschildert wurde, er versuchte verzweifelt, June davon zu überzeugen, ihr Sohn sei von Jackson belästigt worden. Im Buch wird wieder die Begründung angegeben, Evan wollte das Vertrauen des Jungens nicht verraten. Evan wird im Buch wie folgt zitiert: „Es sollte ohnehin nicht von Bedeutung sein“, glaubte Evan. „Ich bin sein Vater und wenn ich ihr sage, dass unser Kind belästigt wurde, sollte das ausreichen.“ [1, Seite 112]

Das Buch beschreibt einen eigenartigen Ablauf von Ereignissen zwischen 9. und 11. August. June ging mit Jordan ins Kino, aber Evan erlaubte das nur „unter der Bedingung, dass sie Jordie nicht mit Fragen löchere“ [1, Seite 115]. Dabei muss beachtet werden, dass Evan zwar verzweifelt versuchte, June von Jackson Belästigungen zu überzeugen, trotzdem erlaubte er June, der Mutter des Jungen, nicht, Jordan persönlich darüber zu befragen. Laut dem Buch ging June am nächsten Tag mit Jordan Mittagessen und begann, ihm gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann David Schwartz Fragen zu stellen: „Was hat Dein Vater vor? Wie viel Geld verlangt er? Hat Rothman das Sorgerecht beantragt?“ [1, Seite 116]

Im Buch wird behauptet, dass diese Fragen Jordan dazu brachten, ihnen zu drohen, die „Cops“ zu rufen, wenn sie ihn nicht zurück zu seinem Vater bringen würden, also brachte ihn June zurück zu Evan. Im Buch wird das als dramatischer „Entführungsversuch“ [1, Seite 116] von June beschrieben, was allerdings wenig Sinn ergibt, da June das Sorgerecht für den Jungen hatte und die „Cops“ nichts hätten unternehmen können, um sie dazu zu zwingen, Jordan an Evan zurückzubringen, wenn sie das nicht freiwillig gewollt hätte. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Version der Ereignisse ausschließlich Ray und Evan Chandlers Version ist und dass dies nicht bedeutet, es sei die Wahrheit, aber es ist ihre Story. Im Buch geht die Story weiter:

 „Als sie ankamen, sagte June ihrem Sohn, dass sie sich ihnen anschließen würde, um Michael bestraft zu sehen, wenn Evan die Wahrheit sagte. In der Sicherheit des Hauses seines Vaters erzählte Jordie Evan, was geschehen ist und über Junes Angebot, ihnen zu helfen, wenn sie überzeugt werden würde.

 Evan wusste, dass die einzige Chance, das zu erreichen, darin bestand, dass Jordie June alles erzählen würde, was der Junge immer noch ablehnte. „Ich erkannte zum ersten Mal, dass ich mein Versprechen an Jordie werde brechen müssen und June erzählen werde, dass er zugab, angefasst worden zu sein. Die Dinge waren völlig außer Kontrolle und es war der einzige Weg, diesen Irrsinn zu beenden.“ [1, Seite 116]

Es ist sehr ironisch, dass Evan von „Irrsinn“ spricht, während sein Verhalten selbst so bizarr war. Wozu das ganze Drama, die Heimlichtuereien und Komplikationen, wenn er June unmittelbar nach dem 16. Juli einfach hätte sagen können, dass Jordan ihm gegenüber zugab, von Michael Jackson unangemessen angefasst worden zu sein? Sollen wir glauben, dass Evan, obwohl er als verzweifelt beschrieben wird, June davon überzeugen zu wollen, dass Jackson ihren Sohn belästigt hatte, fast einen Monat lang ihr gegenüber den einzigen, wichtigsten „Beweis“ – Jordans eigenes Bekenntnis – nicht erwähnte? Die Erklärung, dass Evan es nicht erwähnte, weil er Jordans Vertrauen nicht verraten wollte, ist in Anbetracht der Tatsache, dass er bei anderen Gelegenheiten kein Problem damit hatte, seinen Sohn zu verraten und zu belügen, schwer zu glauben. Außerdem behauptete Evan bereits anderen Leuten – inklusive June – gegenüber, dass Jackson Jordan angeblich belästigt hatte, beruhend auf Dr. Abrams’ Schreiben. Warum wäre es ein größerer „Verrat“, Jordans Mutter von dem angeblichen „Geständnis“ des Jungen zu erzählen?

Selbst am 10. August, als June Jordan sagte, sie würde ihnen dabei helfen, Jackson zu bestrafen, wenn Jordan die Behauptungen seines Vaters bestätige, sträubte sich der Junge immer noch dagegen. Die Bestätigung kam laut dem Buch schließlich am nächsten Morgen, als Jordan seine Mutter anrief und ihr am Telefon von seinen Behauptungen erzählte – mit Evan an seiner Seite. June ersuchte dann, mit dem Jungen alleine zu sprechen, aber Evan verweigerte ihnen das. Evans Begründung in dem Buch war, dass er June nach ihrem „Entführungsversuch“ nicht vertraute und dass June und David Schwartz ihm gegenüber deren Verdacht äußerten, dass Evan Jordan dazu zwang, die Beschuldigungen gegen Jackson zu erheben. June hatte aufgrund der oben beschriebenen Ereignisse gute Gründe, Verdacht zu hegen und die Tatsache, dass Evan sie nicht mit dem Jungen alleine sprechen ließ, war sicherlich kein Weg, diesen Verdacht zu zerstreuen. Die Tatsache, dass Evan und sein Anwalt Barry Rothman in diesem Zeitraum weiterhin Geld von Jackson verlangten (Details dazu siehe http://all4michael.com/2015/07/20/die-finanziellen-forderungen-der-chandlers/), war ebenfalls verdächtig.

Am 16. August informierte June Chandlers Anwalt, Michael Freeman, Rothman darüber, dass sie einen Antrag für einen Gerichtsbeschluss eingereicht haben, um Jordan an seine Mutter zurück zu geben. Als Antwort darauf und frustriert von Jacksons Weigerung, ihn auszuzahlen, brachte Evan Jordan am 17. August zu Dr. Abrams, wo der Junge erstmals detaillierte Unterstellungen gegen Jackson machte, was zwangsläufig die Behörden involvierte, die Unterstellungen publik machte und Evan die Möglichkeit bot, das Sorgerecht für Jordan zu bekommen. In Ray Chandlers Buch lesen wir:

„Barry beriet Evan während eines Telefonats in der Nacht vor der Gerichtsanhörung von Freemans Antrag, dass er nicht die geringste Chance hätte, sofern er nicht bereit wäre, in den Gerichtssaal zu gehen und Michael zu beschuldigen, Jordie belästigt zu haben; June hatte das Sorgerecht und das war alles, was sie brauchte, um Jordie zurück zu bekommen.“ [1, Seite 119]

Wir müssen die Tatsache berücksichtigen, dass Evan Jordan am 16. Juli zu seiner Mutter hätte zurückbringen sollen. Im Nachhinein zu behaupten, dass Jordan ihm gegenüber an diesem Tag „gestand“, angeblich von Michael Jackson belästigt worden zu sein, wäre ein geeignetes Mittel, zu rechtfertigen, warum er das nicht tat. Doch die oben beschriebenen Ereignisse zwischen 16. Juli und 17. August machen diese Behauptung zumindest fragwürdig.

 Quellen:

[1] Raymond Chandler – All That Glitters: The Crime and Cover-Up (Windsong Press Ltd, September 2004)

http://www.amazon.de/All-That-Glitters-Michael-Jackson/dp/0954197380/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1428312025&sr=8-1&keywords=all+that+glitters+chandler

[2] Aufgezeichnete Telefonate zwischen Evan Chandler und David Schwartz (8. Juli 1993)

http://michaeljacksonallegations.com/wp-content/uploads/2013/06/schwartz_chandler.pdf

Monster, Hexen und Michael Jackson’s Ghosts

by

Vorbemerkung

„Monsters, Witches, and Michael Jackson’s Ghosts“ ist ein Artikel von Willa Stillwater, der am 8. Januar 2015 in Popular Musicology Online veröffentlicht wurde.

Link zum Original-Artikel: Monsters, Witches, and Michael Jackson’s Ghosts

Der Artikel besteht aus drei Abschnitten:

„Monster“ spricht die Anschuldigungen des sexuellen Kindesmissbrauchs gegen Michael Jackson wie auch das Klima der Hysterie, welches das Urteilsvermögen nach Bekanntwerden dieser Anschuldigungen verdrehte, an. Es berücksichtigt außerdem kulturelle und historische Faktoren, aufgrund derer die Polizei, die Presse und die Öffentlichkeit möglicherweise empfänglich dafür waren, Michael Jackson als schuldig zu sehen, und warum sie auf die Art reagierten, wie sie es taten.

„Hexen“ betrachtet den Fall von Tituba, einer Sklavin aus Salem, Massachusetts, und einer der ersten Frauen, die während der Hexenprozesse von Salem der Hexerei angeklagt wurde. Es werden speziell die Aspekte ihrer Situation im Jahr 1692 beleuchtet, die Michael Jacksons Situation 1993 entsprechen. Hier wird außerdem Titubas kreative Antwort auf die Anschuldigungen und auf die darauf folgende Hysterie betrachtet.

„Ghosts“ wirft einen Blick auf den Kurzfilm Michael Jackson’s Ghosts als kreative Reaktion auf die Anschuldigungen gegen ihn. Es wird außerdem untersucht, was dieser Film über seine Reaktion fern der Leinwand aussagt, und es kann geschlussfolgert werden, dass er dabei war, ein vollkommen neues Kunstgenre, das sich in Form und Ausmaß von allem bisher Gekannten abhob, zu erschaffen.

Anmerkung: Michael Jackson’s Ghosts wurde niemals außerhalb Asiens offiziell veröffentlicht, also ist es nicht überregional erhältlich. … hier ist ein Link zu einer High-Definition Version auf YouTube.

Während viele der Informationen des Abschnittes „Monsters“ in diesem Artikel den Fans bereits sehr bekannt sind, obwohl in den Mainstream-Medien kaum darüber berichtet wurde, ist dies das erste Mal, dass eine ausgewogene Besprechung des Beweismaterials in einem akademischen Journal erschien. Wir sind der Meinung, dass es äußerst wichtig ist, diese Information der allgemeinen Öffentlichkeit ebenso wie den Unterstützern Michael Jacksons zugänglich zu machen. Wenn jemand also Ideen dazu hat, auf welchen Wegen man diesen Artikel weiteren Lesern, ob sie nun Fans sind oder nicht, weitergeben kann, darf er dies gern tun.

Monster, Hexen und Michael Jackson‘s Ghosts

Willa Stillwater


„Man sollte über mich nachdenken


Nachdem man mich angestarrt hat“


Einführung

Wade Robson, ein Zeuge der Verteidigung 2005 in der Gerichtsverhandlung von Michael Jackson, widerrief vor kurzem seine unter Eid vorgenommene Aussage, dass Jackson ihn niemals belästigt habe – eine Aussage, die er während des eindringlichen Kreuzverhörs wieder und wieder unter Eid standhaft bekräftigt hatte. Dagegen sagt er nun, er sei belästigt worden, und er und sein Anwalt, Henry Gradstein, haben eine Forderungsklage auf finanziellen Schadenersatz gegen den Jackson Estate eingereicht. In einem vorbereiteten Statement, von der New York Daily News und anderen zitiert am 9. Mai 2013, sagte Gradstein der Presse: „Michael Jackson war ein Monster und jeder normale Mensch weiß das in seinem Herzen.“ Mit anderen Worten deutet Gradstein an, dass „normale“ Menschen ihrem Instinkt folgen und annehmen sollen, dass Jackson schuldig war, bevor irgendein Beweis präsentiert oder in Betracht gezogen wurde, weil Jackson eindeutig keiner von uns war. Er war nicht „normal“. Er war, in Gradsteins Worten, „ein Monster“.

In den 1990er Jahren befand sich Jackson in einer ähnlichen Situation: Der Vater eines 13-jährigen Jungen behauptete, Jackson habe seinen Sohn belästigt. Jackson antwortete mit einem musikalischen Film, Michael Jackson’s Ghosts, in dem ein Maestro angeklagt wird, die Gedanken der Dorfkinder zu verderben. Allerdings wird bald klar, dass das wirkliche Verbrechen des Maestros darin besteht, dass er so verstörend anders als die anderen Einwohner von Normal Valley – einem Ort, der gemäß einem Schild am Ortseingang von „netten normalen Leuten“ bewohnt wird – ist. Der Bürgermeister dieses Ortes betont diesen Unterschied immer wieder, als er dem Maestro gegenübertritt und die Dorfbewohner gegen ihn aufhetzt: „Er ist ein Spinner. Hier ist kein Platz für Spinner in dieser Stadt.“ „Wir haben eine nette, normale Stadt, normale Leute, normale Kinder. Wir brauchen keine Freaks wie dich.“ „Du bist verrückt, du bist sonderbar, und ich mag dich nicht. Du verängstigst diese Kinder damit, wie du hier so allein lebst.“ Und „Zurück zum Zirkus, du Freak“ (Jackson 1997b). Angetrieben durch Entrüstung und Angst vor seiner Andersartigkeit versuchen die Dorfbewohner den Maestro aus seinem Zuhause zu vertreiben. Dieser reagiert jedoch auf eine überraschende Art – eine Art, die die intensiven Gefühle der Dorfbewohner zerstreut, ihre Wahrnehmung ändert und schließlich zu einer Aussöhnung zwischen den Dorfbewohnern und dem Maestro führt.

Daher kann Ghosts als Jacksons phantasievolle Nachstellung und Beschäftigung mit dem Skandal, der in den Jahren vorher über ihn hereingebrochen war, interpretiert werden – ganz besonders mit der kulturellen, emotionalen und psychologischen Dynamik der Anschuldigungen und der darauf folgenden öffentlichen Empörung. Auf diese Art gesehen hat Ghosts das Potential grundlegend zu beeinflussen, auf welche Art und Weise wir Jackson selbst wahrnehmen und auf ihn reagieren, sowohl als einen „Maestro“, der angeklagt ist ein Kind zu zerstören, als auch als einen Mitmenschen, der ausgelacht und gefürchtet wird, weil er als verdächtig und unversöhnlich anders gesehen wurde.

Allerdings erreicht Ghosts sehr viel mehr als das. Es ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern ein Werk über Kunst – über die Fähigkeit von Kunst unsere schlimmsten Gefühle aufzugreifen, unsere verdrehten Wahrnehmungen zu hinterfragen und dann diese Emotionen und Wahrnehmungen zu verändern. Indem er sich seiner eigenen Vorgeschichte als Leitfaden bedient, nutzt Jackson Ghosts für die Ausarbeitung einer künstlerischen Herangehensweise, um kulturelle Vorurteile nicht nur auf intellektuelle Art, sondern auch auf einer tiefenpsychologischen Ebene anzugreifen – da wo Sinneseindrücke und Emotionen entstehen, einer Stelle, die Beweisen und Begründungen widersteht, da wo unsere frühesten Ängste, Vorurteile und Sehnsüchte die Herrschaft haben. Bezeichnenderweise ist dies auch der Ort, an dem Hysterie entsteht.

Für ebenso bedeutend halte ich, dass Ghosts und einer der darin enthaltenen Songs „Is It Scary“ auf eine gänzlich neue Kunstform – ein neues Genre der Kunst – hinweisen, das in seiner Form und seiner Reichweite völlig anders ist als alles, was wir davor schon mal gesehen haben. Durch diese neue Art der Kunst erfasst Jackson die kulturellen Erzählungen, die ihm auferlegt wurden – Erzählungen über Rasse, Geschlechterzugehörigkeit, Sexualität, Kriminalität, Berühmtheit und deren monströse Auswüchse – bläht sie bis in groteske Größenordnungen auf und reflektiert dann diese Erzählungen auf uns, zwingt uns, ihnen ins Angesicht zu blicken und uns mit ihnen auseinanderzusetzen und sie vielleicht zu überdenken. Dieses neue Genre wird durch die Klatschpresse, Celebrity-Fernsehsendungen und sogar durch die Mainstream-Presse vermittelt und es beinhaltet die vielen „exzentrischen Seltsamkeiten“ („eccentric oddities“, um eine Redewendung aus „Is It Scary“ zu zitieren), durch die Jackson in der Vorstellung der Öffentlichkeit definiert wurde. Seine größte Leistung in diesem neuen Genre ist allerdings sein sich ständig veränderndes Gesicht oder besser gesagt unsere sich ständig ändernde Wahrnehmung seines Gesichts, denn die physische Beschaffenheit seines Gesichts hat sich nur sehr wenig verändert. Sein Gesicht ist ein Kunstwerk auf so revolutionäre Art, dass wir es noch nicht einmal jetzt als Kunst erkennen, obwohl es uns bereits seit Jahrzehnten tiefgreifend verstört und leidenschaftlich beschäftigt – so wie es bei eindrucksvollen Kunstwerken oft der Fall ist. Ich glaube, es birgt die Möglichkeit nicht nur unsere Denkweise über Kunst umzugestalten, sondern auch wie wir über uns selbst denken: wie wir Identität definieren, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen und einstufen und wie wir die uns trennenden Unterschiede erleben. Um dieses neue Genre, zusammen mit Ghosts und dessen Zustandekommen, jedoch voll und ganz verstehen zu können, müssen wir uns zuerst einmal den Skandal ansehen, der die Inspiration dazu war, ebenso wie einen wichtigen Vorläufer, der mehr als 300 Jahre vorher stattfand.

 Monster

Im Jahr 1993 wurde Michael Jackson angeklagt, einen Jungen, Jordan Chandler, belästigt zu haben. Der Fall gegen ihn erwies sich als problematisch. Anfang 1993 begann der Vater des Jungen, Evan Chandler, vage Drohungen gegen seine Ex-Frau June Wong Chandler auszusprechen und deutete damit ebenso ein Vorhaben gegen Jackson an. Jordans Stiefvater David Schwartz fühlte sich durch sein spekulatives Gerede so beunruhigt, dass er begann, ihre Gespräche am Telefon aufzuzeichnen. Chandler verklagte Schwartz später wegen dieser ohne sein Wissen entstandenen Aufzeichnungen, Schwartz reichte Gegenklage ein, und im Verlauf dieses Prozesses wurde ein Transkript ihrer Unterhaltungen beim Kammergericht für den Bezirk Los Angeles hinterlegt. Diese Mitschrift enthüllt eine komplexe Mischung an Emotionen, darunter Feindseligkeit, Wut, Eifersucht und Gier. In jenen Unterhaltungen erzählt Chandler Schwartz, dass er Leute dafür bezahlt habe, einen Plan auszuführen, „der nicht nur mein eigener ist“ (Transcript 220) und prahlt damit: „Wenn ich das durchziehe, dann werde ich der große Gewinner sein. Ich kann gar nicht verlieren. Ich habe das rundherum durchgecheckt.“ (133). (2)

Es ist von Bedeutung, dass Chandlers Hauptmotivation eine erbitterte Wut gegenüber seiner Ex-Frau und Jackson ist, weil sie ihn ignorieren, und nicht die Sorge um das Wohlergehen seines Sohnes. Schwartz gegenüber sagt er es so: „Ich hatte eine gute Verbindung zu Michael. Wir waren Freunde, weißt du. Ich mochte ihn. Ich respektierte ihn und alles, was ihn ausmachte. Es gab keinen Grund, mich nicht mehr anzurufen.“ (168). Wenn sein Plan jedoch gelingen würde, dann würde er „ihre Aufmerksamkeit bekommen“ und noch mehr:

Chandler: Ich werde alles bekommen, was ich will und sie werden vollkommen – sie werden für immer zerstört sein. Sie werden zerstört werden. June wird Jordy verlieren. Sie wird nicht das Recht haben ihn jemals wiederzusehen … Michael, die Karriere wird vorbei sein.
Schwartz: Wird das Jordy helfen?
Chandler: Michaels Karriere wird vorbei sein.
Schwartz: Und wird das Jordy helfen?
Chandler: Das ist für mich nicht relevant. (134)

Anstatt sich also auf das zu konzentrieren, was am besten für seinen Sohn ist, drückt Chandler immer wieder bittere Feindseligkeit gegenüber denjenigen, von denen er sich ignoriert und ausgeschlossen fühlt und zu einem gewissen Grad auch gegen Jordy, aus. Chandler sagt zu Schwartz: „June, Jordy und Michael haben mich gezwungen zum Äußersten zu greifen, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Wie erbärmlich, wie verdammt erbärmlich sind sie doch, dass sie das getan haben“ (207).

Durch seine Wut, ebenso wie durch Gier angetrieben scheint Chandler zu Rache entschlossen zu sein, wenn seine Forderungen nicht erfüllt werden, wie er Schwartz erzählt:

Dieser Anwalt, den ich gefunden habe – ich meine, ich habe mehrere befragt und mir den widerwärtigsten Hundesohn, den ich finden konnte, ausgesucht, und alles, was er tun will, ist, diese Sache so schnell es geht, so groß aufgezogen wie nur möglich, in die Öffentlichkeit zu bringen und damit so viele Menschen wie nur möglich zu erniedrigen … Ich meine, es könnte ein Gemetzel geben, wenn ich nicht bekomme, was ich will. Aber ich glaube, diese Person wird bekommen, was sie will … Er ist richtig fies, er ist gemein, er ist sehr schlau und er ist hungrig nach öffentlicher Aufmerksamkeit. (27)

Es könnte also, wie Chandler vorausgesagt hat „ein Gemetzel geben, wenn ich nicht bekomme, was ich will.“ Was er will, ist Aufmerksamkeit und 20 Millionen Dollar, und seinem Sohn zu helfen ist, nach seinen Worten „nicht relevant für mich.“

Acht Tage nach dieser Unterhaltung nahm Chandler, der Zahnarzt war, seinen Sohn mit in seine Zahnarztpraxis. Er zog einen von Jordans Milchzähnen und befragte den Jungen danach auf aggressive Art über seine Beziehung zu Jackson – ein sehr seltsamer Ort und eine seltsame Zeit, um solch ein sensibles Thema anzusprechen. Gemäß Chandlers schriftlicher Chronologie, die er der Polizei gab, geschah die Befragung seines Sohnes sowohl manipulativ als auch unter Zwang. Erst einmal beginnt er die Unterhaltung, indem er seinen Sohn belügt. Wie er in seiner Chronologie schreibt, „erzählte er seinem Sohn fälschlicherweise“, dass „ich sein Zimmer verwanzt habe“, obwohl das nicht stimmte und „dass ich alles wusste“, was nicht stimmte (Dimond 2005,60). Er konstruiert dann eine Geschichte, die genau beschriebene sexuelle Handlungen beinhaltete und sagt seinem Sohn, dass er wisse, dass er und Jackson diese Dinge getan hätten. Insbesondere sagt er zu seinem Sohn: „Ich weiß alles über das Küssen und das Masturbieren und die Blow Jobs.“ Wichtig ist, dass dies genau die Handlungen sind, die der Junge einen Monat später beschreiben wird, als er zu einem Psychiater gebracht wird: Küssen, Masturbation und oraler Sex. Chandler bittet seinen Sohn diese Geschichte des sexuellen Fehlverhaltens zu bestätigen, während er ihm sagt „Ich wusste sowieso alles und ich wollte es nur nochmal von ihm hören.“ Dann droht er damit, Jacksons Karriere zu zerstören, wenn der Junge seine Fragen nicht auf die richtige Art beantworten würde, indem er sagt, wenn er ihm nicht das erzählen würde, was er zu hören erwarte, „dann werde ich ihn (Jackson) erledigen“(60, Zwischenbemerkung). Allerdings verspricht er, „Michael nicht weh zu tun“, wenn er dies bestätigt. Basierend auf der von Chandler selbst geschriebenen Chronologie führte er die Befragung eindeutig auf eine sehr irreführende und Druck ausübende Art und Weise durch, indem er Suggestivfragen stellte und damit drohte, Jackson etwas anzutun, wenn seine Fragen nicht korrekt beantwortet würden.

Allerdings ist der Fall an diesem Tag durch die Anwesenheit einer dritten Person in Chandlers Praxis noch komplizierter: Mark Tobiner, ein Narkosefacharzt, der seine vorherige Stelle wegen ethisch-moralischer Verstöße aufgeben musste und nun seinen Lebensunterhalt dadurch bestritt, Narkosemittel im Auftrag, oft in Privathaushalten, zu verabreichen (Fischer 1994, 221). Chandler schrieb in seiner Chronologie, dass er wartete, bis die Betäubung nachließ, ehe er seinen Sohn befragte: „Als Jordie aus der Narkose erwachte, bat ich ihn, mir von sich und Michael zu erzählen“ (Dimond 2005, 60). (3) In einem am 3. Mai 1994 ausgestrahlten Bericht von KCBS-TV, sagt Chandler, die Beschuldigungen wurden gemacht, während sein Sohn noch betäubt war. Dies widerspricht genau der schriftlichen Chronologie, die er der Polizei gab. Wenn Chandlers Angaben gegenüber KCBS-TV wahr sind, dann ist es sehr beunruhigend, dass Jordan den Beschuldigungen zuerst zustimmte, während er unter dem Einfluss irgendeiner unbekannten Sedierung stand, besonders wenn man bedenkt, auf welche Art der Vater die Befragung durchführte: mit Lügen und Drohungen und der Andeutung bestimmter sexueller Handlungen. (4)

Trotz dieser zweifelhaften Beweise verfolgte der Bezirksstaatsanwalt von Santa Barbara, Tom Sneddon, den Fall gegen Jackson auf aggressive Art und Weise. Auf seine Anordnung hin wurde am 20. Dezember 1993 eine demütigende Leibesvisitation durchgeführt, die sich darauf konzentrierte, Jacksons intimste Körperbereiche zu begutachten, zu fotografieren und zu filmen. Der angebliche Grund dieser Leibesvisitation war, dass man sehen wollte, ob Jordans Beschreibung von Jacksons Körper korrekt war. Jacksons frühere Ehefrau, Lisa Marie Presley, sagte später, sie war nicht korrekt. In einem Interview, das am 14. Juni 1995 auf ABC’s Prime Time Life ausgestrahlt wurde, erzählte Presley Diane Sawyer: „Es gab keine Übereinstimmung. Es gab nichts.“ Zusätzlich prüften zwei unabhängige Geschworenengerichte – im Bezirk Santa Barbara und im Bezirk Los Angeles – die Beweise gegen Jackson, „einschließlich der von Jordie abgegebenen Beschreibung von Jacksons Genitalien, die direkt neben den Fotos von Jacksons Unterkörper geschrieben stand“ (Sullivan 2012, 266), und beide Jurys weigerten sich Anklage zu erheben. Wie Randall Sullivan es in Untouchable: The Strange Life and Tragic Death of Michael Jackson erläutert, ist das aussagekräftig:

Geschworenengerichte sind grundsätzlich eine Formvorschrift in Kalifornien; nahezu alle diese Beratungen enden in Anklagen. Nur Staatsanwälte können Beweise präsentieren, und es wird nicht mehr als eine „begründete Wahrscheinlichkeit“, dass eine Straftat stattgefunden hat, von ihnen verlangt. Im Sommer 1994 weigerten sich jedoch beide Geschworenengerichte, Michael Jackson anzuklagen. „Es gab keine echten Beweise,“ gab ein Polizeibeamter, der in die Ermittlungen involviert war, gegenüber der Los Angeles Times zu. (266)

Insgesamt scheinen die Beurteilung beider Geschworenengerichte zusammen mit den Feststellungen von Presley und dem Polizeibeamten, der mit der Times gesprochen hat, einen früheren Bericht von Reuters zu bestätigen, der von USA Today am 28. Januar 1994, nur ein paar Wochen, nachdem die Polizei die Leibesvisitation durchgeführt hatte, veröffentlicht wurde: „Eine unbekannte Quelle erzählte dem Nachrichtendienst Reuters am Donnerstag, dass Fotos von Michael Jacksons Genitalien nicht mit den abgegebenen Beschreibungen des Jungen, der den Sänger des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, übereinstimmen.“

Ein Begleitresultat der Leibesvisitation war, dass sich nun äußerst deutliche Foto- und Videoaufnahmen von Jacksons unbekleidetem Körper in den Händen der Polizei befanden. Diese Bilder hätten während eines Prozesses öffentlich gemacht werden können, eine Situation, die für jedermann demütigend wäre, ganz besonders aber für jemanden, der dem prüfenden Blick der Öffentlichkeit so ausgesetzt war wie Michael Jackson. Dazu kommt noch, dass die Möglichkeit bestanden hätte, dass Kopien dieser Fotografien und Videobänder zur Vorbereitung auf den Prozess an Chandler und seinen Anwalt Larry Feldman ausgehändigt werden könnten. Diese Bilder wären für die Klatschblätter oder auf dem Pornomarkt Millionen wert gewesen, und Chandler war ein Mann, der darauf aus war, Millionen zu erzielen. Er wollte außerdem so viele Menschen wie möglich „demütigen“, und jene deutlichen Abbildungen von Jacksons unbekleideten Körper hätten ihm als Werkzeug dafür gedient, Jackson gründlich zu demütigen. Chandler sagte zu Schwartz: „Dieser Mann wird so erniedrigt werden, wie es die Welt noch nicht gesehen hat … Er wird nicht glauben, was gerade mit ihm geschieht. Das wird über seine schlimmsten Albträume hinausgehen“ (Transcript 201). Diese Fotos – oder sogar das Drohen mit diesen Fotos – hätten außerdem dazu benutzt werden können, um Jackson unter Druck zu setzen und einen Vergleich auszuhandeln. Chandlers Bruder Ray war bei mehreren der Meetings mit Feldman dabei, und er beschreibt die Situation so: „Der Staatsanwalt hatte möglicherweise bald Bilder von Michaels Eiern, aber Larry Feldman hielt sie jetzt fest im Griff. Und es war Zeit die Daumenschrauben anzusetzen“ (Chandler 2004, 209).

Jackson willigte ein paar Tage nach der Leibesvisitation ein, den Zivilprozess beizulegen und, wie Sullivan berichtet, war das Verhindern der Veröffentlichung jener Fotos das zentrale Thema bei den Verhandlungen zwischen Feldman und Jacksons Anwälten, Johnnie Cochran und Howard Weitzman:

Cochran und Weitzman sahen die Fotos von Michael Jacksons Genitalien als „den violetten Gorilla im Raum“, erinnerte sich Carl Douglas (Cochrans Partner), und wir versuchten verzweifelt sie aus den Händen von Larry Feldman zu bekommen. Sich dieser Tatsache vollkommen bewusst, verhandelte Feldman unerbittlich. „Die Zahlen, über die diskutiert wurde, schienen in fantastische Höhen zu klettern,“ erinnerte sich Douglas, der glaubte, dass der Wendepunkt der Vergleichsverhandlungen gekommen war, als einer der drei pensionierten Richter (die als Vermittler bei den Verhandlungen anwesend waren), beobachteten, dass „es nicht darum geht, wie viel der Fall wert ist. Es geht darum, wie viel es Michael Jackson wert ist.“ (265)

Jackson entschied schließlich, dass es ihm Millionen wert war, die Polizei davon abzuhalten, Fotografien seines nackten Körpers einem Mann zu übergeben, der entschlossen war, ihn „über seine schlimmsten Albträume hinaus“ zu demütigen, aber er bestand darauf, dass die Begleichung der Zahlung in Raten aufgeteilt würde, so dass der größte Teil des Geldes treuhänderisch für Jordan verwaltet würde, bis dieser erwachsen würde. Evan Chandler erhielt den Berichten zufolge $ 1.5 Millionen und Jordan geschätzte $ 15 Millionen. Jordan setzte später dieses Geld ein, um sich von seinem ihn missbrauchenden Vater zu distanzieren. (Jordan emanzipierte sich noch als Minderjähriger und beantragte später eine einstweilige Verfügung gegen seinen Vater. Bei der Anhörung sagte er, sein Vater habe ihn mit einer Hantel auf den Hinterkopf geschlagen, ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht und versucht ihn zu erwürgen. Gemäß den Gerichtsdokumenten stellte ein Richter des Falles fest, dass Chandlers Handlungen seinen Sohn ernsthaft hätten verletzen oder sogar seinen Tod herbeiführen können (Jordan 2006).) Wichtig ist noch, dass Jackson den Skandal durch einen Vergleich sechs Monate früher, bevor dieser in die Öffentlichkeit gelangte, hätte verhindern können, aber er hatte sich hartnäckig geweigert und weigerte sich noch monatelang weiter. Jedoch änderte er innerhalb von wenigen Tagen nach der Leibesvisitation abrupt seine Meinung und willigte in die Zahlung ein.

Sobald der Fall durch den Vergleich abgeschlossen war, reichte Jackson durch seine Anwälte bei Gericht die Bitte ein, in den Besitz der Fotos und Videobänder der Leibesvisitation zu kommen. Dies wurde abgewiesen. Jene Abbildungen belasteten ihn offensichtlich aber weiter, denn 12 Jahre später, gleich als der Prozess von 2005 vorbei war, wies er wiederum seine Anwälte an, das Gericht um die Übergabe der Bilder zu bitten. Und wieder wurde ihm dies verweigert. Sofern sie nicht nach seinem Tod vernichtet wurden, befinden sich diese Fotografien und Videobänder in amtlicher Verwahrung (Dimond 2005, 321).

Der Abschluss des Falles durch einen Vergleich wurde von vielen als Schuldeingeständnis interpretiert, und dies schürte nur noch zusätzlich den Feuersturm der Hysterie rund um den Fall – ein Feuersturm, der noch höher aufflammte durch den Eifer der weltweiten Medien, welche die reißerischen Aspekte der Geschichte nur noch betonten und übertrieben, ob sie nun wahr waren oder nicht. Das Fernseh-Klatschmagazin Hard Copy zahlte zum Beispiel einer von Jacksons Hausangestellten, Blanca Francia, $ 20.000, damit sie in die Show kam und aussagte, sie habe Jackson unbekleidet mit Jungen in der Dusche und im Jacuzzi gesehen. Allerdings widerspricht sie sich einen Monat später unter Eid in einer Aussage über das, was sie wirklich gesehen hat selbst: Sie sah Jackson niemals mit irgendjemandem in der Dusche, und er trug immer Badehosen im Jacuzzi (Fischer 1994, 267; Halperin 2009, 64-71).

Francia erzählte außerdem bei Hard Copy, Jackson könnte ihren 12-jährigen Sohn Jason belästigt haben (Halperin 2009, 64-65). Er ist der zweite Junge, der Jackson des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Polizeibeamte, die den Chandler Fall untersuchten, befragten den Jungen sowohl vor, als auch nach Ausstrahlung der Sendung, und zuerst sagte er ihnen gegenüber aus, Jackson hätte nichts Falsches getan. Die Ermittler akzeptierten seine Antwort allerdings nicht und setzten den Jungen unter Druck, einen Missbrauch zuzugeben, indem sie ihm Suggestivfragen stellten, wie solche, ob die Belästigung durch Jackson vielleicht stattgefunden habe, während er ihn gekitzelt habe. In einem Artikel der The Huffington Post vom 13. Juni 2010 stellt Charles Thomson gemäß dem Transkript des Interviews fest:

(Jason) hat ursprünglich darauf bestanden, dass er niemals belästigt wurde. Die Transkripte zeigten außerdem, dass er erst, nachdem die Polizisten während der Befragungen wiederholt die Grenze des Erlaubten überschritten hatten, sagte, er sei belästigt worden. Die Polizisten bezogen sich dabei immer wieder auf Jackson als „Belästiger“. Einmal erzählten sie dem Jungen, dass Jackson gerade, während sie sprechen würden, Macauley Culkin belästigen würde und behaupteten, dass der einzige Weg Culkin zu retten darin bestehen würde, dass Francia ihnen sagen würde, er sei von dem Star sexuell missbraucht worden.

(Culkin hat immer wieder, auch unter Eid während des Prozesses 2005, Spekulationen darüber zurückgewiesen, dass Jackson ihn missbraucht habe.) Jason stimmte schließlich den Beschuldigungen zu und sagte aus, dass bei drei Gelegenheiten, bei denen er und Jackson vollkommen bekleidet gewesen wären, Jackson ihn in unangemessener Weise angefasst habe, während er ihn kitzelte. Thomson berichtet, dass Jason, gemäß dem Transkript, ausgesagt habe, dass die Polizisten ihn während des Verhörs „dahin gebracht hätten, mit der Sache herauszurücken. Sie drängten immer weiter. Ich hätte ihnen eine reinhauen können.“ Die Francias erhielten von Jacksons Versicherungsgesellschaft einen Betrag von $ 2,4 Millionen.

Zehn Jahre später wurde Jackson der Belästigung eines dritten Jungen, Gavin Arvizo, einem Krebspatienten, der den Wunsch geäußert hatte, Adam Sandler, Chris Tucker und Michael Jackson treffen zu dürfen, beschuldigt. Sie sagten alle zu. Gavin tauchte später in einer Dokumentation mit Jackson auf und sagte nach Drängen des Filmenden: „Es gab einen Abend, an dem ich ihn fragte, ob ich in seinem Schlafzimmer bleiben könne“ (Living 2003). Gavin und Jackson sagten weiter, dass Gavin in Jacksons Bett geschlafen habe, während Jackson selbst mit Wolldecken auf dem Boden schlief. Der Filmer Martin Bashir fragte Jackson dann nach den Gründen und meinte: „Aber Michael, du bist ein inzwischen 44-jähriger Mann. Was veranlasst dich dazu?“ Jackson erwiderte:

Ich habe es bereits viele Male gesagt, meine größte Inspiration bekomme ich von Kindern. Jeder Song, den ich schreibe, jeder meiner Tänze, all die Gedichte, die ich schreibe – das alles wird inspiriert von dieser Ebene der Unschuld, diesem Bewusstsein von Reinheit. Und Kinder haben das. Ich erkenne Gott in den Gesichtern der Kinder. Und Mann, ich liebe es einfach, das alles die ganze Zeit um mich zu haben.

Als die Dokumentation am 3. Februar 2003 in England beziehungsweise am 6. Februar 2003 in den Vereinigten Staaten ausgestrahlt wurde, empfanden viele Zuschauer Jacksons Antwort verwirrend und hatten das Gefühl, die gesamte Situation sei unangemessen. Diese Szene rief auch den Verdacht sexuellen Missbrauchs hervor und löste Untersuchungen durch das Amt für Jugend und Familienangelegenheiten von Los Angeles (DFCS), der Polizeibehörde von Los Angeles und der Abteilung des Bezirkssheriffs von Santa Barbara aus. Die Arvizos klagten Jackson später an, Gavin belästigt zu haben, und dieses Mal kam der Fall vor Gericht.

Wie allerdings bei den Fällen Chandler und Francia auch war der Fall Arvizo hoch problematisch. Anstatt zum Beispiel den angeblichen Missbrauch den Polizeibeamten zur Aufklärung zu melden oder einem Rechtsberater oder Therapeuten der Schule, konsultierten die Arvizos Larry Feldman, den Anwalt, der den Chandler-Vergleich abgewickelt hatte. Noch bedeutsamer ist, dass gemäß den in der Anklageschrift angegebenen Daten und dem, was Bezirksstaatsanwalt Sneddon in seinem Eröffnungsplädoyer am ersten Prozesstag laut vorlas, die Belästigung angeblich zwischen dem 20. Februar und dem 12. März 2003 stattgefunden haben soll (Reporter’s Transcript 2005, 12-13). Wenn diese Daten korrekt sind, dann bedeutet das, dass der Missbrauch nach der Ausstrahlung der Bashir-Dokumentation stattgefunden hat, nachdem der Skandal ausbrach und nachdem das Jugendamt (DFCS) und zwei Abteilungen der Polizeibehörde mit ihren Nachforschungen begannen. Mit anderen Worten war Jackson, gemäß der Zeitachse des Staatsanwaltes, eines Fehlverhaltens als der Skandal losbrach völlig unschuldig und soll dann – während er unter intensiver Beobachtung durch das Jugendamt, der Polizei, der Presse und der Öffentlichkeit stand –das Verbrechen begangen haben, für das gerade eine Untersuchung gegen ihn stattfand. Das ist schwer vorstellbar. Die Kläger behaupteten außerdem, dass eine Verschwörung zur Vertuschung des Verbrechens schon im Gang war, bevor dieses angeblich stattfand, wie Tom Mesereau, der führende Verteidiger in seinem Schlussplädoyer erwähnte:

Gemäß der Anklage beginnt diese kriminelle Verschwörung am 1. Februar, 19 Tage vor dem angeblichen Missbrauch. Nimmt man all dies zusammen, was sagt uns das dann über die Daten, an denen der sogenannte Missbrauch stattgefunden haben soll? Es ist absurd. Es ist unrealistisch. Und es ergibt keinen Sinn. Weil der ganze Fall keinen Sinn ergibt. (Reporter’s Transcript 2005, 12874)

Unter Berücksichtigung dieser verschachtelten Chronologie, ebenso wie zahlreicher anderer höchst fragwürdiger Aspekte des Falles, befanden die zwölf Mitglieder der Jury Jackson einstimmig für nicht schuldig in allen Anklagepunkten. Die Öffentlichkeit wäre möglicherweise zum selben Schluss gekommen, wenn die grundsätzlichen Fakten von der Presse berichtet worden wären.

Natürlich erreichte die Flut der Sensationsstorys weit mehr Aufmerksamkeit als die Beweise, die sie widerlegten, und Jackson wurde von einer der populärsten öffentlichen Persönlichkeiten zu einem Objekt des Spotts und sogar des Hasses. Wie er es selbst beschreibt, wurde er für die Öffentlichkeit zu einem „Monster“, und viele seiner späteren Songs können als ein Hinterfragen und einer Auseinandersetzung mit diesem abscheulichen öffentlichen Image gedeutet werden. In „Threatened“ nennt die Hauptfigur sich selbst „deinen schlimmsten Albtraum“, eine Verkörperung „der dunklen Gedanken in deinem Kopf“ und „ein Monster, die schlimmste zu befürchtende Sache“ (Jackson 2011). In „Is It Scary?“ fragt er: „Bin ich die Bestie, die du dir vorgestellt hast?“ (Jackson 1997a). In „Breaking News“ fragt er: „Wer ist dieser Buhmann, an den du denkst?“ (Jackson 2010). Und in „Monster“ scheint Jackson die öffentliche Wahrnehmung über seine Person mit dem folgenden Refrain wiederzugeben:

Monster
Er ist ein Monster
Er ist ein Tier
(Jackson 2010)

Als im frühen Jahr 2003 der Arvizo-Skandal losbrach, hatte die Hysterie einen solchen Fieberanfall erreicht, dass Vanity Fair einen Artikel veröffentlichte, in dem er bezichtigt wurde mit einem singenden Medizinmann, der angeblich in seinem Auftrag rituelle Opferungen von Kühen, Geflügel und „kleineren Tieren“ durchführte, Voodoo-Kult zu betreiben. (5) In solch einer emotional aufgeladenen Atmosphäre wurde es nahezu unmöglich, Wahrheit von Angst, Phantasie und Spekulation zu unterscheiden. Jackson trug fortan für den Rest seines Lebens das Stigma der Pädophilie.

Zurückblickend kann diese lange Reihe von Vorkommnissen zu jenem Moment im Jahr 1993 zurückverfolgt werden, als Chandler gesagt hatte: „Wenn ich damit durchkomme, werde ich haushoch gewinnen. Ich kann gar nicht verlieren … Ich werde alles bekommen, was ich will und sie werden vollkommen – sie werden für immer zerstört werden … Michaels Karriere wird vorbei sein“ (Transcript 133-134). Chandlers Voraussagen wurden in vielfältiger Hinsicht wahr. Als er erst einmal seinen „Plan“ in Bewegung gesetzt hatte, prägte sich fortan das Bild von Jackson als Pädophilem in den Köpfen der Polizei, der Presse und der Öffentlichkeit ein, und es darf behauptet werden, dass die Flut der Ereignisse, die darauf folgten, allesamt das direkte Ergebnis dieser künstlich erzeugten Vorstellung ist. Ich glaube beispielsweise nicht, dass die Beamten, die Jason Francia befragt haben, ihn dazu gedrängt haben würden einen Missbrauch zu unterstellen – oder wenigstens nicht so beharrlich – wenn Chandlers Beschuldigungen sie nicht schon davon überzeugt hätten, dass Jackson ein Kindesbelästiger gewesen wäre. Ich glaube nicht, dass die Bashir Dokumentation solch einen Aufschrei der Entrüstung verursacht hätte, wenn Chandlers Beschuldigungen nicht bereits vorher das Bild von Jackson als Pädophilem in der öffentlichen Vorstellung verwurzelt hätten. Und ich glaube nicht, dass ein so makelbehafteter Fall wie jener der Arvizos jemals vor Gericht gekommen wäre, wenn Bezirksstaatsanwalt Sneddon nicht bereits 10 Jahre damit verbracht und Millionen Dollar ausgegeben hätte, Jackson wegen sexueller Verbrechen an Kindern zu überführen, die auf Chandlers Behauptungen basierten. Auf diese Art manifestiert sich Massenhysterie: Eine sensationelle Anschuldigung setzt eine Kettenreaktion weiterer sensationeller Anschuldigungen in Gang. (6)

Aber warum spielte sich der Fall Chandler auf diese Art und Weise ab? Warum glaubte die Polizei Chandler und nicht Jackson, trotz der Widersprüche in Chandlers Behauptungen und zahlreicher anderer Warnsignale? Warum übertrieb die Presse und erfand sogar „Beweise“ gegen Jackson, während sie andere, ihn entlastende Beweise zurückhielt? Einige wenige Pressekanäle räumten zum Beispiel ein, dass Jordan die Anschuldigungen erstmalig entweder während der Narkose oder direkt, nachdem sein Vater ihm unter einer Narkose einen Zahn gezogen hatte, bestätigte – eine Situation unter Zwang, wenn es diese je gegeben hat. Manche erwähnten, dass Chandler damit drohte, Jacksons Karriere zu zerstören, sollte Jordan nicht auf die von ihm geforderte Art antworten. Und einige wenige haben berichtet, dass sich zwei unabhängige Geschworenengerichte nach Überprüfung des Beweismaterials gegen Jackson weigerten, ihn anzuklagen. Obwohl es sich hierbei um unzweifelhafte und entscheidend bedeutsame Fakten dieses Falles handelt, da sie eindeutige Zweifel gegenüber Jordans Aussage aufwerfen, und seine Aussage scheint der einzige Beleg gegenüber Jackson überhaupt zu sein.

Obwohl es auf den ersten Blick nicht relevant erscheinen mag, war vielleicht die sich ändernde Farbe seiner Haut ein Grund dafür, dass die Polizei und die Presse so schnell dabei war, die Anschuldigungen gegen Jackson zu glauben. In The White Afro-American Body: A Cultural and Literary Exploration verweist Charles D. Martin auf die Möglichkeit, dass Jacksons Haut seinen Körper als einen Ort der Sünde und Verderbtheit kennzeichnete, schon bevor er jemals die Chandlers traf, ja, bevor er überhaupt jemals irgendeiner Sache beschuldigt wurde. Martin verfolgt die öffentliche Zurschaustellung schwarzer Körper mit weißer Haut, besonders der Körper jener, die an Vitiligo oder Albinismus leiden, von der Sklaverei über die Zeiten der Rassentrennung bis hin zur Gegenwart, und er zeigt wichtige historische Zusammenhänge zum Verständnis gegenüber Jacksons Körper, sowohl als (eindrucksvollen) Anblick als auch als mutmaßlichen Tatort auf. Martin behauptet, dass die Körper „weißer Neger“ das weiße Publikum seit mehr als zwei Jahrhunderten durch das Herausfordern der Vorstellung rassischen Essentialismus‘ und Reinheit fasziniert und bedroht haben. Als Begleiteffekt ruft das Bild eines schwarzen Körpers mit weißer Haut außerdem verwirrende Vorstellungen von Rassenmischung, Verunreinigung und Verderbtheit hervor, die offensichtlich sogar bis heute überlebt haben:

Der Anblick von Vitiligo ruft immer noch den Makel des Betrugs und verräterischer rassischer Verwandlung hervor. Die Volksweisheit rund um die Erkrankung bringt das Erscheinungsbild des Weißseins auf dunkler Haut mit Rassengrenzen überschreitenden sexuellen Eskapaden in Verbindung. (166)

Martin deutet an, dass, wenn man diesen historischen Zusammenhang in Betracht zieht, Jacksons „schwarz-weiße Haut“ selbst zum „vorrangigen Beweis für seine Verrücktheit, seine Widernatürlichkeit, seine Verbrechen“ (175) wurde, ein irrationales Vorurteil, dass vielleicht zusätzlich durch die Tatsache bekräftigt wurde, dass er eines sexuellen Verbrechens angeklagt war, „welches die Farbgrenze überschritten hatte“.

John Nguyet Erni bietet eine breiter angelegte Sichtweise an, indem er andeutet, dass die Anschuldigungen der Chandlers schnell Verbreitung finden würden, nicht nur aufgrund Jacksons sich verändernder Hautfarbe, sondern eher allgemein aufgrund seiner mehrdeutigen Identitätsdarstellung, sowohl auf der Bühne, als auch abseits davon – eine Mehrdeutigkeit, die gleichzeitig einnehmend, aber auch zutiefst verwirrend ist. Wie Erni anmerkt können wir in Black or White beobachten, wie sich Jackson in einen schwarzen Panter und dann wieder zurück in einen Menschen verwandelt, allerdings in einen irgendwie anderen Menschen, als er vorher war – einen wütenden Menschen, „heulend und tanzend in einem gewalttätigen Rausch“ (162). In Thriller porträtiert er einen schüchternen Teenager bei einem Date, der sich in einen Werwolf verwandelt und dann „als verliebter Teenager wieder zurückkehrt“, aber als ein veränderter verliebter Teenager – „mit den morphologisch transformierten Augen eines Monsters.“ Jackson verwandelt sich in seinen Kurzfilmen wiederholt in das Andere und dann wieder zurück, aber wie Erni betont, ist die „Rückkehr“ zur menschlichen Form im Allgemeinen nicht ganz „eine Rückkehr zum ‚Original‘.“ Vielmehr ist eine Rückkehr, die immer noch die Spuren der Andersartigkeit trägt, „die Geste einer ‚Rückkehr‘, die durch Metamorphose gekennzeichnet ist.“

Diese wiederkehrenden Verwandlungen beinhalten sowohl ein Versprechen, als auch eine Drohung. Jacksons Ausflüge in die Andersartigkeit eröffnen die Möglichkeit „einer kreativen Neu-Vorstellung der Identität“ (Erni 1998, 163) – ein Ethos der Möglichkeit und Veränderung, die sich als sehr anziehend auf seine Fans auf der ganzen Welt erwies, besonders auf jene, die selbst als andersartig gekennzeichnet waren. (Julian Vigo bemerkt: „Während des Filmens über das öffentliche Trauern um Jackson … war ich ziemlich überrascht darüber, wie viele von Jacksons Fans sich mit ihm wegen ihrer eigenen Ausgrenzung aufgrund von Behinderung, Krankheit, Sexualität und ethnischer Identität identifizierten“ (32).) Jedoch wurde hierdurch auch eine tiefsitzende Angst gegenüber dem Mehrdeutigen, dem Unentschlossenen, dem Verblüffenden und dem Unbekannten angezapft, das die Mainstream-Medien und sogar die alternativen Medien nicht tolerierbar zu finden schienen – daher die extreme Verurteilung von Jackson und die Bezeichnung als „Wacko Jacko“. Erni deutet an, dass wahrscheinlich dieses Unbehagen gegenüber Jacksons zweideutiger Identität „den ausufernden Trend zur Dämonisierung von Jackson durch die Medien und die Öffentlichkeit“ zu erklären hilft (159), bevor der Chandler-Skandal ausbrach, der sich dann in „eine Geschichte der Perversion verwandelte, die genau zu der permanenten Inszenierung und dem Konsum der Zerstörung der wunderlichen Berühmtheit eines „Kind-Mannes“ (160) passte und dieser neue Nahrung verschaffte, als die Anschuldigungen erst einmal bekannt geworden waren.

Ein dritter Faktor bei den Reaktionen der Öffentlichkeit in Bezug auf den Chandler-Fall war das verständliche Mitgefühl für das mutmaßliche Opfer, das noch verstärkt wurde durch ein Klima erhöhter Sensibilität gegenüber Missbrauchsopfern infolge eines erhöhten öffentlichen Bewusstseins in den 1970er und 80er Jahren und einer Reihe von sehr publik gemachten und äußerst kontroversen Skandalen sexuellen Missbrauchs in Kindertagesstätten in den 1980er und frühen 1990er Jahren. (Der Prozess um die McMartin-Vorschule in Los Angeles County, der 1990 beendet wurde, gilt immer noch als der längste, teuerste und als einer der aufsehenerregendsten Kriminalprozesse in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Die sieben Beschuldigten waren des Missbrauchs satanischer Riten wie auch sexueller Verbrechen gegen kleine Kinder angeklagt.) Wurden die Opfer sexuellen Missbrauchs bis dahin zu oft angezweifelt und schwiegen beschämt, gab es von nun an eine große Zurückhaltung dabei Missbrauchsbeschuldigungen von Kindern in Frage zu stellen, ungeachtet der Umstände, unter denen sie hervorgebracht wurden. Diese Tendenz, berechtigte Fragen hinsichtlich der Echtheit von Missbrauchsbeschuldigungen zu unterlassen – oder, sogar noch weitergehend, anzunehmen, dass solche Anschuldigungen immer ein Körnchen Wahrheit beinhalten – spielte ohne Zweifel eine Rolle bei der öffentlichen Wahrnehmung des Chandler-Falls.

Allerdings hat Jordan Chandler selbst, gemäß Tom Mesereau, seine eigenen Aussagen leise geleugnet, indem er sagte, seine Eltern hätten ihn dazu gezwungen, Beschuldigungen gegenüber Jackson vorzunehmen. Mesereau hielt am 29. November 2005 an der Harvard Law School eine Rede als Teil einer Vorlesungsreihe über Rasse und Justiz. Nach seiner Präsentation wurde er im Rahmen einer Frage-und-Antwort-Veranstaltung zum Chandler-Fall befragt, der als Beleg für „frühere schlechte Taten“ während des Prozesses 2005 eingebracht wurde. In seiner Antwort sagte er, Jordan habe Bekannten erzählt, die Anschuldigungen seien nicht wahr gewesen:

Ich hatte Zeugen, die kommen und aussagen wollten, dass er ihnen gesagt hätte, es sei nie geschehen, und dass er nie mehr mit seinen Eltern sprechen würde, weil sie ihn dies hatten sagen lassen.

Während Jordan kein öffentliches Statement, mit dem er die Anschuldigungen geleugnet hat, abgegeben hat, wären gemäß Mesereau diese Zeugen willens gewesen, bei Gericht zu erscheinen und unter Eid auszusagen, dass er diese Aussagen in privatem Rahmen gemacht habe.

Unglücklicherweise erhielten Mesereaus Bemerkungen sehr wenig Aufmerksamkeit in der Presse. Im Gegensatz dazu erhalten Sensationsgeschichten aus Jacksons Privatleben – besonders Geschichten, die das scheußliche „Wacko Jacko“-Image verstärken, das in der Regenbogenpresse und sogar in den Mainstream-Medien verewigt wird – regelmäßig übertrieben große Beachtung. Ohne Frage wurde die Berichterstattung der Skandale in den Medien und die darauf folgende öffentliche Reaktion nicht von einer sorgfältigen Überprüfung der Beweise gesteuert. Während einige dieser Verzerrungen eventuell der Sensitivität gegenüber den angeblichen Opfern zugeschrieben werden können, erklärt dies doch nicht, warum die grundsätzlichen Fakten der Anschuldigungen von 1993 und des Prozesses 2005 so sehr fehlinterpretiert wurden, oder warum Jackson so gründlich „dämonisiert“ wurde, wie Erni es bezeichnet, oder warum die Anschuldigungen selbst heute noch solch intensive Emotionen hervorrufen, mehr als 20 Jahre, nachdem er das erste Mal beschuldigt wurde und fünf Jahre nach seinem Tod. Was ist die treibende Kraft für den Impuls, Michael Jackson als ein „Monster“ darzustellen? Und welches sind die Gründe für die Neigung zur Massenhysterie in diesem Fall? Jackson stellte in seinem späteren Werk immer wieder Fragen wie diese, und seine Unterstützer haben seit 1993 mit ihnen gekämpft. Aber vielleicht können einige Antworten sehr viel weiter zurückliegend gefunden werden, in einem anderen Fall von Massenhysterie, tief verwurzelt in der Geschichte und der Psyche unserer Nation – ein Fall, der unser jahrhundertelanges Unbehagen gegenüber Rasse und Andersartigkeit, wie auch unsere zwiespältigen Gefühle über Kinder und Sexualität beleuchtet.

Hexen

Im Jahr 1692 wurde in dem Ort Salem, Massachusetts eine Sklavin mit Namen Tituba der Hexerei angeklagt. Die neunjährige Betty Parris, die Tochter des Besitzers von Tituba, Rev. Samuel Parris, litt seit Dezember 1691 unter ungewöhnlichen körperlichen Symptomen mit stechenden Schmerzen und nicht zu kontrollierenden Krämpfen, unter denen sich ihr kleiner Körper krümmte. Innerhalb weniger Wochen begannen sich bei fünf weiteren Mädchen ähnliche Symptome zu zeigen. Der Verdacht von Hexerei machte schnell die Runde, wie es in jenen Tagen oft der Fall war. Allerdings passierte in Salem etwas anderes, und diese banalen Ängste steigerten sich zu einer Massenhysterie. Als die Hexenprozesse von Salem im September 1692 endeten, waren fast 200 Menschen der Hexerei angeklagt und 20 von ihnen waren hingerichtet worden.

Ein entscheidendes Ereignis in der Geschichte der Hexenprozesse von Salem passierte am 25. Februar 1692, als Mary Sibley, eine besorgte Nachbarin und Mitglied der Kirche von Rev. Parris, Tituba und ihren Ehemann John ansprach und sie bat, einen Hexenkuchen zu backen, um die Quelle der Teufelei herauszubekommen. Einen Hexenkuchen für das Aufspüren einer Hexe zu backen war eine relativ übliche Praxis mit europäischem Ursprung, wie Elaine G. Breslaw in Tituba, Reluctant Witch of Salem erklärt, aber ironischerweise hat Sibley Tituba wahrscheinlich deshalb angesprochen, weil sie und ihr Mann Amerikaner indianischen Ursprungs waren und weil in der puritanischen Vorstellung „einfühlsame Magie so eng mit den Indianern in Zusammenhang gebracht wurde“ (97). Im Grunde gibt es keinen Beweis dafür, dass Tituba oder John jemals in okkulte Praktiken verwickelt waren, bevor sie von Sibley darum gebeten wurden, und es gibt ausreichende Indizienbeweise, um anzunehmen, dass sie es nicht waren.

Interessanterweise hat sich Titubas und Johns Rasse und ethnische Zugehörigkeit seit der Zeit der Prozesse signifikant weiterentwickelt. In zeitgenössischen Berichten wurden sie verschiedentlich und zweifelsfrei als „Indianer“ bezeichnet. Beim Wiedererzählen der Geschichte allerdings veränderten die Autoren sie schrittweise in Richtung einer afrikanischen Abstammung. In „Giles Corey of the Salem Farms“, geschrieben 175 Jahre nach den Prozessen, beschreibt Henry Wadsworth Longfellow Tituba als Tochter einer indianischen Mutter und eines „vollkommen schwarzen“ Vaters, der ihr Obeah-Magie (Obeah: Westindischer Schamanismus) beibrachte (113), und als Arthur Miller 1952 The Crucible (Hexenjagd) schrieb, weitere 85 Jahre nach Longfellow, war aus Tituba eine „Negersklavin“ (7) geworden, die den Mädchen Hühnerblut zu trinken gegeben hat, sie dazu aufforderte nackt im Wald zu tanzen und „bekannt dafür war, mit ihnen zusammen der Hexerei gefrönt zu haben“ (33). Chadwick Hansen verfolgt die Entwicklung von Titubas Rasse und der Art der ihr zugeschriebenen Hexerei in „The Metamorphosis of Tituba, or Why American Intellectuals Can’t Tell a Witch from a Negro“ (Die Metamorphose von Tituba oder Warum amerikanische Intellektuelle eine Hexe nicht von einem Schwarzen unterscheiden können) zurück:

Über die Jahre hat sich die Art und Weise der Magie, die Tituba ausgeübt haben soll, durch die Historiker und Dramatiker von englischer über einheimische hin zu afrikanischer Magie gewandelt. Noch aufschreckender ist, ihre eigene Rasse wurde verändert von einheimisch, zu halb-einheimisch und halb-schwarz zu schwarz … Es gibt keine Beweise, die diese Veränderungen unterstützen, aber man kann eine aufschlussreiche Lektion in amerikanischer Geschichtswissenschaft darin erkennen. (3)

Hansen merkt in den 1950ern an: „Titubas Magie ist schwärzer, genau wie ihre Rasse“ (10) und sie wird als Eingeweihte des Voodoo beschrieben, obwohl es keine Belege dafür gibt und sie zu jener Zeit auch nicht wegen Ausübung des Voodoo-Kultes angeklagt war.

Nach dem Vorfall mit dem Hexenkuchen verschlechterten sich die Symptome des Mädchens, es wurden andere Mädchen und Frauen angesteckt und die Hexenjagd ging richtig los.

Rev. Parris schlug Tituba, bis sie zugab, den Hexenkuchen gebacken zu haben, sich aber nicht mit Hexerei beschäftigen würde, woraufhin er sie dann den örtlichen Behörden übergab, die mit einer Befragung begannen. Tituba wurde über eine Zeitspanne von fünf Tagen befragt und irgendwann wurde sie, gemäß Breslaw, einer „sorgfältigen und erniedrigenden“ Untersuchung ihres nackten Körpers unterzogen, „einschließlich des Genitalbereiches, um nach Zeichen einer ‚Hexen-Zitze‘ oder irgendeinem Hinweis dafür zu suchen, an dem der Legende nach der Teufel und seine Vertrauten ihre Konvertiten säugten“ (131). Als diese Untersuchung fehlschlug, da sie ihnen nicht den gewünschten Beweis verschaffte, wurde sie noch für mindestens ein weiteres Mal einer Überprüfung unterzogen. Breslaw merkt an, dass diese Art der körperlichen Kontrolle ebenfalls von einer europäischen Vorstellung über Hexerei abstammte. „Derartige Kennzeichen wurden traditionell sowohl in England, als auch in Neuengland als empirischer Beweis einer teuflischen Verbindung gesehen.“

Schließlich wurde Tituba wegen „Verdacht auf Hexerei“ vor den Richter gebracht (Warrant 2004, 78) und ihre Aussage elektrisierte die Menschenmenge, die das Gasthaus belagerte, in dem die Befragung stattfand. Sie gestand, und das auf spektakuläre Art und Weise. Als sie Rev. Parris’ Anschuldigungen des Zusammenarbeitens mit dem Teufel leugnete, hatte er ihr Leugnen als Trotz gedeutet und sie umso härter bestraft. Die Richter hatten mindestens zwei erniedrigende Untersuchungen für sie angeordnet und schienen versessen darauf zu sein, wie Rev. Parris entweder ein Geständnis zu erlangen oder einen anderen Schuldbeweis. Es war klar, dass das Leugnen der Anschuldigungen sie nicht schützen würde. Aus komplizierten Gründen also, die weit davon entfernt waren klar zu sein, gestand Tituba das Verbrechen der Hexerei. Allerdings tat sie noch mehr als das. Sie war eine begabte Geschichtenerzählerin, die es genoss, Betty und anderen Mädchen Geschichten zu erzählen, und sie fesselte ihre Zuhörer mit ihrem Geständnis – einem Talent, das sie wahrscheinlich vor dem Galgen bewahrt hat wie Breslaw erklärt:

Tituba, die Geschichtenerzählerin, verlängerte ihr Leben 1692 durch ihre phantasievolle Fähigkeit, einfallsreiche Erzählungen zu erfinden und auszuschmücken. Während des Vorgangs, in dem sie ihre fantastischen Erfahrungen zugab, erschuf sie einen neuen Ausdruck des Widerstandes gegen beleidigende Behandlung und bereitete unbeabsichtigt den Weg für andere unschuldig des schrecklichen Verbrechens der Hexerei Angeklagte. Ihr Widerstand, eine kalkulierte Manipulation puritanischer Ängste, war aufs engste mit ihrer ethnischen Herkunft verbunden. Puritaner waren empfänglich dafür zu glauben, dass Indianer freiwillig am Teufelskult teilnahmen. Diese Vorstellung von Indianern als Unterstützer des Teufels ermutigte Tituba dazu, ihre Phantasien einer teuflischen Handlung zu befeuern. Indem sie zögernd auf puritanische Annahmen bezüglich des Satanismus einging bediente Tituba sich für die wundersamen Details einer Geschichte der Erinnerungen aus ihrem zurückliegenden Leben, die so beängstigend in ihrer Tragweite waren, dass sie als Zeugin dafür am Leben gelassen wurde.

Während sich Tituba also den Forderungen ihrer Ankläger ergab und ein Verbrechen zugab, dass sie nicht begangen hatte, deutet Breslaw an, dass ihre Kapitulation selbst eine Art des Widerstandes war – „ein neuer Ausdruck des Widerstandes“ – der die Ängste der Einwohner aufgriff, sie verstärkte und diese überdimensionierte Furcht dann auf ihre gebannten Zuhörer zurückwarf. Mit anderen Worten, wenn die Einwohner von Salem sie misshandelten und belästigten, bis sie ihnen eine Hexengeschichte erzählen würde, dann würde sie ihnen eben eine Hexengeschichte geben – eine Geschichte „so beängstigend in ihrer Tragweite“, dass ihnen die Haare zu Berge stehen würden und die sie zögern lassen würde, sie noch einmal zu missbrauchen.

Tituba and the Children-Fredericks


Was also kann uns diese Geschichte von Tituba über Michael Jackson lehren? Da sind viele offensichtliche Zusammenhänge zum Fall Jackson, von der Empfänglichkeit an ihre Schuld zu glauben, die Leibesvisitation und Untersuchung der Genitalien durch die Obrigkeit, die Anspielung auf Voodoo-Praktiken durch spätere Chronisten ihrer Geschichte. Aber es gibt noch weitere, weniger offensichtliche Parallelen, die auf vielfältige Art sogar noch signifikanter sind, solche, wie etwa ihre künstlerischen Fähigkeiten und ihr Schmieden „einer neuen Ausdrucksform des Widerstandes“. Diese Elemente von Titubas Geschichte – ganz besonders ihre Fähigkeit, ihre Zuhörer zu fesseln und deren Vorstellungen zu beschäftigen – treffen ebenso auf Jackson zu und sie haben die Macht, nicht nur umzugestalten, wie wir ihn als Mensch und als Künstler wahrnehmen, sondern auch, wie wir Kunst selbst definieren und begreifen, wie Jackson selbst in Ghosts demonstriert.


Ghosts

Im Jahr 1997 reagierte Jackson auf das Klima der ihn verschlingenden Hysterie mit einem 38-minütigen Film: Michael Jackson’s Ghosts. In der Hauptrolle sieht man einen Künstler, einen „Maestro“, wie es im Begleittext heißt, der es liebt, Kindern Geschichten zu erzählen – genau wie Tituba. Er ist ebenfalls von seiner Rasse und Herkunft unbestimmt und wird von seinen Nachbarn als verstörend anders wahrgenommen – wiederum genau wie Tituba, besonders wie die Figur der Tituba, die sich für uns über die Jahrhunderte erhalten hat. Und wie bei Tituba entzündet die Gefahr, dass diese mehrdeutige Person – eine Person, die kulturell als das Andere gekennzeichnet ist – die Gedanken der Kinder verdirbt, die Massenhysterie. (Der Maestro erzählt auch einem schwarzen Kind Geschichten, aber deswegen bekommt er keinen Ärger. Wie der Film deutlich macht, wird er angegriffen, weil er zwei weiße Jungen den Geistergeschichten aussetzt.)

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Die Geschichte beginnt mit einer Horde ängstlicher, aufgebrachter Dorfbewohner, die mit Fackeln in der Hand in das Zuhause des Maestros eindringen, mit der Absicht, diesen aus dem Ort zu jagen. Der Maestro jedoch reagiert auf unerwartete Weise: Zehn Mal maskiert, verzerrt oder zerstört er das Aussehen seines Gesichtes und enthüllt danach, dass alles nur eine Sinnestäuschung war. (Interessant ist, dass er drei Mal ohne Nase erscheint, zweimal nur mit einer unvollständigen Nase und dass seine Nase einmal direkt vor unseren Augen zerfällt.) Diese aufsehenerregende Reaktion dient mehreren wichtigen Funktionen. Zuerst einmal schockiert es die Dorfbewohner, bringt die Denkweise, von der die Menschenmenge ergriffen war, durcheinander und entschärft ihren Angriff. Zweitens fängt sie die unbestimmten Ängste der Dorfbewohner ein, lokalisiert diese Ängste und erschafft damit einen ziemlich harmlosen Kanal, durch den diese unruhigen Emotionen abgeleitet werden können, was auf komplexe Weise dazu dient, ein gewisses Maß an Kartharsis zu ermöglichen. Und schließlich erlaubt es dem Maestro etwas Kontrolle über die Situation zu erlangen, so dass er dann seine Kunst dafür nutzen kann, die Reaktionen der Dorfbewohner zu verändern, indem er nicht nur ihre Angst vor ihm umwandelt, sondern ihre Angst vor dem Anderssein generell. (Außerdem thematisiert besonders der Verlust seiner Nase die Besessenheit der Polizei und der Öffentlichkeit im Hinblick auf Jacksons Sexualität und Anatomie, da, wie Mikhail Bakhtin uns erzählt, „die groteske Darstellung der Nase … immer den Phallus symbolisiert“ (316).)

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Bemerkenswerterweise scheint Jackson fern der Leinwand eine ähnliche Strategie einzusetzen. Besonders in den späten 1990ern veröffentlichen die Klatschpresse und auch die Mainstreammedien zahlreiche Berichte darüber, dass Jackson durch obsessive Gesichtsoperationen die natürliche Schönheit seines Gesichtes zerstört habe: Er habe seine Stirn angehoben, seine Augen vergrößert, seine Wangenknochen markanter machen lassen, seine Lippen schmaler machen als auch vergrößern lassen (beide Eingriffe wurden mit größter Überzeugung behauptet), sein Kinn vergrößert, seine Kieferpartie kantiger machen lassen und grundsätzlich seine alte Nase entfernt und begonnen, stattdessen eine prothetische Nase zu nutzen. Diese Geschichte bekam zu großen Teilen durch Jackson selbst neue Nahrung, sie wurde aber in den Printmedien, dem Fernsehen und den Online-Medien vom Rolling Stone bis zu The Russia Journal, von TMZ bis The New York Times aufgelesen und aufgebauscht.

Wichtig ist, dass Jackson, wie der Maestro, die Illusion, dass er sein Gesicht verzerrt und zerstört habe, sowohl unterstützt als auch negiert hat. Er trug zum Beispiel gelegentlich Verbände, obwohl dazu kein medizinischer Grund bestand, wie drei seiner Bodyguards – Bill Whitfield, Mike Garcia und Javon Beard – Ashleigh Banfield in einem Interview am 9. März 2010 bei Good Morning, America erzählten:

Banfield: Verdeckte er mit den Verbänden eine Verletzung?
Whitfield: Nein, die Verkleidung war für ihn der Brandopfer-Look.
Banfield: Es war eine Verkleidung?
Whitfield: Für ihn war es eine Verkleidung.
Banfield: Als ihr gesehen habt, wie er die Treppe herunter gekommen ist, bereit, um mit den Verbänden ins Auto zu steigen, was habt ihr da gedacht?
Whitfield: Dass irgendetwas mit ihm ist.
Garcia: Yeah, was ist los?
Whitfield: Yeah, irgendwas ist los.
Banfield: Habt ihr es ihm jemals gesagt?
Beard: Wie sollte man ihm das sagen? Er kam herunter mit den Kindern, also konnte wir nicht so etwas sagen wie: „Was zum Teufel haben Sie gemacht, Sir?“

Durch derartige irreführende Aktionen, bei denen er häufig sein Gesicht hinter Masken oder Verbänden versteckte oder durch Make-up fremdartig verändert hatte, schürte Jackson selbst die Gerüchte der umfangreichen und ständigen Gesichtsoperationen.

Gleichzeitig sagte er aber immer, dass er nur sehr wenige Operationen hatte, und seine Mutter bestätigte dies nach seinem Tod. In einem Interview am 8. November 2010 fragte Oprah Winfrey sie: „Als er mit anderen Operationen weitermachte und sein Aussehen veränderte, hatten Sie da das Gefühl, Sie müssten ihm etwas dazu sagen?“ Mrs. Jackson antwortete: „Er hatte weitere Operationen an seiner Nase, aber alles andere hat er nicht getan, mit Ausnahme seiner Vitiligo.“ Ergänzend lässt sich sagen, dass viele von Jacksons Fans schon seit langem behaupten, dass er nur wenige Operationen hatte, und die fotografischen Belege unterstützen dies.

Manchmal erscheint sein Gesicht auffallend fremd, fast unerkennbar. Sogar sein Bruder Jermaine schreibt in seinem Buch You are Not Alone: Michael, through a Brother’s Eyes, dass er ihn bei mindestens einer Gelegenheit nicht erkannt hat. Während einer Pause bei einem von Jermaines Konzerten sagte ihm ein „blass aussehender weißer Mann, altersmäßig in den Vierzigern, mit einem Hut und einem etwas langem Gesicht“, dass er „ein großer Fan“ sei (275). Jermaine schüttelte seine Hand und dankte ihm, „und alle brachen in Gelächter aus“. Der „blass aussehende weiße Mann“ war sein Bruder Michael. Hier ist ein Bild von Michael Jackson, das in jener Nacht in Jermaines Garderobe aufgenommen wurde:

1986

Wie man an diesem Bild sieht sind es nicht nur oberflächliche Merkmale wie die Farbe seiner Haut, die sich verändert hat, sondern ebenso die scheinbare Gesichtsstruktur. Sein kantiges Kinn ist viel mehr gerundet, fast wie geschwollen und erscheint irgendwie länger. (Darum beschreibt Jermaine ihn wahrscheinlich mit einem „etwas langem Gesicht“.“) Die Vertiefungen unter seinen Wangenknochen sind verschwunden, und seine Wangen sehen sehr viel voller aus – eher so wie zu der Zeit, als er ein Kind war. Seine Augenbrauen haben nicht mehr diesen hohen Bogen, den er von seinem Vater geerbt hat. Und die Form seiner Nase ist vollkommen anders: Seine Nase sah nie wie hier aus, weder vor noch nach einer Operation. Jermaine schreibt, dass sogar, nachdem er sein Gesicht intensiv angestarrt hatte, es immer noch „unglaublich unkenntlich“ war (275). Dies war im Mai 1986, nur 2 ½ Jahre, nachdem Thriller veröffentlicht worden war und lange bevor der Skandal um die Gesichtsoperationen zur Besessenheit der Medien wurde, jedoch war Jackson sehr geschickt mit Verkleidungen und nutzte sie oft. Jermaine schreibt weiter: „Es war diese Verkleidung, zusammen mit weiteren, die es ihm erlaubte sich unter Menschenmengen an Orten wie Wien oder Barcelona zu mischen und Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.“

Diese Fähigkeit, seine Erscheinung so zu maskieren, dass nicht mal sein eigener Bruder ihn erkennen konnte – wobei er sogar seine Gesichtszüge und die sichtbare Struktur seines Gesichtes veränderte – wirft einige sehr faszinierende Fragen auf, ganz besonders im Licht des künstlerischen Vorgehens, das er für Ghosts ausarbeitet. Hatte Michael Jackson umfangreiche Gesichtsoperationen in den 1990er und 2000er Jahren, wie die Klatschpresse und sogar die Mainstreammedien immer wieder und wieder berichteten? Oder war der Skandal um die plastischen Operationen eine extreme Form von Performance Art (Aktionskunst)? War es eine spezifische Darstellung, die entworfen wurde, um wichtige emotionale und psychologische Veränderungen in uns, seinem Publikum, hervorzurufen – einem Publikum, das wie die Dorfbewohner in Ghosts einen „Maestro“ mit irrationalen und hysterischen Ängsten bedrohte?

Die fotografischen Belege geben faszinierende Hinweise. Hier sind beispielsweise zwei Fotos, aufgenommen 1987 und 2003 – eine 15-jährige Zeitspanne, in der Jackson Berichten zufolge nicht weniger als 50 Gesichtsoperationen gehabt haben soll – und auf den ersten Blick scheint sich sein Gesicht radikal verändert zu haben:

Stillwater 1987 2003

Eine nähere Untersuchung zeigt jedoch, dass es, wie in Ghosts, nur eine Sinnestäuschung ist – hauptsächlich der geschickte Einsatz von Irreführung und Make-up – nicht von plastischer Operation. Wenn wir seine Gesichtszüge von 1987 mit denen von 2003 vergleichen, sind sie identisch. Seine Stirn, Augen, Wangen, Lippen, Kinn und Kieferpartie sind unverändert. Selbst seine vielgeschmähte Nase sieht ziemlich gleich aus.

Hier sind drei weitere Bilder, aufgenommen aus einem anderen Winkel. Diese Bilder decken sogar noch einen längeren Zeitraum – 26 Jahre – ab, aber wieder erscheinen seine Gesichtszüge unverändert:

Stillwater 1983 1999 2009

Das erste ist ein ungestelltes Foto, aufgenommen 1983, dem Jahr, in dem Thriller gefilmt wurde. Das zweite ist ein Filmausschnitt aus einem MTV Interview von 1999 auf dem Höhepunkt des Skandals um die Gesichtsoperationen. Und das dritte ist ein unbemerkt aufgenommenes Foto von 2009, nicht lange vor seinem Tod. Jedoch außer der kleineren Nase und einem Kinngrübchen – Änderungen, die Jackson bereits in seiner 1988 veröffentlichen Biografie Moonwalk (229) einräumte – sehen seine Gesichtszüge auf diesen drei Bildern gleich aus. Ich erkenne keine Veränderung an seiner Stirn, seinen Augen, seinen Wangen, seinen Lippen, seiner Kinnpartie. Und wenn ich Videodokumente über die ganzen Jahre verteilt von ihm betrachte, ist sein Gesicht ausdrucksstark und lebhaft. Es ist nicht das „erstarrte“ Gesicht der plastischen Chirurgie. Alles zusammen genommen widerspricht das Beweismaterial aus Fotografien und Videos den zügellosen Medienberichten, dass er sein Gesicht durch obsessive Gesichtsoperationen „verwüstet“ habe und bestätigt, was Jackson selbst und viele seiner Fans lange sagten: Er änderte in den 1980er Jahren die Form seiner Nase und fügte ein Kinngrübchen hinzu, nahm darüber hinaus aber keine auffälligen strukturellen Veränderungen vor.

Wie die unbegründeten Anschuldigungen der Hexerei im Jahr 1692 und der Belästigung 1993 stellten die Beschuldigungen der ausgiebigen Gesichtsoperationen in erster Linie einen Fall der Massenhysterie dar. Aber wie Tituba 300 Jahre zuvor übernahm Jackson zu einem gewissen Grad die Kontrolle über diese Beschuldigungen und schrieb dann, mithilfe seiner Begabung als Geschichtenerzähler und Künstler, die Geschichte um, um unsere eigenen Ängste auf uns zurück zu werfen. Wenn wir mit anderen Worten darauf bestanden er sei ein Monster, dann gab er uns ein Monster. Wie Tituba akzeptierte und lebte er die Rolle des Andersartigen, die ihm auferlegt worden war und fesselte uns dann dadurch, dass er unsere eigenen Phantasien zum Leben erweckte und ihnen albtraumartige Ausmaße gab. Es gibt jedoch einen entscheidend wichtigen Unterschied zwischen ihnen: Während Tituba die Hysterie, die sie und andere Einwohner von Salem bedrohte, unbeabsichtigt hervorgerufen hatte, lenkte Jackson diese um und verbreitete sie. Wie er in Ghosts andeutet, nahm er den Skandal um die Gesichtsoperationen als ein Gegenmittel für die Massenhysterie rund um die Anklagen, er habe ein Kind belästigt, in Beschlag, und nutzte faktisch den einen Skandal als Feuerschneise, um den anderen unter Kontrolle zu halten.(7)

Daher bietet Ghosts faszinierende Einblicke in Jacksons Analyse seines ganz speziellen Falles ebenso wie in Fällen von Massenhysterie im Allgemeinen und postuliert den Skandal um die Gesichtsoperationen als künstlerische Antwort auf diese Hysterie. Im Laufe der Zeit verwandelte Jackson sein Gesicht in ein machtvolles Kunstwerk, welches das Gruppendenken entlarvt, das der Massenhysterie zugrunde liegt und enthüllt damit, wie sehr unsere Vorstellungen unsere Wahrnehmung beeinflussen. In der Tat wurde sein Gesicht zu einem Spiegel, der die Voreingenommenheit jedes einzelnen Betrachters widerspiegelte. Diejenigen, die von der Boulevardpresse dazu gebracht worden waren, ein durch Operationen zerstörtes Gesicht zu sehen, erkannten ein durch Operationen zerstörtes Gesicht, während diejenigen, die fähig waren, ein schönes Gesicht zu sehen, ein schönes Gesicht erkannten. Dies wiederum spiegelte weitere Vorurteile, die Betrachter auf ihn projizierten. Jene, die glaubten, er sei ein Freak und ein Pädophiler, sahen einen Freak und Pädophilen. Jene, die glaubten, er sei ein Opfer, erkannten ein Opfer. Und jene, die glaubten, er sei ein Verteidiger der Schwachen, der Unterdrückten und allen durch Angst oder Vorurteilen ausgestoßenen – besonders durch Vorurteile aufgrund von Andersartigkeit und dem „angemessenen“ Ausdruck bezüglich Rasse, Geschlechterzuordnung und Sexualität – erkannten einen Verteidiger.

Offensichtlich war diese Funktion des Reflektierens vorgefertigter Vorstellungen, die ihm aufgebürdet wurden, kein Zufall. Jackson scheint seine Absichten in „Is It Scary“, einem der Songs in Ghosts, ziemlich ausführlich zu erklären:

Ich werde genau das sein
Was du sehen willst
Du bist es, der mich jagt
Denn du willst,
Dass ich der Fremde in der Nacht bin
Amüsiere ich dich?
Oder verwirre ich dich nur?
Bin ich die Bestie, die du dir vorstellst?
Und wenn du
Exzentrische Seltsamkeiten sehen willst
Werde ich grotesk sein vor deinen Augen
Lass‘ sie alle zur Realität werden (Jackson 1997a)

Folglich werden jene, die darauf bestehen, in ihm eine „Bestie“ und einen Pädophilen zu erkennen – einen „Fremden in der Nacht“ – eine Reflexion der abscheulichen Vorstellung sehen, die sie ihm auferlegen. Er singt mehrmals „Ich werde genau das sein / Was du sehen willst“. Er sagt außerdem voraus, dass „wenn du exzentrische Seltsamkeiten sehen willst / Werde ich vor deinen Augen grotesk sein“ – eine Vorhersage, die sich für viele Betrachter als wahr erwies. (8) Er sagt jedoch auch weiter, dass unterschiedliche Leute unterschiedliche Dinge sehen werden, basierend auf ihren Erwartungen:

Bist du also zu mir gekommen

Um deine Phantasien zu sehen

Die sich genau vor deinen Augen abspielen?

Ein unvergesslich gespenstisches Vergnügen

Der schaurige Betrug

Und tanzende Geister in der Nacht?

Wenn du aber zu mir kommst

Um die Wahrheit und die Reinheit zu sehen

Sie sind hier in einem einsamen Herzen

Also lass‘ die Vorstellung beginnen

Jene also, die „zu mir kommen“ und „ein unvergesslich gespenstisches Vergnügen“ erwarten, die werden Zeugen des köstlich beängstigenden Spektakels werden, das sie erwarten, während diejenigen, deren Denkansatz es ist, bei ihm „Wahrheit“ und „Reinheit“ zu sehen, diese „in einem einsamen Herzen“ finden werden.

Nachdem er seine Absichten erklärt hat, fordert er uns mit drei unbequemen, aber entscheidend wichtigen Fragen heraus:

Also sag‘ mir
Ist dies unheimlich für dich, Baby?
Sag‘ mir
Also sag‘ mir
Ist das Realismus für dich, Baby?
Bin ich unheimlich für dich?

Zusammen genommen zwingen die Lyrics von „Is It Scary“ uns, alles, was wir dachten über Michael Jackson zu wissen, zu überprüfen. War sein Leben, so wie es in den Medien dargestellt wurde, real oder war es „Realismus“ – eine künstlerische Schöpfung, maskiert als Realität? Waren die Geschichten der „exzentrischen Seltsamkeiten“ real oder waren sie „makabrer Betrug“? Mit anderen Worten, bis zu welchem Ausmaß basierte die Geschichte von Michael Jackson, wie sie in den Medien dargestellt wurde, auf Tatsachen, und in welchem Ausmaß war es eine „Vorstellung“, inszeniert durch eine vollkommen neue Art von Künstler – ein Künstler, der, wie Tituba vor ihm, „einen neuen Ausdruck des Widerstands erschuf“?

Ich glaube, dass sich Jackson im Verlauf seiner Karriere, beginnend in den 1980ern mit den Artikeln in der Boulevardpresse über die Sauerstoffkammer und die Knochen des Elefantenmenschen und den Schimpansen Bubbles und darüber hinaus für den Rest seines Lebens aktiv mit einem neuen Kunstgenre beschäftigt hat – eins, bei dem seine Mittel nicht aus Musik oder Malerei oder Film bestanden, sondern aus Paparazzi, Klatschpresse, Celebrity-Fernsehshows und sogar der Mainstreampresse. (9) Sie alle wurden zu seiner Palette, um eine neue Kunst des Berühmtseins und der Identität auszudrücken. Durch sie erschuf er eine kurzlebige öffentliche Rolle, die durch ihre „exzentrischen Seltsamkeiten“ auffiel, verkörpert durch sein ständig präsentes, sich jedoch ständig änderndes Gesicht und einen ebensolchen Körper: Ein öffentliches Image, das einerseits omnipräsent, jedoch auch vielgestaltig ist, unmöglich ihm zu entkommen, jedoch auch unmöglich zu (be-) greifen, auf intime Art vertraut und doch erschreckend ungewohnt.

Wir können die Ursprünge dieser neuen Kunstform, wenigstens einige Aspekte davon, über viele Jahre zurückverfolgen. Die Kultivierung eines Bad-Boy-Images erstreckt sich mindestens zurück bis zu den Dichtern der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts. Es galt besonders für Byron und Shelley, dass ihre gewagte öffentliche Rolle mit ihrer Kunst verflochten war. Und es gibt da insbesondere einen modernen Künstler, dessen Werk das Jacksons vorausnimmt: Der Papst des Pop, Andy Warhol. Wie Jackson kultivierte Warhol sowohl eine rätselhafte öffentliche Rolle wie auch ein exzentrisches öffentliches Erscheinungsbild. Interessanterweise litt Warhol an Autoimmun-Erkrankungen, die die Pigmentierung seiner Haut angriffen. Er mochte ebenfalls die Form seiner Nase nicht und hat sie Berichten zufolge durch plastische Chirurgie kleiner und schmaler machen lassen. Die Dokumentation von 2001 Andy Warhol: The Complete Picture beinhaltet Fotografien von Warhol aus den 1950ern, die große weiße Flecken auf seinen Wangen und seinem Hals zeigen. Sie enthält Interviews mit Freunden und Auftraggebern aus seiner frühen Karriere, in denen ausgesagt wird, er habe sich mit seinem Erscheinungsbild sehr unwohl gefühlt, insbesondere mit seiner „knolligen“ Nase und der ungleichmäßigen Pigmentierung seiner Haut. Vielleicht begann er, wenigstens zu einem Teil durch dieses Unbehagen hervorgerufen, damit, mit seinem Gesicht und seinen Haaren zu experimentieren, entwickelte schrittweise einen Look, der extrem blasse Haut mit dunklen, dramatischen Augenbrauen und einer Reihe eigenwilliger Perücken kombinierte. An einem gewissen Punkt begann Warhol sein öffentliches Erscheinungsbild als Teil seiner Kunst zu betrachten und rahmte sogar einige seiner Perücken ein, um Betrachter aufzufordern, sein Erscheinungsbild als Kunst anzusehen.

Jackson charakterisierte, gemäß Dr. Arnold Klein, seinem Dermatologen, sein eigenes Gesicht ebenso als Kunstwerk. In einem Interview am 5. November 2009 erzählte Klein Harvey Levin von TMZ, dass Jackson „sein Gesicht als Kunstwerk ansah. Das muss man (erst mal) verstehen … Es ist schwer … das zu verstehen, aber er sah sein Gesicht wirklich als ein Stück Kunst, ein sich ständig entwickelndes Kunstwerk.“ Jackson deutet dies auch unterschwellig in seinen Kurzfilmen an, besonders in Ghosts, Scream und Black or White. Und er scheint Warhols Einfluss in Scream zu würdigen, als er in seiner Leinwandrolle drei Bilder betrachtet: Ein abstraktes Gemälde von Jackson Pollock, ein surrealistisches Gemälde von René Magritte und ein Selbstportrait von Andy Warhol – genauer gesagt, eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Warhols Gesicht. Es scheint in diesem Zusammenhang bedeutsam zu sein, dass Jackson nicht eines von Warhols Gemälden oder Siebdrucken in diese Abfolge einbezogen hat. Vielmehr wählte er ein Foto seines Gesichts und deutete damit an, dass er Warhols Gesicht als ein bedeutendes Kunstwerk betrachtete – so bedeutend wie die Gemälde von Pollock und Magritte.(10)

andy_warhol_denied

All dies führt zu einer drastisch erweiterten Beschreibung der Bandbreite von Jacksons Kunst, eines Neuziehens der Grenzen seiner Karriere, um nicht nur seine Verdienste für populäre Musik, Tanz, Film und Mode einzubeziehen, sondern auch seine Entwicklung einer äußerst komplexen Kunstform über Prominenz und Identität – einer Performance von Identität, welche die normierten Auffassungen von Rassendefinition, Geschlechterzugehörigkeit, Sexualität, Nationalität, Religion, Familie und andere patriarchalische soziale Strukturen in Frage stellt, während sie sich der Vorstellung des „Normalen“ erbittert entgegenstellt. Basierend auf dieser erweiterten Definition seiner Kunst bin ich zu dem Schluss gekommen, Michael Jackson als den bedeutendsten Künstler unserer Zeit zu sehen, wobei der King of Pop den Papst des Pop mit der Reichweite seines künstlerischen Verständnisses, der Bedeutung seiner Ideen und der durch ihn hervorgerufenen tiefgreifenden kulturellen Veränderungen, besonders bezüglich der Art und Weise, wie wir Andersartigkeit wahrnehmen und erfahren, übertrifft. Ich vermute, zukünftige Generationen werden zurückblicken und sein sich änderndes Erscheinungsbild und die „exzentrischen Seltsamkeiten“ völlig anders interpretieren, als wir es heute tun, und ich glaube, dass sie sein Gesicht als sein Meisterwerk betrachten werden.

Jedenfalls ist sein Gesicht – oder genauer, die Art, auf die er unsere sich ständig ändernde Wahrnehmung seines Gesichts choreografierte – ein künstlerisches Werk, das anders ist als alles, was wir bisher gesehen haben, in einem Ausmaß und Genre, wie wir es nie vorher gesehen haben, und ich glaube, es hat das Potential auf fundamentale Art zu verändern, wie wir unsere Welt wahrnehmen, deuten und erfahren. Es ist ein Werk, das einige unserer am tiefsten verwurzelten Vorurteile hervorruft und anzweifelt, indem es uns zwingt, unsere eigenen Überlegungen und Beweggründe, Reaktionen und Ansichten zu hinterfragen. Als wir beispielsweise mit der sich ändernden Farbe seiner Haut konfrontiert wurden, was fühlten wir da genau? (Mitleid? Verachtung? Scham? Trauer? Verlegenheit? Schuld? Vielleicht sogar selbstgefällige Überlegenheit?), und was sagen uns diese Emotionen darüber, wie wir Rassenunterschiede lesen und deuten? Als wir den Skandal um seine angeblichen Gesichtsoperationen und andere Skandale bewerteten, wem glaubten wir da, wem begegneten wir mit Skepsis und Geringschätzung, und auf welcher Grundlage trafen wir diese Unterscheidung? Und als wir über die Vorstellung eines schwarzen Mannes nachdachten, „der langsam weiß wird“, was war daran denn bedrohlich – so bedrohlich, dass er dafür mehr als zwei Jahrzehnte lang heftig getadelt wurde – und was erklärt das ziemlich fieberhafte Beharren darauf, dass ein schwarzer Mann schwarz bleiben muss? Sein sich ständig veränderndes Gesicht – oder besser, unsere sich ständig verändernden Interpretationen seines Gesichts, da sich sein tatsächliches Gesicht nur sehr wenig verändert hat – ist ein Werk, das die Wahrnehmung aus dem Gleichgewicht bringt, die Verbindungen zwischen Merkmal und Bedeutung ausfranst und den vielen kulturellen Erzählungen, die ihm und seinem Körper auferlegt wurden, trotzt: Erzählungen über Rasse und Geschlechterzuordnung, Sexualität und Kriminalität, und schließlich über Identität selbst. Es ist ein Werk, so revolutionär, das es neue Methoden und neue Interpretationsstrategien erfordert, damit es verstanden werden kann.

Die vorbereitenden Stufen der Entwicklung neuer kritischer Annäherungen an die Interpretation der kulturellen Bedeutung Jacksons – besonders der Bedeutung seines Gesichtes, seines Körpers und allgemeiner seines öffentlichen Images – haben bereits begonnen. Es wird nun immer häufiger Kritik laut, die Jackson in einem gewissen Maß ein Einwirken auf die Erschaffung und Kultivierung seiner Rolle zugesteht, und einige dieser Analysen fangen damit an, sein öffentliches Gesicht und seine „exzentrischen Seltsamkeiten“ sowohl als grenzüberschreitend, als auch als möglicherweise befreiend auszuloten. Im Allgemeinen ist es jedoch bei den Kritikern so – sowohl bei jenen der akademischen Welt als auch jenen der Mainstreammedien, dass auch diese Autoren – ohne Ausnahme – an die falsche Erzählung der exzessiven und ständigen, ja sogar selbstverstümmelnden Gesichtsoperationen glauben. Das Ergebnis ist, dass sie in Jacksons Gesicht ausnahmslos den Beweis für etwas Pathologisches / Krankhaftes sehen – eine Einförmigkeit der Meinungen, die Jacksons Fans verärgert. Dieses angeblich Krankhafte beinhaltet Hass auf sich selbst, auf seinen Vater, seine Rasse; einen Fetisch für Jugend, Peter Pan, Diana Ross; eine krankhafte Furcht vor dem Erwachsensein, einschließlich sexueller Reife und möglichen Änderungen seiner Stimme; einer krankhaften Angst vor Falten und dem Alter; Anzeichen körperlichen Missbrauchs in der Kindheit, psychischen Missbrauchs, möglicherweise sexuellen Missbrauchs; einer an die Arbeit und die Bühne verlorenen Kindheit; die Isolation und Anbetung des Berühmtseins; einem obsessiven Perfektionismus einhergehend mit einer diffusen „Abhängigkeit“ von plastischen Operationen; ebenso wie eher klinisch klingenden Diagnosen wie Narzissmus, Anorexie oder Bulimie und sogar dysmorphologischer Störungen. Die reine Anzahl und Verschiedenartigkeit dieser küchenpsychologischen Diagnosen unterstreicht bereits ihre spekulative Natur und deutet an, dass sie mindestens ebenso viel über die Ängste der Betrachter wie über die angenommenen inneren Dämonen des Betrachteten aussagen. Wenn wir allerdings diese Beurteilungen und die unrichtigen, ihnen zugrunde liegenden Annahmen einmal zur Seite schieben – nämlich, dass Jackson weitreichende und entstellende Gesichtsoperationen hatte – dann werden einige sehr interessante und bedeutende Arbeiten enthüllt.

In Negotiating Difference: Race, Gender, and the Politics of Positionality erschließt Michael Awkward Möglichkeiten, um Jacksons Gesicht als Kunstwerk sehen zu können – eines, das möglicherweise seine Kritiker dafür maßregelt, ihm ihre „begrenzten Auffassungen für das Schwarzsein“ aufzuerlegen:

Dient seine Haltung als Kritik an anderer Kritik durch Hinweise auf seine vermeintlichen Transformationen seiner rassenbezogenen Merkmale … dass der menschliche Körper zunehmend eine extrem gestaltbare Oberfläche repräsentiert und dass andere Versuche, seinen veränderten Zustand als eine Manifestation der Abwesenheit von Rassenstolz zu lesen, die sich ihrerseits in Begriffen von begrenzten Vorstellungen über das Schwarzsein bewegen? … Auf Arten, die mich möglicherweise zutiefst beeindrucken, könnte man sagen, dass Jacksons Image ein grundlegend künstlerisches Bestreben darstellt. (184)

Dies könnte eine ergiebige Herangehensweise sein, um damit anzufangen, Jacksons öffentliches Image als „ein grundlegend künstlerisches Bestreben“ zu verstehen, speziell seine Brüche darin, wie Rassen- und Geschlechterzugehörigkeit durch sein Gesicht und seine Persönlichkeit gekennzeichnet wurden: Nicht durch die Vermutung, was jene Störungen uns über Jacksons psychologischen Zustand verraten (Hasste er seinen Vater? Seine Rasse? Sich selbst?), sondern eher durch Analysieren dessen, warum diese Störungen solch enorme Angst in uns, seinem Publikum, erzeugen, und was diese Angst uns über unseren Bezug zu genormten Strukturen von Identität sagt.

Dies ist genau die Aufgabe, die Julie-Ann Scott sich selbst in „Cultural Anxiety Surrounding a Plastic Prodigy: A Performance Analysis of Michael Jackson as an Embodiment of Post-Identity Politics“ (Kulturelle Angst rund um ein künstliches Wunderkind: Eine Analyse der Darstellung Michael Jacksons als Verkörperung der Post-Identitätspolitik) gestellt hat. Während Scott zwar die Tendenz kritisiert, sein Gesicht als „die Manifestation persönlicher Psychosen“(169) zu sehen, kann sie sich doch leider nie selbst ganz von dieser Tendenz freimachen. (Sie bezieht eine ausführliche Diskussion über Body Dysmorphic Disorder in ihren Artikel mit ein.) Selbst das angegebene Ziel ihrer Untersuchung enthüllt, wie sehr ihr Projekt durch ein trauerndes Entsetzen über seine mutmaßliche Selbstzerstörung beeinflusst wird: „In dieser Analyse werde ich nicht nicht versuchen, Antworten dafür zu finden, warum Jacksons Gesicht sich veränderte … . Ich bin vielmehr daran interessiert, wie sich unsere Aufmerksamkeit zwischen dem Feiern seiner Musik und dem Betrauern seines sich verändernden Gesichts verschiebt“(168). Wenn wir das jedoch heraustrennen und uns auf die Sprache der Pathologie, die während ihres gesamten Artikels eingesetzt wird, einstellen, dann bietet Scott einige nützliche Einblicke in die performative Funktion von Jacksons öffentlichem Image an.

Scott behauptet zum Beispiel, dass seine Mehrdeutigkeit teilweise so bedrohlich ist, dass sie uns zwingt, die kulturellen Grundlagen unserer eigenen Identität zu hinterfragen – Fragen, die in diesem historischen Moment besonders nervenaufreibend sind, da wir danach streben zu leugnen, dass die Bedeutung Rasse und Geschlechterzugehörigkeit und Alter bei der Festlegung von Identität eine Rolle spielt:

In unseren Fragestellungen an Jackson, ob er versucht, weiß, feminin oder kindlich zu sein, legen wir unser eigenes Ringen mit diesen Einteilungen in Kategorien offen. Wenn ein Körper sich dem widersetzt, was als natürlich erachtet wird, dann sind wir gezwungen, Bedeutungen in Frage zu stellen, auf die wir uns im Lauf der Zeit verlassen haben, wir müssen mit der Zerbrechlichkeit dessen, von dem wir uns so schmerzhaft wünschen, dass es wahr wäre, klar kommen. Unser Geschimpfe über Jackson, er würde sich den Kategorien der Identität widersetzen, schält die Wichtigkeit, die wir ihnen in unserer täglichen Darstellung unseres Selbst und unserer Kultur geben, deutlich heraus, und erinnert uns daran, dass die Kategorien, von denen wir behaupten, sie wären für uns nicht relevant, doch immer noch eine Rolle für uns spielen, eine große Rolle.(178)

Während also Scott Jacksons Gesicht und öffentliche Rolle nicht als Kunst betrachtet, sondern eher als interessante Nebeneffekte seiner angeblichen psychischen Störungen, sieht sie trotzdem sein Gesicht und seine Rolle in einer Funktion, wie sie bedeutungsvolle Kunst oft innehat. Sie zwingen uns insbesondere dazu, einige unserer am tiefsten verwurzelten Vorstellungen und Thesen zu hinterfragen – kulturell entstandene Glaubensgrundsätze, die so fest verwurzelt sind, dass wir sie nicht mehr als kulturelle Konstrukte betrachten, sondern als etwas Wahres und Naturgegebenes, wie Scott beschreibt:

Immer wieder zitierte Performativitäten werden zu gemeinschaftlichem, kulturellen Verhalten, gemeinschaftlichen Erzählungen darüber, wer wir sind … . Verhalten, das diese Erzählungen herausfordert, so wie Jacksons sich veränderndes Gesicht, reißt Kategorien über Rasse, Geschlechterzuordnung und Alter auseinander (und) ihnen wird mit Widerstand begegnet, da wir alle gemeinsam damit ringen, das zu verteidigen, von dem wir zu wissen meinen, dass es wahr ist. (17, die Betonung stammt von ihr).

Auf diese Art betrachtet ist die Intensität der Gegenreaktion auf Jacksons sich entwickelndes öffentliches Bild für sich selbst genommen ein Beleg für die sich offenbarende Macht seines Gesichtes als Kunst. Scott schreibt: „Wir trachten nicht danach, Jackson einfach nur aus Neugierde oder Besorgnis als medizinisch und psychisch krank zu diagnostizieren, sondern eher um die verwirrende Macht seiner Darstellung abzumildern“(179) – einer „Darstellung“ von Identität, die ich Kunst nennen würde.

Harriet Manning räumt Jackson wesentlich mehr Willensentscheidung als Künstler ein und ordnet seine komplexe Inszenierung seiner Identität in Michael Jackson and the Blackface Mask in einen breiteren historischen Kontext ein. Aus Mannings Sicht stellt Jackson seine Identität als eine ständige Vermittlung zwischen den historischen Erzählungen, die ihm aufgezwungen wurden und den Gegenerzählungen, die er als Reaktion erschuf, dar. Mit dem Fokus in erster Linie auf Ghosts und den „Panther Dance“ vom Ende von Black or White interpretiert Manning Jacksons Gesicht und Tanzbewegungen so, dass sie das Erbe des Blackface Minstrelsy aktiv hervorrufen, sich damit verbinden und dieses dadurch untergraben – einem Erbe, das Weißen fast 200 Jahre lang erlaubt hat zu definieren, was es bedeutet schwarz zu sein. Manning schreibt in ihrer Analyse über Black or White und den seiner Veröffentlichung folgenden öffentlichen Aufschrei:

Jackson spielt im Panther Dance Vorstellungen über das Schwarzsein, konstruiert auf der Minstrel-Bühne von und für Weiße, durch, jedoch ist sein loyales Festhalten daran für diese heute offenbar intolerabel: Jacksons Streicheln seiner Brust und das Hochziehen seines Hosenreißverschlusses sind sträfliche Verstöße, dennoch war es diese Art Andeutung von Masturbation durch Schwarze, die in der klassischen Minstrel-Karikatur bewundert wurde. Die negative Reaktion ist widersprüchlich, nicht nur weil Jackson anderen außerhalb seiner eigenen Subjektivität das gibt, was sie traditionell konstruiert, verlangt und genossen haben, sondern auch weil solche Denkbilder über Schwarzsein und insbesondere schwarze Männlichkeit heute immer noch populäre Vorstellungen auf die gleiche Art prägen. (41)

Auf diese Art inszeniert Jackson einen bildlichen Ausdruck schwarzer männlicher Übersexualität in Form eines tobenden, kaum kontrollierten, selten gesättigten, animalischen Appetits – bildliche Ausdrücke, die auf der Minstrel-Bühne geformt wurden und heute immer noch sehr lebendig sind, wie Manning durch ihre Analyse des Hip Hop deutlich macht. (Wie Manning aufzeigt ist es diese Charakterisierung schwarzer Männlichkeit als übersexualisiert, gewalttätig, gefühllos, gleichgültig, ungebildet, aber gerissen, die es Musikkritiker Eric Olsen erlaubt festzustellen: „Eminem ist weitaus mehr schwarz als Michael Jackson.“ Erst im Kontext des Blackface Minstrelsy und der daraus resultierenden bildlichen Darstellungen schwarzer Männlichkeit, die heute immer noch die öffentliche Meinung prägen, wird deutlich, dass diese Behauptung einen Sinn ergibt (136).) Im Panther Dance übertreibt Jackson die Erzählungen, die Weiße nahezu zwei Jahrhunderte lang den Körpern der Schwarzen auferlegt haben und reflektiert dann jene überhöhten Klischees auf seine vorwiegend weißen MTV-Zuschauer, indem er dieses Publikum zwingt, sich den Vorurteilen zu stellen, die direkt unter der Oberfläche moderner Auffassungen über schwarze Männer und deren Sexualität liegt.

Manning sieht Jacksons Gesicht auch als eine Art „weißgesichtige Maske“ – eine Übertreibung des Weißseins, das rassenbezogenem Essentialismus und dem weißen Schönheitsideal widersteht, während es nur so scheint, als würde es sich an diese Ideale anpassen. Manning merkt an: “Seine Haut ist nicht nur blass, sondern porzellanweiß“ (44) und sie behauptet später, dass er „jegliche Rassenunterschiede durch die Wahl chirurgischer Maßnahmen in seinem Gesicht verweigert“ (48). Es ist wichtig, dass Manning seit der Veröffentlichung ihres Buches 2013 ihre Ansicht über das Ausmaß von Jacksons Gesichtsoperationen revidiert hat, wie sie am 10. April 2014 in einer Diskussion bei Dancing with the Elephant geäußert hat:

Wahrscheinlich ist dies so, weil rassenbezogene Identität aufgrund des Erscheinungsbildes für unsere Wahrnehmung anderer so grundlegend ist, dass rassenbezogene Merkmale des Gesichtes (in Michael Jacksons Fall Hautfarbe und die Form der Nase) von unserem Gehirn als „größer“ wahrgenommen werden, als umfassender, als sie es eigentlich sind. Wenn sich also ein Gesicht ansonsten gar nicht so sehr verändert hat, ist es so, dass, wenn diese speziellen Merkmale – diese stark rassenbezogenen Symbole – verändert wurden, das gesamte Gesicht als radikal verändert wahrgenommen wird, auch wenn es im Grunde gar nicht so ist.

Wie Manning andeutet veränderte Jackson also grundlegend durch das Undeutlichmachen der „stark rassenbezogenen Merkmale“, mit deren Hilfe wir normalerweise die Identität von Rasse und Zugehörigkeit festlegen, wie wir sein Gesicht lesen. Dies rief die Wahrnehmung hervor, die physische Struktur seines Gesichtes habe sich verändert, dass „das gesamte Gesicht als radikal verändert wahrgenommen wird, auch wenn es im Grunde gar nicht so ist“. Mit anderen Worten, es war nicht sein Gesicht, das sich verändert hat, sondern wie wir es interpretieren. Das ist eine faszinierende Fragestellung, die zu weitergehenden Untersuchungen einlädt – eine, die ein weiteres Mal den Fokus von ihm auf uns lenkt, von den psychologischen Beweggründen hinter seiner Darstellung von Rassenzugehörigkeit und Andersartigkeit weg, hin zu unseren Reaktionen auf diese Darstellung, ebenso wie auf deren tiefe kulturelle Auswirkung.

Vielleicht können wir nun, da Michael Jackson gegangen ist und die Hysterie, die ihn umgab, beginnt ein wenig nachzulassen, anfangen rationaler darüber nachzudenken, wer er war und was er für uns bedeutet hat. Vielleicht können wir endlich das theoretische Instrumentarium dafür entwickeln, das wir brauchen, um seine Kunst zu verstehen, ebenso wie das benötigte Einfühlungsvermögen, um sein Leben zu verstehen. Vielleicht fangen wir sogar an, uns den Künstler hinter „der Vorstellung“, wie er es in „Is It Scary“ nennt, vorzustellen und zu schätzen. Und vielleicht können wir zu guter Letzt anfangen einzuschätzen, wie sehr er uns einfach herausgefordert und verändert hat, und wie viel wir einfach verloren haben, als er starb.

„Ich mag es Magie zu erschaffen … etwas zu kreieren, das so unglaublich ist, eine Illusion. Menschen in eine Situation zu versetzen, ganz egal, was es sein mag, und ihnen genau das Gegenteil oder das Unerwartete zu geben – so viel mehr als das, von dem sie dachten es würde passieren. Whoosh. Ich meine, sie einfach umzuhauen. Ich mag es Magie zu erschaffen, eine vorzügliche Leistung. Ich liebe es, das zu tun. Ah, es gibt nichts Besseres.“

Michael Jackson


Anmerkungen

1. Übersetzung von James S. Williams


2. Chandlers aufgezeichnete Gespräche mit Schwartz wurden zahlreiche Male zitiert (z.B. Fischer 1994, 218; Taraborrelli 2009, 477-478; Halperin 2009, 19-20; und sogar Chandler 2004, 232-241), mit einigen Variationen darin, wie sie beschrieben sind. Zusätzlich wurden Audio-Ausschnitte von CBS News und anderen ausgestrahlt und einige dieser Audioclips wurden ins Internet hochgeladen.


3. Jordans Rufname wird in der beim Los Angeles County Superior Court hinterlegten Mitschrift der aufgezeichneten Telefongespräche „Jordy“ geschrieben und „Jordie“ in der geschriebenen Chronologie, die sein Vater der Polizei übergab. Die jeweils genutzte Schreibweise wurde beim Zitieren der Quellen beibehalten.


4. Ich habe das KCBS-TV Interview nicht gesehen, obwohl ich es mehrere Jahre versucht habe. Der Videoarchivar von KCBS-TV, Allan (er war einverstanden, seinen Vornamen bekannt zu geben, nicht aber seinen Nachnamen) bestätigte, sie hätten den Ausschnitt in ihren Archiven, aber er verweigerte die Freigabe einer Kopie, auch nicht für Untersuchungszwecke. Andere Versuche bei KCBS-TV waren ebenfalls nicht erfolgreich. Ich habe daraufhin versucht, durch Thought Equity Motion, die Firma, die Lizenzvereinbarungen für CBS aushandelt, an eine Kopie zu gelangen. Sie stellen Rezensionsexemplare für Forschungszwecke zur Verfügung; da die Geschichte allerdings nicht national ausgestrahlt wurde, sondern nur durch KCBS-TV, einem Vertragspartner in Los Angeles, hielt KCBS-TV die Lizenzrechte zurück und weigerte sich, sie zu Thought Equity Motion freizugeben. Dann kontaktierte ich zwei Autoren, die jeweils leicht voneinander abweichende Beschreibungen des KCBS-TV Interviews veröffentlicht haben: Mary A. Fischer und Ian Halperin. Halperin hat nicht geantwortet, aber Fischer. In einem ausführlichen Artikel, der in der Oktober-Ausgabe 1994 des GQ Magazins veröffentlicht wurde, berichtet Fischer, dass ein Journalist von KCBS-TV Chandler zu der Betäubung seines Sohnes befragt hat, und Chandler antwortete, dass „er es nur getan habe, um seinem Sohn den Zahn zu ziehen und dass, während er unter dem Einfluss des Medikaments gestanden habe, der Junge mit den Anschuldigungen herausrückte“ (221). Als ich Fischer dazu befragte, sagte sie, sie habe keine Kopie des KCBS-TV Interviews, aber sie hätte es angesehen und sie stehe zu ihrem Artikel.

 Fischer und Halperin stimmen in einem Punkt nicht überein: und zwar, ob Chandler bestätigt hat, dass Jordan unter dem Einfluss von Sodium Amytal war, als er die Anschuldigungen machte. Sodium Amytal ist ein Psychopharmakon, das einmal als mögliches „Wahrheitsserum“ betrachtet wurde, wobei später aber herauskam, dass es falsche Erinnerungen hervorbrachte, da es diejenigen, die unter seinem Einfluss standen, extrem anfällig gegenüber Beeinflussung zurückließ. Es gab in den 1990er Jahren in Kalifornien in der Tat eine Anzahl bekannter Fälle vor Gericht, bei denen es speziell um Sodium Amytal und falsche Erinnerungen bei sexuellem Missbrauch ging. Fischer und Halperin stimmen darin überein, dass der Reporter von KCBS-TV Chandler gefragt habe, ob Jordan Sodium Amytal gegeben wurde. Während Fischer allerdings sagt, dass Chandler es bestätigte (221), sagt Halperin, dass er lediglich den Einsatz „eines Medikaments“ bestätigte, ohne genauer zu sagen, welches es gewesen sei (44). Später, während sie für ihren Artikel recherchierte, fragte Fischer Torbiner, ob er Jordan Sodium Amytal gegeben habe, und sie berichtet, dass er es weder bestätigt noch leugnet, indem er sagt: „Wenn ich es einsetzen würde, dann für zahnärztliche Zwecke.“ (221) – eine seltsame Feststellung, da Sodium Amytal ein Psychopharmakon ist. Ungeachtet dessen, welches Medikament benutzt wurde, haben sowohl Fischer als auch Halperin berichtet, dass Chandler dem KCBS-TV Reporter erzählt hätten, die Anschuldigungen wären erhoben worden, während Jordan noch unter Betäubung stand.


5. Im einem Artikel der Vanity Fair im April 2003 berichtete Maureen Orth, dass Jackson im Sommer 2000 einen „Medizinmann“ oder „Voodoo-Anführer“ engagierte, um den Tod von „25 Leuten auf Jacksons Feindesliste“ herbeizuführen, und dass der Medizinmann zum Zweck dieses makabren Ziels 42 Kühe wie auch Hühner und andere Tiere „rituell opferte“. Gemäß Orth passierte dieses Gemetzel in der Schweiz. Allerdings drückte ein Sprecher Bundesamtes für Landwirtschaft in der Schweiz Skepsis aus, als ihm von Orths Artikel erzählt wurde. Die Schweiz hat ein strenges Kennzeichnungs- und Identifizierungssystem für Rinder, durch das die Spur jeder Kuh von der Geburt bis hin zur Durchführung des Schlachtens nachverfolgt werden kann, und sie waren besonders aufmerksam, seit der Krise um BSE und „Rinderwahn“ Mitte der 1990er Jahre. Das Bundesamt für Landwirtschaft weiß jedoch nichts über ein solches Ereignis, wie es von Orth beschrieben wird, und es gibt auch keine Hinweise darüber, dass solch ein Ereignis stattgefunden haben könnte.


6. Seit Jacksons Tod 2009 haben zwei weitere Ankläger – Wade Robson und James Safechuck – behauptet, sie wären als Kinder von Jackson sexuell missbraucht worden. Sowohl Robson als auch Safechuck sagten in früheren Ermittlungen unter Eid aus und beide haben und Eid geschworen, dass Jackson sie niemals unangemessen behandelt habe. Robson sagte außerdem im Alter von 22 Jahren während des Arvizo-Prozesses aus, wo ihm detaillierte Fragen über seine Beziehung zu Jackson gestellt wurden: „Hat Michael Jackson Sie jemals belästigt?“ „Hat Michael Jackson Sie jemals auf eine sexuelle Art berührt?“ „Hat Michael Jackson jemals irgendeinen Teil Ihres Körpers unangemessen berührt?“ „Hat er sie jemals auf die Lippen geküsst?“ „Haben Sie jemals im Bett gekuschelt?“ „Haben Sie nebeneinander gelegen?“ und „Haben Sie sich berührt?“ Robson hat auf alle diese Fragen mit „Nein“ geantwortet. Er wurde außerdem gefragt: „Hat jemals in irgendeiner Dusche irgendetwas Unangemessenes zwischen Ihnen und Mr. Jackson stattgefunden?“ und er antwortete: „Nein. Ich war niemals unter einer Dusche mit ihm.“ (Reporter’s Transcript 2005, 9097-9132). Und in den Tagen und Wochen nach Jacksons Tod pries er ihn in zahlreichen Interviews. Am 27. Juni 2009 sagte er beispielsweise zu Peter Mitchell von der Melbourne Herald Sun, dass Jackson „der Grund dafür ist, dass ich tanze, der Grund dafür, dass ich Musik mache und einer der Hauptgründe, warum ich an die reine Güte der Menschheit glaube.“ Am 14. August 2009 erzählte er Entertainment Tonight, „dass ich zu Michael einfach eine wunderbare Beziehung hatte. Ich habe so viel von ihm gelernt. Als Künstler und als ein gütiger Mensch.“ Und für das Dance Magazine, Ausgabe September 2009 erzählte er Kina Poon: „Ich lernte von ihm selbstlos zu sein. Im Entertainment-Geschäft stumpft man leicht ab. Trotz der verrückten Dinge, die er durchmachen musste, besaß er solch eine Unschuld. Er vertraute den Menschen, in seinem Herzen, er glaubte an sie.“ Und doch behauptet Robson nun, Jackson habe ihn belästigt und vergewaltigt und alle Dinge, die er ihm im Prozess abgesprochen habe, hätten stattgefunden. Seine Anwälte reichten am 1. Mai 2013 Klage auf finanziellen Schadensersatz ein und ersuchten das Gericht, dass Safechuck sich im Juli 2014 Robson anschließen möge.


7. Damit wir verstehen können, warum Tituba und Jackson auf die Art reagierten, wie sie es taten, ist es vielleicht hilfreich zu bedenken, dass die einzigen Menschen, die während der Hexenprozesse von Salem getötet wurden, diejenigen waren, die auf ihrer Unschuld bestanden hatten. Dies steht in großem Gegensatz zu den fast 50 Menschen, die Titubas Vorbild folgten und sich zur Hexerei bekannten: Niemand von ihnen wurde hingerichtet. Dies scheint gegen die eigene Intuition zu sein – dass jene, die ein Mitwirken bei der Hexerei abstreiten, gehängt werden, während jene, die es zugaben, verschont blieben – aber Hysterie bedient sich offenbar ihrer eigenen Logik, die sich erheblich vom rationalen Denken unterscheidet, und sowohl Tituba, als auch Michael Jackson schienen diese Logik zu verstehen. Oder genauer gesagt, sie verstanden beide, dass simples Leugnen falscher Anschuldigungen in einer Atmosphäre von Massenhysterie eine nicht ausreichende Reaktion ist. Eine zusätzliche Analyse des Skandals um die Gesichtsoperationen als einer künstlerischen Reaktion auf den Belästigungsskandal von 1993 kann man bei M Poetica: Michael Jackson’s Art of Connection and Defiance (Stillwater 2011) nachlesen.


8. Wie Bakhtin in Rabelais and His World diskutiert hat das Groteske – besonders groteske Abbildungen des menschlichen Gesichtes und Körpers – über tausende von Jahren eine wichtige kulturelle Funktion erfüllt: zu verspotten, zu widerstehen und autoritäre Kontrolle und Einschüchterung zu untergraben. Es ist in diesem Zusammenhang bedeutsam, dass Jackson das Groteske ausdrücklich hervorruft, seit er zum Ziel intensiver Bedrohung durch die Polizei wurde: besonders der Behörde des Bezirksstaatsanwaltes und dem des Sheriffs von Santa Barbara. Sie durchsuchten sein Zuhause Neverland, beschlagnahmten sein Eigentum, zwangen ihn, eine erniedrigende Leibesvisitation nicht nur über sich ergehen zu lassen, sondern daran teilzuhaben, ließen Details seines Privatlebens an die Presse durchsickern, legten ihn in Handschellen, stellten ihn vor Gericht und verfolgten ihn für mehr als ein Jahrzehnt. Dieser extreme autoritäre Druck wurde durch die weltweiten Medien intensiviert, die weitestgehend die entlastenden Beweise des Falles ignorierten und Jackson stattdessen scharf für das Widersetzen gegen die kulturellen Normen kritisierten. Wie dem Maestro in Ghosts gelang es Jackson allerdings den Obrigkeiten – der Polizei, den Gerichten und ebenso einer ihnen ergebenen Presse – durch den Einsatz dessen, was Bakhtin als eine historisch überlieferte Strategie beschreibt, die Stirn zu bieten: Die grenzüberschreitende und zersetzende Macht des Grotesken. Weiteres bezüglich Bakhtin und Michael Jackson’s Ghosts kann bei „The Disrupting Power of the Grotesque and Abject“ in M Poetica (Stillwater 2011) nachgelesen werden. (Link zur Übersetzung)


9. Taraborrelli unterstützt in seiner Biographie die schlüssige Begründung, dass die Geschichten in der Regenbogenpresse über die Sauerstoffkammer und die Knochen des Elefantenmenschen von Jackson selbst, mit Hilfe seines Managers Frank Dileo gestreut wurden (355-365). Und während Jackson einen Schimpansen namens Bubbles besaß – wahrscheinlich so benannt zu Ehren des Tänzers John Sublett, der den Künstlernamen John Bubbles trug und Berichten zufolge Fred Astaire den Stepptanz beigebracht haben soll – berichtet Taraborrelli, dass die empörenderen Geschichten über Bubbles ebenso falsch sind (364). Es ist von Bedeutung, dass während die Geschichte mit der Sauerstoffkammer beim The National Enquirer begann, sie durch die Associated Press und United Press International aufgegriffen und gestreut und ebenso durch zahlreiche Mainstream-Zeitungen, Nachrichtenmagazine sowie Programme der Radio- und Fernsehnachrichten weitergetragen wurde (359). Aufbauend auf Taraborrellis Belegen untersucht David Yuan die performative Funktion dieser Geschichten und wägt ab „inwieweit Jackson sein eigenes Enfreakment manipuliert“ (370), indem er ihn den Nebenschauplatz-Spektakeln wie es einst der Elephant Man war gegenüberstellt – „ein stilles, unbewegliches Objekt unter dem starren Blick der Zuschauer, das betrachtet wird, während der Showman sein Programm abspielt“ (371). Yuan betrachtet Jacksons komplexe Position sowohl als Regisseur, als auch als Objekt unserer Blicke, immer in Bewegung, sich ständig verändernd, sich immer wiederholende Begegnung mit dem „bewegungslosen Enfreakment“, das Beobachter ihm ständig mit einer dynamischen Performance der selbsterschaffenen „künstlichen Verrücktheiten“ aufzuerlegen versuchten.

Quellennachweise

Andy Warhol: The Complete Picture, 2001. TV documentary. World of Wonder.
Awkward, Michael, 1995. Negotiating Difference: Race, Gender, and the Politics of Positionality. Chicago: University of Chicago Press.
Bakhtin, Mikhail, 1984. Rabelais and His World, translated by Hélène Iswolsky. Bloomington: Indiana University Press.
Breslaw, Elaine G., 1996. Tituba, Reluctant Witch of Salem: Devilish Indians and Puritan Fantasies. New York: New York University Press.
Chandler, Ray, 2004. All that Glitters: the Crime and the Cover-Up. Las Vegas: Windsong Press.
Dimond, Diane, 2005. Be Careful Who You Love: Inside the Michael Jackson Case. New York: Atria Books.
Erni, John Nguyet, 1998. Queer Figurations in the Media: Critical Reflections on the Michael Jackson Sex Scandal. Critical Studies in Mass Communication 15: 158-180.
Fischer, Mary A., 1994. Was Michael Jackson Framed? GQ 64/10: 214-221, 265-269.
Halperin, Ian, 2009. Unmasked: the Final Years of Michael Jackson. New York: Simon & Schuster.
Hansen, Chadwick, 1974. The Metamorphosis of Tituba, or Why American Intellectuals Can’t Tell a Native Witch from a Negro. The New England Quarterly 47: 3-12.
Jackson, Jermaine, 2011. You are Not Alone: Michael, through a Brother’s Eyes. New York: Simon & Schuster.
Jackson, Michael, 2009. Moonwalk. New York: Random House.
Jordan Chandler v. Evan Chandler, 2006. Superior Court of New Jersey, Appellate Division. Docket No. A-0422-05T10422-05T1: Jordan Chandler, Plaintiff-Appellant, vs. Evan Chandler, Defendant-Respondent. (http://law.justia.com/cases/new-jersey/appellate-division-unpublished/2006/a0422-05-opn.html)
Living with Michael Jackson, 2003. TV documentary. Grenada Television.
Manning, Harriet. J., 2013. Michael Jackson and the Blackface Mask. Surrey, England: Ashgate.
Martin, Charles D., 2002. The White Afro-American Body: A Cultural and Literary Exploration. New Brunswick, NJ: Rutgers University Press.
Orth, Maureen, 2003. Losing His Grip. Vanity Fair 512. (http://www.vanityfair.com/fame/features/2003/04/orth200304)
Reporter’s Transcript of Proceedings, 2005. Case No. 1133603: The People of the State of California, Plaintiff, v. Michael Joe Jackson, defendant. Superior Court of the State of California in and for the County of Santa Barbara, Santa Maria Branch.
Scott, Julie-Ann, 2012. “Cultural Anxiety Surrounding a Plastic Prodigy: A Performance Analysis of Michael Jackson as an Embodiment of Post-Identity Politics.” In Michael Jackson: Grasping the Spectacle, edited by Christopher R. Smit. Surrey, England: Ashgate.
Stillwater, Willa, 2011. M Poetica: Michael Jackson’s Art of Connection and Defiance. Amazon Kindle.
Sullivan, Randall, 2012. Untouchable: The Strange Life and Tragic Death of Michael Jackson. New York: Grove/Atlantic.
Taraborrelli, J. Randy, 2009. Michael Jackson: The Magic, the Madness, the Whole Story, 1958-2009. New York: Grand Central Publishing.
Transcript of Audio Cassette Marked Exhibit No. 10, undated. Case No. SC 031 774: David Schwartz, an Individual, Plaintiff, vs. Evan Chandler, an Individual, and Does 1 through 50, Inclusive, Defendants. Superior Court of the State of California for the County of Los Angeles. File No. TPA81793.MK.
Vigo, Julian, 2012. Michael Jackson and the Myth of Race and Gender. In Michael Jackson: Grasping the Spectacle, edited by Christopher R. Smit. Surrey, England: Ashgate.
Warrant vs. Tituba and Sarah Osborne, 2004. In The Aunt Lute Anthology of U.S. Women Writers, Volume One: 17th through 19th Centuries, edited by Lisa Maria Hogeland and Mary Klages. San Francisco: Aunt Lute Books.
Yuan, David, 1996. Celebrity Freak: Michael Jackson’s “Grotesque Glory.” In Freakery: Cultural Spectacles of the Extraordinary Body, edited by Rosemarie Garland Thomson. New York: New York University Press.

Zitierte künstlerische Werke

Jackson, Michael, 1997a. Blood on the Dance Floor: HIStory in the Mix. Sony Music.

Jackson, Michael, 1997b. Michael Jackson’s Ghosts. DVD. Sony Music Asia.

Jackson, Michael, 2001. Invincible. Sony Music.

Jackson, Michael, 2010. Michael. Sony Music.

Longfellow, Henry Wadsworth, 1879. Christus: a Mystery in Three Parts. New York: Houghton, Mifflin.

Miller, Arthur, 2002. The Crucible: a Play in Four Acts. New York: Penguin.


Copyright © Willa Stillwater, 2014 


This edition copyright © Popular Musicology Online, 2014

ISSN 1357-0951
 

Deutsche Übersetzung: Ilke
(mit einem herzlichen Dank an M.v.d.L. für die Hilfe)

Das Chandler-Settlement / Der Chandler-Vergleich

by

English: http://michaeljacksonallegations.com/the-settlement/

Eine häufig gestellte Frage bezüglich der Kindesmissbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson ist folgende:

„Warum hat er einen außergerichtlichen Vergleich geschlossen, wenn er unschuldig war?“

Um die möglichen Gründe verstehen zu können, müssen wir die rechtlichen Rahmenbedingungen kennen, die dem Vergleich vorausgingen und diesen umgaben.

Michael Jackson und sein Ankläger Jordan Chandler schlossen am 25. Jänner 1994 einen außergerichtlichen Vergleich. Der Vergleich gelangte 2003 illegaler Weise an Diane Dimond von Court TV. Somit wissen wir, dass $15.331.250 [1, Seite 5] in einen Trust für Jordan Chandler gezahlt wurden. (Anmerkung: Entweder Dimond oder die Person, die ihr das Dokument zuspielte, ließ die Absätze nach dem dritten Paragraph unter den Tisch fallen. Es ist nicht bekannt, wer das vertrauliche Dokument an Dimond weiterleitete, allerdings wird Dimond in Ray Chandlers Buch „All That Glitters“ an einer Stelle als Evan Chandlers engste Verbündete bezeichnet [3, Seite 194]).

Wie man sehen kann, wird in dem Dokument betont, dass es keineswegs ein Schuldeingeständnis von Michael Jackson ist. Auf Seite 4 ist folgendes festgelegt:

„Dieser vertrauliche Vergleich soll nicht als Schuldeingeständnis von Michael Jackson betrachtet werden, dass er sich gegenüber dem Minderjährigen [geschwärzt] oder [geschwärzt] oder irgendeiner anderen Person unrechtmäßig verhielt, oder dass die Minderjährigen [geschwärzt] oder [geschwärzt] irgendwelche Rechte gegen Jackson haben. Jackson streitet ausdrücklich jede Schuld ab und bestreitet jede unrechtmäßige Handlung gegen die Minderjährigen [geschwärzt] oder [geschwärzt] oder jede andere Person. Die Vertragspartner erkennen an, dass Jackson eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens ist und dass sein Name, Image und Bildnis einen Marktwert besitzen und wichtige Elemente seiner Erwerbsfähigkeit sind. Die Vertragspartner erkennen an, dass Jackson geltend macht, dass er die Forderungen der Klage in Anbetracht der Auswirkungen der Klage, die diese auf sein Einkommen hatte und potenziell in Zukunft haben kann, begleicht.“ [1, Seite 4]

Einer der Mythen bezüglich des Vergleichs ist, dass „Michael Jackson sich von einer strafrechtlichen Anklage freikaufte“. Tatsache ist jedoch, dass der Vergleich die Zivilverfahren beilegte, nicht die Strafprozesse. Tatsächlichverhindert das amerikanische Recht, einen Strafprozess beizulegen. Das Strafverfahren wurde nach dem Vergleich fortgesetzt und die Chandlers wurden durch den Vergleich nicht davon abgehalten, bei Gericht gegen Jackson auszusagen. Gil Garcetti, Staatsanwalt aus Los Angeles, sagte gleich nach dem Chandler-Vergleich im Jänner 1994:

„Das Ermittlungsverfahren gegen den Sänger Michael Jackson läuft weiter und wird nicht von der Bekanntgabe der Beilegung desZivilverfahrens beeinträchtigt.“ … „Die Staatsanwaltschaft nimmt Mr. [Larry] Feldman [Anwalt der Chandlers] beim Wort, dass es dem mutmaßliche Opfer ermöglicht wird, auszusagen und dass es keine Vereinbarung in der zivilrechtlichen Angelegenheit gibt, die sich auf die Kooperation in der strafrechtlichen Ermittlung auswirkt.“ [9]

Die Chandlers hätten das Geld aus dem Vergleich nehmen UND in einem Strafprozess gegen Michael Jackson aussagen können. Sie haben sich schließlich dazu entschieden, dies nicht zu tun – allerdings nicht, weil es ihnen durch den Vergleich untersagt war. Sie hätten es tun können, jedoch waren sie, nachdem sie das Geld aus dem Vergleicherhalten hatten (was von Anfang an deren Ziel war, wie wir im Folgenden zeigen werden), nicht gewillt, mit den ermittelnden Behörden des Strafverfahrens zu kooperieren und nicht bereit, vor Gericht auszusagen. Die Strafsache wurde im Februar/April 1994 vor zwei Grand Jurys (einer in Los Angeles und einer in Santa Barbara) einberufen. Nach sieben Monaten Ermittlungen, mehreren Hausdurchsuchungen, Befragungen duzender Kinder und anderen Zeugen, Polizeibeamten, die auf der ganzen Welt belastende Zeugen und Beweise suchten und einer Leibesvisitation an Michael Jackson haben beide Grand Jurys entschieden, dass sie nicht ausreichend Beweise gesehen haben, um Jackson anzuklagen. Die Staatsanwaltschaft behauptete, sie hätten nicht wirklich eine Anklage angestrebt und dass sie nur „ermittelnde Grand Jurys“ seien. Tatsache bleibt jedoch, dass zwei Grand Jurys festgestellt haben, dass die Staatsanwaltschaft während ihrer Ermittlungen nicht ausreichend belastenden Beweise finden konnte, die eine Anklage rechtfertigten.

Ein Strafverfahren war niemals Priorität der Chandlers. Weniger als einen Monat nachdem der Psychiater Dr. Mathis Abrams Jordan Chandlers Behauptungen am 17. August 1993 den Behörden meldete – was automatisch strafrechtliche Ermittlungen in Gang setzt – haben die Chandlers eine Zivilklage gegen Jackson eingereicht, in der sie ihm sexuelle Tätlichkeiten, Körperverletzung, Verführung, vorsätzliches Missverhalten, vorsätzliche Zufügung emotionaler Belastung, Betrug und Fahrlässigkeit vorwarfen. Sie verlangten 30 Millionen Dollar Abfindung. (Bevor sie Jordan zu Dr. Abrams brachten, haben die Chandlers bereits 20 Millionen Dollar gefordert, was Jackson verweigerte. Details siehe http://all4michael.com/2015/07/20/die-finanziellen-forderungen-der-chandlers/

Normalerweise werden Zivilklagen eingebracht, nachdem ein Strafverfahren abgeschlossen und der Gerechtigkeit Genüge getan wurde. Man würde selbstverständlich von Eltern eines missbrauchten Kindes erwarten, nach Gerechtigkeit zu streben und nicht nach Geld. Nur ein Strafprozess kann eine Haftstrafe für den Täter bewirken. Am Ende eines Zivilprozesses ist die einzig verfügbare Entschädigung finanzieller Natur.

Darüber hinaus enthüllte der Onkel des Anklägers, Ray Chandler, in seinem Buch „All That Glitters“, dass die Chandlers von Anfang einen „höchst profitablen Vergleich“ anstrebten. Sie reichten ihre Zivilklage mit dem Vergleich in Hinterkopf ein. Ray Chandler beschreibt ein Treffen zwischen der Mutter des Jungen, June Chandler, ihrem damaligen Ehemann David Schwartz und dem leiblichen Vater Evan Chandler im Büro des Zivilrechtsanwalts Larry Feldman am 8. September 1993 wie folgt:

„Am Ende des Treffens hatten June und Dave – wie bereits Evan vor ihnen – keine Einwände dagegen, Gloria Allred durch Larry Feldman zu ersetzen. Zur Wahl stand, entweder eine radikale Medienkampagne zu führen, um den DA [district attorney – Bezirksstaatsanwalt] dazu zu bringen, eine Anklage vor einer Grand Jury zu erwirken, oder durch raffinierte Verhandlungen hinter den Kulissen einen schnellen, stillen und höchst profitablen Vergleich anzustreben“ [3; Seite 168]

Noch einmal: Die geschah, bevor sie ihre Zivilklage einreichten, was Larry Feldman ein paar Tage später tat – wie wir jetzt wissen, mit einem Vergleich im Hinterkopf. Laut Ray Chandlers Buch und anderen Quellen (wie z.B. Mary A. Fischers Artikel „Was Michael Jackson Framed?“, GQ, Oktober 1994), hatten Evan Chandler und David Schwartz während dieses Treffens in Wirklichkeit eine körperliche Auseinandersetzung über den geforderten Geldbetrag. Die Chandlers begründeten ihr Streben nach einem Vergleich – und nicht nach einem Prozess – damit, dass sie das Trauma eines aufsehenerregenden Prozesses vermeiden wollten. Wir werden diese Behauptung später in diesem Artikel erneut ansprechen.

Was Michael Jackson Framed

Es ist sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Chandlers von Anfang an einen Vergleich forderten und Michael Jackson den Vergleich nicht anbot! In Wahrheit verlangte Evan Chandler seit Anfang August 1993 Geld von dem Star, was Michael Jackson ablehnte. Daraus resultierten die öffentlichen Unterstellungen der Chandlers. Hätte Jackson die Ankläger „zum Schweigen bringen“ wollen, hätte er sie auszahlen können, bevor sich diese an die Behörden und die Öffentlichkeit wandten. Details siehe: http://all4michael.com/2015/07/20/die-finanziellen-forderungen-der-chandlers/

Zwischen September 1993 und Jänner 1994 bestand Uneinigkeit zwischen Jacksons Anwälten und Larry Feldman, dem Zivilrechtsanwalt der Chandlers, welches Verfahren dem anderen vorausgehen sollte. Jacksons Anwälte wollten den Strafprozess vor dem Zivilverfahren abhandeln, was sie allerdings nicht durchsetzen konnten. Grundsätzlich führte dies zu dem Vergleich.

2005 behauptete Jordans Onkel Ray Chandler in einem Artikel, den er für seine nun gelöschte Webseite (atgbook.net) schrieb, dass Jacksons Anwälte die Zivilklage um sechs Jahre verschieben wollten, bis die Verjährungsfrist für Kindesmissbrauch abgelaufen war. Das war alles, was er sagte. Damit vermittelte er den Eindruck, Jacksons Seite wollte einfach nur den Prozess verhindern. Das war allerdings eine irreführende Halbwahrheit. In Wahrheit versuchten Jacksons Anwälte, das Zivilverfahren aufzuschieben, damit der Strafprozess vor dem Zivilverfahren ausgetragen werden konnte. Sie wollten den Strafprozess nicht verhindern, sondern in Wirklichkeit vor dem Zivilverfahren austragen.

Wenn das Zivilverfahren vor dem Strafprozess ausgetragen wird, hat die Staatsanwaltschaft im Strafprozess einen großen Vorteil, weil sie dann die Möglichkeit hat, die Verteidigungsstrategie im Zivilverfahren zu beobachten. Dadurch können sie ihre Anklage und Strategie anpassen. Darüber hinaus hat ein Angeklagter in einem Zivilverfahren nicht das Recht, ohne Konsequenzen die Aussage zu verweigern – im Gegensatz zum Strafprozess, wo der Angeklagte verfassungsgemäß seine Aussage ohne Konsequenzen verweigern kann. Die Staatsanwaltschaft kann die Aussage vom Zivilverfahren für den Strafprozess nutzen und ihre Anklage anpassen.

Zusätzlich wird in einem Zivilverfahren die Beweispflicht – oder die Regelung für die Zulässigkeit von Beweisen, die lediglich auf Hörensagen beruhen – lockerer gehandhabt als in einem Strafprozess. Jacksons Anwälten war sicherlich bewusst, dass ein Zivilverfahren für den Angeklagten risikoreicher ist als ein Strafprozess – selbst wenn der Angeklagte unschuldig ist. Und sie wussten, dass es die Jury in einem folgenden Strafprozess beeinflussen würde, wenn Jackson das Zivilverfahren verloren hätte.

Es gibt viele Präzedenzfälle, in denen Zivilverfahren eingefroren wurden, um zuerst die Strafprozesse abhalten zu können, damit das Recht des Angeklagten auf einen fairen Prozess gewahrt werden konnte und verhindert wurde, dass gegen dieses Recht verstoßen wird. So lautet es in einem Präzedenzfall:

„Wenn sowohl Strafprozess als auch Zivilverfahren aus denselben oder zusammengehörigen Vorgängen entspringen, ist der Angeklagte anspruchsberechtigt auf Aussetzung der Ermittlung und Verhandlung der Zivilklage, bis der Strafprozess vollständig aufgeklärt ist.“ [2; Seite 116-117]

Im Hinblick auf den Fall gegen Michael Jackson wurden diese Bestrebungen der Anwälte Jacksons, das Zivilverfahren auszusetzen, allerdings vom Richter des Kreisgerichts, David M. Rothman, abgewiesen. Anscheinend war Chandlers Trumpf Jordans Alter. Folgendes schrieb Geraldine Hughes (Rechtsanwaltssekretärin von Barry Rothman – dem Anwalt, der die Chandlers vor Larry Feldman vertrat) in ihrem Buch „Redemption“:

„Michael Jackson verlor alle vier Anträge. Es war aus juristischer Sicht offensichtlich, dass sich die Waage der Gerechtigkeit nicht zu Michael Jacksons Gunst neigte. Stattdessen bewegte sie sich erheblich zu Gunsten des 13 jährigen Jungens. Michael Jacksons Anwälte bezogen sich auf Gesetze in Präzedenzfällen, welche in ähnlichen Fällen von sexueller Tätlichkeit angewendet wurden. Pacers Inc. gegen Kreisgericht hielt ausdrücklich fest, dass ein fehlendes Aussetzen des Zivilverfahrens während laufender strafrechtlicher Untersuchungen einen unzulässigen Übergriff auf die Grundrechte des Angeklagten bedeutet. Aber Mr. Feldmans Trumpf war, dass „sich das Gedächtnis eines Kindes entwickelt“ und das kindliche Unvermögen, sich „wie ein Erwachsener zu erinnern“. Dieses Gesetz wurde konzipiert, um die Fähigkeit eines kleinen Kindes zu beschützen, sich über ausgedehnte Zeitperioden erinnern zu können, nachdem es Opfer und/oder Zeuge eines Verbrechens wurde. Dieser Fall befasst sich allerdings mit einem 13 jährigen Jungen, der bald 14 Jahre alt wird.“ [2; Seite 124]

Redemption

Bezugnehmend auf diese Argumentation reichte Feldman einen Antrag auf Priorisierung des Zivilverfahrens ein. Das ist ein außerordentlicher Antrag, um die Verhandlung innerhalb von 120 Tagen nach Gewährung des Antrages anzusetzen“ [2; Seite 121]. In Hinblick darauf schreibt Hughes:

„Mr. Feldman reichte eine Erklärung von Dr. Evan Chandler als Untermauerung des Antrages auf Priorisierung der Verhandlung ein, welche eine Angabe enthielt: dass das Kind unter 14 Jahre alt war. Das war alles! Dr. Chandler gab in seiner Erklärung, die eine geschriebene Aussage unter Eid war, nichts anderes an. Ich habe in meiner gesamten juristischen Laufbahn niemals eine so kurze Erklärung bezüglich eines wichtigen Falles gesehen. Üblicherweise bezeugt jemand, der eine Erklärung abgibt, verschiedene Fakten, speziell in einem so bedeutenden Fall wie diesem. Sie erklären auch, dass die Fakten wahr und korrekt sind und bekunden ihre Bereitschaft, kompetent als Zeuge unter Androhung von Strafe bei Meineid auszusagen. Ist es möglich, dass die von Dr. Chandler angegebene Information die einzige Information war, die er unter Androhung von Strafe bei Meineid aussagen konnte?“ [2; Seite 122]

Unter extrem ungünstigen Bedingungen könnten sich Jackson und seine Anwälte in einer Position vorgefunden haben, in der sie gleichzeitig an zwei Fronten – einem Zivilverfahren und einem Strafprozess – für Jackson kämpfen und diesen verteidigen hätten müssen. Hinzukommt, dass sie sich innerhalb von 120 Tagen auf ein Zivilverfahren hätten vorbereiten müssen, während die Polizei alle persönlichen Unterlagen Jacksons für den Strafprozess beschlagnahmt hatte und sich weigerte, Kopien zur Verfügung zu stellen oder wenigstens eine Liste davon, was sie mitgenommen haben. Die Bezirksstaatsanwaltschaft missachtete Michael Jacksons Grundrechte mit dem Segen des Gerichts und das Gericht erwog erheblich zu Gunsten des 13 jährigen Jungens.“ [2; Seite 133]

Nachdem alle Anträge, das Zivilverfahren hinten an den Strafprozess anzureihen, abgelehnt wurden, stand das Jackson Team zwischen Baum und Borke. Der Beginn des Zivilverfahrens wurde für März 1994 festgesetzt und Jackson sollte Ende Jänner / Anfang Februar unter Eid aussagen.

Die schriftlichen Anträge der Chandlers beschuldigten Jackson und seine Anwälte, „Verzögerungstaktiken“ anzuwenden, aber sie wussten sehr genau, dass es bei diesen „Verzögerungstaktiken“ darum ging, den Strafprozess vor dem Zivilverfahren abzuhandeln. Ray Chandler zitiert in seinem Buch „All That Glitters“ eine Unterhaltung zwischen Jordan Chandlers Vater Evan Chandler und ihrem Zivilrechtsanwalt Larry Feldman, die beweist, dass sie diejenigen waren, die in Hinblick auf den Strafprozess Verzögerungstaktiken angewendet haben:

„Am späten Nachmittag, nachdem alle ihr Feiertagsmahl [Anm.: Thanksgiving, 25, November 1993] zu sich genommen hatten, rief Larry Feldman Evan an und übermittelte Nachrichten, für die alle dankbar sein konnten.

„Hey, Evan, das musst Du Dir anhören. Howard Weitzman degradierte Fields wieder. Sie wollen definitiv keine Aussage unter Eid von Dir oder June. Sie wollen nicht, dass etwas erhalten bleibt. Wenn sie einen Deal machen, wollen sie nichts über Jackson aufgezeichnet haben.“

„Kein Scheiß! Larry, diese Typen sind in einem richtigen Chaos.“

„Ja, die haben das unglaublich vermasselt. Was könnte besser sein? Aber ich gehe weiter. Wir werden es vorantreiben. So weit, bis ich nichts unversucht gelassen habe. Das einzige, was wir tun müssen, ist, das strafrechtliche hinter uns zu lassen. Ich möchte sie nicht vorangehen lassen.“ 

Larry sagte es bereits, aber Evans Hirn hat es bis jetzt nicht registriert. 

„Du meinst, wenn sie klagen, kommt der Strafprozess automatisch vor uns?“ 

„Ja.“ 

„Jesus Christus!“ 

„Richtig, das wollen wir nicht.“ [3; Seite 201-202]

Es muss wiederholt werden, dass nur ein Strafprozess einen Angeklagten ins Gefängnis bringen kann, ein Zivilverfahren kann nur in finanzieller Abgeltung resultieren.

Das kalifornische Recht, welches den Chandlers erlaubte, das Zivilverfahren vor den Strafprozess zu stellen, wurde letztendlich geändert – laut Thomas Sneddon, Bezirksstaatsanwalt von Santa Barbara, unmittelbar wegen der Vorfälle im Chandler-Fall. Wegen dieser Änderungen kann ein Ankläger in einem Fall von sexueller Tätlichkeit nicht sofort ein Zivilverfahren anstreben. Das neue Gesetz verhindert, dass ein Zivilverfahren vor einen Strafprozess gestellt werden kann. Das ist der Grund, warum Jacksons Ankläger 2003, Gavin Arvizo, nicht die gleiche Strategie anwenden konnte, wie die Chandlers 1993. Er hatte keine andere Wahl, als einen Strafprozess zu beginnen:

„Der Staatsanwalt im Fall Michael Jackson beantragte ein Gesetz, dass ein Zivilverfahren während eines verwandten Strafprozesses unterbricht, wobei er erklärt, dass dies ein Szenario verhindert, in dem der Kläger des Sängers einem Vergleich zustimmt und sich dann weigert, in einem Strafprozess auszusagen.

Das Landesgesetz wurde verabschiedet, weil ein weiteres Kind 1993 aus einem Fall wegen Belästigung gegen Jackson ausstieg, nachdem der Sänger angeblich einen Vergleich von mehreren Millionen zahlte.”, sagte der Bezirksstaatsanwalt von Santa Barbara, Tom Sneddon.

„Das ist Ironie. Die Geschichte des Gesetzes ist, dass die Bezirksstaatsanwaltschaft von L.A. die Legislatur als unmittelbare Folge des zivilrechtlichen Vergleichs in den ersten Ermittlungen führte.“, sagte Sneddon in einem Interview mit Associated Press. [4]

Die feindselige Medienkampagne gegen Michael Jackson könnte auch zu der Entscheidung beigetragen haben, dem Vergleich zuzustimmen. Boulevardsendungen zahlten Leute für reißerische Storys, welche die Unterstellungen stützten. Mehrere dieser Leute wurden von den Chandlers für das Zivilverfahren eingesetzt. Die Belastungen, kombiniert aus dem Prozess und der Reaktion der Medien führte zu einer Schmerzmittelabhängigkeit, die Michael Jackson schließlich professionell behandeln ließ. Geschäftspartner und Berater drängten ihn dazu, diese Angelegenheit zu vergessen und sein Leben und Business fortzuführen.

Es wurde auch behauptet, Jackson hätte dem Vergleich zugestimmt, weil die Leibesvisitation im Dezember 1993 die Behauptungen seines Anklägers bekräftigte. Das hält einer näheren Überprüfung nicht stand. Details (englisch) siehe: http://michaeljacksonallegations.com/did-jordan-chandlers-description-of-michael-jacksons-penis-match-the-photographs-taken-of-the-stars-genitalia-by-the-police/

Während Jacksons Motive für den Vergleich oft hinterfragt werden, ist es eine viel seltener gestellte Frage (obwohl ebenso berechtigt): Warum hat die Klägerfamilie dem Vergleich zugestimmt? Würdest Du Gerechtigkeit oder Geld wollen, wenn Dein Kind belästigt worden wäre?

Die Chandlers selbst behaupten, sie hätten dem Vergleich zugestimmt, weil sie ihr Leben fortsetzen wollten und Jordan nicht dem Fokus und den Untersuchungen der Medien aussetzen wollten, was in einem aufsehenerregenden Prozess wie diesem unvermeidbar gewesen wäre. Weiters behaupteten sie, einige Morddrohungen von Michael Jackson Fans erhalten zu haben und als der Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles, Gil Garcetti, abgelehnt hatte, die Familie unter ein Zeugenschutzprogramm zu stellen, hätten sie Angst um ihr Leben gehabt. Zunächst erscheint das einleuchtend, dennoch schien Evan Chandler während des aufgezeichneten Telefonats mit David Schwartz (dem Stiefvater des Jungen) im Juli 1993 (BEVOR ihm sein Sohn angeblich „gestand“!) nicht besorgt über Medienpräsenz und mögliche Fanreaktionen, als er über seinen Anwalt Barry Rothman sagt:

„Der Anwalt, den ich gefunden habe … ich meine, ich habe mit mehreren gesprochen, und ich habe den widerlichsten Hurensohn genommen, den ich finden konnte, und alles, was er tun will, ist, diese Story so schnell und groß er nur kann an die Öffentlichkeit zu bringen und möglichst viele Leute zu erniedrigen und er hat eine böse [Bandstörung] … “ [5]

Ray Chandler versucht in seinem Buch, dieses Zitat zu entschuldigen, in dem er behauptet, als Evan sagte, Rothman wollte „es so schnell und groß an die Öffentlichkeit bringen, wie er kann“, meinte er, vor Gericht zu gehen, nicht zu den Medien. Die gleiche Behauptung wird gemacht, als Evan auf dem gleichen Band über Rothman sagt:

„Er ist widerlich, er ist böse, er ist sehr gerissen [Bandstörung], und er ist begierig nach Publicity [Bandstörung] besser für ihn.“ [5]

Es gibt allerdings weitere Fakten, die bezüglich der Intentionen der Chandlers mit der Öffentlichkeit zu beachten sind.

Die Chandlers schienen nicht besorgt über mediales Rampenlicht, mögliche Fanreaktionen, Drohungen und die Bedenken, dass es Jordan nicht möglich sei, sein Leben fortzuführen, als sie sich wenige Tage nach Unterzeichung des Vergleichs daran machten, ein Buch zu veröffentlichen, das sie über die Unterstellungen schrieben. Herausgeberin Judith Regan:

„Ich erhielt einen Anruf von Jordans Onkel. Er wollte ein Buch schreiben, in dem er die Belästigungsvorwürfe gegen Michael Jackson detailliert beschreiben würde. Ich fragte ihn, wie er geplant habe, das zu tun, da die Chandlers gerade eine Verschwiegenheitsvereinbarung unterschrieben und 20 Millionen Dollar bekommen hatten. Er sagte, Jordans Vater hätte ihm alle Informationen gegeben, die er für das Buch brauchte und er glaube, er könne die Verschwiegenheitsvereinbarung umgehen, weil er [Jordans Onkel] der Autor wäre. Damals hatte ich den Eindruck, die Chandlers sind unverschämte Opportunisten und ich empfand das gesamte Angebot des Onkels widerlich. Sie gehen eine Verschwiegenheitsvereinbarung ein und noch bevor die Tinte getrocknet ist, gehen sie auf die Suche nach einem Deal, der gegen diese Vereinbarung verstößt.“ [6]

Dass Ray Chandler sich tatsächlich „innerhalb weniger Tage“ nach dem Vergleich um die Publikation seines Buches bemühte, wird von keinem Geringeren als Ray Chandler selbst in einem Antrag, den er am 25. Oktober 2004 bei Gericht in Santa Barbara einbrachte, bestätigt. (Details (englisch) zu dem Antrag siehe: http://michaeljacksonallegations.com/ray-chandlers-subpoena-in-2004/). Als Unterstützung seiner Argumentation, um vom Shield Law Gebrauch machen zu können [Anm.: Reporter können während der Recherche und Veröffentlichung von Nachrichten eine Aussage vor Gericht verweigern] , legte er in dem Antrag offen [7, Seite 8]:

„Raymond Chandler reiste innerhalb weniger Tage nach Beilegung des Zivilverfahrens von Jordan Chandler gegen Michael Jackson im Jänner 1994 nach New York City, um einen Verleger ausfindig zu machen, damit er die von ihm gesammelten Informationen in Form eines Sachbuches an die Öffentlichkeit weitergeben konnte. Raymond Chandlers Absicht ist von einem Artikel in der New York Post belegt, der seinen Kontakt mit einem Verleger einen Tag später enthüllt.“ [7]

Ray Chandler gibt in dem Antrag an, zwei Tage nach Bekanntwerden des Kindesbelästigungsskandals von Michael Jackson im August 1993“ [7, Seite 8] nach Los Angeles gereist zu sein und dort von Ende August bis Dezember 1993 in Evan und Jordan Chandlers Heim gewohnt zu haben, damit er Informationen über die Belästigungsvorwürfe sammeln konnte, um diese anschließend öffentlich zu verbreiten. [7, Seite 13]

Ray Chandler veröffentlichte sein Buch schließlich 2004 am Höhepunkt des Medienrummels, der durch die Arvizio-Unterstellungen hervorgerufen wurde. Ray Chandler machte seine Runden in den Medien, gab Interviews und trat in Dokumentationen auf, die stark gegen Jackson voreingenommen waren. Offensichtlich nicht besorgt über mediales Rampenlicht und ohne Angst vor möglichen Drohungen von Jackson Fans.

Evan Chandler schien nicht besorgt über mediales Rampenlicht, mögliche Fanreaktionen, Drohungen und die Möglichkeit, Jordan könnte sein Leben nicht weiterführen, als er 1996 eine weitere Klage gegen Michael Jackson einreichte, dieses Mal für 60 Millionen Dollar und einen Plattenvertrag, damit er ein Album („EVANstory“) über die angebliche sexuelle Belästigung seines Sohnes veröffentlichen konnte. Laut dieser Klage wird dieses Album Songs enthalten wie „D.A. Reprised“ [Bezirksstaatsanwalt gewinnt wieder], „You Have No Defense (For My Love)“ [Du hast keine Verteidigung/Abwehr (für meine Liebe)], „Duck Butter Blues“ [Duck Butter: ugs. für die Mischung aus Kot und Sperma beim Analsex], „Truth“ [Wahrheit] und anderen Songs.“ [8]

Diese Klage wurde im Jahr 2000 vom Gericht abgewiesen.

Quellen:

[1] Out of court settlement between Michael Jackson and Jordan Chandler (January 25, 1994) as leaked to and/or by Court TV’s Diane Dimond in 2003, http://michaeljacksonallegations.com/wp-content/uploads/2013/06/1993civilsettlementagreement.pdf

[2] Geraldine Hughes – Redemption: The Truth Behind the Michael Jackson Child Molestation Allegations (Hughes Publishing, January 2004)

[3] Raymond Chandler – All That Glitters: The Crime and the Cover-Up (Windsong Press Ltd, September 2004)

[4] Linda Deutsch – Prosecutor says law won’t allow Jackson to pay off accuser before trial (Boston.com/Associated Press, November 20, 2003), http://www.boston.com/news/daily/20/jackson_case.htm 

[5] Taped phone conversation between Evan Chandler and David Schwartz (July 8, 1993), http://michaeljacksonallegations.com/wp-content/uploads/2013/06/schwartz_chandler.pdf

[6] Judith Regan on Michael Jackson Molestation Allegations on SIRIUS XM, https://www.youtube.com/watch?v=yQYeNfHVBtM

[7] Notice of motion and motion of third party Raymond Chandler to quash subpoenas and/or in camera review; authorities; declaration of Raymond Chandler (October 25, 2004), http://www.sbscpublicaccess.org/docs/ctdocs/102504nommot3rdpty.pdf

[8] Evan Chandler files another lawsuit against Michael Jackson on May 7, 1996 demanding $60 million and a record deal (Court TV Online, Legal Documents), http://web.archive.org/web/20070916092707/http://www.courttv.com/archive/legaldocs/newsmakers/jackson.html

[9] Jackson Settles Abuse Suit but Insists He Is Innocent : Courts: Singer will reportedly pay $15 million to $24 million to teen-ager. Criminal investigation will proceed. (Los Angeles Times, January 26, 1994), http://articles.latimes.com/1994-01-26/news/mn-15478_1_michael-jackson

Interviews zu Michael Jacksons “Ghosts”

Zwei Interviews über die Zusammenarbeit mit Michael am Film ‘Ghosts’ MJ-michael-jacksons-ghosts-13196194-1024-965

I. Der Film-Komponist Nicholas Pike erinnert sich an die Arbeit mit Michael Jackson an Ghosts.

English: http://alchrista.tumblr.com/post/5036497987/nicholas-pike-composer-remembering-working-with

Danke, dass du zugestimmt hast, über die Arbeit an Michael Jacksons Film Ghosts zu sprechen. Wie wurdest du in das Projekt involviert?

Nicholas Pike: Ich arbeitete mit Michael an zwei Videos, Ghosts war das erste und You Rock My World das zweite. Ursprünglich war Mick Garris, ein Regisseur mit dem ich schon oft zusammengearbeitet hatte, als Regisseur für Ghosts geplant, als der Terminplan sich änderte, konnte er aber wegen anderer Zusagen den Job nicht übernehmen. Stan Winston übernahm die Regie und auch die Leitung als ‘Guru für visuelle Effekte’, und ich rief ihn an und fragte, Mick hätte mit mir an dem Video arbeiten wollen und ob er das eventuell auch tun wolle. Ich schickte ihm einige meiner Arbeiten, die er liebte, und er lud mich ein, um Michael zu treffen.

Nicholas Pike Stan Winston

– Nicholas Pike, Michael, Stan Winston –

Wie war es, mit Michael zu arbeiten?

Nicholas Pike: Ein Traum! Der Höhepunkt meiner musikalischen Karriere. Er ist einer der sehr wenigen Menschen, von denen du träumst, einmal mit ihnen zusammen zu arbeiten. Offensichtlich ein riesiges Talent, ein Pop-Superstar und zur gleichen Zeit ein sehr respektvoller und sanfter Mitarbeiter. Wir waren auf der gleichen Wellenlänge, und er war von der Musik, die ich für ihn schrieb, begeistert. Die ersten zehn Minuten des Videos sind musikalisch von mir. Als ich mich zum ersten Mal mit ihm hinsetzte, und am Synthesizer vorspielte, was später das Orchester spielen sollte, war ich sehr aufgeregt darüber, wie er reagieren würde. Wir sassen in einem Studio, ich legte das Band ein und schwitzte neuneinhalb Minuten lang, während Michael ganz vertieft dort saß. Im dem Moment, wo er die Beschwörung aller Geister beendet, hat sich die Musik zu einem massiven Höhepunkt aufgebaut, und als wir diesen Moment erreichten, sprang Michael von seinem Stuhl auf und rief: “Jaaa!” Danach wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Hat er spezifische Angaben drüber gemacht, was er künstlerisch von dir erwartete? Was hat deine Arbeit beeinflusst?

Nicholas Pike: Er stellte keine Anforderungen an mich. Ich traf mich mit ihm und Stan und gab ihm eine kurze Vorstellung von dem, was ich im Sinn hatte. In der Regel gehe ich nicht auf all zu viele Details ein oder versuche, über Musik zu sprechen, ich komponiere lieber und führe es dann vor. Es ist das gesamt Bild, das mich beeinflusst hat. Ich wusste, dass ich etwas großes wollte, das Budget war ursprünglich für ein 60-köpfiges Orchester und ich sagte zu Michael, ich glaube nicht, dass er mit weniger als 90 Personen plus einem Chor zufrieden sein würde. Ich wusste auch, dass ich es ‘gothic’ und dramatisch haben wollte – etwas, was dem Film wirklich die Ehre erweisen würde.

War er sehr perfektionistisch? Hatte er das Sagen über alle Dinge, die geändert werden mussten?

Nicholas Pike: Er ist ein Perfektionist, so wie alle der größten Künstler – es ist das, was sie von allen anderen unterscheidet. Ich verlange auch Perfektion von mir und dem Orchester und so hatten wir beide das gleiche Ziel. Was Änderungen betrifft: Ich musste keine vornehmen. Michael hörte sich ein Stück an und sagte: “Ich habe nichts zu sagen!”

Wie viel Zeit habt ihr zusammen verbracht? Warst du hauptsächlich im Tonstudio? Hat er vor dir getanzt?

Nicholas Pike: Wir verbrachten etwa neun Tage zusammen. Zwei ganze Tage in meinem Studio, nur wir beide, und dann Tage, an denen wir Meetings oder Aufnahmen mit dem Orchester hatten. In den ersten zehn Minuten, nachdem er in mein Studio gekommen war, war alles, was ich dachte: “Ich sitze hier mit Michael Jackson, ich sitze hier mit Michael Jackson!” Danach waren wir nur zwei Musiker, die zusammen im Studio arbeiteten.

Nicholas Pike im Studio with MJ

Sind instrumental Stücke deiner Musik komplett verwendet und fertiggestellt worden? Hat er Gesang dazu aufgenommen?

Nicholas Pike: Alles was ich geschrieben habe, ist im Film und das einzige Stück, zu dem er seine Stimme aufgenommen hat, ist „Descending Angels“.

Descending Angels

Descending Angels“ – Szene aus Ghosts

War er sehr zurückhaltend mit dem aufgenommenen Material?

Nicholas Pike: Was immer ich brauchte, hat er mir zur Verfügung gestellt.

War es immer geplant, dass die Musik zeitlos sein sollte? Was war die künstlerische Richtung?

Nicholas Pike: Ich denke, dass Orchester Partituren zeitlos sind. Es gibt dort keine Synthesizer-Sound Effekte, die irgendwann unmodern klingen. Ich glaube um es für das Projekt als Ganzes zu sagen, dass jeder sein Bestes gegeben hat und nur die Zeit unser Gegenspieler war. Als ich dazu kam, hatte ich drei Wochen Zeit, um die Partitur zu liefern. Die künstlerische Richtung war schon lange bevor ich ich irgendwelche Musik schrieb festgelegt, also war es mein Job, den Film mit all meinen Fähigkeiten zu unterstützen.

Erinnerst du dich, welche Kompositionen zuerst und zuletzt gemacht wurden? Was dauerte am längsten, was ging am schnellsten?

Nicholas Pike: Ich arbeitete chronologisch. Der anspruchsvollste Teil waren die ersten 10 Minuten, in denen die Partitur viel dazu beitragen muss, die Geschichte zu erzählen, die Atmosphäre zu erschaffen und auch die Handlung zu unterstützen. Ich verbrachte viel Zeit für das Stück zu dem Tanz an der Decke. Es musste perfekt auf den Tanz abgestimmt sein und auch auf die akrobatischen Bewegungen von Michael und den Geistern.

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Die Verbindung zwischen den Bildern und der Musik in Ghosts ist sehr kraftvoll. Hat das Produktionsteam die visuelle Umsetzung erarbeitet im Zusammenhang mit dem, was die Musik erzählt?

Nicholas Pike: Das war nicht Teil meiner Arbeit. Als ich mit dem Komponieren begann, war der Film schon im Wesentlichen fertiggestellt.

Hat das Produktions Team nach Abschluss der Dreharbeiten die verschiedenen Elemente der Songs des Kurzfilms angehört und mit dir zusammengearbeitet, so dass du sagen konntest, welches Stück deiner Meinung nach an welche Stelle passen würde?

Nicholas Pike: Die Platzierung Songs war an die Storyline geknüpft, weshalb sie schon ziemlich fest standen. Die Aufnahmen waren abgedreht und geschnitten und visuelle Effekte, wie z.B. das tanzende Skelett, wurden digitalisiert. Was die Partitur betrifft haben Michael, Stan und ich zusammen entschieden, wo die Musik eingefügt werden sollte.

Hat die Musik die Herangehensweise der visuellen Produktion und letztlich den künstlerischen Ansatz des Kurzfilms beeinflusst?

Nicholas Pike: Ich habe keinen Zweifel, dass die Songs die Herangehensweise beeinflusst haben, aber letztendlich kannte Michael die Geschichte, die er erzählen wollte und die Art, wie er sie erzählt haben wollte.

Du hast mit einigen wahren Legenden und Ikonen gearbeitet, war Michael der Größte?

Nicholas Pike: Michael war der Größte!

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Wie hast du von seinem Tod erfahren?

Nicholas Pike: Ein Freund rief mich an und ich kann dir sagen, das war der Beginn einer langen Trauerphase. Auch wenn Michael für einige Jahre nicht sehr aktiv war, habe ich immer daran geglaubt, dass wir wieder zusammenarbeiten werden und ich spürte, dass der Moment näher kam. Zu realisieren, dass das nicht mehr passieren würde, war sehr traurig.

Weißt du etwas über Pläne einer Ghosts Veröffentlichung auf Blue Ray/DVD?

Nicholas Pike: Nein, aber ich kann mir vorstellen, dass es irgendwann in der Zukunft in einer hohen Qualität wieder veröffentlicht wird.

Hattest du die Gelegenheit, während der kurzen Zeit der Veröffentlichung, Ghosts im Kino anzusehen?

Nicholas Pike: Nein. Aber wir hatten nach der Fertigstellung eine Vorführung im Motion Picture Academy Theatre – einem nach dem neusten technischen Stand ausgestattetem Theater, und ich glaube nicht, dass es eindrucksvoller hätte sein können, als dort.

Ein kurzer Ausschnitt aus Ghosts, mit dem Titel Descending Angels (Herabschwebende Engel), erscheint im TII- Film nach Thriller. Wusstest du davon schon vorher oder war es eine Überraschung, als du TII angesehen hast?

Nicholas Pike: Ich wusste nichts davon bis es auf meiner IMDB-Seite auftauchte, noch bevor ich den Film sah.

(ab 4:25 „Descending Angels“)

Was denkst du über dem Film. Hattest du geplant, dir die Live-Show in London anzuschauen?

Nicholas Pike: Ich habe ihn genossen. Ich habe Michael nie live gesehen und deshalb bin ich immer daran interessiert, Michael tanzen und singen zu sehen, auch im Film. Was London betraf, hatte ich nicht geplant, hinzugehen. Ich hatte wohl angenommen, es würde noch mehr kommen, was näher an LA stattfinden würde.

Wie würdest du Michael mit einem Wort beschreiben?

Nicholas Pike: Ich glaube nicht, dass ich ihn mit einem Wort beschreiben kann. Er war ein sehr komplexes Wesen. Für mich ist es der größte Performer aller Zeiten, ein riesiges musikalisches Talent und gleichzeitig die sanftmütigste aller Seelen. Extrem rücksichtsvoll und respektvoll gegenüber anderen, sowie äußerst großzügig und fürsorglich.

Abschließend: was hast du von ihm gelernt?

Nicholas Pike: Ich habe von ihm gelernt, tolerant und respektvoll gegenüber anderen zu sein, egal, wer du bist, bewirkt, dass dein eigener Stern eine Million Mal heller strahlt.

>>  Interview by „This Is It“ – History Continues.com, July 2010 << Thank you! http://www.youtube.com/watch?v=pW9JYCK0GxI

Ghosts Complete HD Version

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II: Interview mit Mick Garris (Regisseur der ursprünglich 1993 geplanten Version von Ghosts)

English: http://www.movieline.com/2009/07/the-col…tten-ghosts.php

Mick Garris, der schon in Michael Jacksons „Thriller“ einen der Zombies spielte, sprach mit Movie Line über seine Arbeit und die Entwicklung des Projekts „Ghosts“:

Wie wurdest du zum Zombie in Thriller?

Mick Garris: John Landis war bereits seit mehreren Jahren einen Freund von mir. Wir haben uns getroffen, als ich am Empfang von Universal arbeitete. Johns Büro war neben mir, als er Animal House machte. Und Rick (Baker) und seine damalige Frau Elaine waren sehr enge Freunde und Nachbarn von mir und Cynthia. Wenn sie uns einluden, kamen wir gelaufen. Ich war damals ein hoffnungsvoller Schriftsteller, machte Werbung für Studios und dergleichen und hatte gerade meine ersten Drehbuch-Jobs.

Hattest du das Gefühl, dass da gerade Pop-Kultur Geschichte gemacht wird?

M.G.: Wir wussten, es war etwas Besonderes, aber hatten keine Ahnung, wie besonders. Wir wussten, dass es viel größere Ausmasse hatte, als andere Musik-Videos in dieser Zeit, und es war ganz anders als die üblichen Performa-Sachen der 1980er. Aber Michael an diesem ersten Abend live zu erleben war elektrisierend. Ich wurde auf der Stelle ein Fan.

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Mick Garris und Rick Baker (Special makeup effects Thriller)

Hast du dich mit Michael Jackson angefreundet?

M. G.: Wir wurden zu diesem Zeitpunkt nicht zu Freunden. Später, als ich The Stand machte, schrieben Stephen King und Michael zusammen ein Drehbuch für einen weiteres “scary” Musik Video – eines, was sogar im Vergleich zu Thriller groß war. King empfahl mich dafür und so traf ich Michael wirklich auf einer persönlichen Basis. Dadurch wurden wir Freunde.

Was denkst du, was Michael mit Ghosts erreichen wollte?

M. G.: Michael wollte den größten, gruseligsten Musik Film aller Zeiten machen. Nun, ich weiß nicht, ob das gelungen ist, er ist nicht wirklich beängstigend in dem Sinn, aber er ist großartig, die Musik und der Tanz sind hervorragend, und es ist ein großes Spektakel. Und er trifft definitiv den Punkt. Die Thematik der Ausgestoßenen und Fremden, die er und King angelegt hatten, blieb durch die verschiedenen Inkarnationen im Fokus.

Wie hast du dich eingebracht, und wie hat die Zusammenarbeit zwischen dir, Michael, Stan Winston und Stephen King funktioniert?

M. G.: Ursprünglich war ich eigentlich der Regisseur. Der Film war schon im Jahr 1993 begonnen worden, und ich arbeitete an ihm während der Vorproduktion, und für zwei Wochen während der eigentlichen Produktion. Das Projekt wurde für drei Jahre stillgelegt, bevor Stan Winston es wiederaufnahm. Stan war schon für die Effekte zuständig, als ich noch die Regie hatte. Als das Projekt wiederaufgenommen wurde, empfahl ich ihn als Regisseur, weil ich selbst gerade dabei war, The Shining zu drehen. Ich war oft am Set. Aber als die Produktion im Jahr 1996 fortgesetzt wurde, stand ich nicht zur Verfügung. Ich bekam oft um Mitternacht Anrufe von Michael, der sehr leidenschaftlich über eine Fertigstellung des Films redete und darüber, ihn zu etwas besonderem zu machen. Er und Stan waren Freunde geworden als sie zusammen The Wiz machten. Anfangs schrieben er und Stephen zusammen am Skript, und ich war nicht wirklich in das eingeweiht, was da vor sich ging. Es passierte erst, als Michael, ich und Stan für Stunden zusammen kamen um die komplizierten Effekte sowie die Musik und Geschichtenführung zu planen.

Aber Ghosts begann als etwas völlig anderes.

Niemand weiß das, aber es sollte ursprünglich ein Promo-Video für “Addams Family Values” werden. In der Tat kamen Christina Ricci und der Junge, der Pugsley spielte auch darin vor. Wir filmten zwei Wochen, kamen aber nie dazu, die musikalischen Nummern zu machen. Es war sehr teuer und anspruchsvoll. Und als es zu den ersten Anschuldigungen kam, drehten wir gerade. Plötzlich war Michael aus dem Land, und das Studio wollte den Film nicht mehr fördern.

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Stan Winston + Michael am Set von Ghosts

Was bedeutet es jetzt für dich jetzt, dass Stan und Michael gestorben sind?

M. G.: Es ist natürlich unglaublich traurig und wirklich tragisch. Stan war ein sehr talentierter und lustiger und freundlicher Mensch. Aber ich war mehr mit Michael verbunden, verbrachte mehr Zeit mit ihm. Es bricht mir wirklich das Herz zu sehen, was mit ihm passiert ist. Er war immer sehr zerbrechlich, hatte viele Probleme mit dem Schlafen. Er erinnerte mich sehr an Don McLeans Lied über Vincent Van Gogh. Die Welt kann schlecht/ gemein sein, und Michael absolut nichts Schlechtes in sich. Er war sehr verletzlich und liebenswert. Und den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie klug er war, und vor allem, wie komisch er sein konnte. Ein sehr witziger, übermäßig talentierter Kerl.

Hatte Michael Hoffnung dass Ghosts so erfolgreich werden würde wie Thriller?

M. G.: Michael hatte immer die Hoffnung, etwas Großes zu machen. Er dachte “groß”, denn sein ganzes Leben schien von Größe umgeben sein. Ich weiß nicht, was seine Hoffnungen in Bezug auf den Vergleich mit Thriller waren. Aber ich weiß, dass er dachte, Ghosts wäre etwas ganz Besonderes.

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Ghosts und Thriller zeigen ihn als ein charismatisches, verspieltes “Monster”. Denkst Du, dass er Spaß an diesem Ruf hatte, auch wenn sich die Medien über ihn hermachten?

M. G.: Er ging mit diesem Image sehr spielerisch um, aber als die Presse gemeiner wurde, war er definitiv verletzt, zog sich zurück und wurde immer verschlossener. Aber auch wenn wir Freunde waren, war es nicht so, dass ich ihn ständig sah. Es konnten ein paar Jahren vergehen, ohne ihn zu treffen oder zu sprechen, aber wenn wir uns trafen, hatten wir immer eine gute Zeit.

Wo warst du, als du hörtest, dass er gestorben ist? Was hast du gedacht und gefühlt?

M. G.: Ich war in meinem Auto, als ich im Radio hörte, dass er bewusstlos sei und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Ich war natürlich wie jeder fassungslos. Dann, etwa eine Stunde oder so später, hörte ich Gerüchte darüber, er sei gestorben, ich konnte es einfach nicht glauben. Es dauerte ein paar Tage bis ich es wirklich realisierte. Vielleicht war es unvermeidlich, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er zerbrechlich und empfindlich war, und ein unglaublich süßer und großzügiger Kerl. Es brach mir das Herz, so wie der ganzen Welt. Und ich habe wirklich Mitgefühl für seine Kinder, die grandios und unverdorben sind in einer Art und Weise, die sie sich nicht vorstellen können. Zumindest waren sie so, als ich das letzte Mal vor ein paar Jahren sah.

Als jemand, der ihn kannte, was ist Ihre Reaktion auf die Medienberichte und Spekulationen rund um die Uhr?

M. G.: Ich weiß nicht, ich hasse es darüber zu spekulieren. Ich weiß, er hatte seine Dämonen, Ängste, Schwächen. Ich habe wirklich nichts von Drogenkonsum oder von all dem Zeug mitbekommen. Es war nicht so eine intime Beziehung. Ich weiß nur, dass er jemand war den ich sehr mochte, und dass ich das Privileg hatte, ihn zu kennen und mit ihm zusammen zu arbeiten. Ich vermisse ihn. Auch wenn ich ihn ein paar Jahre nicht gesehen habe, schien es mir immer, dass wir bald wieder zusammen kommen würden und über Filme sprechen und lachen und scherzen und Spaß haben würden. Es macht mich so traurig, dass es nicht wieder passieren wird.

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Denkst du, Einsamkeit und Traurigkeit waren seine ständigen Begleiter?

M. G.: Eine meiner frühesten Begegnungen mit ihm war in New York, wo er eine Penthouse-Wohnung im Trump Tower hatte. Er war so sehr einsam. Er führte mich zum Fenster und zeigte herunter auf die Fifth Avenue, um mir zu sagen, er würde alles geben, um dort zu Fuß in die Läden zu gehen, aber er könnte es nicht. Ich besuchte ihn auch in Orlando und war überrascht, dass ich, ausgenommen von den Mitarbeitern, der Einzige war, der mit ihm dort war. Es war außer uns für ein paar Tage niemand dort. Ich glaube nicht, dass er viele enge Freunde hatte, Menschen, die nicht irgendetwas von ihm wollten.

Deine bleibende Erinnerung an ihn wird sein… ?

M. G.: Ihn zum Lachen zu bringen. Wenn Michael lachte, wenn du ihn dazu brachtest, nicht nur hinter der Hand zu kichern, das war ein Anblick. Er liebte es, zu lachen, und es hat Spaß gemacht, ihn zu necken. Vielleicht stammt eine meiner schönsten Erinnerungen vom Set von Ghosts; wir hatten eine Aufnahme fertig, und wenn wir die nächste machen wollten, sagte ich es wie “Bullwinkle”: “Diesmal ist es sicher! ” (Bullwinkle: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Abenteu…_%26_Bullwinkle )

Das erste Mal lachte er nur und lachte und lachte. Danach fragte er immer wieder, auch nach guten Aufnahmen: ” Mick, mach den Bullwinkle!” So möchte ich mich an ihn erinnern. 10658621_965225770160935_5388640463965213805_o

Wird Ghosts jetzt eine DVD Veröffentlichung bekommen?

M.G.: Ich hoffe es. Es war enorm teuer und wurde nie in den Vereinigten Staaten veröffentlicht. Er bezahlte es auch aus eigener Tasche. Also ich weiß nicht, wer die Rechte besitzt. Aber ich glaube, die Menschen würden es lieben. Von der Zeit, als ich daran gearbeitet habe, bis es fertig war, hat sich einiges daran verändert, aber es ist ein großartiges Werk. Ich hätte gerne, dass es verfügbar wäre. Die einzige Kopie die ich davon habe, stammt aus einem Musikgeschäft in Hong Kong, im alten VCD Format. Ghosts hat etwas Besseres verdient.

Übersetzung: M.v.d.L.

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Normal Valley

Is it scary?

(Von Joe Vogel, ein Kapitel aus ‘Man In The Music – The creative Life and Work of Michael Jackson’)

Is It Scary ist Jacksons Höhepunkt beim Vorstoß zum Gothic. Es ist vielleicht auch seine beste Antwort darauf, wie er öffentlich wahrgenommen wird, als eine Kombination von Spektakel, Schurke und Freak. Wenn Childhood sein persönlichster Song ist, wie Jackson es einmal sagte, dann ist Is It Scary das dazu nötige Gegengewicht. Schaurig, aufrüttelnd und aufschlussreich – ein angemessener Abschluss von Blood On The Dance Floor, diesem Meisterstück-Konzept aus fünf düsteren Songs.

Eine frühe Version von dem Stück schrieb Jackson zusammen mit Jimmy Jam und Terry Lewis Anfang der 90er. Jackson war jedoch mit dem Track nicht zufrieden und formte ihn in den folgenden Jahren weiter aus und “lies ihn zu sich sprechen”. Vergleicht man den frühen Down-Tempo Groove Mix mit der Album Version, erhält man einen aufschlussreichen Einblick in Jacksons Prozess, einen Song zu entwickeln, bis er genau richtig ist. Der finalen Version wurden nicht nur einige der für den Song wichtigsten Textteile zugefügt, sondern sie bekommt auch die notwendige Atmosphäre, Drama und Leidenschaft, wodurch dem wirklichen Schmerz und Pathos der Lyrics ermöglicht wird, mit zu klingen.

Der Song beginnt mit den beinahe gleichen Beschreibungen wie Ghosts , Bilder von umfassenden Geistererscheinungen und Ghouls, knarrende Stufen und einengende Wände, akustisch dargestellt, eine Tür schließt sich, die Stimmung wird verdichtet, ein Herz fängt schnell zu schlagen an und ruft eine Art von Klaustrophobie, Angst und Panik hervor. Es ist wie ein symbolischer Abstieg in eine Gefängniszelle. Hier wird ganz deutlich, dass Michael Jackson seinem Publikum einen Spiegel vorhält.

“I’m gonna be exactly what you wanna see” / “Ich werde genau das sein, was du sehen willst”, singt er. Mit anderen Worten gesagt ist er in diesem geschlossenen Raum bereit zu performen, zu unterhalten. Was immer jemand in ihm oder durch ihn sehen will, wird über den Zuschauer ebenso viel enthüllen wie über das Subjekt. “It’s you who’s taunting me” / “Ihr seid es, die mich verspotten” singt er weiter direkt an seine Kritiker gerichtet. “Because You’re wanting me to be the stranger in the night” / “Weil ihr wollt, dass ich der Fremde in der Nacht bin.” Das “Verspotten” dient hier dazu seine Andersartigkeit auszugrenzen, sie in etwas ‘freakisches’ und nicht erkennbares zu verwandeln. Er wird zu einer Art modernem Barden, das Publikum keucht, klatscht, spöttelt und lacht, aber missversteht die wahre Natur des Performers und der Performance fundamental.

Is It Scary? Ghosts

Kulturkritikerin Judith Cole sagt, dass Jackson “sich zu verschiedenen Punkten seines Lebens und seiner Karriere, der Rolle/dem lyrischen ich einer Reihe von Minnesängern anpasst, darunter Long Tail Blue, Dandy Blue Jim, Zip Coon, Master Juba und sogar Jim Crow.” Ein Minnesänger soll natürlich unterhalten, nicht nach seinen eigenen Bedingungen, sondern so, wie es von ihm erwartet wird, und Jacksons Widerstreben dieses zu tun untergräbt die ihm gegebene Rolle. “Die Geschichte des Amerikanischen Entertainments (und Jacksons eigener Platz in dieser Geschichte) ist nie weit entfernt von Jacksons Denken,” beobachtet Kulturkritiker David Yuan. “Er macht klar, dass er denkt, Afro-Amerikanische Musik sollte nicht auf einen Nebenschauplatz in der Amerikanischen Kulturgeschichte verbannt werden… es ist wichtig zu erkennen, wie die häufig erzählte Geschichte von Jacksons Aufstieg zum Stardom der institutionellen Geschichte des Afroamerikanischen Entertainments ähnelt – und der institutionellen Geschichte der Freak-Show.”

Seine Unfähigkeit oder sein Widerwille, gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen und “normal” zu werden, entzürnt, verwirrt und fasziniert die Menschen zur gleichen Zeit. Yuan fährt fort: “Michael Jackson ist der definitive Celebrity-Freak unserer Tage… (und) die perplexe Öffentlichkeit sieht ihn als den Vermittler seines eigenen “Enfreakments”

Mit anderen Worten, seine “Entscheidung” der Freak zu sein verschlimmert die Gegenreaktionen noch mehr.

Ein scharfsinniger Jackson realisiert dieses Rätsel (Vexierspiel) und konfrontiert die Zuhörer mit einer Reihe von Fragen: “Am I amusing you/or just confusing you? Am I the beast you visualized?” / “Amüsiere ich euch, oder verwirre ich euch? Bin ich das Biest, das ihr euch vorgestellt habt?” Im Grunde fragt er, ob er als etwas geringeres als ein Mensch wahrgenommen wird. In Margo Jeffersons Buch “On Michael Jackson” beschreibt sie den historischen Kontext einer solchen Frage. “Als der Bürgerkrieg begann, hatte (P.T.) Barnum gerade einen englischen Zirkus Artisten in schwarzem Make Up und mit einem Pelzumhang vor einen Dschungel-Hintergrund gestellt, und fragte das Publikum: “Was ist das?” 1875 nahm er einen Afroamerikaner für diese Rolle… “Ist es eine niedere Art Mensch`? Oder eine höhere Art Affe? Keiner kann es sagen! Vielleicht ist es eine Kombination von beidem. Es ist unbestritten die erstaunlichste lebende Kreatur…” Jefferson fährt fort: “Michael Jackson verkörpert Spurenelemente von dieser ganzen Historie… Seine Rasse, sein Geschlecht, seine Sexualität, sein Alter sind völlig verschwommen und schwer einzuordnen. Für viele wird er deshalb zu einem “Was ist es?”

Durch diesen Kontext treffen Zeilen wie “And if you wanna see, Eccentric oddities, I’ll be grotesque before your eyes” / “Und wenn ihr exzentrische Seltsamkeiten sehen wollt, werde ich vor euren Augen grotesk” auf einer tieferen Ebene. Er wird grotesk sein, weil es das ist, was die voreingenommene Kultur sieht und sehen will. Es ist das, wozu sie ihn gemacht haben. Er ist – im wahrsten Sinn des Wortes – das Produkt einer Amerikanischen Kultur. Er sagt: “Wenn ich euch verängstige, dann deshalb, weil ich so sein soll, und dann werde ich es sein.”

Ghosts Michael

Später erinnert er uns jedoch daran, dass hinter der Maskerade eine verletzte/leidende Seele steht. Er singt: “If you came to see, the truth, the purity, it’s here inside a lonely heart.” / “Wenn ihr gekommen seid, die Wahrheit, die Reinheit zu sehen, sie ist hier, in einem einsamen Herzen”. Das Paradoxum ist indes, dass er sich selbst nur offenbaren kann durch das Performen, das Erneuern der verschwommenen Linie zwischen dem Entertainer und dem Menschen, der Rolle und der Persönlichkeit. Diesem komplizierten Schicksal ergeben, erklärt Jackson, was das Motto seines Lebens sein könnte: “Let the performance start!” (Lass die Vorführung beginnen!)

Der Höhepunkt präsentiert Jackson, wie er mit Kraft seine Wut durch einen Chor von Geistern bündelt, seinen Schmerz herauslässt als etwas, was sich wie Beschwörung/Exorzismus anfühlt. Das ist es, worauf sich Neil Strauss von der New York Times bezog, als er von Jackson sprach der “wie der Elefantenmensch schreit, dass er ein Mensch sei.”

Es beinhaltet eine der schmerzvollsten, jedoch stärksten künstlerischen Äußerungen in Jacksons Karriere.

Michael in Ghosts Übersetzung: M.v.d.L.  http://www.amazon.de/Man-Music-Creative-Michael-Jackson/dp/1402779380

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