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Gedanken über Billie Jean – Thinking Twice About Billie Jean

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Auszug aus:

„Thinking Twice About Billie Jean“ von Veronica Bassil

Gedanken über Billie Jean

Billie Jean ist weitgehend bekannt als eines von Jacksons prägenden Werken und war ein großer Katalysator für den phänomenalen Erfolg von Thriller. Ein Song über einen Mann, gefangen in einem Lügennetz, der versucht, sich davon zu befreien, Billie Jean ist auf vielfältige Arten auch die Geschichte von Michael Jackson. Der Song ist ein Führer zu seiner Lebensgeschichte, eine Inszenierung seiner Kämpfe, Herausforderungen und Erfolge. Die Lyrics, die Leidenschaft, die Schreie, die Adlibs, der Tanz werfen alle ihr Licht auf den Weg, den er von seiner Krönung 1983, als er den Song bei Motown 25 aufführte, beschritt, bis hin zu seinem Tod 2009, 

Jackson bemerkte bei den Black Gold Awards, als er den Preis als Beste Single des Jahres für Billie Jean erhielt, dass „da sehr viel Wahrheit in dem Song ist“, und er hatte Recht. Es war nicht einfach nur ein weiterer Pop Song. Es war etwas, was du niemals vergisst. An einer Stelle der Lyrics singt Jackson „Also nimm meinen starken Rat an, und erinnere dich daran, immer noch mal drüber nachzudenken,“ und das ist eine Botschaft ihn beim Wort zu nehmen und anzufangen, über die Wahrheit von Billie Jean ein weiteres Mal nachzudenken. 

Dieses Buch ist eine Reise zu dem, was manche sein Meisterwerk genannt haben, ein verblüffender, knapper, dramatischer Monolog eines lebensverändernden Zusammentreffens mit einer geheimnisvollen „Beauty Queen“ mit Namen Billie Jean.

BJ Buchcover


“Breakin’ My Heart”

„Mein Herz wird gebrochen“

Ich werde mir die Lyrics zu Billie Jean genau ansehen, aber es steckt wahrscheinlich in den Adlibs, dem spontanen Ausbruch der Emotion, worin die direkteste und konzentrierteste Botschaft im Herzen des Songs gefunden werden kann. Im Fall von Billie Jean ist es so, dass Jackson, der seine Adlibs mithilfe einer zwei Meter großen Pappröhre aufnahm, diesen einen seltsam widerhallenden Klang verlieh, als kämen sie aus einer anderen Dimension.

You know you did.
Breakin’ my heart, baby!

Look what you done to me!

No, no, no, no, no!



Du weißt, du hast es getan.

Mein Herz gebrochen, Baby!

Sieh, was du mir angetan hast!

Nein, nein, nein, nein, nein!



Diese Zeilen zusammen mit vielen nonverbalen Adlibs, wie Klagen und Ausrufen, erzählen die Geschichte von jemand Gequältem, jemand, der wirklich verletzt ist, jemand, der auch eine Menge Verärgerung enthüllt. Jemand, der komplizierte Gefühle der Wut ausdrückt, Gefangensein, Angst und das Gefühl betrogen worden zu sein und jemand, der eine starke Verweigerung und einen Appell für die Wahrheit ausdrückt: “Sieh, was du mir angetan hast!” “Mein Herz gebrochen.”

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Billie Jean
ist ein Song über einen Mann, gefangen in einem Lügennetz, der versucht, sich davon zu befreien, und auf vielfältige Arten ist dies ebenfalls die Geschichte von Michael Jackson. Wie Musikkritiker Joe Vogel bemerkte, ist Jacksons vorherrschende Botschaft die der “Befreiung”, auszubrechen aus begrenzenden Zwängen hin zu kreativem und humanitärem Ausdruck, auszubrechen und andere aufzufordern das gleiche zu tun, die “verwundete Welt”, die auch eine Spiegelung des verwundeten, begrenzten Selbst darstellt, zu verändern und zu heilen. Vogel verbindet diesen Drang nach Befreiung mit der Bewegung der Romantik in Kunst, Literatur und Politik. Der Sprechende in Billie Jean sieht sich gefangen und möchte sich befreien. In dem Short Film Leave Me Alone wurde Michael als Gulliver dargestellt, der von den Liliputanern festgebunden wird, sich aber dann befreit und sich auf seine Füße erhebt. Dieser Kampf der Befreiung ist wesentlich für Billie Jean.

Die Adlibs sind auf vielfältige Arten das Herz dieses Songs und enthüllen die leidenschaftliche Intensität von Jacksons Protest gegen die Zwänge von außen, die durch Billie Jean repräsentiert werden, die ihn kontrolliert und bestimmt. Sie heben hervor, dass etwas falsch gelaufen ist, dass eine Wunde Heilung benötigt und sie betonen eine starke Anklage – “Du weißt, du hast es getan!”

“I Am the One”: A Dancer

“Ich bin der Eine”: Ein Tänzer



Der Satz “I am the one” wird im Laufe des Songs 13 mal wiederholt. Beim ersten Mal ist es eine Frage, die der Sänger an Billie Jean stellt: “Ich sagte, meinetwegen, aber was meinst du damit, ich wäre der Eine.” (“I said don’t mind, but what do you mean I am the one.”) Billie Jean ist dann also diejenige, die diesen Satz, den der Sänger erklärt haben möchte, ursprünglich sagt. Während sich der Song entwickelt bezieht sich die Zeile auf eine Vaterschaftsklage und ihre Leugnung – “Sie ist nur ein Mädchen, das behauptet, ich wäre der Eine / Aber das Kind ist nicht mein Sohn.” Obwohl wir die Zeile oft nur als einen Bezug zu der Vaterschaftsklage deuten, taucht dieser Zusammenhang bis zur vierten Strophe nicht wieder auf. Die drei Eröffnungsstrophen verbinden die Zeile stattdessen mit dem Tanzen: “Ich bin der Eine / Der auf dem Tanzboden im Kreis tanzt.” Im Grunde taucht die Formulierung “auf dem Tanzboden im Kreis tanzen” (“dance on the floor in the round”) fünfmal während des Songs auf, einschließlich zweier Male in der Eröffnungsstrophe:

Sie war mehr als eine Schönheitskönigin aus einer Filmszene

Ich sagte, es macht mir nichts aus, aber was meinst du damit, ich wäre der Eine

Der auf dem Tanzboden im Kreis tanzen wird

Sie sagte, ich wäre der Eine, der auf dem Tanzboden im Kreis tanzen wird



Am Anfang ist “Ich bin der Eine” mit dem Tanzen “im Kreis” verbunden, vielleicht auf einem runden Tanzboden, bei dem das Publikum rund um die Bühne steht, demnach den Tänzer, das Objekt, auf das sich alle Augen richten, ins Zentrum stellt:

Dann dreht sich jeder Kopf herum mit Augen,
die davon träumen der Eine zu sein


Der auf dem Tanzboden im Kreis tanzen wird



Aus der Sicht des Performers auf einer Bühne sieht der Tänzer Augen, überall ein Meer von Augen, mit unbeweglicher Aufmerksamkeit. Diese Bewunderung ist verlockend und andere, vielleicht Billie Jean, träumen auch davon “der Eine zu sein”. Andy Warhol sprach darüber, dass jeder seine 15 Minuten Ruhm haben würde, und vielleicht würden wir alle gern die Aufmerksamkeit der Welt bekommen. An diesem Punkt seines Lebens allerdings hatte Michael Jackson, der im Alter von 5 Jahren aufzutreten begann, bereits eine 19-jährige Geschichte “der Eine zu sein” umgeben von den Augen des Publikums, einschließlich der Fans, Paparazzi, den Medien, den Neugierigen oder Neidischen, den Kritikern, den Bewunderern, den Manipulierenden und den Betrügern. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte er 45 Jahre hinter sich, in denen er von den Augen der Welt umzingelt war. Dieses intensive Starren muss anregend, beängstigend und äußerst ärgerlich gewesen sein, ein Starren, dem er nie entkommen konnte, sogar nicht im Tod. Tatsächlich liegt es nahe, dass solch ein intensives, andauerndes prüfendes Beobachtetwerden den Regisseur Peter Weir dazu brachte, seinen Film The Truman Show auf Michael Jacksons Leben basieren zu lassen.

Jacksons Talent als Tänzer wird weitgehend anerkannt; er ist der einzige Musiker, der sowohl in die Rock’n Roll Hall of Fame als auch in die Dance Hall of Fame aufgenommen wurde. Fred Astaire rief ihn nach seinem Billie Jean Auftritt bei Motown an, um ihn zu seinem eindrucksvollen Tanz zu beglückwünschen. Einige Kritiker betrachten Michaels Fähigkeiten als Tänzer als sein herausragendstes Talent. Sarah Kaufman schreibt über Michaels ikonisches Tanztalent:

Als sich seine Solokarriere ausweitete, kultivierte er auch den Einfluss, den er durch diesen geschmeidigen, jungenhaften Körper ausüben konnte. Zu der Zeit, als er in Stadien sang, konnte man die Elektrizität seines Tanzes bis in die höchsten Reihen spüren. Beobachte nur mal das Rucken und Beben, das er zeigte, wenn er zum Beispiel Billie Jean darbot. Das war kein Moment der Selbstgefälligkeit, keine Gelegenheit für einen Kostümwechsel und mimische Verständigung mit einem Background-Tänzer, wie man es in so vielen anderen Popkonzerten sieht. Es war eine Demonstration des kaum zurückzuhaltenden Feuers in diesem Performer, der vulkanische Selbstausdruck, dass … ein positives Ventil in einer perfekten physischen Darstellung gefunden hatte. (“Michael Jackson’s Iconic Moves Are His Legacy in Cirque’s Immortal World Tour,” Washington Post, 7/5/12).



Tavia Nyongo, Professor der darstellenden Künste an der NYU, deutet an, dass sich hinter “der Unangestrengtheit seiner berühmtesten Bewegungen die außerordentliche Fähigkeit und Anstrengung verbarg, die nötig war, um sie auszuführen,” und dass “kein anderer Tänzer seit Fred Astaire mehr für die Popularität dieser Kunstform getan hat”. Nigel Lythgoe, Produzent und Juror bei So You Think You Can Dance sagt, dass viele, die zu einer Audition der Show kamen erst durch ihn zum Tanz gekommen seien, und er schrieb ihm die Existenz der Show überhaupt zu (Olivia Smith “Michael Jackson the Dancer Moved Us Beyond Measure”).

In seinen Auftritten verschmelzen Jacksons Tanz und Gesangstalent in einen vollkommenen Ausdruck, und ganz sicher stellte er dieses außerordentliche Verschmelzen in seiner Motown Billie Jean Darbietung zur Schau. Einige seiner Tanzbewegungen waren so weiterentwickelt und ausgearbeitet, mit synchronisierten Back-up-Tänzern, dass er, wie in der Performance von Dangerous bei den MTV Music Awards 1995, die Lippen nur synchron bewegte, damit der Fokus nur auf dem Tanz allein lag. In seinen Short Films stellen die Tanzsequenzen choreografierte Kunstwerke dar.

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Wie Baryshnikov bemerkte war Michael ein intuitiver Tänzer, der vielmehr sein eigenes Tanzrepertoire weiterentwickelte, als dass er sich in einer spezifischen Tanztradition trainierte. Er würdigte seine vielen Tanzinspirationen, solche wie James Brown und Fred Astaire, und doch bestand er darauf, dass Tanzen eine Reaktion auf das Gefühl und die Inspiration war, die aus der Musik selbst entstand. In einigen seiner umstritteneren Moves, ebenso wie in der Entwicklung seines Tanzstils, kann Jackson Tanz als revolutionär angesehen werden. Das Konzept des intuitiven Free-Style-Tanzes als einem revolutionären Akt wurde gut beschrieben von Eve Ensler, die das Event One Billion Rising organisiert hat, das das Ende der Gewalt gegen Frauen erreichen will und die die Autorin der Vagina Monologues ist:

Tanzen verlangt danach Raum einzunehmen. Es geht keine vorgegebene Richtung, aber wir gehen gemeinsam dorthin. Es ist gefährlich, fröhlich, heilig, zerstörerisch. Es bricht die Regeln. Es kann überall stattfinden, zu jeder Zeit, mit jedem und mit allen. Es ist frei. Keine Behörde kann es kontrollieren. Es vereint uns und treibt uns an weiter zu gehen. Es ist ansteckend und verbreitet sich schnell. Es ist körperlich. Es ist übersinnlich.

Enslers Worte beschreiben auch Michaels Tanz – frei, ansteckend, fröhlich, ausdrucksstark und revolutionär – genau wie der Effekt auf sein Publikum.

“I Am the One”: A Unique Being

“Ich bin der Eine”: Ein einzigartiges Wesen

Die Formulierung “Ich bin der Eine” hat auch einen biblischen Bezug. Im Alten Testament sagt Gott zu Jesajah: “Ich bin der eine wahre Gott,” und im ersten Gebot sagt Gott zu Moses: “Ich bin der Herr, dein Gott und du sollst keine anderen Götter haben neben mir.” Im Neuen Testament sagt Jesus zu seinen Jüngern: “Ich bin der eine wahre Weinstock. Wer an mich glaubt, der soll nicht sterben.” In diesem Zusammenhang bedeutet “Ich bin der Eine”, dass ich der einzige in meinem Seinsbereich bin; ich bin einzigartig. Ein weiterer biblischer Anklang taucht außerdem an einer anderen Stelle der Lyrics auf: “Vierzig Tage und vierzig Nächte lang war das Gesetz an ihrer Seite” (“for forty days and forty nights the law was on her side”). Der Ausdruck “vierzig Tage und vierzig Nächte” wird in jenem Abschnitt erwähnt, in dem Jesus in der Wüste fastete, und der schließlich mit seiner Versuchung durch den Teufel endete. Es ist ein Zeitabschnitt, der eine Transformation von einem Zustand in einen anderen markiert. In diesem Fall geht es um die Entstehung des Christus in seiner Vorbereitung seine Mission zu erfüllen und zu Gottes Sohn zu werden. In der Darstellung der Flut im Alten Testament regnete es vierzig Tage und vierzig Nächte lang und währenddessen wurde die sündenreiche Welt zerstört und eine neue, gereinigte Welt geboren.

Als bis zu seinem Austritt 1987 streng gläubiger Zeuge Jehovahs war Jackson mit solch biblischen Bezügen vertraut. Seine Bodyguards beobachteten in den letzten Jahren seines Lebens, dass er jeden Tag in der Bibel las. Michaels moralische Aufrichtigkeit war sein Markenzeichen für den Großteil seiner Karriere und führte zu Auszeichnungen und Einladungen durch die Präsidenten Reagan, Bush Senior und Clinton.

Der Ausdruck “Ich bin der Eine” ist auch ein wesentlicher Teil des Films Matrix (1999), in dem Morpheus “den Einen” sucht, der die Menschen aus der vorgetäuschten Welt oder der durch die Maschinenbeherrscher erzeugten Matrix befreien will. Die Trilogie legt den Fokus auf Neo (“neu”), der langsam zu akzeptieren lernt, dass er “der Eine” ist und seine Mission, die Agenten der Herrschaft der Maschinen zu zerstören, erfüllt und die menschlichen Gefangenen der Matrix befreit.

“Ich bin der Eine” bedeutet in all diesen Beispielen, dass ich einzigartig bin, der einzig Wahre, es gibt nicht einen anderen, der so ist wie ich. Wie Mohammed Ali zu sagen pflegte: “Ich bin der Größte.” “Ich bin der Eine” ist eine Bejahung der großen Kraft.

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Für seine vielen Befürworter ist Jackson eine Inspiration dafür, sein Leben im Einklang mit den Tugenden der Liebe, Großzügigkeit, Bescheidenheit und Mut zu leben. Dass er starke Demütigungen durch die Medien ertragen musste, während er weiter diesen Werten folgte, verlieh ihm den Status als “der Eine”, dem man darin nacheifern möchte. Einige sehen ihn sogar als engelsgleich, vergleichen ihn mit dem heiligen Michael, dem Erzengel, der Gottes Armee bestehend aus Engeln in den Krieg gegen den Teufel geführt hat.

Jackson ist obendrein “der Eine” aufgrund der Vielzahl von Anerkennungen und Auszeichnungen, seinem Ritterschlag zum “größten Entertainer, der jemals gelebt hat” und zum “King of Pop” und einem der weltweit meist geliebten Künstler und Vertreter des Humanitätsgedankens. Im selben Sinn entschied sich der Cirque du Soleil dafür, seine permanente Michael Jackson Show in Las Vegas Michael Jackson One zu nennen.

“I Am the One”: A Defendant

”Ich bin der Eine”: Ein Angeklagter

“Ich bin der Eine” kann auch eine Anklage oder ein Bekenntnis sein: Ich bin der einzig Verantwortliche; ich bin der eine, der eines Verbrechens oder einer Rechtsverletzung beschuldigt wird. Billie Jean behauptet, dass der Sänger der Vater ihres Kindes ist, eine Behauptung, die der Sänger leidenschaftlich bestreitet. Die Lyrics “Sie sagt, ich bin der Eine” wirft auf geradezu prophetische Weise die Schatten der Beschuldigungen und Anklagen voraus, die Jackson später einkreisen und sowohl seine Karriere als auch seine Gesundheit beschädigen werden. Hatte er bereits, als er 1982 Billie Jean komponierte, eine Vorahnung, dass er die Qualen der falschen Beschuldigungen in seinem persönlichen Leben durchleben musste? Sah er vorher, dass das Gesetz nicht auf seiner Seite sein (“that the law would not be on his side”) und in sein Privatleben eindringen würde, bis zu dem Ausmaß, dass er Hunderte von Durchsuchungsbefehlen und eine 25-minütige Leibesvisitation, komplett mit Fotografien und Videoaufnahmen seines unbekleideten Körpers würde erleiden müssen?

Welche Beweise liefert Billie Jean für ihre Anklage? Interessanterweise ist der einzige objektive Beleg eine Fotografie (genau wie die Fotos der Leibesvisitation) eines Babys, dessen “Augen meinen ähneln” (“whose eyes were like mine”). Billie Jean behauptet, dass “wir bis drei Uhr getanzt haben” (“we’d danced till three”), einer Feststellung, die anscheinend von dem Sänger bekräftigt wird. Der Sänger sagt auch, “sie kam und stand direkt bei mir mit dem Duft süßen Parfüms” und “sie rief mich in ihr Zimmer”, wodurch der Versuch ihn zu verführen angedeutet wird. Allerdings steht die Frage nach dem Beweis nicht im Zentrum, denn der Song ist ganz eindeutig eine persönliche Geschichte über Billie Jeans verstörenden Einfluss. Wie wir in den Adlibs erkennen geht Jacksons emotionale Intensität über jede sachliche Frage hinaus: „Sieh, was du mir angetan hast!“

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Jedoch taucht die Frage danach, welches die Beweise sind oder was ein realistischer und wahrheitsgemäßer Bericht ist, nicht nur in Billie Jean auf, sondern während seines gesamten Lebens. Wenn erst einmal eine Geschichte über ihn von den Medien, den Staatsanwälten oder einer Vielzahl von Kommentatoren, Journalisten, unauthorisierten Biografen, Freunden, Mitarbeitern, Familienmitgliedern usw. aufgenommen wurde, dann geriet sie mehr und mehr außer Kontrolle. Die bloße Anzahl von Geschichten, die über Michael Jackson kreiert wurden, könnten ganze Enzyklopädie füllen, angefangen damit, dass er ein Kastrat sei, dass er „weiß werden wollte“, dass er Teile seiner Ohrläppchen zur Rekonstruktion seiner Nase entfernen ließ, dass er in einer Sauerstoffkammer schlief und andere unvorstellbare, wilde Geschichten. Keine Geschichte war unglaubwürdig genug, egal ob irgendetwas dran war, was sie unterstützte. Die Frage kam auf, ob er bei seiner letzten Pressekonferenz ein Body Double einsetzte, über das Medien-“Experten“ ihren Senf dazu gaben und weiter jeden Versuch Klarheit zu schaffen verhinderten. Manche behaupten sogar, Michael Jackson sei nicht tot.

Bezüglich der Anschuldigungen, die beginnend 1993 vor Gericht gegen ihn eingereicht wurden, wurde Michaels Verpflichtung gegenüber den Belangen von Kindern und im Besonderen seine Freundschaften mit Kindern vielerorts stets mit Misstrauen betrachtet, Misstrauen, das schließlich den Rahmen für Beschuldigungen der Kindesbelästigung bereit stellte. Bis zu einem gewissen Ausmaß war dies ein unausweichlicher Ausgang, wenn man das Klima zu jener Zeit in Betracht zieht. Mary A. Fisher schreibt in ihrem bahnbrechenden Aufsatz „Was Michael Jackson Framed?“ (“Wurde Michael Jackson verleumdet?”, 1994) folgende Bemerkung von Philip Resnick:

Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand wie Jackson zur Zielscheibe wurde … Er ist reich, hängt mit Kindern rum, und da ist eine Zerbrechlichkeit an ihm. Die Atmosphäre ist so, dass eine Anschuldigung bedeuten muss, dass es passiert ist.



Die Medien halfen dabei, diese “Atmosphäre” zu befeuern und bereiteten die Öffentlichkeit im Vorfeld darauf vor, dies bezeugt folgender Bericht, veröffentlicht im Februar 1992, mehr als ein Jahr, bevor die Anschuldigungen aufkamen, in dem sich der Autor auf Jacksons “Vorliebe” für „kleine Jungs” (Macauley Culkin und Emmanuel Lewis) konzentriert:

Ist Michael Jungfrau? Ist Michael schwul? Warum entwickelt er solche … hm … intensiven Beziehungen zu neunjährigen Jungen? Warum lebte er zu Hause, bis er 30 war? All das sind unbequeme, neugierige Fragen, aber sie sind unterm Strich nicht unpassend. Wir alle nehmen Anteil am Überleben unserer Künstler: eine familiäre und öffentliche Geschichte, die einen älter werdenden Kind-Mann mit nicht erkennbarem Sexleben erschafft, ist eine, die danach schreit untersucht zu werden. (Bill Wyman)



Und untersucht wurde es, obwohl da eine große Ironie in dem “neugierigen Blick” steckt, der sich als Besorgnis um das “Überleben unserer Künstler” bezeichnet. Angesichts der Geschichten, die in den Medien zirkulierten, warteten die Anklagen ganz einfach auf jemanden, ein vorbereitetes Skript zu lesen. Passenderweise hatten der erste Ankläger Jordan Chandler und sein Vater Evan zusammen an einem Drehbuch für Mel Brooks’ Robin Hood: Men in Tights / Männer in Strumpfhosen (1993) gearbeitet. Evan verhandelte mit Jacksons Beauftragtem Anthony Pellicano angeblich noch mehr Vater-Sohn-Drehbücher in einer Größenordnung von 20 Millionen Dollar, mit dem Verständnis, dass wenn keine Einigung erzielt würde, er Belästigungsvorwürfe seinen Sohn betreffend erheben würde. Als die Verhandlungen nach Michaels Weigerung diesen Betrag zu zahlen abgebrochen wurden, machte Jordan am 16. August 1993 seine Anschuldigung in Gegenwart eines Psychologen.

Jacksons Verzweiflung über die Beschuldigungen und den Medienaufruhr, den dies verursachte, zwangen ihn, seine Dangerous Tour abzubrechen, und er reagierte öffentlich in einer Fernsehübertragung von der Neverland Valley Ranch im Dezember 1993:

Es wurden viele abscheuliche Aussagen über die kürzlich erhobenen Anschuldigungen bezüglich eines ungebührlichen Verhaltens meinerseits gemacht. Diese Aussagen über mich sind vollkommen falsch. Wie ich von Anfang an behauptet habe hoffe ich auf ein schnelles Ende dieser entsetzlichen Erfahrung, der ich ausgesetzt wurde. Ich werde in diesem Statement nicht auf die falschen Anschuldigungen reagieren, die gegen mich erhoben wurden, denn meine Anwälte haben mich angemahnt, dass dies nicht das richtige Forum ist, in dem dies geschehen sollte. Ich möchte sagen, dass ich ganz besonders wütend über die Behandlung dieser Sache durch die unglaublichen, schrecklichen Massenmedien bin. Bei jeder Gelegenheit haben die Medien diese Anschuldigungen seziert und manipuliert, um ihre ganz eigenen Schlüsse zu ziehen.



Im scharfen Kontrast zu Jacksons Leid waren die Medien auf vergnügte Weise angetrieben. Journalisten und Medienhändler eilten nach Los Angeles, um über das zu berichten, was sie als die Story des Jahrzehnts, wenn nicht gar des Jahrhunderts, betrachteten. Ein PBS Frontline Special mit dem Titel Tabloid Truth: Der Michael Jackson Skandal dokumentiert, wie die Boulevardpresse und das Boulevardfernsehen sich um diese Geschichte drängelte, einschließlich dem Durchsickern lassen vertraulicher Dokumente und der Bezahlung von Informanten. Nach Jahren des Katalogisierens der Bizarrheit des Stars und des Erzeugens eines Klimas, in dem solche Anschuldigungen sowohl logisch als auch glaubhaft erscheinen würden, hatten sie nun jemanden, der behauptete, dass Jackson “der Eine” war.

„I Am The One“: A Solo Superstar



Eine andere Bedeutung von “I Am The One” hat mit Michaels Entscheidung zu tun, seine Brüder wie auch das Management durch seinen Vater zu verlassen, um Solokünstler zu sein. Dies könnte eigentlich die wesentlichste, wenngleich eine verborgene Bedeutung sein. Jackson hatte entschieden seinen Vater als Manager zu entlassen und mit Quincy Jones zu arbeiten. Angesichts der Tatsache, dass Joe Jackson ein weitgehend als missbräuchlicher Vater und Manager galt, muss diese Entscheidung, die zu Spannungen, wenn nicht gar Wut unter den Familienmitgliedern geführt haben mag, äußerst schwer gewesen sein. Michael lebte immer noch zu Hause, er hatte Neverland noch nicht gekauft (1988). Seine Entscheidung für einen Alleingang, die er am Schluss der Victory Tour öffentlich machte, war durch Turbulenzen belastet. Seine Mutter wollte gern, dass die Gruppe zusammen bleibt. Michael Jackson lernte sehr viel als Mitglied der Jackson 5 und später der Jacksons, aber welchen Erfolg konnte die Gruppe noch haben ohne ihren Leadsänger und Star?

Michaels Entscheidung für eine Solokarriere muss sowohl befreiend und beglückend, als auch eine Quelle großer Ängste und sogar Schuld gewesen sein. Er stellte sich gegen einflussreiche Stimmen innerhalb seiner Familie, um auf seine eigene Stimme zu hören, eine Stimme, die sagte, wie er in Wanna Be Startin‘ Somethin‘ sang: Ich weiß, dass ich jemand bin (I know I am someone). Some One. Ein Einzelner. Es ist interessant, dass der Name Billie Jean auch in Wanna Be Startin‘ Somethin‘ auftaucht (1982):

Billie Jean is always talkin‘

When nobody else is talkin‘

Tellin‘ lies and rubbin‘ shoulders

So they called her mouth a motor



Billie Jean redet ständig

Wenn niemand anderer redet

Erzählt Lügen und hängt mit wichtigen Leuten rum

also bezeichneten sie ihren Mund als Motor



Vielleicht ist dies der Grund, warum mitten in dem Chaos, hervorgerufen durch jene, die „etwas anfangen wollten“, in all dem Hetzen, Stehlen, Lügen, dem ganzen trügerischen, hinterlistigen, ablehnenden Verhalten und der „messerscharfen“ Sprache der Sänger eine erstaunliche Beteuerung hinausschmetterte:

Lift your head up high

And scream out to the world

I know I am someone

And let the truth unfurl

No one can hurt you now

Because you know what’s true

Yes I believe in me

So you believe in you



Sei erhobenen Hauptes

Und schreie es in die Welt hinaus

Ich weiß, ich bin jemand

Und lass die Wahrheit bekannt werden

Niemand kann dich jetzt verletzen

Denn du weißt, was wahr ist
Ja, ich glaube an mich

Also glaub‘ du an dich



Das ist ein machtvolles Bekenntnis, seine eigene Identität, seinen Platz in der Welt zu behaupten und „die Wahrheit bekannt werden zu lassen“ wie eine Schlagzeile, die aussagt „Ich weiß, ich bin jemand“.

In Bezug auf „I am the one“ ist es von Bedeutung, dass Michael Billie Jean immer als Solotanz aufgeführt hat. Obwohl er seine Balladen ebenfalls solo performt hat, setzte er sowohl für die Bühne als auch in seinen Filmen für die tempogeladeneren Stücke normalerweise Backgroundtänzer ein. Bei Billie Jean jedoch tanzt er ganz allein, ob im Short Film oder in einem einzelnen Spotlight.

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Jackson wurde als Kinderstar stark kontrolliert – ihm wurde gesagt, wie er sich zu kleiden hatte, wie er singen sollte (er erwähnt in einem Interview mit Lisa Robinson, dass er nicht „frei singen“ konnte) und was er bei Interviews sagen musste. Diese Kontrolle übten Joe, die Zeugen Jehovahs und das Label Motown aus. Sein Durchbruch als Künstler und Tänzer kam im Mai 1983 während seines aufgezeichneten Auftritts bei Motown 25, als er zu Billie Jean tanzte. Er hatte ausgehandelt, einen seiner eigenen Songs (die er die „neuen Songs“ nannte) aufführen zu dürfen und dass er nur gemeinsam mit seinen Brüdern auftreten würde, wenn Berry Gordy ihm dies erlauben würde.

Der Auftritt ist natürlich legendär – nicht nur wegen des Moonwalk, sondern wegen Michaels Tanz und der gesamten Darbietung. Er ist nicht der lächelnde, fröhliche Sänger, der er vorher war – er knurrt, ist wild, spuckt die Worte fast aus. Und gleich in seinen ersten Bewegungen findet sich der provokative Stoß mit dem Becken, der sich dann sogar bis zum Griff in den Schritt und hin zu anderen andeutenden Bewegungen entwickelte, welche die Zeugen Jehovahs so verwirrten. Dies war der Augenblick, in dem der Schmetterling aus dem Kokon ausbrach und seine Flügel ausbreitete.

BJ Motown25

Steven Ivory, der Zeuge der Performance von Jackson bei Motown 25 war, berichtet von dem Eindruck, den der Auftritt beim Publikum, darunter Größen des Motown Labels, hinterließ:

Wenn du ein Jackson Fan und schwarz warst, dann wurdest du von einer Welle kulturellen Stolzes überflutet, der die bloße Popmusik übertraf, und ihren Platz in der amerikanischen Geschichte vollkommen festmachte.

In den fünf Minuten, die Jackson allein auf der Bühne war, fühlte sich irgendwie die gesamte Rasse erhoben und es wurde notwendig, dass die Show im Pasadena Center angehalten wurde, nachdem Jackson die Bühne verlassen hatte, so dass die gesamte Produktion und der Aufbau seine Fassung wiedererlangen konnte; dass die Männer im Publikum ihre Krawatten straff ziehen und die Damen ihre Perücken wieder geraderücken konnten.



Es war, als hätte Jackson eine Bombe abgeworfen, wäre dann einfach weggegangen und hätte uns mit den gefühlvollen Auswirkungen zurückgelassen. „Ladies and Gentlemen“, bat eine ernste, verstärkte, männliche Stimme, „bitte nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein, die Show wird noch weiter aufgezeichnet. BITTE …“ Die Leute tupften Wasser aus ihren Augen, umarmten sich gegenseitig und klatschten Fremde ab. Performance? Wir waren gerade Zeugen einer Krönung. Bald herrschte wieder Ordnung. Höflich sahen wir uns den Rest der Show an, unser kollektives Bewusstsein war jedoch bei Jackson stecken geblieben.

Der Ausdruck „I am the one“ ist voller Bedeutungen und dieser Reichtum an Bedeutungen ist eines der Merkmale, auf die wir die Lyrics von Billie Jean als Dichtkunst erkennen können: Ich bin der Tänzer, das einzigartige Wesen, der Angeklagte, der Unschuldige, der König, der Superstar. „Ich bin der eine, der auf dem Tanzboden im Kreis tanzt“, aber ich bin nicht derjenige, der Billie Jeans Liebhaber, der Vater ihres Kindes ist. Bestätigung und Leugnung, diese Widersprüche erzeugen Spannung und Tiefe. Sie geben Einblick in die Erfahrungswelt des Michael Jackson, einem stark kontrollierten und von einem frühen Alter an manipulierten Künstler, der sich jedoch losreißt, um seine eigene künstlerische Vision zu erschaffen und weiterzuentwickeln.

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Weitere Bücher von Veronica Bassil:
“Michael Jacksons Love for Planet Earth” und “That Wonder in My Youth: Michael Jackson and Childhood” (Kindle Edition)

Out Of The Mouth Of Michael – Ein besonderes Interview mit Michael von 1992

Out Of The Mouth Of Michael . . . August 16, 1992 | By Glenn Plaskin.

http://articles.chicagotribune.com/1992-08-16/entertainment/9203140099_1_dreams-spirituality-daily-journal

Zwischen den Auftritten seiner stürmischen Europa-Tour, stimmte Michael Jackson diesem aussergewöhnlichen Interview mit Glenn Plaskin zu. Ein Abgesandter wurde nach Deutschland geschickt, um die Fragen, nach seinem Konzert in München, persönlich an Jackson zu überreichen. Er diktierte daraufhin seine Antworten, die an seinen Literatur-Agenten in Washington weitergeleitet wurden. Die Antworten wurden abgetippt und zur Veröffentlichung an Plaskin gefaxt.

Glenn Plaskin: Mir gefällt es, dass du dich sorgst und die Aufmerksamkeit in deinem neuen Buch „Dancing The Dream“ auf ein „Kind, das in Äthiopien weint, eine Seemöwe, die in einer Öllache um ihr Überleben kämpft, einen vor Angst zitternden Teenager-Soldaten…“ lenkst. Denkst du, wir sind solchen Dingen gegenüber schon gefühllos geworden?

Michael Jackson: Nein, ich glaube nicht, dass wir angesichts solcher Tragödien gefühllos geworden sind. Wir erleben ein weltweites Aufflammen für – und eine Rückbesinnung auf – die grundliegenden menschlichen Werte und die Sorge für die Unverletzlichkeit allen Lebens auf unserem Planeten.“

Dancing-The-Dream-Dilip Metha

Dein Buch ist angefüllt mit der Lebensweisheit einer alten Seele. Siehst du dich selbst als Philosoph?

MJ: Ich sehe mich nicht als ein Philosoph. Ich glaube, ich habe, wie jeder andere auf dieser Welt, eine Bestimmung. Diese Bestimmung herauszufinden und danach zu leben bedeutet, den göttlichen Funken in uns zu entzünden.

Stammen all deine Gedichte und Essays in dem Buch aus einem Tagebuch?

MJ: Ich führe kein Tagebuch. Ideen reifen entwickeln sich in meinen Gedanken.

Du sagst immer, es sei wichtig, zu träumen. Hast du all deine Träume verwirklicht?

MJ: Nein, habe ich nicht. Ohne Träume gibt es keine Kreativität. Der Antrieb zur Kreativität entsteht aus einem Unbehagen – einen göttlichen Unbehagen, das verändern, umgestalten, die Welt mit mehr Magie erfüllen möchte. In meinem Leben steht an erster Stelle, etwas zu verändern, unbekanntes, unerforschtes Gelände zu betreten und Spuren zu hinterlassen.

Was magst du an Kindern und wie beleben sie dich, wenn du unter Belastung stehst?

Michael with Kids Bad tour

MJ: Kinder sind unschuldig und urteilen nicht. Sie beleben mich, denn sie helfen mir dabei, mein eigenes inneres Kind zu finden, ohne das ich verloren wäre. Von Kindern können wir lernen zu lieben, zu vergeben, in allem etwas Neues zu erschaffen und die Welt zu heilen.

Fühlst du dich, wenn du alleine bist, einsam oder zufrieden?

MJ: Ich weiß das Alleinsein zu erleben. Einsamkeit kann eine harte Erfahrung sein, aber Alleinsein ist Liebe und Bewusstsein für das Leben.

Du sprichst oft von Gott und Spiritualität, und du wurdest als ein Zeuge Jehova erzogen. Hältst du dich heute für religiös?

MJ: Ich denke nicht, dass ich religiös bin in dem Sinn, dass ich mich einer bestimmten Glaubenslehre verschrieben hätte. Ich würde mich als spirituell bezeichnen – insofern ich glaube, dass es einen Bereich des Bewusstseins gibt, der uns ermöglicht unsere Universalität zu erfahren. Ich lese alle Arten religiöser Literatur, denn ich glaube, dass in allen etwas Wahres enthalten ist.

In deinem Buch schreibst du in deinem Gedicht „Trust“: „Wir denken, uns von anderen zu separieren, würde uns schützen, aber das funktioniert nicht. Dadurch fühlen wir uns einsam und ungeliebt.“ Fühlst du dich als ein Gefangener deines Ruhms?

MJ: Ja. Ruhm kann dich gefangen halten. Aber das Beste daran, Michael Jackson zu sein ist, dass du mit Millionen Menschen interagieren kannst; und bei diesem Zusammenspiel tauschen wir etwas aus.

Das wäre…

MJ: Liebe. Es ist beglückend. Es ist magisch.

Bliss

Ich wette, du hättest auch ein großartiger Balletttänzer werden können. Deine Mutter sagte einmal, du konntest schon mit 5 Jahren fast jede Tanzbewegung nachahmen. Wie fühlt es sich an, wenn du auf der Bühne tanzt, und wie hart arbeitest du daran?

MJ: Ich tanze, um meine Glückseligkeit auszudrücken. Wenn ich tanze, verlasse ich mich nicht auf ein Training, ich fühle, wie der Tanz selbst sich durch mich zum Ausdruck bringt. Ich bin das Instrument zum Ausdruck der Ekstase.

Verrate uns ein paar Geheimnisse: Was isst du, und wie trainierst du?

MJ: Mein Leben ist nicht eingeengt durch besondere Diäten oder Trainingspläne! Ich habe Spass mit meinen Freunden oder alleine. Ich sehe gerne Filme an, lese Bücher, tanze – und manchmal tue ich gar nichts.

Du schreibst viel über Tiere. Was können wir von ihnen lernen?

MJ: Tiere töten nicht aus Grausamkeit, Gier oder Eifersucht. Und die meisten töten nicht ihre eigene Spezies. Wir sind die einzigen Tiere, die die Erde plündern und zerstören! Aber wir lernen und es ist noch nicht zu spät.

Wo wir gerade von Tieren sprechen… nachdem das sexy, gewalttätige Panther-Segment von Black Or White zu vielen Kontroversen geführt hat, spekulieren Amateur Psychologen, dass du enorme Wutgefühle heraus gelassen hast, über…

MJ: Wut und Zorn sind das Vorspiel für eine Veränderung des Bewusstseins. Solange die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft uns nicht wütend machen, gibt es keine Hoffnung auf Veränderung.

Black-or-White-Set-Panther Dance

Deine Videos sind State of the Art, wie kleine Kinofilme. Würdest du gerne lange Spielfilme drehen?

MJ: Ich werde Regie führen und viele Filme produzieren; Filme, die die Magie des Lebens zeigen, die unterhalten aber die Leute auch zum nachdenken anregen.

In der Zwischenzeit, wenn du die Lieder für dein nächstes Album komponierst, kommen die Texte, oder die Musik zuerst?

MJ: „Ich höre als erstes die Musik und spüre den Tanz, die Worte kommen dann spontan.“

In deinem Essay „On Children of the World“ sagst du, so vielen Kindern wäre ihre Kindheit gestohlen worden. Hast du es als ein Kinderstar so empfunden?

MJ: Ich hatte ganz sicher keine gewöhnliche Kindheit. Aber die Magie war immer da.

Wir haben alle gesehen, wie Elizabeth Taylor sich so leidenschaftlich für Spenden und Mitgefühl für AIDS einsetzt. Welche Eigenschaft schätzt du an ihr als Freundin am meisten?

MJ: Elizabeth hat sehr viel Lebenslust. Wir müssen mit Leidenschaft leben.

Nachdem du letzten Oktober der Gastgeber für Elizabeth Taylors Hochzeit warst, träumst du davon, eines Tages selbst zu heiraten?

MJ: Ich lebe in der Gegenwart. Und das spannende am Leben ist, sich jeden Morgen in das Unbekannte zu begeben. Ich freue mich auf die Zukunft, was auch immer sie mir bringen wird.

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Übersetzung: M.v.d.L.

Michael Jackson: Der Tänzer des Traums

Michael Jackson war ein talentierter, unverwechselbarer und herausragender Tänzer. In diesem faszinierenden Artikel analysiert die professionelle Flamenco Tänzerin und Choreografin Amor (Lubov Fadeeva) seinen Beitrag zur Kunst des Tanzes.

Michael Jackson: The Dancer of the Dream

Original: http://en.michaeljackson.ru/michael-jackson-the-dancer-of-the-dream/

Michael Jackson: Der Tänzer des Traums

Michael Jackson und der Tanz ist ein Thema so unendlich weit wie der Weltraum. Ich kann nicht darüber sprechen ohne auf globale Zusammenhänge in der Kunst des Tanzes einzugehen, aber ich werde versuchen, die Zusammenhänge so gut wie möglich darzulegen – alle die Elemente zusammenzufassen, die ich als Facetten von eines größeren Ganzen sehe, so dass wir das ganze Bild betrachten können.

Billie Jean

Für mich ist Tanz ein globales Phänomen, die heiligste und reinste Kunstform, vielleicht noch auf einer Stufe mit Musik, Dichtkunst und den schönen Künsten.(fine art) Alles andere leitet sich davon ab, so wie die Äste eines großen, weit verzweigten Baumes nur aus einem Samen gewachsen sind. Tanz ist reine Inspiration, geboren im Zentrum des Universums, ausdrückbar durch eine Vielzahl künstlerischer Formen und Manifestationen. Tanz ist sichtbar gemachte Musik und rein geistige Emotion auf einer materiellen Ebene; er ist die spirituelle Energie, die alles Existierende erschafft. So habe ich diese Form des Ausdrucks von Gefühlen seit meiner Kindheit empfunden und ich werde versuchen, all das mit Worten zu beschreiben.

Ich erinnere mich daran, wie erfreut – wenn auch nicht überrascht – ich war zu sehen, dass Michaels Buch den Titel Dancing The Dream hatte. Warum verwies der Titel auf das Tanzen und nicht auf Gesang oder Musik? Ich glaube nicht, dass es zufällig geschah. Der Tanz war ein besonderer Teil in Michaels Kunst – der tiefste, ernsthafteste und symbolischste Ausdruck seiner Philosophie und künstlerischen Vision.

Ich werde mich diesem Thema auf Umwegen nähern, beginnend mit einem Zitat aus einem Buch von Maurice Bejart, ‘Un Instant dans la vie d’autrui’ (Ein Augenblick in der Haut eines anderen). Bejart ist ein französischer Choreograf und die wichtigste Persönlichkeit des modernen Balletts. Er ist Erneuerer, Philosoph und anerkanntes Genie im Bereich des Tanzes. Es ist interessant, dass Bejart in der Familie eines Philosophen aufwuchs: Sein Vater leitete eine Gesellschaft für philosophische Forschungen und gab ein Wissenschaftsjournal heraus. Dadurch wuchs Bejart in einem Umfeld auf, in dem das menschliche Denken geschätzt wurde, und so war er von Kindesbeinen an von Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten umgeben. Als er Tänzer wurde, spiegelten daher seine Kunst und sein künstlerischer Ansatz tiefgreifende Gedanken wieder.

Bejart erklärte den Tanz zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Seine Balletttruppe, die aus angesehenen professionellen Tänzern bestand und kolossale Erfolge feierte, hatte demnach auch genau diesen Namen: “Ballet du XXe siècle” oder “Ballett des 20. Jahrhunderts.” Die größten Stars aus der Welt des Balletts arbeiteten mit Bejart zusammen.

Eines der Kapitel seines Buchs heißt: „Den Tanz zur Bedeutung deines Lebens machen.“ Lasst mich euch ein paar Auszüge daraus wiedergeben:

Tanz wurde zu einer zweitklassischen, dekorativen und unterhaltenden Kunst gemacht. Damit meine ich natürlich den Tanz in der westlichen Welt. Es ist kein schierer Zufall, dass dem Tanz in der westlichen Welt diese Rolle zufiel, denn es ist nicht nur der Tanz alleine der hier zu einer Farce wurde.

Ich nehme den Tanz ernst, denn ich halte Tanz für ein religiöses Phänomen. Es ist auch ein gesellschaftliches Phänomen, aber vor allem ist Tanz etwas Religiöses. Wenn man Tanz als ein sowohl heiliges als auch menschliches Ritual sieht, erfüllt er seine Funktion. Wird er jedoch in eine Unterhaltungsform verwandelt, hört er auf zu existieren, und es bleibt nur ein Feuerwerk, oder eine Parade uniformer Pin-up Girls, oder ein Pin-Ball-Spiel – aber nicht mehr die Essenz des Tanzes. Bezieht man das auf die 80er Jahre, tritt man offene Türen ein, aber in den 50ern war diese Tür noch fest verschlossen.

Im Namen Gottes lehnte das Christentum unter Berufung auf irgend ein Tabu – vielleicht aus angstvoller körperlicher Scham dieser fleischlichen Hülle der Seele – den Tanz ab, während dieselbe Religion aber das Errichten von Kathedralen inspirierte! Von der Religion, die ihn lebendig gemacht hatte, getrennt, wurde der westliche Tanz als sinnlich/fleischlich verurteilt und wurde zu einem Teil einer zum guten Ton gehörenden Zeremonie. Ohne Verbindung zur Religion wurde dem Tanz ein gutes Benehmen im schlechtesten Sinn des Wortes anerzogen…

Aber wohin ist das Ritual verschwunden? Das Bedürfnis das Sakrament zu empfangen, in beiden Dimensionen: vertikal und horizontal, heilig und gesellschaftlich?

Als Diaghilev mit seinem Russischen Ballett zu Beginn des Jahrhunderts die Bühne betrat, war das revolutionär. Aber diese Revolution war ästhetischer Natur. Der Tanz brauchte mittlerweile eine ethnische Revolution, aber auch eine ästhetische Revolution war schon ein großer Schritt nach vorn! Große Musiker wie Stravinsky begannen schließlich damit, Musik zum Tanzen zu komponieren. Große Künstler – Picasso, Derain, Braque – arbeiteten an Bühnendesign und Kostümen. Die Welt lernte auch den unbeschreiblichen Bühnendesigner Leon Bakst kennen.

Das westliche Publikum hatte instinktiv ein Bedürfnis nach einem Tanz, der nicht seiner Essenz beraubt war. Junge Menschen, die sich danach sehnten sich zu vereinen, suchten in der Rock- und Pop- oder Discomusik nach neuen Ritualen und taten das Richtige. Jede Generation muss ihre eigenen Rituale schaffen. Die Rituale unserer Eltern waren gestorben und bedeutungslos.

Erneuerungen im Tanz sind jetzt kein ästhetisches Problem mehr. Wir haben eher das starke Bedürfnis, gesellschaftlichen Angelegenheiten und unserer Wahrnehmung der Welt Ausdruck zu verleihen. Wir müssen dem Tanz nichts sagen – er selbst sagt so viel!

Ich spreche aus meinem Herzen. Mit jedem Tag bin ich mehr davon überzeugt, dass Tanz die Kunst des 20. Jahrhunderts ist…

Es wird der Tag kommen, an dem jeder tanzen wird.

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Das Wesen der Einzigartigkeit

Seit meiner Kindheit ist Tanz für mich so etwas wie Religion, wenn nicht sogar reine Religion. Jede Kunst übernimmt in ihrer Essenz die Rolle eines Kults, die Rolle eines spirituellen Beraters und weitere Aufgaben, die sie in die Nähe einer Religion rücken, je nach Art der Kunst in unterschiedlichem Maß. Aber in diesem Fall spielt der Tanz eine besondere Rolle. Ich möchte den Gedanken, dass der Tanz immer etwas Religiöses vermittelt, nicht weiter ausbauen, aber man sollte bedenken, dass Tanz historisch gesehen aus der Religion abgeleitet wurde. Seine ursprüngliche Beschaffenheit war spirituell und heilig und nicht einfach nur dekorativ, wie es Maurice Bejart richtig formulierte.

Wenn die Leute Michael Jackson bewundern, geschieht etwas Wunderbares. Sie erleben einen Moment, in dem der Tanz ihnen etwas Aufregendes und Unvergleichliches offenbart. So gut wie jeder, der Michaels Tanz ernsthaft betrachtet, wird sicherlich dieses mysteriöse, einmalige Niveau dieses Entertainers wahrnehmen, das seine Kunst einzigartig macht. Viele Tausend Menschen haben einige dieser charakteristischen Bewegungen und Schritte Michaels erlernt, aber keiner kann sie genauso ausführen wie er. Aus diesem Grund sind alle Bemühungen (auch die von professionellen Tänzern) ihn zu imitieren zum Scheitern verurteilt: In den Augen leidenschaftlicher Jackson Fans ist jeder Jackson Imitator nur ein Ersatz.

Für mich sind die Legionen dieser Michael Jackson Imitatoren, die seine Tanzschritte nachahmen die reine Entweihung. Seine körperliche Präsenz und sein emotionaler Ausdruck auf der Bühne kann nicht kopiert werden. Er ist an jeder kleinsten Nuance erkennbar, seine einzigartige Energie muss gar nicht erst erwähnt werden. Selbst wenn ein Tänzer die gleichen Tanzelemente auf brillante Weise beherrscht, ist es nicht möglich auch Michaels Hände zu kopieren. In dieser Hinsicht sind die Impersonatoren, die Jacksons Stil lediglich als eine Basis für ihre eigenen Interpretationen und Variationen nutzen im Vorteil. Ihr Tanz sieht immer interessanter, lebendiger und gekonnter aus als der Versuch seine Bewegungen präzise zu reproduzieren, was im Tanz so gut wie unmöglich ist. Jackson kann man nicht wiederholen, kopieren oder imitieren – so wie auch jeder andere berühmte Tänzer nicht dupliziert werden kann.

Was macht Michael so einmalig? Warum gibt es beispielsweise so viele Diskussionen darüber, dass sein Tanz zwar viele sexuelle Bewegungen enthält, ohne ihn aber je vulgär aussehen zu lassen – die Art Vulgarität, die man bei vielen anderen Tänzern erkennen kann? Warum wird sein Beitrag zur Kunst des Tanzes als von so unschätzbarem Wert gesehen, dass dieser Popstar auf eine Stufe mit den großen Meistern des Balletts oder des Volkstanzes (folk dance) gestellt wird?

Allem voran würde ich sagen, dass der Körper und die Antriebskräfte eines jeden Tänzers einzigartig sind. Es gibt ein paar Gemeinsamkeiten, aber dennoch so viele Besonderheiten, die nicht einmal genau zu analysieren sind, so wie es unmöglich ist jedes „tanzende Molekül“ in einem lebendigen menschlichen Körper zu analysieren. Diese winzigen Details und Besonderheiten machen das Auftreten einer jeden Person zu ihrem oder seinem höchst eigenen. Manche zeigen weniger Individualität, während andere ab ihrem ersten Schritt auf der Bühne erstrahlen. Das ist ein Grund dafür, dass kein Impersonator jemals einen so brillanten Tänzer wie Michael Jackson kopieren oder ersetzen und auch auf diejenigen überzeugend wirken kann, denen Michaels Stil vertraut ist.

Es geht nicht nur um seine persönliche Einmaligkeit, es betrifft die Einmaligkeit eines jeden Menschen. Die Wissenschaft hat das Klonen entwickelt, aber selbst ein Klon kann nie die perfekte Kopie des Originals sein, so wie auch Zwillinge nicht identisch sind. Die Möglichkeit, dass ein Mensch der Klon eines anderen werden könnte, gibt es nicht. An irgendeinem Punkt würden die Unterschiede hervortreten, auch wenn ein Impersonator spirituell sehr eng mit dem echten Performer verbunden wäre. Das perfekte Kopieren individueller Eigenheiten innerhalb eines Tanzes, um die Illusion zu erschaffen genau gleich zu sein, ist utopisch.

An der Stelle sollte ich aufhören über die Einzigartigkeit in der Natur zu sprechen und zu meinem eigentlichen Thema, das ich noch interessanter finde, zurückkehren: Künstlerische Einzigartigkeit.

Lasst mich noch einmal an den Anfang meiner Ausführungen zurückkehren – ich sage, dass Michael, so wie jeder andere wirklich brillante Tänzer, durch sein spirituelles Wesen und seine spirituelle Herangehensweise an den Tanz hervorsticht. Sein Tanz spiegelt die zuvor erwähnte ursprünglich religiöse Komponente wieder – nicht in dem Sinn, dadurch eine Glaubenslehre auszudrücken, sondern bezogen auf seine spirituelle und emotionale Herangehensweise.

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Erstens ist Michael nicht nur ein Performer. Er ist der Erschaffer seines Tanzes. Er macht nicht einfach etwas, was er nur durch die Imitation eines Choreografen gelernt hat. Sogar wenn sein Tanz choreografiert ist, bleibt er der Erschaffer: Sein Tanz kommt von innen, nicht von anderen Menschen, ganz gleich wer mit ihm in der Vorbereitungszeit zusammen gearbeitet hat.

An seinen Projekten waren viele Choreografen und Tänzer beteiligt, aber das Tanzteam und Michael unterscheiden sich völlig, auch wenn seine Tänzer immer sehr professionell und ausgezeichnet sind. Er sticht immer heraus, sowohl durch seine Art zu Tanzen als auch durch seine innere Haltung zu dem Tanz.

Er tanzt im Fluss der freien Schöpfung. Es sollte erwähnt werden, dass selbst die Bewegungen, die er auf der Bühne immer wieder vollführt nicht mechanisch wiederholt werden, wie eine hängengebliebene Platte. Keinesfalls, denn er kann jeden seiner Tänze zu jeder Zeit in freier Improvisation fortsetzen. Und es wirkt dabei nie, als wäre er mit seinem persönlichen Stil nicht im Gleichklang; stattdessen eröffnet sich neue Facetten seiner unergründlichen inneren schöpferischen Kraft. Das ist etwas, was kein Impersonator tun kann. Einzig der Erschaffer des Tanzes kann seinen Tanz ganz natürlich erweitern und erneuern und völlig frei improvisieren und dabei trotzdem ganz er selbst bleiben. Niemand sonst kann in dieses Heiligtum eintauchen. Es ist ein ganz persönlicher Besitz, so wie jeder Mensch seinen eigenen Körper oder seinen Platz auf der Erde hat.

Michael Jackson sticht unter allen Bühnendarstellern seiner Generation, und denen die folgten, heraus. Es wird oft gesagt, dass andere Pop-Entertainer sich seiner bedienen, weil er einen Standard erschuf. Dennoch scheinen viele sich der falschen Dinge zu bedienen. Michael war dafür bekannt absolut an das zu glauben, was er tat. Seine Kunstausübung war immer aufrichtig und begeisternd, während zeitgenössische Pop-Performer meist eher aussehen wie hübsch gestaltete Aufziehpuppen und nicht wie charismatische Entertainer.

Warum das so ist, kann ich nicht sagen, aber ich schätze, dass es nicht am mangelnden Talent liegt, sondern an dem Umstand, dass die Popbühne endgültig beschlossen hat, das durchschnittliche Glamour-Ideal zu produzieren. Meist erwecken diese neuen „Stars“ den Eindruck von Barbiepuppen: Alle sind hübsch, alle sind begabt, aber allen fehlt es an Energie … Es ist nichts Aufregendes. Da ist nichts mehr, was uns noch schockiert oder überrascht – alles Revolutionäre ist Vergangenheit. Das ist der Gesamteindruck.

Ehrlich gesagt ist es traurig, dass ihnen ein wirklicher, lebendiger kreativer Prozess genommen ist und sie sich absichtlich selbst zu einem Produkt machen. Produkt statt Erschaffer, noch nicht einmal ein kleiner. Seltsam, dass die Unterhaltungsindustrie diesen Geschmack weiterhin vorgibt und solches Material für ihre Starfabrik auswählt. Aber letztlich ist ein Genie nur ein Genie, wenn es selten zu finden ist.

Der zweite und vielleicht interessantere Faktor ist, dass Michael Jackson im Grunde keine Figur des Pop ist. Ja, er arbeitete innerhalb des Rahmens der populären Massenkultur, aber nach der Grundlage seines Denkens gehörte er nicht zur Pop Art. Ich würde sogar behaupten, es war seine Tragik, natürlich ohne dass er selbst daran die Schuld trug. Das System der Pop-Kultur erlaubte ihm einerseits, alle möglichen Verkaufsrekorde zu brechen und mit einfachen und inspirierenden Ideen Millionen Menschen zu erreichen. Andererseits wurde aber sein Talent auf dieses System begrenzt, so dass sich letztlich bestimmte Facetten seiner Kunstfertigkeit nicht vollständig manifestieren konnten und von der allgemeinen Öffentlichkeit unbemerkt blieben.

Das Image des Popsängers hielt einige Menschen davon ab, ihn ernst zu nehmen. Das war bedauerlich und ich sage es noch einmal: Es war nicht sein Fehler. Die Schuld liegt in der Engstirnigkeit der Gesellschaft. Seine Figur hatte zu viele Widersprüchlichkeiten, um ihn hinreichend zu erfassen. Er vereinte die Eigenschaften antipodischer, tief in der gängigen Mythologie verwurzelter konventioneller Stereotypen, und letztlich bescherte es ihm brutale Gerichtsverhandlungen und ein tragisches Ende.

Abschließend möchte ich noch das Offensichtliche sagen: Als Genie musste Michael sich nicht irgendwelchen Standards anpassen. Wie es Niccolo Paganini sagte: „Den Talentierten wird geschadet und die Genies werden gehasst.“ Übrigens gab es im Leben von Paganini und Michael Jackson viele Parallelen.

Schamane der großen Bühne

Wenn Michael Jackson die Bühne betrat, tanzte er in Ekstase. Und das ist für den Zuschauer offensichtlich. Die besten Tänzer und Musiker erreichen diesen besonderen Geisteszustand, wenn sie kreieren. Kunst in ihrer höchsten Form ist nicht möglich ohne die Fähigkeit mit dem Unterbewusstsein zu arbeiten und ohne andere Stadien des Bewusstseins und der Intuition zu nutzen. Ohne das ist es keine Kunst sondern einfaches, herkömmliches Handwerk.

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Lasst uns auf den religiösen Aspekt des Tanzes zurückkommen. Der erste professionelle Tänzer der Erde war ein Schamane und Priester. Er war auch Pionier in vielen anderen Kunstformen. Der Tanz wurde geboren durch die Verbindung des Menschen mit den höheren Mächten und Geistern unserer Vorfahren. Tanz ist im Wesentlichen eine Form der Meditation, aber keine passive – sie ist aktiv. Die rhythmischen Schläge von Tamburinen oder Trommeln halfen den frühen Schamanen dabei, in Trance zu fallen, und den an dem Ritual Teilnehmenden bis zu einem gewissen Grad denselben Trance-Zustand zu erreichen. Die Musik basierte auf einer klaren Rhythmik und hielt die Zuhörer in ihrem Bann. Mit dem weiteren Fortschreiten der Zivilisation, entwickelte diese Basis neue Formen, ohne jedoch ihre ursprüngliche Bedeutung zu verlieren.

Das gleiche kann über den klassischen indischen Tempeltanz gesagt werden, bei dem sich der Tänzer im Vergleich mit einem Schamanen ruhiger verhält und die Bewegungen erlernt und präzise ausgeführt werden, wobei jedoch die rhythmische Basis und die meditative Art des Tanzes gleich sind. Es ist wichtig zu wissen, dass in der indischen Mythologie die Götter selbst auch Tänzer waren. Daher fiel dem Tanz eine hohe spirituelle Bedeutung zu.

Im christlichen Europa war die Situation eine andere. Es stimmt, dass viele heidnische Bräuche vom Christentum übernommen wurden. Viele christliche Feiertage und Rituale sind historisch im Heidentum und im Altertum verwurzelt – Symbole und Rituale wurden einfach auf eine neue Art interpretiert und präsentiert. Auf diese Weise suchte die neue Welt einen Kompromiss mit der alten Welt. Trotzdem lehnte die christliche Kultur den Tanz ab und schloss ihn aus der Kirche aus, bezeichnete ihn als eine Art körperliche, dekorative Kunst – so wie es Bejart in seinem Buch erwähnte. In jenen Zeiten, mit dem Wissen, dass er afrikanische und indische Wurzeln hatte, stand es außer Frage ihn in der Kirche zu akzeptieren. Tanz hatte durchaus einen gewissen spirituellen Einfluss, war jedoch auf das weltliche System beschränkt.

Wie ich zu Beginn schon sagte sehe ich Tanz und Musik als Funken der göttlichen Energie, die das Universum beherrscht. Rhythmus ist etwas, was jeder von uns besitzt: Es ist unser Herzschlag. Wenn der Herzschlag aus dem Rhythmus gerät, ist das normalerweise ein Zeichen einer ernsten Erkrankung. Musikalische Rhythmen helfen uns dabei die Harmonie des Universums zu spüren und tragen dazu bei, dass wir uns wohl fühlen. Unterschiedliche Rhythmen erschaffen unterschiedliche Stimmungen, aber jeder Rhythmus spiegelt unsere Natur wieder.

Die wesentlichen Manifestationen von Rhythmus im menschlichen Leben sind Sex und Schwangerschaft. Ich hoffe das erstere nicht erklären zu müssen, aber letzteres ist erwähnenswert, da unser vorgeburtliches Stadium uns etwas über Synkopen lehrt, eines der beeindruckendsten und faszinierendsten rhythmischen Phänomene. Die Synkopen entstehen, wenn zwei Herzen in unterschiedlichem Takt schlagen – das Herz der Mutter langsamer als das des Kindes. Aus diesem Grund wirken synkopische Rhythmen auf uns so beruhigend. Wir haben sie ab dem Moment gehört, in dem wir im Leib unserer Mutter gezeugt wurden.

Es ist leicht zu erkennen, wie die Auswirkungen der schamanischen Techniken und des Tempeltanzes in unsere modernen populären Darbietungen eingeflossen sind. Sie haben die gleichen Basiselemente: Einen lebendigen Rhythmus, ein ekstatisches Publikum, und wiederum ist der wichtigste Charakter im Zentrum ein ekstatischer Tänzer.

Michael Jackson fügte dem eine weitere wichtige Komponente hinzu: Eine spirituelle Botschaft. Die Ekstase ist in solchen Songs wie Man In The Mirror, die darauf zielen das Publikum aufzufordern ihre eigene innere Kraft zu entdecken und positive Veränderungen zu bewirken, am beeindruckendsten. Auch wenn es sich nicht um ein Ritual einer Kirche oder eines Kults handelt, ist der Rahmen der gleiche: Der kraftvollste emotionale Ausbruch zielt auf die Veränderung des Bewusstseins und der Denkweise sowie auf die umgebende Realität. Ein solch absoluter Glaube an die Kraft der Kunst das Bewusstsein zu ändern, und die völlige Hingabe bei der Ausübung dieser Kunst kann bei tausenden Menschen Wunder bewirken. Das ist es, was Michael Jackson von anderen tanzenden Entertainern abhebt.

Bemerkenswert ist auch, dass Michael in seiner Kunst versucht, Christentum und Tanz zu vereinen, und er erreicht das, indem er auf die afroamerikanische Kultur zurückgreift. Sein Song Will You Be There z.B. ist ein Gebet, begleitet von einem Gospelchor. Ein Gospelchor ist während einer Performance immer in Bewegung, aber Michael ging in seiner Show noch weiter und fügte noch eine Ballettgruppe und einen Engel hinzu, der von oben auf die Bühne herunter kam. Das ist ein kirchliches Mysterium, übertragen in die Sprache des Spektakels, in die Sprache der Bühne. Anders als bei Man in The Mirror, bei dem tiefe Emotionen durch ungebremsten Energieausbruch deutlich werden, sehen wir hier eine ehrfürchtige und tränenreiche Hinwendung zu Gott – eine reine religiöse Ekstase.

Auf diese Weise vermischte Michaels Kunst Spuren des Schamanismus mit direkten Ausdrucksformen christlicher Demut. Er vereinte viele Welten in sich und es ist schwer zu sagen, zu welcher davon er mehr gehörte. Seine Kunst war gleichzeitig weltlich, religiös und sozial. Das einzige, worüber ich mir sicher bin ist, dass sein Talent einer alten Kultur entstammt, ich würde es sogar die Gabe eines Schamanen nennen. Oder die Gabe eines Zauberers, wenn man dieses bevorzugt.

Michael hatte diese Talente nicht zufällig. Er erbte diese Merkmale von der afrikanischen Kultur und es floss auch indianisches Blut in ihm. Wenn die Geschichte seines Vaters stimmt, war einer der Vorfahren Michaels ein indianischer Heiler und Schamane, an den in den Erzählungen der Großväter und Urgroßväter der Jackson Familie oft erinnert wurde. Und auch wenn man die Geschichte dieses schamanischen Vorfahren nicht glauben möchte, ist es dennoch keine Überraschung, dass Michael auf der Bühne ein wahrer tanzender Schamane war. Das Erbe der Afroamerikaner und der amerikanischen Indianer geht auf die gleichen alten Wurzeln zurück: Rhythmus und Spiritualität des Tanzes standen in beiden Kulturen an zentraler Stelle. Vor hundert Jahren konnte jeder amerikanische Indianer Mystiker und Heiler genannt werden, da es ein fest dazugehörender Teil ihres alltäglichen und spirituellen Lebens war. Michael war ein Mensch mit einem enormen spirituellen Potential, welches er auch in vollem Umfang nutze. Viele seiner eigenen Aussagen zu sich selbst, als auch Beobachtungen von Menschen, die ihn kannten, geben darüber Auskunft.

Die Energie, die er verströmt und die in seinen Augen leuchtet, ist ein deutliches Zeichen für einen Menschen, der eine hohe spirituelle Kraft besitzt. Sie hinterließ bei bei den Leuten einen nachhaltigen Eindruck und ließ sie empfinden, als schauten sie auf einen Engel, der auf die Erde gefallen war; obwohl er in Wirklichkeit ein Mensch aus Fleisch und Blut war, mit vielen gegensätzlichen Merkmalen in seiner Persönlichkeit. Ohne Zweifel haben seine zahlreichen humanitären Aktivitäten und seine umfassende Nächstenliebe zur Festigung seiner Reputation als einem Heiligen beigetragen, aber es war seine unglaubliche Energie, die ihn den Menschen wie ein überirdisches Rätsel scheinen ließ.

Michael Jackson on stage

Einige sind immer noch darüber erstaunt, dass ein Popsänger zum größten Entertainer unserer Zeit erklärt wurde. Ich kann nur sagen, dass er wie kein anderer diesen Titel verdient hat, weil es die wahre Aufgabe eines Entertainers ist, göttliche Ekstase an die Menschen weiterzugeben, um ihren Bewusstseinszustand zu verändern, sie anhand des eigenen Beispiels zu erstaunen und viele Herzen zu berühren, indem man dramatische künstlerische Ausdrucksformen findet, um all das zuvor genannte zu erreichen.

Es ist nicht die Stimme oder die meisterliche Technik, die einen Entertainer zu einem Wunder macht, auch nicht das Befolgen der Regeln des guten Geschmacks oder die Zugehörigkeit zu einem angesehenen Genre. Nein, das Wunder geschieht durch Ausstrahlung und eine gekonnt gestaltete Performance, die eine größtmögliche Ladung spiritueller Energie hervorbringt. Ein wahrer Entertainer vereint in sich naturgegebene Kunstfertigkeit, eine außergewöhnliche Persönlichkeit, Leidenschaft, Kreativität und Hingabe. Kein Performer konnte all das in dem Maße in sich vereinen wie Michael Jackson mit seiner unverwechselbaren Originalität.

Man könnte über die künstlerischen Verdienste seiner Songs oder Technik diskutieren, aber keine dieser Kritiken würde den Stellenwert seiner Persönlichkeit in der Geschichte der Kunst reflektieren: Seine Individualität, das perfektionierte und wiedererkennbare Image, das er erschaffen hat, und seine kreative und menschliche Strahlkraft, die sich in der außergewöhnlichen Liebe seiner vielen Fans manifestiert hat.

Sogar Skandale und das Medienspektakel konnten die Millionen Menschen nicht von diesem Wunder abbringen. Und es handelt sich hier nicht um abstrakten, gedankenlosen Fanatismus. Vielmehr gab sich dieser Mann selbst vollständig der Bühne und den Menschen, arbeitete bis zur Erschöpfung und verteilte seine Energie. Seine Hingabe löste die gleiche Hingabe zu ihm aus.

Man sollte dazu noch anmerken, dass Werbung und Promotion bei alldem keine Rolle spielen. Werbung funktioniert nur, solange du one-on-one mit dem Publikum bleibst. Wie lange könntest du bestehen, wenn du keine Begabung hättest? Dadurch kommt es zu dieser endlosen Reihe kurzlebiger Bands und Stars, die nur noch auf dem Papier lange vergessener Poster glänzen. Michael hatte das Talent, die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zu lenken, und dieses Talent hatte er schon in seiner frühen Kindheit, ohne jede Werbung. Und es ist noch einmal eine völlig andere Sache, wenn du nicht nur Aufmerksamkeit auf dich lenken kannst, sondern die Liebe von Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt gewinnst – und nicht nur die Liebe von weiblichen Teenagern, sondern die lebenslange Hingabe von Menschen jeden Alters und jeder Generation.

Die dunkle Seite des Mondes

Spricht man in der Kunst von Schamanismus – insbesondere in der Tanzkunst – kann man nicht die dunkle Seite der Thematik vergessen, durch die noch eine weitere Fassette und Tiefe hinzukommt.

Ich möchte ein paar Beispiele aus unterschiedlichen Kulturen aufzeigen. In der Volkskultur Spaniens, besonders in der Kunst des Flamencos, gibt es einen Glauben, der noch immer sehr ernst genommen wird – die Legende des Duende. Dieser Begriff ist kompliziert und für diese Kunstform sehr wichtig, ich gebe euch aber nur eine kurze Beschreibung davon. Laut der Legende gibt es einen Geist, den Duende, der über den Performer kommt und während des Singens oder Tanzens ihren oder seinen Körper betritt. Man kann den Duende nur schwerlich als einen guten Geist bezeichnen. Ein Zeichen der Anwesenheit des Duende sind Emotionen, die glühende Leidenschaft ausdrücken, auch Schmerz und Wut. Der Flamenco entstand aus einer Mischung unterschiedlicher Kulturen, darunter die der Zigeuner, der arabischen und der afrikanischen Kultur – einer so alten Kultur, dass es nicht überrascht, dass im Ethos ihrer Kunst der Schamanismus tief verwurzelt ist.

Der Flamencotänzer lässt also den Geist eintreten – auf diese Art erfasst er seine Selbstentfaltung mit den Sinnen. Ob wir nun an die Existenz des Duende glauben oder nicht, die Bedeutung der Legende ist dennoch lehrreich. Eine bestimmte Kraft dringt von außen in den Tänzer ein, so wie schamanistische Rituale oft das Eindringen eines bösen Geistes, der Krankheiten verursachte und einem Menschen schadete, bestimmten. Das Ziel des Schamanen war es, sich mit dem Geist zu arrangieren, ihn friedlich zu stimmen, seine negativen Auswirkungen zu bekämpfen und zu überwinden und schließlich Katharsis und spirituelle Erneuerung zu erlangen.

Das Erbe dieses Glaubens bedeutet, dass auf der Bühne die plötzlich in den Flamencotänzer eindringende Kraft ihn quälen kann, ihn leiden oder weinen lässt, er aber trotzdem gegen ihn ankämpft. Der Tänzer ist im Zusammenspiel mit dem wilden Geist nicht passiv. Vielmehr interagiert der Tänzer mit ihm, lässt alle angestauten Emotionen herausströmen und erlangt Katharsis, indem er sich öffnet. In einem herzzerreißenden Rausch lässt der Tänzer den ihn quälenden Schmerz heraus, bekämpft ihn, wobei sein Ziel positiv ist, auch wenn der Weg dorthin beängstigend und manchmal sogar grausam scheint.

In dem Zusammenhang ist es interessant an Schwarzafrika und Amerika zu denken, wo das Erreichen höchster spiritueller Ziele durch wilde Tänze eine wichtige Rolle spielte. Als erstes denke ich dabei an „Shango“, ein Tanzstück inszeniert von der afroamerikanischen Choreografin Katherine Durham, in dem wir einen rituellen Tanz mit dem Opfern eines Huhnes sehen können und ein Beispiel für die Art des ekstatischen Tanzes, wie er in der Volkskultur und in schwarzen Kulten weit verbreitet ist. Natürlich handelt es sich hierbei nur um eine Bühnenaufführung, aber diese illustriert die Spiritualität alter traditioneller Tanzformen. Katherine Dunham zog anthropologische Forschungen hinzu, als sie diese Bühnenstücke erschuf.

Die Leidenschaft und Wildheit des rituellen Tanzes veranschaulicht die Abstammung ausdrucksstarker Manifestationen von Emotionen wie sie in der modernen schwarzen Kultur weit verbreitet sind. Einst war das Teil einer mystischen Weltsicht. Tanz war kein Mittel, um einen schönen Körper, Begabung oder Sexualität zu demonstrieren; er diente der Kommunikation mit geheimnisvollen Geistern, die Teil des Lebens der Menschen waren. Ihr emotionaler Ausdruck im Tanz war so wild, weil die Menschen nicht nur für sich selbst tanzten, sondern um mit dem Jenseits zu kommunizieren. Für den modernen Menschen ist das nicht immer zu verstehen, aber es ist ein natürlicher Teil des spirituellen Wesens des Tanzes als Teil des Volkstums.

Um von der dunklen Seite zu sprechen, werde ich mich jetzt den entsprechenden Motiven und Themen in Michaels Kunst zuwenden.

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Black or White sah ich als vollständige Version zum ersten Mal in den frühen 1990er Jahren, als das Video gerade veröffentlicht worden war. Zu der Zeit interessierte ich mich nicht sonderlich für Michael Jackson. Ich war noch sehr jung und weit entfernt von der Massenkultur. Meine Idole waren Vertreter der „hohen“ Tanzformen: Große Ballett- oder Flamencotänzer und anderer klassischer Traditionen.

Jedoch schockte mich die zweite Hälfte von Black or White, allgemein „Panther Dance“ genannt. Ich glaube noch immer, dass es einer der besten Tänze Michaels ist – eine wahre Flut aggressiver Leidenschaft, auch wenn es mit Absicht für die Kamera gespielt wurde. Es ist die Art des improvisierten Tanzes, die auf die ursprünglichen Wurzeln des Tanzes verweist. Das ist in der zeitgemäßen Popkultur ein absolut einmaliges Beispiel eines wahrhaft leidenschaftlichen und spirituellen Tanzes; wie er in dieser Sphäre sonst nirgends zu finden ist. In den meisten Fällen ist das was wir zu sehen bekommen nur Gymnastik oder vulgäres Hüften-Wackeln, während die eleganten Schritte eines Tänzers wie Fred Astaire der Vergangenheit angehören. Wirkliche, reine Ekstase ist auf der Popbühne nicht zu finden.

Nachdem ich das Video gesehen hatte, wollte ich „Bravo, Michael“ sagen, auch wenn ich zu jener Zeit gar kein Fan von ihm war. In ein paar Minuten hatte dieser Mann, die einzige Person in der Pop-Sphäre, die diese Art aufrichtige Ursprünglichkeit besitzt, etwas äußerst Wichtiges getan, etwas das von keinem anderen international bekannten Performer je vollbracht worden war. Er rückte eine ekstatische Improvisation ins Scheinwerferlicht, zeigte sie in einem Video, das anscheinend keinen Bezug dazu hatte und auf positiven Themen wie jungenhaften Scherzen und dem Vereinen von Nationen aufgebaut war. Der Kontrast war beeindruckend und heftig, für den normalen Zuschauer unfassbar und verursachte große Kontroversen bis hin zu Anfeindungen. Vielleicht erschuf Michael diesen Kontrast und das gegensätzliche Design dieses Kurzfilms intuitiv. Vielleicht hoffte er, dass sein Bewusstseinsstrom das Publikum wieder einmal schockieren würde.

Wenn du die Geschichte der Jugendkultur der letzten 40 Jahren ansiehst, ist Jacksons Verhalten in diesem Tanz nichts Neues: Schon lange vor ihm wurden auf der Bühne Sachen zerstört oder gewagte sexuelle Bewegungen gezeigt. Ist es doch so, dass viele Rockmusiker routinemässig ihre Gitarren zerschmetterten oder sie am Ende des Konzerts sogar anzündeten. Dass Jackson die Fenster eines heruntergekommenen verlassenen Autos zerschlagen hat ist nichts im Vergleich zu dem, was Rockmusiker getan haben, lange bevor dieses Video erschien.

Dennoch, keiner von ihnen hat jemals getanzt…

Ich sollte auch erwähnen, dass an der Choreografie nichts neu ist. Michael zeigte einfach einen Mix seines üblichen Repertoires, beginnend mit Elementen des klassischen Stepptanzes und endend mit seiner berühmten Wellenbewegung und dem Griff in den Schritt. Es ist das, was bei Improvisationen üblicherweise passiert: Ein Fluss der gewohnten Bewegungen und dazu ein paar inspirierende Lichtblitze, wenn der Körper etwas neues tut, was du aber nur bemerkst, wenn du hinterher die Aufnahmen ansiehst.

Denkst du dir die Stimmung aus dem Video weg, bleiben dir ein paar eigentlich verrückte Körperbewegungen, von denen sich die Hälfte auf die Leistengegend beziehen. Manche Leute sehen es auch immer noch auf diese Weise. Ihnen fällt nur der Fakt auf, dass Michael eine Mülltonne auskippt und seinen Reissverschluss hochzieht. „Was soll das??“ fragt sich eine durchschnittliche Oma, wenn sie das Video im Fernseher mit ihrer Enkelin ansieht …

Obwohl auch ich eher konservativ bin, erkenne ich dennoch den Unterschied zwischen Michaels „Aktivitäten im Schritt“ und den ausgesprochen vulgären Erscheinungsformen in der modernen Kultur. Der Inhalt ist ein anderer. Für ihn ist es sowohl ein gewagtes Verhalten als auch ein Wiederhall seiner afrikanischen Wurzeln. Ich glaube, er liebte es die Öffentlichkeit zu reizen (ich würde es an seiner Stelle ganz bestimmt lieben), aber all das ist viel neutraler, als die Leute glauben. Nach der Bedeutung muss man im Wesen des afrikanischen Tanzes suchen. Ich komme später noch auf dieses Thema zurück.

Kommen wir zunächst noch einmal auf den Aufbau des Black or White Kurzfilms zurück. Der Name allein lässt schon einige Interpretationen zu. Einerseits spricht Black or White ganz klar äusserliche rassische Unterschiede an. Da ist die oberflächliche Bedeutung und die Geschichte, die der Song erzählt. Aber ich sah es auch gerne aus einer anderen Perspektive – das „schwarze“ und „weiße“ einer menschlichen Seele.

Der erste Teil, die „seriöse“ Seite ist weiß. Der zweite Teil ist schwarz, bringt Dunkelheit hervor und einen schwarzen Panther. Wir fürchten uns oft vor unserer dunklen Seite und unterdrücken sie, verstecken sie und hoffen bessere Menschen zu sein. Aber es ist unmöglich unsere dunkle Seite zu überwinden, ohne ihre Existenz anzuerkennen und daran zu arbeiten, ihr Wesen zu verstehen. Anders gesagt, wir brauchen einen konstruktiven Dialog mit dem bösen Geist… einer Art Duende.

Ob es Michael realisierte oder nicht, in diesem Tanz lies ließ er etwas heraus, was er in sich angesammelt hatte. Es war eine vollständige Befreiung. Und es war egal, ob es anständig war oder nicht – wichtig war allein die Energie der Befreiung herauszulassen. Das ist der Kampf, dem der spanische Tänzer entgegensieht, wenn der Duende von ihm Besitz ergreift. In einem solchen Moment denkst du nie an Anständigkeit oder Schönheit. Du musst in deiner Leidenschaft und deinem Schmerz völlig offen und ungestüm sein.

Obwohl ich weiß, dass der schwarze Panther ein wichtiges Symbol der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ist, hat er auch eine uralte Bedeutung, eine mystische Verbindung zu einem gewaltsamen und urweltlichen Geist des Tieres. Ich würde sogar sagen, er hat einen Anklang zum Totemismus. Gleichzeitig steht er für das sich Öffnen und Herauslassen des inneren Teufels, der sich in jedem von uns versteckt, lässt man seinen Panther heraus. Es ist ein Tropus (bildhafter Begriff) so alt wie die Welt selbst und das ist der Grund, warum es funktioniert.

Michael bezog sich in seiner Kunst allgemein auf viele archetypischen Bilder, die sie besonders reich und faszinierend machten – im Gegensatz zu vielen der blass-süßlichen Pop-Bilder auf der Bühne von heute. Darunter auch seine schwer fassbare und mysteriöse Liebe zum Mond, der seinen Namen auch für einen seiner choreografischen Besonderheiten gab, den Moonwalk. Durch reine Intuition.

Wir wissen, dass viele Dichter und Künstler vom Mond inspiriert sind: Er wird in Liebesliedern angehimmelt und schwört beängstigende Geheimnisse der Nacht herauf. Wiederum reicht all das weit in Volksbräuche und unsere Natur zurück. Ich möchte jetzt nicht weiter auf Legenden, Mythen und Kult über den Mond eingehen, die überall auf der Welt einen profunden Einfluss auf die Kunst hatten. In der spanischen Folklore und meiner Sicht der Welt ist dieses Thema sehr wichtig, fange ich erst einmal mit meinem „Steckenpferd“ an, kann es sein, dass ich kein Ende mehr finde. Ich möchte nur soviel sagen: Du kannst nicht ohne den Mond tanzen – tanzt du intuitiv, lässt dich vom Fühlen leiten, ist es so. So wie Michael es sagte, wenn du tanzt, denkst du nicht – du fühlst.

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Zorniger Tänzer

Lasst mich wieder auf die Wahrnehmung der Sexualität in Michaels Bewegungen zurückkommen – ein Thema, auf das ich wie zuvor gesagt, näher eingehen möchte. Wie ihr wisst haben Sexualität, Aggression und Leidenschaft vieles gemeinsam. Das trifft auf viele Volkstanz-Arten zu, die Emotionalität und Leidenschaft beinhalten. Jeder Ausdruck eines Menschen im Tanz, wenn sich der Mensch frei und emotional fühlt, kann als Manifestation von Sexualität gesehen werden, denn die Grenze zwischen Emotionen und Urinstinkten ist ziemlich schmal. Trotzdem bedeutet das nicht, dass es keine Grenze gibt.

Fred Astaire sagte einst zu Michael: “Du bist ein zorniger Tänzer“, und dieses Statement passt genau. Es bezieht sich nicht auf eine Art bösen Zorn, sondern gemeint ist Leidenschaft – die Leidenschaft der Performance – etwas Wildes und teuflisch Attraktives. Die Stimmung eines Tänzers beeinflusst in hohem Maß, was der Körper tut. Du musst wissen, wie du deine Gefühle und Energie in Bewegungen einfließen lassen kannst. Nur dann ist der Tanz ein Tanz. Ohne das ist er nur eine Turnübung. Und werden Gefühle nur durch Gesichtsausdrücke gezeigt und nicht wirklich gefühlt, werden sie grotesk aussehen.

Wir sollten uns daran erinnern, dass in der Kunst Spiritualität am wichtigsten ist und die Technik nur zweitrangig. Beim Sport ist es anders – im Sport ist die Technik am wichtigsten – aber Tanzen ist kein Sport. Michael Jackson hatte die nötige künstlerische Begabung. Viele seiner Bewegungen sehen so brillant, flüssig und begabt aus, aber nicht weil er die Technik beherrschte (obwohl er natürlich sehr fähig war), sondern weil er es in jedem Augenblick lebte. Er war mit seinem ganzen Wesen daran beteiligt, bis hin zu seinem Unterbewusstsein, diese perfekte Vereinigung von plastischer Darstellung (plastique) und Musik zu erschaffen. Und das ist etwas, was man leider nicht erlernen kann. Es ist eine natürliche Begabung.

Nebenbei bemerkt war Michael nicht der technisch erfahrenste Tänzer der Welt. Er zeigte keine Sprünge mit Spagat, steppte nicht mit 50 Schritten in der Sekunde oder machte 32 Drehungen am Stück, obwohl er oft Beeindruckendes mit dem menschlichen Körper vollbrachte. Ohne Zweifel gibt es viele zeitgenössische, vor allem junge Tänzer, die etwas können, was Michael nie konnte. Und dennoch bezeichnen wir ihn als großartig, während diese anderen Tänzer nur gewöhnliche Statisten bleiben. Warum ist das so?

Noch einmal: Der Grund ist die künstlerische Begabung, die Energie, der schamanische Zauber und Charisma. Erhabenheit entfaltet sich auf der Bühne nicht dadurch, dass der Tänzer einen drei Meter hohen Salto schlagen kann. Das ist Zirkusakrobatik. Technik ist nur ein Mittel, das die Kunst des Tanzes benutzt. In dieser Kunstform entsteht Talent nicht durch Technik, sondern durch die Fähigkeit mit dem Körper zu sprechen und zu malen, Zwischentöne auszudrücken und einen individuellen Stil zu finden, den Körper zu bewegen. Ein Künstler erreicht im Tanz dann völlige Erhabenheit, wenn er in der Lage ist eine winzige Geste in ein kleines Spektakel zu verwandeln, in einen heiligen Akt. Michael Jackson wußte das zu tun. Deshalb war er ein Genie.

Ich erinnere mich daran, wie es mich erstaunte, wenn ich die Leute über seinen übermässigen Ruhm sprechen hörte. Zum Beispiel argumentierten sie damit, dass der Moonwalk nicht einmal von Michael selbst erfunden worden sei, sondern dass er von Marcel Marceau stamme. Wenn wir uns aber ein wenig mit der Geschichte davon befassen, stellen wir fest, dass es diese Bewegung schon lange vor Marceau gab. Auch weil ich selbst Tänzerin bin kann ich sagen, dass der Moonwalk nur ein Fetisch eines individuellen Tanzstils ist – dem Michael Jackson Tanz.

Es gibt bei der Choreografie einen interessanten, oft eingesetzten Trick, bei dem es darum geht einen einprägsamen Move zu finden und ihn am Höhepunkt einer Performance zu zeigen. Diese Bewegung muss originell oder witzig sein, aber nicht technisch komplex. Eine solche Bewegung zu finden, ist schon eine Leistung für sich – denn es ist nicht einfach.

Beim Moonwalk ist das der Fall: Es ist eine eigentlich einfache Bewegung, die von jedem Mensch, der seinen/ihren Körper einigermassen unter Kontrolle hat, erlernt werden kann. Ich beziehe mich damit nicht auf die fortgeschrittenen Versionen, wie den Sidewalk oder den Moonwalk im Kreis – diese sind schwieriger. Aber der klassische Moonwalk (sprich rückwärts laufen) kann sogar von einem Amateur durchgeführt werden. Sicher ist er ungewöhnlich und man muss das Prinzip der Bewegung verstehen um sie nachzuahmen. Aber mehr braucht man dazu nicht.

Michaels Tanz zeigt weitaus gravierendere plastische Darstellungen und Techniken, zu denen der Moonwalk im Vergleich nur eine Kleinigkeit ist. Seht euch an, wie er seinen Körper kontrolliert, seine Koordination und sein Gefühl für Rhythmus! Und seine Drehungen! Sie sind einfach unbeschreiblich! Das sind Dinge, die nur ein sehr talentierter Tänzer tun kann.

Und dennoch ist es der Moonwalk, den die Leute als „sensationell“ bezeichnen.

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Das ist ein rein gesellschaftlicher Effekt – initiiert durch künstlerischen Verstand und eine ausgezeichnete choreografische Wahl. Ein so ungewöhnliches Element bei einem historischen Motown-Jubiläum zu performen, es unvergesslich zu machen und so viel Energie hineinfließen zu lassen – das zahlte sich aus.

Sprechen Journalisten über Michaels Tanz, zitieren sie üblicher Weise den Moonwalk als seine besondere Errungenschaft in der Technik des Tanzes. Der Moonwalk mag ein historisches Ereignis sein, sein wichtigster Beitrag an die Tanzkunst ist er nicht. Seine Leistungen gehen weit darüber hinaus. Sie finden sich nicht nur in besonderen Elementen im Tanz, sondern vor allem in seinem herausragenden Stil, seiner reichen und ausdrucksstarken Körpersprache und seiner einmaligen Herangehensweise an den Tanz.

Es gibt eine Vielzahl an Tanzschritten und Techniken auf der Welt, und es werden immer wieder neue hinzukommen. Nur der Himmel ist die Grenze („The sky is the limit“). Doch die Geschichte setzt den Tänzern ein Denkmal, die auf der Bühne etwas ganz Besonderes geschaffen haben, etwas was die Menschen um den Verstand brachte, was sie lieben, weshalb sie schreien und jubeln und das sie mit dem Tänzer mitfühlen ließ. Das ist der wichtigste Teil der Arbeit eines Entertainers. Wenn du in deinem eigenen Herzen und in den Herzen deines Publikums einen Funken entzünden kannst, dann bist du ein Meister. Alle Schritte und Techniken sind nur Mittel, um diesen Effekt zu erreichen. Ihre harmonische Zusammenstellung in einem einzigen Körper ist das, was wichtig ist, so wie Musik aus 7 Noten in unterschiedlichen Oktaven komponiert wird. Manche Musik vermag es, dich zu bewegen und in Erstaunen zu versetzen, anderer gelingt das einfach nicht. Das Gleiche trifft auch auf den Tanz zu.

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Lasst uns noch einmal zurückgehen zu den Wurzeln von Michaels Tanz. Wenn die Leute über seinen Tanz sprechen, erinnern sie oft an den legendären Fred Astaire und sein Tanz-Repertoire. Man kann dort vieles erkennen, was Michael „übernommen“ hat – den ganzen Gangster-Stil mit den Schuhen und dem Hut, die Kostüme, die Farben und Lichteffekte und den Gebrauch von Elementen des Stepptanzes. Aber das erstaunliche daran ist, dass er nur äußerliche stilistische Mittel geliehen hat (wie die Motive der Pop-Klassiker) und diese mit seiner spontanen afrikanischen Leidenschaft vermischt hat – nicht so sehr auf die Art, wie schwarze Tänzer den Stepptanz tanzen, sondern auf die Art der improvisierten und leidenschaftlichen Volkstänze Afrikas und der Karibik. Das ist der Punkt, an dem sich die Fröhlichkeit, der Bühnenglitzer und die Eleganz plötzlich in einen spontanen schamanistischen Tanz zum Klang von Trommeln verwandelt. Beachtet, wie überaus entspannt und natürlich Michael in der Gruppe der brasilianischen Trommler in seinem Kurzfilm zu They Don’t Care About Us aussieht. Sie sind von der gleichen Art.

Von weitem sieht Michael eigentlich in seinen patenten Lederschuhen wie ein Bühnen-Dandy aus. Es ist nur eine theatralische Show, die er aufzieht, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Er trägt keine Gangster-Gamaschen, sondern schwarze Loafer und weiße Socken; die schwarze Jacke verbirgt ein T-Shirt, das er jeden Augenblick von oben bis unten aufreißen würde; und der elegante Fedora verdeckt zerzaustes Haar, das mit der Brillantine sorgfältig frisierter Tänzer der Vergangenheit nichts gemein hat. Er braucht diesen Look nur, um ins Spot-Light zu treten. Das Spot-Light ist ein theatralisches Mittel, so alt wie die Welt – wir alle benutzen es – und Michael war nicht der erste, der es erschuf. Er übernahm es von Klassikern. Licht und Schatten der Kontraste erzeugenden Beleuchtung akzentuieren einen weißen Handschuh oder weißes Tape an seinen Fingerspitzen – und das erste faszinierende Element eines Mysteriums erklingt. Ein aus der Dunkelheit tretender Kavalier in Schwarz gekleidet – ein für die Ladys schon seit der Zeit der Mantel-und-Degen-Filmkomödien verführerischer Archetypus. Eine Frau kann sein Gesicht nicht sehen, aber träumt schon von ihm als ihrem romantischen, heimlichen Liebhaber, der sie mitten in der Nacht besucht und in ihr Fenster einsteigt. Der Hut ist deshalb so weit herunter geschoben, um seine Augen zu verdecken.

Beim Tanzen sind die Hände und Füße die eloquentesten Körperteile. Besonders die Hände. Die Hände stehen an dritter Stelle der Mittel, nach Worten und Mimik, die uns dabei helfen unsere Gedanken und Gefühle auszudrücken. Sie machen Gesten; sie sprechen; sie können sogar singen. Ich sage oft zu meinen Studenten, dass sie, um im Tanz wirklich ausdrucksstark zu sein, mit den Händen den aus ihnen kommenden Impuls, ihren Blick und ihre Gefühle, weiterführen müssen. Handflächen und Fingerspitzen sind die Quelle herausströmender Energie. Sie müssen sichtbar sein. Die Hände sind bei der Bewegung das feinfühligste Instrument.

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Michael erhöhte den optischen Effekt mit der Hilfe von weißem Tape und einem Handschuh. Sie wirkten wie Feuerblitze aus Energie im Kontrast zu der Dunkelheit des mysteriösen Bildes. Das gleiche gilt auch für die weißen Socken – sie betonten seine Füße. Und diese ganze elegante Magie eines Kavaliers in Schwarz verwandelte sich plötzlich in eine wilde afrikanische Ekstase, verborgen unter den Hüllen theatralischer Requisiten. Die Bewegungen des Stepptanzes verwandeln sich in ein sinnliches Wölben des Körpers, den berühmten gewagten Griff in den Schritt und irres Zerreißen des Shirts.

Das funktioniert besser als Striptease. Es ist Verführung auf der unbewussten Ebene der Vorstellungen und Emotionen, der Ebene der Schönheit und nicht der reinen Physiologie. So erlangte Michael auch die Aufmerksamkeit der anspruchsvollsten Frauen und jungen Damen, die an zur Schaustellung derber Männlichkeit keinen Gefallen finden.

Realisierte Michael, was er tat? Ich denke, intuitiv tat er es und er realisierte auch, dass er viel Aufmerksamkeit auf sich zog – aber er machte sich nie all zu viele Gedanken darum. Und das garantierte ihm, natürlich zu tanzen, rein und unbefangen, wie ein ungezügelter Mensch. Sein tanzender Körper wurde verführerisch und begehrlich, während seine Seele mit reiner Energie angefüllt blieb. Es ist Sinnlichkeit auf einer höheren Ebene, bei der der Körper zum Untertan des Geistes wird.

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Es gibt Stimmen, die sagen, Michaels Kurzfilme und Tanzarrangements hätten einen direkten sexuellen Bezug – er tanzte mit Frauen und sprach alle Formen von Beziehungen in seinem Tanz an. Die Kunst eines jeden Künstlers spiegelt unterschiedliche Aspekte des Lebens wieder, darunter auch Liebe und Sexualität, aber man muss wissen, dass nicht jeder Tanz diesem Thema gewidmet ist, unabhängig davon, welche Bewegungen darin enthalten sind.

Es ist immer amüsant zu sehen, wie die Menschen in Tänzen einen sexuellen Zusammenhang sehen, wenn es gar keinen gibt. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass Tanz eine Kunst ist, die aktiv durch den Körper dargestellt wird. Der Körper kann spontan und manchmal auch unbewusst etwas ausdrücken, das ein außenstehender Zuschauer als sexuell interpretiert. Du kannst einfach entspannt am Strand liegen und jemand, der dich beobachtet, entwickelt sexuelle Gefühle. Das ist das Problem des Zuschauers, nicht aber deine innere Botschaft.

Und genau so kann ein Performer mit seinem Tanz eine ganz andere Botschaft ausdrücken, als sie vom Zuschauer wahrgenommen wird – oder er kann auch gar nichts ausdrücken. Sex muss nicht der wichtigste Gedanke eines Tänzers sein. In Michaels Fall war Sex meist zweitrangig. Er war zu religiös, schüchtern und spirituell, um diese Dinge deutlich herauszustellen. Natürlich hatte er, wie jeder andere auch, eine unterbewusste Sexualität, aber sie wurde nicht in einen non-stop-direkten Ausdruck und in vulgäre Verführung verwandelt. Eine solche Zurschaustellung, angemessen oder nicht, wird von fast allen modernen Pop-Künstlern angewendet – von Madonna bis hin zu an Teenager gerichtete Boy Bands. Sie wackeln mit ihren Hintern und vermitteln die deutliche Botschaft, dass das jemand im Publikum erregen solle. Es wird sogar in solchen Tanznummern deutlich, die es nicht nötig hätten. Die Mehrzahl der Pop-Performer sind von ihrem Sexappeal wie besessen: Sie möchten so begehrt sein, dass sie auf der Bühne manchmal nichts anderes mehr zeigen als Sex in seiner gröbsten Form und das beraubt sie ihres wahren Charmes. Michael tat das nie. Sein Tanz beinhaltete nie ungehobelte provokative Zurschaustellung. Er besaß natürliche Sinnlichkeit und nicht Obszönität. Wenn er tanzte, schaltete er alle logischen, verbalen Informationen ab. Er tanzte einfach, so wie seine Vorfahren in Afrika, die nackt herumliefen und ihre Nacktheit nie als etwas Unangemessenes empfanden. Sie waren sinnlich, glühten vor Leidenschaft, kannten aber nie Obszönität. Auch wenn Michael bewusst Showtechniken in seinem Tanz einsetzte, verwandelte er ihn trotzdem in die Aufrichtigkeit eines Kindes und die Wildheit eines Schamanen. Er tanzte einfach und genoss den Tanz als solchen und nicht den Gedanken, dass sein Tanz irgendwen erregen würde. Das ist der Unterschied zwischen ihm und vielen anderen Pop-Performern.

Tänze die historisch im Volkstanz verwurzelt sind, zeigen viele Bewegungen mit einer sexuellen oder sinnlichen Natur. Wenn man zum Beispiel spanischen Zigeunern auf ihren Familienversammlungen beim Tanzen zuschaut, erkennt man in ihrem verspielten Tanz neckische und kühne Bewegungen. Dennoch haben diese Menschen ein streng patriarchisches Alltagssystem und die Mädchen werden zur Keuschheit erzogen, was in ihrer Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat.

Betrachtet man latein– oder afroamerikanische Volkstänze, erkennt man auch dort viele sinnliche Bewegungen, darunter auch den Griff in den Schritt. Und denkt daran, wie die Brasilianer mit ihren verschiedenen Körperteilen wackeln… All das ist sexuell. Es erinnert daran, dass Volkstänze einst Attribute heidnischer Kulte und Feste waren. Bewegungen mit sexueller Anspielung wurden eingesetzt um Fruchtbarkeit, Ernte und gesunden Nachwuchs zu feiern. Der Sinn lag nicht darin den Zuschauer zu erregen, sondern das Leben zu lobpreisen und zu feiern oder ein religiöses Ritual darzustellen. Die Energie, die die Menschen im ekstatischen Tanz aussendeten, sollte ihrem Volk Wohlstand bringen und ihre Einheit mit den höheren Mächten und der Natur reflektieren. Das Sexuelle ihrer Bewegungen war ein Werkzeug und nicht das Ziel. Aus diesem Grund sehen solche Bewegungen in diesen Kulturen sinnlich und nicht obszön aus. Diese Bewegungen sind den Menschen dort vertraut – sie haben sie seit ihrer Kindheit gesehen oder getanzt und bewerten sie nicht als etwas Besonderes. Die Tänzer überschreiten keine Grenzen. Sie tun einfach nur, was für sie natürlich ist.

Da ich gerade von den afrikanischen Volkstänzen sprach, schaut euch an, wie diese kleinen Mädchen aus dem Senegal auf ihrer Dorfstrasse tanzen. Es ist normaler Zeitvertreib für die Kinder, so wie amerikanische Mädchen in ihrer Einfahrt in Indiana Seilspringen. Es gibt keinerlei Botschaft. Trotzdem machen die senegalesischen Mädchen rhythmische Stöße mit ihren Hüften und fassen/klemmen manchmal ihre Kleider zwischen ihre Beine. In traditionellen europäischen Kulturen mag das als unangemessen empfunden werden, aber die afrikanische Kultur misst diesen Bewegungen keine obszöne Bedeutung zu, deshalb werden sie ganz natürlich gezeigt ohne jeglichen vulgären Touch.

Ähnliche Bewegungen kann man in professionell performten Tänzen erkennen – beispielsweise bei dem Chuck Davis African American Dance Ensemble, welches traditionelle afrikanische und afroamerikanische Tänze aufführt. Natürlich sehen wir die Körperhaltungen, die Hand- und Fußbewegungen und die Art, auf die sie so unbefangen gezeigt werden. Viele dieser Bewegungen könnten leicht zu etwas Vulgärem gemacht werden, wenn jemand ihnen einen Hauch Obszönität verleihen wollte.

Kurz gesagt, eine Bewegung wird nicht durch das Körperteil vulgär, mit dem sie ausgeführt wird, sondern durch die Art, wie sie gezeigt und wahrgenommen wird.

Schon in meiner Kindheit kam ich zu dem Schluss, dass sämtliche zeitgenössische Musik- und Tanzkultur aus Afrika stammt. Das ist sehr offensichtlich. Jedoch hinterließ der Film Dance Black America, den ich vor kurzem sah, bei mir einen starken Eindruck. Mir wurde klar, dass die Hälfte unseres alltäglichen Lebens eine Verbindung zu Afrika hat. Dieser Film enthält wunderbares Material. Er verfolgt die Spuren der Geschichte des schwarzen Tanzes von den historischen im Folk liegenden Wurzeln bis hin zum modernen Tanz. Man sieht Stepptanz, verschiedene Stücke vom Beginn des 20. Jahrhunderts und den Lindy Hop. All diese Tänze sind das Erbe Afrikas. Und die ganze westliche Pop Kultur entleiht ihre Rhythmen aus Afrika.

Dabei ist am beeindruckendsten, dass die Afrikaner die europäischen Vorstellungen vom Tanzen völlig verändert haben. Wo sind die europäischen Walzer und Gavotten geblieben? Sie sind begrenzt auf ihre kleine Nische der hohen Kultur – auf Gesellschaftstänze und andere beinahe vergessene historische Tänze, für diejenigen, die sie erlernen möchten. Aber das afrikanische Prinzip der freien Bewegungen aller Körperteile beherrscht jede Disko und jeden Nachtclub. Auch die unbegabtesten Menschen, die nur einfach ihre Füsse zur Musik bewegen und die Arme in die Luft werfen, zeigen immer noch ein Echo der afrikanischen Bewegungsästhetik.

Spanische Motive

Da ich Flamenco-Tanz und -Kultur studiert habe und seit vielen Jahren damit arbeite, wurde ich gefragt, ob ich denke, dass Michaels Kunst in irgend einer Art von dieser Kultur beeinflusst war. Einen direkten Einfluss sehe ich nicht. Aber ich erkenne Berührungspunkte.

Wie ich schon mehrfach sagte, entstanden die Traditionen des Volkstanzes und der Volksmusik auf der ganzen Welt auf unterschiedliche Art und aus unterschiedlichen Gründen, das beinhaltet auch den Flamenco und die afroamerikanische Kultur (inklusive Jazz). Beide gehen zurück auf alte Ethnien und beide haben afrikanische Einflüsse, wenn auch zu einem unterschiedlichen Grad. Beide Traditionen haben dieselbe Basis wie die Improvisation, plastische Darstellung, Rhythmus, das Ausdrücken energetischer Emotionen und ein ekstatischer Bewusstseinszustand, der oft auf Glaubensmythen der Vergangenheit zurückgeht.

Flamenco und afroamerikanische Kultur sind auch deshalb ähnlich, weil beide Kulturen über Jahrhunderte von Völkern erhalten wurden, die nicht nur über freudvolle Zeiten sangen, sondern auch über die Last des Lebens, Einsamkeit und Tod. Auch haben beide Kulturen Verbindungen zum Christentum, wodurch interessante Unterarten bei kirchlichen Festen und Gesängen entstanden. Beide Kulturen haben sich im Verlauf der Geschichte oft überschnitten, wodurch sie interessante Hybriden hervorbrachten und neue Genres. Auch heute sind beide Kulturen noch freundschaftlich verbunden. Die spanische Kunst greift auf viele unterschiedliche Arten auf afrikanische Motive zurück, die Stilmischungen hervorbringen, wie etwa Flamenco-Jazz.

Um zur Frage des Flamenco-Einflusses auf Michael zurückzukommen, kann ich sagen, ich weiß, dass er ein wenig mit Joaquin Cortés kommunizierte, einem der berühmtesten Tänzer des modernen Flamencos. Wir können bei ihnen sowohl in ihrer Kunst, als auch bei ihrem Image auf der Bühne Ähnlichkeiten erkennen. Auch wenn man über einen direkten Einfluss diskutieren kann, haben sie doch deutliche Gemeinsamkeiten – zum Beispiel einen schwarzen Hut, ein weißes T-Shirt, lange Haare und die Fähigkeit mit dem Publikum zu arbeiten.

In The Closet Naomi And Michael

Michaels Referenzen an den Flamenco sind in seinem Kurzfilm zu In The Closet deutlich zu erkennen. Erstens sieht man dort spanische Tänzerinnen mit langen weißen Kleidern. Auch wenn sie nicht original spanisch sind, tanzen sie Flamenco. Soviel ist klar. Zweitens haben sowohl diese Tänzerinnen als auch Michael den gleichen Flamenco-Frisur-Stil, mit diesen sehr straff nach hinten gekämmten Haaren. Vielen Leuten fiel auf, dass es für Michael sehr ungewöhnlich war, seine Haare so streng nach hinten gebunden zu tragen. Aber das ist ein stilistisches Attribut: Das Gesamtkonzept des Videos, inklusive der Kostüme und des Set-Designs haben einen Touch von Spanien und Latein-Amerika, wobei das Spanische eher dominiert. Sogar Michaels Schuhe mit den hohen Absätzen ähneln denen spanischer Tänzer. Im Kontrast dazu ist Naomi Campbells Aussehen deutlich lateinamerikanisch. Sie trägt ein kurzes Kleid im Stil des brasilianischen Lambada. Die im Film erzählte Geschichte spielt vor dem Hintergrund ausgebleichter Häuser, wie sie für Südspanien typisch und auch denen in Lateinamerika ähnlich sind. Vielleicht wurden diese Entscheidungen getroffen, um die Erotik des Videos zu unterstreichen, da viele Menschen die spanische und lateinamerikanische Kultur mit Leidenschaftlichkeit und Sexualität assoziieren.

Tanz auf dem Bildschirm

Ich möchte noch über ein paar andere Kurzfilme und Bildschirm-Tanznummern Michaels sprechen. Leider kann ich nicht all seine wunderbaren Werke besprechen, deshalb erwähne ich nur ein paar. Unter den Videos mit choreografierten Tanznummern sind Bad, Smooth Criminal und Ghosts meine Favoriten. Unter dem Gesichtspunkt von Inszenierung, Verfilmung und Originalität sind diese Werke am professionellsten und brillantesten – großartige Verbindungen von Kameraführung und Choreografie.

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Smooth Criminal ist natürlich ein Meisterstück der Kameraführung bei einer Tanz-Inszenierung. Viele verschiedene Interieurs werden eingesetzt, und der Zuschauer wird durch sorgfältig choreografierte Tanzschritte und Kameraeinstellungen von einem Interieur zum anderen gelenkt, passend zur erzählten Geschichte und dem dramatischen Handlungsablauf. Eine erstklassige Produktion erschafft eine logische Bildsequenz aus einem Guss, die sowohl den Tanz als auch die Dramatik vermittelt. Smooth Criminal ist eine wunderbare Stilisierung der traditionellen Hollywood-Gangster-Thematik, in der jedes Bild im besten Sinn des Wortes theatralisch ist.

Es gab darin sogar einen perfekten Platz, an dem Michael einen Augenblick des völlig freien Selbstausdrucks einbringen konnte: Eine Pause ohne Musik, mit Stöhnen, Schreien und Kopfnicken. Ein wunderbar dramatisches Element und ein Ort für Wildheit und Schamanismus; es fühlt sich ein bisschen an wie ein afrikanisches Ritual mit Hühneropfern und dämonischer Besessenheit. Meiner Meinung nach ist dies der beste Moment des Videos, etwas von dem ganzen Hollywood- und Broadway- Gangsterthema abweichend erschafft es einen perfekten Kontrast, der aber nicht dem Gesamtstil widerspricht.

Gehen wir weiter zu dem langen Tanzsegment in seinem Kurzfilm Bad, in dem Michael absolut kein Problem mit Aggression und damit, mit der Kamera wie einem Partner zu arbeiten, hat. Auf diese Herangehensweise ist das ganze Stück aufgebaut. Die Ballettformation folgt Michael synchron. Das ist ihre hauptsächliche Funktion, und es sieht aus wie ein gemeinsamer Impuls, ein Wettstreit: Die Bewegung in Richtung Kamera überzeugt den Zuschauer davon, dass es ein echter Wettstreit ist. Und dann, im abschließenden A-capella-Teil, gibt es ein interessantes Detail: Die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich so auf Michael, dass wir vielleicht nicht sehen, dass die anderen seine Stimmung und seinen Rausch nicht einmal zur Hälfte erreichen, als er praktisch vor Emotion bebt. Er gibt alles was er kann, seine Augen dunkel vor Wut, während die Männer um ihn herum relativ ruhig sind. Seht sie euch bei Gelegenheit einmal genau an. Es ist ein witziger Kontrast.

Bad ist sicher eines der besten Werke Michaels, eines, in dem wir entdecken, dass er ein Schauspieler ist, der zwei sehr unterschiedliche Rollen darstellen kann. Zuerst ist er ein bescheidener Schüler, der sich absichtlich gegen sein Herz entscheidet, um sich einer schlechten Gesellschaft anzupassen. Aber dann verwandelt er sich in einen coolen, selbstsicheren Mann – der Mann, der dieser bescheidene Schüler sein möchte – um das Böse zu bekämpfen.

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Ghosts ist ein weiterer interessanter Film. Seine Choreografie ergänzt die Geschichte und das durch einige sehr innovative Tanzbewegungen sehr plastisch. Ich glaube sogar, dass seine (Ghosts) größte Leistung die durch seine Choreografie erreichte Bildsprache ist. Ghosts wird oft mit Michaels berühmten Thriller Video verglichen, weil es auf den ersten Blick eine Wiederholung des erfolgreichen Horrorfilm-Themas zu sein scheint. Jedoch spricht dieser Film, anders als Thriller, die tief-philosophische Thematik des Verhältnisses zwischen dem Künstler und dem Publikum an, zwischen einer herausragenden Persönlichkeit und dem Durchschnittsbürger. Und, genauso wichtig, lässt er auch viel mehr Raum für die Choreografie.

Eigentlich hat Thriller nur ein kurzes Tanzsegment, welches so inszeniert ist, dass es die Balance zwischen Professionalität und Einfachheit hält. Einerseits ist es eine großartige schauspielerische Arbeit, in der die Tänzer Spaß daran haben unterschiedliche Zombies zu spielen. Dadurch haben sie die Gelegenheit ihre Flexibilität und Ausdrucksfähigkeit zu zeigen. Andererseits ist der Thriller-Tanz der bei MJ-Flashmobs am häufigsten benutzte Tanz und der Grund dafür liegt nicht nur in der riesigen Popularität des Tanzes, sondern auch darin, dass die Choreografie recht einfach zu erlernen ist – zumindest annähernd, wenn auch nicht perfekt – damit eine große Gruppe Amateure ihn mehr oder weniger zusammen tanzen kann.

Die Tanzsegmente von Ghosts sind viel schwerer und erfordern viel mehr Talent als die Bewegungen von Thriller. Den Charakteren wird mehr Zeit gelassen und eine bessere Möglichkeit, sich darzustellen. Dieser Tanz hat wesentlich mehr choreografische Innovationen und Besonderheiten, dramatische Elemente, die um eine Gruppe von Geistern aus dem Jenseits die Illusion von etwas Befremdlichem erschaffen. Michael selbst spielt einige unterschiedliche Rollen, und jede dieser Rollen bricht etwas mit seiner Darstellungsweise, um zum gegenwärtigen Charakter zu passen. Beispielsweise zeigt er seine ikonischen Tanzschritte, während des Tanzes des Skeletts (mit Hilfe von Motion-Capture-Kameras) sehr deutlich erkennbar, damit das Publikum versteht, wer dort als Skelett tanzt. Zeigt er aber einen ähnlichen Bewegungsablauf während er in der Rolle des Bürgermeisters tanzt, fügt er eine Menge Ironie hinzu und der Tanz wird komisch. Spielt er wiederum sich selbst, den Maestro, greift er nicht auf Altbekanntes zurück, sondern zeigt eine Reihe von innovativen Elementen, die die Choreografie in diesem Film völlig anders machen als bei jedem seiner bisherigen Tänze.

Ich sollte auch noch ein paar Worte zur Bühnenversion von Billie Jean sagen, da es wohl das ikonischste Stück von allen Solotänzen Michaels ist. Es ist sein Meisterwerk, basierend auf Minimalismus, aufgeführt wie ein Monolog in einem schmucklosen Bühnenbild, nur durch die Beleuchtung hervorgehoben. Nur ein wahrer Meister kann Menschen mit einer solch minimalistischen Form der Vorführung unterhalten ohne zu langweilen. Für mich persönlich ist es sehr viel interessanter, einer Improvisation zuzuschauen, wenn der Performer etwas Spontanes und Einmaliges zeigt. Billie Jean hatte immer Platz für Improvisationen. Dank seiner schlichten Eleganz und Individualität, formte Billie Jean für viele Jahre eines der Bilder Michael Jacksons mit dem größten Wiedererkennungswert. Es ist der Tanz von ihm, der am häufigsten benutzt wird, um Michael zu imitieren (was, wie ich sagen muss, meistens schlecht aussieht). Und es war Billie Jean, das bei Motown 25 zu einer Sensation wurde und Michael als Entertainer auf eine völlig andere Ebene hob.

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Für mich ist es offensichtlich, dass seine Motown 25 Performance sich in vieler Hinsicht von all seinen späteren Konzert-Versionen von Billie Jean unterscheidet. Sie ist noch nicht perfekt und der Moonwalk ist nicht so flüssig ausgeführt wie bei späteren Versionen. Vielleicht war der Boden nicht glatt genug. Dennoch ist die emotionale Ladung des Tanzes so elektrifizierend, dass sie nie von etwas anderem übertroffen wurde.

Motown 25 Billie Jean

Am Ende der Motown 25 Performance, wenn Michael innehält und zum Publikum schaut… Ich weiß nicht, wie ich den Ausdruck in seinen Augen beschreiben soll, aber ich verstehe ihn ganz und gar. Es ist so ein Moment, in dem ein paar Minuten alles verändern können. Du scheinst einen anderen Körper zu haben. Du versuchst, dich an alles zu erinnern, aber dir bleiben nur Bruchstücke, Erinnerungsscherben, Erinnerungen an Gefühle. Es ist ein solcher Energieschub, dass es sich anfühlt, als hättest du zwei Stunden anstatt nur zwei Minuten gearbeitet. Und natürlich ist es der energetischste Kontakt mit deinem Publikum – der dich nur noch mehr inspiriert. Wenn das Publikum etwas erwartet und du es mit etwas Neuem, zum ersten Mal gezeigten erfreuen musst, ist das ein ganz besonderer Moment. Ich sehe diese Performance immerzu an und denke mir, dass Michael hier eine Prüfung durchlaufen hat. Er hatte nicht einmal ein Spot Light. Nur ein Performer auf der Bühne. Aber trotzdem sieht es spektakulärer aus als als teure Shows mit Spezialeffekten.

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Das letzte Thema, welches ich ansprechen möchte, sind Michaels Fähigkeiten als Tänzer, und ob er davon als er älter wurde, etwas verloren hat. Leider habe ich diese Meinung, seine letzten Darbietungen bei This Is It betreffend, gehört.

Ich sage es mal so: Es gibt viele Arten, sich einen Tanz anzusehen, aber woran wir immer denken sollten ist, dass Tanz eine Kunst und kein Sport ist. Das sagte ich bereits, aber es ist wichtig, deshalb sage ich es noch ein Mal. Es ist sogar das Wesentliche. Tanz ist eine Kunst und kein Sport.

Natürlich steht Tanz in enger Verbindung mit dem Körper, deshalb sind die körperliche Konditionierung und die technischen Fähigkeiten ebenfalls Faktoren, wenn man eine Tanzvorführung bewertet. Es gibt technische Aspekte, die sind beim Ballett wichtiger, andere beim Volkstanz und wieder andere beim Tanzen auf einer Pop-Bühne. Dennoch müssen wir bei all der Bedeutung von Technik immer mit dem künstlerischen Inhalt beginnen. Die Technik kommt erst an zweiter Stelle. Das widerspricht deshalb nicht der Notwendigkeit gewisser Grundlagen, um die ein oder andere Bewegung auszuführen. Aber wir sprechen hier über ein Meisterwerk eines großen Stars und nicht über Anfänger.

Im russischen Ballett setzen sich die Tänzer mit 38 Jahren zur Ruhe. Könnt ihr euch das vorstellen? Nicht mit 50, nicht mit 45 – mit 38! Die Arbeitsbelastung ist natürlich gewaltig. Das ist der Grund dafür, warum dieses frühe Aufhören typisch für das klassische Ballett und keine allgemeine Regel für alle Arten des Tanzes ist. Dennoch sollten wir wissen, dass es diese Grenze von 38 Jahren gibt.

Natürlich tanzen einige Ballettstars auch viel länger. Maya Plisetskaya trat noch mit 70 Jahren auf. Aber jeder versteht, dass dieses Alter seinen Tribut zollt. Ein solcher Künstler hat normalerweise nicht mehr viele Auftritte, obwohl die Tickets heiß begehrt wären, weil die Menschen einen großen Star sowohl mit 20 Jahren als auch im Alter von 70 Jahren sehen möchten. Sie möchten Individualität und Inhalt sehen, keine perfekte Fouetté. Die Individualität ist in der Tanzkunst das Wichtigste, und das Hauptelement in der Performance eines Stars.

Ein anderes Beispiel: Beim Flamenco tanzen die Menschen bis ins hohe Alter. Es gibt da keinen Ruhestand mit 38 Jahren. Ich gehe dabei noch weiter und sage, im Allgemeinen beginnt ihre Karriere sogar erst nach dem 30. Lebensjahr. Niemand kann die körperlichen Veränderungen eines alternden Körpers leugnen – trotzdem tanzen die Spanier noch, wenn sie schon ziemlich alt sind, denn noch einmal, das Wichtigste ist der künstlerische Inhalt. Beim Flamenco sind Spiritualität und Kunstfertigkeit wichtiger als Technik. Aus dem Grund werden ältere Tänzer manchmal mehr geschätzt als jüngere: In dieser Kunst kannst du nur erfolgreich sein, wenn du eine gewisse Lebenserfahrung besitzt. Und es sehr wichtig, Persönlichkeit zu haben. Um auf die Bühne zu gehen und anderen etwas zu vermitteln, musst du anders sein und dich von anderen abheben.

Ich sage das, um die Unterschiede hervorzuheben – nicht nur zwischen den erstrangigen und zweitrangigen Elementen in der Kunst, sondern auch zwischen den Fähigkeiten eines Meisters und denen eines gewöhnlichen Performers. Es ist wichtig zu wissen, dass ein Meister manchmal nicht deshalb hervorsticht, weil er etwas beherrscht, was große körperliche Anstrengung erfordert, sondern weil er es auf unbeschreibliche und einzigartige Weise tut. Normale Performer begeistern dich oft dadurch, dass sie einen besonders hohen Sprung zeigen, oder eine von einem Choreografen gezeigte Sequenz perfekt erlernen. Natürlich ist beides sehr professionell. Aber diese Professionalität dient anderen Zwecken.

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Michael Jackson ist ein Pop-Tänzer, dessen Werke in den Bereich der darstellenden Kunst fallen. Wie im Volkstanz und dem klassischen Theater erschuf er einen bedeutungsvollen Dialog mit dem Publikum und mit Gott. Das war seine wichtigste Botschaft; das ist, was er dem Publikum vermittelte – sowohl intuitiv als auch unbewusst, wie ein professioneller und echter Künstler.

Er war 50 Jahre alt und dennoch war seine Darstellung perfekt. Was brauchte er sonst, um in seinem Genre zu performen? Nichts.

Ja, ich glaube, dass er nicht mehr in der Lage war, so viele Stunden am Stück mit der gleichen Energie zu tanzen wie er es mit 20 oder 30 Jahren konnte. Als gesunder 50-Jähriger Mann auf der Bühne zu stehen ist dennoch nicht so leicht wie mit 30 – es besteht ein Unterschied. Aber er musste nicht so viel Anstrengung hineinlegen. Ein Marathon ist etwas für Jüngere. Michael musste nur seine Individualität zeigen, seine Darstellungsform, sein Temperament und seine Leidenschaft. Und das war alles. Muss ich erwähnen, dass er all das hatte?

Wenn man Michael also in This Is It sieht, muss ich feststellen, dass, selbst wenn ich jede Sympathie bei Seite legen würde, er viel besser war, als seine Tanzcrew, denn sein Körper lebte jede Sekunde des Tanzes. Seine Tanzbewegungen sind für ihn ganz natürlich. Und ganz gleich wie sehr diese brillanten jungen Männer es auch versuchten, sie würden nie in der Lage sein, so zu sein wie er, selbst wenn sie sehr talentiert oder körperlich stärker sind. Eigentlich sollte ich das gar nicht erklären, denn es ist einfach die grundlegende Wahrheit. Der Grund, warum ich dennoch darauf eingehe ist die Verzweiflung darüber, dass manche Menschen das Grundlegende einfach nicht verstehen. Dieses Missverstehen macht mich traurig, nicht nur in Bezug auf einen solch herausragenden Tänzer wie Michael Jackson, sondern auch im weiteren Kontext des Verständnisses von Tanz als Kunstform und Gesellschaftsphänomen.

Noch eine wichtige Anmerkung: Michael wurde nicht nur älter, sondern er hatte in seinem Leben auch viele Prozesse und Widerwärtigkeiten durchgemacht. Das ist eine Tatsache. Aber ob er gesund war oder nicht ändert nicht wirklich etwas an seinen Fähigkeiten. Es ist klar, dass er ein schweres Leben hatte, aber dennoch verlor er nie die Fähigkeit, hervorragend zu singen und zu tanzen. Der Film zeigt das auf breitem Spektrum. Ich kann nur sagen, dass die Proben für Michael sicher anstrengend waren, aber dennoch wusste er, wie man hart arbeitet und meisterlich performt.

Bei der Art und Weise, wie er in dem Film tanzt, ist jede Bildsequenz ein Meisterstück. Oft ist der Tanz nicht sehr komplex. Es ist klar, dass Michael improvisiert, manchmal die gleiche Abfolge mehrmals wiederholt, was typisch für Improvisationen ist. Es ist nicht stressig für ihn, es ist wie eine Entspannung. An anderen Stellen spielt er nur herum. Aber es ist wundervoll. Auch wenn er nur herumspielt ist er ein Genie; er hat den Körper eines Genies. Sein Herumspielen ist auch einzigartig und kann nicht imitiert werden.

Michael sagte einmal zu Martin Bashir, ein Tänzer soll nicht denken, er muss fühlen. Das ist absolut richtig. Du musst dich in dem Fluss bewegen. Es kann zur Musik passen oder sich ohne sie entwickeln, wie eine unabhängige Visualisierung. Und es bedeutet nicht, dass du deinen Kopf leer machst – der Tanz ist nonverbale Information. Aber du kannst nicht unter psychologischem Stress stehen wenn du tanzt, oder du wirst versagen. Du musst dich frei fühlen.

Sprechen wir über technisch komplexe Elemente wie Sprünge oder Drehungen, muss man sagen, dass sie viel Konzentration benötigen. Aber eine Darstellung, die von außen betrachtet sehr komplex aussieht wird von dem Tänzer oft als entspannendes Element wahrgenommen. Körperwellen, sich wölbende Arme, ein Drehen des Nackens und Ausstrecken des Fußes – all das tut man mit dem Gefühl frei und leicht zu sein, wie ganz alltägliches Laufen. Deine Darstellungsform im Tanz wird zu deiner natürlichen Körpersprache.

Menschen wie Michael erlernen eine Darstellung nie Schritt für Schritt. Es ist Teil ihres Lebens. Du kommst nicht in den Ballettunterricht und überlegst, wie du eine Bewegung ausführst. Stattdessen fängst du einfach das Gefühl der Bewegung ein, du machst es einfach und es wird so natürlich wie atmen. Wenn du weißt, wie man es ausführt, weißt du es für immer – solange deine motorischen Funktionen intakt sind.

Wenn Tänzer sagen, Tanztraining sei die Hölle, dann bedeutet das, dass man nach 5 – 20 Minuten tanzen müde wird und nach ein paar Stunden völlig ausgelaugt ist. Aber es bedeutet nicht, dass du die ganze Zeit denkst: „Oh Gott, das ist so hart!“ Tanzen lässt dich selbstsicher und glücklich werden, trotz der körperlichen Belastung. Manchmal lässt der Tanz deine Füße bluten und deine Bänder schmerzen. Aber während du tanzt, versuchst du die Schmerzen zu ignorieren und sie erscheinen öfters schwächer, als sie wirklich sind. Wenn du in Ekstase bist, erscheint der Schmerz niemals vollständig. Das passiert. Auf der Bühne scheint alles wunderbar zu sein, fabelhaft, unvermittelt. Du bist high von deinem Adrenalin. Und manchmal spürst du die Schmerzen und die ganze Auswirkung deiner Übung erst am nächsten Tag.

Ich bin kein Arzt oder Wissenschaftler, der alle Vorgänge im Gehirn während dieses mentalen Zustands beschreiben kann. Aber ich kann sagen, dass die Bühne oft verdeckte Fähigkeiten und versteckte Reserven des Körpers zum Vorschein bringt, die durch unsere Fähigkeit den unterbewussten und veränderten Wahrnehmungszustand zu nutzen, hervorgebracht werden. Wieder kommen wir zurück zum wichtigsten Punkt dieses Artikels: Michael lebte den Tanz, deshalb ist es absurd zu sagen, seine späteren Fähigkeiten seinen schlechter als vorher.

Ein Poet des Tanzes

Ich könnte endlos fortfahren, aber es ist Zeit zu einem Ende zu kommen. Ich habe ein Bild gemalt, zu dem ihr ständig weitere Details hinzufügen könnt, wenn ihr möchtet, denn die Thematik der Kunst des Tanzes, global gesehen, ist unerschöpflich und Michael ist darin eine feste Größe. Ich hoffe, ich konnte die Hauptelemente des Bildes deutlich machen.

Um die Diskussion abzuschließen lasst mich zuerst wiederholen, dass Tanz das Spirituelle mit dem Materiellen verbindet, das Mysterium aller Mysterien öffnet und unser Bewusstsein jenseits aller Grenzen und Fesseln bringt.

Es gibt viele gute Tänzer, aber nur wenige von ihnen sind Künstler und Entertainer. Das Genre und der Bekanntheitsgrad spielen dabei keine Rolle. Was wichtig ist, ist, dass der Entertainer sich selbst seiner Kunst hingibt, in welchem Ausmaß er seine große Gabe realisiert und wie viel davon er mit dem Publikum teilt. Diese Gabe ist nicht nur Talent oder Brillanz. Die Gabe wird ermöglicht mit Hilfe des gottgegebenen Talents ein Diener des Tanzes zu werden, ihn zu lieben und seine heilige und universelle Bedeutung zu erfassen.

Michael Jackson war einer dieser tanzenden Poeten, der den Tanz selbstlos liebte und seine Essenz auf die Bühne brachte. Er entzündete einen Funken bei den Zuschauern, der sie hinter konventionelle Grenzen führte, ihnen ermöglichte, sich mit einer Sphäre wilder Energie zu verbinden, mit Emotionen und Schönheit, die man nicht mit Logik wahrnehmen, sondern nur fühlen kann. Er konnte Emotionen freisetzen und im Fluss der Improvisation unbeschreibliche Details erfinden, wie nur wenige Tänzer – und kein anderer Pop-Performer – es können. Die Spiritualität und Ästhetik, die er auf die Pop-Bühne brachte, waren einzigartig und beispiellos. Die Komplexität und zugleich die Einfachheit dessen, was er tat, fusionierte zu etwas Brillantem. Er wird in seinem Genre für sehr lange Zeit unerreicht bleiben. Ich möchte, dass das jeder versteht, nicht nur seine Fans.

Billie Jean Hat

Ich bin glücklich in seiner Zeit gelebt zu haben. Und ich bin froh, dass ich seine Videos schon zu einer Zeit ansehen konnte, in der es noch keine unnötigen Kommentare gab, so dass ich ihn ohne Vorurteile beurteilen konnte. Jahre später wurde es zu einem Trend ihn mit „wacko“ zu betiteln und ihn Monster zu nennen, und dann war es fast beängstigend zuzugeben, dass du Michael Jackson mochtest. Aber mich hat es dennoch nie davon abgehalten die Schönheit und Spiritualität seiner Kunst zu sehen.

Es ist schmerzhaft zu wissen, wie sein Leben endete. Es ist ein Unglück, dass Talent oft im negativen Licht gesehen wird, solange der Künstler noch lebt. Traurigerweise scheint das in der menschlichen Natur zu liegen. Ein talentierter und vielseitiger Mensch, mit unbeschreiblicher Begabung in Musik, Tanz und Drama, ist den Menschen nicht nur durch seine Werke bekannt, sondern auch durch eine Auswahl von Videofragmenten im TV und durch Geschichten der Klatschpresse, die keine Aufmerksamkeit wert sind. Bis heute gibt es keine anständige Fernsehdokumentation über ihn – alles was man zu sehen bekommt, sind ein paar pathetische, amateurhafte Dokumentationen, in denen Namen, Daten und Fakten durcheinander geworfen werden, die nichts über sein kreatives Genie aussagen. Die besten Konzertmitschnitte und Filme werden immer noch nur von seinen Fans angesehen. Es ist eine Schande, wirklich. Ich kann nur hoffen, dass sich eines Tages Gerechtigkeit durchsetzen wird. Und wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, damit dies mit Hilfe unserer bescheidenen Beiträge geschieht.

Ich glaube immer noch daran, dass der Tag kommen wird, an dem der Künstler Michael Jackson zu einem Klassiker wird und an dem man sich an ihn nicht nur als ein reines Pop-Idol erinnert, sondern als einen großartigen Entertainer und Humanitär, der „seinen Traum tanzte“.

Originaltext von Amor (Lubov Fadeeva)

Deutsche Übersetzung: M.v.d.Linden – mit einem ♥- Danke an Ilke für die Mithilfe

Michael Jacksons Andersartigkeit und Macht

by

Post vom 11/12/14

https://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Diese Woche freue ich mich, dass sich mir Susan Woodward, eine in Psychoanalytik ausgebildete klinische Sozialarbeiterin, anschließt. Sie ist außerdem die Autorin von Otherness and Power: Michael Jackson and his Media Critics (Andersartigkeit und Macht: Michael Jackson und seine Medienkritiker), einem Buch, das interessante Einblicke in die äußerst harsche Kritik, die bei der Berichterstattung über Michael Jackson vorherrschte, gibt. Anstatt diese einfach zu ignorieren oder dieser Kritik zu widersprechen, wozu viele von uns tendieren, ist Susan direkt in die schlimmsten davon eingetaucht und hat versucht die Gründe dafür aufzudecken. Und was sie herausgefunden hat, ist faszinierend!

Susan, danke, dass du hier bist, damit wir über deine Untersuchung und deren Analyse sprechen können.

Susan: Willa, ich fühle mich so geehrt, eingeladen zu sein, um mit dir über Michael Jackson zu sprechen. Ich muss anmerken, dass dein Buch M Poetica eine wichtige Inspiration für mein Buch war. Ich habe wirklich die Art bewundert, mit der du durch den Morast einiger der zentralen Kritikpunkte gewatet bist – plastische Chirurgie, die sich ändernde Hautfarbe, die Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs – und diese in aller Ruhe und auf intelligente Art angesprochen hast. Ich denke, dass Jacksons Fans vor der schärfsten Kritik zurückschrecken und dass die Kritiker die Fans als Fanatiker betrachten, aber du warst fähig, den Mittelweg als ein Verteidiger Jacksons zu gehen, der willens war, sich die Kritiker anzusehen und mit ihnen unparteiisch und auf effektive Art umzugehen.

Willa: Danke, Susan. Ich schätze das wirklich, und ich denke, deine Arbeit ist so interessant und wichtig. Anstatt gegen diese raue Kritik gegenüber Michael Jackson zu reagieren oder sie ganz einfach zu ignorieren, wozu viele von uns neigen, hast du wirklich versucht sie zu verstehen. Und eins der Dinge, die du während deiner Untersuchung entdeckt hast, ist ironischerweise die Tatsache, dass die Kulturkritiker, die am heftigsten mit ihm ins Gericht gingen, wenn sie über ihn schrieben, zu glauben schienen, dass er über ungeheure Macht verfügte. Das hat mich wirklich überrascht.

Susan: Mich hat das auch überrascht.

Willa: Also, ich bin neugierig, wie kam es dazu, dass du es entdeckt hast? Und was brachte dich dazu mit dieser Untersuchung zu beginnen?

Susan: Nachdem Michael Jackson gestorben war, interessierte es mich, alles über ihn zu lesen, was ich nur finden konnte. In dieser Zeit las ich einige ziemlich hasserfüllte Sachen, die ich zunehmend verwirrender fand und sogar schockierend, als ich mehr über ihn erfuhr. Ich bin eine klinische Sozialarbeiterin, also bin ich immer daran interessiert, was Menschen antreibt, und ich fragte mich, woher all diese Giftigkeit kam. Es gab die Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs, aber das waren höchst fragliche Anklagen gewesen, die niemals bewiesen wurden, und es gab reichlich Gründe für Schlussfolgerungen, dass diese Anschuldigungen nicht wahr sein konnten. Und schließlich fand ich heraus, dass die Anschuldigungen wenig mit dem Hass zu tun zu haben schienen, mit dem gegen ihn gezielt wurde.

Willa: Das sehe ich auch so. Woody Allen wurde zum Beispiel auch des Kindesmissbrauchs angeklagt, aber da gab es nicht diese Vorverurteilung wie bei Michael Jackson, und da war auch nicht diese extreme Hysterie und Antipathie, der Michael Jackson gegenüberstand. Da scheint also etwas mehr vor sich zu gehen. Es ist fast so, als hätten die Missbrauchsanschuldigungen den Leuten eine Entschuldigung dafür geliefert, starke negative Gefühle ihm gegenüber, die ohnehin schon im Untergrund brodelten, ausdrücken zu können.

Susan: Ja. Und zur Zeit der ersten Anschuldigungen, 1993, als er bereits fast ein Jahrzehnt ausgehalten hatte, dass er in unrichtigen, übertriebenen Geschichten in den Klatschblättern als „bizarr“ geschildert wurde, war die Öffentlichkeit darauf vorbereitet zu glauben, dass sich seine „Bizarrheit“ auf Kindesmissbrauch ausweiten könnte.

Willa: Das ist eine wirklich gute Feststellung, Susan. Michael Jackson selbst sagte in seiner Rede, als er einen Grammy Legend Award erhielt: „Mir war nicht bewusst, dass die Welt dachte, ich wäre so sonderbar und bizarr.“ Das war am 24. Februar 1993, ein paar Monate, bevor er Evan Chandler traf. Dann im August machte die Anschuldigung Schlagzeilen, also scheint es so, als wäre die Presse und die Öffentlichkeit in der Tat „vorbereitet“ gewesen ihn als „sonderbar und bizarr“ zu sehen, wie du sagst – und wahrscheinlich deswegen auch genauso als schuldig.

Susan: Oh ja. Ich denke, die negative Presse, die er bekam, hatte schreckliche Konsequenzen für ihn. Ich wollte gern mehr darüber verstehen, woher diese Feindseligkeit kam.

Susan Fast wies in ihrem Essay Difference that Exceeded Understanding (Anderssein, das über Verstehen hinausgeht) – einer der besten Titel, die es jemals gab – darauf hin, dass vieles an der Feindseligkeit gegen ihn aufgrund von Rassismus und einem tiefsitzenden Unbehagen gegenüber seiner „Andersartigkeit“, im Sinne der Art, auf welche er nicht lesbar und nicht zu klassifizieren war, hoch kam. Seine Merkmale für Rasse, Geschlecht, Alter und Sexualität waren schwer zu deuten und für viele verwirrend. Ich nenne diesen Unterschied „Andersartigkeit“ (Otherness). Obwohl ich dieses Unbehagen gegenüber seines Andersseins nicht teile, könnte ich zumindest verstehen, dass es manche dazu bringen könnte, ihn zu kritisieren. Aber ich hatte immer noch dieses nagende Gefühl, dass es noch etwas anderes gab, das ich nicht identifizieren konnte.

Also las ich weiter. Während ich ein besonders hasserfülltes, langes Kapitel von The Resistable Demise of Michael Jackson / Der aufhaltsame Untergang des Michael Jackson, einen von drei Werken, die ich in meinem Buch analysiere, las, begann ich zu bemerken, dass der Autor inmitten der Giftigkeit sich weiterhin auf Michael Jackson als König oder göttliches Wesen und weiterer erhabener Beschreibungen bezog. Oft wurden diese Begriffe auf sarkastische Art benutzt, aber alle 23 Autoren in diesem Buch benutzten diese Art Sprache, um ihn zu beschreiben, neben einer annähernd gleichen Anzahl von despektierlichen und hasserfüllten Begriffen. Als ich mich dann erneut mit dem Rest von Resistable Demise und den anderen zwei Werken, die in meinem Buch enthalten sind, befasste, erkannte ich, dass es da die These gab, er sei eine außergewöhnlich einflussreiche Person gewesen.

Und ich meine einen Einfluss der so ganz anders ist als einer, wie er von jeder anderen berühmten, wohlhabenden Person wahrgenommen werden würde und wie er für einen Musiker beispiellos ist. Die Kritiker, die ich mir für mein Buch angesehen habe, sahen ihn als eine königliche Person oder als jemanden mit fast übernatürlichen Kräften. Mir fällt keine andere Person der populären Kultur ein, die auf diese Art gesehen wurde. Aber gleichzeitig zerrissen ihn diese Kritiker dafür, dass er diese Eigenschaften besaß.

Die drei Arbeiten, die ich für meine Analyse auswählte, sind Dave Marshs Buch Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream von 1985 (In die Enge getrieben: Michael Jackson und der Traum von Crossover) , Maureen Orths Vanity Fair Artikel Losing His Grip (Kontrollverlust) von 2003 und The Resistable Demise of Michael Jackson (Der aufhaltsame Untergang des Michael Jackson), einer Sammlung von 23 Aufsätzen, die etwa sechs Monate, nachdem Michael Jackson starb, veröffentlicht wurde. Ich wählte diese speziellen Arbeiten aus, weil es sich bei jeder von ihnen um einen Überblick über sein Leben und seine Werke handelte statt der Betrachtung nur eines einzigen Ereignisses, und sie waren alle scharf kritisierend, manchmal sogar ziemlich hasserfüllt.

Willa: Ja, obwohl sie sehr unterschiedlich sind, wie du deutlich gemacht hast. In deinem Buch zeigst du, dass sie, während sie alle sehr negativ auf seine angebliche Macht reagieren, nicht alle diese Macht auf dieselbe Art sehen oder aus den gleichen Gründen dagegen reagieren. Dave Marsh zum Beispiel schien zu denken, Michael Jackson habe den Einfluss Rassenschranken aufzuheben, und er war tief enttäuscht, dass er diese Macht nicht auf die Art einsetzte, wie er es sich von ihm wünschte. Und ich muss sagen, es steckt einfach zu viel Ironie darin, dass ein Weißer einen Schwarzen dafür kritisiert, nicht genug dafür zu tun, den Rassismus zu beenden – besonders wenn es sich bei diesem Mann um Michael Jackson handelt, der mehr als irgendjemand sonst in der jüngeren Geschichte getan hat, Vorurteile aller Art, einschließlich Rassismus, zu beenden.

Susan: Ja, gut gesagt! Marsh sagt, er sei ursprünglich ein Fan Michael Jacksons gewesen, der ihn fast als Messias-Figur gesehen habe, als jemand, der Amerika, vielleicht sogar die Welt, in eine neue Zeit frei von rassischen, sexuellen und politischen Trennungen führen könnte. Marsh schreibt ziemlich sprachgewandt eloquent über dieses Gefühl.

Willa: Das tut er wirklich. Und auf eine merkwürdige Art ist er immer noch ein Michael Jackson Fan, denn er sieht solch ein enormes Potential in ihm – nicht nur musikalisch gesehen, sondern kulturell und spirituell. Und er erlegt ihm weiterhin seine Erwartungen auf, die Hoffnungen eines weißen Mannes, der nach einer mächtigen schwarzen Persönlichkeit sucht, die das komplexe Problem des Rassismus lösen wird. Hier ist zum Beispiel ein Zitat vom Schluss aus Marshs Buch:

Michael Jackson ist eine Sache, noch bevor er ein Sänger ist oder ein Erfolg oder ein Star oder irgendetwas sonst. Er ist eine schwarze Person in Amerika. Als ein Ergebnis davon brachte er einige Ketten zum Scheppern, wirbelte einige uralte Geister, scheuchte einige ehrwürdige Träume auf.

Die Geister der Sklaverei und des Rassismus sind vierhundert Jahre alt, aber ihre Macht ist frisch und stark. Die Träume, die er aufscheuchte sind genauso alt – die fantastische Hoffnung, dass wir irgendwie lange genug zusammengeführt werden, damit diese Geister zu Grabe getragen werden können.

Während seines gesamten Buches drückt Marsh einen enormen Respekt für Michael Jacksons musikalisches Talent, aber auch ein Verlangen danach ihn zu einer Moses-artigen kulturellen Figur werden zu lassen, die Amerika vom Rassismus wegführen soll. Und dieses Verlangen geht einher mit einer Abscheu darüber, dass er kein Moses ist – dass er nicht Marshs Phantasie darüber, was dieser sich von ihm wünschte, dass er es sei, erfüllte.

Susan: Das ist eine sehr kraftvolle Passage aus Trapped. Es ist solch eine Schande, dass Marsh nicht erkannte, dass Michael Jacksons Andersartigkeit, die er so scharf kritisierte, genau der Grund war, dass Marsh und andere „diese fantastische Hoffnung“ auf ihn projizieren konnten.

Willa: Das ist eine sehr gute Feststellung, Susan. Die wirkliche Ironie ist, dass Michael Jackson tatsächlich die Wurzeln des Rassismus bekämpfte – und sehr viel wirkungsvoller als alles, was David Marsh vorschlägt – aber er tat dies auf einer tiefsitzenden, beinahe unterwussten Ebene, die Dave Marsh nicht begreifen kann. Aber anstatt zu versuchen, zu verstehen, was Michael Jackson macht, greift Marsh ihn dafür das an, was er nicht macht.

Susan: Er hätte diese Andersartigkeit schätzen müssen.

Willa: Das denke ich auch. Und dann gibt es da Maureen Orth, die einen der schmutzigsten, aufrührerischsten Artikel über Michael Jackson geschrieben hat, der jemals veröffentlicht wurde. Sie hatte ebenfalls das Gefühl, er würde über enorme Macht verfügen, aber es ging um die Macht zu manipulieren und sogar um die Macht, die Leute zu kontrollieren. Während also Marsh glaubte, dass er über einen positiven Einfluss verfügte, den er vergeudete, glaubte Orth, er habe eine negative Macht, die er nur zu gut einsetzte.

Susan: Ja, Maureen Orth scheint wirklich von der Angst um Jacksons Andersartigkeit besessen zu sein. Man bekommt das Gefühl, sie würde denken, er sei so gefährlich, dass er es verdiente, bis ans Ende der Welt getrieben zu werden. Während sie seine Andersartigkeit zu fürchten scheint, scheint sie außerdem das Gefühl zu haben, dass diese Andersartigkeit genau das war, was ihm die Macht zur Manipulation anderer gab.

Willa: Das ist wirklich interessant, und etwas, was ich nicht bemerkt habe, bevor ich dein Buch las. Sie scheint definitiv sein Anderssein zu fürchten, wie du sagst – bis zur Hysterie. In ihrem Artikel behauptet sie beispielsweise, dass Michael Jackson einem Medizinmann aus Mali $ 150.000 bezahlt habe, damit dieser eine Voodoo-Zeremonie in der Schweiz durchführen würde, und dass er als Teil dieser Zeremonie 42 Kühe „rituell geopfert“ habe. Sie hat das tatsächlich in Vanity Fair veröffentlicht. Ich denke, man muss nicht betonen, wie lächerlich das ist – es ergibt keinen Sinn und so wie ich weiß, entbehrt es jeder Tatsache.

Einige Freunde in Deutschland haben für mich Kontakt zum Federal Office of Agriculture / FOAG (Bundesamt für Landwirtschaft) in der Schweiz aufgenommen, und sie erzählten ihnen, dass sie keinen Beleg dafür hätten, dass irgendetwas in dieser Art jemals passiert wäre. Das FOAG verfolgt den Weg jeder Kuh aus der Schweiz vom Zeitpunkt ihrer Geburt, bis sie geschlachtet und weiterverarbeitet wird – sie können dir genau sagen, welche Kuh oder Kühe in jeder Packung Fleisch, die in der Schweiz verkauft wurde, enthalten ist – und sie haben keine Aufzeichnungen über vermisste Kühe, keinen Beweis für irgendetwas wie dieses.

Susan: Das ist ein Meisterstück der Faktenüberprüfung!

Willa: So ist es. Ich bin so dankbar, dass sie es getan haben. Aber auch ohne das FOAG sollte diese Geschichte jeder vernünftigen Person als extrem unwahrscheinlich auffallen. Zum einen spricht es gegen alles, für das Michael Jackson jemals stand. Aber dazu denke ich auch, dass du etwas wie das nicht verstecken kannst. Kühe sind groß – etwa 1000 Pfund schwer – also würden 42 Kühe etwa 20 Tonnen wiegen. Wie sollte man 20 Tonnen toter Kühe verstecken? Wo bewahrt man sie auf? Wie bewegt man sie? Du kannst sie nicht einfach in den Kofferraum deines Autos stecken. Und trotzdem soll der sich am besessensten verhüllende Mensch der Geschichte dies irgendwie getan haben, und niemand wusste etwas davon? Das scheint einfach nicht möglich zu sein. Aber Orth akzeptiert diese wilde Geschichte blind und berichtet sie als wahr, ohne irgendwelche Fakten zu überprüfen, soweit ich weiß.

Susan: Ich habe herausgefunden, dass diese mangelnde Faktenüberprüfung für viele Dinge gilt, die sie in dem Artikel sagt. Ich muss sagen, dass ich eine Menge Spaß beim Überprüfen der Fakten hatte, was normalerweise vor der Veröffentlichung getan werden müsste – und wodurch leicht einige offenkundige Fehler gefunden worden wären. Sie schien wirklich das glauben zu wollen, was für sie am besten zu Michael Jackson passte. Zu denselben Zeilen zitierte sie zahlreiche Quellen für den Artikel, aber fast alle davon sind entweder anonym, und es stecken offensichtliche Motive dahinter, mit denen schlechte Dinge über ihn gesagt werden sollen oder es handelt sich um Leute (wie z.B. plastische Chirurgen), die keinerlei Verbindung zu ihm hatten.

Willa: Das stimmt. Die Frage ist, warum sie eine solch haarsträubende Geschichte als wahr akzeptiert hat, und ich denke, es ist deswegen, weil sie empfänglich dafür war es zu glauben – sie sah ihn als so vollkommen anders an, dass sie dachte, er wäre zu allem fähig.

Susan: Dem stimme ich ganz sicher zu. Ich denke, es ist aussagekräftig, dass sie ihren Artikel mit diesem unglaublichen Voodoo-Szenario beginnt. Diese Geschichte stellt ihn als jemanden von anderer Rasse dar, leichtsinnig große Summen Geld verschwendend und gleichgültig gegenüber dem Leben anderer, in diesem Fall gegenüber Tieren. Ganz sicher lässt es den leichtgläubigen Leser glauben, dass er zu allem fähig war.

Willa: So ist es wirklich. Und dann gibt es da noch die vielen Kritiker in The Resistable Demise. Unglücklicherweise habe ich die Sammlung von Aufsätzen nicht gelesen, aber du zeigst, dass diese Autoren – und noch einmal, dies sind alles Musik- und Kulturkritiker, die äußerst negativ über ihn schreiben – die Ansicht ausdrücken, er habe fast übernatürliche Kräfte, was sehr überraschend ist. Das kommt so unerwartet. Und während du es analysierst, stellt du zwei Begriffe vor, die ich vorher noch nicht gehört habe: „Angelismus“ und „Bestialismus“. Kannst du sie ein wenig erklären?

Susan: Der Begriff „Angelismus“ wurde in den 1940ern von Jacques Maritain, einem französischen Philosophen, geprägt. Angelismus ist die irrtümliche Sicht auf den Menschen als vornehmlich göttlicher Natur, reinen Geistes und Verstandes. Angelismus bezieht sich, nebenbei gesagt, nicht speziell auf Engel. Die gegenteilige, und nicht weniger irrige Sichtweise ist die auf den Bestialismus, die besagt, dass Menschen nur durch körperliche, selbstbezogene Interessen, wie zum Beispiel Gier, Lust, Neid motiviert werden. Diese Sichtweisen sind natürlich falsch, da wir alle durch eine Art Kombination sowohl des Angelismus, als auch des Bestialismus getrieben werden. Michael Jackson wurde mehr und mehr von vielen als ein engelhaftes Wesen gesehen, als jemand, der frei zu sein schien von den normalen menschlichen Kategorien von Rasse, Geschlechtereinteilung und Alter. Und er wurde von vielen als „bestialisch“ / entmenschlicht angesehen, als jemand, der physisch verfiel und moralisch verdorben war.

Willa: Das sind solch nützliche Gedanken, um die Reaktionen auf Michael Jackson zu verstehen, denke ich. Ich habe diese Begriffe nie vorher gehört, aber nachdem ich dein Buch gelesen und etwas über diese Gedanken erfahren habe, habe ich diese Aufteilung in Angelismus / Bestialismus, die ihm ständig aufgedrückt wurde, erkannt, sowohl von denen, die ihn loben, als auch von jenen, die ihn kritisieren.

Susan: Ja, wenn du dir der Aufspaltung zwischen Angelismus / Bestialismus erstmal bewusst bist, dann erkennst du es in so vielem, wie er gesehen wurde.

Willa: So geht es einem wirklich. Und weißt du, es ist wirklich interessant, wie diese Kategorien an Eleanor Bowmans Vorstellung von Transzendenz anknüpfen, wie sie vor einiger Zeit in einem Post mit uns diskutiert hat. Transzendenz betrachtet manche Menschen vorrangig im Bereich des Geistigen – sie beabsichtigen die Grenzen ihres Körpers zu „überschreiten“ (transzendieren) – während andere Menschen zuerst einmal als Körper gesehen werden. Diese zwei Kategorien scheinen ziemlich direkt die zwei Einteilungen mit Angelismus, der Menschen vorrangig im geistigen Bereich betrachtet – „reiner Geist und Verstand“, wie du sagtest – über die du gerade gesprochen hast, abzubilden, während Bestialismus Menschen zuerst einmal im Bereich des Körpers und dessen Bedürfnisse und Sehnsüchte sieht. Ist das richtig?

Susan: Da würde ich zustimmen. Die Weltsicht der Transzendenz beinhaltet, das Geistige getrennt vom Materiellen und das Materielle dem Geistigen untergeordnet zu sehen. Es ist eine polarisierte Art die Realität wahrzunehmen, sehr ähnlich den extremen Polen von Angelismus und Bestialismus. Michael Jacksons Kritiker nutzten das entmenschlichende / bestialische Ende des transzendenten Spektrums, um ihn zu erniedrigen, um die angelistische, sehr viel schmeichelhaftere Sicht von ihm zu kompensieren.

Willa: Ja, aber während die angelistische Sicht eher positiver zu sein scheint, ist sie trotzdem unrealistisch und kann genauso problematisch sein. Eleanor erkennt, dass Michael Jackson diese Einteilung hinterfragt und eine neue Sichtweise – eine der Immanenz / des Innewohnens anbietet – in der Geist und Körper vollkommen ganzheitlich und untrennbar sind. Aber die Kritiker, die du untersucht hast, scheinen der Sichtweise des Trennens von Geist und Körper nachzugeben und ihn entweder als das eine oder als das andere zu sehen. Welche Beispiele gibt es also davon, wie Kritiker Michael Jackson durch die Linse des Angelismus sehen? Und des Bestialismus?

Susan: The Resistable Demise (ich weiß immer noch nicht, was dieser Titel eigentlich bedeuten soll) ist fruchtbarer Boden für Beispiele der angelistischen und der bestialistischen Sichtweise von Michael Jackson. Viele der benutzten Wörter, die auf beiden Seiten dieser gegensätzlichen Pole benutzt werden, waren so außergewöhnlich, dass ich Listen davon in mein Buch aufgenommen habe. Auf der bestialistischen Seite beispielsweise benutzen die Autoren der Aufsätze Wörter und Ausdrücke wie „freakig“, „unmenschlich“, „ziemlich komischer Mädchen-Mann“, „Darth Vader nicht unähnlich – eine entartete Hülle blassen Fleisches, durch eine komplex vermittelnde Maschinerie gerade so am Leben gehalten“, „Zombie Jackson“, „selbst-kastrierter Asexueller“, „Wesen von absoluter Seelenlosigkeit“, „Monster“, „Offenbarung einer wahren Bestie“ und „biotisches übergeschnapptes Bestandteil“. Ich könnte noch weitermachen. Es gibt hunderte von Beispielen in Resistable Demise. Beachte, dass sich viele von diesen Ausdrücken auf den Körper beziehen und eine Unterstellung des Zerfalls, der moralischen Korruption und Geistesstörung vornehmen – dem genauen Gegenteil der angelistischen Sichtweise.

Willa: Ja, so ist es. Und eigentlich ist es so, dass sich viele der schärfsten Kritikpunkte gegenüber Michael Jackson darauf konzentrieren, dass er in irgendeiner Weise die Unversehrtheit des Körpers korrumpiert habe, wie der wiederholte Trugschluss darüber, er habe so viele plastische Operationen gehabt, dass seine Nase zusammenfiele. Und im Grunde sind die Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs oder die Verdrehungen eine weitere Form der körperlichen Korruption und ebenso sind es die Behauptungen des umfangreichen Medikamentenmissbrauchs. Diese Art Kritik fokussiert sich also auf die Wahrnehmung körperlicher Korruption.

Susan: Und die angelistischen Begriffe, die in Resistable Demise benutzt werden sind ebenso extrem und sehen ihn als von seinem Körper getrennt, als ein rein geistiges Wesen: „Gott“, „ein Wesen der Jugend und Leichtigkeit, dessen Auftritt jeglicher emotionaler Schwerkraft trotzt“, „jenseitig“, „ein Engel, der auf die Erde fiel“, „außerhalb der menschlichen Gesetze“, „eindringender Erlöser“, „der Schwerkraft trotzend“, „Erzengel“, „überirdisch“, „verblüffend“ und „nicht materiell“. Wie bei den bestialistischen Begriffen enthält Resistable Demise hunderte ähnlicher Beispielen von angelistischen Begriffen, zusätzlich zu den vielen Referenzen für ihn als königliche Persönlichkeit. Und dies ist ein Buch, das in einem äußerst rauen Ton kritisch ist.

Willa: Sogar sein Tanz wird als ein Beispiel benutzt, was so ironisch ist. Ich meine, Tanzen ist die Körperlichste aller Kunstformen. Trotz der Tatsache, dass er mit seinem Körper Dinge tun konnte, wie es kaum ein anderer konnte, wurde er als körperlos porträtiert: „Ein Wesen der Jugend und Leichtigkeit, dessen Auftritt jeglicher emotionaler Schwerkraft trotzt“, wie du gerade zitiert hast.

Susan: Eins der Dinge, die mir immer wieder in den Sinn kommen, wenn ich diese angelistischen und bestialistischen Begriffe lese, ist: Denken diese Autoren wirklich, sie würden ein wirkliches menschliches Wesen beschreiben? Du kannst leicht erkennen, dass beide Sichtweisen abwegig sind. Man kann sich nur schwer eine derart geschwächte Person wie in der bestialistischen Sichtweise vorstellen. Aber es ist genauso schwer sich vorzustellen, dass Michael Jackson wirklich ein göttliches Wesen war. Ich weiß allerdings, dass es Menschen gibt, die von der einen oder der anderen Sichtweise absolut überzeugt sind.

Es gab viele Gründe dafür, dass so viele Michael Jackson in einem angelistischen Licht sahen. Jeder, der viel über ihn liest, erfährt, dass er seinem Publikum eine „magische“ Erfahrung schenken wollte, und eine Person, die magisch erscheint, wirkt auch so, als wäre sie ein angelistisches Wesen. Es gibt reichlich Beispiele für magische Verwandlungen in den Kurzfilmen, die er für seine Songs gemacht hat. In Remember the Time taucht er aus wirbelndem Sand auf und verschwindet später wieder in wirbelndem Sand. In Black or White bewegt er sich mühelos zwischen Szenen darstellender Tänzer aus verschiedenen Kulturen hin und her, dann verwandelt er sich von einem Panter in sich selbst und wird zum Schluss wieder zum Panter. In Smooth Criminal, Bad und Beat It verwandelt sein Tanz die Stimmungen und Handlungen der Menschen um ihn herum. In Billie Jean lässt er den Gehsteig aufleuchten, sobald er ihn betritt.

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Willa:
Ja, und es wird auch angedeutet, dass er sich in einen Tiger verwandelt.

Susan: In der Version von You are Not Alone, die auf der DVD Sammlung HIStory on Film, Volume II erscheint, taucht er als wirklicher Engel auf.

Das Ausmaß und die Bandbreite seiner Talente war natürlich auf positive Art  Ehrfurcht einflößend und konnte ganz sicher als jenseits aller Möglichkeiten normal Sterblicher gesehen werden. Meine Theorie ist die, dass sein Tanz mehr als seine anderen Talente den Eindruck vermittelte, er sei nicht ganz von dieser Welt. Ich konnte diese Theorie unglücklicherweise nicht glaubhaft untermauern, so dass ich es nicht mit in mein Buch aufnahm, aber ich weiß, dass jedes Mal, wenn ich ihn auftreten sah, meine spontane Reaktion war, dass ich überwältigende Freude spürte und fast auch ein Schockgefühl darüber, dass jemand sich auf diese Art bewegen konnte, wie er es tat. Du hast darauf hingewiesen, dass Tanzen die körperlichste aller Kunstformen ist. Diese Tatsache, dass er eine körperlich anstrengende Handlung  und dies scheinbar auf eine Leichtigkeit und mit solch fließender Anmut vollführte, auf eine Art und Weise, die selbst, wenn er mit anderen ausgezeichneten Tänzern auftrat, herausstach, ist ganz sicher „magisch“.

Willa: Es sieht sicherlich ganz danach aus, nicht wahr? Er erzählte Randy Taraborrelli in den späten 1990ern, dass sein Tanz schwere körperliche Arbeit war:

Wenn ich die Bühne betrete, erwarten die Leute sehr viel. Sie wollen den Tanz, sie wollen die Drehungen und alles. Aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch machen kann. Ich weiß nicht, wann es einfach nicht mehr möglich sein wird.

Er war also menschlich. Aber für das Publikum, das ihn tanzen sah, fühlte es sich ganz sicher magisch an, nicht?

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Susan:
So war es ganz sicher. Und die persönlichen Eigenschaften, die ihn für so viele Leute „anders“ wirken ließen, waren ein anderer Hauptgrund dafür, dass er als angelistisch wahrgenommen wurde. In Resistable Demise wird er ein „zu etwas Neuem werdender postmoderner Traum“, „rassenlos und alle Rassen“ und „befreit von bloßem Fleisch, Bestimmung, festen Rollen von Rasse und Geschlecht“ genannt. Die absolute Nicht-Lesbarkeit seiner Rasse, seiner Geschlechterzugehörigkeit, seines Alters und seiner Sexualität verliehen ihm die Austrahlung eines Gestaltwandlers und ließen ihn so erscheinen, als habe er das bloße Leben eines Sterblichen und dessen Grenzen hinter sich gelassen.

Willa: Ja, obwohl das nur eine Projektion ist. Was ich damit meine, ist, dass sein Körper nicht so sehr das Problem war wie das, was andere Menschen auf seinen Körper projizierten und wie sie das dann interpretierten. Er hatte zum Beispiel ganz eindeutig eine geschlechtliche Zugehörigkeit und ein Alter. Er passte nur nicht zu den vorgefertigten Vorstellungen darüber, inwieweit sein Alter und seine Geschlechterrolle ihn definieren sollten.

Susan: Ja, das ist es, was so faszinierend an all diesem ist: Es ist wirklich nur Projektion.

Wir haben darüber gesprochen, wie Michael Jackson in Worten beschrieben wurde, aber es gibt visuelle Darstellungen von ihm als einem angelistischen oder bestialistischen Wesen. Manche von ihnen sind subtil, wie dieses hier:

Susan Woodward_earth-song-portrait-cropped

Dieses Foto wurde etwa 1995 während der Zeit des HIStory Albums aufgenommen. Sein Gesicht ist sehr blass, es scheint fast von innen zu leuchten und lässt alle Gesichtszüge mit Ausnahme seiner Augen, Lippen und in etwas geringerem Ausmaß seine Nase undeutlich erscheinen. Man kann seine Gesichtsstruktur, wie seine Wangenknochen oder Kleinigkeiten wie Bartwuchs nichtmal erahnen. Und er erscheint nahezu perfekt androgyn. Dieses Foto ist denen italienischer Portraits der Renaissance ähnlich, so dass es sogar schwer zu sagen ist, in welche Zeit er gehört. Kurz gesagt, er erscheint als ein etwas entrücktes Wesen, das frei ist von Bindungen an Geschlechterrollen, an Zeit und vielleicht sogar an menschliche Formen. Willa, in deinem Buch M Poetica hast du das Wort „ätherisch“ benutzt, um diese leuchtenden, blassen Abbildungen von ihm während dieser Zeit zu beschreiben, und ich denke, das ist das perfekte Wort.

Dieses nächste Bild allerdings ist ein wortwörtliches, blumiges Beispiel einer angelistischen Darstellung:

Susan Woodward_2009-painting-by-david-lachapelle

Dies ist Archangel Michael: And No Message Could Have Been Any Clearer (Erzengel Michael: Und keine Botschaft könnte deutlicher sein) von dem Künstler David LaChapelle. Es ist eins von drei Bildern, die er von Michael Jackson als Serie machte und American Jesus nannte.

Willa: Wow, es gibt keinen Zweifel daran, dass dies angelistisch ist, nicht wahr?

Susan: Ja, es ist wirklich auf die Spitze getrieben. Nebenbei gesagt, wenn du „Michael Jackson Engel“ in Google eingibst, dann findest du dutzende Bilder von ihm als buchstäblichem Engel. Dieses allerdings ist wahrscheinlich das Vollkommenste. Ich muss nicht weiter kommentieren, was dies zu einer angelistischen Darstellung macht.

Dies Bild wirkt, weil der Erzengel Michael Jackson ist und niemand anderer. Stell dir, sagen wir mal, Mick Jagger oder Prince als den Erzengel vor. Ich glaube nicht, dass das denselben Sinn ergeben würde.

Willa: Nein, würde es nicht, und das ist eine wirklich wichtige Feststellung, Susan. Ich hab mal einen Artikel über politische Ausrutscher gelesen, und warum manche so oft ausgestrahlt werden – wie beispielsweise Dan Quayle, der „Tomaten“ falsch buchstabiert oder George Bush, der nicht weiß, was ein Kassenscanner im Supermarkt ist oder Sarah Palin, die sagt, sie könne Russland von ihrem Haus aus sehen – und andere nicht. Und die Antwort war, dass die Ausrutscher, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiteten, diejenigen waren, die vorgefasste Vorstellungen anzapften, die die Öffentlichkeit bereits über diese Person hatte – nämlich dass Dan Quayle nicht gebildet genug sei, um Vize-Präsident zu sein, dass George Bush vollkommen realitätsfern gegenüber der Alltagswelt des Mittelklasse-Amerikaners dachte und dass Sarah Palin dazu neigte, das zu glauben, was sie glauben wollte.

Wenn das stimmt, dann impliziert dies, dass es bereits eine vorgefasste Meinung darüber gab, dass Michael Jackson „engelsgleich“ war auf eine Art, auf die Bad Boy Rocker wie Mick Jagger und Prince es definitiv nicht waren. Aber Michael Jackson wurde außerdem noch von der Presse und in der öffentlichen Vorstellung dämonisiert. Es ist so interessant, dass diese zwei gegensätzlichen Bilder Seite an Seite existierten.

Susan: Nun, ich denke nicht, dass „engelsgleich“ das ganz richtige Wort ist. Mit „engelsgleich“ ist normalerweise süß gemeint. Du kannst sicherlich das erste Bild, über das wir sprachen, auf diese Art charakterisieren, weil er darin so erscheint, als habe er eine entrückte Frömmigkeit. Aber das Bild des Erzengels Michael ist nicht süß. Er ist kraftvoll genug, um Satan zu bezwingen, und obwohl er eine bewegungslose Haltung einnimmt, tritt er auf Satan und es liegt ein Schwert zu seinen Füßen, das einen nur ein paar Momente vorher stattgefundenen gewaltsamen Kampf andeutet. Und die Macht des Erzengels findet ihr Echo in dem stürmischen Himmel, dem dunklen Meer und den schroffen Felsen hinter ihm. Er nutzt seine Macht für etwas Gutes, aber es ist eine Macht, die man fürchten muss.

Willa: Das ist interessant, Susan, und es erinnert mich an ein YouTube Video über den heiligen Erzengel Michael, das Stephenson vor einigen Wochen in einem Kommentar mit uns geteilt hat:

Du hast gesagt, der Heilige Michael ist ein Engel, aber es ist nicht „engelsgleich“ im gewöhnlichen Sinn. Er ist machtvoll. Und du sagtest, „er nutzt seine Macht für etwas Gutes, aber es ist eine Macht, die man fürchten muss.“

Susan: Und ich denke, es ist diese Macht, die in diesem Bild des Erzengels dargestellt ist, die so verstörend auf seine Kritiker wirkt. Der eher milde angelistische Michael Jackson, den wir in dem ersten Bild sehen, würde wahrscheinlich von den Kritikern herumgestoßen werden, aber nicht auf die Art und Weise, wie es mit dem eher machtvollen, bedrohlich angelistischen Michael Jackson geschah.

Und für den Fall, dass irgendjemand denkt, dieses Erzengel-Bild wäre nur eine Ausnahme, der sollte bitte einen weiteren Blick auf die angelistischen Begriffe werfen, die ich weiter vorn aus Resistable Demise zitiert habe. Diese Begriffe sind nur zufällige Beispiele, da werden noch quer durch das ganze Buch hindurch viele, viele mehr benutzt – von sehr scharfen Kritikern – die auf dieses Bild des Erzengels angewandt werden können.

Willa: Und das wirft einen weiteren Gedanken aus deinem Buch auf, den ich wirklich faszinierend fand: das Phänomen des „Umschaltens“. Kannst du das ein wenig erklären?

Susan: Die gegensätzlichen Sichtweisen des Angelistischen und des Bestialistischen können manchmal zwei Seiten derselben Medaille sein. Bei manchen Menschen, besonders bei jenen mit Persönlichkeitsstörungen, gibt es eine starke Tendenz zu „spalten“, was bedeutet, dass sie alles in den Extremen der Überidealisierung und Abwertung sehen: nur gut / nur schlecht, nur schwarz / nur weiß. Dies soll seinen Ursprung in der frühen Kindheit haben, in der das Kind beginnt mit Hilfe dieser einfachen und extremen Begriffe zu urteilen. Die meisten von uns lernen schließlich die grauen Bereiche, die Abstufungen zu erkennen und einzuschätzen. Nebenbei gesagt, fast jeder, der wirklich wütend über etwas ist, kehrt kurzzeitig zu dieser nur guten / nur schlechten Sichtweise zurück.

Dieses Spalten ist allerdings nicht notwendigerweise beständig. Das Spalten kann sich auch zum „Umschalten“ werden, das heißt, dass etwas, was bisher als nur gut gesehen wurde, plötzlich nur schlecht zu sein scheinen kann. Das passiert oft nach einer Enttäuschung, die für andere kaum Konsequenzen zu haben scheint, aber für jemanden, der die Welt in solch polarisierenden Ausprägungen sieht, wie ein großer Verrat erscheint. Das Umschalten kann auch in die andere Richtung gehen, von nur schlecht zu nur gut.

Während ich sicherlich keinerlei Schlüsse über Dave Marshs Persönlichkeit ziehen will, schreibt er in Trapped über genau diese Art des plötzlichen und extremen Umschwungs seiner Gefühle für Michael Jackson, nach der Erfahrung von „Haarrissen“ (Marshs Ausdruck) bei seiner Idealisierung von Jackson.

Willa: Das ist so interessant und ich denke, es ist eine wirklich nützliche und scharfsinnige Art, die plötzliche Umkehr der Gefühle, die Dave Marsh und auch andere erleben, zu verstehen zu versuchen. Was ich meine, ist, dass Marshs plötzliche Wendung auch symbolisch für das steht, was unter den Kritikern als Gesamtheit passiert ist. Als Michael Jackson ein aufstrebender Superstar war, der neueste Trend, war es, als könnte er nichts falsch machen. Aber als er erst einmal das Ziel erreicht hatte und an der äußersten Spitze war, änderte sich die Wahrnehmung von ihm radikal – sie „schaltete um“, wie du sagst – und plötzlich konnte er nichts mehr richtig machen.

Es ist also interessant, sich Dave Marsh nicht nur als einzelnen Kritiker anzusehen, sondern auch als jemanden, der eine gesamte Klasse von Kritikern repräsentiert, die etwa zur selben Zeit wie er „umschalteten“, und durch ihn einige Einblicke zu erlangen, warum das passiert war.

Susan: Das sehe ich auch so. Wir müssen Dave Marsh dafür dankbar sein, dass er so offen über seine Gefühle berichtet! Ich vermute, dass Neid auch eine große Rolle bei den Gefühlen von Marsh und bei vielen seiner Kritiker spielte, obwohl das schwer zu beweisen ist.

Willa: Da stimme ich dir zu. Michael Jackson selbst schien zu denken, dass Neid – Rassenneid ganz speziell – eine vorherrschende Motivation für viele war, die ihn kritisierten. Joie und ich sprachen darüber in einem Post im vergangenen Februar.

Susan: Das Spalten und das Umschalten bei der Spaltung sind natürlich Projektionen. Alles, worüber ich hier wirklich rede, sind Projektionen anderer dessen, was Michael Jackson war. Dave Marsh hat sicherlich eine enorme Menge an Recherchen für Trapped durchgeführt, aber seine Interpretation dessen, was er erfahren hat, scheint für mich ohne jegliche Abstufungen zu sein, als ob er heimlich ein Hühnchen mit jemandem zu rupfen hatte. Und keiner der anderen Autoren, die ich in meinem Buch untersuchte, hielt das für nötig, was ich eine ernsthafte Recherche nennen würde. Sie projizieren, weisen Michael Jackson Eigenschaften zu, die mit tiefsitzenden Ängsten und Hoffnungen bei demjenigen, der die Projektion vornimmt, übereinstimmen. Es ist faszinierend, dass eine einzige Person solch polarisierende, starke Reaktionen in anderen hervorrufen kann.

Willa: Ja, das ist es. Ich denke, das ist Teil seiner Macht als Künstler – dass die Leute ihn ansahen und eine Reflexion ihrer tiefsten Ängste und Sehnsüchte erkannten. Es ist also eine Tatsache der Ironie, dass du es auch als die Quelle vieler seiner Probleme siehst.

Susan Woodward_1992-june-daily-mail-cover


Susan:
Und hier ist eine weitere Projektion davon, wer Michael Jackson war. Wie du in deinem Buch feststellst, Willa, liebte es die Presse, Fotografien von Michael Jackson zu veröffentlichen, die ihn so erscheinen ließen, als habe er mehr plastische Operationen gehabt, als es tatsächlich der Fall war. Dieses Foto, das ganz eindeutig manipuliert wurde, wurde 1992 im Daily Mirror veröffentlicht.

Das Foto ging mit einem Artikel einher, in dem behauptet wurde, er habe so viele plastische Operationen gehabt, dass sein Gesicht auf scheußliche Art verunstaltet sei. Er verklagte den Mirror wegen Verleumdung, und die Klage wurde 1998 beigelegt, nachdem Ärzte des Mirror sein ungeschminktes Gesicht untersucht hatten und dann das Eingeständnis herausgaben, dass sie im Unrecht waren und sich entschuldigten.

Willa: Ich bin froh, Susan, dass du diesen Vorfall erwähnt hast, denn er ist ein wichtiger Beweis dafür, dass die Gerüchte um die plastischen Operationen unbändig übertrieben wurden, jedoch bekam es nicht annähernd die Aufmerksamkeit, wie es sollte. Hier ist das, was in einem BBC Artikel darüber gesagt wurde:

Am Gerichtshof in London räumten die Mirror Group Newspapers und der frühere Herausgeber der Zeitung Richard Stott ein, dass Michael Jackson weder auf scheußliche Art verunstaltet noch vernarbt sei.

Mr Jacksons Anwalt Marcus Barclay … teilte dem Gericht mit: „Vertreter der Zeitung The Mirror haben sich in der Zwischenzeit direkt mit dem Kläger getroffen und mit eigenen Augen gesehen, dass die Fotografien … das Aussehen des Klägers nicht auf korrekte Art und Weise darstellen …“

Susan: Während dies wie ein glückliches Ende erscheint, trug es nicht dazu bei den jahrelangen Gerüchten, dass er durch plastische Operationen grotesk entstellt sei, ein Ende zu machen, Gerüchte, die noch Jahre später von Maureen Orth und vielen der Autoren von Resistable Demise wiederholt wurden.

Willa: Und das ist etwas, was wir auch oft bei ihm sehen – das Gerüchte über ihn überhöhte und unberechtigte Aufmerksamkeit erhalten, während nachfolgende Artikel, die jene Gerüchte widerlegen, fast keine Aufmerksamkeit erhalten.

Susan: Ja, es ist eindeutig so schwierig den Schaden negativer Stories ungeschehen zu machen, wenn sie erst einmal draußen in der Welt sind.

Dave Marsh nannte Michael Jackson sarkastisch „den außergewöhnlichsten Kerl der Welt“. Ich denke, diese eine Feststellung, Sarkasmus beiseite, trägt viel dazu bei, die Situation, in der sich Michael Jackson selbst befand, zu erklären. Seit den 1960ern hat sich unsere Gesellschaft, allerdings unvollkommen, dahin bewegt bisher am Rande stehende Rassen- und Völkergruppen zu akzeptieren, und heute kämpfen wir mit der Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Ehen und damit transsexuelle Menschen verstehen zu lernen. Aber Michael Jackson war für sich allein eine eigene Kategorie, was meiner Meinung nach der Grund dafür ist, dass der Hass gegen ihn so unkontrolliert war. Mit anderen Worten, es gab keine Richtlinie für politische Korrektheit, mit der man Kritiker zu beherrschen und sie ihre Reaktionen überdenken lassen konnte. Jeder der von mir analysierten Autoren wusste, dass offen geäußerte rassistische Meinungen nicht akzeptabel waren, es gibt also wenige Meinungen dieser Art in Zusammenhang mit ihren Aufzeichnungen. Aber es war nicht inakzeptabel, Michael Jackson auf schlimmste Weise für die Änderung seiner Hautfarbe, seiner kindlichen Art und sexuellen Mehrdeutigkeit zu kritisieren.

Das ist der Grund, warum ich mich so sehr darum sorge, wie Michael Jackson behandelt wurde. Die negativen Reaktionen, die er erhielt, sagen so viel über die Art, wie wir ohne Fragen zu stellen auf Menschen, die als „anders“ wahrgenommen werden, reagieren, und wie schnell wir damit sind, das erhaltene Wissen über Randgruppen einfach hinzunehmen, sogar wenn, wie in Michael Jacksons Fall, die an den Rand gedrängte Person gleichzeitig äußerst berühmt ist.

Willa: Ich stimme dem vollkommen zu. Mein Sohn ist in der High School, und es wird gerade sehr großer Wert auf die Verhinderung von Schikane gelegt, besonders bei Kindern, die anders sind. Es ist jedoch offensichtlich immer noch akzeptabel für die Klatschpresse, Prominente zu schikanieren und Cybermobbing zu betreiben. Ich sehe manchmal Bilder und Überschriften in den Boulevardzeitungen und denke, wenn ein High School Schüler so etwas über einen Klassenkameraden posten würde, dann würde er suspendiert werden – und er sollte es. Diese Art der Schikane ist nicht okay. Es wird jedoch in der Klatschpresse und sogar gelegentlich in der Mainstream-Presse toleriert. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Michael Jackson zu Tode schikaniert wurde – dass er in Folge jahrzehntelanger Schikane durch die Presse starb.

Susan: Ich bin mit allem, was du gesagt hast, vollkommen einverstanden. Es gibt viele Dinge, die ich darüber sagen könnte, aber lass mich nur festhalten, dass kein einziger der Autoren, die ich in meinem Buch untersucht habe, Schreibende der Klatschpresse waren. Es ist schockierend, dass ihm so viel Hass entgegen gespien wurde von Leuten, die so schreiben, als würden sie gute Berichte und durchdachte Analysen anbieten. Und es ist enttäuschend, dass so große Teile der Öffentlichkeit Lügen und Verdrehungen als Wahrheit akzeptieren. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Male ich Unterhaltungen über Michael Jackson geführt habe, die hauptsächlich aus meinen Versuchen bestanden, die irrigen Vorstellungen der anderen Person über ihn richtig zu stellen.

Ich hoffe, dass wir alle eines Tages zu einem vernünftigeren Verständnis darüber kommen, wer Michael Jackson wirklich war. Colby Tanner, einer der Autoren von Remember the Time, schrieb kürzlich einen aufschlussreichen Artikel für Slate mit dem Titel „The Radical Notion of Michael Jackson’s Humanity“ (Die radikale Ansicht über Michael Jacksons Menschlichkeit). Darin spricht er das Problem an, wie wenig Versuche es gegeben hat Michael Jackson zu verstehen, obwohl er sich dem aus einem anderen Winkel als ich nähert.

Willa: Es ist ein wunderbarer, nachdenklich stimmender Artikel, der wirklich die in der Presse porträtierte „entmenschlichte“ Sicht auf Michael Jackson in Frage stellt. Er sagt: „Die Vorstellung von Michael Jackson als einem menschlichen Wesen bleibt eine radikale Ansicht.“

Susan: Auf gewisse Art bringt mich das zurück zu Eleanor Bowmans Transzendenz-/Immanenz-Gedanken. Ich denke, dass es umso interessanter ist zu versuchen, Michael Jackson als ein menschliches Wesen zu verstehen, als jemanden, der zu solch enormen künstlerischen Leistungen fähig war, und dazu noch mit derart faszinierenden persönlichen Eigenschaften. Ich muss zugeben, dass ich mich sehr zu der angelistischen Sicht über ihn hingezogen fühle, obwohl ich auf intellektueller Ebene weiß, dass das ein Trugschluss ist. Ich versuche ständig mich über diese transzendente Sicht hinaus zu bewegen, hin zur immanenten Sicht, um den Menschen aus Fleisch und Blut zu finden, der fähig war, anderen das Gefühl zu geben, er sei entweder ein halbgöttliches Wesen oder ein physisch und moralisch verfallendes Monster. Genau aus diesem Grund finde ich Berichte von Leuten, die ihn tatsächlich gut gekannt haben, absolut faszinierend.

Willa: So geht es mir auch – ich genieße wirklich die Geschichten, die auch seine „menschliche“ Seite zeigen. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, die für eine gewisse Zeit einen Professor an der UC Santa Barbara besucht hat und sie freundete sich mit einer älteren Dame an, die ein Geschäft in der Stadt hatte. Ihre Freundin war eines Tages allein in ihrem Laden, als Michael Jackson herein kam und eine Kleinigkeit kaufte. Die Freundin hatte Arthritis und war ein wenig nervös, denke ich, sie fummelte mit den Münzen herum und brauchte eine lange Zeit, um das richtige Wechselgeld aus der Schublade zu holen. Aber anstatt frustriert oder wütend darüber zu sein, wartete Michael Jackson einfach geduldig und fing dann an „Hot Cross Buns“ zu singen. Kennst du den Song? Es ist ein altes Kinderlied (Anmerkung: ein Osterlied):

Hot cross buns (Karfreitagsbrötchen)

Hot cross buns

One a penny, two a penny (Eins für einen Penny, fast geschenkt)

Hot cross buns

Welch wundervolle Art und Weise mit dieser Situation umzugehen. Ich liebe diese Geschichte!

Susan: Das ist solch eine bezaubernde Geschichte. Und ich finde sie so viel interessanter als reißerische Berichte über Voodoo-Rituale oder über seine angeblich zerfallende Nase. Diese Geschichte ist so nebensächlich und zufällig, aber sie sagt etwas über seinen Charakter, darüber, wer er wirklich war. Danke für’s Erzählen.

Willa: Und dir danke ich, dass du heute mit mir gesprochen hast. Ich habe so viel von deinem Buch gelernt, Susan, und habe es wirklich genossen, die Gelegenheit zu haben mit dir darüber zu sprechen.

Susan: Ich bedanke mich für die Einladung zu dieser Diskussion, Willa.

Willa: Oh, es war mir ein Vergnügen! Ich möchte auch jedermann über eine Stellungnahme von D.B. Anderson in der gestrigen Ausgabe der Baltimore Sun informieren. Sie zeigt wichtige Verbindungen zwischen Michael Jackson und kürzlichen Protesten gegen polizeiliche Gewalt gegen schwarze Bürger der Vereinigten Staaten. Anderson sagt: „Michael Jackson hatte niemals Angst sich für seine Sicht der Wahrheit einzusetzen.“ Aber wie Anderson weiter sagt, zahlte er einen schrecklichen Preis:

Was Jackson wegen seiner Politik passierte, war so viel schlimmer als Absatzeinbußen zu verzeichnen. Indem er den Mächtigen die Wahrheit sagte, machte Jackson sich selbst zur Zielscheibe und steckte Prügel ein. Die schlimmsten Schüsse auf ihn wurden von einem weißen Staatsanwalt aus Kalifornien abgegeben, der ihn 12 Jahre lang schonungslos verfolgte und ihn abscheulicher Taten beschuldigte, die vor Gericht restlos widerlegt wurden.

Niemand schien jemals die Punkte miteinander zu verbinden: Ein sehr stimmgewaltiger, sehr einflussreicher, sehr wohlhabender Schwarzer wurde von einem weißen Staatsanwalt durch Scheinbelastungen zu Fall gebracht.

Dies ist meines Wissens nach das erste Mal, dass eine große Zeitung zugelassen hat, dass das Vorgehen der Polizei bei den Anschuldigungen gegen Michael Jackson auf diese Weise dargestellt wird: als ein Zurückschlagen auf die äußerst reale Bedrohung, die er für die existierenden Machtstrukturen darstellte. Hier ist ein Link zu Andersons Essay. Wir haben ihn zu unserem Reading Room hinzugefügt.

Lisa Marie Presleys letztes Interview über Michael Jackson (2010)

 21.10. 2010: Lisa Marie Presley spricht mit Oprah Winfrey über Michael Jackson

Teil 1: (Übersetzung ab 3:13)

Oprah: Kann man so berühmt sein wie dein Vater und so berühmt wie dein früherer Ehemann Michael Jackson, und so berühmt wie du aufgewachsen bist, und normal sein?

Lisa: Nein. (lacht) Ich kann das natürlich von mir selbst sagen, dass ich nicht normal bin. Aber…

Oprah: Aber du hast es hinbekommen eine sehr private Person zu bleiben und deshalb bin ich sehr erfreut darüber, dass du heute mit mir sprechen willst. Du hast dich bewusst dazu entschieden, jetzt zu reden. Warum?

Lisa: Jedes Mal wenn ich in der Vergangenheit ein Interview gab tendierte ich dazu ziemlich wehrhaft zu sein, denn normalerweise war ich gerade etwas am promoten und es ging dann aber um mein Privatleben. Ich wollte nie, dass sich diese beiden Dinge vermischen. Ich weiß, dass es schwer ist es so zu halten, aber jetzt wollte ich wirklich her kommen um über Dinge zu sprechen die mehr mein persönliches Leben betreffen, bevor mein Album herauskommt, was irgendwann im nächsten Jahr sein wird…

Oprah: Ok, das verstehe ich. Du möchtest dich also nicht in die Situation bringen ein Album zu promoten und dann aber ständig über Michael Jackson befragt zu werden.

Lisa: Genau

(Einspieler: Die Affaire zwischen Lisa Marie Presley und Michael Jackson begann 1993. Was als Freundschaft begann wurde schnell zu mehr und 1994 schockierte Lisa Marie die Welt, indem sie Michael Jackson heiratete. Und nur eineinhalb Jahre später war die Ehe wieder vorbei. Als Michael am 25.6.2009 starb, hatten sie seit fast 10 Jahren nicht mehr miteinander gesprochen.)

Lisa Marie Presley Michael Jackson

Oprah: Seit Michaels Tod hast du dich nur in deinem Blog über ihn geäussert.

Lisa: Richtig, und ich habe auch nicht sehr gut gesprochen, wenn ich mir alte Interviews ansehe, ich war harsch und wollte ausweichen und ich fand schnelle kleine Ausreden.

Oprah: Das ist interessant, denn in dem ersten Interview das wir zusammen hatten wurdest du sehr harsch und abwehrend als ich dich fragte, ob es ein echtes Verhältnis war…

Lisa: Weil ich mein Verhältnis zu ihm nicht verstand.

Oprah: Da ich dich seitdem besser kennengelernt habe, kann ich deine abwehrende Haltung aus deiner Sicht verstehen. Aber aus meiner Sicht, aus der Sicht des Zuschauers, der Welt, weiß man nicht was man davon halten soll.

Lisa: Richtig.

Oprah: Und man weiß es immer noch nicht und aus dem, was du in deinem Blog nach seinem Tod geschrieben hast, wo du sagst: „Ich möchte Klartext reden, diese Beziehung war nicht vorgetäuscht, es war eine echte Ehe.“

Lisa: Mhhm…

Oprah: Ich denke, das hat einige Menschen verwundert. Und auch wenn du jetzt in meiner Sendung sagst, ‘ja, es war eine echte Ehe und es war ein sexuelles Verhältnis’ und all das, denke ich, der Rest der Welt sieht es immer noch als ein inszeniertes irgendwas. Ich weiß es nicht. Verstehst du das?

Lisa: Ja, ich verstehe das völlig. Ich verstehe das, weil er bis zu einem gewissen Punkt ein Meister darin war die Medien ein wenig zu manipulieren. Deshalb verstehe ich, dass niemand wirklich wußte was von mir zu halten war und man ging einfach davon aus, dass ich zu etwas dazu gehöre, was er gerade tat. … und vieles davon will ich in einem Interview, in diesem Interview erklären…. Er ist so aufgewachsen. Weißt du, bevor man überhaupt Fragen zu ihm beantwortet, oder über ihn spricht, muss man erst unbedingt sein Leben verstehen, denn das ist völlig anders als das Leben von irgendjemand anderem den ich kenne – ausser dem Leben von meinem Vater. Man könnte sagen, er wurde darin trainiert sich selbst genau dahin zu bringen, wo es für seine Karriere und sein Talent nötig war. Er wurde sehr gut darin das zu tun und zu kreieren und…

Oprah: Zu manipulieren.

Lisa: Die Fäden zu ziehen – zu einem gewissen Grad zu manipulieren. Das stimmt, aber diese Manipulation hat mich immer verwirrt, ich dachte diese Manipulation würde bedeuten, dass er mich nicht liebt. Aber jetzt verstehe ich es besser. Diese Art Manipulation fand statt, weil sie für ihn eine Überlebensstrategie war.

Oprah: Also dauerte es bis nach seinem Tod, bis du dir über euer Verhältnis wirklich klar geworden bist?

Michael and Lisa budapest

Lisa: Ja, und ich weiß nicht warum das so ist. Ich verstehe es wirklich nicht. Aber diese ganzen vergangenen eineinhalb Jahre habe ich damit verbracht Klarheit in diese Sache zu bringen, denn an irgendeinem Punkt in meinem Leben hatte ich das einfach verdrängt und lebte mein Leben einfach weiter, und als das passierte kam alles wie mit einer Flutwelle wieder zurück.

Oprah: Wo warst du, als du davon erfahren hast?

Lisa: Ich war in England und ich weiß nicht warum, aber es war der seltsamste Tag in meinem Leben. Ich hatte den ganzen Tag geweint.

Oprah: Aus welchem Grund?

Lisa: Das weiß ich nicht, normalerweise mache ich das auch nicht. Ich versuchte zu arbeiten und kam nach hause und aß mein Essen wirklich unter Tränen und ich wollte einfach nur noch nach oben gehen und irgendetwas bedeutungsloses im TV ansehen, um mit dem Weinen aufzuhören. Ich sah meinen Mann an und sagte: „Ich weiß nicht was mit mir los ist, ich kann einfach nicht aufhören.“ Und dann eine Stunde später kam ein Anruf und ich hörte es.

Oprah: Wer hat es dir gesagt?

Lisa: Es war ein Freund von mir… und es kamen auch diese Textnachrichten, „Bist du Ok? Bist du Ok? Was ist passiert…?“ Eine der ersten SMS kam von John Travolta, „Bist du Ok?“ Und ich schrieb: „Was ist passiert? Ist das wirklich wahr?“ Es war immer noch unklar, weißt du.

Oprah: Und was war deine erste Reaktion?

Lisa: Ein wirklicher Schock. Noch nicht einmal Tränen, es hat mich einfach völlig umgehauen.

(Einspieler: Kurze Nachrichten Reportage über Michaels Tod.)

Oprah: Am Tag nach Michaels Tod hast du sehr emotionale Gedanken in deinem Blog veröffentlicht. Was hat dich dazu bewogen?

Lisa: Ich glaube, ich war gerade dabei, mein Baby in den Schlaf zu wiegen und war tränenüberströmt, und ich weiß nicht, ich hatte so einen Moment in dem ich alles klar sah, mir wurde plötzlich klar, dass all diese Verbitterung, all diese Gleichgültigkeit einfach nicht mehr da waren. Es ist einfach passiert, es ist verrückt, ich kann nicht einmal erklären warum es passierte, und deshalb habe ich auch über ein Jahr gewartet um darüber zu sprechen. Ich habe so viele Phasen durchgemacht, in dieser Sache…

Oprah: Lass mich dir an dieser Stelle etwas weiterhelfen und einen Ausschnitt von dem vorlesen, was du an dem Tag nach Michaels Tod geschrieben hast. Du sagtest:

Der Mensch, dem zu helfen ich versagt habe, wird genau jetzt zur Autopsie in die Gerichtsmedizin von LA gebracht. All die Gleichgültigkeit und der Abstand, woran ich über all die Jahre so hart gearbeitet habe sind gerade „zur Hölle“ gegangen und ich bin am Boden zerstört.“

Am Boden zerstört. Das ist eine interessante Wortwahl, es bedeutet, ausgebrannt, leer…

Lisa: Mhhm.

Oprah: Hattest du das Gefühl, du hättest dabei versagt ihm zu helfen?

Lisa: Ja.

Oprah: Ok. Also im Mai 1994, als du mit ihm verheiratet warst, oder während der ganzen Zeit eurer Ehe, hast du irgendein Problem mit Medikamenten vermutet?

Lisa: Ehrlich gesagt, ich hatte keinen Verdacht, bis kurz vor der Scheidung. Es gab einen Unfall, er war kollabiert und im Krankenhaus.

Oprah: Das war bei HBO?

Lisa: Ja, er sollte da einen Auftritt haben.

(Einspieler: Im Dezember 1995 kollabierte Michael Jackson in New York während der Proben für ein HBO Konzert auf der Bühne. Seine Ärzte sagten, Michael hätte eine Virusinfektion. Lisa flog zu ihm ins Krankenhaus, in dem er sechs Tage lang behandelt wurde.)

Lisa: Jeder flog zum Krankenhaus. Und – ähm – es war sehr verwirrend, was wirklich los war, jeden Tag gab es einen anderslautenden Bericht. Ich konnte nicht sagen was passiert war. Dehydrierung, niedriger Blutdruck, Erschöpfung, ein Virus… Ich konnte zu dem was mit ihm los war einfach keine eindeutige Antwort bekommen. Wir tappten alle ein bisschen im Dunkeln. Zu der Zeit glaubte ich aufgrund unterschiedlicher Anzeichen wirklich, dass da etwas vor sich ging.

Oprah: Du dachtest an Medikamenten Missbrauch?

Lisa: Yeah, yeah. Es gab Zeiten da holte ich ihn bei bestimmten Ärzten ab und er war nicht ganz klar. Rückblickend verhielt er sich manchmal auffällig. Ich wußte es war wegen der Injektionen, denn sie waren schmerzhaft und er brauchte bestimmte Dinge, weil er…

Oprah: Er brauchte Dinge wozu?

Lisa: Injektionen, verschiedene dermatologische…

Oprah: War das für seine Hauterkrankung?

Lisa: Für die Haut, verschiedene Dinge die er brauchte.

Oprah: War es eher eine Ehe in der vieles ungesagt blieb oder gab es eine Vertrautheit und eine Verbindung, aufgrund derer du mit ihm über alles sprechen konntest?

Lisa Marie and Michael Jackson

Lisa: Ich kann dir ganz ehrlich sagen, dass es in jeder Beziehung eine ganz normale Ehe war und über alles gesprochen wurde. Mitten in der Nacht, wenn er wach wurde um mir etwas zu sagen, mich anstupste, aufweckte und reden wollte… wenn es Probleme gab…

Oprah: Hatte er damals schon Schlafprobleme?

Lisa: Er war wie ein kleiner Gnom. Ich sagte immer zu ihm, er sei wie ein Gnom der im Zimmer herumrennt, weil es immer schwer für ihn war zu schlafen. Oft konnte ich auch nicht schlafen wenn er nicht schlief. Ich hörte ihn herumwursteln. Er konnte immer schlecht schlafen, ja.

Oprah: Hattest du das Gefühl, du warst dazu da, um dich um ihn zu kümmern und auf ihn zu achten?

Lisa: Ja, sehr. Und ich mochte diese Rolle sehr, ich liebte es mich um ihn zu kümmern. Es war ein Highlight in meinem Leben, eines der besten Dinge meines Lebens: Wenn alles wirklich gut lief, wir auf einer Wellenlänge waren und wir über einige Leute und Dinge die um ihn herum vor sich gingen einer Meinung waren, wenn er mich darin unterstützte und wir eine Einheit waren und ich mich um ihn kümmern konnte. Auch wenn die Leute spekulierten, dass ich nur wegen meiner Karriere mit ihm zusammen sei, oder sonst was wollte – das war alles absoluter BS. Ich habe mich nie dabei wohl gefühlt, auf dem Präsentierteller zu stehen, ich mag nicht im Mittelpunkt sein. Ich mochte es ihm nahe zu sein, mich um ihn zu kümmern. Das zu tun versetzte mich in Hochstimmung, es war eine sehr tiefgründige (intensive) Zeit in meinem Leben. Es war nicht irgendwas…. es war echt, soweit es das betrifft.

Teil 2:

 

Oprah: Ich hörte dich zu den Produzenten sagen, dass das Zusammensein mit ihm zu den besten Zeiten deines Lebens gehörte, so wie du es gerade beschrieben hast, aber dass es auch die tiefsten Tiefpunkte beinhaltete.

Lisa: Ja.

Oprah: Was war der tiefste Punkt?

Lisa: Der tiefste Punkt war… also noch einmal, wenn ich jetzt rückblickend über ihn spreche, dann muss ich noch einmal ganz deutlich sagen, dass ich ihn jetzt besser verstehe als je zuvor. Wenn ich also über ihn spreche, dann kann ich das aus dem Verständnis heraus tun und dann ist alles gut jetzt. Ich kenne nicht den Grund dafür, ich weiß nicht, was passiert wenn jemand stirbt und alles sich so wie jetzt entwickelt, aber ich habe all die Liebe und das Verständnis für ihn wieder gefunden. Ich weiß nicht warum all das nötig war, damit es dazu gekommen ist. Es verstört mich ein bisschen. Aber der tiefste Punkt…

Oprah: Weil du vorher wütend auf ihn warst? Warst du wütend auf ihn als du die Ehe abgebrochen hast?

Lisa: Ich war wütend, sehr wütend. Ich war deshalb so wütend, weil ich fühlte dass… Wir waren so verbunden. Und dann, an einem Punkt, hat er mich zur Seite geschubst.

Oprah: Warum wurde die Ehe beendet?

Lisa: Es gab einen profunden Zeitpunkt in dieser Ehe an dem er eine Entscheidung treffen musste, wollte er die Medikamente und diese Blutsauger, oder mich? Und er schob mich weg.

Oprah: Blutsauger?

Lisa: Ich meine Leute, die sich wie Spinnen verhalten, wie Blutsauger…

Oprah: Kriecher (Ja-Sager)?

Lisa: Kriecher, yeah.

Oprah: Du hast all das um ihn herum gesehen?

Lisa: Oh Gott, ja. Und es war…

Oprah: Viele Leute sprechen darüber und es gibt Berichte über ihn. Er schien von Leuten angezogen zu sein, die ihn ausnutzen würden. Woran lag das?

Lisa: Eines, das in der Beziehung sowohl auf meinen Vater als auch auf Michael zutrifft ist, dass sie den Luxus hatten sich ihre Realität um sich herum genauso zu erschaffen, wie sie sie haben wollten. Sie konnten sich die Leute aussuchen, die mit ihren Vorstellungen konform gingen, oder nicht. Und wenn sie es nicht waren, konnten sie aussortiert werden.

Oprah: Es ist, als wäre man in seiner eigenen Welt Gott.

Lisa: Genau. Und es ist etwas, das ich mit gemacht habe – womit ich viel Erfahrung gesammelt habe, zuviel Erfahrung. Mit beiden Seiten, wo ich gesehen habe was passieren kann und was….

Oprah: Entweder, auf meine Art oder (raus) auf die Strasse. (My way or the highway.)

Lisa Riley Michael

Lisa: Richtig. Michael war kein schlechter Mensch, es war einfach die Art auf die es lief – er wußte es nicht besser. Ich nahm es aber sehr persönlich, ich fühlte mich austauschbar. Bei meinem Vater war es das Gleiche. Manchmal denke ich daran, dass es Zeiten gab in denen ich auf die Leute um ihn herum sauer war und mich fragte, warum haben sie ihn nicht gestoppt, warum haben sie nichts gesagt? Ganz einfach, hätten sie es getan, wären sie weg vom Fenster. Es ist ganz einfach.

Oprah: Also waren weder dein Vater noch Michael die Sorte Mensch, die sich mit Leuten umgaben, die ihnen die Wahrheit sagten. Er wollte das erzählt bekommen, was er hören wollte.

Lisa: Wenn dieses ungewöhnliche Leben in einem Elfenbeinturm und dieses gottähnliche Leben in Verbindung mit einer Abhängigkeit steht, dann wird es problematisch. Sehr problematisch.

(Einspieler: 16. August 1977, die 9-jährigeLisa Marie war zuhause auf Graceland als ihr Vater Elvis in seinem Badezimmer zusammenbrach und starb. In seinem Körper wurde ein tödlicher Mix von 14 Medikamenten gefunden.)

Oprah: Treffen dich die Ähnlichkeiten im Leben deines Vaters und Michael Jacksons Leben? Deinem Vater und deinem ehemaligen Ehemann?

Lisa: Ja, um ehrlich zu sein haut es mich um. Ich frage mich immer noch, warum ich das zweimal mit erleben musste. Diese beiden unbeschreiblichen Menschen, und ich spreche von beiden mit größtem Respekt und mit Liebe.

Oprah: Dein Vater und Michael.

Lisa: Ja, die das gleiche Schicksal hatten. Was ist das mit mir? Ich musste es einmal durchmachen, und es war schmerzhaft und dann machte ich es noch einmal durch. Ich verstehe es wirklich nicht, weißt du.

Oprah: Als wir diesen Sommer wandern waren, erzählte mir Lisa etwas, was ihr vielleicht alle interessant finden werdet.

(Einspieler: Bild von Michaels Haus in LA: Das ist das Haus in LA, in dem Michael Jackson starb. Auf der anderen Strassenseite, nur einen Steinwurf entfernt, war Elivs’ Haus in Kalifornien, in dem Lisa Marie als Kind viel Zeit verbrachte.)

Oprah: Wie verrückt ist das? Genau auf der anderen Strassenseite!

Lisa: …meine Mutter… als ich nach einer langen Zeit in England nach Hause kam wollte ich da vorbei fahren und sehen wo es lag. Ich hatte dort gelebt bis er starb, dann verkaufte sie es. Ich verbrachte einige Geburtstage dort. Sie sagte: „Es liegt genau auf der anderen Strassenseite.“ Und ich sagte: „Also bitte, es ist nicht genau auf der anderen Seite. Blödsinn… also wirklich…“ Ich wimmelte sie ab und ich fuhr hin… und ich war wirklich komplett… ich weiß nicht einmal, wie ich beschreiben soll wie sich das anfühlte… weil… ich weiß nicht einmal, ob er es wußte. Das war auch eines dieser Dinge die da passierten… Und ich fragte mich einfach nur, was will mir das Universum damit sagen? Was ist das, worüber ich etwas wissen sollte?

Oprah: Ich fand interessant, was du am Tag nach Michael Jacksons Tod in den Blog geschrieben hast. Du hast den Blog „Er wusste“ genannt. Was wusste er?

Lisa: Als ich die Aufnahmen der Ambulanz sah, wie sie rückwärts aus seiner Ausfahrt fuhr, musste ich an dieses Gespräch mit ihm in seiner Bücherei auf Neverland zurückdenken, als wir zusammen am Feuer sassen und er mir erzählte, dass er Angst hätte so zu enden wie mein Vater. Er fragte mich ständig darüber wie er starb, wie es passierte und wo…

Oprah: Michael befragte dich immer über deinen Vater?

Lisa: Ja, und er sagte, ich habe das Gefühl ich werde auch so enden.

Oprah: Hast du gefragt warum?

Lisa: Yeah, ich sagte etwas wie: „Worüber redest du? Ich versteh’ das nicht.“ Und bis zum letzten Vorfall war es identisch.

Oprah: Zunächst warst du natürlich damals noch viel jünger. Aber wenn du jetzt auf die Ehe mit ihm zurückblickst, auf deine Rolle in dieser Ehe, denkst du, du wolltest wirklich die Wahrheit sehen?

Lisa: Die Wahrheit in welcher Beziehung?

Oprah: Über die Medikamente.

Lisa: Ich war damals so naiv und ich weiß, es ist jetzt schwer das zu glauben.

Oprah: Sicher, schwer zu glauben, aber wir können alle verstehen wie du damals gedacht hast.

Du bist als Tochter von Elvis aufgewachsen und Michael Jackson zu heiraten war sicher nicht so aufregend. Nicht so, wie wenn ein Fan Michael Jacksons Frau geworden wäre, denn du warst ja an das Leben als Berühmtheit gewöhnt. Also hast du dich in ihn verliebt weil…?

Lisa interview

Lisa: Wegen ihm. Weil er ein unbeschreiblicher, wahnsinnig dynamischer Mensch ist. Wenn du in seiner Nähe bist, und er etwas von sich geben will – wenn er dir zeigt, wer er ist und er das in jeder Beziehung zu tun bereit ist, das bedeutet… Ich habe mich nie in meinem Leben so gut gefühlt. Ich hatte nie eine ähnliche Hochstimmung, wie zu der Zeit – und ich lüge nicht, wenn ich das sage – er hatte etwas so sehr berauschendes an sich, wenn er gut drauf war, wenn er sich mit dir teilen wollte, wenn er ganz er selbst war und dich daran teilhaben ließ. Ich glaube nicht, dass ich je von etwas mehr berauscht war.

Oprah: Das kann ich nachvollziehen, denn als ich ihn zum ersten Mal interviewt habe – als ich ihn kurz vor dem Interview von 1993 traf – es fühlte sich an als liesse er sein Licht auf dich scheinen. Wenn er sich öffnet und lässt das Licht heraus, dann willst du einfach nur in diesem Licht sein.

Lisa: Ja!

Oprah: Du willst in dem Licht sein, in dessen Nähe, weißt du, wir waren alle auf Neverland, assen Süßigkeiten, hatten eine gute Zeit und als ich ging dachte ich nur: „Oh Gott, ich wünschte, ich könnte mit ihm befreundet sein.“

Lisa: Ja, es war wie eine Droge. Er war für mich wie eine Droge. Ich wollte einfach nur immer in seiner Nähe sein, ein Teil davon sein – ich war wie high. Ich habe so etwas nie bei einem anderen Menschen gefühlt, ausser bei einem, und das war mein Vater.

Oprah: Das ist so interessant, weil du 9 Jahre alt warst, als dein Vater starb und dich seitdem nie mehr so gefühlt hast, das heißt, Michael hat dieses Gefühl im Licht zu sein wieder zu dir zurückgebracht, diese ganze Energie?

Lisa: Ja.

Oprah: Hast du dich anfangs von Michael geliebt gefühlt?

Lisa: Ja, sehr. Ich glaube zu der Zeit war mir das gar nicht so klar, wie sehr – was es bedeutete, weil ich weiß, dass es für ihn sehr ungewöhnlich war. Ich wußte, er hatte schon vorher ein paar Dates in seinem Leben, aber es war für ihn nie etwas so ernstes. Er verliebte sich in mich und ich verliebte mich in ihn. Es war sehr echt.

Oprah: Wie hat er um deine Hand angehalten?

Lisa: Wir waren in der Bücherei vor dem Feuer und er holte diesen riesigen 10-karätigen Diamant aus seiner Tasche und steckte ihn an meinen Finger. Ich glaube, er ging sogar auf die Knie und machte mir einen Antrag.

Oprah: Und zu der Zeit dachtest du es würde für immer sein?

Lisa: Ja, das dachte ich. Ich kann ehrlich sagen, dass ich als ich jünger war so gedacht habe und daran glaubte.

Oprah: Von aussen sah es einfach so… es sah nach zwei viel zu berühmten Menschen aus, die zusammen waren und überall wo sie hinkamen einen Zirkus verursachten.

Lisa: Das stimmt. Aber es passierte nicht so oft. Wir waren sehr oft ohne Kameras zusammen. Ich denke vieles davon kam dadurch, dass die Promotion für HIStory begann, das bald herauskommen sollte, und wir mussten hierhin und dorthin, um irgendwelche Dinge zu tun. Alles war sehr durchgeplant und deshalb denke ich, dass die ganze Zeitspanne als sehr manipuliert rüberkommt.

Oprah: Hast du dich in der Beziehung je manipuliert gefühlt?

Lisa Michael MTV Kiss

Lisa: Manchmal. Aber er wußte, dass ich das nicht mag und es war ok für ihn. Er musste seinen Job machen und ich fühlte mich nicht wohl wenn ich dabei war, wie z.B. diese MTV Sache. Hinterher war seine Hand blau, als wir von der Bühne kamen. Er zeigte sie mir, und sie war wirklich blau. Ich hatte sie so fest gedrückt. Ich wollte das nicht machen, es ist nicht meine Art so etwas zu tun. Aber ich verstand es. Ich verstand, dass ich als seine Frau manchmal solche Dinge mit machen musste…

(Einspieler: Lisa Marie und Michael Jackson waren ein Jahr verheiratet, als er das ‘You Are Not Alone’ Video veröffentlichte.)

Oprah: Hast du sehr unter dem Druck gestanden ein Baby bekommen zu müssen?

Lisa: Ja, schon ein bisschen. Ich meine, er war…

Oprah: Ab dem Zeitpunkt, wo ihr verheiratet wart?

Lisa: Ja… und ich wollte auch. Ich habe nur… ich wollte sichergehen… ich habe an die Zukunft gedacht und dachte mir, dass ich nie mit ihm in einen Sorgerecht-Streit geraten möchte. Also wollte ich sicher sein, dass das ganze Drumherum in Ordnung ist. Ich hatte schon Kinder und deshalb wußte ich, dass man, bevor man Kinder in gewisse Umstände bringt sicher stellen muss, dass alles sicher und in Ordnung ist. Ich wollte einfach sicher sein, dass er und ich wirklich eine Einheit sind, weil dann einiges auf uns zu kommen würde.

Oprah: Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Monat eure Scheidung war, aber nur ein paar Monate nach der Scheidung, ich glaube im Oktober, wurde verkündet Debbie Rowe sei schwanger. Wie hast du dich dabei gefühlt?

Lisa: Naja, ich wußte es war so ein bisschen wie eine Vergeltungsmaßnahme von ihm. Weil ich kein Baby wollte und ich wußte, dass sie ihm die ganze Zeit erzählte, sie würde es tun.

Oprah: Du wusstest das?

Lisa: Er hat es mir erzählt… „Wenn du es nicht machst, Debbie hat gesagt sie macht es.“ Und ich sagte: „Was ist jetzt los? Willst du mich damit ködern?“ Und wir diskutierten darüber, weil das war wirklich nicht der Weg mit der Sache umzugehen. Aber für ihn war es ein Weg damit umzugehen. Er sagte Dinge wie: „Ok, wenn du es nicht machst, diese Person macht es. Willst du es tun oder nicht?“

Oprah: Das hast du mit „austauschbar“ gemeint.

Lisa: Ja, genau das habe ich gemeint.

Oprah: Ok, verstanden. Also es gibt sicher nicht viele Männer, die sagen würden, ‘entweder bekommst du ein Kind für mich, oder ich nehme jemand anderen dazu, der schon darauf wartet das für mich zu tun.’

Lisa: Genau, und es klingt… rückblickend… jetzt verstehe ich ihn sehr gut, aber zu der Zeit verstand ich ihn nicht.

Oprah: Es tat weh?

Lisa: Es tat weh… ich war verletzt und ich tat Dinge die ihn verletzten, ich habe auch blödsinnige Sachen gemacht.

Oprah: Was z.B.?

Lisa: Ich war hin- und hergerissen, ich hatte für ihn meine Familie zerstört, ich verlies meinen Ehemann für Michael. Ich hatte eine schwere Zeit damit das zu verarbeiten…

(Einspieler: Lisa Marie war 20 Jahre alt als sie ihren ersten Mann, den Musiker Danny Keough heiratete. Sie hatten zwei Kinder zusammen, Riley und Ben. Nach über 5 Jahren Ehe lies Lisa sich von Danny scheiden. 20 Tage danach heiratete sie Michael Jackson.)

Lisa: Als ich mit Michael zusammen war versuchte ich immer noch das zu verarbeiten was ich getan hatte, ich habe mich nie wirklich wohl damit gefühlt. Ich dachte immer, wie konnte ich das nur tun, und ich habe doch diese zwei Kleinen… Danny gehörte immer noch zu meinem Leben. Michael wußte oft nicht wie er damit umgehen sollte. Er fühlte sich nicht wohl damit und das verstand ich auch. Michael wunderte sich: „Warum bist du mit Danny in Hawaii?“ Ich machte Urlaub und Danny kam auch. Michael regte sich auf, fragte „Wo bist du?“ und dann verschwand er auch für ein paar Wochen und ich konnte ihn nicht finden. Diese Dinge liessen ihn sich unwohl fühlen… Und wenn er sich nicht wohl mit etwas fühlte, oder sich verletzlich fühlte, dann stellte er dich kalt, es war eine Art Mechanismus. Er schob dich weg und zeigte dir die kalte Schulter. In der Beziehung war er manchmal wie ein Hai…

Teil 3

…wenn du ihm Unrecht getan hattest oder was auch immer, dann warst du weg vom Fenster. Es gab einige solche Vorfälle zwischen uns. Aber rückblickend muss ich sagen, dass er es wirklich ehrlich versucht hat und mit mir einiges durch zu stehen hatte. Und wenn ich zurückblicke… er hat das nie für eine andere Frau getan, oder für irgendwen sonst, bei all dem was wir durch gemacht haben. Es gab stürmische Zeiten, Auseinandersetzungen, Diskussionen, manchmal 3 Tage am Stück, nur mit Pausen zum Essen oder Schlafen. Ich muss eingestehen ich bewundere ehrlich, dass er es wirklich versuchte, verstehst du… Damals wusste ich es nicht zu schätzen, ich wünschte ich hätte es getan.

Oprah: Musste er erst sterben, damit du erkennen konntest, dass er dich geliebt hat?

Lisa: Trauriger Weise glaube ich ja…

Oprah: Ist es das erste Mal, dass du erkannt hast, oder glaubst, dass er dich geliebt hat, jetzt, nachdem er gestorben ist?

Lisa: Ich glaube schon, ja, …die pauschale Antwort wäre ja. Als wir zusammen waren, waren wir wirklich verliebt und dann hatten wir ein paar harte Zeiten und dann musste ich die Entscheidung treffen zu gehen, als ich die Medikamente und die Ärzte kommen sah, sie haben mir Angst gemacht, sie haben Erinnerungen an das zurückgebracht, was ich mit bei meinem Vater erlebt hatte. Dann war es zu Ende. Aber wir sind immer wieder zusammen gekommen, wir verbrachten nach der Scheidung noch 4 Jahre zusammen, wir waren zusammen und wieder auseinander und sprachen darüber wieder zusammen zu sein – immer hin und her. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich das alles von mir weg schieben musste, denn ich kam mit mir selbst nicht weiter voran.

Oprah: Du hast ihn also immer noch geliebt, als du ihn verlassen hast?

Lisa: Sehr sogar. Ich habe ihn verlassen als eine Art Trotzreaktion… Ich wollte Stellung beziehen und sagen, komm mit mir und tu das nicht… Das war ein dummer Schritt, denn er kam nicht mit mir. Und ja… er ist stur… und ich bin stur. Wir beide, das war wie…

Und in Wirklichkeit war es danach so, dass er und ich… ich flog immer noch mit ihm zusammen in der ganzen Welt herum, folgte ihm…

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Oprah: Wann hast du das letzte Mal mit ihm gesprochen?

Lisa: Ein richtig zusammenhängendes Gespräch? Irgendwann 2005. Es war ein sehr langes Gespräch. Ich hatte mich so von ihm distanziert und er konnte das fühlen und hören. Ich war sehr distanziert und er wollte herausfinden, wie es steht, er versuchte eine Leine auszuwerfen um zu sehen wie es um meine Gefühle stand – aber ich biss nicht an… ich hatte zu der Zeit ziemlich damit abgeschlossen. Ich weiß nicht einmal mehr wie mir gelungen ist so zu sein, aber ich war so. Er fragte mich… er wollte mir sagen, dass ich mit meiner Meinung zu den Leuten um ihn herum richtig gelegen hatte, dass es sich herausgestellt hatte, dass vieles genau so gekommen war wie in den Unterhaltungen, die er und ich Jahre vorher darüber hatten. Er fragte mich, ob ich ihn immer noch liebe und wir sprachen ausführlich über dieses Thema und ich sagte zu ihm, es sei mir gleichgültig. Er mochte dieses Wort nicht und weinte. Er versuchte herauszufinden, wo ich stand und wie ich so distanziert werden konnte. Im letzten Teil des Gesprächs erzählte er mir, er fühle, dass jemand versuchen würde ihn um zubringen um seinen Katalog und sein Estate in die Finger zu bekommen.

Oprah: Er hat dir wirklich Namen genannt?

Lisa: Er hat, aber ich werde sie nicht nennen. Aber er drückte mir gegenüber diese Besorgnis um sein Leben aus.

Oprah: Du weißt, dass ich dich das schon gefragt habe und ich muss es wieder fragen, auch wenn es ein unbequemes Thema ist; aber hast du je irgendwelches unangemessenes Erhalten zwischen Michael und Kindern beobachtet?

Lisa: Du fragst mich das jetzt wieder?

Oprah: Ich frage dich wieder.

Lisa: Die Antwort lautet: Absolut nie, in keiner Form. Ich habe nie so etwas gesehen.

Oprah: 2005, als er die Verhandlung hatte wegen den zweiten Vorwürfen, wie waren deine Gefühle zu dieser Zeit?

Lisa: Er hat mich deshalb angerufen und ich sagte: „Behalte einen klaren Kopf wenn das vor Gericht kommt, halte deine Gedanken zusammen.“ Er sagte: „Von was sprichst du, was meinst du damit? Meinst du damit, Medikamente? Und ich sagte: „Ja.“ Weil alles was ich mitbekommen hatte, waren diese seltsamen Dinge, ob es nun Bashir war oder all diese Interviews. Und in diesen Interviews sah ich ihn unter Medikamenteneinfluss stehen. Ich sah in diesem Bashir Interview nicht den Michael, den ich kannte. Soweit ich das sah und wußte, war er ziemlich high. (stoned… „high as a kite“)

Oprah: Wirklich?

Lisa: Er war entweder zu hektisch/fahrig oder unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln. Es war nicht der Michael, wie ich ihn kannte.

Oprah: Die schockierenden Sachen… er sagt in dem Martin Bashir Interview ein paar ziemlich schockierende Sachen, besonders darüber wie er es sieht, dass es ok ist mit Kindern zusammen zu schlafen.

Lisa: Ich glaube manchmal sagte er diese Dinge aus Trotz, weil er so wütend darüber war beschuldigt worden zu sein. Manchmal war er wie ein sturer kleiner Rebell, wie ein Kind und er sagte genau das von dem er wußte, dass keiner wollte, dass er es sagt. Ich habe den Eindruck, er hatte während dieses Interviews keinen ganz klaren Kopf und ich denke sie haben es auf sehr, sehr manipulative und gemeine Art editiert.

Oprah: Du hast also nie etwas gesehen und glaubst auch heute nicht, dass an den Vorwürfen etwas dran war?

Lisa: Nein. Ehrlicher Weise kann ich es nicht sagen, weil die einzigen Personen welche die Wahrheit kennen, sind er und wer auch immer mit ihm in dem Raum war, zu dem Zeitpunkt wo es angeblich stattfand. Ich war nie mit in dem Raum, es wäre nicht fair wenn ich sagen würde… Ich kann aber sagen, dass ich nie etwas derartiges gesehen habe.

Oprah: Hast du mittlerweile deinen Frieden über seinen Tod wieder gefunden? Ich weiß, dass du das Memorial wie wir alle am TV verfolgt hast und zu der privaten Trauerfeier gegangen bist. Wie war das, in dem Raum an seinem Sarg zu stehen?

Lisa: Das war wirklich… es waren noch einmal 6 Monate ….

Ich glaube, ich war die Letzte die dort noch bei ihm stand… es war…

Oprah: Was meinst du damit, „die Letzte, die bei ihm stand“?

Lisa Marie Michaels private Memorial

Lisa: Nun ja, die meisten Leute waren schon gegangen und ich stand als Letzte noch bei ihm. Ich wollte ihn nicht verlassen.

Oprah: Als du an seinem Sarg gestanden hast – ich denke, es gibt sicher nichts was privater ist als diese Augenblicke, die du dort warst… Konntest du Frieden finden?

Lisa: Nein, ich konnte damals keinen Frieden finden. Ich wollte mich entschuldigen, ich fühlte mich als ob ich mich entschuldigen wollte.

Oprah: Für was?

Lisa: Weil ich nicht für ihn da war.

Oprah: Denkst du, du hättest ihn retten können?

Lisa: Gott, das ist eine schwere Frage. Naiver Weise würde ich sagen… Ich weiß, es ist naiv zu denken, dass ich es gekonnt hätte. Aber ich hätte gerne. Hätte ich es gekonnt? Hätte ich ihn angerufen, hätte ich damit aufgehört, mich ihm gegenüber so zu verschliessen, hätte ich gefragt: „wie geht es dir?“ Hätte versucht ihn anzurufen, weißt du… ich bereue wirklich es nicht getan zu haben.

Oprah: Denkst du, Familie und Freunde haben ihn im Stich gelassen? Denkst du, jemand hätte etwas tun können?

Lisa: Ich denke sie haben es versucht. Traurigerweise ist es so wie ich schon gesagt habe, wenn er dich nicht um sich haben wollte, wenn du ihn mit etwas konfrontiert hast, was er nicht wollte, konnte er dich einfach loswerden, auch seine eigene Familie. Sie haben diese Seite kennengelernt. Ich glaube es war wie ein Zug, der in eine bestimmte Richtung fuhr und niemand konnte ihn stoppen. Ich glaube, das muss in meinen Kopf damit der Schmerz nachlässt.

Oprah: Um Deinetwillen?

Lisa: Mmhhh.

Oprah: Und wie ist das für deinen jetzigen Mann, der sehr liebevoll und unterstützend zu sein scheint? Wie fühlt er sich mit all den Michael-Dingen, die jetzt bei dir hochkommen?

Lisa: Er ist heilfroh wenn ich dieses Interview gemacht habe, er sagt: „Ich will nur, dass du dadurch kommst und damit abschließt.“ Denn ich… er musste es sich jetzt sehr lange anhören.

Oprah: Nie gut für den aktuellen Ehemann ständig etwas vom Ex hören zu müssen.

Lisa: Nein, nicht gut. Ich verstehe das. Aber er versteht das auch, er ist der verständnisvollste Mensch dem ich in meinem Leben je begegnet bin. … Gott sei Dank, denn er hat mir wirklich zugestanden alles durch zu machen was nötig ist, in dieser Sache. Aber ich weiß, das ist sehr ungewöhnlich und ich weiß, ich verlange viel von ihm. Ich fühle mich nicht sehr gut dabei, aber es kam einfach über mich und ich musste damit umgehen, ich musste….

Oprah: Weil all diese Gefühle für Michael unterdrückt und begraben waren, als du mit Michael Lockwood zusammen kamst?

Lisa: Genau.

Oprah: Vorhin sagtest du, dass das Universum… Gott… aufgrund der Parallelen zwischen dem Leben von deinem Vater Elvis Presley und dem Leben von Michael Jackson anscheinend versucht, dich etwas zu lehren, das du nicht verstehst. Was denkst du heute, über ein Jahr nach Michaels Tod und 33 Jahre nachdem dein Vater starb, was du daraus lernen sollst?

Lisa: Ich fühle mich ziemlich alleine mit diesen Dingen die ich da mit ihnen durchgemacht habe, zur gleichen Zeit fühle ich mich aber auch geehrt.

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Oprah: Sind durch Michaels Tod für dich, so wie für viele Menschen, sein Geburtstag und sein Todestag besonders schwere Tage?

Lisa: Sie sind es, aber das begleitet mich durch mein ganzes Leben. Mein Leben lang fürchte ich den 16. August und jetzt ist es…

Oprah: Das ist der Todestag deines Vaters…

Lisa: Ja, und jetzt ist es der 25 Juni.

Oprah: Als wir über dieses Interview sprachen sagtest du, du wirst es ein einziges Mal tun. Heisst das du wirst jetzt nicht mehr darüber sprechen?

Lisa: Ich werde nicht mehr darüber sprechen. Wenn jemand zukünftig noch etwas darüber wissen möchte, können sie sich auf die Oprah Winfrey Show berufen.

Oprah: Dankeschön. Danke, dass du dir Zeit genommen hast dich uns gegenüber zu diesem Thema zu öffnen. Keine leichte Sache.

Lisa: Danke.

……………………………………………………………..

Übersetzung: M.v.d.L.

Script english: http://the-michael-mj.livejournal.com/24726.html?thread=49558

Susan Fast: Michael Jacksons Dangerous Album – Kapitel ‘Soul’-‘Seele’

by

33 1/3 Dangerous by Susan Fast – Übersetzung des Kapitels:

Seele (Soul)

Mein Ziel im Leben ist es, der Welt zu geben, was ich glücklicherweise empfangen habe: Die Wonne der göttlichen Verbindung durch meine Musik und meinen Tanz. Es ist wie meine Bestimmung, deswegen bin ich hier.  Michael Jackson

In der nordeuropäischen Kunst des 15. Jahrhunderts war das Polyptychon (Wandelaltar) ein Gemälde bestehend aus mehreren Tafeln, das hauptsächlich als Altarbild in einer Kirche oder einer Kathedrale diente; diese (Kunst-)Form wurde als ein Höhepunkt der Christlichen Kunst betrachtet. Unter den berühmtesten Stücken befindet sich der Genter Altar von Hubert und Jan Van Eyck, Das jüngste Gericht von Hans Memling, Das Polyptychon der Schutzmantelmadonna von Piero della Francesca und Hieronymus Boschs Der Garten der Lüste. Mark Rydens Gemälde für das Albumcover von Dangerous – entworfen unter Jacksons Mitwirkung (1) – macht Anleihen bei dieser Tradition der sakralen Kunst. Das Gemälde ist ein Triptychon mit drei „Tafeln“, das im 15. Jahrhundert aus Holz gefertigt worden und zusammenklappbar gewesen wäre. Normalerweise zeigt das Triptychon einen Heiligen oder Christus auf der mittleren Tafel, die seitlichen Tafeln umfassten Heilige, die mit der zentralen Figur in Verbindung standen. Man kann diese dreiteilige Anordnung in Rydens Gemälde (mit den offensichtlichen Zuordnungen) erkennen: Jackson, im Zentrum, wird flankiert von Dog King (Hundekönig), inspiriert von dem 1806 entstandenen Gemälde von Napoleon von Auguste Dominique Ingres, (2), und Bird Queen (Vogelkönigin), entstanden nach einer ähnlichen Figur bei Bosch.

'Napoleon' von Auguste Dominique Ingres

‘Napoleon’ von Auguste Dominique Ingres

'Dog King' und 'Queen Bird' vom Dangerous Cover

‘Dog King’ und ‘Bird Queen’ vom Dangerous Cover

Viele weitere Elemente wurden durch Bosch beeinflusst, dessen Werk aber nicht ein solches Triumvirat enthält. Es soll von rechts nach links gelesen werden, beginnend im Paradies und in der Hölle endend, mit jeder Menge Menschen in verschiedenen Stadien des Leidens. Rydens Darstellung ist nicht so geradlinig – die leidenden Menschen, Körperteile und Skelette, die feinsäuberlich in Boschs Szenario der „Hölle“ eingeordnet sind, findet man in Rydens Gemälde überall verteilt. Weder wird Verstümmelung als Teil des Leidens angesehen (Jacksons steinerne Hand – gut erkennbar aufgrund ihrer mit Pflaster versehenen Finger – stützt liebevoll ein Kind, während in der verletzten Hand bei Bosch ein Messer steckt), noch der Tod selbst, wie wir durch den Grimassen schneidenden Totenschädel glauben gemacht werden sollen, der von einem Kind gehalten wird und den Überbleibseln von Skeletten ausgestorbener Tiere, die die Leichtigkeit einer Karussellfahrt genießen.

Das ist so, weil die andere Kunsttradition, die dieses Gemälde anzeigt, die des Surrealismus ist. Geboren aus der Tatsache Zeuge „des Schocks der traumatisierten Psyche“ des Ersten Weltkrieges gewesen zu sein, erschufen die Surrealisten Kunst, die auf die „(traumartige) Desorientierung“ anspielte, wie sie von Führern der Bewegung wie zum Beispiel André Breton bezeugt werden konnte.(3) Für Breton war der Surrealismus eine künstlerische Ausdrucksform, in der „Leben und Tod, das Wirkliche und das Eingebildete, die Vergangenheit und die Zukunft, das Vermittelbare und das Nicht-auszudrückende, die Höhen und die Tiefen nicht weiter als widersprüchlich wahrgenommen werden.“(4) Dies ist ganz genau das, was Ryden in seinem Gemälde einfängt. Er bringt Kategorien durch die dargestellten Figuren zum Einsturz: lebend, tot, unsterblich (kleine Kinder in Form von Engeln), menschlich, nicht-menschlich und ausgestorbene Tiere, jung, alt, historisch, gegenwärtig, zukünftig, Jackson (heute und damals, in den Thriller-Jahren und als Kind), fiktional, nicht fiktional, der Übergang von lebendigen zu nicht lebendigen Dingen (die Hände, die zu dem Thron am oberen Bildrand gehören), Einzelteile (Jacksons Hand, der Totenschädel), Mischformen (der menschliche Fuß von Dog King). Das Geschlecht des Kindes, das den Schädel hält, ist nicht eindeutig: Ist es ein kleiner Junge oder ein Mädchen? All dies Verwischte spielt sich innerhalb der vollkommen symmetrischen Struktur des Triptychons ab, einem Aufbau, der uns zurück in die Binarität einlädt und uns erlaubt, einen Sinn im Chaos zu entdecken: männlich und weiblich (Dog King und Bird Queen), glücklich und traurig (die Clowns, die sich auf jeder Seite zu Jacksons Augen niedergelassen haben, da sind auch Abbildungen von glücklichen und unglücklichen Affen auf jeder Seite des Gemäldes), sie erscheinen in einer Vergnügungsbahn fahrend unterhalb des Jolly-Rogers-Zeichens und verlassen das Bild wieder unter dem allsehenden Auge. Diese letzte „Zweiteiligkeit“ ist etwas knifflig: Könnte es sein, dass diese Symbole das Weltliche und das Heilige bedeuten bzw. darstellen sollen? Die Abbildung des Auges taucht an vielen anderen Stellen in Jacksons Werken auf – im HIStory Teaser und in der Gestaltung des Covers des Invincible Albums.(5) Das Hervorheben von Jacksons eigenen Augen auf dem Dangerous Cover verbindet ihn mit diesem sakralen Symbol. Es sieht so aus, als würde man diese Fahrt in der einen Form beginnen und in einer anderen beenden: Ein Skelett, das Kind Michael, ein Michael Jackson Fan. Ob dies erstrebenswert ist oder geradezu unheimlich ist eine Frage der Interpretation.

Die reichhaltige Bildsprache in diesem Gemälde kann sicherlich auf viele Arten gelesen werden. Es ist das komplexeste von Jacksons Album Covers und dazu eins der komplexesten in der Geschichte der Popmusik, eher in einer Reihe mit Coverkunst in der Richtung „ernsthafter“ Rock- als Pop-Tradition. Man fragt sich, ob es auf das Sgt. Pepper Album Cover der Beatles mit seiner Vielzahl von dargestellten Personen und mehreren Abbildungen der Beatles selbst Bezug nimmt. Da gibt es die Anspielung auf den Zirkus – P.T. Barnum erscheint vorn in der Mitte mit Tom Thumb auf dessen Kopf stehend – vielleicht als Wink auf Jacksons zirkusartiges Image in der Öffentlichkeit, aber auch auf die allgemein bekannte Geschichte, dass Jackson Barnums Ideen über die Erschaffung der „größten Show auf Erden“ als Leitfaden für seine eigene Karriere berücksichtigte. Die Fülle an Tierfiguren lassen einen unweigerlich an die Erzählung von Noahs Arche denken, auch wenn sie nicht paarweise erscheinen. Aber natürlich ist das wirklich fesselnde Bild das von Jackson selbst. Es wird von Dangerous an keine einfachen Fotografien mehr von ihm auf seinen Album Covers geben; indexikalische oder „echte“ Darstellungen von ihm gehören der Vergangenheit an, ersetzt durch Kunst, die ihn zunehmend als vom Menschlichen entfernt wiedergibt, zunehmend als mythische Gestalt (er ist eine Statue auf dem Cover von HIStory und zum Teil ein digital erschaffenes Bild auf Invincible). Ryden macht aus ihm einen Robotermenschen (sieh dir das Bild aus der Entfernung an), einzig bestehend aus seinen durchdringenden, intensiven, verführerischen Augen – mit einem Blick vergleichbar dem beobachtenden Moment beim „Panther Dance“, als er wissend in die Kamera blickt – und seiner Jheri Curl, die beibehalten wurde, um uns wissen zu lassen, dass er es ist. Die Mitte des Gesichtes, da wo seine Nase gewesen sein sollte, wird von Tieren und kleinen goldenen Engeln eingenommen, eine überschwängliche und wundervolle Anspielung auf jenen Teil seines Körpers, der fortwährend unter so großer Beobachtung stand. Sein klaffender Mund, komplett mit aus Statuen gemachten Reißzähnen, offenbart eine Fabrik, aus der Gleise hinein- und herausführen, die Zunge, die die Produkte der Fabrik ausliefert. Wie sowohl Joe Vogel, als auch Willa Stillwater feststellen repräsentiert die Fabrik das „Innenleben“, obwohl jeder von ihnen dies auf eine andere Weise interpretiert. Meine Ansicht ist, dass das Innenleben das Private repräsentiert, indem das Bild mit der zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten bestehenden Spannung verbunden wird, die man durch das ganze Album hindurch finden kann; das metallische Grau der Fabrik steht im Kontrast zu der überschwänglichen Farbe des „Außenbereichs“ mit der Absicht, dies als kalt, distanziert und vielleicht sogar als bedrohlich wirken zu lassen. Wie Stillwater bemerkt ist der Titel des Albums DANGEROUS direkt oberhalb der Abbildung der Fabrik geschrieben. Dieses Bild spielt vage auf Fritz Langs Film Metropolis und dessen Schrecken des Klassenkampfes zwischen wohlhabenden Industriellen und der (Sklaven-) Arbeit an, auf die ihre Stadt gebaut ist. Die kalte, dunkle, graue, metallische, zweckmäßige Abbildung der Fabrik deutet den geräuschvollen, industriellen Klang großer Teile der Aufnahmen an, der Zerrüttung der Welt, die im Zentrum des Bildes platziert ist, eine Zerrüttung herbeigeführt von den Unterdrückten oder Unterworfenen einschließlich, natürlich, Jackson selbst. Es ist wenig überraschend, dass die Entstehung dieser Welt durch Jacksons Kehle herbeigeführt wird – aus dem kraftvollen Instrument, mit dem er seine Ideen öffentlich macht.

Während ich über dieses Gemälde nachsinne fühle ich mich auch an Donna Haraways einflussreiches „Cyborg Manifesto“ („Ein Manifest für Cyborgs“) erinnert, da sie über das Überschreiten von Grenzziehungen zwischen Tieren – oder Organismen – und Maschinen, zwischen Menschen und Tieren spricht; sogar unter Berufung auf die Quantenphysik, zwischen dem Physikalischen und Nicht-Physikalischen als einer Realität unserer gegenwärtigen Existenz, ebenso sehr eine Tatsache in unserer Welt (durch den technologischen und medizinischen Fortschritt) wie es auch eine Science Fiction Phantasie sein könnte. Das in diesem Zusammenhang aber wirklich Wichtige an ihrer Theorie ist, dass ist, dass die Vision der Surrealisten, zumindest teilweise, wahr wird: Diese Grenzüberschreitungen haben die Einteilungen zwischen natürlich und künstlich, Geist und Körper, „selbstentwickelt und von außen konzipiert“ abgeschafft, wie Haraway es ausdrückt. Und, was am wichtigsten ist, sie betont, dass die Grenzüberschreitungen uns enger zusammen bringen, dass sie „auf beunruhigende und vergnügliche Art eine feste Kopplung mit anderen signalisieren“ – allen Arten des Anderen.(6) In diesem Sinn fängt Rydens Gemälde auf wundervolle Art die Essenz dessen ein, was ich Jacksons Weltsicht nennen würde, von dem so vieles mit den unterschiedlichen Arten von Verwandtschaft zusammenhängt. Ich gehe sogar so weit, es eine Theologie zu nennen (es ist kein Zufall, dass eine Form – das Triptychon der Renaissance -, die so eng mit dem Sakralen verknüpft ist, dazu benutzt wird Rydens surrealistische Vision zu realisieren). Die alles umspannende Thematik in Jacksons Kunst und Leben ist das, was oft als sein „Überschreiten“ der genormten Grenzen gesehen wird – nicht nur die offensichtlichsten wie Rasse und Geschlechterzugehörigkeit – sondern die von Generation, körperlicher Beschaffenheit, Einteilungen zwischen den Arten („real“ und erfunden), künstlerischen Genres und Technologien. Jackson bewegte sich so fließend zwischen Performance-Traditionen und Subjektivitäten, dass er produktiv gesehen durch die Linse des Posthumanismus (neu) durchdacht werden könnte, in dem Sinn, dass die Vorstellungen liberaler Humanisten über das individuelle, einheitliche, unveränderliche Selbst mit der eindeutigen Ziehung von Grenzen zwischen dem Menschlichen und Nicht-Menschlichen, zwischen Spezies und Technologien in Frage gestellt werden. Cary Wolfe schreibt, dass wir Menschen als „grundsätzlich prothetische Wesen“ anerkennen müssen, „die sich mit verschiedenen Formen von Technizität und Materialitäten coevolutionär entwickelt haben, Formen, die grundlegend ‚nicht-menschlich‘ sind und doch dessen ungeachtet das Menschliche zu dem gemacht haben, was es heute ist“, (7) und Jackson hat darauf durchgängig und anschaulich aufmerksam gemacht, ja, diese prothetische Vorstellung des Menschlichen auf besondere Arten sogar zelebriert. Durch seine plastischen Operationen, sich verändernde Hautfarbe (heller und dunkler werdend), Mehrdeutigkeit in Hinsicht Geschlechter- / Generationszugehörigkeit (herbeigeführt teils durch Operationen, teils durch die Wahl von Mode und Make-up, teils durch Stimme und Gestik), durch all seine erfundenen Transformationen – Werwolf, Zombie, Panter, sogar als Raumschiff in Moonwalker – gab er seinen Körper nicht nur als ständig in Arbeit befindlich, vollkommen offen und vertrauensvoll gegenüber grenzenlosem Experimentieren, sondern als Teil eines größeren Ganzen.

Es gibt eine ziemlich lange Tradition bei Künstlern, die sich körperlichen Veränderungen als einer Art und Weise verpflichtet haben, um die Grenzen ihres Körpers auszutesten: Unter den berühmtesten befindet sich Stelarc, dessen Projekte Ear on Arm (Ohr auf Arm) beinhaltet, einem zusätzlichen Ohr, das chirurgisch auf seinem Unterarm konstruiert wurde, dem Bemühen zur „Vergrößerung der Körperformen und -funktionen.“(8) Oder Orlan, einer französischen Künstlerin, die in The Reincarnation of Saint-Orlan (Die Reinkarnation der Heiligen Orlan) plastische Chirurgie benutzt hat (neunmal, um genau zu sein, von 1990-95), um ihr Gesicht nach den Abbildern berühmter Gemälde von Frauen, wie sie von männlichen Künstlern idealisiert wurden, nachzubilden: Es war als eine feministische Kritik an der Geschichte der Kunst beabsichtigt, innerhalb derer Frauen lange Zeit „auf der Empfängerseite dem männlichen starrenden Blick („male gaze“) ausgesetzt waren“.(9) Orlans vielleicht bekannteste Operation besteht aus zwei kleinen Hörnern, die auf ihrer Stirn implantiert sind, nur um die Vorstellungen darüber, was ein „normales“ Gesicht ausmacht, durcheinander zu bringen. Jackson wurde schon früher mit Orlan verglichen – meistens auf eine unvorteilhafte Art (ihre Kunst wird als „politisch“ und „selbstbewusst“ betrachtet ganz im Gegensatz zu seiner). Jacksons körperliche Veränderungen sind auf positive Art zahm, verglichen mit dem, was diese Künstler getan haben, sie agieren gleichzeitig im selben und doch einem ganz anderen Bereich. Weit entfernt davon einfach nur zu versuchen jünger auszusehen (oder „weiß“) machte er sich auf, die Vorstellungen über Geschlechterzuordnung, Volkszugehörigkeit und „Normalität“, wie sie auf den Körper, besonders in das Gesicht geschrieben waren, zu hinterfragen. Aber er tat dies nicht auf unbestreitbar offensichtliche Weise, wie es jene Künstler wie Orlan oder Stelarc tun. Seine Manipulationen beabsichtigten glaubwürdig, lebenswert zu sein, um Grenzen einer eher „alltäglichen“ Art in Frage zu stellen, Grenzen innerhalb derer Menschen unterschiedlicher Geschlechter und Rassenzugehörigkeit tatsächlich leben. Leider entschied er sich kein Manifest darüber zu schreiben, wie es Orlan getan hat (ihr Carnal Art Manifesto (10)) oder auf andere Art ungeheuer detaillierte Erklärungen darüber, was er zu tun versuchte, abgab, wie es Stelarc getan hat (besucht seine Website). Kommerzielle Künstler reden selten über die Absichten hinter ihren Werken auf die Art wie es „experimentelle“ oder „avantgardistische“ Künstler tun, und die Kommerzialisierung lässt uns leicht denken, dass eigentlich wenig oder keine Intention dahinter steckt. Aber in einem Werk, das so sorgfältig ausgearbeitet ist wie Jacksons, einschließlich seines Körpers, ist dies schlichtweg Unsinn.

Seine wunderlichen Arten Verwandtschaft herzustellen sind Erweiterungen der Wandlungsfähigkeit seines Körpers. Seine Familie bezog Tiere wie den Schimpansen Bubbles, die Schlange Muscles und das Lama Louis ein. Ich denke nicht, dass es Zufall ist, dass Ryden in seinem Gemälde so viel Gewicht auf Tiere legte, einschließlich dessen, was wahrscheinlich als Repräsentation eines gekrönten Bubbles ganz vorn in der Mitte gemeint ist, wenn man bedenkt, wie wichtig sie für Jackson waren. Eins der bedeutendsten Bilder in dem Gemälde ist das Kind – ein schwarzes Kind – gestützt von Jacksons liebevoller, aber lebloser Hand, genau wie er/sie den Tierschädel hält. Da ist sehr viel Zärtlichkeit in diesen Abbildungen, sehr viel Gemeinschaft zwischen Lebenden und Toten, Belebtem und Leblosem. Seine Familie beinhaltete außerdem Hollywood Diven wie Elizabeth Taylor ebenso wie Frank Cascios Mittelklasse-Familie aus New Jersey. Cascios Vater war Manager des Helmsley Palace in Manhattan. Jackson traf ihn und freundete sich mit ihm an, als er in dem Hotel wohnte und im Grunde die Familie als seine eigene annahm, dort regelmäßig auftauchte und Zeit in ihrem Zuhause verbrachte, und gemäß Franks Berichten staubsaugte, mit dessen Mutter die Betten machte und mit den Kindern herumhing. (11) Seine Familie schloss natürlich auch Kinder mit ein, die aber nicht auf seine eigenen beschränkt waren. Mit seiner „Entourage“ bei den Grammy Awards 1984 zelebrierte er seine Vorstellung über nicht normierte Verwandtschaft: Brooke Shields (schöne weiße Frau), Kinderschauspieler Emmanuel Lewis (schwarzes Kind) und den Schimpansen Bubbles. Ich glaube, wenn dies in den letzten paar Jahren stattgefunden hätte, dann wäre es als ernsthafte Herausforderung gegenüber der vorherrschenden Vorstellung über die „normale“ Kernfamilie, die für ihn eine zu enge Vorstellung einer Familie darstellte, bejubelt worden. Vieles davon wurde als krankhaft und gefährlich angesehen, besonders von den Medien, da es keine lesbare Lebensweise darstellte, nicht legitimiert, nicht „verantwortungsvoll“. Möglichkeiten der Verwandtschaft außerhalb des „Normalen“ sind, wie Philosophin Judith Butler schreibt „als undenkbar ausgeschlossen … die Bedingungen für das Denkbare werden erzwungen durch die engstirnigen Debatten darüber, wer und was in der Norm enthalten ist.“(12) Jacksons Vision in Bezug auf Körper und Verwandtschaft war im Grunde seiner Zeit voraus, manche mögen sogar sagen, sie war utopisch. Er formte eine Art in dieser Welt zu leben, die auf der Vorstellung darüber basierte, was Haraway „Affinität“ (Verbundenheit, Wesensverwandtschaft), nicht „Identität“ (Gleichheit) basierend auf der Erschaffung von Zusammenschlüssen Gleichgesinnter nannte. Ich habe so ein Gefühl, dass die verschiedenen Engel und Skelette in Rydens Gemälde mühelos in Jacksons Vision passen.

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Ich sage dies, weil seine Grenzüberschreitungen, besonders hinsichtlich Begriffen wie Verwandtschaft, nahtlos seine spirituelle Weltsicht abbilden – nein, nicht die Version der Zeugen Jehovahs, der seine Mutter angehörte. Zur Zeit von Bad freundete Jackson sich mit dem spirituellen Lehrer Deepak Chopra an und die Anzeichen für Chopras Einfluss begannen sich besonders zu Zeiten von Dangerous durchgesetzt zu haben. Chopra wird oft als „New Age Guru“ bezeichnet, dies mindert allerdings die Komplexität seines Gedankenguts, welches eine Reihe von spirituellen Praktiken kombiniert, einschließlich alter vedischer Texte, einer spirituellen Tradition, in der er aufgewachsen war mit westlicher Wissenschaft (er ist Arzt) und ganzheitlicher Medizin. Lies Jacksons wundervolle Inschrift auf der ersten Seite des Covertextes von Dangerous: Tanzen erlaubt ihm durch Verschmelzung mit allem was ist das Heilige zu erfahren, mit der Schöpfung, die das Ergebnis des Bewusstseins ist, Schöpfer und Schöpfung sind ein und dasselbe. Dies gibt Chopras grundlegende spirituelle Botschaft wieder: „ … die Welt ist eine nahtlose Schöpfung, durchtränkt von einer einzigen Intelligenz, einem einzigen schöpferischen Plan … . In der einzigen Realität erschafft das Bewusstsein sich selbst, was dasselbe bedeutet, wie wenn man sagt, dass Gott in seiner Schöpfung selbst enthalten ist. Es gibt für Göttlichkeit keinen anderen Ort außerhalb der Schöpfung.“(13)

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Chopra führt dies auf die Quantenphysik zurück, welche „Zeit und Ort wieder in eine neue Geometrie zurückführt, wo es keinen Anfang und kein Ende, keine Kanten und keine Stabilität gibt … Das Quantenfeld existiert nicht getrennt von uns – wir sind es. Wo die Natur Sterne, Galaxien, Quarks und Leptonen erschafft, so erschaffen du und ich uns selbst.“(14) Deswegen ist alles und jeder Teil des Ganzen und des Göttlichen, ist in dieser Einheit enthalten und existiert nicht außerhalb von ihr. Bewusstsein ist schöpferisch, und deshalb sind wir fähig, es zu beeinflussen; unsere Gedanken ebenso wie unsere Taten formen die Welt wie auch das Universum. Jackson hatte diese Gedanken bereits untersucht, bevor er Chopra traf, der über seinen ersten Besuch in Jacksons Haus berichtete, dass überall „kleine Krishnas aufgestellt waren“.(15) In seinem Werk drückte er diese Empfindungen bereits weit zurückliegend mit „Can You Feel It“ (The Jacksons) und auch in „Another Part of Me“ vom Bad Album aus, die beide ganz sicher von Einheit und Verbundenheit handeln und den Mythos des Getrenntseins sprengen. Aber die öffentliche Erforschung dieser Gedanken spielten eine zentrale Rolle in der Dancing the Dream genannten Sammlung von Gedichten und Geschichten, die Jackson mit Chopras Hilfe 1992 veröffentlichte und die zutiefst mit Dangerous verbunden ist. Das Buch beginnt mit den Worten, die die Eröffnungsseite des Begleittextes des Albums zieren. Die Lyrics von „Heal the World“ und „Will You Be There“ werden ebenfalls wiedergegeben. Seite für Seite dieser Sammlung wendet sich Jackson den Themen des universellen und zeitlosen Bewusstseins zu, aus dem wir kommen und zu dem wir zurückkehren werden, der Einheit dieses Bewusstseins, der schöpferischen Kraft unserer Gedanken. Die Gedanken könnten direkt aus einem von Chopras Büchern stammen – oder aus jenen anderer spiritueller Lehrer wie Louise Hay, Eckhart Tolle oder aus A Course in Miracles (Eine Lehrstunde der Wunder). Das Gedicht „Heaven Is Here“ bietet einen der am vollständigsten ausgearbeiteten Ausdruck dieser Vorstellungen:(16)


You and I were never separate

It’s just an illusion
Wrought by the magical lens of
Perception

There is only one wholeness
Only one Mind
We are like ripples
In the vast Ocean of Conciousness

*

Du und ich waren niemals getrennt

Es ist nur eine Sinnestäuschung

Konstruiert durch die magische Linse der
Wahrnehmung

Es gibt nur eine einzige Ganzheit

Nur einen einzigen Geist

Wir sind wie kleine Wellen

Im gewaltigen Meer des Bewusstseins

Aber es gibt noch viele andere Beispiele, die sich quer durch Dancing the Dream ziehen: Zeit, Raum, Energie sind nur eine Vorstellung, es sind Begriffe für das, was wir erschaffen haben.

„Hörst du zu (Are you Listening): Unsterblichkeit ist mein Spiel, aus Glückseligkeit komme ich, in Glückseligkeit befinde ich mich, zu Glückseligkeit werde ich zurückkehren … . Mein Körper ist ein Energiestrom im Fluss der Zeit, Äonen sind vergangen, Zeiten kommen und gehen, ich erscheine und verschwinde wieder.“ Jackson verbindet sogar seinen künstlerischen Prozess mit dieser Vorstellung: „Die Leute fragen mich, wie meine Musik entsteht. Ich sage ihnen, dass ich einfach hineintrete. Es ist so, als würde ich in einen Fluss treten und mich dem Fließen hingeben.“

Die Gedichte und Betrachtungen werden von Fotografien, Gemälden und Zeichnungen begleitet. Der größte Teil der Fotos zeigt Jackson tanzend. Von den 89 Fotografien im Buch stammen 36, einschließlich dem Titelbild, aus dem Kurzfilm für „Black or White“. Die meisten von ihnen sind Standaufnahmen des „Panther Dance“. Dies gibt uns einen Hinweis darüber, für wie bedeutend Jackson dieses Stück einschätzte, und wie er, wenn es aus dem Film herausgelöst würde, sicherstellen würde, dass Teile davon in diesem Buch fortleben würden. Aber zusammen mit einer Vielzahl anderer Fotografien, die ihn tanzend zeigen, wird sein Tanz, durch den er, wie er sagt, eins wird mit der gesamten Schöpfung, auch dem Bereich des Sakralen zugeordnet.

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***

Musik wird in den meisten Kulturen als ein Mittel eingesetzt, durch das man sich mit dem Sakralen verbinden kann, um die Bedeutung reiner Worte noch zu „erhöhen“ und sie und unseren Körper dadurch aus dem Alltäglichen zu lösen, um unser Zeitgefühl umzugestalten und Gemeinsamkeit auf eine Art zu schaffen, wie nur Musik es kann. Es gibt so viele verschiedene heilige Musiktraditionen. Warum sich nur auf eine einzige beziehen? Warum erschaffen wir nicht auch hier eine Kreuzung Vermischung (Crossover)? Und drücken durch diesen Prozess, durch den musikalischen Klang, die Theologie des Eins-Bewusstseins aus.

Die Vierergruppe von Songs, die auf „Black or White“ folgt, zeichnet einen Pfad quälender persönlicher Kämpfe und gewissermaßen deren Erlösung nach. Für mich formt diese „Gruppe“ das Herz und die Seele des Albums. Da ist ein tiefgründiges In-sich-gehen. Kein Moralisieren mehr über den Zustand der Welt, kein Soul Man Machismo, keine bedeutungsschweren Utopien, keine Kinder – nun, wenigstens nicht bis danach. Auch kein Lärm. Die ersten drei Songs geben absolute und völlig aus den Angeln gehobene Einsamkeit, Verzweiflung und Sehnsucht wieder, für die es scheinbar nur wenig Abhilfe gibt. Wie die „Soul Man“ Songs fast zu Beginn des Albums unterminieren die meisten davon bewusst Jacksons Brillanz, generationenübergreifende Werke zu schaffen und deuten so wieder darauf hin, dass dieses Album auf bedeutende Art anders ist als vorangegangene Darbietungen. Hier ringt Jackson mit erwachsenen Dämonen, wo er verraten und allein ist und sich fragt, ob Geborgenheit und Gemeinschaft für ihn überhaupt erreichbar sind. Schon eins davon reißt dir dein Herz heraus, aber eins war nicht genug. Jackson hatte das Gefühl, dass es nötig sei, sie anzuhäufen, das Gefühl von Verzweiflung über den Verlauf von drei verschiedenen Songs aufzubauen, von denen jeder einzelne eine auffallend andere musikalische Sprache aufbietet, ein wenig zeitgenössisch, ein wenig historisch: Was er zu sagen scheint, ist „Ich beweine Religionszugehörigkeit und die Zeit.“ Der vierte Song „Keep the Faith“ versucht, uns aus diesen Tiefen emporzuheben, aber obwohl er sich sehr bemüht uns in die Kirche mitzunehmen, glaube ich nicht, dass der Optimismus fähig ist, die Angst des Vorangegangenen aufzuwiegen. Nicht nur das, sondern der darauf folgende Song „Gone Too Soon“ führt uns wieder zu Verlust und Verzweiflung. Dieser Song übernimmt eine besondere Bedeutung durch den Kurzfilm, welcher Ryan White gewidmet ist, dem Teenager-Aktivisten, der durch Bluttransfusionen an HIV/AIDS erkrankte, die er bekam, um seine Hämophilie (Bluterkrankheit) zu regulieren. Die Angst und Diskriminierung, die in den frühen 1980ern mit dem Thema HIV/AIDS einherging, hatte seinen Ausschluss aus der Schule zur Folge, und die Medienaufmerksamkeit führte durch Whites Fall zu einem erhöhten öffentlichen Bewusstsein hinsichtlich der vielfältigen Ursachen. Aber auf dem Album gibt es keine Widmung dieses Songs an White, und so ist es auch möglich, ihn als Fortführung der allgemeinen Erzählung von Verlust und Einsamkeit, die Jackson gegen Ende des Albums untersucht, zu lesen.

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„Who Is It“ und „Give In To Me“ handeln nur oberflächlich gesehen von Liebe und Betrug durch eine Frau. Die Lyrics sind unbestimmt genug, um die Identität von Jacksons Sujet in Frage stellen zu können: „Sie“ und „Frau“ kann sowohl wortwörtlich als auch metaphorisch gesehen werden, von intimer Beziehung oder Beziehungen mit dem Göttlichen handelnd (ich greife diesen Hinweis von Bono auf, der oft sagte, dass sich das „sie“ in seinen Lyrics auf den Heiligen Geist beziehen würde). Ich habe mich zum Beispiel gefragt, ob das „sie“ in „Who Is It“, das „sie“, durch das die Hauptperson betrogen wurde, die irdische Kirche kennzeichnen soll, durch die Versprechungen gemacht und dann gebrochen werden. Ich habe mich gefragt, ob die brennende Sehnsucht im Refrain von „Give In To Me“ so etwas wie jene Liebe ist, die die mittelalterlichen Mystiker für Christus fühlten, von ihnen in einer sinnlichen Sprache beschrieben (vor Sehnsucht zu brennen war keine ungewöhnliche Metapher), die zu erfassen versuchte, welch kraftvolle Gefühle sie verspürten.

***

In den frühen 1990er Jahren liebäugelte die Popkultur mit gregorianischen Gesängen. Die Gruppe Enigma veröffentlichte Ende 1990 das Album MCMXC a.D. und die Single „Sadness, Part I“, in die der sakrale Gesang eingearbeitet war, kletterte in über 20 Ländern an die Spitze der Hitparaden. Mitte der 1990er Jahre wurde eine Aufnahme mit Gregorianischen Gesängen der Mönche von Santo Domingo de Silos von 1970 wiederveröffentlicht und verkaufte sich phänomenal gut, zum Großteil an Yuppies, die laut einer zynischen Bemerkung einer Zeitung, diese Musik als „Gegenmittel zum Stress“ benutzten. (17) Andere Aufnahmen von Musik mit ähnlichem Gesang, wie zum Beispiel Vision: The Music of Hildegard von Bingen (1994) kombinierten, wie schon Enigma einige Jahre zuvor, sakrale Monophonie mit fetten Beats, aber veröffentlichten es unter dem Namen der Äbtissin und Mystikerin aus dem 12. Jahrhundert selbst.

Jackson umrahmt und durchtränkt „Who Is It“ mit sakralem Gesang, durch Anleihen an den Stil, jedoch ohne direkt zu zitieren. Natürlich weiß ich nicht, ob diese Anleihen bewusst geschahen oder nicht, die deutlichen klanglichen Ähnlichkeiten erwecken jedoch den Anschein, dass es bewusst geschah. Die eröffnenden engelsgleichen Stimmen (unglaublich, aber eine davon ist seine eigene) singen zweimal eine einfache Phrase. Diese kleine musikalische Phrase ist auf die rezitierenden Klänge mittelalterlicher Choräle aufgebaut, die so genannt werden, weil sie zum Rezitieren von Psalmen benutzt wurden, einer Gebetsform die das Herzstück spiritueller Übungen in der klösterlichen Tradition bildet. Es gibt im Chant-Gesang von „Who Is It“ eine weitere hübsche mittelalterliche Anleihe, die Harmonie endet auf dem Intervall der Quarte – einem der wohlklingendsten Intervalle des Mittelalters, jedoch für modernere, westliche Ohren seltsam klingend. Die „Klarheit“ der Stimmen (kein Vibrato, keine Verzerrung, klar und deutlich) und die große Menge Hall, die uns in die Kathedrale Notre Dame oder die St. Marks Basilika versetzt, platziert diese Musik ebenfalls in den Bereich des Christlich-Sakralen.

Der Groove des Songs unterbricht den Chant-Gesang / das Gebet: Man denkt, es könnte noch eine weitere Wiederholung dieser schönen Melodie geben, aber stattdessen wird man von einer Rhythmussprache aus einer anderen Welt aufgerüttelt, die aber Spuren des Gesangsmotivs beibehält: vielleicht nicht so geräuschvoll wie frühere Grooves auf diesem Album, aber rhythmisch scharf und dunkel, mit einem lauten, treibenden Bass, der auf den ersten beiden Beats jedes Taktes sehr präsent ist – wir werden durch den Bass auf eine Art geerdet wie in keinem der bisherigen Songs. Einen Teil des musikalischen Kampfes, den wir in diesem Lied hören, ist das gesungene Chant-Eröffnungsmotiv, das versucht sich gegen die Eindringlichkeit des Grooves durchzusetzen, und es versucht es in allen Varianten: Es taucht bei der vierten und fünften Wiederholung des Grooves, bevor Jackson zu singen beginnt, auf, aber es scheint diese Verspieltheit zu fehlen, die es hatte, als wir es zum ersten Mal hörten; auch während des Refrains taucht es in dieser Form auf. Wir hören es während des instrumentalen Zwischenspiels, besonders bei der Flöte, wo es sich wieder ausweiten darf. Und man hört es am Ende des Songs bei dem Cello, einem oft mit einem schwermütigen Klang in Verbindung gebrachten Instrument. Hören wir dieses Motiv bei dem Cello zum letzten Mal, erstreckt es sich bis zum H, der klagend klingenden sechsten Stufe (Doppeldominante) der Moll-Tonleiter, bevor es auf der Note davor und nicht auf der Tonika – oder dem Grundton der Tonleiter – abschließt, unvollendet klingend. Es scheint ziemlich deutlich, dass dieses Motiv das Sakrale repräsentiert, die Natur dieses Heiligen – ob tröstlich oder einschüchternd – ist nicht klar.

„Who Is It“ ist hypnotisierend, nicht nur wegen der Wiederholung des Motivs durch das ganze Stück hindurch, sondern auch wegen der an den Chant-Gesang erinnernden Formen in anderen Teilen der Melodie, besonders im Refrain, mit seiner schrittweisen Bewegung und dem geradlinigen Rhythmus und dessen nicht enden wollender Wiederholung während des letzten Drittels des Songs. Aber da ist auch etwas Dunkles und Monumentales in der Musik: Monumental in der Art, wie die Struktur durch die unterschiedlichen Einsätze des Chant-Motivs Höhen und Tiefen bekommt, sich ständig zu dem hohen Streichorchester Sound aufbauend. Der geradlinige, langsame Rhythmus des Motivs beginnt auf unheimliche Weise losgelöst zu klingen, düster, aber nicht in der Lage, sich den emotionalen Tiefen von Jacksons Stimme anzupassen (die sich hier besonders verwundet anhört: Einer der berührendsten Momente entsteht, wenn sein sonst so überschwängliches „hee hee“ auf ein klägliches Schluchzen reduziert ist; er hätte kein besseres Mittel finden können, um die Tiefe seines Schmerzes zu vermitteln). Dieses Motiv ist mediativ, aber nicht besonders beruhigend. Zu starr, zu strukturiert, zu unflexibel, nie fähig, die Einfachheit und Schönheit des am Anfang gehörten wiederzuerlangen. Und am Ende des Songs wird das Motiv aufgegeben, es verläuft einfach im Nichts, wird von Jacksons energischem Beat-Boxen übernommen, was dann ebenfalls ausgeblendet wird – nicht einmal als ein schönes, langes Ausblenden, sondern so, dass auch dieses abgebrochen, abgeschnitten zu sein scheint. Alles Streben nach epischer Erhabenheit verpufft am Ende des Songs, verläuft im Nichts.

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Metal-Rock Powerballaden wurden eindeutig dafür kritisiert, zu gefühlsduselig zu sein; maßgeblich daran beteiligt, dass Metal-Rock in den 1980er Jahren massentauglich wurde, wurden solche Balladen oft als „Hymnen des kommerziellen Eifers“ bezeichnet und, nach Ansicht einiger frauenfeindlicher Fans und Kritiker vielleicht noch schlimmer, dass sie auf die „Top 40 der Hausfrauen und deren Töchter“ (Top 40 Housewives and their daughters) ausgerichtet waren und die Bedeutung und Kraft der Musik verwässern würden. (18) Diese Balladen brachten als unvereinbar geltende Elemente zusammen: das langsame Tempo, lyrische Melodien, das Gefühl von Intimität und ausdrucksvolle Landschaften, wie sie in traditionellen Balladen zu finden sind, die, wie David Metzer es bezeichnet, „sich Liebe und Verlust zunutze machen“ (19) – Eigenschaften, die mit musikalischen Begriffen ausgedrückt, konventionell als feminin bezeichnet werden – mit rauem Gesang, kraftvollen Akkorden und virtuosen Gitarrensoli des Rock und Metal – in dem es oft um Machismo, Macht, Sex, und Aufbau und Beherrschung der Welt geht und nicht um Romantik. Die Powerballade feierte die romantische Liebe: Von einer Frau gegenüber einem Mann offenbart („I Want to Know What Love Is“ von Foreigner), als grundlegende Wirkung einer Frau auf Männer, die „draussen in der Welt“ sind („Sweet Child O Mine“ von Guns N’ Roses, „Home Sweet Home“ von Mötley Crüe) als Bestätigung, dass du (Frau) Recht hattest und ich (Mann) falsch lag und es mir jetzt leid tut („Every Rose Has Its Thorn“ von Whitesnake). Je nach Ausführung kann die sich daraus ergebende Intensität entweder nicht überzeugend süßlich oder atemberaubend wirkungsvoll sein und eine Art „Energie erzeugen, in der Zuhörer sich verlieren können.“ (20)

In seinem Song „Give In To Me“ nutzt Jackson die musikalische Sprache und die emotionale Intensität der Metal-Powerballade mit unglaublichem Effekt, schiebt die emotionalen Grenzen bis an ihr Limit. Doch sein Ziel ist es, sich über die Konventionen des Genres hinwegzusetzen, ihm in seiner tiefen Enttäuschung ins Gesicht der süßlichen Gefühle zu spucken. Die Frau in seinem Text ist brutal, sie ist keine Quelle des Trostes, sie repräsentiert kein „Zuhause“, sie lehrt ihn nicht das Wunder der romantischen Liebe, zähmt nicht seine Männlichkeit und befriedigt nicht sein Verlangen. Er hat, wie es scheint, nichts falsch gemacht, hat nichts zu bereuen (etwas, worauf die Frauen in anderen Beispielen dieses Genres notwendigerweise reagieren.) Es gibt Herzschmerz ohne Sentimentalität. Es gibt Sehnsucht, aber nach Sex, nicht nach Romantik. Sein Schmerz und seine Wut bringen ihn dazu, um sich zu schlagen – das ist in einer Powerballade nicht vorgesehen.

Der Text zu diesem Song kam mir immer zerrissen vor, es funktioniert besser, seitdem ich aufgehört habe, ihn stimmig machen zu wollen. Hier geht es um Gefühlschaos. Jackson versucht dieses Chaos einzufangen, indem er Trauer, Schmerz, Trotz, Wut, Ausdauer (niemals fragen, warum) zur gleichen Zeit ausdrückt. Das Gefühl verändert sich ständig, wie es in turbulenten Beziehungen der Fall ist. Es besteht eine Art Diskrepanz zwischen den Strophen, in denen es aussieht, als hätte er so gut wie aufgegeben (besonders deutlich in der herausfordernden Bridge, in der er aussagt, nicht mehr länger da sein zu wollen) und dem Refrain, in dem er drängt, dass seine Geliebte auf sein unerbittliches Verlangen eingeht. Eine der großen Stärken des Textes des Refrains ist, dass sich jedes Mal, wenn wir ihn hören, die Reihenfolge einiger Zeilen verändert hat, oder eine neue Zeile hinzugekommen ist („falsch“ für einen Refrain). Eine äußerst wirkungsvolle Art, um Verwirrung, Kontrollverlust, Überwältigung oder Erschöpfung auszudrücken: Er kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Der Klang seiner Stimme verändert sich zwischen Strophen und Refrain radikal: Ein sauberes Timbre, in der Tonhöhe ansteigend um das Übermaß an Emotionen auszudrücken, steht im Kontrast zu einer Menge Verzerrungen und kurzen, abgehackten Phrasen in den Refrains.

Man könnte annehmen, ein solcher Song würde auch weiterhin das Mittel der musikalischen Haltlosigkeit, wie wir sie zuvor in diesem Album hören konnten, nutzen, aber wie bei „Who Is It“ ist das auch hier nicht der Fall. Sowohl in den Strophen als auch im Refrain wird die gleiche einfache Akkordfolge benutzt, der Bass ist durchgängig stark, die Akkorde in Oktavlage gesetzt. Zusammen mit der Hall beladenen Produktion, die den Klangraum besonders im unteren Bereich öffnet, bewirkt dieses, dass man in den Schmerz hineingezogen wird: Ich fühle diese Basstöne tief in meiner Seele. Die Harmoniefolge eignet sich zur Uneindeutigkeit, denn es ist leicht möglich, von der dunklen Moll-Tonart zur sonnigen Dur-Tonart zu schwenken – Patti Smiths „Because the Night“ ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie sich dadurch Stimmungsgegensätze erschaffen lassen – aber Jackson erlaubt dieses Spiel nicht, lässt diese Möglichkeit nicht zu und bleibt schonungslos in der Moll-Tonart.

Wie in vielen Liedern von Jackson, nimmt der Refrain die ganze letzte Hälfte des Songs ein, in diesem Fall lässt sie uns – und den Sänger – in Verzerrungen, Rückkopplungen, den stattlichen Akkorden des Mellotrons und Slashs virtuosem und ungezügeltem Gitarrensolo ertrinken. Slash war eine hervorragende Wahl für diesen Song, denn sein Gitarrenstil stellt emotionsgeladenes Spiel – und das ist ein Kompliment – über eine saubere, klare Technik.

Und doch bleibt dieses ganze musikalische Miasma irgendwie geerdet und kraftvoll, da eine starke und konventionelle Akkordfolge sowohl die Strophen als auch den Refrain untermauert. Selbst als diese Akkordfolge etwa 1 Minute und 15 Sekunden vor dem Ende des Songs stoppt, löst sie sich auf in ein fundamentales Dröhnen, auf E, dem Grundton der Tonart, beendet die Vorwärtsbewegung, damit wir uns ganz im Gefüge der Komplexität und des Dramas einfinden können. Die Extreme dieses Songs, vor allem das dramatische Ende, sind zweifellos dem Gothic zuzuordnen.

Joe Vogel schreibt dazu: „Jackson hat schon zuvor Rock gemacht, aber nicht auf diese Art.“ (21) Da ist nichts mehr von dieser „theatralischen Art“, wie Vogel es nennt, von Songs wie „Beat It“ oder „Dirty Diana“. Was er wollte, war die uneingeschränkte emotionale Sprache, die Erhabenheit, die monumentale Qualität einer Metal-Ballade, nicht um die Liebe zu feiern, sondern um die Unmöglichkeit der Art von Liebe zu enthüllen, die diese Songs normalerweise preisen. Jackson hat den Schalter nur ein wenig weitergedreht, von der von Gesang durchdrungenen R&B-Welt von „Who Is It“ hin zur Rock-Welt von „Give In To Me“, hat die musikalische Sprache etwas verändert, alle die Thematik unterstützenden Möglichkeiten genutzt, um tief in die Flut der Gefühle einzutauchen, auch den letzten Tropfen des Schmerzes herauszupressen, um den für die Schwere des Betrugs typischen Teil zu finden: Auch wenn er das Genre meisterlich beherrscht, so ist es doch nicht für ihn gedacht. Es lässt ihn hoffnungslos unerfüllt zurück, mit brennendem Verlangen, das aber niemand zu löschen vermag, so sehr er auch darum bettelt. Weiße Rockmusik als Religion, was keine ungewöhnliche Sichtweise ist, kann ihm nicht aus der Verzweiflung heraushelfen, sondern stürzt ihn noch tiefer hinein (größere Fragen zur Rassenproblematik können hier sicherlich hineininterpretiert werden). Genau wie „Who Is It“ läuft auch „Give In To Me“ zum Ende hin aus, der schwere Groove reduziert sich dieses Mal nicht zu einem Beatboxen, sondern zu einem einzelnen Ton der Gitarren-Rückkopplung, ein Zeichen des Versagens.

* * *

Jacksons Zitat aus Beethovens „Ode an die Freude“ zu Beginn von „Will You Be There“ mag „verwegen“ sein, ist jedoch nicht willkürlich. (22) Die „Ode an die Freude“, die den 4. Satz der Neunten Symphonie abschließt, beginnt eigentlich mit einem Text, den der Komponist selbst Schillers Gedicht vorangestellt hat: „Oh Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere.“ Es wäre für Jackson wohl zu offensichtlich gewesen, diese Zeilen am Anfang von „Will You Be There“ zu zitieren, aber sein ruheloses Erforschen von Musikstilen bei seiner Seelenerforschung reflektiert Beethovens eigene Seelensuche am Ende der Neunten Symphonie. Beethoven greift Themen und musikalische Ideen aus vorherigen Sätzen der Symphonie erneut auf, um sie dann wieder zu verwerfen, und wie man weiß, ist dieses auch die erste Symphonie, die Stimmen einsetzt, was bedeutet, dass Beethoven nicht nur seine eigenen vorherigen Ideen aufgibt, sondern die ganze konventionelle Form des von ihm komponierten Genres. Er geht neue Wege, erschafft eine neue Form (Hybrid). Hört sich das nicht vertraut an?

Jackson scheint die musikalischen Genres, die formalen Strukturen und Spiritualitäten, die er bis hier auf diesem Album ausprobiert hat auf ähnliche Weise zu verwerfen, indem er sich einer Tradition der hohen Kunst zuwendet, die weit entfernt von der Welt der kommerziellen Popmusik liegt. Die Passage, die er aus „Ode an die Freude“ ausgewählt hat, ist die wohl „religiöseste“ in einem Gedicht, dessen „Religion“ eigentlich als weltlich zelebriert wird, „die Brüderlichkeit der ganzen Menschheit“.


Do you bow down before him, you millions?

Do you sense your creator, World?
Seek him above the starry firmament
Above the stars he must dwell

*

Stürzt ihr nieder, Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such ihn überm Sternenzelt
Über den Sternen muss er wohnen

Beethovens Musik ist an dieser Stelle ehrfürchtig, ein großer Kontrast zu dem, was davor und im Anschluss kommt: Überschwänglichkeit, halsbrecherische Tempi, verrückte, hohe Soprane die mit rhythmischer Sicherheit das bekannte Thema „Joy / Freude“ heraus schmettern. Im Kontrast dazu ist dieses hier eine Hymne, ein Innehalten zur Besinnung, Beethoven weist die Musiker an, sie „mit Hingabe“ zu spielen. Eine beeindruckende Wahl, die Jackson hier getroffen hat. Die Theologie, auf die man sich hier beruft, erkennt einen Schöpfer an, aber nicht Gott. Sie ruft zum Erkennen einer höheren Macht auf und zur Demut ihr gegenüber, aber es ist so weit gefasst, dass es auch mit Jacksons Inschrift auf dem Begleitheft des Albums übereinstimmen kann, im Sinne von Einswerden mit dem Schöpfer und der Schöpfung. (Anmerkung: ‘The Dance’) Das ist, wonach Schiller mit diesem Gedicht ruft: „Alle Menschen sollen Brüder werden“ und „Jeder, der auf dieser Welt eine Seele hat (lass ihn sich unserem Lobgesang anschließen).“ Das Gedicht wurde als „eine weltumfassende Erklärung der Brüderlichkeit“ bezeichnet, der letzte Satz der Symphonie eine „quasi religiöse, jedoch nichtkonfessionelle Segnung aller „guten“ und „rechtschaffenen“ Menschen und Institutionen.“ (23) Das alles kommt der Theologie des „Eins-Bewusstseins“, das Jackson in Dancing The Dream zelebriert sehr nahe, aber Schillers Ode spiegelt auch Jacksons lebenslange Sehnsucht nach Frieden und einem liebevollem Miteinander in der Welt wieder. Dieses Gedicht ist in seinen historischen Kontext zu setzen, es wurde in einer Zeit (im frühen 19. Jahrhundert) geschrieben als, nach der französischen Revolution, „verängstigte dynastische Herrscher danach strebten, sich herauszuputzen und für sich das Konzept des göttlichen Rechts geltend zu machen.“

Es war eine Zeit, die sich durch „Unterdrückung und ultrakonservativen Nationalismus“ (24) auszeichnete. Schillers Gedicht und Beethovens Interpretation beziehen sich auf diese Unterdrückung, auf Privilegien durch die Geburt, auf Klassentrennung, so wie Jackson es oft im Verlauf seines Lebens tat.

(Anmerkung/Link: Ludwig van Beethoven – Neunte Sinfonie)

Doch die Passage, die Jackson zitiert, endet mit Ungewissheit: Der Schöpfer muss über den Sternen wohnen… Oder etwa nicht? Die Musik fragt auch danach, sie endet mit einer Dissonanz und lässt die Frage in der Luft hängen. In Beethovens Symphonie kommt die Auflösung im nächsten Satz, aber Jackson zitiert nicht weiter; er lässt die Frage nachklingen. „Will You Be There“ ist eine Erkundung dieser Ungewissheit. Es ist eine direkte Bitte an diesen Schöpfer, der ganz sicher da ist, aber vielleicht nicht für ihn. Die folgende, liebliche Chorpassage spiegelt den Anfang von „Who Is It“ wieder, obwohl eine leicht abgewandelte, jedoch trotzdem altmodische musikalische Sprache heraufbeschworen wird. Sie erinnert mich mit diesem aufsteigenden Soprano an sakrale Polyphonien der Renaissance, an eine Messe von Palestrina oder Allegris beeindruckendes „Miserere“, die Stimmen erinnern an Knabenchöre, die manchmal diese Art Musik singen. Es hat den Anschein, als würden hier, als ein Zeichen der Hoffnung, wieder Kinder erscheinen; und tatsächlich erscheinen sie auch in dem Kurzfilm zu diesem Song und singen diesen engelsgleichen Eröffnungschor (oder bewegen zumindest die Lippen dazu). Nach diesem ehrfürchtigen Moment wendet Jackson sich von dieser Tradition der hohen Kunst hin zur Musik der Kirche der Schwarzen, nicht nur in einem Song, sondern in zwei aufeinander folgenden. So viel zu den Vorwürfen, er würde seine schwarze Herkunft verleugnen. Hier wird es zu seiner Rettung, seiner Heimat, seiner Stärke, seinem Überleben; es vollendet Beethoven, damit wir nicht denken, Beethoven und die Tradition der weißen, hohen Kunst stünden für Vollendung in sich selbst. Sowohl in „Will You Be There“ als auch in „Keep The Faith“ bringt er die Andraé Crouch Singers – den Gospelchor, die ganze (schwarze) Gemeinschaft – zu seiner Unterstützung mit ein. Der Chor antwortet hier nicht in der typischen Art auf Jacksons Rufe, sondern mit einer Serie von Befehlen, ähnlich jenen in „Give In to Me“. Die Gemeinschaft ist nicht nur zur Unterstützung da, sondern um mit einer Stimme Heilung, Liebe, Fürsorge und Segnung zu fordern. Um es mit anderen Worten zu sagen, es ist nicht nur Jackson, der leidet, es ist die gesamte Gemeinschaft, und er gibt dieser Gemeinschaft seine Stimme.

Wenn auch die Fragen in „Will You Be There“ nicht im Text beantwortet werden, so werden sie es doch durch die Musik. Die Moll-Tonart wird durch eine heitere Dur-Tonart ersetzt. Gleich ab Beginn des Piano-Intros hört man einen tiefen, anhaltenden Ton in der Tonika, die fast durch das ganze Lied bestehen bleibt und uns im gegenwärtigen Augenblick erdet. Tatsächlich verlassen wir nie diese Tonika, weder in den Strophen noch im Refrain (sie wird ausgestaltet, aber wirkliche Veränderungen der Akkordfolge sind nur in der Bridge vorhanden). Es ist außergewöhnlich, eine Komposition zu erschaffen, die sich mehr oder weniger auf einen einzigen Akkord aufbaut. Jackson singt die ersten eineinhalb Strophen etwa eine Oktave unter seiner normalen Stimmlage (ja, er konnte so tief singen) und setzt dabei ein wunderschönes, warmes, entspanntes Timbre ein. In der Hälfte der zweiten Strophe steigt er um eine Oktave an, um die Intensität zu steigern, und diese Tonlage behält er für den restlichen Song bei. Der Song ist hauptsächlich auf dieser von Jackson so geliebten Modulation aufgebaut. Hier kommt sie nicht weniger als drei Mal zum Einsatz, hebt das Stück von D-Dur auf E-Dur, auf Fis und schließlich auf Gis (As). Das ist ein recht großer Anstieg. Und in dieser Lage endet auch der Song, wir gehen nicht an den Anfang zurück, wir sind ganz in dieser neuen Tonart angekommen, in dieser neuen Region. Wir sind dorthin aufgestiegen. Auch der eröffnende engelsgleiche Chor, der mich an eine Renaissance-Polyphonie erinnert, erscheint gegen Ende des Songs erneut, nachdem der üppige Chorgesang aufhört und wir ein instrumentales Zwischenspiel hören, zu dem der Chor summt; dieser Auftakt in Form eines „Renaissance“-Chorals ist jetzt ganz von der Sprache des Gospels übernommen worden, dieser hallend und entfernt wirkende, einer anderen christlichen Tradition zugeordnete Sound, wurde neugestaltet und geerdet. Jackson hat jedoch noch keinen Trost gefunden, stattdessen hat sein Singen sich zum Sprechen reduziert, etwas was wir bei ihm nur selten hören. Dieses Gebet – ich denke, so können wir es nennen – reicht hinab in die dunklen Winkel des Menschseins. Ich glaube, Jacksons Bekenntnis der „Gewalttätigkeit(en)“, die wir verüben, ist besonders erwähnenswert und ein in einem Popsong ungewöhnlicher aber deutlicher Inhalt, der die anderen Emotionen und Zustände erhöht, die er aus banaler Sentimentalität heraus beschreibt.

Soul_Michael+Jackson++WILL+YOU+BE+THERE

***

Ich wollte in die Musik dieser drei Songs eintauchen, weil Jackson sich darin auf seine spirituelle Reise begibt, größtenteils indem er dabei sehr geschickt viele unterschiedliche musikalische Sprachen zitiert. Seine musikalische Reise ist dabei Metapher für die spirituelle Suche. Auf die Kurzfilme, die für diese Songs gemacht wurden, bin ich kaum eingegangen. Meiner bescheidenen Meinung nach muss ich sagen, diese Kurzfilme werden der Musik nicht gerecht. Es ist absolut sinnvoll, dass er „Give In To Me“ auf einer Konzertbühne drehen lässt, da das sicherlich für Rock- und Metal-Videos am authentischsten ist, denn es geht dort in erster Linie darum, die Fähigkeiten der Musiker bei einem Liveauftritt zu zeigen. Außerdem konnte er so Slash in das Video integrieren, was Jackson für ein Publikum, das seiner Musik sonst sicherlich nicht zuhören würde, sehr glaubwürdig machte, da Guns N’ Roses zu dieser Zeit noch immer sehr populär waren.

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Doch die parallel dazu erzählte Geschichte gewöhnlicher Paarstreitigkeiten scheint für einen Jackson Film zu simpel und verwässert sowohl die Kraft des Textes als auch der Musik. Und die Darstellung des einsamen Jackson in dem Kurzfilm zu „Who Is It“ durch erneutes Aufgreifen der Femme-Fatale-Thematik, scheint die Tiefe der Verzweiflung, mit der sich Jackson in diesem Lied beschäftigt zu trivialisieren. Es ist jedoch durchaus möglich, dass das, was ich wirklich vermisse Jacksons tanzender Körper ist, weshalb ich den Kurzfilm zu „Will You Be There“ als den erfolgreichsten der drei Filme sehe. Diese wunderschöne, sinnliche Choreografie, zusammen mit der erzählten Geschichte – die sich wirklich um das Teilen und die Rückforderung der Erde (eine Rückkehr dieses wichtigen Symbols) und dem, was wie ein heiliges Buch aussieht, dreht. Durch die Kostüme der Tänzer tritt in diesem Film auch Afrika wieder in Erscheinung – Jackson schien entschlossen, diesem Kontinent während dieser Zeit Präsenz zu verleihen.

Andererseits ist es ein zufälliger Film, zusammengeschnitten aus Ausschnitten der Performance des Songs bei den MTV Video Awards 1991, Konzertaufnahmen, Aufnahmen von Fans und von Jackson mitten unter Fans. Abgesehen vom Tanzen hat mich immer das Auto aus den der MTV Performance entnommenen Sequenzen beeindruckt. Dieses Auto ist da, weil genau vor „Will You Be There“ der Song „Black or White“ performt wurde. Trotz der Kontroversen über den „Panther Dance“ nach der nur zwei Wochen zuvor gezeigten Premiere des Songs, sang Jackson ihn bei der Award-Show mit diesem Auto, auf dessen Dach er tanzte, auch wenn er nicht den kompletten „Panther Dance“ darbietet. Ich denke, das wäre eine zu leichte Herausforderung für Jackson gewesen. Stattdessen verwandelt er die Performance dieses Songs in ein ausgewachsenes Metal-Rock-Fest und bedient sich abermals eines Musikgenres, um eine Aussage zu treffen. Slash performt mit ihm zusammen, und es ist diesem überlassen, die Ärgernis erregende Mülltonne von der Bühne zu kicken und am Ende seine Gitarre in das Auto zu schmettern. Vielleicht traf Jackson damit die Aussage, dass grundlose Gewalt (worauf es hier, im Gegensatz zu dem „Black or White“ Kurzfilm, hinausläuft) im Rock ‘n Roll völlig akzeptabel ist und sogar bejubelt wird. Warum lässt man es bei Slash durchgehen, aber nicht bei ihm? Warum ist diese besondere Art der Rock Rebellion cool, aber Rebellion gegen Rassismus tabu? Der Rap-Teil des Songs wurde komplett herausgenommen, um viel Raum für Slashs virtuose Vorführung zu schaffen, aber wie wirkt sich das auf die wunderbare Symmetrie des Songs und das Zusammenbringen grundverschiedener Musikrichtungen, um eine Aussage zur ethnischen Harmonie zu treffen, aus? Vorbei. Aber der vielleicht außergewöhnlichste Moment kommt erst, nachdem diese extravagante Vorführung beendet ist. Jackson beginnt „Will You Be There“ zu singen, angelehnt an dieses Auto. Als ob er die subversive Kunstform des Graffiti aus der editierten Version von „Black or White“ – mit diesen grässlichen rassistischen Sprüchen – wiederverwenden wollte, lehnt sich Jackson gegen dieses komplett mit Graffiti bedeckte Auto. Die Kamera bewegt sich über das Auto hinweg um einen einzelnen Slogan oben auf dem Dach zu zeigen: „Frauenrechte jetzt.“

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Jackson „rang“ in seinem Werk mit „religiös geprägten, moralisch geformten und kulturell bedingten Themen“, schrieb Eric Dyson 1993; diese Themen bilden die Basis für das, was Dyson als Jacksons „eigene Vision afroamerikanischer Spiritualität“ bezeichnete. (25) Diese Gruppe von Songs auf Dangerous gibt Einblick in die mit am ausgiebigsten und umfassendsten Ausdrucksformen von Jacksons spirituellen Kämpfen, sein Ringen mit der Religion, der Seele, mit Betrug und Erlösung; ernste erwachsene Themen. Was Jackson so bemerkenswert gut gelingt – hier, aber auch überall in seiner Performance – ist die Möglichkeit der Katharsis (Erlösung), von der Dyson sagt, sie sei Teil der spirituellen Signifikanz seiner Darbietungen und „schaffe Raum für kulturellen Widerstand und gewissenhaftes Handeln“. (26) Jackson wusste, wie kraftvoll diese Art kathartische Performance sein konnte, 2007 sagte er, es sei genau das, was ihn an James Brown so fesselte: „Er gab eine Vorstellung, die dich fertigmachte, die dich emotional auslaugte. Seine gesamte körperliche Präsenz, das Feuer, das aus jeder Pore drang, war phänomenal. Du konntest jeden Schweißtropfen auf seinem Gesicht spüren und du wusstest, was er durchmachte.“ (27) Das war, was auch Jackson seinem Publikum geben wollte – er wurde zum Kanal für alle Arten von Erlösung, Erlösung im spirituellen Sinn. Interessanterweise ist eine Sache, die Jackson in dieser Gruppe von Songs erreicht – und die auch durch Rydens Cover-Kunst ausgedrückt wird – das Zusammenbringen hoher und niederer Kunsttraditionen, was uns ein weiteres Beispiel für seinen Wunsch nach Crossover gibt, dieses Mal nicht für kommerzielle Zwecke, sondern für sozialen Zusammenhalt.

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Übersetzung: M.v.d.Linden & Ilke

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Kopieren des Texts nur mit Genehmigung des Bloomsbury Verlags

© Dr. Susan Fast, 2014, Michael Jackson’s Dangerous, Bloomsbury Academic,
an imprint of Bloomsbury Publishing Plc.

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Fussnoten und Quellenverzeichnis:

http://all4michael.com/2014/12/18/fussnoten-und-quellverzeichnis-dangerous-von-susan-fast/

Michael Jacksons One Night Only – Das HBO Special, das nie stattfand

Übersetzung des Artikels von Damien Shields: 

Inside the King of Pop’s 1995 HBO special that never was; Michael Jackson One Night Only

http://www.damienshields.com/michael-jackson-one-night-only/

Am 25 Juli 1995 gab der King of Pop bekannt, dass er an einem später im Jahr gesendeten ‘TV-Special’ beteiligt sein würde. Das ‘Special’ mit dem Namen Michael Jackson: One Night Only würde ein intimes Konzertereignis sein, das auf der Bühne des historischen Beacon Theater in New York City stattfinden würde. Gefilmt am 8. und 9. Dezember vor einem Live-Publikum, sollte es am 10 Dezember, 20.00 Uhr, exklusiv auf HBO gesendet werden.

Michael Jackson: One Night Only wurde schliesslich nur wenige Tage vor dem Sendetermin abgesagt, weil Jackson nach einem Zusammenbruch auf der Bühne während der Proben am 6. Dezember, ins Krankenhaus gebracht worden war. Die Absage des ‘Specials“ warf einige Fragen auf, viele davon unbeantwortet. Bis heute rätseln die Fans über diese Show, die nie stattfinden sollte: Welche Songs hätte Jackson performt? Wie hätte die Produktion ausgesehen? Wurden die Proben gefilmt? Wessen Idee war das Ganze? War Jacksons Zusammenbruch echt oder gespielt? Warum gab es für das ‘Special’ nie einen neuen Termin? Und wie hätte sich das ‘Special’, hätte es stattgefunden, auf Jacksons Karriere ausgewirkt?

Also beschloss ich nachzuforschen und viele Personen, die an dieser Show in irgendeiner Weise beteiligt waren, zu befragen. In den vergangenen Monaten habe ich viele dieser Leute interviewt, und sorgfältig alle Informationen über das zusammengetragen, was möglicherweise das größte nie stattfindende Konzert aller Zeiten sein könnte.

Er hätte nicht mit mehr Leidenschaft dabei sein können“, sagt Jacksons damaliger Manager Jim Morey über die Begeisterung seines Klienten über dieses Konzert. „Es war sein Konzept. Michael wollte etwas tun, was er vorher nie in dieser Art getan hatte. Es gab immer neue Gipfel zu besteigen, und dieses HBO wäre etwas völlig neuartiges gewesen. Es stand komplett unter der Aufsicht von Michael und seinen Leuten. Er suchte den Direktor/Regisseur aus. Er wählte die Gast-Stars aus. Es wäre ein weiterer Karrierehöhepunkt für Michael gewesen, etwas, was kein anderer Entertainer zuvor erreicht hätte.“

Jackson, dessen History-Album erst 6 Wochen vor Bekanntgabe des Konzerts heraus gekommen war, fragte seinen langjährigen Freund, den renommierten Regisseur und Produzenten Jeff Margolis, ihn bei der Durchführung dieses Events zu unterstützen.

Michael kam zu mir. Ich kannte ihn schon, als er noch ein kleiner Knirps war und über die Jahre arbeiteten wir viele, viele Male zusammen,“ sagt Margolis, der auch 1990 das mit einem Emmy Award ausgezeichnete TV-Special Sammy Davis Jr, 60th Anniversary Celebration produziert hatte, sowie 1997 Happy Birthday Elizabeth: A Celebration of Live – in beiden Produktionen trat auch Jackson auf.

Gelegentlich kam er in mein Büro, und ich besuchte die Neverland Ranch, wir verbrachten etwas Zeit miteinander und unterhielten uns über alles Mögliche. Als Michael und sein Management sich für diese Produktion entschieden, wollten sie wirklich etwas neues ausprobieren,“ erinnert er sich. „Anstatt in diesen großen Stadien aufzutreten, wollte Michael etwas intimeres, etwas, was ihn für seine Fans und das amerikanische Publikum erreichbarer machte. Deshalb kam er mit dieser Idee und sagte zu mir, ‘ich möchte es im kleineren Rahmen. Wie würdest du es umsetzen?’ So kam es zustande.“

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Michael Jackson und Jeff Margolis

Wir wählten das Beacon Theater in New York City aus,” ergänzt Margolis. “Es ist ein wundervolles altes Theater im Stil des Artdeco und wir wollten die Intimität dieses Theaters, damit Michael sich seinen Fans näher fühlen würde und die Fans sich näher zu ihm.“

Das war das, was Michael sich vorgestellt hatte,“ stimmt Mores zu. „Anstatt im Yankee Stadion vor 70.000 Menschen aufzutreten, fasst das Beacon Theater nur 3000 Personen, und es garantierte diese Nähe zu Michael, ähnlich wie Frank Sinatra es gemacht hätte. Es wäre nur der Mann und seine Musik, anstatt Lichteffekte, Feuerwerk und Gags.“

Ich glaube es zeichnet einen wahren Performer aus, jedes Publikum auf der ganzen Welt erreichen zu können, egal, wie groß,“ sagt Jackson, als er dazu befragt wird, eine Show vor einem kleineren Publikum zu geben. „Wenn du mit einer kleinen Gruppe eine Verbindung aufbauen kannst, entsteht Magie. Mit solchen Konzerten begann ich. (das HBO) ist intim. Es ist ganz nah dran. Ich kann dort vieles tun, was ich vorher nicht tun konnte.“

Werbespot für das HBO One Night Only Special

Als über das Konzept und den Veranstaltungsort entschieden war, begannen Jackson und Margolis mit der Planung der Show, und stellten ein Team zusammen, das ihnen bei der Umsetzung ihrer Vorstellungen helfen würde.

Die Musikstücke, die aufgeführt werden würden waren im Prinzip die, die Michael für geeignet hielt,“ erinnert sich Margolis. „Das ging von seinen alten Hits, bis hin zu seinem neuesten Material. Er wollte viele seiner alten Hits integrieren, weil jeder sie kannte.“

Margolis fährt fort: „Ich engagierte den Produktions-Designer, den ich für geeignet hielt, und ebenso den Licht-Designer und die Choreografen. Ich engagierte ein halbes Duzend Choreografen für diese Show, denn wir wollten, dass jede Nummer eine andere Atmosphäre vermittelt. Die Nummern sollten nicht alle gleich aussehen. Jeder Choreograf hatte 2 – 3 Nummern zu gestalten. Ich stellte Jamie King ein (der die posthumen Cirque du Soleil Shows choreografierte) und ich stellte einen Choreografen namens Barry Lather ein, der jetzt Ushers Choreograf ist.“

Ich kam auf Wunsch von MJ und Jeff als Berater dazu,“ erinnert sich Kenny Ortega, der Direktor von Jacksons Dangerous World Tour 1992 -93 war. Jeff ist ein guter Freund und wir arbeiteten zusammen an vielen musikalischen Projekten.”

Ich engagierte Kenny Ortega um die ganze Sache zu leiten,“ erklärt Margolis. „Kenny und ich sind wirklich gute Freunde und hatten schon ziemlich viel zusammen gearbeitet. Er hatte schon zuvor mit Michael gearbeitet und ich wußte, dass Michael ihn wirklich mochte, und er liebte die Zusammenarbeit mit Michael. Und ich dachte mir, ich engagiere ihn als Leitung für all die anderen Choreografen. Er sagte zu und Michael fühlte sich gut damit, dass er es beaufsichtigte.“

Zusätzlich zu Ortega wurde auch noch Debbie Allen, eine langjährige Freundin und Tanzikone von Michael, als leitende Choreografin engagiert. „Weil sie sich so gut kannten, dachte ich es wäre gut, Debbie dabei zu haben,“ erinnert sich Margolis.

Kenny und Debbie sollten den Trupp junger Choreografen bei ihrer Aufgabe unterstützen und ihnen helfen, den Terminplan einzuhalten,“ sagt Lavelle Smith Jr, ein weiterer Choreograf der Show. „Jeff Margolis brauchte Leute, von denen er wußte, dass sie mit uns jungen Tänzern und Choreografen umgehen konnten.“

Smith, der bei der Choreografie der „Dangerous“-Nummer mitarbeitete, die Jackson während der Eröffnung der MTV Music Award Show am 7. September 1995 performte, erinnert sich an eine Reise nach Europa, zusammen mit Jackson, seinem Mit-Choreografen Travis Payne und einer Entourage von Tänzern, um am 4. November 1995 an einem Promotion-Auftritt in der Deutschen TV-Show Wetten Dass teilzunehmen – nur etwa 5 Wochen bevor das HBO Special hätte stattfinden sollen.

Lavelle Smith Jr. und Travis Payne performen “Dangerous” live mit Michael Jackson bei Wetten Dass am 4. November 1995.

Travis und ich waren gerade mit Michael aus Europa zurück gekommen und wir hatten noch keinen das HBO betreffenden Anruf erhalten,“ erinnert sich Smith. „Michael dachte aber, wir wären schon informiert, denn als wir Europa verliessen sagte er, ‘Ich sehe euch in New York’, aber wir hatten keinen Anruf erhalten. Also lies Michael jemanden unsere Flüge buchen und schon waren wir in New York. Ich erinnere mich noch an das erste Treffen mit den ganzen Choreografen und ich dachte, was ist hier los? Es waren so viele Leute dort. Fast ‘zu viele Köche in der Küche’. Jeder bearbeitete eine oder zwei Nummern.“

Uns wurde gesagt, wir würden an einer ikonischen TV-Show arbeiten, die für Michael Geschichte schreiben würde,“ erinnert sich Barry Lather. „Es waren verschiedene Choreografen beteiligt, und es war spannend, weil jeder Choreograf etwas ganz neues und besonderes für Michael realisieren wollte; neue Konzepte, neue Tanzschritte entwickeln und eine epische TV-Show erschaffen wollte.“

Die Proben für das ‘Special’ fanden in den Sony Studios in New York City statt, mit bis zu einhundert Tänzern, die kamen und gingen, um ihren speziellen Teil zu proben.

Es war eine Team Leistung, aber wir arbeiteten alle separat,“ fügt Lather hinzu. „Es fühlte sich alles streng geheim an. Jeder arbeitete an seiner speziellen Performance, hinter verschlossenen Türen. Wir sahen uns nicht die Arbeit der anderen Choreografen an. Es war wirklich ein einzigartiges Projekt, dem wir uns alle verpflichtet hatten.“

Alles war sehr separiert,“ sagt Smith. „Wir waren mit 25 Tänzern in den Sony Studios. Wir hielten unsere Sachen vor den anderen geheim, denn wir wollten alle unsere Nummer zur besten machen und die anderen überraschen. Nach dem ersten Treffen sah ich die anderen Choreografen so gut wie nicht mehr. Manchmal traf ich Jeff Margolis und Michael sah ich fast täglich, aber ich denke, Jeff lies uns machen, damit er sich darum kümmern konnte, wie es gefilmt werden sollte. Er lies uns unseren Freiraum, weil er wusste, dass wir unter Druck standen, und „Dangerous“ würde eine große Tanznummer werden.“

Die für die Frisuren und das Make-Up zuständigen Leute hatten sich mit den Choreografen abgesprochen,“ erklärt Margolis. „Die Chroeografen wussten, was sie für Michael Jackson benötigten und was sie für die Tänzer brauchten, und sie übertrugen das alles Michael Bush. Sie arbeiteten alle synchron. Und Brad Buxer koordinierte die Musik mit Michael, und Michael anschliessend mit den Choreografen.“

Die Tanznummern wurden alle in den Sony Studios geprobt, und Brad Buxer probte mit der Band woanders, denn er brauchte auch ein Symphonieorchester und deshalb mehr Platz zum Proben, deshalb konnten wir nicht alles an einem Ort proben,“ sagt Margolis. „Aber bevor Brad begann mit dem Orchester zu proben, war er ständig bei den Tanz Proben, um sicherzustellen, dass die Musik passte und die Choreografen hatten, was sie brauchten. Alles lief synchron. Der Beleuchter kam und sah sich die Proben an, damit er wußte, wie er es richtig auszuleuchten hatte.“

Auch wenn ich der verantwortliche Produzent der Show war, gab es Dinge um die ich mich nicht zu kümmern brauchte,“ erklärte Margolis. „Eines davon war der Bereich von Brad Buxer und alles, was mit der Musik zu tun hatte. Das hat er erledigt. Ich war für die Choreografen verantwortlich, für Michael und alles, was damit zusammenhing. Brad und sein Team kümmerten sich um die Musik. Michael Bush kümmerte sich um die Kostüme. Die Choreografen arbeiteten eng mit Bush zusammen um alles Nötige zu bekommen. Wenn ich Choreografen engagiere, vertraue ich ihnen. Die meisten waren Choreografen mit Erfahrung im TV-Bereich. Sie wissen, was vor Fernsehkameras und dieser Beleuchtung funktioniert, und welche Materialien bei den Kostümen geeignet sind und welche nicht. Also musste ich mich nicht um diese Dinge kümmern. Natürlich möchte ich auf dem Laufenden gehalten werden und die Designs sehen, bevor sie auf die Bühne kommen, und so war es auch, aber ich muss nicht in den kreativen Prozess eingebunden sein.“

Als sie an der Neugestaltung einiger seiner klassischen Tanznummern arbeiteten, liessen sich Jackson und seine Choreografen von unterschiedlichen Quellen inspirieren.

Für „Dangerous“ kam die Inspiration von dem dystopischen Krimi Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange),“ erklärt Smith, der das neue Stück zusammen mit Payne choreografierte. „Die Bilder, die Farben und die Stimmung, die man in diesem Film sehen kann. Es wäre sehr reduziert gewesen. Ich erinnere mich an die Musik, die Brad Buxer mir gegeben hatte. Es war genau das, was ich wollte. Wow. Ich sagte ihm nur, reduziere es. Er bearbeitete eine Version, und ich glaube, ich fragte ihn, noch mehr herauszunehmen, und wir bekamen genau das Passende. Das ist es! Es passte zu dem Film, gab die Stimmung wieder, es war fantastisch.“

Zur neuen „Dangerous“ Komposition sagt Smith, dass er und Payne eine zu Beginn des Songs sehr reduzierte Version hatten. Noch reduzierter als die Versionen, die Michael 1999 in Seoul und München performte. Wenn wir auf die Bühne kommen, klang es zuerst noch nicht einmal wie „Dangerous“. Und die Tänzer: wir waren wie ein Haufen Verrückter. Wenn du den Film gesehen hast, verstehst du es.“

Michael Jackson Dangerous Seoul

http://rutube.ru/video/e812ab0f392f0a6f6a21bf61803d2f6b/

Video: Michael Jackson performt eine ‘reduzierte’ Version von “Dangerous” bei seinem Konzert in Seoul, Juni 1999.

Michael mochte die Original “Dangerous“ Performance sehr, aber die Leute sagten immer zu ihm, ‘du zeigst diese Nummer ständig. Du musst sie verändern. Die Leute sehen sich satt daran.’ Deshalb gingen wir in diese Richtung; Stanley Kubrick’s Uhrwerk Orange. Es war verrückt und funky. Michael Bush kaufte 25 Bowler-Hüte (Melonen), die Jockstraps (Genitalschutz) und jeder hatte seine Kampfstiefel. Wir hatten die langen Wimpern an einem Auge und alles. Die ganze Nummer.” 

Das Set war nackt, denn wir selbst waren das Set,“ erklärt Smith zu der Art, wie „Dangerous“ auf die Bühne gekommen wäre. „Wir wollten es genau so. Es war eine wie von Fosse inspirierte Performance. Weniger ist mehr. Und wir hätten Naomi Campbell dabei gehabt. Sie hätte einmal die Bühne durchkreuzt. Es wäre fantastisch geworden.“

Für einige Songs wollte er Tänzer und sie sollten sehr durch-choreografiert sein. Bei anderen Songs wollte er einfach alleine auf der Bühne stehen,“ erinnert sich Margolis. „Und es gab ein paar Lieder, wo ich nur ihn alleine haben wollte, und ein paar, für die ich Choreografien wollte, und wir hatten in diesen Dingen ziemlich die gleichen Vorstellungen. Seine klassischen Hits wie „Beat It“ wurden mit Tänzern aufgeführt. Ich erinnere mich noch an die brillante Choreografie für diese Nummer.“

Oh ja,“ erinnert sich Smith bei der neuen „Beat It“ Performance. „Travis und ich arbeiteten daran. Es gab einige neue Teile darin und am Ende die klassische Tanzchoreografie. Man muss das Klassische beibehalten. Der Rest der Nummer, der zu diesem Teil hinführt, hätte sehr viel im Stil von Kung Fu enthalten. Wir waren von Kung Fu Filmen inspiriert. Michael bestellte uns ein paar Bruce Lee Filme. Wir versuchten uns in dieses Metier ein zudenken.“

Es musste anstrengend für ihn gewesen sein, denn er hatte für diese Show nicht nur eine Probe am Tag; er hatte fünf oder sechs,“ fügt Smith hinzu. „Es war ein umfangreiches Unternehmen. Wäre er einer dieser Künstler gewesen, die nur dastehen und die anderen um sich herum tanzen lassen, wäre es in Ordnung gegangen, aber das ist nicht Michael. Er musste an den Nummern beteiligt sein. Er inspirierte die Stücke. Damit ist viel Druck verbunden und viel Arbeit. Unsere Tage waren lang, und ich weiß, dass seine Tage dann besonders lang waren.“

Eines der Stücke, an dem Jackson eifrig arbeitete um es zu proben und zu erlernen, war die neue Interpretation von „Thriller“ von Barry Lather.

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Barry Lather und Michael Jackson 1986 am Set von Captain EO

Für „Thriller“ hatte ich mir etwas in der Richtung Industrial Punk/Rock mit Anspielungen auf das „Spion-Genre“ ausgedacht,“ erinnert sich Lather, der schon 1986 als Tänzer in Captain EO mit Jackson zusammen gearbeitet hatte. „Wir hatten 20 Tänzer in Trenchcoats, Hüten und Taschenlampen. Es war sehr speziell, ausgefallen und originell. Ich versuchte, „Thriller“ auf eine neue Art zu zeigen, was seine Herausforderung war.

Die Inszenierung für „Thriller“ war, wie schon erwähnt, sehr ausgefallen und originell, mit einer industriellen „Lagerhaus“ Stimmung. Starke schwarz-weiß Kontraste. Es war keine sehr farbenfrohe Inszenierung, aber mit starker, ‘rockiger’ Beleuchtung.“

Michael erlernte die gesamte neue Thriller Routine,“ erklärt Lather. „Er lernte die Choreografie, wenn sonst niemand im Raum war. Ich war beeindruckt davon, wie Michael die Choreografie durch Zuschauen erlernte und wie er sie nur durch das Zusehen verinnerlichte.“

Sie gefiel ihm sehr gut, und er beherrschte die neue Choreografie,“ fügt Lather hinzu. „Sie beinhaltete neue Bühnenelemente und neue Tanzbewegungen. Ich hatte mit den Tänzern für etwa 12 Tage geprobt und war bereit, es Michael zu zeigen und als er sie zum ersten Mal ansah, entschied er sich, sie zu lernen. Während der Performance sprach ich mit ihm über seine Einsätze. Als wir sie für ihn tanzten, nahm ich seine Position ein, damit er die Inszenierung nachvollziehen konnte und sah, wie die Aufmerksamkeit gelenkt würde. Es war wirklich aufregend und ich weiß noch, dass ich mit allem sehr ins Detail ging. Ich wollte, dass es perfekt würde, und dass ihm die Choreografie und die Performance gefallen würde.“

Jackson gefiel die neue „Thriller“ Routine sogar so gut, dass einige der Tanzschritte Lathers in seinem Film Ghosts von 1996 wiederverwendete.

So wie bei „Thriller“ wurde Lather auch beauftragt, „Smooth Criminal“ neu zu gestalten. Er arbeitete daran, aber leider wurde es nie ganz fertiggestellt und realisiert.

Auch für „Smooth Criminal“ hatte ich ein neues Konzept, aber wir kamen während der Proben nicht dazu, dieses neue Konzept auszuarbeiten,“ erklärt Lather. „Aber es war völlig anders und gab dem Song eine neue Richtung.“

Michael Jackson singt “You Were There” während dem von Jeff Margolis produzierten Sammy Davis, Jr. 60th Anniversary Celebration TV Special 1990.

One Night Only war eine Abkehr vom typischen Rock-Konzert Stil der Performance, die Jackson während der Touren der letzten 10 Jahren gezeigt hatte, deshalb waren auch Bühnenaufbau und Set anders wie das, was die Fans vom King Of Pop gewohnt waren.

Das Set war wirklich hübsch,“ erklärt Margolis. „Um die Bühne herum war ein komplettes Orchester gruppiert, der hintere Bühnenteil hatte zwei Ebenen; es gab Musiker auf der zweiten Ebene und darunter. Und seitlich war seine normale Band. Dort waren Brad Buxer und alle, die auch sonst mit ihm spielten,“ inklusive Ricky Lawson am Schlagzeug, David Williams und Jennifer Batten an der Gitarre und Siedah Garrett für den Background Gesang.

Es war sehr spektakulär,“ führt Margolis fort. „Die Lichtdesigner hatten mit den Bühnenbildnern zusammen gearbeitet, und es war so beleuchtet, dass die Band hervorgehoben werden konnte, als Silhouette erschien oder ganz ausgeblendet werden konnte. Und wenn sie verschwunden waren, wurde die Bühne zu einem wunderschönen Sternenhimmel. Es sah aus, als würde Michael im Weltraum schweben. Der Boden glänzte dunkel und alles andere sah aus, als ob man in einen Sternenhimmel blickte. Es war sehr beeindruckend.“

Wir hatten sogar eine kleine Bühne ins Publikum hinein gebaut, abseits von der Hauptbühne, damit er dort ein oder zwei Nummern performen und das Publikum berühren könnte und damit sie ihn berühren könnten. Es war sehr spektakulär. Es war warm und sehr persönlich. Es war eine runde Bühne in der Mitte des Publikums. Sie war sehr klein und durch einem Steg mit der Hauptbühne verbunden.“

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Die Nummer des One Night Only Konzerts, über die am meisten berichtet wurde, war Jacksons Interpretation von „Childhood“, zusammen mit einem Gastauftritt des legendären französischen Pantomimen Marcel Marceau.

Ursprünglich sollte es gar keinen Gastauftritt geben,“ fügt Margolis hinzu. „Es sollte allein Michaels glänzender Augenblick sein. Die Bühne wäre nur für Michael da gewesen. Und dann hatte er die Idee, dass Marcel Marceau „Childhood“ als Pantomime darstellen könnte, und das war brillant. Er war der perfekte Gast für diese Show.“

Ihm gefiel das Poetische an der Pantomime,“ erinnerte sich Marceau in einem Interview. „Er sagte, er habe einen Song mit dem Titel „Childhood“ geschrieben. Er sagte, ‘Es würde mir gefallen, wenn du diesen Song auf der Bühne darstellen würdest, und ich es mit dir zusammen tun könnte. Die langsamen Bewegungen dieses Charakters wären wundervoll’“ Marceau stimmte einer Zusammenarbeit mit Jackson bei diesem Stück zu und die beiden arbeiteten die Vorgehensweise aus.

Wenn du am Telefon bist, ist eine mündliche Vereinbarung noch weit von einem Vertrag entfernt,“ erklärte Marceau. „Also sagte ich zu Michael, ‘ ich gebe dir meine Pariser Nummer. Ruf mich an, wenn du magst und wenn wir zusammen arbeiten, machen wir ein Script.’ Nicht lange nach diesem Gespräch rief er mich zuhause an. Er fing an, mir den Song am Telefon vor zu singen. Ich fragte, wie er sich unsere Zusammenarbeit dabei vorstelle. ‘Schicke mir ein Script dazu.’ Er antwortete ‘Nein, ich möchte, dass du es choreografierst und dann machen wir es gemeinsam. Ich werde einen Vertrag vorbereiten.’“

Michael bewunderte ihn sehr, und ich musste den Vertrag mit ihm aushandeln,“ erinnert sich Morey. „Er ist nicht einer der Künstler, der üblicherweise Gastauftritte absolviert. Ich erinnere mich, dass Marcel Marceau zu mir sagte: „Was genau möchte Michael haben?“ Und ich antwortete ihm, dass ich es noch nicht wisse, aber wir werden zusammenkommen und ihr beide könnt es gemeinsam ausarbeiten. Es waren schwierige Verhandlungen mit seinem Manager um seine Zustimmung zu einer Sache bekommen, ohne dass er genau wußte, auf was er sich einliess. Ich sagte ihm etwas wie ‘Zwei der kreativsten Genies der Welt können sich sicherlich zusammensetzen, um etwas auszuarbeiten.’“

Als Morey den Vertrag erfolgreich ausgehandelt hatte, flog Marceau in die USA und begann mit Jackson zu arbeiten.

Michael Jackson war in großartiger Form als er mich begrüßte. Er war glücklich, mich zu sehen und wir begannen sofort mit der Arbeit,“ erinnerte sich Marceau. „Er wollte etwas konkretes. Mimen ist eher geheimnisvoll-kryptisch; du kannst in einem Song keine keine Gesten imitieren, es muss eine Art Operette werden und „Childhood“ ist lyrisch ein großartiger Song. Für diese spezielle „Childhood“ Version lies mir Michael die Freiheit, zu tun, was ich wollte. Aber ich fragte Michael, ob ihm das, was ich mit dem Song machte, gefiel, man könnte also sagen, wir arbeiteten zusammen. All das fand in [in New York City] statt. Der direkte Kontakt zu Michael war unerlässlich.“

Die Bühne war stockdunkel, Michael stand in einem Spotlicht und Marcel Marceau in einem anderen,“ erklärt Margolis. „Das war die ganze Beleuchtung dafür. Michael war ein wenig weiter oben auf der Bühne als Marcel und in einem etwas kleineren Spot. Marcel tanzte weiter vorne auf der Bühne in einem etwas grösserem Spot, denn er hatte mehr Bewegungen. Michael stand dort und sang den Song, und Marcel mimte die Lyrics. Es war atemberaubend.“

Michael Jackson und Marcel Marceau im Beacon Theater am 4. Dezember 1995

Es gibt da eine bestimmte Passage (in „Childhood“), in der er von Piraten, Königen und Eroberungen spricht,“ erklärte Marceau. „Die Transformation von einem Piraten zu einem König auf der Bühne zu vollziehen; nur durch Pantomime… Pantomime ist schliesslich die Kunst der Metamorphose. Für einen Tänzer ist das schwer umzusetzen. Michael hatte meine Arbeit gesehen und wusste dass ich die wesentlichen Themen und Konzepte ausdrücken kann. Am Ende von „Childhood“, dem Duett, kam er dann zu mir und sang ‘Have you seen my Childhood?’ Und mit einer Handbewegung zeigte er den Weg. Wir beendeten das Stück gemeinsam… als ein Körper in gemeinsamer Bewegung. Es war sehr, sehr pur. Poetisch. Für mich ist Michael Jackson ein wahrer Poet; ein großer Poet des Gesangs. Er ist auch ein aussergewöhnlicher Tänzer, ein Darsteller mit großem Respekt für das Theater, für Musik und Film. Michael war mit unserer gemeinsamen Arbeit an „Childhood“ sehr glücklich.“

Es ist wunderbar! Ich liebe diese Version von Childhood,“ sagte Jackson Jahre später in einem Interview. „Es ist seltsam, niemand hat es je gesehen. Da gibt es Dinge wie dieses und niemand wird sie jemals sehen. Es war wundervoll.“

Marcel war Michaels einziger prominenter Gast der Show,“ erinnert sich Margolis. „Es war eine der brillantesten TV Produktionen, an der ich beteiligt war.“

Weitere geplante Nummern, die die Welt nie zu sehen bekam, waren neue Versionen von „The Way You Make Me Feel“ und „Bad“, dazu noch die Performance von „Earth Song“, „You Are Not alone“, “Black or White”, “Smooth Criminal” und “Smile”.

Da gab es auch noch ein hübsches Mädchen, mit dem Michael eine Solo-Tanznummer aufführen wollte,“ erinnert sich Morey. „Sie war Michael von Jeff Margolis vorgestellt worden. Ich erinnere mich nicht mehr an ihren Namen, aber daran, dass sie wunderschön und talentiert war und dass Michael durchaus von ihr eingenommen war.“

Die restliche Show bestand aus Michael, Michael, Michael,“ sagt Margolis. „Und das sollte auch so sein. Und man sollte dabei jede Facette von Michael sehen, soweit es in diesen zwei Stunden möglich war.“

Es gab sogar Gespräche darüber, dass Michael eine völlig neue Choreografie für „Billie Jean“ machen sollte, seiner wohl kultigsten Tanznummer überhaupt. „Ich erinnere mich daran, dass sie versuchten ihn dazu zu überreden,“ erinnert sich Smith. „Aber wozu? Sie wollten, dass er alles verändern würde. Von seinem Tanz bis hin zu seiner Frisur.“

Es ist nicht auszuschliessen, dass Jackson während des One Night Only Specials tatsächlich eine neue Version von „Billie Jean“ gezeigt hätte. Als er Jahre später nach dem Stück gefragt wurde, welches er am liebsten aufführe, sagte Jackson, es sei „Billie Jean“, „aber nur „wenn ich es nicht immer auf die gleiche Art machen muss. Das Publikum will etwas bestimmtes sehen. Ich muss den Moonwalk in diesem Spott machen. Ich würde gerne eine andere Version zeigen.“

Michael war klug,“ sagt Smith. Am Ende hätte er doch nur das getan, was er wollte. Wenn die neue Nummer nicht fertig gewesen wäre, hätte er einfach gesagt, okay, dann nehmen wir die klassische Version. Und das Publikum möchte die Klassiker sehen. Auch wenn die neuen Sachen sehr gut sind, sie vermissen die Klassiker.“

Trotz des Umstandes, dass das HBO Special darauf abgestimmt war, sehr publikumsnah zu sein, ein „nur der Mann, nur die Moves, nur die Musik“- Event, spielten Jackson und sein Team dennoch mit Ideen für eine mit spektakulären Spezialeffekten unterstütztes Erscheinen auf der Bühne herum. Ähnlich der Art, auf die er etwa ein Jahr später bei der HIStory Tour die Konzerte begann, interessierte sich Jackson für ein virtuelles Video-Intro, was ihn dabei zeigte, wie er zu dem Veranstaltungsort flog, und sich auf der Bühne aus der Filmfigur in sich selbst transformierte. „Er hatte einen Modellflug über New York City vorbereitet,“ erinnert sich Morey, „und es hätte ausgesehen, als ob Michael irgendwo mit einem Jet-Pack gestartet wäre und dann in diesem kleinen, netten Theater Downtown New York gelandet wäre, um diese Show zu performen. Aber es hätte nicht in echt verwirklicht werden können, es hätte mit dem Einsatz von Spezialeffekten gemacht werden müssen.“

Laut Margolis hätte Jackson sein Publikum dann damit überrascht, dass er „mit dem Jetpack durch einen der Eingänge gekommen und über das Publikum geflogen wäre, um auf der Bühne zu landen. Die Leute, die mit den Spezialeffekten arbeiten, und sich immer um Michaels Raketen und seinen Flug kümmerten, wären auch darin integriert gewesen. Es war eine einfachere Version von dem, was er in einem Stadium zeigen könnte. Wenn man so etwas in einem geschlossenen Veranstaltungsort macht, gibt es viele Sicherheitsauflagen von der Polizei und der Feuerwehr. Wir waren dadurch eingeschränkt, deshalb war es nur eine abgespeckte Version von dem, was er in der Vergangenheit gezeigt hatte, aber dieses Mal wäre er selbst geflogen.“

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Der spektakuläre Abgang mit dem Jetpack von der Bühne während der Dangerous World Tour.

Als die Zeit verging und die Termine für die Aufzeichnung am 8. und 9. Dezember näher kamen, wurde deutlich, dass einige Nummern, wie „Thriller“ fertiggestellt waren, aber andere noch nicht. Am Ende hätten einige der neuen Versionen, darunter auch Smiths und Paynes „Uhrwerk Orange Dangerous“ (wie Jackson es nannte), nicht Teil der Show sein können.

Ich bekam den Eindruck, dass er entweder von den neuen Nummern überfordert oder sich damit nicht ganz sicher war,“ erinnert sich Smith, „und wir gingen wirklich langsam voran, weil es so gut wie nur möglich werden sollte, aber wir hatten für die Vorbereitung nicht so viel Zeit wie normalerweise.“

Es kam zu dem Punkt, an dem er uns einen Termin setzte und sagte, in drei Tagen müsse alles fertig sein,“ sagt Smith. „Also sagte Michael: „Wisst ihr was? Wir nehmen einfach das alte Dangerous.“ Die meisten Tänzer kannten es und den anderen brachten wir es bei. Es wäre das klassische Michael Jackson Dangerous geworden, denn er liebte es einfach und er kannte es in und auswendig.“

Wäre es neu, aber nicht so gut wie das Original, wäre es rausgeflogen und er hätte es durch die klassische Version ersetzt. Und die wirklich guten Versionen wären geblieben, so wie „Thriller“. Das neue „Thriller“ war wirklich gut. Ich weiß, dass Michael es sehr mochte. Es wäre eine großartige Show geworden, auch wenn nicht alles neu gewesen wäre. Man hätte Neues und Altes nebeneinander gehabt. Es wäre fantastisch geworden.“

Das Gefühl, dass die Show und einzelne Nummern nicht rechtzeitig fertig würden, um Teil der Show zu sein, kam teilweise daher, dass, wie Smith und Lather schon bemerkten, der gesamte Prozess so aufgeteilt war, dass keiner wußte, was der andere tat, oder wie weit sie schon vorangekommen waren.

Keiner hatte mit dem anderen zusammen an einem Ort geprobt, bis wir in das Beacon Theater umzogen,“ erklärt Margolis. „Im Beacon Theater waren wir insgesamt für etwa 7 Tage. Wir bauten das Set auf, die Beleuchtung und die ganze technische Ausstattung. Ich glaube, wir probten 4 Tage lang auf der Bühne, und am ersten Tag war Michael nicht da, weil es hauptsächlich eine Tanzprobe für die Tänzer war, damit sie ein Gefühl für die Bühne bekamen. Dann kam Michael dazu und probte den zweiten, dritten und vierten Tag mit. Sein erster Tag war nur ein halber Probetag, an den anderen beiden probte er den ganzen Tag.

Am 6. Dezember, kurz vor 17.00 Uhr, während der zweiten von mehreren geplanten Kostümproben im Beacon Theater, und nur zwei Tage nachdem er mit Marcel Marceau in den Medien das HBO Special angekündigt hatten, kollabierte Jackson auf der Bühne.

Er fühlte sich schon seit ein paar Tagen krank und unwohl,“ erinnert sich Lather, der früher an diesem Tag seine neue „Thriller“ Performance mit Jackson aufgezeichnet hatte. „Später an diesem Nachmittag, als wir weitere Kameraproben machten, kollabierte er auf der Bühne und musste sofort ins Krankenhaus gebracht werden.“

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Michael Jackson und Marcel Marceau auf der Bühne des Beacon Theatre am 4. Dezember 1995 – nur zwei Tage vor Jacksons Zusammenbruch.

Obwohl Lather sagt, Jackson hätte sich schon seit ein paar Tagen unwohl gefühlt, hatte Marceau, der auch mit Jackson an den Tagen vor dem Zusammenbruch geprobt hatte, und als Zeuge anwesend war, bei Jackson kein Unwohlsein bemerkt.

Ich hätte sicher etwas bemerkt,“ erinnerte sich Marceau. „Es gab keine Anzeichen dafür, dass er kurz vor einer Krise stand… Ich war im Beacon Theater und sah den Proben zu, sie waren wunderbar. Michael war mit 15 Tänzern auf der Bühne. Ich holte mir kurz etwas zu trinken und dann war da plötzlich eine große Stille. Er stoppte alles. Kurz zuvor war die Musik laut, die Lichter grell, und dann, einen Augenblick später war alles still, es war, als wäre die Welt stehen geblieben.“

Wir standen alle auf der Bühne,“ erinnert sich Smith, „und sahen ihn zum Bühnenrand gehen und zusammenbrechen, er schlug mit dem Gesicht auf das Gitter auf der Bühne.“

Er hatte die Hände seitlich vom Körper, in einer hielt er das Mikrophon, und fiel mit dem Gesicht voran auf das Metallgitter,“ erinnert sich Michael Prince, einer der Toningenieure der Show. „Er streckte nicht einmal die Arme aus, um den Sturz abzufangen. Es war beängstigend. Und er fiel hart. Es wunderte mich, dass er sich an dem Gitter nicht die Nase oder den Kiefer brach.“

Das Metallgitter ist Teil der Bühne und ist extra im Boden eingebaut. Jackson braucht es, für besondere Effekte bei Nummern wie z.B. „Black Or White“, wenn bei grellem Licht Wind und Rauch unter ihm aus dem Gitter blasen. Zeugen erinnern sich daran, dass es während der Kamera Probe von „Black Or White“ war, als Jackson zusammen brach.

Er war ohnmächtig,“ sagt Margolis. „Er stürzte hart und stiess sich an dem Gitter so heftig den Kopf, dass er sofort weg war.“

Er war zusammengebrochen, verlor das Bewusstsein und lag am Boden,“ erinnerte sich Marceau. „Wir waren alle wie gelähmt. Es waren Leute bei ihm, er bewegte sich nicht. Die Notärzte trafen ein und ich war sehr beunruhigt, als ich zur Bühne sah.“

Seine Bodyguards bildeten einen schützenden Kreis um ihn, sie hielten ihre Jacken vor ihn, damit er etwas Privatheit hatte,“ sagt Prince. „Jemand schrie nach einer Ambulanz, und innerhalb weniger Minuten trafen sie ein.“

Ich habe die 9-1-1 angerufen,“ erinnert sich Morey. „Er atmete, aber er reagierte nicht. Ich dachte, er hätte möglicherweise einen Herzinfarkt.“

Ich muss sagen, dass die Ambulanz sogar bei dem Verkehr in dieser Stadt in weniger als 5 Minuten zum Beacon Theater kam. Es war unglaublich,“ sagt Margolis. „Zuerst untersuchten sie ihn, als er am Boden lag, dann legten sie ihn auf eine Trage, schoben ihn in die Ambulanz und rasten davon. Sie waren schnell wie der Blitz.“

Jackson wurde ins Beth Israel Medical Center North in die 170 East End Avenue auf der Upper East Side von New York gebracht. Inzwischen wurde in der Lobby des Beacon Theaters ein Meeting einberufen.

Prince erinnert sich, dass nachdem Jackson ins Krankenhaus gebracht worden war, „über die Sprechanlage des Beacons eine Durchsage gemacht wurde und alle Tänzer, die Band und die gesamte Crew gebeten wurden, sich in der Theaterlobby zu versammeln.“

Es sah aus, als würde die ganze Show abgesagt oder verlegt,“ erinnert sich Lather. „Keiner wußte, was an dem restlichen Tag noch getan werden sollte. Wir waren noch immer bei der Kameraeinrichtung und der Probeaufzeichnung und setzten mit Jeff Margolis die Show zusammen. Die Show war nie von Anfang bis Ende durchgespielt worden; bisher war die Produktion dazu nicht bereit gewesen. Es standen noch einige Tage Probeaufzeichnung und Kameraeinrichtung an.“

Schliesslich wurde beschlossen, dass die Show, oder zumindest die Proben zu dem Zeitpunkt ohne Jackson fortgeführt würden, der an dem Abend sowieso nicht im Beacon Theater eingeplant war. Jackson hätte an diesem Abend an den Billboard Music Awards 1995 im New York Coliseum teilgenommen, wo er den Special Hot 100 Award für seine überragenden Leistungen in den Charts entgegengenommen hätte. Stattdessen lag Jackson im Krankenhaus und Ärzte arbeiteten daran ihn zu stabilisieren.

Die Crew und Besetzung von One Night Only fuhr an diesem Abend und am nächsten Tag, an dem Jackson seinen persönlichen, aus Los Angeles eingeflogenen Arzt Dr. Allan Metzger erwartete, mit den Proben und der Kamerapositionierung im Beacon Theater fort.

Quentin Schaffer, Media Relations Vizepräsident von HBO, gab am Abend des Zusammenbruchs ein kurzes Statement heraus, in dem er der Öffentlichkeit mitteilte, Jackson sei ‘stabilisiert’ und die Proben gingen weiter. Schaffer sagte auch, es sei aber unklar, wie es mit dem Special weitergehe, da momentan Jacksons Gesundheit oberste Priorität bei HBO habe.

John Hanchar, ein Sprecher der E.M.S. berichtete, Jacksons Blutdruck sei mit 70 zu 40 extrem niedrig gewesen, als die Sanitäter nur 4 Minuten nach dem Kollaps im Beacon Theater eingetroffen waren.

Dr. William Alleyne II war im Dezember 1995 Leiter der Notfallambulanz im Beth Israel North Hospital, und für die Versorgung des King Of Pos zuständig, was ihm das Leben rettete.

Mr Jackson war in kritischem Zustand,“ sagte Alleyne gegenüber Herald Online. „Er war dehydriert. Er hatte einen niedrigen Blutdruck. Er hatte einen hohen Puls.“

Inzwischen hatte die Öffentlichkeit Wind von Jackson Situation bekommen und vor dem Hospital versammelten sich Menschen um den Superstar zu unterstützen.

Ich sah aus dem Fenster, und da stand eine dichtgedrängte Menschenmenge, es waren mehr Leute da, als wenn der Papst, der Präsident oder Nelson Mandela zu Besuch im Haus des Bürgermeisters waren,“ erinnert sich Alleyne, und fügt hinzu, und im Krankenhaus selbst „war die Hölle los“.

One Night Only

Es dauerte nicht lange bis die Medien über den Vorfall berichteten, mit wilden Spekulationen über Jacksons Gesundheitszustand.

Michael Jackson Kollabiert Während Einer Probe,“ war die Schlagzeile der New York Times am nächsten Tag, und man berichtete, Jackson sei auf der Bühne während einer Probe am vorherigen Nachmittag zusammengebrochen, „die Pläne für die geplante Ausstrahlung des TV Specials am Sonntag sind unklar.“

Entertainment Weekly kommentierte den Zusammenbruch skeptisch und fragte in ihrem Bericht: „Brach Jackson Während Der Inszenierung Zusammen – Oder Inszenierte Er Einen Zusammenbruch?“ Der EW Artikel behauptete, eine unbekannte Quelle hätte ihnen enthüllt, Jackson wäre nicht darüber erfreut gewesen, dass die Strassen von New York City nicht während seines Konzertes gesperrt würden und dass das 2800 Sitze fassende Beacon Theater zu klein wäre, um Jacksons Beleuchtungsinstallation zu fassen – nichts von dem war wahr.

Jacksons Schwester LaToya war am Telefon mit der New York Daily News schnell mit der Behauptung dabei, sie kenne „all die kleinen Tricks und Dinge, die er anwendet wenn er Aufmerksamkeit braucht,“ und fügte hinzu, dass sein Zusammenbruch „ein Publicity-Trick“ war.

Ich glaube nicht, dass irgend ein Schauspieler einen solchen Sturz, wie ich es bei ihm sah, spielen kann,“ sagt Michael Prince, der Jacksons dramatischen Sturz von seinem Platz aus gesehen hatte.

Der Arzt des King Of Pop bestand auch darauf, dass der Kollaps sowohl echt als auch sehr ernst sei. „Er war dem Tode nah,“ führt Alleyne aus, und „Jackson war ohnmächtig, als er im Beth Israel North Hospital ankam.“

Seine grösste Sorge war, ob er auftreten könne,“ erinnert sich Alleyne. Zum Leidwesen aller Beteiligter informierte Alleyne Jackson jedoch darüber, dass er auf keinen Fall in der nächsten Zeit auftreten könne.

Jackson blieb zur medizinischen Versorgung während der für die Aufzeichnung geplanten Abende des 8. und 9. Dezembers und auch über den Sendetermin bei HBO am 10. Dezember im Krankenhaus, was die Absage der ganzen Show zur Folge hatte.

Jacksons Kollaps und die damit unabsichtlich verbundene Absage des HBO Specials war nicht nur schlecht für seine Gesundheit, es beeinträchtigte auch seine Plattenverkäufe in den USA, und beeinflusste die öffentliche Meinung darüber, ob er überhaupt je wieder in der Lage sei, live aufzutreten.

Ohne Zweifel sahen wir das HBO Special als eine kräftige Ankurbelung des Plattenverkaufs, genau rechtzeitig vor Weihnachten,“ sagte Marketing Vizepräsident von HMV, Alan McDonald, gegenüber The New York Times.

Jackson geht der Sprit aus,“ sagte der Medienanalytiker Porter Bibb, und fügte hinzu „möglicherweise ist seine Zeit als King Of Pop vorbei.“

Am 8. Dezember, nur wenige Stunden bevor die erste Show mit einem Live-Publikum geplant war, wurde die Crew im Beacon Theater wieder zu einem Meeting einberufen, in dem Margolis verkündete, was eigentlich niemand hören wollte: Die Show würde nicht fortgesetzt.

Uns wurde mitgeteilt, dass sie abgesagt war,“ erinnert sich Lather. „Es war so enttäuschend, denn jeder hatte so hart gearbeitet, und so viele kreative Menschen hatten an der Show mitgewirkt, um für Michael etwas bisher nicht dagewesenes zu erschaffen.“

Rückblickend ist es seltsam, dass meine Karriere mit Jackson von abgesagten Konzerten eingerahmt ist,“ erinnert sich Prince, dessen erstes Konzert mit Jackson das One Night Only gewesen wäre und das letzte This Is It.

Als die Absage feststand, ging es darum, ob die Show auf einen späteren Termin verlegt werden würde. „Die Show war soweit fertig gestellt,“ erinnert sich Margolis. „Ich erwähnte seinem Management gegenüber, dass wir sie neu terminieren könnten, wenn sein Gesundheitszustand sich verbessert hätte. Sie sagten, sie würden mit Michael darüber sprechen und danach hörte ich nie wieder etwas darüber. Aber ja… die Musik war fertiggestellt. Die Mixe waren gemacht. Die Orchestrierung stand. Alles war fertig. Alles war unter Dach und Fach. Aber aus irgendeinem Grund fand es nie statt. Ich denke, als HBO und jeder sagte „nur eine Nacht“ (one night only), machten sie keine Witze.“

Der Grund, warum es keinen neuen Termin gab, lag weniger am mangelndem Interesse von HBO es noch einmal zu versuchen, sondern war eher eine Kombination von Jacksons Zögern, das Konzept wieder aufzugreifen und der der HBO Klage folgenden aussergerichtlichen Einigung der Versicherungsgesellschaft mit HBO.

HBO hatte die Shows versichert,“ erklärt Morey, „also wurde die Versicherungsgesellschaft involviert. Und als die Show dann zum Versicherungsfall wurde, fiel das ganze Konzept einfach unter den Tisch.“

1996, während einem Interview, wurde Jackson gefragt, ob er immer noch plane, die HBO Show aufzuzeichnen. „Oh ja,“ antwortete Jackson zögernd. „Wir planen das in Afrika zu tun. In Süd Afrika.“

Ich fragte Margolis, ob er davon je etwas gehört habe. „Nein,“ sagte er. „Davon weiß ich nichts.“ „Das klingt nach einer Michael Jackson Übertreibung, wirklich,“ stimmt Morey zu. „Es gab keine Gespräche darüber, nach Afrika oder irgendwo anders hin zu gehen.“

Nein,“ fügt Smith dem hinzu. „Es war zu viel. Wir sprachen nie wieder darüber. Er hat erwähnt, er liebe das neue Uhrwerk Orange „Dangerous“ und sagte, er hätte es gerne verwirklicht. Aber über ein neues HBO Special hat er nie wieder gesprochen.“

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Aufnahmen aus dem Film Uhrwerk Orange von 1971, der die nie gezeigte Dangerous-Choreografie von Smith und Payne inspirierte.

Jahre später wurde Jackson noch einmal zu den abgesagten Shows befragt und ob er sie je machen werde. „Nein, ich denke nicht,“ sagte Jackson dem Black and White Magazin. „Ich habe so hart gearbeitet, um die Shows vorzubereiten, ich stand unter sehr viel Druck; die Leute drängten mich, diese Show zu machen, ohne Rücksicht!“ Und schliesslich nahm die Natur ihren Lauf und sagte „Stop!“ Sie entschied, dass ich diese Show nicht machen sollte.“

Obwohl Jackson nie zustimmte, die Show noch einmal zu machen, gibt es für die Fans einen kleinen Hoffnungsschimmer, sie doch eines Tages sehen zu können. Die Proben für das Michael Jackson: One Night Only wurden, wie schon lange vermutet, gefilmt.

Michael wollte sich alles ansehen,“ sagt Margolis, „also wurde während der Proben alles gefilmt. Michael hatte seine eigene Filmcrew, die alles dokumentierte, was er tat. Oftmals, wenn er eine Performance machte, fragte er den Direktor der Show nach einer Kopie seiner Proben, damit er sie zuhause studieren konnte um zu sehen, was er verbessern könnte. Er war ein Perfektionist.“

Er gab uns Kameras und wir filmten, und dann gaben wir ihm die Aufnahmen, um sie zu studieren,“ erklärt Smith. „Bei mir und Travis wurde viel gefilmt. Michaels Crew war dort, wenn er da war, und er war oft bei uns. Sie stellten sich an einen Platz, wo wir sie nicht sehen konnten, was ich nett fand, und wir machten einfach unbefangen unsere Sache.“

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Aber! Es gibt ein Problem.

Die Filme sind verschwunden,“ sagt Margolis. „Sie sind weg. Michael hatte alle Bänder. Das war Teil der Vereinbarungen. HBO hat nichts. Seine Management-Gesellschaft hat nichts. Seine Anwälte haben nichts. Ich habe nichts. Niemand hat etwas, nur Michael, und unnötig zu sagen, dass sie schon vor Jahren verschwanden.“

Jackson war dafür bekannt, wichtiges Material zu verlieren. „Hast du Michael etwas gegeben, hättest du es auch gleich über eine Klippe werfen können,“ sagt Brad Sundberg, einer der Toningenieure, dem Michael vertraute, „du würdest es niemals wieder sehen.“

Ich bin sicher, als sie Neverland ausräumten, hatte er irgendwo auf seinem Anwesen eine Bücherei mit jedem Fitzelchen Film- und Audiomaterial, das er jemals bekommen hatte, und das in das „Schwarze Michael Jackson Loch“ gefallen ist,“ spekuliert Margolis. „So wie ich Michael kenne und weil ich weiß, dass er ein so großer Perfektionist ist, bin ich sicher, dass das gesamte One Night Only Zeug irgendwo abgelegt ist.“

Wie man an den Filmaufnahmen, die während den Proben seiner unglücklichen This Is It Konzertserie von 2009 entstanden sind und an aufgetauchten Aufnahmen seiner Dangerous-Tour Proben sehen kann, sind Aufnahmen von Jacksons Proben sehr fesselnd anzusehen.

Michael sieht immer präsentabel aus,“ sagt Margolis. „Auch wenn er zu den Proben kam, waren sein Make-Up und seine Haare immer zurecht gemacht und er hatte seinen Hut und alles dabei, denn er wurde immerzu gefilmt. Seine eigene Crew filmte ihn ständig, deshalb war er immer für die Kamera bereit. Also, auch wenn man die Aufnahmen der Proben ansieht, sieht es wie eine richtige Show aus. Wenn irgendjemand diese Aufnahmen finden und sie zusammen schneiden würde, könnte man tatsächlich eine Show daraus machen. Immer, wenn Michael an den Proben teilnahm, wurde das dokumentiert. Es noch einmal zu sehen wäre absolut fantastisch.“

Wir waren gerade bei den Kostümproben, als er zusammenbrach und sogar das wurde gefilmt,“ sagt Marolis. „Die Tänzer, die für die Nummern in der Show da sein sollten, waren in den Umkleiden. Es war ein Desaster. Als ich herausfand, dass wir die Show niemals machen würden, weinte ich. Sie wäre magisch gewesen.“

Wir wollten alle zusammen mit ihm Geschichte schreiben,“ sagt Lather. „Jeff Margolis hatte hart an der Vorbereitung der Show gearbeitet. Es wäre fantastisch geworden. Es fühlte sich für uns alle wie die Chance unseres Lebens an. Wir arbeiteten daran alle zusammen für Michael. Und wir fühlten uns geehrt, für diese Show zu arbeiten! Definitiv. Da war dieses Summen in der Luft, es wäre ein weiteres Highlight in Michaels Karriere geworden; eine Show, über die noch jahrelang gesprochen worden wäre.“

Wäre das Special gesendet worden, hätten die Zuschauer etwas nie zuvor dagewesenes gesehen,“ sagt Morey. „Es wären dort Dinge passiert, über die die ganze Welt gesprochen hätte; in jedem Büro vor dem Kaffeeautomat und an jedem Esstisch zuhause. Nachdem es in den USA gesendet worden wäre, wäre es irgendwann auch auf der ganzen Welt gezeigt worden.“

Ich weiß noch, wie es sich anfühlte,“ erinnert sich Smith. „Es war einfach ein absolut fantastisches Gefühl. Hätten wir es durchgezogen, hätte es den Himmel zum leuchten gebracht. Es wäre wunderbar gewesen.“

Übersetzung: M.v.d. Linden

With many thanks to Damien Shields!

Susan Fast: Michael Jacksons Dangerous Album – Kapitel ‘Desire’- ‘Sehnsucht’

33 1/3 Dangerous by Susan Fast – Übersetzung des Kapitels:

Sehnsucht (Desire)

Michael Jacksons undefinierter Ausdruck von Sexualität, der so viele Menschen verwirrte, weil er nicht in irgendein genormtes Schema passte, ist die ‚Flugroute‘, anhand derer er sich selbst fortwährend als einzigartig herausstellte … . (Es) ist der Aspekt seiner Persönlichkeit oder seines Ausdrucks, der heute noch am wenigsten verstanden wird, und der dringend näher untersucht werden muss. (Steven Shapiro)

Einige der grausamsten und am meisten entmenschlichenden Dinge, die über Michael Jackson gesagt wurden, haben mit Geschlechterzuordnung und Sexualität zu tun. Während ich also versuche, neue Geschichten über ihn zu erzählen, fühle ich mich veranlasst, ein Kapitel mit dem Titel „Desire“ mit den Stimmen von Fans zu beginnen; Kritiker sollten gut hinhören. Wenn man auf YouTube geht und „Michael Jackson Sexy“ eingibt (es wurde eine lange Nacht, ein Link folgte dem anderen), dann ist die Anzahl der auftauchenden Fan-Foto- und Videomontagen schwindelerregend. Die meisten von ihnen bestehen vollständig aus Bildern der Bad-Jahre oder danach, als er ein erwachsener, von der geschlechtsspezifischen Einordnung zunehmend ambivalenter Mann war. Einige, wie der fast fünfminütige „Michael Jackson sexy very hot!“ (1) fokussieren sich auf seine späten Jahre, einschließlich einer langen Eröffnungseinstellung von Jackson bei den MTV Video Awards in Japan aus dem Jahr 2006, bei der die Kamera langsam seinen Körper von den Stiefeln aufwärts abscannt. Unter den schwärmerischen Kommentaren der etwa siebzigtausend Betrachter befindet sich auch dieser: „Seine sexieste Zeit ist die, als er zwischen 40 und 50 Jahre alt ist.“ Dies ist keine ungewöhnliche Meinung neben anderen, die verkünden: „Ich liebe es, diesen Mann anzusehen! So sexy, so schön, so verblüffend!“ Oder: „Sexiester Mann der Welt, eindeutig.“ Der Macher eines dieser Videos fragt die Betrachter: „Hey Ladies, könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, Sex mit Michael Jackson zu haben?“ Das bemühte Englisch deutet an, dass Videos und Empfindungsäußerungen wie diese zu Fans außerhalb Nordamerikas gehören, die in Gegenden der Welt wohnen, die eine weniger einengende, lähmende Sicht auf Geschlechtereinordnung und Sexualität haben, aber ich bin nicht ganz sicher, denn bei vielen der Kommentare ist das Englisch in Ordnung. Es gibt alle Arten von Posts, vollständig versehen mit Bildern, auf Twitter, die Jacksons heißes Aussehen preisen. Außerdem gibt es Kunstwerke, wie etwa die Photoshopped Images von Gella De, welche einen oft älteren Jackson und die Künstlerin als Liebhaber darstellen. (2) Sogar Madonna sagte 2009 in einem Interview mit dem Rolling Stone: „Ich war unsterblich verliebt in ihn, es hatte mich vollkommen gepackt … . Die Songs, die er sang, waren ganz und gar nicht kindlich.“(3)

Gella De MJ

Bei all dem Gerede darüber, wie Jackson sein Gesicht „zerstörte“ und in seinen späteren Jahren zu einem Monster wurde, oft beschrieben als „eine bemitleidenswerte, traurige Tragödie“ (4), ist es sehr interessant über diesen ganz anderen Diskurs nachzudenken. Was finden diese Fans so sexy, so schön, wenn doch so ziemlich alles, was wir von den Medien hören das ist, dass er ein Freak war? Einige Kritiker haben zugegeben, dass Jackson „während seiner Auftritte sexuelle Dynamik ausstrahlte“(5), aber dann nahmen sie der Behauptung wieder den Wind aus den Segeln, indem sie festlegten, dass dies alles Show sei und keine Taten dahinter stehen würden: „Jackson wäre vielleicht bedrohlich gewesen, wenn er, wenigstens für eine Sekunde, den Eindruck vermittelt hätte, er sei erreichbar gewesen,“ (6) schrieb Jay Cocks 1984. Seit wann hatte die Erreichbarkeit von Popstars irgendetwas mit einer Bedrohung für den Sittenkodex der Gesellschaft zu tun? Mark Fisher tat den Kurzfilm für „The Way You Make Me Feel“ kurzerhand „als die zunehmend absurde Drohgebärde durch pfauenartiges Gehabe als Ersatz für irgendein tatsächliches sexuelles Begehren“ ab (7) – ich würde gern wissen, was hier mit „tatsächlich“ gemeint ist. Margo Jefferson schlussfolgerte, dass „Michael Jackson, der Performer, niemals Darstellungen schwarzer oder weißer Männlichkeit, die überhaupt realistisch oder besser noch konventionell gewesen wären, zum Ausdruck gebracht hat (8). Letzteres stimmt, in welcher Form es allerdings mit dem Vorangegangenen einhergehen soll, bleibt ein Geheimnis. Und was ist „realistische“ Männlichkeit? Reid Kane zieht den Schluss, Jacksons Männlichkeit sei „vorgetäuscht“ (9). Ich könnte noch eine beträchtliche Anzahl von Quellen mit Variationen zu diesem Thema zitieren, aber ich denke, man versteht es auch so.

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Vielen sind die sexualisierten Auftritte, die Jackson in seinen Kurzfilmen und auf der Bühne gab, zu stilisiert, um glaubwürdig zu sein, und sie verlangen “Beweise“ in Form von Erfahrungen „aus dem wirklichen Leben“: Er soll bestätigen, beweisen, dass diese zuckenden Hüften, diese sinnlich seine Brust heruntergleitende Hand, diese Finger, die die Leistengegend streicheln, während er die Augen schließt und den Atem anhält, mehr als nur theatralisch sind, mehr als „Vortäuschen“ – wo war seine Freundin? Oder sein Freund? Warum war er außerhalb der Bühne so schüchtern und sanft? Genau, er musste entweder asexuell, schwul oder „pre-sexuell“ sein, wie Randall Sullivan es auf bizarre Weise bezeichnete. Alles Label, die entweder mit Verachtung oder mit der Absicht, Jacksons Sexualität als pathologisch hinzustellen, abgegeben wurden.(10) Diese Sichtweisen über Jackson lassen einige fragwürdige Vermutungen voraussetzen. Zum Beispiel, dass eine stilisierte Performance von Sexualität nicht „glaubwürdig“ sei und aus dem Grund nicht „bedrohlich“ sein könne. Wäre dem so, hätte es wegen Elvis keinen Aufruhr gegeben. Eine künstlerische Performance ist extrem einflussreich, sie kann für diejenigen, die zusehen oder -hören, lebensverändernd sein. Sie kann Leuten eine Welt erschaffen, von der man träumt oder nach der man handelt, sie kann Vorstellungen von Liebe, Romantik und Sex erwecken, die man bisher nicht für möglich gehalten hatte. Jackson erschuf auf der Bühne eine sexualisierte Präsenz, die in diesem Moment real war – er wusste genau, wie man einen überzeugenden, erotischen Körper heraufbeschwören konnte, so wie es viele Performer tun, und genau so, wie auch diese anderen Performer ihren Fans reale emotionale Reaktionen entlocken, tat es auch Jackson. Was ihn jedoch von diesen Performern absetzt ist, dass er 100% Gefühl aus seiner Performance „herauswrang“, sowohl seine Stimme als auch sein Körper triefend vor Leidenschaft nahm er uns mit in eine Welt der Sinnlichkeit, die so lebendig, so intensiv war, und für die meisten von uns unvorstellbar, dass Gefühle auf diese Art und Weise ausgedrückt werden können. Er formte sie für uns, um uns zu zeigen, dass es möglich ist, derart hell zu brennen. Wie konnte man nicht davon gebannt sein? Wie konnten einige sich dadurch nicht bedroht fühlen?

Die Kritiker setzen auch voraus, dass diese Performance auf das alltägliche Leben übertragen können werden muss, weil es sonst ja nur vorgetäuscht sei und dass man nicht einerseits sanft und scheu sein kann und andererseits sexuelle Dynamik verbreiten kann. Unabhängig von dem, was wir über sein privates Sexualleben wissen, „strahlte er aus“, auch wenn er sanft sprach: All diese sexuelle Energie verschwand nicht einfach, wenn er die Bühne verlies. Und ich sage, es ist genau diese Kombination von Sanftheit mit „erotischer Dynamik“, die dazu führt, dass Fans ihn als den „Sexiest Man aller Zeiten“ bezeichnen, diese Kombination ist ein wahr gewordener Traum, ein schwer definierbarer, aber sehr ersehnter Mix von Charakteristika, von dem zumindest die Mädchen auf der ganzen Welt träumen.

Aber es gibt natürlich gute Gründe für dieses Herabwürdigen Jacksons beeindruckender sexueller Energie: Sie und seine Männlichkeit und ebenso sein „Erwachsensein“ zu verleugnen – was Begriffe wie „Mann-Kind“ (Knabe) tun -,(11) nach Übereinstimmung seiner Sexualität auf und abseits der Bühne zu verlangen und daraus zu schließen, er sei grotesk und durch plastische Chirurgie nicht begehrenswert, funktioniert, um sein vielschichtiges, geschlechtsspezifisches und sexualisiertes Selbst zu kontrollieren, und um zu begrenzen, was als begehrenswert, sexy und männlich zu sehen ist. Es radiert dieses wunderschöne Rätsel aus. Aber es macht ihn auch ungefährlicher.

* * *

Jackson gibt uns zu Beginn von Dangerous vier verschiedene Sichtarten auf die Liebe und gruppiert dabei das lüsterne „In the Closet“ und „She Drives Me Wild“ zusammen mit dem nostalgischen „Remember The Time“ und dem nervösen „Can’t Let Her Get Away“. Es ist ein schonungsloser Angriff ausgerechnet auf Sinnenfreude, Sexuelles und Romantik, wie wir es nie vorher bei ihm erlebt haben. Während so viel an seiner Musik generationenübergreifend ist, fallen diese Songs aus der Reihe; die erwachsenen Gefühle sprechen nicht, was sonst maßgeblich für Jackson ist, Kinder an, und wahrscheinlich auch nicht die älteren Fans (wie meinen 87-jährigen Nachbarn, der ständig Jacksons Musik hört, aber nur die bis zum Bad Album, nicht seine späteren Werke). Zusammenfassend lässt sich sagen, diese Songs deuten an, dass die Liebe kompliziert und schmerzlich ist – er jagt ihr nach, kann sie aber nie ganz fassen; er hat sie, aber dann entschlüpft sie ihm wieder; es hat ihn erwischt – es hat ihn schwer erwischt, aber es muss versteckt werden. Diese Songs handeln ebenso von der Sehnsucht nach der fleischlichen Lust wie auch des Herzens, einer Richtung, die Jackson schon früher auf eher filmische Art in Songs wie „Billie Jean“ und „Dirty Diana“ untersucht hat. Aber die Songs auf Dangerous verströmen ein persönlicheres Gefühl, sind mehr im Augenblick, handeln mehr von einem Typ, der mit seiner Libido und seinem Herzen ringt. Und anders als in jenen Femme Fatale Songs oder sentimentalen Balladen über romantische Liebe, ist Jackson ein bereitwilliger Partner, angeturnt, wenn er auch nie ganz das bekommt, was er will oder braucht. Ist das nicht genau das, worum es in den meisten eindringlichen Love Songs geht? Während Robert Christgau dachte, Jackson würde mit „der glaubwürdigsten Form von Sex-and-Romance seiner Karriere“ auf Dangerous (12) hausieren gehen, fand Jon Pareles diesen erwachsenen Jackson so unwahrscheinlich, dass er in seiner Rezension des Albums schrieb: „Von all den bizarren Erscheinungen in der gegenwärtigen populären Musik ist nichts merkwürdiger als ein Michael Jackson, der ganz normale Liebeslieder singt. Er bekommt sie kaum herausgewürgt … (sie) klingen, als würden sie unter Qualen aus ihm kommen … seine Songs künden von einer Angst des Körpers vor fleischlichen Freuden.” (13)

Pareles lag einfach völlig daneben. Was Jackson in diesen Songs anzapft, ist die lange Tradition dessen, was Mark Anthony Neal die Männlichkeit des „Soul Man“ nennt, ohne Zweifel beeinflusst durch oder sogar als eine Reaktion auf das Wiederaufleben einer „stärkeren, eher ‚street-like‘ oder ‚authentischen‘ Version des Schwarzseins“, wie es im Hip Hop oder vielleicht auch in der kompromisslosen Maskulinität von Metal kultiviert wird. (14) Jackson bringt eine Version verwegener Männlichkeit zustande, die eine geschlechtliche Ambivalenz aufrecht erhält und die dabei gleichbleibend nicht gewalttätig oder frauenfeindlich ist. Seine Rückgewinnung der Männlichkeit des Soul Man ergab Sinn für ihn, da er wiederholt jene musikalische Tradition für sich beanspruchte und der Meinung war, dass dort seine musikalischen Wurzeln lagen. Kultiviert in den 1960er Jahren, inmitten der Black Power Bewegung zogen Soul Men wie Sam Cooke, Marvin Gaye, Solomon Burke, James Brown und Wilson Pickett „das schwarze Amerika während einer Ära in ihren Bann, als über-schwarze, über-maskuline, über-sexuelle männliche Ikonen die logische Antwort auf fortschreitende ideologische Bedrohungen, zentriert auf die Auffassung über amerikanische Männlichkeit, zu sein schienen“, erklärt Neal.(15) Diese Darstellung schwarzer Maskulinität zu diesem bestimmten historischen Zeitpunkt wirkte wie ein Schutzschild gegenüber der langen Tradition der Entmannung schwarzer Männer durch Weiße, ebenso wie ihrer generellen Entmenschlichung; Soul-Performer wie diese waren, wie Neal beobachtet, die musikalischen Äquivalente von Malcolm X und Eldridge Cleaver. Neal deutet an, dass Jacksons Drang der bestverkaufte, kommerzielle Künstler zu sein, ihn von dieser konventionellen Darstellung schwarzer Männlichkeit wegführte, hin zu einer, die als seltsam (queer) wahrgenommen werden konnte, in der Hinsicht, dass sie die Klischees hinterfragte und Jackson „ungefährlich“ für junge, weiße Konsumenten und ihre Eltern wirken ließ.(16) Während es schließlich eine wichtige, erholsame Strategie für schwarze Männer darstellte, sich selbst in den 1960ern und später als über-maskulin aufzustellen, so war es dennoch riskant, denn es gab eine lange rassistische Tradition, aus der hervorging, sie als über-sexualisiert zu sehen – als ‚Sex und nichts sonst‘, und aus diesem Grund als bedrohlich. Eddie Murphy traf damals in den 1980ern in aller Klarheit eine Aussage über Jacksons sorgfältiges Aushandeln der schwarzen Maskulinität: (17)

Michael ist so berühmt. Alles, was er sagt, wird von der Öffentlichkeit geglaubt. Er ging ins Fernsehen und sagte: „Ich habe keinen Sex aufgrund meiner Glaubensüberzeugung“ und die Öffentlichkeit glaubte ihm. Brüder (Brothers/Schwarze) sagten etwas wie „Verdammt, hau ab!“ und weiße Leute meinten „dass Michael ein besonderer Kerl ist, er ist gut, sauber und unbedenklich.“ Ihr alle habt es geglaubt (was er sagte). Wisst ihr, wie ihr es alle geglaubt habt? Ihr alle seid nicht wütend geworden, als er Brooke Shields mit zu den Grammys nahm, kein einziger Weißer sagte Shit. Und Brooke Shields ist die weißeste Frau Amerikas … . Wenn ich Brooke Shields zu den Grammys mitnehmen würde, dann würdet ihr alle den Verstand verlieren.

Also steckte da, ganz sicher, eine Strategie hinter Jacksons Eigendarstellung sich außerhalb der Bühne schüchtern, bescheiden, respektvoll und an Sex nicht interessiert zu zeigen. Soul Men erreichten nicht die Art von Erfolg im Mainstream, wie MJ es tat. Aber mit Dangerous begann er, größere Risiken auf sich zu nehmen und bot Songs an, die deutlicher von Sex handelten, kultivierte einen verruchteren Gesangstil und präsentierte sich selbst in seiner öffentlichen Erscheinung als sexualisierter: zum Beispiel, dass er mit der gewagten Madonna zu den Oscars ging, oder in seinem Kurzfilm für „In the Closet“ mit Naomi Campbell, in seinem heißen Fotoshoot mit Herb Ritts und auf der Bühne.

MJ and Madonna Oscars

Er belebte die Männlichkeit des Soul Man wieder, transformierte sie und spielte sie gegen Merkmale aus, die außerhalb ihres Bereichs lagen: Er vermischte traditionellen Machismo mit großem femininem Glamour und sanft sprechender Sensibilität. Der Machismo wurde über einen androgynen Look abgebildet, der, weil er älter wurde, zunehmend eher mit dem einer erwachsenen Frau als mit seinem früheren jungenhaften Aussehen verbunden wurde. Es ist nicht überraschend, dass diese Wendung verheerenden Schaden mit seinem „Good Boy“-Image anrichtete und begann, ihn für einige in dunklere und unheimlichere, genderspezifische Bereiche zu bringen.

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Das erste Mal lässt der Lärm auf Dangerous am Anfang von „In the Closet“ nach, aber die Ruhe hält nicht lange an. Die in Verbindung mit einem akustischen Piano stehende Eröffnungsphase des Songs, die sich dann aber mit Warp-Geschwindigkeit in ein symphonisches Drama entfaltet, ist klangfarblich und rhythmisch sanfter als alles, was wir bis zu diesem Punkt gehört haben, denn es ist die Musik, die die Geschichte von Verlangen und Sehnsucht des Mystery Girls umrahmt, weil sie für die Verbindung mit dem Weiblichen steht, wie es bei sanfterer, ruhigerer Musik oft der Fall ist. (Im Text des Begleithefts stellt sich heraus, dass das „Mystery Girl“ Prinzessin Stephanie von Monaco ist). Jedes Mal, wenn das Mädchen während des Songs spricht, hören wir Reminiszenzen dieser Eröffnungsmusik, die den Groove und den normalen Verlauf des Songs unterbricht. Die Gegenüberstellung dieser Musik mit einem anderen, harten, industriellen Groove, durch den Jackson sein Misstrauen gegenüber dem ausdrückt, was Liebende sagen oder tun, führt die Warnungen und Skepsis der beiden ersten Lieder des Albums fort. Auch private und öffentliche Welt werden hier neben einander gestellt, was musikalisch jedoch nicht einfach durch die Gegenüberstellung der Musik des Mädchens mit der von Jackson bewerkstelligt wird (das wäre zu simpel). Sein harter Groove, den wir in den Strophen hören, erschafft einen privaten Bereich von exquisiter Spannung, von aufwühlender, glühender Sehnsucht, die jedoch (gerade noch) verdeckt bleibt – man kann hören, wie sie überkochen will. Die Spannung findet ihren Platz in dem prägnanten Hauptmotiv, das sich um einen Halbtonschritt, das kleinstmögliche Intervall der tonalen Musik, zentriert; Jacksons Melodie ist auf nur vier Noten begrenzt. Die unterstützenden Harmonien sind dicht und gebündelt, intervallisch beengt, und spiegeln das Auf und Ab des Hauptmotivs; sie sind so verdichtet, dass sie klingen, als kämen sie aus einem Vakuum (oder vielleicht aus einem Wandschrank (Closet)).

Michael Jackson In The Closet

Die Sache dabei ist, diese musikalischen Merkmale klingen für westliche Ohren auf konventionelle Art „exotisch“. Jacksons Melodie basiert auf der Fünftonleiter – sie wird im Blues oft verwendet, aber hier hört es sich „östlich“ (orientalisch) an, was daran liegt, wie man es im Zusammenhang mit dem Riff in Halbtonschritten hört. Der parallel dazu verlaufende Hintergrundgesang, aufgeteilt in ein Intervall einer Quart, ist für moderne westliche Musik uncharakteristisch. Und der hallende Klang der Trommel auf den Downbeats erinnert eher an den Groove des Mittleren Ostens, als an R&B. Diese eingeschränkte Musik öffnet sich im Refrain, wo wir auch eine eigenständige Bassstimme finden (die in den Strophen fehlt und, genau wie in „Jam“, ein Gefühl von Entwurzelung entstehen lässt) und Jackson um eine Oktave höher steigt, was dem gehauchten Flüstern seiner Stimme Raum für die Ekstase der hohen Töne lässt. Zweimal fällt dieser Refrain in sich zusammen, wie es scheint immer kurz bevor er richtig abhebt – gescheiterte Versuche der Erfüllung, Freude und Befreiung. Beim dritten Mal nimmt die Musik des Refrains Fahrt auf, sie darf sich entwickeln, darf „köcheln“ (simmer). Jacksons sich wiederholende Ad Libs gipfeln in seinem typischen „Hee Hee“, das hier etwas völlig anderes ausdrückt, als je zu vor – Aufgabe, Kapitulation und Erfüllung: Normalerweise ist dieser stimmliche Ausdruck ein scharfer Zwischenruf, forsch, kontrolliert und die Energie und Kraft der Musik bestätigend. Hier vervollständigt er damit seine Ad Libs, nutzt dazu das letzte bisschen Atem, wie ein eindringliches Freisetzen seines eigenen, jüngeren Selbst. Anstatt mit diesem Refrain ausgeblendet zu werden, um ein Andauern dieses glückseligen Zustandes anzudeuten, endet der Song wieder zurück im Wandschrank, zurück in der privaten Welt des verschwörerischen Flüsterns, der eingeengten Musik und der knallenden Türen, aber auch zweifelsohne der glühenden Leidenschaft: Oh ja, in diesem Wandschrank ist Feuer, lasst euch nicht täuschen. Zerbrechendes Glas, das wir auch zu Beginn der zweiten Strophe hörten, ist hier erneut zu hören: In dieser Beziehung geht es darum, Grenzen auszutesten, sich von gesellschaftlichen Zwängen zu lösen, aber in welchem Sinn?

Verständlicherweise waren die Zuhörer über Jacksons Verwendung des Ausdrucks „In The Closet“(Anmerkung: ein Ausdruck, der verwendet wird um eine homosexuelle Orientierung geheim zu halten) zur Charakterisierung einer heterosexuellen Beziehung, verwundert und man muss eingestehen, dass dies auf quälende Art verwirrend ist, weil es auf gewisse Art Jacksons „Coming Out“ Song ist, auch wenn er mehrdeutig darüber spricht, die Dinge „im Schrank“ zu lassen (geheim zu halten) – ein Coming Out, als ein nicht nur an einer Romanze, sondern an Sex interessierter, bereitwilliger, sogar offensiver Partner und nicht mit Angst vor – oder betrogen von – einer Femme Fatale, und, für einige kaum zu glauben, als heterosexuell. Und in den Kurzfilmen zu „In the Closet“ und „Remember the Time“ stehen seine Interaktionen mit Frauen im Mittelpunkt (so wie es auch bei „The Way You Make Me Feel“ schon war, seinem wohl ersten Vorstoß in die ‘Soul Man’ Männlichkeit), auch wenn einige beschlossen haben, dass er bei diesen Interaktionen „versagte“, frage ich mich manchmal, ob ich die gleichen Filme ansehe wie die Kritiker. Vielleicht war die unterschwellige Botschaft von „In the Closet“, uns wissen zu lassen, dass er trotz der vorherrschenden gegenteiligen Ansicht der Medien, immer an Sex interessiert war, und es ihm nur gut gelungen war, diese Interessen versteckt zu halten, um ein möglichst großes, weißes Publikum zu erreichen, sich selbst zu mystifizieren und die der Norm entsprechenden Vorstellungen, wie Männlichkeit gelebt werden muss, herauszufordern (im Sinn von: er brauchte keine Schar gut aussehender Frauen um sich herum, um seine Heterosexualität zu beweisen – er hatte es nicht nötig, Frauen auf diese Art zu benutzen.) Diese Spekulationen können wir zumindest dann anstellen, wenn wir nur das Audio anhören, in dem Kurzfilm trägt Jackson einen Ehering, wodurch deutlich wird, dass die Geschichte sich um Ehebruch dreht, der geheim gehalten werden soll. In der Tat, ein ziemlich erwachsenes Thema.

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Die musikalische Sprache von „In the Closet“ könnte man als problematisch sehen, da sie das Sexuelle auf eine Art exotisiert, die weiße, westliche orientalische Klischees einer geheimnisvollen, verführerischen Andersartigkeit unterstützt. Und vielleicht ist es auch genau das: Warum stattest du den sexuell eindeutigsten Song deiner Karriere mit den Stilmitteln nicht-westlicher Klänge aus, die diese Stereotypen hervorrufen? Das Problem bei dieser Interpretation liegt darin, dass Jackson nicht als Teil der dominierenden Kultur spricht – er steht für das ethnisch Andere, das Androgyne, er ist die Abweichung. Er ist das „exotisch“ Andere, das die Musik zu vermitteln versucht, das verführerische Subjekt der Begierde. Zumindest kommt diese Vorstellung auf, wenn wir dem Song zuhören, der Kurzfilm erzählt uns jedoch wiederum eine andere Geschichte.

In orientalistischen Fantasien ist es oft die dunkelhäutige Frau, die exotisiert wird, die als eine Art „verbotene Frucht“ dargestellt wird, und neben Jackson wirkt Naomi Campbell so dunkel, dass man denken könnte, er gehöre einer anderen Rasse an als sie, ich weiß, eine sicherlich kontroverse Idee, wenn man bedenkt, dass Jacksons immer heller werdende Haut manchmal dazu führte, als „Verräter seiner Rasse“ bezeichnet zu werden. Ich möchte diese Geschichten auch nicht unterstützen: Es ist nur so, dass auf der Basis der Hautfarbe ein Rassenunterschied zwischen Jackson und Campbell zu bestehen scheint, und dass Campbell in gewisser Weise in diesem Film als hypersexualisierte, „exotische“, farbige Frau behandelt wird, die genau diese Stereotypen unterstützt. (18) Drehort und Kulisse des Films fördern ebenfalls die Vorstellung des Exotischen: Ritts sagte, er wollte für diesen Film eine „spanisch aussehende, exotische Frau“ (19), andere wiesen auf die „spanischen“ Elemente der Kulisse (zum Beispiel die Kleidung der Frauen) und auf Jacksons „Paso Doble“-ähnliche Tanzbewegungen hin. (20)

Es stellt sich die Frage nach dem Warum. (Ich fürchte, darauf habe ich keine Antwort: War es Ritts bewusst, dass er eine orientalistische Fantasie unterstützt? Wusste Michael es?)

In The Closet Michael + Naomi

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In diesen „Machismo“ Songs drückt Jacksons Stimme weder Qual noch Angst aus, sondern die Wildheit von James Brown oder Wilson Pickett: Denk an „Mustang Sally“ wenn du „She Drives Me Wild“ oder Teile von „Can’t Let Her Get Away“ anhörst; es ist das flüssige, unglaublich hohe Falsetto, mit dem, wie Neal behauptet, der „Soul Man“ verführt, ein Zeichen des Machoverhaltens, was die Beherrschung des Stils erkennen lässt. (21) Vergleicht man Marvin Gayes „Trouble Man“ mit „In the Closet“, ist Jacksons Stimme zwar gehauchter, aber sogar die Ausdrucksweise in den beiden Liedern ist erstaunlich ähnlich. Und es ist der warme, flüssige Tenor eines Sängers wie Sam Cooke – denke an „You Send Me“, wenn du dem entspannten Tenor in den Strophen von „Remember the Time“ lauschst, Jacksons bisher geschmeidigstem Gesang auf diesem Album. Jacksons Stimme hat eine leichtere Qualität, als die dieser Männer – und das ändert die geschlechtsspezifische Bedeutung seiner Stimme signifikant: Er besitzt nicht diese Schwere, diese Tiefe. Bis auf „In the Closet“ sind diese Songs etwas unter- und oberhalb von C’ angesiedelt, das ist die Tonlage, in der Pickett „Mustang Sally“ singt, jedoch klingt seine Stimme voller, schwerer und im konventionellen Sinn maskuliner als Jacksons. Dennoch ist Jacksons Stimme durch ihre Klangfarbe (Timbre) und seinen abgehackten, gutturalen Gesangsstil später in seiner Karriere als „maskulin“ lesbar. (22) Aber die emotionale Landschaft, die Jackson – in fast allen seinen Songs – malt, ist gefühlstiefer und extremer als die der meisten anderen Soul-Man-Sänger, und kann so geschlechtsspezifisch leicht als „feminin“ gesehen werden, als Anleihe an Soul-Diven wie Patti Labelle oder Diana Ross. Wie Jacqueline Warwick schreibt: „Als erwachsener Sänger übernahm Jackson bekanntlich viele der stimmlichen Eigenheiten von Diana Ross, wie zum Beispiel ihren Trick, eine Phrase mit einem anmutigen, geseufzten Portamento oder einem Kiekser zu betonen.“ (23) Dabei denkt man an Jacksons wehmütige Einwürfe von „dare me“ (fordere mich heraus) oder „keep it in the closet“ (halte es geheim). Zum Teil ist es diese Kombination von geschlechtsspezifischen Stilen und besonderen Gesangstechniken, die Jacksons Darbietungen „verwirrend“ machen. Das Visuelle fügt dieser Mehrdeutigkeit natürlich noch eine weitere Dimension hinzu.

Ich wollte etwas näher darauf eingehen, wie sich Jacksons Darbietungen in konventionelle Maskulinität einreihen, denn bei den Kommentaren zu seinem Geschlecht wird das meistens übersehen. Sogar in seiner äusserlichen Erscheinung und Darstellung, gibt es genügend, was in den Bereich des Maskulinen gehört – was auch seine coole Gangster-Rolle beinhaltet – aber um das zu verstehen ist es wichtig, sich auf Details zu bestimmten Zeiten seiner Karriere zu zu konzentrieren (man kann das nicht auf einen Schlag abhandeln). Während der Dangerous Ära begann Jackson damit, sein Haar länger und weniger lockig zu tragen. Die Jehri Curls hatten sich in einzelne Strähnen verwandelt, die ihm oft über die Augen bis hinunter zum Kinn hingen. In dieser Zeit glättete er auch zum ersten Mal seine Haare, anstatt sie nur in sanftere Wellen zu formen, (so wie im Kurzfilm zu „Remember the Time“).

RTT Hairstyle

Als er älter wurde, in der Zeit nach Dangerous, wurde sein Gesicht zunehmend „femininer“, verstärkt durch den Einsatz von Make-up, darunter starker Eyeliner, Mascara und verschiedene Lippenstift-Töne – bis zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere war der Gebrauch von Make-up dezenter. Es besteht die Tendenz, die verschiedenen Erscheinungen Jacksons auf Operationen und dadurch entstandene strukturelle Veränderungen zu schieben, aber wie Willa Stillwater anmerkte, muss auch Make-up, Beleuchtung und der Alterungsprozess mit einbezogen werden. Willa führt an, dass die Medien in den letzten Jahren alles daran setzten, unvorteilhafte Fotos von Jackson auszuwählen, um ihn möglichst „hässlich“ erscheinen zu lassen. (24) Meredith Jones bringt das überzeugende Argument, dass Jacksons Gesichtsmerkmale ihn als „zwischen den Geschlechtern“ auszeichnen, da nebeneinander sowohl konventionell männliche und weiblich Kennzeichen vorhanden sind. Seine großen, geschminkten Augen und seine kleine, dünne Nase zur Zeit von Dangerous, werden üblicher Weise als feminin gelesen (bei den Veränderungen seiner Nase geht es nicht nur um Rasse), während sein eher breites Kinn mit dem Grübchen als maskulin gesehen wird. (25) Während dieser Zeit war er immer glatt rasiert (zur Zeit von Thriller und auch später, etwa 2001, war manchmal Gesichtsbehaarung vorhanden), trug jedoch immer markante Koteletten. Diese genaue Analyse gibt einen Eindruck darüber, wie Jacksons uneindeutige Darstellung von geschlechtsspezifischen Merkmalen funktioniert: Die Merkmale passen weder eindeutig zu dem einen oder anderen Geschlecht, noch können sie miteinander in Einklang gebracht werden. Die maskulinen Merkmale verschwinden nicht. Viel mehr ist es so, dass besonders das kantige Kinn mit dem Grübchen mit zunehmenden Alter markanter wurde, vielleicht durch Behandlungen, vielleicht durch Gewichtsverlust oder auch einfach nur durch den natürlichen Alterungsprozess.

Aber um wirklich zu verstehen, was es mit Jacksons mehrdeutiger Darstellung von geschlechtsspezifischen Merkmalen auf sich hat, müssen wir mehr als nur seine Haare und sein Gesicht miteinbeziehen. Sein Körper war schlank, ohne markant definierte Muskeln, aber geradlinig, kantig und kräftig – es gab nichts Weibliches an ihm, auch nicht an seiner Art, sich zu bewegen, bis hin zu seinem Gang. Wenn er in manchen Shows sein T-Shirt zerriss und seine nackte Brust darbot, wie zum Beispiel im „Panther Dance“ am Ende von „Black or White“, zeigte sich ein perfekter, glatter, erwachsener Oberkörper.

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In seinem Kostüm während der Dangerous Tour, lenkte sein goldener Fechtanzug die Aufmerksamkeit auf die Auswölbung seiner Leistengegend, sein Stylist Michael Bush kommentierte zu Recht, dass dieses Kleidungsstück „nur wenig Raum zur Spekulation lässt.“ (26) Sein Tanz war of hart, kontrolliert und auch kantig: Beispielsweise die Stöße mit dem Becken oder der Griff in den Schritt.

Margo Jefferson deutete diesen als Erinnerung für uns, dass er „ein Mann sei. Ein schwarzer Mann.“ (27) Möglicherweise, da er oft nicht als solcher gesehen wurde. Dabei war es nicht einmal ein wirklicher Griff, sondern viel mehr eine stilisierte und ausgesprochen elegante, in die Richtung weisende Geste. Während des Trainings mit Tänzern bei This Is It, sagt eine der Choreografinnen in Bezug auf die korrekte Darstellung dieser Bewegung: „Ich denke, es nicht mehr als nur eine Bewegung der Hand, wisst ihr, was ich meine?“ (Mit anderen Worten, man greift und bewegt nicht sein Teil, so wie die Tänzer es tun wollten). Jefferson nennt diese Bewegung „verzweifelt“, aber auf welcher Basis? Diese Bewegungen sind kontrolliert, bewusst, kokett, herausfordernd. Es ist eine Provokation. Ergänzend zu dem Gedanken, dass Jackson „angesichts der endlosen Überprüfungen und Hinterfragungen zu seinem Schwarzsein, seiner Männlichkeit und seiner Sexualität eine Aussage über sich selbst macht“, fügt Joe Vogel noch hinzu, dass er auch „gegen die grausame Tradition der Verstümmelung protestiert, in dem er das Symbol seiner schöpferischen Kraft und Identität als schwarzer Mann zur Schau stellt. Und er legt den Schluss nahe, dass niemand ihn davon abhalten kann.“ (28)

Did I offend you

In dem Kurzfilm zu „Jam“ macht er diese Bewegung genau vor einer Unterbrechung der Musik; während dieser Unterbrechung nimmt er einen kleinen Atemzug und blickt mit hochgezogenen Augenbrauen in die Kamera, als wolle er eine Entschuldigung vortäuschen: „Huch, ich wollte es gar nicht, aber ich kann nicht anders. Tut mir leid, habe ich etwa jemanden damit verletzt? Gut. Und jetzt verschwindet.“

Aber diese Geste konnte auch noch mehrdeutiger, noch verstörender sein. Im „Panther Dance“ wird der „Griff“ in den Schritt zu einem Reiben – manchmal benutzt er nur den Mittelfinger; aber er streicht auch mit seiner Hand an seinem Oberkörper entlang bis hinunter in seine Leistengegend.

Betrachtet man es aus konventioneller Sicht, assoziiert man dieses Reiben eher mit weiblicher als mit männlicher Masturbation. Was nicht gerade zum Vorteil von Jackson ist: Es ist nicht nur feminisiert, sondern Masturbation an sich wurde auch lange Zeit mit abnormalem Verhalten und Scham assoziiert, und auf diese Art wurde es im „Panther Dance“ gesehen. (29)

Er muss heiraten, aber schnell“, kommentierte ein Zuschauer, der am Tag der Premiere von „Black or White“ bei dem Sender anrief, wie Entertainment Weekly dann pflichtbewusst berichtete. (30) Es ist eindeutig zu viel, einen Mann zu sehen, der sich selbst Lust bereitet, basta, noch dazu, wenn er dazu feminine Gesten benutzt: War Masturbation historisch gesehen bei Männer beschämend, war es bei Frauen noch viel beschämender.

Panther Dance

Ich sehe Versuche, Jacksons Darstellung von geschlechtsspezifischen Merkmalen und Sexualität zu etikettieren, mit Misstrauen, denn nach meiner Einschätzung wollte er uns absichtlich dazu zu bewegen, Fragen zu stellen, – insbesondere die Parameter von Maskulinität und Heterosexualität zu hinterfragen (er beharrte darauf, heterosexuell zu sein und es gibt keinerlei Beweise, dass er es nicht war) – die jedoch nicht zwangsläufig auch gelöst würden. Die Verwendung von Begriffen wie „seltsam/wunderlich“ (queer) (die ich zur Beschreibung seiner musikalischen Praktiken benutzt habe, was jedoch eine völlig andere Sache ist) oder „trans“, wird in diesem Zusammenhang recht problematisch, (es sei denn, wir sind gewillt „seltsam/wunderlich“ im weitesten Sinn zu verstehen) und ich bin jedenfalls nicht sicher, wie weit uns solche Begriffe, insbesondere „trans“, (er ist nicht „übergewechselt“) bringen. (31) Jedoch gefällt mir Judith Perainos Ausdruck „In der Mitte herauskommen“, den sie in ihrer Erörterung über Androgynität verwendet. Peraino führt diese Diskussion zurück bis ins 18. Jahrhundert, auf die Schriften des einflussreichen Aufklärungshistorikers Johann Winckelmann, der als treuer Neoklassizist an die Bedeutung von Balance glaubte daran, dass „Schönheit nichts anderes ist, als die Mitte zwischen zwei Extremen“, eine Ansicht, zu der er durch Studien an klassischen griechischen und römischen Statuen kam. (Jackson selbst hatte solche Statuen über seine ganze Neverland Ranch verteilt.) Winckelmann war von der „geschlechtlichen Unbestimmtheit der antiken Statuen fasziniert; er glaubte, sie präsentierten dem interessierten Betrachter Beispiele dynamischer Metamorphosen.“ Der „Mittelweg“ war für Winckelmann jedoch kein „sicherer Weg“: „Kein Mittel, um Gefahr oder Konflikte zu vermeiden.“ Es war durchaus „ein Weg, entstanden durch Leidenschaft und Konfrontation.“ (32) Aus dem Grund ist es verlockend und beängstigend zugleich, die Unausgewogenheit ist fesselnd und für einige erschreckend – besonders wenn man sich, so wie Winckelmann es bei seinen Untersuchungen tat, von der fiktiven Welt antiker Statuen in die reale Welt der androgynen Männlichkeit bewegt.

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Remember the Time“ ist nicht der erste Moment, bei dem sich Jackson in seinen Werken auf Afrika beruft. Der Song „Liberian Girl“ wurde von Nelson George, neben anderen, als einer der ersten Songs gepriesen, der schwarze weibliche Schönheit in der westlichen Popkultur hochleben lässt. (33). Der Kurzfilm für „Remember the Time“ bot ein Medium an, durch das eine Vorstellung von schwarzem Einfluss (Black Power), Wohlstand und Opulenz dargeboten werden konnte; in dem Film wir erinnern uns nicht nur an eine Liebesbeziehung, sondern auch an eine Zeit, in der Afrika das Zentrum der Macht war. Es war als eine Erinnerung beabsichtigt zu einer Zeit, in der die Armut der schwarzen Bevölkerung und deren Entmachtung in den Abbildungen der amerikanischen Kultur vorherrschte – dieser Film entstand im Kielwasser der Misshandlungen im Fall Rodney King, dem Freispruch des weißen Polizisten und den Unruhen in Los Angeles, die sich daraus ergaben – daran, dass die Dinge einst anders waren und vielleicht wieder einmal sein könnten. John Singleton, der im vorangegangenen Jahr den von der Kritik gefeierten Film Boyz N the Hood (Jungs im Viertel) gedreht hatte, fragte Jackson, ob er eine durchgängig schwarze Besetzung einsetzen dürfe und Jackson stimmte begeistert zu. (34) Die gestellte ägyptische Kulisse, besetzt mit einem amerikanischen Komiker, einem Sportstar und einem Fashion Model scheint also vielleicht ein bisschen platt zu sein, aber es war eine ernsthafte und bewusste Entscheidung, um erfolgreiche Afroamerikaner und eine alte, einflussreiche, durch Schwarze regierte Kultur, zu zeigen.

Sogar in dieser Kulisse fordert Jackson vom ersten Moment an, in dem wir ihn zu sehen bekommen, durch seine Kleidung Klassenmacht heraus: Das Ornament aus Goldmetall auf seiner Brust wird Gorgerine genannt und wurde von den ägyptischen Pharaonen als Zeichen ihres königlichen Status‘ getragen.(35)

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Jackson trägt außerdem einen speziellen, gestärkten Kilt zur Schau, der von Adligen und Beamten im alten Ägypten getragen wurde.(36) Die anderen Darsteller sind nicht in solch kunstvolle Gewänder gekleidet. Durch seinen eleganten Stil spielt Jackson außerdem mit Zeit und Ort, verzahnt die Vergangenheit mit der Gegenwart durch das Hinzufügen des goldfarbenen Shirts, schwarzer Levi’s, Boots mit Lederbändern (die den hochgeschnürten Sandalen nachempfunden sind, die auch jeder andere in dem Film trägt), stellt der zeitgemäßen, städtischen Hipness einen alten, ägyptischen Kleidungsstil gegenüber und kreiert damit eine Kombination von Modestilen, durch die sich die Vergangenheit, eine afrikanische Vergangenheit, über die Gegenwart legt und auch symbolisch die Macht, die Schwarze in der Vergangenheit innehatten, auf Jackson in der Gegenwart übertragen wird. Überlass‘ es Michael Jackson eine majestätische afrikanische Vergangenheit zurückzuholen.

Jacksons Haare und Make-up setzten sich ebenfalls von allem anderen ab. Ich kann mich an keinen Mann erinnern, der in den frühen 1990ern sein Haar auf diese Art getragen hätte (außer vielleicht James Brown, obwohl es bei ihm niemals so lang war). Ich kann mich an weibliche Hollywood-Stars wie Marilyn Monroe erinnern, die ihre Haare auf diese Art in den 1950ern trugen. Das Make-up und die Haare ließen ihn geschlechtsspezifisch mehrdeutiger als jemals zuvor in seiner Karriere erscheinen: Glamourös ist ein Wort, das ich gebrauchen möchte. Es gibt auch einen deutlichen Unterschied zu den anderen Männern in diesem Film, mit ihren kräftig entwickelten Brustmuskeln und Bizepsen und Jacksons schlanker und bedeckter Gestalt. Seine Männlichkeit ist ausdrücklich anders. Und doch ist er der Angebetete in dieser Geschichte: Wir glauben ihm, dass sein Anblick die Königin schwach werden lässt. (Sie wird ohnmächtig, bevor er singt oder tanzt – nur durch seinen bloßen Anblick.) Und der Hinweis in den Lyrics deutet an, dass sie in der Vergangenheit Geliebte waren. Worin besteht seine Anziehungskraft in diesem Moment? Ist es sein selbstsicherer, verwegener Gang (nach Art eines Soul Man)? Seine elegante Pracht? Der Unterschied zu den anderen Männern? Seine Exotik, hier vielleicht sogar überzeugender als in „In the Closet“? Der Kuss zwischen Jackson und Iman ist der erste auf der Leinwand, ein Wendepunkt, und er ist innig und lang (ich mag es, dass Jackson und Singleton sich dafür entschieden, ihn leicht unbeholfen wirken zu lassen, das Zusammenstoßen der Lippen zu Beginn des Kusses – da ist etwas Hungriges daran). Er nimmt hier außerdem die typisch männliche Rolle ein, befindet sich über Iman, biegt ihren Körper zurück, als der Kuss tiefer wird. (Noch einmal: Jon Pareles empfand Jacksons „Versuch“ sexy zu wirken als gescheitert und die Romantik dieser Szene unglaubwürdig.)

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Im Gegensatz zu „In the Closet“ ist „Remember the Time“ musikalisch gesehen recht einfach. Der Groove ist entspannt; mit Ausnahme des Anfangs von „In the Closet“ ist dies das erste Stück, dem nicht der „Industrieklang“ anhaftet, der so charakteristisch ist für das Album, und das ergibt auch Sinn, wenn man bedenkt, dass es als sehnsuchtsvolles Stück für eine glücklichere, vielleicht unschuldigere Zeit (nicht nur der Vergangenheit der Liebhaber, sondern auch einer anderen sozialen Vergangenheit) beabsichtigt ist. Jacksons Stimme ist den größten Teil der Zeit warm, samtig, auf eine die Intimität verstärkende Art produziert (durch das nahe Herantreten an das Mikrofon bei der Aufnahme); bevor er anfängt zu singen, lacht er und sagt spielerisch „Möchtest du mich ausprobieren?“ Der opulente Background-Gesang ist gleichermaßen warm, fast noch verstärkt durch den Einsatz ausgedehnter Harmonien; sie tragen um einiges zur Sinnlichkeit des Songs bei, nicht nur durch die üppigen Harmonien, sondern auch durch die lange Pause bei dem Wort „time“, was die Harmonien ausschlachtet und uns sehnsüchtig werden lässt … nach etwas. (37) Wie die einfache harmonische Bewegung wird der Titel des Songs endlos wiederholt, sowohl als Strophe als auch als Refrain – fast jede Zeile der Lyrics beginnt mit ihm – ein eindringliches Mantra, das versucht, die idyllische Vergangenheit für die Gegenwart wiederherzustellen. Wirkliche Intensität und musikalische Veränderung entsteht während des Outro. Jacksons Ad Libs sind energisch, verzweifelt – unser aggressiver Soul Man ist zurück. Im Kurzfilm wurden die Instrumentalspuren an dieser Stelle entfernt und Jackson wurde allein singend übrig gelassen, am Ende während der Sequenz des choreografierten Gruppentanzes nur von den Percussions begleitet. (Ich habe diese Version immer lieber gemocht; die Intensität seiner Stimme für sich allein ist atemberaubend). Die Tanzsequenz dient einerseits als eine Darbietung an die Königin (die Erzählung auf dem Mikrolevel) und mit seiner von Ägypten inspirierten Choreografie andererseits auch als ein Feiern Afrikas.

Jackson ist in diesem Film ein Trickster, der Trickster, der im Volkstum vieler Kulturen, einschließlich der subsaharischen, afroamerikanischen und nordamerikanisch-indigenen Kulturen, eine zentrale Figur darstellt. Der Trickster ist eine Figur, die Humor oft in der Art einsetzt, wie Jackson es hier tut, indem er seine kräftigeren Gegenspieler austrickst, auch wenn er ihnen körperlich unterlegen ist und für sich genommen keine Macht besitzt. Henry Louis Gates beschreibt die original afrikanische Trickster-Figur, die er Esu nennt, als jemanden, der Qualitäten von „Individualität, Satire, Parodie, Ironie, Magie, Unbestimmtheit, Offenheit, Mehrdeutigkeit, Sexualität, Möglichkeiten, Ungewissheit, Störung und Schlichtung, Betrug und Loyalität, Geschlossenheit und Enthüllung, Umhüllung und Entzweiung“ besitzt.(38) Jackson zeigt all diese Charakteristika in dem Kurzfilm, aber ihre Inbesitznahme durch ihn geht über die engen Grenzen dieses Werks hinaus. Man könnte Jackson während seines gesamten Lebens als einen Trickster beschreiben, basta. Während es viele Wege gibt, durch die man diesen Gedanken aufgreifen könnte, möchte ich mich hier auf Jacksons sexuelle Mehrdeutigkeit konzentrieren. „Die verschiedenen Persönlichkeiten von Esu,“ schreibt Gates, „(sind) geschlechtslos oder von doppeltem Geschlecht,“ (39) trotz der Tatsache, dass ihr/sein Penis in vielen Geschichten als signifikant abgebildet wird (und dass er/sie oft als ein „hartnäckiger Kopulator“ charakterisiert wird, was Gates als „das ultimative Bindeglied“ deutet, „welches Wahrheit mit Verstehen verbindet, das Heilige mit dem Weltlichen, Text mit Interpretation,“ so wie es Jackson so oft tut).(40) Gates spricht über Esu als „weder männlich noch weiblich, weder dies noch das, sondern beides, eine zusammengesetzte Morphologie.“(41) Er zitiert J.E. und D.M dos Santos, die sagen, dass Esu „die Natur all seiner Vorfahren in sich trägt. Er weist die Merkmale der männlichen Vorfahren auf … ebenso wie jene der weiblichen … Indem er ihre Gestalt zusammensetzt, partizipiert er auf eine gleichgültige Art an jeder Gruppe und kann frei zwischen ihnen allen zirkulieren.“(42) Esus zwei Seiten ‚offenbaren eine verborgene Ganzheit‘, viel eher als dass sie die Einheit durch Gegensätzlichkeit aufheben würden, sie kennzeichnen den Übergang von einem zum anderen als Abschnitte eines zusammengefassten Ganzen.(43) Dies beschreibt sehr gut Jacksons leichtfüßiges Bewegen zwischen dem Soul-Man-Hengst und seinem sanft sprechenden Selbst außerhalb der Bühne; zwischen seiner Assoziation und vielleicht sogar Identifikation mit weiblichen Figuren wie etwa Diana Ross und Elizabeth Taylor und seinen Freundschaften mit coolen Typen wie Chris Tucker; seine video-spielenden Freundschaften mit Jungen und seine Sehnsucht, seine eigenen und andere Kinder zu bemuttern. Im Grunde schlagen wir wahrscheinlich den falschen Weg ein, wenn wir versuchen Jacksons Geschlechterzugehörigkeit und Sexualität durch die Linse der weißen, westlichen Urteilsbildung zu sehen: Vielleicht sollten wir nicht nur an Trickster wie Esu denken, sondern daran, wie Menschen mit einer doppelten Seele in indigenen Kulturen traditionell gesehen wurden, als „begnadet unter all den Wesen, weil sie zwei Seelen in sich trugen: die des Männlichen und die des Weiblichen.“(44) Jackson selbst empfand die Grenzen zwischen männlich und weiblich eindeutig als zu einengend. Nach seinem Tod bemerkte seine Visagistin Karen Faye, dass „er die Grenze nicht mochte, die zwischen dem, was Männern erlaubt war und dem was Frauen erlaubt war, gezogen wurde.“(45)

* * *

Es gibt auch eine Sichtweise, dass Jackson mit der langen Tradition des Dandytums in Verbindung gebracht werden kann; ich weiß, dies ist nicht die konventionelle Art die Darstellung seiner Geschlechterzugehörigkeit zu betrachten und ich würde ihn in keiner Weise in dieselbe Kategorie stecken wie den konventionellen Geck – im Gegenteil. Dandytum ist vor allen Dingen verbunden mit der Aneignung eines Klassenprivilegs und der Macht von Männern niedrigeren Standes und nicht unbedingt mit der sexuellen Orientierung. Stan Hawkins schreibt dazu „Es war ein Protest gegen die Herrschaft der Könige über die Mode“ (46) und im Fall der schwarzen Dandys außerdem ein Protest gegen rassenbezogene Unterjochung. „Beim sich Herausputzen geht es darum sich selbst als jemand anderer zu definieren“(47) und so wird also eine gewisse Übertreibung benutzt mit der Bedeutung, dass dadurch die Angemessenheit kommentiert werden soll. In diesem Zusammenhang könnte es auch die Anwendung weiblicher Merkmale als eine Form von Rebellion beinhalten. Dies ist zum Teil das, was Glam Rocker in den 1970ern taten; sowohl Kobena Mercer, als auch Michele Wallace stellten einen Vergleich auf zwischen ihrem Spiel der Geschlechterrollen und dem Jacksons und bemerkten, dass, während es für Leute wie Bowie in Ordnung schien, es offensichtlich für einen Schwarzen „nicht tolerierbar“ war, mit Geschlechterrolle und Sexualität auf diese Art zu experimentieren.(48)

In ihrem geschichtlichen Abriss von schwarzem Dandytum verfolgt Monica Miller den Kleiderkampf gegen rassische Unterjochung aufgrund der Black Atlantic (Anmerkung: die schwarze Diaspora infolge der Sklavenverschiffung). Miller schreibt, dass vom ersten Kontakt an zwischen Afrika und Europa – vor dem Beginn der Sklaverei – die afrikanische Elite europäische Stoffe in ihre Bekleidung integrierte und sie als ein Zeichen ihres Privilegs, aber auch ihrer Andersartigkeit, trug: Die Einbindung einzelner Stücke europäischer Kleidung wurde, eher als eine komplette Kombination, zu einem Merkmal von Einfluss, da die normale Bevölkerung keinen Zugang dazu hatte. Miller stellt fest, dass „dieser Hintergrund für Afroamerikaner eine wesentliche Rolle bei der Definition ihrer afroamerikanischen Identität spielte … Es liegt in der Mischung von europäischen und afrikanischen Arten der Selbstinszenierung, durch die schwarzes Dandytum und schwarze Dandies in Amerika (und England) ihre Ästhetik entwickelten.“(49) Miller liefert zahlreiche Beispiele, und eines ist das der Pinkster-Festivals, die in der Mitte des 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten entstanden. Die Festivals „waren gekennzeichnet durch Paraden und Tänze von Sklaven, herausgeputzt durch Kleidung, die normalerweise für ihre sozialen und ethnischen Respektspersonen reserviert waren.“(50) Die Teilnehmer trugen „Uniformen, alles andere als einheitlich und Outfits, in denen die Willkür dominierte, als wären sie mit einem afrikanischen Blick für Farbe kombiniert worden.“(51) Schwarze Gouverneure und Könige wurden an diesen Tagen „gewählt“; sie waren erfolgreiche Männer in der Gemeinschaft, respektiert als Ältere in einem System der Sklaverei, dazu bestimmt ihr Menschsein und ihre Selbständigkeit zu begrenzen. Old King Charley, ein Pinkster-König aus dem frühen 19. Jahrhundert, wird als ein Beispiel folgendermaßen beschrieben: „Sein Kostüm bei dieser denkwürdigen Gelegenheit war einprägsam und in höchstem Maß einzigartig, es war die Arbeit eines britischen Brigadiers aus alten Zeiten. Ein Mantel aus üppigem, feinen, scharlachroten Tuch mit breiten Patten, die fast bis zu seinen Absätzen reichten, dazu überall farbenfroh mit breiten Reihen heller, goldener Schnüre verziert.“(52) Zu diesem letzten Punkt merkt Miller an, dass Sklaven in den Vereinigten Staaten mit eher begrenztem Zugang zu feiner Kleidung, diese oft mit glänzenden Knöpfen, Teilen von Schnüren oder anderen Stückchen feiner Textilien verzierten, um sie raffinierter zu machen. Während natürlich beachtliche Zeit und Geschichte zwischen dieser Tradition und der Erscheinung Jacksons vergangen ist, setzt sich dieser Brauch der afroamerikanischen Männer, mit dem sie sich mithilfe prächtiger Kleidung „herausputzen“, in seiner Bedeutung die Unterschiede von Rasse und Klasse zu hinterfragen, fort. Aber das Beispiel von Pinkster hallt in Jacksons Stil auf besondere Art wider.

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Während die kultigen weißen Handschuhe und Socken mit Kristallsteinen, Hochwasserhosen und mit Steinen bestickten Jacken, natürlich, lange vor Dangerous auftauchten, so geschah es zu diesem Zeitpunkt, als Jackson in den späten 1980ern Michael Bush und Dennis Tompkins als für seine Kleidung Verantwortliche anstellte, dass die Kennzeichen von Jacksons Stil wirklich zusammenwuchsen. Tatsächlich war es so, dass Bush in seinem Buch Dressing Michael Jackson einen genauen Überblick darüber gibt, wie er und Tompkins – mit erheblicher Beteiligung von Jackson – die Looks entwarfen, die dann so ganz und gar mit Jacksons Person verbunden wurden. Ein wesentlicher Teil dieses Looks war der Entwurf einer Silhouette, die Jacksons relativ schmale Gestalt verstärkte, um ihn „größer und breiter“ wirken zu lassen und so „die Illusion hervorzurufen, dass seine physische Präsenz majestätisch und prachtvoll“ war.(53) Dies beinhaltete den Einsatz der kurzen Jacke, um „harte Linien“ zu erzeugen, die sich horizontal über seine Brust zogen und endete mit verstärkten Schultern, was ihn jeweils breiter aussehen ließ. Schwere Stoffe wurden benutzt. Die Jacken waren immer hüftkurz, wo sie dann auf seine körperbetonten Hosen trafen. Während Bush nicht die Wirkung dessen kommentiert, ist die breite, sich zur Hüfte hin verjüngende Brust in der klassischen V-Form charakteristisch für die klassische Norm der männlichen Form und signalisiert Stärke; seine „Feminisierung“ weitet sich, bis auf wenige Ausnahmen, nicht auf seine Kleidung aus. Die kurze Jacke wurde aus der britischen Militärgeschichte und der Historie der britischen Thronerbfolge übernommen. Dieses Stückchen Information ist bedeutend (und ich glaube nicht, dass es bis zu Bushs Buch weithin bekannt war): Wenn man es (nämlich) in Zusammenhang mit England bringt, dann ist Jacksons Dandytum nicht nur mit der amerikanischen Tradition des Herausputzens der Schwarzen verbunden, sondern gleichermaßen mit der Anerkennung britischer Monarchie und Privilegien. Gemäß Bush war Jackson fasziniert von der Geschichte der britischen Monarchie und ihrer militärischen Stärke. „Wenn wir in Europa getourt sind machte Michael es sich zur Aufgabe, Schlösser und alte Städte zu besuchen, wo er wie gebannt war von den Portraits der Könige und Königinnen in den Museen. Er schaute sie sich an den Wänden im Buckingham Palast, dem Tower in London oder im Parlamentsgebäude genau an und sog alles in sich auf – den Glanz, den Glamour, die Medaillen und Auszeichnungen, die überlebensgroße Art und Weise, in der diese Angehörigen der königlichen Familie und Befehlshaber dargestellt wurden.(54)

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Bush stellt zwei weitere wichtige Dinge in Bezug auf Jacksons Stil fest: Das erste ist, dass er immer versucht hat, seinen Stil aus ganz verschiedenen Bereichen zusammenzusetzen. Eine Sache, die er zu tun versuchte, war Förmlichkeit und Autorität mit Attributen „von der Straße“ zu kombinieren. Das weiße T-Shirt wurde auf diese Art eingesetzt, genauso wie die schwarzen Levi‘s Jeans. Jackson wollte, dass der Effekt auf diejenigen, die ihn so sahen, in etwa so war wie: Wir sind nicht wie ihr, aber auf gewisse Art sind wir es doch; du bist unerreichbar, aber doch zugänglich: ein Bürgerlicher, der dem Gewöhnlichen irgendwie entkommen ist (und trifft das nicht genau zu auf Jackson?).(55) Der andere wichtige Punkt – und das ist die verrückte Sache, die wir wissen und über die wir vielleicht den Kopf schütteln – ist Jacksons Schwäche dafür, diese Jacken im Militärstil exzessiv zu verzieren. Michael Bush schreibt, dass Jackson dies „die Oberfläche mit Zuckerguss versehen“ oder „Feenstaub streuen“ nannte.(56)

Bringt man Bushs Erzählungen mit denen Millers zusammen, dann verbindet dies Jackson mit einer langen Tradition schwarzen Dandytums: Die Aneignung von britischer Militärtracht, der Bekleidung von weißen, kolonialen Autoritäten; der hybride, zusammengesetzte Stil; die Verzierung der Kleidung als eine Hauptzutat für relativ schlichte Kleidung, um sie raffinierter zu machen, dem Träger Status zu verleihen, das Spektakel hochzuspielen – dies alles sind uralte Techniken der Selbststilisierung aus Afrika und der afrikanischen Diaspora. In gewissem Sinne war Jackson wie die Pinkster-Könige und vielleicht ähnlich bedrohlich. Miller schreibt: „… für Weiße und Schwarze waren Bekleidung und Mode ein Mittel, durch das der Status von Sklave und Herrn, Weiß-Sein und Schwarz-Sein, Maskulinität und Femininität, Afrikanisch-Sein und Amerikanisch-Sein bestimmt wurde.“(57) Jacksons Militärstil eignete sich das Vorrecht auf Hyper-Maskulinität an und vereitelte es. Seine gesamte übertriebene, theatralische „King of Pop“-Rolle war dazu bestimmt, in der Tradition des Dandytums, nicht nur auf eine sich immer wiederholende Aneignung von weißen, männlichen Klassenprivilegien hinzuweisen, sondern auch auf seine reale Aneignung dieses Einflusses durch seinen enormen kommerziellen und künstlerischen Erfolg. Die Tatsache, dass er niemals von seinem Image zurücktrat – niemals der Öffentlichkeit erlaubte ihn auf eine andere Art zu sehen – dass er eigentlich fortfuhr und es eher noch steigerte, als er älter wurde, ist das, was so ungewöhnlich und faszinierend an ihm ist. Wie bei einem guten Trickster wussten wir einfach nie, ob er selbst sich in der Rolle des Königs glaubte oder ob er uns etwas vorspielte, aber in der Durchführung forderte er uns auf, über das Schauspiel weißer, männlicher Privilegien nachzudenken.

* * *

Und dann drehte Jackson den Kurzfilm für „In the Closet“, in dem er seine gesamte gewöhnliche, dandyartige Aufmachung über Bord wirft. Herb Ritts, bekannt für seinen schwarz-weißen, auf das Wesentliche reduzierten Stil in der Fotografie, wollte mit dem visuellen Image, das Jackson so lange definiert hatte, aufräumen: „Es geht diesmal nicht um ausgefallene Kostüme und 50 Tänzer. Es geht wirklich darum, Michaels Energie auf eine neue Art deutlich zu machen.“(58) Jacksons sonst immer bedeckter Körper wird vor der Kamera offengelegt, wie es noch nie zuvor gemacht wurde, besonders riskant für ihn, wenn man an sein Vitiligo denkt. Er trägt ein weißes Unterhemd – nicht sein gewohntes weißes T-Shirt, sondern ein ärmelloses Tank Top. Diese Art T-Shirt ist kennzeichnend für die verschiedenartige Maskulinität derer, die es ebenfalls getragen haben, wie etwa Freddie Mercury (ein Look, den man mit homosexuellen Männern in Verbindung bringen könnte), Bruce Springsteen (coole Arbeiterklasse), Brando in Streetcar (A Streetcar named Desire / Endstation Sehnsucht), das „Muskel“-Shirt oder den „Wife-Beater“ (übers. „Schlagender Ehemann“ als Synonym für das ärmellose Unterhemd im Slang unterer gesellschaftlicher Klassen). Jackson nimmt hier ein neues Geschlechterterritorium ein, aber es ist nicht ganz klar, welcher Art dieses ist. Er trägt schwarze Jeans, die nicht zu kurz sind, die nicht mit Kristallsteinen bestickte Socken enthüllen und schwarze Boots, keine Loafers, sein Haar zurück gegelt zu einem Pferdeschwanz, keine losen Strähnen, keine Locken, um von seinem Gesicht abzulenken, das komplett exponiert ist, vollkommen enthüllt, leicht geschminkt und oft lächelnd. Könnte dies der „wirkliche“ Michael Jackson sein? Zu dem hier herangewachsen?

In The Closet MJ

Kritiker des Films tendieren dazu, sich darauf zu konzentrieren, wie oft Jackson und Naomi Campbell voneinander getrennt tanzen und wie oft er sie ansieht, aber das ist irreführend. Man betrachte die Details. Sie tanzen genauso viel zusammen, wie sie getrennt tanzen, und er steht viele Male mit ihr in Augenkontakt. Vielmehr stehen Jackson und Campbell, während das Mystery Girl zum dritten Mal spricht, zusammen und halten sich, sehen sich gegenseitig für längere Zeit in die Augen. In anderen Momenten singt er einen Teil des Refrains, während er sie direkt ansieht. Es gibt eine Menge „heißer“ Augenblicke in diesem Stück: Jacksons Körperwelle, als Silhouette dargestellt, die gerade so eine Berührung Campbells verfehlt (ich denke, das letzte Mal, das wir ihn bei dieser Bewegung gesehen haben, war in „Beat It“), ihr zartes Streicheln seines Körpers und die Art, wie sie sich an ihm herunterschlängelt und der Länge nach wieder nach oben, ihre Hände, wie sie auf seinen Hüften ruhen, seine zärtliche Liebkosung ihres Gesichts; und natürlich der Moment der metaphorischen Penetration, als Jackson zwischen Campbells Beinen hindurchtaucht, genau, bevor die längste, ausgeprägteste Wiederholung des Refrains beginnt. Es stimmt, dass Jackson am Ende allein ist und uns ein unglaublich virtuoses Solotanz-Segment am Schluss des Films schenkt, aber es ist nicht so, dass es während des Films nicht ein sinnliches und sexuelles Zusammenspiel mit Campbell gegeben hätte. Und für manche scheint die Vorstellung zu merkwürdig zu sein, dass er sich mit Frauen auskannte. Gescheitert? Ich denke nicht. Bedrohlich? Wahrscheinlich.

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Übersetzung: Ilke & M.v.d.Linden

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Kopieren des Texts nur mit Genehmigung des Bloomsbury Verlags

© Dr. Susan Fast, 2014, Michael Jackson’s Dangerous, Bloomsbury Academic, an imprint of Bloomsbury Publishing Plc.

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Fussnoten und Quellenverzeichnis:

http://all4michael.com/2014/12/18/fussnoten-und-quellverzeichnis-dangerous-von-susan-fast/

Fussnoten und Quellenverzeichnis – Dangerous von Susan Fast

Fussnoten/Quellenverszeichnis

Kapitel ‘DESIRE’ – Sehnsucht 

1 http://www.youtube.com/watch?v=hiKbz6RCPfw

2 For a montage, go here: http://www.youtube.com/watch?v=Th1hBKI5DDQ

3 Reported in Examiner.com http://www.examiner.com/article/madonna-talks-michael jacksonrolling-stone-i-was-madly-love-with-him-totallysmitten

4 Julie-Ann Scott, “Cultural Anxiety Surrounding a Plastic Prodigy: A Performance Analysis of Michael Jackson as an Embodiment of Post-Identity Politics,” Michael Jackson: Grasping the Spectacle , Christopher R. Smit (ed.) (London: Ashgate, 2012), 173.

5 Jay Cocks, quoted in Dave Marsh, Trapped: Michael Jackson and The Crossover Dream (New York: Bantam,1985), 110.

6 Ibid.

7 Mark Fisher (ed.), The Resistible Demise of Michael Jackson (Winchester: O Books, 2009), 14.

8 Margo Jefferson, On Michael Jackson (New York: Vintage, 2006), 97.

9 Reid Kane, “The King of Pop’s Two Bodies,” in Mark Fisher (ed.), The Resistible Demise of Michael Jackson , 234.

10 Randall Sullivan, Untouchable: The Strange Life and Tragic Death of Michael Jackson (New York: Grove Press, 2012).

11 As Willa Stillwater noted to me in a conversation, terms like “man-child” and “man boy” also have racial overtones, much like calling a black man “boy” in order to demean and render him

powerless.

12 http://www.robertchristgau.com/get_album.php?id=2375

13 Jon Pareles, “Michael Jackson in the Electronic Wilderness,” The New York Times , November 24, 1991. http://www.nytimes.com/1991/11/24/arts/recordingsview- michael-jackson-in-the-electronic-wilderness.html

14 Joseph Vogel, “I Ain’t Scared of No Sheets,” A History That Doesn’t Go Away: Race, Masculinity and Representation in the American Imaginary (Doctoral Dissertation, University of Rochester, 2014).

15 Mark Anthony Neal, Looking for Leroy: Illegible Black Masculinities (New York: New York University Press, 2013), 143.

16 See Neal’s comments here: http://www.youtube. com/watch?v=WLGnyva6_4s

17 http://www.youtube.com/watch?v=gVps8jOl91Q

18 Thanks to Amy Verhaeghe for her comments on Campbell and race in the short film. The idea of Jackson as racially other to Campbell in this film is Willa Stillwater’s http://dancingwiththeelephant. Seriesweek-7-in-the-closet/

19 Herb Ritts interview on Entertainment Tonight, 1992: http://michaelerz.tumblr.com/post/25782064765/ in-the-closet-some-insights-from-co-star-naomi

20 Stacey Appel, Michael Jackson Style (London: Omnibus, 2012), 130.

21 Mark Anthony Neal, Songs in the Keys of Black Life: A Rhythm and Blues Nation (New York: Routledge, 2003), 44.

22 Harriet Manning also makes this argument, through an analysis of “Scream” in which Jackson’s voice is compared to his sister’s. Harriet Manning, Michael Jackson and the Blackface Mask (London: Ashgate, 2013), 157.

23 Jacqueline Warwick, “You Can’t Win, Child, but You Can’t Get Out of the Game: Michael Jackson’s Transition from Child Star to Superstar,” Popular Music and Society 35/2 (May 2012): 255.

24 Willa Stillwater, M Poetica: Michael Jackson’s Art of Connection and Defiance (Kindle Edition, 2011), and “Monsters, Witches and Michael Jackson’s Ghosts”

(unpublished article).

25 Meredith Jones, “Makeover Artists: Orlan and Michael Jackson,” Skintight: An Anatomy of Cosmetic Surgery (New York: Bloomsbury Academic, 2008), 164.

26 Michael Bush, The King of Style: Dressing Michael Jackson (New York: Insight Editions, 2012), 136.

27 Jefferson, On Michael, 102.

28 Vogel, “Sheets.”

29 Thanks to Justin Raymond for these thoughts.

30 David Brown, “Michael Jackson’s Black or White Blues,” Entertainment Weekly , November

29, 1991. http://www.ew.com/ew/article/0,,20396305_ 316363,00.html

31 Thanks to the students in my MJ seminar for helping me work through these ideas. Manning makes a case for thinking about Jackson through the lens of transvestism, not in terms of cross-dressing, but more subtly, through behavior, facial appearance, etc. See Manning, Chapter 7.

32 Judith Peraino, Listening to the Sirens: Musical Technologies of Queer Identity from Homer to Hedwig (Berkeley: University of California Press, 2005), 227–8.

33 George makes this point in Spike Lee’s film Bad 25 .

34 John Singleton, “Like My Big Brother,” Michael Jackson Opus (Guernsey: Kraken Sports and Media, 2009), 200.

35 Michael Bush, The King of Style : Dressing Michael Jackson (San Raphael, CA: Insight Editions, 2012), 146.

36 An Introduction to the History and Culture of Pharaonic Egypt . http://www.reshafim.org.il/ad/egypt/index.html

37 Thanks to Stan Hawkins for his helpful suggestions in this analysis.

38 Henry Louis Gates, The Signifying Monkey: A Theory of African-American Literary Criticism (New York: Oxford University Press, 1989), 6.

39 Gates, Signifying Monkey, 29.

40 Gates, Signifying Monkey, 6.

41 Gates, Signifying Monkey, 29.

42 Quoted in Gates, Signifying Monkey, 29.

43 Gates, Signifying Monkey, 29.

44 “Two Spirited People of the First Nations.” Rainbow Resource Centre, Manitoba. http://www.rainbowresource centre.org

45 “Karen Faye, Dennis Thompkins, Michael Bush on ABC 20/20,” June 25, 2010 http://www.youtube. com/watch?v=-OfT8uNHmuI

46 Stan Hawkins, The British Pop Music Dandy (London: Ashgate, 2009), 21.

47 Stan Hawkins and Sarah Niblock, Prince: The Making of a Pop Music Phenomenon (London: Ashgate, 2011), 47.

48 Wallace, quoted in Vogel, “Sheets.”

49 Monica L. Miller, Slaves to Fashion: Black Dandyism and the Styling of Black Diasporic Identity (Durham, NC: Duke University Press, 2009), 87.

50 Miller, Slaves to Fashion, 82.

51 Miller, Slaves to Fashion, 84.

52 Miller, Slaves to Fashion, 85.

53 Bush, The King of Style, 63.

54 Bush, The King of Style, 8.

55 Bush, The King of Style , 63.

56 Bush, The King of Style , 40.

57 Miller, Slaves to Fashion, 93.

58 Quoted in Appel, Style, 130.

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Kapitel ‘SOUL’ – Seele 

1 Joseph Vogel, Man in the Music: The Creative Life and Work of Michael Jackson (New York: Sterling, 2011), 145.

2 Vogel, Man in the Music, 146.

3 Louise Tyathcott, Surrealism and the Exotic (New York: Routledge, 2003), 1.

4 Quoted in Tyathcott, 2.

5 Many thanks to Lisha McDuff for suggesting this reading.

6 Donna Haraway, “A Manifesto for Cyborgs: Science, Technology and Socialist Feminism in the 1980s,” Feminism/Postmodernism , Linda J. Nicholson (ed.) (London: Routledge, 1990), 193–4.

7 Cary Wolfe, What is Posthumanism? (Minneapolis: University of Minnesota Press, 2009), xxv.

8 http://stelarc.org/?catID=20229

9 Stuart Jefferies, “Orlan’s Art of Sex and Surgery,” The Guardian , July 1, 2009. http://www.theguardian.com/artanddesign/2009/jul/01/orlan-performance-artist-carnal-art

10 http://orlan.eu/adriensina/manifeste/carnal.html

11 Frank Cascio, My Friend Michael (New York: William Morrow, 2011).

12 Judith Butler, “Is Kinship Already Always Heterosexual,” Differences: A Journal of Feminist Cultural Studies 13/1 (2002): 18. Butler is talking here about debates on gay marriage, but her comments about who is or is not considered “thinkable” and “legible” extend to all kinds of non-normative lives.

13 Deepak Chopra, The Book of Secrets (New York: Harmony Books, 2004), 22, 103.

14 Deepak Chopra, Ageless Body, Timeless Mind (New York: Harmony Books, 1993), 8.

15 “Michael Jackson Was Like Krishna excerpts from an interview on CNN Asia, transcribed in The Times of India, February 25, 2012. http://timesofindia.indiatimes.com/life-style/Michael-Jackson-waslike- Krishna/articleshow/12018560.cms. Thanks to Lisha McDuff for pointing me to this article and also to “Can You Feel It.”

16 Michael Jackson, Dancing the Dream (New York: Doubleday, 1992), 136.

17 “Plainsong Soars Up the Charts,” The Independent, Tuesday, March 29, 1994. http://www.independent.co.uk/news/plainsong-soars-up-thecharts-1432273.html

18 David Metzer, “The Power Ballad,” Popular Music 31/3 (2012): 448. The housewives quote is from David Fricke, “Heavy Metal Justice,” Rolling Stone, January 12, 1989.

19 Metzer, “Power Ballad,” 438.

20 Metzer, “Power Ballad,” 446.

21 Vogel, Man in the Music, 163.

22 A point also made by Vogel, Man in the Music, 164–5.

23 Harvey Sachs, The Ninth: Beethoven and the World in 1824 (New York: Random House, 2011), 1.

24 Sachs, The Ninth, 2.

25 Michael Dyson, “Michael Jackson’s Postmodern Spirituality,” Reflecting Black: African-American Cultural Criticism (Minneapolis: University of Minnesota Press, 1993), 38.

26 Dyson, 41.

27 Mikal Gilmore, “Triumph and Tragedy,” Michael by the Editors of Rolling Stone (New York: Harper, 2009), 14.

Interview mit Nick Brandt – Regisseur von Childhood, Earth Song, Stranger in Moscow, Cry, One More Chance

Obwohl er beim großen Publikum unbekannt ist, ist Nick Brandt der Regisseur, der die meisten Clips von Michael Jackson realisiert hat. Insgesamt fünf, davon ein unvollendeter. Nach einer kurzen Karriere in Hollywood, wo er hauptsächlich für den King of Pop arbeitete, legte der englische Regisseur seine Kamera weg, um sich seiner wirklichen Leidenschaft zu widmen, der Photographie. Heute ist er ein weltbekannter Künstler, besonders für die überwältigenden Portraits von Tieren, die er in Afrika gemacht hat.

Das erste Video, das Sie für Michael Jackson gedreht haben, war Childhood. Wie verlief die erste Zusammenarbeit?
Sehr gut. Ich hatte sehr viel Glück, Michael liebte das Endergebnis. Wir drehten das Video in einem Wald, im Herzen eines Naturparks, eine Autostunde nördlich von Los Angeles entfernt. Der gesamte Clip war in einer Woche zu Ende gedreht. Wir verbrachten vier Nächte draußen im Wald, dann zwei Tage im Studio, um die fliegenden Boote an der Bluescreen zu filmen. Aber Michael war dabei nicht anwesend.

childhood childhood bhts

Hat Michael bei der Inszenierung dieses Clips teilgenommen?
Nein. Ich schlug ihm das Konzept vor und es gefiel ihm. Ihm gefiel die Idee vom Wald bei Nacht, und den Kindern, die davonfliegen wollten. Das ist eine Metapher für Kindheitsträume. Die Vorstellung, stets seine Träume zu verfolgen, berührte Michael sehr. Er überließ mir die Inszenierung und den Schnitt. Ich zeigte ihm das Endresultat und es sagte ihm zu.

Ihre nächste Zusammenarbeit war beim Earth Song. Wie kam das Projekt zustande?
Die Botschaft des Liedes hat mich tief berührt, weil ich mich sehr für die Umwelt einsetze. Da ich das Stück wirklich außergewöhnlich fand, setzte ich mich mit Michael in Verbindung, und schlug ihm eine Umsetzungsidee für den Clip vor. Ich hatte immer noch Glück, meine Idee gefiel ihm sehr…

Wie verlief der Dreh?
Ungefähr sechs Wochen lang durchstreiften mein Team und ich die Welt auf der Suche nach Umgebungen, wo wir drehen konnten. Nachdem wir auf Drehortsuche waren, drehten wir 2 Tage lang in jedem Land. Wir gingen nach Amazonien, Tansania, Kroatien und wir drehten die Sequenzen mit Michael am Schluss in New Jersey.

earth song shoot 2

Was denken Sie über das Endresultat?
Sobald man ein zauberhaftes Lied hat, hat man schon ein exzellentes Szenario: Die Hälfte der Arbeit ist schon getan. Im Falle vom Earth Song entschied ich, mich von der erzählerischen Struktur des Liedes führen zu lassen. Es dauert 6:40 und es enthält einen linear dramatischen Verlauf. Es hat einen gut definierten Anfang, eine Mitte und ein Ende. Das ist es, was mir an dem Video so gefällt, nämlich dass wir diese Struktur beibehalten haben, und die emotionale Wirkung der Musik mit starken Bildern betont haben. Wiederum gibt es kleine Sachen, mit denen ich nicht zufrieden bin, wie einige Spezialeffekte, die veraltet sind. Ebenso mag ich die Beleuchtung des verbrannten Feldes, in dem Michael seine Sequenz gedreht hat, überhaupt nicht…

Earth Song MJ

Das heißt?
Die Kulisse ist zu stark beleuchtet. Das ist ein Problem, das ich immer mit Michael hatte. Er verlangte, immer überbelichtet zu sein. Er wollte stark beleuchtet werden, um einige Details seines Gesichtes zu beseitigen. Das gehörte zu den seltenen, frustrierenden Dingen, die er mir aufzwang. Er bestand darauf, dass diese starken Scheinwerfer auf ihn gerichtet waren. Das passte überhaupt nicht zu dem Licht der Kulisse, dem Konzept des Videos oder der Stimmung des Songs. Aber er hielt daran fest!

Schätzte Michael das Endresultat?
Er war sehr glücklich als er das fertige Video sah. Wirklich sehr glücklich.

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1996 waren wir beim Dreh des Clips Stranger in Moscow dabei, wo wir uns kennengelernt haben. Welche Erinnerung haben Sie an den Dreh?
Da gibt es viele. Aber diejenige, die mir jetzt einfällt, ist, als Michael unter dem künstlichen Regen vor der Bluescreen singt. Während er sang, stampfte er mit dem Fuß auf dem Boden. Aber so stark, dass der künstliche Asphalt unter seinen Füßen kaputt ging! Er zerstörte die Kulisse.

Wie kam der Clip zustande?
Ich schlug Michael eine Idee vor und er nahm sie an. Das lief immer so. Ich schlug ihm nur eine einzige Idee vor, und falls sie ihm nicht gefallen hätte, hätte ich keine andere gehabt. Ich hatte also sehr viel Glück, so oft mit ihm zusammengearbeitet zu haben.

Stranger in Moscow BTS

2001 arbeiteten Sie erneut mit Michael, um den Clip zu Cry zu drehen. Das ist einer seiner unbekanntesten Clips. Wie kam er zustande?
Wir drehten ihn kurz nach dem 11. September 2001. Ich schlug Michael dieses Konzept einer menschlichen Kette vor, die sich durch alle Länder zieht. Die Idee war die Menschen vereint zu zeigen. Das Thema passte zu den damaligen Umständen.

Michael erscheint in der Endversion des Clips nicht. Es wird erzählt, dass er sich geweigert habe, zu erscheinen wegen des Konflikts, den er zu dieser Zeit mit Sony hatte.
Nein, das hatte nichts mit Sony zu tun. Michael sollte eigentlich in dem Video erscheinen. Man sollte ihn in der Menschenkette sehen, auf den Felsen, in der Mitte des Clips. Wir drehten diese Sequenz im Norden von Kalifornien und er sollte uns dort treffen. Das Problem war, dass Michael verängstigt war durch die Attentatsrisiken nach dem 11. September. Er wollte sich nicht viel fortbewegen. Der Gedanke, einen Teil von Kalifornien zu durchqueren, um am Dreh teilzunehmen, machte ihm Angst.

Wie sind Sie mit seiner Abwesenheit umgegangen?
Um ehrlich zu sein, war ich unglaublich erleichtert, als ich erfuhr, dass er nicht kommen würde! Ich dachte immer, dass das Video ohne ihn besser laufen würde. Ich fand, dass seine Anwesenheit in der Menschenkette nicht notwendig war. Erstens, wenn er da gewesen wäre, hätte es den Verlauf des Drehs kaputt gemacht. Das Video ist eine Art fortlaufende Bewegung, die der menschlichen Kette durch verschiedene Orte folgt. Wenn Michael da gewesen wäre, hätte man einen Augenblick lang bei ihm stehen bleiben müssen. Außerdem wäre der Clip überbelichtet gewesen und die ganze Beleuchtung des Clips wäre wackelig gewesen.

Störte sich Michael Jackson nicht daran, nicht im Clip zu erscheinen, obwohl es vorgesehen war?
Um ehrlich zu sein, wollte ich von Anfang an eine Version des Clips ohne Michael inszenieren. Selbst wenn er beim Dreh dabei gewesen wäre, hätte ich ihm eine Version ohne ihn gezeigt, damit er sieht, dass das so besser funktioniert. Und so kam es letztlich auch. Am Ende des Drehs sahen wir uns und ich zeigte ihm den Clip, so wie ich ihn geschnitten und ihn mir vorgestellt hatte. Nachdem er ihn aufmerksam angeguckt hatte, fragte er mich, wann wir seine Sequenzen drehen würden, um sie dem Clip hinzuzufügen. Genau da erklärte ich ihm meinen Standpunkt. Ich sagte ihm, dass ich denke, dass es besser wäre, wenn er nicht im Clip wäre. Wegen der gegebenen Botschaft des Liedes und des internationalen Kontextes – es war kurz nach dem 11. September, erschien es mir bescheidener und folglich auch treffender, wenn er nicht im Clip erscheinen würde. Michael blieb einen Moment lang still, dachte darüber nach, was ich ihm gerade gesagt hatte. Und dann sagte er mit viel Bescheidenheit „Okay“. Und die Sache war geklärt.

Was kosteten diese Videos?
Das teuerste war Earth Song mit einem Budget von 2,6 Mio $. Stranger in Moscow kostete 1,8 Mio. Cry, ich erinnere mich nicht mehr genau, aber ich glaube, es belief sich auf ungefähr 1 Mio. Genauso bei Childhood.

Sie arbeiteten danach ein weiteres Mal mit Michael, am Clip zu One More Chance, der Ende 2003 in Las Vegas gedreht wurde, aber nie erschienen ist. Was war das Konzept des Clips?
Das Video spielte sich in einem Aufführungssaal ab, aber die Rollen wurden getauscht: Das Publikum war auf der Bühne unter den Scheinwerfern und Michael war im Saal, da wo sich normalerweise die Zuschauer befinden. Also sollte er singen, um das Publikum zu überzeugen, damit sie ihm „eine letzte Chance“ („one more chance“) geben. Er musste sein ganzes Herz einsetzen, sie anflehen, während er von einem Tisch auf den anderen hüpft und tanzt.

ONEmoreCHANCE

Wie weit waren Sie, als die Arvizo – Affäre losbrach, und der Dreh abgebrochen wurde?
Die Dreharbeiten dauerten tatsächlich nur einen Tag. Am Abend des ersten Drehtages wurde Michael von der Polizei festgenommen. Ich habe nie wieder mit ihm gesprochen…

Was hatten Sie schon alles abgedreht?
Wir hatten alle Bilder von Michael von hinten gedreht wie er zum Publikum singt, das sich auf der Bühne befindet. Am nächsten Tag wollten wir ihn von vorne filmen.

Haben Sie an anderen Projekten mit Michael gearbeitet, die nicht verwirklicht wurden?
Ich glaube, ich habe Konzepte für zwei oder drei weitere Clips (vor 2003, Anmerkung der Redaktion) vorgeschlagen, aber sie wurden nicht angenommen. Ich erinnere mich nicht mehr für welche Songs, aber meine Ideen waren nicht so gut, deswegen bedauere ich auch nichts. Das was für mich zählt ist, dass ich das Glück hatte, die Songs zu inszenieren, die ich wirklich sehr liebe: Earth Song, Stranger In Moscow und Cry.

Wenige Regisseure hatten die Gelegenheit, so oft mit Michael Jackson zusammenzuarbeiten. Welche Erinnerung haben Sie an Ihre Zusammenarbeit?
Mit Michael zusammenzuarbeiten war zunächst eine riesengroße Freude, weil er mir viele Freiheiten ließ. Er schenkte mir auch sein ganzes Vertrauen. Mit ihm zu arbeiten, konnte aber auch aus zwei Gründen sehr schwierig sein. Einmal wegen dieser Beleuchtungsgeschichte. Es machte mich verrückt, dass er darauf bestand, immer überbelichtet zu sein. Und zweitens, er kam immer zu spät zum Dreh, sodass ich nicht mehr genügend Zeit hatte, das zu drehen, was geplant war und es immer so endete, dass ich meine Unterlagen zerriss und improvisierte.

nick brandt earth song

Wenn Sie an Michael zurückdenken, was fällt Ihnen ein?
Ich werde niemals einen besonderen Moment vergessen. Das war beim Dreh zu Earth Song. Wir drehten nachts in New Jersey, mitten auf einem zerstörten Feld, wo alles abgebrannt war. Das war die letzte Sequenz des Liedes. Ich erinnere mich an die Stimmung beim Drehort. Überall waren all diese Techniker, sehr angewiderte und zynische Leute aus New York, die Michael gegenüber voreingenommen waren. Man konnte sogar eine gewisse Feindseligkeit ihm gegenüber spüren. Aber sobald die Musik lief und Michael anfing zu tanzen, drehten sich alle Köpfte zu ihm, alle erstarrten und ich sah, wie ihre Kinnladen herunterklappten. All diese Leute waren gefesselt von dem Spektakel dieses außergewöhnlichen Künstlers. Sie waren voller Bewunderung. Der ganze Rest war verschwunden. Das ist die Erinnerung an Michael, die ich behalten habe.

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“The most interesting time for me was on “Earth Song” when, I had a bunch of very cynical, jaded New Yorkers for crew, the part of the shoot that he was there, and they were just auh, Michael Jackson, dadadadada. But then, when he started singing, at the end of that song, and he’s just, screaming out the vocals, you could, you could just see, you just look around and everybody had stopped in their tracks and was watching him, riveted. And he’d only give you like one take from each angle because he was being blasted by, you know, these wind machines and, stuff was flying in his eyes and, just, I mean it was really hard. I mean it was just firing dust and leaves and, all matter of stuff, into his face, and everybody was just electrified. And he completely turned everybody around.”

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Black & White Ultimo 2009

Übersetzung: BritBrit u. Laurent, mjackson.net

Quelle: franz. Sonderausgabe Black And White, 2009 (Le Numero Ultime)

Nick Brandt hat mittlerweile einige fantastische Fotobücher herausgegeben – hier sein portfolio:

http://www.nickbrandt.com/Category.cfm

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