Skip to content

Monster, Hexen und Michael Jackson’s Ghosts

by

Vorbemerkung

„Monsters, Witches, and Michael Jackson’s Ghosts“ ist ein Artikel von Willa Stillwater, der am 8. Januar 2015 in Popular Musicology Online veröffentlicht wurde.

Link zum Original-Artikel: Monsters, Witches, and Michael Jackson’s Ghosts

Der Artikel besteht aus drei Abschnitten:

„Monster“ spricht die Anschuldigungen des sexuellen Kindesmissbrauchs gegen Michael Jackson wie auch das Klima der Hysterie, welches das Urteilsvermögen nach Bekanntwerden dieser Anschuldigungen verdrehte, an. Es berücksichtigt außerdem kulturelle und historische Faktoren, aufgrund derer die Polizei, die Presse und die Öffentlichkeit möglicherweise empfänglich dafür waren, Michael Jackson als schuldig zu sehen, und warum sie auf die Art reagierten, wie sie es taten.

„Hexen“ betrachtet den Fall von Tituba, einer Sklavin aus Salem, Massachusetts, und einer der ersten Frauen, die während der Hexenprozesse von Salem der Hexerei angeklagt wurde. Es werden speziell die Aspekte ihrer Situation im Jahr 1692 beleuchtet, die Michael Jacksons Situation 1993 entsprechen. Hier wird außerdem Titubas kreative Antwort auf die Anschuldigungen und auf die darauf folgende Hysterie betrachtet.

„Ghosts“ wirft einen Blick auf den Kurzfilm Michael Jackson’s Ghosts als kreative Reaktion auf die Anschuldigungen gegen ihn. Es wird außerdem untersucht, was dieser Film über seine Reaktion fern der Leinwand aussagt, und es kann geschlussfolgert werden, dass er dabei war, ein vollkommen neues Kunstgenre, das sich in Form und Ausmaß von allem bisher Gekannten abhob, zu erschaffen.

Anmerkung: Michael Jackson’s Ghosts wurde niemals außerhalb Asiens offiziell veröffentlicht, also ist es nicht überregional erhältlich. … hier ist ein Link zu einer High-Definition Version auf YouTube.

Während viele der Informationen des Abschnittes „Monsters“ in diesem Artikel den Fans bereits sehr bekannt sind, obwohl in den Mainstream-Medien kaum darüber berichtet wurde, ist dies das erste Mal, dass eine ausgewogene Besprechung des Beweismaterials in einem akademischen Journal erschien. Wir sind der Meinung, dass es äußerst wichtig ist, diese Information der allgemeinen Öffentlichkeit ebenso wie den Unterstützern Michael Jacksons zugänglich zu machen. Wenn jemand also Ideen dazu hat, auf welchen Wegen man diesen Artikel weiteren Lesern, ob sie nun Fans sind oder nicht, weitergeben kann, darf er dies gern tun.

Monster, Hexen und Michael Jackson‘s Ghosts

Willa Stillwater


„Man sollte über mich nachdenken


Nachdem man mich angestarrt hat“


Einführung

Wade Robson, ein Zeuge der Verteidigung 2005 in der Gerichtsverhandlung von Michael Jackson, widerrief vor kurzem seine unter Eid vorgenommene Aussage, dass Jackson ihn niemals belästigt habe – eine Aussage, die er während des eindringlichen Kreuzverhörs wieder und wieder unter Eid standhaft bekräftigt hatte. Dagegen sagt er nun, er sei belästigt worden, und er und sein Anwalt, Henry Gradstein, haben eine Forderungsklage auf finanziellen Schadenersatz gegen den Jackson Estate eingereicht. In einem vorbereiteten Statement, von der New York Daily News und anderen zitiert am 9. Mai 2013, sagte Gradstein der Presse: „Michael Jackson war ein Monster und jeder normale Mensch weiß das in seinem Herzen.“ Mit anderen Worten deutet Gradstein an, dass „normale“ Menschen ihrem Instinkt folgen und annehmen sollen, dass Jackson schuldig war, bevor irgendein Beweis präsentiert oder in Betracht gezogen wurde, weil Jackson eindeutig keiner von uns war. Er war nicht „normal“. Er war, in Gradsteins Worten, „ein Monster“.

In den 1990er Jahren befand sich Jackson in einer ähnlichen Situation: Der Vater eines 13-jährigen Jungen behauptete, Jackson habe seinen Sohn belästigt. Jackson antwortete mit einem musikalischen Film, Michael Jackson’s Ghosts, in dem ein Maestro angeklagt wird, die Gedanken der Dorfkinder zu verderben. Allerdings wird bald klar, dass das wirkliche Verbrechen des Maestros darin besteht, dass er so verstörend anders als die anderen Einwohner von Normal Valley – einem Ort, der gemäß einem Schild am Ortseingang von „netten normalen Leuten“ bewohnt wird – ist. Der Bürgermeister dieses Ortes betont diesen Unterschied immer wieder, als er dem Maestro gegenübertritt und die Dorfbewohner gegen ihn aufhetzt: „Er ist ein Spinner. Hier ist kein Platz für Spinner in dieser Stadt.“ „Wir haben eine nette, normale Stadt, normale Leute, normale Kinder. Wir brauchen keine Freaks wie dich.“ „Du bist verrückt, du bist sonderbar, und ich mag dich nicht. Du verängstigst diese Kinder damit, wie du hier so allein lebst.“ Und „Zurück zum Zirkus, du Freak“ (Jackson 1997b). Angetrieben durch Entrüstung und Angst vor seiner Andersartigkeit versuchen die Dorfbewohner den Maestro aus seinem Zuhause zu vertreiben. Dieser reagiert jedoch auf eine überraschende Art – eine Art, die die intensiven Gefühle der Dorfbewohner zerstreut, ihre Wahrnehmung ändert und schließlich zu einer Aussöhnung zwischen den Dorfbewohnern und dem Maestro führt.

Daher kann Ghosts als Jacksons phantasievolle Nachstellung und Beschäftigung mit dem Skandal, der in den Jahren vorher über ihn hereingebrochen war, interpretiert werden – ganz besonders mit der kulturellen, emotionalen und psychologischen Dynamik der Anschuldigungen und der darauf folgenden öffentlichen Empörung. Auf diese Art gesehen hat Ghosts das Potential grundlegend zu beeinflussen, auf welche Art und Weise wir Jackson selbst wahrnehmen und auf ihn reagieren, sowohl als einen „Maestro“, der angeklagt ist ein Kind zu zerstören, als auch als einen Mitmenschen, der ausgelacht und gefürchtet wird, weil er als verdächtig und unversöhnlich anders gesehen wurde.

Allerdings erreicht Ghosts sehr viel mehr als das. Es ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern ein Werk über Kunst – über die Fähigkeit von Kunst unsere schlimmsten Gefühle aufzugreifen, unsere verdrehten Wahrnehmungen zu hinterfragen und dann diese Emotionen und Wahrnehmungen zu verändern. Indem er sich seiner eigenen Vorgeschichte als Leitfaden bedient, nutzt Jackson Ghosts für die Ausarbeitung einer künstlerischen Herangehensweise, um kulturelle Vorurteile nicht nur auf intellektuelle Art, sondern auch auf einer tiefenpsychologischen Ebene anzugreifen – da wo Sinneseindrücke und Emotionen entstehen, einer Stelle, die Beweisen und Begründungen widersteht, da wo unsere frühesten Ängste, Vorurteile und Sehnsüchte die Herrschaft haben. Bezeichnenderweise ist dies auch der Ort, an dem Hysterie entsteht.

Für ebenso bedeutend halte ich, dass Ghosts und einer der darin enthaltenen Songs „Is It Scary“ auf eine gänzlich neue Kunstform – ein neues Genre der Kunst – hinweisen, das in seiner Form und seiner Reichweite völlig anders ist als alles, was wir davor schon mal gesehen haben. Durch diese neue Art der Kunst erfasst Jackson die kulturellen Erzählungen, die ihm auferlegt wurden – Erzählungen über Rasse, Geschlechterzugehörigkeit, Sexualität, Kriminalität, Berühmtheit und deren monströse Auswüchse – bläht sie bis in groteske Größenordnungen auf und reflektiert dann diese Erzählungen auf uns, zwingt uns, ihnen ins Angesicht zu blicken und uns mit ihnen auseinanderzusetzen und sie vielleicht zu überdenken. Dieses neue Genre wird durch die Klatschpresse, Celebrity-Fernsehsendungen und sogar durch die Mainstream-Presse vermittelt und es beinhaltet die vielen „exzentrischen Seltsamkeiten“ („eccentric oddities“, um eine Redewendung aus „Is It Scary“ zu zitieren), durch die Jackson in der Vorstellung der Öffentlichkeit definiert wurde. Seine größte Leistung in diesem neuen Genre ist allerdings sein sich ständig veränderndes Gesicht oder besser gesagt unsere sich ständig ändernde Wahrnehmung seines Gesichts, denn die physische Beschaffenheit seines Gesichts hat sich nur sehr wenig verändert. Sein Gesicht ist ein Kunstwerk auf so revolutionäre Art, dass wir es noch nicht einmal jetzt als Kunst erkennen, obwohl es uns bereits seit Jahrzehnten tiefgreifend verstört und leidenschaftlich beschäftigt – so wie es bei eindrucksvollen Kunstwerken oft der Fall ist. Ich glaube, es birgt die Möglichkeit nicht nur unsere Denkweise über Kunst umzugestalten, sondern auch wie wir über uns selbst denken: wie wir Identität definieren, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen und einstufen und wie wir die uns trennenden Unterschiede erleben. Um dieses neue Genre, zusammen mit Ghosts und dessen Zustandekommen, jedoch voll und ganz verstehen zu können, müssen wir uns zuerst einmal den Skandal ansehen, der die Inspiration dazu war, ebenso wie einen wichtigen Vorläufer, der mehr als 300 Jahre vorher stattfand.

 Monster

Im Jahr 1993 wurde Michael Jackson angeklagt, einen Jungen, Jordan Chandler, belästigt zu haben. Der Fall gegen ihn erwies sich als problematisch. Anfang 1993 begann der Vater des Jungen, Evan Chandler, vage Drohungen gegen seine Ex-Frau June Wong Chandler auszusprechen und deutete damit ebenso ein Vorhaben gegen Jackson an. Jordans Stiefvater David Schwartz fühlte sich durch sein spekulatives Gerede so beunruhigt, dass er begann, ihre Gespräche am Telefon aufzuzeichnen. Chandler verklagte Schwartz später wegen dieser ohne sein Wissen entstandenen Aufzeichnungen, Schwartz reichte Gegenklage ein, und im Verlauf dieses Prozesses wurde ein Transkript ihrer Unterhaltungen beim Kammergericht für den Bezirk Los Angeles hinterlegt. Diese Mitschrift enthüllt eine komplexe Mischung an Emotionen, darunter Feindseligkeit, Wut, Eifersucht und Gier. In jenen Unterhaltungen erzählt Chandler Schwartz, dass er Leute dafür bezahlt habe, einen Plan auszuführen, „der nicht nur mein eigener ist“ (Transcript 220) und prahlt damit: „Wenn ich das durchziehe, dann werde ich der große Gewinner sein. Ich kann gar nicht verlieren. Ich habe das rundherum durchgecheckt.“ (133). (2)

Es ist von Bedeutung, dass Chandlers Hauptmotivation eine erbitterte Wut gegenüber seiner Ex-Frau und Jackson ist, weil sie ihn ignorieren, und nicht die Sorge um das Wohlergehen seines Sohnes. Schwartz gegenüber sagt er es so: „Ich hatte eine gute Verbindung zu Michael. Wir waren Freunde, weißt du. Ich mochte ihn. Ich respektierte ihn und alles, was ihn ausmachte. Es gab keinen Grund, mich nicht mehr anzurufen.“ (168). Wenn sein Plan jedoch gelingen würde, dann würde er „ihre Aufmerksamkeit bekommen“ und noch mehr:

Chandler: Ich werde alles bekommen, was ich will und sie werden vollkommen – sie werden für immer zerstört sein. Sie werden zerstört werden. June wird Jordy verlieren. Sie wird nicht das Recht haben ihn jemals wiederzusehen … Michael, die Karriere wird vorbei sein.
Schwartz: Wird das Jordy helfen?
Chandler: Michaels Karriere wird vorbei sein.
Schwartz: Und wird das Jordy helfen?
Chandler: Das ist für mich nicht relevant. (134)

Anstatt sich also auf das zu konzentrieren, was am besten für seinen Sohn ist, drückt Chandler immer wieder bittere Feindseligkeit gegenüber denjenigen, von denen er sich ignoriert und ausgeschlossen fühlt und zu einem gewissen Grad auch gegen Jordy, aus. Chandler sagt zu Schwartz: „June, Jordy und Michael haben mich gezwungen zum Äußersten zu greifen, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Wie erbärmlich, wie verdammt erbärmlich sind sie doch, dass sie das getan haben“ (207).

Durch seine Wut, ebenso wie durch Gier angetrieben scheint Chandler zu Rache entschlossen zu sein, wenn seine Forderungen nicht erfüllt werden, wie er Schwartz erzählt:

Dieser Anwalt, den ich gefunden habe – ich meine, ich habe mehrere befragt und mir den widerwärtigsten Hundesohn, den ich finden konnte, ausgesucht, und alles, was er tun will, ist, diese Sache so schnell es geht, so groß aufgezogen wie nur möglich, in die Öffentlichkeit zu bringen und damit so viele Menschen wie nur möglich zu erniedrigen … Ich meine, es könnte ein Gemetzel geben, wenn ich nicht bekomme, was ich will. Aber ich glaube, diese Person wird bekommen, was sie will … Er ist richtig fies, er ist gemein, er ist sehr schlau und er ist hungrig nach öffentlicher Aufmerksamkeit. (27)

Es könnte also, wie Chandler vorausgesagt hat „ein Gemetzel geben, wenn ich nicht bekomme, was ich will.“ Was er will, ist Aufmerksamkeit und 20 Millionen Dollar, und seinem Sohn zu helfen ist, nach seinen Worten „nicht relevant für mich.“

Acht Tage nach dieser Unterhaltung nahm Chandler, der Zahnarzt war, seinen Sohn mit in seine Zahnarztpraxis. Er zog einen von Jordans Milchzähnen und befragte den Jungen danach auf aggressive Art über seine Beziehung zu Jackson – ein sehr seltsamer Ort und eine seltsame Zeit, um solch ein sensibles Thema anzusprechen. Gemäß Chandlers schriftlicher Chronologie, die er der Polizei gab, geschah die Befragung seines Sohnes sowohl manipulativ als auch unter Zwang. Erst einmal beginnt er die Unterhaltung, indem er seinen Sohn belügt. Wie er in seiner Chronologie schreibt, „erzählte er seinem Sohn fälschlicherweise“, dass „ich sein Zimmer verwanzt habe“, obwohl das nicht stimmte und „dass ich alles wusste“, was nicht stimmte (Dimond 2005,60). Er konstruiert dann eine Geschichte, die genau beschriebene sexuelle Handlungen beinhaltete und sagt seinem Sohn, dass er wisse, dass er und Jackson diese Dinge getan hätten. Insbesondere sagt er zu seinem Sohn: „Ich weiß alles über das Küssen und das Masturbieren und die Blow Jobs.“ Wichtig ist, dass dies genau die Handlungen sind, die der Junge einen Monat später beschreiben wird, als er zu einem Psychiater gebracht wird: Küssen, Masturbation und oraler Sex. Chandler bittet seinen Sohn diese Geschichte des sexuellen Fehlverhaltens zu bestätigen, während er ihm sagt „Ich wusste sowieso alles und ich wollte es nur nochmal von ihm hören.“ Dann droht er damit, Jacksons Karriere zu zerstören, wenn der Junge seine Fragen nicht auf die richtige Art beantworten würde, indem er sagt, wenn er ihm nicht das erzählen würde, was er zu hören erwarte, „dann werde ich ihn (Jackson) erledigen“(60, Zwischenbemerkung). Allerdings verspricht er, „Michael nicht weh zu tun“, wenn er dies bestätigt. Basierend auf der von Chandler selbst geschriebenen Chronologie führte er die Befragung eindeutig auf eine sehr irreführende und Druck ausübende Art und Weise durch, indem er Suggestivfragen stellte und damit drohte, Jackson etwas anzutun, wenn seine Fragen nicht korrekt beantwortet würden.

Allerdings ist der Fall an diesem Tag durch die Anwesenheit einer dritten Person in Chandlers Praxis noch komplizierter: Mark Tobiner, ein Narkosefacharzt, der seine vorherige Stelle wegen ethisch-moralischer Verstöße aufgeben musste und nun seinen Lebensunterhalt dadurch bestritt, Narkosemittel im Auftrag, oft in Privathaushalten, zu verabreichen (Fischer 1994, 221). Chandler schrieb in seiner Chronologie, dass er wartete, bis die Betäubung nachließ, ehe er seinen Sohn befragte: „Als Jordie aus der Narkose erwachte, bat ich ihn, mir von sich und Michael zu erzählen“ (Dimond 2005, 60). (3) In einem am 3. Mai 1994 ausgestrahlten Bericht von KCBS-TV, sagt Chandler, die Beschuldigungen wurden gemacht, während sein Sohn noch betäubt war. Dies widerspricht genau der schriftlichen Chronologie, die er der Polizei gab. Wenn Chandlers Angaben gegenüber KCBS-TV wahr sind, dann ist es sehr beunruhigend, dass Jordan den Beschuldigungen zuerst zustimmte, während er unter dem Einfluss irgendeiner unbekannten Sedierung stand, besonders wenn man bedenkt, auf welche Art der Vater die Befragung durchführte: mit Lügen und Drohungen und der Andeutung bestimmter sexueller Handlungen. (4)

Trotz dieser zweifelhaften Beweise verfolgte der Bezirksstaatsanwalt von Santa Barbara, Tom Sneddon, den Fall gegen Jackson auf aggressive Art und Weise. Auf seine Anordnung hin wurde am 20. Dezember 1993 eine demütigende Leibesvisitation durchgeführt, die sich darauf konzentrierte, Jacksons intimste Körperbereiche zu begutachten, zu fotografieren und zu filmen. Der angebliche Grund dieser Leibesvisitation war, dass man sehen wollte, ob Jordans Beschreibung von Jacksons Körper korrekt war. Jacksons frühere Ehefrau, Lisa Marie Presley, sagte später, sie war nicht korrekt. In einem Interview, das am 14. Juni 1995 auf ABC’s Prime Time Life ausgestrahlt wurde, erzählte Presley Diane Sawyer: „Es gab keine Übereinstimmung. Es gab nichts.“ Zusätzlich prüften zwei unabhängige Geschworenengerichte – im Bezirk Santa Barbara und im Bezirk Los Angeles – die Beweise gegen Jackson, „einschließlich der von Jordie abgegebenen Beschreibung von Jacksons Genitalien, die direkt neben den Fotos von Jacksons Unterkörper geschrieben stand“ (Sullivan 2012, 266), und beide Jurys weigerten sich Anklage zu erheben. Wie Randall Sullivan es in Untouchable: The Strange Life and Tragic Death of Michael Jackson erläutert, ist das aussagekräftig:

Geschworenengerichte sind grundsätzlich eine Formvorschrift in Kalifornien; nahezu alle diese Beratungen enden in Anklagen. Nur Staatsanwälte können Beweise präsentieren, und es wird nicht mehr als eine „begründete Wahrscheinlichkeit“, dass eine Straftat stattgefunden hat, von ihnen verlangt. Im Sommer 1994 weigerten sich jedoch beide Geschworenengerichte, Michael Jackson anzuklagen. „Es gab keine echten Beweise,“ gab ein Polizeibeamter, der in die Ermittlungen involviert war, gegenüber der Los Angeles Times zu. (266)

Insgesamt scheinen die Beurteilung beider Geschworenengerichte zusammen mit den Feststellungen von Presley und dem Polizeibeamten, der mit der Times gesprochen hat, einen früheren Bericht von Reuters zu bestätigen, der von USA Today am 28. Januar 1994, nur ein paar Wochen, nachdem die Polizei die Leibesvisitation durchgeführt hatte, veröffentlicht wurde: „Eine unbekannte Quelle erzählte dem Nachrichtendienst Reuters am Donnerstag, dass Fotos von Michael Jacksons Genitalien nicht mit den abgegebenen Beschreibungen des Jungen, der den Sänger des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, übereinstimmen.“

Ein Begleitresultat der Leibesvisitation war, dass sich nun äußerst deutliche Foto- und Videoaufnahmen von Jacksons unbekleidetem Körper in den Händen der Polizei befanden. Diese Bilder hätten während eines Prozesses öffentlich gemacht werden können, eine Situation, die für jedermann demütigend wäre, ganz besonders aber für jemanden, der dem prüfenden Blick der Öffentlichkeit so ausgesetzt war wie Michael Jackson. Dazu kommt noch, dass die Möglichkeit bestanden hätte, dass Kopien dieser Fotografien und Videobänder zur Vorbereitung auf den Prozess an Chandler und seinen Anwalt Larry Feldman ausgehändigt werden könnten. Diese Bilder wären für die Klatschblätter oder auf dem Pornomarkt Millionen wert gewesen, und Chandler war ein Mann, der darauf aus war, Millionen zu erzielen. Er wollte außerdem so viele Menschen wie möglich „demütigen“, und jene deutlichen Abbildungen von Jacksons unbekleideten Körper hätten ihm als Werkzeug dafür gedient, Jackson gründlich zu demütigen. Chandler sagte zu Schwartz: „Dieser Mann wird so erniedrigt werden, wie es die Welt noch nicht gesehen hat … Er wird nicht glauben, was gerade mit ihm geschieht. Das wird über seine schlimmsten Albträume hinausgehen“ (Transcript 201). Diese Fotos – oder sogar das Drohen mit diesen Fotos – hätten außerdem dazu benutzt werden können, um Jackson unter Druck zu setzen und einen Vergleich auszuhandeln. Chandlers Bruder Ray war bei mehreren der Meetings mit Feldman dabei, und er beschreibt die Situation so: „Der Staatsanwalt hatte möglicherweise bald Bilder von Michaels Eiern, aber Larry Feldman hielt sie jetzt fest im Griff. Und es war Zeit die Daumenschrauben anzusetzen“ (Chandler 2004, 209).

Jackson willigte ein paar Tage nach der Leibesvisitation ein, den Zivilprozess beizulegen und, wie Sullivan berichtet, war das Verhindern der Veröffentlichung jener Fotos das zentrale Thema bei den Verhandlungen zwischen Feldman und Jacksons Anwälten, Johnnie Cochran und Howard Weitzman:

Cochran und Weitzman sahen die Fotos von Michael Jacksons Genitalien als „den violetten Gorilla im Raum“, erinnerte sich Carl Douglas (Cochrans Partner), und wir versuchten verzweifelt sie aus den Händen von Larry Feldman zu bekommen. Sich dieser Tatsache vollkommen bewusst, verhandelte Feldman unerbittlich. „Die Zahlen, über die diskutiert wurde, schienen in fantastische Höhen zu klettern,“ erinnerte sich Douglas, der glaubte, dass der Wendepunkt der Vergleichsverhandlungen gekommen war, als einer der drei pensionierten Richter (die als Vermittler bei den Verhandlungen anwesend waren), beobachteten, dass „es nicht darum geht, wie viel der Fall wert ist. Es geht darum, wie viel es Michael Jackson wert ist.“ (265)

Jackson entschied schließlich, dass es ihm Millionen wert war, die Polizei davon abzuhalten, Fotografien seines nackten Körpers einem Mann zu übergeben, der entschlossen war, ihn „über seine schlimmsten Albträume hinaus“ zu demütigen, aber er bestand darauf, dass die Begleichung der Zahlung in Raten aufgeteilt würde, so dass der größte Teil des Geldes treuhänderisch für Jordan verwaltet würde, bis dieser erwachsen würde. Evan Chandler erhielt den Berichten zufolge $ 1.5 Millionen und Jordan geschätzte $ 15 Millionen. Jordan setzte später dieses Geld ein, um sich von seinem ihn missbrauchenden Vater zu distanzieren. (Jordan emanzipierte sich noch als Minderjähriger und beantragte später eine einstweilige Verfügung gegen seinen Vater. Bei der Anhörung sagte er, sein Vater habe ihn mit einer Hantel auf den Hinterkopf geschlagen, ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht und versucht ihn zu erwürgen. Gemäß den Gerichtsdokumenten stellte ein Richter des Falles fest, dass Chandlers Handlungen seinen Sohn ernsthaft hätten verletzen oder sogar seinen Tod herbeiführen können (Jordan 2006).) Wichtig ist noch, dass Jackson den Skandal durch einen Vergleich sechs Monate früher, bevor dieser in die Öffentlichkeit gelangte, hätte verhindern können, aber er hatte sich hartnäckig geweigert und weigerte sich noch monatelang weiter. Jedoch änderte er innerhalb von wenigen Tagen nach der Leibesvisitation abrupt seine Meinung und willigte in die Zahlung ein.

Sobald der Fall durch den Vergleich abgeschlossen war, reichte Jackson durch seine Anwälte bei Gericht die Bitte ein, in den Besitz der Fotos und Videobänder der Leibesvisitation zu kommen. Dies wurde abgewiesen. Jene Abbildungen belasteten ihn offensichtlich aber weiter, denn 12 Jahre später, gleich als der Prozess von 2005 vorbei war, wies er wiederum seine Anwälte an, das Gericht um die Übergabe der Bilder zu bitten. Und wieder wurde ihm dies verweigert. Sofern sie nicht nach seinem Tod vernichtet wurden, befinden sich diese Fotografien und Videobänder in amtlicher Verwahrung (Dimond 2005, 321).

Der Abschluss des Falles durch einen Vergleich wurde von vielen als Schuldeingeständnis interpretiert, und dies schürte nur noch zusätzlich den Feuersturm der Hysterie rund um den Fall – ein Feuersturm, der noch höher aufflammte durch den Eifer der weltweiten Medien, welche die reißerischen Aspekte der Geschichte nur noch betonten und übertrieben, ob sie nun wahr waren oder nicht. Das Fernseh-Klatschmagazin Hard Copy zahlte zum Beispiel einer von Jacksons Hausangestellten, Blanca Francia, $ 20.000, damit sie in die Show kam und aussagte, sie habe Jackson unbekleidet mit Jungen in der Dusche und im Jacuzzi gesehen. Allerdings widerspricht sie sich einen Monat später unter Eid in einer Aussage über das, was sie wirklich gesehen hat selbst: Sie sah Jackson niemals mit irgendjemandem in der Dusche, und er trug immer Badehosen im Jacuzzi (Fischer 1994, 267; Halperin 2009, 64-71).

Francia erzählte außerdem bei Hard Copy, Jackson könnte ihren 12-jährigen Sohn Jason belästigt haben (Halperin 2009, 64-65). Er ist der zweite Junge, der Jackson des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Polizeibeamte, die den Chandler Fall untersuchten, befragten den Jungen sowohl vor, als auch nach Ausstrahlung der Sendung, und zuerst sagte er ihnen gegenüber aus, Jackson hätte nichts Falsches getan. Die Ermittler akzeptierten seine Antwort allerdings nicht und setzten den Jungen unter Druck, einen Missbrauch zuzugeben, indem sie ihm Suggestivfragen stellten, wie solche, ob die Belästigung durch Jackson vielleicht stattgefunden habe, während er ihn gekitzelt habe. In einem Artikel der The Huffington Post vom 13. Juni 2010 stellt Charles Thomson gemäß dem Transkript des Interviews fest:

(Jason) hat ursprünglich darauf bestanden, dass er niemals belästigt wurde. Die Transkripte zeigten außerdem, dass er erst, nachdem die Polizisten während der Befragungen wiederholt die Grenze des Erlaubten überschritten hatten, sagte, er sei belästigt worden. Die Polizisten bezogen sich dabei immer wieder auf Jackson als „Belästiger“. Einmal erzählten sie dem Jungen, dass Jackson gerade, während sie sprechen würden, Macauley Culkin belästigen würde und behaupteten, dass der einzige Weg Culkin zu retten darin bestehen würde, dass Francia ihnen sagen würde, er sei von dem Star sexuell missbraucht worden.

(Culkin hat immer wieder, auch unter Eid während des Prozesses 2005, Spekulationen darüber zurückgewiesen, dass Jackson ihn missbraucht habe.) Jason stimmte schließlich den Beschuldigungen zu und sagte aus, dass bei drei Gelegenheiten, bei denen er und Jackson vollkommen bekleidet gewesen wären, Jackson ihn in unangemessener Weise angefasst habe, während er ihn kitzelte. Thomson berichtet, dass Jason, gemäß dem Transkript, ausgesagt habe, dass die Polizisten ihn während des Verhörs „dahin gebracht hätten, mit der Sache herauszurücken. Sie drängten immer weiter. Ich hätte ihnen eine reinhauen können.“ Die Francias erhielten von Jacksons Versicherungsgesellschaft einen Betrag von $ 2,4 Millionen.

Zehn Jahre später wurde Jackson der Belästigung eines dritten Jungen, Gavin Arvizo, einem Krebspatienten, der den Wunsch geäußert hatte, Adam Sandler, Chris Tucker und Michael Jackson treffen zu dürfen, beschuldigt. Sie sagten alle zu. Gavin tauchte später in einer Dokumentation mit Jackson auf und sagte nach Drängen des Filmenden: „Es gab einen Abend, an dem ich ihn fragte, ob ich in seinem Schlafzimmer bleiben könne“ (Living 2003). Gavin und Jackson sagten weiter, dass Gavin in Jacksons Bett geschlafen habe, während Jackson selbst mit Wolldecken auf dem Boden schlief. Der Filmer Martin Bashir fragte Jackson dann nach den Gründen und meinte: „Aber Michael, du bist ein inzwischen 44-jähriger Mann. Was veranlasst dich dazu?“ Jackson erwiderte:

Ich habe es bereits viele Male gesagt, meine größte Inspiration bekomme ich von Kindern. Jeder Song, den ich schreibe, jeder meiner Tänze, all die Gedichte, die ich schreibe – das alles wird inspiriert von dieser Ebene der Unschuld, diesem Bewusstsein von Reinheit. Und Kinder haben das. Ich erkenne Gott in den Gesichtern der Kinder. Und Mann, ich liebe es einfach, das alles die ganze Zeit um mich zu haben.

Als die Dokumentation am 3. Februar 2003 in England beziehungsweise am 6. Februar 2003 in den Vereinigten Staaten ausgestrahlt wurde, empfanden viele Zuschauer Jacksons Antwort verwirrend und hatten das Gefühl, die gesamte Situation sei unangemessen. Diese Szene rief auch den Verdacht sexuellen Missbrauchs hervor und löste Untersuchungen durch das Amt für Jugend und Familienangelegenheiten von Los Angeles (DFCS), der Polizeibehörde von Los Angeles und der Abteilung des Bezirkssheriffs von Santa Barbara aus. Die Arvizos klagten Jackson später an, Gavin belästigt zu haben, und dieses Mal kam der Fall vor Gericht.

Wie allerdings bei den Fällen Chandler und Francia auch war der Fall Arvizo hoch problematisch. Anstatt zum Beispiel den angeblichen Missbrauch den Polizeibeamten zur Aufklärung zu melden oder einem Rechtsberater oder Therapeuten der Schule, konsultierten die Arvizos Larry Feldman, den Anwalt, der den Chandler-Vergleich abgewickelt hatte. Noch bedeutsamer ist, dass gemäß den in der Anklageschrift angegebenen Daten und dem, was Bezirksstaatsanwalt Sneddon in seinem Eröffnungsplädoyer am ersten Prozesstag laut vorlas, die Belästigung angeblich zwischen dem 20. Februar und dem 12. März 2003 stattgefunden haben soll (Reporter’s Transcript 2005, 12-13). Wenn diese Daten korrekt sind, dann bedeutet das, dass der Missbrauch nach der Ausstrahlung der Bashir-Dokumentation stattgefunden hat, nachdem der Skandal ausbrach und nachdem das Jugendamt (DFCS) und zwei Abteilungen der Polizeibehörde mit ihren Nachforschungen begannen. Mit anderen Worten war Jackson, gemäß der Zeitachse des Staatsanwaltes, eines Fehlverhaltens als der Skandal losbrach völlig unschuldig und soll dann – während er unter intensiver Beobachtung durch das Jugendamt, der Polizei, der Presse und der Öffentlichkeit stand –das Verbrechen begangen haben, für das gerade eine Untersuchung gegen ihn stattfand. Das ist schwer vorstellbar. Die Kläger behaupteten außerdem, dass eine Verschwörung zur Vertuschung des Verbrechens schon im Gang war, bevor dieses angeblich stattfand, wie Tom Mesereau, der führende Verteidiger in seinem Schlussplädoyer erwähnte:

Gemäß der Anklage beginnt diese kriminelle Verschwörung am 1. Februar, 19 Tage vor dem angeblichen Missbrauch. Nimmt man all dies zusammen, was sagt uns das dann über die Daten, an denen der sogenannte Missbrauch stattgefunden haben soll? Es ist absurd. Es ist unrealistisch. Und es ergibt keinen Sinn. Weil der ganze Fall keinen Sinn ergibt. (Reporter’s Transcript 2005, 12874)

Unter Berücksichtigung dieser verschachtelten Chronologie, ebenso wie zahlreicher anderer höchst fragwürdiger Aspekte des Falles, befanden die zwölf Mitglieder der Jury Jackson einstimmig für nicht schuldig in allen Anklagepunkten. Die Öffentlichkeit wäre möglicherweise zum selben Schluss gekommen, wenn die grundsätzlichen Fakten von der Presse berichtet worden wären.

Natürlich erreichte die Flut der Sensationsstorys weit mehr Aufmerksamkeit als die Beweise, die sie widerlegten, und Jackson wurde von einer der populärsten öffentlichen Persönlichkeiten zu einem Objekt des Spotts und sogar des Hasses. Wie er es selbst beschreibt, wurde er für die Öffentlichkeit zu einem „Monster“, und viele seiner späteren Songs können als ein Hinterfragen und einer Auseinandersetzung mit diesem abscheulichen öffentlichen Image gedeutet werden. In „Threatened“ nennt die Hauptfigur sich selbst „deinen schlimmsten Albtraum“, eine Verkörperung „der dunklen Gedanken in deinem Kopf“ und „ein Monster, die schlimmste zu befürchtende Sache“ (Jackson 2011). In „Is It Scary?“ fragt er: „Bin ich die Bestie, die du dir vorgestellt hast?“ (Jackson 1997a). In „Breaking News“ fragt er: „Wer ist dieser Buhmann, an den du denkst?“ (Jackson 2010). Und in „Monster“ scheint Jackson die öffentliche Wahrnehmung über seine Person mit dem folgenden Refrain wiederzugeben:

Monster
Er ist ein Monster
Er ist ein Tier
(Jackson 2010)

Als im frühen Jahr 2003 der Arvizo-Skandal losbrach, hatte die Hysterie einen solchen Fieberanfall erreicht, dass Vanity Fair einen Artikel veröffentlichte, in dem er bezichtigt wurde mit einem singenden Medizinmann, der angeblich in seinem Auftrag rituelle Opferungen von Kühen, Geflügel und „kleineren Tieren“ durchführte, Voodoo-Kult zu betreiben. (5) In solch einer emotional aufgeladenen Atmosphäre wurde es nahezu unmöglich, Wahrheit von Angst, Phantasie und Spekulation zu unterscheiden. Jackson trug fortan für den Rest seines Lebens das Stigma der Pädophilie.

Zurückblickend kann diese lange Reihe von Vorkommnissen zu jenem Moment im Jahr 1993 zurückverfolgt werden, als Chandler gesagt hatte: „Wenn ich damit durchkomme, werde ich haushoch gewinnen. Ich kann gar nicht verlieren … Ich werde alles bekommen, was ich will und sie werden vollkommen – sie werden für immer zerstört werden … Michaels Karriere wird vorbei sein“ (Transcript 133-134). Chandlers Voraussagen wurden in vielfältiger Hinsicht wahr. Als er erst einmal seinen „Plan“ in Bewegung gesetzt hatte, prägte sich fortan das Bild von Jackson als Pädophilem in den Köpfen der Polizei, der Presse und der Öffentlichkeit ein, und es darf behauptet werden, dass die Flut der Ereignisse, die darauf folgten, allesamt das direkte Ergebnis dieser künstlich erzeugten Vorstellung ist. Ich glaube beispielsweise nicht, dass die Beamten, die Jason Francia befragt haben, ihn dazu gedrängt haben würden einen Missbrauch zu unterstellen – oder wenigstens nicht so beharrlich – wenn Chandlers Beschuldigungen sie nicht schon davon überzeugt hätten, dass Jackson ein Kindesbelästiger gewesen wäre. Ich glaube nicht, dass die Bashir Dokumentation solch einen Aufschrei der Entrüstung verursacht hätte, wenn Chandlers Beschuldigungen nicht bereits vorher das Bild von Jackson als Pädophilem in der öffentlichen Vorstellung verwurzelt hätten. Und ich glaube nicht, dass ein so makelbehafteter Fall wie jener der Arvizos jemals vor Gericht gekommen wäre, wenn Bezirksstaatsanwalt Sneddon nicht bereits 10 Jahre damit verbracht und Millionen Dollar ausgegeben hätte, Jackson wegen sexueller Verbrechen an Kindern zu überführen, die auf Chandlers Behauptungen basierten. Auf diese Art manifestiert sich Massenhysterie: Eine sensationelle Anschuldigung setzt eine Kettenreaktion weiterer sensationeller Anschuldigungen in Gang. (6)

Aber warum spielte sich der Fall Chandler auf diese Art und Weise ab? Warum glaubte die Polizei Chandler und nicht Jackson, trotz der Widersprüche in Chandlers Behauptungen und zahlreicher anderer Warnsignale? Warum übertrieb die Presse und erfand sogar „Beweise“ gegen Jackson, während sie andere, ihn entlastende Beweise zurückhielt? Einige wenige Pressekanäle räumten zum Beispiel ein, dass Jordan die Anschuldigungen erstmalig entweder während der Narkose oder direkt, nachdem sein Vater ihm unter einer Narkose einen Zahn gezogen hatte, bestätigte – eine Situation unter Zwang, wenn es diese je gegeben hat. Manche erwähnten, dass Chandler damit drohte, Jacksons Karriere zu zerstören, sollte Jordan nicht auf die von ihm geforderte Art antworten. Und einige wenige haben berichtet, dass sich zwei unabhängige Geschworenengerichte nach Überprüfung des Beweismaterials gegen Jackson weigerten, ihn anzuklagen. Obwohl es sich hierbei um unzweifelhafte und entscheidend bedeutsame Fakten dieses Falles handelt, da sie eindeutige Zweifel gegenüber Jordans Aussage aufwerfen, und seine Aussage scheint der einzige Beleg gegenüber Jackson überhaupt zu sein.

Obwohl es auf den ersten Blick nicht relevant erscheinen mag, war vielleicht die sich ändernde Farbe seiner Haut ein Grund dafür, dass die Polizei und die Presse so schnell dabei war, die Anschuldigungen gegen Jackson zu glauben. In The White Afro-American Body: A Cultural and Literary Exploration verweist Charles D. Martin auf die Möglichkeit, dass Jacksons Haut seinen Körper als einen Ort der Sünde und Verderbtheit kennzeichnete, schon bevor er jemals die Chandlers traf, ja, bevor er überhaupt jemals irgendeiner Sache beschuldigt wurde. Martin verfolgt die öffentliche Zurschaustellung schwarzer Körper mit weißer Haut, besonders der Körper jener, die an Vitiligo oder Albinismus leiden, von der Sklaverei über die Zeiten der Rassentrennung bis hin zur Gegenwart, und er zeigt wichtige historische Zusammenhänge zum Verständnis gegenüber Jacksons Körper, sowohl als (eindrucksvollen) Anblick als auch als mutmaßlichen Tatort auf. Martin behauptet, dass die Körper „weißer Neger“ das weiße Publikum seit mehr als zwei Jahrhunderten durch das Herausfordern der Vorstellung rassischen Essentialismus‘ und Reinheit fasziniert und bedroht haben. Als Begleiteffekt ruft das Bild eines schwarzen Körpers mit weißer Haut außerdem verwirrende Vorstellungen von Rassenmischung, Verunreinigung und Verderbtheit hervor, die offensichtlich sogar bis heute überlebt haben:

Der Anblick von Vitiligo ruft immer noch den Makel des Betrugs und verräterischer rassischer Verwandlung hervor. Die Volksweisheit rund um die Erkrankung bringt das Erscheinungsbild des Weißseins auf dunkler Haut mit Rassengrenzen überschreitenden sexuellen Eskapaden in Verbindung. (166)

Martin deutet an, dass, wenn man diesen historischen Zusammenhang in Betracht zieht, Jacksons „schwarz-weiße Haut“ selbst zum „vorrangigen Beweis für seine Verrücktheit, seine Widernatürlichkeit, seine Verbrechen“ (175) wurde, ein irrationales Vorurteil, dass vielleicht zusätzlich durch die Tatsache bekräftigt wurde, dass er eines sexuellen Verbrechens angeklagt war, „welches die Farbgrenze überschritten hatte“.

John Nguyet Erni bietet eine breiter angelegte Sichtweise an, indem er andeutet, dass die Anschuldigungen der Chandlers schnell Verbreitung finden würden, nicht nur aufgrund Jacksons sich verändernder Hautfarbe, sondern eher allgemein aufgrund seiner mehrdeutigen Identitätsdarstellung, sowohl auf der Bühne, als auch abseits davon – eine Mehrdeutigkeit, die gleichzeitig einnehmend, aber auch zutiefst verwirrend ist. Wie Erni anmerkt können wir in Black or White beobachten, wie sich Jackson in einen schwarzen Panter und dann wieder zurück in einen Menschen verwandelt, allerdings in einen irgendwie anderen Menschen, als er vorher war – einen wütenden Menschen, „heulend und tanzend in einem gewalttätigen Rausch“ (162). In Thriller porträtiert er einen schüchternen Teenager bei einem Date, der sich in einen Werwolf verwandelt und dann „als verliebter Teenager wieder zurückkehrt“, aber als ein veränderter verliebter Teenager – „mit den morphologisch transformierten Augen eines Monsters.“ Jackson verwandelt sich in seinen Kurzfilmen wiederholt in das Andere und dann wieder zurück, aber wie Erni betont, ist die „Rückkehr“ zur menschlichen Form im Allgemeinen nicht ganz „eine Rückkehr zum ‚Original‘.“ Vielmehr ist eine Rückkehr, die immer noch die Spuren der Andersartigkeit trägt, „die Geste einer ‚Rückkehr‘, die durch Metamorphose gekennzeichnet ist.“

Diese wiederkehrenden Verwandlungen beinhalten sowohl ein Versprechen, als auch eine Drohung. Jacksons Ausflüge in die Andersartigkeit eröffnen die Möglichkeit „einer kreativen Neu-Vorstellung der Identität“ (Erni 1998, 163) – ein Ethos der Möglichkeit und Veränderung, die sich als sehr anziehend auf seine Fans auf der ganzen Welt erwies, besonders auf jene, die selbst als andersartig gekennzeichnet waren. (Julian Vigo bemerkt: „Während des Filmens über das öffentliche Trauern um Jackson … war ich ziemlich überrascht darüber, wie viele von Jacksons Fans sich mit ihm wegen ihrer eigenen Ausgrenzung aufgrund von Behinderung, Krankheit, Sexualität und ethnischer Identität identifizierten“ (32).) Jedoch wurde hierdurch auch eine tiefsitzende Angst gegenüber dem Mehrdeutigen, dem Unentschlossenen, dem Verblüffenden und dem Unbekannten angezapft, das die Mainstream-Medien und sogar die alternativen Medien nicht tolerierbar zu finden schienen – daher die extreme Verurteilung von Jackson und die Bezeichnung als „Wacko Jacko“. Erni deutet an, dass wahrscheinlich dieses Unbehagen gegenüber Jacksons zweideutiger Identität „den ausufernden Trend zur Dämonisierung von Jackson durch die Medien und die Öffentlichkeit“ zu erklären hilft (159), bevor der Chandler-Skandal ausbrach, der sich dann in „eine Geschichte der Perversion verwandelte, die genau zu der permanenten Inszenierung und dem Konsum der Zerstörung der wunderlichen Berühmtheit eines „Kind-Mannes“ (160) passte und dieser neue Nahrung verschaffte, als die Anschuldigungen erst einmal bekannt geworden waren.

Ein dritter Faktor bei den Reaktionen der Öffentlichkeit in Bezug auf den Chandler-Fall war das verständliche Mitgefühl für das mutmaßliche Opfer, das noch verstärkt wurde durch ein Klima erhöhter Sensibilität gegenüber Missbrauchsopfern infolge eines erhöhten öffentlichen Bewusstseins in den 1970er und 80er Jahren und einer Reihe von sehr publik gemachten und äußerst kontroversen Skandalen sexuellen Missbrauchs in Kindertagesstätten in den 1980er und frühen 1990er Jahren. (Der Prozess um die McMartin-Vorschule in Los Angeles County, der 1990 beendet wurde, gilt immer noch als der längste, teuerste und als einer der aufsehenerregendsten Kriminalprozesse in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Die sieben Beschuldigten waren des Missbrauchs satanischer Riten wie auch sexueller Verbrechen gegen kleine Kinder angeklagt.) Wurden die Opfer sexuellen Missbrauchs bis dahin zu oft angezweifelt und schwiegen beschämt, gab es von nun an eine große Zurückhaltung dabei Missbrauchsbeschuldigungen von Kindern in Frage zu stellen, ungeachtet der Umstände, unter denen sie hervorgebracht wurden. Diese Tendenz, berechtigte Fragen hinsichtlich der Echtheit von Missbrauchsbeschuldigungen zu unterlassen – oder, sogar noch weitergehend, anzunehmen, dass solche Anschuldigungen immer ein Körnchen Wahrheit beinhalten – spielte ohne Zweifel eine Rolle bei der öffentlichen Wahrnehmung des Chandler-Falls.

Allerdings hat Jordan Chandler selbst, gemäß Tom Mesereau, seine eigenen Aussagen leise geleugnet, indem er sagte, seine Eltern hätten ihn dazu gezwungen, Beschuldigungen gegenüber Jackson vorzunehmen. Mesereau hielt am 29. November 2005 an der Harvard Law School eine Rede als Teil einer Vorlesungsreihe über Rasse und Justiz. Nach seiner Präsentation wurde er im Rahmen einer Frage-und-Antwort-Veranstaltung zum Chandler-Fall befragt, der als Beleg für „frühere schlechte Taten“ während des Prozesses 2005 eingebracht wurde. In seiner Antwort sagte er, Jordan habe Bekannten erzählt, die Anschuldigungen seien nicht wahr gewesen:

Ich hatte Zeugen, die kommen und aussagen wollten, dass er ihnen gesagt hätte, es sei nie geschehen, und dass er nie mehr mit seinen Eltern sprechen würde, weil sie ihn dies hatten sagen lassen.

Während Jordan kein öffentliches Statement, mit dem er die Anschuldigungen geleugnet hat, abgegeben hat, wären gemäß Mesereau diese Zeugen willens gewesen, bei Gericht zu erscheinen und unter Eid auszusagen, dass er diese Aussagen in privatem Rahmen gemacht habe.

Unglücklicherweise erhielten Mesereaus Bemerkungen sehr wenig Aufmerksamkeit in der Presse. Im Gegensatz dazu erhalten Sensationsgeschichten aus Jacksons Privatleben – besonders Geschichten, die das scheußliche „Wacko Jacko“-Image verstärken, das in der Regenbogenpresse und sogar in den Mainstream-Medien verewigt wird – regelmäßig übertrieben große Beachtung. Ohne Frage wurde die Berichterstattung der Skandale in den Medien und die darauf folgende öffentliche Reaktion nicht von einer sorgfältigen Überprüfung der Beweise gesteuert. Während einige dieser Verzerrungen eventuell der Sensitivität gegenüber den angeblichen Opfern zugeschrieben werden können, erklärt dies doch nicht, warum die grundsätzlichen Fakten der Anschuldigungen von 1993 und des Prozesses 2005 so sehr fehlinterpretiert wurden, oder warum Jackson so gründlich „dämonisiert“ wurde, wie Erni es bezeichnet, oder warum die Anschuldigungen selbst heute noch solch intensive Emotionen hervorrufen, mehr als 20 Jahre, nachdem er das erste Mal beschuldigt wurde und fünf Jahre nach seinem Tod. Was ist die treibende Kraft für den Impuls, Michael Jackson als ein „Monster“ darzustellen? Und welches sind die Gründe für die Neigung zur Massenhysterie in diesem Fall? Jackson stellte in seinem späteren Werk immer wieder Fragen wie diese, und seine Unterstützer haben seit 1993 mit ihnen gekämpft. Aber vielleicht können einige Antworten sehr viel weiter zurückliegend gefunden werden, in einem anderen Fall von Massenhysterie, tief verwurzelt in der Geschichte und der Psyche unserer Nation – ein Fall, der unser jahrhundertelanges Unbehagen gegenüber Rasse und Andersartigkeit, wie auch unsere zwiespältigen Gefühle über Kinder und Sexualität beleuchtet.

Hexen

Im Jahr 1692 wurde in dem Ort Salem, Massachusetts eine Sklavin mit Namen Tituba der Hexerei angeklagt. Die neunjährige Betty Parris, die Tochter des Besitzers von Tituba, Rev. Samuel Parris, litt seit Dezember 1691 unter ungewöhnlichen körperlichen Symptomen mit stechenden Schmerzen und nicht zu kontrollierenden Krämpfen, unter denen sich ihr kleiner Körper krümmte. Innerhalb weniger Wochen begannen sich bei fünf weiteren Mädchen ähnliche Symptome zu zeigen. Der Verdacht von Hexerei machte schnell die Runde, wie es in jenen Tagen oft der Fall war. Allerdings passierte in Salem etwas anderes, und diese banalen Ängste steigerten sich zu einer Massenhysterie. Als die Hexenprozesse von Salem im September 1692 endeten, waren fast 200 Menschen der Hexerei angeklagt und 20 von ihnen waren hingerichtet worden.

Ein entscheidendes Ereignis in der Geschichte der Hexenprozesse von Salem passierte am 25. Februar 1692, als Mary Sibley, eine besorgte Nachbarin und Mitglied der Kirche von Rev. Parris, Tituba und ihren Ehemann John ansprach und sie bat, einen Hexenkuchen zu backen, um die Quelle der Teufelei herauszubekommen. Einen Hexenkuchen für das Aufspüren einer Hexe zu backen war eine relativ übliche Praxis mit europäischem Ursprung, wie Elaine G. Breslaw in Tituba, Reluctant Witch of Salem erklärt, aber ironischerweise hat Sibley Tituba wahrscheinlich deshalb angesprochen, weil sie und ihr Mann Amerikaner indianischen Ursprungs waren und weil in der puritanischen Vorstellung „einfühlsame Magie so eng mit den Indianern in Zusammenhang gebracht wurde“ (97). Im Grunde gibt es keinen Beweis dafür, dass Tituba oder John jemals in okkulte Praktiken verwickelt waren, bevor sie von Sibley darum gebeten wurden, und es gibt ausreichende Indizienbeweise, um anzunehmen, dass sie es nicht waren.

Interessanterweise hat sich Titubas und Johns Rasse und ethnische Zugehörigkeit seit der Zeit der Prozesse signifikant weiterentwickelt. In zeitgenössischen Berichten wurden sie verschiedentlich und zweifelsfrei als „Indianer“ bezeichnet. Beim Wiedererzählen der Geschichte allerdings veränderten die Autoren sie schrittweise in Richtung einer afrikanischen Abstammung. In „Giles Corey of the Salem Farms“, geschrieben 175 Jahre nach den Prozessen, beschreibt Henry Wadsworth Longfellow Tituba als Tochter einer indianischen Mutter und eines „vollkommen schwarzen“ Vaters, der ihr Obeah-Magie (Obeah: Westindischer Schamanismus) beibrachte (113), und als Arthur Miller 1952 The Crucible (Hexenjagd) schrieb, weitere 85 Jahre nach Longfellow, war aus Tituba eine „Negersklavin“ (7) geworden, die den Mädchen Hühnerblut zu trinken gegeben hat, sie dazu aufforderte nackt im Wald zu tanzen und „bekannt dafür war, mit ihnen zusammen der Hexerei gefrönt zu haben“ (33). Chadwick Hansen verfolgt die Entwicklung von Titubas Rasse und der Art der ihr zugeschriebenen Hexerei in „The Metamorphosis of Tituba, or Why American Intellectuals Can’t Tell a Witch from a Negro“ (Die Metamorphose von Tituba oder Warum amerikanische Intellektuelle eine Hexe nicht von einem Schwarzen unterscheiden können) zurück:

Über die Jahre hat sich die Art und Weise der Magie, die Tituba ausgeübt haben soll, durch die Historiker und Dramatiker von englischer über einheimische hin zu afrikanischer Magie gewandelt. Noch aufschreckender ist, ihre eigene Rasse wurde verändert von einheimisch, zu halb-einheimisch und halb-schwarz zu schwarz … Es gibt keine Beweise, die diese Veränderungen unterstützen, aber man kann eine aufschlussreiche Lektion in amerikanischer Geschichtswissenschaft darin erkennen. (3)

Hansen merkt in den 1950ern an: „Titubas Magie ist schwärzer, genau wie ihre Rasse“ (10) und sie wird als Eingeweihte des Voodoo beschrieben, obwohl es keine Belege dafür gibt und sie zu jener Zeit auch nicht wegen Ausübung des Voodoo-Kultes angeklagt war.

Nach dem Vorfall mit dem Hexenkuchen verschlechterten sich die Symptome des Mädchens, es wurden andere Mädchen und Frauen angesteckt und die Hexenjagd ging richtig los.

Rev. Parris schlug Tituba, bis sie zugab, den Hexenkuchen gebacken zu haben, sich aber nicht mit Hexerei beschäftigen würde, woraufhin er sie dann den örtlichen Behörden übergab, die mit einer Befragung begannen. Tituba wurde über eine Zeitspanne von fünf Tagen befragt und irgendwann wurde sie, gemäß Breslaw, einer „sorgfältigen und erniedrigenden“ Untersuchung ihres nackten Körpers unterzogen, „einschließlich des Genitalbereiches, um nach Zeichen einer ‚Hexen-Zitze‘ oder irgendeinem Hinweis dafür zu suchen, an dem der Legende nach der Teufel und seine Vertrauten ihre Konvertiten säugten“ (131). Als diese Untersuchung fehlschlug, da sie ihnen nicht den gewünschten Beweis verschaffte, wurde sie noch für mindestens ein weiteres Mal einer Überprüfung unterzogen. Breslaw merkt an, dass diese Art der körperlichen Kontrolle ebenfalls von einer europäischen Vorstellung über Hexerei abstammte. „Derartige Kennzeichen wurden traditionell sowohl in England, als auch in Neuengland als empirischer Beweis einer teuflischen Verbindung gesehen.“

Schließlich wurde Tituba wegen „Verdacht auf Hexerei“ vor den Richter gebracht (Warrant 2004, 78) und ihre Aussage elektrisierte die Menschenmenge, die das Gasthaus belagerte, in dem die Befragung stattfand. Sie gestand, und das auf spektakuläre Art und Weise. Als sie Rev. Parris’ Anschuldigungen des Zusammenarbeitens mit dem Teufel leugnete, hatte er ihr Leugnen als Trotz gedeutet und sie umso härter bestraft. Die Richter hatten mindestens zwei erniedrigende Untersuchungen für sie angeordnet und schienen versessen darauf zu sein, wie Rev. Parris entweder ein Geständnis zu erlangen oder einen anderen Schuldbeweis. Es war klar, dass das Leugnen der Anschuldigungen sie nicht schützen würde. Aus komplizierten Gründen also, die weit davon entfernt waren klar zu sein, gestand Tituba das Verbrechen der Hexerei. Allerdings tat sie noch mehr als das. Sie war eine begabte Geschichtenerzählerin, die es genoss, Betty und anderen Mädchen Geschichten zu erzählen, und sie fesselte ihre Zuhörer mit ihrem Geständnis – einem Talent, das sie wahrscheinlich vor dem Galgen bewahrt hat wie Breslaw erklärt:

Tituba, die Geschichtenerzählerin, verlängerte ihr Leben 1692 durch ihre phantasievolle Fähigkeit, einfallsreiche Erzählungen zu erfinden und auszuschmücken. Während des Vorgangs, in dem sie ihre fantastischen Erfahrungen zugab, erschuf sie einen neuen Ausdruck des Widerstandes gegen beleidigende Behandlung und bereitete unbeabsichtigt den Weg für andere unschuldig des schrecklichen Verbrechens der Hexerei Angeklagte. Ihr Widerstand, eine kalkulierte Manipulation puritanischer Ängste, war aufs engste mit ihrer ethnischen Herkunft verbunden. Puritaner waren empfänglich dafür zu glauben, dass Indianer freiwillig am Teufelskult teilnahmen. Diese Vorstellung von Indianern als Unterstützer des Teufels ermutigte Tituba dazu, ihre Phantasien einer teuflischen Handlung zu befeuern. Indem sie zögernd auf puritanische Annahmen bezüglich des Satanismus einging bediente Tituba sich für die wundersamen Details einer Geschichte der Erinnerungen aus ihrem zurückliegenden Leben, die so beängstigend in ihrer Tragweite waren, dass sie als Zeugin dafür am Leben gelassen wurde.

Während sich Tituba also den Forderungen ihrer Ankläger ergab und ein Verbrechen zugab, dass sie nicht begangen hatte, deutet Breslaw an, dass ihre Kapitulation selbst eine Art des Widerstandes war – „ein neuer Ausdruck des Widerstandes“ – der die Ängste der Einwohner aufgriff, sie verstärkte und diese überdimensionierte Furcht dann auf ihre gebannten Zuhörer zurückwarf. Mit anderen Worten, wenn die Einwohner von Salem sie misshandelten und belästigten, bis sie ihnen eine Hexengeschichte erzählen würde, dann würde sie ihnen eben eine Hexengeschichte geben – eine Geschichte „so beängstigend in ihrer Tragweite“, dass ihnen die Haare zu Berge stehen würden und die sie zögern lassen würde, sie noch einmal zu missbrauchen.

Tituba and the Children-Fredericks


Was also kann uns diese Geschichte von Tituba über Michael Jackson lehren? Da sind viele offensichtliche Zusammenhänge zum Fall Jackson, von der Empfänglichkeit an ihre Schuld zu glauben, die Leibesvisitation und Untersuchung der Genitalien durch die Obrigkeit, die Anspielung auf Voodoo-Praktiken durch spätere Chronisten ihrer Geschichte. Aber es gibt noch weitere, weniger offensichtliche Parallelen, die auf vielfältige Art sogar noch signifikanter sind, solche, wie etwa ihre künstlerischen Fähigkeiten und ihr Schmieden „einer neuen Ausdrucksform des Widerstandes“. Diese Elemente von Titubas Geschichte – ganz besonders ihre Fähigkeit, ihre Zuhörer zu fesseln und deren Vorstellungen zu beschäftigen – treffen ebenso auf Jackson zu und sie haben die Macht, nicht nur umzugestalten, wie wir ihn als Mensch und als Künstler wahrnehmen, sondern auch, wie wir Kunst selbst definieren und begreifen, wie Jackson selbst in Ghosts demonstriert.


Ghosts

Im Jahr 1997 reagierte Jackson auf das Klima der ihn verschlingenden Hysterie mit einem 38-minütigen Film: Michael Jackson’s Ghosts. In der Hauptrolle sieht man einen Künstler, einen „Maestro“, wie es im Begleittext heißt, der es liebt, Kindern Geschichten zu erzählen – genau wie Tituba. Er ist ebenfalls von seiner Rasse und Herkunft unbestimmt und wird von seinen Nachbarn als verstörend anders wahrgenommen – wiederum genau wie Tituba, besonders wie die Figur der Tituba, die sich für uns über die Jahrhunderte erhalten hat. Und wie bei Tituba entzündet die Gefahr, dass diese mehrdeutige Person – eine Person, die kulturell als das Andere gekennzeichnet ist – die Gedanken der Kinder verdirbt, die Massenhysterie. (Der Maestro erzählt auch einem schwarzen Kind Geschichten, aber deswegen bekommt er keinen Ärger. Wie der Film deutlich macht, wird er angegriffen, weil er zwei weiße Jungen den Geistergeschichten aussetzt.)

Normal people_screen-shot-2014-09-23-at-6-08-44-pm

Die Geschichte beginnt mit einer Horde ängstlicher, aufgebrachter Dorfbewohner, die mit Fackeln in der Hand in das Zuhause des Maestros eindringen, mit der Absicht, diesen aus dem Ort zu jagen. Der Maestro jedoch reagiert auf unerwartete Weise: Zehn Mal maskiert, verzerrt oder zerstört er das Aussehen seines Gesichtes und enthüllt danach, dass alles nur eine Sinnestäuschung war. (Interessant ist, dass er drei Mal ohne Nase erscheint, zweimal nur mit einer unvollständigen Nase und dass seine Nase einmal direkt vor unseren Augen zerfällt.) Diese aufsehenerregende Reaktion dient mehreren wichtigen Funktionen. Zuerst einmal schockiert es die Dorfbewohner, bringt die Denkweise, von der die Menschenmenge ergriffen war, durcheinander und entschärft ihren Angriff. Zweitens fängt sie die unbestimmten Ängste der Dorfbewohner ein, lokalisiert diese Ängste und erschafft damit einen ziemlich harmlosen Kanal, durch den diese unruhigen Emotionen abgeleitet werden können, was auf komplexe Weise dazu dient, ein gewisses Maß an Kartharsis zu ermöglichen. Und schließlich erlaubt es dem Maestro etwas Kontrolle über die Situation zu erlangen, so dass er dann seine Kunst dafür nutzen kann, die Reaktionen der Dorfbewohner zu verändern, indem er nicht nur ihre Angst vor ihm umwandelt, sondern ihre Angst vor dem Anderssein generell. (Außerdem thematisiert besonders der Verlust seiner Nase die Besessenheit der Polizei und der Öffentlichkeit im Hinblick auf Jacksons Sexualität und Anatomie, da, wie Mikhail Bakhtin uns erzählt, „die groteske Darstellung der Nase … immer den Phallus symbolisiert“ (316).)

Ghosts-michael-jacksons-ghosts-14390697-510-355


Bemerkenswerterweise scheint Jackson fern der Leinwand eine ähnliche Strategie einzusetzen. Besonders in den späten 1990ern veröffentlichen die Klatschpresse und auch die Mainstreammedien zahlreiche Berichte darüber, dass Jackson durch obsessive Gesichtsoperationen die natürliche Schönheit seines Gesichtes zerstört habe: Er habe seine Stirn angehoben, seine Augen vergrößert, seine Wangenknochen markanter machen lassen, seine Lippen schmaler machen als auch vergrößern lassen (beide Eingriffe wurden mit größter Überzeugung behauptet), sein Kinn vergrößert, seine Kieferpartie kantiger machen lassen und grundsätzlich seine alte Nase entfernt und begonnen, stattdessen eine prothetische Nase zu nutzen. Diese Geschichte bekam zu großen Teilen durch Jackson selbst neue Nahrung, sie wurde aber in den Printmedien, dem Fernsehen und den Online-Medien vom Rolling Stone bis zu The Russia Journal, von TMZ bis The New York Times aufgelesen und aufgebauscht.

Wichtig ist, dass Jackson, wie der Maestro, die Illusion, dass er sein Gesicht verzerrt und zerstört habe, sowohl unterstützt als auch negiert hat. Er trug zum Beispiel gelegentlich Verbände, obwohl dazu kein medizinischer Grund bestand, wie drei seiner Bodyguards – Bill Whitfield, Mike Garcia und Javon Beard – Ashleigh Banfield in einem Interview am 9. März 2010 bei Good Morning, America erzählten:

Banfield: Verdeckte er mit den Verbänden eine Verletzung?
Whitfield: Nein, die Verkleidung war für ihn der Brandopfer-Look.
Banfield: Es war eine Verkleidung?
Whitfield: Für ihn war es eine Verkleidung.
Banfield: Als ihr gesehen habt, wie er die Treppe herunter gekommen ist, bereit, um mit den Verbänden ins Auto zu steigen, was habt ihr da gedacht?
Whitfield: Dass irgendetwas mit ihm ist.
Garcia: Yeah, was ist los?
Whitfield: Yeah, irgendwas ist los.
Banfield: Habt ihr es ihm jemals gesagt?
Beard: Wie sollte man ihm das sagen? Er kam herunter mit den Kindern, also konnte wir nicht so etwas sagen wie: „Was zum Teufel haben Sie gemacht, Sir?“

Durch derartige irreführende Aktionen, bei denen er häufig sein Gesicht hinter Masken oder Verbänden versteckte oder durch Make-up fremdartig verändert hatte, schürte Jackson selbst die Gerüchte der umfangreichen und ständigen Gesichtsoperationen.

Gleichzeitig sagte er aber immer, dass er nur sehr wenige Operationen hatte, und seine Mutter bestätigte dies nach seinem Tod. In einem Interview am 8. November 2010 fragte Oprah Winfrey sie: „Als er mit anderen Operationen weitermachte und sein Aussehen veränderte, hatten Sie da das Gefühl, Sie müssten ihm etwas dazu sagen?“ Mrs. Jackson antwortete: „Er hatte weitere Operationen an seiner Nase, aber alles andere hat er nicht getan, mit Ausnahme seiner Vitiligo.“ Ergänzend lässt sich sagen, dass viele von Jacksons Fans schon seit langem behaupten, dass er nur wenige Operationen hatte, und die fotografischen Belege unterstützen dies.

Manchmal erscheint sein Gesicht auffallend fremd, fast unerkennbar. Sogar sein Bruder Jermaine schreibt in seinem Buch You are Not Alone: Michael, through a Brother’s Eyes, dass er ihn bei mindestens einer Gelegenheit nicht erkannt hat. Während einer Pause bei einem von Jermaines Konzerten sagte ihm ein „blass aussehender weißer Mann, altersmäßig in den Vierzigern, mit einem Hut und einem etwas langem Gesicht“, dass er „ein großer Fan“ sei (275). Jermaine schüttelte seine Hand und dankte ihm, „und alle brachen in Gelächter aus“. Der „blass aussehende weiße Mann“ war sein Bruder Michael. Hier ist ein Bild von Michael Jackson, das in jener Nacht in Jermaines Garderobe aufgenommen wurde:

1986

Wie man an diesem Bild sieht sind es nicht nur oberflächliche Merkmale wie die Farbe seiner Haut, die sich verändert hat, sondern ebenso die scheinbare Gesichtsstruktur. Sein kantiges Kinn ist viel mehr gerundet, fast wie geschwollen und erscheint irgendwie länger. (Darum beschreibt Jermaine ihn wahrscheinlich mit einem „etwas langem Gesicht“.“) Die Vertiefungen unter seinen Wangenknochen sind verschwunden, und seine Wangen sehen sehr viel voller aus – eher so wie zu der Zeit, als er ein Kind war. Seine Augenbrauen haben nicht mehr diesen hohen Bogen, den er von seinem Vater geerbt hat. Und die Form seiner Nase ist vollkommen anders: Seine Nase sah nie wie hier aus, weder vor noch nach einer Operation. Jermaine schreibt, dass sogar, nachdem er sein Gesicht intensiv angestarrt hatte, es immer noch „unglaublich unkenntlich“ war (275). Dies war im Mai 1986, nur 2 ½ Jahre, nachdem Thriller veröffentlicht worden war und lange bevor der Skandal um die Gesichtsoperationen zur Besessenheit der Medien wurde, jedoch war Jackson sehr geschickt mit Verkleidungen und nutzte sie oft. Jermaine schreibt weiter: „Es war diese Verkleidung, zusammen mit weiteren, die es ihm erlaubte sich unter Menschenmengen an Orten wie Wien oder Barcelona zu mischen und Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.“

Diese Fähigkeit, seine Erscheinung so zu maskieren, dass nicht mal sein eigener Bruder ihn erkennen konnte – wobei er sogar seine Gesichtszüge und die sichtbare Struktur seines Gesichtes veränderte – wirft einige sehr faszinierende Fragen auf, ganz besonders im Licht des künstlerischen Vorgehens, das er für Ghosts ausarbeitet. Hatte Michael Jackson umfangreiche Gesichtsoperationen in den 1990er und 2000er Jahren, wie die Klatschpresse und sogar die Mainstreammedien immer wieder und wieder berichteten? Oder war der Skandal um die plastischen Operationen eine extreme Form von Performance Art (Aktionskunst)? War es eine spezifische Darstellung, die entworfen wurde, um wichtige emotionale und psychologische Veränderungen in uns, seinem Publikum, hervorzurufen – einem Publikum, das wie die Dorfbewohner in Ghosts einen „Maestro“ mit irrationalen und hysterischen Ängsten bedrohte?

Die fotografischen Belege geben faszinierende Hinweise. Hier sind beispielsweise zwei Fotos, aufgenommen 1987 und 2003 – eine 15-jährige Zeitspanne, in der Jackson Berichten zufolge nicht weniger als 50 Gesichtsoperationen gehabt haben soll – und auf den ersten Blick scheint sich sein Gesicht radikal verändert zu haben:

Stillwater 1987 2003

Eine nähere Untersuchung zeigt jedoch, dass es, wie in Ghosts, nur eine Sinnestäuschung ist – hauptsächlich der geschickte Einsatz von Irreführung und Make-up – nicht von plastischer Operation. Wenn wir seine Gesichtszüge von 1987 mit denen von 2003 vergleichen, sind sie identisch. Seine Stirn, Augen, Wangen, Lippen, Kinn und Kieferpartie sind unverändert. Selbst seine vielgeschmähte Nase sieht ziemlich gleich aus.

Hier sind drei weitere Bilder, aufgenommen aus einem anderen Winkel. Diese Bilder decken sogar noch einen längeren Zeitraum – 26 Jahre – ab, aber wieder erscheinen seine Gesichtszüge unverändert:

Stillwater 1983 1999 2009

Das erste ist ein ungestelltes Foto, aufgenommen 1983, dem Jahr, in dem Thriller gefilmt wurde. Das zweite ist ein Filmausschnitt aus einem MTV Interview von 1999 auf dem Höhepunkt des Skandals um die Gesichtsoperationen. Und das dritte ist ein unbemerkt aufgenommenes Foto von 2009, nicht lange vor seinem Tod. Jedoch außer der kleineren Nase und einem Kinngrübchen – Änderungen, die Jackson bereits in seiner 1988 veröffentlichen Biografie Moonwalk (229) einräumte – sehen seine Gesichtszüge auf diesen drei Bildern gleich aus. Ich erkenne keine Veränderung an seiner Stirn, seinen Augen, seinen Wangen, seinen Lippen, seiner Kinnpartie. Und wenn ich Videodokumente über die ganzen Jahre verteilt von ihm betrachte, ist sein Gesicht ausdrucksstark und lebhaft. Es ist nicht das „erstarrte“ Gesicht der plastischen Chirurgie. Alles zusammen genommen widerspricht das Beweismaterial aus Fotografien und Videos den zügellosen Medienberichten, dass er sein Gesicht durch obsessive Gesichtsoperationen „verwüstet“ habe und bestätigt, was Jackson selbst und viele seiner Fans lange sagten: Er änderte in den 1980er Jahren die Form seiner Nase und fügte ein Kinngrübchen hinzu, nahm darüber hinaus aber keine auffälligen strukturellen Veränderungen vor.

Wie die unbegründeten Anschuldigungen der Hexerei im Jahr 1692 und der Belästigung 1993 stellten die Beschuldigungen der ausgiebigen Gesichtsoperationen in erster Linie einen Fall der Massenhysterie dar. Aber wie Tituba 300 Jahre zuvor übernahm Jackson zu einem gewissen Grad die Kontrolle über diese Beschuldigungen und schrieb dann, mithilfe seiner Begabung als Geschichtenerzähler und Künstler, die Geschichte um, um unsere eigenen Ängste auf uns zurück zu werfen. Wenn wir mit anderen Worten darauf bestanden er sei ein Monster, dann gab er uns ein Monster. Wie Tituba akzeptierte und lebte er die Rolle des Andersartigen, die ihm auferlegt worden war und fesselte uns dann dadurch, dass er unsere eigenen Phantasien zum Leben erweckte und ihnen albtraumartige Ausmaße gab. Es gibt jedoch einen entscheidend wichtigen Unterschied zwischen ihnen: Während Tituba die Hysterie, die sie und andere Einwohner von Salem bedrohte, unbeabsichtigt hervorgerufen hatte, lenkte Jackson diese um und verbreitete sie. Wie er in Ghosts andeutet, nahm er den Skandal um die Gesichtsoperationen als ein Gegenmittel für die Massenhysterie rund um die Anklagen, er habe ein Kind belästigt, in Beschlag, und nutzte faktisch den einen Skandal als Feuerschneise, um den anderen unter Kontrolle zu halten.(7)

Daher bietet Ghosts faszinierende Einblicke in Jacksons Analyse seines ganz speziellen Falles ebenso wie in Fällen von Massenhysterie im Allgemeinen und postuliert den Skandal um die Gesichtsoperationen als künstlerische Antwort auf diese Hysterie. Im Laufe der Zeit verwandelte Jackson sein Gesicht in ein machtvolles Kunstwerk, welches das Gruppendenken entlarvt, das der Massenhysterie zugrunde liegt und enthüllt damit, wie sehr unsere Vorstellungen unsere Wahrnehmung beeinflussen. In der Tat wurde sein Gesicht zu einem Spiegel, der die Voreingenommenheit jedes einzelnen Betrachters widerspiegelte. Diejenigen, die von der Boulevardpresse dazu gebracht worden waren, ein durch Operationen zerstörtes Gesicht zu sehen, erkannten ein durch Operationen zerstörtes Gesicht, während diejenigen, die fähig waren, ein schönes Gesicht zu sehen, ein schönes Gesicht erkannten. Dies wiederum spiegelte weitere Vorurteile, die Betrachter auf ihn projizierten. Jene, die glaubten, er sei ein Freak und ein Pädophiler, sahen einen Freak und Pädophilen. Jene, die glaubten, er sei ein Opfer, erkannten ein Opfer. Und jene, die glaubten, er sei ein Verteidiger der Schwachen, der Unterdrückten und allen durch Angst oder Vorurteilen ausgestoßenen – besonders durch Vorurteile aufgrund von Andersartigkeit und dem „angemessenen“ Ausdruck bezüglich Rasse, Geschlechterzuordnung und Sexualität – erkannten einen Verteidiger.

Offensichtlich war diese Funktion des Reflektierens vorgefertigter Vorstellungen, die ihm aufgebürdet wurden, kein Zufall. Jackson scheint seine Absichten in „Is It Scary“, einem der Songs in Ghosts, ziemlich ausführlich zu erklären:

Ich werde genau das sein
Was du sehen willst
Du bist es, der mich jagt
Denn du willst,
Dass ich der Fremde in der Nacht bin
Amüsiere ich dich?
Oder verwirre ich dich nur?
Bin ich die Bestie, die du dir vorstellst?
Und wenn du
Exzentrische Seltsamkeiten sehen willst
Werde ich grotesk sein vor deinen Augen
Lass‘ sie alle zur Realität werden (Jackson 1997a)

Folglich werden jene, die darauf bestehen, in ihm eine „Bestie“ und einen Pädophilen zu erkennen – einen „Fremden in der Nacht“ – eine Reflexion der abscheulichen Vorstellung sehen, die sie ihm auferlegen. Er singt mehrmals „Ich werde genau das sein / Was du sehen willst“. Er sagt außerdem voraus, dass „wenn du exzentrische Seltsamkeiten sehen willst / Werde ich vor deinen Augen grotesk sein“ – eine Vorhersage, die sich für viele Betrachter als wahr erwies. (8) Er sagt jedoch auch weiter, dass unterschiedliche Leute unterschiedliche Dinge sehen werden, basierend auf ihren Erwartungen:

Bist du also zu mir gekommen

Um deine Phantasien zu sehen

Die sich genau vor deinen Augen abspielen?

Ein unvergesslich gespenstisches Vergnügen

Der schaurige Betrug

Und tanzende Geister in der Nacht?

Wenn du aber zu mir kommst

Um die Wahrheit und die Reinheit zu sehen

Sie sind hier in einem einsamen Herzen

Also lass‘ die Vorstellung beginnen

Jene also, die „zu mir kommen“ und „ein unvergesslich gespenstisches Vergnügen“ erwarten, die werden Zeugen des köstlich beängstigenden Spektakels werden, das sie erwarten, während diejenigen, deren Denkansatz es ist, bei ihm „Wahrheit“ und „Reinheit“ zu sehen, diese „in einem einsamen Herzen“ finden werden.

Nachdem er seine Absichten erklärt hat, fordert er uns mit drei unbequemen, aber entscheidend wichtigen Fragen heraus:

Also sag‘ mir
Ist dies unheimlich für dich, Baby?
Sag‘ mir
Also sag‘ mir
Ist das Realismus für dich, Baby?
Bin ich unheimlich für dich?

Zusammen genommen zwingen die Lyrics von „Is It Scary“ uns, alles, was wir dachten über Michael Jackson zu wissen, zu überprüfen. War sein Leben, so wie es in den Medien dargestellt wurde, real oder war es „Realismus“ – eine künstlerische Schöpfung, maskiert als Realität? Waren die Geschichten der „exzentrischen Seltsamkeiten“ real oder waren sie „makabrer Betrug“? Mit anderen Worten, bis zu welchem Ausmaß basierte die Geschichte von Michael Jackson, wie sie in den Medien dargestellt wurde, auf Tatsachen, und in welchem Ausmaß war es eine „Vorstellung“, inszeniert durch eine vollkommen neue Art von Künstler – ein Künstler, der, wie Tituba vor ihm, „einen neuen Ausdruck des Widerstands erschuf“?

Ich glaube, dass sich Jackson im Verlauf seiner Karriere, beginnend in den 1980ern mit den Artikeln in der Boulevardpresse über die Sauerstoffkammer und die Knochen des Elefantenmenschen und den Schimpansen Bubbles und darüber hinaus für den Rest seines Lebens aktiv mit einem neuen Kunstgenre beschäftigt hat – eins, bei dem seine Mittel nicht aus Musik oder Malerei oder Film bestanden, sondern aus Paparazzi, Klatschpresse, Celebrity-Fernsehshows und sogar der Mainstreampresse. (9) Sie alle wurden zu seiner Palette, um eine neue Kunst des Berühmtseins und der Identität auszudrücken. Durch sie erschuf er eine kurzlebige öffentliche Rolle, die durch ihre „exzentrischen Seltsamkeiten“ auffiel, verkörpert durch sein ständig präsentes, sich jedoch ständig änderndes Gesicht und einen ebensolchen Körper: Ein öffentliches Image, das einerseits omnipräsent, jedoch auch vielgestaltig ist, unmöglich ihm zu entkommen, jedoch auch unmöglich zu (be-) greifen, auf intime Art vertraut und doch erschreckend ungewohnt.

Wir können die Ursprünge dieser neuen Kunstform, wenigstens einige Aspekte davon, über viele Jahre zurückverfolgen. Die Kultivierung eines Bad-Boy-Images erstreckt sich mindestens zurück bis zu den Dichtern der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts. Es galt besonders für Byron und Shelley, dass ihre gewagte öffentliche Rolle mit ihrer Kunst verflochten war. Und es gibt da insbesondere einen modernen Künstler, dessen Werk das Jacksons vorausnimmt: Der Papst des Pop, Andy Warhol. Wie Jackson kultivierte Warhol sowohl eine rätselhafte öffentliche Rolle wie auch ein exzentrisches öffentliches Erscheinungsbild. Interessanterweise litt Warhol an Autoimmun-Erkrankungen, die die Pigmentierung seiner Haut angriffen. Er mochte ebenfalls die Form seiner Nase nicht und hat sie Berichten zufolge durch plastische Chirurgie kleiner und schmaler machen lassen. Die Dokumentation von 2001 Andy Warhol: The Complete Picture beinhaltet Fotografien von Warhol aus den 1950ern, die große weiße Flecken auf seinen Wangen und seinem Hals zeigen. Sie enthält Interviews mit Freunden und Auftraggebern aus seiner frühen Karriere, in denen ausgesagt wird, er habe sich mit seinem Erscheinungsbild sehr unwohl gefühlt, insbesondere mit seiner „knolligen“ Nase und der ungleichmäßigen Pigmentierung seiner Haut. Vielleicht begann er, wenigstens zu einem Teil durch dieses Unbehagen hervorgerufen, damit, mit seinem Gesicht und seinen Haaren zu experimentieren, entwickelte schrittweise einen Look, der extrem blasse Haut mit dunklen, dramatischen Augenbrauen und einer Reihe eigenwilliger Perücken kombinierte. An einem gewissen Punkt begann Warhol sein öffentliches Erscheinungsbild als Teil seiner Kunst zu betrachten und rahmte sogar einige seiner Perücken ein, um Betrachter aufzufordern, sein Erscheinungsbild als Kunst anzusehen.

Jackson charakterisierte, gemäß Dr. Arnold Klein, seinem Dermatologen, sein eigenes Gesicht ebenso als Kunstwerk. In einem Interview am 5. November 2009 erzählte Klein Harvey Levin von TMZ, dass Jackson „sein Gesicht als Kunstwerk ansah. Das muss man (erst mal) verstehen … Es ist schwer … das zu verstehen, aber er sah sein Gesicht wirklich als ein Stück Kunst, ein sich ständig entwickelndes Kunstwerk.“ Jackson deutet dies auch unterschwellig in seinen Kurzfilmen an, besonders in Ghosts, Scream und Black or White. Und er scheint Warhols Einfluss in Scream zu würdigen, als er in seiner Leinwandrolle drei Bilder betrachtet: Ein abstraktes Gemälde von Jackson Pollock, ein surrealistisches Gemälde von René Magritte und ein Selbstportrait von Andy Warhol – genauer gesagt, eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Warhols Gesicht. Es scheint in diesem Zusammenhang bedeutsam zu sein, dass Jackson nicht eines von Warhols Gemälden oder Siebdrucken in diese Abfolge einbezogen hat. Vielmehr wählte er ein Foto seines Gesichts und deutete damit an, dass er Warhols Gesicht als ein bedeutendes Kunstwerk betrachtete – so bedeutend wie die Gemälde von Pollock und Magritte.(10)

andy_warhol_denied

All dies führt zu einer drastisch erweiterten Beschreibung der Bandbreite von Jacksons Kunst, eines Neuziehens der Grenzen seiner Karriere, um nicht nur seine Verdienste für populäre Musik, Tanz, Film und Mode einzubeziehen, sondern auch seine Entwicklung einer äußerst komplexen Kunstform über Prominenz und Identität – einer Performance von Identität, welche die normierten Auffassungen von Rassendefinition, Geschlechterzugehörigkeit, Sexualität, Nationalität, Religion, Familie und andere patriarchalische soziale Strukturen in Frage stellt, während sie sich der Vorstellung des „Normalen“ erbittert entgegenstellt. Basierend auf dieser erweiterten Definition seiner Kunst bin ich zu dem Schluss gekommen, Michael Jackson als den bedeutendsten Künstler unserer Zeit zu sehen, wobei der King of Pop den Papst des Pop mit der Reichweite seines künstlerischen Verständnisses, der Bedeutung seiner Ideen und der durch ihn hervorgerufenen tiefgreifenden kulturellen Veränderungen, besonders bezüglich der Art und Weise, wie wir Andersartigkeit wahrnehmen und erfahren, übertrifft. Ich vermute, zukünftige Generationen werden zurückblicken und sein sich änderndes Erscheinungsbild und die „exzentrischen Seltsamkeiten“ völlig anders interpretieren, als wir es heute tun, und ich glaube, dass sie sein Gesicht als sein Meisterwerk betrachten werden.

Jedenfalls ist sein Gesicht – oder genauer, die Art, auf die er unsere sich ständig ändernde Wahrnehmung seines Gesichts choreografierte – ein künstlerisches Werk, das anders ist als alles, was wir bisher gesehen haben, in einem Ausmaß und Genre, wie wir es nie vorher gesehen haben, und ich glaube, es hat das Potential auf fundamentale Art zu verändern, wie wir unsere Welt wahrnehmen, deuten und erfahren. Es ist ein Werk, das einige unserer am tiefsten verwurzelten Vorurteile hervorruft und anzweifelt, indem es uns zwingt, unsere eigenen Überlegungen und Beweggründe, Reaktionen und Ansichten zu hinterfragen. Als wir beispielsweise mit der sich ändernden Farbe seiner Haut konfrontiert wurden, was fühlten wir da genau? (Mitleid? Verachtung? Scham? Trauer? Verlegenheit? Schuld? Vielleicht sogar selbstgefällige Überlegenheit?), und was sagen uns diese Emotionen darüber, wie wir Rassenunterschiede lesen und deuten? Als wir den Skandal um seine angeblichen Gesichtsoperationen und andere Skandale bewerteten, wem glaubten wir da, wem begegneten wir mit Skepsis und Geringschätzung, und auf welcher Grundlage trafen wir diese Unterscheidung? Und als wir über die Vorstellung eines schwarzen Mannes nachdachten, „der langsam weiß wird“, was war daran denn bedrohlich – so bedrohlich, dass er dafür mehr als zwei Jahrzehnte lang heftig getadelt wurde – und was erklärt das ziemlich fieberhafte Beharren darauf, dass ein schwarzer Mann schwarz bleiben muss? Sein sich ständig veränderndes Gesicht – oder besser, unsere sich ständig verändernden Interpretationen seines Gesichts, da sich sein tatsächliches Gesicht nur sehr wenig verändert hat – ist ein Werk, das die Wahrnehmung aus dem Gleichgewicht bringt, die Verbindungen zwischen Merkmal und Bedeutung ausfranst und den vielen kulturellen Erzählungen, die ihm und seinem Körper auferlegt wurden, trotzt: Erzählungen über Rasse und Geschlechterzuordnung, Sexualität und Kriminalität, und schließlich über Identität selbst. Es ist ein Werk, so revolutionär, das es neue Methoden und neue Interpretationsstrategien erfordert, damit es verstanden werden kann.

Die vorbereitenden Stufen der Entwicklung neuer kritischer Annäherungen an die Interpretation der kulturellen Bedeutung Jacksons – besonders der Bedeutung seines Gesichtes, seines Körpers und allgemeiner seines öffentlichen Images – haben bereits begonnen. Es wird nun immer häufiger Kritik laut, die Jackson in einem gewissen Maß ein Einwirken auf die Erschaffung und Kultivierung seiner Rolle zugesteht, und einige dieser Analysen fangen damit an, sein öffentliches Gesicht und seine „exzentrischen Seltsamkeiten“ sowohl als grenzüberschreitend, als auch als möglicherweise befreiend auszuloten. Im Allgemeinen ist es jedoch bei den Kritikern so – sowohl bei jenen der akademischen Welt als auch jenen der Mainstreammedien, dass auch diese Autoren – ohne Ausnahme – an die falsche Erzählung der exzessiven und ständigen, ja sogar selbstverstümmelnden Gesichtsoperationen glauben. Das Ergebnis ist, dass sie in Jacksons Gesicht ausnahmslos den Beweis für etwas Pathologisches / Krankhaftes sehen – eine Einförmigkeit der Meinungen, die Jacksons Fans verärgert. Dieses angeblich Krankhafte beinhaltet Hass auf sich selbst, auf seinen Vater, seine Rasse; einen Fetisch für Jugend, Peter Pan, Diana Ross; eine krankhafte Furcht vor dem Erwachsensein, einschließlich sexueller Reife und möglichen Änderungen seiner Stimme; einer krankhaften Angst vor Falten und dem Alter; Anzeichen körperlichen Missbrauchs in der Kindheit, psychischen Missbrauchs, möglicherweise sexuellen Missbrauchs; einer an die Arbeit und die Bühne verlorenen Kindheit; die Isolation und Anbetung des Berühmtseins; einem obsessiven Perfektionismus einhergehend mit einer diffusen „Abhängigkeit“ von plastischen Operationen; ebenso wie eher klinisch klingenden Diagnosen wie Narzissmus, Anorexie oder Bulimie und sogar dysmorphologischer Störungen. Die reine Anzahl und Verschiedenartigkeit dieser küchenpsychologischen Diagnosen unterstreicht bereits ihre spekulative Natur und deutet an, dass sie mindestens ebenso viel über die Ängste der Betrachter wie über die angenommenen inneren Dämonen des Betrachteten aussagen. Wenn wir allerdings diese Beurteilungen und die unrichtigen, ihnen zugrunde liegenden Annahmen einmal zur Seite schieben – nämlich, dass Jackson weitreichende und entstellende Gesichtsoperationen hatte – dann werden einige sehr interessante und bedeutende Arbeiten enthüllt.

In Negotiating Difference: Race, Gender, and the Politics of Positionality erschließt Michael Awkward Möglichkeiten, um Jacksons Gesicht als Kunstwerk sehen zu können – eines, das möglicherweise seine Kritiker dafür maßregelt, ihm ihre „begrenzten Auffassungen für das Schwarzsein“ aufzuerlegen:

Dient seine Haltung als Kritik an anderer Kritik durch Hinweise auf seine vermeintlichen Transformationen seiner rassenbezogenen Merkmale … dass der menschliche Körper zunehmend eine extrem gestaltbare Oberfläche repräsentiert und dass andere Versuche, seinen veränderten Zustand als eine Manifestation der Abwesenheit von Rassenstolz zu lesen, die sich ihrerseits in Begriffen von begrenzten Vorstellungen über das Schwarzsein bewegen? … Auf Arten, die mich möglicherweise zutiefst beeindrucken, könnte man sagen, dass Jacksons Image ein grundlegend künstlerisches Bestreben darstellt. (184)

Dies könnte eine ergiebige Herangehensweise sein, um damit anzufangen, Jacksons öffentliches Image als „ein grundlegend künstlerisches Bestreben“ zu verstehen, speziell seine Brüche darin, wie Rassen- und Geschlechterzugehörigkeit durch sein Gesicht und seine Persönlichkeit gekennzeichnet wurden: Nicht durch die Vermutung, was jene Störungen uns über Jacksons psychologischen Zustand verraten (Hasste er seinen Vater? Seine Rasse? Sich selbst?), sondern eher durch Analysieren dessen, warum diese Störungen solch enorme Angst in uns, seinem Publikum, erzeugen, und was diese Angst uns über unseren Bezug zu genormten Strukturen von Identität sagt.

Dies ist genau die Aufgabe, die Julie-Ann Scott sich selbst in „Cultural Anxiety Surrounding a Plastic Prodigy: A Performance Analysis of Michael Jackson as an Embodiment of Post-Identity Politics“ (Kulturelle Angst rund um ein künstliches Wunderkind: Eine Analyse der Darstellung Michael Jacksons als Verkörperung der Post-Identitätspolitik) gestellt hat. Während Scott zwar die Tendenz kritisiert, sein Gesicht als „die Manifestation persönlicher Psychosen“(169) zu sehen, kann sie sich doch leider nie selbst ganz von dieser Tendenz freimachen. (Sie bezieht eine ausführliche Diskussion über Body Dysmorphic Disorder in ihren Artikel mit ein.) Selbst das angegebene Ziel ihrer Untersuchung enthüllt, wie sehr ihr Projekt durch ein trauerndes Entsetzen über seine mutmaßliche Selbstzerstörung beeinflusst wird: „In dieser Analyse werde ich nicht nicht versuchen, Antworten dafür zu finden, warum Jacksons Gesicht sich veränderte … . Ich bin vielmehr daran interessiert, wie sich unsere Aufmerksamkeit zwischen dem Feiern seiner Musik und dem Betrauern seines sich verändernden Gesichts verschiebt“(168). Wenn wir das jedoch heraustrennen und uns auf die Sprache der Pathologie, die während ihres gesamten Artikels eingesetzt wird, einstellen, dann bietet Scott einige nützliche Einblicke in die performative Funktion von Jacksons öffentlichem Image an.

Scott behauptet zum Beispiel, dass seine Mehrdeutigkeit teilweise so bedrohlich ist, dass sie uns zwingt, die kulturellen Grundlagen unserer eigenen Identität zu hinterfragen – Fragen, die in diesem historischen Moment besonders nervenaufreibend sind, da wir danach streben zu leugnen, dass die Bedeutung Rasse und Geschlechterzugehörigkeit und Alter bei der Festlegung von Identität eine Rolle spielt:

In unseren Fragestellungen an Jackson, ob er versucht, weiß, feminin oder kindlich zu sein, legen wir unser eigenes Ringen mit diesen Einteilungen in Kategorien offen. Wenn ein Körper sich dem widersetzt, was als natürlich erachtet wird, dann sind wir gezwungen, Bedeutungen in Frage zu stellen, auf die wir uns im Lauf der Zeit verlassen haben, wir müssen mit der Zerbrechlichkeit dessen, von dem wir uns so schmerzhaft wünschen, dass es wahr wäre, klar kommen. Unser Geschimpfe über Jackson, er würde sich den Kategorien der Identität widersetzen, schält die Wichtigkeit, die wir ihnen in unserer täglichen Darstellung unseres Selbst und unserer Kultur geben, deutlich heraus, und erinnert uns daran, dass die Kategorien, von denen wir behaupten, sie wären für uns nicht relevant, doch immer noch eine Rolle für uns spielen, eine große Rolle.(178)

Während also Scott Jacksons Gesicht und öffentliche Rolle nicht als Kunst betrachtet, sondern eher als interessante Nebeneffekte seiner angeblichen psychischen Störungen, sieht sie trotzdem sein Gesicht und seine Rolle in einer Funktion, wie sie bedeutungsvolle Kunst oft innehat. Sie zwingen uns insbesondere dazu, einige unserer am tiefsten verwurzelten Vorstellungen und Thesen zu hinterfragen – kulturell entstandene Glaubensgrundsätze, die so fest verwurzelt sind, dass wir sie nicht mehr als kulturelle Konstrukte betrachten, sondern als etwas Wahres und Naturgegebenes, wie Scott beschreibt:

Immer wieder zitierte Performativitäten werden zu gemeinschaftlichem, kulturellen Verhalten, gemeinschaftlichen Erzählungen darüber, wer wir sind … . Verhalten, das diese Erzählungen herausfordert, so wie Jacksons sich veränderndes Gesicht, reißt Kategorien über Rasse, Geschlechterzuordnung und Alter auseinander (und) ihnen wird mit Widerstand begegnet, da wir alle gemeinsam damit ringen, das zu verteidigen, von dem wir zu wissen meinen, dass es wahr ist. (17, die Betonung stammt von ihr).

Auf diese Art betrachtet ist die Intensität der Gegenreaktion auf Jacksons sich entwickelndes öffentliches Bild für sich selbst genommen ein Beleg für die sich offenbarende Macht seines Gesichtes als Kunst. Scott schreibt: „Wir trachten nicht danach, Jackson einfach nur aus Neugierde oder Besorgnis als medizinisch und psychisch krank zu diagnostizieren, sondern eher um die verwirrende Macht seiner Darstellung abzumildern“(179) – einer „Darstellung“ von Identität, die ich Kunst nennen würde.

Harriet Manning räumt Jackson wesentlich mehr Willensentscheidung als Künstler ein und ordnet seine komplexe Inszenierung seiner Identität in Michael Jackson and the Blackface Mask in einen breiteren historischen Kontext ein. Aus Mannings Sicht stellt Jackson seine Identität als eine ständige Vermittlung zwischen den historischen Erzählungen, die ihm aufgezwungen wurden und den Gegenerzählungen, die er als Reaktion erschuf, dar. Mit dem Fokus in erster Linie auf Ghosts und den „Panther Dance“ vom Ende von Black or White interpretiert Manning Jacksons Gesicht und Tanzbewegungen so, dass sie das Erbe des Blackface Minstrelsy aktiv hervorrufen, sich damit verbinden und dieses dadurch untergraben – einem Erbe, das Weißen fast 200 Jahre lang erlaubt hat zu definieren, was es bedeutet schwarz zu sein. Manning schreibt in ihrer Analyse über Black or White und den seiner Veröffentlichung folgenden öffentlichen Aufschrei:

Jackson spielt im Panther Dance Vorstellungen über das Schwarzsein, konstruiert auf der Minstrel-Bühne von und für Weiße, durch, jedoch ist sein loyales Festhalten daran für diese heute offenbar intolerabel: Jacksons Streicheln seiner Brust und das Hochziehen seines Hosenreißverschlusses sind sträfliche Verstöße, dennoch war es diese Art Andeutung von Masturbation durch Schwarze, die in der klassischen Minstrel-Karikatur bewundert wurde. Die negative Reaktion ist widersprüchlich, nicht nur weil Jackson anderen außerhalb seiner eigenen Subjektivität das gibt, was sie traditionell konstruiert, verlangt und genossen haben, sondern auch weil solche Denkbilder über Schwarzsein und insbesondere schwarze Männlichkeit heute immer noch populäre Vorstellungen auf die gleiche Art prägen. (41)

Auf diese Art inszeniert Jackson einen bildlichen Ausdruck schwarzer männlicher Übersexualität in Form eines tobenden, kaum kontrollierten, selten gesättigten, animalischen Appetits – bildliche Ausdrücke, die auf der Minstrel-Bühne geformt wurden und heute immer noch sehr lebendig sind, wie Manning durch ihre Analyse des Hip Hop deutlich macht. (Wie Manning aufzeigt ist es diese Charakterisierung schwarzer Männlichkeit als übersexualisiert, gewalttätig, gefühllos, gleichgültig, ungebildet, aber gerissen, die es Musikkritiker Eric Olsen erlaubt festzustellen: „Eminem ist weitaus mehr schwarz als Michael Jackson.“ Erst im Kontext des Blackface Minstrelsy und der daraus resultierenden bildlichen Darstellungen schwarzer Männlichkeit, die heute immer noch die öffentliche Meinung prägen, wird deutlich, dass diese Behauptung einen Sinn ergibt (136).) Im Panther Dance übertreibt Jackson die Erzählungen, die Weiße nahezu zwei Jahrhunderte lang den Körpern der Schwarzen auferlegt haben und reflektiert dann jene überhöhten Klischees auf seine vorwiegend weißen MTV-Zuschauer, indem er dieses Publikum zwingt, sich den Vorurteilen zu stellen, die direkt unter der Oberfläche moderner Auffassungen über schwarze Männer und deren Sexualität liegt.

Manning sieht Jacksons Gesicht auch als eine Art „weißgesichtige Maske“ – eine Übertreibung des Weißseins, das rassenbezogenem Essentialismus und dem weißen Schönheitsideal widersteht, während es nur so scheint, als würde es sich an diese Ideale anpassen. Manning merkt an: “Seine Haut ist nicht nur blass, sondern porzellanweiß“ (44) und sie behauptet später, dass er „jegliche Rassenunterschiede durch die Wahl chirurgischer Maßnahmen in seinem Gesicht verweigert“ (48). Es ist wichtig, dass Manning seit der Veröffentlichung ihres Buches 2013 ihre Ansicht über das Ausmaß von Jacksons Gesichtsoperationen revidiert hat, wie sie am 10. April 2014 in einer Diskussion bei Dancing with the Elephant geäußert hat:

Wahrscheinlich ist dies so, weil rassenbezogene Identität aufgrund des Erscheinungsbildes für unsere Wahrnehmung anderer so grundlegend ist, dass rassenbezogene Merkmale des Gesichtes (in Michael Jacksons Fall Hautfarbe und die Form der Nase) von unserem Gehirn als „größer“ wahrgenommen werden, als umfassender, als sie es eigentlich sind. Wenn sich also ein Gesicht ansonsten gar nicht so sehr verändert hat, ist es so, dass, wenn diese speziellen Merkmale – diese stark rassenbezogenen Symbole – verändert wurden, das gesamte Gesicht als radikal verändert wahrgenommen wird, auch wenn es im Grunde gar nicht so ist.

Wie Manning andeutet veränderte Jackson also grundlegend durch das Undeutlichmachen der „stark rassenbezogenen Merkmale“, mit deren Hilfe wir normalerweise die Identität von Rasse und Zugehörigkeit festlegen, wie wir sein Gesicht lesen. Dies rief die Wahrnehmung hervor, die physische Struktur seines Gesichtes habe sich verändert, dass „das gesamte Gesicht als radikal verändert wahrgenommen wird, auch wenn es im Grunde gar nicht so ist“. Mit anderen Worten, es war nicht sein Gesicht, das sich verändert hat, sondern wie wir es interpretieren. Das ist eine faszinierende Fragestellung, die zu weitergehenden Untersuchungen einlädt – eine, die ein weiteres Mal den Fokus von ihm auf uns lenkt, von den psychologischen Beweggründen hinter seiner Darstellung von Rassenzugehörigkeit und Andersartigkeit weg, hin zu unseren Reaktionen auf diese Darstellung, ebenso wie auf deren tiefe kulturelle Auswirkung.

Vielleicht können wir nun, da Michael Jackson gegangen ist und die Hysterie, die ihn umgab, beginnt ein wenig nachzulassen, anfangen rationaler darüber nachzudenken, wer er war und was er für uns bedeutet hat. Vielleicht können wir endlich das theoretische Instrumentarium dafür entwickeln, das wir brauchen, um seine Kunst zu verstehen, ebenso wie das benötigte Einfühlungsvermögen, um sein Leben zu verstehen. Vielleicht fangen wir sogar an, uns den Künstler hinter „der Vorstellung“, wie er es in „Is It Scary“ nennt, vorzustellen und zu schätzen. Und vielleicht können wir zu guter Letzt anfangen einzuschätzen, wie sehr er uns einfach herausgefordert und verändert hat, und wie viel wir einfach verloren haben, als er starb.

„Ich mag es Magie zu erschaffen … etwas zu kreieren, das so unglaublich ist, eine Illusion. Menschen in eine Situation zu versetzen, ganz egal, was es sein mag, und ihnen genau das Gegenteil oder das Unerwartete zu geben – so viel mehr als das, von dem sie dachten es würde passieren. Whoosh. Ich meine, sie einfach umzuhauen. Ich mag es Magie zu erschaffen, eine vorzügliche Leistung. Ich liebe es, das zu tun. Ah, es gibt nichts Besseres.“

Michael Jackson


Anmerkungen

1. Übersetzung von James S. Williams


2. Chandlers aufgezeichnete Gespräche mit Schwartz wurden zahlreiche Male zitiert (z.B. Fischer 1994, 218; Taraborrelli 2009, 477-478; Halperin 2009, 19-20; und sogar Chandler 2004, 232-241), mit einigen Variationen darin, wie sie beschrieben sind. Zusätzlich wurden Audio-Ausschnitte von CBS News und anderen ausgestrahlt und einige dieser Audioclips wurden ins Internet hochgeladen.


3. Jordans Rufname wird in der beim Los Angeles County Superior Court hinterlegten Mitschrift der aufgezeichneten Telefongespräche „Jordy“ geschrieben und „Jordie“ in der geschriebenen Chronologie, die sein Vater der Polizei übergab. Die jeweils genutzte Schreibweise wurde beim Zitieren der Quellen beibehalten.


4. Ich habe das KCBS-TV Interview nicht gesehen, obwohl ich es mehrere Jahre versucht habe. Der Videoarchivar von KCBS-TV, Allan (er war einverstanden, seinen Vornamen bekannt zu geben, nicht aber seinen Nachnamen) bestätigte, sie hätten den Ausschnitt in ihren Archiven, aber er verweigerte die Freigabe einer Kopie, auch nicht für Untersuchungszwecke. Andere Versuche bei KCBS-TV waren ebenfalls nicht erfolgreich. Ich habe daraufhin versucht, durch Thought Equity Motion, die Firma, die Lizenzvereinbarungen für CBS aushandelt, an eine Kopie zu gelangen. Sie stellen Rezensionsexemplare für Forschungszwecke zur Verfügung; da die Geschichte allerdings nicht national ausgestrahlt wurde, sondern nur durch KCBS-TV, einem Vertragspartner in Los Angeles, hielt KCBS-TV die Lizenzrechte zurück und weigerte sich, sie zu Thought Equity Motion freizugeben. Dann kontaktierte ich zwei Autoren, die jeweils leicht voneinander abweichende Beschreibungen des KCBS-TV Interviews veröffentlicht haben: Mary A. Fischer und Ian Halperin. Halperin hat nicht geantwortet, aber Fischer. In einem ausführlichen Artikel, der in der Oktober-Ausgabe 1994 des GQ Magazins veröffentlicht wurde, berichtet Fischer, dass ein Journalist von KCBS-TV Chandler zu der Betäubung seines Sohnes befragt hat, und Chandler antwortete, dass „er es nur getan habe, um seinem Sohn den Zahn zu ziehen und dass, während er unter dem Einfluss des Medikaments gestanden habe, der Junge mit den Anschuldigungen herausrückte“ (221). Als ich Fischer dazu befragte, sagte sie, sie habe keine Kopie des KCBS-TV Interviews, aber sie hätte es angesehen und sie stehe zu ihrem Artikel.

 Fischer und Halperin stimmen in einem Punkt nicht überein: und zwar, ob Chandler bestätigt hat, dass Jordan unter dem Einfluss von Sodium Amytal war, als er die Anschuldigungen machte. Sodium Amytal ist ein Psychopharmakon, das einmal als mögliches „Wahrheitsserum“ betrachtet wurde, wobei später aber herauskam, dass es falsche Erinnerungen hervorbrachte, da es diejenigen, die unter seinem Einfluss standen, extrem anfällig gegenüber Beeinflussung zurückließ. Es gab in den 1990er Jahren in Kalifornien in der Tat eine Anzahl bekannter Fälle vor Gericht, bei denen es speziell um Sodium Amytal und falsche Erinnerungen bei sexuellem Missbrauch ging. Fischer und Halperin stimmen darin überein, dass der Reporter von KCBS-TV Chandler gefragt habe, ob Jordan Sodium Amytal gegeben wurde. Während Fischer allerdings sagt, dass Chandler es bestätigte (221), sagt Halperin, dass er lediglich den Einsatz „eines Medikaments“ bestätigte, ohne genauer zu sagen, welches es gewesen sei (44). Später, während sie für ihren Artikel recherchierte, fragte Fischer Torbiner, ob er Jordan Sodium Amytal gegeben habe, und sie berichtet, dass er es weder bestätigt noch leugnet, indem er sagt: „Wenn ich es einsetzen würde, dann für zahnärztliche Zwecke.“ (221) – eine seltsame Feststellung, da Sodium Amytal ein Psychopharmakon ist. Ungeachtet dessen, welches Medikament benutzt wurde, haben sowohl Fischer als auch Halperin berichtet, dass Chandler dem KCBS-TV Reporter erzählt hätten, die Anschuldigungen wären erhoben worden, während Jordan noch unter Betäubung stand.


5. Im einem Artikel der Vanity Fair im April 2003 berichtete Maureen Orth, dass Jackson im Sommer 2000 einen „Medizinmann“ oder „Voodoo-Anführer“ engagierte, um den Tod von „25 Leuten auf Jacksons Feindesliste“ herbeizuführen, und dass der Medizinmann zum Zweck dieses makabren Ziels 42 Kühe wie auch Hühner und andere Tiere „rituell opferte“. Gemäß Orth passierte dieses Gemetzel in der Schweiz. Allerdings drückte ein Sprecher Bundesamtes für Landwirtschaft in der Schweiz Skepsis aus, als ihm von Orths Artikel erzählt wurde. Die Schweiz hat ein strenges Kennzeichnungs- und Identifizierungssystem für Rinder, durch das die Spur jeder Kuh von der Geburt bis hin zur Durchführung des Schlachtens nachverfolgt werden kann, und sie waren besonders aufmerksam, seit der Krise um BSE und „Rinderwahn“ Mitte der 1990er Jahre. Das Bundesamt für Landwirtschaft weiß jedoch nichts über ein solches Ereignis, wie es von Orth beschrieben wird, und es gibt auch keine Hinweise darüber, dass solch ein Ereignis stattgefunden haben könnte.


6. Seit Jacksons Tod 2009 haben zwei weitere Ankläger – Wade Robson und James Safechuck – behauptet, sie wären als Kinder von Jackson sexuell missbraucht worden. Sowohl Robson als auch Safechuck sagten in früheren Ermittlungen unter Eid aus und beide haben und Eid geschworen, dass Jackson sie niemals unangemessen behandelt habe. Robson sagte außerdem im Alter von 22 Jahren während des Arvizo-Prozesses aus, wo ihm detaillierte Fragen über seine Beziehung zu Jackson gestellt wurden: „Hat Michael Jackson Sie jemals belästigt?“ „Hat Michael Jackson Sie jemals auf eine sexuelle Art berührt?“ „Hat Michael Jackson jemals irgendeinen Teil Ihres Körpers unangemessen berührt?“ „Hat er sie jemals auf die Lippen geküsst?“ „Haben Sie jemals im Bett gekuschelt?“ „Haben Sie nebeneinander gelegen?“ und „Haben Sie sich berührt?“ Robson hat auf alle diese Fragen mit „Nein“ geantwortet. Er wurde außerdem gefragt: „Hat jemals in irgendeiner Dusche irgendetwas Unangemessenes zwischen Ihnen und Mr. Jackson stattgefunden?“ und er antwortete: „Nein. Ich war niemals unter einer Dusche mit ihm.“ (Reporter’s Transcript 2005, 9097-9132). Und in den Tagen und Wochen nach Jacksons Tod pries er ihn in zahlreichen Interviews. Am 27. Juni 2009 sagte er beispielsweise zu Peter Mitchell von der Melbourne Herald Sun, dass Jackson „der Grund dafür ist, dass ich tanze, der Grund dafür, dass ich Musik mache und einer der Hauptgründe, warum ich an die reine Güte der Menschheit glaube.“ Am 14. August 2009 erzählte er Entertainment Tonight, „dass ich zu Michael einfach eine wunderbare Beziehung hatte. Ich habe so viel von ihm gelernt. Als Künstler und als ein gütiger Mensch.“ Und für das Dance Magazine, Ausgabe September 2009 erzählte er Kina Poon: „Ich lernte von ihm selbstlos zu sein. Im Entertainment-Geschäft stumpft man leicht ab. Trotz der verrückten Dinge, die er durchmachen musste, besaß er solch eine Unschuld. Er vertraute den Menschen, in seinem Herzen, er glaubte an sie.“ Und doch behauptet Robson nun, Jackson habe ihn belästigt und vergewaltigt und alle Dinge, die er ihm im Prozess abgesprochen habe, hätten stattgefunden. Seine Anwälte reichten am 1. Mai 2013 Klage auf finanziellen Schadensersatz ein und ersuchten das Gericht, dass Safechuck sich im Juli 2014 Robson anschließen möge.


7. Damit wir verstehen können, warum Tituba und Jackson auf die Art reagierten, wie sie es taten, ist es vielleicht hilfreich zu bedenken, dass die einzigen Menschen, die während der Hexenprozesse von Salem getötet wurden, diejenigen waren, die auf ihrer Unschuld bestanden hatten. Dies steht in großem Gegensatz zu den fast 50 Menschen, die Titubas Vorbild folgten und sich zur Hexerei bekannten: Niemand von ihnen wurde hingerichtet. Dies scheint gegen die eigene Intuition zu sein – dass jene, die ein Mitwirken bei der Hexerei abstreiten, gehängt werden, während jene, die es zugaben, verschont blieben – aber Hysterie bedient sich offenbar ihrer eigenen Logik, die sich erheblich vom rationalen Denken unterscheidet, und sowohl Tituba, als auch Michael Jackson schienen diese Logik zu verstehen. Oder genauer gesagt, sie verstanden beide, dass simples Leugnen falscher Anschuldigungen in einer Atmosphäre von Massenhysterie eine nicht ausreichende Reaktion ist. Eine zusätzliche Analyse des Skandals um die Gesichtsoperationen als einer künstlerischen Reaktion auf den Belästigungsskandal von 1993 kann man bei M Poetica: Michael Jackson’s Art of Connection and Defiance (Stillwater 2011) nachlesen.


8. Wie Bakhtin in Rabelais and His World diskutiert hat das Groteske – besonders groteske Abbildungen des menschlichen Gesichtes und Körpers – über tausende von Jahren eine wichtige kulturelle Funktion erfüllt: zu verspotten, zu widerstehen und autoritäre Kontrolle und Einschüchterung zu untergraben. Es ist in diesem Zusammenhang bedeutsam, dass Jackson das Groteske ausdrücklich hervorruft, seit er zum Ziel intensiver Bedrohung durch die Polizei wurde: besonders der Behörde des Bezirksstaatsanwaltes und dem des Sheriffs von Santa Barbara. Sie durchsuchten sein Zuhause Neverland, beschlagnahmten sein Eigentum, zwangen ihn, eine erniedrigende Leibesvisitation nicht nur über sich ergehen zu lassen, sondern daran teilzuhaben, ließen Details seines Privatlebens an die Presse durchsickern, legten ihn in Handschellen, stellten ihn vor Gericht und verfolgten ihn für mehr als ein Jahrzehnt. Dieser extreme autoritäre Druck wurde durch die weltweiten Medien intensiviert, die weitestgehend die entlastenden Beweise des Falles ignorierten und Jackson stattdessen scharf für das Widersetzen gegen die kulturellen Normen kritisierten. Wie dem Maestro in Ghosts gelang es Jackson allerdings den Obrigkeiten – der Polizei, den Gerichten und ebenso einer ihnen ergebenen Presse – durch den Einsatz dessen, was Bakhtin als eine historisch überlieferte Strategie beschreibt, die Stirn zu bieten: Die grenzüberschreitende und zersetzende Macht des Grotesken. Weiteres bezüglich Bakhtin und Michael Jackson’s Ghosts kann bei „The Disrupting Power of the Grotesque and Abject“ in M Poetica (Stillwater 2011) nachgelesen werden. (Link zur Übersetzung)


9. Taraborrelli unterstützt in seiner Biographie die schlüssige Begründung, dass die Geschichten in der Regenbogenpresse über die Sauerstoffkammer und die Knochen des Elefantenmenschen von Jackson selbst, mit Hilfe seines Managers Frank Dileo gestreut wurden (355-365). Und während Jackson einen Schimpansen namens Bubbles besaß – wahrscheinlich so benannt zu Ehren des Tänzers John Sublett, der den Künstlernamen John Bubbles trug und Berichten zufolge Fred Astaire den Stepptanz beigebracht haben soll – berichtet Taraborrelli, dass die empörenderen Geschichten über Bubbles ebenso falsch sind (364). Es ist von Bedeutung, dass während die Geschichte mit der Sauerstoffkammer beim The National Enquirer begann, sie durch die Associated Press und United Press International aufgegriffen und gestreut und ebenso durch zahlreiche Mainstream-Zeitungen, Nachrichtenmagazine sowie Programme der Radio- und Fernsehnachrichten weitergetragen wurde (359). Aufbauend auf Taraborrellis Belegen untersucht David Yuan die performative Funktion dieser Geschichten und wägt ab „inwieweit Jackson sein eigenes Enfreakment manipuliert“ (370), indem er ihn den Nebenschauplatz-Spektakeln wie es einst der Elephant Man war gegenüberstellt – „ein stilles, unbewegliches Objekt unter dem starren Blick der Zuschauer, das betrachtet wird, während der Showman sein Programm abspielt“ (371). Yuan betrachtet Jacksons komplexe Position sowohl als Regisseur, als auch als Objekt unserer Blicke, immer in Bewegung, sich ständig verändernd, sich immer wiederholende Begegnung mit dem „bewegungslosen Enfreakment“, das Beobachter ihm ständig mit einer dynamischen Performance der selbsterschaffenen „künstlichen Verrücktheiten“ aufzuerlegen versuchten.

Quellennachweise

Andy Warhol: The Complete Picture, 2001. TV documentary. World of Wonder.
Awkward, Michael, 1995. Negotiating Difference: Race, Gender, and the Politics of Positionality. Chicago: University of Chicago Press.
Bakhtin, Mikhail, 1984. Rabelais and His World, translated by Hélène Iswolsky. Bloomington: Indiana University Press.
Breslaw, Elaine G., 1996. Tituba, Reluctant Witch of Salem: Devilish Indians and Puritan Fantasies. New York: New York University Press.
Chandler, Ray, 2004. All that Glitters: the Crime and the Cover-Up. Las Vegas: Windsong Press.
Dimond, Diane, 2005. Be Careful Who You Love: Inside the Michael Jackson Case. New York: Atria Books.
Erni, John Nguyet, 1998. Queer Figurations in the Media: Critical Reflections on the Michael Jackson Sex Scandal. Critical Studies in Mass Communication 15: 158-180.
Fischer, Mary A., 1994. Was Michael Jackson Framed? GQ 64/10: 214-221, 265-269.
Halperin, Ian, 2009. Unmasked: the Final Years of Michael Jackson. New York: Simon & Schuster.
Hansen, Chadwick, 1974. The Metamorphosis of Tituba, or Why American Intellectuals Can’t Tell a Native Witch from a Negro. The New England Quarterly 47: 3-12.
Jackson, Jermaine, 2011. You are Not Alone: Michael, through a Brother’s Eyes. New York: Simon & Schuster.
Jackson, Michael, 2009. Moonwalk. New York: Random House.
Jordan Chandler v. Evan Chandler, 2006. Superior Court of New Jersey, Appellate Division. Docket No. A-0422-05T10422-05T1: Jordan Chandler, Plaintiff-Appellant, vs. Evan Chandler, Defendant-Respondent. (http://law.justia.com/cases/new-jersey/appellate-division-unpublished/2006/a0422-05-opn.html)
Living with Michael Jackson, 2003. TV documentary. Grenada Television.
Manning, Harriet. J., 2013. Michael Jackson and the Blackface Mask. Surrey, England: Ashgate.
Martin, Charles D., 2002. The White Afro-American Body: A Cultural and Literary Exploration. New Brunswick, NJ: Rutgers University Press.
Orth, Maureen, 2003. Losing His Grip. Vanity Fair 512. (http://www.vanityfair.com/fame/features/2003/04/orth200304)
Reporter’s Transcript of Proceedings, 2005. Case No. 1133603: The People of the State of California, Plaintiff, v. Michael Joe Jackson, defendant. Superior Court of the State of California in and for the County of Santa Barbara, Santa Maria Branch.
Scott, Julie-Ann, 2012. “Cultural Anxiety Surrounding a Plastic Prodigy: A Performance Analysis of Michael Jackson as an Embodiment of Post-Identity Politics.” In Michael Jackson: Grasping the Spectacle, edited by Christopher R. Smit. Surrey, England: Ashgate.
Stillwater, Willa, 2011. M Poetica: Michael Jackson’s Art of Connection and Defiance. Amazon Kindle.
Sullivan, Randall, 2012. Untouchable: The Strange Life and Tragic Death of Michael Jackson. New York: Grove/Atlantic.
Taraborrelli, J. Randy, 2009. Michael Jackson: The Magic, the Madness, the Whole Story, 1958-2009. New York: Grand Central Publishing.
Transcript of Audio Cassette Marked Exhibit No. 10, undated. Case No. SC 031 774: David Schwartz, an Individual, Plaintiff, vs. Evan Chandler, an Individual, and Does 1 through 50, Inclusive, Defendants. Superior Court of the State of California for the County of Los Angeles. File No. TPA81793.MK.
Vigo, Julian, 2012. Michael Jackson and the Myth of Race and Gender. In Michael Jackson: Grasping the Spectacle, edited by Christopher R. Smit. Surrey, England: Ashgate.
Warrant vs. Tituba and Sarah Osborne, 2004. In The Aunt Lute Anthology of U.S. Women Writers, Volume One: 17th through 19th Centuries, edited by Lisa Maria Hogeland and Mary Klages. San Francisco: Aunt Lute Books.
Yuan, David, 1996. Celebrity Freak: Michael Jackson’s “Grotesque Glory.” In Freakery: Cultural Spectacles of the Extraordinary Body, edited by Rosemarie Garland Thomson. New York: New York University Press.

Zitierte künstlerische Werke

Jackson, Michael, 1997a. Blood on the Dance Floor: HIStory in the Mix. Sony Music.

Jackson, Michael, 1997b. Michael Jackson’s Ghosts. DVD. Sony Music Asia.

Jackson, Michael, 2001. Invincible. Sony Music.

Jackson, Michael, 2010. Michael. Sony Music.

Longfellow, Henry Wadsworth, 1879. Christus: a Mystery in Three Parts. New York: Houghton, Mifflin.

Miller, Arthur, 2002. The Crucible: a Play in Four Acts. New York: Penguin.


Copyright © Willa Stillwater, 2014 


This edition copyright © Popular Musicology Online, 2014

ISSN 1357-0951
 

Deutsche Übersetzung: Ilke
(mit einem herzlichen Dank an M.v.d.L. für die Hilfe)

Das Chandler-Settlement / Der Chandler-Vergleich

by

English: http://michaeljacksonallegations.com/the-settlement/

Eine häufig gestellte Frage bezüglich der Kindesmissbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson ist folgende:

„Warum hat er einen außergerichtlichen Vergleich geschlossen, wenn er unschuldig war?“

Um die möglichen Gründe verstehen zu können, müssen wir die rechtlichen Rahmenbedingungen kennen, die dem Vergleich vorausgingen und diesen umgaben.

Michael Jackson und sein Ankläger Jordan Chandler schlossen am 25. Jänner 1994 einen außergerichtlichen Vergleich. Der Vergleich gelangte 2003 illegaler Weise an Diane Dimond von Court TV. Somit wissen wir, dass $15.331.250 [1, Seite 5] in einen Trust für Jordan Chandler gezahlt wurden. (Anmerkung: Entweder Dimond oder die Person, die ihr das Dokument zuspielte, ließ die Absätze nach dem dritten Paragraph unter den Tisch fallen. Es ist nicht bekannt, wer das vertrauliche Dokument an Dimond weiterleitete, allerdings wird Dimond in Ray Chandlers Buch „All That Glitters“ an einer Stelle als Evan Chandlers „engste Verbündete“ bezeichnet [3, Seite 194]).

Wie man sehen kann, wird in dem Dokument betont, dass es keineswegs ein Schuldeingeständnis von Michael Jackson ist. Auf Seite 4 ist folgendes festgelegt:

„Dieser vertrauliche Vergleich soll nicht als Schuldeingeständnis von Michael Jackson betrachtet werden, dass er sich gegenüber dem Minderjährigen [geschwärzt] oder [geschwärzt] oder irgendeiner anderen Person unrechtmäßig verhielt, oder dass die Minderjährigen [geschwärzt] oder [geschwärzt] irgendwelche Rechte gegen Jackson haben. Jackson streitet ausdrücklich jede Schuld ab und bestreitet jede unrechtmäßige Handlung gegen die Minderjährigen [geschwärzt] oder [geschwärzt] oder jede andere Person. Die Vertragspartner erkennen an, dass Jackson eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens ist und dass sein Name, Image und Bildnis einen Marktwert besitzen und wichtige Elemente seiner Erwerbsfähigkeit sind. Die Vertragspartner erkennen an, dass Jackson geltend macht, dass er die Forderungen der Klage in Anbetracht der Auswirkungen der Klage, die diese auf sein Einkommen hatte und potenziell in Zukunft haben kann, begleicht.“ [1, Seite 4]

Einer der Mythen bezüglich des Vergleichs ist, dass „Michael Jackson sich von einer strafrechtlichen Anklage freikaufte“. Tatsache ist jedoch, dass der Vergleich die Zivilverfahren beilegte, nicht die Strafprozesse. Tatsächlichverhindert das amerikanische Recht, einen Strafprozess beizulegen. Das Strafverfahren wurde nach dem Vergleich fortgesetzt und die Chandlers wurden durch den Vergleich nicht davon abgehalten, bei Gericht gegen Jackson auszusagen. Gil Garcetti, Staatsanwalt aus Los Angeles, sagte gleich nach dem Chandler-Vergleich im Jänner 1994:

„Das Ermittlungsverfahren gegen den Sänger Michael Jackson läuft weiter und wird nicht von der Bekanntgabe der Beilegung desZivilverfahrens beeinträchtigt.“ … „Die Staatsanwaltschaft nimmt Mr. [Larry] Feldman [Anwalt der Chandlers] beim Wort, dass es dem mutmaßliche Opfer ermöglicht wird, auszusagen und dass es keine Vereinbarung in der zivilrechtlichen Angelegenheit gibt, die sich auf die Kooperation in der strafrechtlichen Ermittlung auswirkt.“ [9]

Die Chandlers hätten das Geld aus dem Vergleich nehmen UND in einem Strafprozess gegen Michael Jackson aussagen können. Sie haben sich schließlich dazu entschieden, dies nicht zu tun – allerdings nicht, weil es ihnen durch den Vergleich untersagt war. Sie hätten es tun können, jedoch waren sie, nachdem sie das Geld aus dem Vergleicherhalten hatten (was von Anfang an deren Ziel war, wie wir im Folgenden zeigen werden), nicht gewillt, mit den ermittelnden Behörden des Strafverfahrens zu kooperieren und nicht bereit, vor Gericht auszusagen. Die Strafsache wurde im Februar/April 1994 vor zwei Grand Jurys (einer in Los Angeles und einer in Santa Barbara) einberufen. Nach sieben Monaten Ermittlungen, mehreren Hausdurchsuchungen, Befragungen duzender Kinder und anderen Zeugen, Polizeibeamten, die auf der ganzen Welt belastende Zeugen und Beweise suchten und einer Leibesvisitation an Michael Jackson haben beide Grand Jurys entschieden, dass sie nicht ausreichend Beweise gesehen haben, um Jackson anzuklagen. Die Staatsanwaltschaft behauptete, sie hätten nicht wirklich eine Anklage angestrebt und dass sie nur „ermittelnde Grand Jurys“ seien. Tatsache bleibt jedoch, dass zwei Grand Jurys festgestellt haben, dass die Staatsanwaltschaft während ihrer Ermittlungen nicht ausreichend belastenden Beweise finden konnte, die eine Anklage rechtfertigten.

Ein Strafverfahren war niemals Priorität der Chandlers. Weniger als einen Monat nachdem der Psychiater Dr. Mathis Abrams Jordan Chandlers Behauptungen am 17. August 1993 den Behörden meldete – was automatisch strafrechtliche Ermittlungen in Gang setzt – haben die Chandlers eine Zivilklage gegen Jackson eingereicht, in der sie ihm sexuelle Tätlichkeiten, Körperverletzung, Verführung, vorsätzliches Missverhalten, vorsätzliche Zufügung emotionaler Belastung, Betrug und Fahrlässigkeit vorwarfen. Sie verlangten 30 Millionen Dollar Abfindung. (Bevor sie Jordan zu Dr. Abrams brachten, haben die Chandlers bereits 20 Millionen Dollar gefordert, was Jackson verweigerte. Details (englisch) siehe http://michaeljacksonallegations.com/the-chandlers-monetary-demands/

Normalerweise werden Zivilklagen eingebracht, nachdem ein Strafverfahren abgeschlossen und der Gerechtigkeit Genüge getan wurde. Man würde selbstverständlich von Eltern eines missbrauchten Kindes erwarten, nach Gerechtigkeit zu streben und nicht nach Geld. Nur ein Strafprozess kann eine Haftstrafe für den Täter bewirken. Am Ende eines Zivilprozesses ist die einzig verfügbare Entschädigung finanzieller Natur.

Darüber hinaus enthüllte der Onkel des Anklägers, Ray Chandler, in seinem Buch „All That Glitters“, dass die Chandlers von Anfang einen „höchst profitablen Vergleich“ anstrebten. Sie reichten ihre Zivilklage mit dem Vergleich in Hinterkopf ein. Ray Chandler beschreibt ein Treffen zwischen der Mutter des Jungen, June Chandler, ihrem damaligen Ehemann David Schwartz und dem leiblichen Vater Evan Chandler im Büro des Zivilrechtsanwalts Larry Feldman am 8. September 1993 wie folgt:

„Am Ende des Treffens hatten June und Dave – wie bereits Evan vor ihnen – keine Einwände dagegen, Gloria Allred durch Larry Feldman zu ersetzen. Zur Wahl stand, entweder eine radikale Medienkampagne zu führen, um den DA [district attorney – Bezirksstaatsanwalt] dazu zu bringen, eine Anklage vor einer Grand Jury zu erwirken, oder durch raffinierte Verhandlungen hinter den Kulissen einen schnellen, stillen und höchst profitablen Vergleich anzustreben“ [3; Seite 168]

Noch einmal: Die geschah, bevor sie ihre Zivilklage einreichten, was Larry Feldman ein paar Tage später tat – wie wir jetzt wissen, mit einem Vergleich im Hinterkopf. Laut Ray Chandlers Buch und anderen Quellen (wie z.B. Mary A. Fischers Artikel „Was Michael Jackson Framed?“, GQ, Oktober 1994), hatten Evan Chandler und David Schwartz während dieses Treffens in Wirklichkeit eine körperliche Auseinandersetzung über den geforderten Geldbetrag. Die Chandlers begründeten ihr Streben nach einem Vergleich – und nicht nach einem Prozess – damit, dass sie das Trauma eines aufsehenerregenden Prozesses vermeiden wollten. Wir werden diese Behauptung später in diesem Artikel erneut ansprechen.

Was Michael Jackson Framed

Es ist sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Chandlers von Anfang an einen Vergleich forderten und Michael Jackson den Vergleich nicht anbot! In Wahrheit verlangte Evan Chandler seit Anfang August 1993 Geld von dem Star, was Michael Jackson ablehnte. Daraus resultierten die öffentlichen Unterstellungen der Chandlers. Hätte Jackson die Ankläger „zum Schweigen bringen“ wollen, hätte er sie auszahlen können, bevor sich diese an die Behörden und die Öffentlichkeit wandten. Details (englisch) siehe: http://michaeljacksonallegations.com/the-chandlers-monetary-demands/

Zwischen September 1993 und Jänner 1994 bestand Uneinigkeit zwischen Jacksons Anwälten und Larry Feldman, dem Zivilrechtsanwalt der Chandlers, welches Verfahren dem anderen vorausgehen sollte. Jacksons Anwälte wollten den Strafprozess vor dem Zivilverfahren abhandeln, was sie allerdings nicht durchsetzen konnten. Grundsätzlich führte dies zu dem Vergleich.

2005 behauptete Jordans Onkel Ray Chandler in einem Artikel, den er für seine nun gelöschte Webseite (atgbook.net) schrieb, dass Jacksons Anwälte die Zivilklage um sechs Jahre verschieben wollten, bis die Verjährungsfrist für Kindesmissbrauch abgelaufen war. Das war alles, was er sagte. Damit vermittelte er den Eindruck, Jacksons Seite wollte einfach nur den Prozess verhindern. Das war allerdings eine irreführende Halbwahrheit. In Wahrheit versuchten Jacksons Anwälte, das Zivilverfahren aufzuschieben, damit der Strafprozess vor dem Zivilverfahren ausgetragen werden konnte. Sie wollten den Strafprozess nicht verhindern, sondern in Wirklichkeit vor dem Zivilverfahren austragen.

Wenn das Zivilverfahren vor dem Strafprozess ausgetragen wird, hat die Staatsanwaltschaft im Strafprozess einen großen Vorteil, weil sie dann die Möglichkeit hat, die Verteidigungsstrategie im Zivilverfahren zu beobachten. Dadurch können sie ihre Anklage und Strategie anpassen. Darüber hinaus hat ein Angeklagter in einem Zivilverfahren nicht das Recht, ohne Konsequenzen die Aussage zu verweigern – im Gegensatz zum Strafprozess, wo der Angeklagte verfassungsgemäß seine Aussage ohne Konsequenzen verweigern kann. Die Staatsanwaltschaft kann die Aussage vom Zivilverfahren für den Strafprozess nutzen und ihre Anklage anpassen.

Zusätzlich wird in einem Zivilverfahren die Beweispflicht – oder die Regelung für die Zulässigkeit von Beweisen, die lediglich auf Hörensagen beruhen – lockerer gehandhabt als in einem Strafprozess. Jacksons Anwälten war sicherlich bewusst, dass ein Zivilverfahren für den Angeklagten risikoreicher ist als ein Strafprozess – selbst wenn der Angeklagte unschuldig ist. Und sie wussten, dass es die Jury in einem folgenden Strafprozess beeinflussen würde, wenn Jackson das Zivilverfahren verloren hätte.

Es gibt viele Präzedenzfälle, in denen Zivilverfahren eingefroren wurden, um zuerst die Strafprozesse abhalten zu können, damit das Recht des Angeklagten auf einen fairen Prozess gewahrt werden konnte und verhindert wurde, dass gegen dieses Recht verstoßen wird. So lautet es in einem Präzedenzfall:

„Wenn sowohl Strafprozess als auch Zivilverfahren aus denselben oder zusammengehörigen Vorgängen entspringen, ist der Angeklagte anspruchsberechtigt auf Aussetzung der Ermittlung und Verhandlung der Zivilklage, bis der Strafprozess vollständig aufgeklärt ist.“ [2; Seite 116-117]

Im Hinblick auf den Fall gegen Michael Jackson wurden diese Bestrebungen der Anwälte Jacksons, das Zivilverfahren auszusetzen, allerdings vom Richter des Kreisgerichts, David M. Rothman, abgewiesen. Anscheinend war Chandlers Trumpf Jordans Alter. Folgendes schrieb Geraldine Hughes (Rechtsanwaltssekretärin von Barry Rothman – dem Anwalt, der die Chandlers vor Larry Feldman vertrat) in ihrem Buch „Redemption“:

„Michael Jackson verlor alle vier Anträge. Es war aus juristischer Sicht offensichtlich, dass sich die Waage der Gerechtigkeit nicht zu Michael Jacksons Gunst neigte. Stattdessen bewegte sie sich erheblich zu Gunsten des 13 jährigen Jungens. Michael Jacksons Anwälte bezogen sich auf Gesetze in Präzedenzfällen, welche in ähnlichen Fällen von sexueller Tätlichkeit angewendet wurden. Pacers Inc. gegen Kreisgericht hielt ausdrücklich fest, dass ein fehlendes Aussetzen des Zivilverfahrens während laufender strafrechtlicher Untersuchungen einen unzulässigen Übergriff auf die Grundrechte des Angeklagten bedeutet. Aber Mr. Feldmans Trumpf war, dass „sich das Gedächtnis eines Kindes entwickelt“ und das kindliche Unvermögen, sich „wie ein Erwachsener zu erinnern“. Dieses Gesetz wurde konzipiert, um die Fähigkeit eines kleinen Kindes zu beschützen, sich über ausgedehnte Zeitperioden erinnern zu können, nachdem es Opfer und/oder Zeuge eines Verbrechens wurde. Dieser Fall befasst sich allerdings mit einem 13 jährigen Jungen, der bald 14 Jahre alt wird.“ [2; Seite 124]

Redemption

Bezugnehmend auf diese Argumentation reichte Feldman einen Antrag auf Priorisierung des Zivilverfahrens ein. „Das ist ein außerordentlicher Antrag, um die Verhandlung innerhalb von 120 Tagen nach Gewährung des Antrages anzusetzen“ [2; Seite 121]. In Hinblick darauf schreibt Hughes:

„Mr. Feldman reichte eine Erklärung von Dr. Evan Chandler als Untermauerung des Antrages auf Priorisierung der Verhandlung ein, welche eine Angabe enthielt: dass das Kind unter 14 Jahre alt war. Das war alles! Dr. Chandler gab in seiner Erklärung, die eine geschriebene Aussage unter Eid war, nichts anderes an. Ich habe in meiner gesamten juristischen Laufbahn niemals eine so kurze Erklärung bezüglich eines wichtigen Falles gesehen. Üblicherweise bezeugt jemand, der eine Erklärung abgibt, verschiedene Fakten, speziell in einem so bedeutenden Fall wie diesem. Sie erklären auch, dass die Fakten wahr und korrekt sind und bekunden ihre Bereitschaft, kompetent als Zeuge unter Androhung von Strafe bei Meineid auszusagen. Ist es möglich, dass die von Dr. Chandler angegebene Information die einzige Information war, die er unter Androhung von Strafe bei Meineid aussagen konnte?“ [2; Seite 122]

Unter extrem ungünstigen Bedingungen könnten sich Jackson und seine Anwälte in einer Position vorgefunden haben, in der sie gleichzeitig an zwei Fronten – einem Zivilverfahren und einem Strafprozess – für Jackson kämpfen und diesen verteidigen hätten müssen. Hinzukommt, dass sie sich innerhalb von 120 Tagen auf ein Zivilverfahren hätten vorbereiten müssen, während die Polizei alle persönlichen Unterlagen Jacksons für den Strafprozess beschlagnahmt hatte und sich weigerte, Kopien zur Verfügung zu stellen oder wenigstens eine Liste davon, was sie mitgenommen haben. „Die Bezirksstaatsanwaltschaft missachtete Michael Jacksons Grundrechte mit dem Segen des Gerichts und das Gericht erwog erheblich zu Gunsten des 13 jährigen Jungens.“ [2; Seite 133]

Nachdem alle Anträge, das Zivilverfahren hinten an den Strafprozess anzureihen, abgelehnt wurden, stand das Jackson Team zwischen Baum und Borke. Der Beginn des Zivilverfahrens wurde für März 1994 festgesetzt und Jackson sollte Ende Jänner / Anfang Februar unter Eid aussagen.

Die schriftlichen Anträge der Chandlers beschuldigten Jackson und seine Anwälte, „Verzögerungstaktiken“ anzuwenden, aber sie wussten sehr genau, dass es bei diesen „Verzögerungstaktiken“ darum ging, den Strafprozess vor dem Zivilverfahren abzuhandeln. Ray Chandler zitiert in seinem Buch „All That Glitters“ eine Unterhaltung zwischen Jordan Chandlers Vater Evan Chandler und ihrem Zivilrechtsanwalt Larry Feldman, die beweist, dass sie diejenigen waren, die in Hinblick auf den Strafprozess Verzögerungstaktiken angewendet haben:

„Am späten Nachmittag, nachdem alle ihr Feiertagsmahl [Anm.: Thanksgiving, 25, November 1993] zu sich genommen hatten, rief Larry Feldman Evan an und übermittelte Nachrichten, für die alle dankbar sein konnten.

„Hey, Evan, das musst Du Dir anhören. Howard Weitzman degradierte Fields wieder. Sie wollen definitiv keine Aussage unter Eid von Dir oder June. Sie wollen nicht, dass etwas erhalten bleibt. Wenn sie einen Deal machen, wollen sie nichts über Jackson aufgezeichnet haben.“

„Kein Scheiß! Larry, diese Typen sind in einem richtigen Chaos.“

„Ja, die haben das unglaublich vermasselt. Was könnte besser sein? Aber ich gehe weiter. Wir werden es vorantreiben. So weit, bis ich nichts unversucht gelassen habe. Das einzige, was wir tun müssen, ist, das strafrechtliche hinter uns zu lassen. Ich möchte sie nicht vorangehen lassen.“ 

Larry sagte es bereits, aber Evans Hirn hat es bis jetzt nicht registriert. 

„Du meinst, wenn sie klagen, kommt der Strafprozess automatisch vor uns?“ 

„Ja.“ 

„Jesus Christus!“ 

„Richtig, das wollen wir nicht.“ [3; Seite 201-202]

Es muss wiederholt werden, dass nur ein Strafprozess einen Angeklagten ins Gefängnis bringen kann, ein Zivilverfahren kann nur in finanzieller Abgeltung resultieren.

Das kalifornische Recht, welches den Chandlers erlaubte, das Zivilverfahren vor den Strafprozess zu stellen, wurde letztendlich geändert – laut Thomas Sneddon, Bezirksstaatsanwalt von Santa Barbara, unmittelbar wegen der Vorfälle im Chandler-Fall. Wegen dieser Änderungen kann ein Ankläger in einem Fall von sexueller Tätlichkeit nicht sofort ein Zivilverfahren anstreben. Das neue Gesetz verhindert, dass ein Zivilverfahren vor einen Strafprozess gestellt werden kann. Das ist der Grund, warum Jacksons Ankläger 2003, Gavin Arvizo, nicht die gleiche Strategie anwenden konnte, wie die Chandlers 1993. Er hatte keine andere Wahl, als einen Strafprozess zu beginnen:

„Der Staatsanwalt im Fall Michael Jackson beantragte ein Gesetz, dass ein Zivilverfahren während eines verwandten Strafprozesses unterbricht, wobei er erklärt, dass dies ein Szenario verhindert, in dem der Kläger des Sängers einem Vergleich zustimmt und sich dann weigert, in einem Strafprozess auszusagen.

Das Landesgesetz wurde verabschiedet, weil ein weiteres Kind 1993 aus einem Fall wegen Belästigung gegen Jackson ausstieg, nachdem der Sänger angeblich einen Vergleich von mehreren Millionen zahlte.”, sagte der Bezirksstaatsanwalt von Santa Barbara, Tom Sneddon.

„Das ist Ironie. Die Geschichte des Gesetzes ist, dass die Bezirksstaatsanwaltschaft von L.A. die Legislatur als unmittelbare Folge des zivilrechtlichen Vergleichs in den ersten Ermittlungen führte.“, sagte Sneddon in einem Interview mit Associated Press. [4]

Die feindselige Medienkampagne gegen Michael Jackson könnte auch zu der Entscheidung beigetragen haben, dem Vergleich zuzustimmen. Boulevardsendungen zahlten Leute für reißerische Storys, welche die Unterstellungen stützten. Mehrere dieser Leute wurden von den Chandlers für das Zivilverfahren eingesetzt. Die Belastungen, kombiniert aus dem Prozess und der Reaktion der Medien führte zu einer Schmerzmittelabhängigkeit, die Michael Jackson schließlich professionell behandeln ließ. Geschäftspartner und Berater drängten ihn dazu, diese Angelegenheit zu vergessen und sein Leben und Business fortzuführen.

Es wurde auch behauptet, Jackson hätte dem Vergleich zugestimmt, weil die Leibesvisitation im Dezember 1993 die Behauptungen seines Anklägers bekräftigte. Das hält einer näheren Überprüfung nicht stand. Details (englisch) siehe: http://michaeljacksonallegations.com/did-jordan-chandlers-description-of-michael-jacksons-penis-match-the-photographs-taken-of-the-stars-genitalia-by-the-police/

Während Jacksons Motive für den Vergleich oft hinterfragt werden, ist es eine viel seltener gestellte Frage (obwohl ebenso berechtigt): Warum hat die Klägerfamilie dem Vergleich zugestimmt? Würdest Du Gerechtigkeit oder Geld wollen, wenn Dein Kind belästigt worden wäre?

Die Chandlers selbst behaupten, sie hätten dem Vergleich zugestimmt, weil sie ihr Leben fortsetzen wollten und Jordan nicht dem Fokus und den Untersuchungen der Medien aussetzen wollten, was in einem aufsehenerregenden Prozess wie diesem unvermeidbar gewesen wäre. Weiters behaupteten sie, einige Morddrohungen von Michael Jackson Fans erhalten zu haben und als der Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles, Gil Garcetti, abgelehnt hatte, die Familie unter ein Zeugenschutzprogramm zu stellen, hätten sie Angst um ihr Leben gehabt. Zunächst erscheint das einleuchtend, dennoch schien Evan Chandler während des aufgezeichneten Telefonats mit David Schwartz (dem Stiefvater des Jungen) im Juli 1993 (BEVOR ihm sein Sohn angeblich „gestand“!) nicht besorgt über Medienpräsenz und mögliche Fanreaktionen, als er über seinen Anwalt Barry Rothman sagt:

„Der Anwalt, den ich gefunden habe … ich meine, ich habe mit mehreren gesprochen, und ich habe den widerlichsten Hurensohn genommen, den ich finden konnte, und alles, was er tun will, ist, diese Story so schnell und groß er nur kann an die Öffentlichkeit zu bringen und möglichst viele Leute zu erniedrigen und er hat eine böse [Bandstörung] … “ [5]

Ray Chandler versucht in seinem Buch, dieses Zitat zu entschuldigen, in dem er behauptet, als Evan sagte, Rothman wollte „es so schnell und groß an die Öffentlichkeit bringen, wie er kann“, meinte er, vor Gericht zu gehen, nicht zu den Medien. Die gleiche Behauptung wird gemacht, als Evan auf dem gleichen Band über Rothman sagt:

„Er ist widerlich, er ist böse, er ist sehr gerissen [Bandstörung], und er ist begierig nach Publicity [Bandstörung] besser für ihn.“ [5]

Es gibt allerdings weitere Fakten, die bezüglich der Intentionen der Chandlers mit der Öffentlichkeit zu beachten sind.

Die Chandlers schienen nicht besorgt über mediales Rampenlicht, mögliche Fanreaktionen, Drohungen und die Bedenken, dass es Jordan nicht möglich sei, sein Leben fortzuführen, als sie sich wenige Tage nach Unterzeichung des Vergleichs daran machten, ein Buch zu veröffentlichen, das sie über die Unterstellungen schrieben. Herausgeberin Judith Regan:

„Ich erhielt einen Anruf von Jordans Onkel. Er wollte ein Buch schreiben, in dem er die Belästigungsvorwürfe gegen Michael Jackson detailliert beschreiben würde. Ich fragte ihn, wie er geplant habe, das zu tun, da die Chandlers gerade eine Verschwiegenheitsvereinbarung unterschrieben und 20 Millionen Dollar bekommen hatten. Er sagte, Jordans Vater hätte ihm alle Informationen gegeben, die er für das Buch brauchte und er glaube, er könne die Verschwiegenheitsvereinbarung umgehen, weil er [Jordans Onkel] der Autor wäre. Damals hatte ich den Eindruck, die Chandlers sind unverschämte Opportunisten und ich empfand das gesamte Angebot des Onkels widerlich. Sie gehen eine Verschwiegenheitsvereinbarung ein und noch bevor die Tinte getrocknet ist, gehen sie auf die Suche nach einem Deal, der gegen diese Vereinbarung verstößt.“ [6]

Dass Ray Chandler sich tatsächlich „innerhalb weniger Tage“ nach dem Vergleich um die Publikation seines Buches bemühte, wird von keinem Geringeren als Ray Chandler selbst in einem Antrag, den er am 25. Oktober 2004 bei Gericht in Santa Barbara einbrachte, bestätigt. (Details (englisch) zu dem Antrag siehe: http://michaeljacksonallegations.com/ray-chandlers-subpoena-in-2004/). Als Unterstützung seiner Argumentation, um vom Shield Law Gebrauch machen zu können [Anm.: Reporter können während der Recherche und Veröffentlichung von Nachrichten eine Aussage vor Gericht verweigern] , legte er in dem Antrag offen [7, Seite 8]:

„Raymond Chandler reiste innerhalb weniger Tage nach Beilegung des Zivilverfahrens von Jordan Chandler gegen Michael Jackson im Jänner 1994 nach New York City, um einen Verleger ausfindig zu machen, damit er die von ihm gesammelten Informationen in Form eines Sachbuches an die Öffentlichkeit weitergeben konnte. Raymond Chandlers Absicht ist von einem Artikel in der New York Post belegt, der seinen Kontakt mit einem Verleger einen Tag später enthüllt.“ [7]

Ray Chandler gibt in dem Antrag an, „zwei Tage nach Bekanntwerden des Kindesbelästigungsskandals von Michael Jackson im August 1993“ [7, Seite 8] nach Los Angeles gereist zu sein und dort von Ende August bis Dezember 1993 in Evan und Jordan Chandlers Heim gewohnt zu haben, damit er Informationen über die Belästigungsvorwürfe sammeln konnte, um diese anschließend öffentlich zu verbreiten. [7, Seite 13]

Ray Chandler veröffentlichte sein Buch schließlich 2004 am Höhepunkt des Medienrummels, der durch die Arvizio-Unterstellungen hervorgerufen wurde. Ray Chandler machte seine Runden in den Medien, gab Interviews und trat in Dokumentationen auf, die stark gegen Jackson voreingenommen waren. Offensichtlich nicht besorgt über mediales Rampenlicht und ohne Angst vor möglichen Drohungen von Jackson Fans.

Evan Chandler schien nicht besorgt über mediales Rampenlicht, mögliche Fanreaktionen, Drohungen und die Möglichkeit, Jordan könnte sein Leben nicht weiterführen, als er 1996 eine weitere Klage gegen Michael Jackson einreichte, dieses Mal für 60 Millionen Dollar und einen Plattenvertrag, damit er ein Album („EVANstory“) über die angebliche sexuelle Belästigung seines Sohnes veröffentlichen konnte. Laut dieser Klage „wird dieses Album Songs enthalten wie „D.A. Reprised“ [Bezirksstaatsanwalt gewinnt wieder], „You Have No Defense (For My Love)“ [Du hast keine Verteidigung/Abwehr (für meine Liebe)], „Duck Butter Blues“ [Duck Butter: ugs. für die Mischung aus Kot und Sperma beim Analsex], „Truth“ [Wahrheit] und anderen Songs.“ [8]

Diese Klage wurde im Jahr 2000 vom Gericht abgewiesen.

Quellen:

[1] Out of court settlement between Michael Jackson and Jordan Chandler (January 25, 1994) as leaked to and/or by Court TV’s Diane Dimond in 2003, http://michaeljacksonallegations.com/wp-content/uploads/2013/06/1993civilsettlementagreement.pdf

[2] Geraldine Hughes – Redemption: The Truth Behind the Michael Jackson Child Molestation Allegations (Hughes Publishing, January 2004)

[3] Raymond Chandler – All That Glitters: The Crime and the Cover-Up (Windsong Press Ltd, September 2004)

[4] Linda Deutsch – Prosecutor says law won’t allow Jackson to pay off accuser before trial (Boston.com/Associated Press, November 20, 2003), http://www.boston.com/news/daily/20/jackson_case.htm 

[5] Taped phone conversation between Evan Chandler and David Schwartz (July 8, 1993), http://michaeljacksonallegations.com/wp-content/uploads/2013/06/schwartz_chandler.pdf

[6] Judith Regan on Michael Jackson Molestation Allegations on SIRIUS XM, https://www.youtube.com/watch?v=yQYeNfHVBtM

[7] Notice of motion and motion of third party Raymond Chandler to quash subpoenas and/or in camera review; authorities; declaration of Raymond Chandler (October 25, 2004), http://www.sbscpublicaccess.org/docs/ctdocs/102504nommot3rdpty.pdf

[8] Evan Chandler files another lawsuit against Michael Jackson on May 7, 1996 demanding $60 million and a record deal (Court TV Online, Legal Documents), http://web.archive.org/web/20070916092707/http://www.courttv.com/archive/legaldocs/newsmakers/jackson.html

[9] Jackson Settles Abuse Suit but Insists He Is Innocent : Courts: Singer will reportedly pay $15 million to $24 million to teen-ager. Criminal investigation will proceed. (Los Angeles Times, January 26, 1994), http://articles.latimes.com/1994-01-26/news/mn-15478_1_michael-jackson

Interviews zu Michael Jacksons “Ghosts”

Zwei Interviews über die Zusammenarbeit mit Michael am Film ‘Ghosts’ MJ-michael-jacksons-ghosts-13196194-1024-965

I. Der Film-Komponist Nicholas Pike erinnert sich an die Arbeit mit Michael Jackson an Ghosts.

English: http://alchrista.tumblr.com/post/5036497987/nicholas-pike-composer-remembering-working-with

Danke, dass du zugestimmt hast, über die Arbeit an Michael Jacksons Film Ghosts zu sprechen. Wie wurdest du in das Projekt involviert?

Nicholas Pike: Ich arbeitete mit Michael an zwei Videos, Ghosts war das erste und You Rock My World das zweite. Ursprünglich war Mick Garris, ein Regisseur mit dem ich schon oft zusammengearbeitet hatte, als Regisseur für Ghosts geplant, als der Terminplan sich änderte, konnte er aber wegen anderer Zusagen den Job nicht übernehmen. Stan Winston übernahm die Regie und auch die Leitung als ‘Guru für visuelle Effekte’, und ich rief ihn an und fragte, Mick hätte mit mir an dem Video arbeiten wollen und ob er das eventuell auch tun wolle. Ich schickte ihm einige meiner Arbeiten, die er liebte, und er lud mich ein, um Michael zu treffen.

Nicholas Pike Stan Winston

– Nicholas Pike, Michael, Stan Winston –

Wie war es, mit Michael zu arbeiten?

Nicholas Pike: Ein Traum! Der Höhepunkt meiner musikalischen Karriere. Er ist einer der sehr wenigen Menschen, von denen du träumst, einmal mit ihnen zusammen zu arbeiten. Offensichtlich ein riesiges Talent, ein Pop-Superstar und zur gleichen Zeit ein sehr respektvoller und sanfter Mitarbeiter. Wir waren auf der gleichen Wellenlänge, und er war von der Musik, die ich für ihn schrieb, begeistert. Die ersten zehn Minuten des Videos sind musikalisch von mir. Als ich mich zum ersten Mal mit ihm hinsetzte, und am Synthesizer vorspielte, was später das Orchester spielen sollte, war ich sehr aufgeregt darüber, wie er reagieren würde. Wir sassen in einem Studio, ich legte das Band ein und schwitzte neuneinhalb Minuten lang, während Michael ganz vertieft dort saß. Im dem Moment, wo er die Beschwörung aller Geister beendet, hat sich die Musik zu einem massiven Höhepunkt aufgebaut, und als wir diesen Moment erreichten, sprang Michael von seinem Stuhl auf und rief: “Jaaa!” Danach wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Hat er spezifische Angaben drüber gemacht, was er künstlerisch von dir erwartete? Was hat deine Arbeit beeinflusst?

Nicholas Pike: Er stellte keine Anforderungen an mich. Ich traf mich mit ihm und Stan und gab ihm eine kurze Vorstellung von dem, was ich im Sinn hatte. In der Regel gehe ich nicht auf all zu viele Details ein oder versuche, über Musik zu sprechen, ich komponiere lieber und führe es dann vor. Es ist das gesamt Bild, das mich beeinflusst hat. Ich wusste, dass ich etwas großes wollte, das Budget war ursprünglich für ein 60-köpfiges Orchester und ich sagte zu Michael, ich glaube nicht, dass er mit weniger als 90 Personen plus einem Chor zufrieden sein würde. Ich wusste auch, dass ich es ‘gothic’ und dramatisch haben wollte – etwas, was dem Film wirklich die Ehre erweisen würde.

War er sehr perfektionistisch? Hatte er das Sagen über alle Dinge, die geändert werden mussten?

Nicholas Pike: Er ist ein Perfektionist, so wie alle der größten Künstler – es ist das, was sie von allen anderen unterscheidet. Ich verlange auch Perfektion von mir und dem Orchester und so hatten wir beide das gleiche Ziel. Was Änderungen betrifft: Ich musste keine vornehmen. Michael hörte sich ein Stück an und sagte: “Ich habe nichts zu sagen!”

Wie viel Zeit habt ihr zusammen verbracht? Warst du hauptsächlich im Tonstudio? Hat er vor dir getanzt?

Nicholas Pike: Wir verbrachten etwa neun Tage zusammen. Zwei ganze Tage in meinem Studio, nur wir beide, und dann Tage, an denen wir Meetings oder Aufnahmen mit dem Orchester hatten. In den ersten zehn Minuten, nachdem er in mein Studio gekommen war, war alles, was ich dachte: “Ich sitze hier mit Michael Jackson, ich sitze hier mit Michael Jackson!” Danach waren wir nur zwei Musiker, die zusammen im Studio arbeiteten.

Nicholas Pike im Studio with MJ

Sind instrumental Stücke deiner Musik komplett verwendet und fertiggestellt worden? Hat er Gesang dazu aufgenommen?

Nicholas Pike: Alles was ich geschrieben habe, ist im Film und das einzige Stück, zu dem er seine Stimme aufgenommen hat, ist „Descending Angels“.

Descending Angels

Descending Angels“ – Szene aus Ghosts

War er sehr zurückhaltend mit dem aufgenommenen Material?

Nicholas Pike: Was immer ich brauchte, hat er mir zur Verfügung gestellt.

War es immer geplant, dass die Musik zeitlos sein sollte? Was war die künstlerische Richtung?

Nicholas Pike: Ich denke, dass Orchester Partituren zeitlos sind. Es gibt dort keine Synthesizer-Sound Effekte, die irgendwann unmodern klingen. Ich glaube um es für das Projekt als Ganzes zu sagen, dass jeder sein Bestes gegeben hat und nur die Zeit unser Gegenspieler war. Als ich dazu kam, hatte ich drei Wochen Zeit, um die Partitur zu liefern. Die künstlerische Richtung war schon lange bevor ich ich irgendwelche Musik schrieb festgelegt, also war es mein Job, den Film mit all meinen Fähigkeiten zu unterstützen.

Erinnerst du dich, welche Kompositionen zuerst und zuletzt gemacht wurden? Was dauerte am längsten, was ging am schnellsten?

Nicholas Pike: Ich arbeitete chronologisch. Der anspruchsvollste Teil waren die ersten 10 Minuten, in denen die Partitur viel dazu beitragen muss, die Geschichte zu erzählen, die Atmosphäre zu erschaffen und auch die Handlung zu unterstützen. Ich verbrachte viel Zeit für das Stück zu dem Tanz an der Decke. Es musste perfekt auf den Tanz abgestimmt sein und auch auf die akrobatischen Bewegungen von Michael und den Geistern.

HQ-Ghosts-michael-jacksons-ghosts-18108412-1419-1065

Die Verbindung zwischen den Bildern und der Musik in Ghosts ist sehr kraftvoll. Hat das Produktionsteam die visuelle Umsetzung erarbeitet im Zusammenhang mit dem, was die Musik erzählt?

Nicholas Pike: Das war nicht Teil meiner Arbeit. Als ich mit dem Komponieren begann, war der Film schon im Wesentlichen fertiggestellt.

Hat das Produktions Team nach Abschluss der Dreharbeiten die verschiedenen Elemente der Songs des Kurzfilms angehört und mit dir zusammengearbeitet, so dass du sagen konntest, welches Stück deiner Meinung nach an welche Stelle passen würde?

Nicholas Pike: Die Platzierung Songs war an die Storyline geknüpft, weshalb sie schon ziemlich fest standen. Die Aufnahmen waren abgedreht und geschnitten und visuelle Effekte, wie z.B. das tanzende Skelett, wurden digitalisiert. Was die Partitur betrifft haben Michael, Stan und ich zusammen entschieden, wo die Musik eingefügt werden sollte.

Hat die Musik die Herangehensweise der visuellen Produktion und letztlich den künstlerischen Ansatz des Kurzfilms beeinflusst?

Nicholas Pike: Ich habe keinen Zweifel, dass die Songs die Herangehensweise beeinflusst haben, aber letztendlich kannte Michael die Geschichte, die er erzählen wollte und die Art, wie er sie erzählt haben wollte.

Du hast mit einigen wahren Legenden und Ikonen gearbeitet, war Michael der Größte?

Nicholas Pike: Michael war der Größte!

Ghost-michael-jacksons-ghosts-

Wie hast du von seinem Tod erfahren?

Nicholas Pike: Ein Freund rief mich an und ich kann dir sagen, das war der Beginn einer langen Trauerphase. Auch wenn Michael für einige Jahre nicht sehr aktiv war, habe ich immer daran geglaubt, dass wir wieder zusammenarbeiten werden und ich spürte, dass der Moment näher kam. Zu realisieren, dass das nicht mehr passieren würde, war sehr traurig.

Weißt du etwas über Pläne einer Ghosts Veröffentlichung auf Blue Ray/DVD?

Nicholas Pike: Nein, aber ich kann mir vorstellen, dass es irgendwann in der Zukunft in einer hohen Qualität wieder veröffentlicht wird.

Hattest du die Gelegenheit, während der kurzen Zeit der Veröffentlichung, Ghosts im Kino anzusehen?

Nicholas Pike: Nein. Aber wir hatten nach der Fertigstellung eine Vorführung im Motion Picture Academy Theatre – einem nach dem neusten technischen Stand ausgestattetem Theater, und ich glaube nicht, dass es eindrucksvoller hätte sein können, als dort.

Ein kurzer Ausschnitt aus Ghosts, mit dem Titel Descending Angels (Herabschwebende Engel), erscheint im TII- Film nach Thriller. Wusstest du davon schon vorher oder war es eine Überraschung, als du TII angesehen hast?

Nicholas Pike: Ich wusste nichts davon bis es auf meiner IMDB-Seite auftauchte, noch bevor ich den Film sah.

(ab 4:25 „Descending Angels“)

Was denkst du über dem Film. Hattest du geplant, dir die Live-Show in London anzuschauen?

Nicholas Pike: Ich habe ihn genossen. Ich habe Michael nie live gesehen und deshalb bin ich immer daran interessiert, Michael tanzen und singen zu sehen, auch im Film. Was London betraf, hatte ich nicht geplant, hinzugehen. Ich hatte wohl angenommen, es würde noch mehr kommen, was näher an LA stattfinden würde.

Wie würdest du Michael mit einem Wort beschreiben?

Nicholas Pike: Ich glaube nicht, dass ich ihn mit einem Wort beschreiben kann. Er war ein sehr komplexes Wesen. Für mich ist es der größte Performer aller Zeiten, ein riesiges musikalisches Talent und gleichzeitig die sanftmütigste aller Seelen. Extrem rücksichtsvoll und respektvoll gegenüber anderen, sowie äußerst großzügig und fürsorglich.

Abschließend: was hast du von ihm gelernt?

Nicholas Pike: Ich habe von ihm gelernt, tolerant und respektvoll gegenüber anderen zu sein, egal, wer du bist, bewirkt, dass dein eigener Stern eine Million Mal heller strahlt.

>>  Interview by „This Is It“ – History Continues.com, July 2010 << Thank you! http://www.youtube.com/watch?v=pW9JYCK0GxI

Ghosts Complete HD Version

……………………………………………………

II: Interview mit Mick Garris (Regisseur der ursprünglich 1993 geplanten Version von Ghosts)

English: http://www.movieline.com/2009/07/the-col…tten-ghosts.php

Mick Garris, der schon in Michael Jacksons „Thriller“ einen der Zombies spielte, sprach mit Movie Line über seine Arbeit und die Entwicklung des Projekts „Ghosts“:

Wie wurdest du zum Zombie in Thriller?

Mick Garris: John Landis war bereits seit mehreren Jahren einen Freund von mir. Wir haben uns getroffen, als ich am Empfang von Universal arbeitete. Johns Büro war neben mir, als er Animal House machte. Und Rick (Baker) und seine damalige Frau Elaine waren sehr enge Freunde und Nachbarn von mir und Cynthia. Wenn sie uns einluden, kamen wir gelaufen. Ich war damals ein hoffnungsvoller Schriftsteller, machte Werbung für Studios und dergleichen und hatte gerade meine ersten Drehbuch-Jobs.

Hattest du das Gefühl, dass da gerade Pop-Kultur Geschichte gemacht wird?

M.G.: Wir wussten, es war etwas Besonderes, aber hatten keine Ahnung, wie besonders. Wir wussten, dass es viel größere Ausmasse hatte, als andere Musik-Videos in dieser Zeit, und es war ganz anders als die üblichen Performa-Sachen der 1980er. Aber Michael an diesem ersten Abend live zu erleben war elektrisierend. Ich wurde auf der Stelle ein Fan.

Mick_Garris_Rick_Baker_

Mick Garris und Rick Baker (Special makeup effects Thriller)

Hast du dich mit Michael Jackson angefreundet?

M. G.: Wir wurden zu diesem Zeitpunkt nicht zu Freunden. Später, als ich The Stand machte, schrieben Stephen King und Michael zusammen ein Drehbuch für einen weiteres “scary” Musik Video – eines, was sogar im Vergleich zu Thriller groß war. King empfahl mich dafür und so traf ich Michael wirklich auf einer persönlichen Basis. Dadurch wurden wir Freunde.

Was denkst du, was Michael mit Ghosts erreichen wollte?

M. G.: Michael wollte den größten, gruseligsten Musik Film aller Zeiten machen. Nun, ich weiß nicht, ob das gelungen ist, er ist nicht wirklich beängstigend in dem Sinn, aber er ist großartig, die Musik und der Tanz sind hervorragend, und es ist ein großes Spektakel. Und er trifft definitiv den Punkt. Die Thematik der Ausgestoßenen und Fremden, die er und King angelegt hatten, blieb durch die verschiedenen Inkarnationen im Fokus.

Wie hast du dich eingebracht, und wie hat die Zusammenarbeit zwischen dir, Michael, Stan Winston und Stephen King funktioniert?

M. G.: Ursprünglich war ich eigentlich der Regisseur. Der Film war schon im Jahr 1993 begonnen worden, und ich arbeitete an ihm während der Vorproduktion, und für zwei Wochen während der eigentlichen Produktion. Das Projekt wurde für drei Jahre stillgelegt, bevor Stan Winston es wiederaufnahm. Stan war schon für die Effekte zuständig, als ich noch die Regie hatte. Als das Projekt wiederaufgenommen wurde, empfahl ich ihn als Regisseur, weil ich selbst gerade dabei war, The Shining zu drehen. Ich war oft am Set. Aber als die Produktion im Jahr 1996 fortgesetzt wurde, stand ich nicht zur Verfügung. Ich bekam oft um Mitternacht Anrufe von Michael, der sehr leidenschaftlich über eine Fertigstellung des Films redete und darüber, ihn zu etwas besonderem zu machen. Er und Stan waren Freunde geworden als sie zusammen The Wiz machten. Anfangs schrieben er und Stephen zusammen am Skript, und ich war nicht wirklich in das eingeweiht, was da vor sich ging. Es passierte erst, als Michael, ich und Stan für Stunden zusammen kamen um die komplizierten Effekte sowie die Musik und Geschichtenführung zu planen.

Aber Ghosts begann als etwas völlig anderes.

Niemand weiß das, aber es sollte ursprünglich ein Promo-Video für “Addams Family Values” werden. In der Tat kamen Christina Ricci und der Junge, der Pugsley spielte auch darin vor. Wir filmten zwei Wochen, kamen aber nie dazu, die musikalischen Nummern zu machen. Es war sehr teuer und anspruchsvoll. Und als es zu den ersten Anschuldigungen kam, drehten wir gerade. Plötzlich war Michael aus dem Land, und das Studio wollte den Film nicht mehr fördern.

Stan Winston Mj

Stan Winston + Michael am Set von Ghosts

Was bedeutet es jetzt für dich jetzt, dass Stan und Michael gestorben sind?

M. G.: Es ist natürlich unglaublich traurig und wirklich tragisch. Stan war ein sehr talentierter und lustiger und freundlicher Mensch. Aber ich war mehr mit Michael verbunden, verbrachte mehr Zeit mit ihm. Es bricht mir wirklich das Herz zu sehen, was mit ihm passiert ist. Er war immer sehr zerbrechlich, hatte viele Probleme mit dem Schlafen. Er erinnerte mich sehr an Don McLeans Lied über Vincent Van Gogh. Die Welt kann schlecht/ gemein sein, und Michael absolut nichts Schlechtes in sich. Er war sehr verletzlich und liebenswert. Und den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie klug er war, und vor allem, wie komisch er sein konnte. Ein sehr witziger, übermäßig talentierter Kerl.

Hatte Michael Hoffnung dass Ghosts so erfolgreich werden würde wie Thriller?

M. G.: Michael hatte immer die Hoffnung, etwas Großes zu machen. Er dachte “groß”, denn sein ganzes Leben schien von Größe umgeben sein. Ich weiß nicht, was seine Hoffnungen in Bezug auf den Vergleich mit Thriller waren. Aber ich weiß, dass er dachte, Ghosts wäre etwas ganz Besonderes.

HQ-Ghosts-m-jacksons-ghosts-18108373-1024-768

Ghosts und Thriller zeigen ihn als ein charismatisches, verspieltes “Monster”. Denkst Du, dass er Spaß an diesem Ruf hatte, auch wenn sich die Medien über ihn hermachten?

M. G.: Er ging mit diesem Image sehr spielerisch um, aber als die Presse gemeiner wurde, war er definitiv verletzt, zog sich zurück und wurde immer verschlossener. Aber auch wenn wir Freunde waren, war es nicht so, dass ich ihn ständig sah. Es konnten ein paar Jahren vergehen, ohne ihn zu treffen oder zu sprechen, aber wenn wir uns trafen, hatten wir immer eine gute Zeit.

Wo warst du, als du hörtest, dass er gestorben ist? Was hast du gedacht und gefühlt?

M. G.: Ich war in meinem Auto, als ich im Radio hörte, dass er bewusstlos sei und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Ich war natürlich wie jeder fassungslos. Dann, etwa eine Stunde oder so später, hörte ich Gerüchte darüber, er sei gestorben, ich konnte es einfach nicht glauben. Es dauerte ein paar Tage bis ich es wirklich realisierte. Vielleicht war es unvermeidlich, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er zerbrechlich und empfindlich war, und ein unglaublich süßer und großzügiger Kerl. Es brach mir das Herz, so wie der ganzen Welt. Und ich habe wirklich Mitgefühl für seine Kinder, die grandios und unverdorben sind in einer Art und Weise, die sie sich nicht vorstellen können. Zumindest waren sie so, als ich das letzte Mal vor ein paar Jahren sah.

Als jemand, der ihn kannte, was ist Ihre Reaktion auf die Medienberichte und Spekulationen rund um die Uhr?

M. G.: Ich weiß nicht, ich hasse es darüber zu spekulieren. Ich weiß, er hatte seine Dämonen, Ängste, Schwächen. Ich habe wirklich nichts von Drogenkonsum oder von all dem Zeug mitbekommen. Es war nicht so eine intime Beziehung. Ich weiß nur, dass er jemand war den ich sehr mochte, und dass ich das Privileg hatte, ihn zu kennen und mit ihm zusammen zu arbeiten. Ich vermisse ihn. Auch wenn ich ihn ein paar Jahre nicht gesehen habe, schien es mir immer, dass wir bald wieder zusammen kommen würden und über Filme sprechen und lachen und scherzen und Spaß haben würden. Es macht mich so traurig, dass es nicht wieder passieren wird.

Michael-michael-jacksons-ghosts-13611593-684-663

Denkst du, Einsamkeit und Traurigkeit waren seine ständigen Begleiter?

M. G.: Eine meiner frühesten Begegnungen mit ihm war in New York, wo er eine Penthouse-Wohnung im Trump Tower hatte. Er war so sehr einsam. Er führte mich zum Fenster und zeigte herunter auf die Fifth Avenue, um mir zu sagen, er würde alles geben, um dort zu Fuß in die Läden zu gehen, aber er könnte es nicht. Ich besuchte ihn auch in Orlando und war überrascht, dass ich, ausgenommen von den Mitarbeitern, der Einzige war, der mit ihm dort war. Es war außer uns für ein paar Tage niemand dort. Ich glaube nicht, dass er viele enge Freunde hatte, Menschen, die nicht irgendetwas von ihm wollten.

Deine bleibende Erinnerung an ihn wird sein… ?

M. G.: Ihn zum Lachen zu bringen. Wenn Michael lachte, wenn du ihn dazu brachtest, nicht nur hinter der Hand zu kichern, das war ein Anblick. Er liebte es, zu lachen, und es hat Spaß gemacht, ihn zu necken. Vielleicht stammt eine meiner schönsten Erinnerungen vom Set von Ghosts; wir hatten eine Aufnahme fertig, und wenn wir die nächste machen wollten, sagte ich es wie “Bullwinkle”: “Diesmal ist es sicher! ” (Bullwinkle: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Abenteu…_%26_Bullwinkle )

Das erste Mal lachte er nur und lachte und lachte. Danach fragte er immer wieder, auch nach guten Aufnahmen: ” Mick, mach den Bullwinkle!” So möchte ich mich an ihn erinnern. 10658621_965225770160935_5388640463965213805_o

Wird Ghosts jetzt eine DVD Veröffentlichung bekommen?

M.G.: Ich hoffe es. Es war enorm teuer und wurde nie in den Vereinigten Staaten veröffentlicht. Er bezahlte es auch aus eigener Tasche. Also ich weiß nicht, wer die Rechte besitzt. Aber ich glaube, die Menschen würden es lieben. Von der Zeit, als ich daran gearbeitet habe, bis es fertig war, hat sich einiges daran verändert, aber es ist ein großartiges Werk. Ich hätte gerne, dass es verfügbar wäre. Die einzige Kopie die ich davon habe, stammt aus einem Musikgeschäft in Hong Kong, im alten VCD Format. Ghosts hat etwas Besseres verdient.

Übersetzung: M.v.d.L.

………………………………………

Normal Valley

Is it scary?

(Von Joe Vogel, ein Kapitel aus ‘Man In The Music – The creative Life and Work of Michael Jackson’)

Is It Scary ist Jacksons Höhepunkt beim Vorstoß zum Gothic. Es ist vielleicht auch seine beste Antwort darauf, wie er öffentlich wahrgenommen wird, als eine Kombination von Spektakel, Schurke und Freak. Wenn Childhood sein persönlichster Song ist, wie Jackson es einmal sagte, dann ist Is It Scary das dazu nötige Gegengewicht. Schaurig, aufrüttelnd und aufschlussreich – ein angemessener Abschluss von Blood On The Dance Floor, diesem Meisterstück-Konzept aus fünf düsteren Songs.

Eine frühe Version von dem Stück schrieb Jackson zusammen mit Jimmy Jam und Terry Lewis Anfang der 90er. Jackson war jedoch mit dem Track nicht zufrieden und formte ihn in den folgenden Jahren weiter aus und “lies ihn zu sich sprechen”. Vergleicht man den frühen Down-Tempo Groove Mix mit der Album Version, erhält man einen aufschlussreichen Einblick in Jacksons Prozess, einen Song zu entwickeln, bis er genau richtig ist. Der finalen Version wurden nicht nur einige der für den Song wichtigsten Textteile zugefügt, sondern sie bekommt auch die notwendige Atmosphäre, Drama und Leidenschaft, wodurch dem wirklichen Schmerz und Pathos der Lyrics ermöglicht wird, mit zu klingen.

Der Song beginnt mit den beinahe gleichen Beschreibungen wie Ghosts , Bilder von umfassenden Geistererscheinungen und Ghouls, knarrende Stufen und einengende Wände, akustisch dargestellt, eine Tür schließt sich, die Stimmung wird verdichtet, ein Herz fängt schnell zu schlagen an und ruft eine Art von Klaustrophobie, Angst und Panik hervor. Es ist wie ein symbolischer Abstieg in eine Gefängniszelle. Hier wird ganz deutlich, dass Michael Jackson seinem Publikum einen Spiegel vorhält.

“I’m gonna be exactly what you wanna see” / “Ich werde genau das sein, was du sehen willst”, singt er. Mit anderen Worten gesagt ist er in diesem geschlossenen Raum bereit zu performen, zu unterhalten. Was immer jemand in ihm oder durch ihn sehen will, wird über den Zuschauer ebenso viel enthüllen wie über das Subjekt. “It’s you who’s taunting me” / “Ihr seid es, die mich verspotten” singt er weiter direkt an seine Kritiker gerichtet. “Because You’re wanting me to be the stranger in the night” / “Weil ihr wollt, dass ich der Fremde in der Nacht bin.” Das “Verspotten” dient hier dazu seine Andersartigkeit auszugrenzen, sie in etwas ‘freakisches’ und nicht erkennbares zu verwandeln. Er wird zu einer Art modernem Barden, das Publikum keucht, klatscht, spöttelt und lacht, aber missversteht die wahre Natur des Performers und der Performance fundamental.

Is It Scary? Ghosts

Kulturkritikerin Judith Cole sagt, dass Jackson “sich zu verschiedenen Punkten seines Lebens und seiner Karriere, der Rolle/dem lyrischen ich einer Reihe von Minnesängern anpasst, darunter Long Tail Blue, Dandy Blue Jim, Zip Coon, Master Juba und sogar Jim Crow.” Ein Minnesänger soll natürlich unterhalten, nicht nach seinen eigenen Bedingungen, sondern so, wie es von ihm erwartet wird, und Jacksons Widerstreben dieses zu tun untergräbt die ihm gegebene Rolle. “Die Geschichte des Amerikanischen Entertainments (und Jacksons eigener Platz in dieser Geschichte) ist nie weit entfernt von Jacksons Denken,” beobachtet Kulturkritiker David Yuan. “Er macht klar, dass er denkt, Afro-Amerikanische Musik sollte nicht auf einen Nebenschauplatz in der Amerikanischen Kulturgeschichte verbannt werden… es ist wichtig zu erkennen, wie die häufig erzählte Geschichte von Jacksons Aufstieg zum Stardom der institutionellen Geschichte des Afroamerikanischen Entertainments ähnelt – und der institutionellen Geschichte der Freak-Show.”

Seine Unfähigkeit oder sein Widerwille, gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen und “normal” zu werden, entzürnt, verwirrt und fasziniert die Menschen zur gleichen Zeit. Yuan fährt fort: “Michael Jackson ist der definitive Celebrity-Freak unserer Tage… (und) die perplexe Öffentlichkeit sieht ihn als den Vermittler seines eigenen “Enfreakments”

Mit anderen Worten, seine “Entscheidung” der Freak zu sein verschlimmert die Gegenreaktionen noch mehr.

Ein scharfsinniger Jackson realisiert dieses Rätsel (Vexierspiel) und konfrontiert die Zuhörer mit einer Reihe von Fragen: “Am I amusing you/or just confusing you? Am I the beast you visualized?” / “Amüsiere ich euch, oder verwirre ich euch? Bin ich das Biest, das ihr euch vorgestellt habt?” Im Grunde fragt er, ob er als etwas geringeres als ein Mensch wahrgenommen wird. In Margo Jeffersons Buch “On Michael Jackson” beschreibt sie den historischen Kontext einer solchen Frage. “Als der Bürgerkrieg begann, hatte (P.T.) Barnum gerade einen englischen Zirkus Artisten in schwarzem Make Up und mit einem Pelzumhang vor einen Dschungel-Hintergrund gestellt, und fragte das Publikum: “Was ist das?” 1875 nahm er einen Afroamerikaner für diese Rolle… “Ist es eine niedere Art Mensch`? Oder eine höhere Art Affe? Keiner kann es sagen! Vielleicht ist es eine Kombination von beidem. Es ist unbestritten die erstaunlichste lebende Kreatur…” Jefferson fährt fort: “Michael Jackson verkörpert Spurenelemente von dieser ganzen Historie… Seine Rasse, sein Geschlecht, seine Sexualität, sein Alter sind völlig verschwommen und schwer einzuordnen. Für viele wird er deshalb zu einem “Was ist es?”

Durch diesen Kontext treffen Zeilen wie “And if you wanna see, Eccentric oddities, I’ll be grotesque before your eyes” / “Und wenn ihr exzentrische Seltsamkeiten sehen wollt, werde ich vor euren Augen grotesk” auf einer tieferen Ebene. Er wird grotesk sein, weil es das ist, was die voreingenommene Kultur sieht und sehen will. Es ist das, wozu sie ihn gemacht haben. Er ist – im wahrsten Sinn des Wortes – das Produkt einer Amerikanischen Kultur. Er sagt: “Wenn ich euch verängstige, dann deshalb, weil ich so sein soll, und dann werde ich es sein.”

Ghosts Michael

Später erinnert er uns jedoch daran, dass hinter der Maskerade eine verletzte/leidende Seele steht. Er singt: “If you came to see, the truth, the purity, it’s here inside a lonely heart.” / “Wenn ihr gekommen seid, die Wahrheit, die Reinheit zu sehen, sie ist hier, in einem einsamen Herzen”. Das Paradoxum ist indes, dass er sich selbst nur offenbaren kann durch das Performen, das Erneuern der verschwommenen Linie zwischen dem Entertainer und dem Menschen, der Rolle und der Persönlichkeit. Diesem komplizierten Schicksal ergeben, erklärt Jackson, was das Motto seines Lebens sein könnte: “Let the performance start!” (Lass die Vorführung beginnen!)

Der Höhepunkt präsentiert Jackson, wie er mit Kraft seine Wut durch einen Chor von Geistern bündelt, seinen Schmerz herauslässt als etwas, was sich wie Beschwörung/Exorzismus anfühlt. Das ist es, worauf sich Neil Strauss von der New York Times bezog, als er von Jackson sprach der “wie der Elefantenmensch schreit, dass er ein Mensch sei.”

Es beinhaltet eine der schmerzvollsten, jedoch stärksten künstlerischen Äußerungen in Jacksons Karriere.

Michael in Ghosts Übersetzung: M.v.d.L.  http://www.amazon.de/Man-Music-Creative-Michael-Jackson/dp/1402779380

Gedanken über Billie Jean – Thinking Twice About Billie Jean

by

Auszug aus:

„Thinking Twice About Billie Jean“ von Veronica Bassil

Gedanken über Billie Jean

Billie Jean ist weitgehend bekannt als eines von Jacksons prägenden Werken und war ein großer Katalysator für den phänomenalen Erfolg von Thriller. Ein Song über einen Mann, gefangen in einem Lügennetz, der versucht, sich davon zu befreien, Billie Jean ist auf vielfältige Arten auch die Geschichte von Michael Jackson. Der Song ist ein Führer zu seiner Lebensgeschichte, eine Inszenierung seiner Kämpfe, Herausforderungen und Erfolge. Die Lyrics, die Leidenschaft, die Schreie, die Adlibs, der Tanz werfen alle ihr Licht auf den Weg, den er von seiner Krönung 1983, als er den Song bei Motown 25 aufführte, beschritt, bis hin zu seinem Tod 2009, 

Jackson bemerkte bei den Black Gold Awards, als er den Preis als Beste Single des Jahres für Billie Jean erhielt, dass „da sehr viel Wahrheit in dem Song ist“, und er hatte Recht. Es war nicht einfach nur ein weiterer Pop Song. Es war etwas, was du niemals vergisst. An einer Stelle der Lyrics singt Jackson „Also nimm meinen starken Rat an, und erinnere dich daran, immer noch mal drüber nachzudenken,“ und das ist eine Botschaft ihn beim Wort zu nehmen und anzufangen, über die Wahrheit von Billie Jean ein weiteres Mal nachzudenken. 

Dieses Buch ist eine Reise zu dem, was manche sein Meisterwerk genannt haben, ein verblüffender, knapper, dramatischer Monolog eines lebensverändernden Zusammentreffens mit einer geheimnisvollen „Beauty Queen“ mit Namen Billie Jean.

BJ Buchcover


“Breakin’ My Heart”

„Mein Herz wird gebrochen“

Ich werde mir die Lyrics zu Billie Jean genau ansehen, aber es steckt wahrscheinlich in den Adlibs, dem spontanen Ausbruch der Emotion, worin die direkteste und konzentrierteste Botschaft im Herzen des Songs gefunden werden kann. Im Fall von Billie Jean ist es so, dass Jackson, der seine Adlibs mithilfe einer zwei Meter großen Pappröhre aufnahm, diesen einen seltsam widerhallenden Klang verlieh, als kämen sie aus einer anderen Dimension.

You know you did.
Breakin’ my heart, baby!

Look what you done to me!

No, no, no, no, no!



Du weißt, du hast es getan.

Mein Herz gebrochen, Baby!

Sieh, was du mir angetan hast!

Nein, nein, nein, nein, nein!



Diese Zeilen zusammen mit vielen nonverbalen Adlibs, wie Klagen und Ausrufen, erzählen die Geschichte von jemand Gequältem, jemand, der wirklich verletzt ist, jemand, der auch eine Menge Verärgerung enthüllt. Jemand, der komplizierte Gefühle der Wut ausdrückt, Gefangensein, Angst und das Gefühl betrogen worden zu sein und jemand, der eine starke Verweigerung und einen Appell für die Wahrheit ausdrückt: “Sieh, was du mir angetan hast!” “Mein Herz gebrochen.”

BJ 4


Billie Jean
ist ein Song über einen Mann, gefangen in einem Lügennetz, der versucht, sich davon zu befreien, und auf vielfältige Arten ist dies ebenfalls die Geschichte von Michael Jackson. Wie Musikkritiker Joe Vogel bemerkte, ist Jacksons vorherrschende Botschaft die der “Befreiung”, auszubrechen aus begrenzenden Zwängen hin zu kreativem und humanitärem Ausdruck, auszubrechen und andere aufzufordern das gleiche zu tun, die “verwundete Welt”, die auch eine Spiegelung des verwundeten, begrenzten Selbst darstellt, zu verändern und zu heilen. Vogel verbindet diesen Drang nach Befreiung mit der Bewegung der Romantik in Kunst, Literatur und Politik. Der Sprechende in Billie Jean sieht sich gefangen und möchte sich befreien. In dem Short Film Leave Me Alone wurde Michael als Gulliver dargestellt, der von den Liliputanern festgebunden wird, sich aber dann befreit und sich auf seine Füße erhebt. Dieser Kampf der Befreiung ist wesentlich für Billie Jean.

Die Adlibs sind auf vielfältige Arten das Herz dieses Songs und enthüllen die leidenschaftliche Intensität von Jacksons Protest gegen die Zwänge von außen, die durch Billie Jean repräsentiert werden, die ihn kontrolliert und bestimmt. Sie heben hervor, dass etwas falsch gelaufen ist, dass eine Wunde Heilung benötigt und sie betonen eine starke Anklage – “Du weißt, du hast es getan!”

“I Am the One”: A Dancer

“Ich bin der Eine”: Ein Tänzer



Der Satz “I am the one” wird im Laufe des Songs 13 mal wiederholt. Beim ersten Mal ist es eine Frage, die der Sänger an Billie Jean stellt: “Ich sagte, meinetwegen, aber was meinst du damit, ich wäre der Eine.” (“I said don’t mind, but what do you mean I am the one.”) Billie Jean ist dann also diejenige, die diesen Satz, den der Sänger erklärt haben möchte, ursprünglich sagt. Während sich der Song entwickelt bezieht sich die Zeile auf eine Vaterschaftsklage und ihre Leugnung – “Sie ist nur ein Mädchen, das behauptet, ich wäre der Eine / Aber das Kind ist nicht mein Sohn.” Obwohl wir die Zeile oft nur als einen Bezug zu der Vaterschaftsklage deuten, taucht dieser Zusammenhang bis zur vierten Strophe nicht wieder auf. Die drei Eröffnungsstrophen verbinden die Zeile stattdessen mit dem Tanzen: “Ich bin der Eine / Der auf dem Tanzboden im Kreis tanzt.” Im Grunde taucht die Formulierung “auf dem Tanzboden im Kreis tanzen” (“dance on the floor in the round”) fünfmal während des Songs auf, einschließlich zweier Male in der Eröffnungsstrophe:

Sie war mehr als eine Schönheitskönigin aus einer Filmszene

Ich sagte, es macht mir nichts aus, aber was meinst du damit, ich wäre der Eine

Der auf dem Tanzboden im Kreis tanzen wird

Sie sagte, ich wäre der Eine, der auf dem Tanzboden im Kreis tanzen wird



Am Anfang ist “Ich bin der Eine” mit dem Tanzen “im Kreis” verbunden, vielleicht auf einem runden Tanzboden, bei dem das Publikum rund um die Bühne steht, demnach den Tänzer, das Objekt, auf das sich alle Augen richten, ins Zentrum stellt:

Dann dreht sich jeder Kopf herum mit Augen,
die davon träumen der Eine zu sein


Der auf dem Tanzboden im Kreis tanzen wird



Aus der Sicht des Performers auf einer Bühne sieht der Tänzer Augen, überall ein Meer von Augen, mit unbeweglicher Aufmerksamkeit. Diese Bewunderung ist verlockend und andere, vielleicht Billie Jean, träumen auch davon “der Eine zu sein”. Andy Warhol sprach darüber, dass jeder seine 15 Minuten Ruhm haben würde, und vielleicht würden wir alle gern die Aufmerksamkeit der Welt bekommen. An diesem Punkt seines Lebens allerdings hatte Michael Jackson, der im Alter von 5 Jahren aufzutreten begann, bereits eine 19-jährige Geschichte “der Eine zu sein” umgeben von den Augen des Publikums, einschließlich der Fans, Paparazzi, den Medien, den Neugierigen oder Neidischen, den Kritikern, den Bewunderern, den Manipulierenden und den Betrügern. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte er 45 Jahre hinter sich, in denen er von den Augen der Welt umzingelt war. Dieses intensive Starren muss anregend, beängstigend und äußerst ärgerlich gewesen sein, ein Starren, dem er nie entkommen konnte, sogar nicht im Tod. Tatsächlich liegt es nahe, dass solch ein intensives, andauerndes prüfendes Beobachtetwerden den Regisseur Peter Weir dazu brachte, seinen Film The Truman Show auf Michael Jacksons Leben basieren zu lassen.

Jacksons Talent als Tänzer wird weitgehend anerkannt; er ist der einzige Musiker, der sowohl in die Rock’n Roll Hall of Fame als auch in die Dance Hall of Fame aufgenommen wurde. Fred Astaire rief ihn nach seinem Billie Jean Auftritt bei Motown an, um ihn zu seinem eindrucksvollen Tanz zu beglückwünschen. Einige Kritiker betrachten Michaels Fähigkeiten als Tänzer als sein herausragendstes Talent. Sarah Kaufman schreibt über Michaels ikonisches Tanztalent:

Als sich seine Solokarriere ausweitete, kultivierte er auch den Einfluss, den er durch diesen geschmeidigen, jungenhaften Körper ausüben konnte. Zu der Zeit, als er in Stadien sang, konnte man die Elektrizität seines Tanzes bis in die höchsten Reihen spüren. Beobachte nur mal das Rucken und Beben, das er zeigte, wenn er zum Beispiel Billie Jean darbot. Das war kein Moment der Selbstgefälligkeit, keine Gelegenheit für einen Kostümwechsel und mimische Verständigung mit einem Background-Tänzer, wie man es in so vielen anderen Popkonzerten sieht. Es war eine Demonstration des kaum zurückzuhaltenden Feuers in diesem Performer, der vulkanische Selbstausdruck, dass … ein positives Ventil in einer perfekten physischen Darstellung gefunden hatte. (“Michael Jackson’s Iconic Moves Are His Legacy in Cirque’s Immortal World Tour,” Washington Post, 7/5/12).



Tavia Nyongo, Professor der darstellenden Künste an der NYU, deutet an, dass sich hinter “der Unangestrengtheit seiner berühmtesten Bewegungen die außerordentliche Fähigkeit und Anstrengung verbarg, die nötig war, um sie auszuführen,” und dass “kein anderer Tänzer seit Fred Astaire mehr für die Popularität dieser Kunstform getan hat”. Nigel Lythgoe, Produzent und Juror bei So You Think You Can Dance sagt, dass viele, die zu einer Audition der Show kamen erst durch ihn zum Tanz gekommen seien, und er schrieb ihm die Existenz der Show überhaupt zu (Olivia Smith “Michael Jackson the Dancer Moved Us Beyond Measure”).

In seinen Auftritten verschmelzen Jacksons Tanz und Gesangstalent in einen vollkommenen Ausdruck, und ganz sicher stellte er dieses außerordentliche Verschmelzen in seiner Motown Billie Jean Darbietung zur Schau. Einige seiner Tanzbewegungen waren so weiterentwickelt und ausgearbeitet, mit synchronisierten Back-up-Tänzern, dass er, wie in der Performance von Dangerous bei den MTV Music Awards 1995, die Lippen nur synchron bewegte, damit der Fokus nur auf dem Tanz allein lag. In seinen Short Films stellen die Tanzsequenzen choreografierte Kunstwerke dar.

BJ eyesclosed

Wie Baryshnikov bemerkte war Michael ein intuitiver Tänzer, der vielmehr sein eigenes Tanzrepertoire weiterentwickelte, als dass er sich in einer spezifischen Tanztradition trainierte. Er würdigte seine vielen Tanzinspirationen, solche wie James Brown und Fred Astaire, und doch bestand er darauf, dass Tanzen eine Reaktion auf das Gefühl und die Inspiration war, die aus der Musik selbst entstand. In einigen seiner umstritteneren Moves, ebenso wie in der Entwicklung seines Tanzstils, kann Jackson Tanz als revolutionär angesehen werden. Das Konzept des intuitiven Free-Style-Tanzes als einem revolutionären Akt wurde gut beschrieben von Eve Ensler, die das Event One Billion Rising organisiert hat, das das Ende der Gewalt gegen Frauen erreichen will und die die Autorin der Vagina Monologues ist:

Tanzen verlangt danach Raum einzunehmen. Es geht keine vorgegebene Richtung, aber wir gehen gemeinsam dorthin. Es ist gefährlich, fröhlich, heilig, zerstörerisch. Es bricht die Regeln. Es kann überall stattfinden, zu jeder Zeit, mit jedem und mit allen. Es ist frei. Keine Behörde kann es kontrollieren. Es vereint uns und treibt uns an weiter zu gehen. Es ist ansteckend und verbreitet sich schnell. Es ist körperlich. Es ist übersinnlich.

Enslers Worte beschreiben auch Michaels Tanz – frei, ansteckend, fröhlich, ausdrucksstark und revolutionär – genau wie der Effekt auf sein Publikum.

“I Am the One”: A Unique Being

“Ich bin der Eine”: Ein einzigartiges Wesen

Die Formulierung “Ich bin der Eine” hat auch einen biblischen Bezug. Im Alten Testament sagt Gott zu Jesajah: “Ich bin der eine wahre Gott,” und im ersten Gebot sagt Gott zu Moses: “Ich bin der Herr, dein Gott und du sollst keine anderen Götter haben neben mir.” Im Neuen Testament sagt Jesus zu seinen Jüngern: “Ich bin der eine wahre Weinstock. Wer an mich glaubt, der soll nicht sterben.” In diesem Zusammenhang bedeutet “Ich bin der Eine”, dass ich der einzige in meinem Seinsbereich bin; ich bin einzigartig. Ein weiterer biblischer Anklang taucht außerdem an einer anderen Stelle der Lyrics auf: “Vierzig Tage und vierzig Nächte lang war das Gesetz an ihrer Seite” (“for forty days and forty nights the law was on her side”). Der Ausdruck “vierzig Tage und vierzig Nächte” wird in jenem Abschnitt erwähnt, in dem Jesus in der Wüste fastete, und der schließlich mit seiner Versuchung durch den Teufel endete. Es ist ein Zeitabschnitt, der eine Transformation von einem Zustand in einen anderen markiert. In diesem Fall geht es um die Entstehung des Christus in seiner Vorbereitung seine Mission zu erfüllen und zu Gottes Sohn zu werden. In der Darstellung der Flut im Alten Testament regnete es vierzig Tage und vierzig Nächte lang und währenddessen wurde die sündenreiche Welt zerstört und eine neue, gereinigte Welt geboren.

Als bis zu seinem Austritt 1987 streng gläubiger Zeuge Jehovahs war Jackson mit solch biblischen Bezügen vertraut. Seine Bodyguards beobachteten in den letzten Jahren seines Lebens, dass er jeden Tag in der Bibel las. Michaels moralische Aufrichtigkeit war sein Markenzeichen für den Großteil seiner Karriere und führte zu Auszeichnungen und Einladungen durch die Präsidenten Reagan, Bush Senior und Clinton.

Der Ausdruck “Ich bin der Eine” ist auch ein wesentlicher Teil des Films Matrix (1999), in dem Morpheus “den Einen” sucht, der die Menschen aus der vorgetäuschten Welt oder der durch die Maschinenbeherrscher erzeugten Matrix befreien will. Die Trilogie legt den Fokus auf Neo (“neu”), der langsam zu akzeptieren lernt, dass er “der Eine” ist und seine Mission, die Agenten der Herrschaft der Maschinen zu zerstören, erfüllt und die menschlichen Gefangenen der Matrix befreit.

“Ich bin der Eine” bedeutet in all diesen Beispielen, dass ich einzigartig bin, der einzig Wahre, es gibt nicht einen anderen, der so ist wie ich. Wie Mohammed Ali zu sagen pflegte: “Ich bin der Größte.” “Ich bin der Eine” ist eine Bejahung der großen Kraft.

BJ 9

Für seine vielen Befürworter ist Jackson eine Inspiration dafür, sein Leben im Einklang mit den Tugenden der Liebe, Großzügigkeit, Bescheidenheit und Mut zu leben. Dass er starke Demütigungen durch die Medien ertragen musste, während er weiter diesen Werten folgte, verlieh ihm den Status als “der Eine”, dem man darin nacheifern möchte. Einige sehen ihn sogar als engelsgleich, vergleichen ihn mit dem heiligen Michael, dem Erzengel, der Gottes Armee bestehend aus Engeln in den Krieg gegen den Teufel geführt hat.

Jackson ist obendrein “der Eine” aufgrund der Vielzahl von Anerkennungen und Auszeichnungen, seinem Ritterschlag zum “größten Entertainer, der jemals gelebt hat” und zum “King of Pop” und einem der weltweit meist geliebten Künstler und Vertreter des Humanitätsgedankens. Im selben Sinn entschied sich der Cirque du Soleil dafür, seine permanente Michael Jackson Show in Las Vegas Michael Jackson One zu nennen.

“I Am the One”: A Defendant

”Ich bin der Eine”: Ein Angeklagter

“Ich bin der Eine” kann auch eine Anklage oder ein Bekenntnis sein: Ich bin der einzig Verantwortliche; ich bin der eine, der eines Verbrechens oder einer Rechtsverletzung beschuldigt wird. Billie Jean behauptet, dass der Sänger der Vater ihres Kindes ist, eine Behauptung, die der Sänger leidenschaftlich bestreitet. Die Lyrics “Sie sagt, ich bin der Eine” wirft auf geradezu prophetische Weise die Schatten der Beschuldigungen und Anklagen voraus, die Jackson später einkreisen und sowohl seine Karriere als auch seine Gesundheit beschädigen werden. Hatte er bereits, als er 1982 Billie Jean komponierte, eine Vorahnung, dass er die Qualen der falschen Beschuldigungen in seinem persönlichen Leben durchleben musste? Sah er vorher, dass das Gesetz nicht auf seiner Seite sein (“that the law would not be on his side”) und in sein Privatleben eindringen würde, bis zu dem Ausmaß, dass er Hunderte von Durchsuchungsbefehlen und eine 25-minütige Leibesvisitation, komplett mit Fotografien und Videoaufnahmen seines unbekleideten Körpers würde erleiden müssen?

Welche Beweise liefert Billie Jean für ihre Anklage? Interessanterweise ist der einzige objektive Beleg eine Fotografie (genau wie die Fotos der Leibesvisitation) eines Babys, dessen “Augen meinen ähneln” (“whose eyes were like mine”). Billie Jean behauptet, dass “wir bis drei Uhr getanzt haben” (“we’d danced till three”), einer Feststellung, die anscheinend von dem Sänger bekräftigt wird. Der Sänger sagt auch, “sie kam und stand direkt bei mir mit dem Duft süßen Parfüms” und “sie rief mich in ihr Zimmer”, wodurch der Versuch ihn zu verführen angedeutet wird. Allerdings steht die Frage nach dem Beweis nicht im Zentrum, denn der Song ist ganz eindeutig eine persönliche Geschichte über Billie Jeans verstörenden Einfluss. Wie wir in den Adlibs erkennen geht Jacksons emotionale Intensität über jede sachliche Frage hinaus: „Sieh, was du mir angetan hast!“

BJ 13

Jedoch taucht die Frage danach, welches die Beweise sind oder was ein realistischer und wahrheitsgemäßer Bericht ist, nicht nur in Billie Jean auf, sondern während seines gesamten Lebens. Wenn erst einmal eine Geschichte über ihn von den Medien, den Staatsanwälten oder einer Vielzahl von Kommentatoren, Journalisten, unauthorisierten Biografen, Freunden, Mitarbeitern, Familienmitgliedern usw. aufgenommen wurde, dann geriet sie mehr und mehr außer Kontrolle. Die bloße Anzahl von Geschichten, die über Michael Jackson kreiert wurden, könnten ganze Enzyklopädie füllen, angefangen damit, dass er ein Kastrat sei, dass er „weiß werden wollte“, dass er Teile seiner Ohrläppchen zur Rekonstruktion seiner Nase entfernen ließ, dass er in einer Sauerstoffkammer schlief und andere unvorstellbare, wilde Geschichten. Keine Geschichte war unglaubwürdig genug, egal ob irgendetwas dran war, was sie unterstützte. Die Frage kam auf, ob er bei seiner letzten Pressekonferenz ein Body Double einsetzte, über das Medien-“Experten“ ihren Senf dazu gaben und weiter jeden Versuch Klarheit zu schaffen verhinderten. Manche behaupten sogar, Michael Jackson sei nicht tot.

Bezüglich der Anschuldigungen, die beginnend 1993 vor Gericht gegen ihn eingereicht wurden, wurde Michaels Verpflichtung gegenüber den Belangen von Kindern und im Besonderen seine Freundschaften mit Kindern vielerorts stets mit Misstrauen betrachtet, Misstrauen, das schließlich den Rahmen für Beschuldigungen der Kindesbelästigung bereit stellte. Bis zu einem gewissen Ausmaß war dies ein unausweichlicher Ausgang, wenn man das Klima zu jener Zeit in Betracht zieht. Mary A. Fisher schreibt in ihrem bahnbrechenden Aufsatz „Was Michael Jackson Framed?“ (“Wurde Michael Jackson verleumdet?”, 1994) folgende Bemerkung von Philip Resnick:

Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand wie Jackson zur Zielscheibe wurde … Er ist reich, hängt mit Kindern rum, und da ist eine Zerbrechlichkeit an ihm. Die Atmosphäre ist so, dass eine Anschuldigung bedeuten muss, dass es passiert ist.



Die Medien halfen dabei, diese “Atmosphäre” zu befeuern und bereiteten die Öffentlichkeit im Vorfeld darauf vor, dies bezeugt folgender Bericht, veröffentlicht im Februar 1992, mehr als ein Jahr, bevor die Anschuldigungen aufkamen, in dem sich der Autor auf Jacksons “Vorliebe” für „kleine Jungs” (Macauley Culkin und Emmanuel Lewis) konzentriert:

Ist Michael Jungfrau? Ist Michael schwul? Warum entwickelt er solche … hm … intensiven Beziehungen zu neunjährigen Jungen? Warum lebte er zu Hause, bis er 30 war? All das sind unbequeme, neugierige Fragen, aber sie sind unterm Strich nicht unpassend. Wir alle nehmen Anteil am Überleben unserer Künstler: eine familiäre und öffentliche Geschichte, die einen älter werdenden Kind-Mann mit nicht erkennbarem Sexleben erschafft, ist eine, die danach schreit untersucht zu werden. (Bill Wyman)



Und untersucht wurde es, obwohl da eine große Ironie in dem “neugierigen Blick” steckt, der sich als Besorgnis um das “Überleben unserer Künstler” bezeichnet. Angesichts der Geschichten, die in den Medien zirkulierten, warteten die Anklagen ganz einfach auf jemanden, ein vorbereitetes Skript zu lesen. Passenderweise hatten der erste Ankläger Jordan Chandler und sein Vater Evan zusammen an einem Drehbuch für Mel Brooks’ Robin Hood: Men in Tights / Männer in Strumpfhosen (1993) gearbeitet. Evan verhandelte mit Jacksons Beauftragtem Anthony Pellicano angeblich noch mehr Vater-Sohn-Drehbücher in einer Größenordnung von 20 Millionen Dollar, mit dem Verständnis, dass wenn keine Einigung erzielt würde, er Belästigungsvorwürfe seinen Sohn betreffend erheben würde. Als die Verhandlungen nach Michaels Weigerung diesen Betrag zu zahlen abgebrochen wurden, machte Jordan am 16. August 1993 seine Anschuldigung in Gegenwart eines Psychologen.

Jacksons Verzweiflung über die Beschuldigungen und den Medienaufruhr, den dies verursachte, zwangen ihn, seine Dangerous Tour abzubrechen, und er reagierte öffentlich in einer Fernsehübertragung von der Neverland Valley Ranch im Dezember 1993:

Es wurden viele abscheuliche Aussagen über die kürzlich erhobenen Anschuldigungen bezüglich eines ungebührlichen Verhaltens meinerseits gemacht. Diese Aussagen über mich sind vollkommen falsch. Wie ich von Anfang an behauptet habe hoffe ich auf ein schnelles Ende dieser entsetzlichen Erfahrung, der ich ausgesetzt wurde. Ich werde in diesem Statement nicht auf die falschen Anschuldigungen reagieren, die gegen mich erhoben wurden, denn meine Anwälte haben mich angemahnt, dass dies nicht das richtige Forum ist, in dem dies geschehen sollte. Ich möchte sagen, dass ich ganz besonders wütend über die Behandlung dieser Sache durch die unglaublichen, schrecklichen Massenmedien bin. Bei jeder Gelegenheit haben die Medien diese Anschuldigungen seziert und manipuliert, um ihre ganz eigenen Schlüsse zu ziehen.



Im scharfen Kontrast zu Jacksons Leid waren die Medien auf vergnügte Weise angetrieben. Journalisten und Medienhändler eilten nach Los Angeles, um über das zu berichten, was sie als die Story des Jahrzehnts, wenn nicht gar des Jahrhunderts, betrachteten. Ein PBS Frontline Special mit dem Titel Tabloid Truth: Der Michael Jackson Skandal dokumentiert, wie die Boulevardpresse und das Boulevardfernsehen sich um diese Geschichte drängelte, einschließlich dem Durchsickern lassen vertraulicher Dokumente und der Bezahlung von Informanten. Nach Jahren des Katalogisierens der Bizarrheit des Stars und des Erzeugens eines Klimas, in dem solche Anschuldigungen sowohl logisch als auch glaubhaft erscheinen würden, hatten sie nun jemanden, der behauptete, dass Jackson “der Eine” war.

„I Am The One“: A Solo Superstar



Eine andere Bedeutung von “I Am The One” hat mit Michaels Entscheidung zu tun, seine Brüder wie auch das Management durch seinen Vater zu verlassen, um Solokünstler zu sein. Dies könnte eigentlich die wesentlichste, wenngleich eine verborgene Bedeutung sein. Jackson hatte entschieden seinen Vater als Manager zu entlassen und mit Quincy Jones zu arbeiten. Angesichts der Tatsache, dass Joe Jackson ein weitgehend als missbräuchlicher Vater und Manager galt, muss diese Entscheidung, die zu Spannungen, wenn nicht gar Wut unter den Familienmitgliedern geführt haben mag, äußerst schwer gewesen sein. Michael lebte immer noch zu Hause, er hatte Neverland noch nicht gekauft (1988). Seine Entscheidung für einen Alleingang, die er am Schluss der Victory Tour öffentlich machte, war durch Turbulenzen belastet. Seine Mutter wollte gern, dass die Gruppe zusammen bleibt. Michael Jackson lernte sehr viel als Mitglied der Jackson 5 und später der Jacksons, aber welchen Erfolg konnte die Gruppe noch haben ohne ihren Leadsänger und Star?

Michaels Entscheidung für eine Solokarriere muss sowohl befreiend und beglückend, als auch eine Quelle großer Ängste und sogar Schuld gewesen sein. Er stellte sich gegen einflussreiche Stimmen innerhalb seiner Familie, um auf seine eigene Stimme zu hören, eine Stimme, die sagte, wie er in Wanna Be Startin‘ Somethin‘ sang: Ich weiß, dass ich jemand bin (I know I am someone). Some One. Ein Einzelner. Es ist interessant, dass der Name Billie Jean auch in Wanna Be Startin‘ Somethin‘ auftaucht (1982):

Billie Jean is always talkin‘

When nobody else is talkin‘

Tellin‘ lies and rubbin‘ shoulders

So they called her mouth a motor



Billie Jean redet ständig

Wenn niemand anderer redet

Erzählt Lügen und hängt mit wichtigen Leuten rum

also bezeichneten sie ihren Mund als Motor



Vielleicht ist dies der Grund, warum mitten in dem Chaos, hervorgerufen durch jene, die „etwas anfangen wollten“, in all dem Hetzen, Stehlen, Lügen, dem ganzen trügerischen, hinterlistigen, ablehnenden Verhalten und der „messerscharfen“ Sprache der Sänger eine erstaunliche Beteuerung hinausschmetterte:

Lift your head up high

And scream out to the world

I know I am someone

And let the truth unfurl

No one can hurt you now

Because you know what’s true

Yes I believe in me

So you believe in you



Sei erhobenen Hauptes

Und schreie es in die Welt hinaus

Ich weiß, ich bin jemand

Und lass die Wahrheit bekannt werden

Niemand kann dich jetzt verletzen

Denn du weißt, was wahr ist
Ja, ich glaube an mich

Also glaub‘ du an dich



Das ist ein machtvolles Bekenntnis, seine eigene Identität, seinen Platz in der Welt zu behaupten und „die Wahrheit bekannt werden zu lassen“ wie eine Schlagzeile, die aussagt „Ich weiß, ich bin jemand“.

In Bezug auf „I am the one“ ist es von Bedeutung, dass Michael Billie Jean immer als Solotanz aufgeführt hat. Obwohl er seine Balladen ebenfalls solo performt hat, setzte er sowohl für die Bühne als auch in seinen Filmen für die tempogeladeneren Stücke normalerweise Backgroundtänzer ein. Bei Billie Jean jedoch tanzt er ganz allein, ob im Short Film oder in einem einzelnen Spotlight.

BJ Spotlight 2

Jackson wurde als Kinderstar stark kontrolliert – ihm wurde gesagt, wie er sich zu kleiden hatte, wie er singen sollte (er erwähnt in einem Interview mit Lisa Robinson, dass er nicht „frei singen“ konnte) und was er bei Interviews sagen musste. Diese Kontrolle übten Joe, die Zeugen Jehovahs und das Label Motown aus. Sein Durchbruch als Künstler und Tänzer kam im Mai 1983 während seines aufgezeichneten Auftritts bei Motown 25, als er zu Billie Jean tanzte. Er hatte ausgehandelt, einen seiner eigenen Songs (die er die „neuen Songs“ nannte) aufführen zu dürfen und dass er nur gemeinsam mit seinen Brüdern auftreten würde, wenn Berry Gordy ihm dies erlauben würde.

Der Auftritt ist natürlich legendär – nicht nur wegen des Moonwalk, sondern wegen Michaels Tanz und der gesamten Darbietung. Er ist nicht der lächelnde, fröhliche Sänger, der er vorher war – er knurrt, ist wild, spuckt die Worte fast aus. Und gleich in seinen ersten Bewegungen findet sich der provokative Stoß mit dem Becken, der sich dann sogar bis zum Griff in den Schritt und hin zu anderen andeutenden Bewegungen entwickelte, welche die Zeugen Jehovahs so verwirrten. Dies war der Augenblick, in dem der Schmetterling aus dem Kokon ausbrach und seine Flügel ausbreitete.

BJ Motown25

Steven Ivory, der Zeuge der Performance von Jackson bei Motown 25 war, berichtet von dem Eindruck, den der Auftritt beim Publikum, darunter Größen des Motown Labels, hinterließ:

Wenn du ein Jackson Fan und schwarz warst, dann wurdest du von einer Welle kulturellen Stolzes überflutet, der die bloße Popmusik übertraf, und ihren Platz in der amerikanischen Geschichte vollkommen festmachte.

In den fünf Minuten, die Jackson allein auf der Bühne war, fühlte sich irgendwie die gesamte Rasse erhoben und es wurde notwendig, dass die Show im Pasadena Center angehalten wurde, nachdem Jackson die Bühne verlassen hatte, so dass die gesamte Produktion und der Aufbau seine Fassung wiedererlangen konnte; dass die Männer im Publikum ihre Krawatten straff ziehen und die Damen ihre Perücken wieder geraderücken konnten.



Es war, als hätte Jackson eine Bombe abgeworfen, wäre dann einfach weggegangen und hätte uns mit den gefühlvollen Auswirkungen zurückgelassen. „Ladies and Gentlemen“, bat eine ernste, verstärkte, männliche Stimme, „bitte nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein, die Show wird noch weiter aufgezeichnet. BITTE …“ Die Leute tupften Wasser aus ihren Augen, umarmten sich gegenseitig und klatschten Fremde ab. Performance? Wir waren gerade Zeugen einer Krönung. Bald herrschte wieder Ordnung. Höflich sahen wir uns den Rest der Show an, unser kollektives Bewusstsein war jedoch bei Jackson stecken geblieben.

Der Ausdruck „I am the one“ ist voller Bedeutungen und dieser Reichtum an Bedeutungen ist eines der Merkmale, auf die wir die Lyrics von Billie Jean als Dichtkunst erkennen können: Ich bin der Tänzer, das einzigartige Wesen, der Angeklagte, der Unschuldige, der König, der Superstar. „Ich bin der eine, der auf dem Tanzboden im Kreis tanzt“, aber ich bin nicht derjenige, der Billie Jeans Liebhaber, der Vater ihres Kindes ist. Bestätigung und Leugnung, diese Widersprüche erzeugen Spannung und Tiefe. Sie geben Einblick in die Erfahrungswelt des Michael Jackson, einem stark kontrollierten und von einem frühen Alter an manipulierten Künstler, der sich jedoch losreißt, um seine eigene künstlerische Vision zu erschaffen und weiterzuentwickeln.

BJ 5

Weitere Bücher von Veronica Bassil:
“Michael Jacksons Love for Planet Earth” und “That Wonder in My Youth: Michael Jackson and Childhood” (Kindle Edition)

Out Of The Mouth Of Michael – Ein besonderes Interview mit Michael von 1992

Out Of The Mouth Of Michael . . . August 16, 1992 | By Glenn Plaskin.

http://articles.chicagotribune.com/1992-08-16/entertainment/9203140099_1_dreams-spirituality-daily-journal

Zwischen den Auftritten seiner stürmischen Europa-Tour, stimmte Michael Jackson diesem aussergewöhnlichen Interview mit Glenn Plaskin zu. Ein Abgesandter wurde nach Deutschland geschickt, um die Fragen, nach seinem Konzert in München, persönlich an Jackson zu überreichen. Er diktierte daraufhin seine Antworten, die an seinen Literatur-Agenten in Washington weitergeleitet wurden. Die Antworten wurden abgetippt und zur Veröffentlichung an Plaskin gefaxt.

Glenn Plaskin: Mir gefällt es, dass du dich sorgst und die Aufmerksamkeit in deinem neuen Buch „Dancing The Dream“ auf ein „Kind, das in Äthiopien weint, eine Seemöwe, die in einer Öllache um ihr Überleben kämpft, einen vor Angst zitternden Teenager-Soldaten…“ lenkst. Denkst du, wir sind solchen Dingen gegenüber schon gefühllos geworden?

Michael Jackson: Nein, ich glaube nicht, dass wir angesichts solcher Tragödien gefühllos geworden sind. Wir erleben ein weltweites Aufflammen für – und eine Rückbesinnung auf – die grundliegenden menschlichen Werte und die Sorge für die Unverletzlichkeit allen Lebens auf unserem Planeten.“

Dancing-The-Dream-Dilip Metha

Dein Buch ist angefüllt mit der Lebensweisheit einer alten Seele. Siehst du dich selbst als Philosoph?

MJ: Ich sehe mich nicht als ein Philosoph. Ich glaube, ich habe, wie jeder andere auf dieser Welt, eine Bestimmung. Diese Bestimmung herauszufinden und danach zu leben bedeutet, den göttlichen Funken in uns zu entzünden.

Stammen all deine Gedichte und Essays in dem Buch aus einem Tagebuch?

MJ: Ich führe kein Tagebuch. Ideen reifen entwickeln sich in meinen Gedanken.

Du sagst immer, es sei wichtig, zu träumen. Hast du all deine Träume verwirklicht?

MJ: Nein, habe ich nicht. Ohne Träume gibt es keine Kreativität. Der Antrieb zur Kreativität entsteht aus einem Unbehagen – einen göttlichen Unbehagen, das verändern, umgestalten, die Welt mit mehr Magie erfüllen möchte. In meinem Leben steht an erster Stelle, etwas zu verändern, unbekanntes, unerforschtes Gelände zu betreten und Spuren zu hinterlassen.

Was magst du an Kindern und wie beleben sie dich, wenn du unter Belastung stehst?

Michael with Kids Bad tour

MJ: Kinder sind unschuldig und urteilen nicht. Sie beleben mich, denn sie helfen mir dabei, mein eigenes inneres Kind zu finden, ohne das ich verloren wäre. Von Kindern können wir lernen zu lieben, zu vergeben, in allem etwas Neues zu erschaffen und die Welt zu heilen.

Fühlst du dich, wenn du alleine bist, einsam oder zufrieden?

MJ: Ich weiß das Alleinsein zu erleben. Einsamkeit kann eine harte Erfahrung sein, aber Alleinsein ist Liebe und Bewusstsein für das Leben.

Du sprichst oft von Gott und Spiritualität, und du wurdest als ein Zeuge Jehova erzogen. Hältst du dich heute für religiös?

MJ: Ich denke nicht, dass ich religiös bin in dem Sinn, dass ich mich einer bestimmten Glaubenslehre verschrieben hätte. Ich würde mich als spirituell bezeichnen – insofern ich glaube, dass es einen Bereich des Bewusstseins gibt, der uns ermöglicht unsere Universalität zu erfahren. Ich lese alle Arten religiöser Literatur, denn ich glaube, dass in allen etwas Wahres enthalten ist.

In deinem Buch schreibst du in deinem Gedicht „Trust“: „Wir denken, uns von anderen zu separieren, würde uns schützen, aber das funktioniert nicht. Dadurch fühlen wir uns einsam und ungeliebt.“ Fühlst du dich als ein Gefangener deines Ruhms?

MJ: Ja. Ruhm kann dich gefangen halten. Aber das Beste daran, Michael Jackson zu sein ist, dass du mit Millionen Menschen interagieren kannst; und bei diesem Zusammenspiel tauschen wir etwas aus.

Das wäre…

MJ: Liebe. Es ist beglückend. Es ist magisch.

Bliss

Ich wette, du hättest auch ein großartiger Balletttänzer werden können. Deine Mutter sagte einmal, du konntest schon mit 5 Jahren fast jede Tanzbewegung nachahmen. Wie fühlt es sich an, wenn du auf der Bühne tanzt, und wie hart arbeitest du daran?

MJ: Ich tanze, um meine Glückseligkeit auszudrücken. Wenn ich tanze, verlasse ich mich nicht auf ein Training, ich fühle, wie der Tanz selbst sich durch mich zum Ausdruck bringt. Ich bin das Instrument zum Ausdruck der Ekstase.

Verrate uns ein paar Geheimnisse: Was isst du, und wie trainierst du?

MJ: Mein Leben ist nicht eingeengt durch besondere Diäten oder Trainingspläne! Ich habe Spass mit meinen Freunden oder alleine. Ich sehe gerne Filme an, lese Bücher, tanze – und manchmal tue ich gar nichts.

Du schreibst viel über Tiere. Was können wir von ihnen lernen?

MJ: Tiere töten nicht aus Grausamkeit, Gier oder Eifersucht. Und die meisten töten nicht ihre eigene Spezies. Wir sind die einzigen Tiere, die die Erde plündern und zerstören! Aber wir lernen und es ist noch nicht zu spät.

Wo wir gerade von Tieren sprechen… nachdem das sexy, gewalttätige Panther-Segment von Black Or White zu vielen Kontroversen geführt hat, spekulieren Amateur Psychologen, dass du enorme Wutgefühle heraus gelassen hast, über…

MJ: Wut und Zorn sind das Vorspiel für eine Veränderung des Bewusstseins. Solange die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft uns nicht wütend machen, gibt es keine Hoffnung auf Veränderung.

Black-or-White-Set-Panther Dance

Deine Videos sind State of the Art, wie kleine Kinofilme. Würdest du gerne lange Spielfilme drehen?

MJ: Ich werde Regie führen und viele Filme produzieren; Filme, die die Magie des Lebens zeigen, die unterhalten aber die Leute auch zum nachdenken anregen.

In der Zwischenzeit, wenn du die Lieder für dein nächstes Album komponierst, kommen die Texte, oder die Musik zuerst?

MJ: „Ich höre als erstes die Musik und spüre den Tanz, die Worte kommen dann spontan.“

In deinem Essay „On Children of the World“ sagst du, so vielen Kindern wäre ihre Kindheit gestohlen worden. Hast du es als ein Kinderstar so empfunden?

MJ: Ich hatte ganz sicher keine gewöhnliche Kindheit. Aber die Magie war immer da.

Wir haben alle gesehen, wie Elizabeth Taylor sich so leidenschaftlich für Spenden und Mitgefühl für AIDS einsetzt. Welche Eigenschaft schätzt du an ihr als Freundin am meisten?

MJ: Elizabeth hat sehr viel Lebenslust. Wir müssen mit Leidenschaft leben.

Nachdem du letzten Oktober der Gastgeber für Elizabeth Taylors Hochzeit warst, träumst du davon, eines Tages selbst zu heiraten?

MJ: Ich lebe in der Gegenwart. Und das spannende am Leben ist, sich jeden Morgen in das Unbekannte zu begeben. Ich freue mich auf die Zukunft, was auch immer sie mir bringen wird.

………………………………

Übersetzung: M.v.d.L.

Michael Jackson: Der Tänzer des Traums

Michael Jackson war ein talentierter, unverwechselbarer und herausragender Tänzer. In diesem faszinierenden Artikel analysiert die professionelle Flamenco Tänzerin und Choreografin Amor (Lubov Fadeeva) seinen Beitrag zur Kunst des Tanzes.

Michael Jackson: The Dancer of the Dream

Original: http://en.michaeljackson.ru/michael-jackson-the-dancer-of-the-dream/

Michael Jackson: Der Tänzer des Traums

Michael Jackson und der Tanz ist ein Thema so unendlich weit wie der Weltraum. Ich kann nicht darüber sprechen ohne auf globale Zusammenhänge in der Kunst des Tanzes einzugehen, aber ich werde versuchen, die Zusammenhänge so gut wie möglich darzulegen – alle die Elemente zusammenzufassen, die ich als Facetten von eines größeren Ganzen sehe, so dass wir das ganze Bild betrachten können.

Billie Jean

Für mich ist Tanz ein globales Phänomen, die heiligste und reinste Kunstform, vielleicht noch auf einer Stufe mit Musik, Dichtkunst und den schönen Künsten.(fine art) Alles andere leitet sich davon ab, so wie die Äste eines großen, weit verzweigten Baumes nur aus einem Samen gewachsen sind. Tanz ist reine Inspiration, geboren im Zentrum des Universums, ausdrückbar durch eine Vielzahl künstlerischer Formen und Manifestationen. Tanz ist sichtbar gemachte Musik und rein geistige Emotion auf einer materiellen Ebene; er ist die spirituelle Energie, die alles Existierende erschafft. So habe ich diese Form des Ausdrucks von Gefühlen seit meiner Kindheit empfunden und ich werde versuchen, all das mit Worten zu beschreiben.

Ich erinnere mich daran, wie erfreut – wenn auch nicht überrascht – ich war zu sehen, dass Michaels Buch den Titel Dancing The Dream hatte. Warum verwies der Titel auf das Tanzen und nicht auf Gesang oder Musik? Ich glaube nicht, dass es zufällig geschah. Der Tanz war ein besonderer Teil in Michaels Kunst – der tiefste, ernsthafteste und symbolischste Ausdruck seiner Philosophie und künstlerischen Vision.

Ich werde mich diesem Thema auf Umwegen nähern, beginnend mit einem Zitat aus einem Buch von Maurice Bejart, ‘Un Instant dans la vie d’autrui’ (Ein Augenblick in der Haut eines anderen). Bejart ist ein französischer Choreograf und die wichtigste Persönlichkeit des modernen Balletts. Er ist Erneuerer, Philosoph und anerkanntes Genie im Bereich des Tanzes. Es ist interessant, dass Bejart in der Familie eines Philosophen aufwuchs: Sein Vater leitete eine Gesellschaft für philosophische Forschungen und gab ein Wissenschaftsjournal heraus. Dadurch wuchs Bejart in einem Umfeld auf, in dem das menschliche Denken geschätzt wurde, und so war er von Kindesbeinen an von Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten umgeben. Als er Tänzer wurde, spiegelten daher seine Kunst und sein künstlerischer Ansatz tiefgreifende Gedanken wieder.

Bejart erklärte den Tanz zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Seine Balletttruppe, die aus angesehenen professionellen Tänzern bestand und kolossale Erfolge feierte, hatte demnach auch genau diesen Namen: “Ballet du XXe siècle” oder “Ballett des 20. Jahrhunderts.” Die größten Stars aus der Welt des Balletts arbeiteten mit Bejart zusammen.

Eines der Kapitel seines Buchs heißt: „Den Tanz zur Bedeutung deines Lebens machen.“ Lasst mich euch ein paar Auszüge daraus wiedergeben:

Tanz wurde zu einer zweitklassischen, dekorativen und unterhaltenden Kunst gemacht. Damit meine ich natürlich den Tanz in der westlichen Welt. Es ist kein schierer Zufall, dass dem Tanz in der westlichen Welt diese Rolle zufiel, denn es ist nicht nur der Tanz alleine der hier zu einer Farce wurde.

Ich nehme den Tanz ernst, denn ich halte Tanz für ein religiöses Phänomen. Es ist auch ein gesellschaftliches Phänomen, aber vor allem ist Tanz etwas Religiöses. Wenn man Tanz als ein sowohl heiliges als auch menschliches Ritual sieht, erfüllt er seine Funktion. Wird er jedoch in eine Unterhaltungsform verwandelt, hört er auf zu existieren, und es bleibt nur ein Feuerwerk, oder eine Parade uniformer Pin-up Girls, oder ein Pin-Ball-Spiel – aber nicht mehr die Essenz des Tanzes. Bezieht man das auf die 80er Jahre, tritt man offene Türen ein, aber in den 50ern war diese Tür noch fest verschlossen.

Im Namen Gottes lehnte das Christentum unter Berufung auf irgend ein Tabu – vielleicht aus angstvoller körperlicher Scham dieser fleischlichen Hülle der Seele – den Tanz ab, während dieselbe Religion aber das Errichten von Kathedralen inspirierte! Von der Religion, die ihn lebendig gemacht hatte, getrennt, wurde der westliche Tanz als sinnlich/fleischlich verurteilt und wurde zu einem Teil einer zum guten Ton gehörenden Zeremonie. Ohne Verbindung zur Religion wurde dem Tanz ein gutes Benehmen im schlechtesten Sinn des Wortes anerzogen…

Aber wohin ist das Ritual verschwunden? Das Bedürfnis das Sakrament zu empfangen, in beiden Dimensionen: vertikal und horizontal, heilig und gesellschaftlich?

Als Diaghilev mit seinem Russischen Ballett zu Beginn des Jahrhunderts die Bühne betrat, war das revolutionär. Aber diese Revolution war ästhetischer Natur. Der Tanz brauchte mittlerweile eine ethnische Revolution, aber auch eine ästhetische Revolution war schon ein großer Schritt nach vorn! Große Musiker wie Stravinsky begannen schließlich damit, Musik zum Tanzen zu komponieren. Große Künstler – Picasso, Derain, Braque – arbeiteten an Bühnendesign und Kostümen. Die Welt lernte auch den unbeschreiblichen Bühnendesigner Leon Bakst kennen.

Das westliche Publikum hatte instinktiv ein Bedürfnis nach einem Tanz, der nicht seiner Essenz beraubt war. Junge Menschen, die sich danach sehnten sich zu vereinen, suchten in der Rock- und Pop- oder Discomusik nach neuen Ritualen und taten das Richtige. Jede Generation muss ihre eigenen Rituale schaffen. Die Rituale unserer Eltern waren gestorben und bedeutungslos.

Erneuerungen im Tanz sind jetzt kein ästhetisches Problem mehr. Wir haben eher das starke Bedürfnis, gesellschaftlichen Angelegenheiten und unserer Wahrnehmung der Welt Ausdruck zu verleihen. Wir müssen dem Tanz nichts sagen – er selbst sagt so viel!

Ich spreche aus meinem Herzen. Mit jedem Tag bin ich mehr davon überzeugt, dass Tanz die Kunst des 20. Jahrhunderts ist…

Es wird der Tag kommen, an dem jeder tanzen wird.

MJ rehearsing 2

Das Wesen der Einzigartigkeit

Seit meiner Kindheit ist Tanz für mich so etwas wie Religion, wenn nicht sogar reine Religion. Jede Kunst übernimmt in ihrer Essenz die Rolle eines Kults, die Rolle eines spirituellen Beraters und weitere Aufgaben, die sie in die Nähe einer Religion rücken, je nach Art der Kunst in unterschiedlichem Maß. Aber in diesem Fall spielt der Tanz eine besondere Rolle. Ich möchte den Gedanken, dass der Tanz immer etwas Religiöses vermittelt, nicht weiter ausbauen, aber man sollte bedenken, dass Tanz historisch gesehen aus der Religion abgeleitet wurde. Seine ursprüngliche Beschaffenheit war spirituell und heilig und nicht einfach nur dekorativ, wie es Maurice Bejart richtig formulierte.

Wenn die Leute Michael Jackson bewundern, geschieht etwas Wunderbares. Sie erleben einen Moment, in dem der Tanz ihnen etwas Aufregendes und Unvergleichliches offenbart. So gut wie jeder, der Michaels Tanz ernsthaft betrachtet, wird sicherlich dieses mysteriöse, einmalige Niveau dieses Entertainers wahrnehmen, das seine Kunst einzigartig macht. Viele Tausend Menschen haben einige dieser charakteristischen Bewegungen und Schritte Michaels erlernt, aber keiner kann sie genauso ausführen wie er. Aus diesem Grund sind alle Bemühungen (auch die von professionellen Tänzern) ihn zu imitieren zum Scheitern verurteilt: In den Augen leidenschaftlicher Jackson Fans ist jeder Jackson Imitator nur ein Ersatz.

Für mich sind die Legionen dieser Michael Jackson Imitatoren, die seine Tanzschritte nachahmen die reine Entweihung. Seine körperliche Präsenz und sein emotionaler Ausdruck auf der Bühne kann nicht kopiert werden. Er ist an jeder kleinsten Nuance erkennbar, seine einzigartige Energie muss gar nicht erst erwähnt werden. Selbst wenn ein Tänzer die gleichen Tanzelemente auf brillante Weise beherrscht, ist es nicht möglich auch Michaels Hände zu kopieren. In dieser Hinsicht sind die Impersonatoren, die Jacksons Stil lediglich als eine Basis für ihre eigenen Interpretationen und Variationen nutzen im Vorteil. Ihr Tanz sieht immer interessanter, lebendiger und gekonnter aus als der Versuch seine Bewegungen präzise zu reproduzieren, was im Tanz so gut wie unmöglich ist. Jackson kann man nicht wiederholen, kopieren oder imitieren – so wie auch jeder andere berühmte Tänzer nicht dupliziert werden kann.

Was macht Michael so einmalig? Warum gibt es beispielsweise so viele Diskussionen darüber, dass sein Tanz zwar viele sexuelle Bewegungen enthält, ohne ihn aber je vulgär aussehen zu lassen – die Art Vulgarität, die man bei vielen anderen Tänzern erkennen kann? Warum wird sein Beitrag zur Kunst des Tanzes als von so unschätzbarem Wert gesehen, dass dieser Popstar auf eine Stufe mit den großen Meistern des Balletts oder des Volkstanzes (folk dance) gestellt wird?

Allem voran würde ich sagen, dass der Körper und die Antriebskräfte eines jeden Tänzers einzigartig sind. Es gibt ein paar Gemeinsamkeiten, aber dennoch so viele Besonderheiten, die nicht einmal genau zu analysieren sind, so wie es unmöglich ist jedes „tanzende Molekül“ in einem lebendigen menschlichen Körper zu analysieren. Diese winzigen Details und Besonderheiten machen das Auftreten einer jeden Person zu ihrem oder seinem höchst eigenen. Manche zeigen weniger Individualität, während andere ab ihrem ersten Schritt auf der Bühne erstrahlen. Das ist ein Grund dafür, dass kein Impersonator jemals einen so brillanten Tänzer wie Michael Jackson kopieren oder ersetzen und auch auf diejenigen überzeugend wirken kann, denen Michaels Stil vertraut ist.

Es geht nicht nur um seine persönliche Einmaligkeit, es betrifft die Einmaligkeit eines jeden Menschen. Die Wissenschaft hat das Klonen entwickelt, aber selbst ein Klon kann nie die perfekte Kopie des Originals sein, so wie auch Zwillinge nicht identisch sind. Die Möglichkeit, dass ein Mensch der Klon eines anderen werden könnte, gibt es nicht. An irgendeinem Punkt würden die Unterschiede hervortreten, auch wenn ein Impersonator spirituell sehr eng mit dem echten Performer verbunden wäre. Das perfekte Kopieren individueller Eigenheiten innerhalb eines Tanzes, um die Illusion zu erschaffen genau gleich zu sein, ist utopisch.

An der Stelle sollte ich aufhören über die Einzigartigkeit in der Natur zu sprechen und zu meinem eigentlichen Thema, das ich noch interessanter finde, zurückkehren: Künstlerische Einzigartigkeit.

Lasst mich noch einmal an den Anfang meiner Ausführungen zurückkehren – ich sage, dass Michael, so wie jeder andere wirklich brillante Tänzer, durch sein spirituelles Wesen und seine spirituelle Herangehensweise an den Tanz hervorsticht. Sein Tanz spiegelt die zuvor erwähnte ursprünglich religiöse Komponente wieder – nicht in dem Sinn, dadurch eine Glaubenslehre auszudrücken, sondern bezogen auf seine spirituelle und emotionale Herangehensweise.

MJ dangerous 3

Erstens ist Michael nicht nur ein Performer. Er ist der Erschaffer seines Tanzes. Er macht nicht einfach etwas, was er nur durch die Imitation eines Choreografen gelernt hat. Sogar wenn sein Tanz choreografiert ist, bleibt er der Erschaffer: Sein Tanz kommt von innen, nicht von anderen Menschen, ganz gleich wer mit ihm in der Vorbereitungszeit zusammen gearbeitet hat.

An seinen Projekten waren viele Choreografen und Tänzer beteiligt, aber das Tanzteam und Michael unterscheiden sich völlig, auch wenn seine Tänzer immer sehr professionell und ausgezeichnet sind. Er sticht immer heraus, sowohl durch seine Art zu Tanzen als auch durch seine innere Haltung zu dem Tanz.

Er tanzt im Fluss der freien Schöpfung. Es sollte erwähnt werden, dass selbst die Bewegungen, die er auf der Bühne immer wieder vollführt nicht mechanisch wiederholt werden, wie eine hängengebliebene Platte. Keinesfalls, denn er kann jeden seiner Tänze zu jeder Zeit in freier Improvisation fortsetzen. Und es wirkt dabei nie, als wäre er mit seinem persönlichen Stil nicht im Gleichklang; stattdessen eröffnet sich neue Facetten seiner unergründlichen inneren schöpferischen Kraft. Das ist etwas, was kein Impersonator tun kann. Einzig der Erschaffer des Tanzes kann seinen Tanz ganz natürlich erweitern und erneuern und völlig frei improvisieren und dabei trotzdem ganz er selbst bleiben. Niemand sonst kann in dieses Heiligtum eintauchen. Es ist ein ganz persönlicher Besitz, so wie jeder Mensch seinen eigenen Körper oder seinen Platz auf der Erde hat.

Michael Jackson sticht unter allen Bühnendarstellern seiner Generation, und denen die folgten, heraus. Es wird oft gesagt, dass andere Pop-Entertainer sich seiner bedienen, weil er einen Standard erschuf. Dennoch scheinen viele sich der falschen Dinge zu bedienen. Michael war dafür bekannt absolut an das zu glauben, was er tat. Seine Kunstausübung war immer aufrichtig und begeisternd, während zeitgenössische Pop-Performer meist eher aussehen wie hübsch gestaltete Aufziehpuppen und nicht wie charismatische Entertainer.

Warum das so ist, kann ich nicht sagen, aber ich schätze, dass es nicht am mangelnden Talent liegt, sondern an dem Umstand, dass die Popbühne endgültig beschlossen hat, das durchschnittliche Glamour-Ideal zu produzieren. Meist erwecken diese neuen „Stars“ den Eindruck von Barbiepuppen: Alle sind hübsch, alle sind begabt, aber allen fehlt es an Energie … Es ist nichts Aufregendes. Da ist nichts mehr, was uns noch schockiert oder überrascht – alles Revolutionäre ist Vergangenheit. Das ist der Gesamteindruck.

Ehrlich gesagt ist es traurig, dass ihnen ein wirklicher, lebendiger kreativer Prozess genommen ist und sie sich absichtlich selbst zu einem Produkt machen. Produkt statt Erschaffer, noch nicht einmal ein kleiner. Seltsam, dass die Unterhaltungsindustrie diesen Geschmack weiterhin vorgibt und solches Material für ihre Starfabrik auswählt. Aber letztlich ist ein Genie nur ein Genie, wenn es selten zu finden ist.

Der zweite und vielleicht interessantere Faktor ist, dass Michael Jackson im Grunde keine Figur des Pop ist. Ja, er arbeitete innerhalb des Rahmens der populären Massenkultur, aber nach der Grundlage seines Denkens gehörte er nicht zur Pop Art. Ich würde sogar behaupten, es war seine Tragik, natürlich ohne dass er selbst daran die Schuld trug. Das System der Pop-Kultur erlaubte ihm einerseits, alle möglichen Verkaufsrekorde zu brechen und mit einfachen und inspirierenden Ideen Millionen Menschen zu erreichen. Andererseits wurde aber sein Talent auf dieses System begrenzt, so dass sich letztlich bestimmte Facetten seiner Kunstfertigkeit nicht vollständig manifestieren konnten und von der allgemeinen Öffentlichkeit unbemerkt blieben.

Das Image des Popsängers hielt einige Menschen davon ab, ihn ernst zu nehmen. Das war bedauerlich und ich sage es noch einmal: Es war nicht sein Fehler. Die Schuld liegt in der Engstirnigkeit der Gesellschaft. Seine Figur hatte zu viele Widersprüchlichkeiten, um ihn hinreichend zu erfassen. Er vereinte die Eigenschaften antipodischer, tief in der gängigen Mythologie verwurzelter konventioneller Stereotypen, und letztlich bescherte es ihm brutale Gerichtsverhandlungen und ein tragisches Ende.

Abschließend möchte ich noch das Offensichtliche sagen: Als Genie musste Michael sich nicht irgendwelchen Standards anpassen. Wie es Niccolo Paganini sagte: „Den Talentierten wird geschadet und die Genies werden gehasst.“ Übrigens gab es im Leben von Paganini und Michael Jackson viele Parallelen.

Schamane der großen Bühne

Wenn Michael Jackson die Bühne betrat, tanzte er in Ekstase. Und das ist für den Zuschauer offensichtlich. Die besten Tänzer und Musiker erreichen diesen besonderen Geisteszustand, wenn sie kreieren. Kunst in ihrer höchsten Form ist nicht möglich ohne die Fähigkeit mit dem Unterbewusstsein zu arbeiten und ohne andere Stadien des Bewusstseins und der Intuition zu nutzen. Ohne das ist es keine Kunst sondern einfaches, herkömmliches Handwerk.

MJ Billie Jean 4

Lasst uns auf den religiösen Aspekt des Tanzes zurückkommen. Der erste professionelle Tänzer der Erde war ein Schamane und Priester. Er war auch Pionier in vielen anderen Kunstformen. Der Tanz wurde geboren durch die Verbindung des Menschen mit den höheren Mächten und Geistern unserer Vorfahren. Tanz ist im Wesentlichen eine Form der Meditation, aber keine passive – sie ist aktiv. Die rhythmischen Schläge von Tamburinen oder Trommeln halfen den frühen Schamanen dabei, in Trance zu fallen, und den an dem Ritual Teilnehmenden bis zu einem gewissen Grad denselben Trance-Zustand zu erreichen. Die Musik basierte auf einer klaren Rhythmik und hielt die Zuhörer in ihrem Bann. Mit dem weiteren Fortschreiten der Zivilisation, entwickelte diese Basis neue Formen, ohne jedoch ihre ursprüngliche Bedeutung zu verlieren.

Das gleiche kann über den klassischen indischen Tempeltanz gesagt werden, bei dem sich der Tänzer im Vergleich mit einem Schamanen ruhiger verhält und die Bewegungen erlernt und präzise ausgeführt werden, wobei jedoch die rhythmische Basis und die meditative Art des Tanzes gleich sind. Es ist wichtig zu wissen, dass in der indischen Mythologie die Götter selbst auch Tänzer waren. Daher fiel dem Tanz eine hohe spirituelle Bedeutung zu.

Im christlichen Europa war die Situation eine andere. Es stimmt, dass viele heidnische Bräuche vom Christentum übernommen wurden. Viele christliche Feiertage und Rituale sind historisch im Heidentum und im Altertum verwurzelt – Symbole und Rituale wurden einfach auf eine neue Art interpretiert und präsentiert. Auf diese Weise suchte die neue Welt einen Kompromiss mit der alten Welt. Trotzdem lehnte die christliche Kultur den Tanz ab und schloss ihn aus der Kirche aus, bezeichnete ihn als eine Art körperliche, dekorative Kunst – so wie es Bejart in seinem Buch erwähnte. In jenen Zeiten, mit dem Wissen, dass er afrikanische und indische Wurzeln hatte, stand es außer Frage ihn in der Kirche zu akzeptieren. Tanz hatte durchaus einen gewissen spirituellen Einfluss, war jedoch auf das weltliche System beschränkt.

Wie ich zu Beginn schon sagte sehe ich Tanz und Musik als Funken der göttlichen Energie, die das Universum beherrscht. Rhythmus ist etwas, was jeder von uns besitzt: Es ist unser Herzschlag. Wenn der Herzschlag aus dem Rhythmus gerät, ist das normalerweise ein Zeichen einer ernsten Erkrankung. Musikalische Rhythmen helfen uns dabei die Harmonie des Universums zu spüren und tragen dazu bei, dass wir uns wohl fühlen. Unterschiedliche Rhythmen erschaffen unterschiedliche Stimmungen, aber jeder Rhythmus spiegelt unsere Natur wieder.

Die wesentlichen Manifestationen von Rhythmus im menschlichen Leben sind Sex und Schwangerschaft. Ich hoffe das erstere nicht erklären zu müssen, aber letzteres ist erwähnenswert, da unser vorgeburtliches Stadium uns etwas über Synkopen lehrt, eines der beeindruckendsten und faszinierendsten rhythmischen Phänomene. Die Synkopen entstehen, wenn zwei Herzen in unterschiedlichem Takt schlagen – das Herz der Mutter langsamer als das des Kindes. Aus diesem Grund wirken synkopische Rhythmen auf uns so beruhigend. Wir haben sie ab dem Moment gehört, in dem wir im Leib unserer Mutter gezeugt wurden.

Es ist leicht zu erkennen, wie die Auswirkungen der schamanischen Techniken und des Tempeltanzes in unsere modernen populären Darbietungen eingeflossen sind. Sie haben die gleichen Basiselemente: Einen lebendigen Rhythmus, ein ekstatisches Publikum, und wiederum ist der wichtigste Charakter im Zentrum ein ekstatischer Tänzer.

Michael Jackson fügte dem eine weitere wichtige Komponente hinzu: Eine spirituelle Botschaft. Die Ekstase ist in solchen Songs wie Man In The Mirror, die darauf zielen das Publikum aufzufordern ihre eigene innere Kraft zu entdecken und positive Veränderungen zu bewirken, am beeindruckendsten. Auch wenn es sich nicht um ein Ritual einer Kirche oder eines Kults handelt, ist der Rahmen der gleiche: Der kraftvollste emotionale Ausbruch zielt auf die Veränderung des Bewusstseins und der Denkweise sowie auf die umgebende Realität. Ein solch absoluter Glaube an die Kraft der Kunst das Bewusstsein zu ändern, und die völlige Hingabe bei der Ausübung dieser Kunst kann bei tausenden Menschen Wunder bewirken. Das ist es, was Michael Jackson von anderen tanzenden Entertainern abhebt.

Bemerkenswert ist auch, dass Michael in seiner Kunst versucht, Christentum und Tanz zu vereinen, und er erreicht das, indem er auf die afroamerikanische Kultur zurückgreift. Sein Song Will You Be There z.B. ist ein Gebet, begleitet von einem Gospelchor. Ein Gospelchor ist während einer Performance immer in Bewegung, aber Michael ging in seiner Show noch weiter und fügte noch eine Ballettgruppe und einen Engel hinzu, der von oben auf die Bühne herunter kam. Das ist ein kirchliches Mysterium, übertragen in die Sprache des Spektakels, in die Sprache der Bühne. Anders als bei Man in The Mirror, bei dem tiefe Emotionen durch ungebremsten Energieausbruch deutlich werden, sehen wir hier eine ehrfürchtige und tränenreiche Hinwendung zu Gott – eine reine religiöse Ekstase.

Auf diese Weise vermischte Michaels Kunst Spuren des Schamanismus mit direkten Ausdrucksformen christlicher Demut. Er vereinte viele Welten in sich und es ist schwer zu sagen, zu welcher davon er mehr gehörte. Seine Kunst war gleichzeitig weltlich, religiös und sozial. Das einzige, worüber ich mir sicher bin ist, dass sein Talent einer alten Kultur entstammt, ich würde es sogar die Gabe eines Schamanen nennen. Oder die Gabe eines Zauberers, wenn man dieses bevorzugt.

Michael hatte diese Talente nicht zufällig. Er erbte diese Merkmale von der afrikanischen Kultur und es floss auch indianisches Blut in ihm. Wenn die Geschichte seines Vaters stimmt, war einer der Vorfahren Michaels ein indianischer Heiler und Schamane, an den in den Erzählungen der Großväter und Urgroßväter der Jackson Familie oft erinnert wurde. Und auch wenn man die Geschichte dieses schamanischen Vorfahren nicht glauben möchte, ist es dennoch keine Überraschung, dass Michael auf der Bühne ein wahrer tanzender Schamane war. Das Erbe der Afroamerikaner und der amerikanischen Indianer geht auf die gleichen alten Wurzeln zurück: Rhythmus und Spiritualität des Tanzes standen in beiden Kulturen an zentraler Stelle. Vor hundert Jahren konnte jeder amerikanische Indianer Mystiker und Heiler genannt werden, da es ein fest dazugehörender Teil ihres alltäglichen und spirituellen Lebens war. Michael war ein Mensch mit einem enormen spirituellen Potential, welches er auch in vollem Umfang nutze. Viele seiner eigenen Aussagen zu sich selbst, als auch Beobachtungen von Menschen, die ihn kannten, geben darüber Auskunft.

Die Energie, die er verströmt und die in seinen Augen leuchtet, ist ein deutliches Zeichen für einen Menschen, der eine hohe spirituelle Kraft besitzt. Sie hinterließ bei bei den Leuten einen nachhaltigen Eindruck und ließ sie empfinden, als schauten sie auf einen Engel, der auf die Erde gefallen war; obwohl er in Wirklichkeit ein Mensch aus Fleisch und Blut war, mit vielen gegensätzlichen Merkmalen in seiner Persönlichkeit. Ohne Zweifel haben seine zahlreichen humanitären Aktivitäten und seine umfassende Nächstenliebe zur Festigung seiner Reputation als einem Heiligen beigetragen, aber es war seine unglaubliche Energie, die ihn den Menschen wie ein überirdisches Rätsel scheinen ließ.

Michael Jackson on stage

Einige sind immer noch darüber erstaunt, dass ein Popsänger zum größten Entertainer unserer Zeit erklärt wurde. Ich kann nur sagen, dass er wie kein anderer diesen Titel verdient hat, weil es die wahre Aufgabe eines Entertainers ist, göttliche Ekstase an die Menschen weiterzugeben, um ihren Bewusstseinszustand zu verändern, sie anhand des eigenen Beispiels zu erstaunen und viele Herzen zu berühren, indem man dramatische künstlerische Ausdrucksformen findet, um all das zuvor genannte zu erreichen.

Es ist nicht die Stimme oder die meisterliche Technik, die einen Entertainer zu einem Wunder macht, auch nicht das Befolgen der Regeln des guten Geschmacks oder die Zugehörigkeit zu einem angesehenen Genre. Nein, das Wunder geschieht durch Ausstrahlung und eine gekonnt gestaltete Performance, die eine größtmögliche Ladung spiritueller Energie hervorbringt. Ein wahrer Entertainer vereint in sich naturgegebene Kunstfertigkeit, eine außergewöhnliche Persönlichkeit, Leidenschaft, Kreativität und Hingabe. Kein Performer konnte all das in dem Maße in sich vereinen wie Michael Jackson mit seiner unverwechselbaren Originalität.

Man könnte über die künstlerischen Verdienste seiner Songs oder Technik diskutieren, aber keine dieser Kritiken würde den Stellenwert seiner Persönlichkeit in der Geschichte der Kunst reflektieren: Seine Individualität, das perfektionierte und wiedererkennbare Image, das er erschaffen hat, und seine kreative und menschliche Strahlkraft, die sich in der außergewöhnlichen Liebe seiner vielen Fans manifestiert hat.

Sogar Skandale und das Medienspektakel konnten die Millionen Menschen nicht von diesem Wunder abbringen. Und es handelt sich hier nicht um abstrakten, gedankenlosen Fanatismus. Vielmehr gab sich dieser Mann selbst vollständig der Bühne und den Menschen, arbeitete bis zur Erschöpfung und verteilte seine Energie. Seine Hingabe löste die gleiche Hingabe zu ihm aus.

Man sollte dazu noch anmerken, dass Werbung und Promotion bei alldem keine Rolle spielen. Werbung funktioniert nur, solange du one-on-one mit dem Publikum bleibst. Wie lange könntest du bestehen, wenn du keine Begabung hättest? Dadurch kommt es zu dieser endlosen Reihe kurzlebiger Bands und Stars, die nur noch auf dem Papier lange vergessener Poster glänzen. Michael hatte das Talent, die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zu lenken, und dieses Talent hatte er schon in seiner frühen Kindheit, ohne jede Werbung. Und es ist noch einmal eine völlig andere Sache, wenn du nicht nur Aufmerksamkeit auf dich lenken kannst, sondern die Liebe von Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt gewinnst – und nicht nur die Liebe von weiblichen Teenagern, sondern die lebenslange Hingabe von Menschen jeden Alters und jeder Generation.

Die dunkle Seite des Mondes

Spricht man in der Kunst von Schamanismus – insbesondere in der Tanzkunst – kann man nicht die dunkle Seite der Thematik vergessen, durch die noch eine weitere Fassette und Tiefe hinzukommt.

Ich möchte ein paar Beispiele aus unterschiedlichen Kulturen aufzeigen. In der Volkskultur Spaniens, besonders in der Kunst des Flamencos, gibt es einen Glauben, der noch immer sehr ernst genommen wird – die Legende des Duende. Dieser Begriff ist kompliziert und für diese Kunstform sehr wichtig, ich gebe euch aber nur eine kurze Beschreibung davon. Laut der Legende gibt es einen Geist, den Duende, der über den Performer kommt und während des Singens oder Tanzens ihren oder seinen Körper betritt. Man kann den Duende nur schwerlich als einen guten Geist bezeichnen. Ein Zeichen der Anwesenheit des Duende sind Emotionen, die glühende Leidenschaft ausdrücken, auch Schmerz und Wut. Der Flamenco entstand aus einer Mischung unterschiedlicher Kulturen, darunter die der Zigeuner, der arabischen und der afrikanischen Kultur – einer so alten Kultur, dass es nicht überrascht, dass im Ethos ihrer Kunst der Schamanismus tief verwurzelt ist.

Der Flamencotänzer lässt also den Geist eintreten – auf diese Art erfasst er seine Selbstentfaltung mit den Sinnen. Ob wir nun an die Existenz des Duende glauben oder nicht, die Bedeutung der Legende ist dennoch lehrreich. Eine bestimmte Kraft dringt von außen in den Tänzer ein, so wie schamanistische Rituale oft das Eindringen eines bösen Geistes, der Krankheiten verursachte und einem Menschen schadete, bestimmten. Das Ziel des Schamanen war es, sich mit dem Geist zu arrangieren, ihn friedlich zu stimmen, seine negativen Auswirkungen zu bekämpfen und zu überwinden und schließlich Katharsis und spirituelle Erneuerung zu erlangen.

Das Erbe dieses Glaubens bedeutet, dass auf der Bühne die plötzlich in den Flamencotänzer eindringende Kraft ihn quälen kann, ihn leiden oder weinen lässt, er aber trotzdem gegen ihn ankämpft. Der Tänzer ist im Zusammenspiel mit dem wilden Geist nicht passiv. Vielmehr interagiert der Tänzer mit ihm, lässt alle angestauten Emotionen herausströmen und erlangt Katharsis, indem er sich öffnet. In einem herzzerreißenden Rausch lässt der Tänzer den ihn quälenden Schmerz heraus, bekämpft ihn, wobei sein Ziel positiv ist, auch wenn der Weg dorthin beängstigend und manchmal sogar grausam scheint.

In dem Zusammenhang ist es interessant an Schwarzafrika und Amerika zu denken, wo das Erreichen höchster spiritueller Ziele durch wilde Tänze eine wichtige Rolle spielte. Als erstes denke ich dabei an „Shango“, ein Tanzstück inszeniert von der afroamerikanischen Choreografin Katherine Durham, in dem wir einen rituellen Tanz mit dem Opfern eines Huhnes sehen können und ein Beispiel für die Art des ekstatischen Tanzes, wie er in der Volkskultur und in schwarzen Kulten weit verbreitet ist. Natürlich handelt es sich hierbei nur um eine Bühnenaufführung, aber diese illustriert die Spiritualität alter traditioneller Tanzformen. Katherine Dunham zog anthropologische Forschungen hinzu, als sie diese Bühnenstücke erschuf.

Die Leidenschaft und Wildheit des rituellen Tanzes veranschaulicht die Abstammung ausdrucksstarker Manifestationen von Emotionen wie sie in der modernen schwarzen Kultur weit verbreitet sind. Einst war das Teil einer mystischen Weltsicht. Tanz war kein Mittel, um einen schönen Körper, Begabung oder Sexualität zu demonstrieren; er diente der Kommunikation mit geheimnisvollen Geistern, die Teil des Lebens der Menschen waren. Ihr emotionaler Ausdruck im Tanz war so wild, weil die Menschen nicht nur für sich selbst tanzten, sondern um mit dem Jenseits zu kommunizieren. Für den modernen Menschen ist das nicht immer zu verstehen, aber es ist ein natürlicher Teil des spirituellen Wesens des Tanzes als Teil des Volkstums.

Um von der dunklen Seite zu sprechen, werde ich mich jetzt den entsprechenden Motiven und Themen in Michaels Kunst zuwenden.

Mj Pather dance 5

Black or White sah ich als vollständige Version zum ersten Mal in den frühen 1990er Jahren, als das Video gerade veröffentlicht worden war. Zu der Zeit interessierte ich mich nicht sonderlich für Michael Jackson. Ich war noch sehr jung und weit entfernt von der Massenkultur. Meine Idole waren Vertreter der „hohen“ Tanzformen: Große Ballett- oder Flamencotänzer und anderer klassischer Traditionen.

Jedoch schockte mich die zweite Hälfte von Black or White, allgemein „Panther Dance“ genannt. Ich glaube noch immer, dass es einer der besten Tänze Michaels ist – eine wahre Flut aggressiver Leidenschaft, auch wenn es mit Absicht für die Kamera gespielt wurde. Es ist die Art des improvisierten Tanzes, die auf die ursprünglichen Wurzeln des Tanzes verweist. Das ist in der zeitgemäßen Popkultur ein absolut einmaliges Beispiel eines wahrhaft leidenschaftlichen und spirituellen Tanzes; wie er in dieser Sphäre sonst nirgends zu finden ist. In den meisten Fällen ist das was wir zu sehen bekommen nur Gymnastik oder vulgäres Hüften-Wackeln, während die eleganten Schritte eines Tänzers wie Fred Astaire der Vergangenheit angehören. Wirkliche, reine Ekstase ist auf der Popbühne nicht zu finden.

Nachdem ich das Video gesehen hatte, wollte ich „Bravo, Michael“ sagen, auch wenn ich zu jener Zeit gar kein Fan von ihm war. In ein paar Minuten hatte dieser Mann, die einzige Person in der Pop-Sphäre, die diese Art aufrichtige Ursprünglichkeit besitzt, etwas äußerst Wichtiges getan, etwas das von keinem anderen international bekannten Performer je vollbracht worden war. Er rückte eine ekstatische Improvisation ins Scheinwerferlicht, zeigte sie in einem Video, das anscheinend keinen Bezug dazu hatte und auf positiven Themen wie jungenhaften Scherzen und dem Vereinen von Nationen aufgebaut war. Der Kontrast war beeindruckend und heftig, für den normalen Zuschauer unfassbar und verursachte große Kontroversen bis hin zu Anfeindungen. Vielleicht erschuf Michael diesen Kontrast und das gegensätzliche Design dieses Kurzfilms intuitiv. Vielleicht hoffte er, dass sein Bewusstseinsstrom das Publikum wieder einmal schockieren würde.

Wenn du die Geschichte der Jugendkultur der letzten 40 Jahren ansiehst, ist Jacksons Verhalten in diesem Tanz nichts Neues: Schon lange vor ihm wurden auf der Bühne Sachen zerstört oder gewagte sexuelle Bewegungen gezeigt. Ist es doch so, dass viele Rockmusiker routinemässig ihre Gitarren zerschmetterten oder sie am Ende des Konzerts sogar anzündeten. Dass Jackson die Fenster eines heruntergekommenen verlassenen Autos zerschlagen hat ist nichts im Vergleich zu dem, was Rockmusiker getan haben, lange bevor dieses Video erschien.

Dennoch, keiner von ihnen hat jemals getanzt…

Ich sollte auch erwähnen, dass an der Choreografie nichts neu ist. Michael zeigte einfach einen Mix seines üblichen Repertoires, beginnend mit Elementen des klassischen Stepptanzes und endend mit seiner berühmten Wellenbewegung und dem Griff in den Schritt. Es ist das, was bei Improvisationen üblicherweise passiert: Ein Fluss der gewohnten Bewegungen und dazu ein paar inspirierende Lichtblitze, wenn der Körper etwas neues tut, was du aber nur bemerkst, wenn du hinterher die Aufnahmen ansiehst.

Denkst du dir die Stimmung aus dem Video weg, bleiben dir ein paar eigentlich verrückte Körperbewegungen, von denen sich die Hälfte auf die Leistengegend beziehen. Manche Leute sehen es auch immer noch auf diese Weise. Ihnen fällt nur der Fakt auf, dass Michael eine Mülltonne auskippt und seinen Reissverschluss hochzieht. „Was soll das??“ fragt sich eine durchschnittliche Oma, wenn sie das Video im Fernseher mit ihrer Enkelin ansieht …

Obwohl auch ich eher konservativ bin, erkenne ich dennoch den Unterschied zwischen Michaels „Aktivitäten im Schritt“ und den ausgesprochen vulgären Erscheinungsformen in der modernen Kultur. Der Inhalt ist ein anderer. Für ihn ist es sowohl ein gewagtes Verhalten als auch ein Wiederhall seiner afrikanischen Wurzeln. Ich glaube, er liebte es die Öffentlichkeit zu reizen (ich würde es an seiner Stelle ganz bestimmt lieben), aber all das ist viel neutraler, als die Leute glauben. Nach der Bedeutung muss man im Wesen des afrikanischen Tanzes suchen. Ich komme später noch auf dieses Thema zurück.

Kommen wir zunächst noch einmal auf den Aufbau des Black or White Kurzfilms zurück. Der Name allein lässt schon einige Interpretationen zu. Einerseits spricht Black or White ganz klar äusserliche rassische Unterschiede an. Da ist die oberflächliche Bedeutung und die Geschichte, die der Song erzählt. Aber ich sah es auch gerne aus einer anderen Perspektive – das „schwarze“ und „weiße“ einer menschlichen Seele.

Der erste Teil, die „seriöse“ Seite ist weiß. Der zweite Teil ist schwarz, bringt Dunkelheit hervor und einen schwarzen Panther. Wir fürchten uns oft vor unserer dunklen Seite und unterdrücken sie, verstecken sie und hoffen bessere Menschen zu sein. Aber es ist unmöglich unsere dunkle Seite zu überwinden, ohne ihre Existenz anzuerkennen und daran zu arbeiten, ihr Wesen zu verstehen. Anders gesagt, wir brauchen einen konstruktiven Dialog mit dem bösen Geist… einer Art Duende.

Ob es Michael realisierte oder nicht, in diesem Tanz lies ließ er etwas heraus, was er in sich angesammelt hatte. Es war eine vollständige Befreiung. Und es war egal, ob es anständig war oder nicht – wichtig war allein die Energie der Befreiung herauszulassen. Das ist der Kampf, dem der spanische Tänzer entgegensieht, wenn der Duende von ihm Besitz ergreift. In einem solchen Moment denkst du nie an Anständigkeit oder Schönheit. Du musst in deiner Leidenschaft und deinem Schmerz völlig offen und ungestüm sein.

Obwohl ich weiß, dass der schwarze Panther ein wichtiges Symbol der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ist, hat er auch eine uralte Bedeutung, eine mystische Verbindung zu einem gewaltsamen und urweltlichen Geist des Tieres. Ich würde sogar sagen, er hat einen Anklang zum Totemismus. Gleichzeitig steht er für das sich Öffnen und Herauslassen des inneren Teufels, der sich in jedem von uns versteckt, lässt man seinen Panther heraus. Es ist ein Tropus (bildhafter Begriff) so alt wie die Welt selbst und das ist der Grund, warum es funktioniert.

Michael bezog sich in seiner Kunst allgemein auf viele archetypischen Bilder, die sie besonders reich und faszinierend machten – im Gegensatz zu vielen der blass-süßlichen Pop-Bilder auf der Bühne von heute. Darunter auch seine schwer fassbare und mysteriöse Liebe zum Mond, der seinen Namen auch für einen seiner choreografischen Besonderheiten gab, den Moonwalk. Durch reine Intuition.

Wir wissen, dass viele Dichter und Künstler vom Mond inspiriert sind: Er wird in Liebesliedern angehimmelt und schwört beängstigende Geheimnisse der Nacht herauf. Wiederum reicht all das weit in Volksbräuche und unsere Natur zurück. Ich möchte jetzt nicht weiter auf Legenden, Mythen und Kult über den Mond eingehen, die überall auf der Welt einen profunden Einfluss auf die Kunst hatten. In der spanischen Folklore und meiner Sicht der Welt ist dieses Thema sehr wichtig, fange ich erst einmal mit meinem „Steckenpferd“ an, kann es sein, dass ich kein Ende mehr finde. Ich möchte nur soviel sagen: Du kannst nicht ohne den Mond tanzen – tanzt du intuitiv, lässt dich vom Fühlen leiten, ist es so. So wie Michael es sagte, wenn du tanzt, denkst du nicht – du fühlst.

MJ angry dancer 6

Zorniger Tänzer

Lasst mich wieder auf die Wahrnehmung der Sexualität in Michaels Bewegungen zurückkommen – ein Thema, auf das ich wie zuvor gesagt, näher eingehen möchte. Wie ihr wisst haben Sexualität, Aggression und Leidenschaft vieles gemeinsam. Das trifft auf viele Volkstanz-Arten zu, die Emotionalität und Leidenschaft beinhalten. Jeder Ausdruck eines Menschen im Tanz, wenn sich der Mensch frei und emotional fühlt, kann als Manifestation von Sexualität gesehen werden, denn die Grenze zwischen Emotionen und Urinstinkten ist ziemlich schmal. Trotzdem bedeutet das nicht, dass es keine Grenze gibt.

Fred Astaire sagte einst zu Michael: “Du bist ein zorniger Tänzer“, und dieses Statement passt genau. Es bezieht sich nicht auf eine Art bösen Zorn, sondern gemeint ist Leidenschaft – die Leidenschaft der Performance – etwas Wildes und teuflisch Attraktives. Die Stimmung eines Tänzers beeinflusst in hohem Maß, was der Körper tut. Du musst wissen, wie du deine Gefühle und Energie in Bewegungen einfließen lassen kannst. Nur dann ist der Tanz ein Tanz. Ohne das ist er nur eine Turnübung. Und werden Gefühle nur durch Gesichtsausdrücke gezeigt und nicht wirklich gefühlt, werden sie grotesk aussehen.

Wir sollten uns daran erinnern, dass in der Kunst Spiritualität am wichtigsten ist und die Technik nur zweitrangig. Beim Sport ist es anders – im Sport ist die Technik am wichtigsten – aber Tanzen ist kein Sport. Michael Jackson hatte die nötige künstlerische Begabung. Viele seiner Bewegungen sehen so brillant, flüssig und begabt aus, aber nicht weil er die Technik beherrschte (obwohl er natürlich sehr fähig war), sondern weil er es in jedem Augenblick lebte. Er war mit seinem ganzen Wesen daran beteiligt, bis hin zu seinem Unterbewusstsein, diese perfekte Vereinigung von plastischer Darstellung (plastique) und Musik zu erschaffen. Und das ist etwas, was man leider nicht erlernen kann. Es ist eine natürliche Begabung.

Nebenbei bemerkt war Michael nicht der technisch erfahrenste Tänzer der Welt. Er zeigte keine Sprünge mit Spagat, steppte nicht mit 50 Schritten in der Sekunde oder machte 32 Drehungen am Stück, obwohl er oft Beeindruckendes mit dem menschlichen Körper vollbrachte. Ohne Zweifel gibt es viele zeitgenössische, vor allem junge Tänzer, die etwas können, was Michael nie konnte. Und dennoch bezeichnen wir ihn als großartig, während diese anderen Tänzer nur gewöhnliche Statisten bleiben. Warum ist das so?

Noch einmal: Der Grund ist die künstlerische Begabung, die Energie, der schamanische Zauber und Charisma. Erhabenheit entfaltet sich auf der Bühne nicht dadurch, dass der Tänzer einen drei Meter hohen Salto schlagen kann. Das ist Zirkusakrobatik. Technik ist nur ein Mittel, das die Kunst des Tanzes benutzt. In dieser Kunstform entsteht Talent nicht durch Technik, sondern durch die Fähigkeit mit dem Körper zu sprechen und zu malen, Zwischentöne auszudrücken und einen individuellen Stil zu finden, den Körper zu bewegen. Ein Künstler erreicht im Tanz dann völlige Erhabenheit, wenn er in der Lage ist eine winzige Geste in ein kleines Spektakel zu verwandeln, in einen heiligen Akt. Michael Jackson wußte das zu tun. Deshalb war er ein Genie.

Ich erinnere mich daran, wie es mich erstaunte, wenn ich die Leute über seinen übermässigen Ruhm sprechen hörte. Zum Beispiel argumentierten sie damit, dass der Moonwalk nicht einmal von Michael selbst erfunden worden sei, sondern dass er von Marcel Marceau stamme. Wenn wir uns aber ein wenig mit der Geschichte davon befassen, stellen wir fest, dass es diese Bewegung schon lange vor Marceau gab. Auch weil ich selbst Tänzerin bin kann ich sagen, dass der Moonwalk nur ein Fetisch eines individuellen Tanzstils ist – dem Michael Jackson Tanz.

Es gibt bei der Choreografie einen interessanten, oft eingesetzten Trick, bei dem es darum geht einen einprägsamen Move zu finden und ihn am Höhepunkt einer Performance zu zeigen. Diese Bewegung muss originell oder witzig sein, aber nicht technisch komplex. Eine solche Bewegung zu finden, ist schon eine Leistung für sich – denn es ist nicht einfach.

Beim Moonwalk ist das der Fall: Es ist eine eigentlich einfache Bewegung, die von jedem Mensch, der seinen/ihren Körper einigermassen unter Kontrolle hat, erlernt werden kann. Ich beziehe mich damit nicht auf die fortgeschrittenen Versionen, wie den Sidewalk oder den Moonwalk im Kreis – diese sind schwieriger. Aber der klassische Moonwalk (sprich rückwärts laufen) kann sogar von einem Amateur durchgeführt werden. Sicher ist er ungewöhnlich und man muss das Prinzip der Bewegung verstehen um sie nachzuahmen. Aber mehr braucht man dazu nicht.

Michaels Tanz zeigt weitaus gravierendere plastische Darstellungen und Techniken, zu denen der Moonwalk im Vergleich nur eine Kleinigkeit ist. Seht euch an, wie er seinen Körper kontrolliert, seine Koordination und sein Gefühl für Rhythmus! Und seine Drehungen! Sie sind einfach unbeschreiblich! Das sind Dinge, die nur ein sehr talentierter Tänzer tun kann.

Und dennoch ist es der Moonwalk, den die Leute als „sensationell“ bezeichnen.

1234325_715441495139067_989713110_n

Das ist ein rein gesellschaftlicher Effekt – initiiert durch künstlerischen Verstand und eine ausgezeichnete choreografische Wahl. Ein so ungewöhnliches Element bei einem historischen Motown-Jubiläum zu performen, es unvergesslich zu machen und so viel Energie hineinfließen zu lassen – das zahlte sich aus.

Sprechen Journalisten über Michaels Tanz, zitieren sie üblicher Weise den Moonwalk als seine besondere Errungenschaft in der Technik des Tanzes. Der Moonwalk mag ein historisches Ereignis sein, sein wichtigster Beitrag an die Tanzkunst ist er nicht. Seine Leistungen gehen weit darüber hinaus. Sie finden sich nicht nur in besonderen Elementen im Tanz, sondern vor allem in seinem herausragenden Stil, seiner reichen und ausdrucksstarken Körpersprache und seiner einmaligen Herangehensweise an den Tanz.

Es gibt eine Vielzahl an Tanzschritten und Techniken auf der Welt, und es werden immer wieder neue hinzukommen. Nur der Himmel ist die Grenze („The sky is the limit“). Doch die Geschichte setzt den Tänzern ein Denkmal, die auf der Bühne etwas ganz Besonderes geschaffen haben, etwas was die Menschen um den Verstand brachte, was sie lieben, weshalb sie schreien und jubeln und das sie mit dem Tänzer mitfühlen ließ. Das ist der wichtigste Teil der Arbeit eines Entertainers. Wenn du in deinem eigenen Herzen und in den Herzen deines Publikums einen Funken entzünden kannst, dann bist du ein Meister. Alle Schritte und Techniken sind nur Mittel, um diesen Effekt zu erreichen. Ihre harmonische Zusammenstellung in einem einzigen Körper ist das, was wichtig ist, so wie Musik aus 7 Noten in unterschiedlichen Oktaven komponiert wird. Manche Musik vermag es, dich zu bewegen und in Erstaunen zu versetzen, anderer gelingt das einfach nicht. Das Gleiche trifft auch auf den Tanz zu.

MJ Panther dance 7

Lasst uns noch einmal zurückgehen zu den Wurzeln von Michaels Tanz. Wenn die Leute über seinen Tanz sprechen, erinnern sie oft an den legendären Fred Astaire und sein Tanz-Repertoire. Man kann dort vieles erkennen, was Michael „übernommen“ hat – den ganzen Gangster-Stil mit den Schuhen und dem Hut, die Kostüme, die Farben und Lichteffekte und den Gebrauch von Elementen des Stepptanzes. Aber das erstaunliche daran ist, dass er nur äußerliche stilistische Mittel geliehen hat (wie die Motive der Pop-Klassiker) und diese mit seiner spontanen afrikanischen Leidenschaft vermischt hat – nicht so sehr auf die Art, wie schwarze Tänzer den Stepptanz tanzen, sondern auf die Art der improvisierten und leidenschaftlichen Volkstänze Afrikas und der Karibik. Das ist der Punkt, an dem sich die Fröhlichkeit, der Bühnenglitzer und die Eleganz plötzlich in einen spontanen schamanistischen Tanz zum Klang von Trommeln verwandelt. Beachtet, wie überaus entspannt und natürlich Michael in der Gruppe der brasilianischen Trommler in seinem Kurzfilm zu They Don’t Care About Us aussieht. Sie sind von der gleichen Art.

Von weitem sieht Michael eigentlich in seinen patenten Lederschuhen wie ein Bühnen-Dandy aus. Es ist nur eine theatralische Show, die er aufzieht, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Er trägt keine Gangster-Gamaschen, sondern schwarze Loafer und weiße Socken; die schwarze Jacke verbirgt ein T-Shirt, das er jeden Augenblick von oben bis unten aufreißen würde; und der elegante Fedora verdeckt zerzaustes Haar, das mit der Brillantine sorgfältig frisierter Tänzer der Vergangenheit nichts gemein hat. Er braucht diesen Look nur, um ins Spot-Light zu treten. Das Spot-Light ist ein theatralisches Mittel, so alt wie die Welt – wir alle benutzen es – und Michael war nicht der erste, der es erschuf. Er übernahm es von Klassikern. Licht und Schatten der Kontraste erzeugenden Beleuchtung akzentuieren einen weißen Handschuh oder weißes Tape an seinen Fingerspitzen – und das erste faszinierende Element eines Mysteriums erklingt. Ein aus der Dunkelheit tretender Kavalier in Schwarz gekleidet – ein für die Ladys schon seit der Zeit der Mantel-und-Degen-Filmkomödien verführerischer Archetypus. Eine Frau kann sein Gesicht nicht sehen, aber träumt schon von ihm als ihrem romantischen, heimlichen Liebhaber, der sie mitten in der Nacht besucht und in ihr Fenster einsteigt. Der Hut ist deshalb so weit herunter geschoben, um seine Augen zu verdecken.

Beim Tanzen sind die Hände und Füße die eloquentesten Körperteile. Besonders die Hände. Die Hände stehen an dritter Stelle der Mittel, nach Worten und Mimik, die uns dabei helfen unsere Gedanken und Gefühle auszudrücken. Sie machen Gesten; sie sprechen; sie können sogar singen. Ich sage oft zu meinen Studenten, dass sie, um im Tanz wirklich ausdrucksstark zu sein, mit den Händen den aus ihnen kommenden Impuls, ihren Blick und ihre Gefühle, weiterführen müssen. Handflächen und Fingerspitzen sind die Quelle herausströmender Energie. Sie müssen sichtbar sein. Die Hände sind bei der Bewegung das feinfühligste Instrument.

Michael Jackson Mudra Hands

Michael erhöhte den optischen Effekt mit der Hilfe von weißem Tape und einem Handschuh. Sie wirkten wie Feuerblitze aus Energie im Kontrast zu der Dunkelheit des mysteriösen Bildes. Das gleiche gilt auch für die weißen Socken – sie betonten seine Füße. Und diese ganze elegante Magie eines Kavaliers in Schwarz verwandelte sich plötzlich in eine wilde afrikanische Ekstase, verborgen unter den Hüllen theatralischer Requisiten. Die Bewegungen des Stepptanzes verwandeln sich in ein sinnliches Wölben des Körpers, den berühmten gewagten Griff in den Schritt und irres Zerreißen des Shirts.

Das funktioniert besser als Striptease. Es ist Verführung auf der unbewussten Ebene der Vorstellungen und Emotionen, der Ebene der Schönheit und nicht der reinen Physiologie. So erlangte Michael auch die Aufmerksamkeit der anspruchsvollsten Frauen und jungen Damen, die an zur Schaustellung derber Männlichkeit keinen Gefallen finden.

Realisierte Michael, was er tat? Ich denke, intuitiv tat er es und er realisierte auch, dass er viel Aufmerksamkeit auf sich zog – aber er machte sich nie all zu viele Gedanken darum. Und das garantierte ihm, natürlich zu tanzen, rein und unbefangen, wie ein ungezügelter Mensch. Sein tanzender Körper wurde verführerisch und begehrlich, während seine Seele mit reiner Energie angefüllt blieb. Es ist Sinnlichkeit auf einer höheren Ebene, bei der der Körper zum Untertan des Geistes wird.

1072389_10204464978568487_3844832326719163509_o

Es gibt Stimmen, die sagen, Michaels Kurzfilme und Tanzarrangements hätten einen direkten sexuellen Bezug – er tanzte mit Frauen und sprach alle Formen von Beziehungen in seinem Tanz an. Die Kunst eines jeden Künstlers spiegelt unterschiedliche Aspekte des Lebens wieder, darunter auch Liebe und Sexualität, aber man muss wissen, dass nicht jeder Tanz diesem Thema gewidmet ist, unabhängig davon, welche Bewegungen darin enthalten sind.

Es ist immer amüsant zu sehen, wie die Menschen in Tänzen einen sexuellen Zusammenhang sehen, wenn es gar keinen gibt. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass Tanz eine Kunst ist, die aktiv durch den Körper dargestellt wird. Der Körper kann spontan und manchmal auch unbewusst etwas ausdrücken, das ein außenstehender Zuschauer als sexuell interpretiert. Du kannst einfach entspannt am Strand liegen und jemand, der dich beobachtet, entwickelt sexuelle Gefühle. Das ist das Problem des Zuschauers, nicht aber deine innere Botschaft.

Und genau so kann ein Performer mit seinem Tanz eine ganz andere Botschaft ausdrücken, als sie vom Zuschauer wahrgenommen wird – oder er kann auch gar nichts ausdrücken. Sex muss nicht der wichtigste Gedanke eines Tänzers sein. In Michaels Fall war Sex meist zweitrangig. Er war zu religiös, schüchtern und spirituell, um diese Dinge deutlich herauszustellen. Natürlich hatte er, wie jeder andere auch, eine unterbewusste Sexualität, aber sie wurde nicht in einen non-stop-direkten Ausdruck und in vulgäre Verführung verwandelt. Eine solche Zurschaustellung, angemessen oder nicht, wird von fast allen modernen Pop-Künstlern angewendet – von Madonna bis hin zu an Teenager gerichtete Boy Bands. Sie wackeln mit ihren Hintern und vermitteln die deutliche Botschaft, dass das jemand im Publikum erregen solle. Es wird sogar in solchen Tanznummern deutlich, die es nicht nötig hätten. Die Mehrzahl der Pop-Performer sind von ihrem Sexappeal wie besessen: Sie möchten so begehrt sein, dass sie auf der Bühne manchmal nichts anderes mehr zeigen als Sex in seiner gröbsten Form und das beraubt sie ihres wahren Charmes. Michael tat das nie. Sein Tanz beinhaltete nie ungehobelte provokative Zurschaustellung. Er besaß natürliche Sinnlichkeit und nicht Obszönität. Wenn er tanzte, schaltete er alle logischen, verbalen Informationen ab. Er tanzte einfach, so wie seine Vorfahren in Afrika, die nackt herumliefen und ihre Nacktheit nie als etwas Unangemessenes empfanden. Sie waren sinnlich, glühten vor Leidenschaft, kannten aber nie Obszönität. Auch wenn Michael bewusst Showtechniken in seinem Tanz einsetzte, verwandelte er ihn trotzdem in die Aufrichtigkeit eines Kindes und die Wildheit eines Schamanen. Er tanzte einfach und genoss den Tanz als solchen und nicht den Gedanken, dass sein Tanz irgendwen erregen würde. Das ist der Unterschied zwischen ihm und vielen anderen Pop-Performern.

Tänze die historisch im Volkstanz verwurzelt sind, zeigen viele Bewegungen mit einer sexuellen oder sinnlichen Natur. Wenn man zum Beispiel spanischen Zigeunern auf ihren Familienversammlungen beim Tanzen zuschaut, erkennt man in ihrem verspielten Tanz neckische und kühne Bewegungen. Dennoch haben diese Menschen ein streng patriarchisches Alltagssystem und die Mädchen werden zur Keuschheit erzogen, was in ihrer Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat.

Betrachtet man latein– oder afroamerikanische Volkstänze, erkennt man auch dort viele sinnliche Bewegungen, darunter auch den Griff in den Schritt. Und denkt daran, wie die Brasilianer mit ihren verschiedenen Körperteilen wackeln… All das ist sexuell. Es erinnert daran, dass Volkstänze einst Attribute heidnischer Kulte und Feste waren. Bewegungen mit sexueller Anspielung wurden eingesetzt um Fruchtbarkeit, Ernte und gesunden Nachwuchs zu feiern. Der Sinn lag nicht darin den Zuschauer zu erregen, sondern das Leben zu lobpreisen und zu feiern oder ein religiöses Ritual darzustellen. Die Energie, die die Menschen im ekstatischen Tanz aussendeten, sollte ihrem Volk Wohlstand bringen und ihre Einheit mit den höheren Mächten und der Natur reflektieren. Das Sexuelle ihrer Bewegungen war ein Werkzeug und nicht das Ziel. Aus diesem Grund sehen solche Bewegungen in diesen Kulturen sinnlich und nicht obszön aus. Diese Bewegungen sind den Menschen dort vertraut – sie haben sie seit ihrer Kindheit gesehen oder getanzt und bewerten sie nicht als etwas Besonderes. Die Tänzer überschreiten keine Grenzen. Sie tun einfach nur, was für sie natürlich ist.

Da ich gerade von den afrikanischen Volkstänzen sprach, schaut euch an, wie diese kleinen Mädchen aus dem Senegal auf ihrer Dorfstrasse tanzen. Es ist normaler Zeitvertreib für die Kinder, so wie amerikanische Mädchen in ihrer Einfahrt in Indiana Seilspringen. Es gibt keinerlei Botschaft. Trotzdem machen die senegalesischen Mädchen rhythmische Stöße mit ihren Hüften und fassen/klemmen manchmal ihre Kleider zwischen ihre Beine. In traditionellen europäischen Kulturen mag das als unangemessen empfunden werden, aber die afrikanische Kultur misst diesen Bewegungen keine obszöne Bedeutung zu, deshalb werden sie ganz natürlich gezeigt ohne jeglichen vulgären Touch.

Ähnliche Bewegungen kann man in professionell performten Tänzen erkennen – beispielsweise bei dem Chuck Davis African American Dance Ensemble, welches traditionelle afrikanische und afroamerikanische Tänze aufführt. Natürlich sehen wir die Körperhaltungen, die Hand- und Fußbewegungen und die Art, auf die sie so unbefangen gezeigt werden. Viele dieser Bewegungen könnten leicht zu etwas Vulgärem gemacht werden, wenn jemand ihnen einen Hauch Obszönität verleihen wollte.

Kurz gesagt, eine Bewegung wird nicht durch das Körperteil vulgär, mit dem sie ausgeführt wird, sondern durch die Art, wie sie gezeigt und wahrgenommen wird.

Schon in meiner Kindheit kam ich zu dem Schluss, dass sämtliche zeitgenössische Musik- und Tanzkultur aus Afrika stammt. Das ist sehr offensichtlich. Jedoch hinterließ der Film Dance Black America, den ich vor kurzem sah, bei mir einen starken Eindruck. Mir wurde klar, dass die Hälfte unseres alltäglichen Lebens eine Verbindung zu Afrika hat. Dieser Film enthält wunderbares Material. Er verfolgt die Spuren der Geschichte des schwarzen Tanzes von den historischen im Folk liegenden Wurzeln bis hin zum modernen Tanz. Man sieht Stepptanz, verschiedene Stücke vom Beginn des 20. Jahrhunderts und den Lindy Hop. All diese Tänze sind das Erbe Afrikas. Und die ganze westliche Pop Kultur entleiht ihre Rhythmen aus Afrika.

Dabei ist am beeindruckendsten, dass die Afrikaner die europäischen Vorstellungen vom Tanzen völlig verändert haben. Wo sind die europäischen Walzer und Gavotten geblieben? Sie sind begrenzt auf ihre kleine Nische der hohen Kultur – auf Gesellschaftstänze und andere beinahe vergessene historische Tänze, für diejenigen, die sie erlernen möchten. Aber das afrikanische Prinzip der freien Bewegungen aller Körperteile beherrscht jede Disko und jeden Nachtclub. Auch die unbegabtesten Menschen, die nur einfach ihre Füsse zur Musik bewegen und die Arme in die Luft werfen, zeigen immer noch ein Echo der afrikanischen Bewegungsästhetik.

Spanische Motive

Da ich Flamenco-Tanz und -Kultur studiert habe und seit vielen Jahren damit arbeite, wurde ich gefragt, ob ich denke, dass Michaels Kunst in irgend einer Art von dieser Kultur beeinflusst war. Einen direkten Einfluss sehe ich nicht. Aber ich erkenne Berührungspunkte.

Wie ich schon mehrfach sagte, entstanden die Traditionen des Volkstanzes und der Volksmusik auf der ganzen Welt auf unterschiedliche Art und aus unterschiedlichen Gründen, das beinhaltet auch den Flamenco und die afroamerikanische Kultur (inklusive Jazz). Beide gehen zurück auf alte Ethnien und beide haben afrikanische Einflüsse, wenn auch zu einem unterschiedlichen Grad. Beide Traditionen haben dieselbe Basis wie die Improvisation, plastische Darstellung, Rhythmus, das Ausdrücken energetischer Emotionen und ein ekstatischer Bewusstseinszustand, der oft auf Glaubensmythen der Vergangenheit zurückgeht.

Flamenco und afroamerikanische Kultur sind auch deshalb ähnlich, weil beide Kulturen über Jahrhunderte von Völkern erhalten wurden, die nicht nur über freudvolle Zeiten sangen, sondern auch über die Last des Lebens, Einsamkeit und Tod. Auch haben beide Kulturen Verbindungen zum Christentum, wodurch interessante Unterarten bei kirchlichen Festen und Gesängen entstanden. Beide Kulturen haben sich im Verlauf der Geschichte oft überschnitten, wodurch sie interessante Hybriden hervorbrachten und neue Genres. Auch heute sind beide Kulturen noch freundschaftlich verbunden. Die spanische Kunst greift auf viele unterschiedliche Arten auf afrikanische Motive zurück, die Stilmischungen hervorbringen, wie etwa Flamenco-Jazz.

Um zur Frage des Flamenco-Einflusses auf Michael zurückzukommen, kann ich sagen, ich weiß, dass er ein wenig mit Joaquin Cortés kommunizierte, einem der berühmtesten Tänzer des modernen Flamencos. Wir können bei ihnen sowohl in ihrer Kunst, als auch bei ihrem Image auf der Bühne Ähnlichkeiten erkennen. Auch wenn man über einen direkten Einfluss diskutieren kann, haben sie doch deutliche Gemeinsamkeiten – zum Beispiel einen schwarzen Hut, ein weißes T-Shirt, lange Haare und die Fähigkeit mit dem Publikum zu arbeiten.

In The Closet Naomi And Michael

Michaels Referenzen an den Flamenco sind in seinem Kurzfilm zu In The Closet deutlich zu erkennen. Erstens sieht man dort spanische Tänzerinnen mit langen weißen Kleidern. Auch wenn sie nicht original spanisch sind, tanzen sie Flamenco. Soviel ist klar. Zweitens haben sowohl diese Tänzerinnen als auch Michael den gleichen Flamenco-Frisur-Stil, mit diesen sehr straff nach hinten gekämmten Haaren. Vielen Leuten fiel auf, dass es für Michael sehr ungewöhnlich war, seine Haare so streng nach hinten gebunden zu tragen. Aber das ist ein stilistisches Attribut: Das Gesamtkonzept des Videos, inklusive der Kostüme und des Set-Designs haben einen Touch von Spanien und Latein-Amerika, wobei das Spanische eher dominiert. Sogar Michaels Schuhe mit den hohen Absätzen ähneln denen spanischer Tänzer. Im Kontrast dazu ist Naomi Campbells Aussehen deutlich lateinamerikanisch. Sie trägt ein kurzes Kleid im Stil des brasilianischen Lambada. Die im Film erzählte Geschichte spielt vor dem Hintergrund ausgebleichter Häuser, wie sie für Südspanien typisch und auch denen in Lateinamerika ähnlich sind. Vielleicht wurden diese Entscheidungen getroffen, um die Erotik des Videos zu unterstreichen, da viele Menschen die spanische und lateinamerikanische Kultur mit Leidenschaftlichkeit und Sexualität assoziieren.

Tanz auf dem Bildschirm

Ich möchte noch über ein paar andere Kurzfilme und Bildschirm-Tanznummern Michaels sprechen. Leider kann ich nicht all seine wunderbaren Werke besprechen, deshalb erwähne ich nur ein paar. Unter den Videos mit choreografierten Tanznummern sind Bad, Smooth Criminal und Ghosts meine Favoriten. Unter dem Gesichtspunkt von Inszenierung, Verfilmung und Originalität sind diese Werke am professionellsten und brillantesten – großartige Verbindungen von Kameraführung und Choreografie.

?????????????????????????????????????????

Smooth Criminal ist natürlich ein Meisterstück der Kameraführung bei einer Tanz-Inszenierung. Viele verschiedene Interieurs werden eingesetzt, und der Zuschauer wird durch sorgfältig choreografierte Tanzschritte und Kameraeinstellungen von einem Interieur zum anderen gelenkt, passend zur erzählten Geschichte und dem dramatischen Handlungsablauf. Eine erstklassige Produktion erschafft eine logische Bildsequenz aus einem Guss, die sowohl den Tanz als auch die Dramatik vermittelt. Smooth Criminal ist eine wunderbare Stilisierung der traditionellen Hollywood-Gangster-Thematik, in der jedes Bild im besten Sinn des Wortes theatralisch ist.

Es gab darin sogar einen perfekten Platz, an dem Michael einen Augenblick des völlig freien Selbstausdrucks einbringen konnte: Eine Pause ohne Musik, mit Stöhnen, Schreien und Kopfnicken. Ein wunderbar dramatisches Element und ein Ort für Wildheit und Schamanismus; es fühlt sich ein bisschen an wie ein afrikanisches Ritual mit Hühneropfern und dämonischer Besessenheit. Meiner Meinung nach ist dies der beste Moment des Videos, etwas von dem ganzen Hollywood- und Broadway- Gangsterthema abweichend erschafft es einen perfekten Kontrast, der aber nicht dem Gesamtstil widerspricht.

Gehen wir weiter zu dem langen Tanzsegment in seinem Kurzfilm Bad, in dem Michael absolut kein Problem mit Aggression und damit, mit der Kamera wie einem Partner zu arbeiten, hat. Auf diese Herangehensweise ist das ganze Stück aufgebaut. Die Ballettformation folgt Michael synchron. Das ist ihre hauptsächliche Funktion, und es sieht aus wie ein gemeinsamer Impuls, ein Wettstreit: Die Bewegung in Richtung Kamera überzeugt den Zuschauer davon, dass es ein echter Wettstreit ist. Und dann, im abschließenden A-capella-Teil, gibt es ein interessantes Detail: Die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich so auf Michael, dass wir vielleicht nicht sehen, dass die anderen seine Stimmung und seinen Rausch nicht einmal zur Hälfte erreichen, als er praktisch vor Emotion bebt. Er gibt alles was er kann, seine Augen dunkel vor Wut, während die Männer um ihn herum relativ ruhig sind. Seht sie euch bei Gelegenheit einmal genau an. Es ist ein witziger Kontrast.

Bad ist sicher eines der besten Werke Michaels, eines, in dem wir entdecken, dass er ein Schauspieler ist, der zwei sehr unterschiedliche Rollen darstellen kann. Zuerst ist er ein bescheidener Schüler, der sich absichtlich gegen sein Herz entscheidet, um sich einer schlechten Gesellschaft anzupassen. Aber dann verwandelt er sich in einen coolen, selbstsicheren Mann – der Mann, der dieser bescheidene Schüler sein möchte – um das Böse zu bekämpfen.

MJ Ghosts 12

Ghosts ist ein weiterer interessanter Film. Seine Choreografie ergänzt die Geschichte und das durch einige sehr innovative Tanzbewegungen sehr plastisch. Ich glaube sogar, dass seine (Ghosts) größte Leistung die durch seine Choreografie erreichte Bildsprache ist. Ghosts wird oft mit Michaels berühmten Thriller Video verglichen, weil es auf den ersten Blick eine Wiederholung des erfolgreichen Horrorfilm-Themas zu sein scheint. Jedoch spricht dieser Film, anders als Thriller, die tief-philosophische Thematik des Verhältnisses zwischen dem Künstler und dem Publikum an, zwischen einer herausragenden Persönlichkeit und dem Durchschnittsbürger. Und, genauso wichtig, lässt er auch viel mehr Raum für die Choreografie.

Eigentlich hat Thriller nur ein kurzes Tanzsegment, welches so inszeniert ist, dass es die Balance zwischen Professionalität und Einfachheit hält. Einerseits ist es eine großartige schauspielerische Arbeit, in der die Tänzer Spaß daran haben unterschiedliche Zombies zu spielen. Dadurch haben sie die Gelegenheit ihre Flexibilität und Ausdrucksfähigkeit zu zeigen. Andererseits ist der Thriller-Tanz der bei MJ-Flashmobs am häufigsten benutzte Tanz und der Grund dafür liegt nicht nur in der riesigen Popularität des Tanzes, sondern auch darin, dass die Choreografie recht einfach zu erlernen ist – zumindest annähernd, wenn auch nicht perfekt – damit eine große Gruppe Amateure ihn mehr oder weniger zusammen tanzen kann.

Die Tanzsegmente von Ghosts sind viel schwerer und erfordern viel mehr Talent als die Bewegungen von Thriller. Den Charakteren wird mehr Zeit gelassen und eine bessere Möglichkeit, sich darzustellen. Dieser Tanz hat wesentlich mehr choreografische Innovationen und Besonderheiten, dramatische Elemente, die um eine Gruppe von Geistern aus dem Jenseits die Illusion von etwas Befremdlichem erschaffen. Michael selbst spielt einige unterschiedliche Rollen, und jede dieser Rollen bricht etwas mit seiner Darstellungsweise, um zum gegenwärtigen Charakter zu passen. Beispielsweise zeigt er seine ikonischen Tanzschritte, während des Tanzes des Skeletts (mit Hilfe von Motion-Capture-Kameras) sehr deutlich erkennbar, damit das Publikum versteht, wer dort als Skelett tanzt. Zeigt er aber einen ähnlichen Bewegungsablauf während er in der Rolle des Bürgermeisters tanzt, fügt er eine Menge Ironie hinzu und der Tanz wird komisch. Spielt er wiederum sich selbst, den Maestro, greift er nicht auf Altbekanntes zurück, sondern zeigt eine Reihe von innovativen Elementen, die die Choreografie in diesem Film völlig anders machen als bei jedem seiner bisherigen Tänze.

Ich sollte auch noch ein paar Worte zur Bühnenversion von Billie Jean sagen, da es wohl das ikonischste Stück von allen Solotänzen Michaels ist. Es ist sein Meisterwerk, basierend auf Minimalismus, aufgeführt wie ein Monolog in einem schmucklosen Bühnenbild, nur durch die Beleuchtung hervorgehoben. Nur ein wahrer Meister kann Menschen mit einer solch minimalistischen Form der Vorführung unterhalten ohne zu langweilen. Für mich persönlich ist es sehr viel interessanter, einer Improvisation zuzuschauen, wenn der Performer etwas Spontanes und Einmaliges zeigt. Billie Jean hatte immer Platz für Improvisationen. Dank seiner schlichten Eleganz und Individualität, formte Billie Jean für viele Jahre eines der Bilder Michael Jacksons mit dem größten Wiedererkennungswert. Es ist der Tanz von ihm, der am häufigsten benutzt wird, um Michael zu imitieren (was, wie ich sagen muss, meistens schlecht aussieht). Und es war Billie Jean, das bei Motown 25 zu einer Sensation wurde und Michael als Entertainer auf eine völlig andere Ebene hob.

Mj motown 13

Für mich ist es offensichtlich, dass seine Motown 25 Performance sich in vieler Hinsicht von all seinen späteren Konzert-Versionen von Billie Jean unterscheidet. Sie ist noch nicht perfekt und der Moonwalk ist nicht so flüssig ausgeführt wie bei späteren Versionen. Vielleicht war der Boden nicht glatt genug. Dennoch ist die emotionale Ladung des Tanzes so elektrifizierend, dass sie nie von etwas anderem übertroffen wurde.

Motown 25 Billie Jean

Am Ende der Motown 25 Performance, wenn Michael innehält und zum Publikum schaut… Ich weiß nicht, wie ich den Ausdruck in seinen Augen beschreiben soll, aber ich verstehe ihn ganz und gar. Es ist so ein Moment, in dem ein paar Minuten alles verändern können. Du scheinst einen anderen Körper zu haben. Du versuchst, dich an alles zu erinnern, aber dir bleiben nur Bruchstücke, Erinnerungsscherben, Erinnerungen an Gefühle. Es ist ein solcher Energieschub, dass es sich anfühlt, als hättest du zwei Stunden anstatt nur zwei Minuten gearbeitet. Und natürlich ist es der energetischste Kontakt mit deinem Publikum – der dich nur noch mehr inspiriert. Wenn das Publikum etwas erwartet und du es mit etwas Neuem, zum ersten Mal gezeigten erfreuen musst, ist das ein ganz besonderer Moment. Ich sehe diese Performance immerzu an und denke mir, dass Michael hier eine Prüfung durchlaufen hat. Er hatte nicht einmal ein Spot Light. Nur ein Performer auf der Bühne. Aber trotzdem sieht es spektakulärer aus als als teure Shows mit Spezialeffekten.

This Is It Das Ist Es

Das letzte Thema, welches ich ansprechen möchte, sind Michaels Fähigkeiten als Tänzer, und ob er davon als er älter wurde, etwas verloren hat. Leider habe ich diese Meinung, seine letzten Darbietungen bei This Is It betreffend, gehört.

Ich sage es mal so: Es gibt viele Arten, sich einen Tanz anzusehen, aber woran wir immer denken sollten ist, dass Tanz eine Kunst und kein Sport ist. Das sagte ich bereits, aber es ist wichtig, deshalb sage ich es noch ein Mal. Es ist sogar das Wesentliche. Tanz ist eine Kunst und kein Sport.

Natürlich steht Tanz in enger Verbindung mit dem Körper, deshalb sind die körperliche Konditionierung und die technischen Fähigkeiten ebenfalls Faktoren, wenn man eine Tanzvorführung bewertet. Es gibt technische Aspekte, die sind beim Ballett wichtiger, andere beim Volkstanz und wieder andere beim Tanzen auf einer Pop-Bühne. Dennoch müssen wir bei all der Bedeutung von Technik immer mit dem künstlerischen Inhalt beginnen. Die Technik kommt erst an zweiter Stelle. Das widerspricht deshalb nicht der Notwendigkeit gewisser Grundlagen, um die ein oder andere Bewegung auszuführen. Aber wir sprechen hier über ein Meisterwerk eines großen Stars und nicht über Anfänger.

Im russischen Ballett setzen sich die Tänzer mit 38 Jahren zur Ruhe. Könnt ihr euch das vorstellen? Nicht mit 50, nicht mit 45 – mit 38! Die Arbeitsbelastung ist natürlich gewaltig. Das ist der Grund dafür, warum dieses frühe Aufhören typisch für das klassische Ballett und keine allgemeine Regel für alle Arten des Tanzes ist. Dennoch sollten wir wissen, dass es diese Grenze von 38 Jahren gibt.

Natürlich tanzen einige Ballettstars auch viel länger. Maya Plisetskaya trat noch mit 70 Jahren auf. Aber jeder versteht, dass dieses Alter seinen Tribut zollt. Ein solcher Künstler hat normalerweise nicht mehr viele Auftritte, obwohl die Tickets heiß begehrt wären, weil die Menschen einen großen Star sowohl mit 20 Jahren als auch im Alter von 70 Jahren sehen möchten. Sie möchten Individualität und Inhalt sehen, keine perfekte Fouetté. Die Individualität ist in der Tanzkunst das Wichtigste, und das Hauptelement in der Performance eines Stars.

Ein anderes Beispiel: Beim Flamenco tanzen die Menschen bis ins hohe Alter. Es gibt da keinen Ruhestand mit 38 Jahren. Ich gehe dabei noch weiter und sage, im Allgemeinen beginnt ihre Karriere sogar erst nach dem 30. Lebensjahr. Niemand kann die körperlichen Veränderungen eines alternden Körpers leugnen – trotzdem tanzen die Spanier noch, wenn sie schon ziemlich alt sind, denn noch einmal, das Wichtigste ist der künstlerische Inhalt. Beim Flamenco sind Spiritualität und Kunstfertigkeit wichtiger als Technik. Aus dem Grund werden ältere Tänzer manchmal mehr geschätzt als jüngere: In dieser Kunst kannst du nur erfolgreich sein, wenn du eine gewisse Lebenserfahrung besitzt. Und es sehr wichtig, Persönlichkeit zu haben. Um auf die Bühne zu gehen und anderen etwas zu vermitteln, musst du anders sein und dich von anderen abheben.

Ich sage das, um die Unterschiede hervorzuheben – nicht nur zwischen den erstrangigen und zweitrangigen Elementen in der Kunst, sondern auch zwischen den Fähigkeiten eines Meisters und denen eines gewöhnlichen Performers. Es ist wichtig zu wissen, dass ein Meister manchmal nicht deshalb hervorsticht, weil er etwas beherrscht, was große körperliche Anstrengung erfordert, sondern weil er es auf unbeschreibliche und einzigartige Weise tut. Normale Performer begeistern dich oft dadurch, dass sie einen besonders hohen Sprung zeigen, oder eine von einem Choreografen gezeigte Sequenz perfekt erlernen. Natürlich ist beides sehr professionell. Aber diese Professionalität dient anderen Zwecken.

Mj This Is It 13

Michael Jackson ist ein Pop-Tänzer, dessen Werke in den Bereich der darstellenden Kunst fallen. Wie im Volkstanz und dem klassischen Theater erschuf er einen bedeutungsvollen Dialog mit dem Publikum und mit Gott. Das war seine wichtigste Botschaft; das ist, was er dem Publikum vermittelte – sowohl intuitiv als auch unbewusst, wie ein professioneller und echter Künstler.

Er war 50 Jahre alt und dennoch war seine Darstellung perfekt. Was brauchte er sonst, um in seinem Genre zu performen? Nichts.

Ja, ich glaube, dass er nicht mehr in der Lage war, so viele Stunden am Stück mit der gleichen Energie zu tanzen wie er es mit 20 oder 30 Jahren konnte. Als gesunder 50-Jähriger Mann auf der Bühne zu stehen ist dennoch nicht so leicht wie mit 30 – es besteht ein Unterschied. Aber er musste nicht so viel Anstrengung hineinlegen. Ein Marathon ist etwas für Jüngere. Michael musste nur seine Individualität zeigen, seine Darstellungsform, sein Temperament und seine Leidenschaft. Und das war alles. Muss ich erwähnen, dass er all das hatte?

Wenn man Michael also in This Is It sieht, muss ich feststellen, dass, selbst wenn ich jede Sympathie bei Seite legen würde, er viel besser war, als seine Tanzcrew, denn sein Körper lebte jede Sekunde des Tanzes. Seine Tanzbewegungen sind für ihn ganz natürlich. Und ganz gleich wie sehr diese brillanten jungen Männer es auch versuchten, sie würden nie in der Lage sein, so zu sein wie er, selbst wenn sie sehr talentiert oder körperlich stärker sind. Eigentlich sollte ich das gar nicht erklären, denn es ist einfach die grundlegende Wahrheit. Der Grund, warum ich dennoch darauf eingehe ist die Verzweiflung darüber, dass manche Menschen das Grundlegende einfach nicht verstehen. Dieses Missverstehen macht mich traurig, nicht nur in Bezug auf einen solch herausragenden Tänzer wie Michael Jackson, sondern auch im weiteren Kontext des Verständnisses von Tanz als Kunstform und Gesellschaftsphänomen.

Noch eine wichtige Anmerkung: Michael wurde nicht nur älter, sondern er hatte in seinem Leben auch viele Prozesse und Widerwärtigkeiten durchgemacht. Das ist eine Tatsache. Aber ob er gesund war oder nicht ändert nicht wirklich etwas an seinen Fähigkeiten. Es ist klar, dass er ein schweres Leben hatte, aber dennoch verlor er nie die Fähigkeit, hervorragend zu singen und zu tanzen. Der Film zeigt das auf breitem Spektrum. Ich kann nur sagen, dass die Proben für Michael sicher anstrengend waren, aber dennoch wusste er, wie man hart arbeitet und meisterlich performt.

Bei der Art und Weise, wie er in dem Film tanzt, ist jede Bildsequenz ein Meisterstück. Oft ist der Tanz nicht sehr komplex. Es ist klar, dass Michael improvisiert, manchmal die gleiche Abfolge mehrmals wiederholt, was typisch für Improvisationen ist. Es ist nicht stressig für ihn, es ist wie eine Entspannung. An anderen Stellen spielt er nur herum. Aber es ist wundervoll. Auch wenn er nur herumspielt ist er ein Genie; er hat den Körper eines Genies. Sein Herumspielen ist auch einzigartig und kann nicht imitiert werden.

Michael sagte einmal zu Martin Bashir, ein Tänzer soll nicht denken, er muss fühlen. Das ist absolut richtig. Du musst dich in dem Fluss bewegen. Es kann zur Musik passen oder sich ohne sie entwickeln, wie eine unabhängige Visualisierung. Und es bedeutet nicht, dass du deinen Kopf leer machst – der Tanz ist nonverbale Information. Aber du kannst nicht unter psychologischem Stress stehen wenn du tanzt, oder du wirst versagen. Du musst dich frei fühlen.

Sprechen wir über technisch komplexe Elemente wie Sprünge oder Drehungen, muss man sagen, dass sie viel Konzentration benötigen. Aber eine Darstellung, die von außen betrachtet sehr komplex aussieht wird von dem Tänzer oft als entspannendes Element wahrgenommen. Körperwellen, sich wölbende Arme, ein Drehen des Nackens und Ausstrecken des Fußes – all das tut man mit dem Gefühl frei und leicht zu sein, wie ganz alltägliches Laufen. Deine Darstellungsform im Tanz wird zu deiner natürlichen Körpersprache.

Menschen wie Michael erlernen eine Darstellung nie Schritt für Schritt. Es ist Teil ihres Lebens. Du kommst nicht in den Ballettunterricht und überlegst, wie du eine Bewegung ausführst. Stattdessen fängst du einfach das Gefühl der Bewegung ein, du machst es einfach und es wird so natürlich wie atmen. Wenn du weißt, wie man es ausführt, weißt du es für immer – solange deine motorischen Funktionen intakt sind.

Wenn Tänzer sagen, Tanztraining sei die Hölle, dann bedeutet das, dass man nach 5 – 20 Minuten tanzen müde wird und nach ein paar Stunden völlig ausgelaugt ist. Aber es bedeutet nicht, dass du die ganze Zeit denkst: „Oh Gott, das ist so hart!“ Tanzen lässt dich selbstsicher und glücklich werden, trotz der körperlichen Belastung. Manchmal lässt der Tanz deine Füße bluten und deine Bänder schmerzen. Aber während du tanzt, versuchst du die Schmerzen zu ignorieren und sie erscheinen öfters schwächer, als sie wirklich sind. Wenn du in Ekstase bist, erscheint der Schmerz niemals vollständig. Das passiert. Auf der Bühne scheint alles wunderbar zu sein, fabelhaft, unvermittelt. Du bist high von deinem Adrenalin. Und manchmal spürst du die Schmerzen und die ganze Auswirkung deiner Übung erst am nächsten Tag.

Ich bin kein Arzt oder Wissenschaftler, der alle Vorgänge im Gehirn während dieses mentalen Zustands beschreiben kann. Aber ich kann sagen, dass die Bühne oft verdeckte Fähigkeiten und versteckte Reserven des Körpers zum Vorschein bringt, die durch unsere Fähigkeit den unterbewussten und veränderten Wahrnehmungszustand zu nutzen, hervorgebracht werden. Wieder kommen wir zurück zum wichtigsten Punkt dieses Artikels: Michael lebte den Tanz, deshalb ist es absurd zu sagen, seine späteren Fähigkeiten seinen schlechter als vorher.

Ein Poet des Tanzes

Ich könnte endlos fortfahren, aber es ist Zeit zu einem Ende zu kommen. Ich habe ein Bild gemalt, zu dem ihr ständig weitere Details hinzufügen könnt, wenn ihr möchtet, denn die Thematik der Kunst des Tanzes, global gesehen, ist unerschöpflich und Michael ist darin eine feste Größe. Ich hoffe, ich konnte die Hauptelemente des Bildes deutlich machen.

Um die Diskussion abzuschließen lasst mich zuerst wiederholen, dass Tanz das Spirituelle mit dem Materiellen verbindet, das Mysterium aller Mysterien öffnet und unser Bewusstsein jenseits aller Grenzen und Fesseln bringt.

Es gibt viele gute Tänzer, aber nur wenige von ihnen sind Künstler und Entertainer. Das Genre und der Bekanntheitsgrad spielen dabei keine Rolle. Was wichtig ist, ist, dass der Entertainer sich selbst seiner Kunst hingibt, in welchem Ausmaß er seine große Gabe realisiert und wie viel davon er mit dem Publikum teilt. Diese Gabe ist nicht nur Talent oder Brillanz. Die Gabe wird ermöglicht mit Hilfe des gottgegebenen Talents ein Diener des Tanzes zu werden, ihn zu lieben und seine heilige und universelle Bedeutung zu erfassen.

Michael Jackson war einer dieser tanzenden Poeten, der den Tanz selbstlos liebte und seine Essenz auf die Bühne brachte. Er entzündete einen Funken bei den Zuschauern, der sie hinter konventionelle Grenzen führte, ihnen ermöglichte, sich mit einer Sphäre wilder Energie zu verbinden, mit Emotionen und Schönheit, die man nicht mit Logik wahrnehmen, sondern nur fühlen kann. Er konnte Emotionen freisetzen und im Fluss der Improvisation unbeschreibliche Details erfinden, wie nur wenige Tänzer – und kein anderer Pop-Performer – es können. Die Spiritualität und Ästhetik, die er auf die Pop-Bühne brachte, waren einzigartig und beispiellos. Die Komplexität und zugleich die Einfachheit dessen, was er tat, fusionierte zu etwas Brillantem. Er wird in seinem Genre für sehr lange Zeit unerreicht bleiben. Ich möchte, dass das jeder versteht, nicht nur seine Fans.

Billie Jean Hat

Ich bin glücklich in seiner Zeit gelebt zu haben. Und ich bin froh, dass ich seine Videos schon zu einer Zeit ansehen konnte, in der es noch keine unnötigen Kommentare gab, so dass ich ihn ohne Vorurteile beurteilen konnte. Jahre später wurde es zu einem Trend ihn mit „wacko“ zu betiteln und ihn Monster zu nennen, und dann war es fast beängstigend zuzugeben, dass du Michael Jackson mochtest. Aber mich hat es dennoch nie davon abgehalten die Schönheit und Spiritualität seiner Kunst zu sehen.

Es ist schmerzhaft zu wissen, wie sein Leben endete. Es ist ein Unglück, dass Talent oft im negativen Licht gesehen wird, solange der Künstler noch lebt. Traurigerweise scheint das in der menschlichen Natur zu liegen. Ein talentierter und vielseitiger Mensch, mit unbeschreiblicher Begabung in Musik, Tanz und Drama, ist den Menschen nicht nur durch seine Werke bekannt, sondern auch durch eine Auswahl von Videofragmenten im TV und durch Geschichten der Klatschpresse, die keine Aufmerksamkeit wert sind. Bis heute gibt es keine anständige Fernsehdokumentation über ihn – alles was man zu sehen bekommt, sind ein paar pathetische, amateurhafte Dokumentationen, in denen Namen, Daten und Fakten durcheinander geworfen werden, die nichts über sein kreatives Genie aussagen. Die besten Konzertmitschnitte und Filme werden immer noch nur von seinen Fans angesehen. Es ist eine Schande, wirklich. Ich kann nur hoffen, dass sich eines Tages Gerechtigkeit durchsetzen wird. Und wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, damit dies mit Hilfe unserer bescheidenen Beiträge geschieht.

Ich glaube immer noch daran, dass der Tag kommen wird, an dem der Künstler Michael Jackson zu einem Klassiker wird und an dem man sich an ihn nicht nur als ein reines Pop-Idol erinnert, sondern als einen großartigen Entertainer und Humanitär, der „seinen Traum tanzte“.

Originaltext von Amor (Lubov Fadeeva)

Deutsche Übersetzung: M.v.d.Linden – mit einem ♥- Danke an Ilke für die Mithilfe

Michael Jacksons Andersartigkeit und Macht

by

Post vom 11/12/14 https://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Diese Woche freue ich mich, dass sich mir Susan Woodward, eine in Psychoanalytik ausgebildete klinische Sozialarbeiterin, anschließt. Sie ist außerdem die Autorin von Otherness and Power: Michael Jackson and his Media Critics (Andersartigkeit und Macht: Michael Jackson und seine Medienkritiker), einem Buch, das interessante Einblicke in die äußerst harsche Kritik, die bei der Berichterstattung über Michael Jackson vorherrschte, gibt. Anstatt diese einfach zu ignorieren oder dieser Kritik zu widersprechen, wozu viele von uns tendieren, ist Susan direkt in die schlimmsten davon eingetaucht und hat versucht die Gründe dafür aufzudecken. Und was sie herausgefunden hat, ist faszinierend!

Susan, danke, dass du hier bist, damit wir über deine Untersuchung und deren Analyse sprechen können.

Susan: Willa, ich fühle mich so geehrt, eingeladen zu sein, um mit dir über Michael Jackson zu sprechen. Ich muss anmerken, dass dein Buch M Poetica eine wichtige Inspiration für mein Buch war. Ich habe wirklich die Art bewundert, mit der du durch den Morast einiger der zentralen Kritikpunkte gewatet bist – plastische Chirurgie, die sich ändernde Hautfarbe, die Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs – und diese in aller Ruhe und auf intelligente Art angesprochen hast. Ich denke, dass Jacksons Fans vor der schärfsten Kritik zurückschrecken und dass die Kritiker die Fans als Fanatiker betrachten, aber du warst fähig, den Mittelweg als ein Verteidiger Jacksons zu gehen, der willens war, sich die Kritiker anzusehen und mit ihnen unparteiisch und auf effektive Art umzugehen.

Willa: Danke, Susan. Ich schätze das wirklich, und ich denke, deine Arbeit ist so interessant und wichtig. Anstatt gegen diese raue Kritik gegenüber Michael Jackson zu reagieren oder sie ganz einfach zu ignorieren, wozu viele von uns neigen, hast du wirklich versucht sie zu verstehen. Und eins der Dinge, die du während deiner Untersuchung entdeckt hast, ist ironischerweise die Tatsache, dass die Kulturkritiker, die am heftigsten mit ihm ins Gericht gingen, wenn sie über ihn schrieben, zu glauben schienen, dass er über ungeheure Macht verfügte. Das hat mich wirklich überrascht.

Susan: Mich hat das auch überrascht.

Willa: Also, ich bin neugierig, wie kam es dazu, dass du es entdeckt hast? Und was brachte dich dazu mit dieser Untersuchung zu beginnen?

Susan: Nachdem Michael Jackson gestorben war, interessierte es mich, alles über ihn zu lesen, was ich nur finden konnte. In dieser Zeit las ich einige ziemlich hasserfüllte Sachen, die ich zunehmend verwirrender fand und sogar schockierend, als ich mehr über ihn erfuhr. Ich bin eine klinische Sozialarbeiterin, also bin ich immer daran interessiert, was Menschen antreibt, und ich fragte mich, woher all diese Giftigkeit kam. Es gab die Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs, aber das waren höchst fragliche Anklagen gewesen, die niemals bewiesen wurden, und es gab reichlich Gründe für Schlussfolgerungen, dass diese Anschuldigungen nicht wahr sein konnten. Und schließlich fand ich heraus, dass die Anschuldigungen wenig mit dem Hass zu tun zu haben schienen, mit dem gegen ihn gezielt wurde.

Willa: Das sehe ich auch so. Woody Allen wurde zum Beispiel auch des Kindesmissbrauchs angeklagt, aber da gab es nicht diese Vorverurteilung wie bei Michael Jackson, und da war auch nicht diese extreme Hysterie und Antipathie, der Michael Jackson gegenüberstand. Da scheint also etwas mehr vor sich zu gehen. Es ist fast so, als hätten die Missbrauchsanschuldigungen den Leuten eine Entschuldigung dafür geliefert, starke negative Gefühle ihm gegenüber, die ohnehin schon im Untergrund brodelten, ausdrücken zu können.

Susan: Ja. Und zur Zeit der ersten Anschuldigungen, 1993, als er bereits fast ein Jahrzehnt ausgehalten hatte, dass er in unrichtigen, übertriebenen Geschichten in den Klatschblättern als „bizarr“ geschildert wurde, war die Öffentlichkeit darauf vorbereitet zu glauben, dass sich seine „Bizarrheit“ auf Kindesmissbrauch ausweiten könnte.

Willa: Das ist eine wirklich gute Feststellung, Susan. Michael Jackson selbst sagte in seiner Rede, als er einen Grammy Legend Award erhielt: „Mir war nicht bewusst, dass die Welt dachte, ich wäre so sonderbar und bizarr.“ Das war am 24. Februar 1993, ein paar Monate, bevor er Evan Chandler traf. Dann im August machte die Anschuldigung Schlagzeilen, also scheint es so, als wäre die Presse und die Öffentlichkeit in der Tat „vorbereitet“ gewesen ihn als „sonderbar und bizarr“ zu sehen, wie du sagst – und wahrscheinlich deswegen auch genauso als schuldig.

Susan: Oh ja. Ich denke, die negative Presse, die er bekam, hatte schreckliche Konsequenzen für ihn. Ich wollte gern mehr darüber verstehen, woher diese Feindseligkeit kam.

Susan Fast wies in ihrem Essay Difference that Exceeded Understanding (Anderssein, das über Verstehen hinausgeht) – einer der besten Titel, die es jemals gab – darauf hin, dass vieles an der Feindseligkeit gegen ihn aufgrund von Rassismus und einem tiefsitzenden Unbehagen gegenüber seiner „Andersartigkeit“, im Sinne der Art, auf welche er nicht lesbar und nicht zu klassifizieren war, hoch kam. Seine Merkmale für Rasse, Geschlecht, Alter und Sexualität waren schwer zu deuten und für viele verwirrend. Ich nenne diesen Unterschied „Andersartigkeit“ (Otherness). Obwohl ich dieses Unbehagen gegenüber seines Andersseins nicht teile, könnte ich zumindest verstehen, dass es manche dazu bringen könnte, ihn zu kritisieren. Aber ich hatte immer noch dieses nagende Gefühl, dass es noch etwas anderes gab, das ich nicht identifizieren konnte.

Also las ich weiter. Während ich ein besonders hasserfülltes, langes Kapitel von The Resistable Demise of Michael Jackson / Der aufhaltsame Untergang des Michael Jackson, einen von drei Werken, die ich in meinem Buch analysiere, las, begann ich zu bemerken, dass der Autor inmitten der Giftigkeit sich weiterhin auf Michael Jackson als König oder göttliches Wesen und weiterer erhabener Beschreibungen bezog. Oft wurden diese Begriffe auf sarkastische Art benutzt, aber alle 23 Autoren in diesem Buch benutzten diese Art Sprache, um ihn zu beschreiben, neben einer annähernd gleichen Anzahl von despektierlichen und hasserfüllten Begriffen. Als ich mich dann erneut mit dem Rest von Resistable Demise und den anderen zwei Werken, die in meinem Buch enthalten sind, befasste, erkannte ich, dass es da die These gab, er sei eine außergewöhnlich einflussreiche Person gewesen.

Und ich meine einen Einfluss der so ganz anders ist als einer, wie er von jeder anderen berühmten, wohlhabenden Person wahrgenommen werden würde und wie er für einen Musiker beispiellos ist. Die Kritiker, die ich mir für mein Buch angesehen habe, sahen ihn als eine königliche Person oder als jemanden mit fast übernatürlichen Kräften. Mir fällt keine andere Person der populären Kultur ein, die auf diese Art gesehen wurde. Aber gleichzeitig zerrissen ihn diese Kritiker dafür, dass er diese Eigenschaften besaß.

Die drei Arbeiten, die ich für meine Analyse auswählte, sind Dave Marshs Buch Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream von 1985 (In die Enge getrieben: Michael Jackson und der Traum von Crossover) , Maureen Orths Vanity Fair Artikel Losing His Grip (Kontrollverlust) von 2003 und The Resistable Demise of Michael Jackson (Der aufhaltsame Untergang des Michael Jackson), einer Sammlung von 23 Aufsätzen, die etwa sechs Monate, nachdem Michael Jackson starb, veröffentlicht wurde. Ich wählte diese speziellen Arbeiten aus, weil es sich bei jeder von ihnen um einen Überblick über sein Leben und seine Werke handelte statt der Betrachtung nur eines einzigen Ereignisses, und sie waren alle scharf kritisierend, manchmal sogar ziemlich hasserfüllt.

Willa: Ja, obwohl sie sehr unterschiedlich sind, wie du deutlich gemacht hast. In deinem Buch zeigst du, dass sie, während sie alle sehr negativ auf seine angebliche Macht reagieren, nicht alle diese Macht auf dieselbe Art sehen oder aus den gleichen Gründen dagegen reagieren. Dave Marsh zum Beispiel schien zu denken, Michael Jackson habe den Einfluss Rassenschranken aufzuheben, und er war tief enttäuscht, dass er diese Macht nicht auf die Art einsetzte, wie er es sich von ihm wünschte. Und ich muss sagen, es steckt einfach zu viel Ironie darin, dass ein Weißer einen Schwarzen dafür kritisiert, nicht genug dafür zu tun, den Rassismus zu beenden – besonders wenn es sich bei diesem Mann um Michael Jackson handelt, der mehr als irgendjemand sonst in der jüngeren Geschichte getan hat, Vorurteile aller Art, einschließlich Rassismus, zu beenden.

Susan: Ja, gut gesagt! Marsh sagt, er sei ursprünglich ein Fan Michael Jacksons gewesen, der ihn fast als Messias-Figur gesehen habe, als jemand, der Amerika, vielleicht sogar die Welt, in eine neue Zeit frei von rassischen, sexuellen und politischen Trennungen führen könnte. Marsh schreibt ziemlich sprachgewandt eloquent über dieses Gefühl.

Willa: Das tut er wirklich. Und auf eine merkwürdige Art ist er immer noch ein Michael Jackson Fan, denn er sieht solch ein enormes Potential in ihm – nicht nur musikalisch gesehen, sondern kulturell und spirituell. Und er erlegt ihm weiterhin seine Erwartungen auf, die Hoffnungen eines weißen Mannes, der nach einer mächtigen schwarzen Persönlichkeit sucht, die das komplexe Problem des Rassismus lösen wird. Hier ist zum Beispiel ein Zitat vom Schluss aus Marshs Buch:

Michael Jackson ist eine Sache, noch bevor er ein Sänger ist oder ein Erfolg oder ein Star oder irgendetwas sonst. Er ist eine schwarze Person in Amerika. Als ein Ergebnis davon brachte er einige Ketten zum Scheppern, wirbelte einige uralte Geister, scheuchte einige ehrwürdige Träume auf.

Die Geister der Sklaverei und des Rassismus sind vierhundert Jahre alt, aber ihre Macht ist frisch und stark. Die Träume, die er aufscheuchte sind genauso alt – die fantastische Hoffnung, dass wir irgendwie lange genug zusammengeführt werden, damit diese Geister zu Grabe getragen werden können.

Während seines gesamten Buches drückt Marsh einen enormen Respekt für Michael Jacksons musikalisches Talent, aber auch ein Verlangen danach ihn zu einer Moses-artigen kulturellen Figur werden zu lassen, die Amerika vom Rassismus wegführen soll. Und dieses Verlangen geht einher mit einer Abscheu darüber, dass er kein Moses ist – dass er nicht Marshs Phantasie darüber, was dieser sich von ihm wünschte, dass er es sei, erfüllte.

Susan: Das ist eine sehr kraftvolle Passage aus Trapped. Es ist solch eine Schande, dass Marsh nicht erkannte, dass Michael Jacksons Andersartigkeit, die er so scharf kritisierte, genau der Grund war, dass Marsh und andere „diese fantastische Hoffnung“ auf ihn projizieren konnten.

Willa: Das ist eine sehr gute Feststellung, Susan. Die wirkliche Ironie ist, dass Michael Jackson tatsächlich die Wurzeln des Rassismus bekämpfte – und sehr viel wirkungsvoller als alles, was David Marsh vorschlägt – aber er tat dies auf einer tiefsitzenden, beinahe unterwussten Ebene, die Dave Marsh nicht begreifen kann. Aber anstatt zu versuchen, zu verstehen, was Michael Jackson macht, greift Marsh ihn dafür das an, was er nicht macht.

Susan: Er hätte diese Andersartigkeit schätzen müssen.

Willa: Das denke ich auch. Und dann gibt es da Maureen Orth, die einen der schmutzigsten, aufrührerischsten Artikel über Michael Jackson geschrieben hat, der jemals veröffentlicht wurde. Sie hatte ebenfalls das Gefühl, er würde über enorme Macht verfügen, aber es ging um die Macht zu manipulieren und sogar um die Macht, die Leute zu kontrollieren. Während also Marsh glaubte, dass er über einen positiven Einfluss verfügte, den er vergeudete, glaubte Orth, er habe eine negative Macht, die er nur zu gut einsetzte.

Susan: Ja, Maureen Orth scheint wirklich von der Angst um Jacksons Andersartigkeit besessen zu sein. Man bekommt das Gefühl, sie würde denken, er sei so gefährlich, dass er es verdiente, bis ans Ende der Welt getrieben zu werden. Während sie seine Andersartigkeit zu fürchten scheint, scheint sie außerdem das Gefühl zu haben, dass diese Andersartigkeit genau das war, was ihm die Macht zur Manipulation anderer gab.

Willa: Das ist wirklich interessant, und etwas, was ich nicht bemerkt habe, bevor ich dein Buch las. Sie scheint definitiv sein Anderssein zu fürchten, wie du sagst – bis zur Hysterie. In ihrem Artikel behauptet sie beispielsweise, dass Michael Jackson einem Medizinmann aus Mali 150.000 Dollar gezahlt habe, damit dieser eine Voodoo-Zeremonie in der Schweiz durchführen würde, und dass er als Teil dieser Zeremonie 42 Kühe „rituell geopfert“ habe. Sie hat das tatsächlich in Vanity Fair veröffentlicht. Ich denke, man muss nicht betonen, wie lächerlich das ist – es ergibt keinen Sinn und so wie ich weiß, entbehrt es jeder Tatsache.

Einige Freunde in Deutschland haben für mich Kontakt zum Federal Office of Agriculture / FOAG (Bundesamt für Landwirtschaft) in der Schweiz aufgenommen, und sie erzählten ihnen, dass sie keinen Beleg dafür hätten, dass irgendetwas in dieser Art jemals passiert wäre. Das FOAG verfolgt den Weg jeder Kuh aus der Schweiz vom Zeitpunkt ihrer Geburt, bis sie geschlachtet und weiterverarbeitet wird – sie können dir genau sagen, welche Kuh oder Kühe in jeder Packung Fleisch, die in der Schweiz verkauft wurde, enthalten ist – und sie haben keine Aufzeichnungen über vermisste Kühe, keinen Beweis für irgendetwas wie dieses.

Susan: Das ist ein Meisterstück der Faktenüberprüfung!

Willa: So ist es. Ich bin so dankbar, dass sie es getan haben. Aber auch ohne das FOAG sollte diese Geschichte jeder vernünftigen Person als extrem unwahrscheinlich auffallen. Zum einen spricht es gegen alles, für das Michael Jackson jemals stand. Aber dazu denke ich auch, dass du etwas wie das nicht verstecken kannst. Kühe sind groß – etwa 1000 Pfund schwer – also würden 42 Kühe etwa 20 Tonnen wiegen. Wie sollte man 20 Tonnen toter Kühe verstecken? Wo bewahrt man sie auf? Wie bewegt man sie? Du kannst sie nicht einfach in den Kofferraum deines Autos stecken. Und trotzdem soll der sich am besessensten verhüllende Mensch der Geschichte dies irgendwie getan haben, und niemand wusste etwas davon? Das scheint einfach nicht möglich zu sein. Aber Orth akzeptiert diese wilde Geschichte blind und berichtet sie als wahr, ohne irgendwelche Fakten zu überprüfen, soweit ich weiß.

Susan: Ich habe herausgefunden, dass diese mangelnde Faktenüberprüfung für viele Dinge gilt, die sie in dem Artikel sagt. Ich muss sagen, dass ich eine Menge Spaß beim Überprüfen der Fakten hatte, was normalerweise vor der Veröffentlichung getan werden müsste – und wodurch leicht einige offenkundige Fehler gefunden worden wären. Sie schien wirklich das glauben zu wollen, was für sie am besten zu Michael Jackson passte. Zu denselben Zeilen zitierte sie zahlreiche Quellen für den Artikel, aber fast alle davon sind entweder anonym, und es stecken offensichtliche Motive dahinter, mit denen schlechte Dinge über ihn gesagt werden sollen oder es handelt sich um Leute (wie z.B. plastische Chirurgen), die keinerlei Verbindung zu ihm hatten.

Willa: Das stimmt. Die Frage ist, warum sie eine solch haarsträubende Geschichte als wahr akzeptiert hat, und ich denke, es ist deswegen, weil sie empfänglich dafür war es zu glauben – sie sah ihn als so vollkommen anders an, dass sie dachte, er wäre zu allem fähig.

Susan: Dem stimme ich ganz sicher zu. Ich denke, es ist aussagekräftig, dass sie ihren Artikel mit diesem unglaublichen Voodoo-Szenario beginnt. Diese Geschichte stellt ihn als jemanden von anderer Rasse dar, leichtsinnig große Summen Geld verschwendend und gleichgültig gegenüber dem Leben anderer, in diesem Fall gegenüber Tieren. Ganz sicher lässt es den leichtgläubigen Leser annehmen, dass er zu allem fähig war.

Willa: So ist es wirklich. Und dann gibt es da noch die vielen Kritiker in The Resistable Demise. Unglücklicherweise habe ich die Sammlung von Aufsätzen nicht gelesen, aber du zeigst, dass diese Autoren – und noch einmal, dies sind alles Musik- und Kulturkritiker, die äußerst negativ über ihn schreiben – die Ansicht ausdrücken, er habe fast übernatürliche Kräfte, was sehr überraschend ist. Das kommt so unerwartet. Und während du es analysierst, stellt du zwei Begriffe vor, die ich vorher noch nicht gehört habe: „Angelismus“ und „Bestialismus“. Kannst du sie ein wenig erklären?

Susan: Der Begriff „Angelismus“ wurde in den 1940ern von Jacques Maritain, einem französischen Philosophen, geprägt. Angelismus ist die irrtümliche Sicht auf den Menschen als vornehmlich göttlicher Natur, reinen Geistes und Verstandes. Angelismus bezieht sich, nebenbei gesagt, nicht speziell auf Engel. Die gegenteilige, und nicht weniger irrige Sichtweise ist die auf den Bestialismus, die besagt, dass Menschen nur durch körperliche, selbstbezogene Interessen, wie zum Beispiel Gier, Lust, Neid motiviert werden. Diese Sichtweisen sind natürlich falsch, da wir alle durch eine Art Kombination sowohl des Angelismus, als auch des Bestialismus getrieben werden. Michael Jackson wurde mehr und mehr von vielen als ein engelhaftes Wesen gesehen, als jemand, der frei zu sein schien von den normalen menschlichen Kategorien von Rasse, Geschlechtereinteilung und Alter. Und er wurde von vielen als „bestialisch“ / entmenschlicht angesehen, als jemand, der physisch verfiel und moralisch verdorben war.

Willa: Das sind solch nützliche Gedanken, um die Reaktionen auf Michael Jackson zu verstehen, denke ich. Ich habe diese Begriffe nie vorher gehört, aber nachdem ich dein Buch gelesen und etwas über diese Gedanken erfahren habe, habe ich diese Aufteilung in Angelismus / Bestialismus, die ihm ständig aufgedrückt wurde, erkannt, sowohl von denen, die ihn loben, als auch von jenen, die ihn kritisieren.

Susan: Ja, wenn du dir der Aufspaltung zwischen Angelismus / Bestialismus erstmal bewusst bist, dann erkennst du es in so vielem, wie er gesehen wurde.

Willa: So geht es einem wirklich. Und weißt du, es ist wirklich interessant, wie diese Kategorien an Eleanor Bowmans Vorstellung von Transzendenz anknüpfen, wie sie vor einiger Zeit in einem Post mit uns diskutiert hat. Transzendenz betrachtet manche Menschen vorrangig im Bereich des Geistigen – sie beabsichtigen die Grenzen ihres Körpers zu „überschreiten“ (transzendieren) – während andere Menschen zuerst einmal als Körper gesehen werden. Diese zwei Kategorien scheinen ziemlich direkt die zwei Einteilungen mit Angelismus, der Menschen vorrangig im geistigen Bereich betrachtet – „reiner Geist und Verstand“, wie du sagtest – über die du gerade gesprochen hast, abzubilden, während Bestialismus Menschen zuerst einmal im Bereich des Körpers und dessen Bedürfnisse und Sehnsüchte sieht. Ist das richtig?

Susan: Da würde ich zustimmen. Die Weltsicht der Transzendenz beinhaltet, das Geistige getrennt vom Materiellen und das Materielle dem Geistigen untergeordnet zu sehen. Es ist eine polarisierte Art die Realität wahrzunehmen, sehr ähnlich den extremen Polen von Angelismus und Bestialismus. Michael Jacksons Kritiker nutzten das entmenschlichende / bestialische Ende des transzendenten Spektrums, um ihn zu erniedrigen, um die angelistische, sehr viel schmeichelhaftere Sicht von ihm zu kompensieren.

Willa: Ja, aber während die angelistische Sicht eher positiver zu sein scheint, ist sie trotzdem unrealistisch und kann genauso problematisch sein. Eleanor erkennt, dass Michael Jackson diese Einteilung hinterfragt und eine neue Sichtweise – eine der Immanenz / des Innewohnens anbietet – in der Geist und Körper vollkommen ganzheitlich und untrennbar sind. Aber die Kritiker, die du untersucht hast, scheinen der Sichtweise des Trennens von Geist und Körper nachzugeben und ihn entweder als das eine oder als das andere zu sehen. Welche Beispiele gibt es also davon, wie Kritiker Michael Jackson durch die Linse des Angelismus sehen? Und des Bestialismus?

Susan: The Resistable Demise (ich weiß immer noch nicht, was dieser Titel eigentlich bedeuten soll) ist fruchtbarer Boden für Beispiele der angelistischen und der bestialistischen Sichtweise von Michael Jackson. Viele der benutzten Wörter, die auf beiden Seiten dieser gegensätzlichen Pole benutzt werden, waren so außergewöhnlich, dass ich Listen davon in mein Buch aufgenommen habe. Auf der bestialistischen Seite beispielsweise benutzen die Autoren der Aufsätze Wörter und Ausdrücke wie „freakig“, „unmenschlich“, „ziemlich komischer Mädchen-Mann“, „Darth Vader nicht unähnlich – eine entartete Hülle blassen Fleisches, durch eine komplex vermittelnde Maschinerie gerade so am Leben gehalten“, „Zombie Jackson“, „selbst-kastrierter Asexueller“, „Wesen von absoluter Seelenlosigkeit“, „Monster“, „Offenbarung einer wahren Bestie“ und „biotisches übergeschnapptes Bestandteil“. Ich könnte noch weitermachen. Es gibt hunderte von Beispielen in Resistable Demise. Beachte, dass sich viele von diesen Ausdrücken auf den Körper beziehen und eine Unterstellung des Zerfalls, der moralischen Korruption und Geistesstörung vornehmen – dem genauen Gegenteil der angelistischen Sichtweise.

Willa: Ja, so ist es. Und eigentlich ist es so, dass sich viele der schärfsten Kritikpunkte gegenüber Michael Jackson darauf konzentrieren, dass er in irgendeiner Weise die Unversehrtheit des Körpers korrumpiert habe, wie der wiederholte Trugschluss darüber, er habe so viele plastische Operationen gehabt, dass seine Nase zusammenfiele. Und im Grunde sind die Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs oder die Verdrehungen eine weitere Form der körperlichen Korruption und ebenso sind es die Behauptungen des umfangreichen Medikamentenmissbrauchs. Diese Art Kritik fokussiert sich also auf die Wahrnehmung körperlicher Korruption.

Susan: Und die angelistischen Begriffe, die in Resistable Demise benutzt werden sind ebenso extrem und sehen ihn als von seinem Körper getrennt, als ein rein geistiges Wesen: „Gott“, „ein Wesen der Jugend und Leichtigkeit, dessen Auftritt jeglicher emotionaler Schwerkraft trotzt“, „jenseitig“, „ein Engel, der auf die Erde fiel“, „außerhalb der menschlichen Gesetze“, „eindringender Erlöser“, „der Schwerkraft trotzend“, „Erzengel“, „überirdisch“, „verblüffend“ und „nicht materiell“. Wie bei den bestialistischen Begriffen enthält Resistable Demise hunderte ähnlicher Beispielen von angelistischen Begriffen, zusätzlich zu den vielen Referenzen für ihn als königliche Persönlichkeit. Und dies ist ein Buch, das in einem äußerst rauen Ton kritisch ist.

Willa: Sogar sein Tanz wird als ein Beispiel benutzt, was so ironisch ist. Ich meine, Tanzen ist die Körperlichste aller Kunstformen. Trotz der Tatsache, dass er mit seinem Körper Dinge tun konnte, wie es kaum ein anderer konnte, wurde er als körperlos porträtiert: „Ein Wesen der Jugend und Leichtigkeit, dessen Auftritt jeglicher emotionaler Schwerkraft trotzt“, wie du gerade zitiert hast.

Susan: Eins der Dinge, die mir immer wieder in den Sinn kommen, wenn ich diese angelistischen und bestialistischen Begriffe lese, ist: Denken diese Autoren wirklich, sie würden ein wirkliches menschliches Wesen beschreiben? Du kannst leicht erkennen, dass beide Sichtweisen abwegig sind. Man kann sich nur schwer eine derart geschwächte Person wie in der bestialistischen Sichtweise vorstellen. Aber es ist genauso schwer sich vorzustellen, dass Michael Jackson wirklich ein göttliches Wesen war. Ich weiß allerdings, dass es Menschen gibt, die von der einen oder der anderen Sichtweise absolut überzeugt sind.

Es gab viele Gründe dafür, dass so viele Michael Jackson in einem angelistischen Licht sahen. Jeder, der viel über ihn liest, erfährt, dass er seinem Publikum eine „magische“ Erfahrung schenken wollte, und eine Person, die magisch erscheint, wirkt auch so, als wäre sie ein angelistisches Wesen. Es gibt reichlich Beispiele für magische Verwandlungen in den Kurzfilmen, die er für seine Songs gemacht hat. In Remember the Time taucht er aus wirbelndem Sand auf und verschwindet später wieder in wirbelndem Sand. In Black or White bewegt er sich mühelos zwischen Szenen darstellender Tänzer aus verschiedenen Kulturen hin und her, dann verwandelt er sich von einem Panter in sich selbst und wird zum Schluss wieder zum Panter. In Smooth Criminal, Bad und Beat It verwandelt sein Tanz die Stimmungen und Handlungen der Menschen um ihn herum. In Billie Jean lässt er den Gehsteig aufleuchten, sobald er ihn betritt.

Susan Woodward_62064_1282521814973_full

Willa: Ja, und es wird auch angedeutet, dass er sich in einen Tiger verwandelt.

Susan: In der Version von You are Not Alone, die auf der DVD Sammlung HIStory on Film, Volume II erscheint, taucht er als wirklicher Engel auf.

Das Ausmaß und die Bandbreite seiner Talente war natürlich auf positive Art  Ehrfurcht einflößend und konnte ganz sicher als jenseits aller Möglichkeiten normal Sterblicher gesehen werden. Meine Theorie ist die, dass sein Tanz mehr als seine anderen Talente den Eindruck vermittelte, er sei nicht ganz von dieser Welt. Ich konnte diese Theorie unglücklicherweise nicht glaubhaft untermauern, so dass ich es nicht mit in mein Buch aufnahm, aber ich weiß, dass jedes Mal, wenn ich ihn auftreten sah, meine spontane Reaktion war, dass ich überwältigende Freude spürte und fast auch ein Schockgefühl darüber, dass jemand sich auf diese Art bewegen konnte, wie er es tat. Du hast darauf hingewiesen, dass Tanzen die körperlichste aller Kunstformen ist. Diese Tatsache, dass er eine körperlich anstrengende Handlung  und dies scheinbar auf eine Leichtigkeit und mit solch fließender Anmut vollführte, auf eine Art und Weise, die selbst, wenn er mit anderen ausgezeichneten Tänzern auftrat, herausstach, ist ganz sicher „magisch“.

Willa: Es sieht sicherlich ganz danach aus, nicht wahr? Er erzählte Randy Taraborrelli in den späten 1990ern, dass sein Tanz schwere körperliche Arbeit war:

Wenn ich die Bühne betrete, erwarten die Leute sehr viel. Sie wollen den Tanz, sie wollen die Drehungen und alles. Aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch machen kann. Ich weiß nicht, wann es einfach nicht mehr möglich sein wird.

Er war also menschlich. Aber für das Publikum, das ihn tanzen sah, fühlte es sich ganz sicher magisch an, nicht?

Susan Woodward_on-toes

Susan: So war es ganz sicher. Und die persönlichen Eigenschaften, die ihn für so viele Leute „anders“ wirken ließen, waren ein anderer Hauptgrund dafür, dass er als angelistisch wahrgenommen wurde. In Resistable Demise wird er ein „zu etwas Neuem werdender postmoderner Traum“, „rassenlos und alle Rassen“ und „befreit von bloßem Fleisch, Bestimmung, festen Rollen von Rasse und Geschlecht“ genannt. Die absolute Nicht-Lesbarkeit seiner Rasse, seiner Geschlechterzugehörigkeit, seines Alters und seiner Sexualität verliehen ihm die Austrahlung eines Gestaltwandlers und ließen ihn so erscheinen, als habe er das bloße Leben eines Sterblichen und dessen Grenzen hinter sich gelassen.

Willa: Ja, obwohl das nur eine Projektion ist. Was ich damit meine, ist, dass sein Körper nicht so sehr das Problem war wie das, was andere Menschen auf seinen Körper projizierten und wie sie das dann interpretierten. Er hatte zum Beispiel ganz eindeutig eine geschlechtliche Zugehörigkeit und ein Alter. Er passte nur nicht zu den vorgefertigten Vorstellungen darüber, inwieweit sein Alter und seine Geschlechterrolle ihn definieren sollten.

Susan: Ja, das ist es, was so faszinierend an all diesem ist: Es ist wirklich nur Projektion.

Wir haben darüber gesprochen, wie Michael Jackson in Worten beschrieben wurde, aber es gibt visuelle Darstellungen von ihm als einem angelistischen oder bestialistischen Wesen. Manche von ihnen sind subtil, wie dieses hier:

Susan Woodward_earth-song-portrait-cropped

Dieses Foto wurde etwa 1995 während der Zeit des HIStory Albums aufgenommen. Sein Gesicht ist sehr blass, es scheint fast von innen zu leuchten und lässt alle Gesichtszüge mit Ausnahme seiner Augen, Lippen und in etwas geringerem Ausmaß seine Nase undeutlich erscheinen. Man kann seine Gesichtsstruktur, wie seine Wangenknochen oder Kleinigkeiten wie Bartwuchs nichtmal erahnen. Und er erscheint nahezu perfekt androgyn. Dieses Foto ist denen italienischer Portraits der Renaissance ähnlich, so dass es sogar schwer zu sagen ist, in welche Zeit er gehört. Kurz gesagt, er erscheint als ein etwas entrücktes Wesen, das frei ist von Bindungen an Geschlechterrollen, an Zeit und vielleicht sogar an menschliche Formen. Willa, in deinem Buch M Poetica hast du das Wort „ätherisch“ benutzt, um diese leuchtenden, blassen Abbildungen von ihm während dieser Zeit zu beschreiben, und ich denke, das ist das perfekte Wort.

Dieses nächste Bild allerdings ist ein wortwörtliches, blumiges Beispiel einer angelistischen Darstellung:

Susan Woodward_2009-painting-by-david-lachapelle

Dies ist Archangel Michael: And No Message Could Have Been Any Clearer (Erzengel Michael: Und keine Botschaft könnte deutlicher sein) von dem Künstler David LaChapelle. Es ist eins von drei Bildern, die er von Michael Jackson als Serie machte und American Jesus nannte.

Willa: Wow, es gibt keinen Zweifel daran, dass dies angelistisch ist, nicht wahr?

Susan: Ja, es ist wirklich auf die Spitze getrieben. Nebenbei gesagt, wenn du „Michael Jackson Engel“ in Google eingibst, dann findest du dutzende Bilder von ihm als buchstäblichem Engel. Dieses allerdings ist wahrscheinlich das Vollkommenste. Ich muss nicht weiter kommentieren, was dies zu einer angelistischen Darstellung macht.

Dies Bild wirkt, weil der Erzengel Michael Jackson ist und niemand anderer. Stell dir, sagen wir mal, Mick Jagger oder Prince als den Erzengel vor. Ich glaube nicht, dass das denselben Sinn ergeben würde.

Willa: Nein, würde es nicht, und das ist eine wirklich wichtige Feststellung, Susan. Ich hab mal einen Artikel über politische Ausrutscher gelesen, und warum manche so oft ausgestrahlt werden – wie beispielsweise Dan Quayle, der „Tomaten“ falsch buchstabiert oder George Bush, der nicht weiß, was ein Kassenscanner im Supermarkt ist oder Sarah Palin, die sagt, sie könne Russland von ihrem Haus aus sehen – und andere nicht. Und die Antwort war, dass die Ausrutscher, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiteten, diejenigen waren, die vorgefasste Vorstellungen anzapften, die die Öffentlichkeit bereits über diese Person hatte – nämlich dass Dan Quayle nicht gebildet genug sei, um Vize-Präsident zu sein, dass George Bush vollkommen realitätsfern gegenüber der Alltagswelt des Mittelklasse-Amerikaners dachte und dass Sarah Palin dazu neigte, das zu glauben, was sie glauben wollte.

Wenn das stimmt, dann impliziert dies, dass es bereits eine vorgefasste Meinung darüber gab, dass Michael Jackson „engelsgleich“ war auf eine Art, auf die Bad Boy Rocker wie Mick Jagger und Prince es definitiv nicht waren. Aber Michael Jackson wurde außerdem noch von der Presse und in der öffentlichen Vorstellung dämonisiert. Es ist so interessant, dass diese zwei gegensätzlichen Bilder Seite an Seite existierten.

Susan: Nun, ich denke nicht, dass „engelsgleich“ das ganz richtige Wort ist. Mit „engelsgleich“ ist normalerweise süß gemeint. Du kannst sicherlich das erste Bild, über das wir sprachen, auf diese Art charakterisieren, weil er darin so erscheint, als habe er eine entrückte Frömmigkeit. Aber das Bild des Erzengels Michael ist nicht süß. Er ist kraftvoll genug, um Satan zu bezwingen, und obwohl er eine bewegungslose Haltung einnimmt, tritt er auf Satan und es liegt ein Schwert zu seinen Füßen, das einen nur ein paar Momente vorher stattgefundenen gewaltsamen Kampf andeutet. Und die Macht des Erzengels findet ihr Echo in dem stürmischen Himmel, dem dunklen Meer und den schroffen Felsen hinter ihm. Er nutzt seine Macht für etwas Gutes, aber es ist eine Macht, die man fürchten muss.

Willa: Das ist interessant, Susan, und es erinnert mich an ein YouTube Video über den heiligen Erzengel Michael, das Stephenson vor einigen Wochen in einem Kommentar mit uns geteilt hat:

Du hast gesagt, der Heilige Michael ist ein Engel, aber es ist nicht „engelsgleich“ im gewöhnlichen Sinn. Er ist machtvoll. Und du sagtest, „er nutzt seine Macht für etwas Gutes, aber es ist eine Macht, die man fürchten muss.“

Susan: Und ich denke, es ist diese Macht, die in diesem Bild des Erzengels dargestellt ist, die so verstörend auf seine Kritiker wirkt. Der eher milde angelistische Michael Jackson, den wir in dem ersten Bild sehen, würde wahrscheinlich von den Kritikern herumgestoßen werden, aber nicht auf die Art und Weise, wie es mit dem eher machtvollen, bedrohlich angelistischen Michael Jackson geschah.

Und für den Fall, dass irgendjemand denkt, dieses Erzengel-Bild wäre nur eine Ausnahme, der sollte bitte einen weiteren Blick auf die angelistischen Begriffe werfen, die ich weiter vorn aus Resistable Demise zitiert habe. Diese Begriffe sind nur zufällige Beispiele, da werden noch quer durch das ganze Buch hindurch viele, viele mehr benutzt – von sehr scharfen Kritikern – die auf dieses Bild des Erzengels angewandt werden können.

Willa: Und das wirft einen weiteren Gedanken aus deinem Buch auf, den ich wirklich faszinierend fand: das Phänomen des „Umschaltens“. Kannst du das ein wenig erklären?

Susan: Die gegensätzlichen Sichtweisen des Angelistischen und des Bestialistischen können manchmal zwei Seiten derselben Medaille sein. Bei manchen Menschen, besonders bei jenen mit Persönlichkeitsstörungen, gibt es eine starke Tendenz zu „spalten“, was bedeutet, dass sie alles in den Extremen der Überidealisierung und Abwertung sehen: nur gut / nur schlecht, nur schwarz / nur weiß. Dies soll seinen Ursprung in der frühen Kindheit haben, in der das Kind beginnt mit Hilfe dieser einfachen und extremen Begriffe zu urteilen. Die meisten von uns lernen schließlich die grauen Bereiche, die Abstufungen zu erkennen und einzuschätzen. Nebenbei gesagt, fast jeder, der wirklich wütend über etwas ist, kehrt kurzzeitig zu dieser nur guten / nur schlechten Sichtweise zurück.

Dieses Spalten ist allerdings nicht notwendigerweise beständig. Das Spalten kann sich auch zum „Umschalten“ werden, das heißt, dass etwas, was bisher als nur gut gesehen wurde, plötzlich nur schlecht zu sein scheinen kann. Das passiert oft nach einer Enttäuschung, die für andere kaum Konsequenzen zu haben scheint, aber für jemanden, der die Welt in solch polarisierenden Ausprägungen sieht, wie ein großer Verrat erscheint. Das Umschalten kann auch in die andere Richtung gehen, von nur schlecht zu nur gut.

Während ich sicherlich keinerlei Schlüsse über Dave Marshs Persönlichkeit ziehen will, schreibt er in Trapped über genau diese Art des plötzlichen und extremen Umschwungs seiner Gefühle für Michael Jackson, nach der Erfahrung von „Haarrissen“ (Marshs Ausdruck) bei seiner Idealisierung von Jackson.

Willa: Das ist so interessant und ich denke, es ist eine wirklich nützliche und scharfsinnige Art, die plötzliche Umkehr der Gefühle, die Dave Marsh und auch andere erleben, zu verstehen zu versuchen. Was ich meine, ist, dass Marshs plötzliche Wendung auch symbolisch für das steht, was unter den Kritikern als Gesamtheit passiert ist. Als Michael Jackson ein aufstrebender Superstar war, der neueste Trend, war es, als könnte er nichts falsch machen. Aber als er erst einmal das Ziel erreicht hatte und an der äußersten Spitze war, änderte sich die Wahrnehmung von ihm radikal – sie „schaltete um“, wie du sagst – und plötzlich konnte er nichts mehr richtig machen.

Es ist also interessant, sich Dave Marsh nicht nur als einzelnen Kritiker anzusehen, sondern auch als jemanden, der eine gesamte Klasse von Kritikern repräsentiert, die etwa zur selben Zeit wie er „umschalteten“, und durch ihn einige Einblicke zu erlangen, warum das passiert war.

Susan: Das sehe ich auch so. Wir müssen Dave Marsh dafür dankbar sein, dass er so offen über seine Gefühle berichtet! Ich vermute, dass Neid auch eine große Rolle bei den Gefühlen von Marsh und bei vielen seiner Kritiker spielte, obwohl das schwer zu beweisen ist.

Willa: Da stimme ich dir zu. Michael Jackson selbst schien zu denken, dass Neid – Rassenneid ganz speziell – eine vorherrschende Motivation für viele war, die ihn kritisierten. Joie und ich sprachen darüber in einem Post im vergangenen Februar.

Susan: Das Spalten und das Umschalten bei der Spaltung sind natürlich Projektionen. Alles, worüber ich hier wirklich rede, sind Projektionen anderer dessen, was Michael Jackson war. Dave Marsh hat sicherlich eine enorme Menge an Recherchen für Trapped durchgeführt, aber seine Interpretation dessen, was er erfahren hat, scheint für mich ohne jegliche Abstufungen zu sein, als ob er heimlich ein Hühnchen mit jemandem zu rupfen hatte. Und keiner der anderen Autoren, die ich in meinem Buch untersuchte, hielt das für nötig, was ich eine ernsthafte Recherche nennen würde. Sie projizieren, weisen Michael Jackson Eigenschaften zu, die mit tiefsitzenden Ängsten und Hoffnungen bei demjenigen, der die Projektion vornimmt, übereinstimmen. Es ist faszinierend, dass eine einzige Person solch polarisierende, starke Reaktionen in anderen hervorrufen kann.

Willa: Ja, das ist es. Ich denke, das ist Teil seiner Macht als Künstler – dass die Leute ihn ansahen und eine Reflexion ihrer tiefsten Ängste und Sehnsüchte erkannten. Es ist also eine Tatsache der Ironie, dass du es auch als die Quelle vieler seiner Probleme siehst.

Susan Woodward_1992-june-daily-mail-cover

Susan: Und hier ist eine weitere Projektion davon, wer Michael Jackson war. Wie du in deinem Buch feststellst, Willa, liebte es die Presse, Fotografien von Michael Jackson zu veröffentlichen, die ihn so erscheinen ließen, als habe er mehr plastische Operationen gehabt, als es tatsächlich der Fall war. Dieses Foto, das ganz eindeutig manipuliert wurde, wurde 1992 im Daily Mirror veröffentlicht.

Das Foto ging mit einem Artikel einher, in dem behauptet wurde, er habe so viele plastische Operationen gehabt, dass sein Gesicht auf scheußliche Art verunstaltet sei. Er verklagte den Mirror wegen Verleumdung, und die Klage wurde 1998 beigelegt, nachdem Ärzte des Mirror sein ungeschminktes Gesicht untersucht hatten und dann das Eingeständnis herausgaben, dass sie im Unrecht waren und sich entschuldigten.

Willa: Ich bin froh, Susan, dass du diesen Vorfall erwähnt hast, denn er ist ein wichtiger Beweis dafür, dass die Gerüchte um die plastischen Operationen unbändig übertrieben wurden, jedoch bekam es nicht annähernd die Aufmerksamkeit, wie es sollte. Hier ist das, was in einem BBC Artikel darüber gesagt wurde:

Am Gerichtshof in London räumten die Mirror Group Newspapers und der frühere Herausgeber der Zeitung Richard Stott ein, dass Michael Jackson weder auf scheußliche Art verunstaltet noch vernarbt sei.

Mr Jacksons Anwalt Marcus Barclay … teilte dem Gericht mit: „Vertreter der Zeitung The Mirror haben sich in der Zwischenzeit direkt mit dem Kläger getroffen und mit eigenen Augen gesehen, dass die Fotografien … das Aussehen des Klägers nicht auf korrekte Art und Weise darstellen …“

Susan: Während dies wie ein glückliches Ende erscheint, trug es nicht dazu bei den jahrelangen Gerüchten, dass er durch plastische Operationen grotesk entstellt sei, ein Ende zu machen, Gerüchte, die noch Jahre später von Maureen Orth und vielen der Autoren von Resistable Demise wiederholt wurden.

Willa: Und das ist etwas, was wir auch oft bei ihm sehen – das Gerüchte über ihn überhöhte und unberechtigte Aufmerksamkeit erhalten, während nachfolgende Artikel, die jene Gerüchte widerlegen, fast keine Aufmerksamkeit erhalten.

Susan: Ja, es ist eindeutig so schwierig den Schaden negativer Stories ungeschehen zu machen, wenn sie erst einmal draußen in der Welt sind.

Dave Marsh nannte Michael Jackson sarkastisch „den außergewöhnlichsten Kerl der Welt“. Ich denke, diese eine Feststellung, Sarkasmus beiseite, trägt viel dazu bei, die Situation, in der sich Michael Jackson selbst befand, zu erklären. Seit den 1960ern hat sich unsere Gesellschaft, allerdings unvollkommen, dahin bewegt bisher am Rande stehende Rassen- und Völkergruppen zu akzeptieren, und heute kämpfen wir mit der Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Ehen und damit transsexuelle Menschen verstehen zu lernen. Aber Michael Jackson war für sich allein eine eigene Kategorie, was meiner Meinung nach der Grund dafür ist, dass der Hass gegen ihn so unkontrolliert war. Mit anderen Worten, es gab keine Richtlinie für politische Korrektheit, mit der man Kritiker zu beherrschen und sie ihre Reaktionen überdenken lassen konnte. Jeder der von mir analysierten Autoren wusste, dass offen geäußerte rassistische Meinungen nicht akzeptabel waren, es gibt also wenige Meinungen dieser Art in Zusammenhang mit ihren Aufzeichnungen. Aber es war nicht inakzeptabel, Michael Jackson auf schlimmste Weise für die Änderung seiner Hautfarbe, seiner kindlichen Art und sexuellen Mehrdeutigkeit zu kritisieren.

Das ist der Grund, warum ich mich so sehr darum sorge, wie Michael Jackson behandelt wurde. Die negativen Reaktionen, die er erhielt, sagen so viel über die Art, wie wir ohne Fragen zu stellen auf Menschen, die als „anders“ wahrgenommen werden, reagieren, und wie schnell wir damit sind, das erhaltene Wissen über Randgruppen einfach hinzunehmen, sogar wenn, wie in Michael Jacksons Fall, die an den Rand gedrängte Person gleichzeitig äußerst berühmt ist.

Willa: Ich stimme dem vollkommen zu. Mein Sohn ist in der High School, und es wird gerade sehr großer Wert auf die Verhinderung von Schikane gelegt, besonders bei Kindern, die anders sind. Es ist jedoch offensichtlich immer noch akzeptabel für die Klatschpresse, Prominente zu schikanieren und Cybermobbing zu betreiben. Ich sehe manchmal Bilder und Überschriften in den Boulevardzeitungen und denke, wenn ein High School Schüler so etwas über einen Klassenkameraden posten würde, dann würde er suspendiert werden – und er sollte es. Diese Art der Schikane ist nicht okay. Es wird jedoch in der Klatschpresse und sogar gelegentlich in der Mainstream-Presse toleriert. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Michael Jackson zu Tode schikaniert wurde – dass er in Folge jahrzehntelanger Schikane durch die Presse starb.

Susan: Ich bin mit allem, was du gesagt hast, vollkommen einverstanden. Es gibt viele Dinge, die ich darüber sagen könnte, aber lass mich nur festhalten, dass kein einziger der Autoren, die ich in meinem Buch untersucht habe, Schreibende der Klatschpresse waren. Es ist schockierend, dass ihm so viel Hass entgegen gespien wurde von Leuten, die so schreiben, als würden sie gute Berichte und durchdachte Analysen anbieten. Und es ist enttäuschend, dass so große Teile der Öffentlichkeit Lügen und Verdrehungen als Wahrheit akzeptieren. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Male ich Unterhaltungen über Michael Jackson geführt habe, die hauptsächlich aus meinen Versuchen bestanden, die irrigen Vorstellungen der anderen Person über ihn richtig zu stellen.

Ich hoffe, dass wir alle eines Tages zu einem vernünftigeren Verständnis darüber kommen, wer Michael Jackson wirklich war. Colby Tanner, einer der Autoren von Remember the Time, schrieb kürzlich einen aufschlussreichen Artikel für Slate mit dem Titel „The Radical Notion of Michael Jackson’s Humanity“ (Die radikale Ansicht über Michael Jacksons Menschlichkeit). Darin spricht er das Problem an, wie wenig Versuche es gegeben hat Michael Jackson zu verstehen, obwohl er sich dem aus einem anderen Winkel als ich nähert.

Willa: Es ist ein wunderbarer, nachdenklich stimmender Artikel, der wirklich die in der Presse porträtierte „entmenschlichte“ Sicht auf Michael Jackson in Frage stellt. Er sagt: „Die Vorstellung von Michael Jackson als einem menschlichen Wesen bleibt eine radikale Ansicht.“

Susan: Auf gewisse Art bringt mich das zurück zu Eleanor Bowmans Transzendenz-/Immanenz-Gedanken. Ich denke, dass es umso interessanter ist zu versuchen, Michael Jackson als ein menschliches Wesen zu verstehen, als jemanden, der zu solch enormen künstlerischen Leistungen fähig war, und dazu noch mit derart faszinierenden persönlichen Eigenschaften. Ich muss zugeben, dass ich mich sehr zu der angelistischen Sicht über ihn hingezogen fühle, obwohl ich auf intellektueller Ebene weiß, dass das ein Trugschluss ist. Ich versuche ständig mich über diese transzendente Sicht hinaus zu bewegen, hin zur immanenten Sicht, um den Menschen aus Fleisch und Blut zu finden, der fähig war, anderen das Gefühl zu geben, er sei entweder ein halbgöttliches Wesen oder ein physisch und moralisch verfallendes Monster. Genau aus diesem Grund finde ich Berichte von Leuten, die ihn tatsächlich gut gekannt haben, absolut faszinierend.

Willa: So geht es mir auch – ich genieße wirklich die Geschichten, die auch seine „menschliche“ Seite zeigen. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, die für eine gewisse Zeit einen Professor an der UC Santa Barbara besucht hat und sie freundete sich mit einer älteren Dame an, die ein Geschäft in der Stadt hatte. Ihre Freundin war eines Tages allein in ihrem Laden, als Michael Jackson herein kam und eine Kleinigkeit kaufte. Die Freundin hatte Arthritis und war ein wenig nervös, denke ich, sie fummelte mit den Münzen herum und brauchte eine lange Zeit, um das richtige Wechselgeld aus der Schublade zu holen. Aber anstatt frustriert oder wütend darüber zu sein, wartete Michael Jackson einfach geduldig und fing dann an „Hot Cross Buns“ zu singen. Kennst du den Song? Es ist ein altes Kinderlied (Anmerkung: ein Osterlied):

Hot cross buns (Karfreitagsbrötchen)
 Hot cross buns
 One a penny, two a penny (Eins für einen Penny, fast geschenkt)
 Hot cross buns

Welch wundervolle Art und Weise mit dieser Situation umzugehen. Ich liebe diese Geschichte!

Susan: Das ist solch eine bezaubernde Geschichte. Und ich finde sie so viel interessanter als reißerische Berichte über Voodoo-Rituale oder über seine angeblich zerfallende Nase. Diese Geschichte ist so nebensächlich und zufällig, aber sie sagt etwas über seinen Charakter, darüber, wer er wirklich war. Danke für’s Erzählen.

Willa: Und dir danke ich, dass du heute mit mir gesprochen hast. Ich habe so viel von deinem Buch gelernt, Susan, und habe es wirklich genossen, die Gelegenheit zu haben mit dir darüber zu sprechen.

Susan: Ich bedanke mich für die Einladung zu dieser Diskussion, Willa.

Willa: Oh, es war mir ein Vergnügen! Ich möchte auch jedermann über eine Stellungnahme von D.B. Anderson in der gestrigen Ausgabe der Baltimore Sun informieren. Sie zeigt wichtige Verbindungen zwischen Michael Jackson und kürzlichen Protesten gegen polizeiliche Gewalt gegen schwarze Bürger der Vereinigten Staaten. Anderson sagt: „Michael Jackson hatte niemals Angst sich für seine Sicht der Wahrheit einzusetzen.“ Aber wie Anderson weiter sagt, zahlte er einen schrecklichen Preis:

Was Jackson wegen seiner Politik passierte, war so viel schlimmer als Absatzeinbußen zu verzeichnen. Indem er den Mächtigen die Wahrheit sagte, machte Jackson sich selbst zur Zielscheibe und steckte Prügel ein. Die schlimmsten Schüsse auf ihn wurden von einem weißen Staatsanwalt aus Kalifornien abgegeben, der ihn 12 Jahre lang schonungslos verfolgte und ihn abscheulicher Taten beschuldigte, die vor Gericht restlos widerlegt wurden.

Niemand schien jemals die Punkte miteinander zu verbinden: Ein sehr stimmgewaltiger, sehr einflussreicher, sehr wohlhabender Schwarzer wurde von einem weißen Staatsanwalt durch Scheinbelastungen zu Fall gebracht.

Dies ist meines Wissens nach das erste Mal, dass eine große Zeitung zugelassen hat, dass das Vorgehen der Polizei bei den Anschuldigungen gegen Michael Jackson auf diese Weise dargestellt wird: als ein Zurückschlagen auf die äußerst reale Bedrohung, die er für die existierenden Machtstrukturen darstellte. Hier ist ein Link zu Andersons Essay. Wir haben ihn zu unserem Reading Room hinzugefügt.

Lisa Marie Presleys letztes Interview über Michael Jackson (2010)

 21.10. 2010: Lisa Marie Presley spricht mit Oprah Winfrey über Michael Jackson

Teil 1: (Übersetzung ab 3:13)

Oprah: Kann man so berühmt sein wie dein Vater und so berühmt wie dein früherer Ehemann Michael Jackson, und so berühmt wie du aufgewachsen bist, und normal sein?

Lisa: Nein. (lacht) Ich kann das natürlich von mir selbst sagen, dass ich nicht normal bin. Aber…

Oprah: Aber du hast es hinbekommen eine sehr private Person zu bleiben und deshalb bin ich sehr erfreut darüber, dass du heute mit mir sprechen willst. Du hast dich bewusst dazu entschieden, jetzt zu reden. Warum?

Lisa: Jedes Mal wenn ich in der Vergangenheit ein Interview gab tendierte ich dazu ziemlich wehrhaft zu sein, denn normalerweise war ich gerade etwas am promoten und es ging dann aber um mein Privatleben. Ich wollte nie, dass sich diese beiden Dinge vermischen. Ich weiß, dass es schwer ist es so zu halten, aber jetzt wollte ich wirklich her kommen um über Dinge zu sprechen die mehr mein persönliches Leben betreffen, bevor mein Album herauskommt, was irgendwann im nächsten Jahr sein wird…

Oprah: Ok, das verstehe ich. Du möchtest dich also nicht in die Situation bringen ein Album zu promoten und dann aber ständig über Michael Jackson befragt zu werden.

Lisa: Genau

(Einspieler: Die Affaire zwischen Lisa Marie Presley und Michael Jackson begann 1993. Was als Freundschaft begann wurde schnell zu mehr und 1994 schockierte Lisa Marie die Welt, indem sie Michael Jackson heiratete. Und nur eineinhalb Jahre später war die Ehe wieder vorbei. Als Michael am 25.6.2009 starb, hatten sie seit fast 10 Jahren nicht mehr miteinander gesprochen.)

Lisa Marie Presley Michael Jackson

Oprah: Seit Michaels Tod hast du dich nur in deinem Blog über ihn geäussert.

Lisa: Richtig, und ich habe auch nicht sehr gut gesprochen, wenn ich mir alte Interviews ansehe, ich war harsch und wollte ausweichen und ich fand schnelle kleine Ausreden.

Oprah: Das ist interessant, denn in dem ersten Interview das wir zusammen hatten wurdest du sehr harsch und abwehrend als ich dich fragte, ob es ein echtes Verhältnis war…

Lisa: Weil ich mein Verhältnis zu ihm nicht verstand.

Oprah: Da ich dich seitdem besser kennengelernt habe, kann ich deine abwehrende Haltung aus deiner Sicht verstehen. Aber aus meiner Sicht, aus der Sicht des Zuschauers, der Welt, weiß man nicht was man davon halten soll.

Lisa: Richtig.

Oprah: Und man weiß es immer noch nicht und aus dem, was du in deinem Blog nach seinem Tod geschrieben hast, wo du sagst: „Ich möchte Klartext reden, diese Beziehung war nicht vorgetäuscht, es war eine echte Ehe.“

Lisa: Mhhm…

Oprah: Ich denke, das hat einige Menschen verwundert. Und auch wenn du jetzt in meiner Sendung sagst, ‘ja, es war eine echte Ehe und es war ein sexuelles Verhältnis’ und all das, denke ich, der Rest der Welt sieht es immer noch als ein inszeniertes irgendwas. Ich weiß es nicht. Verstehst du das?

Lisa: Ja, ich verstehe das völlig. Ich verstehe das, weil er bis zu einem gewissen Punkt ein Meister darin war die Medien ein wenig zu manipulieren. Deshalb verstehe ich, dass niemand wirklich wußte was von mir zu halten war und man ging einfach davon aus, dass ich zu etwas dazu gehöre, was er gerade tat. … und vieles davon will ich in einem Interview, in diesem Interview erklären…. Er ist so aufgewachsen. Weißt du, bevor man überhaupt Fragen zu ihm beantwortet, oder über ihn spricht, muss man erst unbedingt sein Leben verstehen, denn das ist völlig anders als das Leben von irgendjemand anderem den ich kenne – ausser dem Leben von meinem Vater. Man könnte sagen, er wurde darin trainiert sich selbst genau dahin zu bringen, wo es für seine Karriere und sein Talent nötig war. Er wurde sehr gut darin das zu tun und zu kreieren und…

Oprah: Zu manipulieren.

Lisa: Die Fäden zu ziehen – zu einem gewissen Grad zu manipulieren. Das stimmt, aber diese Manipulation hat mich immer verwirrt, ich dachte diese Manipulation würde bedeuten, dass er mich nicht liebt. Aber jetzt verstehe ich es besser. Diese Art Manipulation fand statt, weil sie für ihn eine Überlebensstrategie war.

Oprah: Also dauerte es bis nach seinem Tod, bis du dir über euer Verhältnis wirklich klar geworden bist?

Michael and Lisa budapest

Lisa: Ja, und ich weiß nicht warum das so ist. Ich verstehe es wirklich nicht. Aber diese ganzen vergangenen eineinhalb Jahre habe ich damit verbracht Klarheit in diese Sache zu bringen, denn an irgendeinem Punkt in meinem Leben hatte ich das einfach verdrängt und lebte mein Leben einfach weiter, und als das passierte kam alles wie mit einer Flutwelle wieder zurück.

Oprah: Wo warst du, als du davon erfahren hast?

Lisa: Ich war in England und ich weiß nicht warum, aber es war der seltsamste Tag in meinem Leben. Ich hatte den ganzen Tag geweint.

Oprah: Aus welchem Grund?

Lisa: Das weiß ich nicht, normalerweise mache ich das auch nicht. Ich versuchte zu arbeiten und kam nach hause und aß mein Essen wirklich unter Tränen und ich wollte einfach nur noch nach oben gehen und irgendetwas bedeutungsloses im TV ansehen, um mit dem Weinen aufzuhören. Ich sah meinen Mann an und sagte: „Ich weiß nicht was mit mir los ist, ich kann einfach nicht aufhören.“ Und dann eine Stunde später kam ein Anruf und ich hörte es.

Oprah: Wer hat es dir gesagt?

Lisa: Es war ein Freund von mir… und es kamen auch diese Textnachrichten, „Bist du Ok? Bist du Ok? Was ist passiert…?“ Eine der ersten SMS kam von John Travolta, „Bist du Ok?“ Und ich schrieb: „Was ist passiert? Ist das wirklich wahr?“ Es war immer noch unklar, weißt du.

Oprah: Und was war deine erste Reaktion?

Lisa: Ein wirklicher Schock. Noch nicht einmal Tränen, es hat mich einfach völlig umgehauen.

(Einspieler: Kurze Nachrichten Reportage über Michaels Tod.)

Oprah: Am Tag nach Michaels Tod hast du sehr emotionale Gedanken in deinem Blog veröffentlicht. Was hat dich dazu bewogen?

Lisa: Ich glaube, ich war gerade dabei, mein Baby in den Schlaf zu wiegen und war tränenüberströmt, und ich weiß nicht, ich hatte so einen Moment in dem ich alles klar sah, mir wurde plötzlich klar, dass all diese Verbitterung, all diese Gleichgültigkeit einfach nicht mehr da waren. Es ist einfach passiert, es ist verrückt, ich kann nicht einmal erklären warum es passierte, und deshalb habe ich auch über ein Jahr gewartet um darüber zu sprechen. Ich habe so viele Phasen durchgemacht, in dieser Sache…

Oprah: Lass mich dir an dieser Stelle etwas weiterhelfen und einen Ausschnitt von dem vorlesen, was du an dem Tag nach Michaels Tod geschrieben hast. Du sagtest:

Der Mensch, dem zu helfen ich versagt habe, wird genau jetzt zur Autopsie in die Gerichtsmedizin von LA gebracht. All die Gleichgültigkeit und der Abstand, woran ich über all die Jahre so hart gearbeitet habe sind gerade „zur Hölle“ gegangen und ich bin am Boden zerstört.“

Am Boden zerstört. Das ist eine interessante Wortwahl, es bedeutet, ausgebrannt, leer…

Lisa: Mhhm.

Oprah: Hattest du das Gefühl, du hättest dabei versagt ihm zu helfen?

Lisa: Ja.

Oprah: Ok. Also im Mai 1994, als du mit ihm verheiratet warst, oder während der ganzen Zeit eurer Ehe, hast du irgendein Problem mit Medikamenten vermutet?

Lisa: Ehrlich gesagt, ich hatte keinen Verdacht, bis kurz vor der Scheidung. Es gab einen Unfall, er war kollabiert und im Krankenhaus.

Oprah: Das war bei HBO?

Lisa: Ja, er sollte da einen Auftritt haben.

(Einspieler: Im Dezember 1995 kollabierte Michael Jackson in New York während der Proben für ein HBO Konzert auf der Bühne. Seine Ärzte sagten, Michael hätte eine Virusinfektion. Lisa flog zu ihm ins Krankenhaus, in dem er sechs Tage lang behandelt wurde.)

Lisa: Jeder flog zum Krankenhaus. Und – ähm – es war sehr verwirrend, was wirklich los war, jeden Tag gab es einen anderslautenden Bericht. Ich konnte nicht sagen was passiert war. Dehydrierung, niedriger Blutdruck, Erschöpfung, ein Virus… Ich konnte zu dem was mit ihm los war einfach keine eindeutige Antwort bekommen. Wir tappten alle ein bisschen im Dunkeln. Zu der Zeit glaubte ich aufgrund unterschiedlicher Anzeichen wirklich, dass da etwas vor sich ging.

Oprah: Du dachtest an Medikamenten Missbrauch?

Lisa: Yeah, yeah. Es gab Zeiten da holte ich ihn bei bestimmten Ärzten ab und er war nicht ganz klar. Rückblickend verhielt er sich manchmal auffällig. Ich wußte es war wegen der Injektionen, denn sie waren schmerzhaft und er brauchte bestimmte Dinge, weil er…

Oprah: Er brauchte Dinge wozu?

Lisa: Injektionen, verschiedene dermatologische…

Oprah: War das für seine Hauterkrankung?

Lisa: Für die Haut, verschiedene Dinge die er brauchte.

Oprah: War es eher eine Ehe in der vieles ungesagt blieb oder gab es eine Vertrautheit und eine Verbindung, aufgrund derer du mit ihm über alles sprechen konntest?

Lisa Marie and Michael Jackson

Lisa: Ich kann dir ganz ehrlich sagen, dass es in jeder Beziehung eine ganz normale Ehe war und über alles gesprochen wurde. Mitten in der Nacht, wenn er wach wurde um mir etwas zu sagen, mich anstupste, aufweckte und reden wollte… wenn es Probleme gab…

Oprah: Hatte er damals schon Schlafprobleme?

Lisa: Er war wie ein kleiner Gnom. Ich sagte immer zu ihm, er sei wie ein Gnom der im Zimmer herumrennt, weil es immer schwer für ihn war zu schlafen. Oft konnte ich auch nicht schlafen wenn er nicht schlief. Ich hörte ihn herumwursteln. Er konnte immer schlecht schlafen, ja.

Oprah: Hattest du das Gefühl, du warst dazu da, um dich um ihn zu kümmern und auf ihn zu achten?

Lisa: Ja, sehr. Und ich mochte diese Rolle sehr, ich liebte es mich um ihn zu kümmern. Es war ein Highlight in meinem Leben, eines der besten Dinge meines Lebens: Wenn alles wirklich gut lief, wir auf einer Wellenlänge waren und wir über einige Leute und Dinge die um ihn herum vor sich gingen einer Meinung waren, wenn er mich darin unterstützte und wir eine Einheit waren und ich mich um ihn kümmern konnte. Auch wenn die Leute spekulierten, dass ich nur wegen meiner Karriere mit ihm zusammen sei, oder sonst was wollte – das war alles absoluter BS. Ich habe mich nie dabei wohl gefühlt, auf dem Präsentierteller zu stehen, ich mag nicht im Mittelpunkt sein. Ich mochte es ihm nahe zu sein, mich um ihn zu kümmern. Das zu tun versetzte mich in Hochstimmung, es war eine sehr tiefgründige (intensive) Zeit in meinem Leben. Es war nicht irgendwas…. es war echt, soweit es das betrifft.

Teil 2:

 

Oprah: Ich hörte dich zu den Produzenten sagen, dass das Zusammensein mit ihm zu den besten Zeiten deines Lebens gehörte, so wie du es gerade beschrieben hast, aber dass es auch die tiefsten Tiefpunkte beinhaltete.

Lisa: Ja.

Oprah: Was war der tiefste Punkt?

Lisa: Der tiefste Punkt war… also noch einmal, wenn ich jetzt rückblickend über ihn spreche, dann muss ich noch einmal ganz deutlich sagen, dass ich ihn jetzt besser verstehe als je zuvor. Wenn ich also über ihn spreche, dann kann ich das aus dem Verständnis heraus tun und dann ist alles gut jetzt. Ich kenne nicht den Grund dafür, ich weiß nicht, was passiert wenn jemand stirbt und alles sich so wie jetzt entwickelt, aber ich habe all die Liebe und das Verständnis für ihn wieder gefunden. Ich weiß nicht warum all das nötig war, damit es dazu gekommen ist. Es verstört mich ein bisschen. Aber der tiefste Punkt…

Oprah: Weil du vorher wütend auf ihn warst? Warst du wütend auf ihn als du die Ehe abgebrochen hast?

Lisa: Ich war wütend, sehr wütend. Ich war deshalb so wütend, weil ich fühlte dass… Wir waren so verbunden. Und dann, an einem Punkt, hat er mich zur Seite geschubst.

Oprah: Warum wurde die Ehe beendet?

Lisa: Es gab einen profunden Zeitpunkt in dieser Ehe an dem er eine Entscheidung treffen musste, wollte er die Medikamente und diese Blutsauger, oder mich? Und er schob mich weg.

Oprah: Blutsauger?

Lisa: Ich meine Leute, die sich wie Spinnen verhalten, wie Blutsauger…

Oprah: Kriecher (Ja-Sager)?

Lisa: Kriecher, yeah.

Oprah: Du hast all das um ihn herum gesehen?

Lisa: Oh Gott, ja. Und es war…

Oprah: Viele Leute sprechen darüber und es gibt Berichte über ihn. Er schien von Leuten angezogen zu sein, die ihn ausnutzen würden. Woran lag das?

Lisa: Eines, das in der Beziehung sowohl auf meinen Vater als auch auf Michael zutrifft ist, dass sie den Luxus hatten sich ihre Realität um sich herum genauso zu erschaffen, wie sie sie haben wollten. Sie konnten sich die Leute aussuchen, die mit ihren Vorstellungen konform gingen, oder nicht. Und wenn sie es nicht waren, konnten sie aussortiert werden.

Oprah: Es ist, als wäre man in seiner eigenen Welt Gott.

Lisa: Genau. Und es ist etwas, das ich mit gemacht habe – womit ich viel Erfahrung gesammelt habe, zuviel Erfahrung. Mit beiden Seiten, wo ich gesehen habe was passieren kann und was….

Oprah: Entweder, auf meine Art oder (raus) auf die Strasse. (My way or the highway.)

Lisa Riley Michael

Lisa: Richtig. Michael war kein schlechter Mensch, es war einfach die Art auf die es lief – er wußte es nicht besser. Ich nahm es aber sehr persönlich, ich fühlte mich austauschbar. Bei meinem Vater war es das Gleiche. Manchmal denke ich daran, dass es Zeiten gab in denen ich auf die Leute um ihn herum sauer war und mich fragte, warum haben sie ihn nicht gestoppt, warum haben sie nichts gesagt? Ganz einfach, hätten sie es getan, wären sie weg vom Fenster. Es ist ganz einfach.

Oprah: Also waren weder dein Vater noch Michael die Sorte Mensch, die sich mit Leuten umgaben, die ihnen die Wahrheit sagten. Er wollte das erzählt bekommen, was er hören wollte.

Lisa: Wenn dieses ungewöhnliche Leben in einem Elfenbeinturm und dieses gottähnliche Leben in Verbindung mit einer Abhängigkeit steht, dann wird es problematisch. Sehr problematisch.

(Einspieler: 16. August 1977, die 9-jährigeLisa Marie war zuhause auf Graceland als ihr Vater Elvis in seinem Badezimmer zusammenbrach und starb. In seinem Körper wurde ein tödlicher Mix von 14 Medikamenten gefunden.)

Oprah: Treffen dich die Ähnlichkeiten im Leben deines Vaters und Michael Jacksons Leben? Deinem Vater und deinem ehemaligen Ehemann?

Lisa: Ja, um ehrlich zu sein haut es mich um. Ich frage mich immer noch, warum ich das zweimal mit erleben musste. Diese beiden unbeschreiblichen Menschen, und ich spreche von beiden mit größtem Respekt und mit Liebe.

Oprah: Dein Vater und Michael.

Lisa: Ja, die das gleiche Schicksal hatten. Was ist das mit mir? Ich musste es einmal durchmachen, und es war schmerzhaft und dann machte ich es noch einmal durch. Ich verstehe es wirklich nicht, weißt du.

Oprah: Als wir diesen Sommer wandern waren, erzählte mir Lisa etwas, was ihr vielleicht alle interessant finden werdet.

(Einspieler: Bild von Michaels Haus in LA: Das ist das Haus in LA, in dem Michael Jackson starb. Auf der anderen Strassenseite, nur einen Steinwurf entfernt, war Elivs’ Haus in Kalifornien, in dem Lisa Marie als Kind viel Zeit verbrachte.)

Oprah: Wie verrückt ist das? Genau auf der anderen Strassenseite!

Lisa: …meine Mutter… als ich nach einer langen Zeit in England nach Hause kam wollte ich da vorbei fahren und sehen wo es lag. Ich hatte dort gelebt bis er starb, dann verkaufte sie es. Ich verbrachte einige Geburtstage dort. Sie sagte: „Es liegt genau auf der anderen Strassenseite.“ Und ich sagte: „Also bitte, es ist nicht genau auf der anderen Seite. Blödsinn… also wirklich…“ Ich wimmelte sie ab und ich fuhr hin… und ich war wirklich komplett… ich weiß nicht einmal, wie ich beschreiben soll wie sich das anfühlte… weil… ich weiß nicht einmal, ob er es wußte. Das war auch eines dieser Dinge die da passierten… Und ich fragte mich einfach nur, was will mir das Universum damit sagen? Was ist das, worüber ich etwas wissen sollte?

Oprah: Ich fand interessant, was du am Tag nach Michael Jacksons Tod in den Blog geschrieben hast. Du hast den Blog „Er wusste“ genannt. Was wusste er?

Lisa: Als ich die Aufnahmen der Ambulanz sah, wie sie rückwärts aus seiner Ausfahrt fuhr, musste ich an dieses Gespräch mit ihm in seiner Bücherei auf Neverland zurückdenken, als wir zusammen am Feuer sassen und er mir erzählte, dass er Angst hätte so zu enden wie mein Vater. Er fragte mich ständig darüber wie er starb, wie es passierte und wo…

Oprah: Michael befragte dich immer über deinen Vater?

Lisa: Ja, und er sagte, ich habe das Gefühl ich werde auch so enden.

Oprah: Hast du gefragt warum?

Lisa: Yeah, ich sagte etwas wie: „Worüber redest du? Ich versteh’ das nicht.“ Und bis zum letzten Vorfall war es identisch.

Oprah: Zunächst warst du natürlich damals noch viel jünger. Aber wenn du jetzt auf die Ehe mit ihm zurückblickst, auf deine Rolle in dieser Ehe, denkst du, du wolltest wirklich die Wahrheit sehen?

Lisa: Die Wahrheit in welcher Beziehung?

Oprah: Über die Medikamente.

Lisa: Ich war damals so naiv und ich weiß, es ist jetzt schwer das zu glauben.

Oprah: Sicher, schwer zu glauben, aber wir können alle verstehen wie du damals gedacht hast.

Du bist als Tochter von Elvis aufgewachsen und Michael Jackson zu heiraten war sicher nicht so aufregend. Nicht so, wie wenn ein Fan Michael Jacksons Frau geworden wäre, denn du warst ja an das Leben als Berühmtheit gewöhnt. Also hast du dich in ihn verliebt weil…?

Lisa interview

Lisa: Wegen ihm. Weil er ein unbeschreiblicher, wahnsinnig dynamischer Mensch ist. Wenn du in seiner Nähe bist, und er etwas von sich geben will – wenn er dir zeigt, wer er ist und er das in jeder Beziehung zu tun bereit ist, das bedeutet… Ich habe mich nie in meinem Leben so gut gefühlt. Ich hatte nie eine ähnliche Hochstimmung, wie zu der Zeit – und ich lüge nicht, wenn ich das sage – er hatte etwas so sehr berauschendes an sich, wenn er gut drauf war, wenn er sich mit dir teilen wollte, wenn er ganz er selbst war und dich daran teilhaben ließ. Ich glaube nicht, dass ich je von etwas mehr berauscht war.

Oprah: Das kann ich nachvollziehen, denn als ich ihn zum ersten Mal interviewt habe – als ich ihn kurz vor dem Interview von 1993 traf – es fühlte sich an als liesse er sein Licht auf dich scheinen. Wenn er sich öffnet und lässt das Licht heraus, dann willst du einfach nur in diesem Licht sein.

Lisa: Ja!

Oprah: Du willst in dem Licht sein, in dessen Nähe, weißt du, wir waren alle auf Neverland, assen Süßigkeiten, hatten eine gute Zeit und als ich ging dachte ich nur: „Oh Gott, ich wünschte, ich könnte mit ihm befreundet sein.“

Lisa: Ja, es war wie eine Droge. Er war für mich wie eine Droge. Ich wollte einfach nur immer in seiner Nähe sein, ein Teil davon sein – ich war wie high. Ich habe so etwas nie bei einem anderen Menschen gefühlt, ausser bei einem, und das war mein Vater.

Oprah: Das ist so interessant, weil du 9 Jahre alt warst, als dein Vater starb und dich seitdem nie mehr so gefühlt hast, das heißt, Michael hat dieses Gefühl im Licht zu sein wieder zu dir zurückgebracht, diese ganze Energie?

Lisa: Ja.

Oprah: Hast du dich anfangs von Michael geliebt gefühlt?

Lisa: Ja, sehr. Ich glaube zu der Zeit war mir das gar nicht so klar, wie sehr – was es bedeutete, weil ich weiß, dass es für ihn sehr ungewöhnlich war. Ich wußte, er hatte schon vorher ein paar Dates in seinem Leben, aber es war für ihn nie etwas so ernstes. Er verliebte sich in mich und ich verliebte mich in ihn. Es war sehr echt.

Oprah: Wie hat er um deine Hand angehalten?

Lisa: Wir waren in der Bücherei vor dem Feuer und er holte diesen riesigen 10-karätigen Diamant aus seiner Tasche und steckte ihn an meinen Finger. Ich glaube, er ging sogar auf die Knie und machte mir einen Antrag.

Oprah: Und zu der Zeit dachtest du es würde für immer sein?

Lisa: Ja, das dachte ich. Ich kann ehrlich sagen, dass ich als ich jünger war so gedacht habe und daran glaubte.

Oprah: Von aussen sah es einfach so… es sah nach zwei viel zu berühmten Menschen aus, die zusammen waren und überall wo sie hinkamen einen Zirkus verursachten.

Lisa: Das stimmt. Aber es passierte nicht so oft. Wir waren sehr oft ohne Kameras zusammen. Ich denke vieles davon kam dadurch, dass die Promotion für HIStory begann, das bald herauskommen sollte, und wir mussten hierhin und dorthin, um irgendwelche Dinge zu tun. Alles war sehr durchgeplant und deshalb denke ich, dass die ganze Zeitspanne als sehr manipuliert rüberkommt.

Oprah: Hast du dich in der Beziehung je manipuliert gefühlt?

Lisa Michael MTV Kiss

Lisa: Manchmal. Aber er wußte, dass ich das nicht mag und es war ok für ihn. Er musste seinen Job machen und ich fühlte mich nicht wohl wenn ich dabei war, wie z.B. diese MTV Sache. Hinterher war seine Hand blau, als wir von der Bühne kamen. Er zeigte sie mir, und sie war wirklich blau. Ich hatte sie so fest gedrückt. Ich wollte das nicht machen, es ist nicht meine Art so etwas zu tun. Aber ich verstand es. Ich verstand, dass ich als seine Frau manchmal solche Dinge mit machen musste…

(Einspieler: Lisa Marie und Michael Jackson waren ein Jahr verheiratet, als er das ‘You Are Not Alone’ Video veröffentlichte.)

Oprah: Hast du sehr unter dem Druck gestanden ein Baby bekommen zu müssen?

Lisa: Ja, schon ein bisschen. Ich meine, er war…

Oprah: Ab dem Zeitpunkt, wo ihr verheiratet wart?

Lisa: Ja… und ich wollte auch. Ich habe nur… ich wollte sichergehen… ich habe an die Zukunft gedacht und dachte mir, dass ich nie mit ihm in einen Sorgerecht-Streit geraten möchte. Also wollte ich sicher sein, dass das ganze Drumherum in Ordnung ist. Ich hatte schon Kinder und deshalb wußte ich, dass man, bevor man Kinder in gewisse Umstände bringt sicher stellen muss, dass alles sicher und in Ordnung ist. Ich wollte einfach sicher sein, dass er und ich wirklich eine Einheit sind, weil dann einiges auf uns zu kommen würde.

Oprah: Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Monat eure Scheidung war, aber nur ein paar Monate nach der Scheidung, ich glaube im Oktober, wurde verkündet Debbie Rowe sei schwanger. Wie hast du dich dabei gefühlt?

Lisa: Naja, ich wußte es war so ein bisschen wie eine Vergeltungsmaßnahme von ihm. Weil ich kein Baby wollte und ich wußte, dass sie ihm die ganze Zeit erzählte, sie würde es tun.

Oprah: Du wusstest das?

Lisa: Er hat es mir erzählt… „Wenn du es nicht machst, Debbie hat gesagt sie macht es.“ Und ich sagte: „Was ist jetzt los? Willst du mich damit ködern?“ Und wir diskutierten darüber, weil das war wirklich nicht der Weg mit der Sache umzugehen. Aber für ihn war es ein Weg damit umzugehen. Er sagte Dinge wie: „Ok, wenn du es nicht machst, diese Person macht es. Willst du es tun oder nicht?“

Oprah: Das hast du mit „austauschbar“ gemeint.

Lisa: Ja, genau das habe ich gemeint.

Oprah: Ok, verstanden. Also es gibt sicher nicht viele Männer, die sagen würden, ‘entweder bekommst du ein Kind für mich, oder ich nehme jemand anderen dazu, der schon darauf wartet das für mich zu tun.’

Lisa: Genau, und es klingt… rückblickend… jetzt verstehe ich ihn sehr gut, aber zu der Zeit verstand ich ihn nicht.

Oprah: Es tat weh?

Lisa: Es tat weh… ich war verletzt und ich tat Dinge die ihn verletzten, ich habe auch blödsinnige Sachen gemacht.

Oprah: Was z.B.?

Lisa: Ich war hin- und hergerissen, ich hatte für ihn meine Familie zerstört, ich verlies meinen Ehemann für Michael. Ich hatte eine schwere Zeit damit das zu verarbeiten…

(Einspieler: Lisa Marie war 20 Jahre alt als sie ihren ersten Mann, den Musiker Danny Keough heiratete. Sie hatten zwei Kinder zusammen, Riley und Ben. Nach über 5 Jahren Ehe lies Lisa sich von Danny scheiden. 20 Tage danach heiratete sie Michael Jackson.)

Lisa: Als ich mit Michael zusammen war versuchte ich immer noch das zu verarbeiten was ich getan hatte, ich habe mich nie wirklich wohl damit gefühlt. Ich dachte immer, wie konnte ich das nur tun, und ich habe doch diese zwei Kleinen… Danny gehörte immer noch zu meinem Leben. Michael wußte oft nicht wie er damit umgehen sollte. Er fühlte sich nicht wohl damit und das verstand ich auch. Michael wunderte sich: „Warum bist du mit Danny in Hawaii?“ Ich machte Urlaub und Danny kam auch. Michael regte sich auf, fragte „Wo bist du?“ und dann verschwand er auch für ein paar Wochen und ich konnte ihn nicht finden. Diese Dinge liessen ihn sich unwohl fühlen… Und wenn er sich nicht wohl mit etwas fühlte, oder sich verletzlich fühlte, dann stellte er dich kalt, es war eine Art Mechanismus. Er schob dich weg und zeigte dir die kalte Schulter. In der Beziehung war er manchmal wie ein Hai…

Teil 3

…wenn du ihm Unrecht getan hattest oder was auch immer, dann warst du weg vom Fenster. Es gab einige solche Vorfälle zwischen uns. Aber rückblickend muss ich sagen, dass er es wirklich ehrlich versucht hat und mit mir einiges durch zu stehen hatte. Und wenn ich zurückblicke… er hat das nie für eine andere Frau getan, oder für irgendwen sonst, bei all dem was wir durch gemacht haben. Es gab stürmische Zeiten, Auseinandersetzungen, Diskussionen, manchmal 3 Tage am Stück, nur mit Pausen zum Essen oder Schlafen. Ich muss eingestehen ich bewundere ehrlich, dass er es wirklich versuchte, verstehst du… Damals wusste ich es nicht zu schätzen, ich wünschte ich hätte es getan.

Oprah: Musste er erst sterben, damit du erkennen konntest, dass er dich geliebt hat?

Lisa: Trauriger Weise glaube ich ja…

Oprah: Ist es das erste Mal, dass du erkannt hast, oder glaubst, dass er dich geliebt hat, jetzt, nachdem er gestorben ist?

Lisa: Ich glaube schon, ja, …die pauschale Antwort wäre ja. Als wir zusammen waren, waren wir wirklich verliebt und dann hatten wir ein paar harte Zeiten und dann musste ich die Entscheidung treffen zu gehen, als ich die Medikamente und die Ärzte kommen sah, sie haben mir Angst gemacht, sie haben Erinnerungen an das zurückgebracht, was ich mit bei meinem Vater erlebt hatte. Dann war es zu Ende. Aber wir sind immer wieder zusammen gekommen, wir verbrachten nach der Scheidung noch 4 Jahre zusammen, wir waren zusammen und wieder auseinander und sprachen darüber wieder zusammen zu sein – immer hin und her. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich das alles von mir weg schieben musste, denn ich kam mit mir selbst nicht weiter voran.

Oprah: Du hast ihn also immer noch geliebt, als du ihn verlassen hast?

Lisa: Sehr sogar. Ich habe ihn verlassen als eine Art Trotzreaktion… Ich wollte Stellung beziehen und sagen, komm mit mir und tu das nicht… Das war ein dummer Schritt, denn er kam nicht mit mir. Und ja… er ist stur… und ich bin stur. Wir beide, das war wie…

Und in Wirklichkeit war es danach so, dass er und ich… ich flog immer noch mit ihm zusammen in der ganzen Welt herum, folgte ihm…

michael-and-ex-wife-lisa-marie-presley-share-an-intimate-moment-outside-of-the-ivy-restaurant-in-beverly-hills(116)-m-4

Oprah: Wann hast du das letzte Mal mit ihm gesprochen?

Lisa: Ein richtig zusammenhängendes Gespräch? Irgendwann 2005. Es war ein sehr langes Gespräch. Ich hatte mich so von ihm distanziert und er konnte das fühlen und hören. Ich war sehr distanziert und er wollte herausfinden, wie es steht, er versuchte eine Leine auszuwerfen um zu sehen wie es um meine Gefühle stand – aber ich biss nicht an… ich hatte zu der Zeit ziemlich damit abgeschlossen. Ich weiß nicht einmal mehr wie mir gelungen ist so zu sein, aber ich war so. Er fragte mich… er wollte mir sagen, dass ich mit meiner Meinung zu den Leuten um ihn herum richtig gelegen hatte, dass es sich herausgestellt hatte, dass vieles genau so gekommen war wie in den Unterhaltungen, die er und ich Jahre vorher darüber hatten. Er fragte mich, ob ich ihn immer noch liebe und wir sprachen ausführlich über dieses Thema und ich sagte zu ihm, es sei mir gleichgültig. Er mochte dieses Wort nicht und weinte. Er versuchte herauszufinden, wo ich stand und wie ich so distanziert werden konnte. Im letzten Teil des Gesprächs erzählte er mir, er fühle, dass jemand versuchen würde ihn um zubringen um seinen Katalog und sein Estate in die Finger zu bekommen.

Oprah: Er hat dir wirklich Namen genannt?

Lisa: Er hat, aber ich werde sie nicht nennen. Aber er drückte mir gegenüber diese Besorgnis um sein Leben aus.

Oprah: Du weißt, dass ich dich das schon gefragt habe und ich muss es wieder fragen, auch wenn es ein unbequemes Thema ist; aber hast du je irgendwelches unangemessenes Erhalten zwischen Michael und Kindern beobachtet?

Lisa: Du fragst mich das jetzt wieder?

Oprah: Ich frage dich wieder.

Lisa: Die Antwort lautet: Absolut nie, in keiner Form. Ich habe nie so etwas gesehen.

Oprah: 2005, als er die Verhandlung hatte wegen den zweiten Vorwürfen, wie waren deine Gefühle zu dieser Zeit?

Lisa: Er hat mich deshalb angerufen und ich sagte: „Behalte einen klaren Kopf wenn das vor Gericht kommt, halte deine Gedanken zusammen.“ Er sagte: „Von was sprichst du, was meinst du damit? Meinst du damit, Medikamente? Und ich sagte: „Ja.“ Weil alles was ich mitbekommen hatte, waren diese seltsamen Dinge, ob es nun Bashir war oder all diese Interviews. Und in diesen Interviews sah ich ihn unter Medikamenteneinfluss stehen. Ich sah in diesem Bashir Interview nicht den Michael, den ich kannte. Soweit ich das sah und wußte, war er ziemlich high. (stoned… „high as a kite“)

Oprah: Wirklich?

Lisa: Er war entweder zu hektisch/fahrig oder unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln. Es war nicht der Michael, wie ich ihn kannte.

Oprah: Die schockierenden Sachen… er sagt in dem Martin Bashir Interview ein paar ziemlich schockierende Sachen, besonders darüber wie er es sieht, dass es ok ist mit Kindern zusammen zu schlafen.

Lisa: Ich glaube manchmal sagte er diese Dinge aus Trotz, weil er so wütend darüber war beschuldigt worden zu sein. Manchmal war er wie ein sturer kleiner Rebell, wie ein Kind und er sagte genau das von dem er wußte, dass keiner wollte, dass er es sagt. Ich habe den Eindruck, er hatte während dieses Interviews keinen ganz klaren Kopf und ich denke sie haben es auf sehr, sehr manipulative und gemeine Art editiert.

Oprah: Du hast also nie etwas gesehen und glaubst auch heute nicht, dass an den Vorwürfen etwas dran war?

Lisa: Nein. Ehrlicher Weise kann ich es nicht sagen, weil die einzigen Personen welche die Wahrheit kennen, sind er und wer auch immer mit ihm in dem Raum war, zu dem Zeitpunkt wo es angeblich stattfand. Ich war nie mit in dem Raum, es wäre nicht fair wenn ich sagen würde… Ich kann aber sagen, dass ich nie etwas derartiges gesehen habe.

Oprah: Hast du mittlerweile deinen Frieden über seinen Tod wieder gefunden? Ich weiß, dass du das Memorial wie wir alle am TV verfolgt hast und zu der privaten Trauerfeier gegangen bist. Wie war das, in dem Raum an seinem Sarg zu stehen?

Lisa: Das war wirklich… es waren noch einmal 6 Monate ….

Ich glaube, ich war die Letzte die dort noch bei ihm stand… es war…

Oprah: Was meinst du damit, „die Letzte, die bei ihm stand“?

Lisa Marie Michaels private Memorial

Lisa: Nun ja, die meisten Leute waren schon gegangen und ich stand als Letzte noch bei ihm. Ich wollte ihn nicht verlassen.

Oprah: Als du an seinem Sarg gestanden hast – ich denke, es gibt sicher nichts was privater ist als diese Augenblicke, die du dort warst… Konntest du Frieden finden?

Lisa: Nein, ich konnte damals keinen Frieden finden. Ich wollte mich entschuldigen, ich fühlte mich als ob ich mich entschuldigen wollte.

Oprah: Für was?

Lisa: Weil ich nicht für ihn da war.

Oprah: Denkst du, du hättest ihn retten können?

Lisa: Gott, das ist eine schwere Frage. Naiver Weise würde ich sagen… Ich weiß, es ist naiv zu denken, dass ich es gekonnt hätte. Aber ich hätte gerne. Hätte ich es gekonnt? Hätte ich ihn angerufen, hätte ich damit aufgehört, mich ihm gegenüber so zu verschliessen, hätte ich gefragt: „wie geht es dir?“ Hätte versucht ihn anzurufen, weißt du… ich bereue wirklich es nicht getan zu haben.

Oprah: Denkst du, Familie und Freunde haben ihn im Stich gelassen? Denkst du, jemand hätte etwas tun können?

Lisa: Ich denke sie haben es versucht. Traurigerweise ist es so wie ich schon gesagt habe, wenn er dich nicht um sich haben wollte, wenn du ihn mit etwas konfrontiert hast, was er nicht wollte, konnte er dich einfach loswerden, auch seine eigene Familie. Sie haben diese Seite kennengelernt. Ich glaube es war wie ein Zug, der in eine bestimmte Richtung fuhr und niemand konnte ihn stoppen. Ich glaube, das muss in meinen Kopf damit der Schmerz nachlässt.

Oprah: Um Deinetwillen?

Lisa: Mmhhh.

Oprah: Und wie ist das für deinen jetzigen Mann, der sehr liebevoll und unterstützend zu sein scheint? Wie fühlt er sich mit all den Michael-Dingen, die jetzt bei dir hochkommen?

Lisa: Er ist heilfroh wenn ich dieses Interview gemacht habe, er sagt: „Ich will nur, dass du dadurch kommst und damit abschließt.“ Denn ich… er musste es sich jetzt sehr lange anhören.

Oprah: Nie gut für den aktuellen Ehemann ständig etwas vom Ex hören zu müssen.

Lisa: Nein, nicht gut. Ich verstehe das. Aber er versteht das auch, er ist der verständnisvollste Mensch dem ich in meinem Leben je begegnet bin. … Gott sei Dank, denn er hat mir wirklich zugestanden alles durch zu machen was nötig ist, in dieser Sache. Aber ich weiß, das ist sehr ungewöhnlich und ich weiß, ich verlange viel von ihm. Ich fühle mich nicht sehr gut dabei, aber es kam einfach über mich und ich musste damit umgehen, ich musste….

Oprah: Weil all diese Gefühle für Michael unterdrückt und begraben waren, als du mit Michael Lockwood zusammen kamst?

Lisa: Genau.

Oprah: Vorhin sagtest du, dass das Universum… Gott… aufgrund der Parallelen zwischen dem Leben von deinem Vater Elvis Presley und dem Leben von Michael Jackson anscheinend versucht, dich etwas zu lehren, das du nicht verstehst. Was denkst du heute, über ein Jahr nach Michaels Tod und 33 Jahre nachdem dein Vater starb, was du daraus lernen sollst?

Lisa: Ich fühle mich ziemlich alleine mit diesen Dingen die ich da mit ihnen durchgemacht habe, zur gleichen Zeit fühle ich mich aber auch geehrt.

LMP MJ2

Oprah: Sind durch Michaels Tod für dich, so wie für viele Menschen, sein Geburtstag und sein Todestag besonders schwere Tage?

Lisa: Sie sind es, aber das begleitet mich durch mein ganzes Leben. Mein Leben lang fürchte ich den 16. August und jetzt ist es…

Oprah: Das ist der Todestag deines Vaters…

Lisa: Ja, und jetzt ist es der 25 Juni.

Oprah: Als wir über dieses Interview sprachen sagtest du, du wirst es ein einziges Mal tun. Heisst das du wirst jetzt nicht mehr darüber sprechen?

Lisa: Ich werde nicht mehr darüber sprechen. Wenn jemand zukünftig noch etwas darüber wissen möchte, können sie sich auf die Oprah Winfrey Show berufen.

Oprah: Dankeschön. Danke, dass du dir Zeit genommen hast dich uns gegenüber zu diesem Thema zu öffnen. Keine leichte Sache.

Lisa: Danke.

……………………………………………………………..

Übersetzung: M.v.d.L.

Script english: http://the-michael-mj.livejournal.com/24726.html?thread=49558

Susan Fast: Michael Jacksons Dangerous Album – Kapitel ‘Soul’-‘Seele’

by

33 1/3 Dangerous by Susan Fast – Übersetzung des Kapitels:

Seele (Soul)

Mein Ziel im Leben ist es, der Welt zu geben, was ich glücklicherweise empfangen habe: Die Wonne der göttlichen Verbindung durch meine Musik und meinen Tanz. Es ist wie meine Bestimmung, deswegen bin ich hier.  Michael Jackson

In der nordeuropäischen Kunst des 15. Jahrhunderts war das Polyptychon (Wandelaltar) ein Gemälde bestehend aus mehreren Tafeln, das hauptsächlich als Altarbild in einer Kirche oder einer Kathedrale diente; diese (Kunst-)Form wurde als ein Höhepunkt der Christlichen Kunst betrachtet. Unter den berühmtesten Stücken befindet sich der Genter Altar von Hubert und Jan Van Eyck, Das jüngste Gericht von Hans Memling, Das Polyptychon der Schutzmantelmadonna von Piero della Francesca und Hieronymus Boschs Der Garten der Lüste. Mark Rydens Gemälde für das Albumcover von Dangerous – entworfen unter Jacksons Mitwirkung (1) – macht Anleihen bei dieser Tradition der sakralen Kunst. Das Gemälde ist ein Triptychon mit drei „Tafeln“, das im 15. Jahrhundert aus Holz gefertigt worden und zusammenklappbar gewesen wäre. Normalerweise zeigt das Triptychon einen Heiligen oder Christus auf der mittleren Tafel, die seitlichen Tafeln umfassten Heilige, die mit der zentralen Figur in Verbindung standen. Man kann diese dreiteilige Anordnung in Rydens Gemälde (mit den offensichtlichen Zuordnungen) erkennen: Jackson, im Zentrum, wird flankiert von Dog King (Hundekönig), inspiriert von dem 1806 entstandenen Gemälde von Napoleon von Auguste Dominique Ingres, (2), und Bird Queen (Vogelkönigin), entstanden nach einer ähnlichen Figur bei Bosch.

'Napoleon' von Auguste Dominique Ingres

‘Napoleon’ von Auguste Dominique Ingres

'Dog King' und 'Queen Bird' vom Dangerous Cover

‘Dog King’ und ‘Bird Queen’ vom Dangerous Cover

Viele weitere Elemente wurden durch Bosch beeinflusst, dessen Werk aber nicht ein solches Triumvirat enthält. Es soll von rechts nach links gelesen werden, beginnend im Paradies und in der Hölle endend, mit jeder Menge Menschen in verschiedenen Stadien des Leidens. Rydens Darstellung ist nicht so geradlinig – die leidenden Menschen, Körperteile und Skelette, die feinsäuberlich in Boschs Szenario der „Hölle“ eingeordnet sind, findet man in Rydens Gemälde überall verteilt. Weder wird Verstümmelung als Teil des Leidens angesehen (Jacksons steinerne Hand – gut erkennbar aufgrund ihrer mit Pflaster versehenen Finger – stützt liebevoll ein Kind, während in der verletzten Hand bei Bosch ein Messer steckt), noch der Tod selbst, wie wir durch den Grimassen schneidenden Totenschädel glauben gemacht werden sollen, der von einem Kind gehalten wird und den Überbleibseln von Skeletten ausgestorbener Tiere, die die Leichtigkeit einer Karussellfahrt genießen.

Das ist so, weil die andere Kunsttradition, die dieses Gemälde anzeigt, die des Surrealismus ist. Geboren aus der Tatsache Zeuge „des Schocks der traumatisierten Psyche“ des Ersten Weltkrieges gewesen zu sein, erschufen die Surrealisten Kunst, die auf die „(traumartige) Desorientierung“ anspielte, wie sie von Führern der Bewegung wie zum Beispiel André Breton bezeugt werden konnte.(3) Für Breton war der Surrealismus eine künstlerische Ausdrucksform, in der „Leben und Tod, das Wirkliche und das Eingebildete, die Vergangenheit und die Zukunft, das Vermittelbare und das Nicht-auszudrückende, die Höhen und die Tiefen nicht weiter als widersprüchlich wahrgenommen werden.“(4) Dies ist ganz genau das, was Ryden in seinem Gemälde einfängt. Er bringt Kategorien durch die dargestellten Figuren zum Einsturz: lebend, tot, unsterblich (kleine Kinder in Form von Engeln), menschlich, nicht-menschlich und ausgestorbene Tiere, jung, alt, historisch, gegenwärtig, zukünftig, Jackson (heute und damals, in den Thriller-Jahren und als Kind), fiktional, nicht fiktional, der Übergang von lebendigen zu nicht lebendigen Dingen (die Hände, die zu dem Thron am oberen Bildrand gehören), Einzelteile (Jacksons Hand, der Totenschädel), Mischformen (der menschliche Fuß von Dog King). Das Geschlecht des Kindes, das den Schädel hält, ist nicht eindeutig: Ist es ein kleiner Junge oder ein Mädchen? All dies Verwischte spielt sich innerhalb der vollkommen symmetrischen Struktur des Triptychons ab, einem Aufbau, der uns zurück in die Binarität einlädt und uns erlaubt, einen Sinn im Chaos zu entdecken: männlich und weiblich (Dog King und Bird Queen), glücklich und traurig (die Clowns, die sich auf jeder Seite zu Jacksons Augen niedergelassen haben, da sind auch Abbildungen von glücklichen und unglücklichen Affen auf jeder Seite des Gemäldes), sie erscheinen in einer Vergnügungsbahn fahrend unterhalb des Jolly-Rogers-Zeichens und verlassen das Bild wieder unter dem allsehenden Auge. Diese letzte „Zweiteiligkeit“ ist etwas knifflig: Könnte es sein, dass diese Symbole das Weltliche und das Heilige bedeuten bzw. darstellen sollen? Die Abbildung des Auges taucht an vielen anderen Stellen in Jacksons Werken auf – im HIStory Teaser und in der Gestaltung des Covers des Invincible Albums.(5) Das Hervorheben von Jacksons eigenen Augen auf dem Dangerous Cover verbindet ihn mit diesem sakralen Symbol. Es sieht so aus, als würde man diese Fahrt in der einen Form beginnen und in einer anderen beenden: Ein Skelett, das Kind Michael, ein Michael Jackson Fan. Ob dies erstrebenswert ist oder geradezu unheimlich ist eine Frage der Interpretation.

Die reichhaltige Bildsprache in diesem Gemälde kann sicherlich auf viele Arten gelesen werden. Es ist das komplexeste von Jacksons Album Covers und dazu eins der komplexesten in der Geschichte der Popmusik, eher in einer Reihe mit Coverkunst in der Richtung „ernsthafter“ Rock- als Pop-Tradition. Man fragt sich, ob es auf das Sgt. Pepper Album Cover der Beatles mit seiner Vielzahl von dargestellten Personen und mehreren Abbildungen der Beatles selbst Bezug nimmt. Da gibt es die Anspielung auf den Zirkus – P.T. Barnum erscheint vorn in der Mitte mit Tom Thumb auf dessen Kopf stehend – vielleicht als Wink auf Jacksons zirkusartiges Image in der Öffentlichkeit, aber auch auf die allgemein bekannte Geschichte, dass Jackson Barnums Ideen über die Erschaffung der „größten Show auf Erden“ als Leitfaden für seine eigene Karriere berücksichtigte. Die Fülle an Tierfiguren lassen einen unweigerlich an die Erzählung von Noahs Arche denken, auch wenn sie nicht paarweise erscheinen. Aber natürlich ist das wirklich fesselnde Bild das von Jackson selbst. Es wird von Dangerous an keine einfachen Fotografien mehr von ihm auf seinen Album Covers geben; indexikalische oder „echte“ Darstellungen von ihm gehören der Vergangenheit an, ersetzt durch Kunst, die ihn zunehmend als vom Menschlichen entfernt wiedergibt, zunehmend als mythische Gestalt (er ist eine Statue auf dem Cover von HIStory und zum Teil ein digital erschaffenes Bild auf Invincible). Ryden macht aus ihm einen Robotermenschen (sieh dir das Bild aus der Entfernung an), einzig bestehend aus seinen durchdringenden, intensiven, verführerischen Augen – mit einem Blick vergleichbar dem beobachtenden Moment beim „Panther Dance“, als er wissend in die Kamera blickt – und seiner Jheri Curl, die beibehalten wurde, um uns wissen zu lassen, dass er es ist. Die Mitte des Gesichtes, da wo seine Nase gewesen sein sollte, wird von Tieren und kleinen goldenen Engeln eingenommen, eine überschwängliche und wundervolle Anspielung auf jenen Teil seines Körpers, der fortwährend unter so großer Beobachtung stand. Sein klaffender Mund, komplett mit aus Statuen gemachten Reißzähnen, offenbart eine Fabrik, aus der Gleise hinein- und herausführen, die Zunge, die die Produkte der Fabrik ausliefert. Wie sowohl Joe Vogel, als auch Willa Stillwater feststellen repräsentiert die Fabrik das „Innenleben“, obwohl jeder von ihnen dies auf eine andere Weise interpretiert. Meine Ansicht ist, dass das Innenleben das Private repräsentiert, indem das Bild mit der zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten bestehenden Spannung verbunden wird, die man durch das ganze Album hindurch finden kann; das metallische Grau der Fabrik steht im Kontrast zu der überschwänglichen Farbe des „Außenbereichs“ mit der Absicht, dies als kalt, distanziert und vielleicht sogar als bedrohlich wirken zu lassen. Wie Stillwater bemerkt ist der Titel des Albums DANGEROUS direkt oberhalb der Abbildung der Fabrik geschrieben. Dieses Bild spielt vage auf Fritz Langs Film Metropolis und dessen Schrecken des Klassenkampfes zwischen wohlhabenden Industriellen und der (Sklaven-) Arbeit an, auf die ihre Stadt gebaut ist. Die kalte, dunkle, graue, metallische, zweckmäßige Abbildung der Fabrik deutet den geräuschvollen, industriellen Klang großer Teile der Aufnahmen an, der Zerrüttung der Welt, die im Zentrum des Bildes platziert ist, eine Zerrüttung herbeigeführt von den Unterdrückten oder Unterworfenen einschließlich, natürlich, Jackson selbst. Es ist wenig überraschend, dass die Entstehung dieser Welt durch Jacksons Kehle herbeigeführt wird – aus dem kraftvollen Instrument, mit dem er seine Ideen öffentlich macht.

Während ich über dieses Gemälde nachsinne fühle ich mich auch an Donna Haraways einflussreiches „Cyborg Manifesto“ („Ein Manifest für Cyborgs“) erinnert, da sie über das Überschreiten von Grenzziehungen zwischen Tieren – oder Organismen – und Maschinen, zwischen Menschen und Tieren spricht; sogar unter Berufung auf die Quantenphysik, zwischen dem Physikalischen und Nicht-Physikalischen als einer Realität unserer gegenwärtigen Existenz, ebenso sehr eine Tatsache in unserer Welt (durch den technologischen und medizinischen Fortschritt) wie es auch eine Science Fiction Phantasie sein könnte. Das in diesem Zusammenhang aber wirklich Wichtige an ihrer Theorie ist, dass ist, dass die Vision der Surrealisten, zumindest teilweise, wahr wird: Diese Grenzüberschreitungen haben die Einteilungen zwischen natürlich und künstlich, Geist und Körper, „selbstentwickelt und von außen konzipiert“ abgeschafft, wie Haraway es ausdrückt. Und, was am wichtigsten ist, sie betont, dass die Grenzüberschreitungen uns enger zusammen bringen, dass sie „auf beunruhigende und vergnügliche Art eine feste Kopplung mit anderen signalisieren“ – allen Arten des Anderen.(6) In diesem Sinn fängt Rydens Gemälde auf wundervolle Art die Essenz dessen ein, was ich Jacksons Weltsicht nennen würde, von dem so vieles mit den unterschiedlichen Arten von Verwandtschaft zusammenhängt. Ich gehe sogar so weit, es eine Theologie zu nennen (es ist kein Zufall, dass eine Form – das Triptychon der Renaissance -, die so eng mit dem Sakralen verknüpft ist, dazu benutzt wird Rydens surrealistische Vision zu realisieren). Die alles umspannende Thematik in Jacksons Kunst und Leben ist das, was oft als sein „Überschreiten“ der genormten Grenzen gesehen wird – nicht nur die offensichtlichsten wie Rasse und Geschlechterzugehörigkeit – sondern die von Generation, körperlicher Beschaffenheit, Einteilungen zwischen den Arten („real“ und erfunden), künstlerischen Genres und Technologien. Jackson bewegte sich so fließend zwischen Performance-Traditionen und Subjektivitäten, dass er produktiv gesehen durch die Linse des Posthumanismus (neu) durchdacht werden könnte, in dem Sinn, dass die Vorstellungen liberaler Humanisten über das individuelle, einheitliche, unveränderliche Selbst mit der eindeutigen Ziehung von Grenzen zwischen dem Menschlichen und Nicht-Menschlichen, zwischen Spezies und Technologien in Frage gestellt werden. Cary Wolfe schreibt, dass wir Menschen als „grundsätzlich prothetische Wesen“ anerkennen müssen, „die sich mit verschiedenen Formen von Technizität und Materialitäten coevolutionär entwickelt haben, Formen, die grundlegend ‚nicht-menschlich‘ sind und doch dessen ungeachtet das Menschliche zu dem gemacht haben, was es heute ist“, (7) und Jackson hat darauf durchgängig und anschaulich aufmerksam gemacht, ja, diese prothetische Vorstellung des Menschlichen auf besondere Arten sogar zelebriert. Durch seine plastischen Operationen, sich verändernde Hautfarbe (heller und dunkler werdend), Mehrdeutigkeit in Hinsicht Geschlechter- / Generationszugehörigkeit (herbeigeführt teils durch Operationen, teils durch die Wahl von Mode und Make-up, teils durch Stimme und Gestik), durch all seine erfundenen Transformationen – Werwolf, Zombie, Panter, sogar als Raumschiff in Moonwalker – gab er seinen Körper nicht nur als ständig in Arbeit befindlich, vollkommen offen und vertrauensvoll gegenüber grenzenlosem Experimentieren, sondern als Teil eines größeren Ganzen.

Es gibt eine ziemlich lange Tradition bei Künstlern, die sich körperlichen Veränderungen als einer Art und Weise verpflichtet haben, um die Grenzen ihres Körpers auszutesten: Unter den berühmtesten befindet sich Stelarc, dessen Projekte Ear on Arm (Ohr auf Arm) beinhaltet, einem zusätzlichen Ohr, das chirurgisch auf seinem Unterarm konstruiert wurde, dem Bemühen zur „Vergrößerung der Körperformen und -funktionen.“(8) Oder Orlan, einer französischen Künstlerin, die in The Reincarnation of Saint-Orlan (Die Reinkarnation der Heiligen Orlan) plastische Chirurgie benutzt hat (neunmal, um genau zu sein, von 1990-95), um ihr Gesicht nach den Abbildern berühmter Gemälde von Frauen, wie sie von männlichen Künstlern idealisiert wurden, nachzubilden: Es war als eine feministische Kritik an der Geschichte der Kunst beabsichtigt, innerhalb derer Frauen lange Zeit „auf der Empfängerseite dem männlichen starrenden Blick („male gaze“) ausgesetzt waren“.(9) Orlans vielleicht bekannteste Operation besteht aus zwei kleinen Hörnern, die auf ihrer Stirn implantiert sind, nur um die Vorstellungen darüber, was ein „normales“ Gesicht ausmacht, durcheinander zu bringen. Jackson wurde schon früher mit Orlan verglichen – meistens auf eine unvorteilhafte Art (ihre Kunst wird als „politisch“ und „selbstbewusst“ betrachtet ganz im Gegensatz zu seiner). Jacksons körperliche Veränderungen sind auf positive Art zahm, verglichen mit dem, was diese Künstler getan haben, sie agieren gleichzeitig im selben und doch einem ganz anderen Bereich. Weit entfernt davon einfach nur zu versuchen jünger auszusehen (oder „weiß“) machte er sich auf, die Vorstellungen über Geschlechterzuordnung, Volkszugehörigkeit und „Normalität“, wie sie auf den Körper, besonders in das Gesicht geschrieben waren, zu hinterfragen. Aber er tat dies nicht auf unbestreitbar offensichtliche Weise, wie es jene Künstler wie Orlan oder Stelarc tun. Seine Manipulationen beabsichtigten glaubwürdig, lebenswert zu sein, um Grenzen einer eher „alltäglichen“ Art in Frage zu stellen, Grenzen innerhalb derer Menschen unterschiedlicher Geschlechter und Rassenzugehörigkeit tatsächlich leben. Leider entschied er sich kein Manifest darüber zu schreiben, wie es Orlan getan hat (ihr Carnal Art Manifesto (10)) oder auf andere Art ungeheuer detaillierte Erklärungen darüber, was er zu tun versuchte, abgab, wie es Stelarc getan hat (besucht seine Website). Kommerzielle Künstler reden selten über die Absichten hinter ihren Werken auf die Art wie es „experimentelle“ oder „avantgardistische“ Künstler tun, und die Kommerzialisierung lässt uns leicht denken, dass eigentlich wenig oder keine Intention dahinter steckt. Aber in einem Werk, das so sorgfältig ausgearbeitet ist wie Jacksons, einschließlich seines Körpers, ist dies schlichtweg Unsinn.

Seine wunderlichen Arten Verwandtschaft herzustellen sind Erweiterungen der Wandlungsfähigkeit seines Körpers. Seine Familie bezog Tiere wie den Schimpansen Bubbles, die Schlange Muscles und das Lama Louis ein. Ich denke nicht, dass es Zufall ist, dass Ryden in seinem Gemälde so viel Gewicht auf Tiere legte, einschließlich dessen, was wahrscheinlich als Repräsentation eines gekrönten Bubbles ganz vorn in der Mitte gemeint ist, wenn man bedenkt, wie wichtig sie für Jackson waren. Eins der bedeutendsten Bilder in dem Gemälde ist das Kind – ein schwarzes Kind – gestützt von Jacksons liebevoller, aber lebloser Hand, genau wie er/sie den Tierschädel hält. Da ist sehr viel Zärtlichkeit in diesen Abbildungen, sehr viel Gemeinschaft zwischen Lebenden und Toten, Belebtem und Leblosem. Seine Familie beinhaltete außerdem Hollywood Diven wie Elizabeth Taylor ebenso wie Frank Cascios Mittelklasse-Familie aus New Jersey. Cascios Vater war Manager des Helmsley Palace in Manhattan. Jackson traf ihn und freundete sich mit ihm an, als er in dem Hotel wohnte und im Grunde die Familie als seine eigene annahm, dort regelmäßig auftauchte und Zeit in ihrem Zuhause verbrachte, und gemäß Franks Berichten staubsaugte, mit dessen Mutter die Betten machte und mit den Kindern herumhing. (11) Seine Familie schloss natürlich auch Kinder mit ein, die aber nicht auf seine eigenen beschränkt waren. Mit seiner „Entourage“ bei den Grammy Awards 1984 zelebrierte er seine Vorstellung über nicht normierte Verwandtschaft: Brooke Shields (schöne weiße Frau), Kinderschauspieler Emmanuel Lewis (schwarzes Kind) und den Schimpansen Bubbles. Ich glaube, wenn dies in den letzten paar Jahren stattgefunden hätte, dann wäre es als ernsthafte Herausforderung gegenüber der vorherrschenden Vorstellung über die „normale“ Kernfamilie, die für ihn eine zu enge Vorstellung einer Familie darstellte, bejubelt worden. Vieles davon wurde als krankhaft und gefährlich angesehen, besonders von den Medien, da es keine lesbare Lebensweise darstellte, nicht legitimiert, nicht „verantwortungsvoll“. Möglichkeiten der Verwandtschaft außerhalb des „Normalen“ sind, wie Philosophin Judith Butler schreibt „als undenkbar ausgeschlossen … die Bedingungen für das Denkbare werden erzwungen durch die engstirnigen Debatten darüber, wer und was in der Norm enthalten ist.“(12) Jacksons Vision in Bezug auf Körper und Verwandtschaft war im Grunde seiner Zeit voraus, manche mögen sogar sagen, sie war utopisch. Er formte eine Art in dieser Welt zu leben, die auf der Vorstellung darüber basierte, was Haraway „Affinität“ (Verbundenheit, Wesensverwandtschaft), nicht „Identität“ (Gleichheit) basierend auf der Erschaffung von Zusammenschlüssen Gleichgesinnter nannte. Ich habe so ein Gefühl, dass die verschiedenen Engel und Skelette in Rydens Gemälde mühelos in Jacksons Vision passen.

Soul_Grammies
Ich sage dies, weil seine Grenzüberschreitungen, besonders hinsichtlich Begriffen wie Verwandtschaft, nahtlos seine spirituelle Weltsicht abbilden – nein, nicht die Version der Zeugen Jehovahs, der seine Mutter angehörte. Zur Zeit von Bad freundete Jackson sich mit dem spirituellen Lehrer Deepak Chopra an und die Anzeichen für Chopras Einfluss begannen sich besonders zu Zeiten von Dangerous durchgesetzt zu haben. Chopra wird oft als „New Age Guru“ bezeichnet, dies mindert allerdings die Komplexität seines Gedankenguts, welches eine Reihe von spirituellen Praktiken kombiniert, einschließlich alter vedischer Texte, einer spirituellen Tradition, in der er aufgewachsen war mit westlicher Wissenschaft (er ist Arzt) und ganzheitlicher Medizin. Lies Jacksons wundervolle Inschrift auf der ersten Seite des Covertextes von Dangerous: Tanzen erlaubt ihm durch Verschmelzung mit allem was ist das Heilige zu erfahren, mit der Schöpfung, die das Ergebnis des Bewusstseins ist, Schöpfer und Schöpfung sind ein und dasselbe. Dies gibt Chopras grundlegende spirituelle Botschaft wieder: „ … die Welt ist eine nahtlose Schöpfung, durchtränkt von einer einzigen Intelligenz, einem einzigen schöpferischen Plan … . In der einzigen Realität erschafft das Bewusstsein sich selbst, was dasselbe bedeutet, wie wenn man sagt, dass Gott in seiner Schöpfung selbst enthalten ist. Es gibt für Göttlichkeit keinen anderen Ort außerhalb der Schöpfung.“(13)

Soul_deepak chopra MJ
Chopra führt dies auf die Quantenphysik zurück, welche „Zeit und Ort wieder in eine neue Geometrie zurückführt, wo es keinen Anfang und kein Ende, keine Kanten und keine Stabilität gibt … Das Quantenfeld existiert nicht getrennt von uns – wir sind es. Wo die Natur Sterne, Galaxien, Quarks und Leptonen erschafft, so erschaffen du und ich uns selbst.“(14) Deswegen ist alles und jeder Teil des Ganzen und des Göttlichen, ist in dieser Einheit enthalten und existiert nicht außerhalb von ihr. Bewusstsein ist schöpferisch, und deshalb sind wir fähig, es zu beeinflussen; unsere Gedanken ebenso wie unsere Taten formen die Welt wie auch das Universum. Jackson hatte diese Gedanken bereits untersucht, bevor er Chopra traf, der über seinen ersten Besuch in Jacksons Haus berichtete, dass überall „kleine Krishnas aufgestellt waren“.(15) In seinem Werk drückte er diese Empfindungen bereits weit zurückliegend mit „Can You Feel It“ (The Jacksons) und auch in „Another Part of Me“ vom Bad Album aus, die beide ganz sicher von Einheit und Verbundenheit handeln und den Mythos des Getrenntseins sprengen. Aber die öffentliche Erforschung dieser Gedanken spielten eine zentrale Rolle in der Dancing the Dream genannten Sammlung von Gedichten und Geschichten, die Jackson mit Chopras Hilfe 1992 veröffentlichte und die zutiefst mit Dangerous verbunden ist. Das Buch beginnt mit den Worten, die die Eröffnungsseite des Begleittextes des Albums zieren. Die Lyrics von „Heal the World“ und „Will You Be There“ werden ebenfalls wiedergegeben. Seite für Seite dieser Sammlung wendet sich Jackson den Themen des universellen und zeitlosen Bewusstseins zu, aus dem wir kommen und zu dem wir zurückkehren werden, der Einheit dieses Bewusstseins, der schöpferischen Kraft unserer Gedanken. Die Gedanken könnten direkt aus einem von Chopras Büchern stammen – oder aus jenen anderer spiritueller Lehrer wie Louise Hay, Eckhart Tolle oder aus A Course in Miracles (Eine Lehrstunde der Wunder). Das Gedicht „Heaven Is Here“ bietet einen der am vollständigsten ausgearbeiteten Ausdruck dieser Vorstellungen:(16)


You and I were never separate

It’s just an illusion
Wrought by the magical lens of
Perception

There is only one wholeness
Only one Mind
We are like ripples
In the vast Ocean of Conciousness

*

Du und ich waren niemals getrennt

Es ist nur eine Sinnestäuschung

Konstruiert durch die magische Linse der
Wahrnehmung

Es gibt nur eine einzige Ganzheit

Nur einen einzigen Geist

Wir sind wie kleine Wellen

Im gewaltigen Meer des Bewusstseins

Aber es gibt noch viele andere Beispiele, die sich quer durch Dancing the Dream ziehen: Zeit, Raum, Energie sind nur eine Vorstellung, es sind Begriffe für das, was wir erschaffen haben.

„Hörst du zu (Are you Listening): Unsterblichkeit ist mein Spiel, aus Glückseligkeit komme ich, in Glückseligkeit befinde ich mich, zu Glückseligkeit werde ich zurückkehren … . Mein Körper ist ein Energiestrom im Fluss der Zeit, Äonen sind vergangen, Zeiten kommen und gehen, ich erscheine und verschwinde wieder.“ Jackson verbindet sogar seinen künstlerischen Prozess mit dieser Vorstellung: „Die Leute fragen mich, wie meine Musik entsteht. Ich sage ihnen, dass ich einfach hineintrete. Es ist so, als würde ich in einen Fluss treten und mich dem Fließen hingeben.“

Die Gedichte und Betrachtungen werden von Fotografien, Gemälden und Zeichnungen begleitet. Der größte Teil der Fotos zeigt Jackson tanzend. Von den 89 Fotografien im Buch stammen 36, einschließlich dem Titelbild, aus dem Kurzfilm für „Black or White“. Die meisten von ihnen sind Standaufnahmen des „Panther Dance“. Dies gibt uns einen Hinweis darüber, für wie bedeutend Jackson dieses Stück einschätzte, und wie er, wenn es aus dem Film herausgelöst würde, sicherstellen würde, dass Teile davon in diesem Buch fortleben würden. Aber zusammen mit einer Vielzahl anderer Fotografien, die ihn tanzend zeigen, wird sein Tanz, durch den er, wie er sagt, eins wird mit der gesamten Schöpfung, auch dem Bereich des Sakralen zugeordnet.

Soul_Dancing-The-Dream-michael-jackson-7264967-625-1000

***

Musik wird in den meisten Kulturen als ein Mittel eingesetzt, durch das man sich mit dem Sakralen verbinden kann, um die Bedeutung reiner Worte noch zu „erhöhen“ und sie und unseren Körper dadurch aus dem Alltäglichen zu lösen, um unser Zeitgefühl umzugestalten und Gemeinsamkeit auf eine Art zu schaffen, wie nur Musik es kann. Es gibt so viele verschiedene heilige Musiktraditionen. Warum sich nur auf eine einzige beziehen? Warum erschaffen wir nicht auch hier eine Kreuzung Vermischung (Crossover)? Und drücken durch diesen Prozess, durch den musikalischen Klang, die Theologie des Eins-Bewusstseins aus.

Die Vierergruppe von Songs, die auf „Black or White“ folgt, zeichnet einen Pfad quälender persönlicher Kämpfe und gewissermaßen deren Erlösung nach. Für mich formt diese „Gruppe“ das Herz und die Seele des Albums. Da ist ein tiefgründiges In-sich-gehen. Kein Moralisieren mehr über den Zustand der Welt, kein Soul Man Machismo, keine bedeutungsschweren Utopien, keine Kinder – nun, wenigstens nicht bis danach. Auch kein Lärm. Die ersten drei Songs geben absolute und völlig aus den Angeln gehobene Einsamkeit, Verzweiflung und Sehnsucht wieder, für die es scheinbar nur wenig Abhilfe gibt. Wie die „Soul Man“ Songs fast zu Beginn des Albums unterminieren die meisten davon bewusst Jacksons Brillanz, generationenübergreifende Werke zu schaffen und deuten so wieder darauf hin, dass dieses Album auf bedeutende Art anders ist als vorangegangene Darbietungen. Hier ringt Jackson mit erwachsenen Dämonen, wo er verraten und allein ist und sich fragt, ob Geborgenheit und Gemeinschaft für ihn überhaupt erreichbar sind. Schon eins davon reißt dir dein Herz heraus, aber eins war nicht genug. Jackson hatte das Gefühl, dass es nötig sei, sie anzuhäufen, das Gefühl von Verzweiflung über den Verlauf von drei verschiedenen Songs aufzubauen, von denen jeder einzelne eine auffallend andere musikalische Sprache aufbietet, ein wenig zeitgenössisch, ein wenig historisch: Was er zu sagen scheint, ist „Ich beweine Religionszugehörigkeit und die Zeit.“ Der vierte Song „Keep the Faith“ versucht, uns aus diesen Tiefen emporzuheben, aber obwohl er sich sehr bemüht uns in die Kirche mitzunehmen, glaube ich nicht, dass der Optimismus fähig ist, die Angst des Vorangegangenen aufzuwiegen. Nicht nur das, sondern der darauf folgende Song „Gone Too Soon“ führt uns wieder zu Verlust und Verzweiflung. Dieser Song übernimmt eine besondere Bedeutung durch den Kurzfilm, welcher Ryan White gewidmet ist, dem Teenager-Aktivisten, der durch Bluttransfusionen an HIV/AIDS erkrankte, die er bekam, um seine Hämophilie (Bluterkrankheit) zu regulieren. Die Angst und Diskriminierung, die in den frühen 1980ern mit dem Thema HIV/AIDS einherging, hatte seinen Ausschluss aus der Schule zur Folge, und die Medienaufmerksamkeit führte durch Whites Fall zu einem erhöhten öffentlichen Bewusstsein hinsichtlich der vielfältigen Ursachen. Aber auf dem Album gibt es keine Widmung dieses Songs an White, und so ist es auch möglich, ihn als Fortführung der allgemeinen Erzählung von Verlust und Einsamkeit, die Jackson gegen Ende des Albums untersucht, zu lesen.

Soul_Ryan White

„Who Is It“ und „Give In To Me“ handeln nur oberflächlich gesehen von Liebe und Betrug durch eine Frau. Die Lyrics sind unbestimmt genug, um die Identität von Jacksons Sujet in Frage stellen zu können: „Sie“ und „Frau“ kann sowohl wortwörtlich als auch metaphorisch gesehen werden, von intimer Beziehung oder Beziehungen mit dem Göttlichen handelnd (ich greife diesen Hinweis von Bono auf, der oft sagte, dass sich das „sie“ in seinen Lyrics auf den Heiligen Geist beziehen würde). Ich habe mich zum Beispiel gefragt, ob das „sie“ in „Who Is It“, das „sie“, durch das die Hauptperson betrogen wurde, die irdische Kirche kennzeichnen soll, durch die Versprechungen gemacht und dann gebrochen werden. Ich habe mich gefragt, ob die brennende Sehnsucht im Refrain von „Give In To Me“ so etwas wie jene Liebe ist, die die mittelalterlichen Mystiker für Christus fühlten, von ihnen in einer sinnlichen Sprache beschrieben (vor Sehnsucht zu brennen war keine ungewöhnliche Metapher), die zu erfassen versuchte, welch kraftvolle Gefühle sie verspürten.

***

In den frühen 1990er Jahren liebäugelte die Popkultur mit gregorianischen Gesängen. Die Gruppe Enigma veröffentlichte Ende 1990 das Album MCMXC a.D. und die Single „Sadness, Part I“, in die der sakrale Gesang eingearbeitet war, kletterte in über 20 Ländern an die Spitze der Hitparaden. Mitte der 1990er Jahre wurde eine Aufnahme mit Gregorianischen Gesängen der Mönche von Santo Domingo de Silos von 1970 wiederveröffentlicht und verkaufte sich phänomenal gut, zum Großteil an Yuppies, die laut einer zynischen Bemerkung einer Zeitung, diese Musik als „Gegenmittel zum Stress“ benutzten. (17) Andere Aufnahmen von Musik mit ähnlichem Gesang, wie zum Beispiel Vision: The Music of Hildegard von Bingen (1994) kombinierten, wie schon Enigma einige Jahre zuvor, sakrale Monophonie mit fetten Beats, aber veröffentlichten es unter dem Namen der Äbtissin und Mystikerin aus dem 12. Jahrhundert selbst.

Jackson umrahmt und durchtränkt „Who Is It“ mit sakralem Gesang, durch Anleihen an den Stil, jedoch ohne direkt zu zitieren. Natürlich weiß ich nicht, ob diese Anleihen bewusst geschahen oder nicht, die deutlichen klanglichen Ähnlichkeiten erwecken jedoch den Anschein, dass es bewusst geschah. Die eröffnenden engelsgleichen Stimmen (unglaublich, aber eine davon ist seine eigene) singen zweimal eine einfache Phrase. Diese kleine musikalische Phrase ist auf die rezitierenden Klänge mittelalterlicher Choräle aufgebaut, die so genannt werden, weil sie zum Rezitieren von Psalmen benutzt wurden, einer Gebetsform die das Herzstück spiritueller Übungen in der klösterlichen Tradition bildet. Es gibt im Chant-Gesang von „Who Is It“ eine weitere hübsche mittelalterliche Anleihe, die Harmonie endet auf dem Intervall der Quarte – einem der wohlklingendsten Intervalle des Mittelalters, jedoch für modernere, westliche Ohren seltsam klingend. Die „Klarheit“ der Stimmen (kein Vibrato, keine Verzerrung, klar und deutlich) und die große Menge Hall, die uns in die Kathedrale Notre Dame oder die St. Marks Basilika versetzt, platziert diese Musik ebenfalls in den Bereich des Christlich-Sakralen.

Der Groove des Songs unterbricht den Chant-Gesang / das Gebet: Man denkt, es könnte noch eine weitere Wiederholung dieser schönen Melodie geben, aber stattdessen wird man von einer Rhythmussprache aus einer anderen Welt aufgerüttelt, die aber Spuren des Gesangsmotivs beibehält: vielleicht nicht so geräuschvoll wie frühere Grooves auf diesem Album, aber rhythmisch scharf und dunkel, mit einem lauten, treibenden Bass, der auf den ersten beiden Beats jedes Taktes sehr präsent ist – wir werden durch den Bass auf eine Art geerdet wie in keinem der bisherigen Songs. Einen Teil des musikalischen Kampfes, den wir in diesem Lied hören, ist das gesungene Chant-Eröffnungsmotiv, das versucht sich gegen die Eindringlichkeit des Grooves durchzusetzen, und es versucht es in allen Varianten: Es taucht bei der vierten und fünften Wiederholung des Grooves, bevor Jackson zu singen beginnt, auf, aber es scheint diese Verspieltheit zu fehlen, die es hatte, als wir es zum ersten Mal hörten; auch während des Refrains taucht es in dieser Form auf. Wir hören es während des instrumentalen Zwischenspiels, besonders bei der Flöte, wo es sich wieder ausweiten darf. Und man hört es am Ende des Songs bei dem Cello, einem oft mit einem schwermütigen Klang in Verbindung gebrachten Instrument. Hören wir dieses Motiv bei dem Cello zum letzten Mal, erstreckt es sich bis zum H, der klagend klingenden sechsten Stufe (Doppeldominante) der Moll-Tonleiter, bevor es auf der Note davor und nicht auf der Tonika – oder dem Grundton der Tonleiter – abschließt, unvollendet klingend. Es scheint ziemlich deutlich, dass dieses Motiv das Sakrale repräsentiert, die Natur dieses Heiligen – ob tröstlich oder einschüchternd – ist nicht klar.

„Who Is It“ ist hypnotisierend, nicht nur wegen der Wiederholung des Motivs durch das ganze Stück hindurch, sondern auch wegen der an den Chant-Gesang erinnernden Formen in anderen Teilen der Melodie, besonders im Refrain, mit seiner schrittweisen Bewegung und dem geradlinigen Rhythmus und dessen nicht enden wollender Wiederholung während des letzten Drittels des Songs. Aber da ist auch etwas Dunkles und Monumentales in der Musik: Monumental in der Art, wie die Struktur durch die unterschiedlichen Einsätze des Chant-Motivs Höhen und Tiefen bekommt, sich ständig zu dem hohen Streichorchester Sound aufbauend. Der geradlinige, langsame Rhythmus des Motivs beginnt auf unheimliche Weise losgelöst zu klingen, düster, aber nicht in der Lage, sich den emotionalen Tiefen von Jacksons Stimme anzupassen (die sich hier besonders verwundet anhört: Einer der berührendsten Momente entsteht, wenn sein sonst so überschwängliches „hee hee“ auf ein klägliches Schluchzen reduziert ist; er hätte kein besseres Mittel finden können, um die Tiefe seines Schmerzes zu vermitteln). Dieses Motiv ist mediativ, aber nicht besonders beruhigend. Zu starr, zu strukturiert, zu unflexibel, nie fähig, die Einfachheit und Schönheit des am Anfang gehörten wiederzuerlangen. Und am Ende des Songs wird das Motiv aufgegeben, es verläuft einfach im Nichts, wird von Jacksons energischem Beat-Boxen übernommen, was dann ebenfalls ausgeblendet wird – nicht einmal als ein schönes, langes Ausblenden, sondern so, dass auch dieses abgebrochen, abgeschnitten zu sein scheint. Alles Streben nach epischer Erhabenheit verpufft am Ende des Songs, verläuft im Nichts.

Soul_Michael-Jackson-Who-Is-It-Video-672x372

***

Metal-Rock Powerballaden wurden eindeutig dafür kritisiert, zu gefühlsduselig zu sein; maßgeblich daran beteiligt, dass Metal-Rock in den 1980er Jahren massentauglich wurde, wurden solche Balladen oft als „Hymnen des kommerziellen Eifers“ bezeichnet und, nach Ansicht einiger frauenfeindlicher Fans und Kritiker vielleicht noch schlimmer, dass sie auf die „Top 40 der Hausfrauen und deren Töchter“ (Top 40 Housewives and their daughters) ausgerichtet waren und die Bedeutung und Kraft der Musik verwässern würden. (18) Diese Balladen brachten als unvereinbar geltende Elemente zusammen: das langsame Tempo, lyrische Melodien, das Gefühl von Intimität und ausdrucksvolle Landschaften, wie sie in traditionellen Balladen zu finden sind, die, wie David Metzer es bezeichnet, „sich Liebe und Verlust zunutze machen“ (19) – Eigenschaften, die mit musikalischen Begriffen ausgedrückt, konventionell als feminin bezeichnet werden – mit rauem Gesang, kraftvollen Akkorden und virtuosen Gitarrensoli des Rock und Metal – in dem es oft um Machismo, Macht, Sex, und Aufbau und Beherrschung der Welt geht und nicht um Romantik. Die Powerballade feierte die romantische Liebe: Von einer Frau gegenüber einem Mann offenbart („I Want to Know What Love Is“ von Foreigner), als grundlegende Wirkung einer Frau auf Männer, die „draussen in der Welt“ sind („Sweet Child O Mine“ von Guns N’ Roses, „Home Sweet Home“ von Mötley Crüe) als Bestätigung, dass du (Frau) Recht hattest und ich (Mann) falsch lag und es mir jetzt leid tut („Every Rose Has Its Thorn“ von Whitesnake). Je nach Ausführung kann die sich daraus ergebende Intensität entweder nicht überzeugend süßlich oder atemberaubend wirkungsvoll sein und eine Art „Energie erzeugen, in der Zuhörer sich verlieren können.“ (20)

In seinem Song „Give In To Me“ nutzt Jackson die musikalische Sprache und die emotionale Intensität der Metal-Powerballade mit unglaublichem Effekt, schiebt die emotionalen Grenzen bis an ihr Limit. Doch sein Ziel ist es, sich über die Konventionen des Genres hinwegzusetzen, ihm in seiner tiefen Enttäuschung ins Gesicht der süßlichen Gefühle zu spucken. Die Frau in seinem Text ist brutal, sie ist keine Quelle des Trostes, sie repräsentiert kein „Zuhause“, sie lehrt ihn nicht das Wunder der romantischen Liebe, zähmt nicht seine Männlichkeit und befriedigt nicht sein Verlangen. Er hat, wie es scheint, nichts falsch gemacht, hat nichts zu bereuen (etwas, worauf die Frauen in anderen Beispielen dieses Genres notwendigerweise reagieren.) Es gibt Herzschmerz ohne Sentimentalität. Es gibt Sehnsucht, aber nach Sex, nicht nach Romantik. Sein Schmerz und seine Wut bringen ihn dazu, um sich zu schlagen – das ist in einer Powerballade nicht vorgesehen.

Der Text zu diesem Song kam mir immer zerrissen vor, es funktioniert besser, seitdem ich aufgehört habe, ihn stimmig machen zu wollen. Hier geht es um Gefühlschaos. Jackson versucht dieses Chaos einzufangen, indem er Trauer, Schmerz, Trotz, Wut, Ausdauer (niemals fragen, warum) zur gleichen Zeit ausdrückt. Das Gefühl verändert sich ständig, wie es in turbulenten Beziehungen der Fall ist. Es besteht eine Art Diskrepanz zwischen den Strophen, in denen es aussieht, als hätte er so gut wie aufgegeben (besonders deutlich in der herausfordernden Bridge, in der er aussagt, nicht mehr länger da sein zu wollen) und dem Refrain, in dem er drängt, dass seine Geliebte auf sein unerbittliches Verlangen eingeht. Eine der großen Stärken des Textes des Refrains ist, dass sich jedes Mal, wenn wir ihn hören, die Reihenfolge einiger Zeilen verändert hat, oder eine neue Zeile hinzugekommen ist („falsch“ für einen Refrain). Eine äußerst wirkungsvolle Art, um Verwirrung, Kontrollverlust, Überwältigung oder Erschöpfung auszudrücken: Er kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Der Klang seiner Stimme verändert sich zwischen Strophen und Refrain radikal: Ein sauberes Timbre, in der Tonhöhe ansteigend um das Übermaß an Emotionen auszudrücken, steht im Kontrast zu einer Menge Verzerrungen und kurzen, abgehackten Phrasen in den Refrains.

Man könnte annehmen, ein solcher Song würde auch weiterhin das Mittel der musikalischen Haltlosigkeit, wie wir sie zuvor in diesem Album hören konnten, nutzen, aber wie bei „Who Is It“ ist das auch hier nicht der Fall. Sowohl in den Strophen als auch im Refrain wird die gleiche einfache Akkordfolge benutzt, der Bass ist durchgängig stark, die Akkorde in Oktavlage gesetzt. Zusammen mit der Hall beladenen Produktion, die den Klangraum besonders im unteren Bereich öffnet, bewirkt dieses, dass man in den Schmerz hineingezogen wird: Ich fühle diese Basstöne tief in meiner Seele. Die Harmoniefolge eignet sich zur Uneindeutigkeit, denn es ist leicht möglich, von der dunklen Moll-Tonart zur sonnigen Dur-Tonart zu schwenken – Patti Smiths „Because the Night“ ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie sich dadurch Stimmungsgegensätze erschaffen lassen – aber Jackson erlaubt dieses Spiel nicht, lässt diese Möglichkeit nicht zu und bleibt schonungslos in der Moll-Tonart.

Wie in vielen Liedern von Jackson, nimmt der Refrain die ganze letzte Hälfte des Songs ein, in diesem Fall lässt sie uns – und den Sänger – in Verzerrungen, Rückkopplungen, den stattlichen Akkorden des Mellotrons und Slashs virtuosem und ungezügeltem Gitarrensolo ertrinken. Slash war eine hervorragende Wahl für diesen Song, denn sein Gitarrenstil stellt emotionsgeladenes Spiel – und das ist ein Kompliment – über eine saubere, klare Technik.

Und doch bleibt dieses ganze musikalische Miasma irgendwie geerdet und kraftvoll, da eine starke und konventionelle Akkordfolge sowohl die Strophen als auch den Refrain untermauert. Selbst als diese Akkordfolge etwa 1 Minute und 15 Sekunden vor dem Ende des Songs stoppt, löst sie sich auf in ein fundamentales Dröhnen, auf E, dem Grundton der Tonart, beendet die Vorwärtsbewegung, damit wir uns ganz im Gefüge der Komplexität und des Dramas einfinden können. Die Extreme dieses Songs, vor allem das dramatische Ende, sind zweifellos dem Gothic zuzuordnen.

Joe Vogel schreibt dazu: „Jackson hat schon zuvor Rock gemacht, aber nicht auf diese Art.“ (21) Da ist nichts mehr von dieser „theatralischen Art“, wie Vogel es nennt, von Songs wie „Beat It“ oder „Dirty Diana“. Was er wollte, war die uneingeschränkte emotionale Sprache, die Erhabenheit, die monumentale Qualität einer Metal-Ballade, nicht um die Liebe zu feiern, sondern um die Unmöglichkeit der Art von Liebe zu enthüllen, die diese Songs normalerweise preisen. Jackson hat den Schalter nur ein wenig weitergedreht, von der von Gesang durchdrungenen R&B-Welt von „Who Is It“ hin zur Rock-Welt von „Give In To Me“, hat die musikalische Sprache etwas verändert, alle die Thematik unterstützenden Möglichkeiten genutzt, um tief in die Flut der Gefühle einzutauchen, auch den letzten Tropfen des Schmerzes herauszupressen, um den für die Schwere des Betrugs typischen Teil zu finden: Auch wenn er das Genre meisterlich beherrscht, so ist es doch nicht für ihn gedacht. Es lässt ihn hoffnungslos unerfüllt zurück, mit brennendem Verlangen, das aber niemand zu löschen vermag, so sehr er auch darum bettelt. Weiße Rockmusik als Religion, was keine ungewöhnliche Sichtweise ist, kann ihm nicht aus der Verzweiflung heraushelfen, sondern stürzt ihn noch tiefer hinein (größere Fragen zur Rassenproblematik können hier sicherlich hineininterpretiert werden). Genau wie „Who Is It“ läuft auch „Give In To Me“ zum Ende hin aus, der schwere Groove reduziert sich dieses Mal nicht zu einem Beatboxen, sondern zu einem einzelnen Ton der Gitarren-Rückkopplung, ein Zeichen des Versagens.

* * *

Jacksons Zitat aus Beethovens „Ode an die Freude“ zu Beginn von „Will You Be There“ mag „verwegen“ sein, ist jedoch nicht willkürlich. (22) Die „Ode an die Freude“, die den 4. Satz der Neunten Symphonie abschließt, beginnt eigentlich mit einem Text, den der Komponist selbst Schillers Gedicht vorangestellt hat: „Oh Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere.“ Es wäre für Jackson wohl zu offensichtlich gewesen, diese Zeilen am Anfang von „Will You Be There“ zu zitieren, aber sein ruheloses Erforschen von Musikstilen bei seiner Seelenerforschung reflektiert Beethovens eigene Seelensuche am Ende der Neunten Symphonie. Beethoven greift Themen und musikalische Ideen aus vorherigen Sätzen der Symphonie erneut auf, um sie dann wieder zu verwerfen, und wie man weiß, ist dieses auch die erste Symphonie, die Stimmen einsetzt, was bedeutet, dass Beethoven nicht nur seine eigenen vorherigen Ideen aufgibt, sondern die ganze konventionelle Form des von ihm komponierten Genres. Er geht neue Wege, erschafft eine neue Form (Hybrid). Hört sich das nicht vertraut an?

Jackson scheint die musikalischen Genres, die formalen Strukturen und Spiritualitäten, die er bis hier auf diesem Album ausprobiert hat auf ähnliche Weise zu verwerfen, indem er sich einer Tradition der hohen Kunst zuwendet, die weit entfernt von der Welt der kommerziellen Popmusik liegt. Die Passage, die er aus „Ode an die Freude“ ausgewählt hat, ist die wohl „religiöseste“ in einem Gedicht, dessen „Religion“ eigentlich als weltlich zelebriert wird, „die Brüderlichkeit der ganzen Menschheit“.


Do you bow down before him, you millions?

Do you sense your creator, World?
Seek him above the starry firmament
Above the stars he must dwell

*

Stürzt ihr nieder, Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such ihn überm Sternenzelt
Über den Sternen muss er wohnen

Beethovens Musik ist an dieser Stelle ehrfürchtig, ein großer Kontrast zu dem, was davor und im Anschluss kommt: Überschwänglichkeit, halsbrecherische Tempi, verrückte, hohe Soprane die mit rhythmischer Sicherheit das bekannte Thema „Joy / Freude“ heraus schmettern. Im Kontrast dazu ist dieses hier eine Hymne, ein Innehalten zur Besinnung, Beethoven weist die Musiker an, sie „mit Hingabe“ zu spielen. Eine beeindruckende Wahl, die Jackson hier getroffen hat. Die Theologie, auf die man sich hier beruft, erkennt einen Schöpfer an, aber nicht Gott. Sie ruft zum Erkennen einer höheren Macht auf und zur Demut ihr gegenüber, aber es ist so weit gefasst, dass es auch mit Jacksons Inschrift auf dem Begleitheft des Albums übereinstimmen kann, im Sinne von Einswerden mit dem Schöpfer und der Schöpfung. (Anmerkung: ‘The Dance’) Das ist, wonach Schiller mit diesem Gedicht ruft: „Alle Menschen sollen Brüder werden“ und „Jeder, der auf dieser Welt eine Seele hat (lass ihn sich unserem Lobgesang anschließen).“ Das Gedicht wurde als „eine weltumfassende Erklärung der Brüderlichkeit“ bezeichnet, der letzte Satz der Symphonie eine „quasi religiöse, jedoch nichtkonfessionelle Segnung aller „guten“ und „rechtschaffenen“ Menschen und Institutionen.“ (23) Das alles kommt der Theologie des „Eins-Bewusstseins“, das Jackson in Dancing The Dream zelebriert sehr nahe, aber Schillers Ode spiegelt auch Jacksons lebenslange Sehnsucht nach Frieden und einem liebevollem Miteinander in der Welt wieder. Dieses Gedicht ist in seinen historischen Kontext zu setzen, es wurde in einer Zeit (im frühen 19. Jahrhundert) geschrieben als, nach der französischen Revolution, „verängstigte dynastische Herrscher danach strebten, sich herauszuputzen und für sich das Konzept des göttlichen Rechts geltend zu machen.“

Es war eine Zeit, die sich durch „Unterdrückung und ultrakonservativen Nationalismus“ (24) auszeichnete. Schillers Gedicht und Beethovens Interpretation beziehen sich auf diese Unterdrückung, auf Privilegien durch die Geburt, auf Klassentrennung, so wie Jackson es oft im Verlauf seines Lebens tat.

(Anmerkung/Link: Ludwig van Beethoven – Neunte Sinfonie)

Doch die Passage, die Jackson zitiert, endet mit Ungewissheit: Der Schöpfer muss über den Sternen wohnen… Oder etwa nicht? Die Musik fragt auch danach, sie endet mit einer Dissonanz und lässt die Frage in der Luft hängen. In Beethovens Symphonie kommt die Auflösung im nächsten Satz, aber Jackson zitiert nicht weiter; er lässt die Frage nachklingen. „Will You Be There“ ist eine Erkundung dieser Ungewissheit. Es ist eine direkte Bitte an diesen Schöpfer, der ganz sicher da ist, aber vielleicht nicht für ihn. Die folgende, liebliche Chorpassage spiegelt den Anfang von „Who Is It“ wieder, obwohl eine leicht abgewandelte, jedoch trotzdem altmodische musikalische Sprache heraufbeschworen wird. Sie erinnert mich mit diesem aufsteigenden Soprano an sakrale Polyphonien der Renaissance, an eine Messe von Palestrina oder Allegris beeindruckendes „Miserere“, die Stimmen erinnern an Knabenchöre, die manchmal diese Art Musik singen. Es hat den Anschein, als würden hier, als ein Zeichen der Hoffnung, wieder Kinder erscheinen; und tatsächlich erscheinen sie auch in dem Kurzfilm zu diesem Song und singen diesen engelsgleichen Eröffnungschor (oder bewegen zumindest die Lippen dazu). Nach diesem ehrfürchtigen Moment wendet Jackson sich von dieser Tradition der hohen Kunst hin zur Musik der Kirche der Schwarzen, nicht nur in einem Song, sondern in zwei aufeinander folgenden. So viel zu den Vorwürfen, er würde seine schwarze Herkunft verleugnen. Hier wird es zu seiner Rettung, seiner Heimat, seiner Stärke, seinem Überleben; es vollendet Beethoven, damit wir nicht denken, Beethoven und die Tradition der weißen, hohen Kunst stünden für Vollendung in sich selbst. Sowohl in „Will You Be There“ als auch in „Keep The Faith“ bringt er die Andraé Crouch Singers – den Gospelchor, die ganze (schwarze) Gemeinschaft – zu seiner Unterstützung mit ein. Der Chor antwortet hier nicht in der typischen Art auf Jacksons Rufe, sondern mit einer Serie von Befehlen, ähnlich jenen in „Give In to Me“. Die Gemeinschaft ist nicht nur zur Unterstützung da, sondern um mit einer Stimme Heilung, Liebe, Fürsorge und Segnung zu fordern. Um es mit anderen Worten zu sagen, es ist nicht nur Jackson, der leidet, es ist die gesamte Gemeinschaft, und er gibt dieser Gemeinschaft seine Stimme.

Wenn auch die Fragen in „Will You Be There“ nicht im Text beantwortet werden, so werden sie es doch durch die Musik. Die Moll-Tonart wird durch eine heitere Dur-Tonart ersetzt. Gleich ab Beginn des Piano-Intros hört man einen tiefen, anhaltenden Ton in der Tonika, die fast durch das ganze Lied bestehen bleibt und uns im gegenwärtigen Augenblick erdet. Tatsächlich verlassen wir nie diese Tonika, weder in den Strophen noch im Refrain (sie wird ausgestaltet, aber wirkliche Veränderungen der Akkordfolge sind nur in der Bridge vorhanden). Es ist außergewöhnlich, eine Komposition zu erschaffen, die sich mehr oder weniger auf einen einzigen Akkord aufbaut. Jackson singt die ersten eineinhalb Strophen etwa eine Oktave unter seiner normalen Stimmlage (ja, er konnte so tief singen) und setzt dabei ein wunderschönes, warmes, entspanntes Timbre ein. In der Hälfte der zweiten Strophe steigt er um eine Oktave an, um die Intensität zu steigern, und diese Tonlage behält er für den restlichen Song bei. Der Song ist hauptsächlich auf dieser von Jackson so geliebten Modulation aufgebaut. Hier kommt sie nicht weniger als drei Mal zum Einsatz, hebt das Stück von D-Dur auf E-Dur, auf Fis und schließlich auf Gis (As). Das ist ein recht großer Anstieg. Und in dieser Lage endet auch der Song, wir gehen nicht an den Anfang zurück, wir sind ganz in dieser neuen Tonart angekommen, in dieser neuen Region. Wir sind dorthin aufgestiegen. Auch der eröffnende engelsgleiche Chor, der mich an eine Renaissance-Polyphonie erinnert, erscheint gegen Ende des Songs erneut, nachdem der üppige Chorgesang aufhört und wir ein instrumentales Zwischenspiel hören, zu dem der Chor summt; dieser Auftakt in Form eines „Renaissance“-Chorals ist jetzt ganz von der Sprache des Gospels übernommen worden, dieser hallend und entfernt wirkende, einer anderen christlichen Tradition zugeordnete Sound, wurde neugestaltet und geerdet. Jackson hat jedoch noch keinen Trost gefunden, stattdessen hat sein Singen sich zum Sprechen reduziert, etwas was wir bei ihm nur selten hören. Dieses Gebet – ich denke, so können wir es nennen – reicht hinab in die dunklen Winkel des Menschseins. Ich glaube, Jacksons Bekenntnis der „Gewalttätigkeit(en)“, die wir verüben, ist besonders erwähnenswert und ein in einem Popsong ungewöhnlicher aber deutlicher Inhalt, der die anderen Emotionen und Zustände erhöht, die er aus banaler Sentimentalität heraus beschreibt.

Soul_Michael+Jackson++WILL+YOU+BE+THERE

***

Ich wollte in die Musik dieser drei Songs eintauchen, weil Jackson sich darin auf seine spirituelle Reise begibt, größtenteils indem er dabei sehr geschickt viele unterschiedliche musikalische Sprachen zitiert. Seine musikalische Reise ist dabei Metapher für die spirituelle Suche. Auf die Kurzfilme, die für diese Songs gemacht wurden, bin ich kaum eingegangen. Meiner bescheidenen Meinung nach muss ich sagen, diese Kurzfilme werden der Musik nicht gerecht. Es ist absolut sinnvoll, dass er „Give In To Me“ auf einer Konzertbühne drehen lässt, da das sicherlich für Rock- und Metal-Videos am authentischsten ist, denn es geht dort in erster Linie darum, die Fähigkeiten der Musiker bei einem Liveauftritt zu zeigen. Außerdem konnte er so Slash in das Video integrieren, was Jackson für ein Publikum, das seiner Musik sonst sicherlich nicht zuhören würde, sehr glaubwürdig machte, da Guns N’ Roses zu dieser Zeit noch immer sehr populär waren.

Soul_slash and Mj GITM

Doch die parallel dazu erzählte Geschichte gewöhnlicher Paarstreitigkeiten scheint für einen Jackson Film zu simpel und verwässert sowohl die Kraft des Textes als auch der Musik. Und die Darstellung des einsamen Jackson in dem Kurzfilm zu „Who Is It“ durch erneutes Aufgreifen der Femme-Fatale-Thematik, scheint die Tiefe der Verzweiflung, mit der sich Jackson in diesem Lied beschäftigt zu trivialisieren. Es ist jedoch durchaus möglich, dass das, was ich wirklich vermisse Jacksons tanzender Körper ist, weshalb ich den Kurzfilm zu „Will You Be There“ als den erfolgreichsten der drei Filme sehe. Diese wunderschöne, sinnliche Choreografie, zusammen mit der erzählten Geschichte – die sich wirklich um das Teilen und die Rückforderung der Erde (eine Rückkehr dieses wichtigen Symbols) und dem, was wie ein heiliges Buch aussieht, dreht. Durch die Kostüme der Tänzer tritt in diesem Film auch Afrika wieder in Erscheinung – Jackson schien entschlossen, diesem Kontinent während dieser Zeit Präsenz zu verleihen.

Andererseits ist es ein zufälliger Film, zusammengeschnitten aus Ausschnitten der Performance des Songs bei den MTV Video Awards 1991, Konzertaufnahmen, Aufnahmen von Fans und von Jackson mitten unter Fans. Abgesehen vom Tanzen hat mich immer das Auto aus den der MTV Performance entnommenen Sequenzen beeindruckt. Dieses Auto ist da, weil genau vor „Will You Be There“ der Song „Black or White“ performt wurde. Trotz der Kontroversen über den „Panther Dance“ nach der nur zwei Wochen zuvor gezeigten Premiere des Songs, sang Jackson ihn bei der Award-Show mit diesem Auto, auf dessen Dach er tanzte, auch wenn er nicht den kompletten „Panther Dance“ darbietet. Ich denke, das wäre eine zu leichte Herausforderung für Jackson gewesen. Stattdessen verwandelt er die Performance dieses Songs in ein ausgewachsenes Metal-Rock-Fest und bedient sich abermals eines Musikgenres, um eine Aussage zu treffen. Slash performt mit ihm zusammen, und es ist diesem überlassen, die Ärgernis erregende Mülltonne von der Bühne zu kicken und am Ende seine Gitarre in das Auto zu schmettern. Vielleicht traf Jackson damit die Aussage, dass grundlose Gewalt (worauf es hier, im Gegensatz zu dem „Black or White“ Kurzfilm, hinausläuft) im Rock ‘n Roll völlig akzeptabel ist und sogar bejubelt wird. Warum lässt man es bei Slash durchgehen, aber nicht bei ihm? Warum ist diese besondere Art der Rock Rebellion cool, aber Rebellion gegen Rassismus tabu? Der Rap-Teil des Songs wurde komplett herausgenommen, um viel Raum für Slashs virtuose Vorführung zu schaffen, aber wie wirkt sich das auf die wunderbare Symmetrie des Songs und das Zusammenbringen grundverschiedener Musikrichtungen, um eine Aussage zur ethnischen Harmonie zu treffen, aus? Vorbei. Aber der vielleicht außergewöhnlichste Moment kommt erst, nachdem diese extravagante Vorführung beendet ist. Jackson beginnt „Will You Be There“ zu singen, angelehnt an dieses Auto. Als ob er die subversive Kunstform des Graffiti aus der editierten Version von „Black or White“ – mit diesen grässlichen rassistischen Sprüchen – wiederverwenden wollte, lehnt sich Jackson gegen dieses komplett mit Graffiti bedeckte Auto. Die Kamera bewegt sich über das Auto hinweg um einen einzelnen Slogan oben auf dem Dach zu zeigen: „Frauenrechte jetzt.“

***

Jackson „rang“ in seinem Werk mit „religiös geprägten, moralisch geformten und kulturell bedingten Themen“, schrieb Eric Dyson 1993; diese Themen bilden die Basis für das, was Dyson als Jacksons „eigene Vision afroamerikanischer Spiritualität“ bezeichnete. (25) Diese Gruppe von Songs auf Dangerous gibt Einblick in die mit am ausgiebigsten und umfassendsten Ausdrucksformen von Jacksons spirituellen Kämpfen, sein Ringen mit der Religion, der Seele, mit Betrug und Erlösung; ernste erwachsene Themen. Was Jackson so bemerkenswert gut gelingt – hier, aber auch überall in seiner Performance – ist die Möglichkeit der Katharsis (Erlösung), von der Dyson sagt, sie sei Teil der spirituellen Signifikanz seiner Darbietungen und „schaffe Raum für kulturellen Widerstand und gewissenhaftes Handeln“. (26) Jackson wusste, wie kraftvoll diese Art kathartische Performance sein konnte, 2007 sagte er, es sei genau das, was ihn an James Brown so fesselte: „Er gab eine Vorstellung, die dich fertigmachte, die dich emotional auslaugte. Seine gesamte körperliche Präsenz, das Feuer, das aus jeder Pore drang, war phänomenal. Du konntest jeden Schweißtropfen auf seinem Gesicht spüren und du wusstest, was er durchmachte.“ (27) Das war, was auch Jackson seinem Publikum geben wollte – er wurde zum Kanal für alle Arten von Erlösung, Erlösung im spirituellen Sinn. Interessanterweise ist eine Sache, die Jackson in dieser Gruppe von Songs erreicht – und die auch durch Rydens Cover-Kunst ausgedrückt wird – das Zusammenbringen hoher und niederer Kunsttraditionen, was uns ein weiteres Beispiel für seinen Wunsch nach Crossover gibt, dieses Mal nicht für kommerzielle Zwecke, sondern für sozialen Zusammenhalt.

…………………………………………………………

Übersetzung: M.v.d.Linden & Ilke

…………………………………………………………

Kopieren des Texts nur mit Genehmigung des Bloomsbury Verlags

© Dr. Susan Fast, 2014, Michael Jackson’s Dangerous, Bloomsbury Academic,
an imprint of Bloomsbury Publishing Plc.

………………………………………………………..

Fussnoten und Quellenverzeichnis:

http://all4michael.com/2014/12/18/fussnoten-und-quellverzeichnis-dangerous-von-susan-fast/

Michael Jacksons One Night Only – Das HBO Special, das nie stattfand

Übersetzung des Artikels von Damien Shields: 

Inside the King of Pop’s 1995 HBO special that never was; Michael Jackson One Night Only

http://www.damienshields.com/michael-jackson-one-night-only/

Am 25 Juli 1995 gab der King of Pop bekannt, dass er an einem später im Jahr gesendeten ‘TV-Special’ beteiligt sein würde. Das ‘Special’ mit dem Namen Michael Jackson: One Night Only würde ein intimes Konzertereignis sein, das auf der Bühne des historischen Beacon Theater in New York City stattfinden würde. Gefilmt am 8. und 9. Dezember vor einem Live-Publikum, sollte es am 10 Dezember, 20.00 Uhr, exklusiv auf HBO gesendet werden.

Michael Jackson: One Night Only wurde schliesslich nur wenige Tage vor dem Sendetermin abgesagt, weil Jackson nach einem Zusammenbruch auf der Bühne während der Proben am 6. Dezember, ins Krankenhaus gebracht worden war. Die Absage des ‘Specials“ warf einige Fragen auf, viele davon unbeantwortet. Bis heute rätseln die Fans über diese Show, die nie stattfinden sollte: Welche Songs hätte Jackson performt? Wie hätte die Produktion ausgesehen? Wurden die Proben gefilmt? Wessen Idee war das Ganze? War Jacksons Zusammenbruch echt oder gespielt? Warum gab es für das ‘Special’ nie einen neuen Termin? Und wie hätte sich das ‘Special’, hätte es stattgefunden, auf Jacksons Karriere ausgewirkt?

Also beschloss ich nachzuforschen und viele Personen, die an dieser Show in irgendeiner Weise beteiligt waren, zu befragen. In den vergangenen Monaten habe ich viele dieser Leute interviewt, und sorgfältig alle Informationen über das zusammengetragen, was möglicherweise das größte nie stattfindende Konzert aller Zeiten sein könnte.

Er hätte nicht mit mehr Leidenschaft dabei sein können“, sagt Jacksons damaliger Manager Jim Morey über die Begeisterung seines Klienten über dieses Konzert. „Es war sein Konzept. Michael wollte etwas tun, was er vorher nie in dieser Art getan hatte. Es gab immer neue Gipfel zu besteigen, und dieses HBO wäre etwas völlig neuartiges gewesen. Es stand komplett unter der Aufsicht von Michael und seinen Leuten. Er suchte den Direktor/Regisseur aus. Er wählte die Gast-Stars aus. Es wäre ein weiterer Karrierehöhepunkt für Michael gewesen, etwas, was kein anderer Entertainer zuvor erreicht hätte.“

Jackson, dessen History-Album erst 6 Wochen vor Bekanntgabe des Konzerts heraus gekommen war, fragte seinen langjährigen Freund, den renommierten Regisseur und Produzenten Jeff Margolis, ihn bei der Durchführung dieses Events zu unterstützen.

Michael kam zu mir. Ich kannte ihn schon, als er noch ein kleiner Knirps war und über die Jahre arbeiteten wir viele, viele Male zusammen,“ sagt Margolis, der auch 1990 das mit einem Emmy Award ausgezeichnete TV-Special Sammy Davis Jr, 60th Anniversary Celebration produziert hatte, sowie 1997 Happy Birthday Elizabeth: A Celebration of Live – in beiden Produktionen trat auch Jackson auf.

Gelegentlich kam er in mein Büro, und ich besuchte die Neverland Ranch, wir verbrachten etwas Zeit miteinander und unterhielten uns über alles Mögliche. Als Michael und sein Management sich für diese Produktion entschieden, wollten sie wirklich etwas neues ausprobieren,“ erinnert er sich. „Anstatt in diesen großen Stadien aufzutreten, wollte Michael etwas intimeres, etwas, was ihn für seine Fans und das amerikanische Publikum erreichbarer machte. Deshalb kam er mit dieser Idee und sagte zu mir, ‘ich möchte es im kleineren Rahmen. Wie würdest du es umsetzen?’ So kam es zustande.“

michael-jackson-jeff-margolis-

Michael Jackson und Jeff Margolis

Wir wählten das Beacon Theater in New York City aus,” ergänzt Margolis. “Es ist ein wundervolles altes Theater im Stil des Artdeco und wir wollten die Intimität dieses Theaters, damit Michael sich seinen Fans näher fühlen würde und die Fans sich näher zu ihm.“

Das war das, was Michael sich vorgestellt hatte,“ stimmt Mores zu. „Anstatt im Yankee Stadion vor 70.000 Menschen aufzutreten, fasst das Beacon Theater nur 3000 Personen, und es garantierte diese Nähe zu Michael, ähnlich wie Frank Sinatra es gemacht hätte. Es wäre nur der Mann und seine Musik, anstatt Lichteffekte, Feuerwerk und Gags.“

Ich glaube es zeichnet einen wahren Performer aus, jedes Publikum auf der ganzen Welt erreichen zu können, egal, wie groß,“ sagt Jackson, als er dazu befragt wird, eine Show vor einem kleineren Publikum zu geben. „Wenn du mit einer kleinen Gruppe eine Verbindung aufbauen kannst, entsteht Magie. Mit solchen Konzerten begann ich. (das HBO) ist intim. Es ist ganz nah dran. Ich kann dort vieles tun, was ich vorher nicht tun konnte.“

Werbespot für das HBO One Night Only Special

Als über das Konzept und den Veranstaltungsort entschieden war, begannen Jackson und Margolis mit der Planung der Show, und stellten ein Team zusammen, das ihnen bei der Umsetzung ihrer Vorstellungen helfen würde.

Die Musikstücke, die aufgeführt werden würden waren im Prinzip die, die Michael für geeignet hielt,“ erinnert sich Margolis. „Das ging von seinen alten Hits, bis hin zu seinem neuesten Material. Er wollte viele seiner alten Hits integrieren, weil jeder sie kannte.“

Margolis fährt fort: „Ich engagierte den Produktions-Designer, den ich für geeignet hielt, und ebenso den Licht-Designer und die Choreografen. Ich engagierte ein halbes Duzend Choreografen für diese Show, denn wir wollten, dass jede Nummer eine andere Atmosphäre vermittelt. Die Nummern sollten nicht alle gleich aussehen. Jeder Choreograf hatte 2 – 3 Nummern zu gestalten. Ich stellte Jamie King ein (der die posthumen Cirque du Soleil Shows choreografierte) und ich stellte einen Choreografen namens Barry Lather ein, der jetzt Ushers Choreograf ist.“

Ich kam auf Wunsch von MJ und Jeff als Berater dazu,“ erinnert sich Kenny Ortega, der Direktor von Jacksons Dangerous World Tour 1992 -93 war. Jeff ist ein guter Freund und wir arbeiteten zusammen an vielen musikalischen Projekten.”

Ich engagierte Kenny Ortega um die ganze Sache zu leiten,“ erklärt Margolis. „Kenny und ich sind wirklich gute Freunde und hatten schon ziemlich viel zusammen gearbeitet. Er hatte schon zuvor mit Michael gearbeitet und ich wußte, dass Michael ihn wirklich mochte, und er liebte die Zusammenarbeit mit Michael. Und ich dachte mir, ich engagiere ihn als Leitung für all die anderen Choreografen. Er sagte zu und Michael fühlte sich gut damit, dass er es beaufsichtigte.“

Zusätzlich zu Ortega wurde auch noch Debbie Allen, eine langjährige Freundin und Tanzikone von Michael, als leitende Choreografin engagiert. „Weil sie sich so gut kannten, dachte ich es wäre gut, Debbie dabei zu haben,“ erinnert sich Margolis.

Kenny und Debbie sollten den Trupp junger Choreografen bei ihrer Aufgabe unterstützen und ihnen helfen, den Terminplan einzuhalten,“ sagt Lavelle Smith Jr, ein weiterer Choreograf der Show. „Jeff Margolis brauchte Leute, von denen er wußte, dass sie mit uns jungen Tänzern und Choreografen umgehen konnten.“

Smith, der bei der Choreografie der „Dangerous“-Nummer mitarbeitete, die Jackson während der Eröffnung der MTV Music Award Show am 7. September 1995 performte, erinnert sich an eine Reise nach Europa, zusammen mit Jackson, seinem Mit-Choreografen Travis Payne und einer Entourage von Tänzern, um am 4. November 1995 an einem Promotion-Auftritt in der Deutschen TV-Show Wetten Dass teilzunehmen – nur etwa 5 Wochen bevor das HBO Special hätte stattfinden sollen.

Lavelle Smith Jr. und Travis Payne performen “Dangerous” live mit Michael Jackson bei Wetten Dass am 4. November 1995.

Travis und ich waren gerade mit Michael aus Europa zurück gekommen und wir hatten noch keinen das HBO betreffenden Anruf erhalten,“ erinnert sich Smith. „Michael dachte aber, wir wären schon informiert, denn als wir Europa verliessen sagte er, ‘Ich sehe euch in New York’, aber wir hatten keinen Anruf erhalten. Also lies Michael jemanden unsere Flüge buchen und schon waren wir in New York. Ich erinnere mich noch an das erste Treffen mit den ganzen Choreografen und ich dachte, was ist hier los? Es waren so viele Leute dort. Fast ‘zu viele Köche in der Küche’. Jeder bearbeitete eine oder zwei Nummern.“

Uns wurde gesagt, wir würden an einer ikonischen TV-Show arbeiten, die für Michael Geschichte schreiben würde,“ erinnert sich Barry Lather. „Es waren verschiedene Choreografen beteiligt, und es war spannend, weil jeder Choreograf etwas ganz neues und besonderes für Michael realisieren wollte; neue Konzepte, neue Tanzschritte entwickeln und eine epische TV-Show erschaffen wollte.“

Die Proben für das ‘Special’ fanden in den Sony Studios in New York City statt, mit bis zu einhundert Tänzern, die kamen und gingen, um ihren speziellen Teil zu proben.

Es war eine Team Leistung, aber wir arbeiteten alle separat,“ fügt Lather hinzu. „Es fühlte sich alles streng geheim an. Jeder arbeitete an seiner speziellen Performance, hinter verschlossenen Türen. Wir sahen uns nicht die Arbeit der anderen Choreografen an. Es war wirklich ein einzigartiges Projekt, dem wir uns alle verpflichtet hatten.“

Alles war sehr separiert,“ sagt Smith. „Wir waren mit 25 Tänzern in den Sony Studios. Wir hielten unsere Sachen vor den anderen geheim, denn wir wollten alle unsere Nummer zur besten machen und die anderen überraschen. Nach dem ersten Treffen sah ich die anderen Choreografen so gut wie nicht mehr. Manchmal traf ich Jeff Margolis und Michael sah ich fast täglich, aber ich denke, Jeff lies uns machen, damit er sich darum kümmern konnte, wie es gefilmt werden sollte. Er lies uns unseren Freiraum, weil er wusste, dass wir unter Druck standen, und „Dangerous“ würde eine große Tanznummer werden.“

Die für die Frisuren und das Make-Up zuständigen Leute hatten sich mit den Choreografen abgesprochen,“ erklärt Margolis. „Die Chroeografen wussten, was sie für Michael Jackson benötigten und was sie für die Tänzer brauchten, und sie übertrugen das alles Michael Bush. Sie arbeiteten alle synchron. Und Brad Buxer koordinierte die Musik mit Michael, und Michael anschliessend mit den Choreografen.“

Die Tanznummern wurden alle in den Sony Studios geprobt, und Brad Buxer probte mit der Band woanders, denn er brauchte auch ein Symphonieorchester und deshalb mehr Platz zum Proben, deshalb konnten wir nicht alles an einem Ort proben,“ sagt Margolis. „Aber bevor Brad begann mit dem Orchester zu proben, war er ständig bei den Tanz Proben, um sicherzustellen, dass die Musik passte und die Choreografen hatten, was sie brauchten. Alles lief synchron. Der Beleuchter kam und sah sich die Proben an, damit er wußte, wie er es richtig auszuleuchten hatte.“

Auch wenn ich der verantwortliche Produzent der Show war, gab es Dinge um die ich mich nicht zu kümmern brauchte,“ erklärte Margolis. „Eines davon war der Bereich von Brad Buxer und alles, was mit der Musik zu tun hatte. Das hat er erledigt. Ich war für die Choreografen verantwortlich, für Michael und alles, was damit zusammenhing. Brad und sein Team kümmerten sich um die Musik. Michael Bush kümmerte sich um die Kostüme. Die Choreografen arbeiteten eng mit Bush zusammen um alles Nötige zu bekommen. Wenn ich Choreografen engagiere, vertraue ich ihnen. Die meisten waren Choreografen mit Erfahrung im TV-Bereich. Sie wissen, was vor Fernsehkameras und dieser Beleuchtung funktioniert, und welche Materialien bei den Kostümen geeignet sind und welche nicht. Also musste ich mich nicht um diese Dinge kümmern. Natürlich möchte ich auf dem Laufenden gehalten werden und die Designs sehen, bevor sie auf die Bühne kommen, und so war es auch, aber ich muss nicht in den kreativen Prozess eingebunden sein.“

Als sie an der Neugestaltung einiger seiner klassischen Tanznummern arbeiteten, liessen sich Jackson und seine Choreografen von unterschiedlichen Quellen inspirieren.

Für „Dangerous“ kam die Inspiration von dem dystopischen Krimi Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange),“ erklärt Smith, der das neue Stück zusammen mit Payne choreografierte. „Die Bilder, die Farben und die Stimmung, die man in diesem Film sehen kann. Es wäre sehr reduziert gewesen. Ich erinnere mich an die Musik, die Brad Buxer mir gegeben hatte. Es war genau das, was ich wollte. Wow. Ich sagte ihm nur, reduziere es. Er bearbeitete eine Version, und ich glaube, ich fragte ihn, noch mehr herauszunehmen, und wir bekamen genau das Passende. Das ist es! Es passte zu dem Film, gab die Stimmung wieder, es war fantastisch.“

Zur neuen „Dangerous“ Komposition sagt Smith, dass er und Payne eine zu Beginn des Songs sehr reduzierte Version hatten. Noch reduzierter als die Versionen, die Michael 1999 in Seoul und München performte. Wenn wir auf die Bühne kommen, klang es zuerst noch nicht einmal wie „Dangerous“. Und die Tänzer: wir waren wie ein Haufen Verrückter. Wenn du den Film gesehen hast, verstehst du es.“

Michael Jackson Dangerous Seoul

http://rutube.ru/video/e812ab0f392f0a6f6a21bf61803d2f6b/

Video: Michael Jackson performt eine ‘reduzierte’ Version von “Dangerous” bei seinem Konzert in Seoul, Juni 1999.

Michael mochte die Original “Dangerous“ Performance sehr, aber die Leute sagten immer zu ihm, ‘du zeigst diese Nummer ständig. Du musst sie verändern. Die Leute sehen sich satt daran.’ Deshalb gingen wir in diese Richtung; Stanley Kubrick’s Uhrwerk Orange. Es war verrückt und funky. Michael Bush kaufte 25 Bowler-Hüte (Melonen), die Jockstraps (Genitalschutz) und jeder hatte seine Kampfstiefel. Wir hatten die langen Wimpern an einem Auge und alles. Die ganze Nummer.” 

Das Set war nackt, denn wir selbst waren das Set,“ erklärt Smith zu der Art, wie „Dangerous“ auf die Bühne gekommen wäre. „Wir wollten es genau so. Es war eine wie von Fosse inspirierte Performance. Weniger ist mehr. Und wir hätten Naomi Campbell dabei gehabt. Sie hätte einmal die Bühne durchkreuzt. Es wäre fantastisch geworden.“

Für einige Songs wollte er Tänzer und sie sollten sehr durch-choreografiert sein. Bei anderen Songs wollte er einfach alleine auf der Bühne stehen,“ erinnert sich Margolis. „Und es gab ein paar Lieder, wo ich nur ihn alleine haben wollte, und ein paar, für die ich Choreografien wollte, und wir hatten in diesen Dingen ziemlich die gleichen Vorstellungen. Seine klassischen Hits wie „Beat It“ wurden mit Tänzern aufgeführt. Ich erinnere mich noch an die brillante Choreografie für diese Nummer.“

Oh ja,“ erinnert sich Smith bei der neuen „Beat It“ Performance. „Travis und ich arbeiteten daran. Es gab einige neue Teile darin und am Ende die klassische Tanzchoreografie. Man muss das Klassische beibehalten. Der Rest der Nummer, der zu diesem Teil hinführt, hätte sehr viel im Stil von Kung Fu enthalten. Wir waren von Kung Fu Filmen inspiriert. Michael bestellte uns ein paar Bruce Lee Filme. Wir versuchten uns in dieses Metier ein zudenken.“

Es musste anstrengend für ihn gewesen sein, denn er hatte für diese Show nicht nur eine Probe am Tag; er hatte fünf oder sechs,“ fügt Smith hinzu. „Es war ein umfangreiches Unternehmen. Wäre er einer dieser Künstler gewesen, die nur dastehen und die anderen um sich herum tanzen lassen, wäre es in Ordnung gegangen, aber das ist nicht Michael. Er musste an den Nummern beteiligt sein. Er inspirierte die Stücke. Damit ist viel Druck verbunden und viel Arbeit. Unsere Tage waren lang, und ich weiß, dass seine Tage dann besonders lang waren.“

Eines der Stücke, an dem Jackson eifrig arbeitete um es zu proben und zu erlernen, war die neue Interpretation von „Thriller“ von Barry Lather.

Michael-Jackson-and-Barry-Lather-onset-at-Captain-EO

Barry Lather und Michael Jackson 1986 am Set von Captain EO

Für „Thriller“ hatte ich mir etwas in der Richtung Industrial Punk/Rock mit Anspielungen auf das „Spion-Genre“ ausgedacht,“ erinnert sich Lather, der schon 1986 als Tänzer in Captain EO mit Jackson zusammen gearbeitet hatte. „Wir hatten 20 Tänzer in Trenchcoats, Hüten und Taschenlampen. Es war sehr speziell, ausgefallen und originell. Ich versuchte, „Thriller“ auf eine neue Art zu zeigen, was seine Herausforderung war.

Die Inszenierung für „Thriller“ war, wie schon erwähnt, sehr ausgefallen und originell, mit einer industriellen „Lagerhaus“ Stimmung. Starke schwarz-weiß Kontraste. Es war keine sehr farbenfrohe Inszenierung, aber mit starker, ‘rockiger’ Beleuchtung.“

Michael erlernte die gesamte neue Thriller Routine,“ erklärt Lather. „Er lernte die Choreografie, wenn sonst niemand im Raum war. Ich war beeindruckt davon, wie Michael die Choreografie durch Zuschauen erlernte und wie er sie nur durch das Zusehen verinnerlichte.“

Sie gefiel ihm sehr gut, und er beherrschte die neue Choreografie,“ fügt Lather hinzu. „Sie beinhaltete neue Bühnenelemente und neue Tanzbewegungen. Ich hatte mit den Tänzern für etwa 12 Tage geprobt und war bereit, es Michael zu zeigen und als er sie zum ersten Mal ansah, entschied er sich, sie zu lernen. Während der Performance sprach ich mit ihm über seine Einsätze. Als wir sie für ihn tanzten, nahm ich seine Position ein, damit er die Inszenierung nachvollziehen konnte und sah, wie die Aufmerksamkeit gelenkt würde. Es war wirklich aufregend und ich weiß noch, dass ich mit allem sehr ins Detail ging. Ich wollte, dass es perfekt würde, und dass ihm die Choreografie und die Performance gefallen würde.“

Jackson gefiel die neue „Thriller“ Routine sogar so gut, dass einige der Tanzschritte Lathers in seinem Film Ghosts von 1996 wiederverwendete.

So wie bei „Thriller“ wurde Lather auch beauftragt, „Smooth Criminal“ neu zu gestalten. Er arbeitete daran, aber leider wurde es nie ganz fertiggestellt und realisiert.

Auch für „Smooth Criminal“ hatte ich ein neues Konzept, aber wir kamen während der Proben nicht dazu, dieses neue Konzept auszuarbeiten,“ erklärt Lather. „Aber es war völlig anders und gab dem Song eine neue Richtung.“

Michael Jackson singt “You Were There” während dem von Jeff Margolis produzierten Sammy Davis, Jr. 60th Anniversary Celebration TV Special 1990.

One Night Only war eine Abkehr vom typischen Rock-Konzert Stil der Performance, die Jackson während der Touren der letzten 10 Jahren gezeigt hatte, deshalb waren auch Bühnenaufbau und Set anders wie das, was die Fans vom King Of Pop gewohnt waren.

Das Set war wirklich hübsch,“ erklärt Margolis. „Um die Bühne herum war ein komplettes Orchester gruppiert, der hintere Bühnenteil hatte zwei Ebenen; es gab Musiker auf der zweiten Ebene und darunter. Und seitlich war seine normale Band. Dort waren Brad Buxer und alle, die auch sonst mit ihm spielten,“ inklusive Ricky Lawson am Schlagzeug, David Williams und Jennifer Batten an der Gitarre und Siedah Garrett für den Background Gesang.

Es war sehr spektakulär,“ führt Margolis fort. „Die Lichtdesigner hatten mit den Bühnenbildnern zusammen gearbeitet, und es war so beleuchtet, dass die Band hervorgehoben werden konnte, als Silhouette erschien oder ganz ausgeblendet werden konnte. Und wenn sie verschwunden waren, wurde die Bühne zu einem wunderschönen Sternenhimmel. Es sah aus, als würde Michael im Weltraum schweben. Der Boden glänzte dunkel und alles andere sah aus, als ob man in einen Sternenhimmel blickte. Es war sehr beeindruckend.“

Wir hatten sogar eine kleine Bühne ins Publikum hinein gebaut, abseits von der Hauptbühne, damit er dort ein oder zwei Nummern performen und das Publikum berühren könnte und damit sie ihn berühren könnten. Es war sehr spektakulär. Es war warm und sehr persönlich. Es war eine runde Bühne in der Mitte des Publikums. Sie war sehr klein und durch einem Steg mit der Hauptbühne verbunden.“

michael-appears-onstage-with-mime-marcel-marceau-at-the-beacon-theatre-in-new-york(86)-m-11

Die Nummer des One Night Only Konzerts, über die am meisten berichtet wurde, war Jacksons Interpretation von „Childhood“, zusammen mit einem Gastauftritt des legendären französischen Pantomimen Marcel Marceau.

Ursprünglich sollte es gar keinen Gastauftritt geben,“ fügt Margolis hinzu. „Es sollte allein Michaels glänzender Augenblick sein. Die Bühne wäre nur für Michael da gewesen. Und dann hatte er die Idee, dass Marcel Marceau „Childhood“ als Pantomime darstellen könnte, und das war brillant. Er war der perfekte Gast für diese Show.“

Ihm gefiel das Poetische an der Pantomime,“ erinnerte sich Marceau in einem Interview. „Er sagte, er habe einen Song mit dem Titel „Childhood“ geschrieben. Er sagte, ‘Es würde mir gefallen, wenn du diesen Song auf der Bühne darstellen würdest, und ich es mit dir zusammen tun könnte. Die langsamen Bewegungen dieses Charakters wären wundervoll’“ Marceau stimmte einer Zusammenarbeit mit Jackson bei diesem Stück zu und die beiden arbeiteten die Vorgehensweise aus.

Wenn du am Telefon bist, ist eine mündliche Vereinbarung noch weit von einem Vertrag entfernt,“ erklärte Marceau. „Also sagte ich zu Michael, ‘ ich gebe dir meine Pariser Nummer. Ruf mich an, wenn du magst und wenn wir zusammen arbeiten, machen wir ein Script.’ Nicht lange nach diesem Gespräch rief er mich zuhause an. Er fing an, mir den Song am Telefon vor zu singen. Ich fragte, wie er sich unsere Zusammenarbeit dabei vorstelle. ‘Schicke mir ein Script dazu.’ Er antwortete ‘Nein, ich möchte, dass du es choreografierst und dann machen wir es gemeinsam. Ich werde einen Vertrag vorbereiten.’“

Michael bewunderte ihn sehr, und ich musste den Vertrag mit ihm aushandeln,“ erinnert sich Morey. „Er ist nicht einer der Künstler, der üblicherweise Gastauftritte absolviert. Ich erinnere mich, dass Marcel Marceau zu mir sagte: „Was genau möchte Michael haben?“ Und ich antwortete ihm, dass ich es noch nicht wisse, aber wir werden zusammenkommen und ihr beide könnt es gemeinsam ausarbeiten. Es waren schwierige Verhandlungen mit seinem Manager um seine Zustimmung zu einer Sache bekommen, ohne dass er genau wußte, auf was er sich einliess. Ich sagte ihm etwas wie ‘Zwei der kreativsten Genies der Welt können sich sicherlich zusammensetzen, um etwas auszuarbeiten.’“

Als Morey den Vertrag erfolgreich ausgehandelt hatte, flog Marceau in die USA und begann mit Jackson zu arbeiten.

Michael Jackson war in großartiger Form als er mich begrüßte. Er war glücklich, mich zu sehen und wir begannen sofort mit der Arbeit,“ erinnerte sich Marceau. „Er wollte etwas konkretes. Mimen ist eher geheimnisvoll-kryptisch; du kannst in einem Song keine keine Gesten imitieren, es muss eine Art Operette werden und „Childhood“ ist lyrisch ein großartiger Song. Für diese spezielle „Childhood“ Version lies mir Michael die Freiheit, zu tun, was ich wollte. Aber ich fragte Michael, ob ihm das, was ich mit dem Song machte, gefiel, man könnte also sagen, wir arbeiteten zusammen. All das fand in [in New York City] statt. Der direkte Kontakt zu Michael war unerlässlich.“

Die Bühne war stockdunkel, Michael stand in einem Spotlicht und Marcel Marceau in einem anderen,“ erklärt Margolis. „Das war die ganze Beleuchtung dafür. Michael war ein wenig weiter oben auf der Bühne als Marcel und in einem etwas kleineren Spot. Marcel tanzte weiter vorne auf der Bühne in einem etwas grösserem Spot, denn er hatte mehr Bewegungen. Michael stand dort und sang den Song, und Marcel mimte die Lyrics. Es war atemberaubend.“

Michael Jackson und Marcel Marceau im Beacon Theater am 4. Dezember 1995

Es gibt da eine bestimmte Passage (in „Childhood“), in der er von Piraten, Königen und Eroberungen spricht,“ erklärte Marceau. „Die Transformation von einem Piraten zu einem König auf der Bühne zu vollziehen; nur durch Pantomime… Pantomime ist schliesslich die Kunst der Metamorphose. Für einen Tänzer ist das schwer umzusetzen. Michael hatte meine Arbeit gesehen und wusste dass ich die wesentlichen Themen und Konzepte ausdrücken kann. Am Ende von „Childhood“, dem Duett, kam er dann zu mir und sang ‘Have you seen my Childhood?’ Und mit einer Handbewegung zeigte er den Weg. Wir beendeten das Stück gemeinsam… als ein Körper in gemeinsamer Bewegung. Es war sehr, sehr pur. Poetisch. Für mich ist Michael Jackson ein wahrer Poet; ein großer Poet des Gesangs. Er ist auch ein aussergewöhnlicher Tänzer, ein Darsteller mit großem Respekt für das Theater, für Musik und Film. Michael war mit unserer gemeinsamen Arbeit an „Childhood“ sehr glücklich.“

Es ist wunderbar! Ich liebe diese Version von Childhood,“ sagte Jackson Jahre später in einem Interview. „Es ist seltsam, niemand hat es je gesehen. Da gibt es Dinge wie dieses und niemand wird sie jemals sehen. Es war wundervoll.“

Marcel war Michaels einziger prominenter Gast der Show,“ erinnert sich Margolis. „Es war eine der brillantesten TV Produktionen, an der ich beteiligt war.“

Weitere geplante Nummern, die die Welt nie zu sehen bekam, waren neue Versionen von „The Way You Make Me Feel“ und „Bad“, dazu noch die Performance von „Earth Song“, „You Are Not alone“, “Black or White”, “Smooth Criminal” und “Smile”.

Da gab es auch noch ein hübsches Mädchen, mit dem Michael eine Solo-Tanznummer aufführen wollte,“ erinnert sich Morey. „Sie war Michael von Jeff Margolis vorgestellt worden. Ich erinnere mich nicht mehr an ihren Namen, aber daran, dass sie wunderschön und talentiert war und dass Michael durchaus von ihr eingenommen war.“

Die restliche Show bestand aus Michael, Michael, Michael,“ sagt Margolis. „Und das sollte auch so sein. Und man sollte dabei jede Facette von Michael sehen, soweit es in diesen zwei Stunden möglich war.“

Es gab sogar Gespräche darüber, dass Michael eine völlig neue Choreografie für „Billie Jean“ machen sollte, seiner wohl kultigsten Tanznummer überhaupt. „Ich erinnere mich daran, dass sie versuchten ihn dazu zu überreden,“ erinnert sich Smith. „Aber wozu? Sie wollten, dass er alles verändern würde. Von seinem Tanz bis hin zu seiner Frisur.“

Es ist nicht auszuschliessen, dass Jackson während des One Night Only Specials tatsächlich eine neue Version von „Billie Jean“ gezeigt hätte. Als er Jahre später nach dem Stück gefragt wurde, welches er am liebsten aufführe, sagte Jackson, es sei „Billie Jean“, „aber nur „wenn ich es nicht immer auf die gleiche Art machen muss. Das Publikum will etwas bestimmtes sehen. Ich muss den Moonwalk in diesem Spott machen. Ich würde gerne eine andere Version zeigen.“

Michael war klug,“ sagt Smith. Am Ende hätte er doch nur das getan, was er wollte. Wenn die neue Nummer nicht fertig gewesen wäre, hätte er einfach gesagt, okay, dann nehmen wir die klassische Version. Und das Publikum möchte die Klassiker sehen. Auch wenn die neuen Sachen sehr gut sind, sie vermissen die Klassiker.“

Trotz des Umstandes, dass das HBO Special darauf abgestimmt war, sehr publikumsnah zu sein, ein „nur der Mann, nur die Moves, nur die Musik“- Event, spielten Jackson und sein Team dennoch mit Ideen für eine mit spektakulären Spezialeffekten unterstütztes Erscheinen auf der Bühne herum. Ähnlich der Art, auf die er etwa ein Jahr später bei der HIStory Tour die Konzerte begann, interessierte sich Jackson für ein virtuelles Video-Intro, was ihn dabei zeigte, wie er zu dem Veranstaltungsort flog, und sich auf der Bühne aus der Filmfigur in sich selbst transformierte. „Er hatte einen Modellflug über New York City vorbereitet,“ erinnert sich Morey, „und es hätte ausgesehen, als ob Michael irgendwo mit einem Jet-Pack gestartet wäre und dann in diesem kleinen, netten Theater Downtown New York gelandet wäre, um diese Show zu performen. Aber es hätte nicht in echt verwirklicht werden können, es hätte mit dem Einsatz von Spezialeffekten gemacht werden müssen.“

Laut Margolis hätte Jackson sein Publikum dann damit überrascht, dass er „mit dem Jetpack durch einen der Eingänge gekommen und über das Publikum geflogen wäre, um auf der Bühne zu landen. Die Leute, die mit den Spezialeffekten arbeiten, und sich immer um Michaels Raketen und seinen Flug kümmerten, wären auch darin integriert gewesen. Es war eine einfachere Version von dem, was er in einem Stadium zeigen könnte. Wenn man so etwas in einem geschlossenen Veranstaltungsort macht, gibt es viele Sicherheitsauflagen von der Polizei und der Feuerwehr. Wir waren dadurch eingeschränkt, deshalb war es nur eine abgespeckte Version von dem, was er in der Vergangenheit gezeigt hatte, aber dieses Mal wäre er selbst geflogen.“

Michael-Jackson-Jet-Pack-2-e1419711560278

Der spektakuläre Abgang mit dem Jetpack von der Bühne während der Dangerous World Tour.

Als die Zeit verging und die Termine für die Aufzeichnung am 8. und 9. Dezember näher kamen, wurde deutlich, dass einige Nummern, wie „Thriller“ fertiggestellt waren, aber andere noch nicht. Am Ende hätten einige der neuen Versionen, darunter auch Smiths und Paynes „Uhrwerk Orange Dangerous“ (wie Jackson es nannte), nicht Teil der Show sein können.

Ich bekam den Eindruck, dass er entweder von den neuen Nummern überfordert oder sich damit nicht ganz sicher war,“ erinnert sich Smith, „und wir gingen wirklich langsam voran, weil es so gut wie nur möglich werden sollte, aber wir hatten für die Vorbereitung nicht so viel Zeit wie normalerweise.“

Es kam zu dem Punkt, an dem er uns einen Termin setzte und sagte, in drei Tagen müsse alles fertig sein,“ sagt Smith. „Also sagte Michael: „Wisst ihr was? Wir nehmen einfach das alte Dangerous.“ Die meisten Tänzer kannten es und den anderen brachten wir es bei. Es wäre das klassische Michael Jackson Dangerous geworden, denn er liebte es einfach und er kannte es in und auswendig.“

Wäre es neu, aber nicht so gut wie das Original, wäre es rausgeflogen und er hätte es durch die klassische Version ersetzt. Und die wirklich guten Versionen wären geblieben, so wie „Thriller“. Das neue „Thriller“ war wirklich gut. Ich weiß, dass Michael es sehr mochte. Es wäre eine großartige Show geworden, auch wenn nicht alles neu gewesen wäre. Man hätte Neues und Altes nebeneinander gehabt. Es wäre fantastisch geworden.“

Das Gefühl, dass die Show und einzelne Nummern nicht rechtzeitig fertig würden, um Teil der Show zu sein, kam teilweise daher, dass, wie Smith und Lather schon bemerkten, der gesamte Prozess so aufgeteilt war, dass keiner wußte, was der andere tat, oder wie weit sie schon vorangekommen waren.

Keiner hatte mit dem anderen zusammen an einem Ort geprobt, bis wir in das Beacon Theater umzogen,“ erklärt Margolis. „Im Beacon Theater waren wir insgesamt für etwa 7 Tage. Wir bauten das Set auf, die Beleuchtung und die ganze technische Ausstattung. Ich glaube, wir probten 4 Tage lang auf der Bühne, und am ersten Tag war Michael nicht da, weil es hauptsächlich eine Tanzprobe für die Tänzer war, damit sie ein Gefühl für die Bühne bekamen. Dann kam Michael dazu und probte den zweiten, dritten und vierten Tag mit. Sein erster Tag war nur ein halber Probetag, an den anderen beiden probte er den ganzen Tag.

Am 6. Dezember, kurz vor 17.00 Uhr, während der zweiten von mehreren geplanten Kostümproben im Beacon Theater, und nur zwei Tage nachdem er mit Marcel Marceau in den Medien das HBO Special angekündigt hatten, kollabierte Jackson auf der Bühne.

Er fühlte sich schon seit ein paar Tagen krank und unwohl,“ erinnert sich Lather, der früher an diesem Tag seine neue „Thriller“ Performance mit Jackson aufgezeichnet hatte. „Später an diesem Nachmittag, als wir weitere Kameraproben machten, kollabierte er auf der Bühne und musste sofort ins Krankenhaus gebracht werden.“

michael-jackson-marcel-marceau-childhood-ending-e1419704696355

Michael Jackson und Marcel Marceau auf der Bühne des Beacon Theatre am 4. Dezember 1995 – nur zwei Tage vor Jacksons Zusammenbruch.

Obwohl Lather sagt, Jackson hätte sich schon seit ein paar Tagen unwohl gefühlt, hatte Marceau, der auch mit Jackson an den Tagen vor dem Zusammenbruch geprobt hatte, und als Zeuge anwesend war, bei Jackson kein Unwohlsein bemerkt.

Ich hätte sicher etwas bemerkt,“ erinnerte sich Marceau. „Es gab keine Anzeichen dafür, dass er kurz vor einer Krise stand… Ich war im Beacon Theater und sah den Proben zu, sie waren wunderbar. Michael war mit 15 Tänzern auf der Bühne. Ich holte mir kurz etwas zu trinken und dann war da plötzlich eine große Stille. Er stoppte alles. Kurz zuvor war die Musik laut, die Lichter grell, und dann, einen Augenblick später war alles still, es war, als wäre die Welt stehen geblieben.“

Wir standen alle auf der Bühne,“ erinnert sich Smith, „und sahen ihn zum Bühnenrand gehen und zusammenbrechen, er schlug mit dem Gesicht auf das Gitter auf der Bühne.“

Er hatte die Hände seitlich vom Körper, in einer hielt er das Mikrophon, und fiel mit dem Gesicht voran auf das Metallgitter,“ erinnert sich Michael Prince, einer der Toningenieure der Show. „Er streckte nicht einmal die Arme aus, um den Sturz abzufangen. Es war beängstigend. Und er fiel hart. Es wunderte mich, dass er sich an dem Gitter nicht die Nase oder den Kiefer brach.“

Das Metallgitter ist Teil der Bühne und ist extra im Boden eingebaut. Jackson braucht es, für besondere Effekte bei Nummern wie z.B. „Black Or White“, wenn bei grellem Licht Wind und Rauch unter ihm aus dem Gitter blasen. Zeugen erinnern sich daran, dass es während der Kamera Probe von „Black Or White“ war, als Jackson zusammen brach.

Er war ohnmächtig,“ sagt Margolis. „Er stürzte hart und stiess sich an dem Gitter so heftig den Kopf, dass er sofort weg war.“

Er war zusammengebrochen, verlor das Bewusstsein und lag am Boden,“ erinnerte sich Marceau. „Wir waren alle wie gelähmt. Es waren Leute bei ihm, er bewegte sich nicht. Die Notärzte trafen ein und ich war sehr beunruhigt, als ich zur Bühne sah.“

Seine Bodyguards bildeten einen schützenden Kreis um ihn, sie hielten ihre Jacken vor ihn, damit er etwas Privatheit hatte,“ sagt Prince. „Jemand schrie nach einer Ambulanz, und innerhalb weniger Minuten trafen sie ein.“

Ich habe die 9-1-1 angerufen,“ erinnert sich Morey. „Er atmete, aber er reagierte nicht. Ich dachte, er hätte möglicherweise einen Herzinfarkt.“

Ich muss sagen, dass die Ambulanz sogar bei dem Verkehr in dieser Stadt in weniger als 5 Minuten zum Beacon Theater kam. Es war unglaublich,“ sagt Margolis. „Zuerst untersuchten sie ihn, als er am Boden lag, dann legten sie ihn auf eine Trage, schoben ihn in die Ambulanz und rasten davon. Sie waren schnell wie der Blitz.“

Jackson wurde ins Beth Israel Medical Center North in die 170 East End Avenue auf der Upper East Side von New York gebracht. Inzwischen wurde in der Lobby des Beacon Theaters ein Meeting einberufen.

Prince erinnert sich, dass nachdem Jackson ins Krankenhaus gebracht worden war, „über die Sprechanlage des Beacons eine Durchsage gemacht wurde und alle Tänzer, die Band und die gesamte Crew gebeten wurden, sich in der Theaterlobby zu versammeln.“

Es sah aus, als würde die ganze Show abgesagt oder verlegt,“ erinnert sich Lather. „Keiner wußte, was an dem restlichen Tag noch getan werden sollte. Wir waren noch immer bei der Kameraeinrichtung und der Probeaufzeichnung und setzten mit Jeff Margolis die Show zusammen. Die Show war nie von Anfang bis Ende durchgespielt worden; bisher war die Produktion dazu nicht bereit gewesen. Es standen noch einige Tage Probeaufzeichnung und Kameraeinrichtung an.“

Schliesslich wurde beschlossen, dass die Show, oder zumindest die Proben zu dem Zeitpunkt ohne Jackson fortgeführt würden, der an dem Abend sowieso nicht im Beacon Theater eingeplant war. Jackson hätte an diesem Abend an den Billboard Music Awards 1995 im New York Coliseum teilgenommen, wo er den Special Hot 100 Award für seine überragenden Leistungen in den Charts entgegengenommen hätte. Stattdessen lag Jackson im Krankenhaus und Ärzte arbeiteten daran ihn zu stabilisieren.

Die Crew und Besetzung von One Night Only fuhr an diesem Abend und am nächsten Tag, an dem Jackson seinen persönlichen, aus Los Angeles eingeflogenen Arzt Dr. Allan Metzger erwartete, mit den Proben und der Kamerapositionierung im Beacon Theater fort.

Quentin Schaffer, Media Relations Vizepräsident von HBO, gab am Abend des Zusammenbruchs ein kurzes Statement heraus, in dem er der Öffentlichkeit mitteilte, Jackson sei ‘stabilisiert’ und die Proben gingen weiter. Schaffer sagte auch, es sei aber unklar, wie es mit dem Special weitergehe, da momentan Jacksons Gesundheit oberste Priorität bei HBO habe.

John Hanchar, ein Sprecher der E.M.S. berichtete, Jacksons Blutdruck sei mit 70 zu 40 extrem niedrig gewesen, als die Sanitäter nur 4 Minuten nach dem Kollaps im Beacon Theater eingetroffen waren.

Dr. William Alleyne II war im Dezember 1995 Leiter der Notfallambulanz im Beth Israel North Hospital, und für die Versorgung des King Of Pos zuständig, was ihm das Leben rettete.

Mr Jackson war in kritischem Zustand,“ sagte Alleyne gegenüber Herald Online. „Er war dehydriert. Er hatte einen niedrigen Blutdruck. Er hatte einen hohen Puls.“

Inzwischen hatte die Öffentlichkeit Wind von Jackson Situation bekommen und vor dem Hospital versammelten sich Menschen um den Superstar zu unterstützen.

Ich sah aus dem Fenster, und da stand eine dichtgedrängte Menschenmenge, es waren mehr Leute da, als wenn der Papst, der Präsident oder Nelson Mandela zu Besuch im Haus des Bürgermeisters waren,“ erinnert sich Alleyne, und fügt hinzu, und im Krankenhaus selbst „war die Hölle los“.

One Night Only

Es dauerte nicht lange bis die Medien über den Vorfall berichteten, mit wilden Spekulationen über Jacksons Gesundheitszustand.

Michael Jackson Kollabiert Während Einer Probe,“ war die Schlagzeile der New York Times am nächsten Tag, und man berichtete, Jackson sei auf der Bühne während einer Probe am vorherigen Nachmittag zusammengebrochen, „die Pläne für die geplante Ausstrahlung des TV Specials am Sonntag sind unklar.“

Entertainment Weekly kommentierte den Zusammenbruch skeptisch und fragte in ihrem Bericht: „Brach Jackson Während Der Inszenierung Zusammen – Oder Inszenierte Er Einen Zusammenbruch?“ Der EW Artikel behauptete, eine unbekannte Quelle hätte ihnen enthüllt, Jackson wäre nicht darüber erfreut gewesen, dass die Strassen von New York City nicht während seines Konzertes gesperrt würden und dass das 2800 Sitze fassende Beacon Theater zu klein wäre, um Jacksons Beleuchtungsinstallation zu fassen – nichts von dem war wahr.

Jacksons Schwester LaToya war am Telefon mit der New York Daily News schnell mit der Behauptung dabei, sie kenne „all die kleinen Tricks und Dinge, die er anwendet wenn er Aufmerksamkeit braucht,“ und fügte hinzu, dass sein Zusammenbruch „ein Publicity-Trick“ war.

Ich glaube nicht, dass irgend ein Schauspieler einen solchen Sturz, wie ich es bei ihm sah, spielen kann,“ sagt Michael Prince, der Jacksons dramatischen Sturz von seinem Platz aus gesehen hatte.

Der Arzt des King Of Pop bestand auch darauf, dass der Kollaps sowohl echt als auch sehr ernst sei. „Er war dem Tode nah,“ führt Alleyne aus, und „Jackson war ohnmächtig, als er im Beth Israel North Hospital ankam.“

Seine grösste Sorge war, ob er auftreten könne,“ erinnert sich Alleyne. Zum Leidwesen aller Beteiligter informierte Alleyne Jackson jedoch darüber, dass er auf keinen Fall in der nächsten Zeit auftreten könne.

Jackson blieb zur medizinischen Versorgung während der für die Aufzeichnung geplanten Abende des 8. und 9. Dezembers und auch über den Sendetermin bei HBO am 10. Dezember im Krankenhaus, was die Absage der ganzen Show zur Folge hatte.

Jacksons Kollaps und die damit unabsichtlich verbundene Absage des HBO Specials war nicht nur schlecht für seine Gesundheit, es beeinträchtigte auch seine Plattenverkäufe in den USA, und beeinflusste die öffentliche Meinung darüber, ob er überhaupt je wieder in der Lage sei, live aufzutreten.

Ohne Zweifel sahen wir das HBO Special als eine kräftige Ankurbelung des Plattenverkaufs, genau rechtzeitig vor Weihnachten,“ sagte Marketing Vizepräsident von HMV, Alan McDonald, gegenüber The New York Times.

Jackson geht der Sprit aus,“ sagte der Medienanalytiker Porter Bibb, und fügte hinzu „möglicherweise ist seine Zeit als King Of Pop vorbei.“

Am 8. Dezember, nur wenige Stunden bevor die erste Show mit einem Live-Publikum geplant war, wurde die Crew im Beacon Theater wieder zu einem Meeting einberufen, in dem Margolis verkündete, was eigentlich niemand hören wollte: Die Show würde nicht fortgesetzt.

Uns wurde mitgeteilt, dass sie abgesagt war,“ erinnert sich Lather. „Es war so enttäuschend, denn jeder hatte so hart gearbeitet, und so viele kreative Menschen hatten an der Show mitgewirkt, um für Michael etwas bisher nicht dagewesenes zu erschaffen.“

Rückblickend ist es seltsam, dass meine Karriere mit Jackson von abgesagten Konzerten eingerahmt ist,“ erinnert sich Prince, dessen erstes Konzert mit Jackson das One Night Only gewesen wäre und das letzte This Is It.

Als die Absage feststand, ging es darum, ob die Show auf einen späteren Termin verlegt werden würde. „Die Show war soweit fertig gestellt,“ erinnert sich Margolis. „Ich erwähnte seinem Management gegenüber, dass wir sie neu terminieren könnten, wenn sein Gesundheitszustand sich verbessert hätte. Sie sagten, sie würden mit Michael darüber sprechen und danach hörte ich nie wieder etwas darüber. Aber ja… die Musik war fertiggestellt. Die Mixe waren gemacht. Die Orchestrierung stand. Alles war fertig. Alles war unter Dach und Fach. Aber aus irgendeinem Grund fand es nie statt. Ich denke, als HBO und jeder sagte „nur eine Nacht“ (one night only), machten sie keine Witze.“

Der Grund, warum es keinen neuen Termin gab, lag weniger am mangelndem Interesse von HBO es noch einmal zu versuchen, sondern war eher eine Kombination von Jacksons Zögern, das Konzept wieder aufzugreifen und der der HBO Klage folgenden aussergerichtlichen Einigung der Versicherungsgesellschaft mit HBO.

HBO hatte die Shows versichert,“ erklärt Morey, „also wurde die Versicherungsgesellschaft involviert. Und als die Show dann zum Versicherungsfall wurde, fiel das ganze Konzept einfach unter den Tisch.“

1996, während einem Interview, wurde Jackson gefragt, ob er immer noch plane, die HBO Show aufzuzeichnen. „Oh ja,“ antwortete Jackson zögernd. „Wir planen das in Afrika zu tun. In Süd Afrika.“

Ich fragte Margolis, ob er davon je etwas gehört habe. „Nein,“ sagte er. „Davon weiß ich nichts.“ „Das klingt nach einer Michael Jackson Übertreibung, wirklich,“ stimmt Morey zu. „Es gab keine Gespräche darüber, nach Afrika oder irgendwo anders hin zu gehen.“

Nein,“ fügt Smith dem hinzu. „Es war zu viel. Wir sprachen nie wieder darüber. Er hat erwähnt, er liebe das neue Uhrwerk Orange „Dangerous“ und sagte, er hätte es gerne verwirklicht. Aber über ein neues HBO Special hat er nie wieder gesprochen.“

clockwork-orange-film-

Aufnahmen aus dem Film Uhrwerk Orange von 1971, der die nie gezeigte Dangerous-Choreografie von Smith und Payne inspirierte.

Jahre später wurde Jackson noch einmal zu den abgesagten Shows befragt und ob er sie je machen werde. „Nein, ich denke nicht,“ sagte Jackson dem Black and White Magazin. „Ich habe so hart gearbeitet, um die Shows vorzubereiten, ich stand unter sehr viel Druck; die Leute drängten mich, diese Show zu machen, ohne Rücksicht!“ Und schliesslich nahm die Natur ihren Lauf und sagte „Stop!“ Sie entschied, dass ich diese Show nicht machen sollte.“

Obwohl Jackson nie zustimmte, die Show noch einmal zu machen, gibt es für die Fans einen kleinen Hoffnungsschimmer, sie doch eines Tages sehen zu können. Die Proben für das Michael Jackson: One Night Only wurden, wie schon lange vermutet, gefilmt.

Michael wollte sich alles ansehen,“ sagt Margolis, „also wurde während der Proben alles gefilmt. Michael hatte seine eigene Filmcrew, die alles dokumentierte, was er tat. Oftmals, wenn er eine Performance machte, fragte er den Direktor der Show nach einer Kopie seiner Proben, damit er sie zuhause studieren konnte um zu sehen, was er verbessern könnte. Er war ein Perfektionist.“

Er gab uns Kameras und wir filmten, und dann gaben wir ihm die Aufnahmen, um sie zu studieren,“ erklärt Smith. „Bei mir und Travis wurde viel gefilmt. Michaels Crew war dort, wenn er da war, und er war oft bei uns. Sie stellten sich an einen Platz, wo wir sie nicht sehen konnten, was ich nett fand, und wir machten einfach unbefangen unsere Sache.“

michael-appears-onstage-with-mime-marcel-marceau-at-the-beacon-theatre-in-new-york(86)-m-17

Aber! Es gibt ein Problem.

Die Filme sind verschwunden,“ sagt Margolis. „Sie sind weg. Michael hatte alle Bänder. Das war Teil der Vereinbarungen. HBO hat nichts. Seine Management-Gesellschaft hat nichts. Seine Anwälte haben nichts. Ich habe nichts. Niemand hat etwas, nur Michael, und unnötig zu sagen, dass sie schon vor Jahren verschwanden.“

Jackson war dafür bekannt, wichtiges Material zu verlieren. „Hast du Michael etwas gegeben, hättest du es auch gleich über eine Klippe werfen können,“ sagt Brad Sundberg, einer der Toningenieure, dem Michael vertraute, „du würdest es niemals wieder sehen.“

Ich bin sicher, als sie Neverland ausräumten, hatte er irgendwo auf seinem Anwesen eine Bücherei mit jedem Fitzelchen Film- und Audiomaterial, das er jemals bekommen hatte, und das in das „Schwarze Michael Jackson Loch“ gefallen ist,“ spekuliert Margolis. „So wie ich Michael kenne und weil ich weiß, dass er ein so großer Perfektionist ist, bin ich sicher, dass das gesamte One Night Only Zeug irgendwo abgelegt ist.“

Wie man an den Filmaufnahmen, die während den Proben seiner unglücklichen This Is It Konzertserie von 2009 entstanden sind und an aufgetauchten Aufnahmen seiner Dangerous-Tour Proben sehen kann, sind Aufnahmen von Jacksons Proben sehr fesselnd anzusehen.

Michael sieht immer präsentabel aus,“ sagt Margolis. „Auch wenn er zu den Proben kam, waren sein Make-Up und seine Haare immer zurecht gemacht und er hatte seinen Hut und alles dabei, denn er wurde immerzu gefilmt. Seine eigene Crew filmte ihn ständig, deshalb war er immer für die Kamera bereit. Also, auch wenn man die Aufnahmen der Proben ansieht, sieht es wie eine richtige Show aus. Wenn irgendjemand diese Aufnahmen finden und sie zusammen schneiden würde, könnte man tatsächlich eine Show daraus machen. Immer, wenn Michael an den Proben teilnahm, wurde das dokumentiert. Es noch einmal zu sehen wäre absolut fantastisch.“

Wir waren gerade bei den Kostümproben, als er zusammenbrach und sogar das wurde gefilmt,“ sagt Marolis. „Die Tänzer, die für die Nummern in der Show da sein sollten, waren in den Umkleiden. Es war ein Desaster. Als ich herausfand, dass wir die Show niemals machen würden, weinte ich. Sie wäre magisch gewesen.“

Wir wollten alle zusammen mit ihm Geschichte schreiben,“ sagt Lather. „Jeff Margolis hatte hart an der Vorbereitung der Show gearbeitet. Es wäre fantastisch geworden. Es fühlte sich für uns alle wie die Chance unseres Lebens an. Wir arbeiteten daran alle zusammen für Michael. Und wir fühlten uns geehrt, für diese Show zu arbeiten! Definitiv. Da war dieses Summen in der Luft, es wäre ein weiteres Highlight in Michaels Karriere geworden; eine Show, über die noch jahrelang gesprochen worden wäre.“

Wäre das Special gesendet worden, hätten die Zuschauer etwas nie zuvor dagewesenes gesehen,“ sagt Morey. „Es wären dort Dinge passiert, über die die ganze Welt gesprochen hätte; in jedem Büro vor dem Kaffeeautomat und an jedem Esstisch zuhause. Nachdem es in den USA gesendet worden wäre, wäre es irgendwann auch auf der ganzen Welt gezeigt worden.“

Ich weiß noch, wie es sich anfühlte,“ erinnert sich Smith. „Es war einfach ein absolut fantastisches Gefühl. Hätten wir es durchgezogen, hätte es den Himmel zum leuchten gebracht. Es wäre wunderbar gewesen.“

Übersetzung: M.v.d. Linden

With many thanks to Damien Shields!

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 57 other followers