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HIStory Teaser / Teil II: Der große Diktator

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Post vom 13/11/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Diese Woche setzen Eleanor Bowman und ich unsere Diskussion über den Film, den Michael Jackson machte, um sein HIStory Album zu promoten, fort. Wie wir in unserem vergangenen Post besprochen haben hat der HIStory Teaser zuerst nach seiner Ausstrahlung für einige Unruhe gesorgt, größtenteils weil es so aussah, als sei er nach dem Vorbild des Nazi-Propagandafilms Triumph des Willens entstanden. Und wie wir letztes Mal besprochen haben gibt es in der Tat einige interessante und wichtige Verbindungen zwischen diesen zwei Filmen.

Es gibt da allerdings noch einen weiteren Film, der als bedeutender Vermittler zwischen den beiden dient: Charlie Chaplins gewagtes Meisterstück Der große Diktator. Dieser Film persifliert Triumph des Willens und andere ähnliche Propagandafilme, und indem er das tut, setzt er der Nazi-Ideologie auf geschickte Art etwas entgegen und unterwandert sie. Und der HIStory Teaser bezieht sich unterschwellig auf Der große Diktator, was meiner Meinung nach die Bedeutung von HIStory grundlegend komplexer gestaltet und dessen Bedeutung verändert.

Und darüber wollen wir diese Woche sprechen: Über die Verbindungen zwischen Triumph des Willens, Der große Diktator und dem HIStory Teaser und auf welche Art und Weise diese Verbindungen unsere Interpretation von HIStory beeinflussen. Eleanor, ich danke dir sehr dafür, dass du wieder hier bei mir bist, um diese Diskussion fortzusetzen!

Eleanor: Hi Willa. Ich danke dir für die Einladung. Es gibt nichts, das ich lieber machen würde, als über Michael Jackson nachzudenken und zu schreiben, außer natürlich seiner Musik zuzuhören. Um ehrlich zu sein, ich habe immer noch Schwierigkeiten dabei, nicht nur die Breite und Tiefe von MJ’s Verständnis und Wissen der Weltgeschichte und Filmgeschichte zu begreifen (Wann hatte er die Zeit, das alles herauszufinden???), sondern auch die unfassbar künstlerische Fähigkeit, mit der er seine ganze Geschichte in HIStory ineinander webt, um diesen kurzen und knappen Film mit so viel Bedeutung zu versehen.

Während wir an diesen Posts gearbeitet haben, bin ich dahin gekommen, HIStory als eine komplexe Collage von Filmreferenzen zu sehen, jede mit emotionaler Kraft beladen und vollgepackt mit Informationen aus der Geschichte. Und alles zusammen genommen, um Michael Jacksons eigene Geschichte zu erzählen, seine Sicht der Geschichte – der Geschichte eines einflussreichen schwarzen Künstlers, der zu Ruhm aufstieg in einer vorherrschend weißen Gesellschaft – indem er sich und seine Erfahrungen in einen sehr viel vielschichtigeren Kontext stellte und Einblick gewährte in sein persönliches Erleben ebenso wie in die Erfahrungen jedes anderen, der gefangen ist in einem System, das konstruiert ist, eine Gruppe auf Kosten einer anderen hervorzuheben. HIStory ist im wahrsten Sinne eine Lektion in Geschichte, eine Lektion in Michael Jackson und eine Lektion in Mitgefühl – eine, die für mich absolut faszinierend ist, und ich hoffe, dass es so auch für andere sein wird.

Auf der persönlichen Ebene ist HIStory eine Widerlegung IHRER Geschichte (THEIRstory), der Lügen, die wieder und wieder durch die Presse erzählt wurden und die schließlich in der Psyche der Öffentlichkeit Wurzeln schlugen. Diese Lügen waren ein Beispiel für das, was Hitler „die große Lüge“ nannte (Big Lie) , eine Lüge so „ungeheuerlich“, dass niemand glauben würde, jemand könne „die Unverfrorenheit besitzen, die Wahrheit auf dermaßen niederträchtige Art und Weise zu verdrehen“. Und ähnlich den grausamen Lügen, die Hitler erzählte, um die Juden im nationalsozialistischen Deutschland zu diskreditieren.

Durch HIStory verteidigt Michael Jackson sich selbst, in dem er auf das System zielt, das ihn gerade durch die Hölle gehen ließ. Und er benutzte sowohl Der große Diktator, als auch Triumph des Willens, um sein Ziel zu erreichen. MJ setzte mit Triumph verbundene Bilder ein, um die Kultur, die versucht hat ihn zu zerstören, mit Nazi-Deutschland zu vergleichen, und bezieht sich auf die Handlung und die Thematik von Der große Diktator nicht nur, um das Böse, das in Triumph gefeiert wird, zu entlarven, sondern auch, um eine alternative Vision anzubieten, die durch die berühmte Schlussrede des großen Diktators abgebildet wird.

Willa: Das ist ein interessanter Überblick, Eleanor. Danke.

Eleanor: Gern geschehen.

Willa: Wenn wir uns also diesen drei Filmen chronologisch nähern, schlage ich vor, wir sollten damit beginnen, Triumph des Willens, der 1934 herauskam, mit Der große Diktator, der 1940 herauskam, zu vergleichen. Zuerst einmal ist Der große Diktator eine Satire, während also Adolf Hitler im ersten Film als erhaben und fast übermenschlich dargestellt wird, porträtiert Charlie Chaplin ihn als arrogant und unfähig – als den unbeholfenen Adenoid Hynkel. Um die mythische Aura, die Hitler umgab, weiter zu untergraben, nennt Chaplin ihn Phooey anstatt den Führer. Ebenso wurden die Minister des Kabinetts Hermann Göring und Joseph Goebbels in Chaplins Film in die linkischen Herren Herring und Garbitsch (als gesprochene Form des Wortes „Garbage“ / Müll).

Eleanor: Und interessanterweise folgte Der große Diktator einer anderen Satire über Hitler-Deutschland auf dem Fuß, mit MJ’s liebstem Comedy Trio den Three Stooges.

Willa: Das stimmt – ihr Kurzfilm You Nazty Spy (Du Nazi-Spion). Es gibt gerade ein neues Buch über Hollywoods Reaktion – oder besser fehlende Reaktion – zu dem Aufstieg des Faschismus in Deutschland. Ich habe es noch nicht gelesen, aber gemäß diesem Artikel zitiert er „die Three Stooges als unter den allerersten im Kino, die Nazi-Deutschland so zeigen, wie es war“. Der große Diktator kam in Spielfilmlänge im selben Jahr heraus.

http://nypost.com/2013/07/14/three-stooges-first-to-blast-hitler/

Die Stimmungslage, aber auch die Perspektive und die Betrachtungsweise sind also in Der große Diktator völlig anders als in Triumph des Willens. Alles in Triumph erscheint in einem ungeheuer großen Ausmaß – riesige Menschenmengen, Hunderttausende Soldatentruppen, monumentale Architektur – und die Führung der Nazis wird von außen präsentiert, falls man das so sagen kann. Ich meine damit, dass die Art und Weise, in welchem Winkel die Kamera gehalten wird, uns fast immer zu ihnen hinaufsehen lässt, als ob sie Statuen auf einem Podest oder Götter auf dem Olymp seien. Es gibt keinen Versuch, in ihre Köpfe zu gucken und ihre Gedanken und Gefühle zu zeigen. Im Grunde sollen wir ihre Menschlichkeit gar nicht sehen. Stattdessen werden sie als fast mythische, gottgleiche Figuren dargestellt.

Eleanor: Richtig. Riefenstahl nutzt alle Regeln der Kunst, um die Nazis als Übermenschen zu präsentieren.

Willa: Ganz genau. Im Gegensatz dazu bewegt sich Der große Diktator – wie alle von Chaplins Filmen – in einem sehr menschlichen Maßstab und er zeigt die Schmerzlichkeit des menschlichen Alltagslebens, besonders dem Leben jener, die in einem jüdischen Ghetto Zielscheibe der Autoritäten waren. Dies wird dadurch verstärkt, dass Chaplin zwei Rollen spielt: die des Diktators Hynkel, der unbesonnene Beschlüsse ausgibt, und die eines jüdischen Friseurs, dessen Leben durch die Beschlüsse auf den Kopf gestellt wird. Wir wechseln zwischen den Szenen mit Hynkel und denen mit dem Friseur hin und her, so dass wir ganz klar erkennen, wie die großspurigen, gedankenlosen, gefühllosen faschistischen Vorstellungen des Diktators das Leben des Friseurs und seiner Freunde, ebenso wie die gesamte Gemeinschaft, beeinflussen.

Während also diese Filme einen ähnlichen Inhalt ansprechen – den Einfluss der faschistischen Ideologie auf die Zukunft und Identität eines Landes, sein Gefühl für sich selbst – könnte die Perspektive, die Stimmung und letztlich die Bedeutung dieser zwei Filme unterschiedlicher nicht sein.

Eleanor: Richtig. Und, wenn man über diese Filme in ihrer Chronologie nachdenkt, dann stellt man fest, dass eine Menge passiert ist zwischen 1934, als Triumph entstand, und 1940, als Der große Diktator herauskam, so dass sich ihre Bedeutung und Aussage geändert hat.

Willa: Oh, das ist interessant, Eleanor.

Eleanor: 1934 zum Beispiel wurden Hitler und die Nazis dafür gepriesen, Deutschland nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs Hoffnung zu geben, und dafür, ein Bollwerk gegen den Kommunismus zu sein, also wurde der Film von Riefenstahl gelobt und ihm applaudiert. 1940 jedoch war der Krieg in Europa ausgebrochen und Deutschland begann viele Menschen sehr nervös zu machen. Als Ergebnis davon begann sich die Tendenz in der Weltmeinung zu ändern, und derselbe Film wurde mit einer großen Portion Skepsis betrachtet, als ein Propagandawerkzeug eines äußerst fragwürdigen Regimes.

Um die Aufmerksamkeit auf die Bedrohung durch die Nazis zu lenken und Hitlers Macht und Charisma zu unterwandern, drehte Chaplin Der große Diktator, der im Oktober 1940 in New York City seine Premiere hatte, ein Jahr bevor die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Mit Bezug auf die Bildsprache, die Riefenstahl nutzte, um Hitler aufzublähen, nutzte er diese Tatsache, um dessen Prunk zu verhöhnen, um ihn in seine Schranken zu verweisen. Während er sein beeindruckendes komödiantisches Talent abruft, zeigt er Situationen, die weit davon entfernt sind, lustig zu sein.

http://www.imdb.com/title/tt0032553/releaseinfo?ref_=tt_dt_dt

Ich denke, heute würden die meisten Leute den Einsatz einer Satire für die Kritik an den Nazis bestenfalls als unangebracht ansehen. Allerdings sollten wir daran denken, dass Hitlers Unzurechnungsfähigkeit 1940 nicht in vollem Ausmaß bekannt war und dass die „Endlösung“ noch nicht voll umgesetzt war. In späteren Jahren sagte Chaplin selbst, dass „er den Film nicht gemacht hätte, wenn er zu der Zeit von den tatsächlichen Gräueln der Konzentrationslager der Nazis gewusst hätte“.

http://en.wikipedia.org/wiki/The_Great_Dictator

Willa: Und das ist ein sehr bedeutender Punkt. Im Rückblick mag Der große Diktator für uns heute herzlos erscheinen, so als ob er eine Tragödie bagatellisiert. Aber die Grausamkeiten der Konzentrationslager beispielsweise waren 1940 nicht bekannt – und eigentlich hatten die schlimmsten Gräueltaten noch nicht stattgefunden, wie du sagst. Sie passierten in der späten Phase des Krieges.

Der Standpunkt der Vereinigten Staaten war dem gegenüber, was in Übersee passierte, zu jener Zeit wirklich kompliziert. Die Vereinigten Staaten traten nicht eher offiziell in den Krieg ein, bis Japan am 7. Dezember 1941 Pearl Harbor angriff, obwohl wir den Alliierten 1940 Waffen, Geld und andere Unterstützung bereitstellten. Im Grunde begann der einzige Friedensentwurf in der Geschichte unserer Nation im September 1940, einen Monat bevor Der große Diktator veröffentlicht wurde. Also bereiteten sich die Vereinigten Staaten auf den Krieg vor, waren aber noch nicht aktiv in ihn verwickelt – und sie waren sehr zögerlich, nach dem Gemetzel des Ersten Weltkrieges involviert zu werden.

Ich stimme dir also zu, Eleanor. Um Der große Diktator zu verstehen und einschätzen zu können, ist es wichtig, den historischen Zusammenhang darüber, wann er entstand, in die Beurteilung einfließen zu lassen – einer Zeit großer Unentschlossenheit in den Vereinigten Staaten, während wir beobachteten, wie der Krieg in Übersee ein Land nach dem anderen erfasste und als der volle Schrecken des Holocaust noch nicht offengelegt war.

Eleanor: Richtig, Willa. Und genau in dem Moment, in dem die Enthüllungen des Zweiten Weltkriegs die Art und Weise änderten, wie wir emotional auf Der große Diktator reagierten, verkehrte sich die Art, auf die Triumph gemeint war, in ihr Gegenteil. Triumph wurde zu einem Symbol für Todeslager und Völkermord – es symbolisierte nicht länger die Größe des Dritten Reichs. Und um unsere Diskussion über HIStory und den Einsatz dieser Filme noch komplizierter zu machen, änderten die Jahre zwischen 1940 und 1994 noch einmal die Bedeutung dieser zwei Filme – auf radikale Art und Weise.

1994, als HIStory entstand, hatten bereits Generationen von Filmemachern Riefenstahl-ähnliche Bildsprache als eine Art Stenogramm sowohl als Bezug zu den Gräueltaten der Nazis, als auch auf die ihnen zugrunde liegende Selbstverherrlichung eingesetzt, was der Grund dafür ist, warum wir sofort vor dieser Bildsprache zurückschrecken, sobald sie in HIStory auftaucht. Indem diese Symbolik benutzt wird, ruft HIStory die tiefsitzenden und oft unbewussten Emotionen hervor und koppelt sie an den Mechanismus von „Schuld durch gedankliche Verknüpfung“, um das Böse des Rassismus in unserer eigenen amerikanischen Kultur und gegen Unterdrückung im Allgemeinen freizulegen. Und 1994 erinnerte man sich bei Der große Diktator nicht mehr so sehr an dessen satirische Darstellung des Nazi-Regimes, sondern an die Rolle, die der Film für Chaplins Fallen in Ungnade („fall from grace“) spielte, einem Absturz, der starke Parallelen zu dem Michael Jacksons aufwies.

Willa: Das ist eine sehr gute Feststellung, Eleanor. Und da Michael Jackson ein sehr großes Wissen über Charlie Chaplin gehabt zu haben scheint, seine Filme und sein Leben über Jahrzehnte studiert und sogar seine Familie in der Schweiz besucht hat, wird er fast sicher gewusst haben, wie Der große Diktator dazu beigetragen hat, dass das Blatt der öffentlichen Meinung sich gegen ihn wendete.

Eleanor: Ja, ich denke, das können wir mit Sicherheit annehmen.

Der große Diktator hat Chaplin aus vielen Gründen ganz schön in Schwierigkeiten gebracht. Zuerst einmal hatte Hitler sogar zu einer so späten Zeit wie 1940 Unterstützer in den Vereinigten Staaten, die die antifaschistische Botschaft von Der große Diktator nicht begrüßt haben. Später, als der Kommunismus zum Reizthema wurde, wurde Anti-Faschismus mit Pro-Kommunismus gleich gesetzt – obwohl also Chaplin vehement „abstritt Kommunist zu sein und sich stattdessen selbst als ‚Friedensverbreiter‘ bezeichnete“, musste seine Reputation einen herben Schlag einstecken.

Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass sein wirkliches „Verbrechen“ sein Internationalismus war, seine Vision von globaler Harmonie und seine Kritik am Nationalismus generell, den er in Der große Diktator zum Ausdruck gebracht hat.

Willa: Das ist ein weiterer wichtiger Punkt, Eleanor – und eine weitere Verbindung zu Michael Jackson. Er erzählte Rabbi Boteach in The Michael Jackson Tapes: „Ich fühle mich wie eine Person der ganzen Welt. Ich kann nicht Partei ergreifen. Darum mag ich es nicht ‚Ich bin ein Amerikaner‘ zu sagen. Aus genau dem Grund.“

Eleanor: Das ist so interessant, Willa. Michael Jacksons globale Reichweite bestätigt ganz sicher die Tatsache, dass Menschen der ganzen Welt auf ihn als „einen von uns“ reagierten und weiterhin reagieren. Aber unglücklicherweise kann diese Art von Internationalismus – oder Anti-Nationalismus – dazu führen, des „Nicht-Amerikanisch-Seins“ angeklagt zu werden. Was genau das ist, das Chaplin passierte.

Willa: Ja, so war es – und es war während der McCarthy-Hysterie, als dies eine sehr ernsthafte Beschuldigung war.

Eleanor: Das Ergebnis von Der große Diktator, besonders der abschließenden Rede, in der Chaplin seine eigenen Ansichten vertrat, war, dass er unter Beschuss geriet, und 1947 wurde eine Bewegung in Gang gesetzt, ihn aus dem Land zu vertreiben. Der Abgeordnete John E. Rankin aus Mississippi sagte dem Kongress im Juni 1947:

Sein ganzes Leben in Hollywood ist der moralischen Struktur Amerikas abträglich. (Wenn er abgeschoben wird) … können seine abscheulichen Bilder von den Augen der amerikanischen Jugend ferngehalten werden. Er sollte abgeschoben und sofort weggeschafft werden.

Chaplins Dämonisierung wurde unterstützt und angestiftet durch Geschichten in der Boulevardpresse und durch Rechtsklagen sexueller Sittenlosigkeit, was sehr wirkungsvoll seinen Ruf und seine Glaubwürdigkeit zerstörte, bis zu dem Punkt, dass ihm, als er die Vereinigten Staaten 1956 in Richtung Europa verließ, sein Visum für die Rückkehr ins Land entzogen worden war.

Willa: Was einfach unglaublich ist, wenn man sein Format und seine Verdienste für Film und Kultur in Betracht zieht. Und „Dämonisierung“ ist das richtige Wort, dieser Tatsache war sich Chaplin vollkommen bewusst. Karin Merx, eine der Gründerinnen der Website Michael Jackson Academic Studies (http://michaeljacksonstudies.org) erzählte mir kürzlich eine interessante Geschichte. Charlie Chaplin ging zu einem Fotoshooting bei dem Fotografen Richard Avedon, unmittelbar bevor er die Staaten endgültig verließ. Am Schluss der Sitzung bat er um ein weiteres Foto … und blickte dann in die Kamera, indem er seine Finger so platzierte, als würden sie aus seinem Kopf hervorstechen wie Teufelshörner. Hier ist eine Dokumentation, die Karin mir geschickt hat, in der Richard Avedon davon erzählt (etwa bei 39:20 Minuten):

(Interessant ist, dass Avedon, genau bevor er die Chaplin Story erzählt, darüber spricht, wie er den Herzog und die Herzogin von Windsor fotografiert hat, die, wie du in unserem letzten Post erwähnt hast, Eleanor, Hitler sehr verteidigt haben. Avedon sagt, er sah sie normalerweise beim Spielen in Nizza und hatte den Eindruck, dass „sie Hunde liebten, sehr viel mehr als Juden“.)

Fünfzig Jahre später wurde Michael Jackson in einer bemerkenswert ähnlichen Weise wie Chaplin dämonisiert. Und als Reaktion setzte er für die Fotografen im Gerichtsgebäude von Santa Maria die gleiche Pose auf, wie in einem Artikel der BBC News erwähnt. Hier sind diese „teuflischen“ Fotos von Charlie Chaplin und Michael Jackson:

 

Teaser II_devilish-photos-of-cc-and-mj

(http://news.bbc.co.uk/2/hi/entertainment/2541699.stm)


Eleanor:
Wow, das ist so faszinierend. Wenn du darüber nachdenkst, ist es kein Wunder, dass MJ sich mit Charlie Chaplin identifizierte. Es gibt da so viele Parallelen. Ich habe sogar gehört, dass Michael Jackson sich so sehr mit Charlie Chaplin identifizierte, dass er einst sagte: „Ich fühle mich manchmal so, als wäre ich er.“

Willa: Ja, er sagte das in einem Interview, der Teil der Dokumentation Michael Jackson Private Home Movies ist, die auch einen wunderbaren Ausschnitt von enthält, in dem er als Little Tramp gekleidet ist und mit seinem Schnurrbart zuckt, wie Chaplin es oft tat. Hier ist ein Ausschnitt der Private Home Movies mit dem chaplinesquen Michael Jackson:

Es gibt Fotos aus zwei unterschiedlichen Foto-Sessions, eine aus seiner frühen Solokarriere und eine spätere, man kann also sagen, dass er Chaplin eine sehr lange Zeit bewunderte – im Grunde während seiner gesamten Laufbahn – und dass er sich auch mit ihm identifizierte, wie du sagtest.

Eleanor: Ja, und Zeichnungen von Chaplin, die MJ als Kind anfertigte, deuten an, dass er bereits ab einem sehr frühen Alter an Chaplin interessiert war, möglicherweise aufgrund von Chaplins außergewöhnlicher Fähigkeit als Stummfilmstar, ohne Worte zu kommunizieren, nur die Sprache des Körpers einzusetzen – genau wie es auch MJ tat. (Hier sind einige Links zu Chaplin-Zeichnungen. Der erste führt zu der Zeichnung, die bei Antiques Road Show gezeigt wurde. Der zweite ist auf einer Pinterest-Seite mit MJ’s Zeichnungen verschiedener Art einschließlich Chaplin.)

Aber ich gehe auch davon aus, dass es deswegen war, weil sich ein außergewöhnlich empfindsamer und mitfühlender Michael Jackson, auch bereits in einem sehr jungen Alter, tief bewegt durch die Ungerechtigkeit, die er in der Welt sah, zu Chaplins Vision von Frieden und Harmonie hingezogen fühlte. Und indem er Bezug nimmt auf Der große Diktator, um seine eigene Geschichte zu erzählen, erinnert HIStory an die erstaunlichen Parallelen zwischen MJ’s und Chaplins Leben.

Sowohl Chaplin als auch Michael Jackson hatten eine Vision von globaler Harmonie. Beiden war bewusst, dass ihre Visionen nach weltweiter Veränderung verlangten. Beide verstanden, dass weltweite Veränderung mit globaler Kommunikation zusammenhing. Es fügte sich, dass beide sich in globaler Kommunikation gegenseitig übertroffen haben – Chaplin durch die Entwicklung einer überzeugenden Körpersprache, die er mit großem Erfolg als Stummfilmstar einsetzte, und Jackson durch die Sprache der Musik und des Tanzes. Und da beide großartige Künstler und darüber hinaus auch Superstars mit einem weltweiten Publikum waren, hatten sie den nötigen Einfluss, Herzen zu berühren und Einstellungen zu verändern – auf der ganzen Welt.

Chaplin sagt in Der große Diktator, als er den Part des jüdischen Friseurs spielt, aber seine eigenen Gedanken ausspricht und dabei die aktuelle Situation reflektiert:

Sogar jetzt erreicht meine Stimme Millionen Menschen auf der ganzen Welt – Millionen verzweifelter Männer, Frauen und kleiner Kinder – Opfer eines Systems, das Menschen quält und unschuldige Leute einsperrt.

Und als Ergebnis ihrer Ansichten wurden beide zum Ziel bösartiger Angriffe, aufgrund ihres Engagements für globale Harmonie, ihrer Fähigkeit zu globaler Kommunikation, die tatsächlich globale Veränderungen hervorbringen konnten und ihre Anziehungskraft stellte eine ernste Bedrohung für jene dar, die sich eher dem Hierarchiedenken und Nationalismus als Demokratie und internationalem Denken verpflichtet hatten.

Willa: Ja, ich sehe das ganz genauso, Eleanor.

Eleanor: Es scheint also für mich so zu sein, Willa, dass Michael Jackson mit der Bezugnahme in HIStory auf Der große Diktator an genau diesem Punkt in seinem Leben – besonders auf dessen Schlussrede – seine eigene Dämonisierung durch die Presse und die unrechtmäßige und brutale Behandlung durch die Gesetzesvertreter mit der Chaplins gleichsetzt und damit andeutet, dass die Beschuldigungen der sexuellen Unangemessenheit, die sowohl ihm selbst als auch Chaplin angelastet wurden, Werkzeuge einer Gesellschaft waren, die den politischen Einfluss des Künstlers fürchtete, der den so sehr benötigten sozialen Wandel herbeiführen könnte, einen Einfluss, den Michael Jackson in höchstem Maße besessen hat (und noch immer besitzt).

Und bezeichnenderweise wird ihre Bereitschaft für globalen Frieden und Verständigung symbolisiert durch die internationale Sprache Esperanto, die sowohl in HIStory, als auch in Der große Diktator, auftaucht. HIStory beginnt mit Worten, gesprochen in Esperanto, während Der große Diktator Esperanto als Sprache auf den Zeichen in den Szenen, die im jüdischen Ghetto spielen, abbildet.

Willa: Ja, das scheint mir auch von Bedeutung zu sein. In einem Post vor etwa einem Jahr, haben wir schon über Esperanto gesprochen, und die Geschichte davon kurz zusammengefasst:

Esperanto wurde Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt, indem man Elemente vieler verschiedener Sprachen benutzte, um die Förderung des Weltfriedens und der Verständigung zu unterstützen. L.L. Zamenhof wollte damit vor allem ein neutrales Kommunikationsmittel erschaffen, das die Trennung von Sprachen, Nationalitäten und ethnischer Zugehörigkeit überbrücken sollte.

Es ist also wirklich eine „internationale Sprache“, wie du gesagt hast, Eleanor, im Auftrag von „Weltfrieden und Verständigung“.

Eleanor: Genau. Und HIStory stellt sie in den Mittelpunkt, aber zugleich bleibt sie auch verborgen. Ich bin mir sicher, dass den meisten Zuschauern von HIStory und auch von Der große Diktator, die diese Sprache nicht erkennen und verstehen, deren Bedeutung völlig entgeht – oder dass es ihnen sogar überhaupt nicht auffällt.

Aber nochmals Danke für die von dir erwähnte großartige Diskussion mit dem Esperanto-Experten Bjørn Bojesen, wodurch die Leser von Dancing With The Elephant nicht nur auf die Verwendung von Esperanto in HIStory (und in der Geschichte allgemein) aufmerksam gemacht wurden, sondern auch noch die Bedeutung der Worte entdeckten. (Und ich stellte beim nochmaligen Lesen dieses Posts zudem fest, dass Bjørn in den Kommentaren dazu anmerkte, dass Esperanto auch in Der große Diktator benutzt wurde.)

Der einleitende Text von HIStory, gesprochen auf Esperanto, bedeutet übersetzt „Verschiedene Nationen der Welt erbauen diese Skulptur im Namen von globaler Mutterschaft und Liebe und der heilenden Kraft der Musik.“ Die auf Esperanto gesprochenen Worte verweisen nicht nur auf die Verwendung von Esperanto in Der große Diktator, sondern sie teilen auch die Ansichten der Abschlussrede des Großen Diktators. Und sowohl Sprache als auch Worte zeigen Michael Jacksons Einstellung zur Bedeutung von globaler Verständigung, als Voraussetzung zur Erschaffung globaler Harmonie und insbesondere seinen Glauben an Musik, als Mittel zur Vereinigung unterschiedlicher Nationen in Frieden und L.I.E.B.E.

Durch meine Nachforschungen über die internationale Sprache Esperanto, deren Name ja nicht nur zufällig „Hoffnung“ bedeutet, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass sie – und die darin enthaltene Internationalität – der Schlüssel zum Verstehen von HIStory ist.

In der Diskussion über Esperanto wurde auch die Frage gestellt, warum MJ zu Beginn des Films und der thematischen Einleitung eine Sprache benutzt, die nur von Wenigen verstanden wird. (Die gleiche Frage könnte man sich auch zu Chaplins Gebrauch von Esperanto in Der große Diktator stellen.) Ich denke, einer der Hauptgründe dafür war das Erwecken unserer Neugierde, uns dazu zu bringen, die Sprache zu identifizieren und die Bedeutung der Worte zu entdecken. Denn das Suchen nach Antworten auf diese Fragen führt auch zu Antworten auf umfassendere Fragen. Taucht man zum Beispiel tiefer in die Geschichte von Esperanto ein, stellt sich heraus, dass Esperanto nicht nur MJ mit CC verbindet, sondern dass dadurch auch auf die Esperantisten (http://de.wikipedia.org/wiki/Esperantist) in Deutschland und Russland verwiesen wird, deren pazifistische und internationalistische Tendenzen sowohl von Hitler, als auch von Stalin als staatsfeindlich angesehen und die grausam bestraft oder sogar hingerichtet wurden.

In seinem Buch Mein Kampf erwähnt Adolf Hitler ausdrücklich Esperanto als eine Sprache, die von einer internationalen jüdischen Verschwörung genutzt werden könnte, sobald sie die Weltvorherrschaft erlangt hätten. Während des Holocaust wurden Esperantisten umgebracht, auch die Familie Zamenhofs (dem Erfinder von Esperanto) wurde ermordet… 1936 wurde Esperanto verboten… 1937 brandmarkte Stalin Esperanto als „Sprache der Spione“ und lies Esperantisten verbannen oder hinrichten. Bis 1956 wurde der Gebrauch von Esperanto tatsächlich verboten.

Willa: Oh Gott, Eleanor. Das habe ich nicht gewusst. Dann vermitteln diese Esperanto-Worte und -Symbole im HIStory Teaser wirklich eine kraftvolle Botschaft – eine Botschaft, die den Blickwinkel auf die totalitären Bilder, die den Film dominieren, völlig verändern. Jetzt verstehe ich warum du sagst, dass „Esperanto …und die darin enthaltene Internationalität – der Schlüssel zum Verstehen von HIStory ist.“ So langsam stimme ich dir zu.

Eleanor: Gut zu wissen! Indem er also den Film mit den Esperanto-Worten eröffnet, bezieht sich Michael Jackson auf seine eigenen „gefährlichen“ internationalistischen Tendenzen und verdeutlicht die Gefahr, in die ihn diese Tendenzen bringen. Er identifiziert den Ursprung seiner Probleme als eine Kultur, die ihn und seine Ansichten als eine ernsthafte Bedrohung sah, und somit für ihn selbst zu einer ernsthaften Bedrohung wurde – einer Bedrohung, die wie in HIStory durch den offenkundigen Gebrauch von faschistischer Bildsprache dargestellt, im Schatten lauernd immer noch vorhanden ist… (“We’re talkin’ danger, we’re talkin’ danger, baby!”) „Wir sprechen von Gefahr, wir sprechen von Gefahr, Baby!“

Zu Beginn des Films werden die leere Leinwand und die Esperanto-Worte mit dem hämmernden Takt von Soldatenstiefeln gepaart, gefolgt von Bildern dieser Stiefel und einem steinernen Falken – dem Turul – einem alten ungarischen Symbol. (HIStory wurde in Budapest gefilmt. Dazu später mehr.) Anschließend sieht man ein amerikanisches SWAT-Team. Scheinbar aggressiv und bedrohlich, marschieren sie vom unteren Bildrand her in Richtung der Zuschauer, wie Patton im gleichnamigen Film.

http://de.wikipedia.org/wiki/Patton_–_Rebell_in_Uniform

Die Szene schwenkt dann sofort hinüber zu Bildern von Arbeitern, die geschmolzenes Metall ausgießen, im Anklang sowjetischer Propagandafilme zur Darstellung der sowjetischen Wirtschaftskraft.

Wenn man weiß, wer Michael Jackson war und wofür er stand, ist die Eröffnung eines MJ-Films mit imperialistischer und totalitärer Bildsprache sehr schräg und deutet darauf hin, dass mehr, als auf den ersten Blick vermutet, dahinter stecken muss, und dass dort etwas sehr Interessantes vor sich geht – etwas, was sofort klarer wird, wenn man die Bedeutung des Gebrauchs von Esperanto in HIStory erkannt und die Worte verstanden hat. Denn die Worte verdeutlichen, dass es sich nicht um Arbeiter eines totalitären Regimes handelt. Vielmehr repräsentieren sie die verschiedenen Nationen der Welt, die zusammen kommen, um dem Mann ein Denkmal zu setzen, der seine Kunst der Verbreitung des Weltfriedens gewidmet hat.

Zusätzlich zu der Statue haben sie auch einen gigantischen Stern aufgestellt, ein weiterer Hinweis auf Esperanto. Bei meiner Recherche über Esperanto habe ich erfahren, dass der Stern das Symbol von Esperanto ist, seine Spitzen repräsentieren die fünf Kontinente: Europa, Amerika, Asien, Ozeanien und Afrika. Etwa eine Minute später sehen wir dann, dass dieser Stern auch MJs Uniform schmückt – ein Friedensstern, getragen von einem Friedens-Pop-Star.

Willa: Das ist sehr interessant und erinnert mich an zwei wichtige Bilder aus Triumph des Willens. Die von allen Filmemachern, die sich auf ihn beziehen, zitierte zentrale und ikonische Szene des Films, in der Hitler hunderte oder tausende Soldaten anspricht, die vor ihm in Reih und Glied aufmarschiert sind, beginnt mit einem Kamerablick auf den gewaltigen, eisernen Adler, einem Symbol Nazi-Deutschlands. Wenn die Kamera dann nach unten schwenkt, sehen wir, dass er auf einer riesigen, in einen Ring eingefassten Swastika (Hakenkreuz) sitzt.

HIStory dagegen wird mit dem Kamerabild des ungarischen Turul oder Falken eröffnet. Nach dem was ich darüber in Erfahrung bringen konnte, handelt es sich dabei um ein komplexes Symbol mit zum Teil für unterschiedliche Personengruppen sogar gegensätzlicher Bedeutung. Wikipedia, als unparteiische Informationsquelle, schreibt darüber:

Der Turul ist der wichtigste Vogel der ungarischen Mythologie. Er ist ein göttlicher Bote, und sitzt auf der Spitze des Lebensbaums, zusammen mit Seelen ungeborener Kinder in Gestalt von Vögeln.

Im Anschluss daran sehen wir Arbeiter, die einen riesigen, in einen Ring eingefassten Esperanto-Stern schmieden. Durch diese Bilder macht sich HIStory die Symbole des Faschismus und Totalitarismus aus Triumph zu eigen, untergräbt sie und gestaltet sie völlig um.

Hier sind die Filmansichten des eisernen Adlers aus Triumph und des Turuls aus HIStory:

Teaser II_2_iron-eagle-and-turul


Und hier die Filmansichten der riesigen, von einem Ring eingefassten Swastika aus Triumph des Willens und des Esperanto-Sterns aus HIStory:

Teaser II_swastika-and-star-2

Sowohl die Swastika als auch der Stern heben sich dunkel gegen einen hellblauen Hintergrund ab, und durch die Zwischenräume der riesigen Gebilde strahlt von hinten helles Licht. Bei genauerem Hinsehen erkennt man Arbeiter, die im Vergleich mit dem Stern sehr klein zu sein scheinen. (Ein Schweißer sitzt sogar auf einem Zacken des Sterns – man kann die sprühenden Funken seines Schneidbrenners sehen.) Er muss also gewaltig groß sein, noch viel größer, als die eingefasste Swastika, auf die er verweist und die er ersetzt.

Eleanor: Wow, Willa, das sind beeindruckende Bilder und sie zeigen Michael Jacksons Gespür für Details und sein tiefes Verständnis für die Kraft der Symbolik. Indem der Esperanto-Stern der Swastika und die Bedeutung des Sterns anderen, traditionelleren Sinngehalten des fünfzackigen Sterns – wie der sowjetischen Militärmaschinerie, den Abzeichen der Strafverfolgungsbehörde oder den Sternen, die eine amerikanische Generals-Uniform verzieren – gegenüber gestellt wird, stellt HIStory durch die Verbindung des Sterns mit dem Pop-Star Michael Jackson die Botschaft und den Helden von HIStory mit traditionellen Militärlegenden und Helden in Kontrast. Michael Jackson zeigt uns in HIStory die Vision einer Welt, in der die menschliche Energie nicht länger in den Ausbau von Mitteln zur Unterdrückung im Interesse von Imperien und Nationen fließt, sondern in den Aufbau einer neuen, globalen Gemeinschaft.


Der Eröffnungssequenz von HIStory folgen Bilder einer riesigen Armee, wobei die Identität ihres Führers zunächst unbekannt bleibt, jedoch immer wieder durch verlockende Einstellungen auf seine Beine mit den für ihn typischen eng anliegenden, hohen Stiefelschäften angedeutet wird, bis schließlich das wunderschöne Gesicht gezeigt wird, das den Führer dieser Armee als niemand geringeren als Michael Jackson enthüllt.

 

History Teaser 3

 

Obwohl MJ in HIStory weder singt, spricht oder tanzt, drücken sein Gesicht und sein Körper einiges aus, was mich sehr an die Worte aus der Rede Chaplins in der Rolle des Friseurs erinnert:

Es tut mir leid, aber ich möchte nun mal kein Herrscher der Welt sein, denn das liegt mir nicht. Ich möchte weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann – den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir wollen am Glück des anderen teilhaben und nicht einander verabscheuen. Hass und Verachtung bringen uns einander niemals näher. Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden und Mutter Erde ist reich genug, um jeden von uns satt zu machen. Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein, wir müssen es nur wieder zu leben lernen.

Hier ein Link zum ganzen Text: http://www.marcwelk.de/kultur/zitate/7/

Willa: Diese Rede ist unglaublich – sie wird oft als beste Rede des Amerikanischen Kinos bezeichnet. Ich kann nur jedem, der den Film bisher noch nicht gesehen hat, empfehlen Der große Diktator ganz anzusehen (er ist auf YT zu finden), aber zumindest sollte sich jeder Chaplins Schlussrede anhören. Sie ist besonders eindrucksvoll, weil sie nach der Rede von Herrn Garbitsch kommt, in der dieser sagt:

Der Sieg sei mit den Helden. Heute sind Worte wie Demokratie, Freiheit und Gleichheit Begriffe, mit denen die Menschen in die Irre geführt werden. Mit solchen Ideen kann sich keine Nation entwickeln. Sie stehen dem Handeln im Weg und aus diesem Grund verbannen wir sie. In der Zukunft wird jeder Mann den Interessen des Staates mit absolutem Gehorsam dienen. Diejenigen, die sich dem verweigern, müssen auf der Hut sein.

Die Bürgerrechte werden allen Juden und anderen Nichtariern abgesprochen. Sie sind minderwertig und somit Feinde des Staates. Es ist die Pflicht eines jeden wahren Ariers, sie zu hassen und zu verachten …

Und dann erhebt sich Chaplin, in seiner Doppelrolle als jüdischer Friseur, der als der Diktator verkleidet ist (weil die Personen verwechselt wurden) und hält die vorhin zitierte Rede, in der er die Liebe zwischen allen Menschen verfechtet:

Ich möchte weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann – den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir wollen am Glück des anderen teilhaben und nicht einander verabscheuen.

Hier ist der letzte Teil aus Der große Diktator, indem man Garbitschs Rede und Chaplins wunderbare, kraftvolle Antwort hören kann:

(Auf Deutsch nur Chaplins Rede)


Eleanor: Danke für die Videos, Willa. Diese Reden als Film zu sehen ist wirklich noch aussagekräftiger, als sie nur zu lesen.

Willa: Dem stimme ich zu. Und in dem letzten Film erkennen wir auch, wie Der große Diktator die monumentalen Ausmaße von Triumph des Willens heraufbeschwört. Chaplin spielt die Eröffnungsszene von Triumph, Hitlers Ankunft mit einer Fahrzeugkolonne nach, und er zeigt auch die einschüchternden Monumente der Macht und die langen Truppenkolonnen – Dinge, die auch der HIStory Teaser aufgreift. Hier einige Bildschirmfotos von Triumph, Der große Diktator und HIStory, an denen man leicht die Ähnlichkeiten erkennen kann – nämlich im Hintergrund aller drei, das riesige Wappen der Staatsmacht und im Vordergrund das scheinbar endlose Meer an Truppen. Hier die Szenen aus

Triumph des Willens:

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Der große Diktator:

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und dem HIStory Trailer:

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Mit solchen Bildern greifen Der große Diktator und auch HIStory die monumentalen Ausmaße von Triumph des Willens auf. Aber dann werden diese imperialistischen Bilder im Wechsel mit Bildern unterdrückter oder gar durch ihre eigene Regierung ermordeter jüdischer Bürger gezeigt – unterdrückt und ermordet von Soldaten, die die Befehle des faschistischen Regimes ausführen.


Eleanor: Richtig. Obwohl es sich bei Der große Diktator um eine Satire handelt, befasst er sich mit tiefem Schmerz und brisanten Themen. Genau wie HIStory. Und genau wie Der große Diktator begibt sich auch HIStory auf vielfältige Weise in einen Grenzbereich. In einem glanzvollen Akt künstlerischer Ökonomie benutzt HIStory die Bildsprache Riefenstahls, um sowohl auf die Nazi-Horror-Show, als auch auf Der große Diktator zu verweisen, um Michael Jacksons sowohl historischen als auch persönlichen Platz festzulegen.

In einem Post von MJJJusticeProject wird es so formuliert:

Wie sein Held Charlie Chaplin vor ihm, zitiert Michael Jackson die Bilder von Triumph des Willens mit dem Zweck, die Stimmung völlig zu zerstören. Während Chaplin in seinem Oskar-nominierten Film Der große Diktator den Film verspottet, bezieht Jackson sich darauf, um die Opfer des Nazi-Regimes zu feiern und die Denkweise derer zu verhöhnen, die immer noch faschistische Überzeugungen unterstützen.

Willa: Das ist ein wunderbarer Post, der den HIStory Trailer in einen historischen Kontext stellt, ihn aber auch in Zusammenhang mit dem HIStory Album beschreibt, für dessen Bewerbung er gemacht wurde.

Eleanor: Indem Michael Jackson inmitten von Riefenstahl-ähnlichem Glanz und Gloria positioniert wird, wo man statt eines friedliebenden Pop-Stars, eher einen autoritären, militärischen Führer erwarten würde (wie Adolf Hitler), ruft der HIStory Teaser die Szene aus Der große Diktator in Erinnerung, in der der sanftmütige jüdische Friseur zum Double des nur dürftig getarnten Hitler-Charakters wird. Wenn Jackson mit dem jüdischen Friseur in Zusammenhang gebracht wird, während auf Nazi-Deutschland angespielt wird, setzt HIStory die Erfahrungswelt der schwarzen Bevölkerung mit der der jüdischen Bevölkerung gleich – das schwarze Ghetto mit den jüdischen Ghetto – und die Behandlung der Juden mit der Behandlung der Schwarzen in Amerika.

Willa: Das ist eine interessante Feststellung, Eleanor – dass Michael Jackson in der unerwarteten Rolle eines Diktators der Erfahrung des jüdischen Friseurs in Der große Diktator entspricht, der sich selbst auch völlig unerwartet in der Rolle eines Diktators wiederfand. Der Unterschied dabei ist nur, dass der Friseur sich in dieser Rolle sehr unwohl zu fühlen scheint, als wäre ihm diese Rolle wirklich gegen seinen Willen aufgezwungen worden, während das bei Michael Jackson nicht so ist. Er sieht in HIStory selbstbewusst und souverän aus.

Eleanor: Um das noch zu klären, Willa, ich sehe Michael Jackson nicht in der Rolle eines Diktators, sondern als Stellvertreter für einen Diktator. An der Spitze seiner Truppen schreitend, nimmt er die Position ein, wo man einen diktatorischen Führer erwarten würde. Aber stattdessen finden wir dort Michael Jackson, ein Mann, der genau für das Gegenteil von Gewaltherrschaft steht. Ein Mann, der genau wie der Friseur „kein Herrscher sein (möchte) denn das liegt (ihm) nicht. (Er) möchte weder herrschen, noch irgendwen erobern.“ Aber ich stimme dir darin zu, dass MJ sich wohl fühlt, während das bei dem Friseur nicht so ist. Aber dennoch bleiben sie ihrem wirklichen Charakter treu: Der Friseur war nicht daran gewöhnt, im Scheinwerferlicht zu stehen, während Jackson, wenn auch nicht als politische Figur, daran gewöhnt war.

Willa: Das stimmt.

Eleanor: Aber ich bin froh, dass du darauf hingewiesen hast, wie MJ in den kurzen Augenblicken, in denen er zu sehen ist, aussieht. Denn ich wollte sein wunderschönes Lächeln auch noch einmal erwähnen. Ich glaube, sein Lächeln ist eine visuelle Darstellung von Charlie Chaplins Song Smile, der auch Teil des HIStory Albums ist – sein Strahlen verdeckt seinen Schmerz, diesen Schmerz, der auch Chaplin vertraut war.

 

Teaser II_HIStory
Aber um auf die Szene mit Michael und den Soldaten zurückzukommen, ich denke, sie führt uns direkt zu einem anderen Teil aus Chaplins Schlussrede in Der große Diktator. Ich sehe diese Rede sogar als eine Art Drehbuch für HIStory:

Soldaten! Vertraut euch nicht Barbaren an, Menschen, die euch verachten, euch versklaven und über euer Leben bestimmen wollen. Die euch sagen, ihr habt das zu tun, das zu glauben, das zu fühlen! Ihr werdet gedrillt, gefüttert, wie Vieh behandelt, und seid nichts weiter als Kanonenfutter. Vertraut euch nicht diesen Unmenschen an – diesen Maschinenmenschen, mit Maschinenköpfen, und Maschinenherzen. Ihr seid keine Roboter, ihr seid kein Vieh, ihr seid Menschen! Ihr tragt die Liebe zur Menschheit in euren Herzen und hasst nicht. Nur wer nicht geliebt wird, der hasst – die Ungeliebten und die Unmenschen. Soldaten kämpft nicht für die Sklaverei, kämpft für die Freiheit!

Als Führer vieler Reihen uniformierter Soldaten-Roboter stellt MJ eine Alternative zu militärischen Führern dar, den Barbaren … (die) über euer Leben bestimmen wollen.“ Als ein ‘anderer Held’, fühlt er mit all denen mit, die sich dem Staat verpflichtet haben und dadurch ihre Menschlichkeit verloren haben. Als Anführer dieser Männer identifiziert er sich mit ihnen anstatt mit dem Regime, das sie repräsentieren. Er versinnbildlicht Großmut und tadelt ein System (und nicht die Menschen selbst), das, um es mit Chaplins Worten zu sagen: „Männer foltern und Unschuldige verhaften lässt.“ Die Folterer und die Gefolterten sind gleichermaßen im Netz des Imperiums gefangen.

Willa: Das ist ein wichtiger Punkt, Eleanor. Ich halte es für signifikant, dass Chaplin diesen Teil seiner Rede an die Soldaten gerichtet hat, die die Befehle des Diktators ausführen, und so an ihre Menschlichkeit appelliert. Er verleugnet nicht den Schaden, den sie angerichtet haben – er zeigt, wie sie Zivilisten schikanieren und sogar ermorden. Aber er verteufelt sie auch nicht. Er impliziert vielmehr, dass auch die Soldaten zu Opfern der Führer wurden: „…ihr werdet gedrillt, gefüttert, wie Vieh behandelt, und seid nichts weiter als Kanonenfutter.“

Und wie du sagst, fühlt Michael Jackson keine Animosität gegenüber Soldaten oder Polizisten, den Personen, die am unteren Ende die Befehle ausführen. Er verbündet sich vielmehr mit ihnen.

Eleanor: Ja, dieser sehr aussagekräftige Salut an seine Truppen vermittelt diese Botschaft – Gefühle von Mitgefühl und Respekt, anstatt Animosität und Hass, sogar für diejenigen, die den Willen des Unterdrückers ausführen.

Willa: Und wie Susan Woodward mir in einer Email schrieb, können wir, nach dem diese gigantische Statue enthüllt ist, auf einem Arm ein Emblem erkennen – es ist ein Abzeichen mit dem Wort „POLIZEI“ in großen Buchstaben neben einem Esperanto Stern.

Eleanor: Vielen Dank an Susan. Das hatte ich nicht bemerkt, ich werde es noch einmal genauer ansehen.

Willa: Mir war es auch nicht aufgefallen, aber es ist ein wichtiges Detail. Ich denke, Michael Jacksons Erfahrungen mit der Polizei Santa Barbaras, insbesondere durch ihre Beteiligung an Leibesvisitation, hätten zu Animositäten gegenüber der Polizei im Allgemeinen führen können. Aber HIStory erweckt nicht diesen Eindruck. Er drückt etwas weit Komplizierteres aus.

Wenn ich ehrlich bin, fühlt es sich an, wie ein Akt der Aneignung. Genau wie sich weiße Sänger und Musiker die „schwarze“ Musik von Jazz bis hin zu Hip Hop angeeignet haben, und sie durch die weiße Perspektive umgeformt haben, scheint sich Michael Jackson in HIStory Bilder weißer Autorität anzueignen (und womit könnte er das besser tun, als mit dem rassistisch-autoritären Nazi-Deutschland?) um diese aus der multinationalen Esperanto-Perspektive neu zu formen. Ein noch besserer Vergleich wäre vielleicht, wie sich Gruppen wie Queer Nation oder viele junge Hip Hop Künstler, die in der Vergangenheit auf sie gerichteten, abwertenden Bemerkungen – Worte wie „Nigger“ und „Schwuchtel“ – jetzt als eine Art Auszeichnung verwenden und ihnen so die Macht entzogen haben, sie zu verletzen.

Eleanor: Ja, ein Akt von Aneignung und Veränderung. Imperiale und nationalistische Machtstrukturen gehen davon aus, dass die Eroberung anderer eine natürliche menschliche Überlebensstrategie ist und nicht eine Strategie, die sich Menschen nur angeeignet haben. Und sie gehen davon aus, dass diejenigen die im Besitz dominierender Technologien sind, automatisch die Oberhand haben. Und dennoch wenden sich unsere landwirtschaftlichen, industriellen und militärischen Technologien gegen uns, sie erschaffen eine Welt, die in nicht allzu ferner Zukunft für uns alle nicht mehr bewohnbar ist, so wie sie das für manche von uns durch Kriege auch jetzt schon ist.

Mit Chaplins Worten gesagt:

Unser Wissen hat uns zu Zynikern gemacht. Unsere Klugheit macht uns hart und lieblos. Wir denken zu viel und fühlen zu wenig. Wir brauchen nicht mehr Maschinen, wir brauchen Menschen. Wir brauchen nicht mehr Klugheit, wir brauchen Güte und Freundlichkeit. Ohne diese Eigenschaften ist unser Leben nichts wert und wir sind verloren …

Obwohl wir den freien Willen als ein grundsätzliches menschliches Persönlichkeitsmerkmal propagieren, scheinen wir jedoch nicht an den Willen zu glauben, den Umgang miteinander, einzeln oder gemeinsam, zu verändern. Ich denke, Michael Jackson stimmte solchen Gedanken nicht zu. Er glaubte daran, dass Menschen zu großen Veränderungen fähig sind, und an Kunst als Schlüssel dazu; und er glaubte an sich selbst und seine Kunst als Mittel, um fundamentale Veränderungen in Gang zu setzen – das ist die Idee eines völlig anderen „Triumph des Willens“.

Indem er sich selbst mit einem mit eiserner Faust regierenden Tyrannen vergleicht, betont Michael Jackson die Unterschiede zwischen seinen Werten als afroamerikanischer Künstler, der an Kunst als Mittel zur Heilung der Welt glaubt, und den Werten, die zu Unterdrückung führen, verdeutlicht die Übel des Systems und hat gleichzeitig Mitgefühl mit denjenigen, die darin gefangen sind.

Willa: Das ist eine wunderbare Zusammenfassung, Eleanor. Vielen Dank, und auch dafür, dass du wieder hier bei mir warst um zu versuchen diesen komplexen Film besser zu verstehen. In unserem nächsten Post werden wir diese Diskussion abschließen und noch weitere bedeutende Referenzen in HIStory untersuchen.

Außerdem wollte ich noch bekannt geben, dass die Library of Congress vor kurzem Joe Vogels Artikel über das Thriller Album veröffentlicht hat. Wir haben es unseren „Lesezimmer“ zugefügt. Über diesen Link kommt man direkt dorthin:

http://www.loc.gov/rr/record/nrpb/registry/essays/Thriller–FINAL.pdf

Eleanor: Gut zu wissen. Danke, dass ihr es hier im Elephant verfügbar macht. Und ich freue mich schon darauf, mit dir an dem letzten Teil dieser Serie zu arbeiten.

Übersetzung: M.v.d.L. 🔹 Ilke

HIStory Teaser / Teil I: Triumph des Willens

by

Post vom 30/10/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

 

Willa: Das Werk von Michael Jackson, welches mich wohl am meisten verwirrt, ist das Promotion-Video für sein HIStory Album, üblicherweise als HIStory Teaser bezeichnet. Frei nach Helene „Leni“ Riefenstahls Nazi-Propagandafilm von 1934 Triumph des Willens ist es eine wirklich ungewöhnliche Inspiration für ein Michael Jackson Video – ich kann mir eigentlich keine ungewöhnlichere Quelle vorstellen! Seit Jahren denke ich über diesen Promo-Film nach, versuche ihn zu verstehen, erhalte aber nie eine wirklich befriedigende Antwort. Ich bleibe immer mit dem bohrenden Gefühl zurück, dass es mit diesem Film etwas Wichtiges auf sich hat, was ich einfach nicht sehen kann.

Deshalb war ich sehr fasziniert von unserer Freundin Eleanor Bowman zu hören, dass sie für ihre 3-teilige Buchreihe The Algorithm of Desire (‘Der Algorithmus der Sehnsucht’) historische Nachforschungen angestellt hat, und dass ihr diese Nachforschungen neue Einsichten in diesen verwirrenden Film gegeben haben. Ich danke dir sehr, dass du bei uns bist, Eleanor! Ich bin gespannt darauf, zu hören was du entdeckt hast.

Eleanor: Hallo Willa. Danke für die Einladung an diesem wunderbaren, fortlaufenden und wichtigen Gespräch über Michael Jackson teilzunehmen. Es ist jedes Mal ein Vergnügen und ich lerne so viel.

Du bist nicht die Einzige, die von dem HIStory Teaser verwirrt ist. Ich fand ihn sogar sehr beunruhigend. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint er ein eindeutiger Beweis dafür zu sein, dass MJ ein Größenwahnsinniger war.

Willa: Was genau die Interpretation vieler Kritiker wiedergibt. Einen dieser Kritiker zitiert Diane Sawyer 1995 in ihrem Interview mit Michael Jackson und Lisa Marie Presley:

Die Kritiker sagen, es sei „die kühnste, prahlerischste Selbst-Vergötterung, die je ein Pop-Sänger unternahm, ohne eine Miene zu verziehen.“

https://www.youtube.com/watch?v=GHS_qmZdrSM

(Dieser Teil kommt im Interview nach etwa 21 Minuten.) Sie fragt ihn auch nach der militärischen Symbolik, auf eine Art, die unterstellt, er unterstütze Nazi-Ideologien, was er verneint. Diane Sawyer zeigt den Film und macht anschließend deutlich, dass sie dem, was diese Kritiker sagen, zustimmt.

Eleanor: Was keine Überraschung ist. Weder die Kritiker, noch die Medien schienen MJ je zu verstehen. Beispielsweise zu glauben, er tat es „ohne eine Miene zu verziehen“, wie Diane Sawyer behauptet, sagt aus, dass sie das Wesentliche des Films gar nicht begriffen hat. Eine solche Interpretation macht überhaupt keinen Sinn, wenn man bedenkt, wer MJ war und wofür er stand.

Es bleibt jedoch die Frage, wie wir die Bedeutung des HIStory Teasers, unter Berücksichtigung von dem, was wir über MJ wissen, herausfinden? Denn ihr könnt sicher sein, er hat eine Bedeutung. HIStory ist ein Rätsel, genau wie der Mann, um dessen Geschichte es darin geht, aber eines, was uns manchmal ganz offensichtliche Hinweise gibt. Ich habe herausgefunden, dass die Dinge, die anscheinend auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben, oft auf eine tieferliegende, versteckte Logik hinweisen, wenn man tief genug gräbt.

Willa: Ja, das finde ich auch. Und manchmal ist es so, dass die Filme, die mich am meisten verwirren, die zuerst sogar entmutigend sind – wie Smooth Criminal und You Rock My World – dann, wenn man erst den Schlüssel zu ihrer Interpretation gefunden hat, sehr eindrucksvoll sind.

Eleanor: Genau. Und der HIStory Teaser ist da keine Ausnahme. Auch wenn er als Trailer für das HIStory Album angekündigt wurde, ist der HIStory Teaser ein eigenständiges Kunstwerk. Es erzählt Michael Jacksons Geschichte, seine Lebensgeschichte, seine Sicht der verzerrten und scheußlichen Geschichte, die zu der Zeit über ihn erzählt wurde, und, worauf das Wort HIStory hinweist, zeigt es, wie Michael Jacksons persönliche Geschichte und seine Situation sich in eine umfassendere Geschichte einfügt und für diese sogar symbolisch ist. Die Filmreferenzen in HIStory, inklusive Triumph des Willens, sind deshalb darin enthalten, weil er glaubte, dass sie für seine Situation relevant sind und uns ein besseres Verständnis dafür ermöglichen würden.

So wie Dangerous Michael Jacksons Album ist, das sein „Erwachsenwerden“ markiert, wie Susan Fast es in ihrem Buch Dangerous ausdrückt, arbeiten der Film und das Album HIStory seine Position in einem Kontext aus, im Kontext seines eigenen Lebens als Visionär und Künstler, im Kontext der afro-amerikanischen Erfahrung, und im Kontext der imperialen Kultur. Es ist eine vernichtende politische Kritik, eine scharfsinnige Kulturanalyse und eine starke persönliche Erklärung, die zuvor versteckte Komplexitäten, gespeichertes Wissen und verborgene Tiefen aufdeckt.

Willa, wie du und andere Mitwirkende an deiner Seite oft aufgezeigt haben, bereiten uns Michael Jacksons Widersprüche häufig Unbehagen. Und für mich ist der unpassendste Widerspruch sein Auftreten im HIStory Teaser, umgeben von den Truppen des grausamsten, gewaltsamsten Militärdiktators unserer jüngsten Geschichte. Die Gegenüberstellung von MJ und diesen Bildern hinterfragt unseren Begriff von dem, was er ist und wofür er steht. („Was hat er sich dabei gedacht?“) Ohne Zweifel, HIStory ist riskant. Aber Michael Jackson war risikofreudig.

Willa: Ja, dem stimme ich zu. Ich denke, es ist eines der Merkmale, die ihn als Künstler auszeichnen.

Eleanor: Aber Michael Jackson tat nie etwas unbewusst, er muss also gedacht haben, dass der HIStory Teaser bei allem, womit er zu schaffen hatte, das Risiko wert ist. Er musste einen Weg finden, die Aufmerksamkeit der Menschen zu erreichen, und mit dem HIStory Teaser hat er diesen gefunden. HIStory fordert uns heraus – es erregt unsere Aufmerksamkeit – es führt zu Unbehagen oder verblüfft uns so, dass wir bereit sind, unter die Oberfläche zu sehen.

Willa: Und wie man dem Interview mit Diane Sawyer entnehmen kann, war das sein Ziel. Denn er sagt zu ihr: „Ich wollte jedermanns Aufmerksamkeit.“

Eleanor: Meine hat er ganz sicher bekommen! Mit Zuversicht und indem ich beim Studieren dieses Films auch zwischen den Zeilen gelesen habe, gab er mir sowohl ein tieferes Verständnis für ihn als Mensch und Visionär, als auch für das Ausmaß der Herausforderungen, denen er ausgesetzt war. Letztendlich sehe ich darin einen Beweis für seinen unbezwingbaren Willen und seine beständige Hoffnung auf die Zukunft.

Als Objekt einer Verleumdungskampagne, die jeden anderen zerstört hätte, von der Polizei brutal behandelt und vom Staatsanwalt von Santa Barbara gehetzt und schikaniert – Angriffe, die oberflächlich betrachtet, mangels Beweisen gegen ihn, aber einer Masse von Beweisen, die für ihn sprechen, keinen Sinn ergeben – analysierte er sie im Zusammenhang mit der Kulturgeschichte, um die wirklichen Hintergründe herauszufinden. Mit HIStory bekommen wir das Ergebnis dieser Analyse. Mit HIStory dreht er den Spieß für seine Ankläger um, er kriminalisiert die Gesellschaft, die versuchte, ihn zu kriminalisieren.

Indem eine Bildsprache, die mit ‘dem Reich des Bösen’ in Verbindung steht, benutzt wird, aber Bildern des Mannes gegenüber gestellt ist, dessen größtes Verlangen es war, die Welt zu heilen, vergleicht HIStory die Werte Michael Jacksons mit den Werten der Menschen, die gegen ihn agieren und enthüllt den Ursprung dieser Werte. Einen modernen Helden präsentierend, liefert HIStory ein überzeugendes Argument dafür, dass die bösartigen Angriffe auf Michael Jackson aus der Angst entstanden, dass er – als Person und mit seiner Kunst – alle Voraussetzungen untergrub, die eine imperialistische Gesellschaft unterstützen. Eine Gesellschaft, deren Funktion auf Trennung anstelle von Vereinigung basiert, oft auf der Grundlage von Rasse.

HIStory entlarvt die Attacken auf Michael Jackson als politisch und kulturell, deren rücksichtslose Art in sich selbst Beweis seiner politischen und kulturellen Macht und dem Ausmaß der Bedrohung ist, die er für den Status Quo repräsentierte – und weiterhin repräsentiert – eine Macht und Bedrohung, die Susan Woodward in ihrem interessanten Buch Otherness and Power: Michael Jackson and His Media Critics (‘Anderssein und Macht: Michael Jackson und seine Medienkritiker’) erkannte und analysiert.

Willa: Ich habe durch Susans Buch auch viel gelernt. Sie wird sogar bald hier sein, um mit mir darüber zu sprechen. Aber zurück zu dem, was du über HIStory gesagt hast. Es stimmt, dass es das erste Album ist, was nach den Anschuldigungen von 1993 herauskam, und mit dem HIStory Teaser startete die Veröffentlichungskampagne des Albums. Und wow… er machte es sehr deutlich, dass er sich nicht von all dem, was über ihn gesagt wurde und was die Polizei und Presse ihm angetan hatte, beschämt zum Schweigen bringen lassen würde. Der HIStory Film ist mutig und trotzig, soviel ist sicher. Aber es ist interessant, dass du ihn auch als direkte Herausforderung der zu Grunde liegenden politischen und kulturellen Ideologie siehst – nicht nur der Anschuldigungen an sich, sondern auch wie das Einfließen dieser Anschuldigungen in die bereits existierenden Vorurteile die kulturelle Wut auslöste, die darauf folgte. Darüber würde ich gerne mehr erfahren.

Eleanor: Willa, ich bin tatsächlich auch sehr glücklich, meine Gedanken zu teilen. Wie du erwähnt hast, kamen mir diesen Sommer, als ich an meinem Buch arbeitete – und über die Beziehung von Imperialismus zu Rassismus, insbesondere über die Rolle, die imperialistische Werte bei der Behandlung Michael Jacksons spielten, nachdachte – die ‘imperialen’ Bilder des History Teasers in den Sinn.

In meinem Buch geht es allgemein darum, wie die Macht von Mythen die Lebensweise einer Gesellschaft formt, und insbesondere über die Macht des Schöpfungsmythos in der Genesis, um die imperialistische Lebensweise durch das Anerziehen eines Glaubens an einen körperlosen, über das Materielle hinausgehenden Gott, zu formen und zu bewahren.

Die Genesis trennt Gott und das Heilige von der Natur und der materiellen Welt, erhebt ihn darüber, stellt ihn an die Spitze, und erschafft die Menschheit nach seinem Bild, eine transzendente Weltanschauung und ein Wertesystem kreierend, das auf Trennung und Hierarchie basiert, und die Menschheit von der Natur und den Körper vom Geist trennt.

Durch die ganze Geschichte des christlichen Abendlandes hindurch, hat ein Reich nach dem anderen diese Weltanschauung genutzt, um eine Rasse oder Nation als die am perfektesten nach „Gottes Ebenbild“ erschaffene herauszustellen und hat diese dann als die „vollkommenen Menschen“ definiert und sie damit über alle anderen erhoben, sie an die Spitze gestellt und mit ihnen eher das Geistige als das Körperliche verbunden. Diejenigen, die beherrscht wurden, anstatt zu herrschen, wurden definiert als Masse, als Körper ohne Verstand. Sie sind üblicherweise dazu bestimmt, die kulturell weniger wertvolle, körperliche Arbeit zu erledigen und ihnen wird ihr volles Menschsein abgesprochen – sofern sie überhaupt als menschlich definiert werden. In der U.S. Verfassung (Artikel 1, Abschnitt 2) z.B. wird der Wert eines Sklaven nur mit 3/5 des Wertes einer freien Person angesetzt.

Willa: In einem weiter zurück liegenden Post sprachen wir mit dir über die Zusammenhänge dieser Transzendenz-Ideologie und wie sie zu Frauenfeindlichkeit und Rassismus beiträgt. In diesem Post hast du erklärt, wie du ‘Transzendenz’ als zentrales Konzept der jüdisch-christlichen Kultur siehst, und gemeint, dass Michael Jackson regelrecht eine neue Ideologie verkörperte, die der ‘Immanenz’. Es war sehr faszinierend und eines der Gespräche, die meine Sicht der Welt wirklich veränderten. Du hast auch die üblen Konsequenzen dieser Ideologie der ‘Transzendenz’ für Mensch und Umwelt erläutert.

Eleanor: Ja, für mich liegt die kulturelle Signifikanz Michael Jacksons darin, dass er die Inkarnation von Immanenz ist. Indem er eine Alternative zu der transzendenten Weltsicht repräsentiert, ist er auch die Verkörperung anti-imperialistischer Werte. Für mich ist es faszinierend, dass er sich in HIStory auf Triumph des Willens bezieht, das sicherlich effektivste Beispiel einer imperialistischen Propaganda, das je erschaffen wurde.

Ich hatte immer angenommen, Triumph wäre gedreht worden, als das Naziregime auf dem Gipfel der Macht war, und dass es sich um eine direkte Dokumentation einer wichtigen Naziversammlung handelte. Aber in Wirklichkeit wurde es schon viel früher gefilmt, 1934, und die Versammlung wurde extra für den Film organisiert. Riefenstahl hat also nicht die Realität dokumentiert, sondern sie hat sie konstruiert, indem sie die Bilder verwendete, die das Weltbild der Nazis nicht einfach widerspiegelten, sondern die es erschufen. Riefenstahl kreierte den Mythos, der Nazi-Deutschland erschuf und stützte.

Willa: Wow, Eleanor, das ist faszinierend.

Eleanor: Gemäß einem Artikel, der 2003 kurz nach ihrem Tod geschrieben wurde, heißt es: “Bis heute wird keine Dokumentation über den Nationalsozialismus ohne Bilder aus diesem Film veröffentlicht, kein anderer Film hat unsere visuelle Vorstellung darüber, was Nationalsozialismus bedeutete, so geprägt, wie dieser Film.“

http://www.wsws.org/en/articles/2003/09/rief-s15.html

Willa: Das ist sehr interessant, und es passt zu dem, was mich schon lange beschäftigt – die Kraft der Kunst liegt nicht nur darin, die Realität zu reflektieren, sondern sie schafft eine neue Realität.

Im 18. Jahrhundert gab es z.B. gleichzeitig zwei wichtige Trends: Das Entstehen einer neuen, zuvor nicht existierenden Gesellschaftsschicht (der Mittelschicht), und einer neuen Kunstform (dem Roman). In ihrem Buch über die politische Historie des Romans Desire and Domestic Fiction: A Political History of the Novel, erörtert Nancy Armstrong, dass diese neue literarische Form nicht nur die Interessen dieser neuen Gesellschaftsschicht reflektierte, so wie es Wissenschaftler vorziehen, wenn sie über diese Zusammenhänge schreiben, sondern dass der Roman vielmehr dazu beigetragen hat, die Mittelschicht zu erschaffen. Armstrong argumentiert damit, dass der Roman eine Art neues soziales Bewusstsein erschuf, indem die Menschen nicht nur nach ihrem Stand beurteilt wurden, sondern nach der „Beschaffenheit ihres Geistes“, und dieses neue Bewusstsein erschuf die ideologische Basis für soziale Mobilität (Durchlässigkeit) und dadurch die Mittelschicht.

Das ist der gleiche Prozess, den du bei Triumph des Willens beschreibst. Es wird weniger die breite öffentliche Akzeptanz der Nazi-Ideologie dokumentiert, als dass eine Vision davon geboten wird, wie ein Nazi-Triumph aussehen könnte, und unterstützt dadurch gleichzeitig, es zur Wirklichkeit werden zu lassen.

Ich sehe ein sehr ähnliches Bild bei Michael Jackson. Durch sein ganzes Werk hindurch erschafft er nicht nur kraftvolle Kunst, sondern dadurch auch ein neues kulturelles Verständnis, das gesellschaftliche Veränderungen ermöglicht. Er zeigt uns, wie unsere momentanen Gesellschaftsstrukturen versagen, besonders bei denen, die an den Rand gedrängt und machtlos sind und schlägt neue kulturelle Möglichkeiten vor.

Eleanor: So ist es, indem er, wie du sagst, „ein neues kulturelles Verständnis, das gesellschaftliche Veränderungen ermöglicht“ erschafft, hat Michael Jackson, wie auch Leni Riefenstahl mit dem Medium Film, die Kraft der Kunst, unsere Sicht auf die Welt zu formen und zu beeinflussen, erkannt. Wenn er sich in seinem Film HIStory auf Riefenstahl bezieht, verkündet er, dass auch er ein Erschaffer von Mythen ist, aber er kreiert einen neuen Mythos, um eine neue Realität zu erschaffen. Anstatt jedoch die Bühne für ein weiteres Reich zu bereiten, und sich selbst „zu vergöttern“, wie die Medienkritiker dachten (siehe Diane Sawyers Zitat weiter oben), wendet sich sein Mythos gegen das Konzept, dass manche Menschen gleicher sind als andere und zerstört den imperialistischen Mythos völlig.

Er wusste, dass HIStorys Riefenstahl-ähnliche Bildsprache – die monumentale Architektur, die weiten Boulevards und Versammlungsplätze, die Formationen im Gleichschritt – bei den meisten Menschen Nazi-Abscheulichkeiten in Erinnerung ruft und nicht etwa kaiserliche Pracht, und er vertraute darauf, dass seine Fans, und sogar die Kritiker und Medien, den Unterschied zwischen dem, was Michael Jackson symbolisiert und dem, wofür Adolf Hitler steht, erkennen würden.

History Teaser Army


Interessanterweise repräsentierte MJ als afro-amerikanischer Musiker eine Gruppe, die von den Nazis genauso verachtet wurde, wie die Juden. „Entartete“ afro-amerikanische Musik zu hören (zu jener Zeit Jazz) war von den Nazis verboten und wurde mit Gefängnis oder gar dem Tod bestraft, als Teil ihres Drangs, die sogenannte arische Rasse und Kultur zu säubern. Hier ist ein interessanter Artikel, der sich mit der Angst und der Abscheu der Nazis vor Jazz beschäftigt, in dem es heißt, „In dem von Nazis besetzten Europa… wurde Jazz unterdrückt; ihm hing das Stigma von Unreinheit, Erneuerung, Leidenschaft an… alles von Totalitaristen missbilligte Qualitäten (sogar der antifaschistische Theoretiker Theodor Adorno hatte eine starke Abneigung gegen Jazz).“

http://www.openculture.com/2013/03/the_nazis_10_control-freak_rules_for_jazz_performers_.html

Willa: Das ist ein sehr interessantes Thema, über das ich nichts wusste, bevor Midnight Boomer und Ultravioletrae es letzten Juni in den Comments angesprochen hatten. Ich würde das wirklich gerne vertiefen. Vielleicht sollten wir alle zusammen über dieses Thema einen Post schreiben.

Im HIStory Teaser sieht man also, wie Michael Jackson an die Geschichte von Imperien und Imperialismus erinnert und sie zugleich neu schreibt?

Eleanor: Ja. HIStory schlägt einen weiteren Nagel in den imperialen Sarg, indem die Soldaten mit den Uniformen der Sowjetunion kostümiert sind, was Erinnerungen an den Gulag und den KGB („was doggin’ me“ /„verfolgte mich“) weckt. HIStory setzt noch eins drauf durch das Hinzufügen eines amerikanischen SWAT-Teams (Anmerkung: amerikanische Spezialeinheit), in den afro-amerikanischen Vierteln bekannt dafür, Türen einzutreten und erst später Fragen zu stellen, und macht die Übel des Dritten Reichs dadurch unmittelbar greifbar.

Durch die Verknüpfung von sowjetischem Totalitarismus und dem amerikanischen Polizeistaat (der schon bald in deiner Nachbarschaft auftaucht) mit Nazi-Faschismus verbindet HIStory alle drei mit imperialer Unterdrückung, diejenige der Vergangenheit und der Gegenwart. Addiert man zu dieser Mischung Michael Jackson, einen schwarzen Künstler mit außergewöhnlichen Visionen und einem großen Herzen, sowie dessen ethnische und private Geschichte, gibt HIStory Hoffnung für die Zukunft und erinnert uns gleichzeitig an die Vergangenheit – auch an seine.

Willa: Und von seinen anderen Werken her wissen wir, dass das Thema Imperialismus für ihn von Bedeutung ist. Mehrfach erweckt er geschickt unsere koloniale Vergangenheit und stellt die anhaltenden Konsequenzen von Kolonialismus und Imperialismus einander gegenüber. Darüber sprachen wir beispielsweise kurz in Artikeln über die Kurzfilme für Black or White, They Don’t Care About Us und Liberian Girl. Und ich glaube, dieses langjährige Interesse für die fortdauernden Effekte von Imperialismus ist bei der Annäherung an den HIStory Teaser von großer Bedeutung.

Du denkst also, dass er in HIStory seine andauernde Beschäftigung mit dem Imperialismus auf Faschismus und andere autoritäre Gesellschaftsstrukturen ausdehnt? Das ist wirklich interessant – und es hilft dabei zu erklären, warum er auf Triumph des Willens als Vorlage zurückgreift.

Ehrlich gesagt habe ich den Film nie zuvor gesehen, aber ich habe ihn auf YouTube gefunden. (Auf YouTube findet man fast alles!) Hier ist ein Link:

Ich muss sagen, nach allem, was wir darüber wissen, wie alles so schrecklich falsch lief bei der Nazi-Bewegung, nähere ich mich diesem Film mit großer Angst …

Eleanor: Bevor wir diesen Post machten, hatte ich ihn auch noch nie gesehen, Willa, nur kleine Ausschnitte. Und ich fühlte dasselbe. Eigentlich nähere ich mich sogar HIStory mit Furcht.

Willa: Triumph ist sehr verstörend, wie du vorhin gesagt hast. Und diese faschistische Bildsprache ist ein weiterer Grund, warum ich so zögerlich dabei war, es anzusehen. Aber es war überhaupt nicht das, was ich erwartet habe. Und im Grunde gibt es da einige Aspekte, die auf überraschende Art direkt mit Michael Jackson in Verbindung gebracht werden können.

Der Film betont zum Beispiel, dass Hitler den Nazismus als jugend-basierte Bewegung versteht. Hitler hält im Verlauf des Films fünf ganz kurze Reden, und seine vielleicht beste Rede ist an ein Meer etwa 12-jähriger Jungen gerichtet. (Diese Szene beginnt bei etwa 45 Minuten). Hier ist das, was er zu ihnen sagt:

Wir wollen ein Volk sein. Und ihr, meine Jugend, sollt dieses Volk nun werden. Wir wollen keine Klassen und Stände mehr sehen. Ihr dürft dies nicht zwischen euch entstehen lassen.

Er richtet also seine Botschaft an Kinder, an vorpubertäre Kinder, und seine Betonung ist, dass sie alle „ein Volk“ sind – ein sehr nach Michael Jackson klingendes Konzept. Hitler sagt weiter:

Und ich weiß, das kann gar nicht anders sein, denn ihr seid Fleisch aus unserem Fleisch und Blut, von unserem Blut. Und in euren jungen Gehirnen brennt derselbe Geist, der uns beherrscht. Ihr könnt gar nicht anders, als mit uns verbunden zu sein.

Diese Worte – „Ihr seid Fleisch aus unserem Fleisch und Blut, von unserem Blut“ – hat wirklich meine Aufmerksamkeit gefesselt, aus mehreren Gründen. Während Hitler zum einen sagt, dass sie „ein Volk“ ohne „Klassenunterschiede“ seien, glaubte er keineswegs daran, dass alle Menschen oder sogar alle Deutschen „ein Volk“ seien. Genau das Gegenteil war der Fall. Er wollte unbedingt Einteilungen zwischen einigen Gruppen von Menschen behalten, solche wie Juden und Heiden, Schwarze und Weiße, Hetero- und Homosexuelle, körperlich gesunde und behinderte Menschen, besonders jene mit genetisch bedingten Behinderungen.

Er spielt hierauf unterschwellig in seiner abschließenden Rede im Film an, als er sagt: „Die Einteilungen der Vergangenheit wurden durch einen hohen Standard, der nun die Nation anführt, ersetzt. Wir tragen das beste Blut in uns, und wir wissen das.“ Dieses Thema des Blutes ist also ein sehr Wichtiges für Hitler, denn er setzt es ein, um seine Gedanken der Rassenreinheit zu unterstützen.

Eleanor: Ja, nach allem, was wir wissen, lassen diese Worte mein eigenes Blut gefrieren. Hitler spricht nicht nur über irgendein Blut, sondern über „das beste Blut“ – das Blut „unserer Menschen“, die von Gott erschaffen wurden.

Nichts wird aus dem Nichts kommen, wenn es nicht auf einem größeren Auftrag beruht. Dieser Auftrag wurde uns nicht von einem irdischen Vorgesetzten gegeben. Er wurde uns von Gott gegeben, der unser Volk erschaffen hat.

Um seine eigenen Ambitionen zu untermauern bezieht sich Hitler mit diesen Worten auf die Schöpfungsgeschichte im ersten Buch Mose, und behauptet damit, dass der den Nazis auferlegte soziale und politische Auftrag – der Faschismus – von Gott ausgeht, und dass das deutsche Volk (wenigstens einige von ihnen) nach Gottes Ebenbild gemacht wurden, dem Bild des allmächtigen und allwissenden und alles überragenden Geistes. Oder wie Riefenstahl es im Fall von Hitler und den Nazis ausdrückt, im Begriff des „Willens“.

Obwohl als Katholik geboren, war Hitler selbst nicht gläubig, aber die Mehrheit des deutschen Volkes war es. Um also seine eigene Agenda zu legitimieren, stellte er seine Ansichten im Rahmen des christlichen Glaubens dar. Basierend auf den Studien zu diesem Film (und darauf, was ich allgemein über Hitler weiß) erscheint es mir so, dass er die Deutschen und die Nationalsozialistische Partei und auch seine eigenen Ambitionen als den reinsten Ausdruck göttlichen Willens vermarktet.

Willa: Daher kommt also der Titel Triumph des Willens? Ich habe mich gefragt, was der Titel bedeutet …

Eleanor: Nun Willa, ich vermute es nur. Aber der Wille ist die Manifestation des Geistes, und Gottes Wille, so wie in „sein Wille geschehe“, ist ein wichtiger christlicher Begriff, der weithin bekannt ist. Es ist außerdem sehr wahrscheinlich, dass der Begriff „Wille“ einen Bezug zu dem Titel von Schopenhauers Buch Die Welt als Wille und Vorstellung (‘The World as Will and Idea’) herstellt. (Im Deutschen nutzen beide Titel dasselbe Wort für „Wille“). Als große Mythenerschafferin stellt Riefenstahl wahrscheinlich eine Anzahl von unbewussten und bewussten Assoziationen her – um aus einem einzelnen Wort so viel Reichweite wie möglich zu erhalten – genau wie MJ durch vielfältige Assoziationen eine enorme Reichweite mit einem Vier-Minuten-Film erzielt. Triumph ist Riefenstahls Wiedergabe von Hitlers Version vom Mythos der Überlegenheit. Hitlers Wille, der Wille des deutschen Volkes und der deutschen Menschen selbst wird durch Riefenstahl als der Triumph von Gottes Willen zum Mythos erhoben, was wir aber wirklich erleben ist der Triumph vom Willen Hitlers.

Diejenigen, die ihren Willen einsetzen, um andere zu kontrollieren – „die Herrenrasse“ – werden als natürlicherweise und grundsätzlich über jenen, die die Gesellschaft darstellen, stehend definiert, indem sie ein Grundprinzip für die systematische Entmenschlichung, Ausbeutung, Missbrauch und sogar Beseitigung anderer Völker (im Fall der Nazis), besonders Völker anderer Rassen, bereitstellt. In Hitlers Welt wurden einzig und allein die Arier, nur jene, die das „beste Blut“ in sich trugen, als vollwertige Menschen gesehen – alle anderen wurden als Schädlinge betrachtet, als etwas, das ausgerottet werden musste.

Willa: Es ist wirklich entsetzlich, wie dieser Gedanke des reinen Blutes oder „besten Blutes“ benutzt wurde, um Rassismus und Völkermord zu rechtfertigen. Aber wenn du dir dann Michael Jackson ansiehst, dann stellst du fasziniert fest, dass das Bild des Blutes für ihn ebenso eine große Bedeutung hat, aus genau dem gegenteiligen Grund: nämlich um Rasseneinteilungen und andere künstliche Grenzen zwischen uns zu widerlegen. Es ist fast wie eine Metapher für das, was er während des gesamten HIStory Films macht – er nimmt eine von Hitler vorgelegte kulturelle Erzählung und verkehrt sie in ihr komplettes Gegenteil.

In Michael Jacksons Vision ist Blut das eine Element, das uns alle verbindet. Wir alle – alle Rassen, alle Religionen, alle Nationalitäten – wir alle haben Blut in unseren Adern. Wir alle bluten, wenn wir verletzt sind. Unser menschliches Blut ist eins der Dinge, die uns als „ein Volk“ kennzeichnen – wahrhaftig ein Volk. Michael Jackson drückt dies auf wunderbare Art in Can You Feel It aus, als er singt: „Wir sind alle gleich / Ja, das Blut in mir ist auch in dir … Ja, das Blut in meinen Adern ist auch in deinen“ („We’re all the same / Yes, the blood inside of me is inside of you … Yes, the blood inside my veins is inside of you“).

Eleanor: Ja, er weist nicht nur das Konzept von sich, dass manche mehr Mensch sind als andere, sondern er definiert neu, was es bedeutet, Mensch zu sein in Begriffen von Verbindung statt Trennung, indem er den Geist wieder dem Körper und die Menschlichkeit der Natur zuordnet. Seine Vorstellung radiert nicht nur Grenzen aus, sie ist allumfassend. Ausgedrückt in Planet Earth erweitert er den Gedanken der Blutsverwandtschaft über das Menschliche hinaus, hin zu allem Leben durch alle Zeiten, wenn er sagt:

In meinen Adern habe ich das Geheimnis
aller Zeiten gespürt, Geschichtsbücher
Lebenslieder im Lauf der Zeit, pulsierend in meinem Blut
Haben den Rhythmus von Ebbe und Flut getanzt

In my veins I’ve felt the mystery
Of corridors of time, books of history
Life songs of ages throbbing in my blood
Have danced the rhythm of the tide and flood

Anders als Hitler, in dessen Vorstellung Blut einen Geist (und Willen) symbolisierte, der einzig dem deutschen Volk vorbehalten war („Ihr seid … von unserem Blut … eins mit uns. In euren jungen Gehirnen brennt derselbe Geist, der uns beherrscht“), setzt Michael Jackson den Begriff des Blutes als Symbol für die uns alle gemeinsame Lebenskraft ein. Alles Leben, einschließlich der Menschheit, ist ein Ausdruck für die heilige Kraft innerhalb der Natur, die durch unsere Körper und unsere Adern pulsiert.

Seine Rolle im HIStory Teaser besteht darin, eine alternative Sicht zur vorherrschenden und dominierenden Weltanschauung anzubieten und diese gleichzeitig anzuzweifeln. Indem er Bilder von sich selbst – einem Mann, der seine „Menschlichkeit“ wiederholt unter Beweis gestellt hat – den Bildern des Reichs gegenüberstellt, besonders jenes Reichs, das unterdrückte Völker, die er selbst als Farbiger repräsentiert, ghettoisiert hat (und schlimmer), stellt HIStory den imperialen Gedanken des „vollkommenen Menschen“ als unmenschlich, als grausam und korrupt, als etwas, das mehr den Tod als das Leben verkörpert, dar.

In der Welt Michael Jacksons ist niemand ein „vollkommenerer“ Mensch als irgendjemand anderer. Niemand ist grundsätzlich mehr – oder weniger – wert aufgrund von Rassenzugehörigkeit oder sexueller Neigung oder Religion oder Nationalität. In der Welt Michael Jacksons tritt der Wunsch nach Gemeinschaft und Verbindung und Empathie an die Stelle des Drangs zu trennen und Überlegenheit zu erlangen. Mitgefühl ersetzt Kontrolle.

Wenn es jemandes tiefstes Bestreben ist, dem auserwählten Club der vollkommenen Menschen anzugehören, wie in der imperialen Werteorientierung ausgedrückt, dann bestätigt jener Wunsch diese Werte und die bestehende Ordnung. Wenn du aber den Club und alles, wofür er steht, zurückweist und noch dazu den Einfluss eines Michael Jackson hast, dann kannst du die komplette Machtstruktur zu Fall bringen. Und genau deshalb war er so gefährlich.

Willa: Ja, aber seine „Macht“ ist eine sehr interessante, denn er erreicht seinen Einfluss zu großen Teilen aus der Sehnsucht – aus unserer Sehnsucht nach ihm und nach dem, für das er steht, seine Vision für die Zukunft. Und dies klingt zunächst einmal wirklich ungeheuerlich, also hab‘ Nachsicht mit mir, bis ich es erklärt habe, aber dies ist eine weitere bedeutsame Parallele zwischen Hitler und Michael Jackson, zwischen Triumph des Willens und dem HIStory Promotionfilm.

Ich war von Triumph des Willens wirklich überrascht, denn es war nicht die lange Rede, die die Werte der Nazis rechtfertigt, wie ich es erwartet hatte. Eigentlich geht er hinsichtlich der Nazi-Ideologie gar nicht so sehr ins Detail und Hitlers Reden sind sehr kurz – größtenteils 2-3 Minuten lang. Die letzte Rede ist bei weitem die längste, aber selbst die ist nur etwa 9 Minuten lang. Es ist ein Propagandafilm, aber ein Publikum durch Redekunst zu beherrschen, scheint nicht der Punkt zu sein. Stattdessen scheint das Ziel des Films die Erzeugung von Sehnsucht zu sein – besonders Sehnsucht nach Hitler und nach einem strahlenden, gesunden, starken Deutschland.

Triumph des Willens beginnt mit zwanzig Minuten Musik und Bildern – keine Gespräche. Zwanzig Minuten sind eine ziemlich lange Zeit in einem Film, besonders in einem, der insgesamt weniger als zwei Stunden dauert. Und wir sehen sehr wenig von Hitler selbst in diesen ersten zwanzig Minuten. Stattdessen sehen wir Luftaufnahmen von der wunderschönen Architektur Nürnbergs (wir als Zuschauer fliegen wie Hitler in Nürnberg ein) und wir sehen auch, immer noch aus der Luft, eine gewaltige Anzahl von Soldaten, Truppenaufstellungen – wie im HIStory Film – die zu dem Platz marschieren, an dem Hitler sprechen wird.

Dann sehen wir, wie sein Flugzeug landet – man erhascht einen schnellen Blick auf ihn, wie er die Stufen des Flugzeugs hintergeht – und dann folgen wir der Wagenkolonne in die Stadt. Aber wir sehen sehr viel mehr Filmmaterial über die Menschenmenge und ihre begeisterte Wahrnehmung von ihm als von Hitler selbst.

Das Entscheidende hierbei ist Spannung aufzubauen, Sehnsucht zu wecken, und der HIStory Film beginnt auf exakt die gleiche Art. In der ersten Hälfte sehen wir Soldatentruppen, die auf das Zentrum der Stadt zu marschieren und Stahlarbeiter bei den Vorbereitungen für seine Ankunft. Wir erkennen außerdem schreiende Fans, aufgeregte Kinder, in Ohnmacht fallende Frauen. Aber wir sehen sehr wenig von Michael Jackson selbst. Wir sehen nicht einmal sein Gesicht bis zur Mitte dieses ersten Teils, und selbst danach sind es nur ein paar flüchtige Eindrücke.

Die erste Hälfte des HIStory Films verläuft also im Vergleich genau wie die ersten zwanzig Minuten von Triumph des Willens. Beide Filme bauen Spannung auf, erzeugen Sehnsucht – und es handelt sich um sehr ähnliche Arten von Sehnsucht. Es ist fast eine Art von romantischer Liebe oder sogar sexueller Ekstase. Das ist ein weiterer Grund, dass mir die Zeile „Ihr seid Fleisch aus unserem Fleisch und Blut, von unserem Blut“ wirklich ins Auge sprang.

In der Entstehungsgeschichte der Bibel sagt Adam zu Eva, dass sie „aus seinem Fleisch“ ist, und diese Zeile wird oft in Hochzeitszeremonien wiederholt. Wenn also Hitler diese Worte spricht, sagt er damit unterschwellig, dass seine Beziehung zu seinen Zuhörern wie die Verbindung zwischen Mann und Frau ist. Und Michael Jackson impliziert dasselbe – dass seine Beziehung zu seinem Publikum wie eine Liebesbeziehung ist. Dieser Gedanke wird durch die vielen Aufnahmen der Menschenmenge verstärkt, sowohl in Triumph des Willens, als auch im HIStory Teaser, besonders durch die Aufnahmen der in Ohnmacht fallenden Frauen, als wären sie in einem Zustand der Ekstase.

Eleanor: Du hast Recht. Riefenstahl selbst war in ihn verliebt, und ich vermute, ganz Deutschland war in ihn verliebt – und er hatte Bewunderer außerhalb Deutschlands, einschließlich dem Herzog und der Herzogin von Windsor. Ich war wirklich schockiert, als ich über diesen 2009 veröffentlichten Artikel auf der Express Website gestolpert bin, der behauptet, dass „der frühere britische Monarch dem Journalisten sagte, dass es tragisch für die Welt sein würde, wenn der Nazi-Diktator gestürzt würde. Hitler sei nicht nur der richtige und zwingend logische Führer des deutschen Volkes, sondern, darauf bestand der Herzog, er wäre auch ein großartiger Mann“.

http://www.express.co.uk/expressyourself/113232/The-Nazi-King

Willa: Wow, der gesamte Artikel ist schockierend. Ich wusste, dass er Hitler mal unterstützt hat, aber ich dachte, dass das sehr früh gewesen war – vor dem Krieg. Ich habe nicht bemerkt, dass es während des Krieges andauerte und sogar das Weiterleiten von Informationen an die Deutschen beinhaltete und den Versuch Roosevelt davon abzuhalten, Großbritannien zu helfen. Wenn das wahr ist, dann ist es ein Glück, dass er auf die Thronfolge verzichtet hat. Ich möchte demnächst mehr darüber erfahren …

Aber ich denke, dass Riefenstahls Beziehung zu Hitler kompliziert war. Ich habe kürzlich ein Interview mit Quincy Jones gelesen, in dem dieser ein gemeinsames Essen mit ihr beschrieb und meinte, dass sie ziemlich kritisch mit der Führung der Nazis, einschließlich Hitler, umging, und dass sie alle kokainabhängig gewesen seien. (Jones sagte außerdem, dass Kokain „jegliche Ängste oder Probleme mit Gewalt unterbinden würde“, was interessant ist, besonders in Verbindung mit der Führungsriege der Nazis.)

http://www.theguardian.com/music/2014/sep/22/quincy-jones-michael-jackson-thriller-producer-interview

Aber Quincy Jones traf Riefenstahl natürlich lange nach dem Zweiten Weltkrieg, und der gesamte Schrecken dessen, was passiert war, ist inzwischen offengelegt worden. Ihre Gefühle waren wahrscheinlich vollkommen anders, als sie 1934 den Film gedreht hat, bevor die Konzentrationslager in Betrieb genommen wurden und andere Gräueltaten passierten – noch zu einer Zeit, als Hitler wie eine Art Retter erschien, der Deutschland einen Neuanfang versprach.

Eleanor: Ich habe den Artikel auch gelesen. Ist es nicht interessant, dass Quincy Jones Leni Riefenstahl getroffen hat?

Willa: Das ist es.

Eleanor: In diesem Artikel sagt er, dass er ein großer Fan wäre. Ich frage mich, ob MJ von ihm über Triumph erfahren hat. Ich hatte angenommen, dass es durch sein Interesse an Chaplin kam. Aber, vielleicht auch nicht …

Willa: Ich hatte genau den gleichen Gedanken. Es gibt Michael Jacksons Einsatz von Triumph im HIStory Teaser ganz sicher eine weitere Dimension, nicht wahr?

Eleanor: Wie du sagst, jenes Treffen fand lange nach den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs statt. Zu der Zeit, als sie Triumph drehte, sagte sie:

Für mich ist Hitler der größte Mann, der jemals gelebt hat. Er ist wirklich ohne Fehler, so einfach und doch voll männlicher Kraft … Er ist wirklich schön, er ist klug. Eine Strahlkraft geht von ihm aus. All die großen Männer Deutschlands – Friedrich, Nietzsche, Bismarck – haben ihre Fehler gehabt. Hitlers Anhänger sind nicht makellos. Nur er ist rein.

http://www.wsws.org/en/articles/2003/09/rief-s15.html

Für mich sind dies die Worte einer verliebten Frau. Wenn also Riefenstahls Gefühle irgendein Indikator für die Gefühle der Menschen gegenüber Hitler sind, dann war Sehnsucht eine Komponente für seine Anziehungskraft.

Aber Michael auf diese Art mit Hitler zu vergleichen ist immer noch fast mehr als ich verarbeiten kann. Das zeigt, wie schädlich dieses Zeug ist. Das ist der Grund, warum das, was Michael in HIStory tat, so riskant war.

Willa: Ich verstehe, was du meinst. Michael Jackson mit Hitler zu vergleichen fühlt sich einfach falsch an, auf so vielen Ebenen. Ihre Ansichten, Wahrnehmungen, Zukunftsvisionen, emotionale Reaktion auf das Leid – alles an ihnen scheint genau entgegengesetzt zu sein. Aber Michael Jackson selbst zog den Vergleich in seinen Unterhaltungen mit Rabbi Boteach, die 2009 als The Michael Jackson Tapes veröffentlicht wurden. Als er mit Rabbi Boteach über Hitler und den Holocaust sprach, war er ganz klar entsetzt:

Als ich herausfand, wie viele Kinder allein während des Holocaust starben … (er bricht ab, weil er nicht weiterreden kann). Welcher Mensch kann so etwas tun? Ich verstehe das nicht. Es spielt keine Rolle, um welche Rasse es geht. Ich kapier’s nicht. Ich verstehe es überhaupt nicht. Wirklich nicht. Wie muss man sein … Ich verstehe solche Art Dinge nicht. Bereitet dich jemand darauf vor so sehr zu hassen? Ist es möglich, dass sie es deinem Herzen antun können?

(Nebenbei gesagt, die in Klammern gesetzte Bemerkung, dass er „abbricht“, während er vom Holocaust spricht, stammt von Rabbi Boteach.) Also sind seine Ansichten der Nazi-Ideologie genau entgegengesetzt. Selbstverständlich.

Eleanor: Natürlich. Es ist mir unbegreiflich, dass irgendjemand etwas anderes glauben kann. Aber ich vermute, sie taten es, was der Grund dafür ist, zu glauben, dass die Lyrics „Kike me“ („Nenn mich Jude“ gemeint als Schimpfwort) etc. in They Don’t Care About Us antisemitisch waren (ein weiterer Beweis seiner „Nazi-Tendenz“, kein Zweifel), als er für die Juden gesprochen hat, nicht gegen sie. Die Kritiker und die Medien und jene, die in das bestehende System vertraut und damit Erfolg gehabt haben, sind die Weichensteller. Um seinen Einfluss zu entschärfen, wiesen sie ihn zurück, lachten ihn aus als einen hochnäsigen, hohlköpfigen Popstar, der einen Narren aus sich machte, indem er sich aufblähte und sich mit imperialer Macht identifizierte, wo er diese doch eindeutig als eine Ideologie des Hasses kritisierte.

Willa: Es ist „eine Ideologie des Hasses“. Er sagte zu Boteach: „Bereitet dich jemand darauf vor so sehr zu hassen?“ Und diese Ideologie des Hasses steht allem, für das er steht und woran er glaubt, vollkommen entgegen.

Aber seine Unterhaltung mit Rabbi Boteach geht weiter und er sagt dies:

Hitler war ein genialer Redner. Er hat viele Menschen dazu gebracht, sich zu drehen, zu verändern und zu hassen. Er musste ein Schauspieler sein, und das war er. Bevor er zu sprechen anfing, verharrte er, trank etwas Wasser und dann räusperte er sich und blickte um sich. Es war das, was ein Entertainer tut, um herauszufinden, wie er mit seinem Publikum spielen kann.

Eleanor: Oh mein Gott, Willa. Ich werde MJ nie mehr auf dieselbe Art ansehen können, wie er für eine volle Minute oder so bewegungslos da steht und dann langsam seine Ray Bans abnimmt!

Willa: Nun, ich denke nicht, dass Hitler diese Strategie, seinen „Auftritt“ zu verzögern, um Spannung aufzubauen, erfunden hat, aber er hat es sicherlich wirkungsvoll eingesetzt – und so tat es Michael Jackson. Es ist sehr unangenehm, daran zu denken, aber es ist wahr.

Es ist also vollkommen falsch, anzudeuten, Michael Jackson wäre ein Sympathisant der Nazis gewesen, wie es einige Kritiker getan haben, teilweise aufgrund jener Passagen aus dem Buch von Rabbi Boteach. Vielmehr hat Rabbi Boteach selbst Michael Jackson wiederholte Male verteidigt und gesagt, dass die Leute, die ihn anklagen, diese Passagen falsch interpretieren – beispielsweise in einem Artikel der Huffington Post im November 2009 und einem weiteren Artikel ein paar Jahre später im Mai 2012.

http://www.huffingtonpost.com/rabbi-shmuley-boteach/michael-jackson-despised_b_300158.html
http://www.huffingtonpost.com/rabbi-shmuley-boteach/michael-jackson-nazi-sympathizer-bodyguard_b_1502497.html

Aber während es falsch ist, Michael Jackson einen Sympathisanten der Nazis zu nennen – weit gefehlt, er repräsentiert das genaue Gegenteil – verstand er trotzdem den Einfluss eines überzeugenden Darstellers, der ein Publikum beeinflussen kann, zum Guten oder zum Schlechten, und es ist faszinierend, dass es das ist, wie er Hitler sieht: als „einen genialen Redner“, „einen Schauspieler“ und einen Performer. Rabbi Boteach fordert ihn hierzu auf deutlicher zu werden:

Bist du der Gegensatz zu Hitler? Gott hat dir dieses außerordentliche Charisma geschenkt und während er (Hitler) die Bestie im Menschen hervorbrachte, möchtest du etwas von der Unschuld und dem Guten im Menschen hervorbringen.

Michael Jackson stimmt mit Boteachs Einschätzung überein und sagt „Das glaube ich“.

Eleanor: Ja, er glaubte ab einem jungen Alter an sein Schicksal, dass er eine besondere Rolle zu spielen hatte. Und ich glaube das ebenso.

Willa: Ich weiß nicht, ob es Schicksal war oder nicht, aber er wurde ganz sicher zu einer unglaublich einflussreichen kulturellen Persönlichkeit – eine, die buchstäblich die Welt verändert hat.

Es ist also wichtig, Hitlers Fähigkeiten als Agitator von seiner Ideologie zu trennen. Michael Jackson verspürte ganz offensichtlich nichts weiter als Entsetzen für Hitlers Botschaft, drückte aber eine widerwillige Bewunderung für dessen Charisma und die Fähigkeit, diese Botschaft zu vermitteln, aus. Hitler setzte seine Talente dafür ein, Vorurteile und Hass zu begünstigen – und in dem HIStory Film macht Michael Jackson sich einige seiner Techniken zu eigen, um „Liebe“ zu begünstigen, wie er Diane Sawyer sagte. Oder vielmehr Sehnsucht. Ich denke, es geht im Grunde mehr um Sehnsucht, aber Sehnsucht geht eng mit Liebe einher.

Eleanor: Ja, und Sehnsucht ist eindeutig an Charisma gekoppelt, obwohl Charisma ein Mysterium bleibt, aber ein Mysterium, das zu verstehen MJ sehr interessiert war.

Charisma ist mehr als eine Sache der Technik. Es ist an die Macht der Botschaft gebunden – und an den Überbringer der Botschaft – um tiefsitzende und kollektiv-verwurzelte Emotionen anzuzapfen, um tief empfundene Bedürfnisse – wie du sagst, Sehnsüchte – zu befriedigen, deren äußerste Ausprägung mit dem Überleben gleichzusetzen ist. Hitler rief Sehnsucht im deutschen Volk hervor, appellierte an ihren Überlebenstrieb, indem er sie davon überzeugte, dass ihr Überleben von ihm abhing und dass sie, unter seiner Führung, nicht nur überleben, sondern wieder aus der Asche des Ersten Weltkrieges aufsteigen würden.

Willa: Das ist solch ein bedeutender Punkt, Eleanor, und beleuchtet eine weitere wichtige Parallele zwischen Triumph des Willens und dem HIStory Teaser: Sie wurden beide zu einer Zeit tiefster Demütigung und mutmaßlicher Niederlage gefilmt. Triumph beginnt mit diesen über die Leinwand geschriebenen Zeilen:

5. September 1934
20 Jahre nach dem Ausbruch des Weltkrieges
16 Jahre nach dem Anfang deutschen Leidens
19 Monate nach dem Beginn der deutschen Wiedergeburt
flog Adolf Hitler wiederum nach Nürnberg, um Heerschau abzuhalten über seine Getreuen

Der Film platziert sich selbst also im Kontext der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und der gelähmten Wirtschaftslage, die darauf folgte, welches wirklich eine Zeit großen Leidens in Deutschland war. Und Michael Jackson produzierte den HIStory Film im Jahr 1995 in Folge der falschen Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs, welches für ihn eine Zeit großen Leidens darstellte. Menschen auf der ganzen Welt verdrehten seine Botschaft und nannten ihn einen Kinderschänder.

Aber trotz dieses Leids und der Erniedrigung verkünden beide Filme, dass sie nicht besiegt sein werden, sie werden sich nicht beschämen lassen. Michael Jackson wird anderen nicht erlauben, ihm ihre Etiketten aufzudrücken – er wird sich selbst definieren – und so wird es Deutschland tun. Sie werden beide wieder aufsteigen, jeder auf seine eigene Art. So wie der Text zu Beginn von Triumph sagt, dass dieser Film „den Beginn der deutschen Wiedergeburt“ dokumentiert und feiert.

Eleanor: Allerdings war Hitlers Vision nicht nur eine Vision der Wiedergeburt, sondern eine Vision der Eroberung, eine Vision, in der ein wiedergeborenes Deutschland seine Überlegenheit gegenüber allen anderen geltend machte, und wir wissen, wohin das führte.

Willa: Ja, absolut. Das ist der Grund, warum den Film anzusehen nun, wo wir wissen, was bald danach passierte, so schaurig ist.

Eleanor: Und Riefenstahls Film war sehr wichtig dafür, um die Sehnsucht danach zu erzeugen, dass seine Vision sich erfüllt hat – indem die Verbindung zwischen Hitlers Vision und ihrem Überleben hergestellt wird, indem sie Hitler als ihren Helden darstellt, als ihre Rettung. Und die Sehnsucht, die da erzeugt wurde, ist, wie du sagst, eine Art von „fast romantischer Liebe oder sogar schon sexueller Ekstase“.

Kollektives Überleben, das Überleben eines Volkes oder einer Nation, schließt mehr ein als Beziehungen zu anderen Menschen und zum Land. Es schließt nämlich auch sexuelle Beziehungen ein, durch die das Überleben von einer Generation zur Nächsten sichergestellt wird. Wenn man also auf den Überlebenstrieb einwirkt, dann bedeutet das, dass damit auch sexuelles Begehren geweckt wird. Und es ist sehr gut möglich, dass Hitler eine Redewendung wie „aus einem Fleisch sein“ – und Riefenstahl stellt dies in ihrem Film ausdrücklich heraus – mit Absicht verwendete, um einen Bezug zu Adam und Eva und sexueller Liebe herzustellen.

Triumph kann also als eine Art sexuelle Demonstration gesehen werden. In der Bildsprache von Triumph geht es vor allem um Dominanz und Macht und Stärke, mit anderen Worten um zur Schau gestellte, traditionelle Männlichkeit. Denk nur an all die Bilder der schönen, jungen Männer ganz am Anfang, wie sie halb angezogen im frühen Morgennebel auftauchen. Die Verknüpfung von Bildern männlicher Schönheit mit Bildern politischer und militärischer Stärke rufen Assoziationen an militärische und sexuelle Fähigkeiten hervor.

Willa: Das ist interessant. Ich habe darüber bisher gar nicht so nachgedacht, aber es stimmt, Triumph ist voll mit Bildern von männlicher Kraft in unterschiedlichsten Formen …

Eleanor: Und wie du sagtest baut HIStory, wie Triumph, Spannung auf und weckt Sehnsucht. So wie wir nur sehr wenig von Hitler sehen in den Eröffnungssequenzen von Triumph, sehen wir nur sehr wenig von MJ. Um genau zu sein sehen wir kaum etwas von MJ, aber das, was wir sehen, ist wirklich interessant. Vor dieser großartigen Aufnahme von seinem schönen, lächelnden Gesicht sehen wir seine sexy Stiefel und seine hautengen Hosen. Wir sehen ihn gehen – und wie er geht! Dieser elegante, verwegene Gang, vollkommenes Selbstvertrauen.

Und direkt bevor er salutiert, eine Ehrenbezeigung, die Gefühle von Empathie und Respekt für seine Truppe vermittelt und er dann die Szene verlässt, fokussiert sich die Kamera auf … seinen Schritt! Eine völlig andere, aber äußerst effektive Art Männlichkeit zur Schau zu stellen. Männlichkeit, genau wie Menschlichkeit, verkörpert durch Michael Jackson, hat mit Eroberung nichts zu tun, und die Sehnsucht nach ihm hat nichts mit der Sehnsucht zu tun, erobert werden zu wollen (bekannt aus romantischen Romanen als „Miederöffner“).

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Um eine radikale Veränderung herbeizuführen, um die Wurzeln der Machtausübung ans Tageslicht zu bringen, was er als Bedrohung für das Überleben des Planeten und der menschlichen Gattung sah – speziell eines bestimmten Mitglieds der menschlichen Gattung, sich selbst – musste Michael Jackson den Einfluss seiner Kunst einsetzen, um ein neues Bezugssystem zum Überleben zu kreieren – einen neuen Algorithmus der Sehnsucht.

Willa: Welches der Titel deiner Buchreihe ist. So schließt sich also der Kreis …

Eleanor: Ja, wie ist das passiert? Der Algorithmus der Sehnsucht definiert die Bedingungen für unser aller Leben – sowohl von einem Tag zum anderen als auch von einer Generation zur nächsten. Das Überleben von Imperien basierte in beiden Fällen auf dem Konzept von „Teile und herrsche“.

Um einen radikalen Umschwung herbeizuführen, musste Michael Jackson den Überlebenstrieb – der unsere Interaktionen mit anderen Ländern und Völkern steuert – von den Vorstellungen von Trennung und Kontrolle trennen, was bedeutet, er musste die Erotik neu definieren, und ich denke, dass er das getan hat. Mit der Kraft seiner Kunst, tiefe Gefühle hervorzurufen, schuf er neue Verbindungen. Er vernetzte unsere Gehirne neu. Er veränderte, was Menschen anspricht. Ganz schön viel, was sich dieser schlanke junge Mann da zu erreichen vorgenommen hat.

Willa: Allerdings. Aber im Lauf seiner Karriere war er wirklich erfolgreich darin, die Erotik neu zu erfinden. Er war das erste schwarze Teenager-Idol, ein Objekt der Begierde für Millionen Teenager auf der ganzen Welt: weiße, schwarze, asiatische, alle Rassen. Schon das alleine ist eine gewaltige Neudefinition der Erotik.

Und er war auf eine andere Art sexy als die meisten seiner Vorgänger. Er war unbeschreiblich heiß, aber nicht auf Macho-Art. Er hat neu definiert, was es für einen Mann heißt, sexy zu sein.

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Eleanor: Ja. Sie hat Ja gesagt …

Willa: Ha! Das ist lustig. Du denkst also, eine der Aussagen des HIStory-Promo-Films ist das Zerbrechen der symbolischen Verknüpfung von militärischer Macht und sexueller Potenz, von Imperium und Machismo?

Eleanor: Ganz genau. Das ist sehr gut formuliert! Und womit könnte man Imperialismus besser in Misskredit bringen als durch das Zitieren des berüchtigtsten Beispiels der transzendenten Weltanschauung aus der jüngsten Vergangenheit, Nazi-Deutschland. Und wie könnte man Nazi-Deutschland besser zitieren, als mit den in Triumph des Willens angewendeten Techniken, die sowohl Hitlers Redekunst als auch Riefenstahls Kunst zeigen, und diese Techniken auszunutzen, um das eigene Programm voranzubringen.

Wie wir schon erwähnten, wurde HIStory in einer sehr schweren Zeit in Michaels Leben gefilmt. Aber in einem größerem Zusammenhang gesehen, erschien Michael Jackson zu einer Zeit auf der Weltbühne, in der die Menschen das Vertrauen in die alten Lösungen verloren hatten und verzweifelt nach etwas Neuem suchten. Er war sich dieser Gezeitenwende bewusst, und „es gibt Gezeiten für der Menschen Treiben; nimmt man die Flut wahr, führt sie uns zum Glück“ / “the tide, when taken at the full, leads on to fortune” (Anmerkung: Zitat nach Shakespeare) – also nutzte er seine Chance.

HIStory bietet uns die Vision eines modernen Helden, der sich statt Kriegen und Eroberung dem Mitgefühl verpflichtet hat. Die Kraft seiner Kunst berührt uns tief und verändert unser Leben – sie öffnet unsere Herzen und Augen, lässt uns Dinge anders sehen und fühlen, bewegt uns dazu, den ‘Tanz des Lebens’ – und nicht des Todes – zu tanzen.

Willa: Und diese Idee des „modernen Helden“ erkennen wir auch in Charlie Chaplins brillantem, satirischen Film Der große Diktator, welcher auch auf Triumph des Willens zurückgreift, sich diesem entgegenstellt, und der auch als ein wichtiger Einfluss auf den HIStory Teaser gesehen werden kann. Auf all das konzentrieren wir uns, wenn wir diese Diskussion im nächsten Post fortführen werden.

Bis dahin danke ich dir für deine Beteiligung, Eleanor. Du hast uns sehr viele Denkanstöße gegeben!

 

Übersetzung: M.v.d.L. ♣ Ilke

Die verwirrende Kraft des Grotesken und Abartigen

by

Quelle:
Dr. Willa Stillwater: M Poetica – Michael Jackson’s Art of Connection and Defiance

 

Wenn ein Mann in einen Gerichtssaal geht mit Pflaster auf seiner Nase, könnte das vielleicht Kunst sein? Es klingt nicht so. Tatsächlich klingt es wie der Auftakt zu einem Witz. („Geht ein Mann in eine Bar …“). Aber was ist, wenn unter dem Pflaster gar keine Wunde ist? Was ist, wenn die Pflaster als Requisite genutzt werden, um ein Publikum – ein globales Publikum – dazu anzuregen, eine erfundene Geschichte als wahr anzusehen? Was ist, wenn sie es gewohnt sind, eine bestimmte Reaktion zu erwägen, und dann wird das Publikum aufgefordert, seine Reaktion zu überprüfen? Was ist, wenn diese Episode Teil eines größeren Projektes über Wahrnehmung und Interpretation und die Art, wie wir eine Bedeutungen herausfinden, ist? Könnte es in diesem Fall Kunst sein?

Drei von Jacksons Bodyguards – Bill Whitfield, Mike Garcia und Javon (JB) Beard – haben bestätigt, dass Jackson gelegentlich auch dann Pflaster trug, wenn es dafür keinen physischen Grund gab, so erzählten sie Ashleigh Banfield von Good Morning, America:

Banfield: Verbarg er eine Verletzung unter diesen Pflastern?

Whitfield: Nein, diese Verkleidung war für ihn der Brandopfer-Look.

Banfield: Es war eine Verkleidung?

Whitfield: Eine Verkleidung, für ihn.

Banfield: Wenn du ihn die Treppe herunter kommen sahst, fertig um ins Auto zu steigen mit den Pflastern, was hast du da gedacht?

Whitfield: Dass etwas mit ihm ist.

Garcia: Yeah, was ist los?

Whitfield: Yeah, es liegt etwas in der Luft.

Banfield: Habt ihr ihn jemals gefragt?

Beard: Wie konntest du ihn so etwas fragen? Er kam herunter mit den Kindern, so konnten wir nicht sagen ‚Was zur Hölle geht da vor, Sir?’

Jacksons Bodyguards nehmen an, er habe die Pflaster als eine Art Verkleidung benutzt, um seine Identität zu schützen, aber wenn es so wäre, dann wäre das höchst ineffektiv gewesen. Genau genommen war es eher so, wenn die Paparazzi einen Mann mit Pflaster im Gesicht sahen, dass sie direkt annahmen, es müsse Michael Jackson sein. Jedoch machte er trotzdem weiter damit, gelegentlich Pflaster zu tragen, sogar nachdem ihre Wirkung eher die eines Identifikationsmerkmals als die einer Verkleidung war. Hier ist ein Bild von Jackson, auf dem er Pflaster trägt während einer Shopping Tour mit seinen Kindern in einem Buchladen 2007 in Las Vegas:

Pflaster Jackson
Als junger Mann hat Jackson sich manchmal maskiert und einen Nachmittag in Disneyland verbracht, ruhig auf einer Bank sitzend, um einfach nur Leute zu beobachten. Dies war auf der Höhe seines Ruhmes, jedoch hat ihn niemand erkannt. Er war sehr geschickt darin, sich zu verkleiden, und wenn er wirklich seine Identität hätte verstecken wollen, wenn er mit seinen Bodyguards raus ging, dann wäre das sehr einfach für ihn gewesen. Aber das tat er nicht – er wählte lieber, seine Erscheinung auf eine Art zu verändern, die sein Gesicht weniger versteckte, als dass sie sein Gesicht grotesk machte. Seine Identität zu verbergen scheint nicht der Zweck gewesen zu sein, als er die Pflaster trug. Und es erklärt auch nicht, warum er Pflaster in einem Gerichtssaal trug, wo er wusste, dass er klar identifiziert würde.

In gewisser Weise ähnelt ein Gerichtssaal einem Theater. Es gibt ein Publikum, das auf Reihen von Bänken sitzt, gegenüber der „Bühne“, auf der die Handlung stattfindet. Die Bank des Richters ist der Mittelpunkt der Bühne, die Zeugenstände sind daneben liegend, der Tisch des Protokollführers ist vorn, und die Geschworenenbank ist typischerweise rechts der Bühne (manchmal auch links davon), von wo aus die Jurymitglieder selbst alles sehen können und auch vom Publikum gesehen werden können. Es gibt Haupt- und Nebendarsteller, die uns so vertraut sind wie Romeo und Julia, Mercutio und Tybalt: Es gibt den Richter, den Anwalt der Anklage, den Anwalt der Verteidigung, den Angeklagten und den Ankläger, die Geschworenen, den Protokollführer und die offizielle Person in Uniform, die sehr gerade dasteht und jeden zur Ordnung mahnt.

Wenn wir noch mal zurückgehen zum Gerichtsgebäude in Santa Maria am 13. November 2002 und uns ansehen, wie sich die Dinge entfalteten, können wir erkennen, dass die Handlung strukturiert ist wie ein Miniatur-Drama. Als Jackson den Gerichtssaal betritt, trägt er eine Chirurgenmaske. Dies ruft sofort ein Gefühl der Spannung in der Menge der im Saal Anwesenden hervor. Warum trägt er eine Maske? Was ist unter der Maske? Hatte er weitere plastische Operationen? Der Richter bittet Jackson, die Maske abzunehmen. Die Spannung steigt. Wird er es tun? Wird das Publikum sehen, was darunter ist? Das Drama erreicht seinen Höhepunkt: Was wird er entscheiden? Die Leute lehnen sich nach vorne, als er nach oben greift, langsam die Maske herunterzieht und enthüllt, was im Verborgenen war: Da sind Pflaster auf seiner Nase. Gemäß Reuters ringt das Publikum nach Luft und die Fotografen drängeln, um ein gutes Foto zu bekommen. Das Rätsel ist geklärt, aber es bleibt Spannung zurück: Was ist unter den Pflastern?

Zwei Tage später gestaltet Jackson die Szene neu – oder fast, er dekonstruiert sie. Er betritt den Gerichtssaal und trägt überhaupt gar keine Pflaster. Noch mal, da ist eine Aufregung im Saal, aber dieses Mal wegen der Abwesenheit der Pflaster. Seine Nase sieht bestens aus. Wie hat er das gemacht? Deckt er die Wunde irgendwie mit schwerem Make-up ab? Trägt er vielleicht eine Nasenprothese? Oder gibt es noch eine andere Möglichkeit, eine die zu jener Zeit niemand in Erwägung gezogen hat: Ist es möglich, dass es niemals eine Wunde gab, und dass die Pflaster einfach nur eine Requisite waren, um einen dramatischen Effekt zu erzeugen?

Diese zwei Szenen haben alle Kennzeichen eines gut inszenierten Dramas – eines modernen Dramas, denn es verweigert uns das Ende dadurch, dass es einige unserer Fragen unbeantwortet lässt. Es gibt ein sehr realistisches Set und bekannte Charaktere und Dialoge, und die Charaktere sprechen ihre Texte so getreu, als würden sie einem Skript folgen. Es gibt eine Handlung mit dramatischer Spannung, einem Moment des Konflikts und einem gewissen Grad der Erleichterung. Der erste Tag folgt dem klassischen Muster der Erzeugung von Spannung, mit dem Höhepunkt, als der Protagonist eine schicksalsschwere Entscheidung tritt, die den Ausgang des Dramas bestimmt, und dann kommt die Auflösung. Der zweite Tag hat eine mehr experimentelle Handlungsentwicklung – eher eine Struktur á la Warten auf Godot.

Während ich jedoch mental akzeptieren kann, dass diese zwei Szenen im Gerichtssaal die Merkmale dramatischer Kunst erfüllen, zögere ich emotional, sie Kunst zu nennen. Es ist nicht deswegen, weil sie sich in einem realen Gerichtssaal abspielen mit einem realen Richter und mit realen Anwälten. Inzwischen sind wir es ziemlich gewöhnt von Darstellern, dass sie die „Vierte Wand“ niederreißen oder dass sie Wände generell meiden, indem sie ihre Produktionen außerhalb eines Theaters inszenieren. Und es ist auch nicht deshalb, weil diesen Gerichtsszenen dramatische Qualitäten fehlen würden oder weil sie keine wirklichen menschlichen Emotionen hervorrufen würden. Sie erfüllen beides.

Das Problem sind die speziellen Arten der Emotion, die diese Szenen hervorrufen. Wenn ich ein Gerichtsdrama sehen will, möchte ich Gregory Peck sehen, wie er die stille Würde des Atticus Finch in Wer die Nachtigall stört hervorruft (einem weiteren Film, den Jackson liebte, der von der Verhandlung über einen schwarzen Mann handelt, der das Begehren einer weißen Frau geweckt hat). Ich möchte Henry Fonda sehen, wie er seine Mitgeschworenen in Die zwölf Geschworenen leidenschaftlich dazu bringt, ihre voreiligen Urteile zu überdenken. Ich möchte einen alkoholkranken Paul Newman in Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit (The Verdict) sehen, der sich zusammenreißt, um einer trauernden Familie zu helfen, die unmoralischen Bürokraten zu besiegen. Ich möchte Hugh Grant in Maurice sehen, der sein Gesicht ganz hinten im Gerichtssaal versteckt und sich drückt. Ich möchte Kelly McGillis sehen, wie sie lernt, sich mit einer zähen, moralisch nicht eindeutigen Jodie Foster in Angeklagt zu verbinden. Sogar Perry Mason würde es zur Not tun oder L.A. Law oder Rumpole off the Bailey. Ich möchte nicht Michael Jackson in einem Zeugenstand sehen mit einem Pflaster auf seiner Nase. Das ist weder erhebend noch erbaulich oder ergreifend. Es ist peinlich. Es ist grotesk.

Aber Michael Jackson war fasziniert von der Macht des Grotesken. Es war eine der Farben auf seiner künstlerischen Palette, und er hatte keine Angst, sie gelegentlich einzusetzen, um konventionelle Sichtweisen herauszufordern oder um eine spezielle Empfindung hervorzurufen oder um zu betonen, was er versuchte, zu vermitteln. Wir verabscheuen das Groteske, aber er tat das nicht. Vielmehr ist es meine Vermutung, dass er unsere entsetzten Reaktionen gegenüber dem Grotesken sogar genoss. Warum sollte er noch einen weiteren öden Tag in einem Gerichtssaal sitzen und den über Verträge streitenden Anwälten zuhören, wenn man Pflaster auf die Nase kleben und damit Kommentatoren auf dem gesamten Globus dazu bringen kann, in ihre Mikrophone zu hyperventilieren? Ich kann mir einfach nicht helfen, aber ich denke, das gab ihm einen Kick. Sogar wenn niemand den Witz verstand, er amüsierte sich. (Ein Problem mit der Empathie ist, dass sie dazu führen kann, unsere eigenen Gefühle auf andere zu übertragen – und anzunehmen, andere Leute würden auf die gleiche Art wie wir in einer bestimmten Situation fühlen. Das ist nicht immer wahr.)

Bashir interviewt Jackson einige Tage später, und Bashir ist entsetzt, aber Jackson nicht. Vielmehr scheint Jackson überhaupt nicht peinlich berührt zu sein – und seine Nase sieht in Ordnung aus. Er wechselt schnell das Thema der Unterhaltung (was man als Zeichen des Unwohlfühlens deuten könnte, obwohl es sich nicht danach anfühlt), und dann fängt er laut zu lachen an. Wie er in Unbreakable sagt, eine trotzige Reaktion auf alles, was ihm passiert ist „Du zerbrichst mich nicht, denn ich bin unzerbrechlich,“ und „Ich lache immer, wenn ich wieder auftauche.“ Wir sehen den Beweis dieses „Lachens, wenn ich wieder auftauche“ in Bashirs Dokumentation ein paar Tage nach der Gerichtsszene.

Aber dies ist nicht bloß ein Practical Joke. Das Groteske dient einer bedeutenden kulturellen Funktion. Es gibt nichts Gefährliches oder Unmoralisches oder Ungesundes am Grotesken – da ist absolut nichts Falsches daran, in dem Sinne, dass ein Mann roten Lippenstift trägt oder eine Babypuppe herumträgt oder Pflaster auf seine Nase klebt – aber wir sind kulturell so konditioniert, dass wir eine spezielle, stechende Art von peinlicher Berührtheit verspüren, sogar abgestoßen sind vom Grotesken und es vermeiden wie eine Petrischale voller Krankheitserreger. Der bloße Gedanke eines über dreißigjährigen Michael Jackson, der sich so sehr Kinder wünscht, dass er mit einer Babypuppe im Arm durchs Haus läuft, wie er Bashir erzählt, lässt uns selbst uns vor Peinlichkeit winden. Offen gesagt wäre es wahrscheinlich weniger verstörend, wenn er jemanden erschossen hätte – das wäre zumindest eine eindeutige und männliche Geste gewesen. (Und was sagt uns das über die Macht des Grotesken?) Es ist schwer zu erklären, was genau uns so sehr beunruhigt, außer dass ein erwachsener Mann niemals jemals mit einer Babypuppe kuschelt, und ein Typ mit fünf wilden Brüdern weiß das ganz sicher. Jede männliche Person in Amerika scheint es ab einem Alter von sechs oder sieben Jahren zu wissen. Das wird einfach nicht gemacht. Es ist absurd.

Dieses bezeichnende knisternde Unbehagen, nehmen wir gegenüber dem unangemessenen, dem unschicklichen und den grotesken Funktionen wie einen elektrischen Zaun wahr, der uns in unseren Grenzen hält. Es ist das, was uns sagt, dass ein Mann keinen Lippenstift tragen sollte, aber eine Frau. (Wenn er es tut oder sie nicht, dann ist vielleicht etwas mit ihnen falsch.) Es ist diese spezielle Art von peinlicher Berührtheit, die uns in Meetings beschleicht, wenn eine Frau zu viel redet und wenn Männer rücksichtslos sind. (Wenn du selbst eine Frau bist, kannst du dich so unwohl dabei fühlen, dass du dich tatsächlich in ein Gebet flüchtest: Kann sie bitte, in Gottes Namen, für einen Moment still sein?) Es ist das, was diesen leichten Widerwillen gegenüber Geraldine Ferraro oder Sarah Palin oder Hilary Clinton hervorruft. Es ist ein Teil der Abscheu, die die Freundinnen meiner Großmutter gegenüber schwarzen Menschen verspürten, die ihren Platz nicht kannten. (Ich kann mich erinnern, wie bewundernd sie über „gute Schwarze“ sprachen und den Kopf schüttelten über andere, die sie in den Abendnachrichten gesehen hatten. Gute Schwarze arbeiteten hart, sprachen respektvoll, hatten einen guten Sinn für Humor und eine gutmütige Akzeptanz in den meisten Bereichen ihres Lebens. Sie nahmen nicht an Märschen und Tumulten teil und verursachten Unbehagen bei anderen.) Es ist dieser Mix von Emotionen, den wir jedes Mal verspüren, wenn jemand bis an die Grenze geht. Wir mögen mit Bewunderung zurückblicken auf Elizabeth Blackwells Gründung der medizinischen Hochschulen für Frauen oder Harvey Milks Sensibilisierung des Bewusstseins für Homosexuellenrechte oder Jesse Jacksons Angebot für die Nominierung als Präsident und wir mögen sie Pioniere nennen, aber unsere Gefühle zur damaligen Zeit waren wesentlich komplizierter.

Michael Jackson war einer dieser Pioniere. Er wusste, wie es sich anfühlt, wenn einem jemand sagt, man würde zu weit gehen – und trieb es trotzdem voran. Er kannte das Hochgefühl und die Beschämung, in eine Elitegruppe zu stoßen, die offen gesagt ziemlich geschockt war durch seinen Zugang. Er wusste, wie es sich anfühlt, künstlerische Grenzen auszudehnen und dabei das Risiko einzugehen, lächerlich auf der Bühne zu wirken. (Wie Fred Astaire vor der desaströsen Eröffnungsvorstellung von The Band Wagon sagt „Tanz’, du Narr, tanz’“.) Ebenso hat er die Rolle des Grotesken studiert. Er wusste, das es Teil unserer kulturellen Konditionierung ist – dass es nur ein elektrischer Zaun ist, der uns in unseren Grenzen halten soll. Wir fürchten es, aber er tat das nicht. Also jedes Mal, wenn über diesen Zaun hüpfte, ertrug er die Betroffenheit und erforschte Orte, an die zu gehen die meisten von uns zu ängstlich sind.

Jedoch erfordert das öffentliche Hervorrufen des Grotesken einen feinsinnigen Geist, eine sichere Hand und ein tiefes Verstehen der menschlichen Psyche. Du kannst nicht der Fledermaus den Kopf abbeißen und dann Feierabend machen – nicht, wenn du versuchst, die Art tiefe soziale Veränderung zu bewirken, wie Jackson es wollte. Wenn du nicht sorgfältig bist, gehst du das Risiko ein, genau die kulturellen Grenzen, die du zu verschieben versuchst, zu verstärken. Wie Michel Foucault in Discipline and Punish: The Birth of the Prison (Disziplin und Bestrafung: Die Geburt des Gefängnisses) schreibt: Straffällige stärken genau genommen die Machtstrukturen durch die Anhebung der öffentlichen Bereitschaft, die Einmischung von Kontrolle und Überwachung zu akzeptieren, so als wären sie illegale Aliens, die die allgemeine Unterstützung verstärken für strenge, gut bewachte nationale Grenzen. Foucault behauptet, dass, wenn wir keine Gesetzesbrecher hätten, wir sie erfinden müssten. Auf irgendwie ganz ähnliche Weise verstärken Transvestiten traditionelle Geschlechterrollen. Das sorglose Hervorrufen des Grotesken verstärkt vielleicht noch unsere Gefühle des Abgestoßenseins für all das, was kulturell als fremdartig oder unerwünscht oder unakzeptabel codiert ist. Es erfordert die Fähigkeit eines Künstlers, das Groteske an die Oberfläche zu holen und uns die Spannung dieser Überschreitung fühlen zu lassen, dann aber unsere Gefühle umzuformen, so dass wir Anderssein auf eine ganz neue Art erfahren und einige dieser Plätze der Ausgestoßenen, die abgesperrt waren und vorher als auf geheimnisvolle Weise unakzeptabel gekennzeichnet waren, plötzlich neu wahrnehmen. Und wie uns Jackson in Ghosts zeigt, war er in ein Projekt eingebunden, in dem er genau das tat – ein Projekt, das von seiner Beendigung noch weit entfernt war, als er starb.

Ghosts beginnt mit einem kreischenden Raben, der sich auf einem Schild niedergelassen hat, das uns in Normal Valley, einem Ort für normale Menschen, willkommen heißt. Ironischerweise sehen wir hinter dem Willkommensschild eine Horde aufgebrachter Dorfbewohner mit Fackeln – die wie die Dorfbewohner in einem Frankensteinfilm auf ihrem Weg sind, das Monster in die Flucht zu schlagen.

Fußnote
Das ist ein interessanter Bezug, denn in Mary Shelleys Originalroman Frankenstein oder der moderne Prometheus ist das Monster eine sensible Seele, ausgeschlossen aus der menschlichen Gemeinschaft, weil es so anders aussieht. Während des Anfangsteils des Romans ist unser Mitgefühl ganz besonders beim Monster, mehr als bei den Dorfbewohnern, mit denen es zusammentrifft. Schließlich wird sein Herz hart, und es wird zu genau dem mörderischen Monster, für das alle es gehalten haben, also werden ihre falschen Wahrnehmungen nun tatsächlich wahr: sie behandeln es so lange wie ein Monster, bis es tatsächlich eines wird. Aber es hat am Ende Gewissenbisse und gelobt Wiedergutmachung für seine Taten, und wird noch einmal zu einem sympathischen Charakter. 



Sie gelangen zu einem unheimlichen Schloss mit Namen Someplace Else, mit dem Frankensteins Schloss heraufbeschworen wird, aber wir entdecken bald, dass es das Zuhause eines geheimnisvollen Künstlers, eines Maestros, ist. Einige der Kinder aus dem Dorf – zwei Brüder – haben den Maestro schon einmal besucht, und er wird beschuldigt, sie mit Geistergeschichten verängstigt zu haben. Der Bürgermeister des Dorfes, der die Bewohner anführt, will beweisen „dass es dort keine Geister gibt“ und zwingt den Maestro, den Ort zu verlassen. Er sagt dem Maestro „Zurück zum Zirkus, du Freak. Und tu dir selbst einen Gefallen, okay? Zwing uns nicht, grob werden zu müssen, denn das werden wir, wenn wir dazu gezwungen werden.“ Den Dorfbewohnern wird zunehmend unwohl zumute. Sie mögen es nicht, dass der Maestro ihren Kindern Geistergeschichten erzählt. (Wie eine besorgte Mutter ihm sagt „Schämst du dich nicht? Junge Menschen sind so leicht zu beeindrucken.“) Aber sie mögen ebenso wenig die Drohungen des Bürgermeisters.

Der Maestro fordert den Bürgermeister zu einem Wettbewerb heraus: „Ich mache dir einen Vorschlag, wir spielen ein Spiel … Die erste Person, die Angst bekommt, muss gehen. Wie findest du das?“ Mit anderen Worten, was ist machtvoller: die gewaltsamen Drohungen des Bürgermeisters oder die Kunst des Maestros? Jackson erhob diese Frage der Macht von Kunst gegenüber der Macht von Gewalt zum ersten Mal mit der Veröffentlichung von Beat It. Aber nun stellt er, statt Bandengewalt, die autoritäre Gewalt zur Diskussion – die Gewalt des Bürgermeisters und der Polizei und anderer Machtinstitutionen. Es ist derselbe Typ autoritärer Gewalt, die in sein Zuhause Neverland einfiel, sein Eigentum in Beschlag nahm, ihn zwang eine demütigende Leibesvisitation nicht nur zu ertragen, sondern daran teilzunehmen, Details aus seinem Privatleben an die Presse weitergab und ihn über eine Dekade hartnäckig verfolgt hat.

Der Bürgermeister weigert sich, an dem Spiel teilzunehmen („Ich spiele keine Spiele mit Freaks“), aber der Maestro beginnt so oder so den Wettbewerb. Jedoch beginnt er auf seltsame Art: Er macht sein Gesicht grotesk, abartig. Die Dorfbewohner erschrecken sich und alle rennen aus Angst weg, einschließlich dem Bürgermeister. (Das war ein kurzer Wettbewerb.) Aber während sie unbestreitbar effektiv sind, scheinen die Taten des Maestros bizarr und ziemlich geschmacklos für das moderne Zartgefühl: Warum entstellt er sein Gesicht auf diese Art? Es fühlt sich verrückt an und irgendwie peinlich. Wenn wir dieses Vorgehen jedoch in einen historischen Zusammenhang stellen, entdecken wir, dass das Groteske – speziell das groteske menschliche Gesicht – seit Jahrtausenden benutzt wurde, um autoritäre Macht herauszufordern.

Groteske Darstellungen des menschlichen Körpers waren ein vorherrschendes Element der Volkskultur während des Mittelalters und reichen viele Jahrhunderte zurück, und wie Mikhail Bakhtin uns in Rabelais and His World erzählt, unterhielt dies sowohl die Massen und diente dabei auch einer wichtigen kulturellen Funktion – und zwar dazu, die Methoden der Kontrolle und Einschüchterung zu entmystifizieren und zu untergraben:

Seit Tausenden von Jahren strebte die Volkskultur danach, jede Entwicklungsstufe durch Gelächter zu überwinden … drückte sich durch die materiell körperlich unteren Schichten aus … alle zentralen Gedanken, Bilder und Symbole von amtlicher Kultur. 



Fußnote
Auf die kulturelle Funktion des Grotesken konzentriert sich auch Margo Jeffersons Buch On Michael Jackson, aber sie sieht Jackson als jemanden, der von seinen eigenen Dämonen getrieben und dadurch unabsichtlich grotesk ist, während ich ihn als Künstler, als Maestro, sehe, der aktiv das Groteske hervorruft und benutzt, um einen speziellen Effekt zu erreichen. Wie bei Kristeva und dem Abartigen, möchte ich nicht zu tief in das Thema der künstlerischen Absicht eintauchen, weil ich denke, es endet in einer Sackgasse. Ich weiß nicht, ob Jackson Bakhtin oder Rabelais studiert hat, und weiß auch nicht, ob er es nicht getan hat, aber ich denke nicht, dass das eine Rolle spielt. Was zählt, ist, dass diese Gedanken ein geeignetes Instrument für die Interpretation von Jacksons Werk darstellen. Und um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was beeindruckender wäre: wenn Jackson aktiv die historischen und symbolischen Funktionen des Grotesken studiert hätte und fähig war, diese theoretischen Gedanken in Kunst zu übersetzen oder wenn er diese Gedanken selbständig entwickelt hätte. 



Wie Bakhtin weiter sagt, die größte Kontrolle der „offiziellen Kultur“ im Mittelalter erfolgte durch die Kirche, welche ihre Macht vorrangig durch die Drohung mit Hölle und Verdammung ausdrückte:

Das Bild der Hölle war ein machtvolles Instrument der kirchlichen Propaganda. Die grundlegenden Wesensmerkmale der offiziellen mittelalterlichen Kultur erreichten ihre äußerste Grenze in den Bildern der Unterwelt, der äußersten Konzentration auf Untergang, Angst und Einschüchterung … Die Volkskultur durchkreuzte dies, indem sie über diese extreme Projektion von finsterer Ernsthaftigkeit lachte und sie in ein buntes Karnevalmonster transformierte. 



Die mittelalterliche Volkskultur benutzte Kunst deswegen – speziell Bilder des grotesken menschlichen Gesichtes und Körpers – um die unterdrückende, autoritäre Glaubenslehre und Kontrolle herauszufordern und „durch Gelächter zu vereiteln“.

Die Volkskultur des Mittelalters gab so schrittweise den Weg frei für die Ordnung und den Idealismus der hohen Kunst der Renaissance, wir erkennen jedoch auch in späteren Jahrhunderten Ausbrüche des mittelalterlichen Geistes durch den Karneval und das Groteske. Wir erkennen es in Mardi Grass (welches traditionell den letzten Tag des Karneval markiert) und in Halloween und Maskeraden. Wir sahen es in der karnevalesken Atmosphäre des reisenden Dorfes, das eine Greatful Dead Show begleitete, und in der karnevalesken Atmosphäre eines modernen Prominentenprozesses. (In den alten Tagen war öffentliches Hängen eine populäre Unterhaltungsform, und offensichtlich ist es das immer noch. Oder vielleicht ist ein Prominentenprozess eher der mittelalterliche Brauch, Angeklagte auf dem Marktplatz gefangen in einer Stockade mit eingeklemmtem Kopf und Händen auszustellen, wo sie zur Belustigung der Öffentlichkeit verspottet und gequält werden können. Wie Jackson in Breaking News, geschrieben kurz nach dem Prozess 2005, singt, „Heute auf dem Bildschirm, wir sind ausgestellt.“) Wir sehen ein Aufquellen des Grotesken in Freak Shows, in Ripleys Believe It or Not und P.T. Barnums äußerst beliebter Ausstellung der „lebenden Kuriositäten“, einschließlich Zwergen, Riesen, den original Siamesischen Zwillingen, „weißen Negros“ und einer Reihe von Albinos, die Barnum in Afrika angeheuert und nach New York gebracht hatte. Unsere Faszination gegenüber dem Grotesken hat eine lange Geschichte – die Ursprünge des Karneval reichen über 5000 Jahre zurück – und Jackson nimmt auf diese überlieferten Ursprünge durch die wiederkehrende Figur des Hofnarren mit seinen klingelnden Glöckchen und seinem dreispitzigen Hut Bezug in Ghosts.

Ein Grund dafür, dass der Geist des Grotesken so lange überlebt hat, ist, dass es die Kraft hat, autoritäre Macht und unterdrückende Dogmen herauszufordern. Wenn man Ghosts durch diese Linse betrachtet, werden die mächtigen Konflikte beleuchtet, speziell die Konfrontation zwischen dem Bürgermeister und dem Maestro, und es wird durch den Künstler angedeutet, dass dies in der Tat ein Teil eines uralten Kampfes zwischen autoritären Kontrollmethoden und der zersetzenden Kraft des Grotesken ist. Der Maestro beginnt, indem er sein Gesicht grotesk verzieht: Er steckt seine Finger in seinen Mund und in die Augenhöhlen und zieht sein Gesicht mit herausgestreckter Zunge horizontal, wie Gummi, auseinander. Dann greift er seine Unterlippe und zieht sie bis hinunter zur Brust, so dass sein Mund weit aufklafft, während seine Zunge herunterhängt.

Ghosts michael-jackson
Bakhtin erzählt uns „das Wichtigste aller menschlichen Merkmale für das Groteske ist der Mund. Er dominiert alles andere. Das groteske Gesicht wird letzten Endes reduziert auf den klaffenden Mund.“

Fußnote
Bakhtin erwähnt auch, dass „das groteske Bild der Nase … immer den Phallus symbolisiert. Demnach ist es historisch, ästhetisch und psychologisch angemessen, dass Jackson auf die Belästigungsvorwürfe reagierte, indem er symbolisch gesehen seine Nase abschnitt. 



Der Maestro zieht dann sein Gesicht vollständig ab, um einen lachenden Schädel zu enthüllen, woraufhin die Dorfbewohner voller Angst weglaufen, einschließlich dem Bürgermeister. Um Bakhtins Terminologie anzuwenden, Jackson benutzt das groteske Gesicht und den lachenden Schädel, „um durch Gelächter“ die „finstere Ernsthaftigkeit“ des Bürgermeisters und der Dorfbewohner samt ihrer rechthaberischen Verurteilung niederzuschlagen.

Also gewinnt der Maestro leicht den Wettbewerb, aber das war gar nicht wirklich sein Ziel. Dies ist nicht so sehr ein Wettbewerb zwischen ihm und dem Bürgermeister als zwischen ihren Ideologien: Der Maestro möchte weniger gewinnen als überzeugen. Mit anderen Worten, er will den Bürgermeister gar nicht besiegen. Er möchte alle Dorfbewohner, einschließlich dem Bürgermeister, zu einer erfreulicheren Erfahrung der Welt bringen, besonders jenen Elementen unserer Welt, die als nicht akzeptabel zur Seite geschoben wurden, weil sie auf eine gewisse Art als fremd oder unbequem wahrgenommen wurden.

Wie Bakhtin deutlich macht durchschlägt das Groteske nicht einfach nur die institutionelle Macht. Sie gibt auch den ganz normalen Leuten Kraft, die Institutionen der Macht zu verspotten und ihnen zu trotzen und belebt so die Fröhlichkeit der Volkskultur neu:

Es ist ein heiteres und freies Spiel …, aber es ein Spiel, das ein fernes und prophetisches Ziel verfolgt: Die Atmosphäre der düsteren und falschen Ernsthaftigkeit zu zerstören, die die Welt und all ihre Phänomene umgibt, ihr ein anderes Aussehen zu verleihen, sie gewichtiger zu machen, mehr an den Menschen und seinen Körper gebunden, verständlicher und leichter im körperlichen Sinn.



Um dieses „entfernte und prophetische Ziel“ zu erreichen, ruft der Maestro eine furchterregende Heerschar des Grotesken und Abartigen auf – den Narren und die vornehmen Geister und Fabelwesen aus einer vergangenen Zeit – aber mit dem Können eines Künstlers macht er es lustig und unterhaltend.

Fußnote

Trotz einiger Überschneidungen sind das Groteske und das Abartige ziemlich unterschiedliche Dinge: ein lachender Narr mit einem klaffenden Mund und herausquellenden Augen ist grotesk, während ein Körper mit einem faulenden Gesicht abartig ist. Jedoch war Bakhtin Kristevas Mentor, und es gibt einige interessante Verbindungen und Ähnlichkeiten zwischen seinen Theorien des Grotesken und ihren Theorien des Abartigen. Wichtiger noch, Jackson benutzt das Groteske und das Abartige in Ghosts in austauschbarer Weise, um ähnliche Gefühle entsetzter Faszination, sogar von Ekel, hervorzurufen. Sie stellen ebenfalls ähnliche Funktionen dafür dar, die „düstere und falsche Ernsthaftigkeit“ des Bürgermeisters und der Dorfbewohner darzustellen und so ihre Ablehnung gegen den Maestro zu unterwandern – und in der Erweiterung gegen jeden anderen, der in Normal Valley fehl am Platz erscheint. 



Sie beginnen zu tanzen, und sogar an ihrem Tanz ist irgendetwas Groteskes. Er ist anders als jeder Tanz, den wir bis dahin jemals von Jackson gesehen haben, mit vielen Hockstellungen und gespreizten Beinen und Seitwärtsbewegungen. Aber es ist fesselnd – du kannst deine Augen nicht abwenden – und durch die Kraft der Kunst beginnen die Tänzer die Dorfbewohner zu bezaubern, und uns auch. Der Maestro fordert die Taten des Bürgermeisters mit Worten heraus – sein Song beginnt mit der Forderung „Sag‘ schon, dass du etwas falsch machst“ (“Tell me that you’re doing wrong”)– aber noch wichtiger ist, er fordert die Autorität des Bürgermeisters heraus, indem er die Dorfbewohner durch die Kraft des Tanzes und der Musik und der Kunst erfreut, so dass sie das Fremde und das Ungewohnte auf eine ganz andere Art kennenlernen. Die Kinder lachen und hüpfen, während ihre Eltern lächeln und sich zur Musik bewegen. Der Bürgermeister zieht nervös seine Krawatte glatt.

Bedeutsam ist, dass die Bewegungen der Tänzer straff kontrolliert und hochgradig choreografiert sind. Sogar ihr Husten und Schnauben (hervorgerufen durch ihren eigenen Staub, dem Staub der Jahrhunderte) ist choreografiert und in den Rhythmus der Musik mit eingebunden. Der Maestro schnippt mit den Fingern, um das spontane Niesen zu zügeln und die Ordnung wieder herzustellen. Während Jackson die autoritäre Macht herausfordert, ist er ganz eindeutig kein Anarchist. Er hat von einem frühen Alter an zu viele Massenszenen erlebt. In einem Interview des Rolling Stone von 1983 sagte er „Von der Menge belagert zu werden, tut weh. Du fühlst dich wie Spaghetti in Tausenden von Händen. Sie reißen und ziehen an deinen Haaren. Und du fühlst dich, als würdest du jeden Moment zerbrechen.“

Durch seine Erfahrung ging Jackson mit der Zeit ziemlich geschickt mit den Massen um. Er lernte früh, dass, wenn du dich duckst, die Leute vorne dich vor den Leuten hinter dir verstecken, und die Menge sich beruhigt. Wenn du wieder auftauchst, sieht die Menge dich, braust wieder auf und drängt nach vorne. Offensichtlich kannst du eine Menschenmenge tatsächlich wie ein Instrument spielen – oder sie pulsieren lassen wie ein großes, gemeinschaftliches Herz. Während er jedoch mehr als die meisten anderen vertraut war mit Menschenmengen, misstraute er ihnen trotzdem. Es kommt nicht von ungefähr, dass Ghosts mit einer Horde ängstlicher, aufgebrachter Dorfbewohner beginnt, die in das Haus des Maestros mit Fackeln in ihrer Hand eindringen.

Deshalb kann Ghosts nicht nur als Konflikt zwischen autoritärer Macht und dem respektlosen Humor des Grotesken interpretiert werden, sondern auch dahingehend, dass es den Konflikt zwischen zwei Aspekten von Jacksons eigener Persönlichkeit und ästhetischen Trieben behandelt. Wir sehen seine autoritäre Seite in seiner Liebe für militärisch gestylte Uniformen (wenn auch mit einer Menge Verzierungen), seine umfangreichen präzisen Tanznummern mit Tänzern, die sich mit militärischer Exaktheit bewegen, und in der akribischen Art, wie er jedes Detail einer Performance geplant und durchgeführt hat, mit wenig Raum für Risiko oder Improvisation. Aber dann gibt es da noch den Trickster in seiner Persönlichkeit, den Teil, der sich zum Grotesken, Abartigen und Absurden hingezogen fühlt, dem Teil, der Kontroversen anzettelt und die anerkannte soziale Ordnung durcheinander bringt – besonders jene Aspekte der sozialen Ordnung, die alles ausschließen oder ins Abseits drängen, was als anders oder irgendwie nicht akzeptabel angesehen wird.

Wir sehen den Beweis für diese feinsinnige Balance zwischen dem Autoritären und dem Respektlosen in Ghosts, als der Maestro unterschiedliche Grade der Kontrolle über seine Tänzer ausübt. Nachdem er die Dorfbewohner mit seiner Truppe von tanzenden Geisterwesen erfreut hat, ruft der Maestro und schaut nach oben und signalisiert seinen Tänzern damit, dass er seine Kontrolle über sie lockert. Während der Maestro absichtlich seinen Blick abwendet, rennen seine Tänzer im Raum umher und führen akrobatische Bewegungen aus, womit sie besonders die Kinder erfreuen. Aber ihre Bewegungen sind auch sehr viel chaotischer und deshalb bedrohlicher, und rufen so einen Mix aus Gelächter und Furcht unter den Erwachsenen hervor. Die Dorfbewohner erreichten das Haus des Maestros ursprünglich als wütende Meute. Nun ruft er Angst in der Meute der Dorfbewohner hervor, so dass sie selbst gezwungen sind, die Bedrohung zu erfahren, die sie gegen ihn gerichtet hatten. Auf ironische Weise dürfen sie nun die Emotionen des Maestros selbst erleben, was sie letztendlich näher zu ihm bringt.

Schließlich macht der Maestro seine Autorität wieder deutlich. Er sieht die Dorfbewohner an, nähert sich, schätzt ihre Reaktion ab und sieht, dass sie die Mischung aus Furcht und Freude erlebt haben, so wie er es beabsichtigt hatte, obwohl es beim Bürgermeister nicht diese Wirkung hatte. Der Maestro ruft erneut, stampft mit seinem Fuß auf, um einen neuen Bassrhythmus zu erzeugen und wieder reagieren die Tänzer auf sein Zeichen. Die Dorfbewohner lächeln: Sie wissen nicht, was der Maestro plant, aber sie fangen an, ihm zu vertrauen. Und noch wichtiger ist, sie beginnen, ein wohlwollenderes Verhalten gegenüber dem Unbekannten, dem Anderen, dem Fremden zu entwickeln. Sie erreichten das Haus des Maestros als wütende Meute anfänglich aus Angst vor dem Unbekannten und mit der Antipathie gegen ihn als „Freak“. Nun beginnen sie die Überraschung des Unbekannten zu genießen und die Verzauberung durch die verrückten Tänzer des Maestros zu spüren. Das Groteske und Abartige ist zu etwas geworden, das Spaß macht, zu etwas Amüsantem, sogar Befreiendem.

Auf das Signal des Maestros beginnen die Geister und Fabelwesen die Wände hochzumarschieren und an der Decke zu tanzen, und all die Stadtmenschen (außer dem Bürgermeister) sind bezaubert. Die Musik ändert sich, wird ruhiger und lyrischer, und die Geister und Wesen schweben von der Decke herab wie ein lebendiges Gemälde. Die Stadtmenschen sind hingerissen. Durch seine Kunst hat der Maestro das Groteske und Abartige noch einmal transformiert. Es ist zu etwas Schönem geworden.

Der Maestro sieht den Bürgermeister an und zieht seine Augenbrauen hoch, lädt ihn so ein, die fremdartige Schönheit, die er vor sich sieht, zu erleben, aber der Bürgermeister schüttelt langsam seinen Kopf zu einem Nein. Er will seine Autorität behalten, und für ihn bedeutet das eine freudlose Dominanz über die Dorfbewohner und den Ausschluss von jeglichem Verrückten oder Ungewöhnlichen. Er weigert sich, die Freude oder die Schönheit der fremdartigen Tänzer des Maestros anzuerkennen. Also verwandelt sich der Maestro selbst in ein lachendes, tanzendes Skelett und stellt eine andere Form von Autorität dar. Der Maestro selbst ist eine Art Autoritätsperson – er führt seine Tänzer mit absoluter Autorität – jedoch ist er spielerisch, er begrüßt das Exotische und das Fremdartige, und er gibt seinen Tänzern die Möglichkeit für Momente des freien Ausdrucks.

Als tanzendes Skelett zieht der Maestro den Bürgermeister auf den Tanzboden. Seine Tänzer nähern sich dem Bürgermeister, sehen ihn sich genau an und dann schütteln sie ihre Köpfe, reflektieren so die Reaktion des Bürgermeisters ihnen gegenüber. Anders als bei den Dorfbewohnern hat sich die Wahrnehmung des Bürgermeisters nicht geändert, und in einer faszinierenden Verwandlung der Perspektive nimmt uns Jackson mit in die Sichtweise des Bürgermeisters und zeigt uns, wie dieser die Tänzer wahrnimmt. Sie sind nicht schön; sie sind hässlich. Wir sehen ihre Narben und schwarzen Zähne, das verrottete Fleisch ihrer auseinanderfallenden Gesichter. Die Stimmung wird extrem bedrohlich, als das Autoritäre und das Groteske aufeinander treffen. Die Tänzer brummen und fallen zu Boden und beginnen, ihre Absätze in einem eskalierenden Trommelschlag zusammenzuschlagen, was die Dorfbewohner verschreckt. Das Groteske, das Abartige und das Fremde fordert Beachtung, aber die Dorfbewohner erschauern und halten sich die Hände an die Ohren. Es ist zu viel: zu laut, zu fordernd, zu bedrohlich.

Das Geklopfe der unheimlichen Tänzer setzt sich fort, aber es wird komplexer und interessanter, unter Hinzufügung von entgegengesetzten Rhythmen, wodurch sie Komplexität erlangen und zu Musik werden. Die Geisterwesen erheben sich und beginnen zu tanzen, aber der Maestro ist nicht bei ihnen – er stand nun einige Zeit im Abseits. Er hat ihnen wieder freie Zügel gelassen. Der Geistertanz ist dem sehr ähnlich, der schon vorher die Dorfbewohner bezaubert hat, und es hat noch immer seinen Charme, aber ohne den Maestro ist es zu bedrohlich. Das Groteske hat die Macht, die Autorität zu unterwandern, aber ohne die Führung eines Künstlers ist es eher beängstigend als befreiend. Es muss eine Balance gehalten werden, und dazu werden die Fähigkeiten und die Sensibilität eines Künstlers benötigt. Wichtig ist, dass die beiden Brüder, die den Geistergeschichten des Maestros zugehört haben, bevor der Film begann, diejenigen sind, die zur nächsten Künstlergeneration wird.

Der Maestro transformiert ständig wiederholend das Groteske und Abartige in Ghosts, von unheimlich zu fröhlich zu komisch zu schön zu bedrohlich zu parodierend zu tragisch zu stärkend. Es ist eine eindrucksvolle Zurschaustellung künstlerischer Fertigkeit – und Jackson demonstrierte eine ähnliche Virtuosität mit seinem gesamten Werk durch die ständige Veränderung der Darstellung seines Gesichtes. Die Darstellung eines schwarzen Mannes mit einem weißen Gesicht und rotem Lippenstift klingt grotesk, und in Blood on the Dance Floor ist es das gewissermaßen auch. Der Protagonist ist wütend und lebensmüde, und Jackson vermittelt dies durch klobigen Schmuck und ziemlich grelles Make-up, und gibt sich selbst so den verbrauchten Look eines alternden Schürzenjägers, obwohl er noch ein junger Mann ist. Aber dann sehe ich Jackson, wie er Eddie Murphy am Schluss von Remember the Time ein verschmitztes Lächeln zuwirft, und er ist süß wie ein Knopf. Ich betrachte ihn in Give in to Me, und er ist ein sexy Rockstar. Ich beobachte ihn in Black or White, und sein Gesicht ist zwar ernst, aber auch verspielt. Ich betrachte ihn in Jam, wo er lustig und offen und schön ist. (Und wie viele Männer in der Geschichte haben jemals erwogen, welche Lippenstiftfarbe sie wählen sollen, wenn sie Mann gegen Mann mit Michael Jordan zusammentreffen? Das erfordert eine ganz eigene Sorte des Selbstvertrauens, wenn nicht sogar einen besonders ausgeprägten Sinn für männlichen Stolz.)

Ich betrachte Jackson in Ghosts, und sein Gesicht ist in einem ständigen Fluss. Da ist die Nahaufnahme, als der Bürgermeister ihm sagt „Zurück zum Zirkus, du Freak“, und sein Gesicht ist fast hässlich. Dann fordert er den Bürgermeister heraus, klatscht in die Hände und ruft „Hello? Game time (Zeit zum Spielen)!“, und sein Gesicht ist aggressiv, drohend, fremd. Als nächstes sehen wir, wie er die Geister zum Tanz anleitet, und er durchläuft diese magische Veränderung, die er durchmacht, wann immer er eine Bühne betritt. Er ist selbstsicher, geht völlig in dem Moment auf, und ist zum Sterben schön. Er ist Michael Jackson, diese intensiv lebendige Persönlichkeit, zu der er auf der Bühne wird. Dann steht er herausfordernd vor dem Bürgermeister, während seine Tänzer über die Decke gleiten, und sein Gesicht ist schön, aber streng – wir haben sein Gesicht nie zuvor so gesehen – dann aber weicht sein Ausdruck auf und wird anziehend, während die Geister herunter schweben. Er fordert den Bürgermeister hiermit auf, die Welt auf eine andere Art zu betrachten, die Schönheit in den herabschwebenden Geistertänzern zu sehen. Er streckt die Hand nach dem Bürgermeister aus, und die Strenge schmilzt dahin.

Ghost poignant
Überall, wo wir in Ghosts hinsehen, erkennen wir das sich ändernde Gesicht von Michael Jackson, und da sind die extremen Verzerrungen seines Gesichtes noch gar nicht mitgezählt, weder ganz zu Beginn des Films, als er die Macht des Grotesken und Abartigen zur Geltung bringen will, noch das Gesicht der Steinstatue fast am Ende, noch die Gesichter der Charaktere, die er mit Hilfe von Prothetik und Spezialeffekten porträtiert – dem Gesicht des Bürgermeisters und der Monster. Immer wieder wird in Ghosts das Groteske erweckt und dann in etwas Bedrohliches, aber dennoch Spaßmachendes, etwas Seltsames, aber auch Schönes transformiert. Das Groteske selbst wird zu etwas Vertrautem, während es das (bisher) Vertraute durcheinander bringt.

Bakhtin erzählt uns, und Ghosts illustriert dies perfekt, dass das Groteske die Macht hat, die autoritäre und ausschließende Art zu sehen und „die Atmosphäre der düsteren und falschen Ernsthaftigkeit zu zerstören, die die Welt und all ihre Phänomene umgibt, um ihr ein anderes Aussehen zu verleihen“. Es schafft auch neuen Raum für eine neue Art die Welt zu sehen und zu erfahren, wie Bakhtin immer wieder betont:

Karneval feiert die Zerstörung des Alten und die Geburt einer neuen Welt … Das ist der Grund, warum es in karnevalesken Darstellungen so oft um Umschwung, um Wende geht, so viele gegensätzliche Gesichter und absichtlich durcheinander gebrachte Proportionen. Zuallererst erkennen wir dies in der Erscheinung der Teilnehmer. Männer verkleiden sich als Frauen und umgekehrt, an Kostümen wird das Innere nach außen gedreht und Oberbekleidung wird durch Unterwäsche ersetzt … 



Diese Logik der „falschen Seite nach außen“ und des „auf dem Kopf stehen“ wird auch in Gesten und anderen Bewegungen ausgedrückt: im Rückwärtsgehen, ein Pferd reiten und sich mit dem Gesicht zum Schwanz setzen, bei jemandem auf dem Kopf stehen, jemandem seine Rückseite zuwenden. 



In Ghosts benutzt Jackson das Groteske und Abartige um buchstäblich unsere Wahrnehmung auf den Kopf zu stellen. Er erschafft einen Ort, an dem Tänzer an der Decke herumtollen, an dem verrottende Körper zu etwas Schönem werden, wo verängstigte Dorfbewohner plötzlich durch ihre schlimmsten Ängste erfreut werden, und wo ein unterdrückender, rachsüchtiger Bürgermeister tanzt und sich mit mehr Gefühl in den Schritt fasst, als es Michael Jackson jemals auf der Bühne getan hat. Durch die Kunst des Grotesken stürzt Jackson sowohl die autoritäre Kontrolle des Bürgermeisters, als auch seine unterdrückende Weltanschauung, und er führt die Dorfbewohner dahin, das Anderssein auf eine neue, spielerische, leichtherzigere Art zu sehen – die Geistertänzer mehr als eine Quelle des Staunens zu sehen als sich zu fürchten.

Aber Jackson dehnte seine Reichweite ebenso auf die Bühne der ganzen Welt nach außerhalb des Rahmens von Ghosts aus. Durch die Illusion der plastischen Operationen enthüllte er die Flut von vereinfachten Urteilen und gemeinen Verurteilungen, die auf ihn herunter regneten, die „düstere und falsche Ernsthaftigkeit“, die unsere Welt durchdringt, und er rief das Groteske hervor, um die Medienschelte und die autoritären Stimmen, die ihn anprangerten durch „Gelächter zu besiegen“. Und wenn er noch leben würde, glaube ich, würde er uns genau wie die Dorfbewohner dazu bringen, das Anderssein auf eine spielerische, einfühlsamere und umfassendere Art zu erleben.

‘Dangerous’ von Dr. Susan Fast

by

Buchrezension
 (Deutsche Übersetzung)

Autorin: Karin Merx

Quelle:

http://journal-culturalstudies.karinmerx.com/article/dangerous-by-dr-susan-fast-bookreview/

http://michaeljacksonstudies.org/article/dangerous-by-dr-susan-fast/

 

Abstract

Dangerous ist ein Muss für jeden Fan, Nicht-Fan oder Kritiker von Michael Jackson und auch für jeden Musikliebhaber. Dr. Susan Fast hat Michael Jacksons Album von 1991 mit Akribie auf eine Art untersucht, wie es noch nie zuvor getan wurde, und indem sie dies tut, befördert sie Jackson dahin zurück, wo er hingehört: Ins Rampenlicht als der hochtalentierte schwarze Musiker und Künstler, der er war … und gefährlich war er auch (dangerous)!

Das Buch bringt den Leser außerdem dazu, die Musik wieder (neu) zu hören und die Short Films wieder und wieder ansehen zu wollen.

Dangerous by Dr. Susan Fast, volume 100 33 1/3, Bloomsbury, ISBN: PB: 978-1-6235-9; ePDF: 987-1-6235-6102-4; ePub: 987-116235-6156-7

Dangerous by Dr. Susan Fast, volume 100 33 1/3, Bloomsbury, ISBN: PB: 978-1-6235-9; ePDF: 987-1-6235-6102-4; ePub: 987-116235-6156-7


Dangerous
als ein monumentales Album

Fast strukturiert das Buch, indem sie die Songs auf dem Dangerous Album in Kategorien einteilt: ‘Geräusche’ (Noise), ‘Verlangen’ (Desire), ‘Utopie’ (Utopia), ‘Seele’ (Soul) und ‘Coda/Schlusssatz: Gefährlich’ (Coda: Dangerous). Bevor sie ihre Analyse beginnt, ordnet sie es in den Kontext jener Zeit ein, benennt die Probleme, die Jackson umgaben und macht deutlich, dass dieses Album keinesfalls das Ende seiner Karriere bedeutete, sondern vielmehr den Beginn seines Erwachsenseins und gereifter Leistungen.

Fast untersucht den Einsatz von Geräuschen auf Dangerous, einschließlich Jacksons Adaption von Hip Hop und klassischer Musik durch seine eigene Interpretation, und sie bezieht auch seine Short Films in den Diskurs mit ein. Hierbei entlarvt Fast die vorherrschenden Geschichten, die Jacksons Leben umgaben als falsch und erklärt ausführlich, wie er gegen Rassismus und andere globale Probleme kämpfte, während er sein Selbstgefühl als (hetero-) sexuelles Wesen behauptete. Ein genauerer Blick verrät, dass er ganz und gar nicht der Knabe ist, als den ihn die Kritiker hartnäckig beschrieben. Diesen Geschichten steht Fasts Darstellung eines gereiften, intellektuellen Mannes, Künstlers und Performers entgegen, der ganz genau wusste, was er tat und warum er es tat.

In den ersten zwei Kapiteln ‘Geräusche’ (Noise) und ‘Verlangen’ (Desire) nimmt uns Fast mit auf eine Reise zu den ersten sechs Songs auf diesem Album. Sie zerlegt diese, ordnet sie in den von Jackson beabsichtigten Kontext ein und legt dar, was Kritiker daraus machten. An manchen Stellen muss sie sich fragen, ob sie dieselben Short Films wie die Kritiker jener Zeit gesehen hat. Sie beschreibt detailliert die akustischen Verstärkungen, die Jackson als nicht-musikalische Klänge einsetzte. Sie schreibt, dass auf Dangerous die Geräusche mehr sind als nur ein ‘billiger Kick’, besonders das zerspringende Glas im „Panther Dance“, mit dem Jackson ‘seiner tiefen Wut gegen strukturellen Rassismus’ Ausdruck verleiht.

Bei der Diskussion der Kunst von Mark Ryden auf dem Album Cover, bei dem die Erdkugel im zentralen Fokus steht, definiert Fast den grundlegenden Gedanken im Zentrum des Albums als: ‘Etwas zerbricht, ist zerbrochen’. Offensichtlich benutzte Jackson Geräusche als ein Merkmal für Kritik und er bezog die Hip-Hop-Klanglandschaft mit ein, aber er tat das auf seine Art. Von diesem Album an begann er damit, seine Stimme mehr und mehr auf eine raue Art einzusetzen, ihr sogar eine mehr körnige Struktur, ‘Schwärze’, Machismo, Störungen und Gefährlichkeit zu geben.

Fast spricht außerdem die Schmähungen an, die Jackson in Bezug auf Geschlechterzugehörigkeit und Sexualität auszuhalten hatte. Er saß oft zwischen den Stühlen, und wurde entweder als der sexieste Mann der Welt wahrgenommen oder aber als Selbsthasser, der sein Gesicht zerstörte, um ein Monster zu werden. Die Autorin widerlegt geschickt die Meinung der Kritiker, die davon ausgeht, dass Jacksons sinnliche, leidenschaftliche Performances notwendigerweise in sein alltägliches Leben übertragen können werden müssten. Tat er das nicht, nahmen die Kritiker seine Darstellung als Vortäuschung falscher Tatsachen wahr. Aber Jackson war ein Meister darin, die Intensität seines sinnlichen Körpers in seinen Performances darzustellen. Gemäß Fast ist es die Kombination aus Sanftheit und der erotischen Dynamik, die Fans glauben lässt, er sei der sexieste Mann aller Zeiten.

Jackson gruppierte die Songs auf dem Album offensichtlich, um vier verschiedene Sichtweisen auf die Liebe darzustellen, und seine Botschaft war, dass Liebe kompliziert und grausam sein könne. Sie verdeutlicht, dass Jackson hierbei eine wichtige Strategie verfolgt, da er selbst als schüchtern, bescheiden, respektvoll und an Sex nicht interessiert auftrat, sowohl auf, als auch jenseits der Bühne.

Nach den ersten sechs Songs führt sie uns zu dem Thema ‘Utopie’ (Utopia), welches als Flucht aus dem Alltag (Eskapismus) und Mystik verstanden werden soll. Dieser Abschnitt kreist rund um „Heal the World“ (den siebten von vierzehn Songs), welches als ‚ein wichtiger thematischer Wendepunkt‘ gesehen wird, denn es führt den Zuhörer zu einer gleichsam verstörenden Sicht auf Utopia. Diese Songs befinden sich im Zentrum des Albums und Jackson bietet zwei utopische Visionen an: eine mehr generelle Sicht darauf und eine über das Thema Rasse. Zum ersten Mal werden Kinder eingesetzt und man kann ihre Stimmen in der Musik hören. Um genau zu sein setzt Jackson Kinderstimmen zum allerersten Mal ein. Aber, und Fast schreibt, dies sei wichtig zu wissen, er tat dies nicht aus dem konventionellen Gedanken, dass die Zukunft den Kindern gehöre. Der Song klingt weiß, und obwohl es klar ist, dass es für Jackson ein Leichtes war, Songs schwärzer klingen zu lassen, ist er genau das nicht, was er an diesem Punkt für diesen speziellen Song erreichen wollte.

 

Heal The World (Superbowl 1993)

Heal The World (Superbowl 1993)


In „Black or White“ scheint Jackson weiße und schwarze musikalische Gepflogenheiten durch den schwarzen Rap-Abschnitt, dargeboten von einem weißen Musiker, zu vermischen, während der weiße Rock-Abschnitt durch Jackson selbst, einen schwarzen Künstler, gesungen wird. Sie geht auf den Short-Film ein, um Jacksons rassenbezogene Politik zu diskutieren und wie er auf wunderbare Art die Führung übernimmt, indem er den Regisseur für jedermann sichtbar ausschließt, um in seinen abschließenden Part (Coda) einzutauchen. Mit dem „Panther Dance“ kommen die Geräusche zurück, Geräusche, die als eine Form von Protest genutzt werden. Jacksons Standpunkte wurden von der allgemeinen Öffentlichkeit nicht sofort verstanden oder akzeptiert, wodurch er sich gezwungen sah, den „Panther Dance“ mit Graffiti-Kunst zu überarbeiten, um ihn für das Fernsehpublikum verständlicher zu machen. Fast zieht daraus den Rückschluss, dass die Beschneidung des „Panther Dance“ ein gewalttätiger Akt gegen Jackson als Künstler war und einzig deshalb vorgenommen wurde, um das ‘weiße Zartgefühl nicht zu verletzen’. Aber sie fragt sich, warum er aufgab. War Jackson sich der Tatsache bewusst, dass das Publikum nicht bereit war für eine Konfrontation mit strukturellem Rassismus?

In dem Kapitel mit dem Titel ‘Seele’ (Soul) nimmt Fast auf wunderbare Art die Cover-Kunst von Mark Ryden auseinander und enthüllt, dass Jackson außerdem selbst einen beachtlichen Input in das Kunstwerk gegeben hat. Wenn man bedenkt, dass Jackson ein sehr belesener Mann und ein ernsthaft Studierender der Geschichte und Kunstgeschichte war, dann ist die Referenz an die sakrale Kunst der Renaissance nicht so weit hergeholt. Das Cover ist wie ein Triptychon aufgeteilt in drei Teile, wobei Jacksons Augen hinter einer Maske in der Mitte platziert sind. Aber da ist noch mehr. Wir erkennen auch Surrealismus in der Kunst, die als ein Widerspruch wahrgenommen werden kann. Es ist ein komplexes Album Cover, das eine reichhaltige und mehrdeutige Bildersprache einsetzt. Fast fragt sich, ob es in irgendeiner Beziehung zum ‘Sgt. Pepper’ Album Cover der Beatles steht und beschreibt es als Erfassen von Jacksons umfassender Weltsicht oder ‘Theologie’.

Die vier nun folgenden Songs bilden das Herz und die Seele des Albums, denn sie beginnen realen, quälenden ‘persönlichen Kampf und quasi Erlösung’ anzusprechen. Kein Moralisieren, keine Kinder, keine Geräusche. Hier können wir herauslesen, wie Jackson versucht, diese Genre miteinander zu verschmelzen: Renaissance, Klassik und Rock. Jackson besitzt hier die Fähigkeit, seine jederzeit in allen Tonlagen makellose Stimme, in all ihrer Reinheit und Vielseitigkeit bis zu ihren äußersten Ausdrucksmöglichkeiten einzusetzen.

Fast analysiert außerdem, wie Jackson die Neunte Sinfonie Beethovens auf diesem Album verwendet. Anstatt jedoch auf die musikalische Frage (des ungelösten Akkords) vollständig zu antworten, wie Beethoven es in der darauf folgenden Passage tut, lässt Jackson sie nachwirken. Dies ruft einem das Konzept der Polyphonie der Renaissance ins Gedächtnis: ‘Stimmen erinnern an die Knabenchöre’. Allerdings, die bedeutendste Sache in diesem Moment ist die, wie Jackson zur Musik der schwarzen Kirche zurückkehrt, er gibt der Gemeinschaft eine Stimme. In dieser Gruppe von vier Songs („Keep the Faith“, „Will You Be There“, „Give In To Me“ und „Who Is It“), so schreibt Fast, unternimmt Jackson eine spirituelle Reise, hauptsächlich durch das Hervorrufen unterschiedlicher musikalischer Sprachen. Die Short Films der letzten drei von mir erwähnten Songs werden der Musik gemäß Fast nicht gerecht, und ich muss sagen, dem stimme ich zu. Für sie besteht einer der Gründe in der Tatsache, dass Jackson nicht tanzt. Ich habe andere Gründe, allerdings ist hier nicht der Ort, sie anzusprechen. Fast schlussfolgert, dass diese Gruppe von Songs zum Ausdruck bringt, wie sehr Jackson mit Religion, der Seele, Verrat und Erlösung rang; ernsthafter erwachsener Stoff, fügt sie hinzu. Und die Cover Kunst verbildlicht dieses Ringen auf so wunderbare Weise, indem sie hohe und einfachere Kunsttraditionen miteinander vereint. Bei diesem Album geht es nicht nur darum einen kommerziellen Erfolg zu landen, hier handelt es sich um ein musikalisches Werk über gesellschaftliche Gemeinschaft.

‘Dangerous: The Coda’ (womit im wörtlichen Sinn das ‘Zurückgehen an den Anfang’ gemeint ist) kennzeichnet Jacksons Rückkehr zu den Geräuschen und zum Klang des Atems. Fast beschreibt Jacksons musikalische Nutzung des Atems als Bestandteil eines Klangprinzips, das in klanglicher Hinsicht die musikalischen Punkte durch das gesamte Album hindurch verbindet. Sie nennt das Stück „Dangerous“ Jacksons mehrdeutigsten Femme-Fatale-Song. Gemäß Fast haben all seine Femme-Fatale-Songs ganz unterschiedliche Geschichten und verdienen eine eingehendere Studie.

Als wir schließlich den Schluss des Albums und dieses wirklich ausgezeichneten Buches erreichen, zieht Fast das Fazit, dass Jackson eindeutig dann am besten war, wenn er sich politisch einsetzte und gegen soziale Ungerechtigkeiten aufstand. Sie würdigt Dangerous als ein monumentales Album, das Album, welches den Punkt markiert, an dem Jackson seine volle Reife als Künstler erlangt hat.

Obwohl es 99 Ausgaben der Bloomsbury Serie für populäre Musik brauchte, um die 100. Ausgabe Michael Jackson zu widmen, bin ich froh, dass es genau Susan Fast war, die diese Aufgabe erfüllte. Als Musikwissenschaftlerin ist sie absolut kompetent über die Komplexität von Jacksons Musik zu schreiben und bietet eine klare Einsicht in seinen Arbeitsprozess an. Indem sie das Werk in einen kulturellen Kontext von Rassismus, Politik, Geschlechterzugehörigkeit und Sexualität einbettet, stellt das Buch auch für Nicht-Musiker exzellenten Lesegenuss und einen guten kritischen Einblick bereit. Größtenteils, weil sie glasklar deutlich macht, dass Jackson ganz genau wusste, was er als Schreiber und Performer tat, der durch seine wandlungsfähige Stimme und einen ebensolchen Körper und die Kombination von hoher und alltäglicher Kunst eine ernsthafte Botschaft vermittelte. Fasts Analyse macht ebenso klar Jacksons Fähigkeit deutlich, seine Botschaft durch die Zusammenstellung auf dem Album selbst zu kommunizieren. Dieses Buch bietet eine längst fällige und in die Tiefe gehende Analyse von Jacksons Musik und Kunst. Lasst uns hoffen, dass dies die Regenbogenpresse für immer zum Schweigen bringt! Sehr empfehlenswert … und vergesst nicht, wieder reinzuhören und anzusehen!

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Michaels Freundschaft zur Taiwanesischen Familie Ma

Michael Jackson und seine Freundschaft mit einem Taiwanesischen Paar und ihren Zwillingen (Prety, Morly, Jocy (Ma Qi Zehn  und Hairess)

English original: http://www.lipstickalley.com/showthread.php?t=600502 and http://mjmemoriestaiwan.blogspot.de/2010/07/taiwanese-fans-beautiful-memories-of.html

Mrs. Ma, ein Taiwanesischer Fan, traf Michael Jackson nicht nur mit ihrer Familie, sondern wurde auch für viele Jahre eine enge Freundin. Mrs. Ma hat nie viel Aufhebens gemacht über ihre 17-jährige familiäre Freundschaft mit Michael Jackson. Erst als er im Juni 2009 so plötzlich starb, erzählte Mrs. Ma den Medien zum ersten Mal von ihrer Freundschaft zum King of Pop. Sie würdigte ihn dafür, dass er so nett, liebenswürdig und offen war. Sie teilte ihre Erinnerungen an einen besonderen Freund und das Gefühl, dass Michael von sehr vielen missverstanden wurde.

Prety and Morly Ma

Es war ein Fax, das zu der Freundschaft zwischen Familie Ma und Michael führte. Während der Dangerous-Tour in Taipeh/ Taiwan im September 1993 hatten Mrs. Ma und ihr Mann Probleme, Tickets für das Konzert für ihre 9 Monate alten Zwillingstöchter zu bekommen, da aus Sicherheitsgründen keine Tickets an 9 Monate alte Babys verkauft wurden. Mrs. Ma wollte sich damit nicht abfinden, denn es sollte das letzte Konzert von Michael in Taiwan werden. Sie beschloss, es zu versuchen und eine Nachricht in das Hotel zu schicken, in dem Michael sich aufhielt. In der Nachricht bat sie ihn darum, zu erlauben, dass ihre Zwillinge mit zu dem Konzert gehen konnten. Sie hat nicht wirklich erwartet, dass Michael das zu Gesicht bekäme, aber was sie erfuhr, war, dass Michael die Nachricht tatsächlich gelesen hatte und darauf antwortete. Er schickte ihr sofort VIP-Tickets für die ganze Familie, damit sie zum Konzert kommen konnten und ihn auch noch persönlich nach dem Konzert in seinem Hotelzimmer treffen konnten.

Als die Familie in seiner Suite ankam, war Michael schon im Pyjama und bereit ins Bett zu gehen. Sie fanden den Superstar sehr liebenswürdig und zugängig, Mrs. Ma erinnert sich, dass er total fasziniert von den Zwillingen war, er wollte alles über Kindererziehung wissen. Die Zwillinge krabbelten im ganzen Hotelzimmer herum und plötzlich griff eines der Babys nach seinem CD-Player und fing an darauf herum zubeißen, Michael ging sofort hin, um das Baby auf den Arm zu nehmen und sagte sanft zu ihm:“Nicht beißen, du wirst dir wehtun.“ Mrs. Ma erinnert sich daran, dass Michael, der zu der Zeit selbst noch kein Vater war, sehr beschützend mit den Kindern umging.

Family Ma Michael Jackson Hotel

Als sie sich verabschiedeten, brachte Michael sie persönlich zum Aufzug und versprach, sie nach Neverland einzuladen, wenn er wieder in Amerika wäre. Mas Familie hat das nicht ernst genommen, aber Michael hatte es wirklich so gemeint! In den 17 Jahren der Freundschaft, war es der Familie Ma möglich, ihn 6 Mal als Gäste auf Neverland zu besuchen, und sie haben auch andere Teile der Erde mit ihm bereist. Jedes Mal, wenn sie sich verabschiedeten, knuddelte er sie mit den Worten: “Ich werde euch immer lieben.“ Es sah so aus, als wollte auch er nur geliebt werden.

Michael liebte die Zwillinge. Als er für die HIStory-Tour nach Taiwan zurückkam, lud er sie ein, bei „Heal The World“ mit auf der Bühne zu sein. Er lud die Familie sogar ein, ihn auf der HIStory-Tour zu begleiten. Die Zwillinge waren in Durban, Südafrika, beim letzten Konzert der HIStory WT, ebenfalls bei „Heal the World“ auf der Bühne dabei.

Michael vertraute Mrs. Ma an, dass der erste Glitzerhandschuh dazu diente, die ersten Zeichen der Vitiligo zu verstecken, die sich auf seiner Hand zeigten und dass der Handschuh überraschender Weise sein Markenzeichen wurde. Michael bezeichnete sich selbst auch als Chinesen, da seine Mutter Katharine zu einem Viertel chinesischer Abstammung sei. Michael hat oft betont, wie sehr er sich wünschte, inChina aufzutreten.

Nach Aussage des taiwanesischen Konzert-Promoters Mr. Yu hat ihn Michael zwischen der Dangerous-Tour und der HIStory-Tour um Hilfe gebeten, um in China auftreten zu können, doch obwohl Yu sein Bestes gab, war China zu der Zeit noch nicht bereit, westliche Künstler auftreten zu lassen.

Mrs. Ma hat die sehr offene, aufrichtige Seite von Michael gesehen, rein und unschuldig, wie ein großes Kind, das Überraschungen und Magie liebt, sehr mitfühlend, sehr vertrauenswürdig und sehr fürsorglich ist. Sie hofft, dass dadurch, dass sie ihre Geschichte erzählt, die Welt das wahre Wesen von Michael kennenlernt. Die Welt hat nicht nur einen genialen Musiker verloren, sondern eine wunderbare Seele.

Prety and Morly HIStory Tour

Sie erinnert sich an glücklichere Zeiten, als Michael zum letzten mal auf Tour war (HIStory WT) und sie das Glück hatten von ihm für mindestens 30 Konzerte überall auf der Welt eingeladen worden zu sein, und als V.I.P. Gäste zuschauen zu dürfen. Sie erinnert sich auch an einen witzigen Moment, als ihre 4-jährige Tochter den KOP fragte „Kannst du tanzen?“ (“Can you dancing?”) Ein sehr überraschter Michael entgegnete, dass er das zum ersten Mal in seinem Leben gefragt worden sei. Dieses süße Zitat wurde später dann sogar das Security-Codewort ihrer Zwillinge. Im Video von Heal The World während der HIStory WT in Durban, South Africa, kann man hören, wie Michael auf der Bühne den Zwillingen diese Frage stellt, das war beim letzten Konzert seiner Tour. Michael nahm sich auch Zeit, um mit den Zwillingen auf der Bühne ein Foto zu machen.

Die Zwillinge Prety und Morly auf der Bühne mit Michael (HIStory-Tour Taiwan und Durban, South Africa)

Die Zwillinge haben viele tolle Erinnerungen, sie drehten 1997 sogar ein Video für Esonic DiscBaby mit Michael, und verbrachten Weihnachten 1999 mit ihm auf der Neverland Ranch.

Als Dank für Michaels Freundlichkeit schickte ihm Familie Ma seltene Handarbeiten und Kunst als Dank. (sie sagte, sie sah diese Dinge nach seinem Tod bei Julians Auktions). Michael hätte sogar Jocys Feng Shui Ratschläge angenommen, um sein Neverland einzurichten. (Er habe z.B. seine geliebte antike Waffensammlung aus seinem Schlafzimmer entfernt, da es lt. Feng Shui kein Glück bringt.)

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Michael war seinen drei Kindern, die Jocy auch kennenlernte, ein sehr guter Vater. Michael war ein liebenswürdiger Mensch, sehr spirituell und er sprach oft über Gott. Trotz gelegentlicher sprachprobleme, konnten sie eine gute Verbindung aufbauen, Michael sagte einmal zu Jocy, sie erinnere ihn an seine Mutter Katherine, die er verehrte.

Nach Michaels Tod träumt sie noch oft von ihm, manchmal spürt sie seine Anwesenheit.. sie glaubt fest daran, dass er jetzt an einem besseren Ort ist.

Sie erinnert sich an eines der letzten Gespräche mit Michael, darüber, dass er so gerne mit seinen Kindern die Chinesische Mauer besuchen würde, und dass Jocy dabei seine Reiseführerin sein sollte. Leider wurde auch das zu einem unerfüllten Wunsch von Michael.

………………………………………

 

Miss Mas inniger Brief an Michael (17.7.2009)

Family Ma letter

Lieber Michael

Worte können nicht annähernd beschreiben, wie sehr wir dich vermisst haben, seit dem Moment wo du uns magischer Weise eine große Überraschung gemacht hast, wir wissen, du liebst Überraschungen! Ich erinnere mich daran, als wir einmal alle zusammen in deinem Neverland-Theater sassen und ‘Ghosts’ ansahen. Kurz bevor der Film zu Ende ging, bist du vor unseren Augen verschwunden, deine Liebe zur Magie war immer eine Freude für die Kinder, wir werden nie deine Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft vergessen.

Wir werden auch nie deine Vorstellung am 15.10.1997, in Durban, Süd Afrika, vergessen, beim letzten Konzert der History Tour. (Ich dachte nie, dass es deine letzte Vorstellung sein würde!)

Du warst gerade backstage beim Make-up, um dich für die Show fertig zu machen, als du in deinen Spiegel sahst und die Zwillinge Prety und Morly erschienen, denen du vor ein paar Stunden am Flughafen ‘Auf Wiedersehen’ gesagt hattest. Dein Gesichtsausdruck war wie der von Macaulay Culkin in “Kevin Allein zuhaus” “Wow”! Du sprangst aus deinem Stuhl, hast deine Hände schüchtern über dein Gesicht gehalten, weil du gerade dein Make up aufgetragen hattest..

Beim letzten Lied, “History”, hast du die glücklichen Zwillinge auf die Bühne eingeladen um mit dir das Konzert zu beenden und du hast dich vor den Hunderttausenden Fans und dem Live Publikums verabschiedet.

Besonders jetzt, in diesem Augenblick, wo ich die Konzertfotos anschaue, die du uns geschickt hast, bin ich sehr traurig. Du hast Prety und Morly am Ende der Show auf die Bühne geführt, mit einem Lächeln im Gesicht und deiner weissen Lieblings Jacke im Military-Look jedem zum Abschied zu gewunken, und es wurde dein letzter Bühnenauftritt.

Lieber Gott, wir beten wirklich dafür, dass unser geliebter King Of Pop, Michael Jackson, jetzt in deinen sicheren Händen ist. Seine Reinheit, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Liebe und sein wunderschönes Lachen wird bei ihm bleiben, mit deinem Segen wird er für immer von Ängsten und Schmerzen dieser Welt befreit sein und frei sein, um der wirkliche Peter Pan von Neverland zu sein.

Lieber Michael, wir hatten vor, dir eine neue Überraschung zu bereiten, bei den O2 Konzerten in London, vor dem Vatertag und deinem 51 Geburtstag. Denk an unser geheimes Passwort, wenn wir dich treffen wollten: “Can you dancing?” und vielleicht hättest du laut gelacht, wenn du es gehört hättest.

Ruhe jetzt in Frieden, jeder der dich liebt, betet für dich und deine Familie und deine Mutter Kathrine und besonders für deine Kinder Prince, Paris und Blanket. Wir danken dir für deine aufrichtige Liebe und die schönen Erinnerungen, die du uns gabst, trotz unseres Schmerzes, dich verloren zu haben, bist du für immer in unseren Herzen.

Wir vermissen dich für immer – deine Taiwanesische Familie,

Mit Liebe von Prety, Morly, Jocy (Ma Qi Zhen) und Hairess, 17.7.2009

ma family taiwan

PS: Von Emotionen erfüllt, während wir diesen Brief schrieben, spürte ich plötzlich einen sehr vertrauten Geruch in der Luft, es war dein Lieblingsparfum, warst du es wirklich….?

Wir sollten nicht traurig sein, denn du sagtest einst, du möchtest niemals, dass jemand der sich um dich sorgt traurig ist. Wir hoffen, du bist jetzt wirklich frei. Ruhe in Frieden, Michael!

Letter:  http://www.lipstickalley.com/showthread.php?p=15118829

Übersetzungen: Achildsbliss, M.v.d.L

Sie hat dich belogen, sie hat mich belogen

by

She Lied to You, Lied to Me

Post vom 02/10/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Weißt du, Joie, eins der Dinge, die ich am meisten an Michael Jacksons Werken liebe, ist seine emotionale Komplexität. Die wahren Erfahrungen und Gefühle im Leben sind selten einfach – wir spüren selten einfach nur ein reines Gefühl von Liebe oder ausschließlich Wut oder nur Erleichterung oder nur Freude. Stattdessen verspüren wir im Allgemeinen ein Gemisch von Emotionen, und seine Werke fangen das so wunderbar ein. Oftmals lassen seine Songs uns in eine Situation hineinplumpsen und führen uns dann durch die ganze Gefühlspalette, die wir in dieser Situation verspüren könnten.

Ein perfektes Beispiel dafür ist Chicago, ein Song aus dem kürzlich veröffentlichten Album Xscape. Darin nimmt Michael die Rolle eines Mannes an, der unwissentlich eine Affäre mit einer verheirateten Frau hat. Nun hat er die Wahrheit entdeckt und singt darüber, wie sich das für ihn anfühlt – da gibt es also Schmerz und Wut und ein tiefes Gefühl des Betrogenseins.

Aber während der Song fortschreitet, entdecken wir, dass er diesen Song an den Ehemann seiner Geliebten richtet. Er sagt: „Sie versuchte ein Doppelleben zu führen / Liebte mich, während sie noch deine Ehefrau war“. Da sind also auch noch viele andere Gefühle dabei: Schuld, Scham, Reue und sein Bedürfnis zu erklären zu versuchen, was passiert ist und seine Taten zu rechtfertigen.

Aber er spielt auch die gesamte Beziehung im Kopf noch einmal durch – der Song beginnt mit den Erinnerungen darüber, wie sie sich das erste Mal getroffen haben. Auf diese Weise erleben wir diese erste Erfahrung ebenfalls mit der ganzen Zärtlichkeit und dem Verlangen, das er einst für sie empfand.

Also ist er in ein Gewirr sich widersprechender Emotionen eingetaucht und arbeitet sich durch alles hindurch, was wirklich kompliziert für ihn ist – und auch für uns, da wir diese Gefühle durch ihn erleben.

Joie: Weißt du Willa, ich bin froh, dass du über diesen Song reden willst, denn ich liebe ihn aus vielen Gründen! Und um direkt anzufangen, ich stimme mit allem, was du gesagt über seine Gefühle von Schuld, Scham und Reue gesagt hast, überein. Aber ich habe das Gefühl, dass er nicht so sehr versucht zu erklären, was passiert ist, als dass er versucht, den Ehemann in Hinblick auf seine untreue Ehefrau zu warnen. Seine Worte klingen sehr nach einer Anklage, so als würde er dem Ehemann erzählen: Sie hat es einmal getan, sie wird es wieder tun! Dies ist, was er sagt:

She lied to you, lied to me
`Cause she was loving me, loving me

Sie hat dich belogen, mich belogen

Denn sie liebte mich, liebte mich

Dann macht er weiter und sagt dies:

She tried to live a double life
Loving me while she was still your wife
She thought that loving me was cool
With you at work and the kids at school

Sie versuchte, ein Doppelleben zu führen
Liebte mich, während sie noch deine Ehefrau war
Sie dachte mich zu lieben wäre cool
Als du bei der Arbeit warst und die Kinder in der Schule

Diese Worte sind sehr aufrührerisch, und sie werden mit solcher Wut und Bitterkeit gesungen. Er ist eindeutig sehr verletzt, und nun ist es so, als würde er um sich schlagen und versuchen sie dafür zu verletzen, dass sie ihrem Mann alles über ihre heiße Affäre erzählt hat.

Willa: Wow Joie, ich bin überrascht, dass es sich so für dich anfühlt, denn ich habe gar nicht diesen Eindruck – dass er versuchen würde zurückzuschlagen oder sie auf gewisse Weise zu verletzen. Er sagt zu ihrem Ehemann: „Du solltest wissen, dass ich ihr die Schuld dafür gebe.“ Also hält er sie für das, was passiert ist, verantwortlich, und er ist offensichtlich sehr verletzt dadurch, aber ich denke nicht, dass er versucht zurückzuschlagen, wie du es genannt hast. Eher denke ich, erklärt er ihrem Ehemann (und vielleicht auch sich selbst), dass er nicht „diese Art Mann“ ist – die Art, die herumschleicht und eine Affäre mit einer verheirateten Frau hat. Er sagt zu ihrem Ehemann:

I didn’t know she was already spoken for
`Cause I’m not that kind of man
Swear that I would have never looked her way
Now I feel so much shame

Ich wusste nicht, dass sie bereits in festen Händen war
Denn ich bin nicht diese Art Mann
Ich schwöre, dass ich niemals in ihre Richtung geguckt hätte
Und nun schäme ich mich so sehr

Du weißt ja, einige Männer verspüren in einer solchen Situation im Grunde eine Art Triumphgefühl, als hätten sie dem Ehemann ein Schnippchen geschlagen. Aber die Person, die diesen Song singt, ist nicht so. Da ist etwas Altmodisches an ihm – sogar die Worte „Ich wusste nicht, dass sie bereits in festen Händen war“ sind altmodisch. Die Leute sagen normalerweise nicht mehr „in festen Händen sein“.

Und weißt du, eine altmodische Art für ihn auf diese Situation zu reagieren, wäre galant zu sein – zu sagen, es war mein Fehler, nicht ihrer. Aber Galanterie kann eine weitere Form der Lüge sein, und er weigert sich, das zu tun. Er besteht auf Ehrlichkeit. Also wird er die Dinge nicht abmildern und sich selbst damit blenden, dass sie ihn vielleicht geliebt hat, und er lässt für sie auch keine Entschuldigungen gelten. Er ist entschlossen, sich der Situation offen und ehrlich zu stellen und der Wahrheit entsprechend anzuerkennen, was passiert ist.

Aber er scheint auch irgendwie schüchtern oder sich seiner selbst unsicher zu sein. Denn er sagt in der Eröffnungsstrophe: „Ich war überrascht zu erkennen / Dass eine Frau wie sie Interesse für mich zeigt“. Dies erinnert mich auf eine Weise an den Beginn von Billie Jean, wo die Hauptperson stolz darauf ist, dass sie ihn ausgewählt hat, um mit ihm zu tanzen. Er sagt da: „Jeder Kopf dreht sich herum mit (einem Ausdruck in den) Augen, der davon träumt, der eine zu sein / Der auf der Tanzfläche tanzen wird“ mit Billie Jean. Und eigentlich sind sich diese Songs auf gewisse Weise ziemlich ähnlich. In beiden Fällen wird ein ziemlich schüchterner, junger Mann in eine falsche Beziehung mit einer Frau, die nicht die ist, die sie zu sein scheint, hineingezogen.

Jedenfalls, was ich sagen möchte, ist, dass Chicago ein Song über einen Mann ist, der eine Affäre mit einer verheirateten Frau hatte, aber er ist nicht irgendein raffinierter, schäbiger Schürzenjäger, der mit seinen Heldentaten prahlt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Er scheint ein sehr ernster, junger Mann zu sein, der sich eine wirkliche Beziehung wünscht und vielleicht ein Vater für ihre Kinder sein wollte – die Kinder, über die sie ihm erzählt hatte, für deren Erziehung sie allein kämpfte. Aber alles, von dem er dachte, er wüsste es über sie, stellte sich als falsch heraus – sie hat bereits einen Ehemann, ihre Kinder haben bereits einen Vater, und er ist nur ein unwillkommener Eindringling in ihre häusliche Situation. Nun realisiert er dies – dass „sie eine Familie hat“, so sagt er es in der abschließenden Zeile des Songs – und er sagt weiter „Nun schäme ich mich so sehr“.

Joie: Ja, aber wie du bei deiner Eröffnung betont hast, Willa, sind echte Lebenssituationen und Erfahrungen selten einfach. Es kommt selten vor, dass wir reine Liebe empfinden oder reine Wut oder reines Irgendetwas. Und während ich vollkommen mit dir darin übereinstimme, dass er unglaublich reumütig und voller Scham ist – er ist voller eigener Schuldgefühle – glaube ich immer noch, dass er nun ebenso ein gewisses Maß an Wut und Bitterkeit ihr gegenüber verspürt. Wie du sagtest, er sagt ihrem Ehemann, dass er „ihr die Schuld gibt“.

Aber er sagt das nicht nur einmal. Er wiederholt den Refrain immer wieder während der gesamten zweiten Hälfte des Songs. Im Grunde ersetzen diese Worte, in denen er „ihr die Schuld gibt“ vollkommen den Refrain, den er ständig in der ersten Songhälfte wiederholt hat: „Sie hat mich geliebt, sie wollte mich.“ („She was loving me, she was wanting me.“)

Willa: Wow, das ist wirklich interessant, nicht wahr? Ich hatte das gar nicht mitbekommen, Joie, aber du hast Recht. Da laufen gesungene Zeilen im Hintergrund – ich wünschte, ich würde mich besser mit der musikalischen Terminologie auskennen, aber es ist fast wie eine Gegenmelodie im Hintergrund, während die Hauptmelodie die Geschichte im Vordergrund erzählt. Und du hast Recht – vor der Bridge wechselt diese Gegenmelodie zwischen „She was loving me“ und „She was wanting me“ ab – das sind die einzigen zwei Zeilen, die wir hören – aber nach dieser Überleitung beginnt er damit, immer wieder und wieder „Holding her to blame“ zu singen. Das scheint wirklich bedeutend zu sein.

Joie: Ja. Es ist ein sehr subtiler Wechsel, aber nun „gibt er ihr die Schuld“ („holding her to blame“) für alles, was passiert ist, und die Bitterkeit dieser vier kleinen Worte ist greifbar und herzzerreißend. Dieser Mann ist gebrochen und verletzt und kritisiert die Frau, von der er dachte, dass sie ihn liebt.

Weißt du, auf vielerlei Arten erinnert mich dieser Song an Who Is It. Ich spüre das gleiche Gefühl der Bitterkeit und Schmerz bei beiden Songs, besonders wenn ich an diese Worte denke:

And she promised me forever
And a day we’d live as one
We made our vows
We’d live a life anew

And she promised me in secret
That she’d love me for all time
It was a promise so untrue
Tell me what will I do?

Und sie versprach mir, dass es für immer ist
Und dass wir eines Tages wie eins leben würden
Wir schworen einander
Dass wir ein neues Leben beginnen würden

Und sie versprach mir insgeheim
Dass sie mich für alle Zeiten lieben würde
Es war ein so falsches Versprechen
Sag mir was ich tun soll?


Es ist dieselbe Art von Betrug, der hier vor sich geht und es ruft das gleiche Gefühl eines verwirrten Mannes mit gebrochenem Herzen hervor, der mit der Frage zurückgelassen wird, was zum Teufel gerade mit dem Leben und der Zukunft passiert ist, die er noch eben mit der Frau, die er liebte, aufzubauen gedachte.

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Willa: Das ist eine gute Feststellung, Joie, und ich denke, es ist wirklich hilfreich, diese beiden Songs miteinander zu vergleichen. Da sind einige wichtige Parallelen – wie dass er sich in beiden Fällen ein gemeinsames Leben vorstellte, aber plötzlich realisierte, dass das alles nur in seiner Vorstellung stattfand. Sie ist nicht die Person, von der er dachte, dass sie es ist, und sie werden nie das gemeinsame Leben haben, das er sich vorgestellt hatte. Und in beiden Songs lässt ihn das fragen, was real ist und was nicht. Wir sehen das deutlich in dem Video zu Who Is It. Und er singt dies in Chicago:

Her words seemed so sincere
When I held her near
She would tell me how she feels
It felt so real to me

Ihre Worte schienen so aufrichtig
Als ich sie an mich hielt
Sie erzählte mir, wie sie sich fühlt
Es erschien mir so echt

Seine Welt kehrte sich durch diese Offenbarung also von unten nach oben. Nicht nur, dass er traurig darüber ist, dass die Beziehung vorbei ist, sondern er fühlt sich auch tief betrogen und unsicher darüber, was „real“ ist und was nicht, was wahr ist und was nicht. Und wird er zukünftig, wenn er eine andere Beziehung hat, in der Lage sein, zu erkennen, was wahr und real ist?

Joie: Das ist eine sehr gute Feststellung, Willa. Vielleicht zweifelt er sich jetzt im Nachhinein an und fragt sich, ob er sich jetzt gut genug auskennt, um die Wirklichkeit in der Zukunft zu erkennen und unterscheiden zu können – wenn nur mutig genug ist, nach dieser Erfahrung eine wirkliche Beziehung zu riskieren.

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Willa: Ja, und dieser Zustand der Verwirrung wird wirklich eingefangen durch die Tatsache, dass er zwei sehr unterschiedliche Stimmen in diesem Song einsetzt, so in etwa wie in Morphine, über das wir im letzten Frühjahr mit Lisha McDuff gesprochen haben. Mehr als das, er wechselt ständig zwischen diesen Stimmen hin und her, indem er zwei verschiedene Strophenformen einsetzt – eine sanfte und aufgebrachte – mit zwei verschiedenen Melodien. Zumindest erscheint es mir so. Was ich meine, ist, ich denke nicht, dass dieser Song einen Refrain hat, was ungewöhnlich ist. Statt Strophen und einem Refrain, welches die typische Struktur ist, wechselt es zwischen zwei deutlich unterscheidbaren Formen, die einander gegenübergestellt sind.

Der Song – und ich spreche über die Demoversion – beginnt mit langsamer, verträumter, einer Art mystischer Musik, und dann beschreibt eine wehmütige Stimme, wie sie sich getroffen haben, zwei einsame Menschen auf ihrem Weg nach Chicago. Dies ist die Form der ersten Strophe und die erste Melodie, und sie passt perfekt zur Stimmung der Musik, mit langen, lyrischen Zeilen und einer Art verschwommenen, traumgleichen Art und Weise.

Diese schöne, ruhige Stimme setzt sich während der ersten Strophe fort, aber dann plötzlich bricht eine wütende Stimme mit der zweiten Strophe mit einem anderen Tempo und Rhythmus herein. Diese zweite Strophe unterscheidet sich sehr von der ersten, mit kurzen, scharfen Sätzen – fast Staccato – und am Schluss schreit er fast, als er sagt „Sie hat dich angelogen, sie hat mich angelogen“.

Joie: Ja. Das ist die Wut und Bitterkeit, die ich meine – diese zornige Stimme, die auf diese hinterlistige Frau einschlägt und ihren Ehemann warnt.

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Willa: Und du hast Recht, Joie – diese Stimme ist sehr wütend. Ich bin nur nicht sicher, ob er versucht zurückzuschlagen und sie auch zu verletzen. Er scheint hin- und hergerissen zu sein, und das wird auch wieder durch die Musik ebenso wie durch die Lyrics ausgedrückt. Diese zweite Strophe endet, die wütende Stimme stoppt und die ruhige, sehnsüchtige Stimme kehrt zurück und singt die erste Melodie. Wir sind zurückgekehrt zur ersten Strophenform – der langsamen, schlendernden, schönen – und er erzählt uns, wie glücklich er mit ihr war und wie gut es sich anfühlte, mit ihr zusammen zu sein. Er sagt „Sie musste ein Engel gewesen sein / Der nur für mich vom Himmel geschickt worden ist“ („She had to be / An angel sent from heaven just for me“).

Aber genauso abrupt, wie diese sanfte Strophe endet, stürmt die wütende Stimme wieder herein, und dieses Mal dauert es zwei ganze Strophen lang. So wechselt er zwischen den Formen hin und her – einer sanften, einer wütenden – aber es fühlt sich an, als würde die Wut beginnen übermächtig zu werden. Er wiederholt die Strophe, die er zuvor gesungen hatte – dass „sie sagte, sie habe keinen Mann“ – erweitert es aber nun in einer zweiten Strophe und erzählt uns (und ihrem Ehemann) „Sie versuchte ein Doppelleben zu führen / Liebte mich, während sie noch deine Ehefrau war“.

An diesem Punkt scheint er vollkommen von Wut erfüllt zu sein. Aber während es oberflächlich gesehen so erscheint, sind seine Gefühle eigentlich komplexer, denn wie du betont hast, singt er andere Worte mit einer anderen Melodie im Hintergrund. Die erste Melodie – die sanftere – läuft hinter der zweiten weiter (das ist das, was ich mit Gegenmelodie meinte) und wie du sagtest, sind die Worte, die er singt „Sie liebte mich“ und „Sie wollte mich“ („She was loving me / She was wanting me“). Und diese schöne, mystische Instrumentierung, die wir während dieser ersten Form hören, läuft auch im Hintergrund weiter.

Die Stimme im Vordergrund und die im Hintergrund singen also auf unterschiedliche Art und Weise und drücken sehr verschiedene Emotionen aus. Das ist so interessant, und diese Tatsache scheint anzudeuten, dass er sich in einem tiefen Konflikt befindet – dass trotz seiner Wut auf das, was sie getan hat, immer noch dieser starke Unterton von Milde ihr gegenüber und das Verlangen nach dem, von dem er dachte, sie würden es teilen, da ist.

Dann folgt eine kurze Überleitung (Bridge), die fast ausschließlich instrumental ist, aber wir hören ihn voller Schmerz flüstern „Warum?“ („Why?“) und dann singt er „Oh, ich brauche ihre Liebe“ („Oh, I need her love“). Es ist wirklich herzzerreißend.

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Und dann kommen wir wieder zurück zu den sich abwechselnden Strophenformen, und es endet mit drei Wiederholungen dieses verwirrten Zustandes, bei dem die laute, wütende Stimme im Vordergrund „Sie hat dich angelogen, sie hat mich angelogen“ ausruft, während diese wunderschöne, schwermütige Stimme und mystische Musik weiter durch den Hintergrund fließt.

Joie: Ja, aber dann, nach dieser herzzerreißenden Überleitung, singt diese schöne, schwermütige Stimme nicht „Sie liebte mich“ und „Sie wollte mich“ („She was loving me / She was wanting me“). Stattdessen singt sie wieder und wieder „Sie trägt die Schuld“ („Holding her to blame“).

Willa: Das ist wahr.

Joie: Ich mag die Art, wie du gerade den Song auseinandergenommen hast – das war sehr zutreffend, denke ich. Und, weißt, du, je mehr wir über den Song reden, desto mehr stimme ich dir in dem zu, was du zu Beginn unserer Diskussion gesagt hast – dass dieser Song eine perfekte Darstellung der menschlichen Gefühle ist und darüber, dass wir selten ausschließlich Liebe oder nur Wut oder nur Irgendetwas fühlen. In jeder menschlichen Erfahrung steckt eine Vielzahl von Emotionen, sowohl gute, als auch schlechte. So sind wir einfach gemacht, denke ich.

Willa: Da stimme ich dir zu, und ich bewundere die Art, wie Michael Jacksons Songs dies widerspiegeln. Er versucht nicht, alles zu vereinfachen und es alles nett und sauber aussehen zu lassen. Stattdessen erkennt er an, wie kompliziert und verwirrend unsere Gefühle sein können – dass sie mal hoch oben und dann wieder ganz unten und sogar widersprüchlich sein können, alles zur gleichen Zeit.

Joie: Das ist die „menschliche Natur“ („Human Nature“) … das Wortspiel ist nicht beabsichtigt!

Willa: Wow, das ist lustig, dass du das sagst, Joie! Ich habe gerade über Human Nature nachgedacht. Weißt du, das ist ein weiterer Song, der von einem Seitensprung zu handeln scheint – viele Kritiker interpretieren ihn auf diese Art. Und wenn das so ist, dann geht es nur um die Hauptperson. In dem Song heißt es „Wenn diese Stadt wirklich ein Apfel ist / Dann lass mich einmal abbeißen“ („If this town is just an apple / Then let me take a bite“). Die Hauptperson in Human Nature – das Michael Jackson nicht geschrieben hat, und das sollten wir im Kopf haben – möchte also voll und ganz in alle Erfahrungen des Lebens, einschließlich sexueller Erfahrungen, eintauchen, und das wird da sozusagen gefeiert – Risiken einzugehen und sich sozialen Normen zu widersetzen.

In Chicago ist die Situation vollkommen anders. Die Hauptfigur ist erfüllt von Schuld und Scham, Schmerz und Wut, und das führt mich zurück zu der ungewöhnlichen Tatsache, dass der Song an den Ehemann seiner Geliebten gerichtet ist – nicht an sie oder uns oder sogar an sich selbst, sondern an ihren Ehemann. Das ist so überraschend und interessant. Er spürt „so große Scham“, wie er sagt, und er scheint sich dazu zu bekennen, es öffentlich machen zu wollen, und die Person, der er es gesteht – der er wirklich sein Herz ausschüttet und seine Seele offenbart – ist ihr Ehemann.

Das ist so faszinierend für mich, und ich frage mich, ob es deswegen so ist, weil ihr Ehemann die Autoritätsperson in dieser Situation ist. Er ist der Vater dieser Familie, aber da scheint mehr als das dran zu sein, und ich frage mich, ob er Den Vater repräsentiert, in der Bedeutung des Vaters schlechthin – des Patriarchen, Gottvaters, des Rechtsgrundsatzes und der Zehn Gebote. „Du sollst nicht ehebrechen.“

Joie: Mmm, ich kenne mich damit nicht so aus, Willa. Ich denke, du liest möglicherweise zu viel hinein. Ich glaube, der Ehemann ist einfach der Ehemann. Weißt du, diese Art ehebrecherische Situationen passieren unglücklicherweise ziemlich oft in unserer Gesellschaft, und ich denke, mit dem Ehemann oder der Ehefrau zu reden kommt wahrscheinlich auch oft vor, und es hat nichts mit dem Bekenntnis zu Gott, dem Vater, oder sonst jemandem zu tun. Eigentlich denke ich oft, es ist ein Versuch, den Ehebrecher von seinem Ehegatten „zu befreien“, so dass der „Beichtende“ ihn endlich direkt haben kann.

Willa: Nun, das ist ein interessanter Gedanke, Joie, und es ist wahr, dass die Hauptfigur im Konflikt zu sein scheint über das Ende der Beziehung. Er hat sie geliebt. Aber gleichzeitig scheint es ziemlich klar zu sein, dass es vorbei ist. Ich denke nicht, dass er irgendeine Absicht einer weiteren Beziehung mit ihr hat, besonders jetzt, da er weiß, wer sie ist und was sie getan hat – dass sie ihn angelogen und getäuscht hat und „versucht hat, ein Doppelleben zu führen“.

Und vielleicht lese ich zu viel in den Ehemann / Vater hinein, aber es scheint für mich so, dass die Hauptfigur nicht nur emotionalen Schmerz spürt darüber, dass die Beziehung vorüber ist, sondern auch das Gefühl, dass er im moralischen Sinn etwas falsch gemacht hat – er hatte eine Affäre mit einer verheirateten Frau, einer Frau mit Kindern und einer Familie. Ich muss an die Strophe nach der Überleitung denken, in der er singt:

I didn’t know she was already spoken for
´Cause I’m not that kind of man
Swear that I would’ve never looked her way
Now I feel so much shame
And all things have to change


You should know that I’m holding her blame

Ich wusste nicht, dass sie bereits vergeben war
Denn ich bin nicht diese Art Mann
Ich schwöre, dass ich sie niemals angeschaut hätte
Jetzt schäme ich mich so sehr
Und alle Dinge müssen sich ändern
Du sollst wissen, dass ich ihr die Schuld gebe

Sie hat ihn also nicht nur emotional verletzt. Er scheint auch das Gefühl zu haben, dass sie ihn in die Irre geführt hat, zur Sünde geführt hat. Es ist fast biblisch – Eva verführt Adam mit dem verbotenen Apfel. Und nun fühlt er, wie Adam, ein tiefes Gefühl der Scham und bekennt gegenüber Dem Vater, was er getan hat – wozu sie ihn, wie Eva, verführt hat.

Joie: Nun, das ist eine interessante Interpretation, Willa, aber ich bin nicht sicher, ob ich es auch so sehe.

Willa: Also, um ehrlich zu sein, bin ich auch nicht sicher, ob ich es so sehe. Ich denke sozusagen nur laut, während ich versuche, es herauszuarbeiten. Es fühlt sich für mich so an, als wäre die Hauptfigur in einer schlimmen Situation, emotional und seelisch. Er fühlt sich betrogen und wütend, aber auch, dass er etwas falsch gemacht hat. Also legt er ein Geständnis ab, aber die Person, der er gesteht, ist ihr Ehemann. Und auf eine Art, die einen Sinn ergibt, denn ihr Ehemann wurde durch dies alles ebenso verletzt.

Vielleicht muss ich mich dem also auf einem anderen Weg annähern. Es scheint für mich so, dass Michael Jackson in seinem frühen Leben ein gläubiger Zeuge Jehovahs, einer strengen Religion mit vielen Regeln, war – kein Weihnachten, keine Geburtstagsfeiern und sehr viel mehr – so dass er mit einem strengen Moralkodex basierend auf Regeln aufwuchs. Aber das scheint sich geändert zu haben, als er älter wurde. Ich denke an diese wunderbare Strophe in Jam:

She prays to God, to Buddha
Then she sings a Talmud song
Confusions contradict the self
Do we know right from wrong?
I just want you to recognize me in the temple


You can’t hurt me
I found peace within myself

Sie betet zu Gott, zu Buddha
Dann singt sie ein Lied aus dem Talmud
Das Durcheinander widerspricht dem Selbst
Können wir Richtig von Falsch unterscheiden?
Ich möchte einfach nur, dass du mich im Tempel erkennst
Du kannst mich nicht verletzen
Ich habe Frieden in mir selbst gefunden

Ich liebe diese Strophe – sie ist wunderschön geschrieben und so tiefgründig – und er scheint nichts weniger als eine neue Art von Moral anzudeuten, eine, die nicht darauf basiert, religiösen Grundsätzen zu folgen, sondern darauf, deinen eigenen inneren moralischen Kompass zu entwickeln und ihm zu folgen. „Können wir Richtig von Falsch unterscheiden?“ Es basiert auch auf Menschen und den Verbindungen zwischen uns – „Ich möchte einfach nur, dass du mich im Tempel erkennst“. Es ist also nicht der Tempel oder sogar die Art des Tempels – christlich, buddhistisch, jüdisch -, was von Bedeutung ist, sondern die Menschen darin und unsere Fähigkeit, uns mit dem anderen zu verbinden und die Menschlichkeit in dem anderen zu erkennen.

Mit anderen Worten spricht er über eine weltliche Moral, nicht über eine himmlische. Und in dem Sinn scheint es bedeutsam zu sein, dass die Hauptfigur aus Chicago beichtet, nicht gegenüber Gott, sondern gegenüber einem Mitmenschen – einem Menschen, den er unabsichtlich verletzt hat, ihrem Ehemann.

Joie: Es ist interessant über diese Parallelen zu seinem persönlichen Leben nachzudenken. Und du bist mit deinen Vermutungen vielleicht einer Sache auf der Spur, wer weiß? Aber es ist immer das Amüsante an diesen Songs, und sogar den Videos und Live Performances, zu versuchen, die wahre Bedeutung hinter ihnen zu erkennen.

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Michael besucht Mumbai, Indien – HIStory-Tour 1996

Eine Erinnerung an Michaels Aufenthalt in Indien für sein HIStory-Konzert (am 1. November 1996) von dem Fotograf Mahesh Bhat.

English: http://entertainment.in.msn.com/hollywood/article.aspx?cp-documentid=3069357#page=1

1996 war das anstehende Konzert von Michael Jackson in Mumbai die große Neuigkeit. Ich hatte keine Pläne dorthin zu gehen. Wenige Tage vor dem Konzert bekam ich einen Anruf von meinem Freund Shantanu Sheoreyi. Er war in beratender Funktion an der Veranstaltung beteiligt. “Mahesh, wir brauchen jemanden, der MJs Besuch und das Konzert dokumentiert, kannst du das tun?” fragte er mich. “Ob ich es tun kann? Whoa, ich bin schon am nächsten Flug nach Mumbai.”

Ich kam dort einen Tag vor MJs Anreise an. Ich hatte Gespräche mit den Verantwortlichen, und darauf folgte ein Besuch im Stadion in Andheri, wo das Konzert stattfinden sollte. Eine große hölzerne Plattform wurde gebaut. Die gesamte Bühne wurde in 2 Antonov-Cargo-Flugzeugen transportiert. Mir wurde gesagt, dass sein Team alles in 24 Stunden aufbauen würde.

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Am Tag seiner Ankunft erreichten wir frühzeitig den Flughafen. Ich sollte seinen Besuch von seinen ersten Schritt aus dem Flugzeug an dokumentieren. Einige von uns wurden an die Tür von der Skybridge eskortiert. Schauspieler Sonali Bendre hatte die Ehre, MJ willkommen zu heissen. Ein “Seite-3″ Geschäftsmann wollte auch dort hin, aber er wurde von der Polizei weggeführt. Das Flugzeug mit MJ landete. Die Beamten der Einwanderungsbehörde gingen in das Flugzeug, um die Formalitäten zu erledigen. Menschen begannen herauszusteigen. Plötzlich sehe ich ein vertrautes Gesicht, meinen Freund, den Fotografen John Isaac! Wir umarmten uns und er sagte: “Hey, was machst du hier?” Ich hörte von ihm, dass John den Auftrag hatte, das Leben und die Arbeit von MJ zu dokumentieren und mit ihm reiste!

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Dann kommt MJ selbst. Wow – die Legende ist direkt vor mir, nur wenige Meter entfernt. Er eilt heraus und ich schieße Fotos. Autos warten schon, um ihn wegzubringen. Ein luxuriöser Van wartete auf ihn. Ich stieg in einen SUV mit einem offenen Dach, so dass ich aufstehen konnte und Fotos von der Fahrzeugkolonne schießen konnte. Ich fuhr mit der Fahrzeugkolonne von MJ. Als wir den Flughafen verlassen hatten, sah MJ eine Reihe von Kindern aus den Slums und lies das Auto stoppen. Wir alle sprangen heraus. Er wollte einige Videoaufnahmen mit ihnen zusammen machen. Es gab drei Videografen, die jede Bewegung, die er machte festhielten. Kinder stürzten auf ihn zu und nahmen alles, was sie auf der Straße für Autogramme finden konnten – verschmutzte Zigarettenschachteln, ein Stück Papier. MJ unterschrieb alles gut gelaunt und vergass nicht, seine Video-Crew anzuweisen, nichts davon zu verpassen. “Seht zu, dass ihr alles aufnehmt” sagte er.

Bal Thackeray, his grandson Aditya and other children

- Michael mit Bal Thackeray, seinem Enkel Aditya und anderen Kindern –

Alle Straßen waren abgesperrt und wir fuhren zu Bal Thackreys Residenz, die MJs erste Anlaufstelle war. Dort herrschte Chaos. Polizei mit Maschinengewehren und Walkie-Talkies, die Meter lange Antennen hatten, konnten nicht die Horde der wartenden Pressefotografen davon zurückhalten, durch die Absperrungen zu brechen und auf das Gelände zu laufen. John und ich wurden draussen aus dem Auto gelassen. Später nahmen sie uns doch mit hinein. MJ bekam einige Geschenke und es wurde nicht viel gesprochen. Er saß dort mit einem abwesenden Ausdruck auf seinem Gesicht.

An diesem Abend war ein Abendessen im Oberoi Towers organisiert, wo er wohnte. Mumbais “Who’s Who” und ganz Bollywood waren eingeladen. Das Menü war rein vegetarisch. MJ war pünktlich dort, die meisten “Who’s Who” waren es aber nicht. Es gab einen kleinen Empfang. MJ erhielt eine mit Diamanten übersäte Miniatur des Taj Mahal. Jemand hielt eine Rede. Ein bekannter Schauspieler sprang an den Tisch, schüttelte MJ’s Hand und sprang herum wie ein Affe! Dann ging MJ zurück in sein Zimmer. Er hatte weder mit jemandem geredet, noch hat er das Essen berührt. Dann trafen die “Who’s Who” ein und mussten das vegetarische Menue essen! Sie hingen herum und assen leise murmelnd. Am nächsten Tag las ich in den Zeitungen, dass einer der Musik-Direktoren von Bollywood (der Mann, der eine Vorliebe für Gold hat…derjenige, der ihn errät bekommt aber keinen Preis!) mit MJ zusammenarbeiten würde, um ein Album zu produzieren und dass MJ großes Interesse an seiner goldenen Halskette gezeigt hätte. Tatsache war allerdings, dass er – so wie es modern ist – zu spät zu dem Abendessen kam und MJ nicht einmal gesehen hatte! Auf seinem Weg nach draußen schüttelte MJ die Hände von einem der Kellner. Der fiel fast in Ohnmacht!

Der nächste Tag – es war der Tag vor dem Konzert, kam MJ nicht aus seiner Suite. Ich war mit John Isaac in dessen Zimmer. Der ganze Stock des Oberoi Towers war von MJs Entourage besetzt und niemand anderes durfte hinein. John Isaac ist in Chennai geboren. Er arbeitete kurz für Air India und ging nach New York, um Gitarrist zu werden. Stattdessen wurde er Fotograf und stieg auf zum Chef-Fotograf der Vereinten Nationen und zu einem gefeierten Fotojournalisten. John arbeitete viel für UNICEF. Audrey Hepburn, die damalige Botschafterin von UNICEF und eine Freundin von John, stellte ihn MJ vor. John erzählte mir über MJs Liebe zu Gedichten und dass sie ein Buch mit MJs Gedichten und Johns Bilder planten. Letztlich wurde es nicht realisiert.

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Den ganzen Tag lang kam die die “Hautevolee” von Bollywood zum Hotel, um MJ zu treffen. Aber niemand durfte auch nur in den Aufzug. Überall gebrochene Herzen. Plötzlich gab es Aufregung. Trotz der strengen Sicherheitsvorkehrungen war ein Typ aus Bihar in das Hotel gekommen, mit einem schön verpackten Vorderlader auf der Schulter! Frag mich nicht wie er es geschafft hatte. Also nahm die Polizei ihn fest und fand heraus, dass er auf der Suche nach einem Job nach Mumbai gekommen war. Und er landete im Hotel, weil jemand ihm gesagt hatte, dass er hier einen Job finden könnte. MJ’s Sicherheits Team, bestehend aus mehreren Ex-Marines, war immer sehr taff. Nach diesem Vorfall wurden sie paranoid. Es gab viele Reibereien und die Temperatur war immer kurz vorm Kochen. Später fragten wir sie, warum sie so besorgt waren. “Nun, er ist unser Lebensunterhalt, wir können nicht zulassen, dass ihm etwas passiert”, sagte der Sicherheitschef. Sie schützen ihn zu ihrer eigenen Absicherung.

Es war geplant, mit MJ nach Madh Island zu fahren. Er wollte das Zentrum von Nirmal Hriday in Mumbai besuchen. (Anmerkung: ein Gesundheitszentrum..) Aber ein paar Witzbolde faxten eine Morddrohung. Die Security legte ein Veto gegen den Besuch ein und MJ war untröstlich. In seiner Suite fing er an hemmungslos zu weinen. Seine Freunde brauchten fast eine Stunde um ihn zu trösten. Das war, als ich mir dachte, dass er wie in einem diamantbesetzten Platin-Käfig gefangen war. Die Morddrohung hielt jedoch einige Mitglieder seiner Crew nicht davon ab, die Stadt zu erkunden. Ich denke, sogar einige seiner Leibwächter nahmen sich einen Abend frei. Nur der Chef konnte nicht mal einen Schritt aus seinem Zimmer tun!

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Am Abend gab es ein Foto-Shooting mit einer ganzen Menge Kinder. Es fand auf der Terrasse des Hotels statt und später gingen wir in seine Suite. Ich habe viele Porträts von ihm dort gemacht. Er befasste sich nicht mit den Erwachsenen aber er sprach mit vielen Kindern. MJ hatte eine große 3D Collage mit schwarz-weiß-Fotos seiner Familie. Ich hörte wie jemand sagte, dass er diese überall mit hinnahm.

MJ wollte nicht gestört werden. Kurz vor dem Konzert meditierte er und traf sich mit einigen wichtigen Personen der indischen Seite und machte Fotos. Ich war frühzeitig vor Ort. Ich hatte die Wahl zwischen zwei Stellen, aus – der “Grube” unter der Bühne, oder von der Sound-Console aus zu fotografieren. Letztere hatte einen direkten Blick auf die Bühne, und ich musste mich nicht um einen Platz drängeln. Ich entschied mich dafür. Die VIP-Loge war auch dort. Asha Bhosle, Sunil Gavaskar, Prabhu Deva und Tausende Fans warteten darauf, dass die Performance begann.

MJs Bühne war klimatisiert und wurde auf 16 Grad Celsius gehalten. Es gab zwei massive AC Türme die kühle Luft pumpten. Starke “Luftvorhänge” in der Front hielten warme Luft draußen. Es gab einen Meditationsraum, falls er während der Pause meditieren wollte. Es spielte keine Rolle, wo er auftrat; die Bühne war immer genau gleich.

Die Performance war erstaunlich. Er war wirklich ein großer Entertainer. Ashaji tanzte! Sie forderte all die jüngeren Frauen in der VIP-Loge auf, mit zu tanzen. Ich drehte mich um und sah Sunny Gavaskar ‘grooven’! Prabhu Deva erzählte seinen Fans, es war, als hätte er einem Gott zugesehen.

Ich habe keine weiteren Worte, um seine Wirkung zu beschreiben.

……………

Ein paar Eindrücke vom Konzert und der Ankunft in Mumbai:

In Bombay, India, 85% of the proceeds from one concert were put aside for the ‘Shiv Udyog Sena’ to help create jobs for 270,000 young people in the state of Maharashtra.

In Bombay wurden 85% der Einnahmen eines Konzerts an den ‘Shiv Udyog Sena’ gegeben, um dabei zu helfen, Jobs für 270.000 junge Menschen im Bundesstaat Maharashtra zu schaffen.“

…………………

Noch mehr Erinnerungen an dieses Konzert und Michaels Aufenthalt in Mumbai:

Choreograf Ganesh Hegde, der der Opening-Act von MJs Konzert war erinnert sich an sein Treffen mit Michael als “die beste Minute seines Lebens” “Ich traf Jackson in seinem “green room”, der stockdunkel war, bis auf ein Licht, was in der Ecke flackerte. Er schüttelte mir die Hand und sagte, dass er meine Performance sehr mochte. Das war mein größter Augenblick. „Pop Kultur begann mit MJ und endete mit ihm”

Shobhaa De schrieb später: “Diejenigen von uns, die in der glücklichen Lage waren, sein Konzert zu sehen werden nie die Magie dieser goldenen Stunden vergessen, als Jackson die Menge mit einer Performance von atemberaubendem Ausmaß begeisterte. Mir stellen sich heute noch die Haare auf. Ich sah nie solche Energie, solche Hingabe, solche Klasse. Er war von erstaunlicher Brillanz und ich sah seine letzte Zugabe mit Tränen überströmtem Gesicht an. Als er wiederholt zu der faszinierten Menge “I Love You” flüsterte, glaubtest du ihm, dass er uns alle liebte. Jeden persönlich. Es war ein wunderbarer Abend. Ich ging mit dem Gefühl, dass ich previligiert war eine historische Performance zu sehen von einem der weltbesten Entertainer.

“Ich erinnere mich, wie er aus seinem Privat Jet stieg und dass seine Entourage mit 4 weiteren Flugzeugen kam. Der Flughafen kam für eine Stunde zum Erliegen, weil die Angestellten und die Flughafen-Crew und die Passagiere alle kamen, um ihn zu begrüßen,” sagt Sabbas Joseph, Direktor von Wizcraft, die das Konzert organisierten. Sogar Anil Ambani lieh dem Star sein “Open Roof Car”. Jacksons Ankunft im Hotel war eine große Sache, die Leute von den umliegenden Büros kamen um einen Blick auf ihn zu werfen. “Er fragte nach einem freistehenden Ganzkörper Spiegel in seinem Zimmer und als er abreiste signierte er diesen. Er signierte auch eine Kissenhülle aus seinem Zimmer.”

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India, all my life I have longed to see your face. I met you and your people and fell in love with you. Now my heart is filled with sorrow and despair for I have to leave, but I promise I shall return to love you and caress you again. Your kindness has overwhelmed me, your spiritual awareness has moved me, and your children have truly touched my heart. They are the face of God. I truly love and adore you India. Forever, continue to love, heal and educate the children, the future shines on them. You are my special love, India. Forever, may God always bless you”

- Michael Jackson

Indien, mein ganzes Leben lang habe ich mich danach gesehnt, dein Gesicht zu sehen. Ich traf dich und dein Volk und verliebte mich in euch. Jetzt ist mein Herz voller Trauer und Verzweiflung, weil ich dich verlassen muss, aber ich verspreche, ich werde wiederkommen, um dich wieder zu lieben und zu umarmen. Deine Liebenswürdigkeit hat mich überwältigt, dein spirituelles Bewusstsein hat mich sehr bewegt und deine Kinder haben wirklich mein Herz berührt. Sie sind das Antlitz Gottes. Indien, ich liebe und verehre dich wirklich. Mache ewig damit weiter, die Kinder zu lieben, sie zu heilen und sie zu lehren/erziehen, die Zukunft erstrahlt in ihnen. Du bist meine besondere Liebe, Indien. Für immer, mögest du für immer von Gott gesegnet sein“ – Michael Jackson

………………………

Quelle: http://entertainment.in.msn.com/hollywood/article.aspx?cp-documentid=3069357#page=1

http://www.mj-777.com/?p=8741

Übersetzung: M.v.d.L.

“Ich besuche so viele Waisen- und Krankenhäuser, wie ich Konzerte gebe.”

I´ve traveled the world over 8 times. I do as many hospitals and orphanages as I do concerts. But, of course, it´s not covered (by the press). That´s not why I do it, for coverage. I do it because it´s from my heart.“

 – Michael Jackson, 2005, Interview with Geraldo Rivera -

Ich bin acht-mal um die ganze Welt gereist. Ich besuche soviele Waisen- und Krankenhäuser, wie ich Konzerte gebe. Aber natürlich berichtet die Presse darüber nicht. Und das ist auch nicht der Grund, warum ich es mache. Ich mache es, weil es von meinem Herzen kommt.“

♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥

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(photo by John Issac – Prag 1996)

3 Berichte über Michaels Besuche von Waisen- und Krankenhäusern während der HIStory-Tour:

> Prag, September 1996:

Am Freitag, dem 6. September 1996 besuchte Michael ein Waisenhaus in Zbraslav, Prag. Es war eine einmalige und unvergessliche Erfahrung für die Kinder und auch für uns Erwachsene.

Offiziell hörten wir erst 4 Stunden vorher etwas über diesen geplanten Besuch. Donnerstag morgens erschienen plötzlich Michael Jacksons Fotografen, sie waren gekommen, um ein paar Fotos der Kinder zu machen. Die beiden waren sehr freundlich. Es dauerte fast zwei Stunden, um dutzende Fotos zu machen. Dann sind sie gegangen und wollten Freitags noch ein anderes Waisenhaus besuchen, wahrscheinlich Klenovice, wo Kinder im Alter zwischen 3 und 19 Jahren leben. Unser Haus ist für 3 – 5-Jährige Kinder ausgerichtet.

Freitags, kurz nach dem Mittagessen, traf Michael mit seiner Entourage ein. Nach einer kurzen Begrüßung im Haus, nahm er seine Brille ab, zog seine schwarze Jacke aus und widmete sich völlig den Kindern. Er blieb für lange Zeit in dem Raum, in dem die Jüngsten und auch Kinder mit Behinderungen waren. Weil sie gerade erst aufgewacht waren, waren sie noch in ihren Betten. Er gab jedem Kind ein Geschenk.

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Dann widmete er sich den älteren Kindern, denen er persönlich Geschenke überreichte. Er war gut gelaunt, enthusiastisch und seine Augen leuchteten. Unsere Kinder waren wunderbar und ihre Scheu hielt sich nur wenige Augenblicke. Dann nahmen sie mit einem offenen Lächeln Michaels sorgfältig verpackte Geschenke entgegen – hübsche Spielsachen, Teddybären, Holzfiguren und Legosteine.

Im Garten, wo sich alle versammelten, stand Michael mitten in einer Gruppe von Kindern und spielte mit ihnen. Er zog seinen Mantel aus und setzte sich bequem auf den Boden. Wir hatten alle den Eindruck, dass er sehr entspannt war und er schien glücklich zu sein. Alles war sehr ruhig, denn die Erwachsenen verhielten sich diszipliniert.

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Michael gab Autogramme, manchmal mit einem herzlichen Lächeln. Er versuchte sogar ein Stück von dem Kuchen, den unser Koch gebacken hatte. Während er im Garten war, kamen noch andere Kinder aus dem Kindergarten neben an, einige von ihnen erhielten Autogramme von Michael durch den Zaun.

Michael war ungefähr eine Stunde lang in unserem Waisenhaus. Er war unbefangen, still und freundlich. Sein Umgang mit den Kindern war sehr aufrichtig und offen. Ich denke, er ist ein sehr einfühlsamer, sanfter und zurückhaltender, fast schüchterner Mensch. Wir sind alle sehr darüber erfreut, dass wir die Gelegenheit hatten, ihn von einem anderen Blickwinkel kennen zu lernen als den, den wir durch die Medien kennen

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Ich glaube, dass die Kinder das wahrnehmen, was im heutigen Leben oft fehlt: die Spontaität (Direktheit), die Aufrichtigkeit und ein völlig natürliches Verhalten…. und das ist, was Erwachsene von ihnen lernen können.

  – DR Petra Vorlí Kova ( Leitung des Waisenhaus)

(Quelle: UklovesMJ facebook page Translated from ~ http://mjfc.com.br/projetosocial/?p)

 

> Südafrika 1997:

Michael wurde von Ärzten und Krankenschwestern durch das Krankenhaus geführt. Es war das „normale“ Programm: sie begrüßten die Kinder auf den Stationen, gaben ihnen Geschenke und verbrachten etwas Zeit mit ihnen. Dann liefen sie einen Gang zwischen zwei Stationen entlang und dort gab es einen abgetrennten Raum, in dem nur ein Kind war. Michael fragte, warum das Kind ganz alleine in dem Raum sei. Die Ärzte sagten ihm, es handele sich um ein Quarantäne-Zimmer, und dass sie kontrollieren müssten, wer hinein darf, weil das Kind eine ernste Erkrankung habe und sie noch nicht genau wüssten, was es ist und ob es ansteckend sei.

Die Ärzte gingen weiter. Michael blieb etwas zurück, und als sie sich ein wenig entfernt hatten, schlüpfte er in den Raum. Es gab großes Geschrei, die Ärzte und Schwestern gerieten in Panik, aber keiner wollte Michael ohne Schutzausstattung in das Zimmer folgen. Joe erzählte mir, dass sie durch das Fenster beobachteten, wie Michael bei dem Kind am Bett sass, mit ihm sprach und es auf die Stirn küsste. Dann kam Michael ganz ruhig wieder aus dem Raum und die Ärzte wollten natürlich nicht mit ihm schimpfen – schliesslich war er ja Michael Jackson. Aber sie waren deutlich besorgt.

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Später fragte Joe Wilcots (Michaels Kameramann) Michael, warum er das getan hatte – was um Himmelswillen er sich dabei gedacht habe, ein solches Gesundheitsrisiko einzugehen. Michael entgegnete ganz einfach: „Ich wollte das tun, was die Mutter des Kindes getan hätte, wenn sie da gewesen wäre.“ Er wußte, keine Gefahr würde Eltern davon abhalten, zu ihrem Kind zu gehen. Kein Risiko würde eine Mutter daran hindern, zu ihrem Kind zu gehen und ihm zu zeigen, dass sie es liebt.

Das war für mich immer das Sinnbild für Michaels Verhältnis zu Kindern. Er schien elterliche Liebe und Verantwortung für jedes Kind der Welt zu spüren.“

(Maria Crawford beschreibt Michaels Besuch in einem Kinderkrankenhaus in Südafrika, 1997. – Quelle: „A Life For Love“)

 

> Bucharest 1996:

Als Michael vor seinem HIStory Konzert in Bucharest das ST. Ecatarina-Waisenhaus besuchte, waren wir die einzigen Reporter, die ihn begleiten durften. Michael war betrübt. Er sagte zu mir: „Es gibt tausende Kinder in Rumänischen Waisenhäusern. Die meisten haben ihre Eltern verloren, aber manche werden auch von ihren Familien ausgestossen.“

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Michael saß am Boden umgeben von vielen Kindern. Er war sehr entspannt und lächelte viel. Zuerst beobachteten ihn die Kinder, im Alter zwischen zwei und vier Jahren, nur, aber als Michael begann, ein paar Legosteine zusammen zu bauen, spielten sie schnell mit ihm zusammen. Michael hatte keinerlei Berührungsängste, obwohl einige der Kinder AIDS hatten.

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Er hob nahm ein Baby auf den Arm, welches nur ein paar Tage zuvor vor der Tür des Heims abgelegt worden worden war. Ein kleines Mädchen namens Maria begann damit, ihm Süßigkeiten in den Mund zu stecken, ein sehr berührender Augenblick.

Diese Kinder hatten nie ein warmes Zuhause kennengelernt, niemand wollte sie haben. Ihre Augen waren traurig und ängstlich. Für einen Tag brachte Michael ein wenig Sonnenschein in ihr Leben.

Während seinem Besuch war im ganzen Waisenhaus eine heitere Atmosphäre zu spüren, ganz anders als die sonst übliche Tristesse.

(Michael) verteilte Geschenke, Blumen, Spielsachen und spielte lange Zeit mit den Kindern. Ein Mitarbeiter sagte zu mir: „Ich habe die Kinder nie so glücklich gesehen. Für sie ist es wie Weihnachten!“

Michael spendete der Heimleitung eine beachtliche Summe im Namen seiner Heal The World-Stiftung, die er gegründet hatte, um Kindern zu helfen. Es war offensichtlich, dass Michael das nicht aus PR-Gründen tat sondern weil es eine Herzenssache war. Es waren auch keine Journalisten zugelassen, nur für die Bravo machte er eine Ausnahme.

Am Abend besichtigte Michael noch Bucharest und besuchte auch den königlichen Palast, wo er auch eine traditionelle Show ansah und eine Rede zu seinem Anliegen, den Kindern auf der Welt zu helfen, hielt. „Kinder sind unsere Zukunft! Sie sind das Wichtigste, was wir haben. Mein größter Wunsch ist es, dass Politiker mehr nachdenken, bevor sie die Kinder in ihre Kriege schicken.“

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(photo by John Issac – Prag 1996)

Andere Superstars liegen in ihrem Whirlpool, trinken Champagner und machen sich ein schönes Leben, während Michael seine Zeit und seine Energie dazu nutze, Kindern zu helfen. Und immer, wenn er das tat, tat er von ganzem Herzen.

(Alex Gernandt, über Michaels Besuch in Bucharest, September 1996 – Quelle: „A Life For Love“)

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Michael´s Charity Contributions 1979-2003“

http://www.mjfancommunity.com/human.htm

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A Life for L.O.V.E- Michael Jackson stories you should have heard before

http://www.amazon.de/life-L-O-V-E-Michael-Jackson-stories/dp/3849551962

NEWS: Am 27. September 2014 wurde im Kinderheim in Zbraslav, Prag, zum Gedenken an Michael (und seinen Besuch von 1996 ) diese Statue von Michael  (erschaffen von der Bildhauerin Daniela Kartáková) enthüllt:

Auf der Plakette ist u.a. zu lesen: “If you wanna make the world a better place, take a look at yourself and then make a change.”

Praguesept2014

Gespräch über Dangerous mit Susan Fast

by

Dangerous Talk with Susan Fast
04/09/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Dangerous Susan Fast

Willa: Ich bin begeistert, dass sich uns diese Woche wieder einmal Dr. Susan Fast anschließt, deren neues Buch über das Dangerous Album am 25. September bei Bloomsbury Press herauskommt. Ich möchte zuallererst einmal sagen, dass ich dieses Buch jetzt zweimal gelesen habe und immer noch verblüfft bin. Zum ersten Mal liegt uns eine detaillierte, in die Tiefe gehende Analyse eines Albums von Michael Jackson vor und es ist erstaunlich – sie enthüllt, wie er durch jede Schicht seiner musikalischen Kreation und Darbietung Bedeutungen vermittelt. Manche Abschnitte habe ich zahlreiche Male gelesen, bin sie Satz für Satz mit meinen Kopfhörern auf den Ohren durchgegangen, um all die Details und Bedeutungsnuancen, die Susan ausfindig gemacht hat, erfassen zu können. Ich wurde ganz einfach umgehauen worden davon.

Susan, dein Buch ist solch eine Fundgrube an Gedanken, ebenso wie an neuen Wegen des Hörens und Denkens über seine Musik. Da ist so viel, über das ich mit dir sprechen möchte! Vielen Dank, dass du da bist.

Susan: Danke, dass ich wiederkommen durfte zu Dancing With the Elephant, Willa. Es ist solch ein Vergnügen, wieder mit dir Gedanken austauschen zu können. Schade, dass Joie dieses Mal nicht bei uns sein kann.

Willa: Finde ich auch. Joie startet beruflich mit etwas Neuem, was sehr aufregend ist, aber sie ist dadurch auch sehr beschäftigt.

Susan: Sehr aufregend, ich wünsche ihr viel Glück! Und Danke für deine unglaublich großzügigen Kommentare zu meinem Buch und für deine Hilfsbereitschaft, während ich es geschrieben habe: Du hast die Entwürfe für jedes Kapitel gelesen (manche mehr als einmal, glaube ich) und solch wohlüberlegte Anregungen gegeben, die das Buch noch stärker gemacht haben. Und es half dabei, den Prozess des Schreibens etwas weniger einsam zu machen, was, wie du selbst sehr gut weißt, oft der Fall ist.

Willa: Oh, ich habe es voll und ganz genossen! Und ich liebe die Tatsache, dass du dich auf Dangerous konzentriert hast, dem gern sehr viel weniger Beachtung geschenkt wird als Off the Wall oder Thriller. Die meisten Kritiker scheinen zu denken, jene zwei Alben seien die Höhepunkte des künstlerischen Schaffens von Michael Jackson gewesen, und dass es ab da nur abwärts gegangen wäre. Ich weiß nicht, wie viele Male ich das gelesen habe …

Susan: Ja, ich verweise in dem Buch auf zahlreiche Kritiker mit dieser Meinung und sie kommen weiterhin; der 35. Jahrestag der Veröffentlichung von Off the Wall ist gerade vorbei und Mark Anthony Neal schrieb einen Aufsatz, in dem es als Jacksons „Meisterleistung“ bezeichnet wurde. Es ist ein brillantes Album, aber alle Alben von Jackson sind brillant. Wenn ich länger darüber nachgedenke, dann weiß ich im Grunde nicht, wie seine Alben miteinander verglichen werden können; sie sind wie Äpfel und Orangen, jedes von ihnen auf einzigartige Weise entstanden und eingerahmt. Ich denke, wir müssen wegkommen davon, sie in einer Hierarchie zu sehen, was, meiner Meinung nach, zumindest zu einem Teil auf nostalgischen Gefühlen gegenüber dem jüngeren Jackson beruht – aus vielen komplizierten Gründen.

Willa: Das ist eine wirklich gute Feststellung, Susan, und wir könnten leicht einen ganzen Post nur mit der Untersuchung dieser „komplizierten Gründe“ verbringen. Ich denke, vieles davon hat nostalgische Gründe, wie du sagst – sowohl für den jüngeren Michael Jackson und auch für unser jüngeres Selbst, für die Menschen, die wir waren, als wir zum ersten Mal diese frühen Alben gehört haben – genauso wie einen Widerwillen dagegen, ihn als erwachsenen Mann und als reifen Künstler zu sehen.

Und ein Teil davon, denke ich, ist ein tiefes Unbehagen unter Weißen gegenüber der Vorstellung des „zornigen schwarzen Mannes“ („angry black man“). Diese Vorstellung trägt eine Menge emotionalen Ballast mit sich herum, besonders in den Vereinigten Staaten, und ich denke, viele Menschen waren sehr beunruhigt bei der Vorstellung, dass der Michael Jackson mit dem süßen Gesicht, der vor unseren Augen aufwuchs – eine gefeierte Erfolgsgeschichte und ein Symbol für Integration und Rassenharmonie – zu einem „zornigen schwarzen Mann“ werden konnte.

Aber wir sehen Wutausbrüche in seinen späteren Alben. Und er spricht ganz sicher mit einer erwachsenen Stimme, wie du in deinem Buch betonst. Ich war sehr interessiert daran, dass du Dangerous als einen signifikanten Meilenstein in dieser Entwicklung siehst. Eigentlich beginnst du dein Buch mit der kühnen Behauptung, dass „Dangerous Michael Jacksons Album ist, mit dem er erwachsen geworden ist“. Ich liebe das! – zum Teil deswegen, weil es mutig der herkömmlichen Meinung, Dangerous sei nur eine weitere Stufe seines Abstiegs gewesen, widerspricht.

Susan: Die Abstiegsgeschichte ist meiner Meinung nach dermaßen unangebracht, aber wie du sagst, es hängt davon ab, wonach du suchst und welche Erfahrungen du mit Michael Jacksons Musik gemacht hast. Ich habe das Dangerous Album schon seit so langer Zeit geliebt und habe es immer für ein äußerst bedeutsames künstlerisches Statement gehalten. Dass ich nun die Gelegenheit hatte, so viel Zeit damit zu verbringen, war eine erstaunliche Erfahrung. Ich bin dankbar, dass die Herausgeber von 33 1/3 der Meinung waren, dass es ein lohnenswertes Projekt sei. Und ich bin wirklich begeistert, dass sie dieses Buch, das einzige in der Serie über Jackson, zum 100. Band der Serie gemacht haben. Ich bin sicher, das war zum Teil Zufall, da es mit den individuellen Deadlines der Autoren zu tun hat, aber es wärmt mein Herz, zu wissen, dass solch ein wichtiger Künstler diesen bedeutenden Meilenstein besetzt.

Die Serie – jedes Buch ist einem einzelnen Album gewidmet – schreibt nicht vor, wie Aufnahmen interpretiert werden sollten, es existiert kein Schema für die Bücher – in der Tat sagen einige Bände nicht viel über einzelne Songs oder wie sie strukturiert sind. Aber zum Teil, weil ich Musikwissenschaftlerin bin, zum Teil auch, weil es so wenig Geschriebenes über Michael Jacksons Songs gibt, wollte ich mich wirklich darauf konzentrieren, natürlich immer im Hinterkopf, dass die Art und Weise, wie Musiker Klang aufbauen untrennbar mit dem Sozialen verbunden ist. Musikalische Klänge überschreiten nicht nur Raum und Zeit; sie kommen von irgendwoher und helfen dabei dieses Irgendwoher zu definieren.

Willa: Ja, ich liebe die Art, wie du die „Anatomie“ seiner Songs, wie er es bei mehr als einer Gelegenheit genannt hat, untersuchst und außerdem wichtige historische Zusammenhänge zur Annäherung an Dangerous aufzeigst. Bevor du beispielsweise einen ausführlichen Einblick in seine Songs über Leidenschaft und Verlangen gibst, nimmst du dich zuerst der „Pathologie von Jacksons Sexualität“ an, wie du es ausdrückst. Ich denke, diese Diskussion ist unglaublich wichtig, besonders weil du die erste mir bekannte Kritikerin bist, die bestätigt, was so viele Fans jahrelang gesagt haben: dass er unglaublich heiß war! Offenkundig! Und nicht nur in den 80ern, sondern während seines ganzen Lebens. Es fühlt sich für mich so befreiend an, das zu lesen. Es war wie: Ja! Endlich! Hier ist ein Kritiker, der es kapiert hat – der die auf vielen verschiedenen Ebenen die Kraft seiner Musik und seiner Performance und die bloße körperliche Präsenz versteht.

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Susan: Das Leugnen von Jacksons Sexualität durch so viele Kritiker oder – noch öfter – das Abschieben seiner durch und durch gehenden sexuellen Präsenz auf eine Performance – mit anderen Worten, als aufgesetztes Verhalten, wenn er auf der Bühne war, aber nicht als „real“ (was immer das bedeutet) – ist etwas, bei dem ich mich genötigt sah es ansprechen zu müssen, ganz besonders, weil Sex und Lust Themen sind, die auf diesem Album so eine wichtige Rolle spielen. Die Sache, die die Kritiker übersehen, ist, dass es absolut keinen Unterschied macht, ob die Rolle, die Jackson auf der Bühne ausfüllte, auf sein Leben außerhalb der Bühne übertragbar war; Schauspielkunst ist eindrucksvoll, wir sind ergriffen durch gute Schauspieler, sie lassen uns an den Augenblick der Performance glauben und vielleicht noch lange danach. Jackson tat das.

Willa: Das ist sehr wahr. Er tat das.

Susan: Darüber hinaus erkenne ich kein problematisches Missverhältnis zwischen seinem dominierenden, aggressiven, sexy Selbst auf der Bühne und seinem ruhigen, schüchternen Selbst fernab der Bühne, in der Art und Weise, wie so viele Kritiker es tun. Es ist nur dann ein Problem, wenn wir binär denken; Michael Jackson war viel zu komplex für diese Art des Denkens.

Willa: Ja, und wie du in deinem Buch dargestellt hast, war allein dieser faszinierende Kontrast seiner kühnen Bühnenpräsenz und dem schüchternen Verhalten außerhalb der Bühne für sehr viele Frauen, mich selbst eingeschlossen, schon sehr sexy.

Es gab außerdem wichtige kulturelle und historisch begründete Motive für ihn vorsichtig dabei zu sein, wie er sich selbst fern der Bühne präsentierte, besonders im Zusammenhang mit weißen Frauen. Eleanor Bowman, die hier ebenfalls manchmal etwas beisteuert, schickte vor kurzem einen Link über einen NPR-Beitrag über Billy Eckstine, einen der ersten schwarzen Künstler, die ein Cross-Over-Publikum erreichten. Um ehrlich zu sein, ich habe niemals von ihm gehört, aber sein Biograf Cary Ginell erzählte NPR, dass zu einer gewissen Zeit „Ecksteins Popularität mit der von Frank Sinatra konkurrierte“. Allerdings entgleiste seine Karriere über Nacht durch ein Foto im LIFE Magazine:

„Der Artikel zeigt ein Foto von Eckstine, wie er aus einem Nachtclub in New York City kommt und von weißen Teenager-Mädchen belagert wird,“ sagt Ginell. „Wenn du dir das Foto ansiehst, sieht es sehr harmlos und sehr unschuldig aus. Es zeigt im Grunde das, wie Amerika sein sollte, ohne rassenbezogene Spannungen, keine Rassentrennung – einfach aufrichtige Liebe und Freude unter den Mitgliedern verschiedener Rassen. Aber Amerika war 1950 für so etwas nicht bereit. Das weiße Amerika wollte nicht, dass Billy Eckstine seine Töchter datet.“

http://www.npr.org/2014/07/07/329504013/billy-eckstine-a-crooner-who-crossed-barriers

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Eckstines Crossover-Karriere endete abrupt mit diesem einen Foto: „Eckstine nahm weiter auf und trat auch weiterhin auf, aber weiße Discjockeys spielten seine Musik nicht.“ Und es ist fast so, als wäre er aus der öffentlichen Erinnerung ausradiert worden – zumindest aus der „weißen“ Erinnerung. Aber Michael Jackson war ein sehr belesener Schüler der Geschichte, besonders der Geschichte der Schwarzen, und ich bin sicher, dass ihm die Gegenreaktionen gegen öffentliche Personen vor ihm, die als zu vertraulich mit weißen Frauen wahrgenommen wurden, sehr bewusst waren – Personen wie Jack Johnson und Chuck Berry und Billy Eckstine.

Susan: Was für eine tragische Geschichte das ist. Mein alles umspannender Punkt bei Dangerous ist, dass die politisierte und sexualisierte erwachsene Rolle, die Jackson auf diesem Album und in den dazu veröffentlichten Short Films enthüllt, unglaublich bedrohlich war. Und wie du sagst, ich denke, er wusste, dass er vorsichtig sein musste angesichts der Geschichten wie der von Eckstine und vielen anderen, was der Grund dafür ist, dass diese sanfte, süße öffentliche Rolle außerhalb der Bühne so wichtig war. Gleichzeitig ging er bis an die Grenzen – traf sich zum Beispiel mit im Fokus der Öffentlichkeit stehenden weißen Frauen. Ich spreche das in dem Buch an. Lange Zeit behielt er eine sensible Balance bei, aber schließlich, als er in den späten 1980ern und frühen 1990ern begann, sich als mehr erwachsen und sexualisiert zu präsentieren, kam diese Balance aus dem Gleichgewicht. Seine Performances konnten nicht so leicht ausgeblendet werden.

Und was für mich so interessant ist, ist, dass viele Kritiker und andere ihn nicht als Erwachsenen sehen konnten, nicht sehen wollten und immer noch nicht sehen können – nicht glauben, dass er einer ist – und ich denke, das ist einer der Gründe, warum er so oft verunglimpft und infantilisiert wird. Sieh dir nur die Boulevard-Story an, die kürzlich die Runde machte, in der ungenannte Hausangestellte, die angeblich auf Neverland gearbeitet haben, berichteten, dass sie gesehen hätten, wie er in sein Haus „pinkelte“ und ihnen gedroht habe, sie mit „Schneebällen“ aus Tierexkrementen zu bewerfen; dies ist eine sehr spezielle Art der Abwertung – einschließlich der kindlichen Ausdrucksweise, die hier benutzt wird – durch die Jackson sein Erwachsenenstatus abgesprochen wird. Wir könnten sagen, ihm werden damit noch sehr viele andere Dinge abgesprochen – Würde, die Fähigkeit ernst genommen zu werden, vielleicht seine Menschlichkeit …

Willa: Ganz meine Meinung! Es leugnet sein Menschsein in einem sehr buchstäblichen Sinn: auf den Boden zu pinkeln und mit Fäkalien zu werfen ist etwas, was ein Affe tun würde, was ein Tier tun würde, kein Mensch. Als ich diese Geschichten gehört habe, dachte ich sofort an den Refrain von Monster:

Monster

(Er ist wie ein Tier)

Er ist ein Monster

(Genau wie ein Tier)

Er ist ein Tier

Ich denke, er hat wirklich diesen Impuls gewisser Teile der Bevölkerung, ihn als ein Monster, ein Tier, als Feindbild, als einen Anderen zu charakterisieren, verstanden und er zwang uns, das zu erkennen.

Susan: Ja, ganz sicher. Aber ich denke, der Einsatz der kindlichen Ausdrucksweise weist ganz speziell auf das Verlangen hin, ihn in die Vorpubertät, in die Kindheit zurückzustufen – auf eine böswillige Art, nicht auf die Art, die er begrüßt hätte! Eric Lott sagt in seiner aufschlussreichen Analyse für den Short Film Black or White, dass zu Beginn des Panther Dance „in diesem Moment etwas so Außergewöhnliches passierte, dass das ursprüngliche Publikum es gar nicht begreifen konnte.“

Willa: Das sehe ich auch so.

Susan: Ich auch. Elizabeth Chin hat dies aufgearbeitet, indem sie sagt, dass viele den Panther Dance „unverständlich“ auf eine Art fanden, wie es Begegnungen mit dem Unbekannten oft sind; sie benutzt Freuds Konzept des Unheimlichen, „das Wiedererkennen einer bisher unterdrückten Wahrheit“, um klarzumachen, was in diesem Moment mit so vielen Zuschauern passierte. Ich denke, das ist etwas, was über Jackson generell gesagt werden kann, besonders als er älter wurde und damit begann, sein Publikum tiefergehender durch soziale Themen zu fordern. Kritiker und Teile seines Publikums konnten das nicht erfassen, konnten nicht erkennen, was er sagte oder tat.

Willa: Das stimmt. Und das ist eine ausgezeichnete Art vieles seines späteren Werkes zu beschreiben, nicht wahr? Dass er uns auf einer gewissen Bewusstseinsebene dazu zwang „eine unterdrückte Wahrheit“ anzuerkennen. Und der Panther Dance ist ein unglaubliches Beispiel dafür. Mehr als 20 Jahre später versuchen wir immer noch, die „Wahrheit“ dieser Performance aufzudecken – wir sind immer noch überwältigt davon und können nicht alles begreifen, um es mit ähnlichen Worten wie Lott auszudrücken.

Also Susan, als ich dein Buch las, wurde ich wiederholt umgehauen durch deine tiefgründige Analyse der „Anatomie“ oder musikalischen Struktur spezieller Songs, ebenso wie des Albums als Ganzem. Eine Sache, die sofort meine Aufmerksamkeit fesselte, ist, dass man die alles umspannende Struktur von Dangerous als ein Buch mit „Kapiteln“ oder Gruppierungen von Songs, die in Beziehung zueinander stehende Themen untersuchen, erkennen kann. Im Grunde benutzt du eine ähnliche Strukturierung in deinem Buch, also spiegelt sich Dangerous in deinem Buch, Kapitel für Kapitel.

Susan: Ja, ich höre Dangerous als ein Konzeptalbum; das Konzept ist locker, aber es ist da. Natürlich können die Songs einzeln angehört und geschätzt werden, aber ich denke, Jackson hatte etwas Größeres im Sinn, etwas Zusammenhängendes, eine alles umspannende Erzählung. Es ist eine auffallend andere Herangehensweise als diejenige, die er für Thriller oder Bad genutzt hat, welche – wenigstens so weit ich es hören kann – nicht diese Art erzählerischen Zusammenhang aufweisen. Das ist der Grund, warum wir über jedes Album einzeln nachdenken sollten, den einzelnen Umrissen, Themen, Gedanken Aufmerksamkeit widmen sollten.

Interessanterweise sagte er in seinem Interview mit Ebony im Dezember 2007 (und er sagte Ähnliches viele Male an anderen Stellen), dass das Vorgehen bei Thriller war, ein Album voller Hit-Singles zu machen. Mit seinen Worten:

Wenn du ein Album wie die Nussknacker Suite (des klassischen Komponisten Tchaikovsky) nimmst, da ist jeder Song ein Killer, jeder einzelne. Also sagte ich zu mir selbst: ‚Warum kann es kein Pop-Album geben, wo jeder …‘ Die Leute machen normalerweise ein Album, bei dem du einen guten Song bekommst und der Rest ist wie lauter B-Seiten. Sie nennen sie ‚Album Songs‘ – und ich sage mir dann immer ‚Warum kann nicht jeder ein Hit Song sein? Warum kann nicht jeder Song so großartig sein, dass die Leute ihn kaufen würden, wenn du ihn als Single veröffentlichst?‘ Also habe ich immer versucht, dies anzustreben. Das ist mein Ziel für das nächste Album (Thriller).

Hier ist ein Clip dazu, das Zitat beginnt bei 3:38:

Seine Nennung von Tchaikovsky als Beispiel ist so interessant für mich: Welcher Popmusiker gestaltet kommerziellen Erfolg nach einer Aufnahme klassischer Musik?? Aber Tchaikovskys Gedanken waren nicht weit von Jacksons entfernt. Das Ballett Der Nussknacker war lang, komplex und machte die Bereitstellung einer Menge Ressourcen erforderlich. Warum nicht eine „Greatest Hits“-Suite kreieren, die als ein Konzertstück dargeboten werden könnte? Ich denke, es ist auch interessant, dass es acht Stücke in der Nussknacker Suite gibt, die meisten von ihnen ziemlich kurz – die ganze Sache ist etwa 25 Minuten lang. Ich kann nicht anders, als eine Parallele zu der Struktur von Thriller zu ziehen: Neun Songs, etwa 42 Minuten Musik.

Willa: Wow, das ist eine wirklich interessante Art, dieses Zitat zu interpretieren. (Nebenbei gesagt, hier sind YouTube Clips zur vollständigen Musik von The Nutcracker und zur Suite.)

Weißt du, ich habe das Ballett viele Male gesehen, und gewisse Teile der Musik sind wirklich populär – es scheint, als würdest überall, wo du in der Weihnachtszeit hingehst, den Tanz der Zuckerfee im Hintergrund spielen hören und es war auch in Disneys Fantasia enthalten. (Nur zum Spaß, hier ist ebenfalls ein Link dazu: https://www.youtube.com/watch?v=8At8zfh_o3E) Aber ich glaube nicht, dass ich die Musik zu Der Nussknacker jemals im Ganzen von Anfang an gehört habe, getrennt vom Ballett, und ich habe über die Suite niemals als von einem Album gedacht. Das ist so interessant, besonders wenn du es Seite an Seite mit Thriller stellst …

Susan: Ja, das war Tchaikovskys Ziel, als er die Suite kreierte: Er wollte, dass das Stück öfter aufgeführt würde, realisierte aber, dass es wegen seiner Länge und der Montagekosten nicht dazu kommen würde, und so stellte er zusammen, was er für die „Greatest Hits“ hielt und erschuf The Suite.

Aber zurück zu Thriller, die Länge ist durchschnittlich für ein Popalbum, aber es ist eine kleine Anzahl von Songs, wirklich, die kleinste Anzahl auf irgendeinem seiner Alben. Und, wie wir wissen, war so gut wie jeder Song auf Thriller eine Hit Single. Ich habe den Eindruck, dass die Leute dies als Hinweis dafür nehmen, dies wäre die Art gewesen, wie er generell über die Zusammenstellung von Alben dachte, aber ich glaube nicht, dass das wahr ist (wenn du dir das oben stehende Zitat genau ansiehst, erkennst du, dass er sich speziell auf Thriller bezieht). Thriller ist ein sehr spezieller und uncharakteristischer Fall von Gedrängtheit bei einem Künstler, der gerne expansiv sein möchte.

In einem Interview im Mai 1992 für Ebony war eine der Fragen des Interviewers, was das Konzept für Dangerous gewesen sei. Ich denke, es ist eine ziemlich erstaunliche Frage aus genau dem Grund, weil Jacksons Alben bis zu diesem Zeitpunkt nicht ausdrücklich „konzeptionell“ gewesen sind: Was hat den Interviewer zu dem Gedanken gebracht, dass es da ein Konzept gab? Die Cover-Kunst? Etwas an der Musik? Auf jeden Fall verwies Jackson wiederum auf den Nussknacker, aber hier ist sein Gedanke darüber ein ganz anderer:

Ich wollte ein Album machen, das wie Tchaikovskys Nussknacker Suite ist. So, dass in tausend Jahren ab jetzt, die Leute es immer noch anhören werden. Etwas, das für immer lebendig bleibt. Ich würde gern Kinder und Teenager und Eltern und alle Rassen auf der ganzen Welt sehen, wie sie in hunderten von Jahren immer noch Songs von diesem Album auswählen und sezieren. Ich möchte, dass sie leben.

Nun, das Sezieren hat begonnen! Ich muss zugeben, dass, während ich das Interview schon einmal gelesen hatte, ich mich nicht mehr an dieses Zitat erinnern konnte, bis ich mein Buch fertig geschrieben hatte: Wie schade. Aber ich fühle mich irgendwie bestätigt, dass ich nun daran denke, dass Jackson in der Tat ein alles umspannendes Konzept für dieses Album hatte, dass er bei ihm nicht im Sinne von Hit Singles dachte (oder nicht ausschließlich oder in erster Linie), aber im Sinne von miteinander verbundenen Songs, angelegt in einer ganz bestimmten Ordnung, die uns eine Geschichte erzählen sollen. Und eine ziemlich komplexe Geschichte außerdem, eine, deren Entschlüsselung sehr viele Analysen erfordern (der Gedanke, dass sich ein Künstler wünscht, sein Werk würde seziert werden, ist ziemlich aufregend für jemanden wie mich).

Die Art, wie ich es sehe, ist die, dass dies eine Geschichte über großartige Vorstellungen ist: Sie handelt vom Untersuchen und dem Hinterfragen der gegenwärtigen Welt mit Energie und Widerstandskraft und davon, sich selbst zu erlauben, sich in all den Verwicklungen von Liebe (und Lust!) zu verlieren, sich hoffnungsvoll zu fühlen, belebt … und dann tief, tief betrogen und verletzt zu werden, nicht nur durch die Liebe, sondern durch alles und jeden. Aus meiner Sicht hat er sich nie vollkommen erholt von diesem Gefühl des Betrogenseins auf diesem Album, obwohl er sehr viel Seelenforschung betrieben hat. Die Songs sind in Gruppen gegliedert, so dass es den Gedanken erlaubt in umfangreicher Tiefe erforscht und durch verschiedene musikalische und lyrische Linsen untersucht zu werden

Willa: Ja, das war so interessant für mich. Ich habe niemals zuvor über seine Alben auf diese Art und Weise nachgedacht – dass sie Gruppierungen von in Beziehung zueinander stehenden Songs beinhalten, wie Kapitel in einem Buch, und dass sie uns durch eine Abfolge emotionaler Erfahrungen führen, wie es durch einen Roman geschieht. Aber nun, da du diese Struktur auf Dangerous aufgezeigt hast, erkenne ich es auf HIStory und Invincible ebenso.

Invincible zum Beispiel beginnt mit drei schmerzvollen Songs über eine verhängnisvolle Beziehung mit einer gleichgültigen Frau: Sie versucht ihn zu verletzen, sie versteht ihn nicht, sie stößt ihn von sich, ohne ihm eine Chance zu geben sich zu erklären oder sie zurückzugewinnen. Und interessanterweise spiegelt das seine Beziehung mit der Öffentlichkeit zu jener Zeit wider: Die Presse (und ebenso die Polizei) waren wirklich darauf aus ihn zu fassen, die Leute verstanden ihn nicht und sie lehnten seine späteren Alben ab und gaben ihnen – oder ihm – keine Chance.

Diesen Songs folgt eine Serie von fünf Songs, in denen er sich Szenen aufrichtiger Liebe vorstellt – und ziemlich heiße, sexuelle Leidenschaft ebenfalls. Es ist, als würde er versuchen, die Liebe und das Begehren, die ihm in den ersten drei Songs verwehrt wurde, durch seine Vorstellungskraft heraufzubeschwören.

Susan: Ja, diese zwei Gruppen gibt es ganz sicher auf Invincible. Er schien ein Thema auf diesen späteren Alben durch mehr als einen Song untersuchen zu wollen, in unmittelbar aufeinander folgenden Stücken. Wollte etwas aus mehr als einem Blickwinkel betrachten.

Willa: Genau.

Susan: Eine weitere erzählerische Strategie auf einem späteren Album, die mich sprachlos machte, ist seine Entscheidung, HIStory mit Smile enden zu lassen. Nach all dieser Wut und dem Hass, all diesen Kommentaren über soziale Ungerechtigkeiten, sowohl auf persönlicher, als auch auf breiterer kultureller Ebene, ausgedrückt durch einige der aggressivsten Grooves, die er je gemacht hat, endet das Album mit dieser tragischen Ballade und verweist auf das „Lächeln auch wenn dein Herz zerbricht“ (was bei ihm der Fall gewesen sein muss); es ist sehr beeindruckend.

Willa: Das ist es wirklich, besonders, wenn du bedenkst, dass Smile von Charlie Chaplin geschrieben wurde, dessen Lebensgeschichte mit der Michael Jacksons auf signifikante Art Parallelen aufweist. Chaplin war äußerst populär in den 1920er und 30er Jahren, wurde aber dann fälschlicherweise angeklagt, ein außereheliches Kind gezeugt zu haben. Es gab ein sehr öffentliches Verfahren, und ein Vaterschaftstest bewies dann, dass er nicht der Vater war. Aber er wurde ohnehin für schuldig befunden, sowohl im Gericht, als auch durch die Presse, und die Öffentlichkeit wandte sich gegen ihn. Er verbrachte den Rest seines Lebens im Exil, war so etwas wie ein sozial Ausgestoßener.

Chaplin
Ich stelle mir vor, dass Smile in diesem Kontext auf eine sehr eindrucksvolle Art zu Michael Jackson sprach. Und da HIStory in mancher Hinsicht eine Reaktion auf die Anschuldigungen gegen ihn ist, macht es Sinn, dass er das Album mit Smile enden lässt. Er schloss selten Cover Songs auf seinen Alben mit ein, aber er machte eine Ausnahme für Smile – so bedeutend war es für ihn.

Susan: Genau. Die Bemerkung über die Cover Songs ist sehr bedeutend. Wie du sagst, er machte so etwas sonst nicht. Der einzige weitere Cover Song, der auf einem seiner Soloalben erschien, ist Come Together auf Bad (Eigene Anmerkung: Come Together erschien auf HIStory). Ich war von dieser Wahl immer ebenso fasziniert.

Willa: Ich auch! Er platziert Come Together außerdem an eine sehr markante Stelle am Schluss von Moonwalker, und wie Frank DiLeo gesagt hat, dieser Film war sehr wichtig für ihn – er steckte sehr viel Zeit und Energie hinein und sein eigenes Geld in die Herstellung. Es sieht also so aus, als würde es etwas auf sich haben mit Come Together – etwas Wichtiges. Vielleicht können wir darüber irgendwann einen Post machen und versuchen, es herauszufinden.

Susan: Großartige Idee!

Willa: Es ist also wirklich faszinierend, sich seine späteren Alben als von zusammengesetzten „Kapiteln“ von Songs anzusehen – und diese Struktur scheint bei Dangerous zu beginnen. Wie du bei den zwei Zitaten bezüglich der Nussknacker Suite herausgefunden hast (und wie interessant ist es, dass er sich zweimal darauf bezieht, auf solch unterschiedliche Arten!), scheint er diese Annäherung nicht bei seinen früheren Alben angewandt zu haben. Thriller ist eher eine Sammlung von Hit Singles, wie du sagtest. Aber bei Dangerous scheint er die Zuhörer mitzunehmen auf eine emotionale Reise, während wir uns durch das Album bewegen – was darauf hinweist, dass etwas verloren geht, wenn wir diese Songs auf unseren iPods im Shuffle Modus hören.

Susan: Oder wir haben dadurch einfach nur eine andere Art der Erfahrung, was auch in Ordnung ist. Obwohl ich es mag, formale Strukturen zu betrachten, und ich denke, es ist interessant, das Album als ein Ganzes zu sehen. Jam zum Beispiel dient als eine Art Ouvertüre auf Dangerous („Es braucht nicht viel, um zu improvisieren.“ Und nun lass mich dir zeigen, wie es bei den nächsten dreizehn Songs aussieht). Mich machen auch strukturelle Details sprachlos, wenn wir Jackson zum Beispiel das erste Mal auf Dangerous hören, ist es durch seinen Atem – bevor er zu singen anfängt – ganz zu Beginn von Jam. Dieser aggressive Einsatz seines Atems kehrt wieder im letzten Song auf dem Album, bei Dangerous, wodurch er zum Ausgangspunkt des Album zurückkehrt. Ich glaube nicht, dass ein Detail wie dieses zufällig ist. Wenn du seine Musik mit offenen Ohren hörst, dann beginnst du zu hören, wie komplex sie konstruiert ist, wie nuanciert.

Willa: Ja, und habe ich das Gefühl, du hast mir meine Ohren geöffnet! Da laufen Muster durch dieses ganze Album, die mir nie aufgefallen sind und über die ich nie nachgedacht habe, wie der Einsatz seines Atems oder der wiederkehrende Klang von zerbrechendem Glas oder der Sichtbarmachung des Erdballs, der wiederholt in den Videos für dieses Album auftaucht (bei Jam, Heal the World, Black or White, Will You Be There), ebenso wie er eine zentrale Position auf dem Album Cover besetzt. Und wie du in deinem Buch ausführst, scheint sich die Bedeutung dieser Muster im Verlauf des Albums zu entwickeln.

Das zerbrechende Glas beispielsweise erlangt eine neue Bedeutung, wenn du erst einmal all das zerbrechende Glas im Panther Dance von Black or White gesehen hast – es kann ganz speziell als Ausdruck von Wut über rassenbezogene Ungerechtigkeit gedeutet werden. Und wenn du diesen Zusammenhang erst einmal hergestellt hast, ist es sehr interessant zurückzugehen und auf die anderen Momente mit brechendem Glas zu lauschen und zu erkennen, wie das die Bedeutung ebenso beeinflusst. Ich denke, da ist zum Beispiel eine rassenbezogene Komponente bei In the Closet, Joie und ich diskutierten dies vor einer ganzen Zeit in einem Post, und wir hörten zerbrechendes Glas an wesentlichen Stellen in dem Song und Video. Und das Album insgesamt beginnt mit dem Geräusch von zerbrechendem Glas, was sagt uns das also über das Album, das wir da gerade hören?

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Susan: In der Tat. Was. Die „nicht-musikalischen“ Klänge auf diesem Album zu berücksichtigen ist wirklich bedeutend – sie helfen dabei, die Erzählung zu formen. Der Klang zerbrechenden Glases kehrt an verschiedenen Stellen wieder, wie du sagst, und ich denke, seine Bedeutung ist vielfältig und komplex. Aber eine der Arten, wie ich den Klang in Bezug auf seinen Einsatz am Anfang des Albums interpretiere, ist die als eine Metapher für eine zerbrochene Welt.

Willa: Oh, das ergibt großen Sinn, Susan. Und es passt wirklich zu der immer wiederkehrenden Abbildung der Erdkugel, und zu dem Gefühl, dass er sich auf diesem Album auf „sehr große Gedanken“ konzentriert, wie du vorher sagtest.

Da sind außerdem einige wiederkehrende musikalische Techniken, die du in deinem Buch herausfindest, und die ich ebenso wirklich faszinierend finde. Du stellst zum Beispiel fest, dass sowohl Jam, als auch In the Closet eine Bass Line im Refrain beinhalten, nicht aber in den Strophen – eine betonte Abwesenheit, wenn das Sinn macht. Und das erzeugt ein sehr unbehagliches Gefühl in den einzelnen Strophen, wie du feststellst – als würden wir über einem Abgrund ohne Bodenberührung baumeln. Ich liebe diesen bildhaften Vergleich, denn er beschreibt so perfekt mein Unbehagen, wenn ich Jam anhöre – etwas, was ich ziemlich intensiv spüre, worüber ich aber nie vorher nachgedacht habe und es auch nie zu seinen Ursprüngen zurückverfolgt habe, und ganz sicher habe ich es niemals mit dem fehlenden Bass in Verbindung gebracht. Und dieses unbehagliche Gefühl passt zu der Bedeutung der Lyrics, denn in beiden Songs wird in den Strophen ein Problem beschrieben: eine zerbrochene Welt, ein Konflikt romantischer Natur.

Der Bass erscheint dann im Refrain, was du im Buch als ein Gefühl der Rückversicherung deutest – wie Whew! Nun sind wir wieder zurück auf sicherem Boden! Und das verstärkt die Bedeutung der Lyrics ebenso, denn der Refrain schlägt eine Lösung vor. In Jam sagt er uns, dass es die Lösung für eine zerbrochene Welt ist zu „jammen“ – als Gemeinschaft zusammenzukommen und zusammen Musik zu machen, wortwörtlich und auch symbolisch. Die in den Lyrics ausgedrückten Gedanken und Gefühle werden also auf anspruchsvolle Art und Weise durch die Musik verstärkt.

Susan: Ja, die ist ein großartiges Beispiel dafür, wie musikalische Klänge auf sozialen Gedanken abgebildet werden. Welches Gefühl gibt uns das, wenn die grundlegende Bass Line fehlt? Auf welche Weise trägt der Keyboard Part, der nahezu die Stimmlinie spiegelt – aber eine Oktave höher und mit einem Timbre, das uns die Spannung spüren lässt – zu dem Gefühl der Ängstlichkeit in diesem Song bei? Nicht zu erwähnen Jacksons brillante Stimme in den Strophen, die gehetzt klingt: Er ist ständig dem Takt voraus – absichtlich natürlich (dies konsequent durchzuhalten ist wirklich schwierig, nebenbei gesagt).

Willa: Ich liebe die Art, wie du das ausdrückst, Susan: „wie musikalische Klänge auf sozialen Gedanken abgebildet werden“. Das ist für mich wirklich die Essenz dessen, was an deinem Buch so faszinierend ist. Ich weiß nicht genug über Musik, um das allein aufzudecken – herauszubekommen, inwieweit spezifische musikalische Details sich in Bedeutungen und Emotionen umsetzen lassen. Ich höre nicht einmal viele dieser Details heraus, bis du auf sie hinweist, und dann Wow! Es ist dann, als würde ich Teile dieser Songs zum allerersten Mal hören – wie diese hohe unangenehme Keyboard-Line in Jam, die du gerade erwähnt hast. Ich höre es jetzt so deutlich, seit ich dein Buch gelesen habe, kann mich aber nicht erinnern, es jemals vorher wahrgenommen zu haben. Es eröffnet sich einem also ein völlig neuer Aspekt seiner Brillanz, der mir verschlossen bleibt ohne Hilfe von dir oder Lisha oder von anderen Fachleuten.

Susan: Ich hoffe, dass es sinnvoll ist, über diese Dinge nachzudenken. Wenn Leute sagen, dass Jackson ein Perfektionist war, dann sind es Details wie diese, über die sie sprechen (zusammen mit seinen Lyrics und seinem Tanz – worüber etwas zu sagen mir die Fähigkeiten fehlen – etc.): Die Wahl eines bestimmten Instrumentes oder Timbre, die Platzierung der Atmung, die Entscheidung darüber, einen Song in einem bestimmten Genre anzusiedeln oder an irgendeiner Stelle einen verstörenden Klang hinzuzufügen (eines der faszinierendsten Beispiele dieses letzten Gedankens sind – für mich zumindest – die Percussion-Klänge, die man nach dem letzten Durchlauf des Refrains in They Don’t Care About Us, genau bevor die Gitarre zurückkommt – etwa bei 4:15. Es ist einfach für sich genommen klanglich interessant, aber warum die Dissonanz an der Stelle, warum das neue Timbre, das man vorher im ganzen Song nicht gehört hat?). Einige dieser Ideen kamen von seinen Produzenten, da bin ich sicher, aber er hat sie abgesegnet. Der Punkt ist, er hat den Einfluss der musikalischen Details verstanden und geschätzt. Gelinde gesagt.

Willa: Absolut. Ich habe das Gefühl, als hätten wir gerade mal etwas ausführlicher über das erste Kapitel deines Buches gesprochen – da ist so viel mehr zu diskutieren und zu untersuchen! Ich hoffe, du wirst irgendwann noch mal zu uns kommen. Es macht immer so viel Spaß, mit dir zu sprechen.

Susan: Ja … und wir haben das, was in dem ersten Kapitel steht, auf interessante Art weiter ausgebaut! Danke für die Möglichkeit, diese Gedanken mit dir zu untersuchen, ich werde gern wiederkommen.

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Geschichtsunterricht

by


Lessons in HIStory
Post vom 05/06/2014

http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

Willa: Letzte Woche sprachen Joie, Lisha und ich über HIStory, und nachdem wir aufgehört hatten, erwähnte ich, dass ich schon seit langer Zeit das Video Tony Moran’s HIStory Lesson, einem Remix von HIStory, suche. Dieses Video soll 1997 produziert und veröffentlicht worden sein, aber während ich Referenzen dazu gesehen habe (wie hier in Wikipedia), habe ich noch nie das Video selbst gesehen, obwohl ich schon über mehrere Jahre immer mal wieder danach gesucht habe.

Bei Joie zeichnet sich ein großer Abgabetermin ab, so dass sie sich uns diesmal nicht anschließen kann, aber Lisha, die wie ein Spürhund ist, wenn es um Michael Jackson geht, nahm die Herausforderung an und hat es direkt am nächsten Nachmittag gefunden! Und sogar auf YouTube! Ich war erstaunt. Hier ist das Video, nach dem ich so lange gesucht und nie gefunden habe:

http://www.zapkolik.com/video/michael-jackson-history-tony-morans-history-lesson-633786

Es ist unklar, inwieweit Michael Jackson in die Produktion dieses Videos involviert war, aber es ist ein faszinierendes Stück, und ich bin erfreut, dass ich es endlich ansehen konnte. Wirklich vielen Dank, Lisha, dass du die Herausforderung angenommen hast! Konntest du auch Hintergrundinformationen über dieses Video finden? Wie etwa, wann und wo es produziert wurde und wer darin involviert war?

Lisha: Ich fand es ziemlich seltsam, dass zu diesem Video überhaupt keine Informationen verfügbar waren. Meines Wissens ist es auf keiner Compilation mit Michael Jacksons Werken erschienen.

Willa: Ich glaube, du hast Recht, und es ist auch nicht auf Vevo unter den anderen ‚offiziellen‘ Videos zu finden. Man sollte nicht denken, dass ein Michael-Jackson Video so schwer zu finden sei …

Lisha: Viele werden es als einen Remix des Songs HIStory verstehen, 1997 produziert für Michael Jacksons Album Blood on the Dance Floor: HIStory in the Mix. Das Album gestaltete acht Remixe von Songs des vorangegangenen Albums HIStory: Past, Present and Future, Book 1 (2005). Der offizielle Titel des Remix‘ aus dem Video ist HIStory (Tony Moran’s HIStory Lesson).

Ich habe ein wenig mehr Informationen darüber gefunden dank Gary Crocker, einem der Mitbegründer der Seite MaxJax: HIStory Continues. Es wurde im Juli 1997 produziert unter der Regie von Jim Gable, demselben Regisseur, der eine meiner liebsten MJ Dokumentationen aller Zeiten gemacht hat, Michael Jackson: The One (2004), in der einige großartige Interviews gezeigt werden mit Quincy Jones, Dick Clark, Beyoncé, Pharrell Williams, Savion Glover, Missy Elliott, Wyclef Jean und vielen mehr.

Willa: Oh, ich liebe diese Dokumentation auch. Und du hast Recht, darin sind einige wundervolle Interviews.

Lisha: Gable erhielt auch einige Credits als Produzent auf dem Michael Jackson‘s Vision Box Set (2010) und war der Restaurationsdirektor für die DVD Michael Jackson Live at Wembley, aufgenommen 1988 und Inhalt der Anniversary Edition des Bad 25 Albums (2012). Steve Reiss produzierte für HIStory (Tony Moran’s HIStory Lesson) und ich habe entdeckt, dass er außerdem, damals 1992, der Supervisor für die visuellen Effekte bei Jam war.

Ich vermute, Michael Jackson war zu einem gewissen Grad in die Produktion des Videos involviert, denn er musste zumindest der Nutzung seines bisherigen Werkes zustimmen. Das Video beinhaltet Clips von mehr als einem Dutzend seiner Kurzfilme, ebenso wie Ausschnitte aus den Welttourneen für Bad, Dangerous und HIStory.

Willa: Das ist eine gute Feststellung, obwohl ich keine Vorstellung habe, wer die Rechte für was besitzt. Vielleicht könnte Sony damit vorgeprescht sein ohne eine Erlaubnis …?

Lisha: Ich wüsste das nicht mit Sicherheit, bevor ich nicht die Verträge gelesen hätte, aber es würde mich wirklich überraschen, wenn Sony ohne seine Zustimmung die Rechte an der Produktion dieses Videos gehabt hätte, da Michael Jackson ziemlich clever mit seinen Copyrights umging. Auf jeden Fall habe ich es wirklich genossen und dachte mir, dass es ungewöhnlich ist, dass ich keine weiteren Fan-Diskussionen darüber gehört habe.

Willa: Das habe ich auch gedacht, und auch überhaupt keine andere Diskussion.

Lisha: Das Konzept ist ziemlich interessant. Weißt du, wir könnten in eine wirklich schwerwiegende Diskussion hierüber eintauchen, in seinem Verhältnis zur Zeit und der Art, wie es die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem einzigen Bild zusammenfügt. Es erinnert mich sehr an einen Film, basierend auf der Handlung eines Marvel Comics, den ich gerade gesehen habe: X-Men: Days of Future Past (X-Men: Tage der zukünftigen Vergangenheit). Ich erinnerte mich daran, gelesen zu haben, dass Michael Jackson ein ziemlicher Fan von X-Men-Comics gewesen ist und dass er Interesse an der Verkörperung der Rolle des Professor Charles Xavier in den X-Men-Filmen ausgedrückt habe.

Willa: Wirklich? Wow, das ist faszinierend – und das wäre eine großartige Rolle für ihn gewesen! Obwohl ich auch mag, was Patrick Stewart daraus gemacht hat. Und ich kann erkennen, warum die X-Men-Filme ihn so angezogen haben, da die „Mutanten“, vorwiegend Teenager mit übernatürlichen Kräften, schrecklichen Vorurteilen ausgesetzt sind, da sie anders sind und dadurch gezwungen werden ihre erstaunlichen Fähigkeiten zu verstecken, damit sie zu den ängstlichen „normalen“ Leuten um sich herum passen.

Lisha: Ich denke, es wäre eine perfekte Rolle für Michael Jackson gewesen, und ich sehe es als wirklich tragisch an, dass er diesen Part nicht spielen durfte oder seinen Traum sich den Marvel-Katalog selbst zu erschließen nicht erfüllen konnte. Also, ich kann nicht anders, als X-Men: Days of Future Past in Beziehung zu dem Konzept von Michael Jacksons HIStory: Past, Present and Future zu setzen. Beide haben mit der Dreiteilung der Zeit zu tun – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – deren Ebenen sich fortwährend vermischen und miteinander interagieren. Das Video Tony Moran’s HIStory Lesson zeigt dies so gut.

Willa: So ist es wirklich, und es ergibt Sinn, da wir ständig die Vergangenheit und die Zukunft durch die Linse der Gegenwart betrachten. Während wir also dazu neigen, sie als getrennt voneinander zu betrachten, sind sie in Wirklichkeit immer auf eine gewisse Weise „zusammengefaltet“, die dieses Video auf verschiedene Arten andeutet. Ich finde es jedes Mal wirklich zum Schießen, wenn wir bei ca. 2 Minuten im Video Michael Jackson beim Moonwalk sehen, sofort gefolgt von Neil Armstrong bei seinem „Moonwalk“ – dem Original, bei dem er über die Oberfläche des Mondes hüpft.

Lisha: Ich liebe diesen Moment in dem Video!


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Willa: Ich auch! Und dann imitieren viele Tänzer, die in der Zukunft zu tanzen scheinen, Michael Jacksons Dance Moves. Michael Jackson machte also seinen Moonwalk und machte ihn sich auf gewisse Art zu eigen. Ich meine, wenn du das Wort „Moonwalk“ hörst, woran denkst du dann als erstes – Michael Jackson oder Neil Armstrong? In den 1970ern wäre es ohne Frage Armstrong gewesen, aber ich wette, heute würden die meisten Leute Michael Jackson sagen. Und heute machen diese Tänzer der Zukunft ihn sich zu eigen – sie übernehmen seine Dance Moves und machen sie zu ihren Bewegungen. Eigentlich ist da ständig eine Art doppelte Abbildung, bei der wir sehen, wie die Tänzer exakt die gleichen Bewegungen ausführen, die Michael Jackson auf den riesigen Leinwänden hinter ihnen und um sie herum ausführt, wenngleich sie nur blitzartig auftauchen – nicht in einer kontinuierlichen Choreographie.

Lisha: Das habe ich auch bemerkt, besonders bei der Beat It Choreographie. Es sieht wirklich großartig aus. Und es ist ziemlich amüsant, diese zwei historischen Moonwalk-Clips nebeneinander zu sehen. Ich habe nur mal so zum Spaß „Moonwalk“ gegoogelt, und die Ergebnisse, die ich bekam, waren Michael Jackson, nicht Neil Armstrong! Zu lustig. Ich habe auch „Erster (First) Moonwalk“ eingegeben und es erschien Motown 25, nicht Apollo 11.

Willa: Wirklich? Nun, da haben wir es doch … der empirische Beweis, wenn es um den Moonwalk geht, er gehört Michael Jackson!

Lisha: Der Audioclip von Neil Armstrongs erstem Moonwalk im Originalsong ist ziemlich faszinierend: „Dies ist ein kleiner Schritt für den Menschen, ein riesiger Schritt für die Menschheit.“ Es kommt ganz am Schluss des Songs, fast wie ein Nachsatz, und ich nehme an, es ist nicht nur als Referenz an Apollo 11 gedacht, sondern auch als Referenz an Michael Jacksons berühmten Tanz. Das Video fängt dies perfekt ein und zeigt, wie das eine Ereignis ein anderes beeinflusst.

Willa: Oh, das ist interessant, Lisha. Ich habe daran noch nie vorher gedacht – dass, als Armstrong jene Worte am Schluss von HIStory sagt, er buchstäblich bereit ist, den Moonwalk zu machen. Das ist lustig!

Lisha: Das ist es! Da ist noch ein weiterer wirklich lustiger Moment in dem Video, bei dem ich jedes Mal lachen muss, und es schreit mir einfach Michael Jacksons Humor entgegen. Es ist da, wo du die Lyrics hörst „Keep moving, moving / Keep, keep, keep – keep moving“ (1:32) – und man sieht einen Typen auf einer Art fliegendem Fahrrad, das auf dem Bürgersteig zusammenbricht. Sorry, aber das ist irgendwie wirklich rasend komischer Slapstick!

Willa: Ist es, wie etwas aus einem Film der Keystone Cops oder von Buster Keaton oder Charlie Chaplin oder sogar den Three Stooges, und wir wissen, wie sehr Michael Jackson solche Filme liebte.

Lisha: Ja, ich habe das Gefühl, Michael Jackson liebte Slapstick generell.

Da gibt es noch einen anderen Audioclip am Schluss des Originalsongs, den ich ebenfalls so interpretiere, dass er einen ähnlichen Selbstbezug, eine doppelte Bedeutung wie Apollo 11 zu Michael Jacksons Moonwalk, aufweist. Das ist der Clip von Senator Edward Kennedy, der 1968 seinen Bruder Robert F. Kennedy mit den Worten pries: „Einige Männer sehen die Dinge, wie sie sind und fragen ‚Warum?‘. Ich träume von Dingen, die es noch nie gab und sage ‚Warum nicht?‘.“ Offenbar waren sowohl Robert F. Kennedy als auch sein Bruder John F. Kennedy angetan von diesem Zitat, welches dem Bühnenautor George Bernard Shaw zugeschrieben wird. Da Michael Jackson sich bei mehr als einer Gelegenheit selbst als Visionär beschrieben hat, interpretiere ich dies sowohl als Selbstreferenz, als auch als eine Referenz an die Kennedys.

Willa: So sehe ich das auch, und als Inspiration für uns alle.

Lisha: Ja, so ist es. Mir ist außerdem vorher in dem Song die Erwähnung des Geburtsdatums von John F. Kennedy aufgefallen, also gibt es drei einflussreiche Mitglieder der Kennedy-Familie: Senator Edward Kennedy, John F. Kennedy und Robert F. Kennedy. Alle drei waren nicht nur für den Wohlstand ihrer Familie bekannt, sondern auch für ihre politischen Ambitionen, ihre starke Verpflichtung gegenüber Gleichberechtigung und dem Traum Rassengleichheit in den Vereinigten Staaten zu erreichen.

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Willa: Das ist wahr, und wie wir vorige Woche kurz erwähnt haben (sh. Übersetzung vom 28.07.2014; http://all4michael.com/2014/07/28/wichtige-daten-in-history/) ist das Recht auf Rassengleichheit in den Vereinigten Staaten eins der Themen, die sich quer durch HIStory ziehen, ganz besonders in den Audio Clips und der Liste der Daten, und ebenso in den Lyrics.

Lisha: Ich denke, das ist der am meisten inspirierende Aspekt des Songs und des ganzen Albums, und liefert den stärksten Beweis dafür, warum Geschichte heute und in Zukunft so sehr zählt.

Willa: Da stimme ich dir zu. Und ich liebe die doppelte Bewegung bei 1:45 Minuten im Video, wo Michael Jackson während des Panther Dance und dann Desmond Tutu seine Faust hebt.

Lisha: Gute Entdeckung, Willa. Und es ist wie POW! Genau auf dem ersten Beat des Taktes. Sehr gewissenhafte Schnittbearbeitung!

Willa: Oh, du hast so Recht! Das habe ich gar nicht bemerkt. Da ist sogar etwas wie ein POW-Klang, wie aus einem Cartoon. Und es passiert noch einmal bei 2:25, als der Protagonist von Scream mit seiner Faust auf uns boxt, POW.

Lisha: Oder sogar noch vorher beim Zertrümmern der Gitarre in Scream bei 1:25! Es passiert alle 4 Takte oder bei jedem 16. Beat. Es ist interessant zu sehen, wie sie dies im Video timen.

Aber ich habe auch darüber nachgedacht, wie die ganze Idee des Remix‘ von Musik eine Aussage dazu macht, wie die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft in einer Wechselwirkung steht. Der Remix selbst nimmt etwas aus der Vergangenheit und überführt es in die Gegenwart, genau wie die Tänzer in dem Video von den früheren Short Films beeinflusst werden.

Willa: Das ist ein wirklich guter Punkt, Lisha.

Lisha: Aber die Frau in dem Video erlebt den Song durch ihre virtuelle Reality-Brille, wie die Vergangenheit und die Gegenwart auch mit der Zukunft in Einklang sein werden. Es erinnert mich an die französischen Philosophen Henry Bergson und Gilles Deleuze, die die Theorie vertreten, dass Zeit nicht durch eine Uhr gemessen werden könne. Ein genaueres Konzept von Zeit wäre, die Erfahrung des gegenwärtigen Moments unter Beeinflussung durch Erinnerungen der Vergangenheit und unserer Wünsche / Sehnsüchte der Zukunft zu betrachten. Ich denke, ich erkenne, worauf sie hinauswollen, du nicht auch?

Willa: Ich glaube es. Und nicht nur die Gegenwart wird „durch die Erinnerungen der Vergangenheit beeinflusst“, wie du sagst, sondern unsere Erinnerungen an die Vergangenheit werden ebenfalls durch die Gegenwart beeinflusst. Also verändert sich die Vergangenheit – oder besser unser Verständnis der Vergangenheit – ständig, je nachdem wie gegenwärtige Erfahrungen unsere Sicht auf die Vergangenheit verändern.

Lisha: Ich denke, du hast absolut Recht damit.

Willa: Ich war vor mehreren Jahren einmal bei einem Gespräch mit Maxine Hong Kingston – genau genommen vor ziemlich vielen Jahren – und sie sprach über ihren Bruder, einen Vietnam-Veteran, und allgemeiner darüber, wie wir alle mit schmerzlichen Erinnerungen der Vergangenheit umgehen. Sie sagte, es gäbe einige Geschichten, die einfach zu schmerzhaft seien, um sie zu erzählen, und dass es grundsätzlich zwei Wege gebe, um damit umzugehen. Entweder können wir diese Geschichten begraben und versuchen, sie zu vergessen, so bleiben sie schmerzhaft, aber weggeschlossen, oder wir können eine Art Gesprächstherapie machen – entweder mit einem wirklichen Therapeuten oder mit Freunden oder sogar nur in unseren eigenen Gedanken. Sie sagte, das Entscheidende einer Gesprächstherapie sei, eine schmerzliche Geschichte wieder und wieder und wieder zu erzählen und neu zu erzählen, und sie so in kleinen Schritten über die Zeit umzugestalten, damit sie zu dem passt, was wir jetzt brauchen, in der Gegenwart.

Lisha: Ist es nicht das, was Geschichte bedeutet? Diese Geschichten, die wir uns als eine Gruppe immer wieder und wieder erzählen, „und sie so in kleinen Schritten über die Zeit umgestalten, damit sie zu dem passt, was wir jetzt brauchen, in der Gegenwart“? Und ist nicht die entscheidende Sache an der Wechselwirkung mit der Vergangenheit die Bemühung, eine bessere Zukunft zu ermöglichen?

Willa: Das ist interessant, Lisha. Darüber muss ich nachdenken … aber mein erster Eindruck ist, dass du Recht hast.

Lisha: Nun, es wird kompliziert. So fröhlich und lustig, wie dieses Video auf viele Arten ist, es zögert jedoch nicht, darauf zu hinzuweisen, dass ein Besuch in der Geschichte nicht immer eine unheimlich erfreuliche Sache ist. Es gibt da zahlreiche Bezüge zu Krieg, Konflikten, sinnlosen Trennungen zwischen Menschen, Umweltbelastungen und Zerstörung der Erde. Der Originalsong porträtiert diese zwei Gegensätze sehr wirkungsvoll mit all den jubelnden Menschenmengen und der Aufregung, wenn einige unserer größten Errungenschaften aufgezählt werden, während er uns gleichzeitig mehrfach daran erinnert, dass es viel Furchtbares aus der Vergangenheit (und der Gegenwart) gibt, auf das wir nicht so stolz sein können: Rassismus, Diskriminierung, den Kampf für Menschenrechte und Gleichbehandlung. Ich habe bemerkt, dass da während des Audio Clips eines frühen Michael Jackson Interviews auch eine stark verzerrte Aufnahme von einer Militärkapelle ist, die America the Beautiful spielt. So wie die verbogene Tonlage von der ursprünglichen Aufnahme abweicht, deutet dies auf subtile Art an, dass nicht alles an Amerika so wunderschön ist.

Willa: Ja, das habe ich auch bemerkt, und ich denke, es ein sehr bedeutsamer Teil von HIStory. Ein sehr junger Michael Jackson sagt: „Was immer ich singe, das ist das, was ich wirklich meine. Es ist so, wenn ich einen Song singe, ich singe ihn nicht, wenn ich es nicht so meine.“ Er klingt so aufrichtig und ernst, aber im Hintergrund da ist dieser kratzige Klang, wie wenn eine Nadel quer über die Schallplatte schrammt und dann ist da diese Art verbogene Version von America the Beautiful, wie du sagtest. Die Musik ist sehr patriotisch, aber wie du herausgestellt hast, unterminieren die Verzerrungen dies unterschwellig, also gibt es beides, das Ideal und die Andeutung, dass wir nicht gemäß dem Ideal leben.

Lisha: Wunderbar ausgedrückt.

Willa: Es ist besonders bezeichnend, wenn du bedenkst, dass diese Verzerrungen passieren, während ein äußerst talentierter kleiner schwarzer Junge diese Worte in einer vorwiegend weißen Kultur ausspricht, innerhalb derer die Welt sich gegen ihn verschworen hatte, und wenn du dann betrachtest, was unser mangelhaftes Strafverfolgungssystem ihm angetan hat, als er erwachsen wurde, mit der Komplizenschaft der Presse und der Öffentlichkeit. Wir leben immer noch in einem sehr rassistischen Land, das weit davon entfernt ist, seine Ideale zu leben.

Lisha: Ohne Zweifel. Es ist schmerzlich, darüber nachzudenken, was Michael Jackson auszuhalten hatte und zu realisieren, dass die Öffentlichkeit zum größten Teil keine Chance hatte zu erfahren, was sich wirklich ereignet hatte, es sei denn, sie recherchiert ausgiebig auf eigene Faust. Und ich bin besorgt darüber, wie diese Geschichte in Zukunft erzählt werden wird und wie sich Geschichte wiederholen wird, bis wir es begreifen und daraus lernen.

Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass, als ich ein Kind war, absolut niemand ein Problem damit hatte, Christopher Columbus geschichtlich als den großartigen und wundervollen Forschungsreisenden, der Amerika „entdeckt“ hat, einzuordnen. Ich spreche von einer Geschichte, die wir uns selbst einreden, wenn die echte Wahrheit zu schmerzhaft scheint oder der Umgang damit zu unbequem ist! Wie anders würden Dinge jetzt sein, wenn wir uns vor langer Zeit einfach die Wahrheit eingestanden hätten über Sklaverei und Völkermord?

Willa: Das ist eine gute Frage. Und hast Recht – wir neigen dazu, die Geschichte von Columbus heute ganz anders zu erzählen, als es unsere Lehrer gerade mal vor 40 Jahren taten, als du und ich noch Kinder waren, und das sagt genauso viel über die Zeitperiode aus, über die sie sprachen, wie über Christopher Columbus.

Als ich in den 1960er Jahren aufwuchs, wurde von unserer Kultur der Ruhm dieser Reise über den Atlantik betont und der Mut von Columbus und anderen Entdeckern, die in das Unbekannte segelten. Und das ergibt Sinn – wir bereiteten uns gerade darauf vor, auf den Mond zu fliegen! Neil Armstrong machte seinen Moonwalk 1969. Wir hatten das Bedürfnis in den 60ern Entdecker zu verklären.

Wir erzählen diese Geschichte heute auf sehr viel komplexere Arten, konzentrieren uns dabei genauso auf das, was wir durch Besiedlung verloren haben, wie auch auf das, was wir erlangt haben. Und das reflektiert unsere kulturellen Prioritäten von heute.

Lisha: Ja, ich bin sicher, dass das stimmt, aber es ist lustig, ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas über Matthew Henson, den großen Antarktis-Eroberer gehört zu haben, der in HIStory erwähnt wird und der zufällig schwarz gewesen sein soll.

Willa: Das ist eine gute Bemerkung. Einige Menschen und einige Gruppen von Menschen wurden definitiv mehr gefeiert als andere, und so ist es immer noch.

Lisha: Wenn ich darüber nachdenke, kann ich mich ziemlich aufregen, denn wenn ausgesucht wird, wer und was in der Geschichte Erwähnung finden soll, dann werden einige Dinge einfach schöngefärbt, um nur gewisse ausgesuchte Leistungen zu feiern. Es gibt immer noch so viele blinde Flecken und Probleme, die ungelöst bleiben – so viele Lektionen, die noch aus der Geschichte gelernt werden müssen.

Willa: Da stimme ich dir zu. Es ist sehr viel einfacher, die aufregenden Momente der Geschichte zu feiern, als sich den schmerzhaften Teilen zu stellen und von ihnen zu lernen.

Lisha: Ich habe mich entschlossen, eine Liste all der historischen Ereignisse anzufertigen, die in der Originalversion von HIStory erwähnt sind und habe sie in eine chronologische Reihenfolge gebracht, um zu sehen, ob ich ein Gefühl dafür bekomme, warum diese Ereignisse ausgesucht wurden und in welcher Beziehung sie eventuell zum textlichen Inhalt des Songs stehen. Hier ist, was ich herausbekommen habe und ich muss sagen, es ist eine ganz schöne Liste für einen sechseinhalb Minuten langen Song:

„Montag, 26. März 1827“    Der Tod von Beethoven
„11. Februar 1847    Thomas Edison wird geboren“
„18. Januar 1858    Daniel Hale Williams wird geboren“
„19. November 1863    Lincoln hält die Rede ‚„Gettysburg Address‘“
„9. April 1865    Der Bürgerkrieg endet“
„30. Dezember 1865    Rudyard Kipling wird geboren“

„8. August 1866    Matthew Henson wird geboren“
1877    Thomas Edison erfindet das Grammofon
„28. Oktober 1886    Die Freiheitsstatue wird eingeweiht“
„5. Dezember 1901    Walt Disney wird geboren“
„7. Dezember 1903    Erster Flug der Gebrüder Wright“

1906    Die erste Werbeaufnahme wird gemacht
„29. Mai 1917    John F. Kennedy wird geboren“
„31. Januar 1919    Jackie Robinson wird geboren“
„2. November 1920    Der erste kommerzielle Radiosender wird eröffnet“
21. Mai 1927    Charles Lindberghs erster Nonstop-Flug von NY nach Paris
„September 1928    Die Entdeckung des Penicillins“

„15. Januar 1929    Martin Luther King wird geboren“

„28. November 1929    Berry Gordy wird geboren“
„9. Oktober 1940    John Lennon wird geboren“
13. Oktober 1940    Prinzessin Elizabeths Kriegsrede an die Kinder Englands
„17. Januar 1942    Muhammad Ali wird als Cassius Clay geboren“

„14. Oktober 1947    Chuck Yeager durchbricht die Schallmauer“

„17. Juli 1955    Disneyland wird eröffnet“
„1. Dezember 1955    Rosa Parks weigert sich, ihren Platz im Bus einem weißen Passagier zu überlassen“
„17. Juli 1955“    Der Tod von Billie Holiday
„12. April 1961    Yuri Gagarins erster Weltraumflug“
28. August 1963    Dr. Martin Luther Kings „I Have A Dream“-Rede
„9. Februar 1964    The Beatles treten in der Ed Sullivan Show auf“
25. Februar 1964    Muhammad Ali besiegt Sonny Liston und verkündet „Ich bin der Größte“
28. Juni 1964    Malcolm X schwört Freiheit herbeizuführen, „was immer dafür notwendig sei“
8. Juni 1968    Senator Edward Kennedy preist seinen Bruder Robert F. Kennedy
21. Dezember 1968    Apollo 8 bemannter Weltraumflug
„20. Juli 1969    Astronauten landen zum ersten Mal auf dem Mond“
1970    Michael Jackson Interview: „Ich singe es nicht, wenn ich es nicht so meine.“
8. April 1974    Henry Aaron bricht den Home-Run-Rekord

„12. April 1981    Der erste Space Shuttle Flug“
„10. November 1989    Die Berliner Mauer fällt“


Willa: Wow, du hast Recht, Lisha! Das ist eine ganz schön lange Liste! Danke, dass du das alles zusammengefügt hast – das sieht wirklich nach Arbeit aus. Und wenn du es auf diese Art betrachtest, dann sind da eine Reihe von ineinandergreifenden Themen, die einem wirklich ins Auge springen, oder? Wie die Geschichte der Luftfahrt – da ist der erste Flug der Gebrüder Wright im Jahr 1903, Lindberghs erster Flug über den Atlantik 1927, Chuck Yeager, der die Schallmauer 1947 durchbricht, Yuri Gagarins Reise in den Weltraum 1961, der bemannte Weltraumflug der Apollo 8 1968, die Mondlandung 1969 und der erste Space Shuttle Flug 1981. Es gibt ähnliche Themenblöcke für Sport und die Künste und für den Kampf für Rassengleichheit.

Lisha: Ja. Ich sehe, wie sich ein Thema abzeichnet, das mit der Geschichte der musikalischen Aufzeichnung beim Tod Beethovens im Jahr 1827 beginnt (wie in Chuck Berrys Roll Over Beethoven), dann weiterverläuft mit der ersten Grammofonaufzeichnung 1877, dem ersten kommerziellen Radiosender 1920, der Geburt Berry Gordys 1929, der Geburt von John Lennon 1940, einem sehr ergiebigen musikalischen Dialog zwischen den Vereinigten Staaten und England, repräsentiert durch Elizabeths Rede von 1940 und dem Auftritt der Beatles in der Ed Sullivan Show 1964. Die nächste musikalische Referenz ist ein Interview mit Michael Jackson 1970, genau aus derselben Zeit, als die Jackson 5 in der Ed Sullivan Show erschienen und anfingen die Charts mit vier Number 1 Hits für Motown Records zu dominieren.

Ich habe viele Male gelesen, dass Michael Jackson ein ziemlicher Geschichtsfan war, also stelle ich mir vor, dass diese Daten mit größter Sorgfalt ausgesucht wurden. Ich kann definitiv erkennen, dass diese Themen außerdem miteinander in Verbindung stehen und damit zu tun haben, Trennungen und falsche Grenzen zu verwischen. Sieh dir zum Beispiel einmal diese Meilensteine der Errungenschaften in der Luftfahrt an. Flugreisen sind eine Entwicklung, die den Aufbau von Systemen erforderlich gemacht hat, die auf internationaler Zusammenarbeit und Organisation basieren. Angloamerikanische populäre Musik und ihre weltweite Verbreitung stellen eine weitere Entwicklung dar, die damit fortfährt, Grenzen zwischen Menschen und Nationen einzureißen. Medizinische Entdeckungen wie das Penizillin und der Fortschritt eines Daniel Hale Williams auf dem Gebiet der Chirurgie kommen nur einigen wenigen Menschen zugute, es sei denn wir haben Systeme für deren Verbreitung und Wege, um Informationen zu teilen, so dass man sie immer mehr Menschen zugänglich machen kann. (Nebenbei gesagt: Stevie Wonders Black Man zollt Williams ebenfalls Anerkennung und Respekt).

Willa: Das stimmt – sehr viele dieser Daten haben auf gewisse Weise damit zu tun, Grenzen einzureißen. Und wie wir im letzten Post über HIStory erwähnt haben, halfen Thomas Edisons Erfindung der Tonaufnahme und die Übermittlungstechnologien ebenfalls dabei, Grenzen für Zeit und Raum zu verwischen. Billie Holiday starb, bevor ich geboren wurde – ihr Todesdatum, der 17. Juli 1959, ist auf unserer Liste – aber dank der audio-visuellen Aufnahmen kann ich auf YouTube gehen und ihre Stimme hören, wie sie Strange Fruit singt und den Schmerz und Zorn in ihrem Gesicht sehen, wenn sie es singt, und ich kann mich so durch ihren Auftritt bewegt fühlen.

Wir erkennen diesen Prozess, durch den Menschen diese Erfahrung über Zeit und Raum hinweg machen und sie „fühlen“ es auch in Tony Morans Video. Die Beobachterin mit der virtuellen Brille ist nicht wirklich in dem Dance Club, aber sie erlebt die Klänge und die Sicht so, als ob sie da wäre. Und genau genommen erlaubt das Video uns, ihre Erfahrungen zu erleben, aber gleichzeitig durch sie auch zu verstehen, wenn das Sinn ergibt.

Lisha: Das tut es.

Willa: Wir sehen sie innerhalb des Dance Clubs herumgehen und auf die anderen Tänzer reagieren, aber wir erkennen auch, dass sie eigentlich zu Hause in ihrem Space-Liegesessel sitzt und mit ihren Armen im leeren Raum herumfuchtelt. Also auch, wenn sie physisch nicht in dem Dance Club anwesend ist, taucht sie in die Empfindungen dieser Zeit und dieses Ortes ein und erlebt es so, also wäre sie dabei – genauso wie ich Billie Holidays Auftritt erlebe, als wäre ich vor mehr als einem halben Jahrhundert dabei gewesen.

Lisha: Ja, es ist, als wäre sie in die Szenerie eingetreten und würde auf Musik reagieren, die nicht aus ihrer Zeit und von ihrem Ort ist, genau wie du es mit Strange Fruit machst.

Willa: Ganz genau. Und nun ist Michael Jackson gegangen, aber diese Tänzer aus der Zukunft sind umgeben durch sich wiederholende Bilder auf den Leinwänden von ihm rund um sie herum, und die Art, wie er seinen Körper auf der Leinwand bewegt, wird dadurch wiederholt, wie sie ihre Körper auf der Tanzfläche bewegen. Und die Frau mit der virtuellen Brille beobachtet sowohl die Tänzer, als auch Michael Jackson, und wir beobachten die Frau und die Tänzer und wie sie sie erlebt. Da sind Schichten von Beobachtungsebenen, die sich durch das gesamte Video ziehen, und wir sind die ultimativen Beobachter – es sei denn, jemand beobachtet uns!

Lisha: Ich vermute, in diesen Tagen und diesem Zeitalter ist das nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich!

Das bringt mich auf etwas, wozu ich dich etwas fragen wollte, Willa, es hat zu tun mit dem Wort „History“ und wie es mit der Perspektive der dritten Person spielt, indem es die Schreibweise HIStory oder HIS-story einsetzt. Die Lyrics beginnen mit „He got kicked in the back / He say that he needed that …“ („Er wird in den Hintern getreten / Er sagt, dass er das braucht …“). Ich frage mich, auf wen genau er sich bei “er” bezieht? So oft denken wir in Verbindung mit dem HIStory Album als einer Antwort auf die falschen Anschuldigungen, denen Michael Jackson 1993 gegenüber stand, aber wie bei allem, was Michael Jackson betrifft, gibt es mehr als einen Weg, die Dinge zu sehen. In diesem Fall scheint es so, dass die Ereignisse der Geschichte und HIStory / seine Geschichte in Beziehung zueinander gestellt werden.

Hast du dieses Video auf der Website von Thomas Mesereau und Susan Yu gesehen? Es ist ein weiteres Juwel, den ich dank meines Kumpels bei MaxJax gefunden habe:

http://mesereauyu.com/wp-content/themes/sandbox-v2/mj_victory.swf

Das Video wurde produziert von MJJSource, Michael Jacksons eigener Website:

Willa: Wow Lisha, ich habe keines von beiden jemals zuvor gesehen. Das ist großartig! Und ich stimme dir zu bei dem Video – der 13. Juni 2005 war ein bedeutender Tag in der Geschichte.

Lisha: Das ist ganz sicher meine Sichtweise. Ich habe bemerkt, dass der 13. Juni mit drei anderen Daten verglichen wurde: der Geburt von Dr. King, dem Fall der Berliner Mauer und dem Tag der Befreiung Nelson Mandelas aus dem Gefängnis.

Willa: Oh, das ist interessant. Ich glaube, Michael Jackson war sich seines Platzes in der Geschichte sehr bewusst – bewusst dahingehend, dass er, besonders für das schwarze Amerika, eine solch bedeutende kulturelle Persönlichkeit war, dass alles, was er tat, soziale Konsequenzen über ihn selbst hinaus hatte. Also ist der 13. Juni 2005 nicht nur ein Tag, an dem unser juristisches System – ein System aufgebaut auf „eine Jury seinesgleichen“, teilweise, um dabei behilflich zu sein, Bürger vor einer übereifrigen strafrechtlichen Verfolgung zu schützen – ordentlich für eine Person funktionierte. Sondern es ist auch ein Tag, an dem der erfolgreichste Entertainer aller Zeiten, ein Wahrzeichen für die Errungenschaften und den Stolz der Schwarzen, öffentlich bestätigt wurde, nachdem er fälschlich angeklagt und durch die Polizei und die Presse mehr als ein Jahrzehnt lang verfolgt wurde – obwohl die Presse, natürlich, die Entscheidung der Jury nicht auf diese Art interpretiert hat.

Lisha: Für uns alle unglücklicherweise haben sie dies nicht getan. Als die Jury Michael Jackson in allen 14 Anklagepunkten freisprach und jede einzelne Sache, derer er durch die Strafverfolgung angeklagt war, zurückwies, bedeutet das meiner Meinung nach auch, dass die Medien des sorglosen Umgangs ihrer Berichterstattung für schuldig befunden worden waren. Mit wenigen Ausnahmen scheiterte die Presse vollkommen bei ihrer Pflicht, einen eher kritischen Blick darauf vorzunehmen, was die Strafverfolgung sagte. Kein Wunder, dass es so schwer war für sie, das Urteil zu akzeptieren.

Willa: Ich stimme dir vollkommen zu. Was für ein Hohn auf die Gerechtigkeit in den Medien, an einem Tag, als Gerechtigkeit schließlich im Gerichtssaal beschlossen wurde.

Aber hattest eine Frage zu Pronomen. Ich muss sagen, ich bin so fasziniert von Michael Jacksons Einsatz von Pronomen. Es ist so faszinierend für mich und die Nutzung der Pronomen in der dritten Person zu Beginn von HIStory knüpft wunderbar an diese duale Perspektive der individuellen und der kollektiven Bedeutung des 13. Juni 2005 und den Ereignissen drum herum an. Das Pronomen in der ersten Person „Ich“ ist spezifisch für die sprechende Person – es kennzeichnet die einzigartige Situation des Sprechers. Aber wie du aufgezeigt hast, Lisha, beginnt HIStory mit Lyrics, die Michael Jacksons emotionale Erfahrung ziemlich genau beschreiben, aber in der dritten Person gesprochen werden: „He got kicked in the back / He say that he needed that …“

Für mich vermittelt das Michael Jacksons spezifische Situation, während er es gleichzeitig verallgemeinert. Wir können an die Stelle des „Er“ viele verschiedene Namen aus der Geschichte einsetzen, besonders schwarze öffentliche Personen wie Jack Johnson, Chuck Berry, James Brown, Muhammad Ali, sogar Tiger Woods. Wie Michael Jackson selbst 2005 in einem Interview mit Jesse Jackson sagte: „Es hat eine Art Muster unter den schwarzen Berühmtheiten in diesem Land gegeben …“ – ein Muster, bei dem sie auf der Höhe ihres Ruhms „in den Hintern getreten werden“. Joie und ich haben darüber vor ein paar Monaten in einem Post gesprochen.

Lisha: Dein Post mit Joie hat wirklich einen sehr großen Eindruck auf mich gemacht. Genauso wie Charles Thomsons hervorragender Beitrag, in dem er Michael Jacksons FBI-Akten mit den Fällen um Jack Johnson und Chuck Berry vergleicht. Damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen – das sind wirklich schockierende Dinge.

http://all4michael.com/2012/10/18/in-den-jackson-fbi-akten-gesprach-mit-charles-thomson-willa-stillwater-joie-collins-dancing-with-the-elephant-blog/

Willa: Es ist schockierend, sehr schockierend. Gemäß Charles war der Mann Act ausdrücklich mit rassistischer Absicht abgefasst worden – und zwar, um Jack Johnson, den ersten schwarzen Schwergewichts-Champion und eine sehr schillernde Person, die nicht den allgemeinen sozialen Erwartungen entsprach, zu Fall zu bringen. Charles sagte zu Joie und mir in einem Post vor einiger Zeit: „Der Mann Act ist ein typisch rassistisches Gesetz, welches nach seiner Einführung weitgehend dazu eingesetzt wird, schwarze Männer zu bestrafen, die mit weißen Frauen verkehrten.“

Es wurde auch gegen Chuck Berry eingesetzt – er musste aufgrund dessen ins Gefängnis. Carl Perkins sagte, er „sah niemals einen so veränderten Mann“. Gemäß Perkins war er „vorher ein unbekümmerter Typ, die Art Junge, die im Umkleideraum improvisiert, herumsitzt und Jokes austauscht.“ Aber hinterher „war er kalt, wirklich distanziert und verbittert.“

Und Bezirksstaatsanwalt Tom Sneddon forderte das FBI auf, es ebenso gegen Michael Jackson einzusetzen.

Lisha: Absolut unglaublich.

Willa: Das ist es wirklich. Und eigentlich führt uns dieser Konflikt zwischen rassistischer Politik und schwarzen Berühmtheiten zu einem anderen Punkt, den ich in Bezug auf HIStory und Tony Morans HIStory Lesson erwähnen möchte – die Art, wie sie Personen aus der Unterhaltung und aus dem Sport mit Persönlichkeiten aus der Politik gleichstellen. Ich finde, das ist so bedeutend, aber leicht zu übersehen.

Im Allgemeinen gibt es zwei miteinander konkurrierende Betrachtungsweisen der Geschichte. Die traditionelle Sichtweise ist die, dass Geschichte die Taten weniger mutiger Männer widerspiegelt – Menschen wie Alexander der Große, Julius Cäsar und George Washington. Und dann, im Kontrast zu dieser „von oben nach unten“ gerichteten Sicht auf die Geschichte gibt es den „von unten nach oben“ gerichteten Blick, der besagt, dass Veränderung bei den Menschen beginnt und erfolgreiche Führer dem dann einfach nur folgen und aufgrund der öffentlichen Stimmung handeln. Das ist es, über das Margaret Mead sprach, als sie sagte: „Zweifel niemals daran, dass eine kleine Gruppe bedachter, engagierter Menschen die Welt verändern kann. In der Tat ist es die einzige Sache, die schon immer so war.“ (Nebenbei gesagt, dies versetzt Barack Obama in eine interessante Position, da er der Präsident ist, aber seine Karriere als Gemeindeorganisator begann und sich erfolgreich seiner „von-unten-nach-oben“ gerichteten organisatorischen Basisfähigkeiten bediente, um gewählt zu werden. Also kann man ihn zu beiden Lagern zählen.)

Michael Jackson scheint bei all dem eine sehr interessante Stelle einzunehmen, die zwar an all diese Sichtweisen anknüpft, aber auch einen dritten Ansatz vorschlägt – einen, der Künstlern und anderen Persönlichkeiten der Popkultur Bedeutung zuspricht. Bei dieser Sicht ruft die öffentliche Stimmung politische Veränderung hervor, aber Popkultur hilft dabei, der öffentlichen Stimmung Form zu verleihen. Abraham Lincoln war zum Beispiel ganz offensichtlich eine wichtige Persönlichkeit, die die Vereinigten Staaten durch den Bürgerkrieg und die Sklaverei zu einem Ende geführt hat. Aber Harriet Beecher Stowe und ihr Roman Onkel Toms Hütte haben vielleicht sogar eine größere Rolle gespielt, da sie die öffentliche Meinung gegenüber der Sklaverei wachgerüttelt und damit möglicherweise den Bürgerkrieg angefacht hat. Lincoln selbst würdigte Stowes Einfluss, als er sie das erste Mal traf und sagte: „Dies ist also die kleine Lady, die diesen großen Krieg geführt hat.“

Während also politische Figuren und Ereignisse bei der Richtungsänderung der Geschichte bedeutsam sind, liegt die wahre Macht vielleicht bei denen, die die Öffentlichkeit dazu bringen können, über wichtige Themen auf eine neue Art zu denken und zu empfinden – mit anderen Worten: Künstler. Michael Jackson deutet dies wiederholt in seinen Werken an.

Lisha: Gut gesagt – Regierungen haben aus diesem Grund von je her die Macht der Kunst gefürchtet. Sieh dir das Album Cover und die Werbekampagne zur Einführung von HIStory an. Viele Leute wussten nicht, was sie über diese gigantischen Statuen von Michael Jackson denken sollten. Wir überlegen nicht zweimal bei einer Statue von Alexander dem Großen, Julius Cäsar oder George Washington, aber wenn es ein berühmter schwarzer Künstler wagt, sich dieses Bildnis anzueignen, dann haut es die Leute um, einfach weil das Konzept für die Vorstellung solcher Bildnisse erschüttert wird.

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Willa: Ich denke, du hast damit genau Recht. Es wird vorausgesetzt, dass Statuen für einige wenige kühne politische Führer bestimmt sind, nicht für bekannte Künstler und Berühmtheiten.

Lisha: Nun, Beethoven ist vielleicht okay, aber nicht Michael Jackson! Ich denke gerade an die Büste von Beethoven, die in den Peanuts Comics auf Schroeders Piano steht.

Willa: Oh, ich mag die Büste von Beethoven auf Schroeders Piano! Aber er ist ein klassischer Komponist, kein populärer Künstler, und sogar Beethoven wird ab dem Hals abgeschnitten!

Lisha: Ich denke, Statuen der großen Vier: Bach, Mozart, Beethoven und Brahms sind ziemlich üblich in der westlichen Welt, und sie werden oft auf dieselbe Art abgebildet, in der wir Alexander, Cäsar oder Washington sehen können. Manchmal wird auch Haydn bei dieser handvoll gottgleicher Komponisten einbezogen. Aber nur einige wenige der großen verstorbenen Weißen erhalten diese Behandlung und es ist ein interessanter Hinweis, dass die bekannteste Statue eines Komponisten eine Büste ist. Ich hatte als Kind ein kleines Set von ihnen auf meinem Klavier!

Willa: Kein Wunder, dass du Schroeder und seine Büste von Beethoven so sehr liebst! Und es ist wahr – es gibt vielleicht Büsten der großen Komponisten oder von verehrten Schriftstellern wie Shakespeare und Milton. Aber wann haben wir jemals einen Künstler, besonders einen populären Künstler, abgebildet auf die prachtvolle Art eines politischen Führers, gesehen? Ohne lange nachzudenken fallen mir nur die HIStory Statuen ein, wie du erwähnt hast, oder die Porträts, die Michael Jackson selbst für sich in Auftrag gab wie dieses hier rittlings auf einem Pferd à la König Philip II sitzend:

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Lisha: Ich verehre dieses Gemälde und all die anderen Kunstwerke, die Michael Jackson in Auftrag gegeben hat und auf denen er in der europäischen Kunsttradition abgebildet ist. So viel zu einer klugen Art und Weise, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einstürzen zu lassen.

Und vergiss nicht, da ist das Problem des HIStory Teasers, dem Promotion Film, der inspiriert war von Leni Riefenstahls Nazi-Propagandafilm Triumph des Willens. Es ist das perfekte Beispiel dafür, wie gut die Nationalsozialisten die Macht der Kunst verstanden haben und wie sie Riefenstahls Talent zu ihrem politischen Vorteil genutzt haben. Michael Jackson durchschlug die Kraft dieser historischen Symbolik, indem er sich selbst einfügte und es in eine Kraft für das Gute umformte, genau wie sein Held Charlie Chaplin es in Der große Diktator getan hatte.

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Willa: Oh absolut. Es spiegelt ein sehr ausgeklügeltes Verständnis dafür wider, wie die Macht von Kunst mit der Macht von Verführung – rhetorisch und emotional – zusammenläuft und wie sich dies zu politischer Macht verhält. Dies ist etwas, was Michael Jackson in Interviews erwähnt hat, wie in seinen Diskussionen über Hitler mit Rabbi Boteach. Und sogar früh in seiner Karriere sagte er dies 1980 in einem Interview mit Sylvia Chase über den Effekt, die seine Konzerte auf sein Publikum haben:

Wenn sie sich alle den Händen halten und jeder mitrockt, und es gibt alle Farben bei den Menschen dort, alle Rassen, das ist die wunderbarste Sache. Nicht einmal Politiker können so etwas erreichen.

Wir erkennen, wie sich dieser Gedanke auch in Tony Moran’s HIStory Lesson widerspiegelt. Zum Beispiel erkennen wir Bilder von Präsident Kennedy und von Bürgerrechtsmärschen, aber wir sehen auch Ausschnitte vom Panther Dance in Black or White und aus They Don’t Care about Us und dem Earth Song und Scream. Diese Videos haben die Geschichte ebenso geprägt – indem sie speziell Rassenvorurteile und Ungleichheit ansprechen – und sie werden weiterhin die öffentliche Meinung beeinflussen, wenn neue Generationen sie entdecken.

Lisha: Genau das ist es!

Willa: Und da ist ebenso etwas wirklich Subtiles. Bei 2:55 Minuten im Video sehen wir, wie die Frau mit der virtuellen Brille in ihrer Vorstellung in dem Dance Club herumgeht und der DJ sie einlädt zu ihm heraufzukommen und mitzumachen.

Lisha: Das habe ich auch bemerkt. Aus ihrer Position der virtuellen Realität betritt sie die Szene, als würde dies ihre tatsächliche Realität sein. Also gibt es da dieses Verschwimmen des Virtuellen (der vergangenen Erinnerungen und zukünftigen Sehnsüchte) und des Tatsächlichen (des gegenwärtigen Moments).

Willa: Oh, das ist ein interessanter Weg, dies zu interpretieren, Lisha! Es ist, als würde der DJ sie dazu einladen, die Grenzen zwischen der „virtuellen“ und der „tatsächlichen“ Realität zu überschreiten.

Dann bei 2:58 sehen wir einen Ausschnitt von Michael Jackson, in dem er sehr sexy aussieht in Don’t Stop til You Get Enough, was bedeutsam ist, wenn du darüber nachdenkst, wie es in den Vereinigten Staaten 1979 war, als dieses Video herauskam. Er war ein schwarzes Sexsymbol, das Frauen aller Rassen ansprach. Wir neigen dazu, zu vergessen, wie einschneidend dies einfach war. Dies wird quasi unterstrichen durch das, was im Video passiert. Wir springen plötzlich zurück zu der Frau (die weiß ist) und dem DJ (der schwarz ist) und bei 3:00 sehen wir, wie er ihr in den DJ-Stand hineinhilft. Bei 3:09 sehen wir Michael Jackson unglaublich heiß aussehend in In the Closet, einem seiner heißesten Videos überhaupt und bei 3:30 folgt ein schneller Clip von Rock with You. Und weil wir gerade über sexy reden – du solltest hören, wie Joie über das Video redet. Meine Güte!

Lisha: Ich bin sicher, das ist ziemlich unterhaltsam!

Willa: Oh, ich verspreche dir, du wirst das Video niemals wieder auf dieselbe Art ansehen!

Lisha: Ich nehme mir fest vor, sie danach zu fragen! Und ich habe bemerkt, dass eine der anderen Frauen in dieser Szene nicht allzu glücklich ist, zu sehen, wie das neue Mädchen die Aufmerksamkeit des DJ erregt.

Willa: Wirklich? Das habe ich verpasst.

Lisha: Es ist bei 3:02, das Mädchen mit dem dritten Auge.

Willa: Ich muss mal nachsehen. Es stimmt, sie geht ziemlich vertraulich mit dem DJ um. Bei 3:35 hat sie eigentlich ihre Hände überall bei ihm. Aber bei 3:36 ändern wir plötzlich die Perspektive und werden daran erinnert, dass sie nicht wirklich in dem Dance Club ist. Wir sehen sie mit ihrer virtuellen Brille in ihrem leeren Raum, und sie lässt ihre Hände über eine unsichtbare Person wandern, die nicht wirklich da ist. Das alles passiert an einem virtuellen Ort – einem durch Kunst erschaffenen Ort, Michael Jacksons Kunst – und diese Bilder auf der Leinwand führen die junge, weiße Frau dahin, sich die Erfahrung des Verlangens nach einem schwarzen Mann vorzustellen. Das ist wirklich einschneidend, oder es war es 1979. Und um einen sehr klugen jungen Mann zu zitieren: „Nicht einmal Politiker können so etwas erreichen.“ Politiker können nicht unsere Gefühle verändern und unsere Sehnsüchte formen, wie es Künstler vermögen.

Lisha: Ich bekomme außerdem das Gefühl, dass dies eine Zeit und ein Ort ist, wo du nicht die Hautfarbe von jemandem untersuchen musst, um festzulegen, ob du ihn magst. Es ist, als würden wir uns einen Ort vorstellen, an dem Menschlichkeit jenseits all diesen Wahnsinns ist.

Willa: Oh, das ist eine wirklich gute Feststellung, Lisha. Gerade also wie diese junge Frau eine alternative Realität durch Kunst erlebt, so erleben wir dies auch – eine, bei der Rassenunterschiede beim Eingehen von Beziehungen nicht interessieren.

Da ist außerdem noch eine subtile Sache, die ich herausstellen möchte. Es ist eine Zeile in den Lyrics von HIStory, in der er singt: „Sie sagt, dieses Gesicht, das du siehst / Ist für die Geschichte bestimmt.“ („She say this face that you see / Is destined for history“). Ich denke, die Veränderung darin, wie Menschen Michael Jacksons Gesicht wahrnehmen, war das vielleicht bedeutendste Phänomen des späten 20. Jahrhunderts, indem es eine radikale Veränderung darüber einleitete, wie die Leute über Rassenunterschiede und andere uns trennende Unterschiede denken und sie erleben. In dem Sinn, denke ich, hatte er das bedeutendste Gesicht in der Geschichte. Welches andere Gesicht hat solch einen Aufruhr verursacht oder solch tiefsitzende Veränderung der kulturellen Wahrnehmung und Vorstellungen bewirkt? Ich stimme dem also ausdrücklich zu, dass „dieses Gesicht, das du siehst, für die Geschichte bestimmt ist“.

Lisha: Noch einmal, Willa, du hast mich vollkommen umgehauen.

Willa: Ich weiß, was du meinst. Er haut mich regelmäßig um …

Lisha: Weißt du, es ist eine Sache, ein paar wunderschöne Wasserlilien zu erblicken und sie in hübschen Farben auf eine riesige Leinwand zu malen (ich möchte nicht die Monet-Fans beleidigen), aber es ist etwas ganz anderes, eine niederschmetternde Krankheit wie Vitiligo zu nehmen und damit eine künstlerische Stellungnahme zu erschaffen, die einen Auswirkung auf künftige Generationen haben wird. Es gibt den Worten „Erschaffe an jedem Tag deine Geschichte“ („Every day create your history“) eine neue Bedeutung.

Willa: Das tut es wirklich.

Bevor wir also aufhören, möchte ich außerdem allen ein neues Buch vorstellen, dass gerade diese Woche herauskam: Otherness and Power: Michael Jackson and His Media Critics (Anderssein und Macht: Michael Jackson und seine Medienkritiker). Es ist von Susan Woodward, einer medizinischen Sozialarbeiterin mit der Ausbildung und Erfahrung als psychoanalytische Therapeutin. In ihrem Buch analysiert sie einige der bösartigsten Niederschriften über Michael Jackson und kommt zu einer faszinierenden Schlussfolgerung – dass es mindestens zum Teil durch Furcht vor seiner „außergewöhnlichen Macht“ motiviert ist. Hier ist, was sie sagt:

Zwei Gründe sind typischerweise von Jacksons Fans für die negativen Medienreaktionen gegenüber Jackson festgestellt worden: Rassismus und tiefes Unbehagen in Bezug auf seine „Andersartigkeit“, das heißt seine angeblichen Exzentrik und seine fließenden Identitätsmerkmale. Während diese Gründe mir offensichtlich wahr zu sein schienen, hatte ich das anhaltende Gefühl, dass da noch etwas anderes vor sich ging. Nachdem ich feindselige Schriftstücke über Jackson studiert hatte, begann ich zu erkennen, dass es da noch einen weiteren Faktor gab, auf den Journalisten mit Misstrauen oder sogar Furcht reagierten: die Wahrnehmung von außergewöhnlicher Macht.

Sie sagt weiter, dass „die Macht, die sie spüren … sich nicht nur von seinem Ruhm und seinem Reichtum ableitet, sondern auch von seiner Andersartigkeit“, was eine Ironie darstellt, denn er wurde harsch kritisiert für seine Andersartigkeit. Ich bin wirklich fasziniert davon – dass, während viele Kritiker auf sein Anderssein (seine „exzentrischen Seltsamkeiten“/„eccentric oddities“, wie er sie nannte) mit Verächtlichkeit und Spott reagierten, Woodward darauf hinweist, sie wären auch als eine Quelle seiner Macht gefürchtet. Ich hatte nur die Gelegenheit, gerade die ersten paar Seiten zu lesen, aber es klingt wie eine faszinierende Annäherung an eine wirklich komplizierte und wichtige Frage – nämlich, warum so viele Journalisten, und andere ebenso, auf Michael Jackson so reagierten, wie es der Fall war.

Lisha: Das klingt unglaublich, Willa. Ich freue mich wirklich es zu lesen. Vielen Dank an dich, dass du uns darüber informiert hast.

Willa: Ja, es steht definitiv auf meiner Leseliste für den Sommer. Nun, danke, dass du hier warst, Lisha. Ich lerne immer so viel von dir!

Lisha: Vielen Dank an dich, Willa. Das war wirklich eine Lektion in Geschichte.

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